Frick - Evangelische Akademie Tutzing

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Macht Glaube gesund?
Theologische und psychotherapeutische
Perspektiven der Krankheitsbewältigung
Eckhard Frick sj
Vortrag in der Evangelischen Akademie Tutzing
Rothenburg odT 15.11.2002
1. Annahmen und In-Frage-Stellung
Wenn wir uns mit der Frage der religiösen Krankheitsverarbeitung beschäftigen,
ist es hilfreich, zunächst zwei Annahmen zu formulieren, die unsere
Beschäftigung mit dem Thema gerade dann bestimmen, wenn sie nicht klar
ausgesprochen werden:
Annahme 1: Gläubige sind gesünder als Ungläubige. Wenn Krankheiten nicht
heilbar sind, haben Gläubige eine bessere Krankheitsbewältigung.
Annahme 2: Religiöse Menschen sind schicksalsgläubig und suchen
Kontrollmöglichkeiten eher außerhalb ihrer selbst.
Aus diesen Formulierungen wird schon deutlich, dass die beiden Sätze durchaus
gegensätzlich sind. Die erste Annahme stützt sich auf eine umfangreiche
wissenschaftliche und vor allem populäre Literatur, die den religiösen Glauben
als schützenden oder gar heilsamen Faktor beschreibt. Sie greift damit eine viel
ältere, in Kirche und Theologie mitunter vergessene Dimension auf, nämlich den
Zusammenhang zwischen dem Verkündigungs- und dem Heilungsauftrag an die
Apostel (vgl. Lukas 9,2: „und sandte sie aus, zu predigen das Reich Gottes und
die Kranken zu heilen.“).
Die zweite Annahme hingegen speist sich aus der Skepsis gegenüber
religiösen
Glaubenssystemen,
wie
sie
z.B.
in
soziologischen,
psychoanalytischen oder philosophischen Religionskritik vielfach vertreten
wird.
Beide Annahmen müssen sich mit der Problematik des Erfolgskriteriums
auseinandersetzen. Woran bemisst sich denn im einen und im anderen Fall das
Bewältigungsergebnis? Werden Erfolg, Machbarkeit und Prognose letztlich
medizinisch verstanden, z.B. als Verschwinden der Hauptsymptomatik oder
sozial, als Wegfallen der Krankenrolle? Mir scheint nun, dass derartige, am
Erfolg
orientierte,
Erklärungsversuche
häufig
von
geheimen
Allmachtsphantasien bestimmt sind und angesichts von Sterben und Tod an ihre
Grenze stoßen. Mit anderen Worten: „Wirksamkeit“ oder „Unwirksamkeit“
bestimmter
Bewältigungsformen
wird
hier
im
Kontext
von
Gesundheitsstörungen verstanden, die grundsätzlich behebbar sind, im Kontext
einer Gesundheit, die „wiederherstellbar“ ist. Wenn jedoch die Begrenztheit des
Lebens ins Bewusstsein rückt wie nach einer Krebsdiagnose, bei palliativer
Behandlung oder auch bei einer chronischen Erkrankung geht es darum,
angesichts der unausweichlichen Grenze einen Sinn zu finden. Die Grenze
möglichst „wirksam“ zu beseitigen oder herauszuschieben, ist dann ein Ziel, das
in den Hintergrund rückt.
2. Zum Beispiel: www.nunstudy.org
Am 22. September 1930 schrieb die nordamerikanische Regionaloberin der
Armen Schulschwestern an alle Konvente und bat die jungen Schwestern darum,
vor Ablegung der Letzten Gelübde eine handgeschriebene Autobiographie zu
verfassen. Diese zwischen 1931 und 1943 verfassten Texte bildeten 60 Jahre
später die Basis für eine erstaunliche prospektive Längsschnitt-Untersuchung:
678 hochbetagte Schwestern erklärten sich zur jährlichen körperlichen und
psychometrischen Untersuchung bereit und stimmten der Sektion ihres Gehirns
nach dem Tod zu, um mögliche demenzielle Prozesse (vor allem Alzheimersche
Krankheit) nachweisen zu können. In diesem Zusammenhang konnten 180
Lebensläufe in den Archiven gefunden werden, die den von den Forschern zuvor
definierten Einschlusskriterien entsprachen. Diese
unabhängige,
den
Schwestern
nicht
Texte
bekannte,
wertete
Forscher
zwei
getrennt
inhaltsanalytisch aus. Bewertet wurden nicht Lebensereignisse als solche,
sondern deren emotionaler Widerhall. Trotz der sehr homogenen Stichprobe
(Schwestern vor den Letzten Gelübden mit der Hoffnung, bald unterrichten zu
dürfen), finden sich rechtunterschiedliche Stile des emotionalen Ausdrucks. Das
Ausmaß positiver Emotionen in den Texten korreliert in statistischsignifikanter
Weise mit der Lebenserwartung der Schwestern. Welche Folgerung ist aus den
hier nur knapp skizzierten Befunden zu ziehen, über die Alltagsvermutung
hinaus, dass optimistische Menschen länger leben? Es handelt sich bei den hier
untersuchten Texten nicht um einen (sozial erwünschten)Optimismus, sondern
um die Fähigkeit, auf Lebensereignissemit einem positiven gefühlsmäßigen
Widerhall zuantworten, das heißt günstige, zufriedenstellende Erfahrungen so in
sich aufzunehmen, dass sie mitteilbar werden (ausstrahlen). Im Falle schwieriger
Lebensereignisse heißt dies, dass sie in fruchtbarer Weise verarbeitet werden
und
die
positive
Emotionalität
nicht
beeinträchtigen
können.
