An die Hochwürdigen Herren Ortsordinarien

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Schreiben
„A SEGUNDA“
Kongregation für das katholische
Bildungswesen
unseres Heiligen Vaters
Johannes Paulus II.
durch göttliche Vorsehung Papst
An die Hochwürdigen Herren Ortsordinarien
An die Direktoren der Seminare
An die Dekane der Theologischen Fakultäten
Maria in der intellektuellen und geistlichen
Ausbildung
25.3.1988
Entnommen bei: www.kathtube.com
Quelle: Libreria Editrice Vaticana, Vatikanstadt 1989.
Die Rechtschreibung wurde der gegenwärtigen Form angeglichen.
Inhaltsübersicht
EINLEITUNG (1)
I. MARIA: EIN WESENTLICHES ELEMENT DES GLAUBENS
UND DES LEBENS DER KIRCHE
DER REICHTUM DER MARIOLOGIE (2)
DIE MARIOLOGISCHE LEHRE DES II. VATIKANUMS (5)
a) Im Blick auf Christus (6)
b) Im Blick auf die Kirche (9)
MARIOLOGISCHE ENTWICKLUNGEN NACH DEM KONZIL (10)
DIE ENZYKLIKA »REDEMPTORIS MATER« JOHANNES PAULS II. (17)
DER BEITRAG DER MARIOLOGIE ZUR THEOLOGISCHEN FORSCHUNG (18)
II. MARIA IN DER INTELLEKTUELLEN UND GEISTLICHEN AUSBILDUNG
DIE MARIOLOGISCHE FORSCHUNG (23)
DIE MARIOLOGISCHE UNTERWEISUNG (27)
DER DIENST DER MARIOLOGIE AN DER PASTORAL UND DER MARIANISCHEN
FRÖMMIGKEIT (32)
ZUSAMMENFASSUNG (34)
EINLEITUNG
1 Die Zweite Außerordentliche Bischofssynode, die 1985 zur »Feier, Prüfung und Förderung des
Zweiten Vatikanischen Konzils« (1) gehalten wurde, unterstrich die Notwendigkeit, »besonders
die vier großen Konzils-Konstitutionen zu beachten« (2) und einen »Plan« durchzuführen, »der
einer neuen, erweiterten und tieferen Kenntnis und Annahme des Konzils dient«.(3)
Der Heilige Vater Johannes Paul II. hat seinerseits versichert, dass das Marianische Jahr »eine
neue und vertiefte Lektüre von dem fördern soll, was das Konzil über die selige Jungfrau und
Gottesmutter Maria im Geheimnis Christi und der Kirche gesagt hat«. (4)
Diese bei den lehramtlichen Hinweise nimmt die Kongregation für das katholische
Bildungswesen besonders aufmerksam auf. Mit dem vorliegenden Rundschreiben, das an die
Theologischen Fakultäten, an die Priesterseminare und an die anderen Zentren kirchlicher
Studien gerichtet ist, beabsichtigt sie, einige Überlegungen über die selige Jungfrau Maria
vorzulegen und vor allem hervorzuheben, dass die Bemühung um Kenntnis und Forschung sowie
die Frömmigkeit im Blick auf Maria von Nazaret nicht auf die zeitlichen Grenzen des
Marianischen Jahres eingeschränkt sein dürfen, sondern dass sie eine bleibende Aufgabe
darstellen müssen: denn bleibend sind der beispielhafte Wert und die Sendung der Jungfrau
Maria. Die Mutter des Herrn ist ja ein "Element der göttlichen Offenbarung" und begründet eine
stets wirksame "mütterliche Gegenwart" im Leben der Kirche. (5)
I.
MARIA: EIN WESENTLICHES ELEMENT DES GLAUBENS
UND DES LEBENS DER KIRCHE
DER REICHTUM DER MARIOLOGIE
2 Die Dogmen- und die Theologiegeschichte bestätigen den Glauben und die beständige
Aufmerksamkeit der Kirche in bezug auf die Jungfrau Maria und ihre Sendung in der
Heilsgeschichte. Diese Aufmerksamkeit ist schon in einigen neutestamentlichen Schriften und in
vielen Werken der Autoren in nachapostolischer Zeit offenkundig.
Die ersten Glaubensbekenntnisse und die folgenden dogmatischen Formeln der Konzilien von
Konstantinopel (381), Ephesus (431) und Chalkedon (451) bezeugen die fortschreitende
Vertiefung des Geheimnisses Christi als wahrer Gott und wahrer Mensch und parallel hierzu die
fortschreitende Entdeckung der Bedeutung Mariens im Geheimnis der Menschwerdung: eine
Entdeckung, die zur dogmatischen Definition der jungfräulichen Gottesmutterschaft Mariens
führte.
Die Aufmerksamkeit der Kirche bezüglich Maria von Nazaret erfolgte in allen Jahrhunderten
durch viele Verlautbarungen. Es werden lediglich die jüngsten von ihnen in Erinnerung gerufen,
ohne damit den Reichtum unterzubewerten, den die mariologische Reflexion in anderen
geschichtlichen Epochen gekannt hat.
3 Aufgrund ihres lehrhaften Wertes kann man unmöglich unerwähnt lassen die Dogmatische
Bulle Ineffabilis Deus (8. Dezember 1854) von Pius IX., die Apostolische Konstitution
Munificentissimus Deus (1. November 1950) von Pius XII. und die Dogmatische Konstitution
Lumen gentium (21. November 1964), deren achtes Kapitel die umfassendste und am meisten
maßgebende Synthese der katholischen Lehre über die Mutter des Herrn darstellt, die jemals von
einem ökumenischen Konzil verfaßt wurde. Hier ist wegen ihres theologischen und pastoralen
Wertes auch zu erinnern an andere Dokumente wie die Professio fidei (30. Juni 1968) und die
Apostolischen Schreiben Signum Magnum (13. Mai 1967) und Marialis cultus (2. Februar 1974)
von Paul VI. sowie die Enzyklika Redemptoris Mater (25. März 1987) von
Johannes Paul II.
