1) Pyramidenmodell Aristoteles (Pflanze, Tier, Mensch)

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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
Seminar: Erziehung, Autorität, Antipädagogik – Wie notwendig ist Erziehung und wie
lässt sie sich legitimieren?
Erziehungsbedürftigkeit –
zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der
Pädagogen?
Referenten:
Andrea Ezel
Anne Knoop
Professor Dr. phil. Walter Mattl
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
Themenübersicht:
1) Pyramidenmodell Aristoteles (Pflanze, Tier, Mensch) ....................... 3
2) Die Stufenlehre Max Schelers ............................................................. 4
3) Arnold Gehlen: Das kompensationstheoretische Modell .................... 5
4) Adolf Portmann: .................................................................................. 6
Die physiologische Frühgeburt des Menschen ..................................... 6
5) Eugen Fink – Was ist der Mensch? ................................................... 10
6) Bruno Hamann: Wesentliche Aussagen über den Menschen........... 11
1. Der Mensch als Ichhaftes und reflektierendes Wesen .................. 11
2. Der Mensch als sinnverwiesenes Wesen ..................................... 12
3. Der Mensch als Wesen der Freiheit ............................................. 12
4. Der Mensch als Wesen des Mitseins - Interpersonalität ............... 13
5. Der Mensch als Leib .................................................................... 13
6. Der Mensch als transzendierendes Wesen .................................. 14
7. Der Mensch als erziehungsbedürftiges Wesen ............................ 14
Pädagogische Konsequenzen............................................................ 15
7) Erziehungsbedürftigkeit..................................................................... 18
Heinrich Roth: .................................................................................... 18
Eugen Fink: ........................................................................................ 20
Literaturverzeichnis: .............................................................................. 22
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
1) Pyramidenmodell Aristoteles (Pflanze, Tier, Mensch)
Aristoteles (384 –322 v.Chr.) sah
den Menschen
als eine Mischung
aus Gott und dem Tier. Er dachte
sich dieses Pyramidenstufenmodell
aus, um ihn besser in die Welt
einordnen zu können. Die höheren
Stufen setzten hierbei die niederen
voraus.
Während die Pflanzenwelt zwar die
Enge der Erde, in der sie verwurzelt
ist, wahrnimmt, kann sich ein Tier bei einer Veränderung an diese Sinnesempfindung
(aisthesis) erinnern. Es spürt nicht nur, dass es eng ist, sondern weiß auch, dass es
sich in dieser Enge nicht gut anfühlt. Entkommt das Tier dieser Enge, so kann es sich
immer noch an dieses Gefühl erinnern. Der Mensch der sowohl dieses Wesen
besitzt, hat noch weitere Attribute, wie die Erfahrung (empeiria). Er kann aus der
Erinnerung lernen, bzw. sie als Erfahrung weitergeben. Um sich Gott zu nähern,
muss er die Stufen der Kunstfertigkeit (techne) und des Wissens (episteme)
überwinden. Diese lernt er im Laufe seines Lebens zu überwinden. Als Kind lernt er
feinmotorische Fähigkeiten seiner Finger und seines Körpers kennen. Er hat die
Möglichkeit mit seinem Körper andere zu imitieren oder gar Tiere nach zumachen.
Des weiteren lernt der Mensch das Wissen anderer zu übernehmen. Er bringt es in
Zusammenhang und versucht sich damit Dinge der Welt zu erklären. Allerdings kann
er nur bis zur Stufe der Philosophie (gr. Liebe zur Weisheit) gelangen, bei der er sich
versucht der Weisheit zu nähern. Die Weisheit an sich kann allerdings nur Gott
besitzen. Somit kommt der Mensch irgendwann an einen Punkt, bei dem er sich
versucht Gott zu nähern, kann ihn aber nie erreichen.
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
2) Die Stufenlehre Max Schelers
Max Scheler, (Philosoph und Soziologe 1874 - 1928) galt als der Begründer der
modernen philosophischen Anthropologie. Er untersuchte das Verhältnis von Vitallebendigem, dem Drang zu leben und dem Geistigen im Menschen.
„Scheler sieht den Menschen sozusagen auf der Stufenleiter des Lebendigen. Auf
der untersten Stufe dieser Leiter steht der Gefühlsdrang, der alles Lebendige
durchpulst: Pflanze, Tier und Mensch. Aber in jedem dieser drei Individuen nimmt er
verschiedene Grade der Innerlichkeit an: in der Pflanze ist er noch ganz bewußtlos,
empfindungslos und vorstellungslos. Einen höheren Grad von Innerlichkeit und
Ausdrucksfähigkeit erreicht er auf der zweiten Lebensstufe: beim Tier. Hier zeigt er
sich in einem Verhaltensvermögen, das sich mit den Begriffen Instinkt, assoziatives
Gedächtnis und praktische Intelligenz umschreiben läßt. Die darin sich kundtuenden
Leistungen sind nicht mehr nur aufgrund organischen Seins möglich - wie beim
pflanzlichen Sein - sondern Psychisches eignet ihnen. Wiewohl die mit psychischem
Sein vorhandenen Leistungen beim Menschen höher und spezifizierter sind, sind sie
(...) bei Tier und Mensch jedoch nicht grundsätzlich verschieden. D.h. Mensch und
Tier sind auf der zweiten Stufe des Lebens nur graduell unterschieden. Oder anders
ausgedrückt: aufgrund seines Organismus und psychischen Vermögens erschient
der Mensch dem Tier wesensmäßig nicht überlegen.“1
Was
aber
den
Menschen vom Tier
unterscheidet, ist der
Geist. Durch seinen
Geist
steht
der
auf
der
Stufe
der
Mensch
dritten
Lebensleiter.
Der
Geist ermöglicht dem
Menschen
-
im
Gegensatz zum Tier Abstand
1
Vgl. Hamann, Bruno: Pädagogische Anthropologie. Bad Heilbrunn/Obb 1998³, S.56
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und
Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
Objektivität von sich und der Welt. Er ist nicht festgelegt auf Organisch-Triebhaftes,
er strebt nach Erkenntnissen von Werten und er besitzt ein Welt- und
Sachverständnis.
