Entwicklung von Kindern und Jugendlichen

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Bayerischer Basketball Verband e.V. – Bezirk Oberbayern
D-Trainer-Ausbildung
Entwicklung im Kindes- und Jugendalter
(von Sascha Dieterich)
Die Kenntnis der Entwicklungsstufen ist für Basketball-Trainer essentiell wichtig. Nur wer ein der Entwicklung
angepasstes Training hält, wird die Kinder/Jugendlichen für den Sport begeistern und optimale Fortschritte erzielen.
Die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen verläuft nach einem Schema, das für alle Individuen gleich ist, wobei
jedoch der Zeitpunkt des Einsetzens individuell sehr verschieden ist und auch von vielen anderen Faktoren beeinflußt
wird.
Dies sind z.B.:
Ernährung: Entwicklungshemmung durch ernährungsbedingte Mangelerscheinungen (Hunger) kommen bei uns
eigentlich ausschließlich in der Form von Eßstörungen (Magersucht, Bulimie) vor.
Klima: Klimabedingt setzt die körperliche Entwicklung z.B. in Südeuropa merklich früher ein, als in Nordeuropa.
Für Basketball ist frühestens die Entwicklung ab dem 7. Lebensjahr interessant. Das Kind befindet sich da in der
Phase des „Frühen Schulkindalters“. Danach folgt die Pubertät. Üblicherweise wird die Pubertät in 3 Phasen
gegliedert:
- Vorpubertät (Spätes Schulkindalter)
- Pubertät
- Nachpubertät (Adoleszenz)
In diesen drei Zeitspannen ist nicht nur eine beschleunigte körperliche Reifung zu erkennen sondern auch eine sehr
starke Prägung der Persönlichkeit. Die kindliche und jugendliche Entwicklung ist ein positiver Vorgang des
Wachstums, der Reifung und der Umstrukturierung. Innerhalb normal verlaufender Entwicklungsprozesse gibt es zu
keinem Zeitpunkt Rückschritte, sondern nur Verzögerungen und Beschleunigungen.
Zu berücksichtigen ist, dass während der gesamten Dauer der Entwicklung 4 Grundbedürfnisse vorherrschen, die
erfüllt werden sollten:
- das Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit
- das Bedürfnis nach Erfahrungen
- das Bedürfnis nach Lob und Anerkennung
- das Bedürfnis nach Verantwortung.
1.
Frühes Schulkindalter [6-9 Jahre]
1.1.
Körperliche Merkmale
 Buben und Mädchen weisen aus sportlicher Sicht körperlich kaum Unterschiede auf.
 Verbesserung der Koordination (Grobform) in jeder Hinsicht.
 Hohe Flexibilität (Dehnbarkeit).
1.2.
Psychische Merkmale
 Die Kinder zeigen eine ungehemmte Bewegungsfreude.
 Kritiklos wird alles geglaubt und nachgeahmt, was von Eltern, Trainern, Lehrern kommt, um diesen zu gefallen.
 Die Interessen und Einflüsse der Kinder wechseln sehr häufig und sie können noch nicht so zielgerichtet und
ausdauernd eine Aufgabe verfolgen.
 Kinder sind nicht in der Lage, die gesamte Tragweite ihres Handelns zu überschauen; sie sind in ihren Aktionen
risikoreicher, ahnungsloser und unbekümmerter und benötigen daher eine sinnvolle und verantwortungsbewußte
Führung und Leitung.
 Motivation zum Training zumeist über die Eltern.
1.3.
Folgerungen für das Training
 abwechslungsreiches, spielerisches, ganzheitliches Training mit viel Lob (breite motorische Ausbildung)
 „Kinderturnen mit Ball“
1
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2.
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Spätes Schulkindalter (vorpuberale Phase) [10-12 Jahre]
2.1.
Körperliche Entwicklung
 Wachstumsschub und Auftreten einiger sekundärer Geschlechtsmerkmale
 Sehr charakteristisch für die Vorpubertät ist eine sehr schnelle Zunahme des Körpergewichts, die sich während
der Pubertät verlangsamt, und sich nach der Pubertät wieder beschleunigt.