Das
inhaltsanalytische Kriterium „positive Emotionalität“ ist zugleich ein Hinweis
auf die spirituellen Erfahrungen, Haltungen und Praktiken durch Jahrzehnte.
Dieses Kriterium bietet auch die Möglichkeit, Menschen unterschiedlicher
spiritueller Beheimatung zu vergleichen und jene Auswirkungen von
Glaubenserzeugungen genauer zu erfassen, die in epidemiologischen Studien als
gesundheitsförderlich beschrieben wurden. Offenbar gibt es Ausprägungen von
Spiritualität, die gesundheitsförderlich wirken (Danner et al., 2001).
3. Fokus „Kontrolle“
Wie oben formuliert, gelten religiöse Menschen vielen als schicksalsgläubig,
indem sie Kontrollmöglichkeiten eher außerhalb ihrer selbst suchen (Annahme
2). Am Beispiel der Schmerzbehandlung wird deutlich, wie zentral die
Möglichkeit der Kontrolle möglicherweise unerträglicher Schmerzen ist und wie
verheerend sich die Angst vor dem Kontrollverlust (auch wenn dieser nur
phantasiert ist) auswirken kann, nicht zuletzt auf das Ausmaß der Schmerzen
selbst. Es ist die Basis jeglicher Schmerztherapie, nach wirkungsvollen Hilfen
zu suchen und die Betroffenen an Entscheidungen über Ausmaß, Zeitpunkt und
Arzt dieser Behandlung zu beteiligen. Die wirkungsvolle Schmerzbehandlung
versichert den Patienten in Palliativbehandlung und in anderen medizinischen
Bereichen der Nähe einfühlsamer Helferinnen und Helfer.
In
der
Forschung
hat
sich die folgende
Differenzierung
von
Kontrollattributionen (Krampen, 1989) durchgesetzt: internal (ich selbst habe
die Kontrolle über das, was geschieht; external-sozial (Mächtige andere [Ärzte,
Pflegepersonal, Angehörige] haben die Kontrolle; external-fatalistisch (was
geschieht, hängt vom Schicksal ab). Gerade die external-fatalistische
Kontrollattribution wurde vielfach mit dem religiösen Glauben identifiziert:
Passiv-kindlich gibt der Gläubige die eigenen Kontrollmöglichkeiten aus der
Hand und erwartet alles von Gott.
Ich möchte hingegen dafür plädieren, die Frage möglichst offen und
vorurteilsfrei zu stellen: Zu welchen der drei Attriubutionstypen gehört religiöse
Krankheitsverarbeitung,
und
Kontrollüberzeugungen?
4. Psychotherapeutische Kriterien
wie
verändert
Spiritualität
die
In der Forschung werden drei Formen der religiösen Krankheitsverarbeitung
unterschieden (Pargament et al., 1988): In der Kooperation sieht sich der
gläubige Mensch als Partner Gottes, der mit Gott im Prozess der Heilung
zusammen arbeitet. In der Unterwerfung betrachtet sich der Mensch
gewissermaßen als Marionette Gottes, der nichts anderes übrig bleibt, als sich in
den Willen Gottes zu fügen. Hingegen betont der Typus Selbststeuerung, dass
der gläubige Mensch handlungs-, entscheidungs- und kontrollfähig bleibt.
