Beziehungsgestaltung als spezifische - psychotherapie

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WENDISCH: SPEZIFISCHE INTERVENTION AUF
VIER EBENEN
359
VERHALTENSTHERAPIE UND VERHALTENSMEDIZIN 2000,
21. JG. (4), 359-380.
BEZIEHUNGSGESTALTUNG ALS SPEZIFISCHE
INTERVENTION AUF VIER EBENEN
MARTIN WENDISCH
Tübinger Akademie für Verhaltenstherapie (TAVT)
ZUSAMMENFASSUNG. Therapeutische Beziehungsgestaltung kann auf unterschiedlichsten Ebenen diskutiert werden. Es kann um die Definition eines guten
Basisverhaltens gehen, oder um das Bild darüber, wie direkt ein Therapeut auf einen
Patienten Einfluss nimmt. Es kann aber auch um Konzepte über gut angewendete
Methoden gehen oder um Leitlinien darüber, wie man in spezifischen Beziehungen
Wirkungen entfaltet. In diesem Artikel wird die Auffassung begründet, dass ein einfaches
Konzept nur auf einer hohen Abstraktionsebene ausreichend ist und klinisch relevante
Konzepte formuliert werden sollten, mit denen sich die tägliche Erfahrung schwieriger
Therapieverläufe und die Verstricktheit in Beziehungsmuster angemessen darstellen lässt.
Ein vorbereitender Beitrag dazu kann sein, über das Modell einer guten Beziehung
hinauszugehen und zu einer Beschreibung von vier Ebenen zu kommen, die parallel in
unterschiedlichen Beziehungsmustern eine Rolle spielen.
SCHLÜSSELWÖRTER:
Beziehungsgestaltung,
Beziehungstest,
Therapeut-PatientBeziehung, Basisverhalten, Beziehungsmuster, Beziehungskonflikt, Ressourcen
THE INTERACTIONAL BEHAVIOR OF A THERAPIST AS A SPECIFIC INTERVENTION ON FOUR DIFFERENT LEVELS
ABSTRACT.
The relevance of the therapist-patient relationship can be discussed from various perspectives: What are the indicators of a good relationship? What conceptual frame of the therapist-patient-relationship is needed to
describe effective interactional strategies? Is it enough to describe the therapistpatient-relationship as a process of well performed intervention methods? 1s it
necessary to overcome the common factors model of research and to develop a
model of different relationship patterns?
It is the aim of the present paper to utilize the basic research in psychology of
communication and the basic terms of treatment of personality disor-
VERHALTENSTHERAPIE UND VERHALTENSMEDIZIN 21/4 (2000)
360
ders to develop an understanding of eight prototypes of therapist-patientrelationship. It is worked out for one interactional pattern that the therapist can
plan his Intervention on four different levels: 1.) disorder level; 2.) ressource
activation level; 3.) explication of specific interpersonal conflicts, and 4.) coping
with interactional tests.
Key words: therapist-patient-relationship, interactional basic behavior,
patterns of relationship, interpersonal conflicts, ressource activation, interactional
tests
nellen Geschehens ist und sich
diesem letztlich nicht entziehen kann.
Er sieht sich als Beziehungspartner
1. EINLEITUNG
und als Teil des Beziehungsgeschehens des Patienten, um die spezifiHinsichtlich des Umgangs mit der schen Fallen und Zwänge dieser
therapeutischen
Beziehungsgestal- Beziehung zu bearbeiten. Die Thetung sind immer wieder zwei Grund- rapie wird hier als ein Entwicklungshaltungen zu erkennen, die ich als prozess gesehen, in dem es neben
methodenorientierte und als bezie- konkreten Problemen um die Klärung
hungsorientierte Haltung bezeichnen und
Beeinflussung
zentraler
möchte.
Beziehungsschemata geht. Um dies
In der methodenorientierten Hal- zu können, benötigt der Therapeut
tung wird diejenige therapeutische sowohl Wahrnehmungen als auch
Beziehung als gut definiert, in der Theorien darüber, wie er die Art von
bestimmte
Behandlungsmethoden Beziehung erkennen kann, in die er
konsequent in der Therapie vertreten involviert ist und welche Interventionen
werden und Einwände der Patienten zur
Beeinflussung
von
Beziegeschickt und flexibel aufgegriffen hungsmustern sinnvoll sind.
werden, um die Interventionstechnik
In diesem Artikel wird die Auffasauf den Patienten bezogen begründen sung begründet, dass diese sehr unzu können. Der Therapeut benötigt in terschiedlichen Haltungen beide ihre
diesem
Kontext
vor
allem Berechtigung haben und gleichzeitig
störungsspezifisches
interven- jede für sich verkürzt wäre, da sich die
tionswissen.
Erwartungen von Patienten an einen
Das therapeutische Ideal, das Therapeuten sehr stark unterscheiden.
dieser
Haltung
entspricht,
ist Ausbildungsteilnehmer
in
der
vergleichbar mit einem Chirurgen oder Verhaltenstherapie kritisieren an ihrer
einem Managementtrainer, der aus Ausbildung, dass sie zwar sehr viel
einer gewissen Distanz Schnitte setzt methodische Kenntnisse erwerben,
oder Strategien anwendet, um nach jedoch nur ein unzureichendes
dem
Prinzip
der
minimalen Verständnis
von
therapeutischer
Intervention den
Patienten so Beziehungsgestaltung erwerben und
schnell wie möglich wieder aus einem darüber, wie man mit Patienten umüberschaubaren Lernprozess in die geht, wenn sich die störungsbezoSelbsthilfe zu entlassen.
Die beziehungsorientierte Haltung
besteht in der Erkenntnis, dass der
Therapeut Teil eines interaktio
WENDISCH: SPEZIFISCHE INTERVENTION AUF
VIER EBENEN
361
genen Interventionen und Argumentationen erschöpft haben. Diese Methodenzentriertheit in der Ausbildung
spiegelt sich auch im aktuellen Forschungsstand wieder.
2. EMPIRISCHE BEFUNDE UND
DIE DEFINITION EINES „GUTEN"
BASISVERHALTENS
Die Rolle der therapeutischen
Beziehung ist in der Verhaltenstherapie aus guten Gründen zugunsten
eines primär problemspezifischen
Denkansatzes lange Zeit vernachlässigt worden. Dagegen war in der
psychoanalytischen
Tradition
die
therapeutische Beziehung zum zentralen Medium jeder therapeutischen
Veränderung gemacht worden. Es galt
die Annahme, dass jede Störung und
jedes Symptom sich im Verlaufe einer
Durcharbeitung
der
dahinter
stehenden Emotionen und Konflikte in
der
therapeutischen
Beziehung
auflösen würde. Erst mit zunehmender
Verbreitung der psychoanalytischen
Therapie auf alle Indikationsbereiche
wurden
die Grenzen dieser
Auffassung deutlich. Oft bestanden
Symptome
nach
langjähriger
Beziehungsarbeit fort und hatten eine
Eigendynamik, die nur bedingt mit
psychoanalytischen Mitteln verändert
werden konnten.
Genau an dieser Stelle setzte die
Verhaltenstherapie an, in der mit
zunächst sparsamen theoretischen
Mitteln
praktische
Veränderungsmöglichkeiten für die verschiedensten
Störungen erprobt und außerordentlich
erfolgreich
angewendet wurden. In
zunehmend
mehr
Indikationsbereichen, so zum Beispiel anfangs bei hyperkinetischen Kindern,
Sexualstraftätern. Anorexie, selbst
unsicheren Patienten etc., wurden
spezifische
Behandlungsmethoden
entwickelt, mit denen auch diejenigen
Patienten Erfolge erreichen konnten,
die vorher als therapieresistent
gegolten
halten.
Der
problemspezifische
störungsbezogene
Denkansatz hat sich bis heute erfolgreich in allen Indikationsbereichen
fortgesetzt, so dass ein spezifisches
Verständnis
der
therapeutischen
Beziehung in der Verhaltenstherapie
manchen
Verhaltenstherapeuten
entbehrlich zu sein scheint.
