des Vortrags von Klaus Grabska

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Das Böse ist immer im Anderen
– Das hassende Ich zwischen Vernichtungswunsch und
Vernichtungsangst
Vortrag auf der 4. Psychoanalytischen Herbstakademie der DPG
am 22. September 2015 in Hamburg
von Klaus Grabska
Liebe Teilnehmerinnen, liebe Teilnehmer dieser 4. Herbstakademie,
ich freue mich, heute Morgen zu Ihnen zu dem Thema „ Das Böse ist immer im
Anderen
–
Das
hassende
Ich
zwischen
Vernichtungswunsch
und
Vernichtungsangst“ sprechen zu können. Im Mittelpunkt steht das Destruktive in
uns und wie wir es psychoanalytisch verstehen können.
Liebe und Hass im normalen, gut integrierten Ich-Zustand
Wenn wir uns in einem gut integrierten Ich-Zustand befinden, dann können wir
Liebe und Hass als Gefühle erleben, die uns trotz der vorhandenen
Gefühlsambivalenz nicht aus dem psychischen Gleichgewicht bringen. Dann
können wir die kulturellen Formen, die uns die Gesellschaft zur Kompensation für
den Verzicht, unseren Hass und unsere Vernichtungswünsche auszuagieren,
anbietet, genießen und uns an entsprechenden Kulturproduktionen erfreuen.
Ein Beispiel dafür ist die Krimi-Kultur. Millionen sind es täglich, die sich
identifikatorisch in die imaginäre Welt von Mord und Totschlag begeben und sich
über ihre Angst-Lust am Thrill an den Thriller binden. Während wir uns dem
Krimi regressiv, wissen wir im Hintergrund weiterhin von der Differenz zwischen
Fiktivem und Realem. Danach sind wir in der Lage, über den Krimi
nachzudenken, miteinander zu diskutieren oder anderen davon zu erzählen.
Vorbewusst ahnen wir, dass der uns fesselnde Genuss am Morden, an seiner
Aufklärung und an der Verfolgung des Bösen auch etwas mit uns zu tun haben
muss. Mit unserem bewussten Ich bleiben wir aber mit dem Guten identifiziert.
Das Gute wird zuerst als Opfer dem Bösen zwar unterliegen, aber dann durch
den Helden, der gegen das Böse kämpft, wieder hergestellt werden und
obsiegen. Der Glaube an das Gute wird damit ebenso gestärkt wie die
Verdrängung des Bösartigen in uns selbst. Gleichwohl bleibt eine Ahnung von
einer bösen Hass-Seite in uns bestehen.
Freud, die Aggression, die Destruktivität
Diese Ahnung von einer Hass-Seite in uns kann sich zu etwas Verstörendem
entwickeln, wenn die Anregung des abendlichen Krimis sich nachts während des
Schlafens in unserem Unbewussten fortsetzt. Wir träumen dann vielleicht davon,
dass wir im Traum angeklagt werden, jemanden umgebracht zu haben, und dass
uns die Polizei verfolgt. Wir versuchen zu fliehen. Kurz bevor wir gefasst werden,
wachen wir verwirrt, etwas panisch, schuldbeladen auf. Für einen Moment sind
wir uns ganz fremd geworden, aber dann beruhigen wir uns damit, dass das
doch nur ein Traum war. Man selbst ist doch kein Mörder.
Freud nimmt den Traum ernst. Er fragte sich, wer denn dieser Fremde in uns ist,
der da hasst, morden und zerstören will, der wir doch letztlich selbst sind,
obwohl uns das ganz fremd vorkommt.
Freud hat sich anfangs für das Aggressive als etwas interessiert, was sowohl der
Selbstbehauptung des Ichs dient als auch ein Bestandteil sado-masochistischer
Lustphantasien sein kann. Unbewusste Tötungswünsche und Mordphantasien
verstand er erstmal primär im Rahmen von Liebesbeziehungen als etwas, was
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sich zum Beispiel auf den Rivalen oder die Rivalin um die Liebe des geliebten
Menschen bezieht.
Auf dem Hintergrund des ersten Weltkriegs und als Folge der intensiveren
Beschäftigung mit schweren Psychopathologien wandte sich Freud stärker dem
Problem der menschlichen Destruktivität zu. Er entwickelte die Idee des
Todestriebs als Gegen-Spieler zum Lebenstrieb.
Solange Todes- und Lebenstrieb miteinander verbunden sind und der Lebenstrieb
den Todestrieb beherrscht, sind wir nach Freud vor Destruktivität geschützt.
Aber fängt der Todestrieb an, den Lebenstrieb zu dominieren oder sich vom
Lebenstrieb zu entbinden, dann sind wir in Gefahr, der Destruktivität ausgeliefert
zu sein.
Andreas Lubitz – Durchbruch von Destruktivität
Am 24. März 2015 lässt der 27-jährige Co-Pilot Andreas Lubitz absichtlich einen
Airbus A320 mitsamt der Crew und 144 Passagieren, darunter Kinder und
Jugendliche, an einem Bergmassiv in den französischen Alpen zerschellen.
Eine unfassbare Tragödie! Ein Schock. Unmittelbar sind wir mit den Opfern
identifiziert. Uns wird bewusst, in welche Abhängigkeit um Leib und Leben wir
uns mit jedem Flug begeben. Unser Ur-Vertrauen ist plötzlich erschüttert. Und
dann kommt das Mitgefühl für den Schmerz und das Leiden der Angehörigen,
aber auch eine Vorstellung davon, wie viel Panik, ohnmächtige Ausgeliefertheit
und
Vernichtungsangst die Passagiere und Crewmitglieder gehabt haben
müssen, sobald sie etwas von ihrem Schicksal ahnten.
Die Angehörigen, aber auch wir können so ein traumatisches Ereignis besser
verarbeiten, wenn wir etwas davon besser verstehen können. Dabei geraten wir
schnell in Gefahr, den Täter psychiatrisch so wegerklären zu wollen, dass seine
Destruktivität nichts mit uns zu tun hat.
Andreas Lubitz sperrt sich gegen diese Ab- und Ausgrenzung. Von einem im
psychiatrischen Sinne psychotischen Menschen kann man bei ihm nicht sprechen.
Er wäre, so der Psychoanalytiker Micha Hilgers (Zeit Online 17.04.2015), nicht
auf Dauer fähig, solche hochkomplexen Leistungen zu erbringen, wie sie für die
Berufsausübung eines Flugpiloten erforderlich sind. Und tatsächlich gab es weder
im Beruflichen noch im Privaten irgendwelche Auffälligkeiten. Andreas Lubitz war
in gewisser Weise ein ganz normaler Mensch. Er hatte eine Freundin und einen
tollen Beruf, den er, der mit 14 Jahren begeistert das Segelfliegen begonnen
hatte, vermutlich wie die Erfüllung seines jugendlichen Lebenstraums
wahrgenommen hat. Eigentlich hatte er als 27-Jähriger sein Leben, eine
Familiengründung, und eine erfolgreiche Berufskarriere noch vor sich. Erst
nachträglich kommen Irritationen in den Blick.
Bereits 2009, also etwa mit 21-22 Jahren, einem Alter der adoleszenten
Ablösungsphase vom Elternhaus, muss etwas in seiner Persönlichkeit krisenhaft
geworden sein, denn er musste damals die gerade begonnene Pilotenausbildung
wegen seelischer Probleme für 9-Monate unterbrechen1. Ab 2010 müssen sich
dann Ängste um seine Augen entwickelt haben, so dass er in den 5 Jahren vor
seiner Tat 41 Ärzte und auch Uni-Kliniken aufgesucht hat. Obwohl er immer
wieder bestätigt bekommt, dass seine Augen gesund sind, ist er nie beruhigt,
sondern seine Ängste werden schlimmer. Er entwickelt zunehmend, insbesondere
ab Ende 2014 eine panische Angst, zu erblinden und damit das Fliegen, seine
Diagnostiziert wurde eine Depression. Der Psychoanalytiker meint, dass damit nicht die
eigentliche Grundproblematik diagnostiziert und vielleicht auch nicht genauer geguckt
wurde, weil man junge Menschen nicht stigmatisieren möchte.
