- Bundesjugendwerk der AWO

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Diskussionspapier zur Bundeskonferenz 2006, am 27./28.5.06, in Scharbeutz
Selbstbestimmtes Leben statt Überleben!
Grundeinkommen für alle – ohne Bedingung!
Von Mark Unbehend und Denny Möller
Der Skandal der Kontinuität von Armut und Perspektivlosigkeit in einer reichen
Gesellschaft
Rund 1,1 Millionen Kinder unter 18 Jahren leben in der BRD unter der Armutsgrenze. So ein
Ergebnis beider Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung in 2001 und 2005.
Kinder sind damit die größte von Armut betroffene Risikogruppe. Weitere Studien und
Berichte - wie die AWO-ISS-Studien, der 12. Kinder- und Jugendbericht und PISA bestätigen das Ausmaß und die Qualität von Kinderarmut. Benachteiligungen in der
materiellen und finanziellen Grundversorgung gehen tendenziell einher mit
Benachteiligungen in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Mobilität und gesellschaftlicher
Partizipation.
Die anhaltend hohe Jugendarbeitslosigkeit und die schlechte Situation auf dem
Ausbildungsmarkt verstärken Armutskarrieren junger Menschen, was den Ausschluss von
gesellschaftlicher Partizipation bedeutet.
Den durch diese wissenschaftlichen Ergebnisse belegten strukturellen Ausschluss zahlreicher
Kinder und Jugendlichen erfahren wir tagtäglich in unserer pädagogischen Tätigkeit mit
Kindern und Jugendlichen. Jugendverbände und andere Jugendhilfeträger leisten durch ihre
Kontinuität einen wichtigen Beitrag, um diese Tendenzen. Gerade das Jugendwerk der AWO
richtet sich mit seinen Angeboten verstärkt an benachteiligte Kinder und Jugendliche.
Dies sind wichtige Beiträge, um ärmeren Kindern und Jugendlichen ein Höchstmaß an
Partizipationsmöglichkeiten zu bieten. Doch das reicht nicht aus!
Damit sich an der Lebenssituation dieser Kinder und Jugendlichen grundlegend etwas ändert,
bedarf es eines politischen Umdenkens.
Seit Mitte der 80er Jahre wird das verheerende Ausmaß an Armut kontinuierlich von
WissenschaftlerInnen bestätigt, ohne dass eine Veränderung zum Guten feststellbar wäre. Im
Gegenteil! Die soziale Ungleichheit wächst noch. Deutschland ist ein reiches Land, lautet ein
Ergebnis des Armuts- und Reichtumsberichtes der Bundesregierung 2005. Doch mit dem
Reichtum nimmt auch die Armut zu.
Es ist ein Skandal und ein „Armutszeugnis“ für die politisch Verantwortlichen, dass sich
an diesem Zustand sozialer Ungleichheit in den letzten Jahrzehnten nichts Maßgebliches
verändert hat.
Nicht nur skandalös, sondern politisch, gesellschaftlich und moralisch unverantwortlich ist
aber der Sachverhalt, dass zahlreiche Kinder und Jugendliche weiterhin in ArmutsLebenslagen aufwachsen müssen.
Es wird so getan, als gäbe es dazu keine Alternativen. Die bisherigen Politikkonzepte haben
ausgedient, und doch predigt die herrschende Politik Durchhalteparolen. Die „alten“ Rezepte
werden uns ständig als neue präsentiert. Die Wirtschaft müsse nur genügend entlastet und
unterstützt werden, dann werde sie schon Arbeitsplätze schaffen, was dann auch die Armut
beheben würde. Damit wird seit drei Jahrzehnten eine soziale Kürzung nach der anderen
begründet und Sozialabbau vorangetrieben.
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Diskussionspapier zur Bundeskonferenz 2006, am 27./28.5.06, in Scharbeutz
Vor allem benachteiligten Jugendlichen ist aber längst klar, dass ein großer Teil von ihnen
ohne Chance auf dem Arbeitsmarkt ist bzw. sein wird.
Es ist an der Zeit, zu sehen, dass gesellschaftliche Partizipation und soziale Sicherung auch
ohne Lohnarbeit möglich sein müssen. Die Prekarisierten und Ausgegrenzten müssen wieder
die Möglichkeit bekommen, an dieser Gesellschaft teilzuhaben, auch ohne dass sie zu
jedweder Arbeit gezwungen oder ständig mit Repressionen und Arbeitslosigkeit in ihrer
Existenz bedroht werden. Der gesellschaftlichen Realität muss die Konsequenz im politischen
Handeln folgen.
