Aus dem Zentrum für Neuropathologie und Prionforschung der LudwigMaximilians-Universität München Leitung: Prof. Dr, Armin Giese Rekrutierung von adulten neuronalen Stammzellen aus zirkumventrikulären Organen nach Gehirninfarkt Dissertation zum Erwerb des Doktorgrades der Medizin an der Medizinischen Fakultät der Ludwigs-Maximilians-Universität zu München vorgelegt von Veronika Sanin Bozen 2014 1 Mit Genehmigung der Medizinischen Fakultät der Universität München Berichterstatter: Priv. Doz. Dr. Ulrich Schüller Mitberichterstatter: Prof. Dr. Rainer Glaß, Priv. Doz. Dr. Siegfried Kösel Mitbetreuung durch den promovierten Mitarbeiter: Dekan: Prof. Dr. med. Dr. h.c. M. Reiser, FACR, FRCR Tag der mündlichen Prüfung: 15.05.2014 2 Meinen Eltern in Dankbarkeit! 3 Wesentliche Teile dieser Arbeit wurden publiziert unter: Sanin V., Heeß C. Kretzschmar H., Schüller U. Recruitment of neural precursor cells from circumventricular organs of patients with cerebral ischemia. Neuropathol Appl Neurobiol, August 2013 4 Inhaltsverzeichnis ............................................................................................... 5 1 Einleitung: Neuronale Stammzellen................................................................. 8 1.1 Die Entdeckung von adulten neuronalen Stammzellen (NSZ) ..................... 8 1.2 Bekannte Regionen adulter Neurogenese ................................................... 9 1.3 Funktionen adulter Neurogenese ............................................................... 10 1.4 Adulte neuronale Stammzellen................................................................... 12 1.5 Neuronale Stammzellen in zirkumventrikulären Organen .......................... 13 1.6 Die zirkumventrikulären Organe: ................................................................ 14 1.6.1 Area postrema..................................................................................... 16 1.6.2 Eminentia mediana ............................................................................. 17 1.6.3 Epiphyse ............................................................................................. 18 1.6.4 Neurohypophyse ................................................................................. 19 1.6.5 Organum vasculosum der Lamina terminalis (OVLT) ......................... 19 1.6.6 Organum subcommissurale ................................................................ 20 1.6.7 Organum subfornicale ......................................................................... 20 1.7 Pathologie und Neurogenese nach Gehirninfarkt ....................................... 21 2 Erläuterung der Fragestellung ....................................................................... 23 3 Methodik: ......................................................................................................... 24 3.1 Patientenkollektiv ....................................................................................... 24 3.2 Angewendete Schnittführung bei der Sektion ............................................ 25 3.3 Asservierung von Gewebe ......................................................................... 26 5 3.4 Immunhistochemie ..................................................................................... 26 3.4.1 Allgemeines......................................................................................... 26 3.4.2 Beschreibung der verwendeten Primärantikörper ............................... 27 3.4.3 Erläuterung des verwendeten Verfahrens der Einzelfärbung mittels 3,3’- Diaminobenzidin (DAB)- Markierung ........................................... 31 3.4.4 Erläuterung des verwendeten Verfahrens der Doppelfärbung mittels Fluoreszenzmarkierung ....................................................................... 34 3.5 4 Quantifikation und Statistik ......................................................................... 36 Ergebnisse: Vergleich Gesund versus Infarkt .............................................. 37 4.1 Einzelfärbungen ......................................................................................... 37 4.1.1 Area postrema..................................................................................... 38 4.1.2 Eminentia mediana ............................................................................. 44 4.1.3 Epiphyse ............................................................................................. 51 4.1.4 Neurohypophyse ................................................................................. 57 4.2 Doppelfärbungen ........................................................................................ 64 4.3 Area postrema ............................................................................................ 65 4.3.1 Eminentia mediana ............................................................................. 66 4.3.2 Epiphyse ............................................................................................. 67 4.3.3 Neurohypophyse ................................................................................. 68 4.4 5 5.1 Statistische Auswertung ............................................................................. 69 Diskussion ....................................................................................................... 73 Diskussion der Methoden ........................................................................... 73 6 5.2 Diskussion der Ergebnisse ......................................................................... 74 5.3 Zusammenfassung ..................................................................................... 80 6 Anhang ............................................................................................................. 81 7 Literaturverzeichnis ........................................................................................ 85 8 Danksagung ..................................................................................................... 91 7 1 Einleitung: Neuronale Stammzellen 1.1 Die Entdeckung von adulten neuronalen Stammzellen (NSZ) Lange Zeit nahm man an, dass im adulten Gehirn keine neuen Neuronen entstehen können und somit Neuronen nicht kontinuierlich ersetzt werden. Das menschliche Gehirn galt als nicht regeneratives Organ. Die Forschungsergebnisse der letzten Jahre haben jedoch gezeigt, dass auch im adulten Gehirn Stammzellen existieren, die proliferieren und sich in Neuronen und Gliazellen differenzieren können. Die Entdeckung der adulten Neurogenese, die Neubildung von Nervenzellen im erwachsenen Gehirn, überholt ein jahrhunderte altes Dogma und zeigt neue Perspektiven der zerebralen Plastizität auf. Die Erstbeschreibung potentieller Stammzellen erfolgte 1965 durch Joseph Altman, indem er mit radioaktiv markiertem Thymidin sich teilende Zellen im Gyrus dentatus des Hippocampus nachwies.[1] Diese Entdeckung widerlegte alle bis zu diesem Zeitpunkt bekannten Auffassungen. Demnach ist das menschliche Gehirn keine rein statische Struktur. Es generiert lebenslang neue Neuronen und Gliazellen. [1-4] 15 Jahre später wurde Altmans Pionierarbeit von Kaplan bestätigt. Mittels neuer elektronenmikroskopischer Techniken konnte Kaplan die radioaktiv markierten Zellen durch ultrastrukturell-morphologische Eigenschaften als Neuronen identifizieren. [5] Die funktionelle Integration von neugebildeten Neuronen ins zentrale Nervensystem (ZNS) wurde erstmals von Paton und Nottebohm an Singvögeln gezeigt. [6] Eine weitere fundamentale Veränderung im Hinblick auf die Regenerationsfähigkeit des Gehirns erfolgte, als die adulte Neurogenese in den frühen 1990er Jahren durch die Einführung der Bromdesoxyuridin (BrdU)-Kennzeichnung wiederentdeckt wurde. Damit konnten markierte Zellen immunhistochemisch typisiert werden. Mittels BrdUInjektionen gelang Errikson et al. 1998 der Nachweis von proliferierenden Zellen im adulten humanen Hippocampus [7]. Seither gilt die immunhistochemische Detektion von BrdU- positiven Zellen als Nachweis für zelluläre Proliferation. 8 Zahlreiche Studien konnten im Laufe der kommenden Jahre mehrere proliferative Zonen im ZNS identifizieren. Amygdala [8], Neocortex [9, 10] oder Striatum [11] werden als mögliche Stammzellnischen diskutiert. Dennoch handelt es sich bei der subventrikulären Zone (SVZ) des lateralen Ventrikels und der Subgranularzone (SGZ) des Gyrus dentatus im Hippocampus um die zwei prominentesten und meist erforschten germinalen Zonen. [12] Die Erforschung und Entdeckung von adulten neuronalen Stammzellen im humanen zentralen Nervensystem, veränderte die bisherige Auffassung über zerebrale Plastizität und bildet heute die Grundlage für die Erforschung neuer regenerativer Therapieverfahren. 1.2 Bekannte Regionen adulter Neurogenese Die Selbsterneuerung von Stammzellen oder die Differenzierung von Vorläuferzellen wird durch eine charakteristische Mikroumgebung oder Nische reguliert. Diese Nischen zeichnen sich durch spezielle lösliche Faktoren, membrangebundene Proteine und extrazelluläre Matrix aus. [13] Stamm- oder Vorläuferzellen besitzen zwar das Potential, sich in Neurone oder Gliazellen zu differenzieren, zur Umsetzung bedarf es allerdings Signale aus der zellulären Umgebung. Stammzellnischen beherbergen Vorläuferzellen, steuern ihre Differenzierung und werden durch zahlreiche Triggerfaktoren beeinflusst. Heterotope Transplantationsexperimente implizieren, dass die neurogene Aktivität von adulten Stammzellen weitgehend von ihrer extrazellulären Umgebung abhängt. [14] Im adulten humanen Gehirn wurden insbesondere zwei Nischen erforscht und als neurogene Stammzellnischen identifiziert: die Subventrikularzone des lateralen Ventrikels (SVZ) und die Subgranularzone des Gyrus dentatus im Hippocampus (SGZ). In diesen zwei neurogenen Regionen werden von lokalen Stammzellen physiologischerweise neue Neuronen gebildet. 