Verhaltenstherapie verringert Komorbidität

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W I S S E N S C H A F T
peutisch besser, Verleugnung, Vermeidung und auch bewusstes Verschweigen
als einen, manchmal unvermeidlichen
Aspekt der Suizidalität des Patienten anzuerkennen, als sich selbst oder den Patienten dafür zu verurteilen.
Wenn die Beziehung zum Arzt zwar
konfliktreich, vielleicht anstrengend und
verärgernd ist, man aber in dieser Weise
miteinander in Kontakt bleibt, ist die
Suizidalität meist als weniger akut einzuschätzen, als wenn der Kontakt flüchtig,
unzuverlässig und von wenig Emotionen
auf beiden Seiten getragen ist. Allerdings ist bei emotional stürmischeren
Kontakten darauf zu achten, ob man selber Kränkungen setzt, die zu einem abrupten Abbruch des Kontakts mit erneutem Ansteigen der Suizidalität führen
können.
Ärztliche Handlungsoptionen
bei Suizidalität
Ärztliches Handeln bei Suizidalität ist
stark bestimmt durch seine Rahmenbedingungen. Findet der Kontakt zum Patienten im Krankenhaus nach einem Suizidversuch, in der psychiatrischen Abteilung bei chronischer Suizidalität, in der
niedergelassenen hausärztlichen oder
nervenärztlichen Praxis oder im Rahmen einer psychotherapeutischen Behandlung statt, so stehen unterschiedliche Handlungsoptionen zur Verfügung.
Grundsätzlich sollte versucht werden, in
einem ruhigen, vertrauenswürdigen Gesprächsangebot die aktuelle Lage zu
klären und die diagnostische Einschätzung zu gewinnen. Eine tragfähige therapeutische Beziehung kann durchaus Ärger und lebhafte Auseinandersetzungen
beinhalten; wichtig ist dabei, ob bei allen
emotionalen Stürmen auch beim Arzt
ein Gefühl einer Verbindung entsteht,
die nicht abbricht, wenn man sich nicht
mehr sieht. Die Handlungsoptionen sind
dann stark abhängig von den Möglichkeiten und Grenzen des Behandlers: In
der niedergelassenen Praxis sollte man
sich (zuvor) im Klaren darüber sein, mit
wie viel Zeit und Engagement man sich
dem Patienten zur Verfügung stellen
kann, wie weit die eigenen Kenntnisse,
zeitlichen Möglichkeiten, aber auch psychischen Ressourcen gehen. Dabei ist es
besser, die Grenzen so zu stecken, dass
 PP
 Heft 5
 Mai 2003
Deutsches Ärzteblatt
man nicht unter Druck gerät und dem
Patienten frühzeitig klar zu vermitteln,
wofür man zur Verfügung steht und was
man nicht leisten kann. Besteht kein
akuter Handlungsdruck (das heißt der
Arzt bekommt die Vorstellung, dass der
Patient wieder kommen wird), so sollte
in dem Fall, dass man den Patienten
nicht selbst behandeln will, eine Überweisung in psychiatrische oder psychotherapeutische Richtung erfolgen. Mit
Zustimmung des Patienten sollte der
weiterbehandelnde Arzt oder Therapeut
direkt informiert werden. Der Patient
sollte dabei, soweit möglich, aufgefordert werden, unabhängig von dem ärztlichen Austausch den Kontakt zum Facharzt oder Psychotherapeuten direkt aufzunehmen. Wenn gerade aufgrund der
Beziehungsgestaltung der Patient-ArztBeziehung durch den Patienten der Eindruck entsteht, dass kein tragfähiger
Kontakt über einen Zeitraum von einigen Tagen möglich ist, sollte die stationäre Behandlung angesprochen werden.
Besteht massive Ablehnung einer Klinikbehandlung bei gleichzeitigem hohen
suizidalen Druck und Unsicherheit in
der Beziehung zum Patienten, kann eine
Zwangsunterbringung (zum Beispiel
durch Fahndung und Zuführung zu einer
psychiatrischen Klinik) indiziert sein.
Bei Unsicherheiten ist es besonders günstig, sich den Rat eines Fachkollegen
einzuholen. Ein zweiter Blick auf eine
schwierige Situation schafft häufig Klarheit über das weitere Vorgehen.
Manuskript eingereicht: 20. 1. 2003, angenommen:
17. 2. 2003
❚ Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 1004–1007 [Heft 15]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das beim Verfasser erhältlich oder im Internet
unter www.aerzteblatt.de/pp/lit1503 abrufbar ist.
Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Reinhard Lindner
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Therapiezentrum für Suizidgefährdete
Martinistraße 52
20246 Hamburg
E-Mail: [email protected]
Weitere Informationen im Internet:
www.uke.uni-hamburg.de/tzs
www.suizidprophylaxe.de
www.neuhland.de
www.suizidpraevention-deutschland.de
www.forlife.de
PP
Referiert
Panikstörungen
Verhaltenstherapie
verringert
Komorbidität
Z
wischen 51 und 83 Prozent der Patienten mit einer Panikstörung leiden
noch unter mindestens einer weiteren
psychischen Störung. Zu den häufigsten
Begleiterkrankungen gehören Angststörungen, Soziale Phobien, Süchte und
Stimmungsprobleme. Eine US-amerikanische Studie zeigt jetzt, dass durch Verhaltenstherapie nicht nur die Primärerkrankungen, sondern auch diese komorbiden Störungen beeinflusst werden können. Die Autoren behandelten 51 Patienten mit Panikstörung/Agoraphobie und
zusätzlichen Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen und Phobien
durch verhaltenstherapeutische Verfahren. Die Patienten erlernten spezielle
Atemtechniken und wurden angeleitet,
sich in panikauslösende Situationen zu
begeben. Die Behandlung ist bisher erfolgreich: Die Anzahl und der Schweregrad der Panikanfälle gingen deutlich
zurück. Gleichzeitig ließen auch die Begleiterkrankungen nach, obwohl diese
nicht gezielt therapiert worden waren.
Die Forscher vermuten, dass die Patienten die Fertigkeiten, die sie in der Verhaltenstherapie erlernt haben, generalisieren. Sie setzen sie nicht nur im Umgang mit der Primärstörung, sondern
auch bei anderen Problemen ein. Darüber hinaus vermuten die Forscher eine
Wechselwirkung zwischen den psychischen Störungen.Wird eine Störung vermindert, beeinflusst dies auch die Begleitstörungen in die gewünschte Richtung. „Statt mehrere Störungen gleichzeitig zu behandeln, sollten sich Therapeuten nur auf eine Störung konzentrieren“, meinen die Wissenschaftler. Denn
die gezielte Therapie einer Störung verms
ringert zugleich die Komorbidität.
Tsao JCI, Mystkowski JL, Zucker BG, Craske MG: Effects of
Cognitive-Behavioral Therapy for Panic Disorder on Comorbid Conditions. Behavior Therapy 2002: 33: 493–509.
Tsao JCI, NIHM Center of the Study of Emotion and Attention, University of Florida, Box 100165 HSC, Gainesville, FL 32610, [email protected]
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