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große Leidenschaft zu aufgeben zu müssen. Diese krankhafte Angst trieb ihn in
den Tod: „Blind vor Angst“2
Vernichtungsangst: Suche nach Entlastung und Beruhigung
– Es sind doch nur die Augen
Wahrscheinlich hat Andreas Lubitz etwas gesehen, etwas Psychisches, was seine
emotionale Innenwelt und seinen Ich-Zustand betraf und ihn extrem
verunsichert haben muss. So gesehen war er gerade nicht blind, sondern seine
Ängste waren vielleicht durchaus adäquat, nur nicht auf die Wahrnehmung der
Außenwelt, sondern auf die Wahrnehmung der Innenwelt bezogen. Andreas
Lubitz muss etwas in sich wahrgenommen haben, von dem er glaubte, dass er
sich damit niemanden anvertrauen könnte. Was könnte das gewesen sein? Was
war da los in seiner Innenwelt?
Mit diesen Fragen stehen wir in der gleichen Situation wie in einer
Psychoanalyse, wenn wir als Analytiker den Analysanden zu verstehen
versuchen. Aber, da es um unbewusste Konfliktdynamiken geht, können wir es
nie mit Sicherheit wissen, sondern nur immer wieder vermuten. Das
Entscheidende geschieht und bleibt unbewusst. Wie zutreffend unsere
Vermutungen sind, deutet sich dann darin an, wie der weitere Therapieprozess
verläuft – ob er durch unsere Interpretationsvermutungen eher gefördert oder
behindert wird.
Bei Andreas Lubitz Tragödie haben wir einen Prozess, auf den wir nachträglich
einen zweiten Blick werfen können. Was in der analytischen Therapiesituation die
Worte sind, sind in diesem Fall die Handlungen, die wir interpretieren können.
Dabei verstehe ich Handlungen als etwas, wodurch Aspekte oder Teile unserer
Innenwelt, die wir innerlich seelisch nicht verarbeiten können, in die Außenwelt
externalisiert werden. Der Betreffende möchte sich von etwas Unbewältigbarem
entlasten und es loswerden, indem er es in die Außenwelt projektiv
externalisiert. Dabei kann auch der Körper selbst diese Funktion einer Außenwelt
für das Ich übernehmen.
Wir sehen bei Andreas Lubitz, wie er die Augen als Körperorgane benutzt, um
seine Vernichtungsangst darin zu lokalisieren und zu kontrollieren. Die ihn
innerseelisch verfolgenden Vernichtungsängste werden nun nicht mehr als
psychische Ängste erlebt, sondern als im Organischen gründende Ängste um die
Augen behandelt. Deswegen wendet er sich in einem zweiten Schritt an die für
das Organische und deren Heilung zuständigen Ärzte.
Dass die Ärzte nichts Organisches finden, ist für ihn keine Beruhigung, sondern
eine Katastrophe. Andreas Lubitz wird damit die Möglichkeit versperrt, seine
Vernichtungsängste auf eine magisch-illusionäre Weise seelisch zu entsorgen,
zum Beispiel durch eine Augenoperation, die ihm eine vorübergehende
Entlastung von seinen innerseelischen Konflikten und Beruhigung vermittelt
hätte.
Womöglich hätten Menschenleben gerettet werden können, wenn Andreas Lubitz
auf einen psychosomatisch-psychoanalytisch geschulten Arzt getroffen wäre, der
sich an die Redewendung „blind vor Wut“ erinnert und die seelische
Hilfsbedürftigkeit und Verzweiflung des jungen Mannes gespürt hätte. In der
unbewussten Hoffnung, einen Menschen zu finden, der Verständnis und
emotionalen Halt vermittelt, liegt ein weiterer Grund für die Externalisierung von
innerseelischen Leidenszuständen in die Außenwelt.
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SZ vom 11. Juni 2015
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Leider gelang es weder einem der Ärzte, einen emotionalen Zugang zum
Persönlichkeitsanteil von Andreas Lubitz zu finden, der unbewusst nach wirklicher
psychischer Hilfe suchte, noch war es Andreas Lubitz möglich, sich einem von
ihnen in dieser Hinsicht zu öffnen.
Wieso war es ihm nicht möglich? Wir können es nicht wissen, aber ein möglicher
Verständniszugang ist, von einer schwerwiegenden Über-Ich-Problematik
auszugehen. Ich vermute, dass Andreas Lubitz sich selbst für seine seelische
Hilfsbedürftigkeit nicht nur schämte, sondern auch vernichtend verurteilte.
Insofern machte er es den Ärzten auch äußerst schwer mit ihm in Kontakt zu
kommen.
Damit reinszenierte sich mit den Ärzten vermutlich eine früheste Eltern-KindBeziehung, in denen sich das Kind mit seiner seelischen Hilfsbedürftigkeit
emotional nicht ausreichend genug gesehen, angenommen, gehalten und
verstanden erleben konnte. Wir könnten in diesem Zusammenhang dann von
Seelenblindheit sprechen.
Vernichtungsangst, Vernichtungsimpulse und das Über-Ich
Unter dem Über-Ich verstehen wir Analytiker die internalisierten Elternbilder in
ihrer Funktion, über uns hinsichtlich dessen, wofür uns schuldig fühlen sollen, als
auch hinsichtlich dessen, wofür uns schämen müsseen, zu urteilen. In der
analytischen Fachsprache sprechen wir von diesen internalisierten Elternbildern
verkürzt auch als Objekte oder Introjekte. Sie stellen keine Abbilder von direkten
Wahrnehmungen der Eltern, wie diese wirklich waren, dar, sondern sind selbst
Produkte einer innerseelischen Verarbeitung der emotionalen Liebes- und HassKonflikte, die wir als Kinder mit unseren Eltern erlebt haben.
In diesem Sinne bestand Freud darauf, dass die Grausamkeit, Strenge oder
Härte unseres Über-Ichs nie direkt einer grausamen, strengen und harten
Haltung der Eltern unserer Kindheit entspricht. Diese aggressiven und
destruktiven Seiten des Über-Ichs speisen sich auch aus der kindlichen
Aggressivität und Destruktivität, die in den Konflikten mit den Eltern mobilisiert
wurde.
Vernichtungsängste
haben
dann
auch
mit
ursprünglichen
Vernichtungsimpulsen gegen die Eltern zu tun, die sich dann in Form eines
vernichtend verurteilenden Über-Ich wiederum gegen das Ich richten können.
Eine wesentliche Weiterentwicklung der Psychoanalyse seit Freud, die mit der
Objektbeziehungstheorie und Namen wie Melanie Klein, Winfried Bion und
Donald Winnicott verbunden ist, besteht darin, erkannt zu haben, wie wichtig die
persönliche Antwort des elterlichen, insbesondere des mütterlichen Objekts auf
die Vernichtungsimpulse des Kindes ist, damit und wie gut es diese
Vernichtungsimpulse so bewältigen kann, dass es sie nicht übermäßig gegen sich
selbst oder gegen andere richten muss.
Je jünger das Kind ist, desto mehr sind Hilfe und Liebe für das Kind eins. Je
jünger das Kind ist, desto hilfsbedürftiger ist es in seinem noch schwach
entwickelten Ich in der Bewältigung der Vernichtungsimpulse auf das mütterliche
Objekt angewiesen. Je mehr es sich in dieser tendenziell absoluten Hilfs- und
Liebesbedürftigkeit vom mütterlichen Objekt unverstanden alleingelassen oder
zurückgewiesen erlebt, desto mehr wird das Kleinkind seine Vernichtungsimpulse
nicht nur gegen das mütterliche Objekt, sondern auch gegen seine eigene Hilfsund Liebesbedürftigkeit und gegen seine Fähigkeit richten, Hilfs- und
Liebesbedürftigkeit bei sich selbst wahrzunehmen (Segal 1993).
Dadurch wird schon sehr früh sowohl ein traumatogener Kern im Selbst
eingelagert, der dem Empfinden von Hass- und Vernichtungsimpulsen sowie dem
Empfinden von Hilfs- und Liebesbedürftigkeit eine latente traumatische
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Potentialität verleiht, als auch schon sehr früh ein Riss in das sich bildende Ich
eingeschrieben. Beides bildet die Grundlage dafür, dass sich das Ich später in
seinem Leben unterschwellig permanent von einem Zusammenbruch bedroht
fühlt.
