Sammelrez: Die Französische Revolution - H-Net

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Wolfgang Kruse. Die Französische Revolution: Programmatische Texte von Robespierre bis de
Sade. Wien: Promedia Verlag, 2012. 176 S. ISBN 978-3-85371-341-9.
Susanne Lachenicht. Die Französische Revolution. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2012. 134 S. ISBN 978-3-534-15162-2; ISBN 978-3-534-72910-4; ISBN 978-3-534-729111.
Reviewed by Christina Schröer
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2014)
Sammelrez: Die Französische Revolution
Axel Kuhn, Die Französische Revolution, 6. Aufl. Stuttgart 2013.
Die Französische Revolution gehört in Deutschland
zu den Standardthemen der schulischen ebenso wie der
universitären Lehre. Umso überraschender ist es, dass
aktuelle Literatur ebenso wie angemessen präsentierte
Quellensammlungen zum Thema nach wie vor Mangelware sind. Wer eine ausführliche Einführung in deutscher Sprache sucht, greift nicht selten auf Übersetzungen der französischen Klassiker aus den 60er-Jahren zurück, die jedoch teilweise ideologisch gefärbt sind und
meist ohne wissenschaftlichen Anmerkungsapparat daherkommen. Vgl. Albert Soboul, Die Große Französische Revolution. Ein Abriß ihrer Geschichte (1789–1799),
Frankfurt am Main 1983 (frz. Original Paris 1962). Noch
häufiger verwendet: François Furet / Denis Richet, Die
Französische Revolution, Frankfurt am Main 1987 (frz.
Original in 2 Bde. Paris 1965/66). Alternativ boten lange Zeit nur wenige deutsche Historiker eine problemorientierte Einführung in die Revolutionsgeschichte an Vgl.
z.B. Ernst Schulin, Die Französische Revolution, 4., überarb. Aufl., München 2004. ; leider werden inzwischen ausgerechnet besonders gelungene Darstellungen, wie z.B.
Rolf Reichardts Blut der Freiheit“, nicht mehr neu auf”
gelegt. Rolf Reichardt, Das Blut der Freiheit. Französische
Revolution und demokratische Kultur, 3. Aufl., Frankfurt
am Main 2002. Quellensammlungen präsentieren allzu
oft sehr knappe Textauszüge, die eher einen ersten Gesamtüberblick verschaffen als fundierte Auseinandersetzung mit einzelnen Themenbereichen ermöglichen. Z.B.
Solchen Problemen versuchen Wissenschaftsverlage und Universitäten bereits seit einigen Jahren mit
neuen Formaten und Publikationsformen entgegenzuwirken. Vgl. u.a. Hans-Ulrich Thamer, Die Französische Revolution, München 2004 (Beck‘sche Reihe); Wolfgang Kruse, Die Französische Revolution,
Paderborn u.a. 2005 (UTB 2639); im Netz Angebote wie: <http://www.historicum.net/themen/
franzoesische-revolution/> (29.10.2014). Die Bände von Susanne Lachenicht und Wolfgang Kruse zählen
zu solchen Neuansätzen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Beide sind geeignete Hilfsmittel für die Vorbereitung und Durchführung von Lehrveranstaltungen – mit
unterschiedlichen Vorzügen und Problemen.
Entsprechend dem Reihenformat Geschichte kom”
pakt“ gestaltet Lachenicht ihre Einführung als Kombination aus Texten, Datenlisten, Merkkästen und Quellenauszügen; die lineare Gliederung wird ergänzt durch
weitere Untertitel am linken bzw. rechten Seitenrand. Im
Anschluss an eine ausführliche Einführung in die Forschungsgeschichte (I.) bietet der größte Teil des Buches
einen chronologischen Überblick über die Französische
Revolution als Ereignis, von ihrer Vorgeschichte und ihren Ursachen (II.) über die verschiedenen revolutionären
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Schübe zwischen 1789 und 1799 (III.) bis hin zu ihrem
Ausklang in der napoleonischen Zeit (IV.). Nach einem
Zwischenfazit (V.) würdigt darüber hinaus ein Kapitel die
Auswirkungen und Kontinuitäten der Französischen Revolution für Europa sowie die Atlantische Welt (VI.). Als
besonders innovativ hervorzuheben sind an diesem Zugriff die ausführliche Abhandlung auch der späten Revolutionszeit (Thermidor und Direktorium), die Ausweitung der Chronologie bis 1815 sowie die Ausweitung
des geographischen Raumes vom Heiligen Römischen
Reich deutscher Nation, der Batavischen Republik und
der Schweiz über Italien und die britischen Inseln bis
nach Haiti und Spanisch-Amerika“ (S. 114ff.). Auf den
”
insgesamt 134 Seiten verstecken sich sehr viel mehr Inhalte als es der Buchtitel vermuten lässt.
