3.11.2010 Werner Grau Bobenheim

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3.11.2010
Werner Grau
Bobenheim-Roxheim
Neues für den Glauben? (Oder: Ist Gott heute noch der „Alte“?)
Eine Diskussion über unser Gottesbild im theologischen Arbeitskreis
der Evangelischen Akademikerschaft.
 Hinter der Formulierung > … dass wir geschaffen sind als Empfangende <
verbirgt sich der Glaube an eine schaffende Kraft, der wir unser Leben verdanken.
Ich möchte diese Kraft nur nicht >Gott< nennen, weil dieser Begriff schier
unweigerlich personalisierend missverstanden wird“
 „ Ich frage, ob mit dieser non-personalen Gottesvorstellung nicht ein wesentlicher
Teil des christlichen Glaubens verloren geht. … Wenn diesem non-personalen
Wesen keine Möglichkeit zugebilligt wird, mit seiner Welt zu interagieren und
diese Kraft zwar bewundert und angebetet werden kann, sie aber nicht auf die
Gebete reagieren kann, dann hat man sich … einen gewaltigen Schritt von dem
christlichen Glauben entfernt.“
Zwei Positionen, die den Umriss der Diskussion in der ersten Arbeitsphase markieren.
Den Ausgang bildete das Buch des Theologen Matthias Kroeger „Im religiösen Umbruch der Welt:
Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche“, das die Frage nach unserem „Gottesverständnis heute“
stellt.
Kroeger stellt dem europäischen, und speziell dem deutschen Protestantismus die dramatische
Diagnose seines Niedergangs. Seine Basis bildet die Theologie Luthers mit teilweise neuen
Deutungen.
Er übergeht den stärkeren Strang weltweiter reformierter Kirchlichkeit in der Nachfolge Calvins,
der in einigen seiner vielen Bekenntnisse einen starken spirituellen Aufschwung erlebt, ganz im
Unterschied zu einem Protestantismus, dem die Gläubigen abhanden kommen.
Den Verlust führt Kroeger auf eine Art theologischer Weltfremdheit zurück, die sich nicht darum
kümmert, welches Bild sich die Menschen in der wissenschaftlich-technischen Moderne von Gott
und der Welt machen. Vielmehr hielten die Kirche und ihre Theologen an unverständlich
gewordenen Formen der Lehre, der Verkündigung und der Liturgie fest, die mit dem
Lebensgefühl ihrer Mitglieder nicht mehr korrespondieren. In diesem Zusammenhang wird auch
das Entmythologisierungsprojekt Bultmanns angesprochen, das nach Kroegers Überzeugung zu
Ende geführt werden muss..
Seine theologische Analyse geht nur am Rande auf die Situation der Grundlagenphysik und der
Kosmologie ein, die für die Menschen heute maßgebend das Weltbild prägen.
Dabei scheint er sich der weitverbreiteten Auffassung anzuschließen, dass die moderne
Naturwissenschaft zu einer Erkenntnis der „Welt wie sie wirklich ist“ auf einer höheren Stufe
gelangt sei, als es der Erkenntnis früherer Epochen gewährt war.
Soweit Kroegers Position im Arbeitskreis geteilt wurde, galt dies vor allem seinem Versuch, eine
Theologie ohne Metaphysik zu denken, besonders auch ohne die Vorstellung einer
supranaturalen Gott-Person, über deren Eigenschaften, Wesen und Absichten nur „spekuliert“
werden könne. Das Göttliche bleibt Geheimnis, wenn auch kein inhaltlos beliebiges. Jesus von
Nazareth ist der legitime Weg zu einem überzeugenden Gottesverständnis.
Der Ruck, der nach Kroegers Überzeugung durch die Köpfe gehen muss, verlangt zunächst
Abgehen von überkommenen „Glaubensformeln“, nicht zuletzt in der Liturgie, dort wo sie einer
Personalisierung Gottes und einem überholten Weltbild Raum geben. Wo diese Forderung im
Arbeitskreis Zustimmung fand, wurde besonders am apostolischen Glaubensbekenntnis Anstoß
genommen. Mit seinem der Antike entstammenden Weltbild („… hinabgestiegen in das Reich
der Toten, … aufgefahren in den Himmel“) und mit dem als Person den Weltlauf regierenden
Gott, sei es den Gläubigen heute unverständlich und unakzeptabel geworden.
Nach der entgegengesetzten Auffassung haben aber gerade die liturgischen Stücke die Aufgabe,
den Schatz theologischer Tradition in der aktuellen Verkündigung unvermindert zur Geltung zu
bringen und damit den Glauben an den lebendigen Gott zu bewahren.
Kroeger nimmt diesen im Arbeitskreis aufgetretenen Gegensatz vorweg, indem er die
Möglichkeit eines non-theistischen Gottesverständnisses unter Vermeidung atheistischer
Gottesleugnung zur Sprache bringt. In diesem Verständnis wird der Gebrauch nicht-personaler
„Gottesnamen“ wie „Urgrund aller Wirklichkeit“, „Kraft der Liebe“ und andere möglich, bleibt
nach seiner Auffassung aber doch vereinbar mit dem anthropomorph-personalen Gottesbild, das
die Verkündigung immer noch bestimmt.