Flugzeugabsturz als Externalisierung eines psychischen
Zusammenbruchs
Wir können den planvoll und gezielt durch Andreas Lubitz herbeigeführten
Flugzeugabsturz als Externalisierung eines psychischen Zusammenbruches
verstehen, mit dem er sich vor dem Erleben eines inneren Zusammenbruch
seines Ichs zu schützen versuchte. Vermutlich stand er am Rande einer
psychosenahen Dekompensation, die sich bereits in der wahnhaften Idee der
Erblindung ankündigte. Ich vermute, dass der Kampf gegen den Zusammenbruch
des Ichs bereits 2009 begann, als er die Pilotenausbildung unterbrechen musste.
Wahrscheinlich hat er diese Gefährdung seines Lebenstraumes als schwere
Kränkung und Enttäuschung erlebt, die er nur äußerlich, aber nicht innerlich
verarbeiten konnte. Wie können wir den Flugzeugabsturz als eine psychische
Externalisierung verstehen?
Am Anfang steht die Übernahme des Cockpits. Mit der Usurpation des Cockpits
fällt Andreas Lubitz die Entscheidung, dass der destruktive Persönlichkeitsanteil
die Herrschaft über seine bis dahin normal und gut integriert erscheinende
Persönlichkeit übernimmt. Es geschieht eine Wendung vom Passiven ins Aktive,
indem er das, was er bedrohlich auf sich als Zusammenbruch zukommen sieht,
nun in die eigenen Hände nimmt und als Absturz selbst aktiv betreibt. Erlebte er
sich vorher dem drohenden Zusammenbruch ohnmächtig, klein und hilflos
ausgeliefert, hat er sich jetzt in eine gott-ähnliche Position versetzt. Er verfügt
nun über die Macht über Leben und Tod. Wie er vorher innerlich befürchtete,
vernichtend von seinem Über-Ich verurteilt zu werden, so kann er jetzt die
anderen zum Tode verurteilen und vernichten. Rache und Neid dürften dabei mit
hineinspielen. Wo er sich vorher klein, abhängig und unbedeutend fühlte, da
kann er jetzt Gefühle von Größe erleben und Omnipotenzphantasien genussvoll
ausleben. Er inszeniert einen „final-triumphalen Abgang“ – so der
Psychoanalytiker Micha Hilgers. Er weiß, dass die Nachwelt noch lange davon
reden und mit ihm beschäftigt sein wird. Er weiß, dass er seinen Namen damit in
die Geschichte der Luftfahrtkatastrophen eingeschrieben haben wird.
Für diese Lösung im Sinne eines destruktiven Narzissmus (Rosenfeld 1990,
Green 2004) ist er wie ein Selbstmordattentäter bereit, als Preis mit seinem
Leben zu bezahlen. Zugleich zwingt er alle anderen dazu, mit ihrem Leben dafür
zu zahlen, damit er nicht psychisch zusammenbrechen muss. Erbarmungslos
werden sie zur Regulation des eigenen Selbsterlebens missbraucht. Mitgefühl
wird gnadenlos verweigert.
Er kann dies tun, weil er mit der Übernahme des Cockpits auch die von außen
unaufhebbare Verriegelung der Cockpittür vollzieht und sich unerreichbar für die
anderen und deren Notsituation macht. Nun verkörpern die Passagiere in ihrer
Hilflosigkeit, ihrer absoluten Abhängigkeit, ihrer vollkommenen Ausgeliefertheit
sowie ihren Vernichtungsängsten und ihrer ohnmächtigen Wut den
Persönlichkeitsanteil von Andreas Lubitz, mit dem er sich als Erwachsener
innerlich und als Kleinkind in der Beziehung zum mütterlichen Primärobjekt
alleingelassen und nicht angenommen erlebt haben dürfte. Indem er die anderen
ausschließt, die diesen abhängigen Persönlichkeitsanteil und sein infantiles Selbst
verkörpern, dienen sie dazu, dass er diesen Teil von sich in seinem Selbsterleben
abspalten kann. Die abhängig Bedürftigen, die ohnmächtig Wütenden, die
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panisch Ängstlichen sind nun die anderen. Zugleich reproduziert er damit die
Unerreichbarkeit und die Empathiestörung des mütterlichen Primärobjekts, die er
selbst vermutlich als Kleinkind als so schmerzlich und unerträglich wahrnahm,
dass er dieses abhängige Selbst in sich schon sehr früh zu hassen begann.
Insofern die anderen auch dieses gehasste infantile Selbst verkörpern, vernichtet
Andreas Lubitz stellvertretend mit ihnen sein liebes- und hilfsbedürftiges Selbst.
Zugleich vernichtet er aber auch sich als denjenigen, der für die anderen ein
elterliches Objekt, letztlich die frühe Mutter, verkörpert, das eigentlich für die
anderen liebe- und sorgenvoll da sein und sie im Flugzeug wie in einem
Mutterbauch sicher halten und tragen sollte. Selbstvernichtung und Vernichtung
des Objekts werden schließlich in einer Art destruktiver Fusion eins.
Diese negative Fusion steht im allerschärfsten Kontrast zu der positiven
Vereinigung, die wir alle von frühester Kindheit an mit der Mutter, später mit
dem geliebten Menschen zeitweilig immer wieder suchen, weil wir uns in diesem
emotionalen Zustand des Einssein erfüllt von Liebe, Geborgenheit und
Erwünscht-Sein erfahren können. Vielleicht steht das undurchdringliche Gebirge,
an dem das Flugzeug zerschellen wird, für eine mütterliche Realität, die sich
gerade diesen Fusionswünschen widersetzte, wo es für den Säugling oder
Kleinkind lebensnotwendig gewesen wäre, auf eine dafür emotional offene,
warmherzig mitgehende und liebevoll mitschwingende Mutter zu treffen.
Destruktivität in der gegenwärtigen Psychoanalyse I:
Die Relevanz des mütterlichen Objekts und der Hass auf die
Liebesbedürftigkeit
Ich habe das mit dem Namen Andreas Lubitz verbundene äußere
Handlungsgeschehen psychoanalytisch als eine auf Externalisierung basierende
Inszenierung einer inneren Tragödie interpretiert und damit in ein
psychodynamisches Konfliktgeschehen übersetzt. Die Entwicklung von Andreas
Lubitz folgt dabei einem lebensvernichtenden Pfad, den Freud als Sieg des
Todes- über den Lebenstrieb angesehen hätte.
Wir können den Ausgangspunkt so eines malignen Entwicklungspfads in
Anlehnung an die Analytikerin Hannah Segal (1993) beschreiben, wobei ich
davon ausgehe, dass die Bedürftigkeit, von der sie spricht, eine emotionale
Bedürftigkeit ist - unsere Liebesbedürftigkeit. Sie sagt, dass wir ab der Geburt
mit der Erfahrung von Bedürftigkeit konfrontiert sind. Bezüglich dieser Erfahrung
kann es zwei Reaktionen geben, die in unterschiedlichen Ausprägungen und
Verhältnissen zueinander in uns präsent sind. Eine Reaktion ist, nach
Befriedigung der Bedürfnisse zu suchen, was lebensfördernd ist und zur Suche
nach dem Objekt und nach Liebe führt. Die andere Reaktion besteht im Streben,
den Zustand von Bedürftigkeit sowie seine Wahrnehmung auszulöschen, das
bedürftige Selbst und das Objekt zu vernichten, das über das verfügt, was dem
Selbst zur Befriedigung seiner Bedürfnisse fehlt.
Aber was entscheidet nun darüber, dass der lebensvernichtende als dominanter
Entwicklungspfad sich durchsetzt? Entscheidend ist die Qualität der primären
Objekte bzw. deren Mangel, d.h. der Mangel an Mütterlichkeit der Mutter, an
Väterlichkeit des Vaters und an Elterlichkeit des Elternpaars.
Ist dieser Mangel zu extrem ausgeprägt, so können die Eltern dem Kind nicht
dabei helfen, die quälende Liebesbedürftigkeit in etwas Erträgliches zu
verwandeln und als eine emotionale Lebenstatsache anzuerkennen. Das
mütterliche Liebesobjekt und die emotionale Abhängigkeit von ihm werden dann
als existenzielle Bedrohung des Selbst erlebt, obwohl beides eigentlich die
Grundlage von emotionalem Wachstum sind. Das eigentlich emotional Gute,
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verkehrt sich im Selbsterleben zum bedrohlich Bösen. Wir suchen dann das
Liebesobjekt, aber wenn wir es gefunden haben, müssen wir gleich wieder davor
fliehen, weil wir die durch das Liebesobjekt ausgelöste Bedürftigkeit nicht
aushalten können. Dieses Hin und Her kann sich affektiv so extrem zuspitzen,
dass der Ausweg subjektiv nur noch in der Vernichtung von Selbst, Objekt oder
beidem gesehen wird. Der eigene Vernichtungshass wird daher primär defensiv
erlebt.