Ein Überdenken dieser Haltung
setzte nicht zuletzt mit den Ergebnissen der Literaturanalyse von Orlinsky und Howard (1986) ein. In
dieser außerordentlich umfangreichen
Literaturstudie
wurden
positive
Zusammenhänge zwischen
Prozessmerkmalen der Therapie und dem
Erfolg der Therapie ausgezählt und
verglichen. Bemerkenswert war, dass
im Überblick weniger die Interventionen entscheidend für den Therapieerfolg waren als zunächst die
Offenheit und Aufnahmebereitschaft
auf Seiten des Patienten, zum zweiten
die
Güte
der
therapeutischen
Beziehung im Erleben des Patienten
und in dritter Linie die Partizipation
des Patienten an problembezogenen
Interventionen.
Diese Ergebnisse legen in stärkerem Masse eine Berücksichtigung
der therapeutischen Beziehung nahe,
die sich nicht nur im problembezogenen Vorgehen des Therapeuten
erschöpft, sondern auch spezifische
Kompetenzen im Umgang mit der
Beziehung erfordert. Scheinbar konterkariert werden diese Ergebnisse
zum Beispiel durch Befunde von
Sloane und Mitarbeitern (Sloane,
Staples, Cristol, Yorkston &
VERHALTENSTHERAPIE UND
VERHALTENSMEDIZIN 21/4 (2000)
362
Whipple, 1975), wonach die therapeutische Beziehung von den Patienten auch dann als sehr positiv beurteilt wird, wenn Verhaltenstherapeuten prob lern orientiert und direktiv
arbeiten; oder durch den Befund von
Schulte, Künzel, Pepping und Schulte-Bahrenberg (1991), dass bei ausgewählten Angstpatienten eine standardisierte Intervention nach Manual
zu besseren Ergebnissen führt als
eine individualisierte Behandlung.
In diesem Sinne ist es auch naheliegend, wenn aus verhaltenstherapeutischer Sicht eine gute therapeutische Beziehung als natürlicher
Nebeneffekt einer kompetent und
flexibel
angewendeten
Interventionsmethode angesehen wird. So
schlägt Hautzinger (1992) zum Beispiel für eine gute therapeutische
Beziehung mit depressiven Patienten
vor, strukturiert und transparent
vorzugehen, aktiv Fertigkeiten und
Strategien in der Therapie zu vermitteln und Selbstattributionen des Patienten aktiv zu fördern. Margraf und
Schneider (1992) schlagen für die
Gestaltung einer guten therapeutischen Beziehung mit Angstpatienten
vor, eine präzise Vorbereitung auf die
Konfrontationsübungen
durchzuführen, den Patienten zum Selbstentdecken des Angstteufelskreises
anzuleiten und Fehlinterpretationen
körperlicher Prozesse immer wieder
aufzugreifen und durch den Patienten
korrigieren zu lassen.
Bennun und Schindler (1988)
stellen fest, dass die therapeutische
Beziehung dann vom Patienten als gut
erlebt wird, wenn er den Therapeuten
als
sympathisch,
direktiv
und
kompetent
einschätzt.
Schindler
(1991) konnte belegen, dass in der
Anfangsphase der Therapie ein aktiv
strukturierendes und explorierendes
Verhalten des Therapeuten vom Patienten als hilfreich erlebt wird und im
weiteren Therapieverlauf ein eher
unterstützendes und konfrontierendes
Verhalten. Ebenso konnte belegt
werden, dass die Einschätzung der
therapeutischen
Beziehung
im
Erstgespräch bereits deutlich mit dem
späteren
Therapieerfolg
korreliert
(siehe dazu auch: Regli, Bieber,
Mathier & Grawe, in diesem Heft).
Auch für die Beziehung zwischen
Hausarzt und Patient konnte nachgewiesen werden, dass misslingende
Kommunikation in 70% der Fälle
vorkam, in denen Patienten Kunstfehlerprozesse anstrengten (Beckmann, Markakis, Suchman & Frankel
1994).
Ein ebenfalls interessanter Befund
ist die Tatsache, dass Patienten mit
einem hohen Autonomiebedürfnis ein
grundsätzlich
weniger
direktives
Vorgehen brauchen als Patienten mit
einem niedrigen Autonomiebedürfnis
(Beutler, Machado & Altstedter 1994).
Auf
dieser
Abstraktionsstufe
bleibt das Verständnis der therapeutischen Beziehung jedoch insgesamt
unspezifisch. Der Umgang mit der
therapeutischen Beziehungsgestaltung
besteht entweder in methodischen
Anleitungen zur „guten" Anwendung
von Methoden oder in einem
unspezifischen
Uniformitätsverständnis therapeutischer Beziehungen (common factors). Grawe
(1992) konstatiert, dass ein unspezifisches Verständnis solange ausreicht,
wie
eine
gute
therapeutische
Beziehung sich „von selbst" einstellt,
dass jedoch bei einer gestörten therapeutischen Beziehung spezifische
Aktivitäten von Seiten des Thera-
WENDISCH: SPEZIFISCHE INTERVENTION
AUF VIER EBENEN
363
peuten entfaltet werden müssen. Auch
Schulz (2000) resümiert, dass die
therapeutische Beziehung in ihrer
spezifischen Wirksamkeit noch weiter
erforscht werden muss.
Durch eine methodenzentrierte
Haltung geraten Verhaltenstherapeuten in eine ähnliche Sackgasse
wie vormals die Psychoanalytiker:
Wenn ein Patient auf bestimmte Behandlungsmethoden nicht anspricht,
sie ablehnt, keine Ziele benennen
kann oder sich verstärkt mit dem
Therapeuten als Person auseinandersetzt anstatt sich auf die Interventionen einzulassen, dann gilt der
Patient schnell als unmotiviert oder
eben nicht therapiefähig, anstatt die
eigene Methodik zu überdenken. In
den verhaltenstherapeutischen Lehrbüchern tauchen solche Probleme
auch folgerichtig gar nicht erst auf und
in Studien erscheinen diese Patienten
nur als drop-outs oder non-responder.
Schließlich beruhen ja die zum Teil
erheblichen
Erfolgsraten
bei
Interventionsstudien vor allem darauf,
störungsbezogene „reine" Patienten
zu selegieren, die dementsprechend
überdurchschnittlich profitieren. Dies
spricht dann für die Intervention, aber
nicht für die klinische Validität der
Studie. Es wird dementsprechend
auch festgestellt, dass dem Einfluss
multipler Komorbiditäten auf die
Therapieplanung empirisch bisher
kaum
angemessen
Rechnung
getragen wurde (Maser & Cloninger
1990).
Eine Einbeziehung aller Schwierigkeiten von Patienten erfordert die
systematische
Erfassung
beziehungsspezifischer Konflikte und interpersoneller Teufelskreise in der
individuellen Fallanalyse. Wesentliche
Impulse hierzu gehen aktuell
von der Erforschung zur Behandlung
von Persönlichkeitsstörungen aus.
Wenn man einmal annimmt, dass
Persönlichkeitsstörungen
komplexe
Beziehungsstörungen sind und zum
zweiten der Tatsache Rechnung trägt,
dass
eine
durchschnittliche
Komorbidität von Persönlichkeitsstörungen mit 11% in der Normalbevölkerung bis über 60% bei klinischen
Gruppen
belegt
ist
(Fydrich,
Schmilz, Dietrich, Heinicke & König,
1994), dann müssen mindestens bei
diesem Anteil neben kognitiven Interventionen gezielte Interventionen
zur Verbesserung des Beziehungsgeschehens angewendet werden;
und darüber hinaus: die therapeutische Beziehung selbst muss als korrigierende
Beziehungserfahrung
wirksam sein.
Verlässt man einmal die empirische
Befundlage zur Erforschung der
therapeutischen Beziehung, so lässt
sich jedoch auf einer klinischen
Erfahrungsbasis eine unspezifische
„gute" Grundhaltung beschreiben, die
immer auch die Erfahrung des
jeweiligen Urhebers enthält. Strupp
beschreibt (1996), dass generell eine
gewisse verbale Zurückhaltung aufSeiten
des
Therapeuten,
eine
Kontrolliertheit und Bewusstheit der
eigenen Reaktionen und eine aktive
Anteilnahme an den Äußerungen des
Patienten hilfreich sind; insbesondere
müsse sich der Therapeut negativer
Kritik und abschätziger Äußerungen
enthalten und eine Neugier des
Patienten auf sich selbst fördern.
