CLASS: aktuell

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2 0 17 / N r. 2
CLASS : aktuell
Association of Classical Independents in Germany
Meccore String Quartet
Jung und leidenschaftlich
Klaus Heymann
Naxos – die Erfolgsgeschichte
Ekaterina Litvintseva
Neues Album: Turning Point
Rita Karin Meier und das Belenus Quartett
Effektvolles Feuerwerk von H. Baermann
Christian Thielemann / Staatskapelle Dresden
pflegen Anton Bruckner
Stimmungen
Max Reger
Telemann-Variationen op. 134
Ernst-Ludwig von Hessen
und bei Rhein
Draußen – 6 Stimmungen für
Klavier
Andreas Hering
Castigo 0278
Lieder von
Robert Franz
Robin Tritschler, Tenor
Graham Johnson, Klavier
Hyperion CDA68128
Samuel Barber
The Lovers
Martin Häßler, Bariton
Landesjugendchor Sachsen
Jugendsinfonieorchester Leipzig
Ron-Dirk Entleutner
Nostalgia
Giovanni Battista Somis
Sonate a flauto solo
e violoncello o cembalo
Wolfram Schurig, Flöte
Johannes Hämmerle, Cembalo
Rondeau ROP6138
fra bernardo fb1711192
CLASS: brand aktuell
Violin Concertos XXI
Violinkonzerte
des 21. Jahrhunderts
Zeitgenössische Werke
von Nikolaus Fheodoroff
und Mikhail Kollontay
(Vol. 1)
Elena Denisova, Solo-Violine
Collegium Musicum Carinthia
RTV Orchestra Moscow
Alexei Kornienko, Leitung
TYXart TXA17093
Just for Fun
Georg Friedrich Händel
In den angenehmen Büschen
Daniel Schnyder
Chorales and Interludia
David Popper
Requiem op. 66
Robert Schumann
aus „Kinderszenen“
Claude Debussy
Clair de Lune
Steven Verhelst
Trombone Quartet no. 1
Antonio Lotti
Crucifixus
Charles Small
Conversation
Martin Fondse
Low End Hifi
World Trombone Quartet
Joseph Alessi, Michel Becquet,
Jörgen van Rijen, Stefan Schulz
Arcantus ARC16004
Orchesterwerke von
Lalo und Roussel
Edouard Lalo
Symphonie Espagnole
Albert Roussel
Concert pour Petit Orchestre,
Concerto pour Piano
Svetlin Roussev, Violine
Alain Raës, Klavier
Orchestre de Douai,
Jean-Jacques Kantorow
Arcantus ARC16006
Gustav Holst
Quintett in a-Moll, Op. 3
für Klavier, Oboe, Klarinette,
Horn und Fagott;
Three Pieces für Oboe und
Streichquartett;
Terzetto für Flöte, Oboe und
Klarinette in zwei Sätzen;
Bläserquintett in As-Dur, Op. 14
für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn
und Fagott;
Sextett e-Moll für Oboe,
Klarinette in A, Fagott, Violine,
Viola und Violoncello
Ensemble Arabesques
Farao Classics B 108 098
Handel – German Arias
Werke von
Georg Friedrich Händel,
Adam Krieger
und Heinrich Schmelzer
Fritz Spengler, Altus
Christian Voß, Barockvioline
Ensemble Contrapunct_us
Klanglogo KL1520
MAHLER – SCHOECK – STRAUSS
Lieder – Kernstück des Albums
ist das „Wandsbecker
Liederbuch“ des Schweizers
Othmar Schoeck
Britta Glaser, Sopran
Matthias Veit, Klavier
TYXart TXA17089
CLASS : aktuell
Class: aktuell 2 / 2017
Inhalt
Sind Sie gut im Kopfrechnen? Die meisten von uns verlassen sich da lieber auf ihren
Computer oder ihr Handy. Früher halfen auch Taschenrechner, Rechenschieber,
Abakus. Ich persönlich rechne gerne mithilfe einer Klaviertastatur, genauer gesagt:
mit der in zwölf Tonschritte gegliederten Oktave. Im täglichen Leben haben wir
ja vor allem mit dem Dezimalsystem zu tun – da ist das Zwölfersystem doch mal eine
nette Abwechslung, nicht wahr?
Das Einmaleins der Chromatik
4 Meccore String Quartet
Debüt mit Grieg
6 Ekaterina Litvintseva
stellt ihr zweites Rachmaninow-Album vor
7 Feurig, schwungvoll und historisch
Andrzej Szadejko präsentiert
Orgelwerke von F. W. Markull
8 Rudolf Innig beschließt die Einspielung
des Orgelwerkes von Felix Nowowiejski
9 Eine Legende wird 90
Herzlichen Glückwunsch, Michael Gielen!
Durch zwölf teilen lässt sich die Oktave also leicht – daraus ergibt sich die chromatische
Tonleiter. Durch sechs geteilt bekommen wir dagegen eine Ganztonskala – mit ihr
hat zum Beispiel Debussy gerne gerechnet – sorry: komponiert. Vier kleine Terzen
ergeben zusammen ebenfalls eine Oktave (heißt das dann: Anderthalbtonskala?),
ebenso drei große Terzen (Doppelganztonskala?). Bei den Quarten wird es interessant.
Die Division 12:5 ergibt nun einmal einen Bruch, das lässt sich nicht lösen, ohne die
Klaviertasten zu zerstückeln. Daher die Frage: Wie viele Quarten muss man über­
einanderlegen, um von einem Ton C wieder zu einem Ton C zu gelangen? Die Antwort
gibt uns die Uhr des Quintenzirkels, der ja gleichzeitig auch ein Quartenzirkel ist.
Wir müssen zwölf Quarten übereinanderschichten, wir gehen dabei durch alle Töne
der chromatischen Tonleiter. Die Höhe dieses Quartengebäudes beträgt fünf Oktaven.
Teilen wir die Oktave durch zwei, erhalten wir die verminderte Quint, den schlimmen
Tritonus. Mit diesem bösen Buben wollen wir uns jetzt nicht weiter beschäftigen,
nur so viel: Er ist seinerseits durch 1, 2, 3 und 6 teilbar. Ziehen Sie selbst Ihre
musikalischen Schlüsse! Die größeren Intervalle wiederum verhalten sich analog zu
den kleinen. Um mit Quinten von C nach C zu kommen, müssen wir (wie bei der
Quart) zwölf übereinander schichten – ein Turm von sieben Oktaven Höhe! Von den
kleinen Sexten brauchen wir von C nach C nur drei (wie bei der großen Terz),
allerdings streckt sich das über zwei Oktaven. Von den großen Sexten vier (wie bei
der kleinen Terz), aber über drei Oktaven. Und so weiter.
Die zwölfschrittige Chromatik ist ein Ergebnis der europäischen Musikgeschichte.
Ihre wissenschaftliche Grundlage erhielt sie ums Jahr 1600. Für die Frequenzhöhen
spielte dabei die zwölfte Wurzel aus 2 als Faktor eine wichtige Rolle, das ist die
Zahl 1,05946... – oder als Bruch geschrieben: 196:185. Alle Musiker heute sollten
sich diese Zahl übers Bett hängen und täglich zu ihr ein Dankgebet sprechen.
Anders gesagt: Die Zwölfton-Chromatik ist eine vollkommen willkürliche Konstruk­
tion. Die Natur selbst kennt nur die Oktave und andere Obertöne, aber keine
Chromatik. Ökonomische Musikkulturen kommen daher auch locker mit fünf Tönen
pro Oktave aus. Verschwenderische dagegen brauchen durchaus mehr als zwölf.
Auch bei uns gibt es sensible Seelen, die sich täglich fragen: Ist es nicht schade um
die unendlich vielen Frequenzen zwischen den Klaviertasten? Vor der Durchsetzung
der gleichmäßig temperierten Stimmung gab es tatsächlich auch Cembali mit 19
oder 31 Tasten pro Oktave. In der Moderne experimentierte man unter anderem
mit 30, 36, 43, 48, 52, 72 und sogar 84 Tonstufen. Was für brillante Aussichten
wären das für den mathematikbegeisterten Musikliebhaber!
Zum Glück ist der Kopf nicht nur zum Rechnen da. Man kann mit ihm auch einfach
nur Musik hören. Viel Spaß bei beidem wünscht
10 Bruckner Pflege durch Christian
Thielemann und die Staatskapelle Dresden
11 Maria Luisa Cantos gratuliert
Enrique Granados zum 150. Geburtstag
12 Eine Box zum Jubiläum
30 Jahre Naxos
13 Frank Bungarten stellt vor:
Johann Kaspar Mertz, der letzte
Wiener Virtuose
14 30. Firmenjubiläum von Naxos
Vom Low Budget Label zum Global Player
17 Ein ausdrucksstarkes Plädoyer
für die Freiheit
vom Berlage Saxophone Quartet
18 Effektvolles Feuerwerk von H. Baermann
mit Rita Karin Meier
und dem Belenus Quartett
19 Das Klaviertrio – Folge 2
Von der Frühromantik ins 19. Jahrhundert
21 Haiou Zhangs pianistisch
musikalische Fingerabdrücke
23 Luiza Boracs Pianoportrait
von Enescu, Ravel, Debussy, Mihalovic
und Schumann
25 Giorgos Kanaris und Thomas Wise
widmen sich den Sehnsuchtsliedern
von Beethoven und Schubert
26 Kathrin Christians spielt Flötenkonzerte
von Feld, Theodorakis und Weinberg
28 Im Blickpunkt
Neuheiten vorgestellt von CLASS
29 Angelika Nebel, Klavier,
spielt Bach-Bearbeitungen und
Transkriptionen
30 Ammiel Bushakevitz
spielt Schuberts späte Klavierminiaturen
Impressum
Herausgeber/Verlag:
CLASS e.V.
Association of Classical Independents in Germany
Bachstraße 35, 32756 Detmold
Tel. 05231- 938922
[email protected]
Redakteur (v.i.S.d.P): Dr. Rainer Kahleyss
Anzeigen: Gabriele Niederreiter
Grafische Gestaltung: Ottilie Gaigl
Druck: Westermann Druck, Braunschweig
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben
die Meinung des Verfassers, nicht unbedingt die
Meinung der Redaktion wieder.
Ihr
Hans-Jürgen Schaal
Druckauflage: 105.550
1. Quartal 2017
ISSN: 2195-0172
Titel-Foto: Arek Berbecki
geprüfte Auflage
Alle Tonträger dieser Ausgabe finden Sie auch unter
www.bielekat.de
Ausgabe 2017/2
3
CLASS : aktuell
Jung, leidenschaftlich, wild…
Foto: © Federal Studio – OCL.ch
Das Meccore Quartett debütiert bei MDG mit Grieg
Fotos: © Arek Berbecki; rotes Foto: © Marie Pierre Tremblay
E
in weiteres aufregendes Debüt bei MDG:
Das Meccore String Quartet lässt frischen
Wind durch die Kammermusikwelt wehen! Passend dazu haben sich die vier
Musiker die Streichquartette von Edvard Grieg
aufs Pult gelegt – markiert doch das verstörendgroßartige g-Moll-Quartett op. 27 die Zeitenwende von Romantik zu Impressionismus. Dass
Grieg sein zweites Quartett nicht vollenden
konnte, tut der Qualität des überlieferten Fragments keinen Abbruch. Und die Meccores entschädigen für die fehlenden Sätze auf dieser
SACD mit einer Fuge – sie stammt noch aus den
frühen Lehrjahren des norwegischen Meisters.
Unerfüllte Sehnsucht durchzieht das g-MollQuartett, dessen autobiografischen Bezüge Grieg
selbst angedeutet hat, hatte sich doch in den
1870er Jahren das Verhältnis zu seiner Ehefrau
verschlechtert. Der thematische Rückgriff auf
eine eigene Liedkomposition „Spielmannslied“
(op. 25/1) auf einen Text von Henrik Ibsen „Nach
ihr nur stand mein Verlangen, jede sommerhelle
Nacht…“ bildet die Basis für die ganze Komposition als Spiegel seiner seelischen Verfassung.
Dass der Beginn mit schroffen Fortissimo-
Akkorden daherkommt, hat manchen Zeitgenossen irritiert – nicht jedoch Claude Debussy,
der hier die Inspiration für sein Quartett in
derselben Tonart fand. Aus der Keimzelle des
Beginns entwickelt Grieg fast sämtliche Themen
und Motive des viersätzigen Werkes, das erst
ganz am Schluss eine geradezu apotheotische
Erlösung erfährt.
4
Ausgabe 2017/2
Ein zweites Quartett in lichtem F-Dur blieb
unvollendet, zu gefragt war Grieg als Pianist auf
der ganzen Welt, und zu selten fand er die erforderliche Zurückgezogenheit zum Komponieren.
„Wie ein alter norwegischer Käse“, der mit der Zeit
immer besser wird, harrte das Werk auf seinen
Schöpfer, doch es reichte am Ende nur für einige
Skizzen. Die beiden vollendeten Sätze bilden den
CLASS : aktuell
Aktuelle Konzerte:
19. | 20. 05. 2017 Auditorio Sony, Madrid
23. 05. 2017
Philharmonie Arthur Rubinstein,
Łódź
18. 06. 2017 Auditorio Sony, Madrid
24. 06. 2017 Philharmony, Lublin
22. 07. 2017 Atma, Zakopane
04. | 05. 08. 2017 Teatro Angela Peralta,
San Miguel de Allende
17. 09. 2017
Evangelische Kirche, Zielona Góra
18. 09. 2017 Music Academy, Katowice
27. 09. 2017 Stadsgehoorzaal, Leiden
30. 09. 2017 Jagdsaal, Schwetzingen
meccorequartet.com
Edvard Grieg (1843-1907)
Streichquartett op. 27
Quartett F-Dur, Fuge
Meccore String Quartet
MDG 903 1998-6 (Hybrid-SACD)
größten Kontrast zur erwachsenen Schwester, so
leicht und unbeschwert ist die Stimmung. Einem
Blick in die Studierstube eines Hochbegabten
gleich kommt die als Übungskomposition angefertigte Fuge, die schon den typisch nordischen
Tonfall der großen Werke atmet.
Jung, leidenschaftlich, wild… die aufwühlendste Energie versteht das in Warschau beheiAusgabe 2017/2
5
matete Meccore String Quartet großartig aufs
Podium zu bringen, unterstützt auch dadurch,
dass alle Konzerte im Stehen gespielt werden.
Das ist auch rein klanglich ein spür­bares Erlebnis bei dieser Aufnahme und besonders gut in
der dreidimensionalen Wiedergabe der hochauflösenden Super Audio CD zu hören.
Lisa Eranos
CLASS : aktuell
Der junge Rachmaninow
Foto: © Marion Koell
Ekaterina Litvintseva legt mit dem Album „Turning Point“ eine zweite Einspielung
mit Werken von Rachmaninow unter dem Label Profil Edition Günter Hänssler
vor und unterstreicht einmal mehr ihre enge Verbundenheit zu dem Komponisten.
E
katerina Litvintseva hatte bereits als
„Zugabe“ ihrer ersten CD mit Werken
von Rachmaninow (Profil PH 13042) den
Walzer aus den Morceaux de salon op. 10,
eingespielt. Nun folgen mit den kompletten Salonstücken und den Variationen über ein Thema
von Chopin zwei weitere Rachmaninow-Zyklen.
Bei ihren Einspielungen mit Werken des noch
jungen Komponisten geht die Pianistin nicht
chronologisch vor, sondern folgt ihrer Intuition.
Die Pianistin ist mit Rachmaninows Musik groß
geworden, und sie bedeutet ihr viel. Sie weiß, dass
man von einer russischen Pianistin auch russisches Repertoire erwarte. In Deutschland, so ihre
Wahrnehmung, spiele man gerne Rachmaninow,
um zu beeindrucken. Sie hat indes ihre Interpretationen so angelegt, „dass einerseits die
russische Schule mit ihrer Expressivität, anderseits die deutsche Stilrichtung mit ihrer Klarheit und ihrer Phrasierungskunst zur Geltung
kommt.“ Ihr geht es bei Rachmaninow gerade
nicht um vordergründige Brillanz, sondern die
Tiefe seiner Musik.
Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie am
nördlichen Polarkreis, blickte aus dem Fenster
auf das Eismeer mit der klaren Luft und den im
Winter wie gemeißelt erscheinenden Eisbrocken und erlebte im Sommer die zauberhafte
Farbenpracht der Tundra. Dieses Leben prägte
www.ekaterinalitvintseva.com
auch am Klavier den Sinn für Klarheit, für hinaus
zu einer fast scheuen Empfindsamkeit und tiefen
Emotionalität. Mit ihrem Album Rachmaninov –
Early piano works: The Depth of the Unspoken
hat sie unter Beweis gestellt, dass sie eine grandiose Rachmaninow-Interpretin ist, die »mit
viel Gefühl und mit erstaunlicher gestalterischer Kraft und Tiefe« (Concerti) zu überzeugen
weiß. Auf der neuen CD Turning Point kann
Sergei Rachmaninow
„Turning Point“
Piano works
Ekaterina Litvintseva, Klavier
Profil Edition Günter Hänssler
PH17032
Bereits erschienen:
Sergei Rachmaninow
„The depth of the unspoken“
Early Piano Works
Ekaterina Litvintseva, Klavier
Profil Edition Günter Hänssler
PH14042
6
Ausgabe 2017/2
man ihr Gespür für und die Verbundenheit mit
der Musik des Komponisten erneut erleben.
