Zwei zentrale Begriffe der Soziologie: Struktur und Funktion

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Reinhold Knoll
Die zentralen Begriffe in der Geschichte der
Soziologie
Wie es zur Soziologie kam.....
Als in der Mitte des 18. Jahrhunderts die französische Enzyklopädie
herausgegeben wurde, beschrieb Diderot selbst diese neue Erfindung der
„Aufklärung“: den Staatsbürger (citoyen). „Der Name Statsbürger kommt
weder denen zu, die unter einem Joch leben, noch denen, die vereinzelt leben woraus folgt, dass diejenigen, die ganz und gar im Naturzustand leben wie die
Herrscher, und die, welche diesen Zustand völlig aufgegeben haben wie
Sklaven, nicht als Staatsbürger angesehen werden können; es sei denn, man
behauptete, dass es überhaupt keine vernünftige Gemeinschaft gebe, indes
auch kein unveränderliches moralisches Wesen gebe, das über der
souveränen physischen Person steht.“ (dt.: Die Welt der Encyclopédie, hrsg.
Anette Selg, Rainer Wieland, Frankfurt 2001, S.375)
Während im 17. Jahrhundert in der politischen Theorie Thomas Hobbes noch
keinen Unterschied zwischen Staatsbürger und Untertnen machte, war
nunmehr diese Definition von Diderot der Hinweis auf einen gewaltigen
sozialen Wandel. Der moderne Staat, der im Absolutismus und nach dem
Religionsfrieden von Münster und Osnabrück 1648 errichtet wurde, hatte
eigentlich unabsichtlich eine „Gesellschaft“ geschaffen. Diese „Geburt“ der
„Gesellschaft“ ist kurz zu erzählen.
Bekanntlich hatte die Reformation im 16. Jahrhundert die Einheit west- und
mitteleuropäischer Christenheit gesprengt. Der Verlust dieser europäisch
zentrierten Universalität stürzte Europa sowohl in eine „Bewusstseinskrise“,
als auch in schwere militärische und soziale Konflikte. Es dauerte fast 150
Jahre, ehe man diesen Konflikt beilegen konnte. Das Thema des
Friedensvertrages von 1648 war, dass die getrennten Konfessionen in
eigenständige politisch „Regionen“ bestehen sollen. Selbst wenn noch immer
ein loses Band einer politischen Zugehörigkeit zum mitteleuropäischen Reich
der Habsburger erhalten bleiben sollte, waren die „Emanzipationen“ der
westeuropäischen Mächte stark genug, sich aus dem „Imperium“ der
vormaligen abendländischen Kaiser zu lösen. Seither gibt es in Europa bis in
das 20. Jahrhundert den „Westen“.
Der „Osten“ Europas ist hingegen weit früher aus dem gesamteuropäischen
Kontext „entfernt“ worden. Die Ursache war auch hier eine Glaubensspaltung,
die auf das Schisma von 1040 zurückgeht. Diese wurde im Konzil von Florenz
1453 unwiderruflich vollzogen. Obendrein war mit der Eroberung
Konstantinopels durch das osmanische Reich diese für Europa wichtige
historische Tradition beendet worden. Dessen vormalige politische Rolle war
Schritt um Schritt von Russland übernommen worden. Bis heute repräsentiert
es daher politisch den „Osten“.
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Diese Vorbedingungen begünstigten den Entwurf des „Staates“ im
französischen Absolutismus unter Ludwig XIV. Dieser war bald das Muster für
alle anderen Regionen. Die etwas mildere Form nannte man schließlich einen
„wohlfahrtsstaatlichen Absolutismus“, für den Josef II. oder Friedrich II.
repräsentativ waren. Der Staat erhielt eine straffe Verwaltung und zugleich
einen möglichen Zugriff auf die Lebensbereiche der Bewohner. Allerdings
wurde damit gegenüber diesem neuen Staat „indirekt“ eine „Gesellschaft“
eingerichtet. Im Zuge der Aufklärung rückte diese immer mehr in den
Mittelpunkt der politischen Interessen, wurde zum Gegenstand der Analyse
und des Rechts. Es war somit nicht mehr zu verhindern, dass man auch über
„Verbesserungen“ der Gesellschaft nachdachte, nachdem Vergleichbares in
den Reformen für den Staat stattgefunden hatte. Es ist vermutlich diesem
Umstand zu verdanken, dass Ideologien und Utopien in der Entwicklung der
Soziologie eine so dominante Position einzunehmen begannen. In ihnen sind
auch die Wurzeln für Liberalismus, Nationalismus und Sozialismus zu
erblicken.
Der absolutistische und „aufgeklärte“ Staat hatte deshalb eine so überragende
Bedeutung gewonnen, da er sich gezwungen sah, seine Legitimation nicht
mehr aus der alten Einheit christlichen Bekenntnisses abzuleiten. Er musste
dafür neue Instanzen geltend machen. Somit waren Rechtswissenschaft,
Verwaltungslehre, Naturwissenschaft und Ökonomie, Kunst und Philosophie
gleichsam zu „geistig-politischen“ Mächten geworden, die die vormals religiös
bestimmten Orientierungen und Legitimationen ersetzten. Es waren
„Substitutionen“, die den Blick auf den Menschen, auf dessen
Gemeinschaftsformen und auf den Staat veränderten.
Die logische Konsequenz kann so beschrieben werden, dass sowohl die
industrielle als auch die französische Revolution diese neue politische und
gesellschaftliche Wirklichkeit zu formulieren und zu nutzen wussten. Keine
Wissenschaft schien geeignet, eine adäquate Interpretation zu bieten, nicht die
juristischen im weitesten Sinn und auch nicht die traditionelle
Sozialphilosophie. Es war daher eine „Soziologie“ erforderlich, von der
Auguste Comte wirklich behaupten konnte, sie sei die einzige Wissenschaft,
die sich diesen neuen Verhältnissen zu stellen vermag und er sie deshalb als
„positive“ Wissenschaft“ ausgab.
Diese knappe Einleitung hat nicht den Sinn, etwa die Geschichte einer
Wissenschaft möglichst schnell zusammenzufassen, deren Bedeutung zu
mindern oder sie als Zeiterscheinung zu beschreiben, sondern bereits zu
diesem Zeitpunkt ist zu erkennen, dass eine Soziologie sehr schnell eine
eigenständige
Terminologie
zu
entwickeln
hatte,
eine
neue
„Wissenschaftslehre“, die sich anfänglich noch der Geschichte als
empirischer
Grundlage
bedienen
musste
und
zugleich
ihren
Untersuchungsgegenstand
gegenüber
den
traditionellen
Disziplinen
abgrenzen musste. Jedenfalls schien die alte Sozialphilosophie diese Fähigkeit
nicht mehr besessen zu haben. Auch die Geschichtswissenschaft schien nicht
wirklich in der Lage gewesen zu sein, die neuen Faktoren in Politik, Ökonomie,
Wissenschaft und Industriesystem in ihrer Bedeutung einzuschätzen. So
musste wirklich die Soziologie „erfunden“ werden, vor allem hofften die
Pioniere, die gewaltige Destabilisierung von Gesellschaft und Staat nach den
Revolutionen und nach dem Desaster der napoleonischen Kriege zu beenden 2
ein Motiv, das weit über Emile Durkheim hinaus als Begründung für die
Wichtigkeit soziologischen Wissens angegeben wird.
Wie die Soziologie begann....
Die Folgen der französischen Revolution waren in mehrfacher Hinsicht ein
Wendepunkt in der Geschichte Europas. Im Rückblick kann man die Lehre
ziehen, dass die politische Zuspitzung der Aufklärung zwar zu jenem sozialen
„Prozess“ führte, der die Monarchie in Frankreich beendete, aber damit waren
die Hoffnungen der Republik nicht erfüllt worden. Icht nur die politische
„Normalisierung“ durch Napoleon hatte die kurze Zeit der „Volksherrschaft“
abgelöst, sondern für lange Zeit wurde das politische System Frankreichs
destabilisiert. Revolutionen und Revolten brachten unruhige Zeiten und
endeten vermutlich in der demütigen Niederlage 1871. In Versailles
veranstaltete der deutsche Reichskanzler Bismarck die Ausrufung des
preußischen Königs zum deutschen Kaiser. Schlimmer konnte eine Epoche
nicht enden. Deshalb war der Frieden Frankreichs mit Deutschland nach dem
1. Weltkrieg ebenfalls in Versailles geschlossen worden, um sich für diese
blamable Geschichte zu revanchieren.
Nun war Auguste Comte ein sehr versierter Beobachter der politischen
Wechselfälle in Frankreich. Er war ja im Revolutionsjahr 1789 geboren worden,
konnte die Zeit Napoleons bereits miterleben und schließlich das
„Bürgerkönigtum“ unter Louis Philippe. Vermutlich war er von dem großen
System der Philosophie der Geschichte von Hegel beeinflusst, weshalb er ein
vergleichbares System
entwerfen wollte, natürlich mit den Vorbehalten
gegenüber jeder Metaphysik, weshalb er sich für eine „positive Philosophie“
entschied. Er fühlte sich ja der französischen Tradition des „Szientismus“
verbunden und war der Überzeugung, dass Geschichte und Transzendenz,
Rationalität und Metaphysik in jeder Form einer Verbindung in die falsche
Richtung gehen. Eigentlich habe die Philosophie eine Wissenschaft zu sein.
Nur so sei sie fähig, die entscheidenden Faktoren der gesellschaftlichen
Entwicklung aufzudecken, deren Entwicklungen zu identifizieren und vielleicht
auch künftig zu steuern.
Für den Soziologen ist es ja wichtig, über eine Wissenschaft von der
Gesellschaft zu verfügen, was nicht möglich wäre, würde man nicht die
Faktoren gesellschaftlicher Entwicklung entdecken können und auf der
anderen Seite Tendenzen in dieser Entwicklung rechtzeitig wahrzunehmen.
Das Konzept von Comte schien beides anbieten zu können. Die Faktoren
gesellschaftlicher Entwicklung lassen sich historisch-empirisch erheben,
andererseits soll es einen regelmäßig wiederkehrenden Verlauf historischpolitischer Prozesse geben. So ungefähr hatte Comte sein Gebiet beschrieben.
Die Voraussetzung dieser Interpretation war natürlich die „positivistische
Methode“. Er behauptete, dass es eine solche Methode gebe, als Beweis
nannte der den Fortschritt der Wissenschaften und beobachtete zugleich, wie
die Naturwissenschaften die älteren „Geisteswissenschaften“ überrundeten.
Die Naturwissenschaften hätten zuverlässige und konkrete Ergebnisse
gebracht, das war insgesamt die Ansicht der meisten Intellektuellen und
dahinter müsse wohl ein besonderes Merkmal von „Vernunft“ stecken. Darin
liegt auch die Ursache für die Bezeichnung der Soziologie als „soziale Physik“,
die Comte ebenfalls als Bezeichnung für sein Tun verwendete. Diese
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Bezeichnung enthüllt eindeutig, dass Comte erhoffte, die Soziologie könne
eine besondere Art von Naturwissenschaft sein, zumindest in ihrer Fähigkeit
zur sozialwissenschaftlichen Erkenntnis eine ähnliche Qualität des Wissens
erzeugen.
Mit der Erfindung des Wortes „Soziologie“ hatte Comte angedeutet, ab nun
werde es eine Wissenschaft geben, die eine treue Begleiterin der Gesellschaft
sein werde, um sie vor Irrtum und Fehlentscheidung zu bewahren. Und es zählt
zum Bekenntnis des Szientismus, dass man vor Irrtum bewahrt werden kann,
sollte man eben nicht mehr spekulativ denken, sondern „positiv“. Da dürfe es
keine Metaphysik geben, an deren Stelle würde man Gesetze sozialer Verläufe
kennen, die die sozialen Veränderungen bestimmen und zugleich in der
Ermittlung sozialer Tatsachen eine Interpretation der Gesellschaft erlauben natürlich unter Beiziehung historischen Wissens.
Im Sinne dieser Konstruktion entwickelte Comte ein „System“, in dem dieses
bekannte „Dreistadien-Gesetz“ als Erklärungsmodell dient, da es das
Phänomen des Fortschritts als notwendige Abfolge erklärt, nämlich die
Neigung der Menschen, stets höhere „Stadien“ ihres Lebens- und
Daseinsvollzugs anzustreben. Die Weltgeschichte zeige eine stufenweise
Entwicklung des Bewusstseins. Darin ist die Hypothese von Comte enthalten,
dass
er
keine
Weltgeschichte
entschlüsseln
wollte,
auch
„Menschheitsgeschichte“ zu schreiben beabsichtigte, sondern die stufenweise
Entfaltung des Bewusstseins, das sich vor allem im Zustand der Wissenschaft
nachweisen läßt. Also beginnt „Geschichte“ mit dem „theologischen“ Stadium,
das vom „metaphysischen“ abgelöst wird und hierauf dem „positiven“
weichen muss. Und innerhalb dieser Stadien sind wiederum drei Stadien, also
Entwicklungsschritte, die etwa im „theologischen Zeitalter“ den Verlauf vom
Fetischismus über Polytheismus bis zum Monotheismus zeigen.
In dieser Hypothese, in der die „Weltgeschichte“ eben einen ganz anderen
Zuschnitt erfährt und zugleich „nur“ mehr der empirischen Vergewisserung
dient und nicht der Spekulation über deren Sinn oder Zweck, stellt sich eine
neue Einsicht ein: die Gesellschaft erfährt eine „Plastizität“, so dass sie als
eigener „Gegenstand“ wie in der Physik untersucht werden kann. Im
„theologischen“ Zeitalter habe sich ja schon gezeigt, dass die Menschen
erkannten, dass die Phänomene nicht selbst „belebt“ sind oder ein Leben
haben, sondern sie werden bewegt oder gehorchen einem höheren Willen.
Damit sind Natur, Welt oder Geschichte „Objekte“ geworden, die Gottheiten
sind nicht die Naturerscheinungen selbst, sondern sind Instrumente.
Und in allen Stadien sind vergleichbare höhere Erkenntnisstufen eingetreten,
so dass dann der Schritt zum „positiven“ Stadium gleichsam „automatisch“
sich einstellt. Er wurde in der Renaissance unternommen und ist bei Comte
dadurch charakterisiert, dass Beobachtung und Untersuchung von einzelnen
Phänomenen stattfanden und das Ergebnis zeigten, dass es „Gesetze“ gebe.
Sie sind unveränderlich und werden Naturgesetze genannt. Und wie es
Naturgesetze gibt, so werden auch soziale Erscheinungen eine
Gesetzmäßigkeit enthalten.
Diese Linienführung des Fortschritts sieht etwa so aus, dass Arithmetik die
Lehre der Mechanik förderte und beide ermöglichten die Astronomie. Diese
drei Wissenschaften waren die Grundlage für die Physik, an die sich die
Chemie anschloss. Aus Chemie und Physik entwickelte sich die Biologie.
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Daher ist es nicht verwunderlich, wenn am Ende als logische Folge eine
„soziale Physik“ sein muss. Sie ist die Wissenschaft von dem komplexen
Gebilde Gesellschaft, zugleich der Höhepunkt menschlicher Fähigkeit zur
Erkenntnis und zeigt eine lineare Entwicklung der Wissenschaften. Wenn
Comte diese „Physik“ als Soziologie bezeichnet, so half ihm dabei die
erfolgreiche Statistik, weshalb diese Beziehung zwischen Soziologie und
Statistik den Eindruck vermittelte, es gäbe in der Gesellschaft quantifizierbare
Veränderungen, die sich wie Gesetze der Naturwissenschaften ermitteln
lassen. Wissenschaftstheoretisch hatte damit Comte den ersten Schritt
unternommen, eine Übereinstimmung von Geschichte und Wissenschaft
anzunehmen, die für die weitere Entwicklung der Soziologie große Bedeutung
gewann - etwa spägter bei Karl Marx.
Comte nahm ebenfalls an, dass Verbrechen und Zahl der Delikte statitischen
Kurven folgen. Darin vermutete er ein „Soziales Gesetz“. Auch wenn er diese
überraschende Einsicht nicht weiter verfolgte, so knüpfte er daran die weitere
Überlegung, dass eine „soziale Moral“, ei Wissen über das Gute nicht nur
wünschenswert ist, sondern es wird die Aufgabe der Soziologie sein, die beste
Bedingung für eine soziale Moral zu schaffen. Wenn er von „positiver
Wissenschaft“ gesprochen hat, so meinte er damit, dass es einen seriösen
Weg geben müsse, rational, empirisch und naturwissenschaftlich in der
Methode, um das gesellschaftlich Gute zu fördern. Wissenschaft werde zuletzt
die Instanz der Moral sein.
Natürlich war die Idee, Moral sei über eine Wissenschaft zu ermitteln und
rational zu konstruieren, nicht neu. Immerhin war dafür immer die Philosophie
zuständig. Comte verließ aber bewusst dieses traditionelle Terrain der
Philosophie und forderte für seine Soziologie eine Zuständigkeit ein, die sie
allein schon wegen ihrer eigenen und genuinen Denkschritte und Methoden
auch beanspruchen kann. Er verließ dort die Philosophie, wo Immanuel Kant
die praktische von der theoretischen Vernunft trennte. Eine Vereinigung beider
ist bei Kant nur durch die Erforschung einer Theorie durch denselben Willen
zur Wahrheit möglich. Comte hingegen glaubte, es werde eine „Osmose“
eintreten: Aus dem Experiment würde eine Hypothgese möglich, deren
Prüfung durch Erforschung der Tatsachen stattfindet und daraus würde sich
ein Gesetz ergeben. Und der Charakter dieser Gesetze in der Gesellschaft
erlaube nicht nur deren Kenntnis, sondern auch eine künftige vernünftige
Lenkung der Gesellschaftspolitik durch Soziologie.
Vielleicht ist der sympathische Teil dieses Entwurfs die Verbindung von
Positivismus und Humanität. Fast kann man darin eine religiöse Bestimmung
vermuten. Comte wurde von einem moralischen Idealismus angetrieben, der
sich im 19. Jahrhundert bei Intellektuellen oft beobachten ließ. Schritt für
Schritt bildete sich aus diesem Motiv die Soziologie aus, emanzipierte sich von
dem quasi-religiösen Gründungsgedanken Comtes, um eine moderne
Wissenschaft zu werden. Dazu benötigte sie aber ihre eigenständige
Terminologie.
Struktur, System und Funktion
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In keinem Lehrbuch der Soziologie werden die drei Begriffe fehlen
dürfen. Sie scheinen gut geeignet, Gesellschaft zu erklären. Im
Wechselspiel zwischen Struktur, System und Funktion soll über
gesellschaftliche Zusammenhänge Auskunft gegeben werden, allerdings
scheinen die Begriffe „System“ und „Struktur“ miteinander zu
konkurrieren. Es ist daher für viele Interessierte an der Soziologie
verwirrend, die Unterschiede zwischen diesen beiden Begriffen zu
erkennen. Historiker haben es hier etwas leichter, da sie beide
ineinander fließen lassen und beschreiben, dass Hof und Verwaltung,
Kirche, Parlament und ebenso Freie, Leibeigene und Handwerker
miteinander verbunden sind und durch die daraus entstandenen
Strukturen ein soziales Gefüge bilden. Dieses Gefüge gruppiert sich um
Institutionen. Von außen betrachtet, kann man dieses Gefüge als
System interpretieren. Dieses bestimmt das soziale Leben. Sehr bald
haben aber die Historiker herausgefunden, dass diese Gesellschaften
nicht nur ihren Rückhalt in den Institutionen haben, also über ein
strukturelles Geflecht verfügen müssen, sondern dass die sichtbaren
Funktionen darüber Auskunft geben. dass es Äquivalente in der
Gesellschaft gibt, so etwa steht dem König der Adel gegenüber, oder
aber Kaufleute benötigen natürlich die Konsumenten ihrer Handelsgüter.
Es sind stets komplementär angeordnete soziale „Felder“, die eine
Funktion erfüllen. Funktionen kann man als ein „Gleichungssystem“
bezeichnen - wie in der Mathematik. Die Störung in diesem
Gleichgewicht fällt umgehend auf.
Die Ausdehnung sozialer Funktionen und deren Vielfalt in der
Gesellschaft, Soziologen stehen dann vor dem Problem erhöhter
sozialer Komplexität, lassen sich dann über die Darstellung eines
sozialen Systems veranschaulichen. Dazu zählen so bekannte
Erscheinungen wie etwa Arbeitsteilung, Technisierung, Entwicklung des
Rechts und politischer Partizipation. Diese Entwicklungen haben sogar
eigene und neue Systeme gebildet. Damit Systeme Festigkeit gewinnen,
benötigen sie Institutionen, die den Bestand sichern, oder man musste
neue errichten. Das Kriterium ihrer Haltbarkeit ergab sich aus
Rationalität, Regulierung der Handlungs- und Verhaltensweisen der
Mitglieder von System und Institution und allgemeine Anerkennung.
Dass damit nur eine begrenzte Dauer solcher Institutionen geschaffen
werden kann, liegt auf der Hand. Es war ja die Soziologie, die darauf
aufmerksam machte, dass die Veränderung sozialer Gefüge, die
Veränderung der Institutionen auf den wichtigen Gegenstand sozialen
Wandels verweisen. So beleuchten die Begriffe „Funktion“, „System“ und
„Struktur“, dass es immer um die Auseinandersetzung zwischen sozialer
Stabilität und sozialem Wandel geht, wobei diese beiden als
soziologische Abstraktionen gelten. In beiden ist zugleich entweder
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Kompetenz oder Kompetenzverlust gerade bei sozialen Institutionen zu
beobachten, Funktionalität oder Dysfunktion, wobei wir nicht mehr ein
„soziales System“ allein beschreiben, sondern schon „Strukturen“ als
Bezeichnungen dieser Phänomene heranziehen müssen.
Vielleicht ist es hilfreich, bei den Begriffen von „System“ und „Struktur“
an die Architektur zu denken. Beide Begriffe stammen ja aus der
Gebäudelehre der Renaissance. Der sichtbare Aufriss der Gebäude, die
Ordnung der Geschosse und Gebäudeachsen, die Anlage eigener
Baukörper stellt ein System dar. Hingegen erhalten wir den Einblick in
die Struktur eines Gebäudes, sollten wir den Grundriss betrachten. Das
Bindeglied zwischen System und Struktur ist die Funktion - wenigstens
in der Architektur.
Wenn wir uns an diesen Hinweis halten, können diese Begriffe nicht
mehr so leicht verwechselt werden. Natürlich ist der Begriff der
„Funktion“ am leichtesten zu verstehen. Funktionen sorgen immer für
soziales Gleichgewicht. Sie können sogar im Widerspruch zum sozialen
System stehen und dennoch dieses stabilisieren. Denken wir hier an
diverse Grauzonen in der Gesellschaft. Ein grauer Arbeitsmarkt lässt
Arbeitslosigkeit nicht ganz so bitter erscheinen, oder fehlerhafte
Funktionen bewegen zur Sanierung von Systemlücken. Immerhin
verdanken wir diesen Einsichten, dass wir ein befriedigenderes System
errichten müssen, das dann in der Form einer Verfassung Gesellschaft
und Staat sinnvoll aneinander bindet.
Sehr oft verursacht das Auftreten von fehlerhaften Funktionen im
politischen System eine höchst paradoxe Wirkung. Gemeinhin wird
geglaubt, dass Revolutionen oder Rebellionen einen tiefen Wandel der
Gesellschaft und damit auch der politischen Ordnung bewirken. In der
soziologischen Betrachtung kann man aber das Gegenteil feststellen:
Letztlich war die Folge der französischen Revolution ein „aufgeklärter
Absolutismus“ Napoleons und das Direktorium, das vormals
revolutionäre
Regierungsteam,
wandelte
sich
zu
einem
bonapartistischen Kaiserreich. Die veränderten politischen Funktionen
wirkten im Grunde „konservierend“ auf das System ein. Eine andere
Antwort war von den anderen europäischen Staaten gegeben worden:
Aus dem „aufgeklärten Absolutismus“ wurde eine politische Mischung
zwischen Historismus und Romantik. Natürlich sprach man in der Zeit
zwischen 1810 und 1830 von einer „Reaktion“, die sich in
„Restaurationen“ äußerte. Eine ähnliche Paradoxie war auch die Folge
der russischen Oktoberrevolution 1917. Nach dem Intermezzo einer
Befreiung und politischen Liberalität siegte die Despotie Stalins.
Im Rückblick fällt es relativ leicht, den einzelnen Phänomenen des
sozialen und politischen Wandels spezielle Funktionen zuzuordnen. Der
Soziologe hat es schwerer, da von ihm eine ähnliche Analyse für seine
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Gegenwartsgesellschaft erwartet wird. Daher hat Robert Merton zwischen
„manifesten“ und „latenten“ Funktionen unterschieden. Diese kann man
gemäß der Wirkung und Konstruktion von Institutionen untersuchen.