Jedoch braucht der Geist den Antrieb des oben genannten Dranges, d.h. er hat keine
eigene Energie. Er ist abhängig vom Organisch-Triebhaften und OrganischSeelischen, was bedeutet, dass diese Gegebenheiten Antrieb und Grundlage für das
Bestehen des Geistes sind. Anders ausgedrückt: der Geist kann nur existieren auf
der Grundlage von körperlichem Sein und dem Vorhandensein des Psychischen, der
Seele. Umgekehrt besteht dieses Abhängigkeitsverhältnis nicht; bei der Pflanze
besteht dieses „körperliche“ Sein, doch fehlen Seele und Geist.
Dies kann verglichen werden mit einem mehrstöckigen Haus. Das Fundament ist der
Körper, die unteren Etagen sind die seelischen Fähigkeiten und das Dachgeschoss
also der Geist sitzt zuoberst auf dem gesamten Gebäude.
Doch besitzt der Geist die Möglichkeit, den Trieb zu regulieren und zu lenken, also
Einfluss zu nehmen. Dies nennt Scheler Sublimierung (Erhabenheit), d.h. der Geist
kann seinen Willen erheben und durchsetzen und erhebt somit den Menschen über
das Tier.
3) Arnold Gehlen: Das kompensationstheoretische Modell
Gehlen sieht den Menschen als Gesamtentwurf, d.h. er betrachtet den Menschen
nicht nur aufgrund seines Geistes als etwas Besonderes, sondern er berücksichtigt
auch die biologischen Gegebenheiten des Menschen. Untersucht wird bei Gehlen die
Beziehung zwischen organischem Gefüge und den kulturell geistigen Fähigkeiten
des Menschen. Er kommt zu dem Schluss, dass der Mensch aus biologischer Sicht
ein Mängelwesen, also hilflos ist. Gehlen stützt seine These auf folgende Fakten:
1. Die Organe des Menschen sind seiner Umwelt nicht angepasst, d.h. er besitzt
keine Angriffs-, Flucht- und Schutzorgane wie z.B. das Stinktier, welches sich mit
einem übelriechenden Geruch verteidigt oder der Tintenfisch, der eine dunkle
Flüssigkeit ausstößt und die Verwirrung des Angreifers nutzt, um zu fliehen.
2. Der Mensch ist arm an Instinkten. Während Tiere über ein situationsgemäßes
Schutzverhalten verfügen (s. Tintenfisch oder Stinktier), sind beim Menschen nur
noch vereinzelt Instinkte übrig.
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
3. Im Gegensatz zu den Tieren benötigt der menschliche Embryo verhältnismäßig
viel Zeit, um auf die Welt zu kommen. Auch die schon geborenen Kinder sind
lange zeit schutz- und hilfsbedürftig, nämlich mehrere Jahre.
Daraus folgert Gehlen, dass sich der Mensch - wegen seiner Unangepasstheit an die
Umwelt - auf diese einwirkt, um seine biologischen Mängel zu kompensieren. Der
Mensch schafft sich eine zweite Umwelt, nämlich die Kultur. Der Mensch ist also ein
Kulturwesen.
Gehlen betrachtet den Menschen als „Sonderentwurf der Natur“2
Anders als Max Scheler ist Gehlen der Meinung, dass zwischen dem OrganischTriebhaften, dem Organisch-Seelischen und Geist eine gegenseitige Abhängigkeit
(Interdependenz) besteht. „Seelisch-geistiges Leben ist nur möglich auf der
Grundlage des stofflich leiblichen, umgekehrt kann der Mensch als Mensch nur
existieren aufgrund des Geistes.“3
4) Adolf Portmann:
Die physiologische Frühgeburt des Menschen
Portmann untersucht die Gegebenheiten des menschlichen Lebens im pränatalen
Zustand, bei der Geburt und im frühkindlichen Stadium, also im Säuglingsalter und
vergleicht diese mit denen der Tiere und den erwachsenen Menschen. Er kommt zu
folgenden Ergebnissen: biologisch gesehen ist der Mensch ein Zwischending
Nesthockern, z.B. Känguru, und Nestflüchtern (Pferd). „Im embryonalen Zustand
bildet sich der Mensch aus in Richtung Nestflüchter, aber diese Entwicklung wird im
Mutterleib nicht soweit fortgeführt, wie bei höheren nestflüchtenden Säugern,
sondern es folgt im Vergleich zu diesen eine verfrühte Geburt“4, die physiologische
Frühgeburt. Portmann nennt den menschlichen Zustand bei der Geburt „sekundärer
Nesthocker und hilfloser Nestflüchter“5
Daraus folgert er, dass der Mensch im Gegensatz zu den höheren nestflüchtenden
Säugetieren 12 Monate zu früh geboren wird, der er außerhalb des Uterus
verbringen muss. Portmann nennt diese Zeit „extra-uterines Frühjahr“6
2
Vgl. ebd. S. 62
Vgl. ebd. S. 62f
4
Vgl. ebd. S. 64
5
Vgl. ebd. S. 64
6
Vgl. ebd. S. 64
3
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
Dies ist jedoch nötig, weil beim Menschen biologisches und kulturelles Sein
miteinander verflochten sind. Menschliches Leben ist also nur möglich, wenn beide
wesentlichen Eigenarten des Menschen vorhanden sind.
So ist diese physiologische Frühgeburt unabdingbar, weil eben die bestehende
Hilflosigkeit für das Lernen und der geistige Austausch im Sozialkontakt wichtige
Grundlage ist. Geistige Entfaltung findet nur statt, wenn der Mensch auf das Lernen
angewiesen
ist
und
„in
der
sozialen
Gruppe
durch
Unterstützung
und
entwicklungsfördernde Beziehungen [z.B. Mutter-Kind-Beziehung oder Sprache] sich
entfalten kann.“7 Würde der Mensch jene 12 Monate, welche er außerhalb des
Uterus verbringt, im Mutterleib bleiben, wäre er bei seiner Geburt schon so festgelegt
in seiner körperlichen Entwicklung und seinem Wesen, dass er nicht mehr in der
Lage wäre, das Lernen und den Sozialkontakt so intensiv zu erleben. Für Portmann
wäre der Mensch dann nicht mehr in der Lage zu einem kulturell-geistigen Leben zu
finden. Schlussfolgernd lässt sich also sagen, dass die physiologische Frühgeburt
des Menschen Voraussetzung ist, für ein kulturelles und damit geistiges Leben.