9 Die neu generierten Neuroblasten wandern von der SVZ des lateralen Ventrikels oder der SGZ des Gyrus dentatus über die rostrale Migrationszone (rostral migratory Stream, RMS) in den Bulbus olfaktorius, wo sie als Interneurone das olfaktorische Netzwerk komplettieren. [15, 16] Zudem fügen sich Neurone aus der SGZ in die Körnerzellschicht des Gyrus dentatus im Hippocampus ein und tragen zum Erhalt von Gedächtnisleistung und Lernfähigkeit bei. [2, 16] Durch endogene Neurogenese werden bestimmte Zellgruppen zeitlebens ersetzt. Dadurch wird die Aufrechterhaltung eines funktionell gesunden Gehirns gewährleistet. 1.3 Funktionen adulter Neurogenese Adulte Neurogenese ist ein lebenslanger Prozess, bei dem funktionelle Neuronen aus adulten Vorläuferzellen generiert werden.[17] Es handelt sich um einen mehrstufigen Prozess, der sich in Proliferation, Differenzierung, Migration, Bestimmung des Zielortes und Synapsenausbildung gliedert und mit der Formation eines postmitotischen, funktionell integrierten Neurons endet. [18] Adulte Neurogenese beschreibt einen dynamischen Prozess, der durch physiologische, pathologische und pharmakologische Stimuli gesteuert wird. So wird z. B. in der SVZ die Zellproliferation durch physische Aktivität gesteigert. [19] Im Kontrast dazu lässt sich im Alter eine deutliche Reduzierung neuronaler Teilungsaktivität nachweisen. [20] 10 Neuronale Stammzellen befinden sich in spezialisierten germinalen Zellschichten, wo sie mit anderen Zelltypen über zytochemische Signalwege interagieren und somit die Neuro- und Gliogenese steuern. Klassische Entwicklungssignale wie Notch, BMPs (Bone Morphogenetic Protein), Eph/ephrins, Noggin und Shh (Sonic hedgehog) scheinen eine wesentliche Rolle in der Aufrechterhaltung neurogener Nischen zu spielen. [13] Neurogene Nischen werden von einem dichten Gefäßnetz durchzogen, wodurch Signale wie Zytokine oder Wachstumsfaktoren aus dem Blutstrom die Vorläuferzellen erreichen können. Die gute Vaskularisierung ermöglicht, beispielsweise nach einem Hirninfarkt, die Migration von neugebildeten Neuronen in das Striatum. [21] Zudem formen Astrozyten einen strukturellen Teil der neurogenen Nischen und exprimieren Moleküle, die wesentlich für die adulte Neurogenese in vivo sind. [22] Bisher beschränkte sich die Erforschung von adulter Neurogenese auf die zwei bekannten Vorderhirnregionen: die SVZ im lateralen Ventrikel und die SGZ im Hippocampus. In anderen Hirnregionen erscheint sie unter physiologischen Bedingungen limitiert, kann aber durch Pathologien, wie beispielsweise ein Infarktgeschehen, induziert werden. [3] Fokale oder globale Ischämien gelten als potente Induktoren der Neuro-und Gliogenese. [23] Jede einzelne Phase der Neurogenese kann über externe und interne Stimuli reguliert werden. Jeder Stimulus verfolgt ein spezielles Ziel und wird wiederum von anderen Faktoren beeinflusst. Das komplexe Wechselspiel verschiedenster Faktoren beeinflusst die neurogene Aktivität und letztendlich das Ausmaß adulter Neurogenese. Durch weitere spezielle molekulare Studien ließe sich die funktionelle Neurogenese entschlüsseln und möglicherweise für regenerative Therapieverfahren nutzbar machen. 11 1.4 Adulte neuronale Stammzellen Eine Stammzelle ist noch nicht darauf festgelegt, sich in einen spezifischen Zelltyp mit genau definierter Funktion zu entwickeln. Stammzellen teilen sich kontinuierlich und produzieren dabei entweder zwei neue Stammzellen (symmetrische Teilung) oder aber eine Tochterzelle (asymmetrische Teilung), die sich in verschiedenste Zelltypen differenzieren kann. Eine neuronale Stammzelle wird als multipotent bezeichnet, da aus einer einzigen Stammzelle viele verschiedene Zellpopulationen hervorgehen können. Stammzellen definieren sich funktionell über zwei spezifische Charakteristika: die Fähigkeit zur Selbsterneuerung und die Fähigkeit, sich zu neuen spezialisierten Zelltypen zu differenzieren. Neuronale Stammzellen sind multipotent und bilden das Fundament menschlicher Gehirnentwicklung. Multipotent bedeutet in diesem Zusammenhang die Fähigkeit, Neurone, Astrozyten und Oligodendrozyten hervorbringen zu können. Eine Vorläuferzelle bezeichnet jenen Zelltyp, der aus einer multipotenten Stammzelle hervorgegangen ist. Vorläuferzellen sind unipotent, aber dennoch teilungsfähig und werden häufig als Blasten bezeichnet. Durch zahlreiche Studien konnte gezeigt werden, dass auch postnatal neuronale Stammzellen in speziellen Nischen persistieren und das Potential zur Selbsterneuerung beibehalten. Radiale Gliazellen des Gyrus dentatus und Subpopulationen von Astrogliazellen der SVZ im lateralen Ventrikel wurden als multipotente Stammzellen identifiziert. [24-27] Bei den erforschten adulten neuronalen Stammzellen handelt es sich um eine heterogene Gruppe. So generieren radiale Gliazellen aus der SVZ, abhängig von ihrer rostrokaudalen Lokalisation, verschiedene Subtypen von Interneuronen, die für den Bulbus olfaktorius bestimmt sind. [28] Jedoch gibt es auch andere Hirnregionen mit proliferierenden Vorläuferzellen, die sich zu Oligodendrozyten oder Astrozyten differenzieren. [29] 12 Die Forschungsergebnisse der letzten Jahre zeigen, dass radiale Gliazellen als Vorläufer für Neuronen fungieren und strukturelle sowie funktionelle Eigenschaften von Astrozyten aufweisen, wodurch sie auch als germinale Astrozyten bezeichnet werden. [30] Diese Zellen zeichnen sich immunhistochemisch durch die Expression von speziellen Intermediärfilamenten wie z. B. Nestin, GFAP, Vimentin und nukleären Faktoren wie Ki67, OLIG2 oder PSA-NCAM aus. Die Heterogenität und das Fehlen von validen Stammzellmarkern erschwert ihre Detektion und sollte bei der kritischen Beurteilung von Forschungsergebnissen mit berücksichtigt werden. 1.5 Neuronale Stammzellen in zirkumventrikulären Organen 2009 wurden in den zirkumventrikulären Organen von erwachsenen Nagetieren Zellen identifiziert, die Eigenschaften von neuronalen Stammzellen aufweisen. Ein direkter Vergleich mit Zellen aus der SVZ bestätigte, dass auch in den ZVO potentielle Vorläuferzellen vorhanden sind. Zudem wurde mittels in vitro Studien an Zellkulturen gezeigt, dass die soeben genannten Zellen proliferatives Potential besitzen und sich in Neuronen und Gliazellen differenzieren können. [31] 2010 wurden am Mausmodell potentielle neuronale Stammzellen aus zirkumventrikulären Organen entnommen und in die SVZ transplantiert. Die entnommenen Zellen entwickelten sich in vivo zu Zellen mit neuronalem Phänotyp und migrierten mit SVZ-Zellen in den Bulbus olfaktorius. Bei den isolierten Zellen handelte es sich in situ um Astrozyten. Sobald diese in eine neurogene Nische platziert wurden, fungierten sie als Vorläuferzellen und begannen, neuronale Zelltypen zu generieren. [32] Damit wurden erstmals potentielle neuronale Stammzellen aus ZVO von adulten Mäusen isoliert und identifiziert. 13 1.6 Die zirkumventrikulären Organe: Abbildung 1: Lokalisation der ZVO [34] 1: Organum subfornicale; 2: Organum vasculosum der Lamina terminalis; 3: Eminentia mediana + Neurohypophyse; 4: Epiphyse; 5: Organum subcommissurale; 6: Area postrema Zu den zirkumventrikulären Organen zählen: Organum subfornicale, Organum vasculosum der Lamina terminalis, Eminentia mediana, Neurohypophyse, Organum subcomissurale, Area postrema und Plexus choroideus. Zirkumventrikuläre Organe (ZVO) sind spezialisierte Hirnstrukturen, welche in der zerebralen Medianebene um den dritten und vierten Ventrikel lokalisiert sind. Sie unterscheiden sich vom restlichen Hirnparenchym durch eine besonders starke Vaskularisierung, die keine Blut-Hirnschranke aufweist, und werden deshalb als „Fenster des Gehirns“ bezeichnet. [35] 14 Neurone und Gliazellen der ZVO besitzen spezielle Rezeptoren und Ionenkanäle, wodurch sie chemische Signale aus dem Blutfluss erhalten und durch Interaktionen mit Hypothalamus und Hirnstamm Prozesse wie Natrium-Wasserhaushalt, kardiovaskuläre-Regulationsmechanismen, Energiehaushalt und Immunmodulation steuern. Auf potentiell toxische oder hirnschädigende Stimuli antworten die ZVO mit Fieber oder Erbrechen. [36, 37] Strukturell werden die ZVO in zwei Gruppen eingeteilt: paraependymale (Epiphyse, Neurohypophyse, Organum subfornicale, Organum vasculosum der Lamina terminalis, Area postrema) und ependymale (Plexus choroideus, Organum subcomissurale) ZVO. Die paraependymalen ZVO werden weiter durch sekretorische (Epiphyse, Neurohypophyse) und sensorische (Organum subfornicale, Organum vasculosum der Lamina terminalis, Area postrema) Eigenschaften charakterisiert. Sensorische zirkumventrikuläre Organe erhalten chemische Signale aus dem Blutstrom und stellen wichtige Kommunikationspunkte zwischen Blut, Hirnparenchym und Liquor cerebrospinalis dar. [38] Allen gemein ist eine einzigartige neuronale und vaskuläre Architektur. Sie werden von einem dichten Kapillarnetz durchzogen, das sich durch fenestrierte Endothelien und weite perivaskuläre Zwischenräumen auszeichnet. Dadurch gelangen periphere