Destruktiver als subjektiv defensiver Hass
Aus der Innensicht des an seiner Bedürftigkeit leidenden Subjekts hat sein
Vernichtungshass die Qualität der Selbstverteidigung. Es erlebt seinen Hass als
einen defensiven Hass gegen ein subjektiv als böse erlebtes Objekt, obwohl es
sich aus Sicht eines äußeren Beobachters objektiv gesehen um einen
destruktiven Hass gegen ein gutes Objekt handeln kann, das für die Liebe und
das Leben steht. Diesen psychischen Zusammenhang zu kennen, ist extrem
wichtig, um mit Patienten mit einer destruktiven Konfliktproblematik in eine
hilfreiche Beziehung zu kommen und sie auch aufrechterhalten zu können, wenn
der Patient den Analytiker destruktiv entwertend behandelt.
Im destruktiven den defensiven Hass sehen zu können, erscheint mir allerdings
auch sozialpsychologisch wichtig zu sein, um zum Beispiel Fremdenhass
verstehen und damit sinnvoll umgehen zu können. Der Fremdenhass richtet sich
in unserer Gesellschaft primär gegen den bedürftigen Fremden in Gestalt des
Asylsuchenden, des Armutsflüchtlings, des Arbeitsimmigranten oder ähnlich
Stigmatisierten. Dieser bedürftige Fremde rührt an die eigene schmerzende und
beschämende Bedürftigkeit und ruft zugleich den Neid als jemand hervor, von
dem phantasiert wird, dass für dessen Bedürftigkeit gesorgt wird, während man
mit der eigenen Bedürftigkeit allein gelassen bleibt. Wenn wir diesen
Zusammenhang nicht sehen können, werden wir politisch bei einer ebenso
vernichtenden Verurteilung des den Fremden Hassenden stehen bleiben, wie
dieser den bedürftigen Fremden vernichtend verurteilt. Es gebe dann keine
Möglichkeit, diejenigen noch zu erreichen, die trotz Fremdenhass noch erreichbar
wären.
Destruktivität als narzisstische Abwehr:
Hassgefühle in einer normalen analytischen Stunde
Martina, eine 48-Jährige Lehrerin, beginnt die analytische Stunde bei mir mit
den Worten: „Ich habe Hassgefühle. ich habe einen tierischen Hass. Den kenne
ich von früher. Immer auf Männer, früher auf meinen Vater“.
Im weiteren Verlauf erzählt sie, dass ihre Hassgefühle durch ihren Ex-Mann
ausgelöst wurden, von dem sie sich in allem, was das gemeinsame Kind betrifft,
ganz alleine gelassen fühlt und auch kein Interesse mehr hat, wie es ihr als
Alleinlebende geht, während er das Leben mit einer neuen Partnerin genießt.
Ihre Klagen wiederholen sich. Mein Verständnis für ihre bedürftige Situation als
Alleingelassene ohne mitfühlenden Partner und den Bezug zu ihrer
Vaterenttäuschung nimmt sie zwar äußerlich auf, aber sie bleibt in einem sehr
quälenden Klagemodus. Das, was ich ihr gebe, gleitet an ihr ab. Ich fühle mich
unausgesprochen entwertet, nicht direkt zurückgewiesen, aber auf Distanz
gehalten. Obwohl sie mich hört, ist es atmosphärisch so, als sei ich gar nicht da
für sie. Im Klagemodus geht es für sie weiter: “Ich komme aus dem Hassgefühl
und dem Opferdenken nicht heraus. Da beneide ich schon meine Kollegin, die
ihre Anti-Depressiva nimmt und ganz glücklich damit ist.“
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Sie vermittelt mir ein Gefühl, dass es allen besser als ihr gehen würde, obgleich
sie nun schon 2 Jahre bei mir in Analyse ist und einiges darin für sich zusammen
mit mir erreicht hat. Aber nun strahlt sie eine Negativität aus, die alles
hoffnungs- und sinnlos macht. Es ist wieder so, wie in der Anfangszeit der
Analyse, als sie depressiv und latent suizidal zu mir kam. Ich selbst komme mir
jetzt bedeutungslos und wie jemand vor, der keinerlei Wirkung auf sie hat und
hatte. Zunehmend gerate ich in eine Art Rückzug hinein, in dem mich ebenfalls
ein resignierendes Gefühl von Sinn- und Hoffnungslosigkeit auszufüllen beginnt.
Einerseits teile ich nun ihre Depressivität, andererseits erlebe ich mich
zunehmend in meiner analytischen Funktionsfähigkeit angegriffen. Ich spreche
nun an, dass ihre Hassgefühle, die sie mit einem Mann verbindet, sich vielleicht
auch auf mich beziehen. Sie verneint und versichert mir, dass sie ein gutes
Gefühl für die Stunden und mich hätte. Ich sage, dass ich dass einerseits auch so
erleben würde, aber andererseits würde sie mir heute atmosphärisch vermitteln,
sie hätte in der Analyse bei mir keine Fortschritte gemacht. Sie überlegt. Dann
kann sie davon sprechen, dass sie es als kränkend erlebt, dass sie es immer
noch nicht geschafft hat, ohne mich mit ihren Problemen klar zu kommen: „ Ich
brauche Sie immer noch und das fällt mir sehr schwer, das zu akzeptieren.“
Ich sage: „Ich verstehe nun, dass Sie einerseits anerkennen, dass Sie etwas
Gutes von mir bekommen, was Ihnen hilft, aber andererseits erleben Sie die
Beziehung mit mir auch als kränkend, da der Kontakt mit mir Ihnen ihre
Bedürftigkeit bewusst macht“. Sie schweigt. Dann sagt sie: „Ich werde
manchmal wütend, wenn Sie so verständnisvoll sind. Und irgendwie will ich da
auch nicht tiefer gehend einsteigen. Ich glaube, ich habe auch große Angst,
abhängig zu werden.“ Und nach einer weiteren Pause: „Ich spüre, ich werde
traurig.“
Wir sehen am Beispiel der Stunde, wie der latente destruktive Vernichtungshass,
der sich atmosphärisch in der Negation der Bedeutung des Analytikers für die
Analysandin äußert, sich im manifesten Selbsterleben der Analysandin als ein
defensiver Abwehr-Hass gegen eine kränkend erlebte Bedürftigkeit zeigt. Im
nächsten Schritt verwandelt sich Hass in ausdrucksfähige Wut auf den
Analytiker. Zu ihm kann jetzt eine zwar aggressive, aber ihn nicht negierende
Beziehung aufgenommen werden kann.
Der Analytiker gewinnt als ein hilfreicher Mensch seine persönlich wertvolle
Bedeutung für die Analysandin wieder. In der Traurigkeit zum Stundenende kann
die Analysandin sich vielleicht dafür betrauern, sich in ihrer Hilfsbedürftigkeit auf
den Analytiker angewiesen zu erleben und sich nicht allein aus sich heraus helfen
zu können. Diese Begrenztheit des Selbst würde in diesem Moment dann nicht
mehr als narzisstische Kränkung erfahren, sondern tendenziell als emotionale
Lebenstatsache, dass wir letztlich alle hilfsbedürftig sind, anerkannt werden.
Narzisstischer Kernkomplex und Destruktivität
Der britische Psychoanalytiker Mervin Glasser, langjähriger Leiter der Portman
Klinik, an der Sexual- und Gewalttäter behandelt werden, formulierte zum
besseren Verständnis von destruktiver Gewalttätigkeit das Konzept des
narzisstischen Kernkomplex (2010): Nach ihm gibt es einerseits eine tief
verankerte Sehnsucht, die der Wunschphantasie nach einer Fusion mit einem
idealisierten Mutterobjekt folgt, um in einen Zustand narzisstischer Erfüllung zu
kommen. Andererseits gibt es die Angstphantasie, dass wir im Verfolgen dieser
Sehnsucht, vollständig in diesem Mutterobjekt aufgehen und es dadurch zu einer
vollkommenen Vernichtung des Selbst kommen könnte. Um der drohenden
phantasierten Selbstvernichtung zu entgehen, kann der Betreffende in einen
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narzisstischen Rückzug vom idealisierten Mutterobjekt gehen oder das
vermeintlich vernichtende Mutterobjekt selbst vernichtend attackieren.