Paris“ bzw. auf S. 65 von einer weiteren eigentlichen Re”
gierung“ die Rede – ohne dass klar wird, wer damit gemeint ist). Auch bestimmte Schwerpunktsetzungen sind
diskussionswürdig, wenn etwa im Kapitel zur Radika”
lisierung“ zwar wichtige Ursachen derselben angeführt
werden (u.a. die Flucht des Königs, Spaltung der Patrioten, Bedrohung von außen), der Radikalisierungsprozess selbst sowie dessen Trägerschichten hingegen durch
unpersönliche Formulierungen weitgehend im Dunkeln
bleiben ( Die Situation […] radikalisierte sich“, S. 51, In
”
”
Paris formierte sich […] der Widerstand“ sowie Bereits
”
Ende 1791 hatte es eine Radikalisierung der Stadtverwaltung gegeben“, S. 54). Anstatt hier Biografien nicht
radikaler Kräfte vorzustellen, wären zum Textverständnis eher Hintergrundinformationen zur Pariser Volksbewegung, zu den Sansculotten sowie zum Jakobinerklub
wünschenswert gewesen.
In einer klaren Sprache stellt die Lehrstuhlinhaberin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität
Bayreuth sowohl im Hinblick auf die Ereignis- als auch
auf die Verflechtungs- und Wirkungsgeschichte große
Expertise unter Beweis. Dennoch kann das Buch nur mit
Einschränkungen für die Verwendung in der universitären Lehre empfohlen werden. Der knappe Gesamtumfang erlaubt es der Autorin nicht, allen Themen in ausreichender Form gerecht zu werden: Viele Informationen werden nur aufgelistet (sowohl in den Zeitleisten als
auch im Text), nicht aber erklärt. Das Reihenformat bereitet die Inhalte zwar in einem ansprechenden Layout
und in übersichtlichen Informationseinheiten auf. Angesichts der zu verarbeitenden Ereignisfülle sind allerdings die Unterbrechungen des Leseflusses durch eingeschobene Biografien, Merkkästen und Quellenzitate häufig eher störend als hilfreich; es fällt Lachenicht schwer,
der Darstellung einen roten Faden zu verleihen. Und ohne wissenschaftlichen Anmerkungsapparat ist es dem Leser nicht möglich, sein Wissen gezielt an anderer Stelle zu
vertiefen. Dies bedeutet zwangsläufig, dass das Buch als
alleinige Grundlage zur Prüfungsvorbereitung ungeeignet ist. Allzu knappe Zusammenfassungen suggerieren
Zusammenhänge und Intentionalitäten, die so nicht gegeben waren, wenn z.B. Robespierre und Marat in einem
Atemzug als spätere […] Führer […] der sogenannten Ja”
kobinerdiktatur“ genannt werden, oder fälschlicherweise von einer Ausrufung“ der Republik (S. 46, 57 und 65)
”
bzw. der Grande Terreur (S. 65) die Rede ist. Einschränkende Formulierungen wie sogenannt‘ oder eigentlich‘
’
’
bedürften gerade für Studienanfänger einer ausführlicheren Erklärung (z.B. wird der Wohlfahrtsausschuss auf
S. 62 korrekterweise für das Jahr 1793 als eigentliche
”
Exekutive des revolutionären Frankreichs“ bezeichnet;
parallel ist jedoch auf S.61 noch von einer Regierung in
”
Lachenicht bezieht verdienstvollerweise auch in den
ereignisgeschichtlichen Kapiteln an verschiedenen Stellen Forschungsmeinungen mit in die Darstellung ein, wie
z.B. die Kontroverse um die Entgleisung‘ der Revolu’
tion nach 1791 (S. 46). An anderen Stellen, wie im Kapitel zur Terreur, vermisst man Hinweise auf nach wie
vor andauernde Kontroversen, die notwendig wären, um
die dargestellten Sachverhalte als Positionierung in einer
Forschungsdebatte zu verstehen. Hier trotz des knappen
Umfangs vorbildlich: Thamer, Die Französische Revolution. Auch in den prinzipiell sehr begrüßenswerten Kapiteln zur späten Revolution sowie zur napoleonischen