Signale in Form von Peptiden und polaren Substanzen ins Gehirn. Das Ependym der ZVO besteht aus Ependymozyten und Tanyzyten. Die abgeflachten Ependymozyten sind über tight junktions verbunden und bilden eine Barriere zwischen Blut und Liquor aus. Die Tanyzyten kennzeichnen sich durch zahlreiche Mikrovilli oder Zilien, die in Kontakt mit dem Liquor cerebrospinalis stehen und einen möglichen Einfluss auf dessen Zusammensetzung haben. [38] 15 1.6.1 Area postrema a 1 b 1 c 1 2 2 3 3 Abbildung 2: Area Postrema; HE Färbung; a: Horizontaler Schnitt durch medulla oblongata; 1= Area postrema; 2 = Lemniscus medialis; 3= Nukleus olivarius inferior; b: Maßstabskala = 1 mm; c: Maßstabskala = 100 µm Die Area postrema befindet sich bilateral angelegt in der dorsomedialen Medulla oblongata und imponiert als konvexe Prominenz am kaudalen Ende des vierten Ventrikels. Sie befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Nucleus tractus solitarius. [39] Morphologisch handelt es sich um ein gut vaskularisiertes Organ mit einem dichten neuroglialen Netzwerk. Durch die hohe Dichte an serotonergen 5-HT3 Rezeptoren gilt die Area postrema als Chemorezeptor-Triggerzone für Übelkeit und Erbrechen. [40] Die Blockade dieser Rezeptoren ist Angriffspunkt verschiedener Antiemetika und wird in der Tumorchemotherapie ausgenutzt. Weiter wird ihr als Bestandteil des dorsalen vagalen motorischen Komplexes eine Beteiligung an der Regulierung des Kreislaufs und Wasserhaushaltes [41] sowie des Sättigungs- bzw. Hungergefühls zugewiesen [42, 43]. 16 1.6.2 Eminentia mediana a b c 2 1 1 3 Abbildung 3: Eminentia mediana; HE Färbung; a: 1 = Eminentia mediana; 2 = Chiasma opticum, 3 = Corpus mamillare; b: Maßstabskala = 1 mm; c: Maßstabskala= 100 µm Die Eminentia mediana bildet an der Basis des Hypothalamus einen proximalen Teil des Infundibulums und gilt als wichtigste Verbindungsstelle zwischen Nerven- und Hormonsystem. Sie liegt unmittelbar kaudal des Chiasma opticums und rostral der Corpora mamillaria. Es handelt sich um eine gefäßreiche Region, die sich aus Ependymzellen, den Tanyzyten und Axonen, die zur Neurohypophyse verlaufen, zusammensetzt. Die Eminentia mediana enthält Axone aus Hypothalamuskerngebieten, die Hormone wie Oxytocin und Vasopressin zur Neurohypophyse transportieren und die von dort ins periphere Blut sezerniert werden. Des Weiteren wird sie von hypophysiotropen Nervenfasern durchzogen. Diese geben über das Portalvenensystem Hormone wie GHRH, TRH, Somatostatin etc. in die Blutbahn ab. Mit Hilfe von genetischen Zellschicksalsuntersuchungen an adulten Mäusen wurden in den letzten Jahren neugebildete Neurone in der Eminentia mediana detektiert. [44] 17 1.6.3 Epiphyse a b c Abbildung 4: Epiphyse; HE Färbung; a: Epiphyse im Querschnitt; b: Maßstabskala = 1 mm; c: Maßstabskala = 100 µm Die erbsengroße Epiphyse liegt an der Hinterwand des dritten Ventrikels oberhalb der Vierhügelplatte und ist über zwei Zügel (Habenulae) mit dem Thalamus verbunden. Umhüllt von der Pia mater (Kapsel) gliedert sich das Parenchym der Drüse in Septen und Lobuli. Zum größten Teil besteht die Epiphyse aus sekretorisch aktiven Pinealozyten und Neurogliazellen. Pinealozyten sind große, blasse Zellen mit ovalem Kern, prominentem Nukleolus und langen Fortsätzen. [39] Sie stammen phylogenetisch von Photorezeptorzellen ab und produzieren bzw. speichern abhängig vom hell-dunkel-Zyklus das Schlafhormon Melatonin. Durch die neuronale Verschaltung mit Netzhaut und Hypothalamus reguliert die Epiphyse über Melatoninfreisetzung den Schlaf-Wach-Rhythmus und somit die „innere biologische Uhr“. Mit zunehmendem Alter lassen sich vermehrt kalkartige, röntgendichte Konkremente (acervoli) nachweisen. 18 1.6.4 Neurohypophyse a b c 1 2 Abbildung 5: Neurohypophyse; HE Färbung; a: 1 = Adenohypophyse; 2 = Neurohypophyse; b: Maßstabskala = 1 mm; c: Maßstabskala Die Neurohypophyse bildet den dorsalen Anteil der Hypophyse, welche sich in der Sella turcica des Os sphenoidale befindet. Im Gegensatz zur ventral gelegenen Adenohypophyse, bei der es sich um eine endokrine Drüse handelt, entspricht die Neurohypophyse einer neuroepithelialen Ausstülpung des Diencephalons und dient als Speicher- und Freisetzungsort für die Hormone Oxytocin und Vasopressin. Sie besteht aus besonderen Gliazellen, den Pituizyten, Kapillaren, Fibrozyten, aber hauptsächlich aus marklosen Axonen, die von Perikarien im Nucleus supraopticus und paraventricularis des Hypothalamus stammen. Lichtmikroskopisch imponieren eosinophile Flecken als Herring- Körper (Anhäufungen von Hormongranula). 1.6.5 Organum vasculosum der Lamina terminalis (OVLT) Das Organum vasculosum der Lamina terminalis hat seine größte Ausdehnung auf halber Höhe zwischen Commissura anterior und Chiasma opticum und ist Teil der Lamina terminalis. Mikroskopisch dominiert ein dichter Kapillarplexus mit sinusoidalen Gefäßen und zahlreichen Gliazellen, die dem Ependym anliegen. 19 Das OVLT ist an der Entstehung und Regulation von Fieber beteiligt [45]. Zudem regulieren Neurone, die als Osmorezeptoren fungieren, über Mediatoren wie AT-II, Vasopressin, Somatostatin und Atriales natriuretisches Peptid (ANP) den Flüssigkeitshaushalt, Blutdruck und Osmolarität. [39, 46] 1.6.6 Organum subcommissurale Das Organum subcommissurale befindet sich im Dach des dritten Ventrikels, wo es die Comissura posterior überzieht. Im menschlichen Gehirn ist es nur im Fötus und bei Neugeborenen bis zum 2. Lebensjahr nachweisbar. Bis zum Erwachsenenalter hat es sich vollständig zurückgebildet. Die Ependymzellen des SCO sezernieren ein Glykoprotein (SCO-Spondin) in den Liquor cerebrospinalis, das auch als Reissner-Substanz bekannt ist und sich zum Reissner-Faden zusammenlagert, der beim erwachsenen Menschen nicht mehr vorhanden ist. [47] In der Embryonalentwicklung scheint das SCO eine Rolle bei der Entstehung eines Hydrozephalus zu spielen. [48, 49] 1.6.7 Organum subfornicale Das Organum subfornicale liegt am Dach des dritten Ventrikels unterhalb des Fornix und wird vom Plexus choroideus verdeckt. Es besteht aus einem lockeren Netzwerk von Neuronen und Gliazellen. Neben Oligodendrozyten und Mikroglia finden sich besonders zahlreiche Astrozyten bevorzugt in der Nähe von Blutgefäßen. Das Organum subfornicale beteiligt sich an der Regulation des Wasser- und Salzhaushaltes und ist damit besonders sensibel für das Hormon Angiotensin II. 20 1.7 Pathologie und Neurogenese nach Gehirninfarkt Bei einer zerebralen Ischämie, Hirninfarkt oder Schlaganfall, handelt es sich um eine Form der zerebralen Durchblutungsstörung. Durch Okklusion einer Hirnarterie kommt es zu einer Minderperfusion des betroffenen Hirnareals. Je nach Ausmaß der hierdurch bedingten Gewebsläsion können neurologische Ausfälle resultieren, die entweder transitorisch oder permanent sind. [50] Bei länger als etwa 60 Minuten dauernden Energiemangelzuständen sind Nervenund Gliazellen irreversibel geschädigt. Die resultierende Kolliquationsnekrose wird durch eine Proliferation von Astrozyten und Kapillaren ausgebessert. [51] Histopathologisch kann man den Gehirninfarkt in drei Stadien einteilen. Das Infarktstadium I (akuter Hirninfarkt) ist gekennzeichnet durch den Untergang von Nervenzellen mit deutlich ödematöser Auflockerung und Abblassung der Matrix sowie einer scharfen Demarkation zum gesunden Gewebe. Das Stadium II (subakuter Hirninfarkt) zeichnet sich durch eine dichte Makrophageninfiltration, Mikrogliaaktivierung und reaktive Kapillarinduktion aus. Das Stadium III (alter Hirninfarkt) entspricht dem Endzustand eines Hirninfarktes. Hierbei kommt es zu einer Narbenbildung mit pseudozystischer Umwandlung des geschädigten Gewebes. Typisch ist ein Substanzdefekt und eine Glianarbe. Die Inzidenz der zerebrovaskulären Erkrankungen beträgt in den meisten Industrieländern 150-200/100000 Einwohner. Die Prävalenz wird auf 700- 800/100000 Einwohner geschätzt. Zerebrale Durchblutungsstörungen liegen hinter den kardiovaskulären und tumorösen Erkrankungen an dritter Stelle der Mortalitätsstatistik westlicher Länder.[52] Die häufigsten Ursachen einer Ischämie sind eine Blockade der arteriellen Blutzufuhr durch arteriosklerotische Gefäßstenosen (Makro-Mikroangiopathie) oder embolische Ereignisse (arterio-arterielle sowie kardiogene Embolien). [50] 21 Zentralnervöse ischämische Infarkte führen zu einem permanenten Neuronenverlust und sind eine wichtige Todesursache in modernen Industrieländern. Die funktionelle Restitution nach einem Gehirninfarkt ist limitiert. Zahlreiche Studien demonstrieren das reparative Potential des ZNS in Form einer Aktivierung der endogenen Neurogenese nach einem ischämischen Insult. [3, 9, 14, 37, 53-55] Insbesondere die ependymalen Zellen der Ventrikel gelten als wesentliches Stammzellreservoir, das nach Infarkt rekrutiert wird. [54, 56]. Zudem zeigen zahlreiche weitere Studien zu globalen und fokalen cerebralen Ischämien an Mausmodellen einen signifikanten Anstieg von Vorläuferzellen im adulten Gehirn. [57-59] Eine Studie demonstriert an Mäusen, dass SVZ-Zellen nach Okklusion der mittleren Gehirnarterie in das ischämische Hirnareal migrieren. [21] 22 2 Erläuterung der Fragestellung Bereits im Vorfeld wurden innerhalb der ZVO Zellen mit Eigenschaften von neuronalen Progenitor- bzw. Stammzellen identifiziert. