Wolters, Johannes Peter: "Betroffenen"

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Aus der Praxis | Schwerpunkt
Johannes Peter Wolters
„Betroffenen“-Selbsthilfe … „Patienten“-Selbsthilfe
Seit nunmehr zehn Jahren ist die beratende Beteiligung von Organisationen der Selbsthilfe – wie der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V. und anderen – an
Entscheidungsgremien des Gesundheitswesens auf Bundes- und Länder­
ebene vom Gesetzgeber ausdrücklich vorgesehen. Dies gilt als sinnvolles Instrument der Verbesserung des
Gesundheitswesens.
In diesem Zusammenhang ist in den
vergangenen Jahren aus meiner Sicht
zu beobachten, dass der Begriff der
Selbsthilfe in der Öffentlichkeit näher an den des Patienten gerückt ist.
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NAKOS | NAKOS INFO 111 | Dezember 2014
Dies kann auch in dem Logo „Patient
und Selbsthilfe“ zum Ausdruck kommen, mit dem die aktuell erschienene NAKOS-Broschüre „Grundlagen der Patientenbeteiligung“ versehen ist.
Diese Form der Kommunikation zur
Vertretung der Patienteninteressen im
Gesundheitswesen könnte mittelfristig eine Veränderung der öffentlichen
Wahrnehmung der Selbsthilfe mit sich
führen. Daher möchte ich mich, in Abgrenzung zum Begriff des „Patienten“,
für die weitere, vorrangige Verwendung des in der Selbsthilfe bewährten und weiter gefassten Begriffs des
„Betroffenen“ einsetzen.
Aus der Praxis | Schwerpunkt
Laut Duden ist ein Patient eine „von
einem Arzt, einer Ärztin oder einem
Angehörigen anderer Heilberufe behandelte oder betreute Person (aus
der Sicht dessen, der sie [ärztlich] behandelt oder betreut oder dessen, der
diese Perspektive einnimmt) …“.
Die Rolle des Patienten ist also nicht
unabhängig denkbar, sondern beschreibt eine definierte Position und
Funktion innerhalb des Gesundheitssystems und wird zum Beispiel Ärztinnen und Ärzten sowie Dienstleistern
wie Krankenhäusern und Krankenkassen gegenübergestellt.
Die gesundheitsbezogene Selbsthilfe
ist wesentlich dadurch gekennzeichnet, dass sich Menschen, die von einem bestimmten gesundheitlichen
Problem betroffen sind, zusammentun, um ihre Herausforderungen gemeinsam anzugehen und sich darin
gegenseitig zu unterstützen – generell unabhängig von ihrer Rolle als Patientin oder Patient.
Der „GKV-Leitfaden zur Selbsthilfeförderung“ bezieht sich inhaltlich auf
den Teilbereich der Selbsthilfe, der
die Bewältigung einer chronischen
Erkrankung oder einer Behinderung
zum Anliegen hat. Die hieran beteiligten Menschen werden durchgehend
als „Betroffene“ und nicht als „Patienten“ bezeichnet.
Der Begriff „Betroffener“ beschreibt
einen Menschen in seiner persönlichen, individuellen Beziehung
und Auseinandersetzung mit einer
(hier gesundheitlichen) Herausforderung. Betroffensein von einer Erkrankung, Behinderung oder einer
Lebenssituation ist daher nicht gleichzusetzen mit einem Patientenstatus.
Die persönliche Auseinandersetzung
kann deutlich größere Bereiche miteinbeziehen als die Angebote und
Leistungen, die von einem Gesundheitssystem erbracht werden können.
Der Begriff „Betroffener“ ist in meinen Augen ganzheitlich, in jedem
Falle ganzheitlicher als der des „Patienten“. Er bezieht sich unmittelbar
auf den Menschen und ist unabhängig von einer Einbeziehung in das Gesundheitssystem. Die von vielen Seiten ausdrücklich gewünschte und
geradezu geforderte „Autonomie der
Selbsthilfe“ ist nicht nur eine materielle, sondern auch eine ideelle. Diesem Aspekt entspricht meiner Ansicht nach der Begriff des „Betroffenen“ gut.
Je nach Kontext und Thema hat die
Verwendung der Begriffe „Patient“
und „Betroffener“ selbstverständlich
ihre uneingeschränkte Berechtigung.
Dennoch könnte es durch eine häufige und starke Assoziation der Begriffe „Selbsthilfe“ und „Patient“ in
der Außendarstellung zu einer, wenn
auch nicht beabsichtigten, Veränderung der öffentlichen Wahrnehmung
der Selbsthilfe kommen: von einer Betroffenen-Selbsthilfe zu einer weitergehenden Einengung auf eine Patienten-Selbsthilfe. Wenn aber Selbsthilfekontaktstellen von der Bevölkerung
in Zukunft als Patientenberatungsstellen und Selbsthilfegruppen als Patientenzusammenschlüsse auf regionaler
Ebene angesehen werden, würde ich
dies grundsätzlich als einen Verlust
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Aus der Praxis | Schwerpunkt
der Vielseitigkeit des Selbsthilfeansatzes dem Menschen gegenüber
ansehen.
Daher plädiere ich in Bezug auf Selbsthilfe für eine abgewogene Verwendung
des Begriffes „Patient“ und weiterhin
für die vorzugsweise Propagierung einer Betroffenen-Selbsthilfe. |
Johannes Peter Wolters
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NAKOS | NAKOS INFO 111 | Dezember 2014
Bundesverband der Selbsthilfe Soziale
Phobie (VSSP) e.V.
Geschäftsstelle
Pyrmonter Straße 21, 37671 Höxter
Tel: 052 71 / 699 90 56
E-Mail: info@vssp.de
Internet: http://www.vssp.de
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