Zeit werden Ergebnisse der neueren Forschung nicht berücksichtigt. Vgl. u.a. La République directoriale. Actes
du colloque de Clermont-Ferrand, 22–24 mai 1997, Textes réunis par Philippe Bourdin et Bernard Gainot, 2 Bde.,
Clermont-Ferrand 1998 (Bibliothèque d’histoire révolutionnaire: Nouvelle série. 3), sowie weitere Publikationen des dort versammelten Autorenkreises. Angesichts
der nach dem Sturz Robespierres aufbrechenden erbitterten Machtkämpfe zwischen nach wie vor einflussreichen Jakobinern, Neo-Hébertisten und gemäßigten Republikanern, ist es unverständlich, warum das Pendel
”
der Revolution“ in dieser Zeit von extrem links nach
”
extrem rechts“ (S. 70) umgeschlagen sein sollte; ebenso
wenig sollte der rechte“ Flügel der parlamentarischen
”
Räte in der Direktorialzeit mit dem Lager der Royalisten gleichgesetzt werden (vgl. S. 78). Die Ambivalenz der
napoleonischen Zeit, die zwischen Bewahrung und Verrat revolutionärer Errungenschaften schwankte, kommt
infolge der gewählten Gliederung in Innen- und Außenpolitik nicht ausreichend zur Geltung. Und zuletzt
wäre es angesichts der grundsätzlich positiven Würdi-
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gung der Ergebnisse einer Kulturgeschichte des Politischen wünschenswert gewesen, zentrale Konzepte dieses Forschungsansatzes zu definieren, um missverständliche Aussagen ( [Es] entstand eine neue politische Kul”
tur, durch die Verbindung von Presseboom und politischen Klubs.“, S. 34) weiter zu ergänzen und einen einheitlicheren Begriffsgebrauch (vor allem politische Kul”
tur“ und Kulturrevolution“) zu gewährleisten.
”
Die eingangs von Lachenicht formulierte übergreifende Leitfrage ( Aber war die Französische Revolution
”
wirklich ein Epochenumbruch? “, S. 2) wird erst im Zwischenfazit wieder aufgenommen – und verneint: Vie”
le zwischen 1789 und 1799 angestoßene, in der politischen Praxis getestete Veränderungen brauchten ein
ganzes Jahrhundert, bis sie sich wirklich durchsetzten,
bis Frankreich dort ankam, was wir heute als Moderne bezeichnen“ (S. 91). Im Fazit distanziert sich Lachenicht dann grundsätzlich von den Unterscheidungskategorien modern/nicht modern“. Um die Rolle der Revo”
lution als Katalysator politischer und gesellschaftlicher
Veränderungsprozesse besser zu verstehen, gelte es eher
allgemein nach Kontinuität und Wandel“ bzw. Ursa”
”
chen und Auswirkungen“ (S. 122) zu fragen – eine sinnvolle Anregung, die jedoch in dem vorgelegten Band nur
teilweise umgesetzt wird. Auch im zweiten Teil der Darstellung wird zumindest indirekt nach modernen‘ Errun’
genschaften und Werten gefragt, wenn für Europa und
den atlantischen Raum Freiheit und Demokratie“ als
”
wesentliche (wenn auch nicht alleinige) Motive, die zu
”
Unabhängigkeitsbewegungen, Bürgerkriegen und letztendlich zu staatlicher Unabhängigkeit“ (S. 97) führten,
ausgemacht werden. Diese Motive“ sind anschließend
”
Leitlinien der Darstellung zu den verschiedenen europäischen und atlantischen Freiheitsbewegungen, mehr
noch als die ebenfalls angesprochenen Fragestellungen
der Kulturtransferforschung oder des Konzepts der ent”
angled histories“. Erst im Fazit werden die verschiedenen
Argumentationsstränge zusammengeführt und abschließend das Ineinander-verwoben-Sein“ (S. 121) der unter”
schiedlichen Revolutionen explizit mit einigen Beispielen
veranschaulicht.
ausgeber im Vorwort wünschen (S. VII). Für eine fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Inhalten bietet Lachenicht darüber hinaus in den thematisch
geordneten Literaturhinweisen hilfreiche Anregungen.