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich nun in einem zweiten Schritt mit einem Vergleich zwischen Gehirnen ohne neuropathologischen Befund und Infarktgehirnen. Als erstes Ziel sollen bisherige Ergebnisse reproduziert werden, um die Anwesenheit von möglichen neuronalen Stammzellen (NSZ) in ZVO zu bestätigen. Als zweites Ziel werden gesunde Gehirne und Infarktgehirne miteinander verglichen, um einen Anstieg und somit eine mögliche Rekrutierung von NSZ nach pathologischem Ereignis zu detektieren. Die Arbeit umfasst die Untersuchung von jeweils 16 Gewebeproben ohne neuropathologischen Befund und 16 Gewebeproben nach ischämischen Insult. In Anlehnung an die Arbeit von Bennett et al. [31], die NSZ in ZVO erwachsener Nagetieren nachwies, sollen nun erstmals NSZ in humanen ZVOs erforscht werden. Mit Hilfe von immunhistochemischen Färbungen werden entsprechende Zellen identifiziert und quantifiziert. Da bis dato keine eindeutig validen Antikörper für Stammzellen existieren, soll mittels einer Zusammenschau mehrerer Einzel- und Doppelfärbung der Nachweis potentieller NSZ erhärtet werden. Diese Arbeit soll zum Verständnis adulter Neurogenese beitragen und als Grundlage für weitere Forschungen an Tiermodellen dienen. 23 3 Methodik: 3.1 Patientenkollektiv Insgesamt wurden während der neuropathologischen Untersuchung Gehirne von 32 Leichnamen untersucht. Davon wurden die ZVO von 16 Gehirnen nach akutem Gehirninfarkt und 16 Gehirnen mit altersentsprechendem entnommen. Die Altersverteilung erstreckt sich (Durchschnittsalter = 71,95 Jahre). Normalbefund von 41,6 bis 92,7 Jahre Zwischen den beiden untersuchten Patientengruppen gibt es keinen signifikanten Altersunterschied. Abbildung 6: Altersverteilung aller untersuchten Patienten in Jahren. Mittelwert: 71,95; Standardabweichung: 10,29; Standardfehler: 1.82; Eine genaue Auflistung der Patientendaten ist aus Tabelle 1 im Anhang zu entnehmen. Nicht bei jedem Patienten konnten alle zu untersuchenden ZVO entnommen werden, da es bereits bei Entnahme des Gehirnes aus der Schädelgrube zu Gewebeschädigung kommen kann. Alle Patienten haben vor ihrem Tod der Gewebeverwendung zu wissenschaftlichen Forschungszwecken zugestimmt. 24 3.2 Angewendete Schnittführung bei der Sektion Die ZVO sind in der sagittalen Mittellinie des Gehirns lokalisiert, wodurch sich eine Schnittführung in sagittaler Richtung anbot, um optimalen Zugang zu den gesuchten Organen zu erhalten. Zuerst wurden die Gehirne auf äußere pathologische Auffälligkeiten inspiziert. Als nächstes wurden die arteriellen und venösen hirnversorgenden Gefäße abpräpariert und auf makroskopische Verkalkungen untersucht, um bereits erste Hinweise auf ein mögliches Infarktgeschehen zu erhalten. Dann wurde der Hirnstamm auf Höhe der Crura cerebri abgesetzt und in axiale Scheiben lamelliert. Dabei wurde die Area postrema auf Ebene des Rautengrubenbodens entnommen und konserviert. Ausgehend von einem mediosagittalen Schnitt entlang der Fissura longitudinalis, welcher die beiden Gehirnhälften voneinander trennt, wurde das Gehirn in 1 cm dicke Scheiben in sagittaler Ausrichtung lamelliert. Im Idealfall konnte nun von den medialen Scheiben ein Gewebeblock entnommen werden, in dem Epiphyse und die Eminentia mediana enthalten waren. Die Hypophyse wurde aufgrund ihrer Lage innerhalb der Fossa hypophysialis des Os sphenoidale bereits während der Gehirnentnahme aus der Schädelgrube separat aufbewahrt. Zudem gehörten zur neuropathologische Allgemeinuntersuchung Beschreibung, Dokumentation und Interpretation von makroskopisch sichtbaren Gewebe- bzw. Organveränderungen sowie die Entnahme repräsentativer Gewebeproben für die mikroskopische Untersuchung. 25 3.3 Asservierung von Gewebe Das entnommene Gehirngewebe wurde durch Fixation mit 4%iger Formalinlösung asserviert. Zur Einbettung wurde das Gewebe in einer aufsteigenden Alkoholreihe entwässert, in Xylol von Alkohol befreit, mit verflüssigtem Paraffin durchtränkt und anschließend in einen Paraffinwachsblock eingegossen, der nach Erkaltung aushärtet. Mit einem Mikrotoms wurden 5 µm dicke Gewebeschnitte hergestellt, die anschließend im Wasserbad auf Objektträger aufgezogen wurden. 3.4 Immunhistochemie 3.4.1 Allgemeines Die Immunhistochemie ist eine Methode, mit der Proteine mit Hilfe von Antikörpern sichtbar gemacht werden können. Damit kann bestimmt werden, ob das Protein im untersuchten Gewebe vorhanden ist und in welchem Kompartiment der Zelle es lokalisiert ist. Im Wesentlichen unterscheidet man eine direkte Methode von einer indirekten Methode. Bei der direkten Methode reagiert ein enzymmarkierter Primärantikörper mit dem Gewebeantigen. Diese Methode ist rasch durchführbar. Da an der Reaktion nur ein markierter Antikörper beteiligt ist, kommt es nur zu einer geringen Signalverstärkung. Die indirekte Methode ist deutlich sensitiver. Dabei bindet zuerst ein unkonjugierter Primärantikörper an das Antigen, anschließend wird ein zweiter enzymmarkierter Sekundärantikörper aufgetragen, der gegen den Primärantikörper gerichtet ist. Zur Visualisierung des Primärantikörpers folgt eine Substrat- Chromogenreaktion. Dabei bildet das Enzym Peroxidase in Anwesenheit eines Elektronendonors (Chromogene wie z. B. 3, 3’- Diaminobenzidin, DAB) ein Enzym-Substratkomplex. DAB wird vom Enzym Peroxidase oxidiert und bildet ein braunes Endprodukt, das den verwendeten Primärantikörper und damit das gesuchte Protein innerhalb der Zelle markiert. 26 3.4.2 Beschreibung der verwendeten Primärantikörper Anti- Ki67 Das Ki67 Antigen ist ein nukleärer Proliferationsmarker und wird ausschließlich während der Interphase (umfasst alle aktiven Phasen der Zellteilung, mit Ausnahme der Kernteilungsphase) hauptsächlich in den Kernkörperchen (Nukleoli; Orte der rRNA-Transkription) exprimiert. Während der Kernteilungsphase (Mitose) ist Ki-67 dagegen auf der Oberfläche der kondensierten Chromosomen nachweisbar. Während der Zellzyklusphasen wird es in der G1-, in der S-, in der G2- und in der MPhase exprimiert. In ruhenden Zellen, also Zellen, die sich in der G0-Phase befinden, ist das Ki67-Antigen nicht vorhanden. [60, 61] Die immunohistochemische Färbung mit Ki67-Antikörpern, findet vor allem in der Tumordiagnostik Verwendung, da sie Aufschluss über die Wachstumsgeschwindigkeit und damit dem Malignitätsgrad der Neoplasie gibt. [62] Anti- OLIG2 OLIG2 steht für „Oligodendrocyte lineage transcription factor 2“ und wird fast ausschließlich im ZNS, von glialen Vorläuferzellen und unreifen Astrozyten exprimiert. Dieser Transkriptionsfaktor ist essentiell für die Differenzierung von subventrikulären Vorläuferzellen zu reifen Oligo- und Astrozyten. [63, 64] Insbesondere in NG2 Gliazellen, die als Vorläuferzellen der Oligodendro- und Neurogenese gelten, und eine bedeutende Rolle in Reparationsprozessen nach Hirnschädigung spielen, ist OLIG2 in hohem Maße nachweisbar. [65] In der neuropathologischen Praxis dient OLIG2 der Identifikation von oligodendroglialen Tumoren und deren Abgrenzung von Tumoren anderen Ursprunges. [66] 27 Anti- PSA-NCAM PSA-NCAM steht für “Poly Sialated Neural Adhesion Molecule” und wird vor allem während der Gehirnentwicklung auf der Oberfäche von Vorläuferzellen und von neuronalen Stammzellen exprimiert. [18] Im adulten Gehirn ist PSA-NCAM ein wesentlicher Regulator der Migration, der Entwicklung und des Überlebens von neu generierten Neuronen im Rahmen von adulter Neurogenese. [18, 67] Zudem spielt es eine wichtige Rolle in verschiedenen Formen der Neuroplastizität, sowie bei zerebralen Reparationsprozessen. Zum Beispiel wurde gezeigt, dass PSA-NCAM positive neuronale Vorläuferzellen in Tumorgewebe akkumullieren. [68] PSA-NCAM steuert über Zellinteraktionen Prozesse wie Synaptognese, axonales Wachstum oder Zellmigration und trägt somit wesentlich zu funktioneller Plastizität bei. [69, 70] Anti- GFAP GFAP steht für „Glial fibrillary acidic protein”. Es handelt sich um ein zytoplasmatisches Protein, das zur Gruppe der Intermediärfilmente der Klasse III (Desmine) gehört. GFAP gilt im menschlichen Gehirn als Marker für reife Astrozyten. [18] Im Kontext adulter Neurogenese stammen neu gebildete Neuronen von astrozytären Vorläuferzellen ab, die GFAP exprimieren. [71, 72] GFAP wird zudem als Tumormarker bei der Diagnostik von Hirntumoren bestimmt. Es findet sich typischerweise in Gliomen, z. B. in Astrozytomen, Glioblastomen, Oligodendrogliomen und Ependymomen. 28 Anti- Nestin 1990 wurde Vorläuferzellen Nestin als entdeckt. Intermediärfilament der Klasse XI in neuronalen [73] Während der Gehirnentwicklung wird Nestin insbesondere von Astrozyten und radialen Gliazellen exprimiert und gilt als Marker für multipotente Stammzellen. Während der Embryogenese ist Nestin vorwiegend in proliferierenden und migrierenden Zellen nachweisbar. Im adulten Gehirn findet sich das zytoplasmatische Intermediärfilament besonders in Regenerationsarealen. [74] Insbesondere in den frühen Phasen adulter Neurogenese exprimieren neuronale Vorläuferzellen Nestin und GFAP. [75] Mit zunehmender Differenzierung wird Nestin herunterreguliert und durch andere Intermediärfilamente ersetzt. Interessanterweise kommt es während pathologischer Veränderungen, wie Verletzungen oder Infarkten, zu einer erneut induzierten Expression von Nestin. [76] Anti- Vimentin Vimentin zählt genauso wie GFAP zu den Intermediärfilamenten der Klasse III und kommt im Zytoplasma aller Zellen mit mesodermaler Herkunft vor. Generell ist Vimentin als zytoskelettales Protein für die Erhaltung der Zellintegrität verantwortlich. [77] Während der frühen Gehirnentwicklung wird Vimentin von radialen Gliazellen und unreifen Astrozyten exprimiert und nach der Gestation zunehmend durch GFAP ersetzt. Nach Gehirnschädigung lässt sich ein Anstieg von Vimentin- und GFAP-positiven Zellen verzeichnen. [78] Untersuchungen an Mausmodellen zeigen eine vermehrte Expression von Vimentin und Nestin in der ipsilateralen Subventrikularzone sowie im Striatum und im Kortex ungefähr etwa drei bis sieben Tage nach Mediainfarkt. Diese reaktive Astrozytose scheint neuronale Differenzierung von astrozytären Vorläuferzellen zu induzieren. [78] In der pathologischen Diagnostik wird Vimentin als Marker für Weichgewebstumoren eingesetzt. 