Ekaterina, aufgewachsen in Anadyr im nordöstlichsten Teil Russlands am Beringmeer, hat
einen unkonventionellen pianistischen Werdegang hinter sich. Ohne Druck, aber mit lei­
denschaftlicher Ungezwungenheit hat sie das
Klavierspiel studiert und ihren eignen, individuellen Stil erarbeitet. Manuela Neumann
Fotos: © Martin Doering
CLASS : aktuell
Andrzej Szadejko
Bucholz-Orgel in
St. Nikolai, Stralsund
Feurig, schwungvoll und historisch
Andrzej Szadejko präsentiert Orgelwerke von F. W. Markull
A
ls Friedrich Wilhelm Markull 1887 im
Alter von 71 Jahren starb, sprachen
Nachrufe vom „kenntnisreichsten Musiker, vortrefflichsten Orgelspieler u.
Componist für Kirche, Schule, Salon und klassischer Orchesterwerke“. Da hatte Markull in über
fünfzig Jahren das Danziger Musikleben, das bei
seinem Dienstantritt völlig am Boden lag, aus
dem Nichts wieder aufgebaut und zu prachtvoller
Blüte gebracht. Aus seinen unzähligen Orgelkompositionen hat Andrzej Szadejko einen attraktiven
Querschnitt ausgewählt und an der historischen
Bucholz-Orgel der St. Nikolaikirche in Stralsund
neu eingespielt – eine willkommene Fortsetzung
der vielversprechend aufgelegten Reihe „Musica
Baltica“ (s. CLASS:aktuell 1-2017).
Als Wunderkind betrat Markull das musikalische Podium, und bereits mit 20 Jahren wurde
er zum Ersten Organisten der Oberpfarrkirche
St. Marien zu Danzig berufen. Die dreimanua­
lige Orgel mit 50 Registern bot alles, was das
norddeutsch-romantische Musikerherz begehrte.
Das Instrument wurde 1945 mit der Marienkirche und der gesamten Danziger Innenstadt vollständig zerstört; der typisch frühromantische
Klang ist aber glücklicherweise in der aufwändig
restaurierten Stralsunder Buchholz-Orgel von
1841auch für heutige Ohren erhalten.
Davon profitieren besonders die vielen
kleinformatigen Werke, die einen Großteil von
Markulls Orgelschaffen ausmachen. Vieles dürfte
Verwendung im Gottesdienst gefunden haben;
so finden sich Choralvorspiele und -bearbeitungen, Nachspiele und Trios. Typisch romantisch
auch die Vortragsbezeichnungen: Von „Langsam ohne zu schleppen“ über „Lebendig mit
sehr fliessendem Vortrage“ bis zu „Feurig und
schwungvoll“ reichen die Anweisungen, die ein
abwechslungsreiches Hörelebnis garantieren.
Die Fantasie op. 23 ist das einzige größere
Werk in Andrzej Szadejkos kenntnisreicher Zusammenstellung. Allerdings geht Markull hier
formal wie harmonisch sehr eigene Wege: Erst
im triumphalen Finale erscheint der zu Grunde
liegende Choral „Christus der ist mein Leben“ in
klarer Gestalt. Besonders in der dreidimensionalen Wiedergabe dieser liebevoll in der großen
Akustik der Nikolaikirche ausbalancierten Super
Audio CD ist der jubelnde Abschluss ein gran­
dioses Hörvergnügen!
Klaus Friedrich
Außerdem erschienen:
Musica Baltica – Vol. 1
Kantaten des Barock aus Danzig
(Werke von Meder, du Grain, Freislich
und Pucklitz)
Solisten; Goldberg Vocal Ensemble
Goldberg Baroque Ensemble
Andrzej Szadejko, Ltg.
MDG 902 1989-6 (Hybrid-SACD)
Musica Baltica – Vol. 2
Friedrich Wilhelm Markull (1816-1887)
Orgelwerke Vol. 1
Andrzej Szadejko,
Bucholz-Orgel (1841) St. Nikolaikirche Stralsund
MDG 906 1990-6 (Hybrid-SACD)
Ausgabe 2017/2
7
CLASS : aktuell
Aktuelle Konzerte:
24. 06. 2017 Lambertikerk, Hengelo (NL)
03. 07. 2017 St. Albert-Kirche, Pulawy (PL)
23. 08. 2017 Konstantin Basilika, Trier
15. 09. 2017 Heilig-Kreuz-Kirche, Detmold
27. 10. 2017 Philharmonie, Danzig (PL)
22. 12. 2017 Rudolf-Oetker-Halle, Bielefeld
www.rudolf-innig.de
Großtat und Ereignis
Rudolf Innig beschließt die Gesamteinspielung des Orgelwerks von Felix Nowowiejski
M
it der Gesamtaufnahme aller neun
Orgelsinfonien von Felix Nowowiejski
hat Rudolf Innig vor einigen Jahren
eine diskografische Großtat präsentiert – und gleichzeitig einen nahezu völlig vergessenen Meister des spätromantischen Orgelklangs rehabilitiert. Später kam eine Aufnahme
kleinerer Orgelstücke hinzu. Die vier „Concerti“
schließen nun diese verdienstvolle Reihe ab,
mit der das gesamte Orgelwerk des polnischen
Meisters jetzt erstmals vollständig bei MDG auf
CD vorliegt.
Wer bei den „Concerti“ ein Orchester erwartet, wird sich jedoch enttäuscht sehen – allerdings nur für kurze Zeit: So farbenreich wie
Innig die großartige romantische Sauer-Orgel
im Bremer Dom einsetzt, vermisst man Streicher und Bläser nicht eine Sekunde. Und auch
harmonisch geben sich die Stücke durchaus
ambitioniert. Warum Nowowiejski die groß­
formatigen, mehrsätzigen Werke mit „Concerti“
betitelt, muss Spekulation bleiben. Ob auch er
vor der Erweiterung der magischen „Neun“ bei
den Sinfonien zurückschreckte?
Die Concerti entstanden in schwieriger Zeit:
Gerade hatte mit dem Überfall der deutschen
Wehrmacht auf Polen der Zweite Weltkrieg begonnen, und Nowowiejski, den biografische
Stationen eng mit Deutschland verbanden, geriet
unter den neuen Machthabern ins berufliche wie
persönliche Abseits. Da wundert es nicht, dass die
Werke immer mal wieder autobiografische Züge
aufweisen – auch wenn die tröstliche, am Osterfest orientierte Zuversicht des vierten Concertos
angesichts des Entstehungsjahres 1941 etwas
verfrüht erscheint.
Auch in der kleinen Form hat Nowowiejski
Beachtliches geleistet. Ob Choralpräludien (op. 9)
oder Charakterstücke (op. 31), ob gottesdienstbegleitend (Offertoire) oder konzerttauglich
(Marche solennelle) – immer wieder findet er
individuelle Ausdrucksformen, die Rudolf Innig
mit tief empfundenem musikalischem Gespür zu
gestalten weiß. Und wie immer bei MDG sorgt
das fein abgestimmte Klangbild in der prächtigen Akustik des Bremer Dom für ein rundum
überzeugendes Musikerlebnis, das die Wiederentdeckung des polnischen Komponisten zum
Ereignis werden lässt.
Lisa Eranos
Außerdem erschienen:
Felix Nowowiejski
(1877-1946)
Sämtliche Solokonzerte
für Orgel op. 56
Pièces pour Orgue
op. 2, 7, 8, 9 & 31
Rudolf Innig,
Sauer-Orgel Bremer Dom
Felix Nowowiejski
Sämtliche Orgelsinfonien op. 45
MDG 317 0757-2 (3 CDs)
Felix Nowowiejski
Orgelwerke:
In Paradisum op. 61
Drei Weihnachtsfantasien
Mater dolorosa
MDG 317 1997-2 (2 CDs)
MDG 317 0973-2
8
Ausgabe 2017/2
WERGO
CLASS : aktuell
WER 73602 (CD)
Produktion: SR / SWR
Jetzt neu bei WERGO
Eine Legende wird 90
Herzlichen Glückwunsch, Michael Gielen!
Unanswered Love
Aribert Reimann | Wolfgang Rihm |
Hans Werner Henze
mit Ersteinspielungen
WER 69602 (3 CDs)
M
ichael Gielen wird 90, und die Klassikwelt feiert den bedeutenden Dirigenten,
der als musikalische Referenz ebenso
wie als politischer Querdenker von sich reden
machte. Aus gesundheitlichen Gründen beendete
der Dirigent 2014 seine aktive Karriere, die vor
allem durch die Tätigkeit als langjähriger Chefdirigent beim SWR Symphonieorchester BadenBaden und Freiburg geprägt war. Sein Ruhm ist
noch immer ungebrochen, und so ist es kein
Wunder, dass SWR Classic, das Label des Südwestrundfunks, Michael Gielen eine ganze Boxen­
edition gewidmet hat, die aus dem Stand zum
Verkaufsschlager wurde.
Nun erscheint bereits die fünfte Folge der
auf zehn Volumina angelegten Michael Gielen
Edition. Der Beitrag zur Reihe ist ausschließlich
dem Werk Béla Bartóks und Igor Strawinskys
gewidmet und zeigt, was für ein herausragender
Dirigent Gielen auch in diesem Repertoire war.
Alle Aufnahmen, die von 2005 bis 2008 auf vier
SWRmusic-Alben sukzessive erschienen waren,
werden hier wiederveröffentlicht, ebenso Strawinskys „Scherzo à la Russe“, das bereits in einer
SWRmusic-Kompilation von 2002 verfügbar war.
Aber wie immer bei der Michael Gielen Edition
gibt es auch bislang noch ungehörte Archivschätze: Historische Aufnahmen aus den 1960erund 1970er-Jahren, entstanden in Saarbrücken
und Stuttgart zeigen Gielen als energischen
Jungdirigenten, wobei Strawinskys komplette
„Pulcinella“-Musik inklusive Gesang erklingt.
Ein faszinierendes Tondokument, an dem nicht
nur Sammler ihre helle Freude haben werden!
Strawinskys „Variations“ wurden bei Gielens
letztem Konzert in Freiburg aufgeführt. Bei dieser Gelegenheit hat er dem Publikum das ungewöhnliche Stück in einer launigen Ansprache
erläutert, die im Programm dieser Box eben-
Paul Hindemith
Die Streichquartette
Gesamteinspielung
Michael Gielen Edition – Vol. 5
Werke von Béla Bartók und Igor Strawinsky
Juilliard String Quartet: Robert Mann /
Joel Smirnoff / Smuel Rhodes / Joel Krosnick
Christian Ostertag, Robert Leonardy, Stella Doufexis,
Edda Moser, Christian Elsner, Werner Hollweg,
Rudolf Rosen, Barry McDaniel
WDR Rundfunkchor Köln, Anton Webern Chor Freiburg,
SWR Vokalensemble Stuttgart,
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg,
Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR,
Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken
Michael Gielen
WER 51232 (CD)
Koproduktion: HR
Foto: © Wolfram Lamparter
Juliane Banse: Sopran / Christoph Poppen: Leitung /
Deutsche Radio Philharmonie
SWRmusic SWR19023CD
falls im Original-Ton zu hören ist (die Transkription der Worte Gielens findet man zudem im
Booklet zur Box auch zum Nachlesen).
Für Michael Gielen ist „Strawinsky unter den
ganz großen Meistern des 20. Jahrhunderts.“
Ebenso Bartók, von dessen „Wunderbarem Mandarin“ – hier in einer fulminanten Aufnahme von
2007 – Gielen meint: „… ganz wunderbar (...)
mit den Resten eines Impressionismus, aber
schon in einem expressionistischen Geist geschrieben, ein Farbenwunder …“.
Ausgabe 2017/2
Barbara Heller
Herbstmusik
Patchwork / La Caleta / Streichquartett 1958 /
Eins für Zwei / Herbstmusik / Arriba! / Zwiegespräche / Minutentrios / Lalai – Schlaflied zum
Wachwerden?
Verdi Quartett / Susanne Stoodt: Violine / Katharina Deserno: Violoncello / Gesa Lücker: Klavier
René Brinkmann
9
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WERGO, Weihergarten 5, 55116 Mainz, Deutschland
[email protected] | www.wergo.de
CLASS : aktuell
Edition Staatskapelle Dresden | Vol. 42 – Anton Bruckner
Symphonie Nr. 4 Es-Dur „Romantische“
Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann
Profil Edition Günter Hänssler PH16064
PH10031
PH12016
PH15013
Gewachsene Tradition:
Bruckner-Pflege der Staatskapelle Dresden
Das Label Profil-Edition Günter Hänssler veröffentlicht mit der Vol. 42 der Edition Staatskapelle Dresden
Bruckners 4. Symphonie unter der Leitung von Christian Thielemann.
Z
war gilt Dresden, anders als Wien,
München oder das benachbarte Leipzig,
bis heute nicht explizit als „BrucknerStadt“. Dennoch haben die Werke des
gebürtigen Oberösterreichers auch in der sächsischen Residenzstadt eine lange Tradition, und dies
insbesondere in den Konzerten der einstigen
Hof- und heutigen Staatskapelle.
Bereits im Dezember 1885, ein Jahr nach
der Leipziger Uraufführung der siebten Symphonie, die Bruckner den internationalen
Durchbruch brachte, erklang mit der Dritten
erstmals ein Werk Bruckners in Dresden. Die
Leitung hatte Musikdirektor Ernst von Schuch,
der sich in seiner langen Amtszeit (1872-1914)
besonders für das damalige zeitgenössische
Musikschaffen einsetzte und schließlich zum
„Leibdirigenten“ von Richard Strauss avancierte.
Das Publikum in der Semperoper reagierte auf
die „Wagner-Symphonie“ mit Irritation und Ablehnung – trotzdem setzte Schuch, ein Landsmann Bruckners, der den Komponisten seit einer
Begegnung bei den Bayreuther Festspielen auch
persönlich kannte, in den kommenden Jahrzehnten nahezu sämtliche Bruckner-Symphonien aufs
Programm. Die erste Aufführung der „romantischen“ Vierten in Dresden fand im November
1895 in der Semperoper statt; am Pult stand
diesmal Kapellmeister Adolf Hagen, und die
Kritik aus den „Dresdner Neuesten Nachrichten“ spiegelt das Unverständnis wider, das
Bruckners Werken zu dieser Zeit auch andernorts entgegengebracht wurde: „… Dabei kann es
der Komponist nicht unterlassen, jeden Augen-
blick zu den stärksten Orchestermitteln zu greifen. Kaum hat er uns in poetische Stimmung
gesetzt, so packt er auch schon Hörner, Trompeten, Posaunen und Pauken zu förmlichen Accordbündeln zusammen, um damit ein Blitzfunkeln
und Donnerkrachen herauszuschlagen, daß einem Hören und Sehen vergeht …“. Spätestens
seit der Jahrhundertwende schlug die Kritik aber
in Begeisterung um: Schuchs Nachhaltigkeit in
der Programmplanung zahlte sich aus, und er
verhalf den Werken Bruckners in Dresden nach
und nach zu wichtigen künstlerischen Erfolgen.
Damit war die Grundlage für eine anhaltende
Bruckner-Pflege gelegt; fortan bildeten die Werke
des österreichischen Symphonikers einen zentralen Bestandteil im Repertoire des Wagnerund Strauss-Orchesters Staatskapelle. Generalmusikdirektor Fritz Busch etwa dirigierte noch
Profil Edition Günter Hänssler PH12011
10
Ausgabe 2017/2
im Februar 1933 – in seinem letzten Symphoniekonzert vor der Vertreibung aus Dresden (dokumentiert in der Edition Staatskapelle Dresden,
Volume 30) – eine Aufführung von Bruckners
»Romantischer«. Und sein Nachfolger Karl Böhm
realisierte 1936/37 die allerersten SchallplattenAufnahmen der vierten und der fünften Symphonie in den damals im Rahmen der BrucknerGesamtausgabe gerade erst erschienenen Originalfassungen (wiederveröffentlicht in der Edition
Staatskapelle Dresden, Volume 32). Auch nach
dem Krieg und der großräumigen Zerstörung
Dresdens wurde schnell wieder Bruckner gespielt: So dirigierte der junge Generalmusik­
direktor Joseph Keilberth zwischen 1945 und
1950 den vermutlich ersten vollständigen Zyklus
aller „originalen“ Bruckner-Symphonien überhaupt. 1946 erklang in diesem Zusammenhang
auch die Urfassung der dritten Symphonie zum
ersten Mal: Der Staatskapelle kam damit, wenn
auch spät, noch der Rang eines Bruckner-Uraufführungsorchesters zu (Hintergründe hierzu liefert der Mitschnitt dieser Fassung unter Yannick
Nézet-Séguin aus dem Jahr 2008, erschienen in
der Edition Staatskapelle Dresden als Vol. 39).
