taroiges Sehen lernencc 11 18. Deutscher Fassadenpreis entschieden Die eine hat sich im Gewerbegebiet einen tonangebenden Nadelstreifenanzug in Graunuancen übergezogen. Die andere begegnet ihren kleinen Nutzern mit einer satten Farbpalette und heiterer Ausstrahlung. Und die nächste Fassade macht in Ochsenblutrot klar: Historie und Gegenwart können zu einer mitreißenden Komposition verschmelzen. Alle drei Fassaden haben in ihrer Unterschiedlichkeit Wesentliches gemeinsam. Sie demonstrieren, mit wie viel Esprit und Können Farbgestalter und -verarbeiter Jahr für Jahr das Potenzial von Architektur und Farbe ausschöpfen und immer neue Interpretationen finden. Jeder der elf Preisträger des 18. Deutschen Fassadenpreises 2009 zeigt die Vielfalt und die Kraft der farbig gestalteten Gebäudehülle auf ureigene Weise. Belohnt für ihr Engagement, eine gelungene Planung und perfekte handwerkliche Ausführung wurden im diesjährigen Wettbewerb elf Einreichungen. Insgesamt wurden jeweils drei 1. und 2. Preise, ein 3. Preis, zwei Anerkennungen und ein Förderpreis sowie ein Sonderpreis in insgesamt vier Kategorien vergeben. 40 . Zusammen wurden dabei in der 18. Ausschreibung des von Brillux ausgelobten Deutschen Fassadenpreises 16 500 Euro Preisgelder vergeben. Neben den traditionell zahlreichen Einreichungen aus den Bereichen Wohn- und Geschäftshäuser, Öffentliche Gebäude sowie Historische Gebäude und Stilfassaden be- DER MALER U N D LACKIERERMEISTER 12/2009 warben sich beim Wettbewerb 2009 auch viele Arbeiten für die Kategorie Industrie- und Gewerbebauten. Abb. oben: Sonderpreis für die „Sehstationi: einer mobilen Installation. Im Rahmen der Landesinitiative Stadt Baukultur NR, können Bürger ihr gebautes Lebensumfeld neu entdecken. Wohnund Geschäftshäuser Ein neu erbautes Einfamilien-Wohnhaus in Saarbrücken macht in Form, Materialität und Oberflächenfarbigkeit eine ungewöhnlich klare und in sich stimmige Aussage - und erhielt dafür einen der beiden 2. Preise. Innerhalb der dicht bebauten Wohnstraße fällt dieses Objekt auf, obwohl sich kein einziger Buntton auf der Fassade findet. Das Besondere: Das gesamte Haus besteht aus vorgefertigten Betonelementen. Bewusst wurde diese Modularität auch zur Gliederung und zur Farbgestaltung der Fassade verwendet. Profile teilen die Oberfläche in Felder, die den Abmessungen der Betonelemente entsprechen. Insgesamt vier fein ausgewählte Weiß- und Grautöne betonen diese Aufteilung, sodass ein harmonisches und lebendiges Raster entsteht. Understatement in unbunter Farbe - für diese Arbeit wurden der ausführende Betrieb STASS „Der Stuckateur" und der Architekt Markus Ott, beide Saarbrücken, ausgezeichnet. Über den zweiten 2. Preis freuen sich der Malerbetrieb Graßl (Siegenburg) und das Architekturbüro Michael Naumann (Regensburg). In Regensburg ist durch ihre gekonnte Farbplanung und die überzeugende Umsetzung an der Fassade eine Wohnanlage entstanden, die Heiterkeit und Wertigkeit verströmt - und das bei Tag und Nacht. Im Sonnenlicht leuchtet der mutige Gelb-OrangeTon von der Fassade wie eine zweite Lichtquelle. Akzentuiert wird die Fassade durch ein wesentliches Element: die verglasten Treppenhausbereiche. Sie haben ihren großen Auftritt, wenn der Mond aufgeht: Durch die Treppenhauslaternen werden dann die in zwei weiteren Rottönen und gebrochenem Weiß gestalteten Flurwände sichtbar. Auch alle weiteren Elemente des Gebäudekomplexes bis hin zu den Straßenlaternen der Außenanlagen sind farblich abgestimmt. 