Kanfer, Reinecker und Schmelzer
(2000) setzen in den „Eleven laws of
psychotherapy" die Akzente etwas
anders, wenn sie einen Optimismus
und aktive Lösungsorientierung als
wesentlich
VERHALTENSTHERAPIE UND VERHALTENSMEDIZIN 21/4 (2000)
364
vorgeben, bei gleichzeitiger Bescheidenheit („spielen Sie nicht Gott"),
einem Akzeptieren des Patienten als
Experten für sein Verhalten und einer
aktiv tobenden Haltung für Fortschritte.
Beide Aussagen sehr erfahrener
Therapeuten und Forscher stehen für
den Versuch, diese gute und hilfreiche
Grundhaltung
definitorisch
zu
umreißen. Man könnte diesen Anteil
wirksamer Beziehungsgestaltung im
besten Sinne als Placebo-Anteil
bezeichnen,
da
die
geduldige,
interessierte
Anteilnahme
und
Unterstützung
sicher
zu
den
wesentlichen
menschlichen
Grundbedürfnissen zählt und damit
heilsam ist.
Als Fazit lässt sich festhalten, dass
ein
empirisches
Verständnis
spezifischer therapeutischer Beziehungen noch nicht vorliegt und dass
es zunächst einer weiteren Systematisierung der klinischen Erfahrung
bedarf, um ein solches spezifisches
Verständnis zu entwickeln. Dies darf
jedoch nicht dazu führen, dass therapeutisches Handeln wieder ausschließlich als Beziehungsintervention
verkürzt wird. Aus der klinischen
Praxis kann man annehmen, dass für
manche Patienten ein primär störungsspezifisches
Vorgehen
die
beste Beziehungsgestaltung darstellt,
für andere Patienten die unspezifische
„gute" Anteilnahme im Vordergrund
steht und für wieder andere Patienten
die Anteilnahme nicht ausreicht,
sondern
um
eine
spezifische
unterstützende Komponente oder
durch
ein
konfliktspezifisches
Vorgehen ergänzt werden muss.
Möglicherweise sind bei bestimmten
Patienten aber auch alle diese
Komponenten
im
gesamten
Therapieverlauf von unterschiedli
cher Bedeutung. Psychotherapeuten
können sich auf keinen Fall auf eine
störungsspezifische Kernkompetenz
zurückziehen.
3. BASISKONZEPTE DER
THERAPEUTISCHEN BEZIEHUNG
IN DER VERHALTENSTHERAPIE
UND DIE SETTING-FRAGE
Auf
dem
Hintergrund
unterschiedlicher konzeptueller Entwicklungsphasen der Verhaltenstherapie
hat Laireiter (1995) unterschiedliche
Konzepte der therapeutischen Beziehung abgeleitet. Diese Konzepte
werden oft auch je nach Setting und
therapeutischem Stil nebeneinander
verwendet. Unterscheiden lassen sich
eine lerntheoretische Phase, eine
kognitive Phase und eine interaktionelle Phase. Diese sind nach
Laireiter (1995) noch um eine vierte
'interpersonale’ Phase zu erweitern.
Auf einem lerntheoretischen Hintergrund erscheint der Therapeut
vorwiegend als angstreduzierender
Stimulus, als Verstärker und als Modell. Die Therapie wird in der lerntheoretischen Perspektive vorwiegend
als begrenzter, auf bestimmte Ziele
bezogener, Lernprozess aufgefasst.
Der Therapeut hat primär die Aufgabe
ein angstfreies Klima zu schaffen.
Angstreduktion ist Stimuluskontrolle im
Sinne
des
klassischen
Konditionierens. Zum zweiten soll der
Therapeut
den
Patienten
für
Fortschritte im Lernprozess belohnen.
Der Therapeut nimmt insofern direkt
Einfluss auf das Verhalten des
Patienten, der für Annäherungen an
das gewünschte Verhalten verstärkt
wird. Exemplarisch hierfür steht z.B.
die direkte Bearbeitung des interaktionellen Verhaltens in Rollenspielen
WENDISCH: SPEZIFISCHE INTERVENTION AUF
VIER EBENEN
365
nach Ullrich und Ullrich de Muynck
(1998) oder Desensibilisierungsmethoden (siehe z.B.: Florin, 1978).
In der Perspektive des kognitiven
Paradigmas und des Problemlöseparadigmas bekommt der Therapeut
eine etwas andere Funktion: er versteht sich primär als Moderator eines
Veränderungsprozesses und leistet
Hilfe zur Selbsthilfe, indem er den
Patienten zur Lösung der eigenen
Probleme nach einer bestimmten
kognitiven Vorstellung (z.B. dem
Problemlöseparadigma oder Modellen
typischer kognitiver Verzerrungen)
anleitet. Gegenstand der Therapie
sind immer noch Lernprozesse. aber
primär kognitive Lernprozesse, in
denen die Patienten durch Fragen des
Therapeuten gelenkt werden und
lernen,
ihre
Aufmerksamkeit
lösungsorientiert auszurichten und
dysfunktionale Wahrnehmungen oder
Bewertungen zu erkennen und in
Verhaltensexperimenten zu prüfen.
Die therapeutische Beziehung ist hier,
ähnlich wie in der terntheoretischen
Perspektive,
auf
einen
zeitlich
begrenzten und geziellen Lernprozess
ausgerichtet;
Jedoch ist das Verständnis der Beeinflussung weniger direkt, sondern
mehr im Sinne einer angeleiteten
Selbstveränderung zu sehen. Die
Rolle des Therapeuten ist dementsprechend auch die des Experten für
das Lösen von Problemen. Exemplarisch hierfür stehen die Kognitive
Therapie nach Beck oder der
Selbstmanagement-Ansatz
nach
Kanfer, in denen der lerntheoretische
und der Problemlöseansatz verbunden
werden.
Die dritte Phase im Verständnis
der therapeutischen Beziehung in der
Verhaltenstherapie wurde durch
die Ergebnisse von Grawe, Caspar
und Ambühl (1990) eingeleitet, wonach eine „interaktionelle Verhaltenstherapie", in der sich der Therapeut auf die wichtigsten positiven
Beziehungsziele/Bedürfnisse
des
Patienten einstellt, einer bloßen Anwendung
verhaltenstherapeutischer
Methoden
(„Breitspektrum-Verhaltenstherapie“) und auch einer auf Anteilnahme und Empathie basierenden
Gesprächstherapie überlegen ist.
Grawe
(1992)
konnte
auch
nachweisen, dass interaktionell arbeitende Verhaltenstherapeuten im
Vergleich mit anderen Verhaltenstherapeuten und Gesprächstherapeuten die besten Beurteilungen von
Patienten in der Beziehungsqualität
erhielten.
Das Mittel zur Erschließung solcher individuellen übergeordneten
Bedürfnisse sind die Analyse des
nonverbalen
Interaktionsverhaltens
und die Plananalyse nach Caspar
(1996), bzw. die schematheoretische
Analyse nach Grawe, Grawe-Gerber,
Heiniger, Ambühl und Caspar (1996).
Diese Oberpläne (z.B.:
Sei fürsorglich.) werden aktiv durch
den Therapeuten komplementär bzw.
ressourcenorientiert bestätigt (z.B. Ich
nehme Sie als sehr fürsorglichen
Menschen wahr. Therapie kann für
Sie Fürsorge sich selbst gegenüber
sein.)
Da
sich
die
gesamte
Therapieplanung an den individuellen
Plänen des Patienten orientiert, ist
dieser Prozess nur beschränkt planbar
und heuristisch. Es wird ein primär
verstehender
und
bestätigender
Interaktionsstil
verwendet,
dem
unmittelbar anleitende oder
gar
führend-kontrollierende
Verhaltensweisen erst in zweiter und
dritter Linie folgen.