Die Frage „Wie bekommen wir möglichst alle in Erwerbsarbeit?“ ist durch die Frage „Wie
sind eine möglichst breite gesellschaftliche Partizipation und soziale Sicherung aller möglich,
ohne das unerreichbare Ziel der Vollbeschäftigung zwanghaft anzustreben?“ zu ersetzen.
Oder einfacher: Wie kann eine gesellschaftliche Partizipation für alle gewährleistet werden,
auch wenn nicht alle einen Job haben?
Das sind kinder- und jugendpolitisch entscheidende Fragen, denn es geht um die alternative
Gestaltung von Gesellschaft und der Zukunft von Kindern und Jugendlichen.
Wieso Vollbeschäftigung, wenn es doch auch ohne geht?
Mit immer weniger Arbeitszeit können die Menschen heute immer mehr herstellen, dank
Rationalisierung und Produktivitätssteigerung. Überflüssige Arbeit wird abgeschafft, immer
mehr harte körperliche Arbeit durch Maschinen erleichtert oder ersetzt. Eine möglichst hohe
Lebensqualität für alle, mit möglichst geringem Aufwand.
An und für sich wäre das doch eine wunderbare Vorstellung, der wir heute näher sind als je
zuvor! Alle könnten wieder mehr Zeit für sich, ihre Hobbys und andere Menschen haben.
Eltern könnten für ihre Kinder und deren Erziehung da sein, Kinder für die Pflege ihrer
Eltern. Alle hätten mehr Zeit, sich fürs Jugendwerk und andere weniger wichtige Dinge zu
engagieren.
Die Grundvoraussetzungen dafür sind längst da. Der weltweit vorhandene Reichtum
ermöglicht auch bei abnehmender Erwerbsarbeit eine soziale Absicherung für alle. Würden
wir die Arbeitszeit, die für das gesellschaftlich Notwendige aufgebracht werden muss,
aufteilen, dann müssten wir nur noch 2-3 Stunden am Tag arbeiten, ohne dass wir damit in die
Steinzeit zurückfallen würden. Im Gegenteil! Durch die fortschreitende Technisierung vieler
Arbeiten kann vieles viel schneller, besser und weniger mühselig verrichtet werden.
Paradiesische Zustände also!
Doch weit gefehlt! Wir leben in absurden Zeiten. Noch nie gab es so viel Reichtum bei
gleichzeitig hoher Armut.
Seit Anfang der 80er Jahre ist das Lohnarbeitsprinzip in den westlichen Gesellschaften in der
Krise! Die Einen sind „draußen“ und arbeitslos, Massenarbeitslosigkeit ist mittlerweile
Dauerphänomen. Die Anderen sind „drinnen“, haben also bezahlte Arbeitsplätze, spüren aber,
dass diese immer prekärer werden. Stichwörter sind: Generation Praktikum, De-factoVerlängerung des Kündigungsschutzes, Diskussion um Arbeitszeitverlängerung, 1-Euro-Jobs,
…
Arbeitslosigkeit wird als Problem dargestellt und ist es de facto für die Arbeitslosen auch, da
sie ohne eine Arbeit, die einen Lohn bringt, nichts wert sind. Menschen werden über Hartz IV
(1-Euro-Jobs) und andere Maßnahmen gezwungen, egal welche Lohnarbeit anzunehmen. Und
das, obwohl nicht mehr genügend bezahlte Arbeitsplätze da sind und die vorhandenen
Arbeitsplätze immer weniger zum Auskommen und Leben reichen. Immer mehr Menschen
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Diskussionspapier zur Bundeskonferenz 2006, am 27./28.5.06, in Scharbeutz
arbeiten in mehreren schlecht bezahlten Jobs und sind trotzdem arm. Immer mehr junge
Menschen tingeln nach dem Studium von einem Praktikum zum nächsten schlecht bezahlten
Nebenjob und wieder zurück.
Für Lohn zu arbeiten wird so zum Lebenssinn erklärt, und nicht das Leben selbst. Ein Mensch
sei nur etwas wert, wenn er arbeitet – und zwar für Lohn. Sich im Jugendwerk oder sonst wo
zu engagieren, zählt dabei nicht mehr oder muss in den Lebenslauf passen.