„Latente Funktionen“ äußern sich etwa als „Geist der Reform“, in der
Bereitschaft der politischen Elite - oder „Klasse“, über Traditionen die
soziale Ordnung zu erneuern. „Manifeste Funktionen“ hingegen stärken
wegen ihrer Zuverlässigkeit und Dauer die sozialen Institutionen, so etwa
das Rechtssystem in einer Gesellschaft oder die gesellschaftliche
Position einer Kirche. Sie widerstehen dem Wandel der Zeit und scheinen
in der gesellschaftlichen Wahrnehmung „über der Zeit“ zu stehen. (Vgl.
dazu Robert Merton, Manifest and latent functions; in: ders., Social
Theory and Social Practice, New York 1968, S. 19-82)
Wie hier zu sehen ist, haben die Analysen Mertons eine erhebliche
politische Bedeutung. Aus seiner funktionalistischen Betrachtung kann
man wesentliche soziologisch relevante Faktoren erkennen. Über diese
können die gesellschaftlich relevanten Zustände beschrieben werden - so
etwa „soziales Gleichgewicht, „Integration“, „Konsens“ oder „soziale
Kohäsion“. Natürlich muss man sich stets vor Augen halten, dass es sich
bei diesen Begriffen um „Abstraktionen“ handelt, die nicht nur eine soziale
Realität zu definieren wünschen, sondern über die die Soziologie selbst
ihre Reputation als Wissenschaft empfängt. Diese Abstraktionen sollen
nicht die „Funktion“ erfüllen, auf die Menschen in der Gesellschaft zu
vergessen. So angenehm es auch scheinen mag, „soziale Mechanismen“
darzustellen, so muss man dennoch berücksichtigen, dass die Menschen
keineswegs „naiv“ oder gar „unbewusst“ ihre Ziele verfolgen. Sie können
nicht nur ihre Situation und Lage beurteilen, sondern versuchen diese
auch zu gestalten. Sie sind keine „Handlanger“ abstrakter sozialer
Prozesse oder nur Teile von Funktionsabläufen.
Diese Einsicht scheint die Wissenschaftlichkeit der Soziologie fast in
Frage zu stellen. Die Menschen sind nicht Erfüllungsgehilfen
theoretischer Konstruktionen der Soziologie. Sie können eben planen und
steuern. Die Soziologie vermag diese Intentionen zwar dadurch
beschreiben, dass sie die Abläufe, Bedingungen, Vollzüge und Ziele
untersucht, aber muss sich nach einem streng theoretischen Konzept
orientieren. Der Historiker beschreibt vorerst die Funktion „handelnder
Personen“, fragt nach dem Grund von Überzeugungen und
Zielvorstellungen und scheint daher weniger Probleme mit seiner Theorie
der Geschichte zu haben. Der Soziologe muss seinen Gegenstand
gleichsam über die Metaphorik seiner theoretischen Modelle bestimmen,
um die Befindlichkeit, die Entwicklung oder den Wandel der
Gesamtgesellschaft zu interpretieren. (Vgl. Peter Burke, Sociology and
History, London 1980; in der dt. Fassung S. 60.)
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Um nochmals Struktur und System zu unterscheiden, so war der Hinweis
auf die Architektur sehr bildhaft. Im Anschluss daran kann man eine
spezielle Ordnung darin erkennen, wenn System und Struktur einen
eigenen Baustil bewirken. Die Struktur sorgt für die Organisation der
Räume, während die Systeme in die Raumkonstruktion eingreifen und
sogar die Stabilität der Räume garantieren. Die Struktur sieht für die
Innenräume des Gebäudes manifeste Funktionen vor, während das
System den latenten Funktionen einigen „Spielraum“ erlaubt. Überträgt
man diese Interpretation auf eine politische Ordnung, so veranschaulicht
die „Strukturanalyse“ der Soziologie, dass der Bauplan einer Gesellschaft
nachhaltig von deren Kultur abgeleitet ist und kann in der Systemanalyse
die sichtbaren Folgen struktureller Vorgaben untersuchen. Wenn also in
der Geschichte der Baukunst erwähnt wird, dass große Gebäude
einstürzten, so kann daraus der Schluss gezogen werden, dass die
Struktur des Planes an das System Anforderungen stellte, die es
offensichtlich nicht erfüllen konnte. Also können Gebäude schon während
ihrer Errichtung Ruinen bleiben. Ähnliches kann auch Gesellschaften
passieren. Geläufig ist ja, dass etwa „Modernisierungen“ von Strukturen
nicht bewältigt werden, weshalb Systeme nicht haltbar sind. Die
funktionalistische Theorie hat daher die Debatte über die Erfordernisse
einer „stabilen“ Gesellschaft auf neuer Ebene fortgesetzt, die Auguste
Comte mit seinen Überlegungen zu sozialer Statik und Dynamik eröffnet
hatte. Dass in diesem theoretischen Konzept das Interesse an sozialem
Gleichgewicht bevorzugt wird, darf nicht überraschen, da gerade
angesichts der Prozesse sozialen Wandels ein instabiler Gegenstand hier Gesellschaft - nur schwer untersucht werden kann. Dieses
Eigeninteresse einer soziologischen Theorie formuliert auf der anderen
Seite die wichtige Einsicht, dass Gesellschaften sich nicht ausschließlich
in Prozessen von Modernisierung, Wandel, Dynamik oder Fortschritt
befinden können, sondern in gleichem Maß auch Stabilität, Homogenität
und Dauerhaftigkeit sozialer Institutionen benötigen.
Diese Darstellung ist unter anderem der Nachweis, dass diese
Terminologien nicht nur der Soziologie wissenschaftliche Kompetenz
verliehen, sondern auch den Zweck besaßen,
Gesellschaften zu
stabilisieren, wenn etwa die Funktionsäquivalente gestört erscheinen.
Die Entwicklung der Soziologie begleitet daher speziell nach 1918, nach
dem 1. Weltkrieg in Europa, den Gegensatz zwischen Reform und
Revolution. Gemäß ihrer Begriffsinstrumentarien plädierte sie daher teils
für sozialphilosophisch-ideologische Positionen, teils für einen sozialen
Realismus, dessen Elan für Reformen sehr bald durch historischempirische Methoden unterstützt wurde. Es war die Voraussetzung für
den Erfolg der Sozialwissenschaften in den USA ab 1930. Mit diesem
Zuschnitt konnte die Soziologie eine „erkenntnisleitende“ und fundierende
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Wissenschaft werden und war ein Teil der US-amerikanischen
„Weltmission“ nach 1945, in der soziologisches Orientierungswissen ein
neues Verständnis für Politik, Ökonomie und für Gesellschaft verbreitete.
Soziologie wurde eine erfolgreiche Wissenschaft, wie es die Karriere der
beiden Begriffe „Struktur und „System“ zeigen.
Soziale Rolle
Wenn von der Aussage ausgegangen wurde, Soziologie sei im 20.
Jahrhundert die wichtigste Produzentin von Weltbildern gewesen, dann
stellt sich sofort die Frage, über welche Sammelbegriffe soziale
Phänomene bezeichnet wurden. Wenn diese Wissenschaft diese
Bedeutung besaß, dann mussten rasch soziale „Spezialitäten“ erforscht
werden, deren Ursachen und Wirkungen von den Soziologen zu erklären
waren. Damit war das Versprechen verbunden, ein Wissen über diese
speziellen Erscheinungen in der Gesellschaft könne das Fundament für
Verbesserungen, Änderungen oder brauchbare Analysen sein. Die
Umsetzung
von
„Gesellschaftswissen“
in
praktische
Handlungsanweisungen war seit dem 19. Jahrhundert eine deutliche
Forderung an die Pioniere dieser Wissenschaft. Zu fragen war nach
jenen Faktoren, die einerseits die „Vergesellschaftung“ der Individuen
bewirken, andererseits zu untersuchen, ob es verbindliche Normen oder
Regeln gibt, die die Individuen in ihre Gesellschaft integrieren. Diese
Suche war sehr erfolgreich. Sie ging davon aus, dass Menschen nicht
nur „soziale Lebewesen“ sind, sondern auch deren biologische
„Ausstattung“ zwingt sie zur „Geselligkeit“. Wegen der engen
Beziehungsformen, deren Ursprung in der Familie gesehen wurde, sah
man in ihnen die Voraussetzung für die Aneignung sozialer
Eigenschaften. In Sippenverbänden, Verwandtschaften und Familien
finden also Sozialisationen statt, mit deren Hilfe der Mensch die ersten
Schritte in seine soziale Umwelt unternimmt. Und das war gewiss schon
vor der Antike der Fall. Es lag auf der Hand, dass hier Ethnologen den
Soziologen wichtiges Beweismaterial lieferten. Und die Psychologie
verstärkte diese Vermutungen. Diese schrittweise Integration in die
soziale Umwelt ermuntern die Individuen zu „sozialem Handeln“. Dass
diese Schritte besonders untersucht wurden, war für die Entwicklung der
Soziologie wichtig. Das erste Ergebnis war, dass die soziale
„Binnenstruktur“ die Familie ist, was weitere Schlüsse zuließ: Der eine
mündete in die Hypothese, dass hier soziales Verhalten erlernt wird. Die
andere Schlussfolgerung enthielt die Überzeugung, eine ideale Familie
verbessert die „Soziabilität“ der künftigen Mitglieder der Gesellschaft.
Nebenbei ist darin zu erkennen, dass die Soziologie immer mit dem
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Problem behaftet ist, dass ihre Analysen oft von sozialphilosophischen,
ideologischen und gesellschaftspolitischen Positionen begleitet wird. Seit
der Romantik ist ja die Familie als „Sozialisationsagentur“ geläufig und
wurde als Keimzelle von Gesellschaft und Staat ausgegeben. Die
Familie schließt mit ihrer Exklusivität Intimität ein, Arbeitsteiligkeit gemäß
der Geschlechtsrollen und dafür boten die Ethnologen reiches
Anschauungsmaterial. Historiker beschrieben die Geschichte der Familie
im Wandel und die Soziologen wurden darauf aufmerksam gemacht,
dass Familien in den beiden Sphären von Öffentlichkeit und Privatheit
gleichzeitig agieren.
Es waren Einsichten, die Soziologen annehmen ließen, dass es nicht
nur innerhalb der Familie soziale Rollen gibt. Mit Hilfe dieser Rollen
konnten die komplexen Beziehungsformen dargestellt werden, die nun
nicht auf die Familie beschränkt sind. Im Grunde hat man mit diesem
theoretischen Zugang eine „soziale Grammatik“ anfertigen können.
Rollen können also wie die Sprache zur Verständigung beitragen,
gleichzeitig die täglichen Aufgaben verteilen und durch Routine die
Organisation der Pflichten vereinfachen, ohne dass darunter die Qualität
sozialer Beziehung leidet. Die Idee, soziale Rollen lassen die
Gepflogenheiten in der Gesellschaft in realem Licht erscheinen, war
natürlich dem Theater entnommen worden. Man war natürlich noch weit
davon entfernt anzunehmen, dass das Leben ein ähnliches Rollenspiel
fordert wie im Theater, aber man konnte erklären, wie soziale
Situationen Personen vereinigen können, wenn sie diese „soziale
Grammatik“ beherrschen, um sich in diesem „Zeit-Raum“ bewegen zu
können. Über Rollen wurden die festen Regeln und verbindlichen
Normen erkennbar. Sie scheinen insgesamt das Alltagsleben in der
Gesellschaft regeln zu können. Ein Kind darf eben wie ein Kind sein,
entspricht den Erwartungen, die Erwachsene gegenüber einem Kind
haben; das Kind muss aber auch zu erkennen geben, von Jahr zu Jahr
die Formen der Höflichkeit oder basale Kenntnisse aus der Schule
immer besser zu beherrschen. (Vgl. dazu Erving Goffman, The
Presentation of Self in Everyday Life, New York 1958)
Erving Goffman zeigte, dass nun ein Individuum über viele verschiedene
Rollen verfügt, sei es als Mutter, im Berufsleben, als Tochter, Ehefrau,
oder als Konsumentin im Warenhaus. Die Kenntnis dieser Rollen
vereinfacht die Auswahl aus den Verhaltensvarianten. Diese werden
durch die Art der sozialen Situation einerseits bestimmt, andererseits hat
das Individuum eine gewisse Wahlfreiheit darin, wenn es mehr als nur
die entsprechende Rolle gemäß der Situation zu „spielen“ beabsichtigt.
Diese proportionalen Entsprechungen können wirklich einiges Licht in
das „Funktionieren“ gesellschaftlichen Lebens bringen. Es ist auch
möglich, damit angepasstes und unangepasstes Verhalten zu messen
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und warum es vielleicht auch zum Bruch innerhalb erwarteten
Verhaltens kommt. Es werden eben an Inhaber von Rollen Erwartungen
gerichtet, die die Erfüllung erschweren. Sollte ein Arzt gegenüber einem
Patienten zugeben, dessen Krankheit nicht angeben zu können, wird er
zwar die Tugend der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit verkörpern, aber
beim Patienten Unverständnis ernten. Zur zugeschriebenen Rolle des
Arztes gehört ja auch die allgemeine Kenntnis von Krankheitsursachen.
Unter diesem Rollendruck könnte der Arzt vielleicht zur Lüge Zuflucht
nehmen.
Die Rollentheorie beschreibt, wie geschickt die Inhaber der Rollen
agieren müssen, wollen sie ihre soziale Kompetenz behalten. Freilich
können die sozialen Rollen nicht nur von den Individuen selbst bestimmt
werden. Teilweise merken sie nicht, dass sie ihre Rollen „internalisiert“
haben gemäß traditioneller Regeln oder sozialer Normen. Diese wurden
von der sozialen Umwelt definiert. Im Allgemeinen erfahren diese
Normen ihre Verwirklichung im gelungenen „Rollenspiel“. Und zu diesem
Spiel gehören Gesten und Posen, Haltungen und Fähigkeiten zur
glaubwürdigen Selbstdarstellung, ja sogar spezielle Bekleidungen.
Dennoch entscheiden über die angemessene Ausübung der Rolle
soziale Normen, die zu genau bestimmten, sogar auch
vorherbestimmten Zeitpunkten über Reife, Schuleintritt, Wahlalter
entscheiden und weshalb man auch von den „Kandidaten“ ein
angemessenes Rollenverhalten voraussetzt. Peter Lloyd beschrieb, wie
schwierig es für den König der Yoruba in Nigeria war, sich einerseits
gegenüber den anderen Häuptlingen durchzusetzen, andererseits
gegenüber
den
hochgestellten
Beratern
die
Rolle
des
kompromissbereiten „Kollegen“ zu spielen. (Peter Lloyd, Conflict Theory
and Yoruba Kingdoms; in; I.M. Lewis, History and Social Anthropology,
London 1968, S. 25-58)
Die Vorteile der Rollentheorie liegen dort, wo die Reziprozität der
Individuen eine Darstellung erfährt, unter welchen Bedingungen diese
„Verknüpfungen“ möglich sind und haltbar. Ferner bietet sie einen guten
Einblick in die herrschenden Normen und Regeln der Gesellschaft und
inwieweit diese das „Rollenspiel“ direkt oder indirekt dirigieren. In
weiterer Folge haben die Analysen gezeigt, dass Ämter und Würden ein
adäquates Rollenverständnis voraussetzen.
dass dann soziale
Schichten, Ungleichheit, berufliche Dispositionen und soziale Ränge gut
Die Strukturen des Alltags können entschlüsselt werden. Dennoch ist die
Kritik an der Rollentheorie nicht verstummt. Sie wendet ein, aus der
Mikroskopie zwischenmenschlichen Verhaltens und Handelns könne
man nur sehr bedingte Schlüsse auf die Gesamtgesellschaft ziehen. Es
sei nicht sicher, ob aus Alltags- und Gruppenverhalten in sozialen
12
Situationen
Schlüsse
in
ausreichendem
„Gesamtgesellschaft“ gezogen werden können.
Maß
auf
die
Sozialisation, soziale Kontrolle und abweichendes Verhalten
Bereits in der Rollentheorie kommen Rezeptionen aus den Methoden
der Psychologie und Sozialpsychologie zur Geltung. Anders hätte man
Anpassungsleistung, soziale Reife, soziale Kompetenz nicht messen
können. Wie bereits erwähnt, war die Soziologie - vor allem ihr
konservativer Flügel im 19. Jahrhundert - davon ausgegangen, dass
Gesellschaft von der Familie konstituiert wird und sie die erste
„Sozialisationsagentur“ für die heranwachsenden Menschen ist. In ihr
werden Verhaltensweisen erlernt, in ihr die sozialen Normen erfahren
und
sie ist eben der „soziale Mikrokosmos“, in dem das gesamte
Repertoire des Sozialen enthalten ist. Ohne nun zu entscheiden,
welcher Typus von Familie in der Geschichte der Zivilisation ausgebildet
wurde, in ihr findet oder fand der Start der jeweils kommenden
Generation in Gesellschaft, Beruf und Kultur statt. Natürlich gibt es nach
der sogenannten industriellen Gesellschaft keine „Haushaltsfamilie“
mehr, die früher mehrere Generationen umfasste und vor allem im
bäuerlichen Milieu lange erhalten blieb, aber auch die städtische
„Kernfamilie“ sieht heute anders aus als noch vor 30 Jahren. Die
Annahme wird richtig sein, dass kein soziales System existieren könnte,
hätte keine Sozialisation stattgefunden. So sind sich die meisten
Theorien darin einig, dass Familie, Erziehung und Schule die Weichen
zum „geselligen“ Leben in der Gesellschaft stellen. Selbst die jeweils
„andere“ Art von Jugend, über die die „Welt“ der Erwachsenen
regelmäßig bestürzt ist, kann es nur geben, da die Übernahme von
Normen, Werten und Rollen einerseits vollzogen wurde, andererseits
eine aus der Pubertät bekannte Kritik, Ablehnung oder Alternative
entwickelt wird, die vorwiegend in den Jugendgruppen eine eigene
„Kultur“ bilden. So spricht man von der Ablöse der Sozialisationen, von
der primären in der Familie, von der sekundären in der Schule etc.. (Vgl.
dazu G. Schochet, Patriarchalism in Political Thought, Oxford 1975)
Nun muss man einen Gedanken berücksichtigen, der viel zu wenig
diskutiert wird. Sowohl die Rollen-, wie auch die Sozialisationstheorie
sind sehr gute Ansätze, um die Formen des Sozialen darzustellen, zu
analysieren und kritisch zu prüfen, ob sie auch in Zukunft die Ansprüche
kommender Gesellschaft erfüllen können. Beide Theorien sind so gute
Modelle, dass man dazu verführt werden kann, den gesamten Bereich
einer Gesellschaft damit zu erklären. Es ist daher immer sinnvoll, sich zu
13
fragen, was spezielle Theorien nicht erklären. Es entspricht einer
korrekten Anwendung einer Theorie, auch über ihre Grenzen
nachzudenken. In unserem Fall erklärt etwa die Sozialisationstheorie
nicht, wieso Normen oder soziale Werte in Teilen der Gesellschaft keine
oder nur geringe Anerkennung finden, ohne dass damit aber die soziale
Stabilität verloren geht. So kann man behaupten, dass viele
soziologische Befunde ihre Haltbarkeit und ihre Glaubwürdigkeit dem
Umstand
verdanken,
ihre
Prognose
bei
gesellschaftlichem
„Schönwetter“ erstellt zu haben. Das ist noch kein Mangel, wird aber
keine Hilfe sein, will man eine Gesellschaft in der Krise beschreiben
wollen. Nach Meinung von Pierre Bourdieu setzt man bei vielen
soziologischen Analysen ein viel zu hohes Maß an gesellschaftlichem
„Konsens“ voraus. Bourdieu behauptete hingegen, die Übertragung
sozialer Normen durch Sozialisation zeige weit häufiger Konflikte. Die
Geltung der Normen sei von der Klassenzugehörigkeit der Individuen
abhängig und deren Anerkennung kann wegen einer hierarchisch
geordneten Gesellschaft - Stichwort „soziale Ungleichheit“ - erzwungen
werden. Das heißt, die Normen sind in der nächsten Generation keine
traditionelle Gewohnheit, sind also bei weitem weniger „internalisiert“ als
noch zuvor, sondern sind durch eine „kulturelle Reproduktion“ im
Erziehungs- und Sozialisationsprozess vermittelt worden. Bourdieu
ordnet dieses Ergebnis der Wirkung der Schule und des Militärdienstes
zu. Dabei ist es gar nicht leicht, der nächsten Generation diese
Werthaltungen „beizubringen“. Während dieser Vorgänge der
sekundären oder tertiären Sozialisation geben Schule oder Militär vor,
die Gesellschaft sei in einem dauerhaften Gleichgewicht und es soll
auch nach Möglichkeit erhalten bleiben. So gehen etwa diese beiden
Institutionen von dieser „Illusion“ aus, um die Bedeutung von Kontinuität,
Tradition und Weltanschauung beizubehalten.
Nebenbei erwähnt, bietet diese Einsicht von Bourdieu eine gute
Erklärung dafür, warum jede politische Richtung, Partei oder sogar der
Staat in erster Linie seine Aufmerksamkeit auf Schul- und
Bildungsreformen lenkt.
Bourdieu ist weiters der Auffassung, dass die Inhalte der „kulturellen
Reproduktion“ so beschaffen sind, um der nächsten Generation ein
Repertoire von Praktiken zu vermitteln, die in den vielen Situationen und
Konstellationen der Gesellschaft eine nützliche Anwendung erfahren
können. Weiters beschreibt er mit dem „Habitus“, also wie sich
Menschen in sozialen Situation geben, verhalten und handeln, dass
dieser durch „soziales Lernen“ erworben und aus den Durchmischungen
von Kenntnissen aus Alltag, Wissenschaft, Berufserfahrung und
Schichtzugehörigkeit gebildet wird. Alle diese Eigenschaften erwerben
sich die Individuen unter „Zwang“, Druck und nötiger Anpassung. Und
14
wirklich scheint es eine realistische Annahme zu sein, denn keine
Gesellschaft wird auf diese Sozialisationen verzichten können.
Somit stehen wir vor zwei soziologischen Einsichten: Die erste lautet,
dass Gesellschaft samt ihren Institutionen auf klar definierten „Feldern“,
also innerhalb ihrer Zuständigkeitsbereiche erfolgreich sein muss. Dieser
Umstand erlaubt eine empirische Untersuchung. Für Bourdieu sind diese
„Felder“ ein gut definierbarer Gegenstand. Die zweite Einsicht besagt,
dass zur Gesellschaft auch „Nicht-Felder“, „Leerräume“ gehören, die je
nach politischer, ökonomischer oder kultureller Lage eine überraschende
Wirksamkeit gewinnen können. So können die „Felder“ unter dem Druck
der Forderung nach Gleichheit - bislang ein politischer Leerraum - eine
Veränderung erfahren. Es ist nicht sicher, dass mit der Erfüllung des
Gleichheitsgrundsatzes die soziale Homogenität erhalten bleibt. So ist
das soziale Gleichgewicht stets labil, denn nur der Kompromiss
zwischen der Tradition dominanter „Felder“, den herrschenden
Institutionen und den nachrückenden „Subkulturen“ stützt dieses
„Gleichgewichtssystem“.
Diese Überlegung bewog die Soziologie, sich auch den Randgruppen
und „Subkulturen“ in einer Gesellschaft zu widmen. Hier sollten die
„Binnenstrukturen“ analysiert werden, aus denen die schwerer zu
erforschende „Gesamtgesellschaft“ zusammengesetzt ist und zugleich
kann in diesem Verfahren auch der soziale Wandel sichtbar gemacht
werden. In logischer Konsequenz kann man bei diesem Ansatz
erkennen, dass sich die Soziologie zur Wissenschaft der Demokratie
entwickelte, oder sogar von sich behauptete, eine demokratische
Wissenschaft zu sein. Dieser Interpretation ist allerdings Bourdieu nicht
gefolgt. Er konzentrierte sich auf die Analyse und Darstellung der
„herrschenden Klasse“, die es weiterhin gibt, auch wenn sie nach dem
Ende von Feudalismus andere Merkmale aufweist. Die in der Gegenwart
herrschende Klasse zwinge durch „symbolische Gewalt“ ihre Kultur den
Beherrschten auf, bestimme die Normen, Werte und den Habitus, die die
Beherrschten anerkennen. So erscheint die „Kultur“ der herrschenden
Klasse als legitim, während eine „Subkultur“ für illegitim gehalten wird.
Dafür kann man ein simples Beispiel geben. Jeder hat schon die
„unangenehme“ Situation erlebt, am ersten Morgen nach einer
Nächtigung im Hotel nicht zu wissen, wie die Usancen des Frühstücks
sind. Er weiß nicht, welcher Platz für ihn vorgesehen ist, wie die Praxis
des Bestellens ist oder in welcher Reihenfolge er sich am Buffet
anstellen soll. Er trifft auf andere Hotelgäste, die für den neuen Gast die
„Hausordnung“ verkörpern, die ihn auch fühlen lassen, im Grunde fremd
zu sein und die Schwierigkeit der Anpassung wird mit strafenden Blicken
verfolgt. Sollte er am nächsten Tag sich wieder beim Frühstück
einfinden, kann er bereits mit „seinem“ Platz rechnen, kennt die
15
Gebräuche und kann es sogar wagen, mit anderen, freundlicheren
Hotelgästen ein Gespräch über das Wetter zu beginnen. In diesem Fall
ist er integriert und es kann sein, dass er dem nächsten neuen Hotelgast
mit dem ähnlich abweisenden Habitus begegnet, den er tags zuvor noch
am eigenen Leib erfahren musste.
Natürlich hinken Beispiele immer. Sie wollen aber das Problem
veranschaulichen, dass in einer sozialen Situation unser Hotelgast sich
eher anzupassen wünscht. Sollte er ein sehr bekannter Künstler sein,
der selbstbewusst handelt und diese informellen Regeln beim Frühstück
missachtet, kann es sein, dass eher die anderen Akteure dieses
Verhalten zu akzeptieren haben. Sie tun es auch, denn unser Künstler
wird eindeutig einer höheren Schichtzugehörigkeit zugeordnet.