Unterschied Tier und Mensch
Um den Unterschied zwischen dem Tier und Mensch herauszufinden, bediente sich
Portmann einiger Studien. Unter anderem beobachtete eine Familie Kelloggs ein
Affenbaby, das neben ihrem eigenen Kind aufwuchs und schlossen dabei auf eigene
Unterschiede. Unter anderem brachte die Familie dem Affen 20 Wörter bei, die er
verstand, allerdings konnte der Affe keine eigenen Sätze bilden. Er hatte die
Symbolfunktion der Sprache demnach nicht verstanden, sondern erkannte sie eher
als Kommandosignale an. Der Affe versuchte auch dem Menschen sich zu nähern,
indem er versuchte aufrecht zu gehen; anatomisch ist der Körper der Affen nicht für
das Aufrechtgehen gemacht und so kann er diese Lebensform nicht übernehmen.
Auch beobachteten sie, dass die Affen nur kurze Zeit Interesse an Spielhandlungen
und Sekundärbedürfnissen zeigen, können somit keine Kulturwelt aufbauen.
Dagegen hat der Mensch seine eigene Sachwelt, in dieser lernt er affektfrei zu
handeln.
Der Affe ist auch nicht fähig über seine Vergangenheit zu reden und sie somit
anderen weiterzugeben. Dagegen hat das Menschenkind die Möglichkeit sich in
dieser Hinsicht zu verständigen.
7
Vgl. ebd. S. 65
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
Der Affe hat auch gelernt mit Automatenmünzen umzugehen, dass sie ihm etwas zu
essen geben und dass er, wenn er bestimmte Aufgaben erfüllt mehr bekommt. ER
beginnt sogar diese Münzen zu sammeln und vom Ersparten zu leben. Er lernt
Bananenmünzen gegen Traubenmünzen zu tauschen, aber er interessiert sich nie
für die Arbeit an sich oder für die Münze, sondern nur den Zweck, den sie erfüllen.
(Arbeit = Münze = Essen)
Tier
Mensch
-
umwelteingepasst
-
weltoffen
-
kurze Entwicklungs- / Lernzeit
-
lange Entwicklungs-/ Lernzeit
-
viele Verhaltens- und
Leistungsformen angeboren
-
alle Verhaltens- und
Leistungsformen müssen erworben
werden
-
ohne Pubertätswachstumsschub
-
mit Pubertätswachstumsschub
(Gestaltwandel)
-
frühe Geschlechtsreife
-
späte Geschlechtsreife
-
ohne Darstellungsfunktion der
Sprache
-
Sprache
-
gleichförmig bis starres
Sozialleben
-
dauernder Sozialwandel
-
trieb und instinktsicher
-
trieb- und instinktunsicher
-
erlebnisbewusst
-
ich- und selbstbewusst
-
getriebenes Wesen
-
wollendes, planendes, sich
entscheidendes Wesen
-
seelisches Wesen
-
geistiges Wesen
zur Tabelle:
Portmann beschreibt den Menschen als denkendes Wesen. Im Gegensatz zum Tier
kommt er zu früh auf die Welt. Er kann sich nicht selbst versorgen und ist auf Pflege
und Betreuung angewiesen. In der Entwicklung unterscheidet er sich ebenso vom
Tier. Er verliert mit der Zeit seine ureigenen Reflexe, beginnt mit ca. 10 Jahren über
die Welt nachzudenken.
Im Gegensatz zum Tier versucht er die einzelnen Ereignisse zu verstehen. Er
sammelt Erfahrungen oder bekommt sie von anderen mit.
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
Portmann stellt dar, dass der Mensch von Anfang an „Mensch ist“, weil er von Anfang
an für ein menschliches Dasein bestimmt ist. Er bezeichnet den Menschen als
weltoffenes Wesen. Er meint damit, dass der Mensch sich im Gegensatz zum Tier
verändern kann, während das Tier seine Aufgabe von Geburt an hat und nicht aus
eigenem Antrieb nach Veränderung sucht, der Mensch dagegen sich nach seinen
Begabungen für einen Beruf entscheidet, in eine andere Gegend auswandern kann,
usw..
Das Tier hat schnell den Kenntnisstand der Ausgewachsenen erreicht. Es muss nicht
speziell zum Überleben dazu lernen. Es ist in seinem Instinkt verankert.
Der Mensch dagegen lernt von seiner Geburt an Verhaltenformen kennen. Sei es mit
Messer und Gabel zu essen oder wie er auf einen höher- rangigen Menschen
reagieren sollte. Dem Tier sind viele Verhaltensweisen angeboren, denen er folge
leistet.
Während der Mensch ab dem 11. Lebensjahr noch einmal einen starken
Entwicklungsschub
macht,
entwickelt
sich
das
Tier
stetig
zu
seinem
Erwachsenenstadium hin. Demnach sind die Tiere auch sehr früh geschlechtsreif.
Einem Affen kann man die Wörter beibringen, jedoch ist dieses Tier niemals fähig,
das Wort in einem anderen Zusammenhang zu verwenden.
Ist das Tier mit der Geburt in einem Rudel, einer Herde, also einem festen
Sozialleben integriert, wechselt dieses ständig beim Menschen. Von der Schule nach
Hause zur Familie und später einmal der Beruf.
Da ein Tier seinen Trieben folgen darf und seinen Instinkten lebensnotwendig folgt,
ist es in dieser Hinsicht sicher. Der Mensch dagegen ist unsicher. Er darf nicht
einfach seinen Trieben folgen, selbst, wenn es ihn dazu gelüstet. Würde der Mensch
diesen trotzdem folgen, hätte er mit Strafen zu rechnen. Im Gegensatz dazu ist er
sich über sich selbst bewusst. Er weiß, wer er ist, dass er ist. Das animalische
Wesen ist dagegen sich nur dem bewusst, was es erlebt. Dieses Wesen wird auch
von seinen Instinkten geleitet. Dagegen der Gebildete plant, will und entscheidet
bewusst.
Letztendlich kann man sagen, dass der Mensch das geistige Wesen ist (denkt und
sucht nach Gründen) und das Tier ein seelisches Wesen.