Die Bruckner-Tradition der Staatskapelle Dresden
ist bis heute lebendig. Beispielhaft für die jüngere Geschichte sind die inzwischen legendäre Gesamteinspielung der Bruckner-Symphonien unter
Eugen Jochum aus den Jahren 1975 bis 1980,
Konzerte und Aufnahmen unter Giuseppe Sinopoli
und Bernard Haitink sowie der aktuelle BrucknerZyklus unter Chefdirigent Christian Thielemann.
Tobias Niederschlag
Foto: © Samuel Schweizer
CLASS : aktuell
www.mlcantos.com
Hitparade – zum 150. Geburtstag
Maria Luisa Cantos präsentiert Enrique Granados
V
or ziemlich genau 100 Jahren kam
Enrique Granados ums Leben, als sein
Schiff auf der Rückreise von einem umjubelten Aufenthalt in New York in den
Wirren des Ersten Weltkriegs von einem deutschen U-Boot im Ärmelkanal abgeschossen wurde. Mit ihm versanken zahlreiche Manus­krip­te
des berühmten Pianisten in den eiskalten Fluten
– ein unersetzlicher Verlust, wie Maria Luisa
Cantos, Grande Dame der spanischen Klaviermusik, in ihrer jüngsten Einspielung erahnen
lässt. Dass Granados, nachdem er zunächst gerettet wurde, sich erneut ins Wasser stürzte, um
seine geliebte Frau zu retten und dabei zu Tode
kam, erweitert die überaus tragische Episode
um eine zutiefst romantische Komponente.
Und ein wahrhaft romantischer Geist muss
Granados gewesen sein. Nicht ohne Grund stellt
Cantos die „Escenas románticas – romantische
Szenen“ in den Mittelpunkt ihres sehr per­
sönlichen Programms. Von der beginnenden
„Mazurka“ bis zum abschließenden „Epilog“
finden sich immer wieder Anklänge an Chopins
poetische Klavierminiaturen, deren emotiona-
len Ausdruck Granados allerdings um ein Vielfaches zu vertiefen versteht. Dazu tragen auch
die leisen Töne ihren Teil bei, wie in Cantos´
zauberhafter „Berceuse“ ergreifend zu erleben ist.
Zum Walzer hatte Granados eine intime Beziehung, die sich durch sein gesamtes Schaffen
zieht. Die „Valses poéticos – poetische Walzer“,
schon in jungen Jahren komponiert, spielte er
immer wieder; sie fanden sich auch im Reise­
gepäck für Amerika. Vom intim-sehnsuchts­
vollen Charakter, wie er Anfang und Beschluss
des kleinen Zyklus prägt, bis zum ausgelassenwilden Drehtanz erschafft Granados einen ganzen Kosmos von Gefühlen und Assoziationen.
Natürlich darf „Quejas – Klage“ aus den
„Goyescas“ nicht fehlen. Nicht umsonst ist dieses herzzerreißende Stück wohl Granados´ populärste Komposition geworden – eine schmachtende Adaption schaffte es mit Johannes Heesters
sogar in die Hitparaden! Maria Luisa Cantos
versteht es meisterhaft, den tiefen Empfin­
dungen dieser Musik, mit der sie den größten
Teil ihres Lebens verbracht hat, auf
dem großen Steinway Konzertflügel
nachzuspüren. Ohne falsche Sentimentalität gratuliert sie auf dieser
luxuriös ausgestatteten MehrkanalSACD im 2+2+2-Klang dem Kom­
ponisten zum 150. Geburtstag –
herzlichen Glückwunsch!
Klaus Friedrich
Enrique Granados (1867-1916)
Klavierwerke
Maria Luisa Cantos, Klavier
MDG 904 2003-6 (Hybrid-SACD)
Ausgabe 2017/2
11
NEU BEI ONDINE
LARS VOGT
LUDWIG VAN
BEETHOVEN
Klavierkonzerte
Nr. 1 und 5
Royal Northern
Sinfonia
Mit seinem neuen Zyklus
sämtlicher BeethovenKlavierkonzerte verbindet
Lars Vogt seine mit
Leidenschaft aufgebauten
Karrieren als Dirigent und
Pianist in einem der
aufregendsten BeethovenProjekte unserer Zeit
ODE1292-2
CLASS : aktuell
Qualität, Treue und günstige Preise:
30 Jahre Naxos!
1987,
als die Firma Naxos mit ihrer so
einfachen Geschäftsidee an den
Start ging, hätte wohl niemand geahnt, dass diese
Firma innerhalb weniger Jahre zum Marktführer
der Branche aufsteigen würde: Gute Klassik-Aufnahmen zum extragünstigen Preis? Das klingt
fast schon banal. Aber es entpuppte sich als eine
veritable Revolution in einem Marktumfeld, das
bis dahin fast nur Höchstpreise kannte.
Inzwischen feiert man bei Naxos das 30-jährige Firmenbestehen, und die Laune ist bestens.
Noch immer ist Firmengründer Klaus Heymann
Chef des Unternehmens, das inzwischen das
größte Vertriebsnetzwerk für klassische Musik
weltweit stellt und auf mehr als 9.000 Albumveröffentlichungen zurückblicken kann. Wie will man
aus diesem unglaublichen Angebot Highlights
auswählen? Da muss der Boss persönlich ran!
Naxos-Firmengründer Klaus Heymann wählte
deshalb die 30 Alben der Naxos-Jubiläumsbox
persönlich aus. Das Ergebnis ist spekta­kulär:
Die 30 besten Alben aus 30 Jahren Naxos. Beeindruckend wird sichtbar, wie konsistent über all
die Jahre die Qualität der oft als „Billigheimer“
geschmähten Marke doch war, und wie sich
Qualität eben am Ende immer durchsetzt.
Scheinbar nebenbei hat das Label, das die
Klassikwelt nachhaltig veränderte, für eine Repertoirevielfalt gesorgt, die man noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätte.
Ganze Œuvres von Komponisten wurden bei
Naxos veröffentlicht, wobei sich wohl kein anderes Label auf die Fahnen schreiben kann, mehr
Welt-Ersteinspielungen veröffentlicht zu haben.
Die Box wirft auch ein Licht auf bedeutende
Künstler, die inzwischen untrennbar zum Gesicht des Naxos-Labels gehören, wie beispielsweise der Pianist Boris Giltburg, die Weltklassegeigerin Tianwa Yang, Dirigierveteran Leonard
Slatkin, die wohl berühmteste Dirigentin Marin
Alsop, Cello-Überflieger Gabriel Schwabe, Starflötist Patrick Gallois, die hervorragende Violinvirtuosin Takako Nishizaki, die seit den Anfangstagen dem Label die Treue hält, Star-Cellist und
Dirigent Julian Lloyd Webber, Eldar Nebolsin,
Jenő Jando, Maria Kliegel, und viele viele mehr.
Die Box erzählt auch die Geschichte der Plattenfirma, der ihre Künstler gerne treu bleiben
– und das sagt oft mehr als tausend Worte!
30 Jahre NAXOS –
The Anniversary
Collection
Takako Nishizaki
Marin Alsop
Jenő Jandó
Adriane White
Boris Giltburg
Tianwa Yang
JoAnn Falletta
Maria Kliegel
Henning Kraggerud
Gabriel Schwabe
Leonard Slatkin
Antoni Wit
Idil Biret u.v.a.
Naxos 8.503293
Im Vertrieb der NAXOS Deutschland GmbH
www.naxos.de · www.naxosdirekt.de
12
Ausgabe 2017/2
René Brinkmann
CLASS : aktuell
Aktuelle Konzerte:
06. 08. 2017 Montafoner Resonanzen
Kloster Gauenstein, Schruns
26. 10. 2017 Spandauer Gitarrenfest, Eröffnungskonzert
Zitadelle Spandau, Berlin (27.– 28. 10. Meisterkurs)
17. 11. 2017 Hofkapelle der Residenz, München
www.frankbungarten.de
Foto: © Thomas Struth
Weitere Einspielungen:
Fundamental, großartig voluminös
Frank Bungarten, Mertz und die Wiener Kontragitarre
W
as für ein Sound! Diese Bässe! Für
seine neueste Aufnahme mit Werken des Gitarrenvirtuosen Johann
Kaspar Mertz hat sich Frank Bungarten ein ganz besonderes Instrument ausgesucht: Die Kontragitarre, gefertigt nach einer
exemplarisch erhaltenen historischen Vorlage
Johann Gottfried Scherzers, verfügt auf einem
zweiten Hals über eine Reihe zusätzlicher Basssaiten. Damit ist es jetzt möglich, die opulente
Klanglichkeit von Mertz´ Kompositionen hautnah zu erleben – wohl erstmals seit dem Tod
des Wiener Meisters im Jahre 1856.
Für die erst postum veröffentlichten Fantasien
op. 65 und die „Harmonie du soir“ rechnete
Mertz ganz offensichtlich mit dem zusätzlichen
Volumen im Bass. Nur auf der zehnsaitigen
Kontragitarre lassen sich die Werke unmittelbar
so spielen, wie sie notiert sind. Und wer sich
anfänglich fragt, wie man auf der Gitarre eine
„Orgelfuge“ darstellen kann, wird spätestens
mit den gewaltig einsetzenden „Pedal“-Tönen
hellauf begeistert sein!
Welch hohe Ansprüche Mertz an seine eigene
Musik stellte, lässt sich eindrucksvoll an der Bearbeitung von sechs Schubert-Liedern ablesen.
Neben den Originalen verwendet er die hochkomplexen und fantasievollen Transkriptionen, die
Franz Liszt für seine eigenen überaus erfolgreichen Klavierrecitals angefertigt hatte – ein waghalsiges Unterfangen, mit frappanter Wirkung: Die
Echo-Wirkung im „Ständchen“, die bei Schubert
so nicht vorgesehen ist, ist schlichtweg grandios!
Sage und schreibe 34 Opernparaphrasen hat
Mertz auf sein Instrument komponiert. Die orches­
trale Vorlage verlangt geradezu nach der Klangfülle der Kontragitarre. Und mit Frank Bungarten
Federico Moreno Torroba (1891-1982)
Castillos de España, Puertas de Madrid,
Preludio, Madroños, Nocturno
MDG 905 1915-6 (Hybrid-SACD)
Heitor Villa-Lobos (1887-1959)
Sämtliche Solo-Werke
MDG 905 1629-6 (Hybrid-SACD)
Mario Castelnuovo-Tedesco (1895-1968)
24 Caprichos de Goya op. 195
findet auch Verdis „Ernani“ den Interpreten,
der die abenteuerlichen technischen Schwierigkeiten der Bearbeitung vergessen lässt. Beste
Voraussetzungen für ein ungetrübtes
Musikvergnügen, das schon den
Stereohörer verblüfft, aber noch
gesteigert wird mit der Möglichkeit der Mehrkanalwiedergabe.
Diese in passender Akustik des
Konzertsaals der Abtei Marien­
münster sorgfältig produzierten 2+2+2 - Aufnahme
vermittelt das Gefühl des
unmittelbaren Dabeiseins. Was für
ein Gitarrenklang… Lisa Eranos
Johann Kaspar Mertz (1806-1856)
Der letzte Wiener Virtuose
Frank Bungarten, Kontragitarre
10-Saiten-Gitarre nach J.G. Scherzer, 1861
MDG 905 1954-6 (Hybrid-SACD)
Ausgabe 2017/2
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MDG 305 0725-2 (2 CDs)
„Cancion y Danza“ Werke von Bach,
Sor, Granados, Turina, Ponce u.a.
MDG 305 1246-2
CLASS : aktuell
30 Jahre NAXOS – vom Low Budget Label
zum Global Player
W
Foto: © Emily Chu
ir versetzen uns zurück ins Jahr
1987: Die Klassikwelt ist im Wandel!
Die CD ist dabei, die Schallplatte abzulösen. Und das zum stolzen Preis!
30 bis 40 DM kostete 1987 eine CD mit klassischer Musik. Das sollte man sich heute noch
einmal vor Augen führen, um zu verstehen, was es
bedeutete, als plötzlich eine neue Firma auf den
Plan trat, die Klassik in Digitalaufnahmen und auf
CD verkaufte, dies aber zum Preis von gerade mal
10 DM! Diese Firma hieß Naxos – ein Name, der
in die Klassik-Szene der ausgehenden 1980erJahre einschlug, wie eine Kanonenkugel!
Was heute klingt, wie eine einfache Idee,
die jeder hätte haben können, war damals eine
Markt­revolution! Und die entfachte eben nicht
jeder, sondern nur einer: Der deutsche Unternehmer Klaus Heymann.
Heymann, der bereits in den 1960er-Jahren
nach Hongkong ausgewandert war, zunächst als
Journalist, später als Vertriebsleiter für HifiEquipment tätig war, hatte erkannt: Es gab da
eine Marktlücke! Der Markt dürstete nach Digitalaufnahmen (das Kürzel „DDD“ stand in den
Anfangstagen der CD für besonders gute Klang­
qualität), doch davon gab es damals nur wenige
und die nur zum Höchstpreis. Naxos krempelte mit
seinem Preis-/ Leistungsmodell den kompletten
Markt um. Plötzlich gab es solide Einspielungen
klassischer Standardwerke in neuester Digitaltechnik zu einem Preis, den sich jeder leisten konnte.
Und wollte! In Windeseile eroberte Naxos
Marktanteil um Marktanteil. Allein die erste
Naxos-Einspielung der berühmten Vier Jahreszeiten mit Takako Nishizaki verkaufte sich bis
heute 1,4 Millionen Mal. Andere Alben waren
ähnlich erfolgreich und sind es bis heute. Naxos
wurde binnen weniger Jahre zum Weltmarktführer für klassische Musik in allen Formaten
– nachdem Klaus Heymann frühzeitig begonnen
hatte, sich auch von der CD als bestimmendem
Medium wieder zu lösen und weiter in die Zukunft zu denken: Mit der Naxos Music Library,
2004 ins Leben gerufen, zählte er zu den Erfindern des Musikstreamings – ein Wort übrigens,
das es damals noch nicht einmal gab.
Heute ist Musikstreaming in weiten Teilen
der Welt die bestimmende Art des Musikgenus-
14
Ausgabe 2017/2
CLASS : aktuell
Es ist eine der allerersten NAXOS-CDs aller
Zeiten und bis heute die Erfolgreichste:
Takako Nishizakis Bestseller Einspielung von
Vivaldis „Le Quattro Stagioni“. Die beliebte
Aufnahme, die zu den meistverkauften
Vier Jahreszeiten-Einspielungen überhaupt
gehört, erscheint bei NAXOS nun in
einer frischen jungen Optik als Neuauflage.
Naxos längst zum Pre­mi­um-An­bie­ter aufgestiegen.
Naxos steht heute nicht nur für ein gigantisches
Repertoire (das größte aller Klassikfirmen)
von mehr als 9.000 lieferbaren Alben, sondern
inzwischen auch für echte Stars: Die Weltklasse­
geigerin Tianwa Yang etwa bekam schon zweimal den ECHO Klas­sik. Naxos-Exklusivpianist
Boris Giltburg startet derzeit durch mit einer
Welt­karriere, wie sie im Buche steht, NaxosJungstar Gabriel Schwabe gilt gar als der verheißungsvollste Cellist seiner Generation.
Dieser Erfolg der „Jungen“ zieht auch langjährig etablierte Künstler an, die mit den geschäftlichen Gepflogenheiten anderer Plattenfirmen
zunehmend unzufrieden sind: Gi­tarren-Welt­
wunder Pepe Romero etwa nimmt heute fast
ausschließlich für Naxos auf, ebenso Diri­gen­
ten­legende Leonard Slatkin, Flöten-Superstar
Patrick Gallois und Star-Cellist und Dirigent
Julian Lloyd-Webber. Spricht man mit ihnen und
anderen typischen „Naxos-Künstlern“, fällt auf,
dass die Musiker oft in einem geradezu herz­
lichen Ton von der Firma reden, bei der sie
veröffentlichen. Es muss wohl daran liegen: Wer
als Künstler mit Naxos spricht, kann sich darauf
verlassen, dass man über Musik spricht – nur
über Musik! Naxos beschäftigt keine Hochglanzfotografen, Visagisten, Typberater oder nötigt
Geigerinnen zu „Lounge“-Auftritten in vermeintlich hippen Discos und Clubs.
Zugegeben: Mit Naxos redet man deswegen
in der Regel auch nicht über kurzfristige ChartErfolge. Aber eben nur deshalb, weil die NaxosStrategie langfristig ausgelegt ist. Das Motto:
Lieber 1,4 Millionen Exemplare eines Albums
in 30 Jahren verkaufen, als mit Tausend Exemplaren binnen vier Wochen in die Charts zu
schießen, um danach auf Null abzustürzen. Fast
alle Alben, die in der 30-jährigen Geschichte
des Naxos-Labels veröffentlicht wurden, sind
auch heute noch erhältlich. Eine Ausnahme im
schnelllebigen Musikbetrieb. Naxos ist und
bleibt ein Erfolgsmodell. Sicher auch für die
nächsten 30 Jahre!
