Predigt über Joh 16,23b-28

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Predigt über Römer 3, 21-28
„Christsein in einer säkularen Welt“
besass der Predigttext des heutigen Abends Leitfunktion. Ich lese
aus dem dritten Kapitel des Römerbriefes die Verse 21-28:
zur Reformationsfeier am 31. Oktober 2013
„Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor
in der Trinitatiskirche in Köln
Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.
Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch
Liebe Brüder und Schwestern,
den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem
hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des
Herrn Jesus Christus!
Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne
Die Reformatoren, an deren Wirken wir heute erinnern, lebten
Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch
nicht in einer säkularen Welt. Zu ihrer Zeit, am Ausgang des
Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben
Mittelalters, war das Dasein der Menschen durch Religion geprägt.
hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner
Die Menschen glaubten sozusagen natürlicherweise an Gott. Sie
Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen
baten Heilige um Hilfe, rechneten mit Gottes Eingreifen in
wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine
Notlagen und verstanden Kriege und Missernten als Strafe des
Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht
Allmächtigen. Religiöse Riten und der Besuch sakraler Orte
macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus. Wo bleibt nun das
gehörten selbstverständlich zu ihrem Alltag hinzu. Die Kirche war
Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das
die tragende Institution der Gesellschaft.
Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens.
Entsprechend mussten die Reformatoren nicht dafür streiten, dass
So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des
Religion und Glaube an Gott wichtig sind. Sie stritten vielmehr um
Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“
das Wie. Sie stritten mit ihrer Kirche darum, wie an Gott zu
Die Reformatoren waren überzeugt, dass in diesem Text des
glauben ist, wer um Hilfe angerufen werden soll und welchen Sinn
Paulus das Wesen des Christseins auf den Punkt gebracht wird.
und welche Form religiöse Riten haben müssen. Bei diesem Streit
Inwiefern? Wie verstanden sie: Der Mensch wird gerecht ohne des
Gesetzes Werke, allein durch den Glauben?
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Luther,
Reformatoren
sie, der Mensch werde vor Gott allein durch den Glauben gerecht.
beobachteten, dass die Menschen ihrer Zeit durch ihr eigenes Tun
Mit dieser Rechtfertigung allein durch den Glauben ist nicht eine
versuchten Anerkennung vor Gott zu erwirken. Sie versuchten,
weitere, nun eben religiöse Leistung gemeint, in dem Sinne: Wer
durch Wallfahrten und besondere Frömmigkeit zu erwirken, dass
am meisten glaubt, wer am frömmsten ist, der ist der beste Christ.
Gott sie annimmt, oder durch den Kauf von Reliquien und
Nein, Rechtfertigung allein durch den Glauben heisst: Allein im
Ablässen zu erreichen, dass Gott ihnen die Strafen für ihre Sünden
Glauben an Gottes bedingungslose Annahme, die in Jesus Christus
erlässt.
realisiert ist, begreift der Mensch, wer er vor Gott ist. Im Glauben
Die
Zwingli,
Calvin
Reformatoren
und
kritisierten
die
anderen
dieses
Verhalten
als
lässt sich der Mensch Gottes Gnade gefallen, lässt er zu, dass Gott
„Werkgerechtigkeit“. Werkgerechtigkeit bedeutet: Der Mensch
ihn annimmt, ohne dass er etwas dafür tun kann.
versucht durch seine eigenen Werke, seine eigenen Leistungen für
Die Reformatoren waren überzeugt: Anders geht es gar nicht. Der
Gott akzeptabel zu sein und Anerkennung seines Lebens durch
Mensch kann gar nicht durch sein eigenes Tun Anerkennung vor
Gott zu erwirken. Gegen diese Grundhaltung, in der der Mensch
Gott erwirken. Wenn er versucht, sich durch seine eigene Leistung
mit Gott so handelt, als wäre dieser ein Schulmeister, der Leistung
vor Gott ins rechte Licht zu setzen, wenn er versucht, sich selbst
belohnt und Fehlleistung bestraft, wandten die Reformatoren ein:
vor Gott annehmbar zu machen, dann bleibt er ja ganz bei sich
Der Mensch muss nichts tun, um von Gott angenommen zu
selbst. Und dann funktionalisiert er Gott für sich selbst. Diese
werden. Gott nimmt den Menschen allein aus Gnade an.
