Musizieren und Schmerz – Wie kann die moderne Schmerztherapie

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Musikphysiologie und Musikermedizin 2010, 17. Jg., Nr. 2
53
Musizieren und Schmerz – Wie kann die moderne
Schmerztherapie helfen?
A. Steinmetz, W. Seidel (Berlin-Sommerfeld)
Abstract
Schmerzen gehören zu den häufigsten Problemen, die Musiker in einer Musikersprechstunde beklagen. Da Schmerz durch seinen
Einfluss auf die Muskelfunktion die Feinmotorik
und Koordination einschränken kann, gefährden Schmerzen im Bewegungssystem schnell
die Aufführungsqualität von Musikern. Wenn
Schmerz über einen längeren Zeitraum bestehen bleibt, droht die Gefahr, dass aus einem
akuten Schmerz ein chronischer Schmerz wird.
Innerhalb des biopsychosozialen Schmerzkonzepts sind verschiedenste Risikofaktoren für
eine
Chronifizierung
bekannt.
Moderne
Schmerztherapiekonzepte ziehen diese Chronifizierungsfaktoren mit in die Therapie ein. Bei
Musikern müssen zusätzlich instrumentenspezifische Einflussfaktoren im Rahmen der Diagnostik erhoben und in das Behandlungskonzept mit einbezogen werden. Schmerz führt zu
dysfunktionellen Bewegungsmustern beim Musizieren. Ein wichtiger Punkt in der Musikerbehandlung ist daher die funktionelle Wiederherstellung der ursprünglich physiologischen Bewegungsmuster.
Keywords
Akuter
und
chronischer
Schmerz,
Chronifizierungsfaktoren, musikerspezifische
Einflussfaktoren, biopsychosoziales Schmerzkonzept. musikerspezifisches Behandlungskonzept
Abstract
Pain is a very common problem in musicians.
Pain influences muscle function, fine motor
tuning and coordination. Therefore musicians
with pain are at risk to suffer a decrease of
performance quality. Sustaining pain for a
longer period can become chronic. Within the
biopsychosocial pain concept various risk
factors are known and need to be implemented
in therapy concepts. The treatment of
musicians has to be supplemented with
strategies addressing instrument specific risk
factors. Pain changes movement patterns
during playing a musical instrument. A crucial
aim is therefore to restore the original
physiological movements.
Keywords
Acute and chronic pain, risk factors for chronic
pain, specific risk factors of musicians,
biopsychosocial
pain
concept,
specific
treatment concept for musicians
Musiker als Schmerzpatienten
Schmerzen
im
Bereich
des
Bewegungssystems
gehören
zu
den
häufigsten Beschwerden, weswegen Musiker
eine
spezielle
Musikersprechstunde
aufsuchen.
Untersuchungen der letzten Jahre haben
gezeigt,
dass
bis
zu
80%
der
Orchestermusiker unter berufsspezifischen
Erkrankungen,
insbesondere
Schmerzen,
leiden. Schon 1988 hat Fishbein et al. [1] in
Amerika bei einer Befragung von über 2000
Berufsmusikern festgestellt, dass fast 50%
dieser Beschwerden im Bewegungssystem
liegen.
Ähnliche
Untersuchungen
aus
Deutschland (1995) [2] und Spanien (2000) [3]
an jeweils weit über 1000 Berufsmusikern
ergaben
vergleichbare
Ergebnisse.
Die
Situation an den Musikhochschulen zeigt leider
deutlich, dass sich die Beschwerden nicht erst
im
Laufe
des
späteren
Berufslebens
entwickeln.
Die
an
Musikstudenten
durchgeführten Studien ergeben ähnliche
Daten [4-7]. Das bereits in diesem Alter
erbrachte Übungspensum ist durchaus mit
dem
Trainingsumfang
von
Hochleistungssportlern vergleichbar. So hat
z.B.
ein
Studienanfänger
an
einer
Musikhochschule im Alter von 20 Jahren im
Durchschnitt über 10000 Stunden am
Instrument geübt [8].