4 Ferner gilt es, an die Tätigkeit einiger kirchlicher Bewegungen zu erinnern, die dadurch, dass
sie in verschiedener Weise und von unterschiedlichen Gesichtspunkten aus der Gestalt der
seligen Jungfrau Maria breites Interesse entgegenbrachten, beträchtlichen Einfluss auf die
Abfassung der Konstitution Lumen gentium hatten: die biblische Bewegung, die die erstrangige
Bedeutung der Heiligen Schrift für eine Darstellung der Stellung der Mutter des Herrn unterstrich,
die sich wirklich in Einklang mit dem geoffenbarten Wort befindet; die patristische Bewegung, die
es der Mariologie ermöglichte, ihre Wurzeln in der Überlieferung zu vertiefen, indem sie sie mit
dem Denken der Kirchenväter zusammenführte; die ekklesiologische Bewegung, die weitgehend
zur vertiefenden Neubesinnung auf das Verhältnis zwischen Maria und der Kirche beitrug; die
missionarische Bewegung: sie entdeckte fortschreitend den Wert Mariens von Nazaret, der
ersten, der die frohe Botschaft verkündet wurde (vgl. Lk 1,26-38) und die sie als erste
weiterverkündigte (vgl. Lk 1, 39-45), als eine inspirierende Quelle für ihren Einsatz zur
Verbreitung des Evangeliums; die liturgische Bewegung, die dadurch, dass sie einen fruchtbaren
und strengen Vergleich der verschiedenen Liturgien anstellte, dokumentieren konnte, wie die
Riten der Kirche eine herzliche Verehrung der »glorreichen, allzeit jungfräulichen Mutter unseres
Herrn und Gottes Jesus Christus« (6) bezeugen; die ökumenische Bewegung, welche
Anstrengungen für ein exaktes Verständnis der Gestalt der Jungfrau Maria im Bereich der
Quellen der Offenbarung und zur Präzisierung der theologischen Grundlage der marianischen
Frömmigkeit erforderte.
DIE MARIOLOGISCHE LEHRE DES II. VATIKANUMS
5 Die Bedeutung des achten Kapitels von Lumen gentium besteht im Wert der lehrmässigen
Synthese sowie darin, dass die Behandlung der Lehre über Maria dargelegt ist, indem es in den
Bereich des Mysteriums Christi und der Kirche eingefügt wird. Auf diese Weise hat das Konzil:
- an die patristische Überlieferung angeknüpft, die die Heilsgeschichte als eigenen Rahmen jedes
theologischen Traktates bevorzugt;
- deutlich herausgestellt, dass die Mutter des Herrn keine Randgestalt im Bereich des Glaubens
und in der Gesamtschau der Theologie ist, denn aufgrund ihrer innersten Teilnahme an der
Heilsgeschichte, »vereinigt sie gewissermaßen die größten Glaubensgeheimnisse in sich und
strahlt sie wider«; (7)
- unterschiedliche Positionen mariologischer Ansätze zu einer gemeinsamen Sichtweise
zusammengebracht.
a) Im Blick auf Christus
6 Gemäß der Lehre des Konzils bestimmt sich das Verhältnis Mariens zu Gott dem Vater im Blick
auf Christus. Denn Gott »sandte..., als die Fülle der Zeit gekommen war, seinen Sohn, von der
Frau geboren..., damit wir die Annahme zu Söhnen empfingen« (GaI 4, 4-5). (8) Maria, die Magd
des Herrn (vgl. Lk 1, 38.48), wurde also, indem sie »Gottes Wort in ihrem Herzen und in ihrem
Leib« empfangen und »der Welt das Leben« gebracht hatte, durch Gnade »Mutter Gottes«. (9)
Im Blick auf diese einzigartige Sendung bewahrte Gott der Vater sie vor der Erbsünde, erfüllte sie
mit dem Reichtum der himmlischen Gaben und wollte in seinem weisen Ratschluss, »dass vor
der Menschwerdung die vorherbestimmte Mutter ihr empfangendes Ja
sagte«. (10)
7 Das Konzil erläutert die Teilnahme Mariens an der Heilsgeschichte und führt vor allem die
vielfältigen Beziehungen zwischen ihr und Christus aus:
- als »erhabenste Frucht der Erlösung«, (11) da sie »im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes
auf erhabenere Weise erlöst« (12) ward; darum zögerten die Kirchenväter, die Liturgie und das
Lehramt nicht, die Jungfrau Maria »Tochter ihres Sohnes« (13) in der Gnadenordnung zu
nennen;
- als Mutter nahm sie glaubend die Verkündigung des Engels auf und empfing in ihrem
jungfräulichen Schoß durch das Wirken des Geistes und ohne Zutun eines Mannes den Sohn
Gottes der menschlichen Natur nach; sie gebar ihn, nährte, beschützte und erzog ihn; (14)
- als treue Magd gab sie sich »ganz der Person und dem Werk ihres Sohnes hin und diente so
unter ihm und mit ihm in der Gnade des allmächtigen Gottes dem Geheimnis der Erlösung«; (15)
- als Gefährtin des Erlösers: »Indem sie Christus empfing, gebar und nährte, im Tempel dem
Vater darstellte und mit ihrem am Kreuz sterbenden Sohn litt, hat sie beim Werk der Erlösung in
durchaus einzigartiger Weise in Gehorsam, Glaube, Hoffnung und brennender Liebe
mitgewirkt«; (16)
- als Jüngerin, die im Verlauf der Verkündigung Christi »die Worte« aufnahm, »in denen der Sohn
das die Ansprüche und Bande von Fleisch und Blut übersteigende Reich predigte und die
seligpries, die das Wort Gottes hören und bewahren (vgl. Mk 3, 35; Lk 11,27-28), wie sie selbst es
getreulich tat (vgl. Lk 2, 19 und 51)«. (17)
8 Im Licht der Christologie sind auch die Beziehungen zwischen dem Heiligen Geist und Maria zu
lesen: sie, die »gewissermaßen vom Heiligen Geist gebildet und zu einer neuen Kreatur
gemacht« (18) ward, in besonderer Weise sein Heiligtum wurde, (19) empfing durch die Kraft des
Geistes (vgl. Lk 1,35) in ihrem jungfräulichen Schoß und schenkte der Welt Jesus Christus! (20)
In der Erzählung von der Heimsuchung ergießen sich mittels ihrer die Gaben des Messias und
Heilandes: die Ausgießung des Geistes über Elisabeth, die Freude des kommenden Vorläufers
(vgl. Lk 1, 41).