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
5) Eugen Fink – Was ist der Mensch?
Schon Kant warf diese Frage auf. Eugen Fink greift den Menschen als Rätsel auf. Im
Gegensatz zu anderen Lebewesen
versucht sich der Mensch immer
wieder nach seiner Existenz zu
vergewissern.
So
viele
Wissenschaften es auch gibt, sie
lösen das Rätsel nicht und so ist
auch das Erziehungsproblem von
diesem Problem durchtränkt.
Im Gegensatz zum Tier kann der Mensch nicht einfach vor sich hinvegetieren,
sondern er versucht seine Welt einzurichten. Ihm ist bewusst, dass er Imperfekt ist
und strebt dadurch nach Vollendung. Für Fink steht der Mensch wie bei Aristoteles
zwischen Tier und Gott und da diese Wesen perfekt sind, kann es der Mensch nicht
sein. Bei ihm ist der Mensch allerdings mehr. Er ist ein Zwitterwesen, das sowohl die
animalische als auch die göttliche Seite in sich hat. Die animalische Seite verkörpert
die Mutter, die das Kind ernährt, aufzieht und umsorgt. Die göttliche Seite geht vom
Vater aus, der das Kind in die Selbstständigkeit führt. Das soll allerdings auch
heißen, dass der Vater sich um seinen Sprössling bemüht, ihn wie Gott uns
Menschen liebt. Dieses Zwitterwesen bezeichnet Fink auch als „animal rationale“, als
vernünftiges Tier.
Für den Menschen ist die Selbstgestaltung des Lebens wichtig. Er trifft bewusst
Entscheidungen, ob er etwas tun oder lassen will. Dabei ist ein Zwiespalt möglich,
den er nur durch Erfahrung lösen kann. Diese Erfahrung bekommt er von anderen,
oder lernt sie durch eigene Erfahrung, die ihm gegeben wird.
Soweit der Mensch auch als Individuum denkt, so stark lebt er doch primär im Volk.
Ohne diese soziale Gruppe wäre er verloren. Dieses wirkt auf die menschliche
Selbstverhaltung ein. Die Erziehung des Einzelnen richtet sich nach dem Ideal des
Volkes und wird dabei von ethischer Grundlage begleitet.
Dem Lebenden ist bewusst durch Geburt und Tod, dass er nicht ewig existieren
kann. Er selbst wird die ganze Zeit mit diesen Ereignissen vertraut gemacht. Dadurch
erkennt er sein Leben als eine Aufgabe an. Sein Streben zielt auf die eudaimonia
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
(Glückseligkeit). Er ist frei zu entscheiden, was er mit diesem Leben anfängt. Er
versucht somit das Ideal aus seinem Leben zu machen und seine Aufgabe, das
Leben selbst, so gut wie möglich zu meistern.
„Doch ein Kind kann nicht selber bestimmen, da es nie Einflusslos ist.“
Im Kind selber steckt eine große Ratlosigkeit und Schutzsuche. Es scheint verloren
und braucht Orientierung um diese Orientierung zu finden braucht das Kind eine
Hilfe, eine Richtung und diese findet es in der Erziehung.
6) Bruno Hamann: Wesentliche Aussagen über den
Menschen
1.
Der Mensch als Ichhaftes und reflektierendes Wesen
Im Gegensatz zum Tier, welches zwar über eine Psyche verfügt, besitzt der Mensch
Geist. Der Geist ermöglicht es dem Menschen, anders als dem als dem Tier Sprache
zu benutzen. Damit sind Worte gemeint, welche sich zu Sätzen zusammenfügen und
nicht Körpersprache oder Laute zur gegenseitigen Verständigung. Gedanken werden
vermittelt, Gespräche geführt, usw. Des weiteren ist der Mensch in der Lage sich
seiner selbst bewusst zu sein (Selbstbewusstsein), zu sich selbst zu stehen
(Selbstbejahung) und sich von der Außenwelt in sein Inneres zu distanzieren, d.h.
eine Erfahrung, welche in der Welt gemacht wurde wird zu innerem Erleben und
Verarbeitung. Der Mensch braucht den Bezug zu anderen Menschen und
Gegenständen, damit er in der Lage ist sich selbst zu verwirklichen denn die
Selbstverwirklichung des Menschen ist das höchste Ziel der Anthropologie. Der
Mensch kann erfassend denken und die Wirklichkeit in verschiedenen Zeiten,
nämlich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bewältigen. Damit sind Vorgänge
gemeint wie z.B. planen, fragen, zweifeln, diskutieren...
Dazu gehört u.a. auch das „normative Bewusstsein“8, welches zu sozialem Verhalten
bestimmt und befähigt. Mit normativem Bewusstsein ist gemeint, dass der Mensch in
der Lage ist, bestimmte Werte, Regeln und Verhaltensweisen, welche von einer
Gesellschaft aufgestellt wurden einzuhalten, bzw. sich konform zu verhalten.
Voraussetzung für dieses Bewusstsein ist das Bewusstsein einer Norm. Das
Einhalten von Normen wird Moral genannt.
( Erziehungsbedürftigkeit des Menschen, s.u.)
8
Vgl. ebd. S.104
- 11 -
Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
2. Der Mensch als sinnverwiesenes Wesen
Jeder Mensch möchte sinnvoll leben, nicht nur auf sich bezogen. Dies ist
Sinnverwiesenheit oder anders ausgedrückt: jeder Mensch stellt sich in seinem
Leben die Frage nach dem Sinn des Lebens. Warum lebe ich? Was soll aus mir
werden? Warum beschäftige ich mich mit einer bestimmten Sache? Wieso tue ich
das? Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist immer und überall gegenwärtig. Doch
ist die Verwiesenheit des Menschen nach einem Sinn seines Schaffens auch der
Antrieb, die Kraft, welche ihn dazu bringt sein Leben zu gestalten und sich zu bilden.
Z. B. Ein Schüler möchte ein gutes Abitur machen. Warum? Was ist der Sinn dieser
Sache? Damit er danach studieren kann. Warum? Weil er einen bestimmten
Berufswunsch hat (z.B. Lehrer). Warum hat er diesen Berufswunsch? Weil er weiß,
dass ihm dieser Beruf am meisten gefällt und er sich so selbstverwirklichen kann. So
ist die Sinnverwiesenheit nicht nur Antrieb des Menschen, sondern auch ein Weg
zum Ziel, nämlich der Selbstverwirklichung.