Einflussfaktoren auf die Musikergesundheit
Die
Entwicklung
von
Überlastungsbeschwerden bei Musikern stellt ein komplexes
multifaktorielles Geschehen dar. Neben den
anatomischen, muskulären und psychischen
Gegebenheiten spielen instrumentaltechnische
und –ergonomische Aspekte als Prädisposition
eine wichtige Rolle. Zusätzlich können auch
Übegewohnheiten
sowie
Stress
und
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A. Steinmetz & W. Seidel – Musizieren und Schmerz
Lampenfieber die Entstehung körperlicher
Beschwerden begünstigen.
Diesen Einflussfaktoren gegenüber steht die
individuelle Adaptations- und
Kompensationsfähigkeit des Körpers, welche
im Idealfall der Entstehung körperlicher
Beschwerden ausreichend entgegenwirkt.
Außergewöhnliche physische und psychische
Belastungssituationen (Prüfungen, wichtige
Konzerte...)
führen
jedoch
oft
zur
Dekompensation bestehender Störungen und
somit zum Auftreten von Schmerzen. In dieser
Situation ist der auftretende Schmerz, der die
körperliche Überlastung signalisiert, als
Warnsignal zu verstehen.
Was ist Schmerz ?
Dieses Warnsignal des Körpers ist eine
sinnvolle Körperreaktion, die dem Menschen in
früheren Zeiten das Überleben sicherte. Heute
wird Schmerz als unangenehmes Sinnes- oder
Gefühlserlebnis definiert, dass mit aktueller
oder drohender Gewebeschädigung verknüpft
ist. Schmerz kann, muss aber nicht mit
morphologischen Veränderungen verbunden
sein. Der Schmerzreiz wird von einem
Rezeptor aufgenommen und über das
Rückenmark weiter zur Großhirnrinde geleitet.
Erst dort wird er bewusst als Schmerz
wahrnehmbar.
Hier
findet
neben
der
Schmerzverarbeitung auch das Bewerten und
Einordnen von Schmerzen statt. Außerdem
werden
unbewusste
und
bewusste
Reaktionsmuster als Schmerzantwort in
verschiedenen
Hirnarealen
und
auf
Rückenmarksebene generiert.
In
der
Aufnahme,
Weiterleitung
und
Verarbeitung schmerzauslösender Signale
können
folgende
Schmerzkomponenten
unterschieden werden:
-
sensorisch-diskriminative Komponente
(Schmerzqualität
wie
Brennen,
Stechen o.ä., Schmerzlokalisation)
-
affektiv-emotionale
Komponente
(Gefühlsempfindungen wie Furcht,
Angst, Trauer, Depression)
-
vegetative Komponente (Reaktion des
Autonomen
Nervensystems
wie
Schweißausbrüche,
Pulsund
Blutdruckerhöhung, Übelkeit, Durchfall
u.a.)
-
motorisch-reflektorische Komponente
(wie z.B. der Wegziehreflex)
Wie entsteht nun aus dem akuten
ein chronischer Schmerz?
Bei einer akuten Überlastung bringen
Schonung, physikalische Maßnahmen wie
Wärme oder Kälte und gegebenenfalls auch
der kurzfristige Einsatz eines Schmerzmittels
meist Linderung und der Schmerz klingt nach
einigen Tagen wieder ab.
Trotzdem gelingt es nicht immer, den Schmerz
mit diesen Maßnahmen zu besiegen.
Manchmal kommen die Schmerzen nach
kurzer Zeit wieder oder persistieren. Häufig
breiten sie sich dann in immer größere
Körperbereiche aus, obwohl sich der
betroffene Musiker kaum noch belastet. Der
Schmerz droht sich zu verselbstständigen und
chronisch zu werden.
Zwischen akutem und chronischem Schmerz
wird hauptsächlich über die Zeitdauer des
Bestehens unterschieden. Halten Schmerzen
länger als 3-6 Monate an, so spricht man in der
Regel von chronischen Schmerzen. Die
Schmerzstärke entspricht nicht mehr der
Größe und dem Ausmaß der eigentlichen
Schädigung.
Häufig
liegt
der
schmerzauslösende Reiz nicht mehr vor, so
dass man von einem verselbstständigtem
Schmerzsyndrom spricht. Aus dem Warnsignal
Schmerz ist somit eine eigenständige
Erkrankung geworden. Bei diesem Prozess
spielt das sogenannte „Schmerzgedächtnis“
eine wesentliche Rolle.