VERHALTENSTHERAPIE UNO
VERHALTENSMEDIZIN 21/4 (2000)
366
Damit ist nach Laireiter (1995) der
Schritt aus einer unspezifischen
Beziehungsgestaltung, die sich im
kompetenten Anwenden von Methoden erschöpft, in eine spezifische
Beziehungsgestaltung getan. Es wird
in diesem Denkansatz explizit die
Beziehungsflexibilität betont, wie sie
auch in den Befunden von Orlinsky
und Howard (1986) als zentral erkannt
wurde. Laireiter stellt jedoch auch für
den
interaktionellen
Denkansatz
heraus, dass die Gestaltung der
therapeutischen Beziehung noch als
Mittel zum Zweck bzw. instrumentell
gesehen wird, insofern der Therapeut
die Beziehung aktiv gestaltet und die
Probleme des Patienten außerhalb der
therapeutischen Beziehung gesehen
und damit externalisiert werden.
Die letzte Erweiterung im Verständnis der therapeutischen Beziehung bezeichnet Laireiter (1995) als
interpersonale Phase. Die Externalisierung der Probleme des Patienten
lässt sich dann nicht aufrechterhalten,
wenn das Therapiegeschehen stark
konflikthaft ist und der Patient sehr
gegensätzliche Bedürfnisse an den
Therapeuten
heranträgt.
Ebenso
zeigen die Erfahrungen aus der
Therapie schwerer und mittlerer
Persönlichkeitsstörungen, dass therapeutische Prozesse nach komplizierten Mustern verlaufen, insofern der
Therapeut mit aller Macht in die
Beziehungsdynamik des Patienten
involviert - wenn nicht gar verstrickt wird, und die Therapie zunächst zum
Teil des Problems wird. An dieser
Stelle gibt es wohl die meisten und
schwerwiegendsten
Missverständnisse zwischen methodenorientierter Forschung und praktisch
arbeitenden Therapeuten, da in a-
kademischen Falldarstellungen oft die
Illusion genährt wird, man könne mit
einer
beharrlichen
Anwendung
wissenschaftlicher Methoden zum
Erfolg kommen, wenn nur die Methoden auch genügend beherrscht
werden würden. Nur selten werden in
Publikationen
krisenhafte
Therapieverläufe berichtet und die Begrenztheit des Einflusses von Therapeuten bei manchen Problemen
offenbart. Selbst in den Falldarstellungen persönlichkeitsgestörter Patienten von Beck und Freeman (1992)
wird immer wieder der Eindruck
erweckt, dass ein stoisches Anwenden
der kognitiven Methodik irgendwann
einmal zum Erfolg führt, wenngleich
auch nach viel längerer Zeit Es werden
keine Anleitungen beschrieben, wie
Therapeuten ihre eigenen emotionalen
Reaktionen
nutzen
und
damit
umgehen können.
Anstatt diese Probleme als ausschließlich kognitive Schemaarbeit zu
verkürzen erscheint es sinnvoller, den
verhaltenstherapeutischen Denkansatz
explizit um ein empirisches Konzept zu
bereichern, durch das der Therapeut
zur
Bewältigung
therapeutischer
Beziehungskrisen
systematisch
angeleitet
wird.
Ein
solches
theoretisches Verständnis wird durch
das Konzept der „Beziehungstests"
von Weiß (1986) bereit gestellt.
Diesem Konzept liegen empirische
Befunde zugrunde, wonach manche
Patienten
in
einer
früheren
Therapiephase dazu neigen, stark
frustrierte Bedürfnisse auf den Therapeuten zu übertragen (Übertragungstests) oder in späteren Therapiephasen Verhaltensmuster zeigen,
unter denen sie früher selbst extrem
gelitten haben, um die reale Macht
dieser Verhaltensmuster zu überprü-
WENDISCH: SPEZIFISCHE INTERVENTION AUF
VIER EBENEN
367
fen
(Täter-Opfer-Tests).
Beziehungstests sind der interpersonelle
Teil eines zentralen Konfliktes, innerhalb dessen ein Mensch verletzte
Bedürfnisse zwar befriedigen, aber
zugleich - und in der Regel noch intensiver - vermeiden will (siehe auch:
Ambühl, 1992).
Die korrespondierenden Verhaltensweisen führen oft zu Krisen in der
Therapie, zur Stagnation oder auch
zum Abbruch der Therapie; sie können
in heftigen oder stark wechselnden
Appellen oder in einem direkten Angriff
auf den Therapeuten bestehen, in der
Nichteinhaltung basaler Absprachen
oder
auch
in
verstärkten
Symptombildungen ohne äußeren
biographischen Anlass, z.B. gegen
Ende einer Therapie. In diesen Fällen
wird der Therapeut für den Patienten
zum Partner für eine korrigierende
emotionale Erfahrung und muss auch
prinzipiell bereit sein, sich innerhalb
des Konfliktmusters des Patienten zu
begreifen. Für diese Patienten wird die
Therapie zur primär interpersonellen
Erfahrung, in der Standardmethoden
eine nachrangige Bedeutung haben.
Zusammenfassend lassen sich vier
verschiedene
Konzepte
der
Therapeut-Patient-Beziehung in der
Verhaltenstherapie
unterscheiden.
Diese lassen sich auch abgrenzen
hinsichtlich der Direktheit, mit der der
Therapeut auf das Verhalten des
Patienten Einfluss nimmt. In komplexen Therapien spielen sicher alle
vier Basiskonzepte nebeneinander
eine Rolle. Innerhalb eines komplexen
Therapieverlaufs wird der Therapeut
möglicherweise direkt intervenieren
(z.B. eine Anorexie-Patieniin zum
Hausarzt schicken), im Stadium des
Beziehungsaufbaus
eher emphatisch verstärkend die
Beziehungsqualitäten und Stärken der
Patientin herausstellen, überwiegend
die Patientin zur Selbsthilfe anleiten
und in therapeutischen Krisen als
empathisches aber auch Grenzen
setzendes Gegenüber zur Verfügung
stehen.
Die Schwerpunkte der verschiedenen Modelle der therapeutischen
Beziehung können sich aber auch, je
nach Setting, unterscheiden. In
stationären Behandlungen fällt die
Einflussnahme auf das Patientenverhalten in der Regel sehr viel direkter aus als im ambulanten Setting
(Wendisch, 1999). Ebenso wird man
bei Kindern und Jugendlichen durch
eigene
therapeutische
Vorgaben,
Loben und Setzen von Konsequenzen
mehr direkten Einfluss nehmen als in
der Therapie von Erwachsenen. Auch
für Paartherapien gilt, dass der
Therapeut
sehr
viel
häufiger
Verhaltensweisen der Beteiligten aktiv
unterbrechen bzw. beeinflussen muss
als im Verlauf einer Einzeltherapie. Für
die Dauer einer Therapie gilt, dass in
einer Therapie umso direkter und
problemorientierter interveniert wird, je
kürzer
die
Therapie
ist.
Mit
zunehmender
Dauer
wird
der
Therapeut eher zum Konfliktpartner für
interpersonelle Auseinandersetzungen
und
Bewältigung
lebensbeherrschender Konflikte. So konnten
Weiß et al. (1986) z.B. nachweisen,
dass erhebliche Krisen teilweise erst in
der
Spätphase
einer
Therapie
auftauchen (etwa zwischen der 60,
und 80. Sitzung). In diesem Kontext
macht auch das viel diskutierte
Befragungsergebnis von Seligman
(1995) Sinn, dass Patienten eine
Therapie mit zunehmender Dauer
auch als wirksamer
VERHALTENSTHERAPIE UND
VERHALTENSMEDIZIN 21/4 (2000)
368
und nützlicher beschreiben. Nach
Orlinsky und Howard (1986) kann man
jedoch auch davon ausgehen, dass
dieser Zuwachsnutzen jenseits der
hundertsten Stunde eher wieder
absinkt. So weisen die Autoren anhand
ihrer Befunde darauf hin, dass
Therapie ein grundsätzlich begrenzter
Prozess sein sollte.
Alle vier Paradigmen der therapeutischen Beziehung geben jedoch
noch keine Antwort auf die Frage nach
der Wahrnehmung und dem Umgang
mit spezifischen Beziehungen.