( Erziehungsbedürftigkeit des Menschen, s.u.)
3. Der Mensch als Wesen der Freiheit
Mit Freiheit ist hier nicht gemeint, dass der Mensch absolut frei ist. Der Mensch ist in
gewisser Weise wohl frei durch seine Unabhängigkeit, aber auch unfrei durch seine
Natur und die Gesellschaft, in welcher er lebt.
Die Natur bestimmt den Menschen insofern, als er ein biologisches Wesen ist, das
an bestimmte Voraussetzungen gebunden ist. Der Mensch benötigt Sauerstoff zum
Atmen, bestimmte Klimagegebenheiten zum Überleben, er muss Nahrung und
Flüssigkeit zu sich nehmen und regelmäßig schlafen.
Gebunden ist er auch an die Gesellschaft, deren Teil er ist. Da jede Gesellschaft und
ist sie noch so klein, allgemeingültige Werte, Regeln und Gesetze aufstellt, muss sie
der Einzelne einhalten, möchte er weiterhin Teil dieser Gesellschaft bleiben. Verhält
er sich nicht regelkonform, wird er ausgeschlossen.
So ist der Mensch erst einmal nicht frei, nicht von sich aus, sondern er wird erst
durch Selbstbestimmung und Selbstgestaltung seines Lebens innerhalb der o. g.
Gegebenheiten frei. Doch um sich und sein Leben selber bestimmen zu können
muss der Mensch zuerst das Bewusstsein dafür erlangen, auch dafür welches das
Richtige Verhalten ist. (  Erziehungsbedürftigkeit des Menschen, s.u.)
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
„Menschliche Freiheit besteht also darin, dass sich der Mensch zu allem
Vorgegebenen [biologisch, gesellschaftlich] verhalten kann.“9 Freiheit bedeutet,
Entscheidungen zu fällen. D.h. wenn ein Mensch sich für etwas entschieden hat,
dann setzt er sich dafür ein mit dem Ziel kreativ zu sein und sich letztendlich selbst
zu verwirklichen. Der Antrieb dafür wiederum kommt von den Bedürfnissen des
Menschen, welche befriedigt werden wollen und müssen.
4. Der Mensch als Wesen des Mitseins - Interpersonalität
„Interpersonalität meint das Aufeinander-bezogen-sein von Personen, wobei für
diesen Bezug entscheidend ist, daß Menschen mit je eigener Individualität (einmalige
unverwechselbare Iche) einander gegenüberstehen.“10 Dies bedeutet, dass der
Mensch - um sich letztendlich selbstverwirklichen zu können - den Kontakt zu
anderen Individuen benötigt. Der Einzelne erfährt sich als ein bestimmtes Individuum
und hat das Verlangen nach Selbstverwirklichung. Um seine eigene Individualität zu
entdecken und erfahren, muss er anderen Individuen gegenüberstehen, um
Unterschiede zu erkennen und sich von anderen Menschen abgrenzen. Nur so
erfährt der einzelne Mensch, wer er wirklich ist und hat die Möglichkeit sich selbst zu
verwirklichen. Damit dies geschieht, müssen sich die Menschen gegenseitig helfen,
(Kooperation), was geben und nehmen bedeutet.
( Erziehungsbedürftigkeit des Menschen, s.u.)
5. Der Mensch als Leib
Darunter wird nicht nur der menschliche Körper verstanden, sondern, dass sich der
Leib aus Materie und Geist zusammensetzt. Mit Materie ist folgendes gemeint:
Zellen, Organe, Reizempfindlichkeit, sinnliche Wahrnehmung, Instinktreste... . So
sind Geist und Materie zwei Komponenten der Leiblichkeit, welche miteinander
verschränkt sind und menschliches Leben existiert aufgrund des Zusammenwirkens
von Materie und Geist. Z. B. Sprache, Kultur, Arbeit, Spiel... . Um sprechen zu
können benötigt der Mensch einerseits Materie, also intakte Sprechwerkzeuge und
andererseits den Geist, also Gedanken, um
können. ( Erziehungsbedürftigkeit, s.u.)
9
Vgl. ebd. S.110
Vgl. ebd. S.113
10
- 13 -
sich mit Worten verständigen zu
Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
6. Der Mensch als transzendierendes Wesen
Trotz seiner Freiheit erfährt sich der Mensch als begrenzt, bedingt und abhängig, z.B.
wenn er dem Tod in irgendeiner Form begegnet. Deshalb greift
er nach dem
Absoluten, nach dem Letztgültigen, das über die Welt hinausragt. Der Mensch sucht
seine letzte Identität, den absoluten Sinn und Geist, denn er sucht - wie als
sinnverwiesenes Wesen (s.o.) - eine Erklärung für seine Existenz auf dieser Erde.
Etwas, das Leben und Tod erklärt, das alles umfasst und ordnet, z.B. Gott. Doch was
verbindet Sinn und Geist? Sinn erhält ein Ereignis, eine Tat... nur, wenn es als
sinnvoll betrachtet wird. Und ohne Geist kann der Sinn nicht gedacht und erkannt
werden. ( Erziehungsbedürftigkeit des Menschen, s.u.)
7. Der Mensch als erziehungsbedürftiges Wesen
Auch die Erziehungsbedürftigkeit ist ein Wesensmerkmal des Menschen. Die
biologischen Gegebenheiten des Menschen ergeben sich aus gemachten MenschTier-Versuchen, welche den Menschen als unfertig, unspezialisiert, instinktarm
bezeichnen, der eine lange und langsame Entwicklungszeit und Lernbedürftigkeit als
Wesensmerkmal hat. (Arnold Gehlen, Adolf Portmann)
Sozio-kulturell gesehen muss der Mensch erzogen werden, da er in eine schon
bestehende natürliche, kulturelle, gesellschaftliche Umwelt hinein geboren wird. Er ist
nicht in der Lage, alles was er benötigt, um in dieser Umwelt zu bestehen allein zu
entdecken. Deshalb benötigt er die Hilfe anderer Menschen. „ Der Mensch ist zu
geistiger Lebensführung bestimmt. Um dieser Bestimmung gerecht zu werden und
bewußte, sinnorientierte, freie und verantwortungsvolle Akte setzen zu können, ist er
auf reiche Erfahrungen - auch auf solche anderer - angewiesen. Er kommt, um seine
Lebenssituation produktiv schaffend bewältigen zu können, ohne das erlernen seiner
Verhaltens- und Leistungsformen nicht aus. Hierzu (...) bedarf er der stützenden Hilfe
anderer.“11 Anders ausgedrückt wird der Mensch geprägt von sozialen und
kulturellen Faktoren in seinen Erlebnissen, Werthaltungen, Wissenserwerbsformen.