Die Entwicklung eines Schmerzgedächtnisses
geht mit neuroplastischen Veränderungen auf
verschiedenen Ebenen einher. Das bedeutet,
dass sich Nervenverschaltungen bilden, die die
Schmerzwahrnehmung aufrecht erhalten. Auf
der Ebene der Nozizeptoren (Rezeptoren, die
auf Schmerzreize reagieren) kommt es zu
einer
Verminderung
der
Reizschwelle.
Infolgedessen
werden
immer
kleinere
Reizstärken benötigt, um den Schmerz zu
aktivieren bzw. zu unterhalten. Außerdem
werden
ursprünglich
inaktive
Schmerzrezeptoren angeregt, so dass letztlich
eine
wesentlich
größere
Anzahl
an
Nozizeptoren durch den Reiz aktiviert wird.
Sowohl auf Rückenmarksebene als auch im
Großhirn resultiert eine Vergrößerung der
schmerzabbildenden Areale. Im Ergebnis
dieses
extrem
komplizierten
pathophysiologischen Vorganges kommt es zu
einer übersteigerten Schmerzempfindlichkeit
und zur Ausweitung der ursprünglichen
Schmerzregionen.
Musikphysiologie und Musikermedizin 2010, 17. Jg., Nr. 2
Chronifizierungsfaktoren
Wichtige
Faktoren,
die
zu
einer
Schmerzchronifizierung beitragen können, sind
eine vegetative Labilität und eine affektivemotionale
Schmerzverarbeitung.
Wissenschaftliche Studien konnten zeigen,
dass Patienten mit ausgeprägten vegetativen
Symptomen
(z.B.
mit
Temperaturregulationsstörungen der Hände
und
Füße)
eine
höhere
Schmerzempfindlichkeit
aufwiesen
[9].
Vegetative Symptome und Schmerzen können
bei
dieser
Patientengruppe
durch
Bewegungsentzug noch verstärkt werden [10].
Depressionen und Angststörungen sind häufig
mit Chronifizierungsprozessen von Schmerzen
verbunden [11,12]. Auch Vermeidung von
Bewegung aus Angst vor Schmerzen (FearAvoidance-Beliefs) und „Katastrophisieren“
sind
als
Risikofaktoren
für
eine
Schmerzchronifizierung bekannt. Poulsen et al.
[13] konnten zeigen, dass sogar 60% der
chronischen Schmerzpatienten eine klinisch
relevante Angst und Depression aufwiesen.
Anhaltender Stress kann ebenfalls als
schmerzverstärkender Faktor wirken. Stress
führt
zu
einer
Störung
der
neurophysiologischen Wahrnehmungs- und
Verarbeitungsprozesse, in deren Folge häufig
keine ausreichende Unterscheidung von Angst
und Schmerz möglich ist. Die Betroffenen
fühlen sich hilflos und verunsichert. Es
resultiert ein Circulus vitiosus aus Schmerz,
Angst und Depression mit dem Ergebnis einer
gestörten Schmerzverarbeitung [14]. Es lassen
sich
unterschiedliche
Schmerzverarbeitungstypen beschreiben:
„Vermeider“
inaktives
Schmerzverhalten, Vermeidung von
Bewegung
und
Beanspruchung, Angst vor
Schmerz
„Durchhalter“
Schmerzunterdrückung,
Leistungsorientierung,
Störung der Entspannungsfähigkeit
„Fatalist“
depressiv-fatalistische
Schmerzverarbeitung, passives Schmerzverhalten
„Hypochonder“
aufmerksamkeitsfokussierte
Schmerzverarbeitung,
ängstliche
Körperbeobachtung, Angst
vor Krankheit
„Somatisierer“
55
keine ausreichende Wahrnehmung für Gefühle und
Probleme, scheinbar „alles
in Ordnung“, Schmerzintensität (auf der Visuellen
Analogskala)
hoch,
emotional betontes Beeinträchtigungserleben,
Schmerzausdruck
passt
nicht zur Schilderung [15].
Muskelfunktion und Schmerz
In Folge muskulärer Überlastungen entstehen
im Muskelgewebe kleine Mikrotraumen und
Mikroläsionen,
durch
welche
schmerzauslösende Substanzen freigesetzt werden.