Aus meiner Sicht beschreibt Glasser mit dem narzisstischen Kernkomplex einen
pathologischen Lösungsversuch der emotionalen Grundkonflikte um unsere
Abhängigkeit vom Liebesobjekt und um unsere Liebesbedürftigkeit. Von daher
sehe ich in der regressiven Sehnsucht nach einer Fusion mit einem idealisierten –
im Gegensatz zu einem guten - Liebesobjekt bereits einen narzisstischen
Bewältigungsversuch dafür, dass in der Beziehung zum Liebesobjekt die
Liebesbedürftigkeit schwer bis gar nicht erträgliche Spannungszustände erzeugt.
Aus meiner Sicht sind dann Fusion oder Rückzug die ersten Abwehroperationen
des Betreffenden und erst, wenn diese nicht mehr weiter helfen, erfolgt die
destruktive Attacke auf das als vernichtend phantasierte Liebesobjekt.
Ein Beispiel: Ein zu destruktiver Gewalt neigender Patient beschreibt in seiner
analytischen Therapie die Aktualisierung des narzisstischen Kernkomplexes in der
Beziehung zu seiner Partnerin auf die folgende Weise: „ Es begann, als ich sie im
Dunkeln zu küssen versuchte. Hier haben wir die Situation von
Liebesbedürftigkeit. Ich wollte in Sylvias Mund hineinkommen. Hier haben wir die
Fusion. Dann fühlte ich, ich ertrinke, ersticke. Hier die Angst der Selbstauflösung
und Selbstvernichtung, aber auch die Überzeugung, vom Liebesobjekt als ein das
Selbst vernichtendes Objekt. Begann, sie zu schlagen. Hier die aggressive Aktion
als Selbstrettungsversuch. Ich entkam in ein anderes Zimmer. Hier der Rückzug.
Ich hätte nicht aus dem Raum rauskommen sollen, aber die Dunkelheit erstickte
mich. Ich konnte nicht atmen. Ich wurde verrückt. Hier der drohende
psychosenahe Ich-Zusammenbruch, die Panik, die Verlassenheits- als
Vernichtungsangst. Ich schlug nicht, ich biss sie. Schließlich die destruktive
Aktion des oralen Zerstörens als allerletzte Notmassnahme“ (Campbell, Enckell
2005, S. 811; kursive Kommentare von mir).
Die innerpsychische Konstellation des Umschlagens von destruktiver
Phantasie in destruktive Aktion
Was wir an dem letzten Beispiel gut sehen können, ist, dass es mit der
Aktualisierung des narzisstischen Kernkomplexes zu einem schlagartigen Kollaps
der geistigen Fähigkeiten kommt, die emotionale Konfliktsituation mittels
Nachdenken, Vorstellungen oder Träumen zu bewältigen. Die Fähigkeiten, zu
symbolisieren, zu metaphorisieren oder zu mentalisieren, gehen schlagartig mit
dem drohenden Zusammenbruch des Ichs und dessen erneutem Einreißen dort,
wo sich Liebesbedürftigkeit als emotionales Trauma reaktualisierte, verloren.
Ebenso schlagartig gehen die emphatischen Fähigkeiten zum Mitgefühl und zum
Mitleiden sowie zur Besorgnis verloren. Einzig auf das konkrete Handeln auf
körperlicher Ebene kann noch als letzte Bastion gegen den Ich-Zusammenbruch
zurückgegriffen werden. Dabei wird die Partnerin nicht mehr als menschliches
Liebesobjekt wahrgenommen, sondern mehr als eine Art körperliches Ding.
Den seelischen Kampf gegen ein befürchtetes impulsives Umschlagen von
unbewusster destruktiver Phantasie in destruktive bis hin zu mörderischen
Handlungen können wir bei Menschen beobachten, die mit Zwängen oder
Zwangsvorstellungen
zu
kämpfen
haben.
Unter
der
Überschrift
„Zwangsgedanken. Könnte ich mein Kind wirklich töten?“ beschreibt in der FAZ
vom 12. September 2015 eine moderne Frau, die ich hier Luisa nenne, in
bewundernswerter Aufrichtigkeit, wie sie nach Außen hin versucht, eine perfekte,
hübsche und liebevolle Mutter darzustellen, aber nach Innen hin voller
Selbstzweifel ist und von Zwangsgedanken geplagt wird, der kleinen Tochter
etwas anzutun. Darüber leidet sie „Höllenqualen“. Sie sagt: Ich „konnte an nichts
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anderes mehr denken. Daraus resultieren ganz starke Spannungsgefühle im
ganzen Körper. Als sei ich gar nicht mehr in der Realität, sondern ganz gefangen
in dem Schrecken. Also nicht nur eine geistige, sondern zusätzlich eine
körperliche Erschütterung, ganz furchtbar“.
Einerseits lebt sie im Gefühl, eine schöne Kindheit gehabt zu haben, andererseits
weiß sie, dass ihre Eltern, die beide zusammen eine Metzgerei betrieben, sehr
wenig Zeit für sie hatten. Die Firma, Arbeit, Leistung, Geld verdienen ging immer
vor. Zehn Tage nach der Entbindung stand Mutter schon wieder Vollzeit im
Laden. Danach wurde sie von einem Verwandten und Mitarbeiter zum anderen
herumgereicht. Auch zum Stillen blieb keine Zeit.
In knappen Zügen schildert Luisa, wie sie eigentlich keine emotionale Welt
vorfand, die sie als Kind hätte erwarten können und mit der jedem Kind eigenen
Liebesbedürftigkeit auch zum Gedeihen gebraucht hätte. Das Kind wird
stattdessen wie ein körperlicher Gegenstand herumgereicht. Kein Wunder, dass
Luisa als werdende Mutter alles besser, sogar perfekt machen will. Sie war der
Überzeugung: „Wenn das Kind erst da ist, wird meine Welt perfekt sein.“ Schon
während der Schwangerschaft befürchtet sie, dem Kind schaden zu können.
Mütterlichkeit erscheint mit etwas Schädigendem verseucht.
Mit dieser mit Destruktivität vermischten Mütterlichkeit wird sie ausgerechnet in
dem Krankenhaus konfrontiert, das sie wegen seiner Babyfreundlichkeit gewählt
hatte: „Das war mein Verhängnis“. In Luisas Worten deutet sich an, dass sich für
sie dort ein ganz frühes emotionales Trauma wiederholte. Niemand half ihr mit
dem Baby. Das Baby schrie und schrie, nie wurde es ihr abgenommen. An Schlaf
war nicht zu denken. Mit dem Stillen klappte es nicht. Die Brust entzündet sich,
aber Stillhütchen sind verboten. Sie sagt: „Als ich entlassen wurde, war ich
körperlich und geistig total erschöpft, ja, nahezu panisch. ... Ein Teufelskreis der
Gedanken und Gefühle begann.“
Deutlich wird, wie sehr eine noch ganz ungeformte und ursprüngliche
Liebesbedürftigkeit, verkörpert in der Gestalt des Babys, die junge Frau
anspringt und in welche Hilfsbedürftigkeit und Not sie gerät, weil es ihr an der
Mütterlichkeit mangelt, die sie selbst nicht seitens ihrer Mutter erfahren hat.
Diese Erfahrung wiederholt sich mit ihrer Psychotherapeutin. Diese hilft ihr
einerseits kognitiv weiter, indem sie ihr eine Vorstellung vermittelt, ihr hätte es
in ihrer Kindheit an Urvertrauen und Zurückspiegelung ihrer Emotionen gefehlt.
Andererseits sagt Luisa rückblickend: „Das half ein bisschen, doch nach 24
Sitzungen sagte die Psychologin, ich solle jetzt eine Pause machen, weil ich sie,
die Therapeutin, als Ersatznabelschnur, als Mutterersatz betrachten würde. Ich
solle versuchen, allein klar zu kommen. Das war für mich eine totale
Katastrophe.“
Gerade ist sie an dem Punkt angelangt, an dem sich aus psychoanalytischer
Sicht eine erwünschte Mutter-Übertragung in der Beziehung mit der Therapeutin
herauszubilden beginnt, anhand derer dann der traumatische Mangel an
Mütterlichkeit sowie die Enttäuschung an der Mutter und der auf sie bezogene
Enttäuschungs- oder Mutterhass in einem längeren Prozess bearbeitet werden
könnte, da muss Luisa erfahren, dass sie erneut damit alleingelassen wird und
ohne Hilfe bleibt. Mit diesem unbewussten Hass auf die enttäuschende Mutter in
sich hilflos alleingelassen, ist es vielleicht kein Wunder, wenn sie selbst glaubt,
dass ihre beiden Fehlgeburten in den letzten Jahren mit etwas noch
Unbewältigtem in ihr zu tun haben.