Erfahrungen können jedoch sowohl positiv als auch negativ sein. Die Korrektur oder
Gegenwirkung von negativen Werthaltungen, Wissenserwerbsformen ist Aufgabe der
Erziehung.
11
Vgl. ebd. S. 125
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
Pädagogische Konsequenzen
Die o. g. Wesensmerkmale des Menschen (Ichhaftigkeit, Sinnverwiesenheit, Freiheit,
Interpersonalität, Leiblichkeit, Sinnsuche (Mensch als transzendierendes Wesen) und
Erziehungsbedürftigkeit), sind also jene Eigenschaften, die den Menschen als
solchen beschreiben und ihn damit vom Tier unterscheiden. Doch, wie schon
erwähnt, ist der Mensch nicht in der Lage, sich diese Merkmale allein ohne Hilfe
anzueignen; er benötigt die Erfahrungen anderer Menschen, welche ihn anleiten,
sich diese prägnanten Merkmale anzueignen. So sind die Wesensmerkmale
einerseits Erziehungsziele, denn sie zu erlangen macht den Menschen zum
Menschen und andererseits zeigen sie Erziehungsmöglichkeiten, aber auch
Erziehungsgrenzen auf.
1. Ichhaftigkeit: „Der Ichhaftigkeit entspricht eine Haltung, die das Leben bejaht, es
als Aufgabe begreift (...) unter aktivem Einsatz des Selbst zu Verwirklichung
verhilft.12
Dies bedeutet, dass der Mensch dazu erzogen werden muss, sein Leben
letztendlich selbst in die Hand zu nehmen, um sich selbst verwirklichen zu können.
Erziehung zu Selbstbewusstsein, Selbständigkeit... sind also Voraussetzung. Des
weiteren muss er sich den herrschenden Werten und Normen bewusst werden,
welche in der Gesellschaft gelten, um sich innerhalb dieser Gesellschaft entfalten zu
können. So muss er das Bewusstsein zu sittlichem und moralischem Handeln
erlangen.
2. Sinnverwiesenheit: „Die Sinnverwiesenheit des Menschen fordert (...) sich in
seinem Tun und Lassen nicht einfach treiben zu lassen, sondern an gültigen
Maßstäben auszurichten. Ihn zur Suche nach solchen motivieren, ihn zum Wägen
und Abwägen anzuleiten, ihm Raum zu geben und Hilfestellung zu bieten, daß er
sich einen Welthorizont begründet, sozusagen als Basis für das allseitige Ausgreifen
in die Welt und als Orientierungsrahmen (...) des in der Lebenswirklichkeit
begegnenden...“13 D.h. der Mensch muss den Sinn von Gutem und Wahrem
erkennen, motiviert sein, gültige Maßstäbe zu finden, welche ihm Orientierung sind,
für sein Leben.
12
13
Vgl. ebd. S. 134
Vgl. ebd. S. 134
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
3. Freiheit: „Erziehung zum rechten Gebrauch von Freiheit (...) erstrebt, der einzelne
möge sein Denken und Handeln ethisch legitimierbaren Normen unterstellen; (...) er
sollte sich in dem, was er tut und läßt, selbst verantwortlich fühlen.“14 Der Mensch
muss also, um Freiheit zu erlangen, nicht nur selbständig Entscheidungen fällen
können, sondern auch in der Lage sein, verantwortungsvoll denken und handeln zu
können, wobei hier auch die Bildung von Gewissen eine große Rolle spielt, genauso
wie die Willensbildung des Menschen.
4. Interpersonalität:
Da der Mensch ein Wesen des Mitseins ist, der darauf
angewiesen ist, Kontakt zu anderen Menschen zu haben, um sich selbst zu
erkennen und zu verwirklichen, muss er sich der Gesellschaft, in der er lebt,
anpassen können, bzw. deren bestehende Werte, Normen und Regeln befolgen.
Hier ist die Aufgabe der Erziehung, dem Menschen soziale Kompetenz zu vermitteln.
5. Leiblichkeit: Der Aspekt der Leiblichkeit des Menschen, also der Ganzheitlichkeit,
verweist die Erziehung darauf, dass der Mensch als leibliches Wesen nicht aufgeteilt
werden kann in Körper und Geist. Folglich dürfen körperliche, emotionale und
kognitive Erziehung nicht getrennt werden, sondern müssen immer zusammen
vermittelt werden, ebenso wie die Bevorzugung oder Zurückstellung eines dieser
Aspekte.
6. Sinnsuche (Mensch als transzendierendes Wesen): Um den Menschen, der immer
nach dem Letzten, Absoluten sucht, zu unterstützen, ist Vermittlung von Werten
unablässig, wie auch die religiöse Erziehung. So wird dem Menschen, egal, ob er
sich später als Erwachsener von dem Glauben abwendet, den er vermittelt
bekommen hat, so ist er doch in der Lage, für sich einen Sinn zu finden, der alles
Sein einordnet, an dem er sich orientieren kann. Das Grundvertrauen in die
Sinnhaftigkeit des eigenen Seins muss vermittelt werden, gerade in einer Zeit in der
so viel Schlechtes passiert, wie z.B. Krieg, Tod, Schmerz... . Erziehung sollte die
Existenzerfahrungen der Jugendlichen aufgreifen, Jugendliche fähig machen sie zu
interpretieren und in ihr Leben einzuordnen, damit sie letztendlich für sich ihren Sinn
finden können.