29 Anti- CD68 CD68 steht für „Cluster of Differentiation 68“. Es handelt sich um ein TransmebranAntigen, das hauptsächlich in Lysosomen lokalisiert ist. CD68 gehört zur Familie der Glykoproteine und ist am lysosomalen Transport bzw. der Endozytose beteiligt. Eine intrazelluläre Expression von CD68 findet sich bei Makrophagen, Monozyten, Mikroglia, Langerhanszellen und dendritischen Zellen. Eine geringgradige Reaktivität wird auch bei einer Subpopulation von B- Lymphozyten und aktivierten TLymphozyten beobachtet. Der Antikörper wurde in der vorliegenden Forschungsarbeit als Doppelfärbung mit Ki67 eingesetzt, um auszuschließen, dass es sich bei den proliferierenden Zellen (Ki67 positive Zellen) ausschließlich um Makrophagen oder Mikroglia handelt. 30 3.4.3 Erläuterung des verwendeten Verfahrens der Einzelfärbung mittels 3,3’Diaminobenzidin (DAB)- Markierung Das Verfahren der Einzelfärbung mittels 3,3’- Diaminobenzidin ist ein Beispiel für die indirekte Methode, bei der das Enzym Peroxidase den Farbstoff 3,3’- Diaminobenzidin oxidiert und somit das gesuchte Protein als braunes Endprodukt innerhalb der Zelle markiert. Die immunhistologische Einzelfärbung lässt sich in fünf Schritte gliedern: 1. Entparaffinierung 2. Demaskierung der Antigene 3. Behandlung mit einem Primärantikörper gegen das gesuchte Antigen 4. Behandlung mit einem Sekundärantikörper gegen den Primärantikörper 5. Sichtbarmachen des Primär- Sekundärantikörper- Komplexes mit einem Chromogen 1. Entparaffinierung : Die Entparaffinierung erfolgt durch eine absteigende Alkoholreihe. Hierzu werden die Objektträger mit Xylol (20 Minuten), 100% Ethanol (2 x 5 Minuten), 96% Ethanol (5 Minuten), 70% Ethanol (5 Minuten) und destilliertem Wasser behandelt. 31 2. Demaskierung der Antigene Durch die Formalinfixierung entstehen Methylenbrücken, welche durch Quervernetzung zu Strukturveränderungen von Proteinen führen können. Dadurch kann es passieren, dass ein Antikörper das gesuchte Antigen nicht erkennt. Um dies zu vermeiden, werden die Schnitte in Citratpuffer (pH 6) mehrmals in der Mikrowelle bei 600 Watt aufgekocht. Dieser Reaktionsschritt dient der Antigendemaskierung sowie dem Aufbrechen von gesuchten Epitopen. 3. Behandlung mit einem Primärantikörper gegen das gesuchte Antigen Zur Vorbehandlung werden die Objektträger in verschiedene Lösungen getaucht, um die gesuchten Proteine für den Primärantikörper zugänglich zu machen: Lösungsgemisch aus 1 Teil H2O2 und 5 Teilen Methanol (15-20 Minuten) Leitungswasser (5 Minuten) destilliertes Wasser (eingetaucht) PBS-Puffer (= Phosphate Buffered Saline) und Brij (= nichtionisches Tensid) (5 Minuten) Blocking-Lösung aus 2% FCS im PBS (5 Minuten) 32 Anschließend werden die Schnitte mit dem Primärantikörper in der entsprechenden Konzentration über Nacht im Kühlschrank bei 4° Celsius inkubiert. Primärantikörper: Antikörper Spezies Firma Verdünnung Anti Ki67 Monoklonal Maus Dako 1:400 Anti Ki67 Polyklonal Abcam 1:25 Polyklonal Millipore- Life 1:100 Kaninchen Science Polyklonal Millipore 1:200 Kaninchen Anti OLIG2 Anti Nestin Kaninchen Anti Vimentin Monoklonal Maus Dako 1:400 Anti GFAP Monoklonal Maus Dako 1:200 Anti CD68 Monoklonal Maus Dako 1:50 Anti PSA-NCAM Monoklonal Maus Millipore 1:100 4. Behandlung mit einem Sekundärantikörper gegen den Primärantikörper Um Kontrast und Intensität der Färbung zu optimieren, wird am darauf folgenden Tag ein Reagenz, bestehend aus Superenhancer und PBS (Mischverhältnis1:1), aufgetragen. Dann folgt ein weiterer Waschgang mit PBS für 5 Minuten. Nun werden die Schnitte mit einem Reagenz aus Poly-HRP (= Horseradish peroxidase) und PBS im Verhältnis von 1:1 für 30 Minuten behandelt. Dabei bindet die dem Sekundärantikörper angelagerte Peroxidase an die Fc- Region des Primärantikörpers. 33 5. Sichtbarmachen des Primär- Sekundärantikörper- Komplexes mit einem Chromogen Nach einem erneuten Waschgang mit PBS (5 Minuten) werden im nächsten Schritt 38 µl DAB-Lösung vermischt mit 1 ml Substratpuffer aufgetropft. Durch die Reaktion der Peroxidase mit dem in der DAB-Lösung befindlichen H2O2, kommt es zur Farbentwicklung. Es folgt ein Waschgang in destilliertem Wasser (2 mal 2 Minuten). Nun werden die Schnitte zur Gegenfärbung der Zellkerne für 30 Sekunden in Hämalaun eingetaucht und in Leitungswasser gebläut. Zum Abschluss der Färbung werden die Objektträger einer aufsteigenden Alkoholreihe nach folgendem Schema zugeführt: 70% Alkohol (eingetaucht) 96% Alkohol (eingetaucht) 100% Alkohol (5 Minuten) 100% Alkohol (5 Minuten) Xylol (5 Minuten) Xylol (5 Minuten) Anschließend werden die Schnitte eingedeckelt und unter einem Olympus BX50 Lichtmikroskop mit 40x/(0,75) Objektiv untersucht. Digitale Bilder werden mit einer Olympus U-TV1Y Kamera angefertigt. 3.4.4 Erläuterung des verwendeten Verfahrens der Doppelfärbung mittels Fluoreszenzmarkierung Das Prinzip der Immunfluoreszenz (IF)- Färbung beruht, wie das der immunhistochemischen Verfahren, auf der Markierung des gesuchten Antigens mit einem Antigen- Antikörper- Komplex. 34 Im Unterschied zur Immunhistochemie, bei der durch Präzipitation eines Farbkomplexes der Antigen- Antikörper- Komplex sichtbar gemacht wird, erfolgt diese Reaktion bei der Immunfluoreszenz durch Lumineszenz des Sekundärantikörpers. Die beiden Marker fluoreszieren bei unterschiedlicher Wellenlänge, wodurch jede einzelne Zelle auf zwei Merkmale untersucht werden kann. Dabei gilt zu beachten, dass die zwei Primärantikörper aus einer unterschiedlichen Spezies stammen, z. B. ein Antikörper aus der Maus und einer aus dem Kaninchen, da ansonsten die Farbstoffe nicht einem bestimmten Primärantikörper zuzuordnen wären. Dementsprechend ergeben sich folgende Antikörperkombinationen: Ki67 und Nestin Ki67 und OLIG2 Ki67 und PSA-Ncam Ki67 und CD68 Fluorochrom beladene Sekundärantikörper: Antikörper Spezies Farbe Verdünnung Alexa Flour 488 Ziege-anti- Rot 1:200 Grün 1:200 Kaninchen Alexa Flour 546 Ziege-anti-Maus Die vorbereitenden Maßnahmen (Entparaffinieren, Aufkochen etc.) entsprechen denen der Einzelfärbung. 35 Dann werden die Schnitte über Nacht im Kühlschrank bei 4° Celsius mit den beiden Primärantikörpern in geeigneter Verdünnung inkubiert. Am darauf folgenden Tag werden die Schnitte zunächst zwei bis dreimal für fünf Minuten mit PBS-Puffer gespült, wonach dann der fluorochrom- beladene Sekundärantikörper aufgetragen wird und für maximal 45 Minuten in feuchter Kammer im Dunkeln inkubiert. Nach erneutem Spülen mit PBS-Puffer erfolgt die Kernfärbung mit 4’6- Diamidin-2phenylindol (DAPI). Anders als bei der DAB- Färbung erfolgt keine aufsteigende Alkoholreihe. Die Schnitte werden mit wasserlöslichem Eindeckmittel für Fluoreszenzpräparate eingedeckelt und unter einem Olympus LUCPlan FLN mit 40x/(0,60) Fluoreszenzmikroskop mit 40x/(0,60) PhZ Objektiv untersucht. 3.5 Quantifikation und Statistik Ki67 und OLIG2 positive Zellen wurden mittels ImageJ software (U.S National Institutes of Health, Bethesda, MD, USA) in repräsentativen Schnitten der Area postrema, Eminentia mediana, Neurohypophyse und Epiphyse manuell ausgezählt. Für jedes Organ wurden mindestens 1100 Zellen ausgezählt. Der Anteil positiver Zellen wurde als Fraktion positiver Zellen zur totalen Zellzahl in Prozent angegeben. Um die statistische Signifikanz zu ermitteln, wurden die zwei untersuchten Gruppen (Infarktpatienten versus Normalbefund) mit Hilfe des Mann-Whitney U Tests in GraphPad Prism Software, Version 5.04, verglichen. 36 4 Ergebnisse: Vergleich Gesund versus Infarkt Bereits im Vorfeld wurden in den ZVO erwachsener Mäuse Zellen mit Stammzellcharakteristiken detektiert. [31] Um die Übertragbarkeit bestehender Forschungsergebnisse auf humane ZVO zu prüfen, wurden immunhistochemische Einzel- und Doppelfärbungen zunächst an gesunden und anschließend an Infarktgehirnen angefertigt. Um das Potential und die Funktion potentieller Stammzellen im Kontext eines Infarktgeschehens zu analysieren, wurde ein quantitativer Vergleich zwischen den beiden untersuchten Gruppen gezogen. Die Ergebnisse werden an jeweils zwei repräsentativen Beispielbildern veranschaulicht. 