Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder

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BULLETIN
DER
BUNDESREGIERUNG
Nr. 48-2 vom 11. Juli 2001
Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder
zur Eröffnung der neu gestalteten Dauerausstellung im Haus der Geschichte
am 9. Juli 2001 in Bonn:
Sehr geehrter Herr Professor Schäfer,
meine sehr verehrten Damen und Herren!
Wer sich als Politiker mit dem Thema „Geschichte“ auseinander setzt, sollte zwei
Dinge bedenken.
Erstens: Politik ohne Geschichte gibt es nicht. Ich meine das nicht etwa nur in dem
Sinne, dass uns die Geschichte immer wieder „einholt“. Eine geschichtsvergessene
Kultur und Politik würde auch an der Aufgabe, Gegenwart zu begreifen und auf
dieser Basis Zukunft
zu
gestalten,
notwendig scheitern.
Deshalb
ist die
Auseinandersetzung so wichtig. Übrigens: Dass das für Deutschland in besonderem
Maße gilt, habe ich in meinem Amt in einer Heftigkeit erfahren, die mich gelegentlich
– ich muss es so sagen - überrascht hat.
Zweitens: Geschichtsforschung und geschichtliche Darstellung müssen sich ihrer
Gegenwärtigkeit stellen. Es reicht eben nicht, bloß abstrakte Strukturen und
Prozesse zu vermitteln. Das Erlebte der Menschen eröffnet - zusammen mit einer
öffentlichen Debatte und der politischen Analyse - eine Perspektive, die
Wesentliches zum Selbstverständnis der Gesellschaft beitragen kann und – ich bin
dessen sicher – beitragen wird.
Genau in diesem Sinne hat das Haus der Geschichte in den sieben Jahren seines
Bestehens außerordentlich erfolgreich gearbeitet. Ergebnis dieser Arbeit ist auch die
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große Akzeptanz beim Publikum - wir haben, Herr Professor Schäfer, über die
Zahlen geredet -, die gar nicht genug gewürdigt werden kann und die auch anhält,
seitdem die Besuchergruppen der Abgeordneten nicht mehr hier sind. Dies betrifft
übrigens
auch
das
von
der
Stiftung
Haus
der
Geschichte
aufgebaute
Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig, das wir miteinander im Oktober 1999 eröffnet
haben.
Beeindruckt hat mich dabei die konsequente Besucherorientierung. Komplexe und
komplizierte Sachverhalte werden in den Ausstellungen anschaulich präsentiert,
ohne dass dabei auf wissenschaftliche Maßstäbe verzichtet wird. Wir haben in
unserem kurzen Vorgespräch darüber geredet, was Sie gelegentlich, sozusagen als
leichten Vorwurf dargereicht bekommen, das hier sei doch Disneyland. Sie haben,
wie ich finde, zu Recht darauf erwidert: Warum nicht? Wir sind leider nur nicht so gut
wie sie. Ich würde hinzufügen: im Übrigen auch nicht so reich.
Aber diese Besucherorientierung ist richtig. Die Kritik dagegen, die so ein wenig von
oben herab geäußert wird, ist falsch. Denn das, was Sie hier leisten, Komplexität
anschaulich und damit Geschichte im guten Sinne des Wortes erfahrbar, anfassbar
zu machen, das hilft ganz vielen Menschen, die sich nicht jeden Tag wissenschaftlich
mit Geschichte befassen können und auch nicht wollen.
Zu den Prinzipien der Ausstellungen, die sich übrigens in beiden Häusern bewährt
haben, gehören – Sie haben darauf hingewiesen - der Einsatz modernster Medien
und eine Interaktivität, die aus Besuchern Nutzer historischer Informationen machen