Medea-Komplex: Destruktive Mütterlichkeit
Luisa findet in ihrem Partner etwas, was sie in ihrer frühen Mutterbeziehung
nicht gefunden hat. Er hilft ihr, das Unbewältigte in sich zu tragen und
10
auszuhalten. Sie sagt: „Er ist mein Fels in der Brandung, ich weiß, dass er mich
liebt, ich vertraue ihm und sage ihm alles.“ Er gibt ihr eine Rückversicherung,
dass Luisa ein gutes Selbst hat, das die Tochter schützt. Wenn sie ihm einen
Zwangsgedanken anvertraut, dass sie das Kind auf den Boden schmeißen
könnte, versichert er ihr, dass sie das nie tun würde. Auch wenn darin keine
Auflösung des unbewussten Mutterkonflikts stattfindet, so gibt er Luisa eine
gewisse Stabilisierung.
Die Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber (2015) entdeckte in der
analytischen Behandlung von 10 psychisch bedingt zeugungsunfähigen Frauen,
die bereits in ihrem erstem Lebensjahr schwer depressiven Müttern ausgeliefert
waren, dass sie unbewusst davon überzeugt waren, dass ihre Liebespartner sie
wie Jason Medea in der griechischen Mythologie enttäuschen und sie verlassen
würden. Sie befürchteten, diese Verlassenheit und diese narzisstische
Verwundung nicht aushalten zu können und auf diese Katastrophe mit tödlichen
destruktiven Impulsen zu reagieren, die eine Existenzgefährdung für ihr Selbst,
für das Liebesobjekt und für ihre Kinder beinhalten – so wie Medea im Mythos
aus Rache den eigenen Nachwuchs tötete. Aus diesen Vernichtungsängsten
heraus verzichten sie deshalb darauf, ihre Weiblichkeit als Mütterlichkeit weiter
zu entwickeln, und töten sie stattdessen ab.
Sie richten den Enttäuschungshass nicht nur gegen die verinnerlichte Mutter,
sondern auch gegen sich selbst. Ich vermute, dass mit dem Vater/Mann als
Drittem die Hoffnung verbunden ist, aus diesem destruktiven Zirkulieren von
Mutter- und Selbsthass erlöst zu werden, aber sich mit ihm die mütterliche
Enttäuschung doch wiederholt. Zugleich ist nun der Vater der Enttäuschende, der
die originäre Enttäuschung an der Mutter verdeckt, so dass die innere Beziehung
zur Mutter von Enttäuschung und Hass entlastet erscheinen kann.
Für
Leuzinger-Bohleber
sprechen
viele
weitere
analytische
Behandlungserfahrungen dafür, dass die Medea-Phantasie eine ubiquitäre
unbewusste Weiblichkeitsphantasie darstellt. Sie besteht darin, dass Frauen als
Mütter nicht allein als omnipotente Spender von Leben, Unverletzbarkeit und
paradiesischer Vereinigung sondern unbewusst auch als rächende Furien und
vernichtende Über-Mütter phantasiert werden, die im Falle einer extremen
narzisstischen Kränkung das Leben auslöschen könnten, selbst wenn sie selbst
diesem Leben zur Geburt verholfen haben.
Die Medea-Phantasie berührt die destruktive Schattenseite von Mütterlichkeit
und sie berührt natürlich auch eine Wirklichkeit, dass Mütter entscheiden, ob ein
Kind leben darf oder nicht, körperlich, aber auch emotional und seelisch. Babies
und Kleinkinder, die sich in ihrer Liebes- und Hilfsbedürftigkeit nicht
angenommen, verlassen und emotional vernachlässigt erleben, werden dies nicht
nur so erleben, dass da eine Mütterlichkeit fehlt, die hätte da sein sollen,
sondern können es auch als einen gegen das Baby und das Kleinkind gerichteten,
unbewussten destruktiven Tötungswunsch seitens der Mutter erleben. Von daher
würde ich meinen, dass die Medea-Phantasie sich in diesem Fall in einen MedeaKomplex verwandelt, an dem die betreffenden Kinder mit einem Teil ihrer
Persönlichkeit fixiert bleiben. Dies betrifft Mädchen, aber auch Jungen.
Stefan Lamm: Die destruktive Mutter im tötenden Vater
In einer erschütternden Reportage rekonstruiert die Zeit-Journalistin Amrai Coen
eine monströse Tat: „Warum ein liebender Familienvater erst seine Frau, dann
seine beiden Kinder und schließlich sich selbst umbrachte“3. Stefan Lamm war 34
3
ZEIT 03.08. 2013, vergleiche auch den Tatort „Familiensache“ (2013)
11
Jahre alt, beruflich als selbständiger Programmierer gescheitert, ohne dass die
ihm Nahestehenden von diesem Scheitern irgendetwas mitbekamen. Kurz bevor
dies Scheitern offensichtlich wird, beschließt er, sich, seine 33-jährige Frau,
seinen 5-jährigen Sohn und seine 9-Monate alte Tochter umzubringen. Er
hinterlässt, anders als der Co-Pilot Andreas Lubitz einen Abschiedsbrief, den er
auf seine Website wie eine Todesanzeige stellt, mit dem Titel: „Abschied – oder:
Chronologie eines verpfuschten Lebens“.
In diesem Brief spricht er von einer geliebten Ehefrau, deren Nachnamen er
annahm, weil er mit seiner Herkunftsfamilie nichts mehr zu tun haben wollte,
und von wunderbaren Kindern. Und von seiner bewussten Motivation zu dieser
schrecklichen Tat: „Warum nicht einfach Selbstmord begehen? Warum mussten
auch Frau und Kinder sterben? Weil mein alleiniger Tod oder auch mein
Weiterleben meine Familie in tiefe Trauer gestürzt und tief verletzt hätte. Ich
habe in der Vergangenheit viele Fehler gemacht und deren Folgen holen mich
gerade ein. Es gibt keinen Ausweg. Ich wäre nicht in der Lage, meiner Familie
eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen. Davor möchte ich sie bewahren.“
Wir sehen, wie ein von Außen betrachtet objektiv destruktiver, mörderischer Akt
gegen Unschuldige, aus der Innenperspektive eine defensive Handlung darstellt,
mit der der tötende Vater die Familie vor der beschämenden Schande des
eingetretenen Scheiterns bewahren will. Stefan Lamm kann „seine“ Frau und
„seine“ Kinder nur als Erweiterung seines Selbst erleben und setzt deswegen sein
persönliches Scheitern in Eins mit ihrem Lebensschicksal. Zugleich spielt in
diesem destruktiv-narzisstischen Erlebensmodus die unbewusste fusionäre
Phantasie eines negativen Einsseins im Tode eine wesentliche Rolle. Dass die
Kinder und deren Mutter auch ohne den Vater sein könnten, ein eigenes Leben
leben und die väterliche Schande überleben könnten, ist in diesem
Erlebensmodus absolut unvorstellbar.
Wenn man sich die lebensgeschichtliche Rekonstruktion durch Amrai Coen
analytisch betrachtet, wird deutlich, dass dieser tötende Vater nur aus einer
eigenen gescheiterten Mutterbeziehung verständlich wird, die sich in seinem
persönlichen Scheitern wiederholt. Schon als Kind sehnte er sich nach dem Tod
und danach, dass ein riesiger Fels auf die Stadt hernieder gehen und alles
auslöschen sollte: „Das passiert, wenn man mit einer Mutter zusammen lebt, die
sich nichts sehnlicher wünscht als den Tod und man ihr mit neun Jahren beim
ersten Selbstmordversuch das Messer aus der Hand reißen muss“. Spürbar wird
ein Enttäuschungshass auf die alkoholkranke, schwer depressive Mutter, die zwar
äußerlich als Hausfrau mit vier Kindern funktionierte, aber innerlich von ihrer
eigenen seelischen Problematik so absorbiert und zerfressen war, dass die
Liebesbedürftigkeit des Kindes keine Chance hatte.