Dieser Mechanismus tritt häufig bei einseitig
wiederholten Bewegungen auf. Aber auch
länger andauernde statische Belastungen, wie
sie im Rahmen der „Haltearbeit“ von
Instrumenten
vorkommen,
können
zu
Schmerzen führen. Bei derartigen tonischen
Muskelkontraktionen,
also
einer
länger
andauernden
Muskelanspannung
ohne
Bewegung, wird die Durchblutung des Muskels
gestört. Schon 5-30% der maximalen
Kontraktionskraft sind dazu ausreichend. Die
resultierende Ischämie setzt ebenfalls die
Schmerzkaskade in Gang.
Bisherige Erkenntnisse gingen davon aus,
dass Muskelschmerz zu weiterer Verspannung
und somit zur Schmerzverstärkung führt.
Dieses so genannte Schmerz-SpasmusSchmerz-Konzept konnte wissenschaftlich
jedoch nicht bestätigt werden. Untersuchungen
zeigten, dass, bis auf eine kurzzeitige
reflektorische
Anspannung,
genau
das
Gegenteil geschieht. Der Muskel wird durch
den Schmerz gehemmt, weshalb andere
Muskeln seine Funktion unterstützen müssen
[16]. Diese Muskeln sind aber dafür in der
Regel nicht konzipiert, so dass es auch hier zu
einer Überlastung kommt. Es entsteht eine
Kettenreaktion, in der immer mehr Muskeln zu
Hilfe geholt werden. In der überforderten
Muskulatur bilden sich häufig Triggerpunkte.
Dabei
handelt
es
sich
um
lokale
Verspannungsknötchen, welche neben dem
lokalen Druckschmerz auch ein spezifisches
Schmerzareal in entfernteren Regionen
besitzen. So kann z.B. durch einen
Triggerpunkt in der Wade ein Schmerz im
Bereich
des
Iliosakralgelenkes
(KreuzDarmbein-Gelenk) ausgelöst werden.
Für den Musiker sind diese muskulären
Reaktions- und Kompensationsmuster deshalb
so bedeutsam, weil Schmerzen das Potential
haben, die feinmotorischen Bewegungsmuster
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A. Steinmetz & W. Seidel – Musizieren und Schmerz
beim Musizieren zu stören. Sobald ein Muskel
schmerzbedingt gehemmt und ein Hilfsmuskel
„zugeschaltet“ wird, ist die Koordination
gefährdet. Erkenntnisse aus der Sportmedizin
zeigen,
dass
schon
Ermüdung
die
koordinativen
Bewegungsmuster
stark
verändert und unpräzise werden lässt. Dieser
Effekt – nur meist noch ausgeprägter – tritt
beim Musizieren mit Schmerzen ebenso auf,
worauf
wissenschaftliche
Erkenntnisse
hinweisen. Fry et al. [17] konnten in einer
Studie zeigen, dass Pianisten mit Overuse
bereits bei einfachen 5-Finger-Übungen in CDur
deutliche
Inkoordinationszeichen
aufwiesen.
Multimodale interdisziplinäre Therapiekonzepte
bei
chronischen
Schmerzen
Die Behandlung chronischer Schmerzen stellt
eine besondere Herausforderung an das
Behandlungsteam dar. Im Gegensatz zur
Akutschmerzbehandlung ist für die Therapie
chronischer Schmerzen ein interdisziplinäres
Therapiekonzept notwendig. Um die dafür
notwendige Qualifikation zu gewährleisten, gibt
es
seit
1996
in
Deutschland
die
Zusatzbezeichnung
„Spezielle
Schmerztherapie“.
Eine
frühzeitige
umfassende
Schmerzdiagnostik
und
effektive
Schmerztherapie ist insbesondere auch zur
Vermeidung von Chronifizierungsprozessen
von besonderer Wichtigkeit. Die moderne
Schmerzmedizin
baut
auf
dem
biopsychosozialen Schmerzmodell auf. Dieses
beinhaltet nicht nur die körperlichen Befunde
des Patienten, sondern bezieht auch
psychische und soziale Faktoren mit ein. Sie
modulieren das Erleben und Verhalten des
Schmerzpatienten
und
stellen
damit
aufrechterhaltende
und
verstärkende
Bedingungen für das Schmerzgeschehen dar.