soll und kann. Hohe Anerkennung verdienen die Ausstellungsmacher, so finde ich,
auch dafür, dass sie das eigene Werk noch einmal gründlich überarbeitet haben. Die
Ausstellung über die Geschichte seit den 70er Jahren wurde konzeptionell verändert
und ergänzt.
„Zeitgeschichte“ – das hat Barbara Tuchman, die große Dame der amerikanischen
Geschichtswissenschaft, einmal gesagt - „ist Geschichte, die noch qualmt.“ Hier kann
man das riechen oder jedenfalls spüren, wenn ich an einige Ausstellungsstücke
denke. Umso schwieriger ist natürlich die Aufgabe, so „zeitnah“ die Geschichte
dieser letzten Jahrzehnte zu präsentieren und neuen Interpretationen zu öffnen.
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Ich denke, meine Damen und Herren, das geht an uns, die wir heute dabei sein
können, aber auch an viele, die noch kommen werden. Ich hoffe, dass die
anwesenden Medien kräftig Werbung machen – nicht für mich, sondern für das Haus
der Geschichte, damit das klar ist. Wir alle zusammen sollten Hermann Schäfer und
seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, seiner Mannschaft also, danken, dass sie
sich dieser großen Herausforderung so erfolgreich gestellt haben. Wenn ich das
sage, kommt das von Herzen.
Die vielleicht wichtigste Funktion des Hauses der Geschichte liegt darin, zu zeigen,
dass die deutsche Nachkriegsgeschichte ihre „Eigengewichtigkeit“ - auch im
Vergleich zu anderen Epochen - hat. Das muss immer wieder deutlich gemacht
werden. Ich denke, nach mehr als 50 Jahren gelungener Demokratie und friedlicher
Entwicklung in einem prosperierenden Europa sollten wir diesem Kapitel den ihm
zukommenden Platz in der deutschen Geschichte einräumen. Natürlich steht es der
Politik nicht zu, historische Wertungen für sich zu beanspruchen.
Aber in diesem Zusammenhang möchte ich doch auf die Einschätzungen von
Historikern wie etwa Kurt Sontheimer oder Fritz Stern verweisen, der gesagt hat:
„Die alte Bundesrepublik hat etwas geleistet, was in den vorhergehenden
Jahrzehnten nicht erreicht wurde - die Überwindung der alten Zerrissenheit. Dank
wirtschaftlicher Kraft, aber auch dank eines neuen Denkens hat die Bundesrepublik
eine innere Befriedung geschaffen. Die Entschärfung innerer Kämpfe gab der
bundesrepublikanischen Außenpolitik ihre Beständigkeit“. So weit Fritz Stern.
Und Kurt Sontheimer merkt an:
„Das neue Deutschland (…) ist auch nach der Wiedervereinigung eine (…) zivile
Republik, die den verhängnisvollen historischen Sonderweg Deutschlands für immer
verlassen hat - so war Deutschland nie“.
Geschichte ist immer auch ein Moment der Selbstvergewisserung einer Nation. In
diesem Zusammenhang ist die Geschichte der Bundesrepublik auch deshalb
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bedeutsam, weil es endlich gelungen ist, den alten Gegensatz von „Nation“ auf der
einen Seite und „Demokratie“ auf der anderen Seite zu überwinden. Unsere
nationale Identität ist heute Teil einer europäischen Identität - ohne in ihr
aufzugehen. Jenes „rätselhafte“, nicht nur seinen europäischen Nachbarn Sorgen
bereitende Deutschland, das sich zwischen Nation und Demokratie nicht entscheiden
kann - jenes Deutschland gibt es heute nicht mehr.
Es sind klar benennbare Faktoren und Prinzipien, die dieses Deutschland der
Nachkriegsgeschichte auszeichnen:

die Festigkeit unserer auch in Konflikten bewährten Demokratie,

die Verankerung im Wertesystem von Freiheit, Teilhabe und Menschenrechten;

die feste Einbindung in unsere auf diese Werte gebauten europäischen und
transatlantischen Bündnisse, aber auch

die Erfahrung einer friedlichen Revolution im Osten Deutschlands, die durch die
Zivilcourage der Menschen die deutsche Einheit ermöglicht hat.
Das sind Bedingungen, die uns heute sagen lassen können: Deutschland ist eine
demokratische Nation geworden.
Diese Erfolgsgeschichte, auf die wir durchaus mit Stolz blicken können, ändert
allerdings nichts an zwei fundamentalen Tatsachen.
Erstens: Natürlich ist die Zukunft offen. Die Geschichte gibt uns eine Handhabe, aus
positiven wie aus schrecklichen Erfahrungen Lehren für die Gestaltung der Zukunft
zu ziehen. Aber Freiheit und eine Entwicklung in Wohlstand und Wohlfahrt, in
Teilhabe und Gerechtigkeit müssen stets aufs Neue erworben, manchmal auch
erkämpft werden. Dies wissen wir nicht nur aus der deutschen Erfahrung – aber vor
allen Dingen daraus. Aber wir wissen es auch in unserer Verpflichtung, für Stabilität,
Freiheit und Menschenrechte auf dem europäischen Kontinent und darüber hinaus
einzustehen.
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Zweitens: Geschichte kennt keine abschließenden Urteile, zumal über die jüngere
Vergangenheit. Und sie kennt – das gilt es, zu unterstreichen – keine wie auch
immer gearteten Schlussstriche. Dies gilt für die unvorstellbaren Verbrechen des
Nationalsozialismus,
für
zwei
von
Deutschen
angezettelte
Weltkriege
im
20. Jahrhundert. Aber es gilt auch, wenngleich in anderer Form, für die
Beschäftigung mit der zweiten, der stalinistischen Diktatur. Die Konfrontation mit
Geschichte ist politischer Alltag - nicht nur in Deutschland, aber hier vielleicht in
besonderem Maße. Das ist übrigens nicht nur Last, sondern auch Chance - ob bei
der längst überfälligen Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter, die wir endlich auf
den Weg gebracht haben, oder beim Umgang mit Stasi-Akten:
Die Auseinandersetzung mit Geschichte, mit historischer Verantwortung ist Teil
unserer Gegenwart. Diese Auseinandersetzung ist aber nicht allein Sache der
Politiker. Man muss gar nicht erst auf die unerträglichen Ausschreitungen von
Fremdenhass und Rechtsradikalismus hinweisen, um zu wissen, dass eine
selbstbewusste, demokratische Gesellschaft das historische Erinnern braucht. Dies
umso mehr, als immer weniger Zeitzeugen unmittelbar von jenen Epochen des
Militarismus, Nationalsozialismus und totalitärer Diktatur, aber auch von den Zeiten
des demokratischen Aufbaus berichten können. Das erhöht die Anforderungen an
historische Vermittlung, die sich in unserer Mediengesellschaft durchaus dem
Wettbewerb um öffentliche Aufmerksamkeit stellen muss und – wie hier gezeigt wird
– auch stellen kann. Vor dieser Aufgabe steht immer wieder das Haus der
Geschichte.
Ein bekannter englischer Historiker hat darauf hingewiesen, dass der Missbrauch
von Geschichte zu ideologischen oder machtpolitischen Zwecken heute weniger auf
Lügen als auf Mystifizierungen und Mythologien beruht.
In diesem Zusammenhang ist es ganz entscheidend, auf welche Weise eine Nation
die verschiedenen Abschnitte ihrer Geschichte in ihre eigene nationale Identität
einbindet. Dabei kann und soll man nicht ein einheitliches Geschichtsbild aller
Deutschen anstreben. Das würde sicher auch nicht gelingen. Wie Geschichte
gesehen und wahrgenommen wird, hat immer auch mit den eigenen Erfahrungen zu
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tun - nicht nur den Erfahrungen von Geschichte, sondern auch den Erfahrungen von
Gegenwart.
Aber deshalb ist auch der jetzt in dieser Ausstellung neu gestaltete Abschnitt unserer
jüngsten Geschichte so interessant. Es hat ja darüber vor kurzem, wenn schon
keinen Historiker-Streit, so doch einen Politiker- und Medien-Streit gegeben.
Bekanntlich weiß ich über diese Zeit, die Bernd Faulenbach die „zweite DemokratieGründung“ genannt hat, auch aus eigenem Erleben einiges. Und auch wenn es Viele
nicht glauben wollen: Andere waren zwar vielleicht lauter und radikaler – aber wir
Jungsozialisten waren in dieser Bewegung auch eine Menge. Wir wollen uns
übrigens auch gar nicht wegschleichen. Das würde uns auch nicht gelingen. Wie der
eine oder andere weiß: Das holt einen immer wieder ein.
Für die politische Generation, die heute Verantwortung in Deutschland trägt, waren
die hier beschriebenen Jahre prägend für ihre politische Sozialisation – wie das so
schön heißt. Sie machen das aus, was ich einmal als „Biografien gelebter
Demokratie“ bezeichnet habe. Ich denke, die politische Debatte um die Würdigung
jener Zeit hat uns gezeigt, dass dieser Staat und seine Geschichte nicht einer Partei
gehören und auch nie gehören können - ebenso wenig, wie die deutsche
Nachkriegsgeschichte nur einem Teil der Bevölkerung gehört, und die anderen,
namentlich die Menschen aus Ostdeutschland, aus dieser Geschichte ausgesperrt
werden könnten.
Die Bundesrepublik ist und bleibt ein Gemeinwesen kultureller und biografischer
Vielfalt und des politischen Pluralismus. Diesem Ziel entspricht auch die geplante
größere Eigenständigkeit des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig, die umgesetzt
werden wird.
Dabei wird natürlich eng mit Ihnen, Herr Professor Schäfer, zusammengearbeitet.
Mein Dank geht an die drei Stiftungsgremien: Kuratorium, Wissenschaftlicher Beirat
und Arbeitskreis gesellschaftlicher Gruppen. Sie haben den Fortgang der Arbeit
konstruktiv begleitet und, wo nötig, wirksame Hilfestellung geleistet.
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Ich wünsche mir das Haus der Geschichte als Ort der Begegnung - nicht nur von
Deutschen aus Ost und West, sondern genauso zwischen Menschen aus unseren
Nachbarländern, aus Europa und der Welt.
Dem Haus der Geschichte, vor allem aber seinen Besucherinnen und Besuchern,
wünsche ich weiterhin viel Erfolg und intensive Verständigung über unsere
Geschichte, Gegenwart und Zukunft.
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