Voll des Glaubens an die Verheißung des Sohnes (Lk 24,49) bildet die selige Jungfrau Maria eine
betende Gegenwart inmitten der Jüngergemeinschaft: sie verharrt einmütig mit ihnen im Gebet
(vgl. Apg 1, 14) und erfleht »mit ihren Gebeten die Gabe des Geistes..., der sie schon bei der
Verkündigung überschattet hatte«. (21)
b) Im Blick auf die Kirche
9 Im Hinblick auf Christus und somit auch im Blick auf die Kirche wollte und vorherbestimmte Gott
Maria von Ewigkeit her. Denn Maria von Nazaret:
- wird »als überragendes und völlig einzigartiges Glied der Kirche« (22) erkannt aufgrund der ihr
verliehenen Gnadengaben und ihrer Stellung im mystischen Leib;
- ist Mutter der Kirche, weil sie »die Mutter dessen ist, der vom ersten Augenblick der
Menschwerdung in ihrem jungfräulichen Schoß an seinen mystischen Leib, der die Kirche ist, mit
sich als Haupt vereinigt hat«; (23)
- ist wegen ihrer Eigenschaft als Jungfrau, Braut und Mutter Bild der Kirche, die selbst auch
aufgrund der Unversehrtheit des Glaubens Jungfrau ist, Braut wegen ihrer Vereinigung mit
Christus, Mutter durch die Geburt unzähliger Kinder; (24)
- ist wegen ihrer Tugenden Vorbild der Kirche, die sich im Vollzug des Glaubens, der Hoffnung
und der Liebe (25) und im apostolischen Wirken (26) von ihr inspiriert;
- fährt durch ihre vielfältige Fürbitte fort, der Kirche die Gaben des ewigen Heils zu erwirken. In
ihrer mütterlichen Liebe trägt sie Sorge für die Brüder ihres Sohnes, die noch auf der Pilgerschaft
sind. Deshalb wird die selige Jungfrau in der Kirche unter dem Titel der Fürsprecherin, der
Helferin, des Beistandes und der Mittlerin angerufen; (27)
- ist durch ihre Aufnahme mit Leib und Seele in den Himmel das eschatologische »Bild« und der
»Anfang« der Kirche, (28) die in ihr »mit Freude anschaut..., was sie ganz zu sein wünscht und
hofft« (29) und die in ihr ein »Zeichen der sicheren Hoffnung und des Trostes« (30) findet.
MARIOLOGISCHE ENTWICKLUNGEN NACH DEM KONZIL
10 In den unmittelbar auf das Konzil folgenden Jahren gaben der Apostolische Stuhl, viele
Bischofskonferenzen und hervorragende Gelehrte, die die Lehre des Konzils verdeutlichten und
auf die Probleme, die nach und nach auftauchten, antworteten, der Reflexion über die Mutter des
Herrn neue Aktualität und Kraft.
Einen besonderen Beitrag zu diesem Wiederaufleben der Mariologie leisteten das Apostolische
Schreiben Marialis cultus und die Enzyklika Redemptoris Mater.
Hier ist nicht der Ort für einen ins einzelne gehenden Überblick über die verschiedenen Sektoren
der nachkonziliaren Forschung über Maria; dennoch erscheint es als nützlich, auf einige
Beispiele als Anregung für weitere Studien hinzuweisen.
11 Die Bibelexegese hat der Mariologie neue Felder erschlossen, indem sie den Schriften des
Alten und Neuen Testaments immer mehr Raum widmete. Nicht wenige Texte des Alten
Testaments und vor allem die neutestamentlichen Abschnitte bei Lukas und Matthäus über die
Kindheit Jesu sowie die johanneischen Perikopen waren Objekt ständigen und vertieften
Studiums, welches mit den erzielten Ergebnissen die biblische Grundlage der Mariologie
verstärkt und sie vom thematischen Gesichtspunkt her beträchtlich bereichert hat.
12 Auf dem Feld der dogmatischen Theologie trug die Mariologie in der nachkonziliaren
Diskussion zu einer geeigneteren Verdeutlichung der Dogmen bei: so im Fall der Diskussionen
über die Erbsünde (Dogma von der unbefleckten Empfängnis), über die Menschwerdung des
Wortes (Dogma von der jungfräulichen Empfängnis Christi, Dogma von der Gottesmutterschaft),
über Gnade und Freiheit (Lehre vom Mitwirken Mariens am Heilswerk), über die letzte
Bestimmung des Menschen (Dogma von der Aufnahme Mariens in den Himmel); in all diesen
Fällen musste sie die Sprechweise, in der sie formuliert wurden, kritisch untersuchen, sie im Licht
der Errungenschaften der Bibelexegese einer genaueren Kenntnis der Überlieferung und der
Anfragen der Humanwissenschaften verstehen und schließlich unbegründete Bestreitungen
zurückweisen.
13 Das Interesse der Mariologie an den mit der Verehrung Mariens verbundenen Problemen war
sehr lebendig: es drückte sich aus in der Erforschung ihrer geschichtlichen Wurzeln, (31) in der
Bemühung um die von der Lehre ausgehenden Motivationen und um die Achtsamkeit für ihre
organische Einfügung in den »einen christlichen Kult«, (32) in der Bewertung ihrer verschiedenen
liturgischen Ausdrucksformen und der vielfältigen Erscheinungen der Volksfrömmigkeit und nicht
zuletzt in der Vertiefung der gegenseitigen Beziehungen.