Wolfgang Kruse legt mit seinen Programmati”
sche[n] Texte[n] von Robespierre bis de Sade“ seit langer Zeit die erste mit einer wissenschaftlichen Einleitung versehene Quellensammlung zur Französischen Revolution vor. Ähnlich wie in seiner 2005 veröffentlichten
Überblicksdarstellung (UTB 2639) entscheidet er sich für
einen konsequent systematischen Zugriff: Es geht nicht
darum, die Programmatik einzelner Phasen der Revolution herauszuarbeiten und zu vergleichen, sondern auch
hier um das – besonders in Deutschland nach wie vor aktuelle – Forschungsinteresse Aufbruch in die Moderne‘.
’
Der Band ist ein großer Gewinn für die Vorbereitung und Durchführung von Lehrveranstaltungen. Leider wurden nicht alle Texte in ihrer Gesamtlänge aufgenommen, doch stellt die getroffene Auswahl gerade
für Studierende mit mangelnden Fremdsprachenkenntnissen eine ausreichende Grundlage zur Anfertigung von
Seminararbeiten dar. Das Vorwort liefert auf knappem
Raum wichtige Hintergrundinformationen, die freilich
durch weitere Recherchen, vor allem zu den Biografien
der Verfasser sowie zur Ereignisgeschichte der Revolution, vertieft werden müssen. Hier wären kapitelbezogene
ausführlichere Einleitungen, z.B. in Form von kurzen Essays mit Anmerkungsapparat, hilfreich gewesen.
Was die Auswahl der Autoren anbelangt, trifft man
viele alte Bekannte: Revolutionäre wie Sieyès, Robespierre, Condorcet, Marat, Babeuf oder auch de Gouges
finden sich zumindest auszugsweise auch in anderen
Quellensammlungen. Kruse präsentiert jedoch auch weniger bekannter Texte dieser Klassiker‘ und ergänzt ih’
ren Kreis durch weniger bekannte Autoren. Seine Leistung als Herausgeber liegt in der Zusammenstellung,
Gliederung und Betitelung der Textauszüge, die bestimmte Interpretationsrichtungen vorgeben, ohne jedoch den Text zwangsläufig darauf zu reduzieren. Sein
Ansatz ist vor allem vergleichend: Zu verschiedenen TheTrotz der genannten Kritikpunkte ist die Gesamtleis- menbereichen werden Autoren aus unterschiedlichen
tung der Autorin beeindruckend. Lachenicht bewältigt Phasen der Revolution bzw. verschiedenen politischen
eine imponierende Menge an Stoff. Besonders im zwei- Lagern nebeneinandergestellt. Marat beispielweise wird
mit Texten aus den Jahren 1789 und 1791 in die Sammten Teil des Buches gelingt ihr im Unterschied zu andelung aufgenommen. Im Kapitel I ( Aufstand und Revoren Überblicksdarstellungen ein wirklicher Perspektiv”
wechsel. Der Band ist somit zu empfehlen für eine erste lution“) wird einer seiner Artikel aus der Frühphase der
”
Begegnung mit dem Thema“, als erste Arbeitsgrundlage Revolution abgedruckt, in dem seine Rechtfertigung des
”
für Lehrende und Studierende“ oder anregende Lektüre Oktoberaufstandes von 1789 zu einer programmatischen
”
für historisch Interessierte“, ganz wie es die Reihenher- Rechtfertigung des Aufstands schlechthin gerät. Sieyès
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erscheint in Kapitel II ( Verfassung und Demokratie“) als
”
Gewährsmann für die Verfassungsidee der Revolutionäre
der ersten Stunde (S. 41ff.); anschließend spiegeln Robespierres Plädoyer für das allgemeine Wahlrecht und Condorcets Überlegungen zur Begründung einer Republik die
Aufspaltung der Partei der Patrioten und die programmatische Weiterentwicklung der Revolution. Vor allem
in Kapitel III ( Emanzipation entrechteter Bevölkerungs”
teile“) und IV ( Emanzipation der Gesellschaft“) findet
”
man bekannte Autoren; die Texte wurden jedoch so ausgewählt, dass sie besonders unterschiedliche Aspekte
der neuen politischen Kultur, wie Pressefreiheit, Klubs
oder Volksbildung dokumentieren. Sehr begrüßenswert
ist hier auch die Übersetzung von Boissy d’Anglas Plädoyer Für die Trennung von Staat und Kirche“ (S. 112ff.);
”
diese Thematik hätte unter der gewählten Leitfrage gegebenenfalls auch ein eigenes Kapitel verdient. In Kapitel IV ( Sozialreformen und Sozialismus“) zeigen Texte