René Brinkmann
Sergej Rachmaninow
Études-tableaux, op. 39,
Moments musicaux, op. 16
Boris Giltburg, Klavier
Johannes Brahms
Cellosonaten und Lieder
Gabriel Schwabe, Cello
Nicholas Rimmer, Klavier
NAXOS 8.573469
NAXOS 8.573489
Antonio Vivaldi
Die vier Jahreszeiten
Takako Nishizaki
Capella Istropolitana
Stephen Gunzenhauser
NAXOS 8.550056D
Eugène Ysaÿe
Violinsonaten op. 27
Tianwa Yang
NAXOS 8.572995
Preisgekrönt: Tianwa Yangs Einspielung
der Violinsonaten von Eugène Ysaÿe
brachte Ihr den ECHO 2015
als Instrumentalistin des Jahres ein.
ses geworden: 2016 hat (global betrachtet) der
Umsatz mit Streaming und Downloads erstmals
den Umsatz mit physischen Tonträgern wie
Schallplatten und CDs überflügelt. Während viele
Firmen, gerade im Klassikbereich, mit dieser
Entwicklung zu kämpfen haben, geht es Naxos
bestens. Frühzeitig wurde darauf geachtet, den
Vertrieb für physische Produkte selbst in der
Hand zu haben. Mit mehr als 60 Vertriebs­
niederlassungen rund um die Welt stellt Naxos
das größte Netzwerk dieser Art in der Welt der
Klassik. Und digital war man sowieso von Beginn an besser aufgestellt als andere.
Naxos hat sich in den nunmehr 30 Jahren
seiner Existenz beständig gewandelt und fortentwickelt. Kritiker hatten der Firma anfangs ein
schnelles Ende vorherge­sagt. Pustekuchen! Vom
Label für das gu­te Preis-/Leistungsverhältnis
mit den auffälligen weißen Coverartworks ist
Ausgabe 2017/2
15
Profil
Edition
Günter
Hänssler
Jahrespreis 2017 der
Bruckner Society of America
für Gerd Schaller!
ANTON BRUCKNER
SYMPHONY No. 9
Gerd Schaller
& Philharmonie Festiva
CD PH16089
»Schaller´s durchgehende
Konzentration hypnotisiert
den Hörer regelrecht und
trägt ihn auf Wellen eines
brillanten Sounds.«
(Bruckner Journal London)
2 CD
Mit vervollständigtem Finale nach
Originalquellen von Gerd Schaller
3 CD
CD PH12022
CD PH15004
CD PH13049
CD PH14020
CD PH14021
CD PH13027
CD PH15035
CD PH16034
2 CD
4 CD
Profil
CD PH11028
Edition
Günter
Hänssler
www.haensslerprofil.de
Profil Medien GmbH · Hauffstr. 41 · D-73765 Neuhausen a. d . F.
Fon: +49 (0 )71 58 -9 87 85 21 · Fax: +49 (0 )71 58 -70 91 80 . [email protected] · www.haensslerprofil.de
www.naxos.de
Fotos: © Sarah Wijzenbeek
CLASS : aktuell
Atemberaubend
Berlages ausdrucksstarkes Plädoyer für Freiheit
N
ach dem phänomenalen Erfolg ihres
Debütalbums „Saxofolk“ wagt sich das
Berlage Saxophone Quartet auf gänzlich anderes Terrain. Fünf berühmte
Komponisten, die im Konflikt mit den politischen Verhältnissen ihrer Zeit standen, liefern
intensive Schlüsselwerke, die in den virtuosen
Bearbeitungen für vier Saxofone aus völlig neuer
Perspektive zu betrachten sind. „In Search of
Freedom“ wird so zu einem Plädoyer für die
Freiheit der Kunst, die auch bei eingeschränkter
persönlicher Freiheit immer Bestand hat.
Hanns Eisler, Kurt Weill und Erwin Schulhoff fielen gleich aus mehreren Gründen ins
Visier der Nationalsozialisten. Den Kommunisten
nahestehend, zum Teil jüdischer Abstammung
und dann auch noch „entartet“ komponieren
– das hatte in Deutschland keine Zukunft. Und
während Weill und Eisler im amerikanischen
Exil durchaus erfolgreich waren – der eine am
Broadway, der andere in Hollywood – geriet
Schulhoff zwischen die Fronten und fand in der
Lagerhaft den Tod. Songs aus Weills „Dreigroschenoper“ und Eislers 6. Suite (aus der Filmmusik zu „Le grand jeu“) stehen hier an der Seite
von Schulhoffs „5 Stücke für Streichquartett“,
denen als Suite populärer Tänze vom Walzer bis
zum Tango alles Politische fernzustehen scheint.
Arvo Pärt geriet nach seiner Hinwendung
zu religiös-meditativer Musik auf den Index der
sowjetischen Machthaber. „Fratres“ ist eines seiner ersten Stücke dieser Art; Vineta Sareika, Primgeigerin des Artemis Quartetts, übernimmt dabei
den bei aller scheinbaren Einfachheit anspruchs-
Aktuelle Konzerte:
14. 05. 2017 Vorden (NL)
26. 05. 2017
Pristina (Kosovo)
11. – 18. 06. 2017
Oerol Festival
Terschelling (NL)
19. 08. 2017 s`Hertogenbosch (NL)
20. 08. 2017 Barchem (NL)
www.berlagesaxophonequartet.com
21. – 27. 08. 2017
Alcorisa (ES)
vollen Violinpart. Die flächige Harmonik entfaltet
in der Besetzung mit Saxofonen eine geradezu
hypnotische Wirkung – grandios!
Dmitrij Schostakowitschs Verhältnis zur sow­
jetischen Staatsmacht war durchaus ambivalent.
Und ob seine Huldigungskompositionen nicht
vielleicht doch bereits Karikatur sind, ist bis heute
umstritten. Zweifellos aber gehört sein 8. Streich­
quartett zu den ergreifendsten Werken überhaupt.
Und wie die Berlages die abrupten Wechsel zwischen erschütternder Klage und ekstatischem
Rhythmus gestalten, macht diese hochauflösend
vibrierende Super Audio CD zu einem unvergesslichen ja schier atemberaubenden Erlebnis.
Lisa Eranos
„In Search of Freedom“ Werke von
Hanns Eisler, Kurt Weill, Arvo Pärt,
Erwin Schulhoff, Dmitri Schostakowitsch
Vineta Sareika, Violine
Berlage Saxophone Quartet
MDG 903 1999-6 (Hybrid-SACD)
Außerdem erschienen:
„SaxoFolk“ Werke von
Farkas, Pierné, Grieg, Schulhoff,
Mussorgsky, Ligeti, Piazzolla, Albeniz
Berlage Saxophone Quartet
MDG 903 1834-6 (Hybrid-SACD)
Ausgabe 2017/2
17
CLASS : aktuell
Effektvolles Feuerwerk
Die Klarinettenquintette von Heinrich Baermann
www.ritakarinmeier.ch
A
ls Carl Maria von Webers Inspirationsquelle ist Heinrich Baermann heute
durchaus bekannt. Der berühmte Virtuose, dem Weber alle seine Klarinettenkonzerte auf das Blatt komponierte, griff auch
immer wieder selbst zur Feder – und das mit
beachtlichem Erfolg. Mehrere Dutzend Werke
sind überliefert. Rita Karin Meier und das Belenus
Quartett widmen sich den drei Quintetten für
Heinrich Baermann (1784-1847)
Klarinettenquintette op. 19, 22 & 23
Rita Karin Meier, Klarinette
Belenus Quartett
MDG 903 1988-6 (Hybrid-SACD)
Klarinette und Streicher, die das vielgerühmte
kantable Spiel ebenso wie die legendären virtuosen Fähigkeiten Baermanns aufs vorzüglichste
zum Leben erwecken.
Besonders im f-Moll-Quintett op. 22 ist die
Nähe zu Weber nicht zu überhören. Schon der
ungestüme Beginn der Streicher, der das sehnsuchtsvoll-drängende Allegro non troppo einleitet, ist Romantik pur. Und die großartige Opernszene des zweiten Satzes bietet Rita Karin Meier
die besten Gelegenheiten, ihren wundervoll
warmen Ton in allen nur erdenklichen Schattie-
18
Ausgabe 2017/2
rungen zu präsentieren. Eine bemerkenswerte
Berühmtheit erlangte das Adagio des auch heute
noch recht häufig zu hörenden Quintetts op. 23:
Nach seiner Wiederentdeckung 1922 wurde es
zunächst als ein Werk Richard Wagners angesehen – wenn das kein Ausweis für Qualität ist!
Dass Bärmann auch aberwitzig virtuose Partien für sein Instrument komponierte, dürfte kaum
überraschen. Besonders in den Schlusssätzen
zündet er ein wahres Feuerwerk an Effekten, das
dem Publikum den Atem stocken lässt. Vor allem
das Rondo aus op. 19 hat es in sich: Schon das
Ritornell mit seinen quirligen Triolenketten verlangt der Solistin das Äußerste ab. Und wenn dann
die Klarinette durch sämtliche Lagen und Register rauscht, hält es niemanden auf den Sitzen!
Auch wenn die Klarinette ganz eindeutig im
Brennpunkt ist, gelingt es Bärmann die vier
Streicher so einzubeziehen, dass echte Kammermusik entsteht. Die ist beim Belenus Quartett
bestens aufgehoben: Das junge Schweizer Ensemble harmoniert ausgezeichnet mit Rita Karin
Meiers Klarinettenspiel, wohl nicht zuletzt auch
dank gemeinsamer Erfahrungen aus der Zürcher
Oper. Klangtechnisch als hochauflösende Super
Audio CD in dreidimensionaler Klangwiedergabe
produziert, wird diese äußerst unterhaltsame
Produktion zu reinem Musikgenuss.
Klaus Friedrich
Foto: R. K. Meier © Raphael Zubler, Belenus Quartett © Angelika Annen
www.belenusquartett.ch
CLASS : aktuell
Ein kammermusikalisches Juwel:
Das Klaviertrio
Teil 2: Von der Frühromantik ins 19. Jahrhundert
MDG 342 1166-2
Franz Schubert (1797-1828)
N
achdem die Wiener Meister Haydn, Mozart und
Beethoven das Klaviertrio zu einer ersten Blüte ge­
führt hatten, war es Franz Schubert, der das noch
junge Genre in die Welt der Romantik führte.
Ein seliges Träumen
Erst gegen Ende seines Lebens wandte sich Schubert
dem Klaviertrio zu. Einen äußeren Anlass – etwa in Form
eines Kompositionsauftrages – schien es nicht zu geben,
lediglich die Begeisterung für die außergewöhnliche
Besetzung, mit der Beethoven einst debutierte...
Bis zu seinem 30. Lebensjahr komponierte Schubert
mit Vorliebe Streichquartette. Gemischte kammermusi­
kalische Besetzungen sind bei ihm rar. Sein erstes Klavier­
trio entstand 1827, also ein Jahr vor seinem frühen Tod.
Ob für die Entstehung von D 898 ein konkreter Anlass
bestand oder ob Schubert das Trio mit Blick auf die
einschlägigen Kataloge verfasste, ist bis heute nicht ge­
klärt. Es deutet aber viel darauf hin, dass es im direkten
zeitlichen Umfeld mit dem „Notturno“ entstand, dessen
Autograph und Entstehungsdatum überliefert sind.
Robert Schumann schwärmte von den Werken sei­
nes Komponistenkollegen wie ein Werbetexter unserer
Tage. Für ihn war das B-Dur-Trio ganz und gar „leidend,
weiblich und lyrisch“. Schon der erste Satz sei so
„anmutig, vertrauend, jungfräulich“, das Adagio gar
„ein seliges Träumen, ein Auf- und Niederwallen schön
menschlicher Empfindung“.
Nur wenige Wochen nach Beginn des Musikunter­
richts beim Hofkapellmeister Antonio Salieri entstand
zwischen dem 27. Juli und dem 28. August 1812 ein
einzelner, „Sonata“ überschriebener Klaviertrio-Satz in
B-Dur (D 28). Bemerkenswert an dieser frühen Kom­
position ist allerdings weniger die bereits erkennbare
eigene musikalische Sprache, als vielmehr die unge­
zählten nachträglichen Korrekturen, mit denen der
15jährige das Autograph in die Welt entließ.
Ganz anders Schuberts Klaviertrio Es-Dur (D 929) –
ein Werk aus der Spätzeit des Komponisten, das gleicher­
maßen exzellente wie erfahrene Interpreten erfordert:
Das Wiener Klaviertrio gestaltete mit diesem Werk sein
exklusives MDG-Debüt (MDG 3421167-2). Als „Zugabe“
dieses Vol. 1 der Gesamteinspielung hören wir zum
ersten Mal hier die beiden Urtext-Varianten des EsDur-Trios, die durch verlegerische Ungenauigkeiten
bis dato verschüttet waren. Die Sorgfalt, mit der die
Musiker bei der Vorbereitung der Aufnahmen zu Werke
gehen, schließt die philologische Kontrolle der auto­
graphen Partituren grundsätzlich ein – in diesem Fall
stellte die Wiener Nationalbibliothek die wertvollen
Handschriften zur Verfügung.
Den ungewöhnlichen Anspruch des Werkes erfassten
die gebildeten Zeitgenossen schon beim ersten Anhören.
Der Korrespondent der Leipziger Allgemeinen musika­
lischen Zeitung: „Kein gewöhnlicher Geist spricht uns in
ihm an; es ist neu, eigenthümlich, großartig, seltsam,
stechend, kräftig und zart; kein Geklimper: Musik.“
Schubert probierte seine Kompositionen aus: In
„Privatkonzerten“, die vom Geiger Schuppanzigh ver­
anstaltet wurden, kam sein Trio am 28. Januar 1828
zur Aufführung. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit
fanden diese Schubertiaden allerdings längst nicht
mehr statt: Die Verleger schickten ihre Späher – schon
bald „biss“ einer an: Als „Opus 100“ erschien das Trio
wenige Monate später in Leipzig.
Bis heute gehört das B-Dur Klaviertrio (D 898) von
Franz Schubert zu den bekanntesten, aber auch
schwierigsten Werken dieser bei Schubert so seltenen
Gattung. Das junge deutsch-tschechische Max-BrodTrio hat dieses kammermusikalische Schwergewicht
für Audiomax aufgenommen (Audiomax 703 1608-2).
Ausgabe 2017/2
19
MDG 342 1167-2
Audiomax 703 1608-2
MDG 303 0921-2
MDG 303 0922-2
CLASS : aktuell
Robert Schumann
(1810 -1856)
Concerto CD2065
Das Forschen bricht
sich Bahn
Kaleidos KAL63312
MDG 303 1241-2
Wir hatten schon darauf hingewiesen: einer der
glühendsten Verehrer Schubertscher Klaviertrio-Kunst
war Robert Schumann. Der komponierte seine eigenen
Trios erst, nachdem er sich intensiv und erfolgreich mit
Liedern und Sinfonien auseinandergesetzt hatte. Doch
schon während der Arbeit an seinem ersten Klaviertrio
begann er bereits ein zweites und drittes – seine Haus­
haltsbücher aus dieser Zeit enthalten immer häufiger
die Eintragung „Triogedanken“.
Schumann wurde von zeitgenössischen Kritikern den
großen Entdeckern der Zeit gleichgesetzt: Angesichts des
Klaviertrios d-Moll op. 63 schrieb die Neue Zeitschrift
für Musik 1848: „Hier und dort treibt die Schöpferkraft
des Meisters unablässig vorwärts nach neuen Richtun­
gen, das Forschen bricht sich Bahn in ferne Regionen,
erspäht werthvolle Schätze, erbeutet sie sicher ...“
Ein Jahr später erschienen Robert Schumanns sel­
ten gespielte Phantasiestücke. Der berühmte Biograph
Hermann Abert charakterisiert die humorvollen, traum­
haften, ebenso liebenswürdigen wie geistvollen Beiträge
zur Kammermusik zu recht als „Studien über allerhand
Spezialitäten des romantischen Geistes.“
„Zwar haben wir es mit keinem so gewaltigen Pro­
ducte wie es der Autor in seinem ersten Trio (d-Moll)
bietet, zu tun, aber mit einem viele kostbare Kleinodien
in sich bergenden Stück.“ Clara Schumann, die das
zweite Trio besonders schätzte, war verärgert über das
diffenzierte Echo – Der Rezensent hatte die satztechni­
sche Raffinesse in der Tat wohl überhört.
Der Aufenthalt Schumanns in Leipzig Mitte März
1852 sollte sein letzter werden: In einer „musikali­
schen Morgenunterhaltung“ stellte der von Krankheit
gezeichnete Schumann sein neues, drittes Trio vor, das
von der Kritik schulterzuckend aufgenommen wurde.
Heute ist es kaum vorstellbar, dass man mit dem genialen
Werk damals nichts anzufangen wusste. Schumann und
Ersteinspielung? Das Trio Parnassus führt mit seiner Ge­
samtveröffentlichung des Schumannschen KlaviertrioSchaffens überraschenderweise auch in kammermusi­ka­
lisches Neuland (MDG 303 0921-2 und MDG 303 0922-2).