14 Auch auf ökumenischem Gebiet war die Mariologie Gegenstand besonderer Betrachtung. In
bezug auf die Ostkirchen unterstrich Johannes Paul ll., »wie tief sich die katholische Kirche, die
orthodoxe Kirche und die altorientalischen Kirchen in der Liebe und Verehrung für die
Gottesgebärerin ...verbunden wissen«; (33) seinerseits hat der ökumenische Patriarch Dimitrios
I. hervorgehoben, wie die »zwei Schwesterkirchen die Jahrhunderte hindurch die Flamme der
Andacht zur verehrungswürdigsten Person der hochheiligen Gottesgebärerin aufrechterhalten
haben« (34) und wünschte, dass »das Thema der Mariologie einen zentralen Platz im
theologischen Dialog zwischen unseren Kirchen einnehme (...) auf die volle Wiederherstellung
unserer kirchlichen Gemeinschaft hin«. (35)
Bezüglich der Kirchen der Reformation ist die nachkonziliare Epoche durch den Dialog und die
Anstrengung für ein gegenseitiges Verständnis gekennzeichnet. Dies ließ die Überwindung
jahrhundertelangen Misstrauens zu, bessere Kenntnis der betreffenden Lehrauffassungen und
die Aufnahme gemeinsamer Forschungsinitiativen. Zumindest in einigen Fällen konnten so auf
der einen Seite die Gefahren einer »Verdunkelung« der Gestalt Mariens im kirchlichen Leben, auf
der andern Seite die Notwendigkeit eingesehen werden, sich an den Offenbarungsbefund zu
halten. (36)
Im Bereich des Gesprächs zwischen den Religionen wandte sich das Interesse der Mariologie an
das Judentum, dem die »Tochter Sion« entstammt. Außerdem wandte es sich an den Islam, in
dem Maria als heilige Mutter Christi verehrt wird.
15 Die nachkonziliare Mariologie widmete der Anthropologie neue Aufmerksamkeit. Die Päpste
stellen Maria von Nazaret wiederholt als den höchsten Ausdruck menschlicher Freiheit im
Mitwirken des Menschen mit Gott dar, der sich »im erhabenen Geschehen der Menschwerdung
seines Sohnes dem freien und tätigen Dienst einer Frau anvertraut hat«. (37)
Aus der Konvergenz der Inhalte des Glaubens und der Humanwissenschaften, insofern diese
ihre Aufmerksamkeit auf Maria von Nazaret richteten, wurde mit größerer Klarheit verstanden,
dass Maria die höchste geschichtliche Verwirklichung des Evangeliums (38) und zugleich die
Frau ist, die sich auf menschlicher Ebene durch ihre Selbstbeherrschung, ihren
Verantwortungssinn, die Öffnung auf andere hin und den Geist des Dienens, durch ihre Festigkeit
und ihre Liebe auf höchste Weise selbst verwirklicht hat.
Zum Beispiel wurde die Notwendigkeit bemerkt,
- die Gestalt der Jungfrau Maria den Menschen unserer Zeit »anzunähern« und ihr »historisches
Bild« als demütige jüdische Frau hervorzuheben;
- die dauerhaften und universalen menschlichen Werte Mariens in der Weise zu zeigen, dass die
Rede über sie die Rede über den Menschen erhellt.
In diesem Bereich wurde das Thema »Maria und die Frau« mehrmals behandelt; es lässt offen
viele Zugangsweisen, doch kann man längst noch nicht sagen, es sei ausgeschöpft und
erheische nicht weitere Entwicklungen.
16 In der nachkonziliaren Mariologie gab es des weiteren neue Themen beziehungsweise
Themen, die von einer neuen Sichtweise her behandelt wurden: der Bezug zwischen dem
Heiligen Geist und Maria; das Problem der Inkulturation der Lehre über Maria und der
Ausdrucksweisen marianischer Frömmigkeit; der Wert der via pulchritudinis, um in der Kenntnis
Mariens voranzukommen, und die Fähigkeit Mariens, die höchsten Ausdrucksweisen im Bereich
der Literatur und Kunst hervorzurufen; die Entdeckung der Bedeutung Mariens in bezug auf
einige pastorale Erfordernisse unserer Zeit (die Lebenskultur, die Option für die Armen, die
Verkündigung des Wortes…); die Aufwertung der »marianischen Dimension im Leben der
Jünger Christi«. (39)
DIE ENZYKLIKA »REDEMPTORIS MATER« JOHANNES PAULS II.
17 In die Linie von Lumen Gentium und der lehramtlichen Dokumente nach dem Konzil stellt sich
die Enzyklika Redemptoris Mater Johannes Pauls II., die die christologische und ekklesiologische
Einbettung der Mariologie bestätigt, die nötig ist, damit sie die ganze Spanne ihrer Inhalte
offenbare.