Ihre Erfassung ist daher unmittelbar für die
Diagnostik und Therapieplanung nützlich und
notwendig.
Ausgangspunkt der Schmerzdiagnostik ist die
Schmerzanamnese, welche Schmerzintensität,
-lokalisation, -charakteristik, auslösende und
verstärkende
Faktoren
sowie
zeitliche
Veränderungen erhebt. Speziell entwickelte
Schmerzfragebögen,
wie
der
Deutsche
Schmerzfragebogen
der
Deutschen
Gesellschaft zum Studium des Schmerzes
(DGSS),
erlauben
eine
standardisierte
Schmerzanamnese.
Sie
ermöglichen
außerdem die unmittelbare Wertung der
schmerzbedingten
Beeinträchtigung,
be-
gleitender depressiver und Angststörungen
sowie weiterer psychologischer/psychiatrischer
Komorbiditäten
wie
beispielsweise
Somatisierungsstörungen.
Die Einschätzung der körperlichen Befunde
bedarf neben der üblichen apparativen
Struktur- und Funktionsdiagnostik unbedingt
auch einer manuellen Funktionsdiagnostik.
Störungen der Muskulatur, der Gelenke und
des Bindegewebes führen häufig schon vor
dem
Entstehen
von
strukturellen
Veränderungen zu Schmerzen, welche mit den
Methoden der Manuellen Medizin, der
Physiotherapie
und
Maßnahmen
der
Physikalischen Therapie (Elektro-, Hydro- und
Massagetherapie) gut beeinflussbar sind [18,
19].
Bei
Hinweisen
auf
begleitende
psychologische/psychiatrische Komorbiditäten,
sollte sich an das psychologische Screening
durch Schmerzfragebögen und die ärztliche
Erstanamnese unbedingt eine fachgerechte
psychologische oder psychiatrische Diagnostik
anschließen.
Auf
die
Wechselwirkung
somatisch-struktureller,
somatischfunktioneller, psychologischer und sozialer
Einflussfaktoren muss in der Therapie
besonders eingegangen werden. Dazu ist eine
enge
interdisziplinäre
Zusammenarbeit
verschiedener
Therapeutengruppen
und
Disziplinen
(Ärzte,
Psychologen,
Physiotherapeuten, Sporttherapeuten, Ergotherapeuten, Sozialdienst, medikamentöse und
invasive
Schmerztherapie)
in
einem
gemeinsamen Team notwendig. Bei ambulant
erfolgloser Behandlung hochchronifizierter
Patienten bedarf es hierzu häufig des
stationären Settings einer Schmerzklinik.
In der Klinik für Manuelle Medizin Sommerfeld
(Akutkrankenhaus
für
nicht-operative
Orthopädie und Schmerzmedizin) erfolgt die
Diagnostik
unter
Einbeziehung
des
Sommerfelder Diagnostiksystems [20, 21].
Durch dieses System werden strukturelle und
funktionelle
körperliche
Befunde
sowie
psychologische und soziale Einflussfaktoren
bereits in der Eingangsdiagnostik durch einen
Arzt und Psychologen erhoben und gewertet
(Abb.1 und Abb. 2).
Musikphysiologie und Musikermedizin 2010, 17. Jg., Nr. 2
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Therapieschwerpunkte.
Diese
werden
individuell an die Therapiebedürfnisse des
einzelnen Patienten angepasst (Abb. 3)
Diagnostikphase
Basistherapie
Schmerz
Basistherapie
Vegetative Regulation
Pfad 1: Manualmedizinisch-orthopädischer
(physiotherapeutischer) Behandlungspfad
Therapieschwerpunkt
Stabilisation
+
Psychosomatische
Schmerztherapie
Therapieschwerpunkt
Mobilisation
+
Psychosomatische
Schmerztherapie
Therapieschwerpunkt ATL
+
Psychosomatische
Schmerztherapie
Therapieschwerpunkt Vegetative Regulation
Pfad 2: Manualmedizinisch psychotherapeutischer Behandlungspfad
Therapieschwerpunkt Psychotherapeutisch-funktionell
orientierte Behandlung
Therapieschwerpunkt Psychotherapeutisch-vegetativ
orientierte Behandlung
Pfad 3: Intensiv-schmerztherapeutischer
Behandlungspfad
Funktionell orientierte
Behandlung
+
Psychosomatische
Schmerztherapie
Pfad 4: Erweiterte Verlaufsdiagnostik
Therapieschwerpunkt Funktionell orientierte Behandlung
Therapieschwerpunkt Vegetativ orientierte Behandlung
Abb. 1: Sommerfelder Diagnostiksystem
Abb.