selbstbezogene Haltung ist für die Reformatoren die eigentliche
Die Reformatoren waren überzeugt: In Jesus Christus vollzieht
„Sünde“ des Menschen. Letztlich, so meinten Luther und die
sich diese Gnade Gottes, weil sich Gott in ihm ganz auf das Leben
anderen, ist jeder Mensch in dieser grundlegenden Hinsicht um
und Leiden der Menschen einlässt. Nicht die Entfernung des
sich selbst besorgt. Er ist unentwegt auf der Suche nach
Menschen von Gott durch Versagen und Schuld, sondern die Nähe
Anerkennung, will seine eigene Stellung verbessern, sich
Gottes zum Menschen hat das letzte Wort.
gegenüber anderen ins rechte Licht setzen. Wenn jemand
Die Antwort des Menschen auf dieses Handeln Gottes ist für die
beispielsweise einem anderen Menschen etwas Gutes tut, dann
Reformatoren zuerst und zuletzt der Glaube. Deshalb formulierten
fragt er sich dabei stets auch: Was bekomme ich selbst dafür?
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Oder: Inwiefern verbessert dies das Bild, das andere von mir
mit der Säkularität unseres Staates. Religion solle ganz aus dem
haben? Oder: Bin ich nicht eindrucksvoll selbstlos? Die
öffentlichen Raum verbannt werden, sie solle allenfalls im privaten
Reformatoren gaben Paulus Recht: „es ist hier kein Unterschied:
Bereich noch zulässig sein.
sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei
Das ist der eine, der im strengen Sinne säkularistische Kontext, in
Gott haben sollten“. Deshalb ist ein Ausbruch aus dieser
dem Christsein heute stattfindet. Wie sollen wir Christen damit
verkehrten Haltung nicht durch den Menschen, sondern nur durch
umgehen? Mir scheint, zuerst ist hier Nüchternheit gefordert und
Gott möglich. -
klare Erinnerung daran, was denn eigentlich der Sinn der
Das waren die theologischen Einsichten, für die die Reformatoren
Säkularität unseres Staates ist. Säkular ist unser Staat darin, dass er
kämpften und die, nachdem sie weiten Nachhall in der
keine Religion privilegiert und religiöse Lebensformen nicht
Bevölkerung und bei politischen Herrschern gefunden hatten,
gegenüber nichtreligiösen bevorzugt. Aber das Umgekehrte gilt
grosse kirchliche und gesellschaftliche Veränderungen nach sich
eben auch. Verbannung der Religion aus der Oeffentlichkeit wäre
zogen.
die Priveligierung des Nichtreligiösen. Dafür sollte der unser Staat
Heute nur scheint sich keiner für sie zu interessieren. Das Dasein
angesichts der deutschen Geschichte nicht gutstehen. Christen
der Menschen ist nicht mehr durch Religion geprägt. Wir streiten
sollten gegen einen derartigen Säkularismus gemeinsam mit
heute kaum noch um das Wie der Religion, sondern – wenn
Menschen anderer Religionen eintreten. -
überhaupt - um das Ob, streiten darum, ob Religion überhaupt
Der andere Kontext, in dem wir Christen leben, ist die
noch sinnvoll ist. In letzter Zeit, bei jedem Problem mit Kirche und
Säkularisierung. Wir leben in einer säkularen Welt, insofern in den
Religionen, melden sich laute Stimmen zu Wort, die klagen,
letzten Jahrhunderten die christliche Prägung in unseren Breiten
Religion halte Menschen unmündig, wer aufgeklärt und modern
stetig abgenommen hat. Der Anteil der Kirchenmitglieder ist
leben wolle, der könne nicht länger den alten Konzepten anhängen.
zurückgegangen.
Der Glaube an Gott
daran, sich in
Selbstverständlichkeit mehr. Der christliche Glaube ist nur noch
Verantwortung ihren Aufgaben in dieser Welt zu stellen und führe
eine Option unter anderen. Die Frage nach der Rechtfertigung des
zu Weltflucht oder Intoleranz. Deshalb sei endlich ernst zu machen
Menschen vor Gott treibt kaum noch jemanden um.
hindere Menschen
Religiös
zu
sein
ist
eben
keine
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Doch stimmt das? Kennt unsere Gesellschaft diese Fragen wirklich
meine Entscheidungen und Erfahrungen anerkennen und wie sie
nicht mehr – oder begegnen sie nur in säkularem Gewand?
mit meinen Fehlern umgehen, beschäftigt doch.
Schauen wir genauer hin.
Die Aufgabe von Christen kann nicht sein, in dieser Situation
Menschen versuchen sich nicht mehr vor Gott zu rechtfertigen,
Menschen, die ohne Gott leben und leben wollen, einzureden, dass
aber sie suchen – so scheint mir – sehr wohl nach einer
sie nun ja merkten, dass sie Gott eben doch brauchten und dass
Rechtfertigung ihrer selbst, ihres Lebens, ihrer Entscheidungen.