Zunächst vertieft der Heilige Vater durch eine längere Erwägung des Ausrufes der Elisabeth:
»Selig ist" die geglaubt hat« (Lk 1, 45) die vielfältigen Aspekte des heldenhaften Glaubens
Mariens, den er betrachtet als »gleichsam einen Schlüssel..., der uns die innerste Wirklichkeit
Marias erschließt«. (40) Sodann beleuchtet der Heilige Vater die »mütterliche Gegenwart«
Mariens auf dem Weg des Glaubens unter zwei gedanklichen Linien, einer theologischen sowie
einer pastoralen und geistlichen:
- Maria, die im Leben der Kirche tätig gegenwärtig war - an ihrem Anfang (das Geheimnis der
Menschwerdung), bei ihrem Auftreten (das Geheimnis von Kana und das des Kreuzes) und bei
ihrem Offenbarwerden (das Mysterium von Pfingsten) - ist eine »wirkende Gegenwart« in ihrer
ganzen Geschichte, ja sie ist »inmitten der pilgernden Kirche«, (41) der gegenüber sie eine
vielfältige Funktion ausübt: sie wirkt mit bei der Geburt der Gläubigen zum Leben der Gnade, sie
ist ein Vorbild der Nachfolge Christi und übt eine »mütterliche Vermittlung« (42) aus;
- die Gebärde, mit der Christus den Jünger der Mutter und die Mutter dem Jünger anvertraute
(vgl. Joh 19,25-27), bestimmte ein sehr enges Verhältnis zwischen Maria und der Kirche. Durch
den Willen des Herrn kennzeichnet eine »marianische Note« das Aussehen der Kirche, ihren
Pilgerweg, ihre pastorale Tätigkeit; und im geistlichen Leben eines jedes Jüngers findet sich - wie
der Heilige Vater hervorhebt - eine »marianische Dimension«. (43) Insgesamt kann Redemptoris
Mater als die Enzyklika über die »mütterliche und wirkende Gegenwart« Mariens im Leben der
Kirche betrachtet werden: (44) auf ihrem Pilgerweg des Glaubens, im Gottesdienst, den sie ihrem
Herrn darbringt, in ihrem Werk der Evangelisierung, in ihrer fortschreitenden Verähnlichung mit
Christus, in ihrem ökumenischen Einsatz.
DER BEITRAG DER MARIOLOGIE ZUR THEOLOGISCHEN FORSCHUNG
18 Die Theologiegeschichte bestätigt, dass die Kenntnis des Geheimnisses Mariens zu einer
tieferen Kenntnis des Geheimnisses Christi, der Kirche und der Berufung des Menschen beiträgt.
(45) Andererseits hilft das enge Band der seligen Jungfrau zu Christus, zur Kirche und zur
Menschheit dazu, dass die Wahrheit über die Kirche und über den Menschen die Wahrheit über
Maria von Nazaret erhellt.
19 Tatsächlich ist in Maria »alles auf Christus bezogen«. (46) Daraus folgt: »Allein im Geheimnis
Christi klärt sich voll und ganz ihr eigenes Geheimnis«, (47) ferner, dass die Kirche, je mehr sie
das Geheimnis Christi vertieft, umso mehr die besondere Würde der Mutter des Herrn und ihre
Stellung in der Heilsgeschichte versteht. In gewissem Maße ist aber auch das Umgekehrte wahr:
denn die Kirche hat durch Maria, die »außerordentliche Zeugin des Geheimnisses Christi«, (48)
das Geheimnis der Kenosis des »Sohnes Gottes« (Lk 3, 38; vgl. Phil2, 5-8), der in Maria »Sohn
Adams« wurde (Lk 3, 38), vertieft, sie hat mit größerer Klarheit die geschichtlichen Wurzeln des
»Sohnes Davids« (vgl. Lk 1, 32), sein Eingefügtsein in das jüdische Volk, seine Zugehörigkeit zu
den »Armen des Herrn« erkannt.
20 Außerdem kann in Maria alles - die Vorzüge, die Sendung, die Bestimmung - innerlich auf das
Geheimnis der Kirche bezogen werden. Davon leitet sich ab, dass das Geheimnis Mariens in
dem Maße klarer aufleuchtet, in dem man das Geheimnis der Kirche vertieft. Ihrerseits erkennt
die Kirche, wenn sie Maria betrachtet, die eigenen Ursprünge, ihr innerstes Wesen, ihre Sendung
als Gnade, die Bestimmung zur Herrlichkeit, den Weg des Glaubens, den sie durchlaufen muß.
(49)
21 Schließlich kann in Maria alles auf den Menschen aller Orte und aller Zeiten bezogen werden.
Sie hat universalen und andauernden Wert. Als »unsere wahre Schwester« (50) und verbunden
»mit allen erlösungsbedürftigen Menschen in der Nachkommenschaft Adams«, (51) enttäuscht
Maria die Erwartungen des heutigen Menschen nicht. Weil sie eine »vollkommene Jüngerin
Christi« (52) und eine Frau ist, die sich als Person vollständig verwirklicht hat, ist sie eine ewige
Quelle fruchtbarer Anregungen zum Leben.
Für die Jünger des Herrn ist Maria das große Symbol des Menschen, der die innersten
Bestrebungen seiner Einsicht, seines Wollens und seines Herzens erreicht, indem er sich durch
Christus und im Heiligen Geist auf die Transzendenz Gottes hin in kindlicher Hingabe der Liebe
öffnet, und sich in der Geschichte im tätigen Dienst an den Brüdern verwurzelt.
Außerdem »bietet - wie Paul VI. schrieb - die selige Jungfrau Maria, wenn sie in ihrer
evangelischen Lebensweise und in ihrer Wirklichkeit, die sie in der Stadt Gottes bereits besitzt,
betrachtet wird, dem Menschen von heute, der nicht selten zwischen Angst und Hoffnung hinund hergerissen wird, niedergeworfen vom Sinn für seine Grenzen und emporgerissen von
grenzenlosen Wünschen, verwirrt in der Seele und im Herzen gespalten, ungewissen Geistes vor
dem Rätsel des Todes, bedrückt von der Einsamkeit, der Sehnsucht nach Gemeinschaft, erfüllt
von Ekel und Langeweile, den Sieg der Hoffnung über die Angst, der Gemeinschaft über die
Einsamkeit, des Friedens über die Verwirrung, der Freude und der Schönheit über den Überdruss
und den Ekel, der ewigen Perspektiven über die zeitlichen, des Lebens über den Tod«. (53)
22 »Vor allen Gläubigen ist sie wie ein "Spiegel", in dem sich "die Großtaten Gottes" (Apg 2, 11) in
tiefster und reinster Weise widerspiegeln«, (54) weshalb die Theologie die Aufgabe hat, dies zu
verdeutlichen. Die Würde und die Bedeutung der Mariologie leiten sich darum von der Würde und
der Wichtigkeit der Christologie ab, vom Wert der Ekklesiologie und der Pneumatologie, von der
Bedeutung der übernatürlichen Anthropologie und der Eschatologie: mit diesen Traktaten ist die
Mariologie eng verbunden.