Diese Ersetzung von echten, einer Person zukommenden Namen durch abstrakte Begriffe fand
nicht durchweg Zustimmung.
Einwände richteten sich auch gegen die Unentschiedenheit, mit der einerseits eine dezidierte
Abkehr vom Alten gefordert, andrerseits seine unproblematische Koexistenz mit dem Neuen für
praktikabel gehalten wird, unabhängig von der Frage, ob mit einer solchen Neuorientierung, sei
sie entschlossen oder versöhnlich, nicht mehr kirchennahe Gläubige abgestoßen als
kirchendistanzierte stärker gebunden werden.
Auch wenn Zweifel bestanden, ob die Ausbreitung eines anderen Sprachgebrauchs in unseren
protestantischen Kirchen, geschweige denn in der christlichen Religion, möglich ist, ohne dass
dies zu weiterer Spaltung führt, wurde einer Ausgrenzung non-theistisch Andersdenkender im
Arbeitskreis sowenig das Wort geredet wie der „fällige Ruck“ einhellig gefordert wurde. Dass
viele Christen von ihrer Mündigkeit Gebrauch und sich auch bei Verwendung und Übersetzung
der traditionellen Formeln ihre eigenen Gedanken machen, war unbestritten. Da weder die
Theologie noch die Verkündigungspraxis dieser Freiheit heute noch in dogmatischer Weise
entgegentreten, schien es aber auch fraglich, ob offene Türen eingerannt werden müssen.
Unbehagen regte sich gegen die zu einseitige Ausrichtung an einem einzigen, noch dazu
provokanten Buch eines Theologen, der seine Argumentation auf das veränderte Weltbild der
modernen Menschen abstellt, aber die Auseinandersetzung mit den naturwissenschaftlichen
Grundlagen dieses Weltbilds weitgehend vermissen lässt.
Dem vermochte auch der Verweis auf andere Theologen und die eher kursorische Beschäftigung
mit einzelnen Texten nicht abzuhelfen.
Daraus entstand der Wunsch, sich in einer weiteren Arbeitsphase zunächst mit den beiden letzten
einschlägigen Werken von H. Küng „Vom Anfang aller Dinge“ und „Was ich glaube“
auseinanderzusetzen.
Küng (theologisch in vielem mit K. Rahner übereinstimmend), hat sich in einer für Theologen
bemerkenswerten Weise mit dem Weltbild der modernen Naturwissenschaft beschäftigt.
Dieses wird uns besonders von einer avancierten Kosmologie und Biologie (mit ihren nicht
aufeinander zurückführbaren Paradigmen) vor Augen gestellt. Zu bedenken bleibt freilich, dass
nicht wenige Kosmologen heute eine Grundlagenkrise ihrer Wissenschaft heraufkommen sehen,
die zweifeln lässt, ob sie noch von den Erkenntnissen aus der neuen Beschleunigerkathedrale in
Genf gebannt werden kann.
Umso mehr kann es scheinen, dass wir für ein Weltbild, das (in der Terminologie Kants) sowohl
den Erfordernissen der theoretischen als auch der Bedürfnissen der praktischen Vernunft gerecht
wird, nicht nur den (unhintergehbaren) theologischen Horizont absuchen dürfen. Darin ist Küng
zu folgen.
Es scheint, dass die große Erzählung von unserem Dasein in der Welt erst dann vollständig wird,
wenn sie nicht dem Erklärungsmonopol eines einzigen Erkenntnisprinzips überantwortet bleibt,
sondern wenn die korrespondierenden Erzählstränge von Religion und Naturwissenschaft
verschränkt werden.
Manche, auch Küng, vermuten, der Begriff der „Komplementarität“ (seinerzeit von N. Bohr zur
Auflösung der quantenmechanischen Paradoxe eingeführt und von ihm anschließend
verallgemeinert) könne auch der Schlüssel sein, um die Vereinigung der großen Erzählungen
plausibel zu machen. Doch kann nicht als ausgemacht gelten, dass damit ein tragendes
Erkenntnisprinzip vorliegt.
Die neuen Verbindlichkeiten die uns von den Naturwissenschaften auferlegt werden und die
gesteigerte Erklärungskraft, die sie den menschheitsalten Verbindlichkeiten verleihen, sind längst
neben die Erweise der Religionen vom Aufscheinen und Einwirken des Göttlichen in der Welt
getreten. Sie können das Wirken des Gottes in seiner Welt in ganz andere Weise vor Augen
führen, wenn wir diese Welt nicht als den allein von harmonischen Gesetzen durchwalteten
Kosmos wahrnehmen, sondern als das von der Kosmologie entdeckte, kreative, in Raum und
Zeit extreme und vom Wirken des Zufalls wesentlich mitbestimmte Universum als einem
unabgeschlossenen Prozess.
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