Referat: Risikoverhalten (Teil 1)

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Referat: Risikoverhalten (Teil 1)
Definition des Risikobegriffs
Den Begriff Risiko verstehen Laien und Experten unterschiedlich. Laien verbinden mit dem
Risiko eher „Katastrophenpotential, Unkontrollierbarkeit und Bedrohung zukünftiger
Generationen“ (Leppin 1994, Bedingungen des Gesundheitsverhaltens, S. 47). Leppin
beschreibt das Risiko als: „Produkt der Eintretenswahrscheinlichkeit eines Ereignisses und
dessen Schweregrad.“... Es ist also die „Wahrscheinlichkeit oder die Gefahr eines Verlustes“
(Leppin 1994, S. 37).
Risikofaktoren
Mit Risikofaktoren sind Vorläufer und Prädiktoren1 (Bereitschaft, Empfänglichkeit,
Wahrscheinlichkeit) gemeint - also Variablen, die eine Krankheit auslösen. Wenn die
Risikofaktoren auf uns einwirken, ist es wahrscheinlich, dass wir krank werden und/oder
frühzeitig sterben. Häufen sich die Risikofaktoren an, so ist es umso wahrscheinlicher zu
erkranken.
Risikomodell aus den 60er Jahren
Es gibt ein Risikomodell seit den 60er Jahren, zunächst in den USA, dann auch in
Skandinavien
und
der
BRD.
Dieses
macht
Aussagen
über
die
Wahrscheinlichkeitsbeziehungen in verschiedenen Bevölkerungen.
Bei den epidemischen Krankheiten nimmt man ein multifaktorielles Krankheitsgeschehen an.
Es wird unterschieden zwischen Risikofaktoren, die hauptsächlich das Verhalten, die
Lebensweise und die Persönlichkeit betreffen und Risikofaktoren, die sozialstrukturell bzw.
ökologisch bedingt sind. Außerdem bestehen unabänderliche Risikofaktoren. Hierzu zählen
das Alter, das Geschlecht und genetische Dispositionen.
1
Prädiktor: aus der Statistik – zur Vorhersage eines Merkmals herangezogene Variable
1
Beispiel: Epidemiologisch nachgewiesene Risikofaktoren für die KHK und/oder bösartige
Neubildungen (BZgA, Leitbegriffe der Gesundheitsförderung, S. 196 Abb.80
Personale Risikofaktoren der Lebensweise Strukturelle Risikofaktoren der Lebenslage
und
des
Organismus
(vorwiegend (vorwiegend nicht verhaltensgebunden)
verhaltensgebunden
bzw.
persönlichkeitsbezogen)

Tabakkonsum
(Zigarettenrauchen) und 
berufliche bzw. ökologische Expositionen
Passivrauchen
gegenüber

Bluthochdruck (Hypertonie)
ionisierende/radioaktive

Erhöhter
Asbest, Teer, Pestizide, Lösungsmittel)
Blutfettspiegel

(Hypercholesterinämie)

Fehlernährung

Übergewicht,
Adipositas,
(z.B.
Strahlung,
chronische starke Lärmbelastungen in der
Arbeitswelt oder im Wohnbereich
(hyperkalorische

Ernährung, hoher Fettkonsum)
Schadstoffen
Schichtarbeit
ungünstige
Verteilung von Fettgewebe

Bewegungsmangel
und
körperliche
Interaktivität (vorwiegende Lebensweise)

Chronische
Stressbelastung
und
Stressüberlastung

„Typ-A-Verhaltensmuster“
(Kontrollambitionen,
übersteigendes
Daueranspannung,
Leistungsstreben
und
Ehrgeiz, Gehetztheit und Irritierbarkeit,
latente Feindseligkeit)

Einnahme von Antikonzeptiva (nur für
Frauen)

Diabetes melitus

„metabolisches
Syndrom“
(hohe
Insulinwerte bzw. erhöhte Insulinresistenz
in Kombination mit einer verringerten
Fibrinolyse, erhöhten Blutzuckerwerten
und erhöhten atherogenen Blutfettwerten)
2
Wenn die vielen verschiedenen Risikokonstellationen und –dispositionen mit persönlichen
Faktoren wie Rauchen, Übergewicht o. a. zusammenfallen, ist die Wahrscheinlichkeit zu
erkranken um ein Vielfaches höher.
Das
Risikofaktorenkonzept
(entwickelt
von
Scheithauer,
Niebank
und
Petermann)
Folgend stelle ich euch das Risikofaktorenkonzept am Beispiel von biologischen und
psychosozialen Faktoren vor. Sie sind vor allem in den ersten drei Lebensjahren bedeutsam.
In dem Konzept wird deutlich, wie unterschiedliche Bedingungen zusammenwirken, welche
Bedingungen zu fehlangepasster Entwicklung führen können und dass sich ein Kind trotz
einer Risikobelastung normal entwickeln kann.
Risiken in der frühkindlichen Entwicklung
Biologische Faktoren:

prä-, peri- und postnatale Faktoren (Frühgeburt, Geburtskomplikationen,
Erkrankungen des Säuglings, niedriges Geburtsgewicht etc.)