Ruhe in ihr Leben erst dann einkehrt, wenn auch sie endlich
Denn
unzählige
anfangen an Gott zu glauben. Es gehört zur Redlichkeit im
Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten, das am besten
Umgang mit anderen Menschen, ihr Selbstverständnis ernst zu
bewertete Hotel für die Ferienreise auszusuchen, den richtigen
nehmen und sie, wenn sie ohne Glauben an Gott leben wollen,
Beruf zu wählen, den passendsten Partner fürs Leben zu finden.
auch als solche anzunehmen. Und es gehört zur Redlichkeit
Wo früher die Wege vorgegeben waren, muss heute stets neu
gegenüber unserem eigenen Glauben, Gott nicht erneut als eine
herausgefunden werden, was richtig ist.
Grösse einzuführen, die eine bestimmte Funktion für den
Damit bleiben aber Fragen: Ist es wirklich richtig? Hätte es noch
Menschen, eben die der Rechtfertigung des eigenen Lebensweges,
bessere Optionen gegeben? Finden die anderen auch, dass ich es
erfüllen soll.
gut gemacht habe? Oder, medial gewendet: Gibt es genug, die
Aber: Wenn Menschen uns fragen, wie wir uns selbst verstehen,
meine Facebook-Freunde werden wollen? Werden die anderen
was uns in unserem Leben wichtig ist, wie wir mit der Frage der
meine
eine
Rechtfertigung unseres Lebens umgehen, dann sollten wir uns
Entscheidung treffe, die nicht von allen akzeptiert werden wird?
nicht schämen, zuzugeben, dass wir versuchen unser Leben mit
Was, wenn ich versage?
Gott zu leben. Wir sollten erklären können, was es für das Leben
Es ist vielleicht nicht mehr Gott, demgegenüber die meisten
von Christen bedeutet, dass sie ihre letzte Identität nicht aus ihren
Menschen nach Anerkennung suchen, aber die Frage, ob das
Entscheidungen und Leistungen ziehen, sondern daraus, von Gott
eigene Leben von anderen als gerechtfertigt angesehen wird, ob sie
angenommen zu sein. „Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist
in
unserer
Zeit
Entscheidung
gibt
„liken“?
es
Und
vordergründig
was,
wenn
ich
ausgeschlossen.“ Wir sollten sagen können, was es für uns
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bedeutet, dass Versagen und Schuld von Gott gnädig vergeben
Von dieser Gnade zu leben bedeutet nicht, in dieser Welt untätig
wird.
zu sein und alles sanftmütig gutzuheissen, was geschieht. Wer von
Mir scheint, darüber sprechen zu können, ist in unserer Zeit
der Gnade Gottes her lebt, der weiss, welche Dinge nur aufgrund
besonders wichtig. Denn unsere Gesellschaft ist ungnädig
von Gnade vor Gott Bestand haben können. Und wer von ihr her
geworden, gerade durch die neuen medialen Formen. Shitstorms,
lebt, der kann, frei von der Sorge um Anerkennung und
hemmungslose Beschimpfungen sind hier an der Tagesordnung.
Selbstrechtfertigung, danach fragen, was der Andere an Gutem von
Die Möglichkeit, Kritik und Verachtung Anderer ohne Nennung
ihm braucht.
des eigenen Namens öffentlich machen zu können, scheint alle
Wenn wir so von der Gnade Gottes her leben in einer säkularen
Dämme an Anstand und Fairness zu brechen. Menschen, die in der
Welt, vielleicht lädt das dann auch Andere zum Glauben ein.
Öffentlichkeit stehen, erleben dies besonders brutal. Es wird nicht
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre
mehr nur einzelnes Fehlverhalten kritisiert, sondern man begegnet
Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen!
den Betreffenden mit manchmal fast genüsslicher Verachtung. Hier
hat die reformatorische Rechtfertigungslehre ungeheure Aktualität.
Dass Gott den Menschen allein aus Gnade annimmt, heisst, dass
für Gott ein Mensch mit dem, was er geleistet oder nicht geleistet
hat, nicht identisch ist. Gottes Gnade unterscheidet zwischen
Person und Werk. Christen sollten in unserer säkularen
Gesellschaft an diese Gnade Gottes erinnern, indem sie, wenigsten
sie, gegenüber anderen Menschen gnädig sind. Christen sollten
sich nicht an spöttischer Verachtung und billiger Schelte
beteiligen. Dadurch lassen sie andere etwas spüren von der Gnade,
von der sie selbst leben.
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