Nun ist die Soziologie bei der Beschreibung solcher Phänomene nicht
stehen geblieben. Es ist ja auch die Sprache, die einen Beitrag zur
Sozialisation leistet. Basil Bernstein meinte, dass durch „elaborierte“ und
„restringierte“ Sprachcodes soziale Integration erzielt wird. (Basil
Bernstein, Social Class, Language and Socialisation; in: Class, Codes
and Control, Bd. I., London 1970, S. 170-178) Darunter ist zu verstehen,
dass Sprache dann „elaboriert“ angewendet wird, um den Zweck eines
sinnvollen Dialogs oder der Information zu erfüllen. Will ich meine
Mitteilungen speziell an eine Person richten und beabsichtige, dass nur
diese Person mich versteht, werde ich einen „restringierten“ Sprachcode
verwenden.
Bleiben wir beim Beispiel unseres Hotelgastes. Er wird, so er bereits mit
anderen Hotelgästen ins Gespräch kam, Sätze mit allgemein
verbindlichem Inhalt sprechen. Er wird mit der rhetorischen Frage
beginnen, ob man auch hier auf Urlaub ist und gestern das gute Wetter
ebenfalls nützte? Er wird das Gespräch nicht damit eröffnen, dass er
sich als „Republikaner“ und Gegner der Abtreibung vorstellt.
Politische Parteien haben zum Beispiel während des Wahlkampfes eine
„elaborierte“ Sprache zu verwenden, da sie viele Menschen
„ansprechen“ wollen - daher auch Interviews, Artikel und Reden. Kaum
wieder in der Parteizentrale wird der „restringierte“ Code benutzt - im
Sinne von „Parteilinie“.
Ein besseres Beispiel für die soziologische Bedeutung der Sprache ist
bereits in der Bibel zu lesen. Auf der einen Seite bot Moses eine
„revolutionäre“ Glaubensüberzeugung, auf der anderen Seite musste er
diese bei den Stämmen Israels durchsetzen. Die Codierung der neuen
Normen im Dekalog, hier ein restringierter Code, bedurfte der
„Elaboration“ durch weitere historisch-religiöse Entscheidungen. Dass
dieses Anliegen zuerst fehlschlug, zeigt die Tatsache an, dass der Tanz
ums goldene Kalb auf größere Zustimmung stieß.
16
Dieses Ereignis berührt ein weiteres Thema der Soziologie. Warum
befolgten die Stämme Israels nicht das Glaubenszeugnis des Moses?
Warum verletzten Menschen bereits akzeptierte soziale Normen und
warum brechen sie dieses Vertrauensverhältnis zu Moses?
Das ist immerhin für die Soziologie eine brisante Frage. Sie hat sie
zunächst damit beantwortet, dass sie abweichendes Verhalten als ein
Faktum sieht. Der Begriff „abweichendes Verhalten“ hilft der Soziologie,
jenen Konflikt zu beschreiben, der eine Gruppe aus der Gesellschaft
herauslöst. Abweichungen zu erforschen ist deshalb wichtig, weil in
ihnen eine „Negation“ des sozialen Konsens vorliegt.
Die Dramatik dieser soziologischen Erkenntnis ist dadurch begründet,
dass eine Reziprozität zwischen Gesellschaft und dem abgelehnten
kriminellen Verhalten konstatiert wird. Damit werden die geltenden
sozialen „Werte“ sichtbar, andererseits zeigen die veränderten
Sanktionen gegen Kriminalität den Bedeutungswandel dieser Werte an.
So argumentiert der „Soziologe“, dass wegen der Bedeutung
körperlicher Arbeit in der Phase der Industrialisierung die Körperstrafen
abgeschafft wurden. Diese funktionalistische Interpretation wurde auch
auf die Ablehnung oder Akzeptanz von Geisteskranken in der
Gesellschaft angewendet. So kann man auch den paradoxen Umstand
erklären, dass in der neu gebildeten „Öffentlichkeit“ in der Aufklärung im
18. Jahrhundert der Geisteskranke gleichzeitig interniert wurde und sein
Dasein im neuen Irrenhaus fristen musste. So hat die Aufklärung den
Geisteskranken nicht mehr als eine „Sonderform“ von „Geist“
angesehen, billigte ihm nicht mehr eine Qualität zu, die ihn einem
Heiligen ähnlich erscheinen ließ, sondern nun war er abnorm,
unangepasst und daher in eine Anstalt einzuweisen. Die Aufklärung
produzierte eine sehr verbindliche Norm für Normalität. Und es war die
Soziologie, die deutlich vor Augen führte, unter welchen Bedingungen
ein soziales Gleichgewicht erkauft wird. (Vgl. Michel Foucault, folie et
deraison, Paris 1961)
In diesem Zusammenhang hat Michel Foucault eine spezielle Methode
entwickelt, nämlich im „Diskurs“ diese merkwürdige Entsprechung
zwischen Modernisierung und Inhumanität aufzudecken, die über
Stigmatisierung, Institutionalisierung und Verdrängung erzielt wurde.
Kehrt man zum abweichenden Verhalten zurück, so kann man eine
Gegenfrage formulieren, ob nämlich zur Stabilität der Gesellschaft nicht
jeweils ein Außenseiter, ein Fremder oder Behinderter, eben ein
Sündenbock gesucht wird? So bei diesem Vorgang zugleich auch
Regeln entwickelt werden, so vermögen sie relativ schnell Menschen zu
Gesetzesbrecher zu machen. Dafür ist die fast willkürliche Eingrenzung
des Weidegebietes in den USA ein gutes Beispiel. Mit dem Landerwerb
durch europäische Zuwanderer, mit der Absperrung und Umzäunung
17
wurden die Ureinwohner der USA zu Gesetzesbrechern. Sie verstießen
als Nomaden grundsätzlich gegen Besitzrechte, die aus Europa
importiert wurden. (Vgl. Howard Becker, Outsiders, New York 1963)
Die Konzentration auf dieses Thema verursachte in der Soziologie sehr
schnell die rege Debatte über den Gegensatz zwischen Abweichung und
Anpassung. Für das Fach selbst war es schwierig, eine Position zu
beziehen. Man muss doch mit einiger Ironie festhalten, dass diese junge
Wissenschaft, die sich geraume Zeit als nonkonformistisch einschätzte,
von wissenschaftlichen Außenseitern oder Schriftstellern entworfen
wurde, nun im 20. Jahrhundert als Lenkungswissenschaft galt und sehr
eingehend das Dilemma zwischen Abweichung und Anpassung, sozialer
Kontrolle und berechtigten Individualismus diskutierte.
Da war natürlich die Erfindung des Begriffes „soziale Kontrolle“ das
Pendant zum älteren Begriff der „öffentlichen Meinung“. Man fand
heraus, dass es sogenannte „ungeschriebene Gesetze“ gibt, die in
Gemeinschaften eingehalten werden. Und mit sozialer Kontrolle war
gemeint, dass die Beachtung informeller Regeln durchgesetzt wird, und
dies umso mehr, je deutlicher die Formen menschlichen
Zusammenlebens gemeinschaftliche Merkmale besitzen. Auf diesen
Unterschied zur Gesellschaft hat schon Ferdinand Toennies
hingewiesen, der gerade für mitteleuropäische Bevölkerungen das
Bestehen von Gemeinschaften diagnostizierte, obwohl diese gleichzeitig
auch Gesellschaften waren. Es lag auf der Hand, dass Gemeinschaften
eine stärkere soziale Kontrolle ausüben, das kennt man aus dem Leben
am Dorf im Unterschied zum städtischen Leben. Das heißt,
Nonkonformisten könnten in Gesellschaften ein „leichteres“ Leben
führen. Natürlich trifft dies nur in Grenzen zu. Die Diskussion
fortzusetzen, würde bedeuten, dass natürlich auch Gesellschaften mit
„ihrer“ sozialen Kontrolle beginnen, sollte die Zahl von
„Nonkonformisten“ steigen, freilich mit allen Varianten von
Diskriminierung und Vorurteilen. Sollten die Nonkonformisten aber eine
Künstlerkolonie sein wie am Pariser Montmartre, das Fernsehen häufig
Berichte über deren Bedeutung senden, würden diese Nonkonformisten
bald eine breite Akzeptanz erfahren. Stets ist aber die Akzeptanz von
Außenseitern davon abhängig, zu welcher sozialen Schicht oder Gruppe
sie hinzugezählt werden. Hier hat es eine Gemeinschaft mit deren
Integration schwerer als eine Gesellschaft. Das hatte Toennies
ausführlich behandelt.
Am Begriff der sozialen Kontrolle kann man erkennen, dass er zwar sehr
plausibel zu sein scheint, aber kaum innerhalb gesellschaftlicher
Phänomene diskutiert, entpuppt er sich als außerordentlich schillernd.
Vielleicht hilft hier ein Beispiel aus der Chemie. Wir wissen, dass
Sauerstoff in hoher Konzentration giftig ist, sollte4 er fehlen, ist das
18
Leben gefährdet. Als Teil komplexer Gas-Verbindungen ist er
unverzichtbar. So ähnlich haben auch Soziologen das Phänomen
sozialer Kontrolle zu sehen, vor allem, wenn sie mit einem angeblich
klaren Begriff ein höchst unklares Feld ihrer Wissenschaft zu definieren
beginnen. An sich ist es kein Malheur, vor solchen Problemen zu stehen,
unglücklich wird nur jener Soziologe sein, der einerseits meint,
Erscheinungsbilder der Gesellschaft eindeutig identifizieren zu können,
andererseits seine Ergebnisse mit Bewertung versieht, die eine sehr
starke ideologische Bindung verraten. Da wird er häufig enttäuscht
werden, dass sich die soziale Wirklichkeit nicht nach seinen
„Vorstellungen“ richtet. Dennoch wollen wir die Geschichte positiv enden
lassen. Vermutlich können wir abweichendes Verhalten oder soziale
Kontrolle recht ordentlich erklären und die Bedingungen, die dazu
führten, aufdecken. Das weit größere Problem für den Soziologen liegt
dort, worüber er sich weit seltener den Kopf zerbricht: Warum gibt es in
der bisherigen Geschichte eine offenbar nur schwer zu begründende
Humanität?
Soziale Klasse, Soziale Schichtung
Seit der Antike waren Steuerleistung und Militärdienst die Merkmale
sozialer Differenzierung. Daraus ergab sich eine Hierarchie, weit besser
bekannt unter den Stichworten, dass es in der Gesellschaft eben ein
„oben“ und „unten“ gibt. Eigentlich hätten die Soziologen für dieses
Ergebnis der Geschichte dankbar zu sein, denn so besaßen sie in den
sichtbaren Klassenstrukturen hervorragende Beispiele ihrer Analysen.
Offensichtlich gibt es im Zusammenleben der Menschen einen
„Automatismus“, der einerseits umgehend für eine Herrschaftsordnung
sorgt, andererseits für unterscheidbare Zugehörigkeiten zu Klassen oder
Schichten. Die Geschichte „lehrte“ aber auch, dass diese
„Automatismen“ widerrufen werden können. Es scheint ein
„Gesellschaftsspiel“ zu geben, in dem soziale Positionen von Klassen
oder Schichten getauscht werden. In Revolutionen war das regelmäßig
zu beobachten. Es war aber auch der Ansatz verschiedener Utopien, die
einerseits vom Grundsatz der Gleichheit ausgehend, der herrschenden
„vertikalen“ Sozialordnung eine „horizontale“ gegenüberstellten,
andererseits wurden auch Visionen formuliert, die überhaupt
Herrschaftsordnungen beseitigen wollten.
Der Begriff „Klasse“ war für die Soziologen im 19. Jahrhundert
unentbehrlich. Damit konnten sie die soziale Ungleichheit benennen und
19
wiesen dies in der Verteilung von Einkommen, sozialem Status der
Individuen und Machtpositionen nach. Mit diesem Begriff war zwar noch
nicht der Zusammenhalt einer Klasse zu erklären, aber mit der
Politisierung dieses Begriffes hatte die bürgerliche Gesellschaft eine
Chance erhalten, ihre Ziele gegenüber dem sogenannten „ancien
regime“ durchzusetzen. Das war für die Soziologie deshalb von
Bedeutung, da sie dadurch die Einsicht in den Bauplan sozialer Systeme
erhielt. Bald sprach man von einer „Gesellschaftspyramide“, von
Bedingungen sozialen Aufstiegs und von sozialer Mobilität. Die
bürgerliche Revolution von1848 in Europa hatte diese Ansprüche auf
eine neue Gesellschaftsordnung erhoben, schrittweise auch
durchgesetzt. Auf der Strecke blieb aber jene „Klasse“, die am Beginn
des 19. Jahrhunderts als Proletariat bezeichnet wurde. So musste man
feststellen, dass der neue Typus in der bürgerlichen Gesellschaft der
„Kapitalist“ war, dem Adel die alte Position in der Gesellschaft streitig
machte, doch insgesamt war eine bisher unbekannte Mischung in der
Gesellschaft eingetreten.
Eine Reihe politischer und ökonomischer Entwicklungen, ebenso der 1.
Weltkrieg bewogen einige Soziologen, den Begriff „Klasse“ fallen zu
lassen. Sie meinten, Gesellschaft besser durch den Begriff der „sozialen
Schichtung“ beschreiben zu können. Sie lösten mit diesem Begriff aus
der Geologie einen gängigen Begriff heraus und meinten, eine bessere
Möglichkeit der Beschreibung der Gesellschaft anfertigen zu können.
Marxistische Soziologen teilten diese Meinung nicht und bestanden
weiterhin auf den Begriff der sozialen Klassen.
So war in der Bildung soziologischer Theorien Karl Marx mit seinem
Begriff der sozialen Klassen und der Klassenherrschaft einflussreich
geblieben. Natürlich hatte er neue Kriterien entwickelt und hatte das
Modell aus der Antike nicht einfach neu belebt. Er ordnete die Klassen
nach deren Funktion im Produktionsprozess und meinte, in ihnen gibt es
strukturierende Merkmale, die das gesellschaftliche wie ökonomische
Geschehen bestimmen: Land, Kapital und Arbeit. Als Faktoren bildeten
sie trotz ihres Zusammenhanges entgegengesetzte Interessen und
lösten die traditionellen sozialen Bindungen auf. Es ist dies auch die
Ursache für die Klassenkämpfe in der Geschichte. (Vgl. Ralf Bendix,
Seymore Martin Lipset, Karl Marx´ Theory of Social Classes; in: diess.,
Class, Status and Power, Glencoe 1953, S. 26-35)
Das von Marx entwickelte Modell berücksichtigt sowohl die Folgen der
industriellen Revolution, die ja die vornehmlich agrarischen
Arbeitsverhältnisse ablöste, als er auch zeigen konnte, die oben
genannten Faktoren gingen ein neues Verhältnis ein. Somit konnte er
das ökonomische Ungleichgewicht in der Gesellschaft erklären, die
Konfliktstoffe definieren und verknüpfte diese Analyse mit der Idee,
20
Gesellschaften könnten insgesamt gerechter sein, sozialer und
humaner. Diese Faktoren als reale Gegenstände des Sozialen zu
identifizieren, bedeutet, dass man Gesellschaften auch bewusst
„entwerfen“ könne.
Die meisten Vorwürfe gegen Marx richteten sich hauptsächlich gegen
seine Neigung zu Verallgemeinerungen. Viele spätere Soziologen
meinten, dass er einerseits spezielle historische Situationen für seine
Zwecke interpretierte, daraus generelle Schlüsse zog und sowohl eine
Geschichts- wie auch politökonomische Utopie folgen ließ. Das war
keine haltbare Kritik. Innerhalb einer Wissenschaftstheorie dürfen
Modelle auf Thesen aufbauen, die Generalisierungen entnommen
wurden. Von historischen Ereignissen darf behauptet werden, dass sie
mit anderen Ereignissen eine Verwandtschaft haben. Dass daraus
Strukturen abgeleitet werden, ist im Analogieschluss möglich. Weit
schwieriger ist die These von Marx über „soziale Klassen“
nachzuvollziehen. Es war einer seiner wichtigsten Begriffe. Da passte er
diesen Begriff stets seinen Argumenten an und legte diesen quer über
sehr unterschiedliche Gesellschaftsformen. Bald waren römische
Sklaven und Plebejer eine Klasse, dann wieder Handwerker und
Leibeigene im Mittelalter, bald war ein „Klassengegensatz“ diagnostiziert
worden, der aber den geläufigen Konflikt zwischen Bedrückern und
Unterdrückten meinte, oder jenen zwischen Ausbeutern und
Ausgebeuteten. Eigentlich machte die Überzeugungskraft von Marx in
der Interpretation von Geschichte am meisten stutzig. Und diese prägte
viele Nachfolger seiner Überzeugung, die die Dimensionen von
Geschichte und Gesellschaft, Ökonomie und Herrschaft noch mehr
verkürzten als es Marx je getan hatte.
Die Überlegungen von Marx lassen sofort an einen anderen Soziologen
denken, der vergleichbare Bedeutung hat, aber den man selten mit Marx
in
Zusammenhang
bringt.
Max
Weber
bot
in
seiner
Herrschaftssoziologie ein differenzierteres Modell an, wobei er in seinem
methodischen Vorgehen mit Marx vergleichbar war. Er verwendete
ebenfalls eine historisch-empirische Methode, definiert aber die
„Klassen“ nur in ihrer Relation zum „Markt“. In dieser ist die Frage
enthalten, inwieweit die Angehörigen verschiedener Klassen am Markt
ihre Chancen verwirklichen können. Immerhin leiten die Mitglieder dieser
Klassen vom „Marktgeschehen“ ihren sozialen Rang und Status ab. Max
Weber schließt auch die Möglichkeit ein, dass die „sozialen Stände“ bis
in die Industriegesellschaft ihre Bedeutung beibehalten können und nicht
nur in vor-modernen Gesellschaften ihre politische und ökonomische
Rolle besitzen. Damit erklärte Weber den Umstand, dass die „Stände“
selbst nach den Schritten der Modernisierung soziale Werte,
Verhaltensweisen und Ehrbegriffe tradieren und für die Gesellschaft
21
konstitutiv bleiben. Sie nisten sich in die Gesellschaftsstruktur ein und
überdauern sogar, wenn wir etwa an die gesellschaftliche Rolle von
Offizieren um 1925 und später in Mitteleuropa denken, obwohl der 1.
Weltkrieg in einer Katastrophe geendet hatte.
Was Max Weber von Karl Marx deutlich unterscheidet, ist in der
Beurteilung der Funktion von Produktion und Konsum zu erkennen. Was
Thorsten Veblen schon 1899 extrem ironisch mit Luxus und
Verschwendung „besserer Gesellschaft“ beschrieb, zeigte in gewisser
Weise auch Max Weber, nämlich die differenzierten sozialen Positionen
der „Stände“, Gruppen, Schichten. Er interpretiert diese Position über
die Konsummuster, in denen er äußere Erscheinungsbilder von
Privilegien sieht, Macht enthalten und damit auch die Fähigkeit, die
Interessen am „Markt“ durchzusetzen. Das ist ein sehr spannendes Bild,
wenn man nun den „Markt“ nicht nur als ökonomische Einrichtung
ansieht, sondern als eine Institution, die in ähnlicher Weise alle anderen
Bereiche des Sozialen dominiert. Dieser „Markt“ wird schließlich auch
die Vorstellung von demokratischen Systemen beeinflussen und ein
wesentliches politisches Kriterium sein. Das deutet schon darauf hin,
dass Max Weber „soziologischer“ dachte als seine Zeitgenossen, allein
schon bei diesem Aspekt des „Marktes“ die Ökonomisierung der
Gesellschaft beobachtete und gemäß dieses Modells alle weiteren
sozialen Bereiche interpretierte - bis hin zu den Phänomenen der Kultur.
Nun darf es nicht verwundern, dass Max Weber viele Befunde seiner
Analysen aus dem ökonomischen Geschehen ableitete. Er entstammte
ja der deutschen Historischen Schule der Nationalökonomie, war mit
dem Apparat der Begriffe vertraut und hatte dabei gleichsam ein
Realitätsprinzip der Gesellschaft unmittelbar vor Augen: die Ökonomie.
Sie schien ihm einen realistischen Zugang zu dem diffusen und schwer
fassbaren Gebilde „Gesellschaft“ zu erlauben. Er teilte aber nicht die
Behauptung früherer deutscher Sozialphilosophen, wegen der
bürgerlichen Gesellschaft seien die ökonomischen Perspektiven die
einzigen ernsthaften Bestimmungspunkte von gesellschaftlichem
Bewusstsein, alles andere sei „Überbau“ oder gar Fiktion, sondern Max
Weber sah im ökonomischen Geschehen die Auswirkung von „Kultur“,
Geschichte und Lebensstilen in der Gesellschaft. Die verschiedenen
Wirtschaftsstile, die man doch in Europa im 19. Jahrhundert sehen
konnte, von der Industrielandschaft Englands bis zu den weiten
Agrarflächen der Ukraine, die gleichsam von Leibeigenen noch immer
bearbeitet werden mussten, sind Ausdruck von „Kultur“. Und das war die
beeindruckende Sichtweise Max Webers, daraus Schritt für Schritt die
sozialen Bestandteile abzuleiten, zu analysieren und deren konstitutive
Bedeutung für die Ermittlung
22
des Gesellschaftlichen darzulegen. So erhielt er Konstruktionsmerkmale
der Gesellschaft. Die erste Bestimmung legte er mit der Typenlehre
sozialen Handels vor, die er in enge Beziehung zu den Typen von
Herrschaft setzt.
Während sich also Marx für die Konfliktstoffe der Gesellschaft
interessierte und die künftigen Bruchstellen prophezeite, die sich in
Revolutionen verwirklichen, konstatierte hier Max Weber die Phänomene
sozialen Wandels, der vielfältige Reziprozitäten verursacht und die
Gesellschaft verändert. Marx interessierte sich kaum für die Stabilität
einer Gesellschaft, verschrieb sich seinen apokalyptischen Visionen, in
denen er die Abschaffung von Staat und bürgerlicher Gesellschaft als
unvermeidbaren Prozess darstellte, hingegen Max Weber die
Gesellschaft mit der Ruhe des Pathologen betrachtete. Er sah in der
Gesellschaft die „Materialisierung“ von Kultur und deren Beständen, zu
denen etwa Denken, Bewusstsein oder Weltanschauung zählen,
beschrieb die verschiedenen sozialen Verknüpfungen, die jeweils
vertikal und horizontal wirkende Solidaritäten ergeben können, oder aber
wieder Gegensätze, die ebenfalls den Zustand der Gesellschaft
bestimmen. Gesellschaft sah Max Weber stets in den Prozess der
Geschichte verwickelt, daher befürchtete er die Destabilisierung von
Gesellschaften und war daher ein entschiedener Befürworter jener
Institutionen, die die sozialen Antagonismen mildern und auflösen
helfen: Rechtsstaat und Bürokratie. In seiner Soziologie war zu
erkennen, dass die Folgen der Modernisierung samt den
Verunsicherungen der Menschen nur über diese beiden Institutionen
transformiert und in einer Demokratie bewältigt werden können. Es war
dies einer der Ansätze, weshalb Soziologie zu einer fundierenden
Wissenschaft innerhalb der Sozialwissenschaften werden konnte.
Soziale Mobilität
Auf- und Abstieg von Kulturen und Imperien waren bei Historikern
beliebte Bilder, um den Lauf der Geschichte zu charakterisieren. In der
Renaissance hingegen schien man sich die historisch-kulturellen Muster
ausgewählt zu haben und mischte sich aus Christentum und der
Begeisterung für römische und griechische Antike ein neues Weltbild,
das zugleich diese eindrucksvollen kulturellen Schöpfungen förderte.
Neu war daran, dass Geschichte nicht Vergangenes blieb, sondern ein
sehr wichtiger Steinbruch, aus dem die antiken Reste entnommen und
zu neuen Formen entwickelt wurden. In dieser vereinfachten Darstellung
soll nur die Sensibilität geweckt werden, dass man aus den Entnahmen
aus der Geschichte und den Mischungen von Vergangenem und
23
Gegenwärtigem ein neues Zeitbewusstsein ablesen kann, woraus man
eine Neubestimmung der Stellung des Menschen entwickelte. Neu war
auch die Neubestimmung des Menschen in seinem Verhältnis zu Gott,
wie es die Reformation deutlich machte. Das Ergebnis war die
Glaubensspaltung, die West- und Mitteleuropa nachhaltig prägte,
andererseits musste sie politisch überwunden werden. Damit begann
der Siegeslauf des modernen Staates und seiner Institutionen.
Dieser Hinweis auf die Geschichte wird in diesem Zusammenhang mit
soziologischen Terminologien verblüffen. Allein dieser historische
Umstand zeigt ja nicht nur eine neue Beweglichkeit des Denkens in den
Wissenschaften, sondern drückt sich auch in einer steigenden sozialen
Mobilität aus. Auf der einen Seite werden die intellektuellen
Mönchskommunitäten von den Universitäten abgelöst, auf der anderen
Seite wird dem Adel der „Geistesadel“ entgegengestellt. Schließlich
benötigte der Staat, zuerst in den Stadtstaaten Oberitaliens, eine
funktionstüchtig Bürokratie, ohne die die anstehenden Modernisierungen
und verbesserte Administration nicht möglich gewesen wäre. Und die
Beamten waren sehr unterschiedlicher sozialer Herkunft. Die Mobilität
war auch dadurch verursacht worden, dass mit der Reformation die
Legitimationskriterien nicht mehr aus dem Glaubensbekenntnis
gewonnen werden konnten, sondern diesen Verlust an Orientierung
mussten Wissenschaft, Ökonomie und Administration ersetzen.