4. DIE WAHRNEHMUNG
SPEZIFISCHER
BEZIEHUNGSMUSTER
Die wesentlichen diagnostischen
Zugangswege zur Erfassung von
Beziehungsmustern bestehen erstens
in einer Analyse des interaktionellen
Geschehens und zweitens in einer
Planbzw.
Schemaanalyse
zur
Erschließung übergeordneter motivationaler Strukturen. Beide diagnostischen Zugangswege gehen,
zusammen mit einer biographischen
Makroanalyse und einer Mikroanalyse
des Problemverhaltens, ein in eine
übergreifende
individuelle
Fallkonzeption- Eine individuelle Fallkonzeption bedeutet aber nicht, dass
mit jedem Patienten „das Rad neu
erfunden" werden muss. Ebenso wie
eine individuelle Mikroanalyse einer
psychischen
Störung
auf
Störungsmodelle zurückgreift, kann
sich eine individuelle Beziehungsanalyse auf Prototypen therapeutischer
Beziehungen beziehen, um eine
gezieltere Einordnung des indi
viduellen Verhaltensmusters zu ermöglichen.
Aufbauen kann man z.B. auf den
Ergebnissen der Kommunikationsforschung von Schulz von Thun
(1989), der im Rahmen seiner „differentiellen Psychologie der Kommunikation"
typische
interaktionelle
Teufelskreise und Kommunikationsstile zwischen Menschen beschrieben
hat, die auch im klinischen Kontext
zwischen Therapeut und Patient
problemlos wieder zu erkennen sind
(siehe Tabelle 1).
In seinem „Teufelskreismodell"
beschreibt Schulz von Thun (1989),
wie sich Verhaltensweisen und Annahmen zweier Interaktionspartner
wechselseitig verstärken können. Im
Rahmen dieses Artikels können nicht
alle Prototypen von Beziehungen und
mögliche Teufelskreise behandelt
werden. Exemplarisch sei einmal der
„bedürftig
abhängige
Stil"
hervorgehoben: Ein Patient appelliert
an die Hilfe des Therapeuten und
vermittelt „ich schaffe es nicht alleine".
Der
Therapeut
fühlt
sich
möglicherweise überlegen und in
seiner Kompetenz und Stärke besonders angesprochen und verhält
sich dementsprechend fürsorglich und
zupackend („lass' mich nur machen").
Der Patient fühlt sich daraufhin in
seiner Schwäche und Hilflosigkeit
bestätigt („der Therapeut ist stark, ich
bin
schwach")
und
verstärkt
dementsprechend sein hilfesuchendes
Verhalten.
Der Therapeut verhält sich in
diesem Fall als Komplementärpartner,
d.h. er reagiert stark positiv auf das
Verhalten des Patienten und verstärkt
somit dessen Hilflosigkeit. Auch ein
nicht-komplementärer
Teufelskreis
wird von Schulz von Thun
WENDISCH: SPEZIFISCHE INTERVENTION AUF VIER EBENEN
369
Prototypen therapeutischer Beziehungen
Beziehungsstil
Kommunikation
sstil
Exemplarische
Kognitive Annahmen
Appell an den
Therapeuten/
provozierte Reaktion
Laß mich nicht allein,
führe mich
Therapeut fühlt sich
gebraucht/ausgesaugt
Dependent:
Eigene
Bedürfnisse
werden schlecht
wahrgenommen/
Schutzbedürfnis
anankastisch:
Normerfüllung
und Kontrolle wird
zum obersten
Anliegen
passivaggressiv:
Es dürfen keine
Forderungen
gestellt werden.
Angst vor
Bestrafung wird
durch
Aggressivität
abgebaut.
Narzistisch:
ständig
Anerkennung
erreichen
müssen, sonst
erhebliche
Kränkung.
bedürftigabhängig
Ich bin nicht lebensfähig;
alleine bin ich
ausgeliefert.
bestimmendkontrollierend
Nur wenn ich mich an
strenge Regeln halte, bin
ich vor meinen
Wünschen geschützt.
Gib mir recht.
Therapeut fühlt sich
belehrt, bevormundet
aggressivabwertend
Wenn ich Forderungen
nicht entsprechen kann,
werde ich verachtet
Laß mich in Ruhe, halte
Dich mit Erwartungen
zurück und fühle Dich
schuldig. Therapeut fühlt
sich angeklagt
sich-beweisend
Nur wenn ich gut bin, bin
ich liebenswert.
Bewundere mich.
Laß mich wie ich bin.
Therapeut bewundert
oder rivalisiert um Status
VERHALTENSTHERAPIE UND
VERHALTENSMEDIZIN 21/4 (2000)
370
Beziehungsstil
Kommunikation
sstil
Exemplarische
Kognitive Annahmen
Schizoid:
Gefühle und
soziale
Bedürfnisse
werden nicht
wahrgenommen.
depressiv:
ständig
Abhängigkeiten
aufbauen, um von
sich selbst
abzulenken.
Histrionisch:
durch
übertriebene
Äußerungen im
Mittelpunkt
stehen;
Zuwendung provozieren, die dann
als gefährlich
erlebt wird und
abgewiesen wird.
Selbstunsichervermeidend:
Eigene
Bedürfnisse
führen zur Angst
vor Durchsetzung
distanzierend
Wenn ich mich öffne und
jemanden an mich
heranlasse, falle ich in
Abhängigkeit, verliere
mich
helfend
Ich selbst spiele keine
Rolle, nur im Einsatz für
andere bin ich wichtig.
dramatisierend
Eigentlich bin ich
uninteressant und werde
nicht ernstgenommen;
nur wenn ich mich mit
starken Mitteln in den
Vordergrund spiele,
werde ich beachtet.
selbstlos
Ich bin inakzeptabel;
wenn ich
wahrgenommen werde,
werde ich bloßgestellt,
bemerken die Anderen
meinen Makel.
Appell an den
Therapeuten/
provozierte Reaktion
Komme mir nicht zu
nahe, lasse Gefühle aus
dem Spiel. Therapeut
fühlt sich
zurückgewiesen oder
weist zurück.
Mir geht es im Vergleich
zu anderen gut, erkenne
das an. Therapeut
unterschätzt
Bedürftigkeit, überfordert
den Patienten
wende Dich mir zu und
bestätige meine
Selbstdarstellung.
Therapeut fühlt sich nicht
ernstgenommen, nimmt
Patienten nicht ernst
Sag, wie Du mich haben
willst, liest Therapeuten
Erwartungen „von den
Lippen ab“
Therapeut übersieht
(Anliegen des) Patienten
WENDISCH: SPEZIFISCHE INTERVENTION AUF
VIER EBENEN
371
beschrieben: Beispielsweise kann ein
Therapeut
auf
eine
bedürftigabhängige Kommunikation auch mit
dem Gefühl reagieren, ausgesaugt
und belästigt zu werden, daraufhin
würde er sich eher zurückziehen
(„lass' mich in Ruhe, damit musst Du
selbst fertig werden"), wodurch sich
der Patient noch elender und im Stich
gelassen fühlt und dementsprechend
sein hilfloses Verhalten verstärkt („nun
hilf mir doch endlich").
Ein ebenfalls häufiger Beziehungsmodus gründet sich auf den
„mitteilungsfreudig - dramatisierenden
Stil" eines Patienten. Beispielsweise
kann sich ein Patient durch sehr anregende Schilderungen in den Mittelpunkt stellen. Verhält sich der
Therapeut als Komplementärpartner,
so wird er sich durch den Patienten
unterhalten, angenehm angeregt und
fasziniert
fühlen
und
sich
dementsprechend bestätigend zuwenden („applaudiert, hängt gebannt
an den Lippen"). Der Patient fühlt sich
dementsprechend beachtet, anerkannt
und in seinem Element, und wird noch
mehr
aufdrehen
und
durch
faszinierende Schilderungen („endlich
hört mir mal jemand zu") von anderen
Themen
ablenken.
Ein
nichtkomplementärer Teufelskreis ergibt
sich dann, wenn sich der Therapeut
genervt und mit dem Gefühl benutzt
zu werden abwendet und die weitere
Beachtung dieser Themen verweigert
(„deswegen sind Sie doch wohl nicht
hierher gekommen"), wonach sich der
Patient in seinem Geltungsbedürfnis
unbeachtet fühlt und „noch mehr
aufdreht".