negatives mütterliches Ernährungsverhalten sowie Substanzkonsum

schwieriges Temperament des Kindes (z.B. sehr unruhig und impulsiv)
Faktoren innerhalb der Eltern-Kind-Interaktion:

Bindungsverhalten
(unsicher-vermeidende,
unsicher-ambivalente
und
desorganisierte Bindungserfahrungen)

negatives Pflegeverhalten der Mutter

psychische Störungen der Eltern
Familiäre und soziale Faktoren:

Konflikte der Eltern

Erziehungsverhalten der Eltern (Uneinigkeit, inkonsequentes oder vorwiegend
strafendes Erziehungsverhalten)

Gewalt und Misshandlung innerhalb der Familie

sehr junge Eltern (z.B. Elternschaft vor dem 15. Lebensjahr)

niedriger sozioökonomischer Status
Bei den risikoerhöhenden Bedingungen lassen sich kindbezogene Vulnerabilitätsfaktoren
(Verwundbarkeits-,
Verletzbarkeitsfaktoren)
und
umweltbezogene
Risikofaktoren
3
differenzieren. Kindbezogene Bedingungen umfassen z.B. genetische Dispositionen,
chronische Krankheiten, niedrige Intelligenz oder hohe Ablenkbarkeit.
Bei den kindbezogenen Vulnerabilitätsfaktoren wird zwischen primären und sekundären
Faktoren unterschieden. Primäre Vulnerabilitätsfaktoren sind Faktoren, die das Kind
bereits von Geburt an hat. Sekundäre Vulnerabilitätsfaktoren erlangt das Kind, indem es
sich mit seiner Umwelt auseinandersetzt.
Schema risikoerhöhender und risikomildernder Faktoren in der kindlichen
Entwicklung (nach Scheithauer und Petermann, 1999)
Risikoerhöhende Bedingungen
Kinderbezogen
(primäre
Vulnerabilität)
Phasen
erhöhter
Vulnerabilität
Umgebungsbezogen
(Risikofaktoren)
Sekundäre
Vulnerabilität
Belastungen



Risikomildernde Bedingungen
Kindbezogen
Umgebungsbezogen
(Schutzfaktor)
Resilienz
Entwicklungsförderliche
Bedingungen
Kompetenz
Ressourcen
Bilanz: Belastungen vs. Ressourcen
Gesamt-Belastbarkeit des Kindes und seiner Familie
Anstrengungen zur Belastungsbewältigung
Entwicklungsprognose des Kindes:
Anpassung vs. Fehlanpassung
Formen der Risikobedingungen
Es gibt Risikobedingungen, die sich nur zu bestimmten Zeitpunkten auswirken. Hierzu
zählen Lebensereignisse (diskrete Faktoren). Kontinuierliche Faktoren hingegen wirken
über die gesamte Entwicklung, so wie der soziookönomische Status der Familie und die
Qualität der Eltern-Kind-Beziehung.
Weiter können distale und proximale Faktoren unterschieden werden. Mit distalen
Faktoren sind beispielsweise der niedrige sozioökonomische Status der Familie gemeint.
4
Distale Faktoren wirken sich indirekt z.B. über die Eltern-Kind-Beziehung aus. Zu
proximalen Faktoren gehören ein bestrafender Erziehungsstil und Streitigkeiten der
Eltern.
Beispiel für den distalen und proximalen Faktor:
Distaler Faktor
Proximaler Faktor
Wohngegend stellt eine Hoch-Risiko-
durch das familiäre Umfeld kann das Kind
Umgebung dar
dennoch geschützt sein
Strukturelle Faktoren oder auch fixe Marker genannt, sind nicht manipulierbar, z.B.:

Geschlecht

Ausbildung der Eltern
Deswegen sind eher variable Faktoren für Präventionsmaßnahmen von Bedeutung, für die
die proximalen Faktoren wichtig sind. Manipulierbare Risikobedingungen, die durch
Interventionen zu einer Veränderung des Risikos führen, nennt man kausale
Risikobedingungen.
5
Wahrgenommene Risiken
1991 wurde dazu eine repräsentative Umfrage vom Allensbach-Institut in Deutschland
durchgeführt. Bevor ich die Ergebnisse vorstelle möchte ich aber euch (Plenum) fragen, was
ihr als erhebliches Risiko anseht....
Es entstand folgende Rangfolge von den wahrgenommenen Risiken:
Von
Menschen
in
den
Bundesländern
alten In
den
neuen Wahrgenommene Risiken von
wichtigste Bundesländern
wahrgenommene Risiken:
befragten Wissenschaftlern:
wichtigste
wahrgenommene
Risiken:
Asbest (81%)
Ähnlich wie in
Rauchen (81%)
Giftmüll (81%)
den
Bewegungsmangel (71%)
starke Medikamente (76%)
Bundesländern.
Autoabgase (74%)
Verunreinigung
alten
Spirituosenkonsum (58%)
fettes Essen (42%)
des
viel Essen (42%)
Trinkwassers (74%)
Atomkraftwerke (29%)
Sex ohne Kondom (71%)
Trinkwasserverunreinigung
Atomkraftwerke/Kernenergie
(29%)
(66%)
Giftmüll und Asbest (26%)
Zigarettenrauchen (62%)
Risikoeinschätzung und Optimismus
Wenn wir einen Raucher fragen, wie er sein Risiko einschätzt, z.B. an Lungenkrebs zu
erkranken, stellt sich heraus, dass er es gering einschätzt. Außerdem ist der Raucher überzeugt
davon, dass er vor dem Ausbruch der Krankheit rechtzeitig das Rauchen aufgeben kann. Und
falls er doch krank werden sollte, sieht er seine Chancen zur Heilung positiv. Wie man sich in
Hinsicht auf Risikofaktoren verhält, ist also von der Risikoeinschätzung und von der
Überzeugung der Beeinflussung abhängig.
Hierzu zählen z.B.:

subjektive Verstellungen über die Krankheit, inwieweit sie verbreitet und wie
schwerwiegend sie ist,

wie wahrscheinlich sie eintritt und wie sie mit Risikofaktoren zusammenhängt,
6

wie die Krankheit verläuft und

wie die Heilungschancen eingeschätzt werden.