Die Steigerung der Mobilität bis ins 21. Jahrhundert hat Joseph
Schumpter einmal ironisch damit charakterisiert, dass „die oberen
Schichten der Gesellschaft Hotels ähnlich sind, die immer voller
Menschen, aber es sind immer wieder andere Menschen.“
Soziale Mobilität meint aber auch andere Phänomene. Es soll ja nicht
nur das Auf und Ab auf der sozialen Leiter wiedergeben, sondern
interessanter ist vielleicht die Mobilität innerhalb einer homogenen
sozialen Schichte. Sie bestimmt die individuelle Lebensgestaltung. Dazu
zählt auch die intergenerative Mobilität. Bekanntlich sind ja die
lehrreichen Beispiele gelungener Biographien zugleich auch der
Nachweis für Mobilität, also vom Tellerwäscher zum Millionär
aufzusteigen. Und dies gilt noch weit mehr für das Wachstum der
Produktion im Zeitalter der Industrialisierung. Da hatte der Großvater
noch als Schmied gearbeitet, hingegen der Enkel verfügte dann über
einen Konzern und beneidet den Großvater für dessen beschauliches
Arbeitsleben.
Mobilität will aber auch zum Ausdruck bringen, dass sie gerade für die
Entwicklung zur gesellschaftlichen Gleichheit ein Merkmal dafür ist, ob
Menschen zu ihrem Ziel kommen können oder wo es behindert wird.
Gerechtigkeit in der Verteilung der Güter, gleicher Zugang zum Recht
und Anrecht auf die meisten Positionen in der Gesellschaft zeigen das
24
Prinzip Gleichheit sehr erfolgreich, aber konnte nur über soziale
Mobilitäten realisiert werden. Sie bewirkte die Steigerung der
ökonomischen Produktivität, da arme Schichten der Landarbeiter in die
Stadt wanderten, um in den Fabriken Arbeit zu finden. Sie weckte auch
in den unteren Schichten den Optimismus, sozial aufsteigen zu können.
Natürlich waren die Enttäuschungen ziemlich groß, als alle diese Ziele
nicht so verwirklicht werden konnten, wie man es erhoffte.
Gegenwärtig ist Mobilität im weitesten Sinn das bedeutendste Merkmal
„sozialen“ Wandels. Wir leben ja nicht nur inmitten der größten
Wanderungsbewegung der Geschichte, sondern mit der Forderung nach
mehr „Flexibilität“ werden zahllose Menschen mit der Tatsache
konfrontiert, in ihrer bisherigen Arbeitswelt nicht mehr bleiben zu
können. Auch sie müssen sich mobil zeigen. Gleichzeitig war mit der
steigenden Entwicklung der Kriminalität die Kehrseite von Mobilität
erkennbar, denn auch diese verfolgt ja den Zweck sozialen Aufstiegs,
wenn auch mit unlauteren Mitteln. Mobilität bedeutet hier, die Umwege
zum Erfolg in der Gesellschaft zu kennen und zu nutzen. (Vgl. Daniel
Bell, Crime as an American Way of Life; in: ders., The End of Ideology,
New York, S. 127-150)
Selbst diese dissonanten Merkmale förderten die Bedeutung der
Soziologie. Hinter der Frage nach sozialer Mobilität stellte sich sofort die
nächste, nämlich welche verwandten Wissenschaften der Soziologie bei
den Ermittlungen helfen könnten? Bald rezipierte man in der Soziologie
die Ergebnisse der Statistik, hierauf die der Sozialgeschichte und
Sozialökonomie,
die
Ergebnisse
aus
der
Tradition
der
Bevölkerungswissenschaft und der Sozialpolitik als einen Zweig der
Volkswirtschaftslehre. Gerade diese Zusammensetzungen verrieten,
dass es wirklich den großen Komplex einer Sozialwissenschaft gibt.
Bürokratie
Geht ein Besucher Roms vom Kolosseum zum Forum Romanum, so
findet dieser Weg nicht nur vor einem Hügel ein Ende, sondern auch vor
einem riesigen Gebäude: dem Tabularium. In ihr war der Sitz der
berühmten römischen Reichsverwaltung. Die Reste dieses großen
Gebäudes sind das interessanteste Vermächtnis des antiken Rom an
den modernen Staat. Ohne Verwaltungsstäbe hätte das römische Reich
nicht existieren können. Modernisierungen und daran anschließende
Reformen hingen von Qualität und Güte der Bürokratie ab. Max Weber
beschrieb die Bürokratie als einen unverzichtbaren Teil eines Typus von
Herrschaft. Ihre Organisation, die Entwicklung von Regeln in Formen
von Vorschriften, die Rekrutierung der Beamten bildeten ein völlig neues
25
politisches Instrument, in dem der Staat nicht nur besser überblickt
werden konnte, zugleich dessen Bürger in der Bürokratie einen Bereich
von Staatlichkeit und Politik realistisch „sehen“ und „fühlen“ konnten.
Das war natürlich mit der Entwicklung des Territorialstaates ab dem 17.
Jahrhundert in Frankreich eine notwendige Parallelentwicklung. Die
Behörden wurden zur abgestuften Verwaltungshierarchie, die erstmals
auch bis in die „Provinzen“ regierten und nun die Gesellschaft mit einem
politischen System konfrontierte.
In soziologischer Betrachtung wurden zwei Phänomene wichtig: Es
wurde der schriftlich ausgefertigte Akt „erfunden“ und zugleich der Beruf
des Verwaltungsjuristen. Standen einmal die „Griechen“ in der Antike vor
der
Alternative
zwischen
Tyrannis
oder
Demokratie
als
Herrschaftsformen, so war die bürokratische Herrschaft nach Max
Weber ein politisches System, das sich gleichsam unabhängig von
Personen konstituierte. Dafür benötigte man eigene Ausbildungen,
Eignungsprüfungen und eine normierte Form einer Karriere für den
Beamten. War im „patrimonialen“ System der veralteten Monarchie der
Königshof „informell“ organisiert, bestenfalls nach Zeremoniell und
tradierten Formalismen, genügte hier die „Mündlichkeit“ der
Anweisungen, so waren nunmehr der Bürokratie die Befehle schriftlich
zu geben, deren Befolgung wurde kontrolliert, in Akten vermerkt und
archiviert. So entstand eine „rationale Ordnung“. Sie hatte sich in
Westeuropa durchgesetzt und fand bis nach Russland eine
Nachahmung. ( Vg. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen
1980)
Der Erfolg der Bürokratie war auch mit dem Siegeszug des frühen
Kapitalismus begleitet worden und förderten damit Rationalismus und
Aufklärung. Staat, Wirtschaft und Gesellschaft erhielten wirklich ein
neues Gesicht. Daher meinte man zunehmend, politische, ökonomische
und soziale Prozesse „durchschauen“ zu können. Daher ist es
verständlich, dass die Bürokratieforschung in der Soziologie einen
wichtigen Stellenwert erhielt. Im „liberalen“ Ansatz kritisierte man, dass
Bürokratien auf Dauer die Menschen entmündigt, im „etatistischen“
Ansatz wurde betont, dass über die Bürokratie die Rechte der
Staatsbürger gewahrt werden. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die
Bürokratie als wesentlichen Bestandteil staatlicher und politischer
„Kultur“ betrachteten.
Mentalität und Ideologie
Im Anschluss an die Forschungen über Bürokratie war das Ergebnis zu
verzeichnen, dass Beamte „andere“ Menschen seien. Er besitzt einen
26
bestimmten Ethos, den er seinem Beruf verdankt, empfängt von seiner
Institution die Wertmaßstäbe, die er internalisiert. Diese Aufzählung
umschreibt die „Tatsache“, dass es sich bei Beamten um Menschen mit
spezifischen Denk- und Handlungsweisen handelt.
Für die Soziologie ist der Begriff der „Mentalität“ von besonderer
Bedeutung. „Mentalitäten“ zeigen ja nicht nur Beamte, sondern in allen
Berufsgruppen scheint sie vorhanden zu sein. Unternehmer oder
Sportler, Bauern oder Bauarbeiter lassen ihre spezifische Mentalität
erkennen. Emile Durkheim hat darin das Ergebnis vorherrschender
Ideen gesehen, selbst wenn er von einer „kollektiven Repräsentation“
von bestimmenden Ideen schrieb. Spezifische Denkweisen sind eben
mit Tätigkeiten verbunden und führen zu „kognitiven Orientierungen“, die
wieder gemeinsame Anschauungen prägen. Es „denken“ eben Bauern
anders als Städter, Mechaniker anders als Piloten. In den
Gesellschaften bilden sich unterscheidbare Denkweisen aus. Sie
bestehen aus Kategorien, die einerseits über eigenständige Erfahrungen
verfügen, andererseits eine spezielle Interpretation sozialer Wirklichkeit
enthalten. Ein Berufschauffeur wird über den Straßenverkehr anders
denken als ein geplagter Anrainer einer verkehrsreichen Straße.
Soziologen
interessieren
hier
nicht
die
Konfliktstoffe
und
Interessengegensätze, sondern wie bei diesen gegenteiligen Meinungen
dennoch eine kollektive Mentalität erzielt wird. In der jüngeren
Vergangenheit haben ja soziale Bewegungen gezeigt, eine sehr
differente Repräsentation zu haben. Ökologische Bewegungen vereinen
Mitglieder, die entweder grundsätzlich für den Naturschutz eintreten,
Biologen aus rational-wissenschaftlichen Gründen oder auch Liebhaber
der Schönheit der Natur. Die einen wollten die Natur zum Gegenstand
des politischen Handelns machen, die anderen galten als Exponenten
eines
„Wertkonservatismus“.
Daher
mussten
sich
höchst
unterschiedliche Haltungen zur Natur in einer gemeinsamen Mentalität.
Da ist für den Soziologen interessant, wie lange diese Mischungen
beibehalten werden, wie haltbar die gemeinsamen Positionen sind und
ab wann die Wünsche in konkrete politische Aktionen verwandelt
werden. Dabei ist die Feststellung wichtig, dass darin der Hinweis auf
einen Wandel der Denkstrukturen vorliegt. Sollten sie eben über eine
gewisse „Dauer“ verfügen, können wir von einer Mentalität sprechen,
wenn diese nicht erreicht wird, so wird es wohl eine „Mode“ gewesen
sein.
Die Entschlüsselung von Mentalität war ein Untersuchungsgegenstand
für die Schüler von Emile Durkheim. Sowohl bei Marc Bloch, als auch
bei dem marxistisch orientierten Lucien Febvre wurden Mentalitätsstile
über den Umweg von Ritualen, Wunderglauben, Einstellung zur
27
„Religion“ untersucht. (Marc Bloch, Le Rois thaumaturges, Paris 1923;
Lucien Febvre, Le Probleme de l´incoyance an 16e siècle, Paris 1942)
Mit diesem Ansatz waren sozialhistorische Themen plötzlich im
Mittelpunkt soziologischer Interpretation: Zauberei, Hexerei oder
Wunderglauben. So entdeckte man einerseits, dass ein spezielles
„Wissen im Volk“ diskriminiert und wegen der Verwissenschaftlichung
verdrängt wurde; andererseits fragte man sich, ob im Umfeld von
Ritualen und Religionen auch Mentalitäten entstehen? Man musste
zugestehen, dass Mentalitäten nicht allein aus herkunfts-, berufs- und
gesellschaftsbezogenen Bindungen abgeleitet werden können, in denen
Mentalität stets als eine Form der Rationalisierung erscheint.
Die Analyse von Mentalität stellt natürlich die Soziologie selbst vor
erhebliche Probleme. Kann sie nicht auch zur Mentalität eines
Denkstiles werden? Widerspricht nicht die Dauerhaftigkeit einer
Mentalität dem sozialen Wandel, der sie offensichtlich zu modifizieren
scheint? Ist Mentalität in ihrer umfassenden Form mit gesellschaftlichem
Bewusstsein gleichzusetzen? Wie auch immer die Antworten darauf
erfolgten und von ernsthaften Bemühungen um eine Analyse begleitet
waren, legte die Bestimmung von Mentalität nicht den Eindruck nahe,
dass mit diesem Begriff zu großzügig umgegangen wurde? Man konnte
bei aktuellen Forschungen einen weiten Bereich gesellschaftlichen
Bewusstseins abdecken, ohne dass dessen Funktion zur Dechiffrierung
eines Gesellschaftszustandes als ideologische Position des Forschers
zur Debatte stand. So erkennt mn recht gut, dass mit Teminologien das
Problemfeld offener Fragen eher verdeckt als aufgedeckt wurde. So
bergen Begriffe häufig die Gefahr in sich, soziale Dimensionen zu
verkürzen, in kausale Verbindungen zu bringen und daraus einen
Erklärungszusammenhang zu konstruieren, der nicht eingehend
gesellschaftliche Wirklichkeit trifft. Natürlich scheint alles in den Erfolg
eines empirischen Zuschnittes zu passen und so kann es geschehen,
dass die Vornahmen zugleich auch das Forschungsergebnis sind. Sollte
man nun wirklich Mentalität bestimmen wollen, so wird wohl der Rat zu
beherzigen sein, diese grundsätzlich zu einer genau erhobenen sozialen
Wirklichkeit in Beziehung zu setzen, wie etwa den „Corpsgeist“ zur
Befehlshierarchie militärischer Einheiten, oder die beschworene
„corporated identity“ in Wirtschaftskonzernen.
Einer gänzlich anderen Kategorie ist die „Ideologie“ zuzuordnen. Es ist
ein geflügeltes Wort, das in der Soziologie eine breite Verwendung
findet. Zumeist bezieht sich dieser Begriff auf die Aussagen der
Analysen von Karl Marx, der zu je einer sozialen Klasse auch eine
genuine Ideologie hinzuzählt. Gewiss ist bei bürgerlichen Unternehmern
die Ideologie eines Wirtschaftsliberalismus anzutreffen, wie auch in der
frühen Arbeiterbewegung ein revolutionärer Esprit verbreitet war. Hier
28
unterschied Karl Mannheim in seiner Wissenssoziologie zwischen
„besonderer“ und „totaler“ Ideologie. (Karl Mannheim, Ideologie und
Utopie, (1936) Frankfurt 1985) In totalen Ideologien sollen
Gesellschaftsordnungen legitimiert werden, die verbindliche politische
Denkmuster einfordern und auch bei Intellektuellen durchsetzten. Sie
akzeptieren keinen Unterschied zwischen gedachter, gewünschter und
tatsächlicher sozialer Wirklichkeit. Politische Systeme bedienen sich oft
dieser totalen Ideologien, so etwa in der Tabuisierung von „Markt“ und
dessen ordnender Kraft, in der Tabuisierung politischer Positionen.
Dahinter verbergen sich recht eigennützige Interessen. Der Markt etwa
soll grundsätzlich Konkurrenz als „gesundes“ Prinzip zulassen, die
Kompetenz individuellen Handelns garantieren. Bei politischen
Bewegungen werden Ideologien als gelungene philosophische Systeme
ausgegeben, die die Richtungen politischen Handelns vorgeben und
eine kritische Prüfung verweigern. Sehr schnell ist ein Druck auf die
Gesellschaft festzustellen, um Ideologien durchzusetzen, und sei es,
dass „nur“ „symbolische Gewalt“ ausgeübt wird, wie diese Pierre
Bourdieu beschrieb. (Pierre Bourdieu, Esquisse d´une theorie de la
pratique, Paris 1972)
Mit dem Begriff „Ideologie“ war es der Soziologie möglich, eine
umfassende Weltanschauungskritik der Gesellschaft zu entwerfen, die
immerhin zu einem wesentlichen Merkmal dieser Wissenschaft wurde.
Somit nahm sie die Position für sich in Anspruch, die „Eliten“ in Politik,
Wirtschaft, Kultur oder Wissenschaft untersuchen und auf deren Aporien
verweisen zu können. Grundsätzlich wurde der Verdacht laut, hinter
allen Denkweisen stecken Interessen, wie die Übernahme dieser
Interessen in den „unteren“ sozialen Schichten als „Entfremdungen“
bezeichnet wurden. Durch Ideologien finden Instrumentalisierungen
statt, weshalb die Ausgebeuteten und Entfremdeten ihren Zustand nicht
durchschauen können.
Der Begriff „Ideologie“, der immerhin die Errichtung der Position von
„Ideologiekritik“ in den Sozialwissenschaften bewirkte, kann natürlich
auch einen gegenteiligen Effekt hervorrufen: Sind generell die Bereiche
von Recht oder Religion oder Kultur Funktionen für den Machterhalt?
Sichern sie insgesamt und immer schon die Interessen der Mächtigen?
Man wird nicht alle soziale Institutionen innerhalb dieser Absichten
interpretieren können. Max Weber selbst erkannte, dass seine
ausgefeilte Ideologiekritik mit der Einsicht in die „entzauberte“ soziale
Welt verbunden ist, ja in der Objektivierung von Fortschritt und
Modernisierung insgesamt eine „Entzauberung“ stattfindet, die die
Gesellschaft mit völlig neuen Herausforderungen belastet. Die Antwort
war dann wohl die Kreation perverser Mythen des Totalitarismus.
29
Die Ideologiekritik in der Tradition der Soziologie war immer von der
Bemühung begleitet, nun könne der Aufbau sozialer Welt rationaler
erfolgen und es sei möglich, Fortschritt in die Gesellschaft organisch zu
integrieren. Rechtzeitig könne die Ideologiekritik das Aufkommen
moderner Mythen und Idole verhindern. Dieser Optimismus hatte sich
nicht bewahrheitet. Damit war soziologisches Wissens keineswegs
außer Kraft gesetzt. Allerdings parierte die Soziologie die Befürchtungen
vor dem Totalitarismus damit, dass sie selbst - wie erwähnt Produzentin einer „soziologischen Weltanschauung“ wurde, die alle
Bereiche der Gesellschaft penetrierte.
Sozialer Wandel
Im Selbstverständnis des Faches stufte sich die Soziologie als die
geeignetste Interpretin sozialen Wandels ein. Natürlich war „Wandel“
immer schon der Modus historischer Darstellungen, doch mit Auguste
Comte war doch eine spezifische Änderung und Neuerung dieses
Phänomens eingetreten. Seit der Aufklärung sah man sich in
Wandlungsprozessen, nur hatte sich die Ansicht durchgesetzt, sozialen
Wandel in die eigene Regie übernehmen zu können. Das war der
Gegenstand politischer wie ökonomischer Reformprogramme im 18.
Jahrhundert. Bereits im 17. Jahrhundert wusste man von der
Veränderung der Bevölkerungszahlen, wie Gemeinwesen ökonomisch
zu entwickeln seien oder warum sie geschwächt sind. Also waren
Strukturveränderungen aufgefallen und wurden zum Gegenstand
politischer Ökonomie und der Staatslehre. Welche Faktoren verursachen
aber Veränderungen? Es war die zentrale Frage, die nicht erst Comte
stellte. In den Untersuchungen zum Untergang des römischen
Weltreiches war das Thema „Wandel“, „Veränderung“ oder „Untergang“
seit Montesquieue geläufig. Und bis zur Zäsur der russischen Revolution
1917 beschäftigten sich Soziologen mit diesem Thema. Dazu hatte
Pitirim Sorokin ein eigenwilliges Modell skizziert, das wohl mit den
Beschreibungen von „Fluktuation“ und „Zyklus“ neue Motive zur
Erklärung beisteuerte. Selbst in diesen beeindruckenden Analysen stand
die Geschichtsphilosophie Patin, denn hier erscheinen historisch-soziale
Entwicklungen einem Kreislauf zu gehorchen. Andere Theoretiker
wieder können zu einer christlich-jüdischen Tradition hinzugezählt
werden, in der entweder linear verlaufende Prozesse grundsätzlich
Wandlungen ergeben, oder der Geschichte eine theologisch
argumentierte Eschatologie unterlegten. Unabhängig davon wurden
auch Modelle aus der Biologie herangezogen, die in die Soziologie mit
den Begriffen „Wachstum“, „Evolution“, „Dekadenz“ einwirkten. Ein
30
weiteres Modell entnahm man den Vorstellungen von „Organisation“,
aus der man für den Wandlungsprozess die Begriffe „Penetration“,
„Nachahmung“, „Diffusion“ oder „Derivation“ heranzog. So setzten in der
Erklärung für Wandel Gabriele Tarde oder Thorsten Veblen auf des
Modell der „Diffusion“, um in der Penetration verschiedener Bereiche der
Gesellschaft durch zunehmende Vermischung von Nachahmungen oder
gar Übertragungen von unterschiedlichen sozialen Dispositionen den
sozialen Wandel zu markieren. (Gabriele Tarde, Les lois de l´imitation,
1890; Thorsten Veblen, Imperial Germany and the Industrial Revolution,
1915)
Die Bereitschaft Neuerungen zu kopieren, ins eigene System zu
integrieren und großteils damit überraschende Veränderungen
hinzunehmen, war eine der Stärken des Diffusions-Modells. Es erklärte
den Erfolg technischer Errungenschaften, den ökonomischen und
materiellen Aufstieg, ohne dass damit ein Wandel des Bewusstseins
Schritt gehalten hätte - am Beispiel Deutschlands und Japans um 1900.
Nun war der Begriff des sozialen Wandels sehr schnell ein Merkmal für
die Theorien der Modernisierung geworden. Diesem Thema widmete
sich Herbert Spencer, der als Modell die aus der Naturwissenschaft
entnommene Evolution zur Erklärung anbot. Da konnte sozialer Wandel
sowohl in den Kriterien des „Wachstums“ und des „Fortschritts“
beschrieben werden, wie sich damit auch die Steigerung von sozialer
Differenzierung und Komplexität einstellte. (Vgl. Herbert Spencer,
Autobiography, London 1904; ders., Social Statics and Dynamics.....)
Spencer meinte beobachten zu können, dass es eben eine direkte Linie
vom Einfachen zum Komplexen gibt, vom Unspezialisierten zum
Spezialisierten. Er stellte die Hypothese auf, dass der Weg von der
„inkohärenten Homogenität zur „kohärenten Heterogenität“ führe. Dieser
Überlegung hätten sowohl Emile Durkheim als auch Max Weber
zustimmen können.
Diese Hypothese Spencers enthielt aber ein Problem, das später in der
Soziologie zu einem häufig auftretenden Irrtum verleitete. Er meinte, die
Gesellschaft aus einer naturontologischen Bestimmung der Welt
erklären zu können, die aber die Eigenart der Gesellschaftsontologie
unterschlägt. Mit Hilfe der Evolution war er überzeugt, Natur und
Gesellschaft sei vergleichbaren Regeln unterworfen, selbst wenn der
Prozess der Zivilisation qualitativ andere Merkmale aufweisen sollte als
die Naturordnung. Verführerisch war die Hypothese auch deshalb, da sie
einerseits von einer hohen Plausibilität begleitet wurde, andererseits
erlaubte sie endlich die Anwendung einer Empirie, die ihre Eignung in
den Naturwissenschaften nachgewiesen hatte. Nun waren die
Nachweise nicht mehr über eine geisteswissenschaftlich-historische
Methode zu ermitteln, sondern naturwissenschaftlich-empirisch.
31
Emile Durkheim wählte eine völlig anderen Zugang. Er beschrieb den
sozialen Wandel als ein Ergebnis von „Vergesellschaftungen“. Diese
ergibt sich aus den Entwicklungen zur Solidarität innerhalb der
Gesellschaft, wobei er zwischen „mechanischer“ und „organischer“
Solidarität unterschied. Wenn es eine soziale Evolution gibt, dann zeigt
sie ihr Fortschreiten vom einfachen Muster mechanischer Solidarität in
Familie, Sippenverband oder Stamm zur organischen Solidarität etwa
am Beispiel der modernen vergesellschaftenden Kraft der
Arbeitsteiligkeit. (Emile Durkheim, De la division du travail social, Paris
1893)
Diese neue Zuordnung der Individuen bei Durkheim kann freilich mit der
Theorie der sozialen Institutionen bei Max Weber verglichen werden,
weshalb sozialer Wandel sowohl durch die Veränderung der
Organisation von Arbeit, als auch durch die Entwicklung von Bürokratie
und Kapitalismus dargestellt werden kann.
In der genauen Analyse von „Übergangsgesellschaften“, in der ja die
genannten Faktoren vorhanden sein müssen, stellte Talcott Parsons
fest, dass die Schritte der Modernisierung die Ablöse enger
Gemeinschaft durch unpersönliche Gesellschaft bewirkt. Es kommt zu
einer dramatischen Verknüpfung „endogen-binnengesellschaftlicher“
Faktoren mit „exogen-von außen nach innen gerichteten“
Einflussnahmen. (Talcott Parsons, Social Theory and Social
Change,.....) Damit ist die Gegenüberstellung der beiden Formen von
Vergesellschaftung
nochmals
aktualisiert,
nämlich
zwischen
Gemeinschaft und Gesellschaft.
Da insgesamt das soziale Gefüge außerordentlich empfindlich ist,
genügen schon geringfügige Umstellungen, kleine Änderungen, um
einen Wandlungsprozess einzuleiten. Somit wurde den Soziologen ein
höchst umfangreiches Feld der Forschung vorbereitet. Verstädterung,
Industrialisierung, Technisierung, oder die Zunahme sozialer
Komplexität und das weite Gebiet der Säkularisierungen drängen der
Gesellschaft Veränderungen auf, denen sie sich nicht entziehen kann
und deren Wandlungsprozess schlechthin das Thema der Soziologie ist.
