Psalm - Sophie Reyer

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Psalmen
1. Psalm
1 Ich ziehe in die Stadt meiner Kindheit zurück. Haben die Toten mich gerufen?
2 Ich stelle ihr ein Windrad auf. Das erste hab ich verloren. Das zweite bekommt bunte Bänder.
Eine Kerze. Ich stelle es im Park auf, gleich in der Nähe des Museums, in dem die Großmutter so
gern spazieren gegangen ist.
3 Zwei Tage später ist es weg. Ein Kind vielleicht, denke ich. Gut, denke ich.
4 Ich bin viel traurig, alleine auch. Ich mag in der Früh nicht aufstehen.
5 Sie haben uns um unsere Toten betrogen.
6 Großmutter, ich schenk dir ein Windrad. Ich bind bunte Bänder dran. Schau. Die flattern, wenn es
durch sie durch weht. Ist wie ein Gebet.
7 (1945, endlich.) Ohne Zwang sein.
8 Das Licht ist beginnend.
9 Wo der Schatten das Licht hält.
1
2. Psalm
1 Denn Leben und Tod sind Zwillinge, weißt du.
2 Ich kauf dir ein Windrad. Ich schau da jetzt hin.
3 Das könnte ein Grab sein. Deine große Liebe war Flieger im ersten Weltkrieg. Kam nie wieder.
Du auch nicht: Briefe.
4 Ich winke aus anderen Zeiten zu dir.
5 Die Zeit ist ein Vorhang. Ich liebe dich, später.
6 Ich singe: noch immer. Der Tod
7 hält das Leben.
2
3. Psalm
1 Das Leben ist bunt. Wie die Bänder. Die flackern.
2 Wir zittern vergebens. Wir zittern. Man nennt das auch Liebe.
3 Es blüht, was sich aussetzt. Es spielen die Kinder. Im Schatten des Baumes.
4 Ich kauf dir ein Windrad.
3
4. Psalm
1 Ich will der Großmutter eine Kerze in einer Kirche anzünden.
2 Die Kirche ist verwüstet. Vandalismus. Marienstatuen mit abgebrochenen Köpfen.
3 Was ich davon halten soll.
4 Ich weiß es nicht.
4
5. Psalm
1 Ich kenne eine Katze, die tanzt oft mit dem Wasser. Ich vergesse, dass ich nicht gern lebe, wenn
ich ihr zusehe.
5 Das ist auch so bei den Windrädern.
5
6. Psalm
1 Ich lasse mich schleifen. Ich picke an der Zeit. Nichts halte ich mehr aus.
2 An keiner Arbeit kann ich lang dran bleiben. Strom Strom.
3 Schlitze aus Leben. Ritzen wollen. Scharfe Phonetik.
4 Tick tack macht die Zeit und ich: ihr nach.
5 Wie in mir etwas ach schreit. Egal.
6 Nur der Tod ist immer, der arme.
7 Umarme mich, Sweetheart.
8 Wir hören zumindest irgendwann auf, oder? Großmutter, Großmutter.
6
7. Psalm
1 Ich lebe nicht gerne.
2 Es gibt Dinge, die kann man lernen. Wie: Einmal drei ist drei. Oder Gitarre spielen. Oder mit den
Ohren wackeln. Aber wie man gern lebt, das kann einem keiner beibringen.
3 Ich habe mich bemüht. Ich kann Verantwortung übernehmen. Ich kann mich sorgen. Ich habe
geliebt und ich war wütend.
4 Ich schreie, ich hoffe, ich leide. Manchmal lache ich auch gern. Aber ich weiß nicht was es heißt,
wenn man gern da ist.
5 Manchmal schneide ich mich. Manchmal brenne ich mir die Fingerkuppen an mit dem Feuerzeug.
6 Ich hungere. Ich schlafe nicht. Ich fresse. Ich ficke ohne zu lieben.
Ich schwitze. Ich saufe. Ich renne wie eine Wahnsinnige durch die Gegend.
7 Aber ich lebe nicht gern.
8 Aber ich kann einfach nicht sterben.
10 Verstehst du, es wird nicht still.
11 Das Licht strengt mich an. Menschen machen mir Angst. Zu atmen ist anstrengend.
Alles laut. Alles grell. Alles zu schnell. Im Hals steckt der Kehlkopf fest.