2. Preis „Wohn- und Geschäftshäuser": Neu erbautes Wohnhaus in Saarbrücken spielt mit klaren Formen und Fassadenrasterungin Grautönen. lichkeit bei strukturierten Fassaden, Naturstein- oder Klinkersichtflächen. Zu groß scheint die Gefahr, das ursprüngliche Gesicht des Hauses zu zerstören. Nicht abgeschreckt von dieser noch immer gängigen Meinung zeigten sich Kitzmann Architekten aus Hamburg. Sie führten eine umfassende energetische Sanierung und Modernisierung an einer verklinkerten Wohnanlage aus den 50er Jahren im Stadtteil ~ a r m b e kdurch. Die Fassade wurde wärmegedämmt und erhielt anschließend mit aufgeklebten Klinkerriemchen ihr ursprüngliches Erscheinungsbild zurück. Die bestehenden Fenster wurden erhalten und öffentliche Öffentliche Gebäude sind nicht zuletzt Schrittmacher für Innovationen. Was sie vormachen, wird früher oder später zum Allgemeingut in der Baukultur. Der konzeptionelle Anspruch - ansprechende Fernwirkung im Stadtbild und stimmige Nahwirkung auf die Nutzer - ist daher in diesem Bereich besonders hoch. Erfüllt hat diese Vorgabe eine Kindertagesstätte in Neuss-Reuschenberg. Das Bild einer Stadt mit kleinem Platz ist das Gtundmotiv des Neubaus. Energetische Sanierung einer Klinkerfassade Außenseitige Wärmedämmung i s ~ stets das Mittel der Wahl für Putzfassaden, wenn es um nachträgliche Maßnahmen geht, die die Gebäudeenergieeffizienz verbessern. Abstand nehmen viele Planer von dieser Mög- mit Wärme- und SchallschutzfenStern verglast. Das ausführende Handwerkerteam John Lewien Malereibetrieb und die Bauherrin, die Baugenossenschaft Fluwog-Nordmark, beide aus Hamburg, wurden für diese gelungene Bestandsarbeit mit dem Förderpreis der Kategorie Wohn- und Geschäftshäuser ausgezeichnet. 3 I 2, Preis ,,wohn- und Geschäftshäuser": Eine Wohnanlage in Regensburg bekennt Farbe. Der moderne kubische Baukörper ist zur Straßenseite hin aufgebrochen und zeigt einen erfrischenden Blickfang: Dort stülpt sich die Gebäudeecke schützend über ein farbig belebtes Häuschen aus Holz, das den Maßstab der Nachbarschaft aufgreift. Sechs Bunttöne, ein Weiß- und ein Grauton bilden die auf den ersten Blick gewagte Farbpalette. Die Farbfassung der Fassade ist durchkomponiert und erzeugt einen heiteren Farbklang. Die Akzente der Fassade betonen den baulich Nckspringenden Eingangsbereich und die rweigeschossige Südwand vor den Grupperiräumen. Sie weichen aus den Oberflächen des ansonsten weißen Ge- DER MALER U N D LACKIERERMEISTER 12/2009 . 41 menlogo in Grau, ein überzeugendes Erscheinungsbild ab. Der 1. Preis in der Kategorie Industrie- und Gewerbebau ging für die Ausführung an Santec Farbkonzepte und für die Planung an Habicht & Habicht, beide Düsseldorf. Anerkennung für ein lndustrieensemble -und blkdes zcirtck und korreeponderen Ori in Industrieund Gewerbebau sln Airohgthgigeg 6trehWdd in fünf verschiedenen warmen Grautönen. Die Streifenbreiten sind ausbalanciert und fein rhythmisiert. Die wechselnden Kombinationen der fünf Nuancen - von Lichtgrau bis sattem Anthrazit - führen einen eigenständigen und spannenden Dialog. Horizontal verbinden die Linien zudem die Bestandteile des Gebäudekomplexes zu einer optischen Einheit. Die Firma Scheiba (Wuppertal) wagte bei der Sanierung, Wärmedämmung und der Erweiterung des Firmengebäudes einen mutigen Schritt und gab dem gesamten Firmengebäude Auch ins Innere trägt sich das Farbkonzept weiter: Das hellste Fassadengrau wurde zur Wandfarbe des Treppenhauses und gibt, zusammen mit dem ebenfalls überarbeiteten Fir- dadurch mit der Farbigkeit im Inneren. Die Jury würdigte diese Leistung mit einem 1. Preis für Maler Weiß aus Essen und das Düsseldorfer Atelier Fritschi - Stahl - Baum Architekten. b ! - " ---P--""- Steinkohle wird auf der Zeche ,,Minister Achenbach" in Lünen schon seit fast zwanzig Jahren nicht mehr gefördert. Wie bei vielen stillgelegten Bergbaustandorten fand auch