Und ein Widerstand gegen den Wandel ist nur um den hohen Preis von
„Rückständigkeit“ möglich, wie Ogburn beredt argumentiert. Die Abkehr
von Fortschritt führt zu sozialen Atavismen oder zu gewaltigen
kulturellen Dissonanzen.
Die Herausforderung an den Soziologen, eine umfassende und
befriedigende Erklärung für sozialen Wandel zu bieten, kommt
denkbaren Formen sozialen Wandels und diese zu ordnen, wird wohl
wegen der gegensätzlichen Interpretationen kaum möglich sein. Daher
mussten historische Phasen konstruiert werden, in denen die Stadien
der Veränderungen eine adäquate Funktion besitzen. Offenbar müssen
32
wohl alle Gesellschaften die Phase einer „Entwicklungsgesellschaft“
durchlaufen, ob sie aber an das Ziel der Bewältigung ihrer Entwicklung
kommen und wer ihnen dafür das Zeugnis ausstellt, trifft eher das
„Verantwortungsbewusstsein“ der Soziologie als die Gesellschaft selbst.
Sozialer Wandel in der Gestalt von Niedergang, Erschöpfung und
ökonomischer Depression ist für die Historiker ein geläufiges Thema.
Da die Soziologie in der Phase von Fortschritt und Revolutionen
entstand, hat sie weit mehr die Frage interessiert, welche
Voraussetzungen Fortschritt begünstigen und die Gefahr der Revolution
vermindern. Eine „versöhnlichere“ Position bei der Erklärung sozialen
Wandels wird in dem Modell veranschaulicht, in dem Wandel in der
Gesellschaft durch gegenläufige Bewegungen verursacht wird. S. N.
Eisenstadt wählte als Beispiel die Modernisierung, die einerseits einen
Druck „von außen“ wie etwa den technologischen Fortschritt und die
Bürokratisierung darstellt, andererseits ist eine „Regression“ zu
beobachten, etwa Dezentralisierung oder der Anstieg der Wertschätzung
privater Sphären. (S.N. Eisenstadt, Tradition, Change and Modernity,
New York 1973)
Ein ebenbürtiges Modell stellte Norbert Elias vor, der in der
Modernisierung sowohl die Zunahme sozialer Differenzierung und der
sozialen Integration beobachtet - und zugleich das Gegenteil, also
Entdifferenzierung und Desintegration. Das heißt, dass die Gesellschaft
verformt wird und der Gewinn neuer Eigenschaften, etwa sich in der
industriellen Arbeitswelt zurecht zu finden, scheint gleichzeitig die
Bedeutung der Intimsphären der Menschen zu heben.
Vermutlich war das „Modell“ sozialen Wandels von Karl Marx bei weitem
das einflussreichste. Mit seiner Konzentration auf Produktionsformen
hatte er jederzeit eine empirisch erfassbare Tatsache vor sich und sah in
deren Entwicklung zugleich auch den politischen Wandel. Ökonomie,
Produktion und Gesellschaftsform besäßen immer eine widersprüchliche
Struktur, begünstigen Konflikte, die aber dadurch lange Zeit kompensiert
werden können, sollten die „einfachen“, wenig komplexen sozialen
Einheiten zu immer komplizierteren sozialen Organisationen drängen.
Es ist eine evolutionäre Entwicklung, die allerdings die Gefahr des
plötzlichen Zusammenbruchs in sich birgt - die Revolution. Das Ende
dieses Verlaufs sei die kommunistische Gesellschaft, die mit zwingender
Notwendigkeit eintreten muss. Der Motor dieser historischen Bewegung
ist die Steigerung der Produktionsweisen und die gleichzeitige
Verelendung der „Massen“. Beide sind in der Lage, ihre
Vergesellschaftungen zu leisten, in diesen ändern sich die Funktionen
und Bedeutungen des Kapitals. Dieses führt den politischen Zustand
bürgerlicher Gesellschaft letztlich ad absurdum. Bourgeoisie und
Proletariat sind Endprodukte, die unversöhnlich gegeneinander stehen.
33
Marx räumt aber auch ein, dass das Gegenteil eintreten könne, also der
Wandel kann in die Gegenrichtung stattfinden, weil er sich je nach
ökonomischer Disposition einstellt. Und dieses „Modell“ entsprach auch
einer paradoxen historischen Situation. Während Westeuropa im 16.
Jahrhundert florierte, verloren die osteuropäischen Städte an Bedeutung
und ökonomischer Kapazität. Oder: Während der Kapitalismus seinen
Siegeszug am Westufer der Elbe feierte, wurde am Ostufer die
„Feudalisierung“ in Grundbesitz und Landschloss gefestigt.
Vermutlich erwecken diese Beispiele eher den Eindruck einer
unbefriedigenden Beiläufigkeit und scheinen für Theorien nur sehr
unspezifische „Instrumente“ zu sein. Auf der einen Seite verführen diese
Beispiele zu einseitigen Interpretationen, auf der anderen bieten die
Erkenntnisgewinne nur begrenzt zutreffende Einblicke. So konnte es
zum Vorwurf kommen, soziologische Theorien seien in ideologischen
Vorbestimmungen gefangen. Dennoch muss der aufmerksame Leser
erkannt
haben,
dass
etwa
das
„Realitätsprinzip“
für
sozialwissenschaftliches Denken, Ökonomie, in den meisten Positionen
innerhalb einer soziologischen Theorie eine dominante Stellung
einnimmt - von Marx bis Weber. Erst über diese Brücke gibt es
offensichtlich einen realen Bezug zur Wirklichkeit. Mit der Ökonomie
hatte man also einen Ansatzpunkt zur Verfügung, der unter anderem die
Arten des sozialen Wandels zu erklären vermag. Auf dieser Ebene bleibt
die Diskussion streng auf das Thema ausgerichtet und öffnet zugleich
das weite Feld soziologischer Spezialitäten. Allerdings zeigen sich
innerhalb dieser Verknüpfungen zur Erklärung sozialer Wirklichkeit sehr
anschaulich die Einwände gegen eine „naturwissenschaftliche“
Soziologie. So eben in der Soziologie eine Nachahmung von
Naturwissenschaft angestrebt wurde, können zwar Teile einer Theorie
an empirischer Gewissheit gewinnen, büßen ber gleichzeitig eine
verallgemeinerbare Aussagekraft ein und erreichen damit nicht ihr
Wunschziel, nämlich die Anwendbarkeit in der gesellschaftlichen Praxis.
Dieses Dilemma begleitete die Soziologie über weite Strecken ihrer
Entwicklung und begünstigte die Trennung zwischen empirischer
Sozialwissenschaft und theoretischer Soziologie. Diese Trennung trat
gerade in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts ein.
In
beiden
Ausprägungen
von
Soziologie
besitzen
die
Begriffsbestimmungen eine wichtige Funktion. Sie war gerade in der
Gegnerschaft
zwischen
diesen
beiden
Denkrichtungen
ausschlaggebend. Die eine Seite beschuldigte die andere, soziale
Phänomene nur eindimensional zu quantifizieren; die anderen
entgegneten, die durch eine umfassende Theorie erwünschte
„Mehrdimensionalität“ des Erklärungsmodells entgleitet ins Unbestimmte
und ins „Atmosphärische“.
34
Soziologie als Krisenmanagement: Emile Durkheim
Bis hierher war versucht worden, die Soziologie als Wissenschaft nach
drei Gesichtspunkten zu ordnen. Es begann mit dem allgemeinen
Einblick, warum aus der traditionellen Sozialmetaphysik eine „soziale
Physik“ wurde und wie die Veränderung eines wissenschaftlichen
Denkmusters in der Aufklärung die Gegenstände des „Sozialen“ anders
bestimmen wollte als zuvor. Dieser neue Stil von Wissenschaft leistete
der Soziologie die Geburtshilfe, obendrein nicht das Ergebnis innerhalb
der Disziplinen der Universitäten, sondern von intellektuellen
Außenseitern. Dafür war Auguste Comte das treffende Beispiel und
während des 19. Jahrhunderts waren es großteils „Amateure“, die die
Soziologie immer besser zu entwickeln hofften. Offenbar hatten viele
„Schriftsteller“ den sozialen Wandel zu kommentieren versucht und
waren unter dem „Zwang“ gestanden, für die veränderte Gesellschaft
eine adäquate „neue“ Wissenschaft zu entwerfen. Und wirklich war ein
„neues“ Vokabular geschaffen worden, das nicht nur die Begriffe für eine
Gesellschaftstheorie bereit stellte, sondern auch umgekehrt definierte
die Theorie die neuen „sozialen Felder“.
Wie auch immer, diese drei Gesichtspunkte bildeten das Thema für die
junge Soziologie und waren auch fast gleichzeitig präsent. Daher waren
die Ausflüge in die Terminologie nötig gewesen und deren Aufzählung
hatte den Zweck verfolgt, die Bestandteile der Soziologie zu sammeln.
Außerdem ist diesen Perspektiven die Tendenz gemeinsam, die soziale
Wirklichkeit findet im Prozess ihrer „Soziologisierung“ eine hinreichende
Erklärung als auch den Schlüssel zum Selbstverständnis von
„Gesellschaft“. Dass dies als die spezifische Aufgabe der Soziologie
angesehen wurde, war das Ergebnis der Aufklärung, die hier als
Proponentin für Skepsis, Empirie und Rationalität interpretiert wurde.
Natürlich wird bisweilen übersehen, dass Soziologie die Faktoren für die
„Vergesellschaftung“ der Individuen nicht allein aufzudecken wünschte,
sondern von Beginn an auch die Aufgabe zu erfüllen trachtete, für die
Gesellschaft eine soziale Ordnung zu errichten. Das war schon bei
Auguste Comte zu sehen. Auch für Emile Durkheim war es das Motiv,
nämlich für diesen Zweck eine Wissenschaft zu konstituieren, die
einerseits ihren Gegenstand bestimmen kann - „Was ist Gesellschaft?,
andererseits die dafür nötigen Methoden erarbeiten musste, die sie teils
aus den Naturwissenschaften adoptierte, teils aus Geschichte und
Philosophie. Wenn schon die politischen Wechselfälle in Europa im 19.
Jahrhundert die Gesellschaften destabilisierten oder sogar zu
ungeeigneten administrativen Maßnahmen verleiteten, womit ein
dauerhafter „äußerer“ und „innerer“ Gleichgewichtszustand hätte erzielt
35
werden sollen, so hatte die Soziologie dieses Ziel mit anderen Mitteln zu
erreichen versucht und war gewiss erfolgreicher in der Analyse der
vielfältigen Spannungen. Fast hätte man von Erfolgen auf allen Ebenen
sprechen können, denn die Jahre vor dem 1. Weltkrieg waren friedlich
und beinahe hätte man meinen können, Konflikte, Spannungen oder gar
Krieg gehören der Vergangenheit an.
Allerdings war der Friede in Europa sehr teuer erkauft worden. Die
Neigung zur Expansion und Aggression war in die außereuropäische
Kolonialpolitik umgelenkt worden und England und Frankreich wurden
„Weltmächte“.
Emile Durkheim begann seine Überlegungen zur Soziologie noch
während der „dunklen Stunden“ Frankreichs, also vor 1870/71.
Grundsätzlich war er der Überzeugung, Gesellschaft sei keine
Ausformung eines besonderen Naturprozesses, was etwa Herbert
Spencer behauptet hatte, aber auch kein Ergebnis von
„Geistesgeschichte“, was bei Auguste Comte der Fall zu sein schien,
sondern „Gesellschaft“ werde durch Faktoren geschaffen, die es
methodisch zu erschließen gilt. So etwa sah Durkheim eine Verbindung
zwischen gesellschaftlicher Moral und Arbeitsteiligkeit. Beide würden
einander durchdringen und bedingen und schaffen erst jenen Zustand,
den wir zeitgemäß als „Gesellschaft“ bezeichnen können. Die dafür
kompetente Methodenlehre ist die Soziologie. Sie kann aber diese
Aufgabe nur dann befriedigend erfüllen, wenn die Gesellschaft eine
„säkularisierte“ geworden ist, das heißt, ihre Durchschaubarkeit zuläßt,
ihre Rationalität stärkt und Steuerbarkeit vorsieht.
Es wird später zu erörtern sein, welche Rolle die These der
Säkularisierung der Gesellschaft in der Soziologie einnimmt. Max Weber
hat in diesem Zusammenhang von der fortschreitenden „Entzauberung“
gesprochen und bis in die Gegenwart wurde die Debatte über die
Notwendigkeit „säkularistischer Gesellschaft“ fortgesetzt. Immerhin war
es bei Durkheim die Voraussetzung, damit Wissenschaft als Praxis der
Aufklärung Anwendung finden kann. Und diese Aufgabe ist erfüllbar.
Durkheim sieht sie in seiner Fragestellung zuerst einmal recht einfach:
Es gibt ja die Unterscheidung zwischen dem Gesunden und dem
Kranken, dem Guten und Schlechten. Es besteht auch Konsens
darüber, was gesund ist, wie es auch eine Übereinstimmung darüber
gibt, was normal ist oder normativ zu gelten hat.
Diese Analogieschlüsse sind bei Durkheim sehr ausgeprägt, wie sie
auch recht plausibel soziale Konstellationen wiedergeben. Der Zweck
ist, dass recht unterschiedliche Bereiche in der Gesellschaft eine
„Kontingenz“ zeigen. Diese ist nicht willkürlich, sondern offensichtlich
ebenso sind individuelle Einschätzungen wie etwa Gesundheit oder das
36
„Sittliche“ zugleich auch gemeinschaftliche und sind wie Gegenstände
oder Objekte von fester Konsistenz.
Wenn also eine Gesellschaft „weiß“, was krank oder gesund ist, so kann
auch ein Gesundheitszustand der Gesellschaft bestimmt werden - so
lautete die Hypothese Durkheims. Durkheim gibt hier nicht einen
„objektiv“ vorgegebenen Standard an, sondern die Befindlichkeit der
Gesellschaft ist die Eigenschaft ihrer „Gattung“. „....der Typus der
Gesundheit (fällt) für jedermann mit dem der Gattung zusammen. Eine
unheilbar krank wäre, ist ohne Widerspruch nicht denkbar. Die Gattung
ist die Norm kat´exochen und kann daher nichts Anormales enthalten.“
Emile Durkheim, Regeln der soziologischen Methode, Neuwied ....,
S.150)
Diese Überlegungen verfolgen die Absicht, nicht nur Eigenschaften des
Individuellen in ihrem sozialen Kontext zu bestimmen, sondern diese
sind als Spiegelungen des Sozialen allgemeine „Existenzbedingungen
des Kollektivs“. In dieser Engführung konstruiert Durkheim seinen Begriff
der „sozialen Tatsachen“. Diese sind ihm deshalb wichtig, weil sie eine
Vergegenständlichung sozialer Erscheinungsbilder sind und gemäß
seiner Interpretation dann auch als „Dinge“ behandelt werden können.
Es ist die Voraussetzung, um der Soziologie einen „festen“ Gegenstand
zu bieten und sie als Wissenschaft konstituieren zu können. Und „Dinge“
sind dort anzutreffen, wo sie vom „Gemeinschaftshandeln“ erzeugt
werden und in Ritualen, Symbolen oder Kulten zwar „abstrakt“
erscheinen, aber ihre Anerkennung oder Nachahmung durch ein
Kollektiv erfahren. Damit ist auch das Interesse Durkheims für
Religionen begründet. Methodisch näherte er sich den Gegenständen,
also den „Dingen“ mittels Ethnologie, soweit es die Kulte und Religionen
betraf, da diese Wissenschaft sich immer schon für ein
Gemeinschaftshandeln interessiert hatte. Wegen seiner Rezeption von
Psychologie nach der Schule von Wilhelm Wundt, hatte er für die
damalige
Gegenwartsgesellschaft
die
Zwischenbereiche
des
Individuellen und Sozialen zu untersuchen begonnen. Beide Entnahmen
aus Nachbardisziplinen sollten nicht nur den Charakter sozialer
Institutionen entschlüsseln, sondern auch die Frage beantworten, wie
jenes „Gesellschaftswissen“ beschaffen ist, das offensichtlich das
kollektive Bewusstsein kreierte, das Bindeglied zwischen dem
Individuellen und der Integration in soziale Eiheiten.
Da nun alles „Gesellschaftswissen“ aus der Konstellation der
Existenzbedingungen des Kollektivs hervorgeht, also auch Sprache und
Denken, so Durkheim, wird die soziale Wirklichkeit aus diesen
kategorialen Bestimmungen gebildet. Sie übertrifft natürlich die
individuell gewonnenen Erfahrungen und Sinneswahrnehmungen,
schafft objektive Tatsachen, deren Konstruktion die Soziologie
37
aufzudecken vermag. Der bis Durkheim ungelöste Streit zwischen
Empirismus und „Apriorismus“, also Gesellschaft durch Vorannahmen zu
bestimmen, scheint beigelegt.
In dieser Betrachtung erhält die Gesellschaft die Eigenschaft von
Kretivität, den man bislang nur der göttlichen Schöpfungsmacht
zugeschrieben hatte. Religion, Wissen, Vernunft und damit Zivilisation,
Moral und Recht sind Schöpfungsakte der Gesellschaft. Wenn sie das
sind, so können sie Gegenstand der Erkenntnistheorie werden, die
sozialen Tatsachen lassen eine empirische Erhebung zu und daraus ist
die Soziologie zu begründen. Die sozialen Tatsachen verfügen nunmehr
über einen objektiven ontologischen Charakter. Daher veränderte sich
die Soziologie nach Durkheim und erhielt fast einen Stellenwert, den die
Kritiker als „säkularistische Offenbarung“ bezeichneten. Die Soziologie
scheint eben in der Lage zu sein, nicht nur den Standard moderner
Gesellschaft zu bestimmen - oder auch die Distanz zu diesen
Standards, sondern kann auch den Menschen selbst zur Einsicht
„bewegen“, jeweils und jederzeit ein Produkt seiner eigenen
Vergesellschaftung zu sein. Damit ist die Soziologie eine rationale Form
einer Weltanschauungsproduzentin geworden, wie es am Beginn schon
zu lesen war. Aus ihr ist das sinnhafte Tun und Handeln der Individuen
abzuleiten, daraus beziehen die Institutionen der Gesellschaft ihre
Legitimation und die Soziologie kann die Nachfolge in jenen Funktionen
antreten, die früher Religionen besaßen.
Wenn die Krise der Gesellschaft in Europa im 19. Jahrhundert
überwunden werden musste, so war die Ursache eine irrational
vollzogene soziale Differenzierung, die nicht nur eine gemeinschftlich
gebildete Moral aufgelöst hatte, sondern auch den „Sozialen Sinn“
fragwürdig erscheinen ließ. Dieses Argument Durkheims war die
Schlussfolgerung aus seiner berühmten Studie über den „Selbstmord“.
Nur die Soziologie könne den Menschen vor Augen führen, als
Gesellschaft Träger innerweltlicher Transzendenz zu sein, Grundlage
sozialer Sinnstiftungen und nur die Soziologie würde über die Kenntnis
sozialer Tatsachen verfügen, den Bausteinen für „Solidaritäten“. Die
anzupeilende Qualität des Sozialen solle in der „organischen Solidarität“
erreicht werden, die zugleich die Garantin des Fortschritts ist, die
Bedingung eines ebenbürtigen gesellschaftlichen Bewusstseins. Das
Mittel zur Erreichung dieser Ziele ist die Erziehung, also Schulpolitik und
Bildungsreform. „Die Soziologie kann uns nicht fertige Verfahren
reichen........Aber sie kann mehr und sie kann es besser: Sie kann uns
das geben, was wir am dringendsten brauchen, d.h. ein Bündel
richtungweisender Ideen, die die Seele unserer Praxis sind...., die
unserem Tun einen Sinn geben und uns an sie binden.“ (Emile
38
Durkheim, Erziehung, Moral und Gesellschaft, Vorlesung an der
Sorbonne 1902/03, Neuwied 1973, S.54f.)
Vielleicht ist die Analyse des Sozialismus ein noch besseres Beispiel,
um den Gedankengang Durkheims zu verstehen. Immerhin hatte er
1895/96 darüber eine Vorlesung gehalten. In ihr bot er eine Erklärung für
eine Ideologie. Durkheim durchschaute sofort, dass Sozialismus eine
auf die Zukunft gerichtete Idee ist. Ideologisch an ihr ist, dass der
Sozialismus ein Modell der Anwendung einer soziologischen und
historischen Methode ist, um zu einer Analyse der Ursachen der Ideen
zu kommen. Durkheim billigt dem Sozialismus zu, Reflexionen
anzustellen, um eine Bewusstseinserweiterung für „Dinge“, für die
soziale Frage etwa zu erzeugen, die bislang unberücksichtigt waren. „Es
ist unbestreitbar, dass er dadurch der Sozialwissenschaft mehr Dienste
geleistet als er empfangen hat. Denn er hat das Bewusstsein erweckt, er
hat die wissenschaftliche Aktivität stimuliert, er hat Forschungen
provoziert, Probleme gestellt, so dass sich in mehr als einem Punkt
seine Geschichte mit der der Soziologie vereint.“ (Emile Durkheim, Le
socialisme, hrsg, Marcel Mauss, Paris 1971 (1927) S.4) Durkheim
verneint aber entschieden, dass der Sozialismus irgend etwas mit einer
Wissenschaft zu tun hat. „Der Sozialismus ist keine Wissenschaft, auch
keine Miniaturausgabe der Soziologie; er ist ein Schrei des Schmerzes
und manchmal auch der Wut, der von den Männern ausgestoßen wird,
die am intensivsten unser Unbehagen spüren.“ (ebd.S.6)
Für Durkheim war hingegen der Umstand am Sozialismus interessant,
dass er ins Bewusstsein der Gesellschaft eindringen konnte und somit
zur „sozialen Tatsache“ werden konnte. Und dafür besitzt die Soziologie
die Kompetenz, nämlich die Ursachen für den Sozialismus zu
ergründen.
An diesem Beispiel wird vielleicht der Ansatz Durkheims für die
Soziologie deutlich. Eine politisch-ideologische Richtung gewinnt an
Bedeutung, enthält Reflexionen und Spekulationen, die einen
vergleichbaren Stellenwert erlangen wie etwa Moral, Sitte,
Weltanschauung es bisher besaßen. Es ist die Aufgabe der Soziologie,
die Karriere einer politischen, weltanschaulichen oder ökonomischen
Position zu durchleuchten, um von daher einen Weg zu ermitteln, der für
die Gesellschaft eine „Heilung“ verspricht. Das ist die Fortsetzung eines
Aspekts in der Wissenschaft, der strikt in der Tradition der Aufklärung
bleibt und der Wissenschaft eine „gesellschaftspädagogische“ Rolle
auferlegt. Also lag es auf der Hand, dass Durkheim der Schul- und
Bildungsreform hohe Bedeutung zuerkennt, denn nur durch sie ist der
Grad gesellschaftlicher Selbstbestimmung zu erreichen. Und dabei hat
die Soziologie die Funktion eines gewaltigen gesellschaftspolitischen
Pädagogiums.
39
Was die Soziologie will.....
Die Entwicklung dieser Wissenschaft im 19. Jahrhundert war der
Versuch, die drei bekannten Fragen von Immanuel Kant zu beantworten:
„Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?“. Auf die
erste Frage gab die Soziologie überraschend neue Antworten. Die vielen
Erscheinungsformen der Gesellschaft waren durch die Perspektiven
soziologischen Wissens um mehrere Dimensionen bereichert worden.
Allein die Erhebungen, die in der Arbeitsteiligkeit dank Industrialisierung
ein zentrales Motiv der Gesellschaft erkannten, ferner die Analysen
bürgerlicher Gesellschaft und deren Interpretation durch Theorien
sozialer Evolution oder Revolution waren konkrete Schritte in Richtung
Soziologie. Der spezialisierte Blick auf die soziale Wirklichkeit war ein
Merkmal der Soziologie geworden, gleichzeitig belehrte er über die
Mannigfaltigkeit der Gesellschaft, weshalb man motiviert wurde, das
Rätsel „Gesellschaft“ zu dechiffrieren.
Die neue Welt sozialer Objekte war ja bei erster Betrachtung
unerschöpflich erschienen, weshalb die Soziologie von der
Naturwissenschaft die Hypothese heranzog, dass es eine
Systematisierung, Erklärbarkeit und Kategorisierung geben muss, sollte
die Soziologie über eine Kompetenz verfügen wollen. Zu diesem
Zeitpunkt war die Soziologie vornehmlich eine Erfahrungswissenschaft.
Die zweite Frage wollte die Soziologie ebenfalls beantworten. Da war sie
ja nicht nur zu einem „fundierenden Wissen“ für die praktische
Sozialpolitik geworden, wodurch die „positivistische Orientierung“ zur
Bestimmung sozialer Wirklichkeit ein hilfreiches Instrument wurde,
sondern sie stellte sich auch bewusst auf die Seite einer
Gesellschaftsreform. Da wollte sie „Wirklichkeitswissenschaft“ sein,
selbst auf das Risiko hin, dass die Bestimmung sozialer Wirklichkeit mit
Ideologie kontaminiert wurde. Stets war diese Entwicklung vom
Anspruch begleitet, allgemeingültige Bedingungen gesellschaftlicher
Moral zu erschließen - wie es ja bei Durkheim deutlich zu erkennen war,
weshalb die Soziologie zunehmend für die Produktion von
Weltanschauung in der Modernen werden konnte. Von dort her drang
sie schrittweise in die anderen Wissenschaften ein, von der Ethnologie,
Psychologie und Ökonomie bis zur - Theologie.