II.
MARIA IN DER INTELLEKTUELLEN
UND GEISTLICHEN AUSBILDUNG
DIE MARIOLOGISCHE FORSCHUNG
23 Aus den Daten des eisten Teils dieses Schreibens ergibt sich, dass die Mariologie heute
lebendig und in gewichtigen Fragen der Lehre und der Pastoral engagiert ist. Deswegen ist es
notwendig, dass sie zusammen mit der Aufmerksamkeit für nach und nach auftauchende
pastorale Probleme besonders für die Strenge der Forschung sorgt, die von wissenschaftlichen
Kriterien geleitet ist.
24 Auch für die Mariologie gilt das Wort des Konzils: »Die heilige Theologie ruht auf dem
geschriebenen Wort Gottes, zusammen mit der Heiligen Überlieferung, wie auf einem bleibenden
Fundament. In ihm gewinnt sie sichere Kraft und verjüngt sich ständig, wenn sie alle im
Geheimnis Christi beschlossene Wahrheit im Lichte des Glaubens durchforscht«. (55)
Das Studium der Heiligen Schrift muss also die Seele der Mariologie sein. (56)
25 Außerdem ist für die mariologische Forschung das Studium der Überlieferung unverzichtbar,
da, wie das Vatikanum II. lehrt, die »Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift (...) den einen
der Kirche überlassenen heiligen Schatz des Wortes Gottes« (57) bilden. Das Studium der
Überlieferung offenbart sich darüber hinaus als besonders fruchtbar für die Qualität und Quantität
des marianischen Erbes der Kirchenväter und der verschiedenen Liturgien.
26 Die Erforschung der Schrift und der Überlieferung, die geleitet sein soll von den fruchtbarsten
Methoden und den gültigsten Mitteln der Kritik, muss vom Lehramt geführt sein, da ihm der
Schatz des Wortes Gottes anvertraut ist zur Bewahrung und verbindlichen Auslegung; (58) und
sie muss, wo es erforderlich ist, von den sichersten Errungenschaften der Anthropologie und der
Humanwissenschaften bekräftigt und integriert werden.
DIE MARIOLOGISCHE UNTERWEISUNG
27 Hat man die Wichtigkeit der Gestalt Mariens in der Heilsgeschichte und im Leben des Volkes
Gottes nach den Hinweisen des Vatikanums II. und der Päpste betrachtet, wäre es undenkbar,
die mariologische Unterweisung zu übergehen: deswegen muss ihr in den Seminaren und
theologischen Fakultäten der rechte Platz geräumt werden.
28 Solches Lehren, das aus einer »systematischen Behandlung« bestehen
soll, wird
a) organisch sein, d.h. angemessen in den Studienplan des theologischen Curriculums eingefügt;
b) vollständig in der Weise, dass die Person Mariens in der ganzen Heilsgeschichte betrachtet
wird, d.h. in ihrem Bezug zu Gott; zu Christus, dem menschgewordenen Wort, dem Erlöser und
Mittler; zum Heiligen Geist, dem Heiligmacher und dem Spender des Lebens; zur Kirche, dem
Sakrament des Heils; zum Menschen - zu seinen Ursprüngen und seiner Entwicklung im Leben
der Gnade, seiner Bestimmung zur Herrlichkeit;
c) eingehend auf die verschiedenen Arten von Einrichtungen (Zentren religiöser Bildung,
Seminare, Theologische Fakultäten ...) und auf die Ebene der Studenten: zukünftige Priester und
Dozenten der Mariologie, Mitarbeiter bei der Verbreitung marianischer Frömmigkeit in den
Diözesen, Lehrer des geweihten Lebens, Katecheten, Konferenzleiter und alle, die ihre
marianischen Kenntnisse vertiefen wünschen.
29 Ein so erteilter Unterricht wird einseitige Darstellungen der Gestalt und Sendung Mariens zum
Schaden der Gesamtschau des Geheimnisses vermeiden und eine Anregung zu vertieften
Forschungen in Seminaren und Erarbeitungen von Lizentiats- und Doktorarbeiten über die
Quellen der Offenbarung und über die Dokumente des Lehramtes darstellen. Außerdem können
die Dozenten unter der Voraussetzung einer korrekten und fruchtbaren interdisziplinären
Sichtweise im Verlauf ihres Unterrichts die eventuellen Bezüge zur seligen Jungfrau
herausstellen.
30 Darum ist es notwendig, dass jedes Zentrum theologischer Studien - der jeweiligen Eigenart
entsprechend - in der Ratio studiorum das Lehren der Mariologie deutlich umschrieben und mit
den oben genannten Eigenschaften vorsieht, und dass die Dozenten der Mariologie
dementsprechend eine angemessene Vorbereitung dafür haben.
31 In diesem Zusammenhang ist hervorzuheben, dass die Durchführungsverordnungen der
Apostolischen Konstitution Sapientia Christiana den Lizentiats- und Doktorgrad in Theologie mit
der Spezialisierung in Mariologie vorsehen. (59)
DER DIENST DER MARIOLOGIE AN DER PASTORAL
UND DER MARIANISCHEN FRÖMMIGKEIT
32 Wie jede theologische Disziplin bietet auch die Mariologie der Pastoral einen wertvollen
Beitrag. Diesbezüglich unterstreicht Marialis cultus, dass »die Frömmigkeit gegenüber der
seligen Jungfrau der Frömmigkeit dem göttlichen Heiland gegenüber untergeordnet und in
Verbindung mit ihr großen pastoralen Wert hat und eine erneuernde Kraft für das christliche
Leben darstellt«. (60) Außerdem ist sie dazu berufen, ihren Beitrag im weiten Feld der
Evangelisierung zu leisten. (61)
33 Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Mariologie und ihr Dienst an der Pastoral streben die
Förderung einer echten marianischen Frömmigkeit an, die das Leben jedes Christen und
besonders jener charakterisieren muss, die sich den theologischen Studien widmen und sich auf
das Priestertum vorbereiten. Die Kongregation für das katholische Bildungswesen beabsichtigt,
in besonderer Weise die Aufmerksamkeit der Ausbilder in den Seminaren auf die Notwendigkeit
zu lenken, eine echte marianische Frömmigkeit in den Seminaristen zu wecken, in jenen also, die
eines Tages die Haupttätigen der Pastoral der Kirche sein werden.