3:
Behandlungsschwerpunkte
chronischen Schmerzerkrankungen
bei
Schmerztherapiekonzepte bei Musikern
Abb. 2: Einordnung von Komplexbefunden
In einem anschließenden Teamgespräch
werden
die
Behandlungsschwerpunkte
festgelegt und mit dem Patienten besprochen.
Je nach Befundwertung sind unterschiedliche
Behandlungsstrategien (physiotherapeutischmanualmedizinisch,
physiotherapeutischpsychosomatisch, invasive Schmerztherapie
oder erweitere Diagnostik) mit wiederum
unterschiedlichen Schwerpunkten möglich.
Insgesamt ergeben sich daraus je nach
Befundkonstellation
9
unterschiedliche
Bei einem akuten Schmerzgeschehen ist der
erste und wichtigste Schritt, die Überlastung zu
stoppen, um Musizieren unter Schmerzen zu
vermeiden.
Begleitend
sollten
Funktionsstörungen
(Triggerpunkte,
Verspannungen, gestörte Bewegungsmuster und
Gelenkblockierungen) mit Hilfe der Manuellen
Medizin oder der Physiotherapie behandelt
werden. Zeigen sich infolge von Überlastungen
Entzündungszeichen
wie
Überwärmung,
Rötung
oder
Schwellung,
sollten
gegebenenfalls auch entzündungshemmende
Schmerzmedikamente eingesetzt werden.
Im Falle bereits eingetretener Chronifizierung,
wenn also Schmerzen über einen längeren
Zeitraum
persistieren,
ist
es
wichtig,
insbesondere auch die affektiv-emotionale und
vegetative
Schmerzkomponente
in
die
Therapiestrategie
einzubeziehen.
Die
Therapieprinzipien
der
Akutschmerzbehandlung
sind
daher
um
eine
psychologische
Mitbehandlung
und
ein
psychoedukatives Training zur Schmerz- und
58
A. Steinmetz & W. Seidel – Musizieren und Schmerz
Stressbewältigung zu ergänzen. Im Rahmen
der psychologischen Therapie wird mit dem
Patienten ein Schmerzmodell erarbeitet. Unter
Einbeziehung
der
unterschiedlichen
Schmerzverarbeitungstypen werden Schmerzbewältigungsstrategien
vermittelt.
Ein
wichtiges Ziel ist die Verbesserung der
Wahrnehmungs- und Affektregulation (z.B.
Angst), was durch eine Schulung der
Körperwahrnehmung und den Einsatz von
Entspannungstechniken unterstützt wird. Im
psychologischen Kontakt kann außerdem eine
weiterführende
Psychotherapie gebahnt
werden.
Zur Ausbalancierung des Vegetativums bietet
sich ein aerobes Ausdauertraining an (z.B.
Jogging oder Nordic Walking). Ergänzend sind
hydrotherapeutische
Anwendungen
(Wechselduschen,
Güsse
und
Wickel)
einzusetzen. Da auch die Ernährung sowie
ausreichender regelmäßiger Schlaf das
vegetative Nervensystem in hohem Maße
beeinflussen,
sind
eine
regelmäßige
ausgewogene Ernährung sowie Schlafhygiene
ein wichtiger Bestandteil einer vegetativ
orientierten Therapie.
Neben einer suffizienten Schmerzmedikation,
welche
in
einem
festen
Zeitschema
eingenommen werden sollte, ist eine
Komedikation
zur
Beeinflussung
des
„Schmerzgedächtnisses“ sinnvoll. Hier eignet
sich insbesondere das als Antidepressivum
bekannte Amitryptilin, welches in einer
niedrigen (nicht antidepressiv wirksamen)
Dosis Einfluss auf die Schmerzschwelle und
die Schmerzwahrnehmung hat und gleichzeitig
schlaffördernd wirkt.