4.1 Einzelfärbungen Nachdem zunächst eine Hämatoxylin-Eosin Färbung zur anatomischen Orientierung angefertigt wurde, gelang es, alle vier zu untersuchenden ZVO mit den jeweiligen Antikörpern (Ki67, OLIG2, PSA-NCAM, GFAP, Nestin, Vimentin) zu färben. Positive Zellen erscheinen unter dem Lichtmikroskop braun. Negative Zellen erscheinen durch die Gegenfärbung blau. 37 4.1.1 Area postrema Die folgenden Abbildungen zeigen jeweils zwei Ausschnittsvergrößerungen der Area postrema aus Gehirnen mit altersentsprechendem Normalbefund und zwei Ausschnitte von Hirngewebe nach ischämischem Infarkt. Es handelt sich um DABEinzelfärbungen mit den Antikörpern Anti-Ki67, Anti-OLIG2, Anti-PSA-NCAM, AntiGFAP, Anti-Nestin. Die positiven Zellen wurden mit Pfeilen markiert. Die Maßstabskala beträgt 50 µm. Anti- Ki67 Gesund Patient 5 Ki67 Patient 7 Ki67 Infarkt Patient 21 Ki67 Patient 25 Ki67 38 Anti- OLIG2 Gesund Infarkt Patient 7 Patient 32 OLIG2 OLIG2 Patient 14 Patient 21 OLIG2 OLIG2 39 Anti- PSA-NCAM Gesund Infarkt Patient 11 Patient 35 PSA-NCAM PSA-NCAM Patient 15 PSA-NCAM Patient 22 PSA-NCAM 40 Anti- GFAP Gesund Patient 13 GFAP Infarkt Patient 25 GFAP Patient 2 Patient 31 GFAP GFAP 41 Anti- Nestin Gesund Patient 8 Nestin Patient 3 Nestin Infarkt Patient 25 Nestin Patient 26 Nestin 42 Anti- Vimentin Gesund Patient 5 Vimentin Patient 7 Vimentin Infarkt Patient 28 Vimentin Patient 26 Vimentin 43 4.1.2 Eminentia mediana Die folgenden Abbildungen zeigen jeweils zwei Ausschnittsvergrößerungen der Eminentia mediana aus Gehirnen mit altersentsprechenden Normalbefund und zwei Ausschnitte von Hirngewebe nach ischämischen Infarkt. Es handelt sich um DABEinzelfärbungen mit den Antikörpern Anti-Ki67, Anti-OLIG2, Anti-PSA-NCAM, AntiGFAP, Anti-Nestin. Die positiven Zellen wurden mit Pfeilen markiert. Die Maßstabskala beträgt 50 µm. Anti- Ki67 Gesund Infarkt 44 Patient 1 Patient 19 Ki67 Ki67 Patient 32 Patient 16 Ki67 Ki67 Anti- OLIG2 Gesund Infarkt 45 Patient 1 Patient 32 OLIG2 OLIG2 Patient 2 Patient 21 OLIG2 OLIG2 46 Anti- PSA-NCAM Gesund Patient 15 PSA-NCAM Patient 6 PSA-NCAM Infarkt Patient 32 PSA-NCAM Patient 29 PSA-NCAM 47 Anti- GFAP Gesund Patient 1 Infarkt Patient 25 GFAP GFAP Patient 2 Patient 31 GFAP GFAP 48 Anti- Nestin Gesund Patient 12 Infarkt Patient 29 Nestin Nestin Patient 1 Patient 32 Nestin Nestin 49 Anti- Vimentin Gesund Infarkt Patient 15 Patient 21 Vimentin Vimentin Patient 2 Patient 31 Vimentin Vimentin 50 4.1.3 Epiphyse Die folgenden Abbildungen zeigen jeweils zwei Ausschnittsvergrößerungen von Epiphysen aus Gehirnen mit altersentsprechendem Normalbefund und zwei Ausschnitte von Hirngewebe nach ischämischem Infarkt. Es handelt sich um DABEinzelfärbungen mit den Antikörpern Anti-Ki67, Anti-OLIG2, Anti-PSA-NCAM, AntiGFAP und Anti-Nestin. Die positiven Zellen wurden mit Pfeilen markiert. Anti- Ki67 Gesund Patient 6 Infarkt Patient 21 Ki67 Patient 12 Ki67 Patient 17 Ki67 51 Anti- OLIG2 Gesund Infarkt Patient 3 Patient 26 OLIG2 OLIG2 Patient 6 Patient 21 OLIG2 OLIG2 52 Anti- PSA-NCAM Gesund Infarkt Patient 16 Patient 32 PSA-NCAM PSA-NCAM Patient 10 Patient 29 PSA-NCAM PSA-NCAM 53 Anti- GFAP Gesund Patient 6 Infarkt Patient 30 GFAP GFAP Patient 12 Patient 20 GFAP GFAP 54 Anti- Nestin Gesund Infarkt Patient 3 Patient 32 Nestin Nestin Patient 6 Patient 23 Nestin Nestin 55 Anti- Vimentin Gesund Patient 6 Infarkt Patient 22 Vimentin Vimentin Patient 3 Patient 21 Vimentin Vimentin 56 4.1.4 Neurohypophyse Die folgenden Abbildungen zeigen jeweils zwei Ausschnittsvergrößerungen Epiphysen aus Gehirnen mit altersentsprechendem Normalbefund und zwei Ausschnitte von Hirngewebe nach ischämischem Infarkt. Es handelt sich um DABEinzelfärbungen mit den Antikörpern Anti-Ki67, Anti-OLIG2, Anti-PSA-NCAM, AntiFAP und Anti-Nestin. Die positiven Zellen wurden mit Pfeilen markiert. Anti- Ki67 Gesund Infarkt 57 Patient 7 Patient 19 Ki67 Patient 9 Patient 21 Ki67 Ki67 Anti- OLIG2 Gesund Infarkt 58 Patient 7 OLIG2 Patient 21 OLIG2 Patient 11 Patient 24 OLIG2 OLIG2 59 Anti- PSA-NCAM Gesund Infarkt Patient 4 Patient 30 PSA-NCAM PSA-NCAM Patient 7 Patient 22 PSA-NCAM PSA-NCAM 60 Anti- GFAP Gesund Patient 7 GFAP Infarkt Patient 20 GFAP Patient 16 Patient 31 GFAP GFAP 61 Anti- Nestin Gesund Infarkt Patient 7 Patient 24 Nestin Nestin Patient 16 Nestin Patient 21 Nestin 62 Anti- Vimentin Gesund Infarkt Patient 11 Patient 19 Vimentin Vimentin Patient 7 Patient 21 Vimentin Vimentin 63 4.2 Doppelfärbungen In Hinblick darauf, dass Marker wie Nestin, OLIG2 und PSA-NCAM nicht ausschließlich von neuronalen Stammzellen exprimiert werden, wurden nun Doppelfärbungen mit Ki67 durchgeführt. Denn Ki67, ein Proliferationsmarker, wird bekanntermaßen nicht von differenzierten Glia- oder Nervenzellen exprimiert. Die Tatsache, dass es innerhalb der ZVO proliferierende Zellen gibt, die charakteristische Stammzellmarker exprimieren, erhärtet den Verdacht, dass es sich bei den entsprechenden Zellen um NSZ handelt. Um auszuschließen, dass es sich bei dem deutlich höheren Anteil von proliferierenden Zellen in Infarktgehirnen lediglich um Mikroglia oder Makrophagen handelt, wurden Doppelfärbungen mit Antikörpern gegen CD68 angefertigt. Die meisten Ki67 positiven Zellen co-exprimieren jedoch kein CD68, wodurch eine reine Entzündungsreaktion nicht für das Vorhandensein proliferierender Zellen verantwortlich sein kann. 64 4.3 Area postrema Die folgenden Abbildungen zeigen Ausschnittsvergrößerungen der Area postrema in Immunfluoreszenz-Doppelfärbungen. Ki67/NESTIN Ki67/OLIG2 Ki67/PSA-NCAM Ki67/CD68 65 4.3.1 Eminentia mediana Die folgenden Abbildungen zeigen Ausschnittsvergrößerungen der Eminentia mediana in Immunfluoreszenz-Doppelfärbungen. Ki67/NESTIN Ki67/PSA-NCAM Ki67/OLIG2 Ki67/CD68 66 4.3.2 Epiphyse Die folgenden Abbildungen zeigen Ausschnittsvergrößerungen der Epiphyse in Immunfluoreszenz-Doppelfärbungen. Ki67/NESTIN Ki67/PSA-NCAM Ki67/OLIG2 Ki67/CD68 67 4.3.3 Neurohypophyse Die folgenden Abbildungen zeigen Ausschnittsvergrößerungen der Neurohypophyse in Immunfluoreszenz- Doppelfärbungen. Ki67/NESTIN Ki67/PSA-NCAM Ki67/OLIG2 Ki67/CD68 68 4.4 Statistische Auswertung Um Unterschiede zwischen Gehirnen mit Gehirninfarkt und Gehirnen mit altersentsprechendem Normalbefund zu ermitteln, wurden Ki67 und OLIG2 positive Zellen mittels ImageJ software in repräsentativen histologischen Schnitten der Area postrema, Eminentia mediana, Neurohypophyse und Epiphyse manuell ausgezählt. Für jedes Organ wurden mindestens 1100 Zellen ausgezählt. Das Ergebnis wurde als Fraktion von positiven Zellen zur totalen Zellzahl in Prozent angegeben. Um die statistische Signifikanz der Ergebnisse zu prüfen, wurden die zwei untersuchten Gruppen (Infarktpatienten versus Normalbefund) mit Hilfe des Mann-Whitney U Tests in GraphPad Prism Software verglichen. Die Abbildung 6 zeigt die quantitative Analyse von Ki67 (A-L) und OLIG2 (M-X) – positiven Zellen in ZVO von gesunden Gehirnen (linke Spalte) im Vergleich zu Infarktgehirnen (rechte Spalte). Die Maßstabskala beträgt 50 µm. 69 Abbildung 6: Quantitative- und statistische Auswertung von gesunden - versus Infarktgehirne 70 Kontrolle B 8 6 4 2 0 D Ki67 Eminentia mediana C F Neurohypophyse Epiphyse E G Anzahl positiver Zellen in [%] Area Postrema A Infarkt p=0,0159 Kontrolle Infarkt p=0,0159 8 6 4 2 0 Kontrolle Infarkt 8 6 4 2 0 ns Kontrolle Infarkt 8 6 4 2 0 H p=0,0294 Kontrolle Infarkt p=0,0286 J 20 15 10 5 0 Area Postrema I M N Neurohypophyse O P p=0,0159 Anzahl positiver Zellen in [%] Eminentia mediana L Epiphyse OLIG2 K Kontrolle Infarkt 20 15 10 5 0 20 15 10 5 0 20 15 10 5 0 Kontrolle Infarkt p=0,0380 Kontrolle Infarkt p=0,0291 Kontrolle Infarkt Aus Tabelle 2 sind die genauen Zellzahlen der untersuchten Gehirne (n) und der prozentuale Anteil von Ki67 und OLIG2-positiven Zellen zu entnehmen. 71 Tabelle 2: AK ZVO Area postrema Eminentia Ki67 OLIG2 Kontrolle Infarkt Kontrolle Infarkt n=4 n=5 n=4 n=4 14/1587 37/1557 34/1683 149/1191 0,89% 2,38% 2,02% 12,51% n=4 n=5 n=4 n=5 40/3819 91/2159 35/3592 150/1783 1,05% 4,21% 0,97% 8,41% n=4 n=5 n=4 n=4 32/6000 42/4779 46/4000 83/2955 0,53% 0,88% 1,15% 2,80% n=4 n=4 n=4 n=4 53/3756 109/2412 24/3683 21/1642 1,41% 4,52% 0,65% 1,29% mediana Epiphyse Neurohypophyse 72 5 Diskussion 5.1 Diskussion der Methoden Für die Studie wurden insgesamt 32 Gehirne wie im Methodenteil beschrieben prozessiert und neuropathologisch untersucht . Dabei wurde versucht, Area postrema, Eminentia mediana, Epiphyse und Neurohypophyse zu entnehmen. Nicht bei jedem Gehirn gelang die vollständige Entnahme aller vier ZVO. Für die statistische Auswertung wurden dennoch pro Organ mindestens vier verschiedene Gehirne untersucht. Um die Stammzellmarker Nestin, GFAP, OLIG2, PSA-NCAM und Vimentin in Zellen innerhalb der ZVO nachzuweisen, wurden immunhistochemische Einzel- und Doppelfärbungen angefertigt. Dabei ist zu erwähnen, dass die Qualität der Färbung von der unterschiedlich langen Postmortem-Zeit und der sorgfältigen Konservierung des Hirngewebes abhängt. Aufgrund der zum Teil schlechten Gewebequalität des Autopsiematerials konnten nicht in allen Gewebeschnitten auswertbare Antikörperfärbungen durchgeführt werden. Für den Erhalt von repräsentablen Ergebnissen wurden für jeden Antikörper Positivkontrollen hinzugezogen und negative Gewebeproben aus der Analyse entfernt. Nicht in jedem Gehirn konnten in den entsprechenden ZVO positive Zellen nachgewiesen werden. Dies kann verschiedenste Ursachen haben. Meist war die schlechte Gewebequalität für die unzureichende Färbung verantwortlich. In einigen Gehirnen waren dennoch keine positiven Zellen zu finden. Dabei gilt es zu beachten, dass es sich um Gewebeschnitte von maximal 5 µm Dicke handelt und eine Zelle einen Durchmesser von 4-20 µm hat. Diese Tatsache erklärt, dass nicht in allen ZVO positive Zellen identifiziert werden konnten, da je nach Serienschnitt zufällig unterschiedlich viele Zellen angeschnitten wurden. Bisher gibt es keinen spezifischen Antikörper, um neuronale Stammzellen nachzuweisen. Deshalb wurden mehrere Antikörper ausgewählt und kombiniert. 