Wo das II. Vatikanum über die Notwendigkeit handelt, dass Seminaristen ein vertieftes
geistliches Leben üben sollen, empfiehlt es, dass sie die »seligste Jungfrau Maria, die von
Christus Jesus bei seinem Tod am Kreuz dem Jünger als Mutter gegeben wurde (...), mit
kindlichem Vertrauen lieben und verehren«. (62)
Ihrerseits hat die Kongregation in Übereinstimmung mit dem Denken des Konzils mehrere Male
den Wert der marianischen Frömmigkeit in der Ausbildung der Alumnen des Seminars
unterstrichen:
- in der Ratio fundamentalis institutionis sacerdotalis fordert sie vom Seminaristen, »inbrünstig,
dem Geist der Kirche entsprechend, die Jungfrau Maria zu lieben, die Mutter Christi, die ihm im
Werk der Erlösung in besonderer Weise zugesellt ist«; (63)
- im »Rundschreiben über die Einführung der Priesteramtskandidaten in das geistliche Leben«
(6. Januar 1980) macht sie folgende Beobachtung: »Nichts kann mehr als die wahre Andacht zu
Maria, verstanden als ein Streben nach immer vollkommenerer Nachahmung, ...zur Freude am
Glauben führen«, (64) die so wichtig ist für jeden, der aus dem eigenen Leben eine ständige
Ausübung des Glaubens machen soll.
Wo der Codex des kanonischen Rechts über die Ausbildung der Priesteramtskandidaten spricht,
empfiehlt er die Verehrung der seligen Jungfrau Maria, die von jenen Frömmigkeitsübungen
genährt sein soll, mit denen die Alumnen den Geist des Gebetes erlangen und die Berufung
festigen. (65)
ZUSAMMENFASSUNG
34 Mit diesem Rundschreiben will die Kongregation für das katholische Bildungswesen die
Notwendigkeit unterstreichen, den Studenten aller Zentren kirchlicher Studien und den
Seminaristen eine umfassende mariologische Ausbildung zu bieten, die das Studium, den
Gottesdienst und das Leben umfasst. Sie sollen
a) eine vollständige und genaue Kenntnis der Lehre der Kirche über die Jungfrau Maria
erwerben, die es ihnen erlaubt, die wahre von der falschen Andacht und die wahre Lehre von
ihren durch Übertreibungen und Mängel entstehenden Fehlformen zu unterscheiden; vor allem
soll sie ihnen den Weg dahin erschließen, die erhabene Schönheit der glorreichen Mutter
Christi zu betrachten und zu verstehen;
b) eine echte Liebe zur Mutter des Heilands und Mutter der Menschen nähren, die sich in echten
Formen der Verehrung ausdrückt und übersetzt in eine »Nachahmung ihrer Tugenden« (66) und
vor allem in einen entschiedenen Einsatz dafür, den Geboten Gottes gemäß zu leben und seinen
Willen zu tun (vgl. Mt 7, 21; Joh 15, 14);
c) die Fähigkeit Zu entwickeln, diese Liebe durch das Wort, die Schriften und das Leben dem
christlichen Volk zu verkünden, dessen marianische Frömmigkeit zu fördern und zu pflegen ist.
35 Von einer angemessenen mariologischen Ausbildung, in der der Schwung des Glaubens und
der Einsatz im Studium sich harmonisch zusammenfügen, werden sich zahlreiche Vorteile
ergeben:
- auf der intellektuellen Ebene, damit die Wahrheit über Gott und über den Menschen, über
Christus und über die Kirche vertieft und erhöht wird durch die Kenntnis der »Wahrheit über
Maria»;
- auf der geistlichen Ebene, damit diese Ausbildung dem Christen dazu hilft, die Mutter Jesu »in
den gesamten Bereich seines inneren Lebens« (67) aufzunehmen und einzuführen;
- auf der pastoralen Ebene, damit die Mutter des Herrn vom christlichen Volk als eine Gegenwart
der Gnade erfahren wird.
Das Studium der Mariologie führt - als sein letztes Ziel - zur Aneignung einer gefestigten
marianischen Spiritualität, die ein wesentlicher Aspekt der christlichen Spiritualität ist. Auf seinem
Pilgerweg hin zur vollen Reife Christi (vgl. Eph 4, 13) ist der Jünger des Herrn sich der Sendung
bewusst, die Gott Maria in der Heilsgeschichte und der Geschichte der Kirche anvertraut hat, und
nimmt sie an als »Mutter und Lehrerin geistlichen Lebens«: (68) mit ihr und wie sie prägt er im
Licht der Menschwerdung und des Ostergeheimnisses seiner eigenen Existenz eine
entscheidende Ausrichtung auf Gott hin durch Christus im Geist ein, um in der Kirche die radikale
Neuheit der frohen Botschaft und besonders das Gebot der Liebe zu leben (vgl.
Joh 15, 12).
Eminenzen, Exzellenzen, Hochwürdige Herren Regenten, Hochwürdige Herren Dekane der
kirchlichen Fakultäten, wir hoffen, dass die hier kurz zusammengestellten Orientierungen die
nötige Aufnahme bei den Dozenten und den Studenten finden, damit die gewünschten Früchte
erreicht werden.