Wir können daher die Herausbildung einer narzisstischen Persönlichkeit, die ihm
die erfahrene Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner bei Stefan Lamm vermutet,
auch als seinen Versuch verstehen, von dieser destruktiven Mütterlichkeit und
seinem
verinnerlichten
Mutterhass
in
einem
illusorischen
Glauben
wegzukommen, dass er sich aus sich selbst heraus die gute familiär-mütterliche
Welt erschaffen könnte, die er so schmerzlich in seiner Kindheit vermissen
musste.
Eigentlich war er in dieser Hinsicht auf einem scheinbar erfolgreichen Weg, denn
seine Frau und seine Kinder scheinen ihn als Mann und Vater wirklich geliebt zu
haben. Seine Persönlichkeit kann nicht nur narzisstisch strukturiert gewesen
sein, aber am Ende hat der narzisstische Teil seiner Persönlichkeit obsiegt, indem
er suggerierte, dass das narzisstische Scheitern und sein Ich-Zusammenbruch
nicht überlebbar wären, weil er dann ebenso wie seine Mutter es verdient hätte,
12
von einem hernieder gehenden, riesigen Fels ausgelöscht zu werden. Am Ende
hat er diese vernichtende archaische Selbstverurteilung, in der sich der
ursprüngliche Hass auf die grundsätzlich enttäuschende Mutter gegen das eigene
Selbst wendet, konsequent praktiziert.
Destruktivität in der gegenwärtigen Psychoanalyse II:
Die destruktiv-narzisstische Persönlichkeitsorganisation
Das Ich ist in seinen Anfängen nach Freud vollkommen narzisstisch, d. h.
vollkommen selbstbezogen. Es weiß überhaupt nichts davon, dass sein
emotionales Gleichgewicht auf der Mütterlichkeit der Mutter und einer das
Mutter-Kind-Paar unterstützenden Väterlichkeit des Mannes der Mutter basiert.
Hassen ist dann die Reaktion des narzisstischen Baby-Ichs auf alles, was von der
Außenwelt kommt und der Erfüllung seiner Bedürfnisse im Wege steht. Es mag
sich von Anfang an nicht als bedürftig erleben und zielt darauf ab, alles zu
beseitigen oder zunichte zu machen, was es in den Zustand von Bedürftigkeit
versetzen könnte.
Es ist die Aufgabe der Mutter, dem Kind zu helfen, unterscheiden zu lernen,
wann sein Hass seiner Selbstbehauptung gegen ein schlechtes oder böses Objekt
dient oder wann sein Hass sich auf ein gutes Objekt richtet, mit dessen
Zerstörung es die eigenen Lebensgrundlagen zerstört. Je mehr eine Mutter
allerdings selbst mit der eigenen Destruktivität, mit eigenem Enttäuschungs- und
Kränkungshass zu kämpfen hat und je mehr sie selbst das Kind als Erweiterung
ihres Selbst narzisstisch missbrauchen muss, desto weniger wird sie dazu in der
Lage sein, diese Aufgabe zu erfüllen.
Je mehr sie darin versagt, desto stärker wird eine Entwicklung gefördert, in der
sich eine destruktiv-narzisstische Persönlichkeitsorganisation wie eine Puppe
versteckt in der Puppe einer scheinbar normalen Persönlichkeit herausbildet (de
Masi 2015). Sie kann dann hervorbrechen und die Herrschaft über die gesamte
Persönlichkeit übernehmen, wenn die Wiederholung eines früheren IchZusammenbruches als Kind nun als Erwachsener droht, wie wir das bei Stefan
Lamm und Andreas Lubitz geschildert haben.
Wie Stefan Lamm als Kind von seiner depressiven Mutter dazu gebracht wurde,
den zerstörerischen Alkohol zu besorgen, schafft es dann diese destruktivnarzisstische Persönlichkeitsorganisation die gesunden Persönlichkeitsanteile in
ihren Dienst zu stellen. Eine mörderische Wahnsinnstat wie ein Flugzeugabsturz
oder die Auslöschung der eigenen Familie sowie die damit verbunden Manöver,
die eigentlichen Absichten zu verbergen, kann dann ganz rational geplant,
organisiert und zielgerichtet durchgeführt werden, als wäre es eine Urlaubsreise
oder ein Zu-Bett-Bringen. Einerseits weiß der Mensch, was er tut, und bleibt
vollkommen steuerungsfähig, andererseits wird sein Tun im Hintergrund von
einer pathologischen Persönlichkeitsorganisation dominiert, die jegliche
Gefühlsbeziehung, die einen mit dem anderen Menschen verbinden könnte,
auslöscht. Am Ende wundert sich alle Welt, wie dieser nette, liebenswürdige
Mensch nur Amok laufen konnte.
Anders Breivik I:
Ausbrüten der Destruktivität im narzisstischen Rückzug
Sie alle werden Anders Breivik kennen und wissen, dass der damals 32-Jährige
mittels Anschlägen in Oslo und auf der Insel Utoya am 22. Juli 2011 insgesamt
77 Menschen, vor allem Heranwachsende und Jugendliche, 32 davon noch unter
18 Jahre, tötete. Wir können in ihm eine extreme Verkörperung einer destruktivnarzisstische Persönlichkeitsorganisation sehen.
13
Seine Lebensgeschichte (vgl. Seierstad 2015) stand schon von Beginn an unter
einem schlechten Stern. Sein damals 43-jähriger Vater und seine damals 32
Jahre alte Mutter trennten sich nach kurzer Beziehungsdauer schon bald nach
seiner Geburt. Schon während der Schwangerschaft verspürte seine Mutter eine
heftige Ambivalenz. Er war nicht wirklich erwünscht. Diese durch mütterliche
Ambivalenz überschattete Geburt setzte sich in einer äußerst problematischen
Kindheit fort.
Seine an Depressionen und wahrscheinlich auch an einer Borderline-Störung
leidende Mutter war unfähig, ihm die notwendige Mütterlichkeit zu geben.
Zugleich erreichte sie, dass dem mehrfach auffälligen Kind von jugendamtlicher
Seite nicht wirklich geholfen werden konnte. Dabei spielte hinein, dass die Mutter
ein Eingeständnis ihrer eigenen Hilfsbedürftigkeit als vernichtende Niederlage im
Verhältnis zum geschiedenen Mann erlebt hätte.
Als Jugendlicher und Heranwachsender entwickelt sich Anders immer mehr zu
einem Menschen, der nach narzisstischer Selbstbestätigung sucht und in seinen
Beziehungen Größenphantasien ausleben möchte. Dies führt dazu, dass er in
Gruppen in Außenseiterpositionen gerät und keine wirklichen Beziehungen zu
anderen Menschen eingehen oder eine wirkliche Freundin finden kann. Er
scheitert mit mehreren Versuchen, sich selbständig zu machen, schafft es aber
mit gefälschten Universitätsdiplomen zwischen 2002 bis 2006 eine halbe Million
Euro zu erwirtschaften, von denen er den größten Teil bei Aktienspekulationen
wieder verliert. Weder in menschlichen Beziehungen noch in der geschäftlichen
Selbständigkeit noch in den rechtspopulistischen Bewegungen, denen er sich seit
1997 als Mitglied anbot, konnte Anders die angestrebte narzisstische Bestätigung
seiner phantasierten Grandiosität finden.
Er geht ab 2006 in einen Rückzug, der durch den intensiven Zeitvertreib mit
Computerspielen und der damit verbundenen süchtigen Sogwirkung geprägt war,
und radikalisiert sich in seinen rechtsextremen Ansichten. Er vertieft sich in die
Arbeit an einem 1500-seitigen Manifest „2083: A European Declaration of
Independence“. Mit ihm rationalisiert er seinen destruktiven Hass auf die
Kulturmarxisten, die Multikulturalisten und die norwegischen Sozialdemokraten,
die die paranoid befürchtete Übernahme Norwegens durch den Islam fördern,
anstatt verhindern würden, auf wirre Weise. Die Ankündigung einer kommenden
konservativen Revolution durch einen von ihm angeführten Templerorden
verweist, dass er sich in seiner Psyche aus Bruchstücken der Realität eine eigene
Parallelwelt aufgebaut hat, in der ihm eine grandiose Retterrolle zukommt.