Seit über 30 Jahren anhaltender Massenarbeitslosigkeit wird uns als Lösung von
Unternehmen, Parteipolitik, Medien und Gewerkschaften erklärt, dass wir alles tun müssten,
um alle Menschen schnellst möglich wieder in Lohnarbeit zu bringen. Als wäre das das erste
Ziel der Menschheit?
Dahinter steht das Ziel einer Vollbeschäftigung, orientiert am klassischen
Erwerbsarbeitsmodell. Doch warum sollte Vollbeschäftigung das Ziel sein, wenn es auch
ohne eine solche Vollbeschäftigung geht, den gesellschaftlich gewünschten Reichtum zu
erwirtschaften?
Unseres Erachtens sollte es vielmehr um die Frage gehen, welche Wege es gibt, die allen
Menschen ein Existenz sicherndes Leben ermöglichen, ob sie nun arbeiten oder nicht.
Wer Mündigkeit will, muss sie immer schon voraussetzen!
Das Menschenbild, welches hinter der Vollbeschäftigungsideologie steht, versperrt aber eine
solch einfache Frage. Ein Mensch gilt demnach nur dann als gesellschaftlich integriert, wenn
er oder sie (für Lohn!) arbeitet. Dabei wird vorausgesetzt, dass diese Arbeit fremdbestimmt
für andere erfolgt.
Das widerspricht unserem Menschenbild, wie wir es im Pädagogischen Konzept des
Jugendwerkes der AWO festgehalten haben: „Wir sind überzeugt, dass alle Menschen in der
Lage sind und innerhalb ihrer sozialen Beziehungen die Fähigkeit besitzen, für sich und
andere (z.B. die Gruppe) Verantwortung zu übernehmen. […] Die notwendige Grundlage
unseres Menschenbildes und damit unserer Pädagogik ist die Überzeugung, dass Kinder und
Jugendliche nicht zum Subjekt gemacht werden müssen und können, sondern dass sie
mündige Subjekte sind und als solche an unserer Verbandsarbeit teilhaben. Mündigkeit
bezeichnet die Fähigkeit eines Individuums, in Kenntnis der Normen und Werte einer
Gesellschaft, in Übereinstimmung mit seiner persönlichen Identität eigenverantwortlich zu
handeln. Emanzipation ist die Freisetzung von Mündigkeit, sie ist die Überwindung von
fremdbestimmten Lebensverhältnissen, von Bevormundung und Benachteiligung. […] Wer
Mündigkeit will, muss sie immer schon voraussetzen.“1
Im Jugendwerk bieten wir Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten, sich selbst zu
verwirklichen und zu entfalten. Wir setzen dabei die Mündigkeit des Menschen voraus, für
sich selbst zu entscheiden, was für die Gemeinschaft und sie selbst sinnvoll und gut ist.
Zu Mündigkeit müssen Menschen nicht gezwungen werden. Aber genau das tut die
vorherrschende Politik. Sie zwingt Menschen in Lohnarbeit, obwohl es genügend Reichtum
und nicht mehr ausreichend Arbeitsplätze gibt. Unnötiges Arbeiten, nur der Arbeit willen?
Leben, um zu arbeiten? Und dabei ist Lohnarbeit an sich schon fremdbestimmt, mensch
arbeitet für andere! Das kann mal mit mehr, mal mit weniger Gestaltungsspielraum und
Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung sein, aber grundsätzlich bleibt die Abhängigkeit von
einem/r anderen. Gerade in dem gesellschaftlich wichtigsten Lebensbereich der Menschen, im
1
Vgl. Bundesjugendwerk der AWO (Hg.) (2004): Das Leben ist unser! Pädagogisches Konzept des
Jugendwerks der AWO (Jugendwerksposition, Nr. 2), S. 43/44
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Diskussionspapier zur Bundeskonferenz 2006, am 27./28.5.06, in Scharbeutz
Arbeitsleben, zählen kritisches Denken und demokratische Mitbestimmung nicht. Hier
bestimmen lediglich die Besitzenden über die Nicht-Besitzenden. Hier gilt: Wer nichts hat, ist
auch nichts! Und wer hat, bestimmt, wer sozial integriert wird! Integration wird somit zum
Integrationszwang in das Bestehende.