Therapeuten können auf diese
Weise rekonstruieren, auf welche
Weise sie in Teufelskreise verstrickt
sind und ob sich hier Beziehungsmuster wiederereignen, die die Patienten auch mit signifikanten Bezugspersonen erleben. Die therapeutische Konsequenz kann darin
bestehen, gemeinsam mit dem Patienten solche interaktionellen Muster
zu rekonstruieren, die impliziten
Selbstaussagen des Patienten explizit
auszusprechen („Sie erleben sich als
hilflos und wollen Unterstützung" oder
„Sie suchen Bestätigung und wollen
wahrgenommen werden"); oder auch
beziehungsklärend zu intervenieren
und den Eindruck anzusprechen, den
der
Patient
beim
Therapeuten
hervorruft (z.B. „Sie erwarten von mir
direkte Unterstützung. Worin könnte
sie denn bestehen?" oder „Ich habe
den Eindruck, dass Sie bestätigt
werden wollen in Ihren Empfindungen.
Was ist Ihnen denn besonders
wichtig?").
Was auch immer der Therapeut
äußert, seine Äußerungen haben das
Ziel,
das
Beziehungsgeschehen
transparenter zu machen und dadurch
auch selbst nicht den Versuchungen
eines Teufelskreises zu erliegen.
Gelingt es beispielsweise nicht, diese
interaktionellen Muster aufzulösen, so
fühlt sich der bedürftig-abhängige
Patient
in
einer
späteren
Therapiephase
abhängig
vom
„starken" Therapeuten und wird ungeduldig und wütend über seine anhaltende Hilflosigkeit („Ja, aber es hat
alles nichts genützt"). Der mitteilungsfreudig-dramatisierende Patient
bekommt in einer späteren Therapiephase möglicherweise das Gefühl, viel Zuwendung für eine falsche
Selbstdarstellung zu erhalten und nicht
über seine „wirklichen" Empfindungen
reden zu können. Umge-
VERHALTENSTHERAPIE UND
VERHALTEMSMEDIZIN 21/4 (2000)
372
kehrt machen sich bei Therapeuten,
die sich in Beziehungsfallen verstricken lassen, oft unterschiedlichste
emotionale
Verschleißerscheinungen bemerkbar. Sie fühlen sich beispielsweise vom bedürftig-abhängigen
Patienten schnell ausgesaugt oder
vom mitteilungsfreudigen Patienten
manipuliert und auf eine falsche
Fährte gelockt. Solche emotionalen
Reaktionen können nicht selten auch
schon
in
der
ersten
Sitzung
auftauchen, so dass die Einbeziehung
der eigenen emotionalen Reaktionen
in die Analyse des interaktionellen
Teufelskreises
einen
wichtigen
Baustein darstellt.
Die interaktionelle Analyse kann
durch eine Plan- bzw. Schemaanalyse
ergänzt
werden.
Insofern
das
nonverbale Verhalten des Patienten
als Hinweis dafür gelten kann, worin
der Patient Bestätigung haben will und
welche Wahrnehmungen über sich er
in der Beziehung vermeiden will, kann
der
Therapeut
daraus
auch
Erkenntnisse
über
motivationale
Strukturen ableiten und sich zu diesen
Bedürfnissen gezielt verhalten. Nur
derjenige, der sich von seinem
Partner auch in seinen Stärken
wahrgenommen fühlt, fühlt sich in der
Beziehung wohl und wird sie als „gut"
bewerten. Die Datengrundlage, auf
der diese Rückschlüsse auf motivationale
Schemata
begründet
sind, beruht neben der Wahrnehmung
eigener
Reaktionen
auf
der
Beobachtung
und
Beschreibung
nonverbalen Verhaltens des Patienten, der Beschreibung des Patienten
über andere wichtige Beziehungspartner und auf Aussagen des Patienten über sich selbst.
Für Therapeuten ist es oft außerordentlich schwer, eine ressour
cenorientierte Sicht ihrer Patienten
zu erlangen. Auch ein diagnostischer
Ansatz, der sich allzu forsch auf die
Probleme des Patienten stürzt oder
die Konflikte des Patienten zum
Mittelpunkt macht, führt eher zu einem
problembezogenen und entlarvenden
Interaktionsverhalten
des
Therapeuten. Grawe hat in diesem
Zusammenhang auch belegt, dass
verfrühte Beziehungsklärungen oder
Konfliktinterpretationen eher zu einer
schlechteren
Beurteilung
der
therapeutischen
Beziehung
und
geringeren Therapieerfolgen führt.
Darauf aufbauend haben Grawe und
Grawe-Gerber (1999) auch die
Ressourcenaktivierung
als
entscheidende therapeutische Wirkvariable konzeptualisiert. Wird z.B. ein
bedürftig-abhängiger Patient allzu
schnell auf seinen Autonomiemangel
und seine Defizite im selbstsicheren
Auftreten angesprochen, so wird ihn
das in seiner Bedürftigkeit und
wahrgenommenen Schwäche eher
bestätigen. Wird er jedoch zunächst
einmal als rücksichtsvoller und
fürsorglicher Mensch wahrgenommen,
der sich selbst zugunsten des
Partners weitgehend zurückstellt,
dann fühlt sich der Patient aufgewertet
und kann nach einer gewissen Zeit
seine Bedürfnisse eher als berechtigt
wahrnehmen.
Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass ein prototypisches Verständnis spezifischer therapeutischer
Beziehungen
die
individuelle
interpersonelle und Motivationsdiagnostik erleichtern kann und Therapeuten auch eher in die Lage versetzt,
Interventionen
zur
Beziehungsgestaltung daraus abzuleiten.
WENDISCH:
SPEZIFISCHE INTERVENTION AUF VIER EBENEN
373
5. BEZIEHUNGSGESTALTUNG ALS
SPEZIFISCHE INTERVENTION AUF
VIER EBENEN
Aus dem bisher Gesagten ergibt
sich, dass ein Therapeut sowohl in der
Lage sein sollte, spezifische Beziehungsmuster zu erkennen als auch
mit seiner Intervention je nach den
Umständen
auf
verschiedenen
Ebenen anzusetzen.
5.1 DIE EBENE: STÖRUNGSSPEZIFISCHE
BEZIEHUNGSGESTALTUNG
Ziel: Ernstnehmen des
Problems / der Störung
Schon im Erstgespräch - spätestens aber in der Erarbeitung der
Therapieziele - wird meist deutlich, in
welcher Weise der Patient durch eine
bestimmte Störung beeinträchtigt und
darauf fixiert ist. Als Therapeut macht
man oft die Erfahrung, dass Patienten
umso weniger auf Hintergrundbelastungen
oder
biographische
Ereignisse zu sprechen kommen, je
beeinträchtigter sie sich durch eine
aktuelle Symptomatik fühlen. Die
starke Eigendynamik, z.B. einer
Angststörung, einer Essstörung oder
chronifizierter
psycho-somatischer
Probleme, führt oft dazu, dass
Patienten primär eine Symptom
linderun g und erste Erfolgserlebnisse
brauchen, um sich weiteren Themen
zuwenden zu können. Es gibt aber
auch einen Anteil an Patienten, die
primär eine direkte symptomatische
Veränderung wollen und nach einer in
der Regel kürzeren Behandlung auch
keine weiteren Therapieziele mehr
formulieren. Diesen Patienten aber
auch
denen,
die
eine
Symptomverbesse
rung als „Einstieg in eine Therapie"
brauchen, ist am ehesten geholfen,
wenn sie den Therapeuten als kompetenten Fachmann für die spezifische Störung wahrnehmen können.