hier eine Umnutzung statt, die die Ansiedlung neuer zukunftsfähiger Wirtschaftszweige mit der Schaffung von Industriedenkmälern kombiniert. In Lünen beherbergt das Gelände der ehemaligen Schachtanlage heute ein Technologie- und Gründerzentrum, für das der Neubau eines Bürogebäudes anstand. Das Objekt sollte das bestehende Ensemble aus historischer, rostroter Schachthalle und dem weißen Förderturm, der durch einen prägnanten eiförmigen Aufsatz des Designers Luigi Colani gekrönt wird, spannungsvoll ergänzen. Die Lösung, die in der Fassadengestaltung vom Malerbetrieb Ulrich Tomsen aus Lünen umgesetzt und von der SchürmannSpannel AG aus Bochum geplant wurde, überzeugte in Form wie Farbgebung. Die Fassadenflächen sind in tiefdunklem Anthrazit ausgeführt, die Fensterelemente im selben Metallic-Farbton. Dieser erdverbundene, sofort an das ehemals geförderte ,,schwarze Gold" erinnernde Farbton ergibt mit dem luftigen Weiß des „Colani-Eis" und dem Rostrot der Schachthalle eine schöne und richtige Farbkombination und wurde mit einer Anerkennung bedacht. -------Ca- Historische Gebäude und Stilfassaden Förderpreis für die Sanierung eines Klinkerbaus in Harnburg 42 . DER M A L E R UND LACKIERERMEISTER 12/2009 Wie viel Neues verträgt eine historische, denkmalgeschützte Fassade? Auf diese Frage fand Malermeister Maik Köhler aus Clausthal-Zellerfeld eine Antwort. Mit dem Fassadenfarbkonzept und einer präzisen Ausführung für ein mit Holz verschaltes Mehrfamilienhaus (Baujahr 1892) mit Geschäftsanbauten in seiner Heimatstadt gelang ihm eine Leistung, die mit dem 1. Preis ausgezeichnet a U 1 IM UFiI I GIIClL-I U1 lU I UIGI I I1 I UIGI verschiedenen i h u i ö n e n harmonisch mit dem flächig gesetzten Rotton. Bei den spater hinzugekommenen Anbauten dreht das Konzept die Farbigkeiten um: Dia Fassadenfläche wurde Grau beedichtet, die Ladentür und rhreitwe Schmuckelemente wurden in O c b r i b l u t r o t abgesetzt. Das Objekt wliid6 allS Plak 1 in dieser Kategorie gewählt. GrM, W B , Rot - dlasu Farbpalette klingt 3uBerst gcw@€ f 3 &s neue Fassackklld einer Vllle BUS den 1 9 3 k JaRr#t In Frankfurt (Oder) wurde aus cbserfarbigen Theorie im wahrsten Slmb meehnllche Praxis. Malermeister C~emwisNorekch führte mtt e l n m cRfimnzlarten f arbentwurf diese dberraschenden Töne mit der zeittypischen Architektur harmonisch zusammen. Das warme Grün als beherrschender Fassadenfarbton bildet die Leinwand für die rot gefassten Bauelemente: Schlagläden, Metallgeländer und Dachkonstruktionen traten in dieser feurigen Nuance selbstbewusst hervor. Dachuntersichten, Vorbaufassade und Fensterfaschen heben sich in gebrochenem Weiß ab und verbinden sich doch durch grüne Farbakzente in Bändern und Fensterlaibungen mit dem Baukörper. Für dieses Haus wurde ein 2. Platz vergeben. Bei einem Nürnberger JugendstilMehrfamilienhaus von 1908 war nach einem lieblosen Anstrich in den 1960er Jahren nichts mehr von der 1. Preis ,,lndustrie- und Gewerbebauten ":Bemerkenswerter Auftritt eines metallverarbeitenden Unternehmens in einem Wuppertaler Gewerbegebiet mit einer klug durchkomponierten Streifenoptik. ursprünglich reichen ornamentalen Bemalung übrig geblieben. Mit der Vergabe des 3. Preises in der Kategorie ,,Historische Gebäude und Stilfassaden" wurden die Malerwerkstätten Heinrich Schmid (Zwickau) und Baum Meyer Nagel + Partner Architekten (Nürnberg) für die mustergültige Renovierung dieser Jugendstilfassade ausgezeichnet. In aufwendiger Kleinarbeit wurde anhand einer historischen Schwarz-WeißFotografie und einer aquarellierten Farbvorlage aus dem Baujahr das frühere Aussehen rekonstruiert und mit viel handwerklichem Können umgesetzt. Anerkennung für ein stimmiges