 Während Mädchen im Alter von 11 etwa noch gleiche Muskelkraft wie Buben besitzen, fallen sie später sehr
stark zurück, da es bei Buben infolge der stärkeren Muskelentwicklung zu einer physischen Kraftsteigerung
kommt.
 Große motorische Lernfähigkeit (1. Goldenes Lernalter).
2.2.
Psychische Merkmale
 Es besteht ein erhöhtes Bewegungsbedürfnis (Toben) gepaart mit großer körperlicher Leistungsfähigkeit.
Gesteigerte Abenteuerlust und Unfugbereitschaft ist eine weitere Auswirkung (Erklettern von Bäumen und
Dächern).
 Die Kinder zeigen eine deutlich verbesserte Konzentration und verstärkten Lerneifer.
 Kraftgefühl, Geltungsdrang, Eigensinn.
 Ich-bezogene Motivation.
2.3.
Folgerungen für das Training
 Weiterhin breite motorische Ausbildung.
 Deutliche Verbesserung bb-spezifischer Techniken bei gutem Vorbild.
 Übungen sollten zweckmäßiger werden.
3.
Pubertät [13-16 Jahre]
3.1.
Körperliche Entwicklung
 Dies ist die Phase der Pubertät im eigentlichen Sinn. Die Geschlechtsmerkmale prägen sich aus. Bei den Buben
stellt sich auch zu dieser Zeit meist der Stimmbruch ein.
 Sehr auffällig ist die Tatsache, daß das Wachstum sehr unharmonisch verläuft und dadurch der Jugendliche oft
sehr unproportional wirkt und einen schlaksigen Eindruck macht, da zuerst Kopf, Hände, Füße wachsen und
anschließend Arme, Beine, und zuletzt der Rumpf. Vor allem schnell wachsende Buben brauchen Zeit, ihre
Bewegungskoordination den veränderten Verhältnissen anzupassen. Unterschiedlich sind die Auswirkungen des
Wachstumsschubs bezüglich der Motorik zwischen den Geschlechtern. Mädchen sind den Buben in der
Feinmotorik überlegen.
 Die geschlechtsspezifischen Unterschiede treten deutlich hervor: bei Mädchen kommt es zu einem starken
Wachstum des Beckengürtels und somit zur Ausbildung der breiteren und rundlichen Hüften. Bei Buben kommt
es zu einem Breitenwachstum der Schultern.
 Die motorischen Grundeigenschaften Kraft (KSÜ reicht), Ausdauer, Schnelligkeit verbessern sich stark. Die
Koordination wird wegen des Längenwachstums vorübergehend schlechter. VORSICHT mit Krafttraining
(Hebelgesetze)!
3.2.
Psychische Merkmale
 Da Lernprozesse wegen der körperlichen Veränderungen schwierig sind, ist sehr oft eine gesteigerte
Aggressivität als Folge vielfach frustrierter Kräfte zu beobachten.
 Sehr charakteristisch ist die Freude an Sinneseindrücken. Pubertierende haben Lust an Geräuschen, empfinden
Hautgefühle intensiver und lieben Gerüche, die Erwachsene oft vermeiden (z.B.: Auspuffabgase oder
Benzingeruch)
 Ablösung vom Elternhaus und Interessenwandel. Der Sport im Verein hilft in dieser schwierigen Phase vor allem
durch folgende Eigenschaften: Die Teilnahme ist freiwillig. Die Jugendlichen finden ein fachspezifisch geleitetes,
pädagogisch/ideologisch unverdächtiges, attraktives Betätigungsfeld mit Gleichgesinnten vor. Es werden ihnen
Räume, Ausstattungen, Fachkompetenzen und die Teilnahme an weiterführenden Veranstaltungen angeboten,
die flexibel und preiswert von den Erwachsenen vorstrukturiert werden. In der Regel besteht im Vergleich zu
anderen Institutionen auch ein hohes Maß an Gestaltungs- und Mitverantwortungsmöglichkeiten.
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Psychische Verunsicherung und als Folge davon aggressives und kompromißloses Auftreten. Auch wenn es in
der Zeit kaum auffällt: Buben sind trotzdem sensibel, was sie in der Familie oft unterdrücken müssen, da man ja
sonst kein „Mann“ ist.