Soziale Integration – Von Lohnarbeit soll mensch leben können, ohne
Lohnarbeit auch!
In unserer pädagogischen Arbeit beschäftigen wir uns immer auch mit der dahinter stehenden
Frage der sozialen Integration. Integration wird in heutigen Wohlstandsgesellschaften
überwiegend als Integration in Arbeit verstanden. Schule, Universität, Sozialpädagogik und
andere Bereiche der Pädagogik sollen - so die gesellschaftliche Mehrheitsmeinung - auf das
Arbeitsleben vorbereiten. Lohnarbeit wird als wichtigster Lebensbereich vermittelt. Die
Selektion und damit der Leistungsdruck, die jeweilige Ware Arbeitskraft auf dem Markt am
besten verkaufen zu können, fangen bereits in der Schule an.
Wir positionieren uns gegen dieses Denken und politische Handeln! Von Lohnarbeit soll
mensch leben können, aber ohne Lohnarbeit auch. Gesellschaftliche Partizipation und
Integration kann und darf nicht nur dann gegeben sein, wenn Menschen einen Arbeitsplatz
haben und sich (ihrer/m ArbeitgeberIn gegenüber) „wohlgefällig“ verhalten.
Die Existenzberechtigung des Menschen muss grundsätzlich unabhängig von der
ökonomischen Verwertbarkeit seiner Arbeitskraft sein.
Das gilt auch für Tätigkeiten, die bisher nicht entlohnt werden, also z.B. Kindererziehung
oder auch das Engagement im Jugendwerk der AWO. Die Ausdehnung des Prinzips der
Lohnarbeit auf diese Tätigkeitsbereiche lehnen wir ab. Das würde den Charakter der
Freiwilligkeit zerstören und diese bisher selbst bestimmten privaten Tätigkeiten ebenfalls zu
einem Teil der Ware Arbeitskraft machen.
Das bedingungslose Grundeinkommen als Alternative zu
Existenzangst, Armut und Arbeitszwang
Deswegen fordern wir ein garantiertes und bedingungsloses Grundeinkommen für alle,
unabhängig davon, ob Menschen dafür etwas leisten bzw. arbeiten oder nicht. Menschen
sollen ein Einkommen zum Leben haben, auch wenn sie keinen Arbeitsplatz haben. Das
Recht auf Einkommen ist ein Menschenrecht. Es ist vom „Recht auf Arbeit“, das heute eher
eine Pflicht zur Arbeit ist, getrennt zu sehen und muss gewährleistet sein, auch wenn es nicht
genügend bezahlte Arbeitsplätze für alle gibt.
Das Grundeinkommen…
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… soll bedingungslos gewährt werden!
Menschen sollen nicht um ihr Recht auf Leben betteln müssen! Sie haben dieses
Recht, weil sie Mensch sind. Mensch zu sein, reicht als Bedingung! Deshalb muss das
Grundeinkommen bedingungslos sein, also ohne Arbeitszwang oder
Bedürftigkeitsprüfung.
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… muss garantiert sein, ein Rechtsanspruch, der einklagbar und auch nicht von heute
auf morgen wieder rückgängig machbar wäre. Diese Sicherheit müsste gewährleistet
sein, wenn Menschen ihre Lebensentwürfe darauf ausrichten.
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… muss ausreichend hoch sein, um eine gesellschaftliche Partizipation zu
ermöglichen. Es darf kein Almosen sein, wie es Sozialhilfe oder auch ALG II sind. Es
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Diskussionspapier zur Bundeskonferenz 2006, am 27./28.5.06, in Scharbeutz
geht uns nicht um ein Recht auf Überleben, sondern um ein Recht auf Leben und
Partizipieren. Das Grundkommen muss deshalb mehr als Existenz sichernd sein, d.h.
eine grundlegende gesellschaftliche Teilhabe sicherstellen.
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… sollte individuell und nicht auf Haushalte bezogen ausgezahlt werden, um die
Abhängigkeit einzelner von „Haushaltvorständen“ zu verringern.