Indem wir Ihnen die Fülle des göttlichen Segens wünschen, verbleiben wir ergebenst
WILLIAM Card. BAUM
Präfekt
+ANTONIO M. JAVIERRE ORTAS
Titularbischof von Meta
Sekretär
Anmerkungen
(1) Schlussdokument der Außerordentlichen Bischofssynode 1985: Kirche unter dem Wort
Gottes feiert die Geheimnisse Christi zum Heil der Welt, 1,2 (zitiert nach: Verlautbarungen des
Apostolischen Stuhls 68, hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz).
(2) Ebd., I, 5.
(3) Ebd., I, 6.
(4) Papst JOHANNES PAUL II., Enzyklika Redemptoris Mater (25. März 1987), 48: AAS 79
(1987) 427 (zitiert nach: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 75).
(5) Vgl. ebd., 1.25.
(6) Römisches Messbuch, Erstes Hochgebet. Abschnitt »In Gemeinschaft mit der ganzen
Kirche«.
(7) Lumen gentium, 65.
(8) Ebd., 52.
(9) Vgl. ebd., 53.
(10) Ebd., 56.
(11) Sacrosanctum Concilium, 103.
(12) Lumen gentium, 53.
(13) Vgl. 11. Konzil von Toledo, 48: DS 536.
(14) Vgl. Lumen gentium, 57. 61.
(15) Ebd., 56.
(16) Ebd., 61. Vgl. ebd., 56.58.
(17) Ebd., 58.
(18) Ebd., 56.
(19) Vgl. ebd.,53.
(20) Vgl. ebd., 52.63.65.
(21) Ebd., 59.
(22) Ebd., 53.
(23) PAULUS PP. VI, Alloclllio tertia SS. Concilii periodo exacla (21 Novembris 1964): AAS 56
(1964) 1014-1018.
(24) Vgl. ebd., 64.
(25) Vgl. ebd., 53.63.65.
(26) Vgl. Ebd., 65,
(27) Vgl. Lumen gentium, 62.
(28) Vgl. Lumen gentium, 68.
(29) Sacrosanctum Concilium, 103.
(30) Vgl. Lumen gentium, 68.
(31) Zwischen 1967 und 1987 haben sechs von der Internationalen Päpstlichen Marianischen
Akademie organisierte Internationale Marianische Kongresse die Erscheinungsformen der
Marienfrömmigkeit von den Ursprüngen bis zum 20. Jahrhundert systematisch untersucht.
(32) Vgl. Papst PAUL VI., Apostolisches Schreiben Marialis cuItus (2. Februar 1974) AAS 66
(1974) 114.
(33) Redemptoris Mater, 31.
(34) DIMITRIOS I., Homilie in der Vesper am 7. Dezember 1987 in Sanla Maria Maggiore (Rom):
L´ Osserllalore Romano (7-8 Dicembre 1987) 6.
(35) Ebd., 6.
(36) Für eine Mariologie, die der Ökumene verpflichtet ist, sind wertvolle Hinweise im
Ökumenischen Direktorium enthalten: SECRETARIATUS AD CHRlSTIANORUM UNITATEM
FOVENDAM, Spiritus Domini (16 Aprilis 1970): AAS 62 (1970) 705-724.
(37) Redemptoris Mater, 46.
(38) Vgl. III CONFERENCIA GENERAL DEL EPlSCOPADO LATINO-AMERICANO (Puebla
1979), La evangelizacilón en el presente y en el fuIturo de Amirica Latina (Bogota 1979) 282.
(39) Redemptoris Mater, 45.
(40) Ebd., 19.
(41) Titel des Zweiten Teils der Enzyklika Redemptoris Mater.
(42) Titel des Dritten Teils der Enzyklika Redemptoris Mater.
(43) Vgl. Redemptoris Mater, 45-46.
(44) Vgl. ebd., 1.25.
(45) Vgl. Lumen gentium, 65.
(46) Marialis cultus, 25.
(47) Redemptoris Mater, 41; vgl. ebd., 19.
(48) Ebd., 27.
(49) Vgl. ebd., 2.
(50) Marialis cultus, 56.
(51) Lumen gentillm, 53.
(52) Marialis cultus, 35.
(53) Ebd., 57.
(54) Redemptoris Mater, 25.
(55) Dei Verbum, 24.
(56) Vgl. ebd. 24; Optatam totius, 16.
(57) Dei Verbum, 10.
(58) Vgl. ebd., 10.
(59) Die Kongregation für das katholische Bildungswesen stellte mit Genugtuung fest, dass
Dissertationen für das Lizentiat und das Doktorat in Theologie nicht selten sind, die ein
mariologisches Thema erforschen. Weil sie von der Wichtigkeit solcher Studien überzeugt ist und
sie fördern will, hat die Kongregation 1979 »das Lizentiat und das Doktorat in Theologie mit
Spezialisierung in Mariologie« eingerichtet [vgl. JOANNES PAULUS PP. II, Const. Ap. Sapientia
Christiana (15 Aprilis 1979) Appendix II ad art. 64 »Ordinationum«, n. 12: AAS 71 (1979) 520
(Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 9)], die derzeit an der Päpstlichen Theologischen
Fakultät »Marianum« in Rom und am International Maria Research Institut - University of Dayton
- Ohio, USA, dem »Marianum« eingegliedert, durchführbar sind.
(60) Marialis cultus, 57.
(61) Vgl. Sapientia Christiana, 3.
(62) Optatam totius, 8.
(63) CONGREGATIO PRO INSTITUTIONH CATHOLICA, Ratio funmdamentalis institutuionis
sacerdotalis (Romae 1985) 54 e.
(64) Dies., Rundschreiben über die Einführung der Priesteramtskandidaten in das geistliche
Leben, II, 4 (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 19).
(65) Vgl. Codex Iuris Canonci, can. 246, § 3. 66 Lumen gentium, 67.
(66) Lumen gentium, 67.
(67) Redemptoris Mater, 45.
(68) Vgl. Marialis cultus, 21; Collectio missarum de b. Maria Virgine, form. 32.
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