Die dritte Frage zählte offiziell niemals zu einem soziologischen Thema.
Dennoch war von der Hoffnung in der Soziologie zu lesen, als
„Lenkungswissenschaft“ auf den Bau der Gesellschaft Einfluss zu
nehmen. Also wollte sie sich auch dieser Frage ernsthaft stellen. In der
40
Analyse sozialer Werte wurde immerhin vorausgesetzt, jede
Gesellschaft anerkenne a priori eine Bindung an soziale Werte, die
selbst durch gegenteilige Erfahrungen nicht außer Kraft gesetzt würden.
Hierzu hatte Max Weber die eindrucksvollsten Überlegungen angestellt,
wenn er etwa für die Phase des Frühkapitalismus die Tugenden der
Sparsamkeit, des Fleißes und des Pflichtgefühls entdeckte, die als
„Säkularisate“ einer protestantischen Ethik erhalten blieben. Und seine
Forschungen schienen ihm recht zu geben, dass diese Motive für die
Konstruktion bürgerlicher Gesellschaft, die zugleich auch eine
kapitalistische wurde, ausschlaggebend sind. Somit hatte er ein
objektives Wissen über die Gesellschaft ermittelt, jedoch nicht zu
erklären beabsichtigt, ob etwa diese „Werte“ die Merkmale individueller
Vorstellungen von Freiheit verändern, beibehalten, stärken oder
verringern. Er hatte nicht die Absicht, eine Erklärung dafür zu geben,
warum Menschen diesem Tugendkatalog gehorchten, der doch dem
vermutlich ebenso starken „Lustprinzip“ widersprach. Die individuelle
Übernahme moralischer Kriterien zählen eben nicht zum Bereich
gesellschaftlicher Phänomene, selbst wenn diese nur die Summe
individueller Überzeugungen wären. Daher beschrieb Max Weber in
seiner Theorie sozialen Handelns nicht deren moralische Qualität,
sondern bindet es strikt an Zwecke und deren Konsequenzen.
Wenn also Kant in der Norm moralischen „Sollens“ die Bereitschaft der
Individuen zum „guten Willen“ sah, darin auch die Autonomie der Person
begründet, so wird schließlich die Philosophie von den später folgenden
Ansprüchen der Soziologie getrennt. Es zählt nicht zum Interesse des
Soziologen, wie etwa die Autonomie der Person innerhalb von
Vergesellschaftung oder Sozialisation erhalten bleiben soll. Würde
nämlich die Soziologie diesen Kanon der Philosophie anerkannt haben,
besonders jenen subjektiver Pflichten, der bei Kant die Voraussetzung
für den Vollzug von Freiheit war, würde sie sich um die zahllosen Erfolge
ihrer empirischen Forschungen gebracht gesehen haben. Sie hätte auch
ihren Weg der Erforschung der Gesellschaft nicht unbehindert fortsetzen
können.
Natürlich spricht für die Soziologie der Umstand, dass etwa soziales
Handeln dem verbreiteten „Mittel-zum-Zweck“-Modell entspricht, vor
allem, wenn es über die veränderte Form der Arbeitsteilung einen
hohen Grad der Gestaltung sozialer Wirklichkeit realistisch wiedergibt.
Somit wandelte sich die Gesellschaft in ihrer Selbstbestimmung zu einer
„innerweltlichen Transzendenz“, die sie grundsätzlich von ihren
historischen Formen ihres „Bewusstseins“ unterscheidet. Die
Gesellschaft wird eben jetzt zum Ausgangspunkt aller sozialen und
individuellen Erscheinungsformen. Sie erreicht hier jenen Zustand, der
41
in der Aufklärung angekündigt und als Ziel angegeben wurde. Allerdings
war der Preis dieser „Modernisierung“, dass die Menschen nunmehr
„soziologisiert“ oder „soziologisierbar“ erscheinen.
Soziologie als soziale Biologie: Herbert Spencer
Der wohl bekannteste Entwurf für eine Soziologie war im 19.
Jahrhundert von Herbert Spencer geschrieben worden. Wie gerade
erwähnt, galten die Bemühungen um eine Soziologie bei weitem mehr
als vermutet dem Ersatz verlorener „Weltanschauung“ - die bislang in
Europa noch vom Christentum formuliert war. Ähnlich Durkheim war
auch Spencer von der Überzeugung geleitet, dass dieser Verlust
„traditioneller“ Weltanschauung durch eine Gesellschaftsethik auf
wissenschaftlicher Grundlage wettgemacht werden muss. Sie habe aber
nicht allein Ersatz zu leisten, sondern sollte für die künftigen „modernen“
Gesellschaften gleichsam die ethische Handlungsanweisung sein, die
auch dem künftigen Fortschritt sozialer Komplexität entsprechen muss.
Spencer war von der Idee besessen, dass in allen Erscheinungsformen,
seien sie nun natürliche oder soziale, ein allgemeines Gesetz oder
Bauprinzip sich finden lassen müsse, woraus auch eine
„Naturgeschichte“ der Gesellschaft abgeleitet werden könne. Sowohl
das Denken, nun Gegenstand der Psychologie, als auch die sozialen
„Tatsachen“, Gegenstand der Soziologie, würden aus diesem Prinzip
entstehen. Das begünstigt die Schlussfolgerung, Erkenntnisse können
vereinheitlicht werden und führen zu einer - im Sinne Spencers „synthetischen Philosophie“. Diese ist eine Art „Wissenschaftslehre“
oder gar „Wissenschaftstheorie“, deren Methode bei Spencer nach
strikten Regeln der Kausalschlüsse zu immer besseren Einsichten
verhilft.
Als ehemaliger Ingenieur neigte Spencer zu einem funktionalen
Denkgebäude, das ebenso klar sein soll wie der Plan eines
Konstrukteurs. Und er ließ sich nicht davon abbringen, dass sein
„Naturalismus“ den grundsätzlichen Unterschied zwischen Natur- und
Gesellschaftsontologie überwinden wird. Wenn er von dem
physikalischen „Gesetz“ von der Erhaltung der Kraft ausging, so war er
überzeugt, dass dieses nicht allein für die Natur gilt, sondern gleichzeitig
auch für die Gesellschaft. Also wirken auf die Gesellschaft die Kräfte der
Natur ein und deshalb ist die Gesellschaft auch naturwissenschaftlich zu
behandeln. Und die Erkenntnisse aus der Physik und Mechanik werden
nun der Schlüssel für die Lösung aller weiteren sozialen Fragen. Das
42
Gesetz von der Erhaltung der Kraft bewirkt, dass Prozesse stärkerer
Differenzierung, zu mehr heterogenen Einheiten und zu höherer sozialer
Komplexität eintreten.
Dieser Ansatz verfolgte die Absicht, die offenkundig vorhandenen
Entwicklungen der Gesellschaft in ein Modell zu bringen. Es solllte
nämlich das Phänomen des Auf und Ab der Kulturen oder Fortschritts
erklärt werden, die „Aggregatzustände“ des Sozialen. Und es lag auf der
Hand, das Modell für diese historischen Abläufe aus der Biologie zu
entnehmen. So war ist für Spencer auch die Gesellschaft ein
„Organismus“, dessen „Leben“ oder „Tod“ nach den Regeln der
Evolution eintritt.
Damit war Herbert Spencer endgültig mit der wenig ehrenden
Bezeichnung eines Sozialdarwinisten „ausgezeichnet“ worden. Was für
Spencer spricht, war seine Anstrengung, den „Szientismus“ von Comte
zu überwinden und eine Soziologie nicht mehr aus einer alternativen
Interpretation der Geschichte abzuleiten, sondern auch die Gesellschaft
sei von der Evolution abhängig, vom natürlichen Fortgang des Einfachen
zum „Komplizierten“ und zuweilen auch umgekehrt.
Soll es also eine Soziologie geben, so wird sie in ähnlicher Weise
Gesetze formulieren müssen, wie dies zuvor den Naturwissenschaften
gelang. Die Methode der Ermittlung dieser Gesetze ist der schon
erwähnte Kausalschluss. Mit ihm wird die Steigerung sozialer
Komplexität verständlich. Gleichzeitig kann man mit diesen Ergebnissen
den
Enticklungsstandard
einer
Gesellschaft
messen.
Die
überindividuellen gesellschaftlichen Aggregatzustände sind die
Merkmale organischer Beschaffenheit, die wie alle anderen Organe
entweder pathogene Veränderungen zeigen, oder eben gesund sind.
Spencer verwendet für die Gesellschaft explizit die Begriffe der
Evolution, wobei er den Anregungen Darwins folgt und sie in die
Soziologie überträgt.
Die Glaubwürdigkeit dieser Interpretation, dass eben „Naturkräfte“ auf
die Gesellschaft einwirken, war recht gut geeignet, den Unterschied
gesellschaftlicher Entwicklung zu erklären. Klima, Rohstoffe, die
geographische Lage, der Zugang zum Meer oder die Bedingungen eines
Binnenlandes prägen sicherlich Gesellschaften und deren Kulturen.
Diese „Kräfte“ steuern zum Teil die Geschichte, ohne dass sich die
jeweilige Gesellschaft diesen Einflüssen entziehen kann. Spencer war
der Meinung, der „soziale Organismus“ ist nicht so beschaffen, dass er
für diese Einwirkungen ein „Sensorium“ besitzt. Und für die späteren
Soziologen wird diese Einsicht wichtig sein, denn mit dem Verständnis
für diese „Naturkräfte“, mit deren Begrenzung oder deren Nutzung
beginnt die Phase der „Modernisierung“ der Gesellschaften. Spencer
beschreibt aber noch jenen Zustand der Gesellschaft, in der diese
43
Eingriffe noch sehr beschränkt möglich waren. Und in dieser Kulturform
der Gesellschaft ist das Gesetz der Kausalität voll wirksam und es war
seine Überzeugung, dass keine Regierung der Welt diese Bedingung
durchbrechen kann. Vermutlich hatte Spencer diese Einschätzung
übertrieben, denn aus ihr leitete er den Ablauf der organischen
Gesellschaftsstruktur ab.
Nun muss man berücksichtigen, dass diese „Organismus-Theorie“
keineswegs die Kompetenz der Individuen einschränkt. Im Gegensatz zu
späteren politisch-totalitären Ideologien, die den Biologismus zur
Entmündigung des Menschen nutzten, wollte Spencer die speziellen
Funktionen der Individuen und der Institutionen im „Bau des sozialen
Körpers“ darlegen. Wenn dafür die Soziologie die kompetente
Wissenschaft ist, dann in der Aufklärung über das Zusammenspiel der
Individuen innerhalb dieses Organismus. Wie auch immer der Zweck
des sozialen Organismus definiert wird, entweder militärisch oder
industriell, so ist er eben „von sich aus“ bestrebt, die Summe der
Interessen zu koordinieren. Hier bedeutet Evolution je ach
Zielbestimmung einer Gesellschaft entweder Militärstaat oder
Industriegesellschaft. Hier weisen sie entweder erstaunliche Erfolge auf,
oder aber spezifische Formen „pathogener“ Veränderung. Beide „Typen“
werden ihre adäquaten Instanzen besitzen, spezifische Aufteilungen der
Funktionen, die eine Verknüpfung zwischen sozialer Differenzierung und
gleichzeitiger Integration zulassen. Die Soziologie kann darüber
aufklären, welcher Gesellschaftszustand wünschenswert ist und welche
Mittel dafür einzusetzen wären
Bei Spencer ist Soziologie eine Wissenschaft, die wegen der Einsicht in
den „sozialen Organismus“ aussagen kann, welches soziales Handeln
funktional erscheint, wie die Kriterien der Sittlichkeit und Ethik
beschaffen sein sollen. Und hier ist auch der wesentliche Unterschied zu
Auguste Comte zu erkennen: Bei Comte ist der historische Verlauf der
Gesellschaft in den drei Stadien vornehmlich von der Tatkraft
menschlichen Geistes bestimmt. Bei Spencer ist die Gesellschaft das
Ergebnis eines „Naturprozesses“. Mit Hilfe des „biologischen
Paradigmas“ konnte Spencer eine völlig andere Perspektive in die
Interpretation und Analyse der Gesellschaft aufbieten, so skurril sie auch
erschien. Für Comte war die empirische Vergewisserung nur über die
Interpretation der Geschichte möglich, mit deren Hilfe er seine
Soziologie und positive Philosophie entwerfen konnte. Bei Spencer
hingegen ist erstmals die Übertragung der Naturwissenschaft auf
soziologisches Denken versucht worden, so dass die Geschichte nur
innerhalb der sozialen Organismen stattfindet, aber die äußeren
Bedingungen sind ihrer Entfaltungsmöglichkeit entzogen. Allerdings war
in
der
Wirkungsgeschichte
das
Modell
Spencers
zum
44
„Sozialdarwinismus“ verkommen, einerseits ein Erfolgsrezept für die
Soziologie - speziell in den USA knapp vor 1900, andererseits im Verlust
des humanitären Anliegens die Grundlage für modernisierte totalitäre
und elitäre „Rassen-, Staats- und Gesellschaftstheorien“.
Soziologie als Wissenschaft von der Modernisierung
Die Nachwirkung von Herbert Spencer ist bei weitem ernsthafter zu
prüfen als es in der Geschichte der Soziologie der Fall war. Seine
„Entdeckung“ struktureller Differenzierung, also die Veränderung vom
Unspezialisierten zum Komplexen, von „inkohärenter Homogenität“ zu
„kohärenter Heterogenität“ beschreibt den sozialen Wandel erstmals
nicht als historischen Verlauf, sondern mit evolutionärer Begrifflichkeit
aus der Biologie. Dieser Punkt, der oben gerade erwähnt wurde, ist in
der Soziologie deshalb von Bedeutung, da für Wandlungsformen
Merkmale in begrifflicher Eindeutigkeit bestimmt werden sollen. Emile
Durkheim und Max Weber haben sich unter dem Aspekt der
Modernisierung
mit
diesem
Spezialfall
sozialen
Wandels
auseinandergesetzt, wobei Durkheim das biologische Modell Spencers
offenbar berücksichtigte. Durkheim behauptete ja, leider in etwas
verwirrender Weise, dass in der Gesellschaft der „Aufstieg“ von
„mechanischer“ zu „organischer Solidarität“ beobachtet werden kann.
Merkmal dafür ist die gesteigerte und komplexere Arbeitsteiligkeit.
Darunter verstand er eigentlich den Wandel von familiärer oder gar
bäuerlicher Kooperation zur industriellen. In dieser entwickelte sich eine
ganz andere Lebensform der einander ergänzenden Individuen, deren
soziale Beziehungen die bisherigen familiären erweitern, ergänzen oder
gar ersetzen. Durkheim sah eben in der neuen Industriegesellschaft eine
besondere Schöpfung von sozialem Organismus.
Max Weber sah sich angesichts der Modernisierungen in Europa vor ein
ähnliches Problem gestellt. Er vermied es allerdings, hier gleich den
Begriff „Entwicklung“ oder gar „Wandel“ einzusetzen. Dennoch sah er in
der Weltgeschichte jene Tendenz, dass Gesellschaften komplexer
wurden, rationaler, und deren gesellschaftliche Organisation
Institutionen benötigten, die es in der Geschichte vorher nicht gab. Im
Zusammenspiel von Kapitalismus und bürokratischer Organisation war
nicht nur eine unpersönlichere Form des „Gesellschaftlichen“
eingetreten, Max Weber sprach in diesem Zusammenhang von der
„Entzauberung der Welt“, sondern sie war auch unumkehrbar geworden.
Alle diese Überlegungen haben schließlich einen eigenen Zweig in der
Soziologie hervorgerufen, nämlich für das Phänomen der
Modernisierung ein adäquates Modell anzubieten. Es war eben später
45
Talcott Parsons, der Modernisierung speziell untersuchte und für diesen
spezifischen sozialen Wandel eine eigenständige Theorie anbot.
Talcot Parsons bot für sein Modell der Modernisierung fünf verschiedene
Typen von Gesellschaft an, die durch eine Entwicklungsgeschichte
charakterisiert sind. Von der „primitiven“ über eine „archaische“ und
„mäßig fortgeschrittenen“ bis zur „modernen“ Gesellschaft läuft die Linie,
die wie eine ethnologische Studie anmutet. Entscheidend ist bei den
modernen Soziologen, dass sie im Unterschied zu den älteren
grundsätzlich eine „traditionale“ Gesellschaft der „modernen“
entgegensetzen. Natürlich gibt es dafür gute Argumente. „Traditionale
Herrschaften“, wie es Max Weber bezeichnete, verfügen über
Geburtsrechte und überkommene Privilegien, haben eine feste
Hierarchie und geringe soziale Mobilität.
Sowohl Max Weber als auch Durkheim greifen hier auf eine wesentliche
Unterscheidung zurück, die erstmals Ferdinand Toennies thematisierte.
In der Gegenüberstellung und Verzahnung von „Gesellschaft und
Gemeinschaft“ vermochte Toennies gerade für den Entwicklngsstand
der Gesellschaften in Mitteleuropa im ausgehenden 19. Jahrhundert
diese
merkwürdige
„Symbiose“
analysieren,
dass
eben
Modernisierungen,
die
doch
zur
„sozialen
Kälte“
neigen,
außerordentliche „gemeinschaftsbildende Faktoren“ benötigen. In einem
lapidaren Beispiel läßt sich dies gut zeigen: Wenn etwa Tourismus eine
modernisierende ökonomische Kraft ist, so begleitet diese eine
überraschende Präsentation von Brauchtum, alten Traditionen und
Wiederbelebung von Riten. So leben die Menschen gleichzeitig in zwei
„Welten“. Modernisierung bedeutet nicht, dass auf Gemeinschaft
verzichtet werden kann, auch wenn diese oft als „rückständig“
denunziert wird.
Zurück: Modernisierung wird oft als ein linearer Prozess missverstanden.
„Modern“ hingegen wird jener Zustand bezeichnet, in dem ein eklatanter
Wandel erkennbar ist. Es waren Historiker, die diese Zäsuren zu
bestimmen suchten. Die einen meinten, die Staatenbildung im heutigen
Sinn sei im 15. Jahrhundert der Beginn der Modernisierung in Europa
gewesen, andere wiederum meinen, dass es die „Entdeckung“ der
Individualität in der Renaissance gewesen sei. Offenbar haben hier
Leopold von Ranke, der Begründer des wissenschaftlichen
„Historismus“,
und
Jakob
Burckhardt,
der
Architekt
der
„Geistesgeschichte“, Zäsuren genannt, ohne damit die Innovationen der
Industrialisierung berücksichtigt zu haben.
Nun hat Herbert Spencer gemeint, dass sich Modernisierung sehr gut an
der Geschichte der Familie zeigen läßt. Er meinte, dass generell eine
„Schrumpfung“ stattfand, von der „Großfamilie“ im ausgehenden
Mittelalter bis zur „Kernfamilie“ während der Industrialisierung. So
46
plausibel diese Position auch klang, so wurde sie von Soziologen und
Historikern heftig bezweifelt. Peter Laslett wies nach, dass dieser
Verlauf der „Schrumpfung“ der Familie in Europa nicht linear war, für
Japan ebenfalls nicht. (Peter Laslett, Household and Family in Past
Time, Cambridge 1972) War damit aber ein Merkmal der Modernisierung
gegenstandslos geworden?
Ein weiteres Problem berührt die Analyse des Vorgangs von
Modernisierung. Findet sie linear und mit jeweils vergleichbarem Ablauf
statt? Stimmen die Faktoren der Modernisierung in jedem Fall überein?
Spencer erweckt den Eindruck, Modernisierung sei ein Mechanismus,
der ziemlich unbemerkt und sanft eingreift. Ein Argument lautete, die
Urbanisierung verändere Lebensform und Bildungsstand, mache die
Bevölkerung bereit für Innovationen und insgesamt hebt eine
verbesserte Kommunikation die ökonomische und politische
Partizipation in der Gesellschaft. Wie immer klingen diese Darstellungen
glaubwürdig, aber recht bald finden Historiker oder Soziologen heraus,
dass es Modernisierungen gegeben hat, die alle diese Phänomene nicht
aufweisen. Skandinavien ist fortgeschritten modernisiert, verfügt über
einen hohen Bildungsstandard und eine effiziente Ökonomie, ohne dass
die Ursache eine steigende Urbanisierung war.
Die weitere Suche nach geeigneteren Modellen bewog S. N. Eisenstadt
ein flexibleres „System“ zu entwerfen. Somit kann sowohl ein Druck von
außen, als auch eine „Regression zur Dezentralisierung“ im Inneren
einer Gesellschaft Modernisierung erzeugen. (S. N. Eisenstadt, The
Political Systems of Empires, Glencoe 1963 und ders., Tradition,
Change and Modernity, New York 1972)
Eine Alternative zur Erklärung von Modernisierung hat weit früher schon
Norbert Elias angeboten und in seinem Modell zwei Varianten
angeboten. In der Soziogenese westlicher Zivilisation zeigte er „zwei
Hauptrichtungen struktureller Veränderungen der Gesellschaft......jene,
die zu wachsender Differenzierung und Integration führen, und jene, die
zu abnehmender Differenzierung und Integration tendieren.“ (Norbert
Elias, Über den Prozess der Zivilisation, 2 Bde., Basel 1939) Diese
Überlegung läßt sich in den verschiedenen Phasen der Geschichte
nachweisen, vor allem in der konfliktreichen Geschichte Europas, wo
etwa die militärische „Konkurrenz“ zwischen Staaten oder Ländern die
soziale Integration förderte und gleichzeitig die Differenzierung in der
nötigen Durchorganisation der militarisierten Gesellschaft anstieg.
Natürlich darf bei dem Begriff „Modernisierung“ Karl Marx nicht fehlen.
Er war ja gleichsam der Spezialist für sozialen Wandel. Er wählte als
Darstellungsmittel die Produktionsformen in der Gesellschaft. Wenn der
gesellschaftliche Anteil an der Güterproduktion sinkt, innere
Widersprüche in der Gesellschaft erzeugt, können Klassenkonflikte,
47
Revolutionen die Folge sein. Dieser Rückschlag wird durch die
Veränderung der Produktionsverhältnisse nach dieser Zäsur
aufgefangen und drängt die Entwicklung der Gesellschaft in Richtung
auf Fortschritt und Modernisierung. Keine Gesellschaft mit
Sklavenhaltung
konnte
bestehen
bleiben,
auch
keine
Feudalgesellschaft, sie alle müssen im Gleichschritt des Fortschritts den
Weg über Kapitalismus und bürgerliche Gesellschaft zum Sozialismus
und Kommunismus einschlagen. Wie Herbert Spencer erklärt auch Marx
die Modernisierung durch das Einwirken endogener Faktoren auf die
Gesellschaft - hier also die Produktionsverhältnisse, allerdings mit einem
variantenreicheren „Modell“. Marx argumentiert vorerst aus einer
„negativen“ Position: Es kann Gesellschaften geben, die rückständig
sind und auch bleiben; eine „Entwicklung zur Unterentwicklung“, die
südamerikanische Staaten im 20. Jahrhundert heimsuchte. Es kann
wiederum Gesellschaften geben, die einen Rückschritt bewusst einleiten
- etwa in einer Refeudalisierung, die nach französischer Revolution und
Napoleon eingetreten war.
Das Modell von Marx konzentrierte sich vorwiegend auf Modernisierung
durch Industrialisierung und den daraus abzuleitenden Folgen
ökonomischer Ungleichheit, währen Spencer eher Evolution und
Anpassung als Antriebsmomente für Modernisierung anführte. Es lag auf
der Hand, dass später sowohl in der Geschichtswissenschaft, als auch
in der Soziologie Synthesen beider Modelle versucht wurden. (Einen
Überblick bietet Peter Burke, Soziologie und Geschichte, (Sociology and
History, London 1980) Hamburg 1989, S. 111ff.)
Soziologie als „Naturwissenschaft“
Wenn die Soziologie Gesellschaft analysieren will, so kann damit auch
der
Eindruck
entstehen,
die
Individuen
gleichsam
zu
„instrumentalisieren“, also zu Spielfiguren in ihrer Gesellschaft zu
machen. Nun lieferten die Entnahmen theoretischer Konzepte aus den
Naturwissenschaften und die eigenständigen Entwicklungen von
„Bevölkerungslehre“ und Statistik seit dem 18. Jahrhundert ideale
Begründungen für eine Sozialwissenschaft, die die Gesellschaft als eine
besondere „Spielart“ der Natur interpretierten. Natürlich muss man
immer berücksichtigen, dass die labilen sozialen Verhältnisse im 19.
Jahrhundert nicht nur nach Reform und Reorganisation verlangten, nach
Erziehung und Bildung, sozialer Gleichberechtigung und Emanzipation,
sondern die Soziologie hatte sich ja auch als Wissenschaft verstanden,
eine geeignetere soziale Ordnung ermitteln zu können. Dieses, bereits
erwähnte Motiv bewog etwa Adolphe Quételet, ein Zeitgenosse von
Auguste Comte, zu der Hypothese, dass die Taten und Handlungen der
48
Individuen bei „massenhaftem“ Auftreten in der Gesellschaft eben
Gesetzen folgen, die vermutlich nach ähnlichen Kriterien strukturiert sind
wie sie unter anderen Bedingungen in der Natur schon beobachtet
wurden.