Einige Vorteile eines solchen garantierten und bedingungslosen
Grundeinkommens wären u. a.:
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Mehr Selbstbestimmung, Freiheit und Unabhängigkeit – Menschen könnten frei
entscheiden, wie sie ihre Zeit verbringen. Die derzeitigen Anzeichen in Richtung einer
Kontroll- und Disziplinargesellschaft (z.B. 1-Euro-Jobs, Verschärfung der
Zumutbarkeit, ALGII, Bedürftigkeitsprüfung) wären hinfällig. Die Etikettierung von
„Arbeitslosen“ bzw. ALG-II-EmpfängerInnen wäre dann aufgehoben. Der Gang „aufs
Amt“ bzw. „zur Agentur“ wäre kein diskriminierender mehr.
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Dadurch käme es „automatisch“ zu einer Arbeitszeitverkürzung, denn es ist davon
auszugehen, dass die meisten Menschen trotzdem einen Teil ihrer Zeit mit Lohnarbeit
zubringen würden, aber wahrscheinlich in Teilzeitstellen, da den Menschen auch
andere Tätigkeiten (Hobbys, Kindererziehung, Urlaube usw.) wichtig sind, für die sie
sich dann bewusst Zeit nehmen könnten.
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Viel mehr Menschen würden und könnten sich ehrenamtlich organisieren, was zu
einer Belebung einer demokratischen Gesellschaft beitragen würde.
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Wirkliche Gleichheit auf dem Arbeitsmarkt wäre gegeben. Es würden sich zum ersten
Mal wirklich gleichberechtigte GeschäftspartnerInnen gegenüber treten: Auch die
ArbeitnehmerInnen hätten die Möglichkeit, einen Arbeitsvertrag zu kündigen, ohne
dadurch Gefahr zu laufen, ihre Existenz nicht mehr absichern zu können, sprich:
arbeitslos zu werden.
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Armut wäre auf einen Schlag abgeschafft, wenn – und das ist zu betonen – das
Grundeinkommen ausreichend hoch wäre. Den durch Armut verursachten negativen
sozialen Effekten und Benachteiligungen wäre damit politisch entgegen gewirkt. Das
Gerede von Chancengleichheit hätte bei annähernd gleicher Grundvoraussetzung zum
ersten Mal einen Sinn.
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Frauen wären von der Abhängigkeit vom „männlichen Alleinernährer“ befreit. Das
immer noch vorherrschende „Lebensmodell“ (Mann geht arbeiten, Frau am Herd)
hätte seine Hauptgrundlage verloren und wäre dann nicht mehr der Weg des
geringsten Widerstandes.
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Aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen würde sich in einer
Grundeinkommensgesellschaft vieles ändern. Ihre Eltern hätten die Möglichkeit, mehr
für ihre Kinder da zu sein. 1,1 Millionen Kinder müssten nicht mehr in
Armutslebenslagen aufwachsen. Die durch das Mehr an Freiheit insgesamt gesteigerte
Lebensqualität hätte ebenfalls Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeit von Kindern
und Jugendlichen. Alle Kinder würden in der Grundeinkommensgesellschaft mit dem
notwendigen Gefühl von Sicherheit aufwachsen, was für ihre weitere Entwicklung
von enormem Wert ist.
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Diskussionspapier zur Bundeskonferenz 2006, am 27./28.5.06, in Scharbeutz
Typische Einwände gegen das Grundeinkommen und was wir davon halten
Dann geht ja keiner mehr arbeiten!
Hinter diesem Argument steht die Vorstellung, dass Arbeit nichts Schönes sein kann, zu dem
mensch gezwungen werden muss. Aber warum sollte es Aufgabe der Politik sein, Menschen
zu etwas nicht Schönem zu zwingen? Und wer will schon in einer solchen Zwangs- und
Disziplinargesellschaft leben? Von den gleichen Leuten wird dann übrigens oft behauptet, der
Mensch habe ein „natürliches“ Bedürfnis nach Arbeit. Mit Arbeit ist dann immer – ohne es zu
sagen – Lohnarbeit gemeint, und nicht eine Tätigkeit mit Sinn, unabhängig davon, ob sie
bezahlt wird oder nicht.
Das Argument setzt außerdem voraus, dass Menschen gerne und tagelang in der Hängematte
liegen würden, wenn sie nichts tun müssten. Dass das nicht stimmt, weiß jede/r der schon
einmal eine Woche lang wirklich nichts getan hat.
Das „Müllabfuhr“-Argument, oder:
Wer macht dann noch die notwendigen Arbeiten?