Zusätzlich zu diesen in der Schmerztherapie
etablierten Therapiekonzepten ist es bei
Musikern wichtig, die musikerspezifischen
Einflussfaktoren
(Instrumentaltechnik,
Instrumentenergonomie, Lampenfieber, Stress
und Übegewohnheiten) in den Therapieprozess mit einzubeziehen. Nur so kann die
Belastung des Instrumentalspiels auf das
Bewegungssystem so weit wie möglich
reduziert werden. Hierzu sind ergonomische
Beratungen, Informationen zu Lampenfieber/
Aufführungsangst oder die Vermittlung von
Übetechniken notwendig.
Schmerz
führt
zu
automatisierten
dysfunktionellen Bewegungsmustern während
des Musizierens. Ein wichtiger Aspekt der
Musikerbehandlung ist deshalb die funktionelle
Wiederherstellung
der
ursprünglichen
physiologischen Bewegungsabläufe. Gelingt
dies
nicht,
fällt
der
Musiker
beim
Instrumentalspiel immer wieder in die alten
Überlastungsmuster zurück. Neben einer
(teilweise videogestützten) Bewegungsanalyse
am Instrument, können hier Biofeedbackverfahren eingesetzt werden. Zur Erleichterung
dieses
schwierigen
und
die
Musikerbehandlung
herausfordernden
Prozesses, sollte auch das aus dem Sport
bekannte Mentale Training in die Therapie
integriert
werden.
Körperwahrnehmungstechniken wie Alexander-Technik, Feldenkrais,
Dispokinesis aber auch Qi Gong, Yoga etc.
helfen,
das
Körpergefühl
wieder
zurückzugewinnen und zu verfeinern. Häufig
kann
so
die
Adaptationsund
Kompensationsfähigkeit
des
Körpers
wiederhergestellt werden.
Das Institut für Musikermedizin BerlinBrandenburg bietet ein entsprechendes
schmerztherapeutisches Behandlungskonzept
für Musiker an. Bei chronischen oder
chronifizierungsgefährdeten
Schmerzsyndromen ist auch eine Behandlung in der
Klinik für Manuelle Medizin Sommerfeld
möglich, in der dieses Musikermedizinkonzept
stationär umgesetzt wird.
Indikationen
für
eine
stationäre
Musikerbehandlung sind erfolglose ambulante
Diagnostik und Therapie (> 6 Wochen),
Arbeitsunfähigkeit über 6 Wochen sowie
Risikofaktoren für Chronifizierung (yellow
flags). Die so genannten yellow flags
(erfolglose ambulante Therapie, unklare
Diagnose, mehrfache Operationen, starke
psychische
und
soziale
Belastungen,
Arbeitsunfähigkeit/geringe
Arbeitsplatzzufriedenheit, verminderte Lebensqualität)
wurden 1999 von Main & Watson [22] als
psychosoziale Risikofaktoren beschrieben.
Rückenschmerzpatienten
mit
diesen
Risikofaktoren
zeigten
ein
deutlich
schlechteres Therapieergebnis als eine
Vergleichsgruppe ohne yellow flags.
Da die Erfahrungen der Schmerzmedizin
zeigen, dass bei frühzeitiger multimodaler
Schmerzbehandlung
eine
Chronifizierung
vermeidbar ist bzw. Chronifizierungsprozesse
unterbrochen werden können, sollte bei
Vorliegen der genannten Indikationen eine
stationäre Komplexbehandlung erfolgen.
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Besonderer Dank gebührt Frau OÄ Daniela
Wilsdorf für die Durchsicht dieses Manuskripts.
OÄ Dr. med. Dipl. Mus. Anke Steinmetz
Ärztliche Leiterin des Instituts für
Musikermedizin Berlin Brandenburg der
Klinik für Manuelle Medizin Sommerfeld
Waldhausstr. 44
16766 Kremmen/OT Sommerfeld
Tel.: 033055/52624
a.steinmetz@sana-hu.de
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