Überblicksmäßig möchte ich die folgenden Kriterien für eine gelingende
religiöse
Krankheitsverarbeitung
formulieren,
zunächst
aus
psychotherapeutischer, im nächsten Abschnitt aus theologischer Sicht:
• Orientierung an der individuellen Lebensqualität
• Autonome Konstitution von Sinn und Hoffnung
• Aktiv-akzeptierendes Coping
• Adaptive Kontrollüberzeugungen
• Nicht mehr erreichbare Ziele aufgeben / neue Ziele formulieren
Orientierung an der individuellen Lebensqualität setzt voraus, dass über die
gesundheitsbezogenen Messungen hinaus der subjektive Urteilsprozess des
Patienten ernst genommen wird (Birnbacher, 1999; Frick, im Druck; Frick et al.,
submitted;
Hävry,
1991).
Einen
solchen
Perspektivwechsel
von
der
Experteneinschätzung zum Patientenurteil müssen nicht nur Ärzte und
Pflegepersonal, sondern auch die Patienten selbst und deren Angehörige
vollziehen. Damit hängt die autonome Konstitution von Sinn und Hoffnung eng
zusammen: Sinn und Hoffnung können weder durch Ratgeberliteratur vermittelt
noch infundiert oder transplantiert werden. Professionelle Helfer können diesen
persönlichen Prozess lediglich begleiten. Ein aktiv-akzeptierendes Coping sowie
adaptive Kontrollüberzeugungen gelten in der Forschung als günstige
Voraussetzungen gelingender Krankheitsverarbeitung
(vgl.
(Frick, in
Vorbereitung)), möglicherweise sogar im Sinne einer Verlängerung der
Überlebenszeit (Tschuschke et al., 1999).
Im spirituellen Kontext von Sinn und Hoffnung („meaning based coping“)
nicht mehr
erreichbare Ziele aufzugeben, bzw. neue Ziele zu formulieren,
verlangt von der kranken Person und ihren Helfern, sich mit der Realität der
begrenzten Lebenszeit aktiv auseinander zu setzen. Im einzelnen heißt dies
(Folkman und Greer, 2000):
• die spezifische Krankheitssituation nicht nur als Belastung, sondern auch als
Herausforderung zu begreifen
• herauszufinden, was für den Patienten wichtig ist
• mit ihm / ihr realistische Ziele zu formulieren
• alles zu fördern, was die persönlichen Kontrollmöglichkeiten stärkt
• Verhaltensweisen zu verstärken, die der Erreichung der gesteckten Ziele
dienen
• auch angesichts der möglicherweise vitalen Bedrohung auf eine positive
Grundstimmung zu achten.
5. Theologische Kriterien
Der Theologe, besonders wenn er als Seelsorger ans Krankenbett tritt, steht in
der Gefahr, in die Rolle von Hijobs Freunden zu geraten, d.h. mit Ratschlägen,
Erklärungen oder gar moralischen Appellen aufzuwarten. Auch wenn diese gut
gemeint sind, so stellen sie doch die betroffenen Kranken eine Überforderung
oder nicht selten eine zusätzliche Belastung dar. In diesen Zusammenhang
gehört auch der Terror des „positiven Denkens“, mit dem manche Besucher
meinen, ihre kranken Angehörigen oder Freunde aufheitern zu müssen.
In theologischer Hinsicht kann demgegenüber als erstes Kriterien eine
möglichst große Offenheit für die Gottesbeziehung (und deren Entwicklung)
formuliert werden. Damit ist auch die Bereitschaft gemeint, wie Hijob mit Gott
zu streiten, ihm die eigene Klage und Verzweiflung entgegen zu schreien. Ein
weiteres Kriterium ist die Akzeptanz Gottes als des Anderen (nicht
kontrollierbaren, nicht zu „verordnenden“). Im Gegensatz zu Tendenzen einer
therapeutischen
Verdinglichung
und
Verzweckung
ist
Glauben
keine
Wunderdroge, die sich wie ein Antibiotikum rezeptieren ließe (Frick, 2002;
Sloan et al., 2000). Ferner sind zu nennen: der Gemeindebezug des Glaubens,
die Relativierung von Zielen (eschatologischer Vorbehalt) und die Hoffnung auf
das letztlich unzerstörbare Leben. Schließlich müssen Deutungsmuster der
jüdisch-christlichen Tradition dialogisch aufgegriffen werden. Z.B. kann die
Hijobsgestalt dem / der Betroffenen bereits bekannt sein oder in einem
günstigen Augenblick bekannt gemacht werden, so dass sie als kräftige
Identifikations- und Bewältigungsmöglichkeit entdeckt wird. Dies gilt auch für
Leben und Sterben Jesu und für viele Beispiele der Klage und des Kampfes mit
Gott, die in einen Bezug zur eigenen Geschichte gebracht werden können.