Eine kongeniale Bearbeitung von Theodor Kirchner
rettet eine Komposition vor dem Vergessen: Der Schu­
mann-Schüler ersetzt in den Studien op. 56 den längst
ausgestorbenen Pedalflügel durch das Klaviertrio. Auch
die Bilder aus Osten op. 66 sind für uns heute eine Reise
ins Unbekannte: Schumanns fünf prägnante Charakter­
stücke – bei Lesen arabischer Erzählungen entstanden
– zählten im 19. Jahrhundert zu seinen bekanntesten
Werken und erlebten zahlreiche Bearbeitungen. Die hier
erstmals eingespielte Fassung der ursprünglich vierhän­
dig gesetzten Bilder, greift den Hausmusikgedanken
auf, dem das Original verpflichtet ist, und sind auch
heute gehört mitreißende Triowerke.
Das Trio di Parma erweitert auf dem Doppelalbum
Concerto CD2065 den Blick auf Schumanns kammer­
musikalische Welt ebenfalls; zu den Klaviertrios treten
die „Phantasiestücke“ op. 88 und die „Sechs Stücke in
kanonischer Form op. 56“.
Eine Klammer zwischen Schubert und Schumann
schafft eine Einspielung des mehrfach preisgekrönten
Morgenstern Trios, die Schuberts 2. Trio op. 100 mit
Schumanns 1. Trio op. 63 verbindet (Kaleidos KAL63312).
BIS-SACD-2109
Audiomax 903 1793-6
(Hybrid – SACD)
MDG 303 0805-2
MDG 303 0806-2
20
Ausgabe 2017/2
Felix Mendelssohn Bartholdy
(1809-1847)
CLASS : aktuell
Beim Schubert-Trio hat sich das Morgenstern Trio für die ursprüngliche
Fassung ohne die vielfach üblichen Kürzungen entschieden (einzig die
Wiederholung der Exposition wird nicht gespielt), wodurch der 4. Satz
seine monumentale Länge behält.
Das Meistertrio der Gegenwart
Hochaufstrebender Künstler der
jüngsten Zeit
Ebenfalls der Stadt Leipzig verbunden war ein heute Vergessener:
Woldemar Bargiel (1828-1897). Das Trio Parnassus schließt daher
mit der Erstveröffentlichung der Klaviertrios von Woldemar Bargiel
eine Lücke (MDG 303 0805-2, MDG 303 0806-2).
„ S 22
Fingerprints
J. S. Bach: Chromatische Fantasie und Fuge d-moll BWV 903
Wolfgang Amadeus Mozart: Klaviersonate F-Dur KV 332
Ludwig van Beethoven: Klaviersonate C-Dur op. 53 „Waldstein“
Alexander Skrjabin: Albumblatt Es-Dur op. 45/1
Claude Debussy: Etude No 11 „Pour les arpèges composés“
Maurice Ravel: La Valse | Wang Jianzhong: Liuyang River
Haiou Zhang, Klavier
hänssler Classic HC17022
Musikalische
Fingerabdrücke
M
it einem sehr persönlichen Album präsentiert der chinesische
Pianist Haiou Zhang sein bereits drittes Album bei Hänssler
Classic. „Meine neue CD Fingerprints enthält Kompositionen
verschiedener Stil-Richtungen und Epochen; so unterschiedlich die
Werke auch sind – sie haben eines gemeinsam: Mit jedem dargebotenen
Stück verbinde ich großartige, mitunter berührende. Konzerterlebnisse.
Jedes Stück habe ich mindestens 50 mal weltweit vorgetragen. Diese
vielschichtigen Konzerterfahrungen sind nun auf CD gebündelt und die
Aufnahmen, die in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin eingespielt und
aufgezeichnet wurden, enthalten für mich die musikalischen Essenzen,
die Tonbilder zum Leben erwecken.“
Die CD eröffnet ein Spektrum von Bach bis China – mit jedem
Stück sieht der junge Ausnahmepianist einen besonderen Bezug zu
seiner musikalischen Karriere – und so kann der Titel Fingerprints
durchaus auch doppeldeutig stehen, nämlich auf der einen Seite für
die Beweisführung einer bis dato gelungenen und sehr erfolgreichen
musikalische Laufbahn und auf der anderen Seite für eine unverwech­
selbare Werke-Deutung. Manuela Neumann
Ausgabe 2017/2
21
Foto: © J. Krueger-M.
Robert Schumann verweist uns (biographisch) nach Leipzig. In
keiner anderen Stadt als Leipzig hätte Felix Mendelssohn Bartholdy
derartige Erfolge feiern können: Seine Klaviertrios spiegeln auf Schritt
und Tritt die klassisch-humanistischen Ideale ihres Schöpfers wieder.
Mendelssohn vereinigte Gefühl und Geist – ganz so, wie es die an­
spruchsvolle und hochgebildete Öffentlichkeit Leipzigs verlangte. Kunst
war nicht mehr ein oberflächliches Vergnügen, sondern wurde mit
Verstand und Vernunft verbunden.
Die Uraufführung des d-Moll-Trios fand am 1. Februar 1840 im
Rahmen einer „Musikalischen Abendunterhaltung“ in Leipzig statt.
Der als Kritiker gefürchtete Robert Schumann bezeichnete das Stück
als „das Meistertrio der Gegenwart“ und Mendelssohn als den „Mozart
des 19ten Jahrhunderts“ – umgehend eroberte das Werk die Salons
und die Konzertsäle der Welt. Wie viel Mendelssohn an dieser Entwick­
lung gelegen war, zeigt die Tatsache, dass er alle Störungen, und seien
sie noch so lukrativ, bei der Arbeit an seinen Streichtrios absagte: im
Jahre 1845 sogar eine Einladung in die Carnegie-Hall New York („Das
ist ja so weit wie eine Reise zum Mond!“). Mendelssohn wollte beim
Komponieren Ruhe: „sans Reise, sans Musikfest, sans everything“.
1845, zeitgleich mit dem „Elias“ entstanden, befasst sich auch das
letzte zum Druck freigegebene Kammermusikwerk Mendelssohns mit
religiösen Themen. Ein freier Choral, der an „Vor deinen Thron tret
ich hiermit“ erinnert, tritt am Schluss hinzu – bemerkenswert für eine
Kammermusikkomposition, und für Mendelssohn, dem letzte Gewiss­
heiten in Glaubensdingen fremd waren, aber zugleich Ausdruck ro­
mantisch-sehnsüchtigen Suchens. Mendelssohns erstes Trio wurde
von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen und eroberte sich
sofort einen festen Re­per­toireplatz in der noch jungen bürgerlichen
Hausmusik. Schumann bezeichnete Mendelssohn in seiner euphori­
schen Rezension als „Mozart des 19. Jahrhunderts“.
Das Trio Parnassus entführt mit seiner Gesamtveröffentlichung des
Mendelssohnschen Klaviertrio-Schaffens (MDG 303 1241-2) in eine bes­
sere Welt – in die des ungebrochenen Schönheitsideals. Wen wun­dert
dies bei einem Ensemble, dessen bisher erschienene musikalische
„Reiseberichte“ vom internationalen Publikum mit größtem Interesse
verschlungen wurden. Die Einspielung des Sitkovetsky-Trios auf BISSACD-2109 steht dem in Nichts nach.
Und noch einmal Mendelssohn: Voll jugendlichem Elan und virtu­
osem Esprit zaubern die jungen Musiker des Trio Alba eine frische
Mendelssohn-Deutung auf die Bühne, eine Super Audio CD im besten
2+2+2 Sound, die in ihrem mitreißendem Schwung und audiophilen
Klang rundum begeistert (Audiomax 903 1793-6).
CLASS : aktuell
Woldemar Bargiel
(1828-1897)
MDG 303 1665-2
MDG 303 0655-2
MDG 303 0656-2
MDG 303 0657-2
MDG 942 1962-6 (Hybrid-SACD)
Die Familie Bargiel gehörte zur haute volaute
der Berliner und Leipziger Musikkultur, was schon an
den verwandtschaftlichen Bindungen abzulesen ist:
Woldemar Bargiels Mutter war mit dem Vater von Clara
Schumann verheiratet, die weltberühmte Pianistin also
seine Halbschwester. Bargiel hatte eine Ausbildung von
exquisiter Qualität: Er sang als Knabe im berühmten
Berliner Domchor und erhielt schon früh Komposi­
tionsunterricht bei keinem geringeren Musiktheorie­
lehrer als Siegfried Wilhelm Dehn. Durch Vermittlung
von Robert Schumann kam er an das weltberühmte
Leipziger Konservatorium und studierte bei den
„Päpsten der Kompositionslehre“ Ignaz Moscheles und
Moritz Hauptmann.
Bargiels professorale Karriere führte vom Kölner
Konservatorium über Rotterdam nach Berlin, wohin ihn
Joseph Joachim an die Hochschule holte. Von dort aus
arbeitete er mit Brahms an der Chopin- und SchumannGesamtausgabe. Und die Musik Bargiels begeisterte
um die Mitte des Jahrhunderts nicht nur das Konzert­
publikum, sondern auch die Fachwelt. Er wurde von
Schumann in dessen berühmten Aufsatz „Neue Bahnen“
in einem Atemzuge mit Johannes Brahms genannt – als
„hochaufstrebender Künstler der jüngsten Zeit“. Seine
klangschönen, zuweilen harmonisch kühnen Komposi­
tionen brachten Schumann dazu, sich für eine Druck­
legung des Trios op. 6 einzusetzen. 1852 schrieb Schu­
mann an seinen Verleger: „Wie steht es mit dem Trio von
W. Bargiel? Ich glaube, Sie haben kein Risiko dabei!“
Noveletten in
Schumann-Tradition
Leipzig, immer wieder Leipzig als eine der zentralen
Musikstädte im 19. Jahrhundert. Auch der Däne Niels
Wilhelm Gade (1817-1890) wurde von dieser Stadt ge­
prägt, in der er sich 1843 aufhielt. Hier fand er An­
schluss an die Kreise um Mendelssohn und Schumann,
hier wurde seine 1. Sinfonie uraufgeführt, und er durfte
das Gewandhausorchester dirigieren. Von Leipzig aus
unternahm Gade eine Europareise und kehrte erst 1848
nach Kopenhagen zurück, um in seiner Heimatstadt den
Musikverein zu beleben und ein Konservatorium zu
gründen, dessen Direktor er bis zum Lebensende blieb.
MDG 303 1615-2
MDG 303 1755-2
22
Ausgabe 2017/2
Niels Wilhelm Gade
(1817-1890)
Nur ein Scherzo zeugt von der ersten KammermusikKomposition des 19-jährigen Geigers, der eigentlich
ein Klavierquartett schreiben wollte. Drei Jahre später
versuchte sich Gade erstmals an einem Trio. Über den
ersten, äußerst gelungenen Satz kam er jedoch nicht
hinaus. Der Durchbruch gelang ihm 1853, nach Rück­
kehr aus Leipzig. Er komponierte fünf Sätze für ein
Klaviertrio und nannte sie in bester Schumann-Tradition
„Noveletten“. Es ist interessant, wie das Trio Parnassus
den kompositorischen Ablauf in seiner Einspielung
(MDG 303 1665-2) erhellt, indem es auch den ursprüng­
lich vorgesehenen Schlusssatz aufgenommen hat. Mit
dem einzigen echten Klaviertrio gelang Niels Wilhelm
Gade 1862/63 zugleich seine reifste Komposition über­
haupt. Das F-Dur-Trio hat vier Sätze mit dem Scherzo an
zweiter Stelle. Nicht nur das in hellsten Farben erstrah­
lende, orchestrale Finale bietet den drei Musikern eine
optimale Gelegenheit, ihre mehrfach prämierte Spitzen­
klasse erneut unter Beweis zu stellen.
Meister der himmlischen
Längen
Ein Meister großformatiger und gleichzeitig groß­
artiger Kammermusik war Johannes Brahms. Kein Genie
hat so rigoros Skizzen vernichtet wie er: Das überbor­
dende Talent ließ den pubertierenden Jugendlichen
komponieren, was das Zeug hielt: Brahms schrieb
mindestens 150 Werke vor seinem op. 1 und tapezierte
damit sein Zimmer. Als er dann mit 20 Jahren durch
die Bekanntschaft mit Schumann ins Scheinwerferlicht
der Öffentlichkeit katapultiert wurde, schämte er sich
seiner „Jugendsünden“ und vernichtete Frühwerke, Skiz­
MDG 942 1512-6 (Hybrid-SACD)
CLASS : aktuell
zen und Frühstadien seiner Werke restlos: das H-Dur-Trio überlebte,
weil es „aus Versehen“ schon gedruckt war.
Brahms straffte 35 Jahre später sein op. 8 und nahm ihm den jugend­
lich-schwärmerischen Tonfall; die heute äußerst selten zu hörende
Frühfassung erhält selbst in den identischen Passagen durch andere
Tempi eine ungeahnte Frische und besticht durch seine „himmlische
Länge“ und eine deutlich konzentrierte Anlage. An seinen Verleger
kommentierte Brahms die Revision, gewohnt maliziös: „…dass das alte
zwar schlecht ist, ich aber nicht behaupte, das neue sei gut!“ Dabei gehört
schon das Anfangsthema zum Schönsten, was der junge Komponist je zu
Papier gebracht hat, und das Scherzo fand der erfahrene Altmeister dann
offenbar doch nicht so schlecht: es ist nahezu unverändert übernommen.
Kurios: Da Brahms‘ Freund und Geiger Joseph Joachim es nicht leiden
konnte, zu lange auf seinen ersten Einsatz warten zu müssen, kompo­
nierte der junge Brahms für den Beginn ein paar kommentierende
Einwürfe für die Violine hinzu. Später nahm er auf derartige Künstler­
befindlichkeiten keine Rücksicht mehr, und so entfaltet das Cellothema
des Anfangs seine Pracht jetzt ganz ungestört. 30 Jahre brauchte Brahms
dann, um ein zweites Klaviertrio zu beginnen; in vermeintlich schlichtem
C-Dur eröffnet op. 87 tiefe Abgründe, die immer wieder von grandiosem
Leuchten abgelöst werden. Das c-Moll-Trio op. 101 ist „leidenschaftlich,
aber maßvoll“ (wie eine Freundin von Brahms bemerkte) – auf das
Wesentliche konzentriert. Und Clara Schumann gab zu: „Noch kein
Werk von Johannes hat mich so ganz und gar hingerissen ...“
Bei ihrer auf drei CDs herausgegebenen Gesamteinspielung sämt­
licher Klaviertrios von Brahms (MDG 303 0655-2, MDG 303 0656-2,
MDG 303 0657-2) geht das Trio Parnassus editorisch einen besonde­
ren Weg: Es flankiert die großen Trios mit einer Rarität, die in keiner
Sammlung fehlen darf: die Bearbeitung der Streichsextette op. 18 und 36
für Klaviertrio von Theodor Kirchner.
Die Komponisten Theodor Kirchner und Brahms verband eine lange
Freundschaft. Kirchner, der mit seinen Klavierkompositionen unzählige
Schmuck­stücke schuf, entdeckte in den großen, zugleich filigranen Kom­
positionen seines berühmteren Zeitgenossen eine Wesensverwandtschaft,
die zu Bearbeitungen geradezu herausforderte: Kirchner wurde zum
Lieblings-Arrangeur von Brahms, und seine Bearbeitungen erreichten
gegen Ende des 19. Jahrhunderts traumhafte Druckauflagen. Kirchners
Bearbeitung vom Sextett op. 18 für Streichtrio ist ein wichtiger Zeitzeuge
– ein Beleg dafür, dass man es im
letzten Jahrhundert mit der Original­
treue nicht päpstlicher als der Papst
hielt: Kein Wunder, daß der pro­
testantische Brahms angesichts der
Kirchnerschen Bearbeitung die Chan­
ce sah, sein Werk in einem neuen,
faszinierenden Licht zu sehen. Auch
Kirchners Arrangement vom Sextett
op. 36 ist meisterhaft – so genial,
dass Brahms im typischen Under­
statement bemerkte, solche Ausga­
ben „können sogar einen miserablen
Komponisten noch zu was machen“.
„ S 24
George
Enescu
und seine
französischen
Zeitgenossen
Luiza Borac ist für ihre Neigung zu George Enescu bekannt:
2014 promovierte die Pianistin mit der Forschung über das
Klavierwerk George Enescus und erhielt summa cum laude an
der Musik Universität Bukarest im Bereich Musikwissenschaft.
Nun präsentiert sie bei Profil ein Doppelalbum, das
durchaus als Widmung zu verstehen ist.
B
is dahin wurde die Bedeutung des rumänischen Komponisten,
Violinvirtuosen, Pianisten, Dirigenten und Musikpädagogen
George Enescu für die Kultur seiner zweiten Heimat, Frankreich,
nur beiläufig wahrgenommen. Zusammen mit dem Bildhauer Constantin
Brancusi, dem Schriftsteller Tristan Tzara, dem Maler Marcel Janco,
die beide massgeblich zur Entstehung des 1916 in Zürich begründeten
und 1920 in Paris weiterentwickelten Dadaismus beitrugen, bildet
Enescu eine der wichtigsten rumänischen Stützen des Kulturaustausches
in der französischen Metropole.