Dieses Argument ist ähnlich wie das oben genannte, aber es bezieht sich direkt auf die
„notwendigen“ Arbeiten. Komisch, dass dabei vorausgesetzt wird, jede/r wisse, was das wäre,
obwohl die Notwendigkeit von bestimmten Jobs bisher nie demokratisch ausgehandelt wurde.
Oft wird das Beispiel der Müllabfuhr angeführt, was angeblich keine/r machen möchte. Es
wird dabei vorausgesetzt, mensch müsse jemanden dafür bezahlen, dass die Drecksarbeit
gemacht wird. Genauer: Die Arbeit, die der Mensch, der bezahlt, selbst nicht tun will. Derzeit
lässt mensch also andere für sich schuften und findet das okay. Freiwilligkeit spielt dabei
keine Rolle. Entweder gäbe es mit einem Grundeinkommen Leute, die dafür weiterhin bezahlt
arbeiten, oder aber die Müllabfuhr würde sich anders organisieren, wie das ja z.B. auch schon
über ehrenamtliche Papiersammlungen o. ä. funktioniert.
Derzeit gibt es aber keine Debatte darüber, ob alles das, was als Arbeitsplatz existiert, auch
wirklich gesellschaftlich sinnvolles Arbeiten ist. Diese gesellschaftliche Debatte würde ein
solches Grundeinkommen erzeugen.
Sicher ist, dass dann:
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Schlecht bezahlte Jobs und auch Jobs mit schlechten Arbeitsbedingungen entweder
besser bezahlt/gestaltet würden, oder sie würden nicht mehr getan.
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Wenn dann bestimmte Tätigkeiten nicht mehr ausgeführt würden, begänne die Debatte
darüber, ob diese Tätigkeiten denn sinnvoll und notwendig sind. Überflüssige
Arbeiten würden dann einfach wegfallen. Notwendige Arbeiten würden entweder
selbst organisiert ablaufen oder es würde zu anderen Regelungen kommen, die noch
nicht vorhersehbar sind. In jedem Fall wäre mehr Selbstbestimmung und Demokratie
beim Bestimmen der notwendigen Arbeiten möglich, da die Menschen nun die Zeit
hätten, auch darüber nachzudenken.
Wer soll denn das bezahlen?
Dass die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens finanzierbar wäre, dürfte nicht mehr
ernsthaft zur Debatte stehen. Es gibt zahlreiche Finanzierungsmodelle, die die
Finanzierbarkeit belegen, wobei die meisten Modelle dies über eine Steuerfinanzierung
erreichen.
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Diskussionspapier zur Bundeskonferenz 2006, am 27./28.5.06, in Scharbeutz
Zu bedenken ist dabei, dass viele Ausgaben des bisherigen Systems der sozialen Sicherung
dann wegfallen würden, wie z.B. der bürokratische Aufwand, mit dem ALG-IIEmpfängerInnen kontrolliert, etikettiert und gedemütigt werden. Die gesamte Bundesagentur
für Arbeit könnte von ihrem Stellenumfang her erheblich reduziert werden. Diese Kosten
könnte die Gesellschaft einsparen.
Letzten Endes braucht es zur Finanzierung des Grundeinkommens aber zuallererst den
gesellschaftlichen Willen. Die politische Praxis zeigt: Wo ein Wille ist, ist auch ein
Finanztopf!
Es wird nur besser, wenn es anders wird!
Es gibt noch mehr Fragen, welche zur Idee des bedingungslosen Grundeinkommens diskutiert
werden müssen. Die Realisierbarkeit wird sich dann erweisen, wenn es gewollt ist. Und
letzten Endes wird es auch nach der Realisierung noch zu regelnde Probleme und Fragen
geben. Das bedingungslose Grundeinkommen ist kein Allheilmittel.
Entscheidend ist für uns aber, dass eine Grundeinkommens-Gesellschaft eine erhebliche
Verbesserung und viel mehr Freiheit und Selbstbestimmung für viele Menschen – vor allem
auch für Kinder und Jugendliche – bedeuten würde. Es ist eine Option für ein besseres und
schöneres Leben für alle und damit ein Gegenmodell zur zunehmenden Repressions-,
Kontroll- und Disziplinierungsgesellschaft, die Armut als Phänomen beschreibt, verwaltet
und damit festschreibt.
Deshalb wollen wir uns gemeinsam mit anderen für die Idee des bedingungslosen
Grundeinkommens einsetzen.
Her mit dem Grundeinkommen für alle - ohne Bedingung!
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