Im Hinblick auf den oben gewählten Fokus der Kontrolle möchte ich als
abschließende Kurzformel Bonhoeffers (Bonhoeffer, 194?) „Widerstand und
Ergebung“ wählen, die Auseinandersetzung mit dem phantasierten oder
erlittenen Kontrollverlust.
Cole & Pargament beschreiben die „spirituelle
Hingabe“ als „paradoxen Weg zur Kontrolle“ (Cole und Pargament, 1999). Sie
empfehlen den Begleitern, den Konflikt „Things under my control“ vs. „Things
under God’s control“ zu fokussieren und auf diese Weise die Balance eigener
Kontrollmöglichkeiten (etwa im aktiven Kampf gegen die Krankheit) und der
Annahme der Begrenztheit des Lebens neu auszubalancieren.
6. Schluss: Durch Verwundung heilen
Aus dem Bisherigen dürfte deutlich geworden sein, dass der christliche Glaube
nicht mit medizinischen Therapieangeboten um „Wirksamkeit“ konkurrieren
möchte. Dann würde er die finale Dimension (Niemann) christlicher
Anthropologie verleugnen.
Das Christentum nimmt zu Krankheit, Verwundung, Heilung eine
durchaus paradoxe Position ein, die über die Vertröstung auf ein „Happy end“
weit hinaus geht. In archetypischer Hinsicht (Frick, 1996) ist Jesus der
verwundete Heiler, der von Gott getroffene Knecht des Herrn (Jesaja 53). Er
heilt nicht durch Wirksamkeit und Macht, sondern durch Annahme der
Verwundung.
Birnbacher, D. (1999). Quality of life - Evaluation or description? Ethical Theory and Moral
Practice, 2:25-36.
Bonhoeffer, D. (194?). Widerstand und Ergebung.
Cole, B. F. & Pargament, K. I. (1999). Spiritual surrender: a paradoxical path to control. In
Integrating spirituality in treatment: Resources for practioners, ed. E. Miller.
Washington, D.C.: American Psychological Association, 1999.
Danner, D. D., Snowdon, D. A. & Friesen, W. V. (2001). Positive emotions in early life and
longevity: findings from the Nun study. Journal of Personality and Social Psychology,
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Folkman, S. & Greer, S. (2000). Promoting psychological well-being in the face of serious
illness: when theory, research and practice inform each other. Psycho-Oncology, 9:119.
Frick, E. (1996). Durch Verwundung heilen. Zur Psychoanalyse des Heilungsarchetyps.
Göttingen Zürich: Vandenhoeck & Ruprecht.
—. (2002). Glauben ist keine Wunderdroge. Hilft Spiritualität bei der Bewältigung schwerer
Krankheit? Herder Korrespondenz, 56:41-46.
—. (im Druck). Lebensqualität angesichts der Krebserkrankung. Stimmen der Zeit.
—. (in Vorbereitung). Religöse Krankheitsverarbeitung aus theologischer und ärztlichpsychotherapeutischer Sicht.
Frick, E., Borasio, G. D., Zehentner, H. & Bumeder, I. (submitted). Individual Quality of Life
of patients undergoing Peripheral Autologous Blood Stem Cell Transplant.
Hävry, M. (1991). Measuring the quality of life: Why, how and what? Theoretical Medicine,
12:97-116.
Krampen, G. (1989). Diagnostik von Attributionen und Kontrollüberzeugungen. Theorien,
Geschichte, Probleme. In Diagnostik von Attributionen und Kontrollüberzeugungen,
ed. G. Krampen. Göttingen: Hogrefe, 1989, pp. 3-19.
Niemann, U. (persönliche Mitteilung)
Pargament, K. I., Grevengoed, N., Hathaway, W., Kennell, J., Newman, J. & Jones, W.
(1988). Religion and problem solving: Three styles of coping. Journal for the
Scientific Study of Religion.
Sloan, R. P., Bagiella, E., VandeCreek, L., Hover, M., Casalone, C., Hirsch, T. J., Hasan, Y.,
Kreger, R. & Poulos, P. (2000). Should physicians prescribe religious activities? New
England Journal of Medicine, 342:1913-1916 (Diskussion 1339-1342).
Tschuschke, V., Hertenstein, B., Arnold, R., Denziner, R., Bunjes, D., Grulke, N., Heimpel,
H. & Kächele, H. (1999). Beziehungen zwischen Coping-Strategien und
Langzeitüberleben bei allogener Knochenmarkstransplantation - Ergebnisse einer
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Transplantionsmedizin, ed. B. Johann & R. Lange. Lengerich Berlin Riga Rom Wien
Zagreb: Pabst Science Publishers, 1999, pp. 80-104.
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