”
wie der von de Cournand, dass sozialreformerische Programme schon seit der Frühphase der Revolution kursierten und – von so unterschiedlichen Autoren wie Thomas Paine und Sylvain Maréchal – bis in die Zeit des
Direktoriums weiter neue Ideen entwickelt wurden. Innovativ ist die Integration eines Kapitels über VI. De”
mokratisierung des Militärs, Antimilitarismus und Völkerrecht“, ein Spezialgebiet Kruses. Wolfgang Kruse, Die
Erfindung des modernen Militarismus. Krieg, Militär und
bürgerliche Gesellschaft im politischen Diskurs der Französischen Revolution 1789–1799, München 2003. Problematisch erscheint die Metaphernwahl im Titel des letzten Abschnitts VII. Programmatische Abgründe“ – die
”
Textauswahl ist jedoch interessant und bietet mit Autoren von Babeuf bis de Sade in jedem Fall genügend Stoff
für Diskussionen. Der Auszug aus Robespierres Parlamentsrede vom Februar 1794 (unter dem Titel Tugend
”
und Terror“) ermöglicht kapitelübergreifend auch einen
vergleichenden Blick auf die programmatische Entwicklung des Autors.
mittelbar vor Augen geführt. Dennoch seien auch hier einige kritische Bemerkungen gestattet: Die Bezeichnung
der Textauswahl als programmatisch“ ist diskussions”
würdig, zumal die Autoren ihre Stimme in sehr unterschiedlichen Kontexten erhoben (u.a. Presse und Verlagswesen, Parlament oder politische Klubs, aber auch
Memoiren oder Manifeste von Untergrundorganisationen). Die getroffene Auswahl bedeutet in jedem Kapitel auch eine Vorinterpretation des Herausgebers, der das
Programm“ der Revolution erneut weitgehend auf The”
menkomplexe der klassischen Modernisierungstheorie,
Partizipation, Emanzipation und Sozialreformen hin zuschneidet. Da – wie ja auch Lachenicht formuliert – inzwischen in der Forschung weitgehend Konsens besteht,
dass die Französische Revolution vor allem eine Revolution der politischen Kultur bedeutete und eine katalysierende Wirkung auf bereits andauernde Wandlungsprozesse hatte, erscheinen weitere Quellensammlungen
wünschenswert, die sowohl politisch als auch programmatisch ein noch differenzierteres bzw. breiteres Spektrum abdecken. Auch Online-Formate oder BibliotheksDatenbanken bieten hier bislang noch keinen ausreichenden Ersatz, schon gar nicht in deutscher Übersetzung. Der Aufbruch in die Moderne“ vollzog sich außer”
dem stets auch im Wechselspiel zwischen Revolution und
Gegenrevolution, Aktion und Reaktion. Vgl. u.a. JeanClément Martin, Contre-Révolution, Révolution et Nation en France 1789–1799, Paris 1998. Gerade die späten
1790er-Jahre, die hier nur mit wenigen Texten vertreten
sind, böten sich für Neuinterpretationen an. Die Schöpfer
der Verfassung des Jahres III bemühten sich um eine besonders konsequente Anwendung der Gewaltenteilung;
das Direktorium verdichtete auch nach 1795 noch jakobinische Ideen zu neuen Programmen; ehemalige Monarchisten wie u.a. Benjamin Constant entwickelten bereits
1796 wesentliche Grundlagen eines realpolitisch ausgerichteten, liberalen Kurses; und auch das gegenrevolutionäre Programm“ nahm erstmals klarere ideologische
”
Gestalt an. Die Revolution mag ein Standardthema der
Geschichtswissenschaft sein. Für Forschende und Lernende hält sie nach wie vor eine Fülle von neuen Fragen
und weiter zu bearbeitenden Themenkomplexen bereit.
Kruse bedient ein breites programmatisches Spektrum. Durch die Zusammenstellung von Stimmen aus
dem gemäßigten bis zum radikalen Lager wird dem Leser
die Dynamik und Vielschichtigkeit der Revolution un-
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http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/
Citation: Christina Schröer. Review of Kruse, Wolfgang, Die Französische Revolution: Programmatische Texte von Robespierre bis de Sade and Lachenicht, Susanne, Die Französische Revolution. H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews. November,
2014.
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