Andererseits gehören dazu: 1. zu wissen, wie gesundheitliche Schäden aktiv
vermieden werden können und 2. fähig zu sein, krankheitserregende Prozesse zu
unterlassen oder zu korrigieren.
Verzerrte Risikoeinschätzungen
Je nachdem wie wir ein Risiko und die persönliche Verwundbarkeit erleben, sind wir zu
präventivem Handeln motiviert.
Im Health-Belief-Modell aus den 50er Jahren wurde die wahrgenommene Vulnerabilität als
ursächlicher
Faktor
für
Gesundheitsverhalten
gesehen.
Die
Voraussetzung
für
gesundheitsförderliches oder auch nicht gesundheitsschädliches Verhalten ist, dass wir uns für
krankheitsanfällig/krankheitsempfänglich ansehen. Außerdem müssen wir die Krankheit für
folgenschwer halten. Nach dem Health-Belief-Modell handeln die Menschen erst dann
gesundheitlich, wenn sie ernsthaft krank sind und die Überzeugung haben, dass
Gegenmaßnahmen wirken. Erst wenn wir überzeugt davon sind, dass wir z.B. als Raucher
anfällig für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Lungenkrebs sind und wir dies mit erheblichen
Konsequenzen verbinden (wie Tod oder eingeschränkte Lebensführung) handeln wir
gesundheitsförderlich/krankheitsverhindernd.
Wie in der Überschrift anklingt, liegen bei den Menschen verzerrte Risikoeinschätzungen vor.
Dies ist bezogen auf den Schweregrad und die Eintrittswahrscheinlichkeit. Viele Menschen
meinen z.B., dass durch Unfälle genauso viele Menschen sterben wie durch Krankheiten.
Realistisch gesehen besteht das Verhältnis 1 Unfallopfer zu 16 Krankheitsopfern. Außerdem
können Menschen nur schwer überschauen, wie sich relativ geringe Risikofaktoren auf Dauer
anhäufen.
Dazu kommt, dass, wenn etwas Riskantes zur Routine wird, das Gefahrenpotential als
geringer beurteilt wird als gelegentlich auftretende riskante Situationen. Somit besteht die
Gefahr, dass anhäufende Risiken auf die leichte Schulter genommen werden. Weiter bestehen
bei vielen Menschen kognitive Verzerrungen – dem sog. „optimistischen Fehlschluss“ oder
auch „unrealistischen Optimismus“. Das heißt z.B., dass ein Raucher sich selbst nicht für so
verwundbar hält wie die anderen Raucher. Ein starker Raucher will z.B. nicht einsehen, dass
sein persönliches Risiko an Krebs zu erkranken höher ist als beim Durchschnittsraucher.
Sutton (1995) befragte 564 Raucher folgendermaßen: „Was meinen Sie, wie hoch sind ihre
eigenen Chancen, irgendwann einmal in Ihrem Leben an Lungenkrebs zu erkranken?“... „Was
7
meinen Sie, wie hoch sind die Chancen, dass ein durchschnittlicher Raucher irgendwann
einmal in seinem Leben erkrankt?“ (Schwarzer, S. 45) Bei den Antworten kam heraus, dass
das eigene Risiko an Lungenkrebs zu erkranken für geringer eingeschätzt wird als das von
anderen.
In einer Studie von Kreuter&Strecher (1995) wurde das subjektive und objektive Risiko
verglichen. Es stellte sich heraus, dass 45% der Untersuchten ihr gesteigertes
Herzinfarktrisiko zu gering einschätzten. 20% überschätzten ihr Risiko. Etwa die gleichen
Zahlen gelten auch für die Einschätzung des Schlaganfallrisikos.
In über 120 Studien wurde der optimistische Fehlschluss („unrealistischer Optimismus“)
nachgewiesen. Dieser gilt für die meisten Krankheiten. Nur für wenige trifft es nicht zu: Z.B.
schätzten
die
Befragten
das
Risiko
für
Gastritis
(Magenschleimhautentzündung)
durchschnittlich ein. Hinsichtlich Erkältungen wird ein überdurchschnittliches Risiko
angenommen.
Es lässt hierbei feststellen, dass die Möglichkeit einer gefährlichen Krankheit wesentlich
unrealistischer erachtet wird als die einer ungefährlichen. Die dramatischen Todesursachen
werden in der Eintretenswahrscheinlichkeit überschätzt. Im Gegensatz dazu werden nicht so
gefährliche Krankheiten überschätzt.
Ursachen für den optimistischen Fehlschluss:
Die Ursache für einen optimistischen Fehlschluss kann falsche Information sein. Ein älterer
Mann meint beispielsweise, dass Diabetes ausschließlich genetisch bedingt sei. Und wenn er
es als Jugendlicher nicht bekommen hat, kriegt er es jetzt auch nicht mehr.
Ursachen können Abwehrtendenzen sein, aber auch ein Bedürfnis nach Selbstwertschutz.
„Nutzen“ des optimistischen Fehlschluss / der verzerrten Risikowahrnehmung:

Es dient kurzfristig bei Routinetätigkeiten.
Haken an der Geschichte:

Längerfristig gesehen, kann dies erhebliche Schäden hervorrufen, die hätten
verhindern werden können
8
Wie können wir gesundheitsbezogenes Verhalten fördern und den
unrealistischen Optimismus verringern?
In der Literatur wird folgendes vorgeschlagen:

über Risikoverhalten in der Bezugsgruppe informieren und so die Leute mit dem
eigenen Risikostatus konfrontieren – Kreuter&Strecher (1995) erfassten mit ihren
Untersuchungen die Veränderungen der Risikowahrnehmung (sie untersuchten vor
und 6 Monate nach der Risikorückmeldung).
In Bezug auf den Schlaganfall wurde festgestellt, dass die optimistische Risikoeinschätzung
reduziert war. Hinsichtlich des Herzinfarktes war keine Veränderung ersichtlich. Auch bei der
Untersuchung von Avis und Kollegen kamen ähnliche Ergebnisse heraus. Nur 22% der
Personen schätzten ihr Risiko nach der Herzinfarkt-Risikorückmeldung höher ein.
Woran kann das liegen?

Menschen neigen dazu, diese Informationen abzuwehren.
Wahrscheinlich können nur eigene Erfahrungen die Risikowahrnehmung und das
Vorsorgeverhalten beeinflussen. Wenn z.B. im eigenen sozialen Umfeld die Leute erkranken,
wird die Risikoeinschätzung realistischer. Ein Beispiel dafür, was die Konfrontation mit der
Krankheit tatsächlich für das gesundheitsbewusste Verhalten bringt:
Singelton, Bigelow et al. (1984) fanden anhand von Studien heraus, dass nur ⅓ bis ½ der
Herzinfarktpatienten mit dem Rauchen aufhörten oder es reduzierten, zumindest kurzzeitig.
Die persönliche Betroffenheit durch eine Krankheit lässt zwar den optimistische Fehlschluss
verringern, aber nicht vermeiden.
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