Mit die schwierigsten Punkte in der Entwicklung sind:
 Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung und effektive Nutzung des Körpers. Jugendliche haben
oft das Gefühl, in eine Art "Fremdkörper" eingeschlossen und im eigenen Körper vorübergehend "nicht mehr
zu Hause" zu sein.
 Bedingt durch die unterschiedliche Entwicklung in dieser Altersklasse stellt sich den Jugendlichen immer die
Frage „was ist normal?“. Sobald sie bei sich Abweichungen davon erkennen, sind sie verunsichert.
 Gewinnung emotionaler Unabhängigkeit von den Eltern und anderen Erwachsenen.
 Aufbau eines Wertesystems und eines ethischen Bewußtseins als Richtschnur für eigenes Verhalten.
Vertiefte Begründungen werden verlangt. Hier versagen häufig die Eltern, da sie nicht willens oder in der Lage
sind, Anweisungen und Verbote zu begründen, ihre Kinder die Entscheidungsprozesse einzubinden und es (vor
allem beim ältesten Kind) lange nicht schaffen, vom Eltern-Kind-Verhältnis zu einem partnerschaftlichen
Verhältnis zu kommen. Häufig sind die Eltern mit der Entwicklung weit mehr überfordert, als die Kinder selber,
was sich nicht selten an sinnlosen Verboten oder sogar körperlicher Gewalt zeigt. Das ist zwar alles gesetzlich
geregelt, aber welche Eltern kennen das schon? -
„Bei der Pflege und Erziehung berücksichtigen die Eltern die wachsenden Fähigkeit und das wachsende Bedürfnis
des Kindes zu selbständigem verantwortungsbewußtem Handeln. Sie besprechen mit dem Kind, soweit es nach
dessen Entwicklungsstand angezeigt ist, Fragen der elterlichen Sorge und streben Einvernehmen an.“ (§ 1626 II
BGB)
„Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere
entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ (§ 1631 II BGB)
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
DAS RISIKOALTER (Alkohol, Zigaretten, Drogen, Eßstörungen, ungewollte Schwangerschaft, ...)
Die Motivation erfolgt zumeist über die Gruppe bzw. Freunde.
3.3.
Folgerungen für das Training
 Individuelle Ausrichtung des Trainings.
 Es kann verstärkt auch im athletischen Bereich gearbeitet werden.
 Einfühlsame Trainingsführung bei voller Konsequenz.
 Den Interessen und Erwartungen der Jugendlichen entsprechen, heißt für die Erwachsenen unter anderem:
 ihnen etwas zutrauen,
 ihnen Verantwortung übertragen,
 Geduld mit ihnen zu haben,
 ihnen zuhören,
 sie einfach mögen.
 Bei stark wachsenden Jugendlichen ist das Lernen neuer Bewegungen vorübergehend schwierig.
 Maßnahmen begründen, berechenbar und gerecht sein. Häufig wird der Trainer in diesem Alter zur
Vertrauensperson, weil er sich durch diese Verhaltensweisen positiv vom sonstigen Umfeld des Jugendlichen
abhebt. Darauf sollte man vorbereitet sein.
4.
Adoleszenz (Nachpubertät) [17-21 Jahre]
4.1.
Körperliche Merkmale
 Körperproportionen sind endgültig, die Jugendlichen sind ausgewachsen.
 Die Bewegungsabläufe werden nach der Phase des Wachstums festgelegt und werden ökonomisch.
 Die motorische Feinform kann bei variablen Anforderungen erreicht werden (2. Goldenes Lernalter).
 Sportlich handelt es sich um den entscheidenden Aufbauabschnitt (im BB).
4.2.
Psychische Merkmale
 Die Jugendlichen (jungen Erwachsenen) sind Individuen und erliegen immer seltener dem Gruppendruck.
 Meist intrinsische Leistungsmotivation (Motivation von sich selber heraus).
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Viele Jugendliche beenden ihre leistungssportlich orientiere Laufbahn in diesem Alter wegen Eintritts in das
Berufsleben bzw. Gründung einer Familie.