Viele Patienten sind erleichtert,
wenn sie in der Anfangsphase der
Therapie ein störungsspezifisches
Verständnis mit dem Therapeuten
erarbeiten können und auch transparent gemacht wird, mit welchen
Behandlungsmethoden und Techniken
sich diese Störung beeinflussen
lassen kann. In den zahlreichen, im
Rahmen der Verhaltenstherapie erarbeiteten störungsspezifischen Behandlungsmanualen, gibt es auch
über das engere Störungsmodell
hinaus Empfehlungen, worauf man in
der Beziehungsgestaltung besonders
achten sollte, so dass darauf im
Rahmen dieses Artikels auch nicht
eingegangen werden muss. Auf dieser
Interventionsebene gilt im besonderen
Masse, dass der Patient eine
Beziehung dann als gut beurteilt,
wenn er sich in seinem Problem ernst
genommen fühlt und nicht auf eine
Ebene „dahinter liegender" Probleme
oder „eigentlicher" Konflikte gezogen
wird.
5.2 ZWEITE EBENE: RESSOURCENORIENTIERTE
BEZIEHUNGSGESTALTUNG
Ziel: Den Patienten als Menschen mit
spezifischen Beziehungsqualitälen wahrnehmen.
Das Konzept der ressourcenorientierten
Beziehungsgestaltung
stammt von Klaus Grawe. Manchen
Therapeuten fällt es ausgesprochen
schwer, sich mit ihren Patienten nicht
gleich auf die Probleme und die
Konflikte zu stürzen, sondern den
Patienten auch Raum für positi-
VERHALTENSTHERAPIE UND
VERHALTENSMEDIZIN 21/4 (2000)
374
ve Selbstwahrnehmungen zu ermöglichen. Wird z.B. ein bedürftigabhängiger Patient als primär hilfsbedürftig wahrgenommen, dann entsteht kaum Raum für positive
selbstwertsteigernde
Wahrnehmungen. Wird er jedoch als jemand
wahrgenommen, der rücksichtsvoll,
treu und möglicherweise auch gesellig
ist, so fühlt sich der Patient nicht auf
seine konfiikthaften und schwachen
Seiten reduziert. Wichtig ist, dass der
Therapeut die Stärken des einzelnen
Patienten
adäquat
erfasst
und
formulieren
kann,
um
diese
Formulierungen und Erkenntnisse
dann auch in Interventionen und offene Rückmeldungen umzusetzen.
Im schematheoretischen Ansatz
werden diese Stärken auch als positive motivationale Bereitschaften oder
als intentionale Schemata bezeichnet,
weil
der
Patient
bestimmte
Bedürfnisse (im Beispiel das Bedürfnis
nach Schutz und Geborgenheit)
erfolgreich
befriedigt.
Geeignete
Beschreibungen der Schemata sind
Gegenstand
des
individuellen
Fallkonzeptes des Therapeuten. Bereits bei der Formulierung kann sich
der Therapeut fragen, ob das direkte
Ansprechen dieser Qualitäten vom
Patienten
positiv
aufgenommen
werden kann oder ihm gut tut. Ist ein
Therapeut in der Lage, dem Patienten
solche
selbstwertsteigernden
Wahrnehmungen in den Therapiesitzungen zu ermöglichen, so wird der
Patient in der Folge eher bereit sein,
sich
seinen
Schwachstellen
zuzuwenden. Wie wichtig diese Interventionen für den Patienten sind
und wie entschlossen er selbst seine
Störung oder seine Konflikte ins Auge
fassen will, lässt sich nur im Einzelfall
entscheiden. Patienten sind je
nach dem Grad ihrer Demoralisierung
oft sehr erleichtert, auch von
Psychologen in positiver Weise
wahrgenommen zu werden, da sie
üblicherweise eher das Gegenteil
annehmen.
5.3 DRITTE EBENE:
METAKOMMUNIKATION DES
BEZIEHUNGSKONFLIKTES
Ziel: Den Patienten als vollständigen
Menschen mit Konflikten und
Verletzungen wahrnehmen.
Letztendlich wollen viele Patienten
nicht nur in ihren Stärken wahrgenommen werden sondern als vollständige Menschen mit Stärken und
Schwächen. Eine Psychotherapie ist
für diejenigen, die nicht nur an einer
umschriebenen Störung leiden, eine
wichtige Chance, sich ohne die
Zwänge einer Alltagsbeziehung unbefangen und aus größerer Distanz eben vollständiger - wahrzunehmen
und wahrgenommen zu werden.
Patienten suchen oft Antworten
darauf, warum ihre Beziehungen
unbefriedigend sind oder gar scheitern. Das Erreichen eines bestimmten
Zieles wird dann nicht einfach als „gut"
erlebt, sondern z.B. der Gewinn an
Autonomie in einer Paarbeziehung hat
positive
Seiten
(z.B.
Seibstverantwortung nimmt zu) und
auch negative Seiten (z.B. das
Bedürfnis nach einer schützenden
Beziehung wird relativiert; Ertragen
von Alleinsein). Der Therapeut sollte
ein Verständnis des interpersonellen
und
intrapsychischen Konfliktgeschehens haben, um die konflikthafte
Seite des Patienten akzeptieren zu
können.
Schematheoretisch heißt das z.B.
für einen bedürftig-abhängigen
WENDISCH: SPEZIFISCHE INTERVENTION AUF
VIER EBENEN
375
Patienten, dass sein Bedürfnis nach
Autonomie und Selbstvertrauen lerngeschichtlich frustriert wurde und er
Autonomiebedürfnisse
aktuell
als
Angst auslösend wahrnimmt und mit
Vermeidungsstrategien
beantwortet
(Annäherungs-Vermeidungskonflikt).
Als Begleiterscheinung erlebt er Angst
(vor autonomen Impulsen), hat aber
für
die
aufrechterhaltenden
Bedingungen
im
Beziehungsgeschehen wenig Bewusstsein. So kann
es z.B. vorkommen, dass nach einer
störungsspezifischen
Angstbehandlung Paarkonflikte auftreten
(z.B.: Ehemann als Partner fühlt sich
„überflüssig" und zieht sich verärgert
zurück), die den Patienten in das alte
Vermeidungsverhalten zurückwerfen.
Hier ist es für den Therapeuten
wichtig, nicht in störungsspezifischen
Modellen (z.B. zur Angstbehandlung)
zu verharren, sondern das zentrale
Beziehungskonfliktthema
des
Patienten
mit
diesbezüglichen
Selbstannahmen (z.B. „Ich bin allein
nicht
lebensfähig")
explizit
anzusprechen und wahrnehmbar zu
machen, ohne gleich auf eine Veränderung des Vermeidungsverhaltens
zu fokussieren.
Beziehungskonflikte
bestehen
jedoch nicht einfach in kognitiven
Grundannahmen, sondern aus verwirklichten und verletzten Grundbedürfnissen, vermiedenen und übermäßig erlebten Emotionen (z.B.
werden Schuldgefühle vermieden und
Wut wird im Übermaß erlebt), aus
kognitiv-imaginativen
Strukturen
(Erinnerungen,
Bilder,
Selbstgespräche,
Selbstkonzept,
Handlungsmaximen) und aus stereotypen
Verhaltensweisen sich selbst und
Anderen gegenüber (Kommunikative
Teufelskreise). Eine Metakommuni-
kation des Beziehungskonfliktes
beginnt mit einem Ansprechen eines
Teilaspektes, und im Therapieverlauf
in einem allmählichen Sammeln und
Benennen aller Teile dieses Konfliktes
(verdichtet formuliert z.B.:
Sie sind verärgert, weil ich Ihnen keine
idealen Ratschläge geben kann. Sie
fühlen sich abhängig, fordern und
haben Angst vor Zurückweisung, weil
Sie Ihr Recht auf die Unterstützung
einfordern wollen, die Sie nicht erlebt
haben. Wenn ich Ihnen Ratschläge
gegeben habe, fühlten Sie sich klein
und unterlegen und waren wütend. Als
Ihr Gegenüber zieht man sich dann
schnell zurück, womit Sie sich das
„Zuwenig" an Unterstützung und die
Unfähigkeit
der
Anderen
noch
bestätigen. Damit befinden sie sich in
einem Dilemma, das Sie z.B. auflösen
könnten, indem Sie Ihre Trauer über
das
„Zuwenig"
anerkennen,
realistischere
Bedürfnisse
nach
Unterstützung entwickeln, selbst über
sich entscheiden und nicht mehr
entscheiden
lassen,
und
Ihre
angemessenen Bedürfnisse häufiger
befriedigen). In diesem Beispiel
kristallisiert sich alles um das verletzte
Bedürfnis nach Unterstützung. Alle
damit zusammenhängenden Facetten
können oft erst im Therapieverlauf
zusammengetragen werden, haben
aber meist schon im Erstgespräch
ihren Anfang.