Im Gegensatz zu seinen ebenfalls in Paris ansässigen Landsleuten
Stan Golestan und Filip Lazăr, der 1928 Mitbegründer der progressiven
Kammermusikgesellschaft „Triton“ wurde, übte Enescu einen nachhal­
tigen Einfluss auf das Musikleben der Seinestadt aus. Als prägende Vor­
bilder wirkten zur selben Zeit auch die rumänischen Pianisten Clara
Haskil und Dinu Lipatti. Schon 1895 nach Paris übersiedelt, setzte sich
Enescu als Dirigent besonders für Claude Debussy, Paul Dukas, Gabriel
Fauré, Edouard Lalo und Maurice Ravel ein. Manuela Neumann
Inspirations & Dreams
Enescu, Ravel, Debussy, Mihalovici, Schumann
Opus Magnum – Transkriptionen
Luiza Borac, Klavier
Johannes Brahms
(1833 – 1897)
Profil Edition Günter Hänssler PH17000
Ausgabe 2017/2
23
CLASS : aktuell
Benjamin Godard (1849 -1895)
und Léon Boëllmann (1862 -1897)
BIS-SACD-2059
In einer Einspielung auf Super Audio CD in drei­
dimensionaler 2+2+2-Wiedergabe (MDG 942 1962-6)
präsentiert das Wiener Klaviertrio das erste Volume sei­
ner neuen Gesamteinspielung, die als Resüme einer fast
30-jährigen Bühnenpräsenz gelten kann. Besonders das
elfengleiche Scherzo hat es in sich; eine lohnende Auf­
gabe für Stefan Mendl, der mit seinen Wiener Kollegen
auf dem ehrwürdigen Steinway D „Manfred Bürki“ einen
geisterhaften Spuk zelebriert, dass einem der Schauer
über den Rücken läuft.
Entzückend und ohne zu
zögern empfehlenswert
Audiomax 703 1682-2
MDG 342 1261-2
MDG 342 1262-2
Werfen wir nun einen Blick über die Grenzen
Deutschlands und wenden uns zunächst nach Paris.
Auch dort konnte das Trio Parnassus einen wertvollen
Schatz heben: Die Klaviertrios von Benjamin Godard
(1849 -1895) (MDG 303 1615-2). Die Klaviertrios des
Komponisten waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts
in den europäischen Salons äußerst populär und ge­
fragt. Der englische Kammermusik-Papst Walter Wilson
Cobbett adelte die Werke vor 100 Jahren sogar als
„entzückend und ohne zu zögern empfehlenswert“.
Über Benjamin Godard ist selbst in der einschlägigen
Literatur wenig bekannt. Er stammt aus gutsituiertem
Pariser Elternhaus und wurde als Wunderkind berühmt.
Schon früh begann er mit dem Violinunterricht. 1865,
mit 16 Jahren, schrieb er seine erste Sonate für Geige und
Klavier. Godard zählte zur Jeune Académie Française,
deren Mitglieder in ihre Werke einen französischen
Tonfall einbringen wollten. Europaweit hat sich Godard
einen Namen als hervorragender Sinfoniker und Opern­
komponist gemacht. Höchste Ehren wurden ihm zuteil,
als er 1887 als Professor ans Pariser Conservatoire
berufen wurde. Sicherlich würde er in der Musikge­
schichte eine größere Rolle spielen, wenn er nicht im
frühen Alter von 45 Jahren gestorben wäre.
Godards Klaviertrios aus den Jahren 1880 und 1884
sind zur Aufführung in den bürgerlichen Salons gedacht
und erfreuten sich vor allem dort einer großen Beliebt­
heit. Lyrische Abschnitte wechseln in den Werken mit
hochdramatischen Einfällen. Die Virtuosität und der
Klangsinn der Instrumentalisten werden aufs Höchste
gefordert. Als hübsche Dreingabe enthält diese Aufnahme
die Berceuse aus der Oper „Jocelyn“, ein so raffinierter
Einfall, dass sie als ständiges Repertoire in zahllosen
Bearbeitungen auch heute immer wieder zu hören ist.
Weit mehr als nur eine
Suite Gothique
Concerto CD2078
Auch ihm war nur ein kurzes Leben beschieden:
Léon Boëllmann (1862 -1897). 160 Werke hat er in die­
ser kurzen Spanne geschaffen, doch nur die grandiose
„Suite Gothique“ für Orgel konnte sich im Konzertbetrieb
behaupten. Dabei gibt es unschätzbare Kostbarkeiten zu
24
entdecken: Das Trio Parnassus präsentiert, unterstützt
von Gérard Caussé an der Viola, drei Kammermusik­
werke des französischen Spätromantikers, die sich hinter
den Schöpfungen seiner Freunde Saint-Saëns oder Fauré
nicht zu verstecken brauchen (MDG 303 1755-2).
1862 im Elsass geboren, wuchs Boëllmann im po­
litischen wie kulturellen Spannungsfeld zwischen dem
sich gerade konstituierenden Deutschen Reich und der
Grande Nation auf. Auch wenn sich die Familie für die
französische Seite entschied, sind die Einflüsse der deut­
schen Nachbarn in seiner Musik unüberhörbar, die
Romantiker haben deutliche und wohltuend schwelgeri­
sche Spuren hinterlassen. Aber auch das Französische
lässt sich nicht verleugnen, was die Pariser Zeitgenossen
zu schätzen wussten: Das klanglich ungemein reizvolle
Klaviertrio op. 19, rhythmisch raffiniert und von über­
raschend individueller Form, wurde von der Société des
Compositeurs ausgezeichnet, ebenso das groß ange­
legte Klavierquartett, das in seinen ersten drei Sätzen
einen gewaltigen emotionalen Bogen spannt, der von
einem energiegeladenen Finale gekrönt wird.
Zum Andenken an einen
groSSen Künstler
Wechseln wir nun die Richtung und wenden uns
gen Osten, nach Prag und nach Moskau. Die Klaviertrios
von Smetana und Tschaikowsky präsentiert das Wiener
Klaviertrio auf der Hybrid - SACD MDG 942 1512-6.
Innerhalb von nur zwei Monaten schrieb Smetana sein
Trio in g-Moll op. 15, bei dessen Uraufführung in Prag
am 3. Dezember 1855 er selbst am Klavier saß. Publi­
kum und Kritiker rea­gierten kühl, doch Franz Liszt war
voll des Lobes für dieses Werk, das Smetana auch im
hohen Alter noch spielte, als er bereits völlig ertaubt
war. Sein privates Geheimnis: Er hatte in dem Werk seine
Trauer um seine früh verstorbene Tochter verarbeitet.
Nur durch Zufall erfuhr Peter Tschaikowsky im
Herbst 1881 vom Tod seines Förderers und Mentors
Nikolaj Rubinstein. In tiefer Trauer komponierte er das
Trio in a-Moll op. 50, dem er ausdrücklich den Un­ter­
titel „à la mémoire d’un grand artiste“ gab. Obwohl
nur zwei Sätze, erreicht das Werk mit ca. 45 Minuten
wahrhaft sinfonische Ausmaße.
Auf seiner bei BIS erschienenen Einspielung (BISSACD-2059) kombiniert das Sitkovetsky-Trio Smetanas
op. 15 mit dem 3. Trio aus der Feder von Dvořák. Die
beiden großformatigen Trios werden hier ergänzt
durch die 1902 geschriebene einsätzige „Elegie“ aus
der Feder von Josef Suk, Student bei Antonín Dvořák
und später sein Schwiegersohn.
Ausgabe 2017/2
CLASS : aktuell
Früher Meister der
entwickelnden Variation
Sehnsuchtslieder
Außer im Operngesang ist Giorgos Kanaris auch im
Liedbereich tätig. Zusammen mit dem Dirigenten
und Pianisten Thomas Wise hat er zahlreiche Liederabende
mit Werken, wie Schumanns Dichterliebe, Liederkreis,
Schuberts Schwanengesang und Winterreise sowie Lieder
von R. Strauss und Pfitzner gestaltet. Nun legt das Duo
eine neue Aufnahme bei Hänssler Classic vor.
W
o immer im Bereich der Kunst eine Definition im Sinne von
Abgrenzung versucht wird, wird die Abgrenzung selber zur
Kunst, manchmal sogar künstlich. Die Musik bildet da keine
Ausnahme, und die musikalische Gattung des Kunstliedes erst recht nicht.
Definition im Sinne von Einschließen macht die Sache einfacher.
Ohne Frage zählen die beiden Liederzyklen auf dieser CD als Kunstlieder.
Ludwig van Beethoven (1770 -1827) schrieb sein Opus 98 im Jahre 1816,
die Musikwissenschaft bezeichnet „An die ferne Geliebte“ meist als
ersten Liederzyklus überhaupt. Franz Schubert (1897-1828) schrieb
seinen „Schwanengesang“ in seinem Todesjahr 1828, die Lieder wurden
erst postum als Sammlung herausgegeben.
Interessant ist nun, dass die Bezeichnung Kunstlied erst einige Zeit
nach dem Tode der beiden Komponisten vom Musikschriftsteller, Kapell­
meister und Komponisten Carl Koßmaly (1812-1893) im Jahr 1841
eingeführt wurde. In Abgrenzung zu Volkslied und Kirchenlied. Diese
beiden haben eine bis weit in die Vorgeschichte reichende Tradition,
als Texte und Melodien nur mündlich weitergegeben wurden. Die An­
fänge des Kunstliedes als von einem namentlich bekannten Komponisten
vertonte Lyrik eines namentlich bekannten Textdichters reichen wohl
bis zur Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert zurück, wo auch die Ur­
sprünge der neuzeitlichen, westeuropäischen Oper zu suchen sind.
Aber natürlich reichen die Wurzeln tiefer, man denke nur an die Minne­
lieder des hohen Mittelalters. Manuela Neumann
Ausgabe 2017/2
Franz Schubert
Schwanengesang
D 957
Ludwig v. Beethoven
An die ferne Geliebte
op. 98
Giorgos Kanaris, Bariton
Thomas Wise, Klavier
hänssler Classic
HC16080
25
Fotos: © G. Kanaris: Thilo Beu, Theater Bonn; T. Wise: Felix Wise
Nun zu einem der ganz großen Meister auf dem Gebiet des Klavier­
trios in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Antonín Dvořák.
Mit seinem B-Dur-Trio wollte Dvořák der Musikwelt zeigen, dass
er seine „verrückte Periode“ – wie er sie später selbst bezeichnete –
weit hinter sich gelassen hatte. Nach einem Exkurs als Experimentator
zur so genannten neudeutschen Schule hatte er zu den klassischen Vor­
bilder und deren traditionellen Normen zurückgefunden: Die Balance im
Kleinen wie im Großen läßt sein Trio zu einer ausgewogenen und raffi­
nierten Komposition werden. Mehr noch: Ohne jemals ein Werk von
Brahms kennen gelernt zu haben
(man kannte ihn um 1875 in Prag
noch nicht), entwickelt Dvořák
eine Art der Themenverarbeitung,
die der später von Brahms bis zur
Perfektion gebrachten „entwickeln­
den Varia­tion“ entspricht. Diese
kleinsten, voneinander abgeleiteten
melodischen und rhythmischen
Be­standteile nutzt Dvorák aus, um
sein erstes Klaviertrio komposito­
risch als ein Werk wie aus einem
Guss zu präsentieren. Die Arbeit
an dem Klaviertrio f-Moll op. 65
muss denkbar mühsam vonstat­
ten gegangen sein: Mehrfach hat
Antonin Dvorák (1841-1904)
Dvořák Teile gestrichen und durch
neue ersetzt. Nach dem Tod seiner Mutter und einem gehörigen OpernMisserfolg hatte er den Lebensmut verloren: Trotzig gibt sich die Musik
mit ihrer dramatischen Gestik, ihrem hochexpressiven Ausdruck und
ihren starken Kontrasten. In der Oper hatte man ihm die dramatische
Begabung abgesprochen – mit seinem Trio op. 65 sollte er die Fach­
welt fulminant eines Besseren belehren.
Op. 90 ist kein für das 19. Jahrhundert typisches Klavier-Trio.
Dvořáks Komposition hat sechs statt vier Sätze. Drei davon lässt er „atta
subito“, also direkt miteinander verkettet spielen. Die Harmonie ent­
spricht ebenfalls nicht dem Lehrbuch, denn eine feste Grundtonart lässt
sich nicht ausmachen. Schließlich ist auch von der typischen Sonaten­
hauptsatzform nichts zu spüren. Dennoch gehört das Werk mit dem Na­
men „Dumky“ („Gedanken“) zu den meist gespielten Werken der Klavier­
trio-Literatur. „Dumka“ ist auch die Bezeichnung für ein ukrainisches
Volkslied in schwermütigem, schmerzvollem Ton. Das Dumky-Trio ist
auch sozusagen das Scharnier zwischen zwei Aufnahmen mit Klaviertrios
Dvořáks, denn es ist auf beiden enthalten: einmal die Einspielung des
Max Brod Trios mit den Trios opp. 65 und 90 (Audiomax 703 1682-2)
und zum anderen die Gesamtaufnahme der Klaviertrios durch das Wiener
Klaviertrio mit den Trios opp. 23 und 65 (Vol. 1 – MDG 342 1261-2)
und opp. 26 und 90 (Vol. 2 – MDG 342 1262-2). Eine weitere Gesamt­
einspielung der zwischen 1875 und 1891 entstandenen Klaviertrios
durch das Trio di Parma findet sich auf Concerto CD2078.
Mit Dvořáks Dumky-Trio geht stilistisch und in der Erweiterung, ja
Auflösung der Formensprache der Wiener Klassik längst das Tor auf zu
den aufregenden Entwicklungen im 20. Jahrhundert, denen wir uns im
nächsten Beitrag widmen wollen. Lisa Eranos, A. Rainer
Die Kasseler Musiktage
präsentieren
CLASS : aktuell
„Die Musik ist vom
Leben nicht zu trennen“
Tianwa Yang
D
as Experiment ist geglückt: Kathrin Christians verzaubert das
Publikum mit ihren Flötenkonzerten auf Bühnen in Europa,
Asien und Afrika. Besonders intensiv beschäftigt sie sich mit
selten gespielten Werken der Romantik bis hin zur Neuzeit. Nun legt
die junge Flötistin ihre Debüt-CD bei Hänssler Classic vor. Das Pro­
gramm ist außergewöhnlich, entspricht aber genau dem, was Kathrin
Christians ausmacht. So ist für sie die Biografie eines Komponisten
auch ein Auswahl-Kriterium. Sie sagt: „Die Musik ist vom Leben nicht
zu trennen. Mich haben die Lebensgeschichten immer mehr fasziniert
in meiner Recherche und dann ist da diese nicht zu leugnende Verbin­
dung der drei Komponisten. Weinberg wurde verfolgt, war im Konzen­
trationslager. Seine Biografie wird sehr stark von diesen Erlebnissen
dominiert. Theodorakis war auch in Konzentrationslagern, ist ja ein
höchst politischer Komponist. Dann habe ich erfahren, dass Feld ein
prominentes Stasimitglied war. Ich sehe mich nicht nur als Musikerin,
sondern ich glaube, dass gerade die Musik eine Verpflichtung an
uns richtet, dass wir für andere Menschen eintreten und Werber der
Menschenrechte sind.“ Manuela Neumann
»Lieben Sie Brahms?«
24. – 27. August 2017
Kassel
Foto © Irène Zandel
Tianwa
Yang
Violine
Wen
Xiao
Zheng
Viola
Mikael
Samsonov
Violoncello
Nicholas
Rimmer
Klavier
WWW.FESTIVAL-BEGEGNUNGEN.DE
Jindřich Feld (1925 - 2007)
Concerto per Flauto ed Orchestra (1954)
Mikis Theodorakis (*1925)
Adagio for Solo-Flute, String Orchestra & Percussion
Mieczysław Weinberg (1919 -1996)
Concerto No. 2 Op. 148 bis
Kathrin Christians, Flöte
Württembergisches Kammerorchester Heilbronn (WKO)
Ruben Gazarian
Hänssler CLASSIC HC16099
26
Ausgabe 2017/2
Foto: © Janine Kühn
„Meine Mutter sagte immer, ich sei ein Experiment gewesen“,
erzählt Kathrin Christians lachend. „Sie war fest davon
überzeugt, dass die Gebärmutter das erste Klassenzimmer
des Menschen ist und ließ mich schon in ihrem Bauch
klassische Musik hören.“
Im Blickpunkt
CLASS : aktuell
Kammermusik
Erik Satie (1866-1925)
Franz Liszt (1811-1886)
Distant Friends
Andreas Seidel, Violine
Steffen Schleiermacher, Klavier
MDG 613 2011-2
Was hat Franz Liszt mit Erik Satie
gemeinsam? Der brillante Virtuose und
Magier pianistischer Opulenz mit dem
minimalistischen Klang-Asketen? Steffen
Schleiermacher hat im nahezu unbe­
kannten Spätwerk erstaunliche Paral­
lelen zum etwa zeitgleich entstandenen
Frühwerk des anderen entdeckt. Ge­
meinsam mit Gewandhauskonzertmeis­
ter Andreas Seidel präsentiert er seine
frappanten Erkenntnisse nun dem Pub­
likum – Überraschungen garantiert!