Unter
dem
Einfluss
der
mathematischen
Wahrscheinlichkeitstheorie konstruierte Adolphe Quételet „soziale
Tatsachenreihen“, die er von Charles Fourier und Pierre Laplace
ableitete. „Both of these men....had analysed statistical social data. This
combination of abstract mathematics and social reality obviously
provided the ideal convergence of the two lines along which Quételets
mind had developped.“ Paul Lazarsfeld, Notes on the History of
Qualification in Sociology; in: Isis, Vol.52 (1961) S. 277)
Die Konsequenz für Quételet war, dass die Gesellschaft wie ein
physikalischer Körper ist und daher Naturgesetzen unterworfen. Wenn
diese Hypothese gilt, dann sind soziale Erscheinungen „physische“.
Quételet nahm wirklich den Wunsch Comtes nach einer „sozialen
Physik“ wörtlich und behauptete, dass ein „allgemeines Gesetz“ die
moralischen und intellektuellen Eigenschaften der Völker ebenso
beherrscht wie die physischen. Jeder Mensch ist von diesem
„geheimnisvollen Band“ umgeben und es setzt sich auch in den
Handlungen durch. Die Statistik lässt erkennen, dass selbst individuelle
Verhaltensweisen wie Heirat, Verbrechen oder Selbstmord zum „Budget“
des „Gesellschafts-Organismus“ zählen. Die Gesellschaft „toleriert“
solche Entwicklungen, ist aber zugleich jene Instanz, die eine Besserung
dieser Bedingungen anstrebt. Die statistische Bestimmung des „homme
moyen“, des Durchschnittsmenschen, erlaubt die Beobachtung und
Messung der Abweichungen. Es ist somit auch eine Prognose möglich,
die Ermittlung eines „Mittelwerts“ sozialen Verhaltens. Diese Daten
ergeben die Voraussetzung für eine befriedigendere soziale Ordnung.
(Adolphe Quételet, Zur Naturgeschichte der Gesellschaft, dt. A. Runge,
Stuttgart 1838; zit. nach Michael Bock, S.10)
Diese versuchte Formalisierung sozialer Prozesse durch Quételet war
eine unglaublich bedeutende Anregung in der Soziologie, nämlich aus
ihr eine empirische Sozialwissenschaft zu machen. Bislang war sie ja
eher im geisteswissenschaftlichen Bereich angesiedelt. Diese Methode
von Beobachtung und Messung, was dem „gelernten“ Astronomen
„Quételet nicht schwer fiel, fand zwar viel später Nachahmer, aber dafür
sehr erfolgreiche. Ihnen gelang es speziell nach dem 2. Weltkrieg, die
Methoden der Beobachtung und Messung so zu spezialisieren, weshalb
die Rolle der Geschichtswissenschaft in der Soziologie eklatant an
Bedeutung verlor. Der Anspruch von Quételet, der bis dahin fast als
utopisch abgesehen werden konnte, wurde eingelöst und in den
Meinungsforschungen und -analysen, in Erhebungen und Befragungen
war man großteils überzeugt, wirklich ein reales Abbild der Gesellschaft
49
skizziert zu haben. Quételet schuf dafür die „wissenschaftstheoretische“
Voraussetzung: „Übrigens sind die Gesetze, nach welchen sich die
Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft regulieren, nicht wesentlich
unveränderlich; sie können sich zugleich mit der Natur der Ursachen,
denen sie ihre Entstehung verdanken, ändern; so haben die Fortschritte
der Civilisation eine Änderung der Gesetze der Sterblichkeit zur
nothwendigen Folge gehabt, wie sie auch auf die physische und
moralische Seite des Menschen von Einfluß sein müssen....gerade auf
diese Modifikationen müssen die Freunde der Menschheit ihr
Augenmerk lenken. ....“ (ebd. S. 11)
Natürlich besaßen die empirischen Forschungstechniken noch keine
Zuverlässigkeit, wie es später der Fall. Eine Alternative zur Statistik und
Mathematik entwickelte Frederic Le Play, der seine Empirie als
„teilnehmende Beobachtung“ verstanden hatte. Mit deren Hilfe beschrieb
er die Lebensumstände der Menschen quer durch Europa, reiste von
Frankreich bis Russland, um einerseits den sozialen Wandel aus der
Tradition der Lebensform herauszulösen, andererseits damit die Vorteile
traditionalistischer gegenüber moderner Lebensweise zu eine
unterstreichen. Le Play unterstützte die konservative Position der
Sozialreform und vermutlich erlaubte diese Reihe von Beobachtungen,
die er in seiner Soziographie als „soziales Inventar“ bezeichnete.
Darunter hatte er die Aufzählung aller Gebrauchsgegenstände im Alltag
gemeint, die Arten traditionellen Wirtschaftens in der bäuerlichen
Bevölkerung, die Familienstrukturen und Gewohnheiten. Nun zeigt
dieses „Inventar“ natürlich den sozialen Wandel ebenso wie die
regionalen Unterschiede, gar nicht zu reden von den kulturellen. Le Play
geht davon aus, dass die Familie der Maßstab der Gesellschaft ist und
nur in ihr findet die „soziale Evolution“ statt, die Veränderung von
Bewusstsein und Lebenseinstellung. In der Sozialgeschichte war ja
schon argumentiert worden, in der Familie werde Stabilität und
Kontinuität vermittelt, Revolutionäres wird grundsätzlich als Irrtum
qualifiziert und gleichzeitig erfolgt in der Sozialisation eine deutlich
Prägung für eine künftige Lebensform. (Vgl. Frederic Le Play, Les
ouvriers Europeéns, Tour 1877-1879)
Nun waren die Monographien von Le Play auf sehr skeptische Leser
gestoßen und die Anerkennung als Soziologe war ihm generell versagt
geblieben. Dennoch war er der Pionier des soziologischen Empirismus,
denn seit diesem verfolgte die Sozialforschung den Zweck, nur eine
empirisch aufbereitete Grundlage könne die Gesellschaftsreform fördern
und auf induktivem Weg Probleme der Gesellschaft lösen.
Nach Quételet und Le Play wurden die sozialwissenschaftlichen
Methoden weiter entwickelt. Ein weiterer Schritt war die „Survey-Studie“
von Charles Booth. Da hatte er erstmals konkrete Erhebungstechniken
50
bei befragten Personen angewendet, um die Kategorie „Armut“ in ihren
Dimensionen darzustellen. Diese Analysen ließen die soziale Frage als
Fundament ausstehender Gesellschaftspolitik erkennen und Booth fügte
seinen Analysen noch eine protestantisch fundierte Sozialethik hinzu. Er
stand auch der englischen Gewerkschaftsbewegung nahe, plädierte wie
fast nahezu alle Soziologen des 19. Jahrhunderts für eine Erziehungsund Schulreform, trat für die Bildung der Arbeiter ein und zählte zu den
ersten Mitgliedern der Labour Party.
Interessant bei Charles Booth war nicht nur die Mischung aus
Wissenschaft und sozialem Engagement, sondern mit der Erhebung von
Armut disqualifizierte er die „Charity-Programme“ bürgerlicher
Gesellschaft, da er ihnen nachweisen konnte, nichts für eine allgemeine
Lage der Arbeiter zu bewirken, aber sehr viel für den heuchlerischen
Selbstbetrug. Grundsätzlich ist Wissenschaft von Engagement nicht zu
trennen. „Science must lay down afresh the laws of life....I feel assured
that the principles of Positivism will lead us on till we find the true
solution of the problem of government. We are on the right road, let us
advanced with a good heart...“ (T.S. Simey, Charles Booth, Social
Scientist, Oxford 1960. Dann: Charles Booth, Life and Labour of the
People of London, London 1892-1902)
Im 19. Jahrhundert schien sich die Sozialforschung noch innerhalb der
geisteswissenschaftlichen Theorien zu bewegen, wie diese bei Auguste
Comte geläufig waren. Soziale Ordnung, Fortschritt und Emanzipation
waren die Ziele. Es waren heroische Versuche. Der Szientismus des 18.
Jahrhunderts hatte sie angeregt. Damit wurde der Glaube an die
Wissenschaft gestärkt und daraus die Hoffnung geschöpft, die
Menschen aus ihrem sozialem Elend zu befreien. So unterschiedlich die
einzelnen europäischen Staaten und die USA diese Frage auch
beantworteten, gemeinsam war ihnen, dass Sozialpolitik vis a vis der
herrschenden Ökonomie ein ebenbürtiges Thema ist. Das hatte nicht nur
den „Charakter“ der Staaten geändert, wenn sie die Verpflichtung zur
Intervention im ökonomischen Prozess offiziell in die Regierungspolitik
übernahmen - oder nicht, sondern jetzt war wirklich ein deutlicher
Unterschied zwischen Staat und Gesellschaft eingetreten, deren
Verbindungen
bislang
„fließend“
waren.
Parallel
zu
den
Ausformulierungen ökonomischer Theorien, die gerade am Ende des 19.
Jahrhunderts eine hohe Bedeutung erlangten, hatte sich auch die
Soziologie adäquat profiliert. Für die Sozialforschung war es die
Grundlage für weitere Untersuchungen.
In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wollte George Lundberg eine
Sozialwissenschaft wiederum wie eine Naturwissenschaft entwerfen,
wofür er experimentelle Methoden der Psychologie nutzte. Durch diese
Mischung, hier „soziale Naturwissenschaft“, dort die psychologische
51
Interpretation der handelnden Individuen, gelang ihm erstmals für die
künftige empirische Sozialforschung eine entscheidende Reduktion: die
Klassifizierung sozialen Handelns nach Kriterien des Verhaltens. An
diesem Punkt muss es auffallen, dass über die empirische Wende der
Soziologie das autonome Handeln der Individuen zu einem reaktiven
Verhalten wurde. Es war eine gelungene Vereinfachung. Wenn nämlich
gelten soll, dass soziale Phänomene natürlichen gleichen, so ist mit der
Reduktion von Handeln auf Verhalten die Unsicherheit du
Unmessbarkeit soziologischer Vorannahmen fast beseitigt. Also lassen
sich
soziale
Verhaltensweisen
systematisieren
und
nach
Anpassungsleistungen ordnen.
Gewiss waren die Untersuchungen der Anpassungsleistungen nicht
deterministisch zu verstehen - wie etwa bei tierischem Verhalten, aber
man war überzeugt, der Mensch begegnet den Herausforderungen
seiner Umwelt mit der Tendenz zu Interessenausgleich und Anpassung,
die er mit der Sozialisation in Familie, Schule und Arbeitswelt erlernte.
Die sinnhafte Struktur individuellen Handelns, dessen Motive können
deshalb vernachlässigt werden, das Wille, die Zwecke und Ziele, die
Werte selbst letztlich nur Ergebnisse einer Anpassung zu sein scheinen.
Dieser Schritt erleichterte der Sozialforschung den Zugang zu den
Erscheinungsbildern der Gesellschaft.
Daraus entstanden Theorien, die als realistische Darstellungen der
Gesellschaft die Trennung zwischen Theorie und politischer Praxis
aufheben. Diese empirischen Sozialwissenschaften schienen nicht im
„elfenbeinernen Turm“ zu verharren, sondern zeigten sich eben
anwendbar. War zuvor das „Kausalgesetz“ schon ein plausibles Modell
für Erklärungen, so wurden nunmehr Hypothesen über soziale
Funktionszuordnungen oder Systemnotwendigkeiten sehr anschauliche
Modelle geworden, die den Weg von der „schlechten“ zur wünschbaren
sozialen Wirklichkeit klar markieren wollten. Jetzt erhielten die bereits
erwähnten Begriffe ihre Bedeutung, ihren Erklärungswert und jene
Dimension, die die „Mehrdimensionalität“ des Sozialen zu ordnen
vermochten. Soziale Rollen waren hier in die Theorien ebenso
integrierbar wie Funktionen und Systeme, soziale Schichten und soziale
Mobilität. So konnte man der festen Überzeugung sein, dass die
Soziologie nunmehr wirklich eine Wissenschaft geworden ist.
Gewiss waren die vielen Ergebnisse der Sozialforschung unentbehrlich
für das gesellschaftliche Selbstverständnis oder für die politischen
Zielvorstellungen. Die empirische Sozialforschung konnte zum
„praktischen Gesellschaftswissen“ werden, deren Bedeutung weder von
der Ökonomie noch von der Politik übersehen werden konnte. Ja, für die
Sozialwissenschaften insgesamt war die Soziologie eine fundierende
Wissenschaft geworden. Der Preis war, dass alle die ie Gesellschaft
52
betreffenden Fragen gleichsam in sachlich-technische Probleme
verwandelt wurden und deren Lösung war zum Greifen nahe. Allerdings
hatte man zu wenig berücksichtigt, dass durch die politische Entwicklung
Europas im 20. Jahrhundert, die gewaltige Krise der beiden Weltkriege
eine „Gesellschaft“ begünstigten, die in ihrem Zuschnitt außerordentlich
homogen geworden war, wegen der Konflikte die sozialen
Binnenstrukturen gestärkt wurden und die Abgrenzungen gegenüber
den Nachbarn, „Anderen“ und „Fremden“ die Integration förderte,
andererseits darüber willkürlich entscheiden wollte, wer nun für integriert
gilt und wer nicht.
Diese Ausführung mag angesichts der wachsenden Bedeutung
empirischer Sozialforschung paradox erscheinen. Es scheint aber
wirklich ein soziologisches Gesetz der Paradoxie gegeben zu haben,
dass alle jene Motive, die die „Vergesellschaftung“ verstärkten, zugleich
in der Gesellschaft den Effekt des Ab- und Ausstoßens förderten. So
kann man fortsetzen, dass in dem Maß Gesellschaft über empirische
Methoden beleuchtet werden kann, sie in jenem Umfang alle
wünschenswerten Eigenschaften einbüßt, von denen man meinte, sie
würden über sozialwissenschaftliche Steuerungen erreichbar sein.
Die Alternativen in der Soziologie - Max Weber und Georg
Simmel
Soll wieder ein „roter“ Faden in der Darstellung aufgenommen werden,
so wird das nur über eine Wiederholung der Perspektiven möglich sein,
die am Anfang genannt wurden. Der ausschlaggebende Punkt für die
Soziologie war ja die Bewertung der beiden Ereignisse: französische
und industrielle Revolution. Sie waren sichtbare Merkmale eines
tiefgreifenden Wandels in Europa gewesen. Die Interpretation
verwendete dazu die Erkenntnisse aus Szientismus und späterem
Positivismus. Daraus sah man sich in der Annahme bestärkt, die
Gesellschaft ist zugleich Subjekt und Objekt der Veränderung. Man
musste sich aber auch fragen, was denn Gesellschaft ist? Sollte eine
Antwort weiterhin in die Kompetenz der Sozialphilosophie fallen, so
würden wesentliche Faktoren nicht verstanden werden können. Allein
die Form von Entwicklung oder Wandel, die ökonomischen
Umstellungen eröffneten neue Dimensionen, die offenbar nach der
Zuständigkeit einer neuen Wissenschaft verlangten. Für den
„Wissenschaftssoziologen“ ist es ja interessant, dass diese neuen
Fragestellungen nicht mehr innerhalb der Universitäten behandelt
wurden, von diesen kaum wahrgenommen wurden, sondern
„Privatgerlehrte“, Schriftsteller und journalistisch versierte Beobachter
53
wurden auf die neuen Probleme aufmerksam. So kam es zur Soziologie
wie zu den meisten technischen Erfindungen im 19. Jahrhundert durch
„Amateure“. Das hat die Soziologie die längste Zeit geprägt. Es war
eigentlich erst Max Weber, der der Soziologie einen kompetenten
universitären Rang verlieh. Und dennoch war man sehr optimistisch
gewesen, dass diese junge Wissenschaft ihre Aufgaben lösen werde.
Im Unterschied zum 19. Jahrhundert ist man heute weit skeptischer, ob
die Soziologie ihrem Thema auch gerecht werden kann. Man sah sehr
deutlich, dass zwar die Erfolgsgeschichte der Soziologie dadurch
beschleunigt wurde, indem sie sich als Naturontologie der Gesellschaft
positionierte. Hätte man sich von Anfang an aus der
Gesellschaftsontologie abgeleitet, wäre natürlich die Schwierigkeit
größer gewesen, sich von der traditionellen Sozialphilosophie zu
emanzipieren und der Erfolg wäre auch geringer gewesen. Diese
Verwicklung stellt sich heute als eine Belastung für die Soziologie dar.
In der deutschen Tradition, jedenfalls bis zum Beginn des
Nationalsozialismus, war Soziologie als „Geisteswissenschaft“ präsenter
und wehrte sich entschieden gegen eine naturwissenschaftlich
entworfene Soziologie. Der Einwand von Wihelm Dilthey,
geisteswissenschaftliche Erkenntnis unterscheide sich grundsätzlich von
naturwissenschaftlicher, war ein wichtiger Schritt für eine „andere
Soziologie“. Noch auf Geschichts- und Kulturwissenschaften
konzentriert, behauptete Dilthey, in diesen Wissenschaften könne es
weder eine naturwissenschaftliche Systematik geben, noch das Ideal der
positivistischen Hoffnung auf eine „Einheit aller Wissenschaften“. Comte,
John Stuart Mill und Herbert Spencer hatten sich zwar diesem Ideal
verschrieben, doch unterdrückten sie den Gedanken, der menschliche
Geist sei fähig, die geschichtlich-gesellschaftliche Welt als Wirklichkeit
zu erfahren.
Die Übernahme von Methoden aus den Naturwissenschaften erlaube
nur, so hatte Dilthey argumentiert, die äußere Erscheinungswelt der
Gesellschaft zu beschreiben, über kausale Erklärungen zu zeichnen,
hingegen bleibt der Erfahrungshorizont der Menschen unberücksichtigt.
An diesem Punkt läge die Funktion der Geistes- und
Sozialwissenschaften, nämlich eine realen Bezug zu ermitteln, der das
individuelle Verstehen sozialer Umwelt wiedergibt und den Zugang zum
„Sinnverstehen“ von Geschichte, Geist und Gegenwart erlaubt. (Wilhelm
Dilthey, Einleitung in die Geisteswissenschaft (1883), Band 1, Leipzig
1923, S. 9ff. und S. 36)
Dilthey war klar geworden, dass es sicherlich eine Reziprozität zwischen
den „Systemen der Kultur“ und der „Organisation der Gesellschaft“ gibt,
aber erst die Unterscheidung belehrt über die unterschiedlichen
Funktionen. Die „Systeme der Kultur“ beziehen sich auf
54
Zweckzusammenhänge, die die menschlichen Erwartungshaltungen
gesellschaftlich vermitteln, die „soziale Organisation“ hingegen formt das
soziale
Leben
durch
Gemeinschaftsbeziehungen
und
Herrschaftsverhältnisse. Die Völker sind die Träger beider Elemente und
sind das Subjekt sozialer Bewegung. Dieses Subjekt kann durchaus
eine konkrete Eigenart besitzen, die über Herrschaftsverhältnisse
geprägt werden kann, wie durch Sprache, Religion und Kunst, also
durch kulturelle Bestände im Bewusstsein des Subjekts „Volk“.
Die Geschichtsschreibung selbst konnte diese Beziehung zwischen
Kultur und Organisation der Gesellschaft nicht befriedigend lösen, so
Dilthey, weshalb sie auch die Wirklichkeitserfahrung nicht
vergegenständlichen konnte. Es war dies der späteren Entwicklung der
Sozialgeschichte zu verdanken, dieses Thema ernsthaft zu analysieren.
Dieses Missverhältnis hatte man durch „Bewegungsgesetze“
auszugleichen versucht, eben durch naturwissenschaftliche Methoden
eine Gesellschaftslehre zu entwerfen. Damit wurde die konkrete
Beziehung
zwischen
Staat
und
Gesellschaft
in
den
Sozialwissenschaften getrennt. So konnte man sich auf das Phänomen
bürgerlicher Gesellschaft konzentrieren, vernachlässigte aber alle
weiteren Faktoren, die ebenfalls eine Gesellschaft formen und formten.
Unter diesen Auspizien hatte die Soziologie begonnen, hatte aber
zugleich auf eine hinreichende sozialphilosophische Grundlage fast
verzichtet. Sie verschrieb sich einer „naturalistischen“ Metaphysik der
Geschichte und näherte sich ihrem Untersuchungsgegenstand
„Gesellschaft“ durch „soziale Physik“. Also konnte sie sich aus der
wissenschaftstheoretischen Fundierung der Geschichtswissenschaft
emanzipieren und orientierte sich „kausalistisch“, wenn sie die
Beziehungsform des Individuellem zum Allgemeinen, des Speziellen mit
generalisierten Begriffen zu erklären begann. Da ja auch die
Geschichtswissenschaft eine empirische ist, der Erforschung der
Gegenwart eine historische Dimension zu verleihen vermag, so hätte die
Soziologie in der Geschichte eine Instanz besessen, um die Analyse der
Gegenwart entschiedener aus der Spekulation oder Ideologieproduktion
zu lösen.
Diese gewaltige Kritik ist deshalb bedeutend, da sie Max weber und
Georg Simmel nachhaltig beeindruckte. Wenn Gesellschaft eine höchst
unspezifische Bedeutung hat, so begegnete Simmel diesem Mangel
dadurch, dass er den organisch-historischen Begriff von der
Gesellschaft durch eine Vielzahl sozialer Wechselbeziehungen ersetzte.
Es mag schon sein, so dachte Simmel, dass unter speziellen
Bedingungen historische Fakten, Inhalte, Zäsuren und Neuschöpfungen
ihre Ursache in sozialen Verhältnissen haben, so habe man dies einer
„Erkenntismethode“ zu verdanken, aber noch nicht einer selbständigen
55
Wissenschaft. Hier sei noch keine Soziologie nötig, denn die bisherigen
Geisteswissenschaften bieten gleiche und vergleichbare Leistungen an.
Simmel fügte hinzu, im Grunde enthalten bereits Rechtswissenschaft
und
Volkswirtschaftslehre
und
Religionsgeschichte
genügend
Soziologie. Aufgabe der Soziologie ist es, die Formen der
Vergesellschaftung zu untersuchen.
Diese „formale Soziologie“ analysiert die Interaktionen der Individuen,
inwieweit sie zum Aspekt der Gesellschaft beitragen und daher diese
begründen. Dabei sind die individuellen Handlungen nicht psychologisch
zu deuten, nämlich Absichten und Motive zu entschlüsseln, sondern
inwieweit sich diese Handlungen gesellschaftliche Geltung verschaffen
und die längste Zeit ohne jede Absicht die Gesellschaft zu strukturieren
beginnen. Will man dafür ein Beispiel wählen, so könnten wir an ein
Gesellschaftsspiel denken. Bei Beginn des bekannten Spiels ist sich
jeder Teilnehmer über die Regeln im Klaren. Dennoch verläuft jedes
Spiel anders. Simmel hätte sich die Frage gestellt, auf Grund welcher
Spielzüge und -handlungen so viele Varianten des Spiels möglich
waren. In einem Spiel wurde auf einen Pechvogel mehr Rücksicht
genommen, in einem anderen dominierten stille Absprachen oder es
wurden sogar kleine Schwindeleien toleriert. Alle diese Interpretationen
der Spielhandlung bewegen sich innerhalb des Regelwerks des
Gesellschaftsspieles. Es erfährt seine Verwirklichung in höchst
unterschiedlicher Weise.
Simmel war offenkundig ein Pragmatiker. Gesellschaft lässt er als
Sammelbegriff gelten, aber sie ist grundsätzlich erst dort real vorhanden,
wo Menschen in Wechselbeziehung treten. So ist für Georg Simmel
Gesellschaft immer im Werden. Deren Entwicklungsgrad ergibt sich aus
der Qualität der Sozialisationen. Damit hält er die Optionen der „Spieler“
offen, nämlich mehr oder weniger an Vergesellschaftungen
teilzunehmen. Es ist ja denkbar, dass ich morgen die Teilnahme am
Spiel ablehne.
Für den Soziologen sind die Menschen schlechthin Grenzfälle. Er muss
ja entscheiden, welche Handlungen für die Soziologie relevant sind und
welche nicht. Der Nutzen dieser Idee Simmels war schnell zu erkennen:
Er befreite die Soziologie aus der „Zwangsvorstellung“, eine
„Gesetzeswissenschaft“ sein zu müssen. Daraus folgt, dass
zeitgenössische Gesellschaft und deren Kulturgeschichte nicht um jeden
Preis eine Übereinstimmung besitzen müssen und unabhängig
voneinander betrachtet werden können.
So kann man Gesellschaft einerseits gemäß „formaler Soziologie“
nominalistisch bestimmen, andererseits als Vergesellschaftung
funktionalistisch. Eine Gesamtdeutung des Begriffes „Gesellschaft“
verbleibt im Feld der Philosophie, die aber nichts mit der exakten
56
Erforschung von Wechselwirkung und Kausalbeziehung - dem Bereich
der Soziologie - zu tun hat.
Im Unterschied zu Georg Simmel errichtete Max Weber das Gebäude
einer „verstehenden Soziologie“. Wie erwähnt, empfand er die Kritik von
Wilhelm Dilthey als eine Herausforderung und konstruierte seine
Soziologie als eine empirische Geisteswissenschaft. Seine Position wird
dort deutlich, wo er im „Methodenstreit“ in der Nationalökonomie um
1880 ein theoretisches wie methodisches Konzept vorstellte, das genau
die Mitte zwischen den Streitparteien wählte: zwischen Gustav
Schmoller und Karl Menger.