73 Um die Häufigkeit von potentiellen Vorläuferzellen innerhalb der ZVO zu bestimmen, wurden Ki67- und OLIG2- positive Zellen quantifiziert. Da es sich bei den zwei genannten Antikörpern um nukleäre Marker handelt, konnten positive Zellen zuverlässig und valide ausgezählt werden. Wie in den Ergebnissen ersichtlich, erlauben andere Antikörper wie beispielsweise Nestin oder GFAP keine eindeutige Quantifizierung. Die Anzahl der ausgezählten Zellen reichte von 1032 bis ca. 6000 Zellen. Die breite Differenz zwischen den Zellzahlen lässt sich durch die anatomischen und morphologischen Unterschiede zwischen den einzelnen ZVO erklären. Zudem konnte es bei Entnahme, im Anschnitt oder während des histologischen Prozessierens zu erheblichen Größenunterschieden kommen. Dennoch konnten durch die hohe Mindest-Gesamtzellzahl (1000) und durch das Auszählen von mindestens vier verschiedenen Fällen valide Ergebnisse erzielt werden. Außerdem wurden einige Stichproben ausgewählt und von einer unabhängigen Person verblindet ausgewertet. Die Ergebnisse korrespondierten in allen Fällen. 5.2 Diskussion der Ergebnisse Zirkumventrikuläre Organe besitzen Zellen, die charakteristische Stammzellmarker exprimieren und proliferieren können. Hierfür wurden 16 Gehirne mit altersentsprechendem Normalbefund untersucht. Dabei wurden in den vier ausgewählten ZVO Zellen detektiert, die positiv für Stammzellmarker wie GFAP, Nestin, Vimentin, PSA-NCAM, OLIG2 waren. Um ihre Proliferationsfähigkeit zu ermitteln, wurden immunhistochemische Färbungen mit Anti-Ki67 durchgeführt. In allen untersuchten ZVO wurde eine geringe Anzahl von teilungsfähigen Zellen nachgewiesen. Um auszuschließen, dass es sich bei den gefundenen Zellen um Mikroglia oder Makrophagen handelt, wurden Doppelfärbungen mit Ki67 und CD68 durchgeführt. Die Mehrheit Ki-67 positiver Zellen exprimierte jedoch kein CD68.. 74 In Hinblick darauf, dass Nestin, OLIG2 und PSA-NCAM nicht nur von neuronalen Stammzellen exprimiert werden, wurde eine Co-Lokalisation der genannten Marker mit Ki67 untersucht. In den untersuchten ZVO wurden Zellen detektiert, die Ki67 positiv waren und gleichzeitig Nestin, OLIG2 oder PSA-NACAM exprimierten. Die Zusammenfassung der imunhistochemischen Einzel- und Doppelfärbungen erhärten den Verdacht, dass es sich bei den entdeckten Zellen um potentielle neuronale Stammzellen handelt. Ein Gehirninfarkt induziert Rekrutierung und Proliferation von Zellen, die Stammzellmarker exprimieren. Um die Frage zu klären, welche NSZ in humanen ZVO das Potential besitzen, auf pathologische Ereignisse zu reagieren und adulte Neurogenese zu induzieren, wurden weitere 16 Gehirne mit Gehirninfarkt untersucht. Im Einzelnen wurden dabei Zellen gesucht, die positiv für die Markerproteine Ki67 oder OLIG2 waren. Anschließend wurde die Anzahl positiv markierter Zellen quantifiziert und mit den gesunden Kontrollgehirnen verglichen (siehe Quantifikation und Statistik). Mit Ausnahme der Epiphyse zeigten alle untersuchten ZVO von Infarktgehirnen einen signifikanten Anstieg von Ki67 - positiven Zellen im Vergleich zu den Kontrollgehirnen. Ähnlich verhielt es sich mit der Anzahl von OLIG2- positiven Zellen. In allen ZVO von Infarktgehirnen wurde ein signifikanter Anstieg verzeichnet. Detaillierte Ergebnisangaben sind aus Tabelle 2 zu entnehmen. Zudem wurden auch in den ZVO von Infarktgehirnen Ki67-positive Zellen gefunden, die gleichzeitig Nestin, OLIG2 oder PSA-NCAM exprimierten und negativ für CD68 waren. Schlussfolgernd scheint ein Gehirninfarkt mit einem signifikanten Anstieg von Zellen, die Stammzellmarker exprimieren, einherzugehen. 75 Die Ergebnisse suggerieren, dass es in der Area postrema, Eminentia mediana, Epiphyse und Neurohypophyse NSZ gibt, die sich nach pathologischem Infarktgeschehen aktiv teilen, um möglicherweise Zellverluste auszugleichen und Reparationsvorgänge einzuleiten. Die Ergebnisse dieser Studie korrespondieren mit jenen der Forschungsgruppe Benett et al. [31], die bereits 2009 neuronale Stammzellen mit einem ähnlichen Markerprofil in den ZVO von gesunden adulten Nagetieren nachgewiesen hat. Zudem stellt diese Arbeit eine Erweiterung von früheren Studien dar, die ihr Augenmerk auf einzelne ZVO in Nagetieren legten. Beispielsweise wurden Nestin- und GFAP- positive Zellen in der Eminentia mediana sowie in der Area postrema von Mäusen nachgewiesen. [79] Eine andere Studie entdeckte in der Neurohypophyse von Nagetieren eine Gruppe von Zellen, die Transkriptionsfaktoren exprimierten, welche mit Stammzelleigenschaften assoziiert sind. [80] Ob es in adulten humanen ZVO neuronale Vorläuferzellen gibt und welche davon auf pathologische Veränderungen reagieren, wurde bis dato in keiner anderen vorherigen Studie erforscht. Seit Beginn der Erforschung adulter Neurogenese stellte sich zunehmend die Frage, ob das menschliche Gehirn auf pathologische Stimuli mit einer Rekrutierung von NSZ reagiert. Im Tiermodell wurden bereits evidente Hinweise auf eine beschleunigte Neurogenese nach induziertem Gehirninfarkt gefunden. [9] Obwohl die funktionelle Regeneration nach Gehirninfarkt limitiert ist, haben zahlreiche Studien gezeigt, dass das menschliche Gehirn durchaus ein reparatives Potential besitzt und durch die Aktivierung der endogenen Neurogenese auf Schädigungen im Rahmen einer zerebralen Ischämie antwortet. [9, 37, 57] In dieser Forschungsarbeit zeigte sich ein signifikanter Anstieg von Ki67- und OLIG2positiven Zellen in ZVO von adulten humanen Infarktgehirnen. Die Mehrheit von Ki67-positiven Zellen wies keine Co- Expression mit CD68 auf. Deshalb kann eine vermehrte Existenz Infarktgeschehens von nicht als Mikroglia oder hinreichende Markrophagen Erklärung für den infolge Anstieg eines von proliferierenden Zellen herangezogen werden. 76 Es erscheint naheliegend, dass die Zunahme der Anzahl von neuronalen Vorläuferzellen, welches bereits ein bekanntes Phänomen der SVZ und SGZ in Gehirnen nach ischämischem Infarkt darstellt [9, 53], ebenso in den ZVO erfolgt. Als Reaktion auf einen ischämischen Gehirnschaden kommt es zu einer vermehrten Ausbildung von neuen Kapillaren und Blutgefäßen. [81] Dieser Prozess ist maßgeblich für Neovaskularisierung, Regeneration und Neurogenese nach einem Gehirninfarkt. Dabei scheinen die neu entstandenen Blutgefäße als Leitstruktur für die Migration von neuronalen Vorläuferzellen zu fungieren. [21, 81] Auch in dieser Arbeit wurden Zellen, die Stammzellmarker exprimieren, vermehrt in unmittelbarer Nähe zu Blutgefäßen gefunden. (siehe unter 4.1.1.1 Anti Ki67, Patient 5 und Patient 21 sowie unter 4.1.3.1 Anti Ki67 Patient 17) Dieser Befund entspricht jenem, wie er bereits in der SVZ von Ratten festgestellt wurde. In der SVZ wurden NSZ in Nachbarschaft zu Blutgefäßen gefunden. Diese bilden eine vaskuläre Nische und erhalten somit die proliferative Aktivität von NSZ. [82, 83] Gleichwohl induziert ein Gehirninfarkt die endogene Neurogenese in der SVZ von adulten Nagetieren und führt zudem zu einer Migration der NSZ ins geschädigte Striatum. [84-86] Die Frage, ob Zellen aus ZVO möglicherweise zum Ort des Infarktgeschehens migrieren, um vor Ort den Zellverlust zu ersetzen, sollte durch weitere Studien, die Tiermodelle mit einschließen, geklärt werden. Dennoch erscheinen die ZVO durch ihre besonders gute Vaskularisierung und das Fehlen einer Blut-Hirnschranke geradezu ideal für Interaktionen zwischen Vorläuferzellen, Blutgefäßen und Signalen aus dem Körperkreislauf. Es gibt außer dem ischämischen Hirninfarkt viele weitere Situationen, in denen adulte Neurogenese der SVZ und SGZ beschrieben wurde. In autoptischem Hirngewebe von Patienten mit Gehirninfarkt, Hirnblutung oder Multipler Sklerose wurden evidente Hinweise für proliferative Reaktionen von neuronalen Zellen im Rahmen der endogenen Neurogenese gefunden. [87, 88] So haben mechanische Traumen oder Epileptische Krampfleiden einen steigernden Effekt auf adulte Neurogenese. [89] Der Effekt auf die Demenz vom Alzheimertyp scheint jedoch weiter ungeklärt. [4] Einige Studien beobachteten einen Abfall im Langzeit-Überleben von Mäusegehirnen, die an Alzheimer erkrankt waren [90], die meisten Forschungen zeigten jedoch eine deutliche Steigerung der Neurogenese in der SGZ. [91, 92] 77 Man vermutet, dass eine überschießende Neurogenese, wie sie auf einen pathologischen Reiz hin erfolgen kann, zu verschiedenen neurologischen Erkrankungen beitragen kann. Dazu gehören Epilepsie, Gliome, Depression und Demenzen. [93] Eine bislang nicht bewiesene Hypothese besagt, dass es sich bei der sogenannten reaktiven Gliose, der Narbenbildung, um eine Antwort auf Stammzellebene handelt. Die daran beteiligten Astrozyten gehören zu den Gliazellen und reagieren auf ischämische Veränderungen mit Zellhypertrophie und einer Hochregulierung von GFAP und Vimentin. [94, 95] Es gibt einige Thesen, die nahe legen, dass es sich bei reaktiven Astrozyten um Stammzellen handelt. Dafür spricht, dass beispielsweise im Hippocampus aus astrozytenartigen Zellen neue Neurone generiert werden. [25] Zudem exprimieren reaktive Astrozyten charakteristische Stammzellmarker wie Nestin oder Vimentin. [95] Es ist noch nicht vollständig geklärt, ob es sich bei den Vorläuferzellen tatsächlich um reaktive Astrozyten handelt. Reife Astrozyten sind normalerweise nicht teilungsfähig. Eine Forschungsarbeit [94] zeigte durch genetisches fate mapping, dass Astrozyten infolge einer zerebralen Verletzung aktiv proliferierten und reaktive Gliose induzierten. Diese erste fate-mapping Analyse von Astrozyten im zerebralen Kortex von adulten Mäusen zeigte, dass einige Astrozyten Stammzelleigenschaften erlangen und Reparationsprozesse nach Gehirnverletzung einleiten. [94] Zudem agieren proliferierende Astrozyten in bestimmten Hirnregionen als adulte neuronale Stammzellen. [24, 25] In Experimenten am Mausmodell [57] wurde durch Okklusion der mittleren Hirnarterie ein Gehirninfarkt induziert. Bei der Untersuchung des Infarktareals wurden zahlreiche reaktive Astrozyten nachgewiesen. Interessanterweise befanden sich diese an denselben Stellen wie Nestin- positive Zellen. Die Forscher beobachteten, dass Nestinpositive Zellen kontinuierlich durch reaktive Astrozyten ersetzt wurden.