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Die Prinzipien des deutschen Wirtschaftswunders von der
Finanzmarktkrise bis zur Staatsschuldenkrise: Aus der Sicht von Walter
Eucken, dem Wegbereiter des Wirtschaftswunders
Bearbeitet von
Grischa Klawe
1. Auflage 2015. Taschenbuch. 80 S. Paperback
ISBN 978 3 95934 675 7
Format (B x L): 15,5 x 22 cm
Wirtschaft > Wirtschaftspolitik, Öffentliche Wirtschaftsbereiche > Wirtschaftspolitik
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Leseprobe
Textprobe
4.1.1 Primat der Währungspoliti
Eucken unterscheidet in seinen wirtschaftspolitischen Prinzipien zwischen den konstituierenden
und den regulierenden Prinzipien. Die konstituierenden Prinzipien bilden den notwendigen
Rahmen, welchen Eucken mit dem Wissen über die Statik eines Baumeisters beim Bau eines
Hauses und dem notwendigen Wissen eines Wirtschaftspolitiker, welcher eine funktionierende
Wettbewerbsordnung aufbauen möchte, vergleicht (vgl. Eucken, 1949, S. 30). Jede
Volkswirtschaft hat eigene, regionale Probleme, Eigenarten und Ausgangslagen, sodass nicht
immer allgemeingültige Prinzipen überall angewendet werden können, sondern die Analyse an der
Wirklichkeit ausgerichtet sein muss (vgl. Eucken, 1949, S. 29-31). Daher sind weitere über die
grundlegenden konstituierenden Prinzipien hinausgehende Maßnahmen notwendig. Dies sind die
regulierenden Prinzipien, welche Eucken als „Wirtschaftspolitik innerhalb der
Wettbewerbsordnung“ bezeichnet (Eucken, 1949, S. 64)
Betrachtet man alle Prinzipien im Ganzen, wird deutlich, dass für Eucken Wirtschaftspolitik mehr
ist als nur die Funktion des Wirtschaftsapparates sicherzustellen, sondern eben neben der
wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und der wirtschaftlichen Ordnung auch die Sozial- und
Umweltpolitik umfasst (vgl. Gerken, 2000, S. 24). Die regulierenden Prinzipien haben somit keine
Korrekturfunktion der Ordnungspolitik, sondern eine Unterstützungsfunktion und dienen deren
Vervollkommnung (vgl. Külp, 2000, S. 82). Übertragen auf die Wirtschaftspolitik kann man die
Ordnungspolitik in Anlehnung an die konstituierenden Prinzipien, und die regulierenden Prinzipien
angelehnt an die Prozesspolitik verstehen
Eines der, in 3.3.2 beschrieben wirtschaftspolitischen Zielen ist die Preisniveaustabilität. Da
Geldwertschwankungen, in ihren Extremformen Inflation und Deflation, die wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit stören oder zum Erliegen bringen. Heute mag die Preisniveaustabilität
selbstverständlich sein, doch Eucken hat die Notwendigkeit von Geldwertstabilität für eine
funktionierende Wirtschaft und eine Wettbewerbsordnung bereits früh, und zwar zu einer Zeit, als
diese Notwendigkeit noch nicht wissenschaftlich anerkannt gewesen ist, als systemrelevant
bezeichnet (vgl. Külp, 2000, S. 80). Bei einer Ausschaltung der Geldwertstabilität ist der Preis kein
zuverlässiger Indikator mehr für die Intensität der Knappheit (vgl. Gerken, 2000, S. 19). Dem
marxistischen Theoretiker Lenin wird das Zitat „Um die bürgerliche Gesellschaft zu zerstören,
muss man ihr Geldwesen verwüsten“ zugeschrieben (Lenin nach Eucken, 2004, S. 255). Inhaltlich
ist dies korrekt, da in der Planwirtschaft, durch zentrale Vorgaben, Rationalisierungen und
Planwerten, die Geldpolitik nur eine untergeordnete Rolle spielt (vgl. Eucken, 2004, S. 256).
Anders sieht dies in der Marktwirtschaft aus, denn ohne ein Geldwesen und ohne ein
funktionierendes Preissystem können weder die Ordnung noch die Marktmechanismen
aufrechterhalten werden. Die Funktionen des Preises werden ausgesetzt, die Kostenrechnung der
Unternehmen wird in die falsche Richtung gelenkt und Fehlinvestitionen werden gestützt (vgl.
Eucken, 2004, S. 257-259). Daher spricht Eucken in diesem Zusammenhang auch von einem
Primat der Währungspolitik, also von einem Gebot, welches oberste Priorität, noch vor den
anderen Prinzipien, genießen muss
Ein besonderes Augenmerk soll in diesem Zusammenhang auf die Zentralbanken gerichtet
werden, welchen hier gewisse Aufgaben und Funktionen zu Teil werden. Gerade zu der Zeit
Walter Euckens gingen die Meinungen bezüglich der Aufgaben einer Zentralbank weit
auseinander. Die Einen sprachen sich für eine, mit allen verfügbaren Machtmitteln, ausgestattete
Geld- und Kreditpolitik aus und forderten gezielte Eingriffe seitens dieser Politik (vgl. Gestrich,
1944, S. 155). Eucken hingegen drückt seinen Zweifel an einer zu starken Machtkonzentration
aus und sieht es kritisch, dass der Staat im Falle eines Interessenkonflikts, beispielsweise den
Zins für eine vergünstigte Staatsverschuldung senkt wird, anstatt die Inflation durch eine nötige
Zinserhöhung zu bekämpfen (vgl. Eucken, 2004, S. 259 f.). Gestricht und Eucken sind sich aber
trotz der unterschiedlichen Auffassungen der Aufgaben darin einig gewesen, dass die
Preisniveaustabilität die höchste Priorität genießen muss (vgl. Gestrich, 1944, S. 158 f.). Andere
Ansichten zur Lösung und dauerhaften Regelung der Geldwertstabilität sind der Chicago-Plan
oder auch 100% Plan, sowie die Waren-Reserve-Währung beziehungsweise der Graham-Plan.
Bei dem Chicago-Plan wird jede private Bank in zwei Abteilungen, Giralgeldabteilung und
Bankabteilung, aufgeteilt. Die Giralgeldabteilung hat die Auflage die vorhandenen Sichteinlagen
mit einer 100 prozentigen Mindestreserve bei der Zentralbank zu hinterlegen (vgl. Eucken, 2004,
S. 260). Dadurch würde die Giralgeldabteilung an einer Geldschöpfung und Kreditvergabe
gehindert werden. Die Bankabteilung hingegen könnte Kredite im Ausmaß der Spareinlagen
gewähren. Somit wäre eine Trennung der Geldschaffung und des Kreditgeschäfts erreicht und
eine Erhöhung der Geldmenge seitens der privaten Banken nicht mehr möglich (vgl. Eucken,
2004, S. 260). Allerdings gibt Eucken zu bedenken, dass jetzt die Geldmenge durch die
Zentralbank reguliert wird und diese maßgeblich zum Beispiel durch das Finanzministerium
beeinflusst werden kann. Außerdem ist eine Abhängigkeit der privaten Kreditnachfrage
vorhanden. Die heutige Unabhängigkeit der Zentralbanken gab es zu dem damaligen Zeitpunkt
noch nicht. Durch diese Abhängigkeiten bestand die Gefahr, dass auch der Chicago-Plan unstabil
wäre (vgl. Eucken, 2004, S. 261).
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