Was war geschehen? Für Gustav Schmoller und dessen „Historischer
Schule der Nationalökonomie“ galt die Entwicklung ökonomischer
Begriffe als Ergebnis historisch-empirischer Forschung. Immerhin
handelte es sich um so wichtige und fundierende Begriffe wie „Markt“!
Karl Menger und dessen „österreichische Schule“, die auch als
psychologische bezeichnet wurde, waren überzeugt, dass etwa die
Funktion des Marktes über Angebot und Nachfrage geregelt werde, so
dass man daraus ein „Gesetz“ ableiten könne, das etwa über die
Preisentwicklung Auskunft gibt. So trennte er die traditionelle Theorie
von der Empirie.
War für Schmoller eine Erkenntnis in der Wissenschaft ein Wert, den die
Wissenschaft kreierte und darin auch ihren Sinn empfängt, vertrat die
„österreichische Schule“ die Ansicht, in der Wissenschaft gehe es nicht
um die Konstruktion von Werten, die sogar ideologisch sein können.
(Karl
Menger,
Untersuchungen
über
die
Methoden
der
Sozialwissenschaften, Wien 1883)
Max Weber stimmte beiden Seiten nur bedingt zu. Er stimmte überein,
dass die Geistes- und Kulturwissenschaften, insbesondere die
Geschichte einer Grundlage bedürfen. Aus ihnen gewinnt man das
Anschauungsmaterial, das gerade Max Weber grandios zu nutzen
verstand. Die Wissenschaft verfehlt aber ihr Thema, sollte sie etwa
historische Entwicklungen gemäß sozialpsychoilogischer Axiome zu
ordnen beginnen. Es war eine Kritik am Historiker Karl Lamprecht und
dessen deutscher Geschichte. Ebensowenig ist es zulässig, ein
soziologisches Modell nach biologischen Kriterien zu errichten - das war
gegen Herbert Spencer. Es komme zwar häufig zur Sammlung
wiederkehrender Phänomene, die zur Annahme verleiten, es könne eine
soziale
Gesetzmäßigkeit
geben,
aber
damit
wird
der
Untersuchungsgegenstand vergewaltigt. Es wird eben die Spannung
zwischen einem „stationären“ Zustand und singulären Ereignissen
unterdrückt. Es gibt ja auch „Massenerscheinungen“, die individuellen
Charakter besitzen können wie es individuelles, einzelnes Handeln
ebenso
zeigt.
Kurzum:
Der
Erkenntniswert
wäre
gering,
57
konstatierte Max Weber. (Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur
Wissenschaftslehre, Tübingen 1985, S11, S.48)
Nun versah Max Weber seine Skizzen und Entwürfe sehr sparsam mit
der Bezeichnung „Soziologie“. Ihm war es darum zu tun, den
soziologischen „Naturalismus“ grundsätzlich abzuwehren. Das heißt,
soziale Gesetze seien nicht geeignet, eine Erkenntnis sozialer
Wirklichkeit zu vermitteln, sondern es müssen aus der
Kulturwissenschaft idealtypische Begriffsbildungen gewonnen werden,
Viel zu oft stand in der französischen oder englischen Soziologie ein
organisch gefasster, szientistischer oder ein naturalistisch gewonnener
Gattungsbegriff der Menschen im Mittelpunkt, von dem aus der
Werdegang der Vergesellschaftung abgeleitet wurde. Wenn nun die
Konstruktion des Idealtypus das Ergebnis der Untersuchung Webers
war, so soll er eine objektive Hilfskonstruktion sein, um die
unterschiedlichen historischen Kausalbeziehungen zu charakterisieren.
Max Weber bot dafür das Beispiel im berühmten Aufsatz: Geist des
Kapitalismus und protestantische Ethik.
Hier führte er aus, dass in der europäischen Welt ein spezifischer
Rationalismus der Lebensführung begünstigt wurde und vermutlich mit
den Wirkungen reformierter Ethik den Kapitalismus erzeugte. Sein
Konstruktionsmodell war, seine Handlungstheorie mit den Typen der
Herrschaftsformen konfrontiert zu haben. Mit der Bestimmung des
„typologischen Ortes“ durch Weltreligion und deren Säkularisierung
wurde eine Selektion sozialen Handelns vorgenommen. Da sie zur
Herrschaftsform hinzugezählt wurde, förderte sie den Prozess der
Institutionalisierung und Vergesellschaftung.
Wissenschaftstheoretisch wichtig war dabei, dass Max Weber sein
Erkenntnisinteresse stets formulierte, von dessen Aktualität ausging und
hierauf sein grundbegriffliches und typologisches Ordnungsschema auf
die Fragestellung anwendete. Und dieses Vorgehen nannte er
„verstehende Soziologie“.
In ihr ging es nicht um gesellschaftstheoretische Fragen, die spätere
Soziologen ihrer Wissenschaft zur Pflicht auferlegten, sondern um
Erklärungen von Vergesellschaftungsprozessen im dynamischen und
funktionalen Sinn. Max Weber ging grundsätzlich dem „Kollektivbegriff“
Gesellschaft aus dem Weg, er sah in ihm kein verallgemeinerbares
Handlungssubjekt, sondern zog es vor, den Sinn individuellen wie
sozialen Handelns zu ermitteln, die Intentionen des Handelns zu
untersuchen. Aus ihnen ergeben sich die sozialen Gebilde und können
zugleich die einzelnen Teilnehmer daran integrieren. Diese „verstanden“
sich eben darin, kannten den „Sinn“ ihrer Handlungen und vereinten sich
zu Kollektiven. Diesen stehen dann Institutionen zur Seite, die über die
Herrschaftsformen ihre Dauerhaftigkeit, Haltbarkeit und Regeln
58
erhielten. Hier beginnt die Soziologie ihr Eigenleben als Wissenschaft
und emanzipiert sich von der Geschichtswissenschaft.
In den Grundbegriffen der Soziologie stellte Max Weber den Katalog her,
nach welchen Kriterien das „Soziale“ beschrieben und gedeutet werden
kann. Und in keinem Punkt lässt er Zweifel darüber aufkommen, dass es
sich um Konstruktionen und Modellbildungen handelt, die soziale
Prozesse, Ereignisse, Phänomene zwar erklären, aber hypothetisch
sind. Sie sind erst dort als Wirklichkeiten zu erachten, wo die Ergebnisse
im Kontroll- und Vergleichsverfahren, etwa kulturhistorisch oder
juristisch, eine hohe Plausibilität erwerben konnten. So ist die Soziologie
vornehmlich die Spezialistin für Kulturvergleich. So war für Max Weber
der Begriff „Gesellschaft“ nebulos, so nicht eine kulturwissenschaftliche
Fundierung unternommen wurde.
Da um 1900 unter den Soziologen die Frage debattiert wurde, ob ihre
Wissenschaft eine „Gesetzes- oder Wirklichkeitswissenschaft“ sei,
würde Max Weber mit der verstehenden Soziologie eher für die zweite
Variante votiert haben. (Vgl. Soziologie und Anti-Soziologie. Ein Diskurs
und seine Rekonstruktion, hrsg. Peter Merz-Benz, Gerhard Wagner,
Konstanz 2001)
Wie sich Begriffe ändern.....
Selbst die Langlebigkeit von Terminologien, zum Beispiel System und
Struktur, Gemeinschaft und Gesellschaft, Funktion und soziale Rolle,
kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die moderne Gesellschaft im
20. Jahrhundert vornehmlich über Gegensatzpaare definiert wird. Später
wird zu zeigen sein, dass dieses Schema von den „Bindestrich“Soziologien abgelöst wurde, indem man den Untersuchungsgegenstand
schon durch dessen Spezialität und Eigenschaft festlegte. Bis dahin
setzte die Soziologie eine Wissenschaftstradition fort, die schon im 19.
Jahrhundert den sozialen Wandel über Formenbildungen zu
beschreiben versuchte. Gemeinschaft und/oder Gesellschaft, sozialer
Status oder Gesellschaftsvertrag, mechanische oder organische
Solidarität waren Begriffspaare, die dichotomisch gebildet den Zweck
erfüllen sollen, Modernisierung zu veranschaulichen. Darin war die
Hypothese verborgen, die Durkheim etwa aufstellte, es ließen sich
„anonyme“ Gesetzmäßigkeiten oder „Proportionen“ ermitteln, die das
59
sinnhafte soziale Handeln des Menschen eingrenzen. Die Konzentration
auf „Vergesellschaftung“ blendete die vielen Typen der Sozialisationen
aus und zwang die Soziologie zur engen Definition sozialer Gruppen.
Daher behauptete Robert Merton: „All groups are, of course,
collectivities, but those collectivities which lack the criterion of interaction
among its members are not groups.“ (Robert Merton, Social Theory and
Social Structure, Glencoe 1957, S. 299)
Das Ergebnis dieser terminologischen Spezialisationen war, dass sich
die Soziologie immer häufiger auf „small groups“ stürzte, daraus eine
Soziologie und Theorie kleiner Gruppen formulierte und hoffte, mit der
gelungenen Analyse würde sich der Nachweis erbringen lassen, dass es
in sozialen Einheiten Gesetzmäßigkeiten gibt. Im Rückblick auf die
Eigenart von Vereinen und Gruppierungen wird man erkennen, dass in
ihnen ja Interaktion zwischen den Mitgliedern gefordert ist. Soziale
Gruppen
erfüllen
zwar
nicht
immer
die
Kriterien
der
Organisationssoziologie,
haben
aber
ein
differenziertes
Selbstverständnis. Diese nahezu ideale Konstellation für eine
soziologische Theorie wurde dadurch gestört, dass Kleingruppen nicht
immer für das Verständnis von Gesellschaft herangezogen werden
konnten, da sie entweder nicht repräsentativ oder erst gar nicht bekannt
waren. Doch wer kann über die Repräsentativität von Gruppen für die
Gesellschaft entscheiden? Da half auch nicht die genaue Trennung in
„Mikro- und Makrosoziologie“. War damit aber die Bedeutung einer
Kleingruppe für eine Analyse zureichend gesichert? Großteils bleiben für
die Soziologie jene Gruppen interessant, die zuerst einmal das Kriterium
häufiger Interaktion erfüllten - wie Robert Merton bestätigt. Alle anderen
wurden dem Kriterium „Kollektiv“ zugewiesen. (Theodore M. Mills,
Foundations of Modern Sociology, hrsg. Alex Inkeles 1967).
So war die Forschung schon recht spezialisiert, engte das Interesse ein
und das ergab eigentlich nahezu automatisch die Qualität einer „sozialen
Tatsache“. Der weitere Schritt war zu erwarten: In den ausgewählten
Gruppen
wurden
Systemmerkmale
gesucht,
funktionale
Gesetzmäßigkeiten und wie das sinn- und zweckhafte Handeln in der
Gruppe zu bewerten ist und wie in der Gruppe die soziale Wirklichkeit
„rekonstruiert“ wird.
Die Sammlung dieser zahlreichen Darstellungen sind in jenem Punkt
sehr kohärent, wo für die Zusammengehörigkeit in Gruppen relativ
homogene und vergleichbare Motive gelten. Da mag zwar das Bedürfnis
nach
sozialer
Nähe
wegen
gemeinsamer
Weltanschauung
ausschlaggebend sein, in einem anderen Fall ein praktisches Ermessen
oder eine kulturelle Überzeugung der Traditionspflege, so entscheidet
dennoch die Soziologie darüber, welchem Merkmal das Interesse gilt.
(Vgl. Friedrich Tenbruck, Die kulturellen Grundlagen der Gesellschaft,
60
.....S. 218) Wird von einer Gruppe die Erwartung der Soziologie erfüllt,
ein System gebildet zu haben, einen funktionalen Ablauf der
Zusammenkünfte zu regeln, so ist damit noch lange nicht der Grund für
dieses „Gemeinschaftshandeln“ beantwortet. Solche Gruppenverhalten
ergeben sich in Gesellschaften nahezu „naturgemäß“. Es ist fragwürdig,
nun auf eine Kausalität zu schließen, dass etwa Arbeitsverhältnisse
Arbeitervereine hervorrufen oder gar ein Proletariat. Es ist eine
soziologische Systemannahme, die dann keineswegs die Art von
„Vergesellschaftung“ oder „Vergemeinschaftung“ entschlüsselt. Die
Sozialgeschichte bietet hier ein subtileres Bild.
Wenn die soziologische Erklärung mehr sein will als eine exemplarische
Konstruktion, so wird sie sich darum kümmern müssen, was denn die
Voraussetzung des Gruppenverhaltens ist. Und diese wird ohne
Darstellung individuellen Verhaltens nicht auskommen. Und sollte sich
sogar aus dieser Gruppe eine „soziale Kraft“ entwickeln, so wird jeder
Kausalschluss nur beiläufig gelten können, denn vergleichbare
Bedingungen haben nicht die vergleichbaren Ergebnisse gebracht.
Die Soziologie sah sich gerade in ihrem empirischen Zuschnitt
veranlasst, die Formen von „Vergemeinschaftung/Vergesellschaftung“
anonymen Prozessen zuzuschreiben, unpersönlichen Strukturen oder
abstrakten Systemeigenschaften. Die Begriffe für „soziale Gruppen“
sollten darin überzeugen, dass dieses prozessuale Geschehen im
Gegensatzpaar von „Konformismus“ und „Non-Konformismus“
ausgedrückt werden kann. Die Akteure in der Gruppe bewegen sich
innerhalb der Konzepte „sozialer Rollen“.
Nun hat die Darstellung sozialen Wandels in den Formen der
Modernisierung diese Beschwörung anonymer Prozesse erleichtert, aus
denen Strukturgesetze, Formen sozialer Differenzierung und
Systemeigenschaften abgeleitet wurden. Daher ist auch das Vokabular
der Wissenschaft intolerant geworden, da es unverrückbare Merkmale
„verleihen“ wollte und neue Bezeichnungen entwickelte, die nicht leicht
zu „realisieren“ sind: So war schon die „Säkularisierung“ ein Begriff, der
in der Soziologie zu heftigem Streit führte. Noch schwieriger war es bei
den
Begriffen
„Systemkomplexität“,
„Strukturzwang“
oder
„Emanzipation“. Sie erlaubten, einer Gegenwartsgesellschaft Merkmale
zu verleihen, Entwicklung als „naturbedingt“ zu bezeichnen oder als
Produkte gesellschaftlicher Wechselwirkungen, aber insgesamt können
diese Begriffe nicht jenen Rang beanspruchen, den die Zäsuren der
Revolutionen oder der Industrialisierung haben.
Aus der Geschichte ist zu erfahren, dass Gruppenbildungen in der
Antike die Institutionen der Städte veränderte und als Oligarchien über
die politische Zukunft entschieden. Und nahezu parallel zu diesen
Forschungen ergab die Sozialgeschichte für das 19. Jahrhundert,
61
welchen Einfluss Vereine hatten, weshalb sie auch zeitweise verboten
waren, wie auch das Vereinsweisen einen hohen Beitrag zur
Modernisierung des politischen Systems leistete. Eigentlich war es zur
„Selbstmobilisierung“ gesellschaftlicher Kräfte gekommen und förderte
einen politischen Aktivismus, der von der politischen „Reaktion“ als
erhebliche Gefährdung gefürchtet war. Erstmals ware an diesen
Bewegungen Menschen beteiligt, deren sozialer Status oder die frühere
„Ortsgebundenhit“ eine solche Mobilität nicht erlaubt hätte.
Die Modernisierung kann als eine sehr wirkungsvolle Mischung
verschiedener Faktoren angesehen werden, wenn sich etwa der private
und öffentliche Bereich der Gesellschaft zu durchdringen begann. Das
war einersweits für das Ende für die alte Ständegesellschaft, das Ende
von Sippenverbänden und Familienclans, andererseits eine gewaltige
Mobilisierung des kreativen und innovativen Milieus, das nicht leicht in
ein soziales Schichtmodell einzuordnen gewesen wäre. Die bürgerlichen
Freihitsrechte von 1848, speziell das Koalitionsrecht, also Vereine
gründen zu dürfen oder ihnen auch anzugehören, schuf eine völlig neue
politische Situation, die aus den vielen Interaktionen aus den Vereinen
stammte. Erst dadurch gewannen die Begriffe „Struktur“ und „System“
ihren Anschaulichkeit und waren keineswegs solche „überirdischen
Mächte“, wie sie später in der Soziologie zuweilen beschrieben werden.
Eine Struktur ist eben keine anonyme Verfügung oder gar Fügung, die
auch nicht die Gesellschaft wie ein Schicksalsschlag heimsucht,
sondern der Grundriss einer Gesellschaft und so real wie ein Plan für ein
Gebäude.
Ebenso erfolgreiche Begriffe waren die „Arbeitsteiligkeit“ oder die
„soziale Differenzierung“. Bislang waren sie von der Soziologie als
Typisierung der Gesellschaft verwendet worden. Das heißt, die Arten
des Zusammenlebens und gemeinsamen Handelns der Individuen, der
Gruppen und Institutionen erzeugten Synergieeffekte, die je nach Grad
sozialer Organisation und Verwendung technischer Mittel über die
Arbeitsteiligkeit ein hohes Niveau erreichten.
Die Überlegung von Auguste Comte war gerechtfertigt, wenn er in den
Weltanschauungen und im Bewusstsein den Ablauf von Stadien
vermutete. Er wollte damit auf die qualitativen Unterschiede in den
Gesellschaften und deren Kulturen vereisen. Und die strukturellen
„Tatbestände“
zeigen
die
spezifischen
Strukturen
an,
Systemeigenschaften und sozialen Differenzierungen. Über diesen
Begriff ist zu erkennen, dass strukturell ausgeformte soziale „Typen“
nicht zugleich auch ein Entwicklungsmodell abgeben. Es gibt eben
unterschiedliche Wege des sozialen Wandels und unterschiedliche
Entwicklungen.
Es
war
ein
verbreiteter
Irrtum
in
der
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Entwicklungssoziologie, dass Industrialisierung unbedingt moderne
Gesellschaft und Demokratie fördert.
Allein die lleider oft voreilige Erwähnung „primitiver“ Gesellschaften, die
zum Belegexemplar für Entwicklung und Fortschritt werden musste,
berücksichtigt nicht die äußerst komplexe soziale Differenzierung in
Stammesgesellschaften, hingegen wird die Ansicht verbreitet, soziale
Komplexität sei zumindest die Errungenschaft europäischer Neuzeit. Die
enge Form des Zusammenlebens, die überschaubare Dimension des
sozialen Raumes und „mechanische Solidarität“ verlangte von den
Mitgliedern eine deutliche „Triebreduktion“, strenge Regeln und Riten,
die sogar die zwischenmenschlichen Beziehungen dominierten. So
wurden soziale Einheiten geschaffen, getragen von Identifikation und
Loyalität, über die offenbar eine moderne Gesellschaft nicht mehr im
gleichen Umfang verfügen muss. Herrschaft, Verwandtschaft und
Tradition stabilisierten das soziale Leben und bilden verbindliche
Institutionen aus. Dadurch waren diese Gesellschaften stabil, weil die
Herrschaft zeitlich und sachlich begrenzt blieb. Die große
Verwandtschaft sorgte für ein dichtes Netz horizontaler Verknüpfungen
und die Tradition war ein Teil einer gemeinsam erlebten Erfahrungswelt.
In der Kultur der „primitiven“ Gesellschaften stand die mündliche
Kommunikation an erster Stelle und bezog sich prinzipiell auf
vorwiegend existentiell-praktische Fragen. Da besaßen die Mitglieder
wirklich eindeutig festgelegte Funktionen und Rollen, die sich als
gemeinsam erfahrener Sinn des Handelns in die individuelle
Erfahrungswelt eingeprägt haben.
Würde man nun wirklich dieses „Leitfossil“ „Primitive Gesellschaft“ zum
Vergleich und für die Unterschiede moderner Gesellschaften
heranziehen, wäre die Bestimmung weitaus schwieriger als
angenommen. Die Verteilung der gesellschaftlichen „Gewinne“ oder
Defizite würde nicht nur ein sehr differenziertes Bild ergeben, sondern
auch zeigen, wie soziale Verflechtung und „Entflechtung“ beschaffen
sind, wie sich Partizipation und soziale Distanz veränderten oder wie es
zur Verschiebung der horizontalen zur hierarchischen Struktur kam. Da
wird es auffallen, dass soziale Differenzierung nicht allein über
Arbeitsteiligkeit organisiert ist, sondern deren ökonomische Effizienz um
den Preis sozialer Segmentarisierung errungen wurde. Die gemeinsame
Erfahrbarkeit industrieller Lebenswelt rückt für die moderne Gesellschaft
in weite Ferne. Der Mensch selbst wird in den jeweiligen Disziplinen so
dargestellt, dass er funktionsspezifisch isoliert erscheint, ökonomisch
reguliert und in flüchtigen sozialen Beziehungen existiert. In „primitiven“
Gesellschaften ist die kulturelle Differenzierung gering, da es eben kein
„Expertenwissen“ einzelner oder von Gruppen gibt, es sei denn der
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„Außenseiter“, der durch seine Stigmatisierung das Bindeglied zwischen
Realität und Kult/Mythos verkörpern muss.
Nun sollen das keine wehmütigen Erinnerungen an eine „primitive“
Gesellschaft sein oder gar ein Bedauern, diese Eigenschaften einer
Kultur nicht mehr zu besitzen, sondern nur den Nachweis antreten, dass
Begriffe die Wirkung haben können, in ihrer Definition zu pauschalieren
und zu generalisieren und damit den Reichtum an Nuancen zu verlieren
- eigentlich das Salz des gesellschaftlichen Lebens.
In der Umkehrung und Entgegnung war der Begriff der „Hochkultur“
geläufig, der gegenwärtig aber negativ besetzt ist. Dieser meinte nichts
anders als die Verselbständigung von Herrschaft und Bürokratie. Nun
gewinnt die soziale Differenzierung einen anderen Stellenwert, ebenso
die Arbeitsteiligkeit. In diesem Konglomerat der Faktoren wachsen die
Ansprüche auf innere und äußere Machtentfaltung. Und erweist sich die
Organisation von Herrschaft dauerhaft und stabil, kann sie individuelle
Interessen viel besser „integrieren“, die ökonomische Effizienz steigern
und die Bildung sozialer Klassen kann sogar stabilisierend wirken. So
entstehen städtische Strukturen, die ihre überregionale Wirkung
erweitern und in Bürokratien die nötigen Funktionen vereinigen. Es ist
die Summe aus politischer Hierarchie, ökonomischer Dominanz,
Rechtsinstanz, religiöser Kompetenz und militärischer Organisation.
Das bedeutet, dass sich soziale Schichten bilden, die eine vom
unmittelbaren Existenzerhalt befreit, die andere in „untertänigen“
Pflichterfüllungen gehalten. So kann soziale Differenzierung auch
aussehen und sollte besser als „soziale Ungleichheit“ bezeichnet
werden. Sehr gut beschreiben die lateinischen Begriffe „otium“ und
„negotium“ diesen Unterschied und definieren gleichzeitig die
Bewusstseinslage in der römischen Antike nach Klassen und
Systemfunktionen.
Ausgerechnet in dieser Phase erhöht die Gesellschaft eine bis dahin
noch nicht gekannte Anpassungsfähigkeit und Beweglichkeit, die
erstmals den Gesellschaften der Spätantike eine genuine
Geschichtlichkeit zur Reflexion und Selbstvergewisserung eröffnet.
Innerhalb dieser, in Organisationen aufgespaltenen Beziehungsformen
zwischen den Menschen, wird aber nicht nur eine eigene Rationalität
des Sozialen möglich, nicht nur der organisatorische Wandel der
Betriebsformen verursacht, sondern die frühere, fast autonom
erscheinende individuelle Handlungskompetenz löst sich aus dem
sozialen Raum sich selbst bestimmender Gruppen/Sippen/Verbänden
ab und wechselt in den politischen Raum, in dem die Varianten
indirekten Handelns wirksamer sind. Wenn Prozesse der Machtbildung
stattfinden, dann verändert sich die Handlungskompetenz ins Indirekte
und Intrigante. Da wäre allerdings an die Soziologie die Frage zu
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richten, ob sie nicht nach dieser Veränderung von Handlungskompetenz
sich grundsätzlich für dieses indirekte Handeln interessierte und daraus
die axiomatischen Bestimmungen ableitete? Immerhin hatte die These
der Entfremdung auf diesen Punkt verweisen. Vermutlich war es dann
auch leichter geworden, aus der Handlungstheorie ein Schema von
Verhalten, Reizen und Reaktionen zu machen.
Die Untersuchung sozialer Gruppen hatte dann doch den Erfolg,
Konzepte sozialer Rollen zu entwickeln. Damit konnte man sehr gut die
Vermischungen der Rollen in der modernen Gesellschaft beleuchten,
aber auch wieder die strikte Aufteilung in Segmente. Und so konnte man
auch feststellen, dass die „privaten“ Rollen nicht mehr jenen Halt
verleihen, wovon man früher ausgegangen war, andererseits erhielten
die Rollen im öffentlichen Bereich eine zunehmende Fremdbestimmung.
Die sinnstiftenden Handlungen scheinen wirklich privatisiert worden zu
sein, aber verlieren in ihren kleinen sozialen Einheiten auch ihre
Zuständigkeit als Folge der vielen Emanzipationen und des Verlusts an
Identität. Nun ist soziales Handeln nahezu beliebig geworden, eine
unbestimmte Tätigkeit und verringerter personaler Verantwortung. Es
sind wahrscheinlich die Bedingungen, um eine westliche moderne
Gesellschaft sein zu können.
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