[96] Astrozyten besitzen Endfüße, die mit der Basalmembran von Blutgefäßen in Kontakt stehen. Dieser Kontakt fungiert als Sensor für eine Gehirnschädigung, indem er alle Programme zur reaktiven Gliose aktiviert.[97] 78 Nach ischämischem Gehirninfarkt erlangen oder reaktivieren Gliazellen, die sich außerhalb der bekannten Stammzellnischen befinden, im Rahmen einer reaktiven Gliose Stammzelleigenschaften und proliferieren. [95] Astrozyten besitzen das Potential, funktionelle Neurone zu generieren. Eine Arbeitsgruppe isolierte postnatale Astrozyten aus zerebralen Mauscortices. Durch Einschleusung von neurogenen Transkriptionsfaktoren (z. B. Neurog2) gelang die Konversion isolierter Astrozyten zu funktionellen Neuronen. [98] Neuerdings wurden erstmals neuroprotektive Effekte von Astrozyten im Rahmen von Zelltherapieversuchen nachgewiesen. Dabei wurde eine spezielle Subpopulation von Astrogliazellen (OLIG2- positive Vorläuferastrozyten) in ischämisches Hirngewebe eingebracht. Die eingebrachten Zellen zeigten neuroregeneratives Potential und könnten in zukünftigen therapeutischen Interventionen nach Hirnschädigung, von Nutzen sein. [99] Die bestehenden Forschungsergebnisse rechtfertigen die Annahme, dass es Stammzellen mit astrozytären Eigenschaften gibt, die Vorläuferpopulationen hervorbringen, die ihrerseits neue Neuronen produzieren. [93] Radiale Gliazellen stellen eine Subpopulation von Astrozyten dar. Während der Embryogenese nehmen radiale Gliazellen eine Schlüsselfunktion für die Migration von unreifen Neuronen ein. Im erwachsenen Gehirn kleiden radiale Gliazellen die Ventrikelwände aus und wurden als potentielle Stammzellen identifiziert. [95] Interessanterweise gleichen NSZ morphologisch gesehen den radialen Gliazellen oder Tanyzyten. [95] Tanyzyten sind charakteristische Zellen der ZVO. Dieser Befund spricht wiederum für das Vorkommen potentieller NSZ in ZVO. Das therapeutische Wissen zur Nutzung von Stammzellen als Grundlage zukünftiger neurologischer Therapien stammt zurzeit noch nahezu ausschließlich aus Tierversuchen. [100, 101] Im Sinne einer zukünftig gezielten und effizienten therapeutischen Anwendung von neuronalen Stammzellen, sollten weitere noch ausstehende Fragen in Bezug auf Funktion, Potential und Lokalisation geklärt werden. 79 5.3 Zusammenfassung Das Phänomen der adulten Neurogenese wurde in den letzten Jahrzehnten in der subventrikulären Zone des lateralen Ventrikels und in der subgranulären Zone des Gyrus dentatus nachgewiesen. im Hippocampus Aktuelle erforscht und Forschungsergebnisse mehrmals zeigen, dass reproduzierbar auch andere Hirnregionen das Potential besitzen, neue Neuronen zu generieren und als Reaktion auf pathologische Veränderungen, wie beispielsweise einen Gehirninfarkt, adulte Neurogenese induzieren können. Bereits 2009 wurden in den zirkumventrikulären Organen von adulten Nagetieren, Zellen mit Stammzelleigenschaften nachgewiesen. [31] Um die Übertragbarkeit dieser Forschungsergebnisse auf das menschliche Gehirn zu prüfen, wurden Area postrema, Eminentia mediana, Epiphyse und Neurohypophyse von insgesamt 32 Gehirnen entnommen und auf potentielle neuronale Stammzellen untersucht. Dabei entsprachen 16 Gehirne einem altersentsprechenden Normalbefund ohne pathologische Veränderungen, und 16 Gehirne zeigten einen akuten Gehirninfarkt. Mittels immunhistochemischer Einzel- und Doppelfärbungen konnten Zellen, die charakteristische Stammzellzellmarker wie GFAP, Nestin, Vimentin, OLIG2 und PSANCAM exprimierten, in humanen ZVO identifiziert werden. Zudem wurde in Infarktgehirnen ein bis zu fünffacher Anstieg von proliferierenden Zellen mittels Ki67 nachgewiesen. Dieser Vergleich zeigt, dass das menschliche Gehirn keineswegs ein rein statisches postmitotisches Gebilde darstellt, sondern möglicherweise auf pathologische Einflüsse durch Rekrutierung von Vorläuferzellen reagiert. Die Untersuchungen von humanen ZVO und der Vergleich von gesundem versus Infarktgewebe geben evidente Hinweise darauf, dass ZVO eine weitere Stammzellnische darstellen und somit einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung und Rekrutierung adulter neuronaler Stammzellen liefern. 80 6 Anhang Patient Geschlecht Alter Todesursache [Jahre] Patient 1 M 54,4 V.a. fulminante Gehirngewicht Neuropathologische [Gramm] Diagnose(n) 1140 Gehirn mit Lungenembolie mit altersentsprechendem konsekutivem Normalbefund. Multiorganversagen. Patient 2 M 77,1 Kardiale Dekompensation mit 1260 Lungenödem. Gehirn mit altersentsprechendem Normalbefund. Patient 3 M 77,7 Kardiogener Schock 1250 Gehirn mit altersentsprechendem Normalbefund. Patient 4 W 69,9 Septisches Kreislaufversagen 1220 Gehirn mit altersentsprechendem Normalbefund Patient 5 M 64,3 V.a. akutes Koronarsyndrom 1560 Gehirn mit altersentsprechendem Normalbefund. Patient 6 M 70,3 Unstillbare Blutung 1550 Gehirn mit altersentsprechendem Normalbefund Patient 7 M 77,3 Aspiration nach Erbrechen als 1270 Folge eines Ulcus ventriculi. Gehirn mit altersentsprechendem Normalbefund. Patient 8 M 56,4 Kardiales Pumpversagen. 1190 Gehirn mit altersentsprechendem Normalbefund. Patient 9 M 71 Keine Angabe. 1400 Gehirn mit altersentsprechendem Normalbefund. 81 Patient 10 Patient 11 Patient 12 M M M 73,2 70,8 55,7 Multiorganversagen bei 1320 Gehirn mit fortgeschrittenem altersentsprechendem Tumorleiden. Normalbefund. Tracheo-Ösophageale Fistel 1380 Gehirn mit als Folge von altersentsprechendem Ösophaguskarzinom. Normalbefund. V.a.Herzinfarkt oder 1290 Lungenembolie Gehirn mit makroskopisch altersentsprechendem Normalbefund. Patient 13 Patient 14 M W 69,8 73,8 Multiorganversagen als Folge 1380 Gehirn mit von respiratorischer altersentsprechendem Globalinsuffizienz. Normalbefund. Rechtsherzversagen. 1130 Gehirn mit altersentsprechendem Normalbefund. Patient 15 M 64,7 Sepsis bei V. a. Pneumonie. 1270 Gehirn mit altersentsprechendem Normalbefund. Patient 16 Patient 17 M W 61 77,1 Prolongiertes 1400 Gehirn mit Kreislaufversagen im altersentsprechendem septischen Schock. Normalbefund Basilaristhrombose 1250 unbekannter Ätiologie. Frische Infarkte (Stadium I) im Versorgungsgebiet beider Patient 18 M 79 Kardiales Pumpversagen. 1040 Frische Infarkte frontal und parietal rechts im sich überlappenden Versorgungsgebiet von A. cerebri anterior und A. cerebri media (Stadium II) Patient 19 M 55,7 Septischer Schock mit Multiorganversagen. 1600 Frischer Infarkt von 1,5 cm Größe (Stadium 1) rechts occipital, . 82 Patient 20 W 80,6 Multiorganversagen 1200 Gehirninfarkt (Stadium II, insulär links, 6 x 2 x 2 cm). Patient 21 M 92,7 Sepsis, Akutes Abdomen 1050 Mehrere Gehirninfarkte im Satdium 2 im Versorgungsgebiet der li A. cerebri media Patient 22 Patient 23 W W 58,9 73,5 Septisches Keine Angaben Gehirninfarkt (temporal Multiorganversagen in Folge rechts bis 4,5 x 2,5 x 2 von thyreotoxischer Krise. cm, Stadium III), V. a. 1190 Lungenarterienthrombembolie. Gehirninfarkt Stadium II im Bereich des occipitalen Pols rechts von ca. 0,7 cm Durchmesser. Patient 24 M 73,9 Respiratorische 1165 Dekompensation. Patient 25 M 75,7 Multiorganversagen. Lakunäre Infarkte in den Basalganglien beidseits. 1350 Multiple, frische Gehirninfarkte,frontal, Basalganglien, Hippocampus sowie okzipital beiderseits Patient 26 W 74,8 Pneumonie 1260 Multiple Infarkte Stadium III, rechts, frontal, Basalganglien, okzipital Patient 27 M 72,9 Hypoxischer Hirnschaden 1460 Zwei kleine, frische nach Asystolie bei dilatativer Infarkte (Stadium I) von je Kardiomyopathie. 0,2 cm Durchmesser im Stromgebiet der Arteria cerebri anterior. Patient 28 M 41,6 Maligner Mediainfarkt. 1570 Frischer Gehirninfarkt beidseits in den Stromgebieten der Arteriae cerebri mediae und Zeichen des Hirndrucks 83 Patient 29 M 75,9 Rezividierter Myokardinfarkt 1380 Gehirninfarkt Stadium II, Basalgangilen links, Status lacunaris Patient 30 M 60 Hirneinklemmung 1680 mehrere Infarkte, Hirnschwellung Patient 31 W 80 Hirnödem 1260 Mediainfarkt links Patient 32 M 60 Multiorganversagen. 1250 Multiple frische Infarkte (im Ammonshorn rechts, Kleinhirn rechts, im Bereich des Nucleus dentatus, im temporalen Cortex rechts, im occipitalen Cortex links und im okzipitalen Cortex rechts). 84 7 Literaturverzeichnis 1. Altman, J. and Das, G.D., Autoradiographic and histological evidence of postnatal hippocampal neurogenesis in rats. The Journal of Comparative Neurology, 1965. 124(3): p. 319-335. 2. Bedard, A. and A. Parent, Evidence of newly generated neurons in the human olfactory bulb. Brain Res Dev Brain Res, 2004. 151(1-2): p. 159-68. 3. 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Ein besonderer Dank gilt meiner Familie, insbesondere meiner Schwester Dagmar und meiner Romy. Danke, dass ihr immer für mich da seid. 91 92 93