4.3.
Folgerungen für das Training
 Zur Leistungssteigerung ist regelmäßiges Training notwendig.
 Selbständiges individuelles Training ist verstärkt möglich.
 Umfassendes Training (Technik, Taktik, Kondition) möglich.
 In diesem Alter müssen Leistungstraining (täglich 2x) und Wettkämpfe in professionellem Umfeld (2. Bundesliga)
beginnen, wenn der Spieler in den Spitzenbereich vorstossen möchte.
5.
Das Phänomen der Akzeleration / Retardierung
Verschiebt sich die körperliche Reifung ständig nach vorne, so spricht man von Akzeleration (= Frühentwickler).
Verschiebt sich die körperliche Reifung nach hinten, wird von Retardierung (= Spätentwickler) gesprochen. Allgemein
versteht man darunter eine gegenüber dem Durchschnittswert beschleunigte bzw. verzögerte Entwicklung.
In keinem Zeitabschnitt des Lebens früher oder später unterscheiden sich Gleichaltrige so markant voneinander wie
im Jugendalter.
Abgesehen von den teilweise eklatanten Unterschieden zwischen biologischem und kalendarischem Alter ist darüber
hinaus eine davon möglicherweise noch einmal abweichende geistige Entwicklung zu berücksichtigen (Bsp.: Spieler
ist 14, sieht aus wie 18 und benimmt sich wie 12).
6.
Vorbild
„Viele Eltern glauben, sie könnten ihre Kinder zu Verschwiegenheit, Takt, Ehrlichkeit und Vertrauen erziehen,
während sie sich zanken, die Kinder anlügen, ihre Briefe durchschnüffeln und über ihre innersten Angelegenheiten zu
anderen reden.“
(Oswald Buhmke)
„Die unbequemste, härteste, aber barmherzigste Art, Kinder zu führen, ist, ihnen ein nachahmenswertes Vorbild zu
sein.“
(Peter Horton)
7.
Literatur
[1] Brettschneider, W.-D. et al. (1989). Sport im Alltag von Jugendlichen. Schorndorf: Hofmann.
[2] Institut für Sportwissenschaften der Universität Göttingen (Hrsg.). (1989). Der Sportverein - Freizeitpartner für
Jugendliche. Clausthal-Zellerfeld: Sportjugend im Landessportbund Niedersachsen.
[3] Ewert, O. (1983). Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Stuttgart.
[4] Oerter, R. (Hrsg.). (1985). Lebensbewältigung im Jugendalter. Weinheim.
[5] Oerter, R. & Montada, L. (Hrsg.). (1995). Entwicklungspsychologie (3. Aufl.). Weinheim: Psychologie Verl.-Union.
[6] Olbrich, E. & Todt, E. (Hrsg.). (1984). Probleme des Jugendalters. Berlin.
8. Übersicht
frühes Schulkindalter
[6-9 Jahre]
spätes Schulkindalter
(vorpuberale Phase)
[10-12 Jahre]
Körperliche Merkmale
Psychische Merkmale
Konsequenz
-
Verbesserung der
Koordination
-
ungehemmte
Bewegungsfreude
-
-
Hohe Dehnbarkeit
-
häufiger Interessenwechsel
abwechslungsreiches,
spielerisches, ganzheitliches
Training
-
breite motorische Ausbildung
-
ich-bezogene Motivation
-
Athletiktraining möglich
(Vorsicht mit Krafttraining)
Gruppenmotivation
-
indiv. Ausrichtung
intrinsische
Leistungsmotivation
-
Leistungstraining möglich
Wachstumsschub (Gewicht)
1. Goldenes Lernalter
Pubertät
[13-16 Jahre]
-
Längenwachstum
Adoleszenz
(nachpuberale Phase)
[17-21 Jahre]
-
Körper ausgewachsen
Athletik (außer Koordination)
verbessert sich stark
motorische Feinform wird
erreicht (2. Goldenes
Lernalter)
deutlich verbesserte
Konzentration
Übungen zweckmäßiger
gestalten
Geltungsdrang, Eigensinn
Verunsicherung
Persönlichkeitswandel
volle Belastbarkeit
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