Die Verwandtschaft ist sofort ohren­
fällig: Außerordentlich karg kommen
Liszts späte Klavierstücke daher; Einstim­
migkeit bestimmt über weite Strecken
das Klanggeschehen, und von romanti­
scher Üppigkeit ist nun wirklich nichts
mehr übriggeblieben. Als „enthäutete
Musik“ hat Erik Satie seinen eigenen
Kompositionsstil einmal beschrieben –
keine Bezeichnung könnte für Liszts
späte Werke treffender sein!
Türöffner
Statische Klänge und entwicklungs­
lose Abfolgen von unaufgelösten Ak­
korden versetzen Saties Musik in einen
permanenten Schwebezustand, der ohne
Anfang und Ende auskommt. Damit öff­
nete er nachfolgenden Komponisten­
generationen eine Tür, durch die auch
Franz Liszt, wäre er etwas jünger gewe­
sen, sicher noch gerne gegangen wäre.
Bohuslav Martinů (1890 -1959)
Sämtliche Klaviertrios:
Cinq pièces brêves
Klaviertrio Nr. 2 d-Moll
Klaviertrio Nr. 3 C-Dur
Bergerettes
Trio Martinů
Musicaphon M56970
Kammermusik eines der Großen
des 20. Jahrhunderts, interpretiert von
einem herausragenden Ensemble. Das
Trio Martinů entstand 1990 am Prager
Konservatorium. In seiner heutigen Be­
setzung (Petr Jiříkovský, Klavier; Pavel
Šafařík, Violine; Jaroslav Matějka, Violon­
cello) spielt es seit 1993. Seit seinem
Bestehen errang das Trio, dessen künst­
lerisches Wachstum auch dem Mitglied
des weltberühmten Smetana-Quartetts,
Antonin Kohout, zu verdanken ist, zahl­
reiche Erfolge und bedeutende Auszeich­
nungen. Zu diesen Erfolgen zählen die
Teilnahme am Semifinale des internati­
onalen Wettbewerbs in der italienischen
Stadt Trapani, der dritte Preis im inter­
nationalen Wettbewerb für Kammer­
ensembles in Heerlen (Niederlande) im
Jahre 1992 und dann besonders der ers­
te Platz in demselben Wettbewerb drei
Jahre später (1995). Alle drei Mitglieder
des Trios sind hervorragende Solisten
und machen regelmäßig Aufnahmen
für den Tschechischen Rundfunk.
Hervorragende
Solisten
Pavel Šafařík und Jaroslav Matějka
fungieren als Vertreter der jeweiligen
Konzertmeister des Sinfonieorchesters
(FOK) der Hauptstadt Prag, und Petr
Jiříkovský, der auch als Solist und als
Dirigent auftritt, lehrt Klavier am Pra­
ger Konservatorium.
Cécile Chaminade (1857-1944)
Klaviertrios op. 11 & 34
Werke für Violine, Cello & Klavier
Trio Parnassus
MDG 303 2002-2
Violinduos von
Eugène Ysaÿe (1858 -1931)
und Wolfgang Marschner (*1926)
Myvanwy Ella Penny
Friederike Starkloff
Coviello CLASSICS COV91706
Eingängige Melodien, betörende Har­
monie und immer wieder brillante Virtu­
osität kennzeichnen Cécile Chaminades
unvergleichliche Popularität zu Lebzei­
ten. Als gefeierte Pianistin bereiste sie
die alte und neue Welt, war bei Queen
Victoria zum Tee und wurde als erste
Komponistin überhaupt in die franzö­
sische Ehrenlegion aufgenommen. Nur
einzelne ihrer zahlreichen Werke finden
sich heute einmal auf den Programm­
zetteln; umso verdienstvoller ist diese
neueste Einspielung, mit der das inter­
national vielfach ausgezeichnete Trio
Parnassus einen weiteren Beitrag zur
längst fälligen Wiederentdeckung leistet.
Bereits als ganz junges Mädchen
machte Cécile in Paris mit eigenen
Kompositionen auf sich aufmerksam.
Sie genoss die Anerkennung Bizets,
nahm Unterricht bei Godard und unter­
hielt auch sonst beste Beziehungen zu
den Größen der französischen Musik.
Neben den beiden großformatigen
Werken finden sich auch bezaubernde
Charakterstücke in der schönen Zusam­
menstellung des Trio Parnassus, die den
Esprit des Pariser Salons vergangener
Tage versprühen.
Unter Kennern
In seiner über 30jährigen Geschichte
hat das Trio Parnassus an der Seite von
MDG so manchen musikalischen Schatz
gehoben. Gesamtaufnahmen der Trios
von Widor, Lalo und Godard zeugen
von einem tiefen Verständnis für die
besonderen Farben der französischen
Musik. Mit Johann Blanchard am Klavier
bereichert ein ausgewiesener Kenner
Cécile Chaminades das fantasievolle
Spiel von Julia Galić und Michael Groß
– eine wunderbare Entdeckung!
Ausgabe 2017/2
27
„Das Violinduo Penny-Starkloff setzt
die Tradition und Verkörperung eines
besonderen Klangbildes gepaarter Vio­
linen nicht nur fort, sondern belebt es
in exzellenter Weise. Dies war der Haupt­
anreiz für mich, für diese Kombination
meine Sinfonischen Variationen zu schrei­
ben.“ Wolfgang Marschner selbst schrieb
dies in seiner Einführung zu diesem
erst im November 2016 von den beiden
Solistinnen uraufgeführten Werk.
Virtuoses
Geigenspiel
Marschner ist nicht nur Komponist,
sondern selbst ein virtuoser Geiger, der
die klanglichen Möglichkeiten meister­
lich ausschöpft und die beiden Violinen
„wie ein Quartett“ klingen lässt, wie
Mywanwy Ella Penny sagt. Den Fokus auf
virtuoses Geigenspiel teilt Marschner
mit Eugène Ysaÿe, der seinerzeit einer
der berühmtesten Solisten war. Seine
Sonate für zwei Violinen verlangt den
beiden Geigerinnen ebenfalls alles an
musikalischer und technischer Qualität
ab: Im üblichen Ysaÿe-Stil ist es gepickt
mit Doppelgriff- und Akkordpassagen,
Staccato-Läufer und springenden Arpeg­
gien, was sie – wie auch die ungewohn­
ten Farben in Marschners tänzerischen
Bagatellen – bravourös meistern.
Edition VIOLIN SOLO
R E N AT E EGGEBRECHT V I O L I N E
NEU
Im Blickpunkt
CLASS : aktuell
Kammermusik
Chor
W.A. Mozart (1756 -1791)
Frühe Streichquartette Vol. 2
KV 156, 157, 168 & 173
Leipziger Streichquartett
MDG 307 1976-2
Sonaten 1, 2, 3
Vol. 9 TRO-CD 01450
Renate Eggebrecht zeigt hier einmal mehr, dass sie
keine Grenzen in der Kunst des Violinspiels kennt!
Sonaten / Suiten
Vol. 8 TRO-CD 01447
„… nicht eine einzige leere Note…“
… eine Musik, die technisch sehr anspruchsvoll und
strukturell streng durchdacht ist, aber ihre tief empfundene Emotionalität nie verleugnet. Vor diesem
Hintergrund geraten Weinbergs Werke zu Spiegelbildern seiner Seele. Programmatische Anwandlungen, biografische Einflüsse und komplexes musikalisches Denken durchdringen sich.
… In der Expressivität seiner Musiksprache, in der
Dichte und Intensität der Strukturen, in ihrer enormen Steigerung von Tempo und Dynamik, gewinnt
Hartmanns Musik ganz eigencharakteristische Züge
– eine Intensität der Klangsprache, die man in ihrer
Unmittelbarkeit sofort erkennt und nie mehr vergisst.
Unendlich muss sich Wolfgang
Amadeus im öden Salzburg gelangweilt
haben! Wie gut, dass der ehrgeizige Vater
immer wieder für ausgedehnte Konzert­
reisen sorgt. So entstanden unterwegs
in Italien und in Wien auch jene drei­
zehn Streichquartette, von denen das
Leipziger Streichquartett jetzt die zweite
Folge eingespielt hat.
Die pure Lust am Ausprobieren ist
den Stücken anzuhören: Die beiden
hier musizierten „Mailänder“ Quartette
KV 156 und 157 nehmen Elemente der
italienischen Sinfonia auf, die beiden
„Wiener“ KV 168 und 173 wiederum las­
sen erahnen, welche Offenbarung der
Besuch im unangefochtenen Zentrum
der Musik für den siebzehnjährigen
Mozart gewesen sein muss. So enden
beide Quartette mit der für das damalige
Wien obligatorischen Fuge; aber wäh­
rend eine geradezu archaische Wendung
die getragene Fuge des Quartetts in dMoll beschließt, kommt die Fuge des
F-Dur-Quartetts wie ein wilder Kehraus
mit rasanten Sechszehntelläufen daher.
Aufbruch
Das Leipziger Streichquartett spürt
dem Entdeckungsdrang des jugendli­
chen Komponisten mit hörbarer Freude
nach. Historisch informiert und mit Bö­
gen aus der Entstehungszeit der Werke
lassen sich die vier Musiker genussvoll
auf das Spiel mit dem Überraschenden
ein. Gänzlich unakademisch und fern
jedweder historisierender Dogmatik sor­
gen sie für ein Hörvergnügen, das die
dritte Folge mit Spannung erwarten lässt.
Johann Christoph Friedrich Bach (1732-1795)
„Miserere mei“
„Wachet auf, ruft uns die Stimme“
Mária Zádori, Sopran
Lena Susanne Norin, Mezzo-Sopran
Guy de Mer, Tenor
Klaus Mertens, Bariton
Das Kleine Konzert
Rheinische Kantorei, Hermann Max (Ltg.)
MDG 602 1994-2
Johann Christoph Friedrich Bach war ein Kind seiner
Zeit. Und das war eine Zeit des Umbruchs und tief­
greifender Veränderungen, politisch wie kulturell, ge­
sellschaftlich wie philosophisch. Das „Miserere“ und die
Motette „Wachet auf! ruft uns die Stimme“ dokumentieren
diese Umwälzungen exemplarisch. In einer Übernahme
aus dem Schallarchiv präsentiert MDG eine inzwischen
schon historische Aufnahme, die der Pionier der histo­
risch informierten Musikpraxis Hermann Max mit der
Rheinischen Kantorei und seinem Ensemble „Das Kleine
Konzert“ für den WDR produziert hat.
Wachet auf!
Der „Bückeburger Bach“ traf am aufgeklärten Hof
des Fürsten zu Schaumburg-Lippe auf den einige Jahre
jüngeren Johann Gottfried Herder. In selten inniger Künst­
lerfreundschaft rangen die beiden um ein klares Verhältnis
von Wort und Musik. Bach erlaubte er sich, die inhalt­
liche Schwere des Bußpsalms „Miserere“ durch elegante
Melodieführung und lockere Artikulation zu mildern.
Glücklicher Zufall: Das lange verschollene „Miserere“ fand
sich erst 1975 bei einer Londoner Auktion wieder…
Nur knapp zehn Jahre nach dem „Miserere“ zeigt
die Mottete „Wachet auf! ruft uns die Stimme“ ein ganz
anderes Bild: Die Musik emanzipiert sich von der reinen
Textausdeutung und gewinnt eine unabhängige Gestalt.
So ganz geheuer scheint es Bach dabei nicht gewesen zu
sein: Der Schlusschoral stammt fast Ton für Ton aus der
Feder des übermäch­tigen Vaters…
Erhältlich im Fachhandel
Vertrieb: Klassik Center
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TROUBADISC
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28
Ausgabe 2017/2
CLASS : aktuell
Hanns Eisler (1898 -1962)
Lieder Vol. 1
Lieder und Balladen 1929 -1937
Holger Falk, Bariton
Steffen Schleiermacher, Klavier
MDG 613 2001-2
„Ändere die Welt, sie braucht es“ –
Hanns Eisler hat sich dieser Aufforderung
nicht entzogen. Zwischen Weltwirtschafts­
krise und „Drittem Reich“ versuchte
der überzeugte Kommunist, mit den Mit­
tel seiner Musik Einfluss zu nehmen.
Holger Falk und Steffen Schleiermacher
präsentieren als erste Folge einer Edition
mit Liedern von Hanns Eisler Stücke
aus der Zeit zwischen 1929 und 1937,
zu denen fast ausschließlich Bertold
Brecht die Texte lieferte; eine längst
fällige Rehabilitation des lange Zeit vor
allem als DDR-Staatskünstler wahrge­
nommenen Komponisten.
Die Bandbreite ist groß: Vom überaus
derben „Lied vom Anstreicher Hitler“
über das beklemmende „O Falladah, wie
du da hangest“ bis zu Kabarettstücken
wie dem „Stempellied“, das die Ver­
elendung vieler Menschen während der
Weltwirtschaftskrise mit original Ber­
liner „Herz und Schnauze“ thematisiert,
reicht das Repertoire.
Klassen Kampf!
Und ab und zu gibt es auch ein Déjàvu: Das „Bankenlied“ könnte angesichts
der Krise des Finanzsystems aktueller
kaum sein, und auch beim „Lied vom
SA-Mann“ sind Parallelen zu unserer Zeit
in beunruhigender Weise augenfällig.
Ohne erhobenen Zeigefinger und fern
jeder angestrengten Moralpädagogik
zeigen Falk und Schleiermacher diese
engagierten Stücke als das, was sie sind:
Echte Kunstwerke, die klangscharf sati­
rische Blicke in die erste Hälfte des 20.
Jahrhunderts erlauben, die niemanden
unberührt lassen.
Gitarre
Strahlen. Licht.
Alois Bröder (*1961)
Strahlen. Licht.
Dieter Mack (*1954)
Saitenlinien
Ulrich Leyendecker (*1946)
Drei Nocturnes
Michael Warren Barrett (*1987)
Ocean-Still
Sidney Corbett (*1960)
Gertrude‘s Delirium
Timo Jouko Herrmann (*1978)
La Lira d‘Orfeo
Maximilian Mangold, Gitarre
Musicaphon M55726
Neue Kompositionen für Gitarre solo,
die sämtlich für Maximilian Mangold
geschrieben wurden. Mangold gilt nach
Journalistenmeinung „...als einer der
im Augenblick künstlerisch interessan­
testen deutschen Gitarristen”; er wurde
sogar schon als „Ausnahmegitarrist”
bezeichnet. Mangold gibt als gefragter
Solist zahlreiche Konzerte in Deutsch­
land und Europa und ist ein ebenso
vielseitiger Kammermusiker in Duos mit
Harfe, Flöte, Klavier, Cembalo, Hammer­
flügel, Traversflöte und Sprecher, im
Trio mit Flöte und Bratsche sowie mit
dem Vlach-Quartett-Prag.
Künstlerisch
interessant
Sein außerordentlich umfangreiches
Repertoire dokumentiert sich auch in
21 CD-Einspielungen, die in der Fach­
presse überschwänglich gelobt und als
Referenzaufnahmen gepriesen werden.
Johann Sebastian Bach (1685 -1750)
Opus Magnum – Transkriptionen
Angelika Nebel, Klavier
hänssler CLASSIC HC16101
Opus Magnum
Der Musik Johann Sebastian Bachs kann man sich unter
verschiedenartigen Aspekten und auf unterschiedlichen
Ebenen nähern. Eine Autorität in Sachen Bach-Bearbeitungen
und Transkriptionen ist Angelika Nebel.
Ihre vierte CD erscheint bei Hänssler Classic.
B
ei den Transkriptionen Bachscher Musik stehen in der Regel
weniger aufführungspraktische Fragen im Vordergrund, wie sie
von den Apologeten der authentischen Darbietungsweise Alter
Musik ins Zentrum gerückt wurden und werden. Sondern es geht eher
um Auseinandersetzungen von Musikern späterer Generationen mit der
Bachschen Musik, um höchst individuelle Verneigungen vor dem Genius.
Es ist anzunehmen, dass
die Klavierbearbeitungen unter
den Bach-Transkriptionen den
größten Anteil einnehmen, was
allein durch die Möglichkeiten
des Instruments bedingt ist.
Die hier vorliegende CD mit
Bach-Bearbeitungen für Klavier
ist die vierte Einspielung mit
der Pianistin Angelika Nebel.
Und so viel darf schon verraten
werden: Die Aufnahme ist mit
ihren 12 Transkriptionen die
erste von zwei CDs, die dem
Angelika Nebel
Tonarten-Modell des Wohltemperierten Claviers folgen und
somit gemeinsam eine Art Opus Magnum werden.
Auch dieses Mal präsentiert die Künstlerin – neben den deutschen
Bearbeitern – Transkriptionen internationaler Musiker. Nebel setzt somit erneut ein Zeichen für die Verehrung des großen Thomaskantors
weltweit – und die Pianistin hat auch diesmal wieder, wie auf der vorhergehenden CD „Illuminationes“, selbst zur Feder gegriffen.