Beziehungskonfliktthemen
beherrschen den Patienten oft nicht nur
in Teilaspekten seiner Persönlichkeit
(wie z.B. eine bestimmte Störung)
sondern
beherrschen
größere
Lebensabschnitte oder gar das ganze
Leben und alle Beziehungen. Diese
Art von Konfliktarbeit kann deswegen
auch nahtlos übergehen
VERHALTENSTHERAPIE UND VERHALTENSMEDIZIN 21/4 (2000)
376
in die Behandlung von Persönlichkeitsstörungen, worauf in diesem
Rahmen nicht näher eingegangen
werden kann. Verhaltensanalysen
einzelner Problemepisoden in Beziehungen und die Metakommunikation des Konfliktes sollten sich oft
abwechseln, um bei dem Patienten
nicht den Eindruck hervorzurufen,
dass der Therapeut die Konfliktthemen frei interpretiert oder gar Vermutungen ausprobiert. Beziehungskonfliktthemen bzw. Vermeidungsund Konfliktschemata sind Teil einer
Erarbeitung einer individuellen Fallkonzeption, die nur teilweise aus dem
therapeutischen
Beziehungsgeschehen abgeleitet werden können
und sich auch auf andere Quellen
stützen
müssen
(Biographische
Analyse, Aussagen von Bezugspersonen, etc.).
5.4 VIERTE EBENE: BESTEHEN
INTERAKTIONELLER TESTS
Ziel: Den Patienten als Menschen mit
„unpassenden" Gefühlen und
Verhaltensweisen (in Grenzen)
aushalten
Verhaltensweisen, die direkt auf
die Persönlichkeit des Therapeuten
abzielen, die die Rahmenbedingungen
in der Therapie testen oder die einfach
für den Therapeuten eine emotionale
Herausforderung darstellen, können
immer auch als Tests gesehen
werden. Patienten sind nicht immer
bereit, sich kooperativ zu verhalten
oder ihr eigenes problematisches
Verhaften auf einer kognitiven Ebene
zu beleuchten o-der es gar zu ändern.
Patienten testen die Therapeuten, ob
sie „wirklich" ihre Absprachen und die
Rahmenbedingungen der Therapie ein
halten oder ob ihnen die gleichen
aversiven Reaktionen widerfahren, die
sie oft von Bezugspersonen erleben.
So kann z.B. ein bedürftigabhängiger
Patient seinen Therapeuten bereits in
der ersten Sitzung testen, indem er
sich extrem hilflos und ohnmächtig
präsentiert, zu weiterführenden Fragen
oft „weiss ich nicht" oder „ kann ich
Ihnen nicht sagen" antwortet, um seine
Hilflosigkeit zu unterstreichen. Der
Therapeut wird dadurch (unbewusst)
getestet, ob er den Patienten ebenfalls
als hilflos ansieht oder als Jemanden,
der auch autonome Anteile hat. In
einer fortgeschrittenen Therapiephase
kann der Patient den Therapeuten z.B.
dadurch testen, indem er alle Ansätze
zur Selbsthilfe und zwischenzeitlicher
Therapie erfolge „vergisst" um sich
z.B.
angesichts
des
nahenden
Therapieendes durch Rückfälle erneut
als hilflos und „letztendlich doch
abhängig" zu präsentieren.
Kann der Therapeut den Patienten
sowohl in der ersten Sitzung als
prinzipiell allein lebensfähig behandeln
und in der letzten Therapiephase
geduldig und zuversichtlich an die
Erinnerung
konkreter
autonomer
Erfolgserlebnisse appellieren, so hat
der Therapeut die Tests sozusagen
bestanden. Lässt er sich jedoch von
der Angst vor Lebensunfähigkeit
„anstecken" und wendet sich enttäuscht ab oder reißt das Ruder dominant-helfend an sich, dann hat er
den Test nicht bestanden. Im Unterschied
zur
ressourcenorientierten
Beziehungsgestaltung bezieht sich der
Therapeut hier nicht auf die überbefriedigten
Bedürfnisse
nach
Schutz und Geborgenheit sondern auf
das zutiefst verletzte und frust-
WENDISCH: SPEZIFISCHE INTERVENTION AUF
VIER EBENEN
377
rierte Bedürfnis des Patienten nach
Selbstbestimmung. Der Therapeut hält
sein Beziehungsangebot auch dann
stabil aufrecht, wenn der Patient seine
Lebensunfähigkeit durch extremes
Verhalten "beweisen" will. Dadurch
ermöglicht
er
dem
Patienten
korrigierende emotionale Erfahrungen.
Jetzt könnte man natürlich im
Sinne des lerntheoretischen oder
kognitiven Paradigmas einwenden,
dass der Therapeut hier als Modell
füngieren sollte, oder dass der Patient
geduldig immer wieder auf seine
kognitiven Fehlinterpretationen aufmerksam gemacht oder sie selbst
identifizieren sollte, und dass man
diese vierte Ebene nicht braucht.
Dieser Einwand vermag aber nicht die
empirische Tatsache zu erklären, dass
manche
Patienten
die
direkte
Herausforderung des Therapeuten
brauchen,
um
ihre
verzerrten
Wahrnehmungen aufzugeben und
dass diese Unmittelbarkeit in der
Beziehungsarbeit auch nach erfolgreicher kognitiver Vorarbeit oft notwendig für den Patienten ist. Er testet
letztendlich nicht nur den Therapeuten sondern die therapeutische
Realität auf ihre Glaubwürdigkeit und
provoziert Spontanreaktionen des
Therapeuten.
Aus
jahrelanger
Supervisionserfahrung lässt sich ergänzen, dass für Therapeuten belastende Therapieprozesse oft damit
zu tun haben, dass ihnen ihr eigener
Anteil an der Aufrechterhaltung eines
poblematischen Beziehungsmusters
oft nicht bewusst ist und sie es daher
auch
im
Rückgriff
auf
Standardinterventionen nicht auflösen
können. Eine Ausbildung sollte daher
nicht nur kompetente Thera
peuten, sondern auch konfliktfähige
Therapeuten zum Ziel haben.
Alle vier Ebenen der Beziehungsintervention können auch zeitlich
nebeneinander eine Rolle spielen. In
der Regel zeigt sich jedoch aus der
klinischen Erfahrung, dass störungsbezogene und ressourcenorientierte Interventionen in der Anfangsphase der Therapie von großer
Bedeutung sind, während in mittleren
bis späteren Therapiephasen oft die
dritte und die vierte Ebene an
Bedeutung gewinnt. Mit dieser ebenenspezifischen
Darstellung
der
Gestaltung der therapeutischen Beziehungen ist jedoch auch deutlich,
dass sich Therapeuten weder auf eine
rein
störungsspezifische
Beziehungsgestaltung oder auf eine rein
konfliktorientierte Beziehungsgestaltung beschränken können. Auch das
Bedürfnis nach schulenspezifischer
klarer Abgrenzung lässt sich vielleicht
in der Sprache nicht aber immer im
Handeln befriedigen. Patienten halten
sich
insofern
nicht
an
die
Psychotherapie-Richtlinien, dass sie
einem Therapeuten entweder ihre
Störung oder ihre Konflikte präsentieren; sie kommen oft mit beidem.
Insofern ist es auch sinnvoll, ein integriertes Modell des psychischen
Funktionierens zu haben, das wesentliche empirische Erkenntnisse und
therapeutische
Erfahrungen
zu
integrieren vermag. Das Modell von
Klaus Grawe (1998) kann insofern als
metapsychologischer
Rahmen
gesehen werden und als aktuelle
Fortsetzung der Diskussion um einen
angemessenen Überbau.
Um es abschließend im Sinne
Strupps zu sagen: Der komplette
Therapeut wendet nicht Methoden
VERHALTENSTHERAPIE UND
VERHALTENSMEDIZIN 21/4 (2000)
378
wie Werkzeuge an, sondern kommuniziert als Person.
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