7. Erziehungsbedürftigkeit: „Die spezifische Organstruktur des Menschen - mag man
sie wie Arnold Gehlen als Mangel ansehen (...) - legt die Ausbildung der Fähigkeit
zum Gebrauch der Organe nahe. Dafür sind Pflege, körperliche Erziehung und
Denkerziehung wichtig. (...) Im einzelnen kommt es besonders auf dieses an: das
14
Vgl. ebd. S. 134
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
Kind muß zu vielen Lernakten gegenüber seiner Mit- und Sachwelt motiviert werden;
es müssen ihm viele Lernangebote gemacht, erlebnisreiche Situationen geboten
werden; durch Alltagswelt, Kultur- und Zivilisationswelt. Form und Inhalte seines
Lernens sollen sich sowohl auf Wissen und Können als auch auf Gesinnung und
Verhalten beziehen. Unter Berücksichtigung ganzheitlicher Strukturiertheit ist
vielfältigen Bedürfnissen und einer ganzheitlichen „Behandlungsweise“ Rechnung zu
tragen. Körperliche, seelische und geistige Funktionen müssen gezielt anvisiert
werden.(...) Lernhilfen beziehen sich auf den Gebrauch der Körperkräfte, die
Betätigung und Schärfung der Sinnesorgane, die Weckung des Erlebnis-,
Erkenntnis- und Ausdrucksvermögen, den Erwerb der Sprachfähigkeit, den
verständigen und sachgerechten Umgang mit der Gegenstandswelt, die Befähigung
zu produktiver Tätigkeit und verantwortlichem Handeln in der Kultur- und
Menschenwelt. “15 Den bekannten Spruch, welchen die Nachkriegsgeneration oft zu
hören bekam, lautet: Du sollst es einmal besser haben als wir. In diesem Spruch
steckt die ganze Erziehungsbedürftigkeit des Menschen. Denn die Menschheit
versucht, sich immer weiter zu entwickeln und den Status, den sie einmal erreicht
hat, immer zu verbessern, also die Lebensqualität zu verbessern. Ziel der Menschen
ist die Aufrechterhaltung und Verbesserung ihrer Kultur. Um dieses Ziel zu erreichen,
muss jeder einzelne Mensch in der Lage sein, mit all seiner Kraft und seinem ganzen
Willen dazu beitragen. Dies kann er allerdings nur, wenn er im Sinne seines Wesens
erzogen wurde und zu all den Dingen fähig ist, die den Menschen als solchen
auszeichnen.
15
Vgl. ebd. S.136f
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
7) Erziehungsbedürftigkeit
Heinrich Roth:
Heinrich Roth sieht im Kind ein Wesen, dass nach Liebe und Geborgenheit sucht.
Ohne Hilfe nach der Geburt kann es nicht überleben. Dazu müsste es die Sprache
und das Laufen beherrschen. Sein körperlicher Bau unterscheidet sich wesentlich
von dem des Erwachsenen. Es hat im Verhältnis zum restlichen Körper einen
riesigen Kopf, große Augen. Die Augen haben noch den Effekt, dass es auf den
Erwachsenen hilflos wirkt. Ein Kind wird von unglaublicher Neugierde und
Wissensdrang beherrscht. Um sich mitteilen zu können, lernt es die Sprache. Die
Sprache besitzt nicht nur Symbolfunktion, sie vermittelt auch Werte und dient somit
zur Erfassung der reellen Situation. Über die Sprache bekommt das Kind Werte mit.
Allein schon ein Adjektiv vor einem Substantiv bewertet den Gegenstand oder das
Ereignis. „Schau Dir mal die schöne Vase an“ oder „Das war eine lustige Situation.“
Löst im Kind eine Bewertung aus.
„Dass der Mensch ein Wesen ist, das erzieht, erzogen wird und auch auf Erziehung
angewiesen
ist,
ist
selbst
eines
der
fundamentalsten
Kennzeichen
des
Menschenbildes.“16
1) Der Mensch besitzt von Anfang an seine menschliche Endbestimmung. Seine
höchste Bestimmtheit besteht in der Sprache und Kultur, Denken, Gewissen,
Freiheit und Entscheidung.
2) Seine lange Entwicklungszeit dient ihm seine Person im Kontakt mit den
Umwelteinflüssen der Welt zu vollziehen. Erst durch Kontakt mit Umwelt
entwickelt sich unser Verhalten für jeden einzelnen zur charakteristischen und
zeitbedingten Form
3) Von Natur aus ist der Mensch ein lernbegieriges und lernfähiges Wesen.
Damit wird nicht nur das Wissen und Können gemeint, sondern auch die
Gesinnung und das Verhalten. Dieses führt zur Weltoffenheit und
Entscheidungsfreiheit. Um dieses zu erlernen, wird der Mensch zugleich das
16
Roth, Heinrich. (1971). Pädagogische Anthropologie. Band1, Bildsamkeit und Bestimmung. Hermann
Schroedel Verlag KG. Hannover. Seite 149
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
erziehungsbedürftigste und erziehungsfähigste Wesen. Er lernt dabei nicht nur
Verhaltens- und Leistungsformen, sondern benötigt auch die entsprechenden
Normen.
4) In der langen Schutz- und Pflegezeit ist der Mensch von Anfang an als
intelligentes und geistiges Wesen anzuerkennen. Sein Verhalten entwickelt
sich aus den Erfahrungen und der Verarbeitung dieser Erfahrungen. Um diese
Erfahrungen zu bekommen, muss er gelenkte, ausgewählte, seiner geistigen
Bestimmung entsprechende Erfahrungen machen. Diese gewonnenen
Erfahrungen führen in die geistige Freiheit und Mündigkeit des Einzelnen und
der Gruppe.
5) Zur Erfüllung gesellschaftlicher und sozialer Aufgaben ist der Mensch auf
Erfahrung angewiesen. Ohne das Lehren und Lernen kann er nicht zum Teil
einer Kulturgesellschaft werden und ohne seine Mitmenschen kann er nicht im
geistigen Sinne Mensch werden.
6) Die fremden Erfahrungen allein kann der Mensch nicht annehmen. Er braucht
das
produktive
Schaffen,
um
mit
seiner
jeweils
unterschiedlichen
Individuallage fertig zu werden. Das Entzünden des personalen Geistes, die
kulturschaffenden und -empfänglichen Kräfte, soll in ihm geweckt werden.