Manuela Neumann
Ausgabe 2017/2
29
Foto: © Ilona Antina
Lied
Im Blickpunkt
Foto: © Stephan Walzl
CLASS : aktuell
Der späte
Horn
Klavier
Schubert
und die Klavierminiatur
Geboren in Jerusalem und aufgewachsen in südafrika,
entwickelte ammiel Bushakevitz schon in jungen Jahren eine
besondere Vorliebe für die Musik von Franz schubert.
Er ist Preisträger des internationalen schubert Wettbewerbs
Dortmund und wurde vom internationalen Franz-schubertinstitut in Wien ausgezeichnet. Nun erscheint bei Hänssler
Classic eine CD mit schuberts impromptus und Klavierstücken.
1827.
Das Jahr, in dem Franz Schubert seinen dreißigsten
Geburtstag feierte, war das vorletzte seines Lebens. Es
wurde überschattet von einem Werk, das vielleicht das am häufigsten
analysierte seines Œuvres ist: Winterreise. Schubert komponierte
diesen „Zyklus schauerlicher Lieder“ in zwei Teilen zu jeweils zwölf
Liedern, den ersten im Frühjahr 1827, den zweiten gegen Ende des
Jahres. Dazwischen entstand die erste Gruppe von Klavierstücken, die
unbenannt blieben, vom Verleger aber als Vier Impromptus bezeichnet
wurden. Zusammen sollten sie erst 1857, fast dreißig Jahre nach
Schuberts Tod veröffentlicht werden.
Mit seiner späten Begeisterung für lyrische Klavierminiaturen
etablierte Schubert dieses neue Genre, zu dessen frühesten Beiträgen
Bagatellen von Beethoven gehören, Nocturnes von John Field oder die
Impromptus seines tschechischen Zeitgenossen Jan Václav Voříšek.
Damit war die Grundlage gelegt für zwei der größten Komponisten
lyrischer Klavierminiaturen, nämlich Felix Mendelssohn-Bartholdy und
Robert Schumann. Von Schubert unmittelbar beeinflusst waren zwei
weitere Komponisten für Klavier, die, obwohl ideell durchaus
unterschiedlich ausgerichtet, eine tiefe Liebe zu Schubert teilten und
einen erheblichen Anteil an seinem Nachruf hatten: Franz Liszt und
Johannes Brahms.
Manuela Neumann
Salut à la Foret
Werke von
Rainulphe M. Marquis d‘Osmond,
Carl A. Hänsel, Oliver Kersken,
Robert Stark und Franz Abt
Deutsches Horn Ensemble
Coviello CLASSICS COV91707
Für die Berufsgruppe der Hornisten
brachte das 19. Jahrhundert entschei­
dende Veränderungen – allerdings zu­
nächst nicht nur positive. Die neu erfun­
denen Ventile für Blechblasinstrumente
ermöglichten zwar chromatisches Spiel,
brachten aber erhebliche Probleme in
Tongebung und Spieltechnik mit sich.
Ventilhörner
Es gibt kaum noch wirklich spielbare
Instrumente aus der Frühzeit des Ventil­
horns um 1850; will man den Original­
klang der Romantik wieder erlebbar
machen, muss man also Instrumente
aus der Zeit nachbauen, natürlich ohne
die Fehler, die die Ventile damals ver­
ursachten.
Genau das gaben die Herren des
Deutschen Hornquartetts in Auftrag,
Andreas Jungwirth realisierte den Bau
nach ihren Vorstellungen. Gleichzeitig
grub das Ensemble, ergänzt von der Ei­
genkomposition seines Mitglieds Oliver
Kersken, reizvolle und weitgehend unbe­
kannte Original-Werke der Zeit wieder
aus. Ein spannender Blick auf ein bisher
wenig beleuchtetes Kapitel historischer
Aufführungspraxis ist das Ergebnis.
Franz Schubert
(1797-1828)
Vier Impromptus,
D 899;
Drei Klavierstücke,
D 946
Grätzer Walzer,
D 924
Ammiel Bushakevitz,
Klavier
hänssler ClassiC
HC16094
30
Ausgabe 2017/2
à la russe
Sergei Rachmaninow (1873 -1943)
Sonate Nr. 1 in d-Moll, op. 28
Pyotr Ilyich Tschaikowsky (1840 -93)
Méditation et Passé lointain
aus 18 Morceaux, op. 72
Scherzo à la russe, op. 1/1
Igor Strawinsky (1882 -1971)
Danse infernale
Berceuse & Finale aus L’Oiseau de
feu (transcr. Guido Agosti)
Mily A. Balakirev (1837 -1910)
Islamey, op. 18
Alexandre Kantorow, Klavier
BIS-SACD-2150
Nach seinem gefeierten ersten Al­
bum für BIS mit Liszts Klavierkonzerten
wendet sich der junge Pianist, noch kei­
ne 20 Jahre alt, nun seinen russischen
Wurzeln zu. Der Sohn des Geigers und
Dirigenten Jean-Jacques Kantorow hat
schwergewichtige und höchst anspruchs­
volle Literatur für diese Einspielung aus­
gesucht. Er eröffnet gleich mit der ge­
wichtigen ersten Sonate Rachmaninows,
die von Goethes „Faust“ inspiriert ist und
die drei Hauptcharaktere des Dramas,
Faust, Gretchen und Mephisto, nach­
zeichnet. Dazwischen neben Unterhalt­
samem von Tschaikowsky Musik von
Strawinsky, der das Klavier als „Schlag­
instrument“ bezeichnete – und oft genug
auch so behandelte. Guido Agosti hat
die Stücke aus dem „Feuervogel“ denn
auch entsprechend umgesetzt.
Teuflisch schwer
Den Beschluss bildet Balakirevs
„orientalische Fantasie Islamey“, eine
der Ikonen der Klavierliteratur. Das
teuflisch schwer zu spielende Werk
animierte Ravel, etwas technisch noch
anspruchsvolleres zu schreiben – das
Resultat war „Gaspard de la nuit“.
Im Blickpunkt
CLASS : aktuell
Konzert
MAHLER SONG
CYCLES
Orchester
PTC 5186576
Marc Albrecht, Alice Coote,
Netherlands Philharmonic Orchestra
BIS-SACD-2078
Auf zwei vorangegangenen SACDs
haben sich Sudbin und Vänskä bereits
mit großem Erfolg mit den drei letzten
Klavierkonzerten Beethovens auseinan­
der gesetzt. Für die beiden noch aus­
stehenden Konzerte haben sie sich mit
der Tapiola Sinfonietta zusammen ge­
tan, einem der führenden Ensembles
Skandinaviens und für diese noch mehr
den Prinzipien der frühen Wiener Klassik
verhafteten Konzerte sehr gut disponiert.
Immerhin begann Beethoven mit der Ar­
beit am 2. Konzert noch in Bonn, sieben
Jahre, bevor das 1. Konzert fertig wurde.
Ne
Alb ues
um
Bereits erschienen
MDG 335 2016-2 (2 CDs)
Anton Rubinstein war einer der erfolgreichsten Kom­
ponisten seiner Zeit. Seine zweite Sinfonie „Ozean“ erlebte
über 200 zeitgenössische Aufführungen, so viele wie
kaum ein anderes Werk. Aus dem reichhaltigen Reper­
toire einer jahrelangen Zusammenarbeit mit dem Sin­
fonieorchester Wuppertal hat MDG diese Sinfonie jetzt
frisch aufgelegt, zusammen mit weiteren hochkarätigen
Kompositionen des russischen Romantikers. Mit dabei der
damals noch weitgehend unbekannte Alban Gerhard, der
mit Rubinsteins Cellokonzert für riesiges Aufsehen sorgte.
Senkrechtstarter
Während der nächsten zehn Jahre
nahm sich der Komponist das Manu­
skript immer wieder vor und revidierte
es grundlegend bis hin zur Komposition
eines neuen Finalsatzes, und so erlangte
das C-Dur Konzert zuerst Veröffentli­
chungsreife. Beide Konzerte entstanden
lange, bevor Beethoven sich mit dem
symphonischen Genre auseinander setzte,
und der Einfluss Mozarts und Haydns
ist hier noch evident in der Interaktion
zwischen Solist und Orchester. Und
doch sind die typischen Merkmale des
Beethoven-Stils schon erkennbar.
Als reisender Virtuose war Rubinstein selbstverständ­
lich auf der Höhe der Zeit – und manchmal ihr gar vor­
aus: Sein Cellokonzert ist tatsächlich der erste russische
Beitrag zur Gattung, und auch die erste russische Sin­
fonie stammt aus seiner Feder. Dass der weltgewandte
Meister keinerlei Berührungsängste mit fremden Kulturen
kannte, zeigen die orientalischen Klänge in „Der Dämon“
ebenso wie die blökende Schafherde aus „Don Quixote“
und auch die „Ouverture triomphale“ macht mit allerlei
Tschingderassabum ihrem Namen alle Ehre…
Das Sinfonieorchester Wuppertal versteht es blendend,
diese Energie auf dem Podium zu entfesseln. George
Hanson lässt seinen Musikern freien Lauf, und die legen­
däre Akustik der Historischen Stadthalle Wuppertal tut
ihr Übriges, um auch die Musikfreunde im heimischen
Wohnzimmer mit ursprünglicher Musikalität zu überwäl­
tigen – Bravi, bravissimi!
PTC 5186 502
Immer wieder
revidiert
Anton Rubinstein (1829 -1894)
Orchesterwerke
Don Quixote op. 87
Ballettmusik aus „Der Dämon“
Konzert für Violoncello und Orchester
Sinfonie Nr. 2, Ouverture triomphale op. 43
Valse caprice, Trot de Cavalerie
Sérénade Russe Nr. 1 op. 93
Alban Gerhardt, Violoncello
Sinfonieorchester Wuppertal
George Hanson, Ltg.
PTC 5186 487
Ludwig van Beethoven (1770 -1827)
Klavierkonzerte:
Nr. 1 C-Dur op. 15
Nr. 2 B-Dur op. 19
Yevgeny Sudbin, Klavier
Tapiola Sinfonietta, Osmo Vänskä
www.pentatonemusic.com
Erhältlich überall im Fachhandel und bei
Ausgabe 2017/2
31
Im Vertrieb von NAXOS Deutschland
Im Blickpunkt
CLASS : aktuell
Alte Musik
Fro bin ich dein – Musical treasures
from 16th century Basel
Werke von
Paul Hofhaimer, Ludwig Senfl,
Claudin de Sermisy u.a.
Ensemble Canti B
Coviello CLASSICS COV91708
„Ich scheine mir an einem angeneh­
men Ort der Musen zu leben“, schreibt
der berühmte Humanist Erasmus von
Rotterdam in einem Brief aus dem Jahre
1516. Er lebte zu dieser Zeit aber nicht
mehr in den Niederlanden, sondern in
Basel, das sich schon im späten 15. Jahr­
hundert zu einem Zentrum des Buch­
drucks und des Humanismus entwickelt
hatte. Das blieb natürlich nicht ohne
Wirkung auf das Musikleben: Es er­
blühte zu ungeahnter Vielfalt. Was lag
also näher für das Ensemble Canti B,
als seiner Heimatstadt ein musikalisches
Denkmal zu setzen.
Kaleidoskop der
Musik des
16. Jahrhunderts
In unterschiedlichsten Gesängen
und Tänzen aus dem frühen 16. Jahr­
hundert entsteht ein Kaleidoskop der
faszinierend vielfarbigen Kultur der welt­
politisch aufregenden Zeit der Refor­
mation. Nach sorgfältigem Quellenstu­
dium richtet das Ensemble alle Werke
selbst für originalgetreue Instrumente
ein und gibt so jedem sein ganz eigenes,
unverwechselbares Klangbild.
Heroines of Love and Loss
Henry Purcell: Oh! lead me to some
peaceful gloom; Dido’s Lament
John Bennet: Venus’ Birds
Barbara Strozzi: Lamento (Lagrimemie);
L’Eraclitoamoroso
Claudia Sessa: Occhiiovissidi voi
Anon.: The Willow Song;
O death, rock me asleep
Francesca Caccini: Lasciatemiqui solo
Lucrezia Vizzana: O magnum mysterium
Giovanni Kapsberger: Toccata Arpeggiata
Alessandro Piccinini: Ciaccona
Antonio Vivaldi: Cellosonate g-Moll RV 42
Ruby Hughes, Sopran
Mime Yamahiro Brinkmann, Cello
Jonas Nordberg, Laute
BIS-SACD-2248
Vor unseren Ohren erscheinen hier
die Jungfrau Maria und Dido, Königin
von Karthago, ebenso wie Shakespeares
Desdemona und die unglückliche Anne
Boleyn, die 1536 im Londoner Tower auf
ihre Hinrichtung wartet. Aber das Album
bietet noch vier andere Heldinnen, denn
wir hören Musik von Komponistinnen,
die zwischen 1590 und 1675 aktiv waren.
Frauen, die sich mit viel Courage über
die Konventionen ihrer Zeit hinweg­
setzten und im typischen Männerberuf
„Komponist“ aktiv wurden.
Frauenpower
Vielfach waren vor 1700 Komponis­
tinnen zugleich Nonnen und konnten
so ihrer Berufung im Schutz der Klos­
termauern nachgehen. Auf dem Reper­
toire dieser SACD betrifft das Claudia
Sessa und Lucrezia Vizzana. Francesca
Caccini und Barbara Strozzi dagegen leb­
ten als freischaffende Komponistinnen
in Florenz bzw. in Venedig. Was wieder­
um den Vorteil hatte, dass sie nicht an
kirchliche Konventionen gebunden waren
und begeistert den stile moderno aufnah­
men, den Claudio Monteverdi etabliert
hatte. Beide wurden für ihre Vokalmusik
gefeiert, denn sie machten „die Worte
zum Beherrscher der Harmonie, nicht zu
ihrem Diener“ (so Monteverdis Bruder
Giulio Cesare).
32
Giuseppe Antonio Brescianello
(1690 -1758)
Concerti à 3, Vol. 1
Der Musikalische Garten
Coviello CLASSICS COV91705
Giuseppe Antonio Brescianello gehört
zu den italienischen Barockmeistern, die
zumindest in Mitteleuropa bis heute
nicht sehr geläufig sind und daher zu
lohnenden Entdeckungen einladen: In
seinen „Concerti“ führt Brescianello die
Möglichkeiten des freundschaftlichen
Wettstreits zwischen den beiden grund­
sätzlich gleichwertigen Violinstimmen
kunstvoll vor. In den klangschönen lang­
samen Sätzen versuchen sich die beiden
im instrumentalen „Cantabile“ zu über­
bieten durch schöne Melodie-Wendun­
gen, überraschende Verzierungen und
galante Floskeln. Die schnellen Sätze
stellen dagegen die Virtuosität der bei­
den Geiger in den Mittelpunkt und be­
ziehen oft die Cello-Stimme in den kon­
zertanten Wettstreit mit ein.
Meister der
Variation
Mit den ersten sechs, die zum ers­
ten Mal auf CD erscheinen, aus der
Sammlung von 12 Concerti à 3 bringt
das Ensemble Der musikalische Garten
besonders abwechslungsreiche Blüten­
pracht zu Gehör, die sofort plausibel
machen, dass Brescianello zu Beginn
des 18. Jahrhunderts ein hoch ange­
sehener Komponist war.
Ausgabe 2017/2
Johann Sebastian Bach (1685 -1750)
Gloria in Excelsis Deo
Gloria in excelsis Deo, BWV 191
Lobe den Herrn, meine Seele, BWV 69
Freue dich, erlöste Schar, BWV 30
+ Interviews und Specials
Blazikova, Blaze, Türk, Kooij
Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki
BIS-BD-2201 (Blu-ray mit englischen
Untertiteln. Sound LPCM Stereo /
LPCM 5.0 Surround)
Diese Blu-ray eröffnet die Möglich­
keit, das Bach Collegium nicht nur zu
hören, sondern auch zu sehen, und zwar
an seinem künstlerischen Heimatort:
Der Shoin Chapel der Women’s Univer­
sity in Kobe, wo die Einspielung aller
geistlichen Kantaten Bachs zwischen 1995
und 2013 erfolgte. Die Aufzeichnung
entstand während der Aufnahmen zur
letzten Folge der Kantatenserie. Der Film
bietet alle drei Kantaten in voller Länge,
dazu Interviews und Specials. Sehr inte­
ressant für Fans der Serie, anhand der
Filmaufzeichnungen auch etwas von der
räumlichen Atmosphäre mitgeteilt zu
bekommen, unter der die Einspielun­
gen stattfanden.
Persönliche
Erfahrungen
Masaaki Suzuki und Mitglieder des
Ensembles wie auch des Tonmeister­
teams berichten über ihre ganz persön­
lichen Erfahrungen mit Bachs Musik,
die sie in dieser langen Zeit machten –
zwischen Start und Ende lagen immer­
hin 18 Jahre! Und schließlich werden wir
eingeladen auf einen japanischen Markt,
um für die Feier nach dem Abschluss
der Aufnahmen einzukaufen.
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