Bild diskreter Akzente Auch bei eher schlichter historischer Bausubstanz in Großstadtquartieren ist eine bemerkenswerte Aufwertung durch wohlgesetzte Fassadenfarbigkeit möglich - das zeigt ein Beispiel 19. Deutscher Fassadenpreis 20 10 Handwerksbetriebe, Architekten, Farbgestalter und Hausbesitzer sind eingeladen, beim nächsten Deutschen Fassadenpreis ihre Objekte des Baujahres 2009 ins Rampenlicht zu stellen. Teilnahmeunterlagen können ab Anfang 201 0 bei Brillux per Fax 02 51 / 71 88 - 4 39 oder per E-Mail unter [email protected] angefordert werden. lbwpl, .,> -'L. 7 . Preis „Historische Gebäude und Stilfassaden“: Eine akzentuierte und harmonische neue Farbwahl holt das denkmalgeschützte Gebäude in Clausthal-Zellerfeld aus seiner Anonymität. C., Ebenfalls ein 1. Preis „Industrie- und Gewerbebauten": Das neu gebaute Bürogebäude ven/ollständigt das Bestandsensemble auf der alten Zechenanlage in Lünen. DER MALER UND LACKIERERMEISTER 1 2 / 2 0 0 9 - 43 Y e Bauten und den r Wirkungen zu erhader ,,Sehstation", die seit 2008 und noch bis 2010 durch Städte NordrheinWestfalens tourt (siehe Foto Seite 40). - 2. Preis „Historische Gebäude": Neues farbiges Kleid für eine Walmdach-Villa in Frankfurt (Oder) aus den 7930er Jahren. aus Berlin-Pankow auf subtile Weise. Die Fassade des Wohnhauses wurde bei der Sanierung in dezenter, warmer Steinfarbigkeit Ton in Ton gestaltet. Dabei betont ein gebrochenes Weiß die hervorspringende Fassadenebene. Einen besonderen Reiz schaffen die Loggienrückwände in der Fassadenmitte. Sie sind in einem erdigen Rotfarbton gestrichen, der wiederum passend zur Dachfarbe gewählt wurde. Gliedernde Details wie der dunkler gehaltene Sockel, weiße Einfassungen der Loggien sowie ein weißes Stuckgesims als Abschluss der Fassadenfläche machen das Bild stimmig. Urheber dieser Fassadengestaltung, der die Ausgewogenheit zwischen Zurückhaltung und Betonung sehr gut gelungen ist, ist das Berliner Unternehmen lngo Wagner Bauausführungen. Für diese Leistung wurde der Handwerksbetrieb mit einer Anerkennung belohnt. Sonderpreis für eine Raumskulptur Über Farbe in der gebauten Lebensumwelt kann man sprechen - oder sie am Objekt erleben. Selten gelingt es jedoch, mit wenigen Schritten so viele unterschiedliche Perspektiven 3. Preis „Historische Gebäude" an eine aufwendig renovierte Jugendstilfassade in Nürnberg. Die mobile Installation aus Holzlamellen ist als begehbares Okular geformt, das die Blicke auf die gebaute Umgebung lenkt. In sich ist der sich verjüngende Quader abgestuft; die Stufensprünge wurden mit farbigen Akzentuierungen rahmenartig in frischen, reinen Tönen hervorgehoben. Je nach Standpunkt ergibt sich so von außen eine durchweg farbige Skulptur oder ein Holzbau mit feinen farbigen Schattierungen. Im Inneren erzeugen die Rahmen einen perspektivischen Farbraum mit erstaunlicher Tiefe. Hier kann und soll man ,,Sehen lernen" - so das Motto der Kampagne im Rahmen der Landesinitiative Stadt Baukultur NRW, die die Öffentlichkeit auch mit dieser Installation für die gebaute Umwelt sensibilisieren will. I 44 . DER MALER UND LACKERERMEISTER 12 / 2009 Anerkennung: Das Berliner Wohnhaus gewinnt durch eine ausgewogene Komposition aus dezenten und ansprechenden Farbtönen eine neue, unaufdring- Konzipiert und umgesetzt haben diese ,,fliegende Ausstellung" die Augsburger Zimmerei Bernd Schmid sowie der Architekt Andy Brauneis in Zusammenarbeit mit Nicolette Baumeister (Kommunikationsmodule) und Christian Schüller (Tragwerksplanung). Die Jury zeichnete die Schöpfer dieser Aktivskulptur, die Farbe und Architektur spielerisch und nachhaltig erlebbar macht, mit dem diesjährigen Sonderpreis des Fassadenwettbewerbs aus. (ps) D