Wir können an Anders sehen, wie die Angst vor einem Ich-Zusammenbruch
angesichts des Scheiterns der narzisstischen Größenvorstellungen projektiv in
den Bereich des Politischen verschoben wird und so externalisiert als
Zusammenbruch
Norwegens
phantasiert
wird.
Norwegen
gegen
die
sozialdemokratischen Verräter und gegen die islamischen Fremden, gegen die
islamische Überfremdung retten und sich selber retten sind eins: Norwegen, ich
selbst, Mutter, alles eins. Die Sozialdemokraten, die Kulturmarxisten, die
Multikulturalisten, das sind die Verräter, das ist der Vater, der Diplomat, der
immer in der Fremde tätig ist.
Hier kommen eine Vaterbedürftigkeit und ein Enttäuschungshass auf den Vater
ins Spiel. Der Vater hat ihn mit einer Borderline-Mutter und dem
Enttäuschungshass auf sie alleingelassen. Er hat ihm nicht geholfen, aus dem
Eingeschlossenssein in einer höchst ambivalenten mütterlichen Welt heraus
zukommen. So hat Anders sich nach dem Scheitern seiner Selbständigkeit 2006
wieder in die mütterliche Wohnung zurückgezogen. In diesem narzisstischen
Rückzugsraum arbeitet er daran, zu den Top-Playern in der imaginären und
14
virtuellen Welt des Computerspiels World of Warcraft zu werden. Einerseits
scheitert er auch darin, andererseits brütet er mit dem Spiel auch seine
Destruktivitätweiter aus.
Am Ende ist die Welt in ein idealisiertes Selbst, den Tempelritter Anders, und in
die bösen Anderen, die das gute Norwegen bedrohen oder verraten,
aufgespalten. Letztere müssen vernichtet werden. Im Destruktiven wird Anders
leider nicht scheitern, auch wenn er es nicht schafft, wie beabsichtigt den
norwegischen Ministerpräsidenten Stoltenberg in Oslo und die ehemalige
Ministerpräsidentin Brundtland auf der Insel Utoya umzubringen. Dass beide
unbewusst für das enttäuschende Elternpaar stehen, von dem sich das Kind um
die zu erwartende Elterlichkeit betrogen und verraten fühlt und auf das sich der
destruktive Enttäuschungshass unbewusst richtet, erscheint mir äußerst nahe
liegend.
Anders Breivik II:
Destruktivität als narzisstische Perversion
Nachdem das Regierungsgebäude, in dessen 17. Stock sich das Büro des
Ministerpräsidenten befand, von der Bombe teilweise zerstört und 8 Menschen
dadurch getötet wurden, denken die meisten reflexhaft, dass es sich um
islamistische Terroristen handeln muss. Es war für einen Norweger nicht
vorstellbar, dass es „One of Us“ (Asne Seierstad, 2015) sein könnte. Das
Destruktive kann doch nur von Außen kommen: Das Böse ist immer im Anderen.
Auf der 30 Kilometer von Oslo gelegen Insel Utoya befanden sich mehr als 500
Jugendliche in dem jährlichen Sommercamp der Jugendorganisation der
sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Sie haben von der Bombe in Oslo gehört,
aber fühlen sich sicher. Insbesondere als ein Polizist mit der Fähre übersetzt und
auf der Insel auf die Jugendlichen zukommt. Es ist Anders, in einem Vertrauen
erweckenden Imitat einer Polizeiuniform, der in Gestalt des Guten auftaucht und
Vertrauen erheischend ruft: „Hier ist die Polizei. Ist da jemand? Ich will euch
doch nur helfen“. Die Jugendlichen können nicht wissen, dass sie im Guten auf
das leibhaftig Destruktive treffen werden.
In der Folge geht Anders ruhig, planvoll und zielgerichtet vor, wie ein
kaltherziger Liquidator, meistens mit Schüssen in den Kopf und in den Nacken,
die oft schon Verwundeten auslöschend. Das Flehen der von Vernichtungsangst
panisch Terrorisierten, sie nicht zu töten, geht durch ihn hindurch und erreicht
ihn nicht. Stattdessen registriert er verwundert, welche Geräusche das
Zerbrechen von Schädelknochen macht und wie manche Jugendliche wie
festgeklebt vor ihm stehen, ihn anstarren, unfähig, zu fliehen. Jegliches
Empathievermögen ist zusammengebrochen. Die Beziehung ist dehumanisiert,
entmenschlicht. Mit den Jugendlichen wird alles, was menschliches Leben
ausmacht, liquidiert.
Was Anders hier antreibt, ist kein Sadismus. Denn für einen pathologisch
perversen Genuss, dem anderen Leiden, auch Todesqualen zuzumuten, muss der
Sadist sich zumindest teilweise in das Opfer einfühlen und ihm einen Platz in
seiner perversen Phantasiewelt einräumen können. Die Jugendlichen hier bleiben
Anders absolut äußerlich. Er schießt sie ab wie ein Ego-Shooter, aber in der
wirklichen Welt.
Geleitet wird Anders von einer destruktiv-narzisstischen Perversion, das
Hochgefühl einer gottähnlichen Omnipotenz zu genießen, über Leben und Tod
entscheiden zu können, und sich diese Omnipotenzphantasie in der destruktiven
Aktion und damit sich selbst in Menschen feindlicher Großartigkeit zu bestätigen.
15
Ent-Menschlichung als Wesenskern des Destruktiven
Anders Breivik führt uns zum Kern des Destruktiven. Er besteht in EntMenschlichung. Das Destruktive zielt auf die Vernichtung des Humanen im
Anderen, in sich selbst und in den menschlichen Beziehungen. Dabei setzt sich
kein Todestrieb naturwüchsig durch, sondern es bedarf der Herausbildung
psychischer Strukturen in uns, dass uns das Destruktive gefangen nimmt, wir es
aktiv betreiben oder sogar zu unserer Ideologie überhöhen.
Vernichtungsideologien, wie sie Anders Breivik für sich in seinem Manifest als
eine Art wahnhafte Privatideologie erschuf, operieren damit, dass sie einem das
Vernichtende als das Gute darstellen und sich als Rettung gegen einen wahnhaft
phantasierten Untergang durch das Böse anbieten. Sie geben uns die moralische
Rechtfertigung, unmoralisch und inhuman zu sein. Unser destruktivnarzisstischer Persönlichkeitsanteil erhält dadurch die Erlaubnis, sich auszuleben
– als Hass-Sprache auf Facebook, als destruktive Aktion im Abfackeln von
Flüchtlings- und Asylantenheimen oder als terroristische Organisation wie den
NSU, die RAF, den Islamischen Staat usw. .
Wir sollten nicht vergessen, dass in uns allen, in dem Ausmaß wie wir Hilfs- und
Liebesbedürftigkeit als frühkindliche Quelle von Alleingelassensein und Kränkung
erfahren haben, ein destruktive Hass-Seite in uns allen steckt. Die Psychoanalyse
hilft den destruktiven Hass besser zu verstehen und trägt als Therapie im
Individuellen dazu bei, unbewusste menschen- und selbstverachtende
Vernichtungstendenzen und bedrohliche Vernichtungsängste besser zu
bewältigen.
Diese psychische Arbeit geschieht wesentlich in der therapeutischen Beziehung.
Dort richtet sich der destruktive Hass auch auf den Analytiker. Von zentraler
Bedeutung ist nun, dass der Analytiker seinen Gegen-Hass spüren und in sich
Halten kann, ohne ihn zu verdrängen oder ihn gegen den Analysanden zu
wenden. Er verzichtet auf Vergeltung und Rache. Dieser Verzicht schafft die
Grundlage dafür, dass der Analysand den Analytiker als eigenständigen Anderen
erleben kann und ihn nicht mehr durch die Brille der eigenen
Vernichtungswünsche, Vernichtungsängste und Vernichtungsphantasien verzerrt
wahrnehmen muss. Zugleich kommt der Analysand in Kontakt mit seinem
eigenen destruktiven Potential. Darüber vermittelt kann der Analysand eine
Fähigkeit zur Wiedergutmachung von emotionalen Beschädigungen und eine
Fähigkeit zur Besorgnis um sich selbst, um den anderen und um die menschliche
Qualität der Beziehung entwickeln.
Dies ist der kleine Beitrag der Psychoanalyse zur Humanisierung verinnerlichter
unmenschlicher Verhältnisse. Aber er kann für den Einzelnen von großer, oft
sogar existenzieller Bedeutung sein.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Literatur
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London
17
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