7) Um die Hilflosigkeit gegenüber den „Ohnmachtbereichen“ des Lebens (Tod,
Schuld, Versagen) überwinden zu können, haben sich die Einsichten der
Menschen seit Jahrtausenden in der Religion und Philosophie verdichtet.
„...was seine Mängel ausmacht, ist gleichzeitig sein Reichtum: die Kehrseite seiner
Lern- und Erziehungsbedürftigkeit
ist
seine unendliche Lern- und Erziehungs-
fähigkeit.“17
Nach Roth ist der Mensch also erziehungsbedürftig, um in seiner Umgebung Freiheit
zu erlangen. Dazu dient ihm die Sprache und die Kultur.
17
Roth, Heinrich. (1971). Pädagogische Anthropologie. Band1, Bildsamkeit und Bestimmung. Hermann
Schroedel Verlag KG. Hannover. Seite 149
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
Heinrich Roth
Eugen Fink
1) Freiheit durch Sprache, Kultur, Denken, - Freiheit von Anfang an
Wissen
- Erziehung als Grundstruktur
2) Verhalten durch Umgang mit anderen
3) Weltoffenheit und Entscheidungs-
menschlichen Daseins
- Selbstständigkeit
freiheit
- Formsuche des Menschen
4) Erfahrungen
5) Mensch werden
6) Individuallage
7) Ohnmachtbereiche
Erziehung für die Menschwerdung
Der Mensch allein erzieht.
des Menschen
Eugen Fink:
Der Mensch allein erzieht. Das Tier kann nicht erziehen und Gott braucht nicht
erziehen. Mit diesem Grunddenken steigt Fink in das gedankliche Modell der
Erziehungsbedürftigkeit ein.
Da der Mensch als Zwitterwesen seine Welt einrichten muss, wehrt er sich gegen die
niederziehenden Kräfte, die ihn zu einem Tier machen würden und versucht sich den
erhebenden Ziehkräften zu widmen. Sein Ziel ist Weisheit, Wissen und Gott. Um das
Geistige, das zunächst in ihm schlummert, zu wecken, muss er „erziehen“, bzw.
erzogen werden. Erziehung ist also eine Grundstruktur menschlichen Daseins.
Der Mensch weiß von seiner Imperfektheit und versucht nach „Vollendung“ zu
streben. Er ist sich über seine Existenz bewusst und sucht nach Antworten und stellt
fragen.
Erziehung gilt als Selbstformung des Menschen. Dabei wird die Selbstbezüglichkeit
des Menschenwesens überhaupt im Geschehen der Erziehung gemeint, d.h.
Erziehung findet nicht statt, wenn der Erzieher sich aus dem Einfluss entzieht. Er ist
immer am Geschehen beteiligt und verändert sich dabei selbst. Meistens geschieht
Erziehung unbewusst. Allein schon, wenn die Mutter dem Kind erklärt, das etwas
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
schrecklich aussieht oder an eine graue Maus erinnere, bekommt das Kind eine
Erziehung, eine Richtung vorgegeben. Denn dem Kind ist bewusst, schrecklich und
graue Maus sind negative Bezeichnungen. Auch als Erwachsener hat man keine
Möglichkeit sich der Erziehung zu entziehen. Allein schon ein Referat zu schreiben
weist den Menschen in eine Richtung. Der Professor stellt Erwartungen, denen sich
der Student zu unterziehen hat. Auch der Professor wird dabei erzogen, denn erfüllt
der Referent die Aufgabe nicht zur Befriedigung, lernt dieser, beim nächsten Mal
muss ich härter durchgreifen oder ich ändere die Bedingungen. Aber dies ist hat
auch das positive, dass man auf diese Weise immer neu lernt, Erfahrungen sammelt
und sich seinem Ideal annähern kann.
Die animalische Verwandtschaft sorgt dafür, dass die „mütterliche“ Seite den Zögling
behüte, nähre und berge, ihm Liebe und „Nestwärme gebe, während die göttliche
Seite, das väterliche Element, das Kind zur Selbstständigkeit leite, zur Mündigkeit.
Dabei kann ein Erzieher, ohne es zu bemerken, den Zögling nur erziehen, wenn er
selbst dabei miterzogen wird, so ist Erziehung ein Miteinander und nie ein einseitiges
Verhältnis.
Die Freiheit ist allerdings der Unterschied, der uns vom Tier trennt. Sie ist zugleich
auch der Grund der Erziehung. Da der Mensch sich nicht ins Dasein rufen kann,
muss er schon sein. Er findet sich als unbestimmtes Wesen vor, dass sich selbst erst
noch zu bestimmen hat. Allerdings kann diese Unentschiedenheit erst beseitigt
werden, wenn sich Bildung ereignet und diese kann nur entstehen, wenn ein Volk ein
kraftvolles Selbstverhältnis besitzt. Der Mensch wächst von Anfang an in einer
menschlichen Umgebung auf. Er lernt von ihnen, um bei ihnen überleben zu können.
Während er bei den Leuten aufwächst, übernimmt er ihre Sitten und die Art, die
Zielrichtung des Volkes. Um sich entscheiden zu können, was für ihn richtig und
falsch ist, muss er allerdings erzogen werden.
Dieses Selbstverhältnis ist meist ein Ideal und so beginnt der Mensch nach seinem
Ideal zu streben. Des weiteren fordert der Mensch nach einer Form. Er möchte sich
selbst eine Form geben, er sucht nach seinem Wesen so lange er lebt.
Der Mensch kann sich in seiner sozialen Struktur der Erziehung nicht entziehen,
denn sobald ein höherer von einem niederen eine Aufgabe zur Erfüllung stellt erzieht
dieser jenen schon.
Nach Fink ist der Mensch also erziehungsbedürftig, damit er seine Freiheit, die er
von Geburt an besitzt nutzen kann.
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Erziehungsbedürftigkeit – zentrale anthropologische Kategorie oder Alibi der Pädagogen?
Literaturverzeichnis:
 Fink, Eugen: Grundfragen der systematischen Pädagogik. Freiburg 1978

Hamann, Bruno: Pädagogische Anthropologie. Bad Heilbrunn 1998³

Roth, Heinrich: Pädagogische Anthropologie, Bd1. Bühl-Baden 1971³
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