12 Ich spüre zuviel. Ich habe oft Kopfweh. Ich habe alles versucht.
13 Ich lebe nicht gern.
7
8. Psalm
1 Die Frau raucht eine Wurzel. Es ist das erste Mal, dass jemand sie aufhebt. Die Großmutter in mir.
Und dadurch mich.
Es ist nicht die Schönheit, die die Liebe braucht, sagt die Frau. Ich halte nichts von der Liebe.
Man muss ja die Liebe auch nicht lieben. Jetzt hält die Liebe sie. Nein, mich. Mein Ich.
In Form einer Frau. Es ist seltsam.
2 Einfachheit. Das Licht. Der Stuhl. Das Buch. Der Weg. Blätter zittern. Wisper Gras. Windräder
mit bunten Bändern dran. Ein heller Tag. Ein Leuchttag. Keiner wird dich lesen. Keiner wird von
dir erzählen. Du wirst immer verschwunden sein.
3 Manche arbeiten ein Leben lang an ihrem Verschwinden. Das ist eine andere Geschichte und du
verstehst sie nicht. Du bist so voll von dir. Dabei: Blau. Und man ginge ins Rauschen ein als wär
nix. Du bist verschoben. Du produzierst ständig Müll. Hirnmüll. So aus dir heraus. Copy paste copy
paste. Du bist ein Programm. Eine Frau ist eine Landschaft. Das nennt man auch Pathos, ja.
4 Ich bin auf dem Weg verloren gegangen. So: weg von mir. Mikroklist. Wenn du nicht scheißen
kannst nimm Mikroklist. Wenn ich etwas wollte war es nie gut für mich. Meistens habe ich es
ohnehin nicht bekommen. Wenn ich etwas nicht wollte, und es bekommen habe, war es auch nicht
besser.
6 Du wartest auf nichts. Aber das Programm wartet. Immer noch. Und wartet und wartet und wartet.
Was es fressen kann, ist nie genug. Das Programm. Auch nicht, was es kriegen kann. Rafft, rafft,
rafft. Sehnsucht und die Unfähigkeit einer Begegnung.
7 Bleib bloß weg, es würde mir ohnehin nicht reichen. Das, was du mir geben kannst. Verstehst du?
Aber selbst wenn du es wolltest, könntest du es mir nicht geben, auch wenn es genug wäre. Das ist
das Problem der Sucht. Also bleib weg.
8 Nein, ich brauche nichts.
9 Jemand wird dir weh tun, sagst du. Machs Herz zu. Ich sage, mein Herz ist schon lang gebrochen.
8
Don´t worry. Ich lauf rum als Wunde. Offene Wunde. Dann schon lieber mit offenem Herzen, oder.
Ich mein: Wenn schon, denn schon.
10 Was ich dir nicht sage: Ich habe keine Wahl mehr. Windräder. Ich muss alles riskieren.
11 Endlich beginnen.
12 Nein, keiner bringt einem bei, gern zu leben.
9
9. Psalm
1 Zagreb. Der Flughafen ist ein Betonblock. Abgeranzt. Sieht nicht aus wie eine Metropole.
Schizophrenie. Welcome to the EU ist zu lesen. Die Stimme im Radio spricht genau gleich wie alle
anderen Stimmen auch. In der EU, in Amerika. Der Sound, die Codes, alles bekannt. Es macht ihr
Angst.
2 Die Vorrichtungen beim Fliegen. Werden immer absurder. Haare hoch, Kette raus, immer mehr
muss sie ausziehen.
3 Ich zweifelte. Zuviel im Kopf. Busfahrt. Ich beobachtete die trostlosen Gebäude, sah sie verfallen.
Irgendwo ein Gottesauge. Sonst grauer Himmel. Auf einmal: Das Lied im Radio. Meiko,
Du erinnerst dich. Bist vor 14 Jahren im Auto gefahren. Mit dem Onkel, dem Pfarrer und seiner
Organistin. Sie hatte geweint und den Text übersetzt.
4 Wenn wir einander treffen, Mutter, hinter den Sternen, hatte sie übersetzt.
5 Du denkst an deine Mutter. Du denkst an das traurige Mädchen, das du damals warst. Das du
immer noch bist. Die Mutter ist dein Lebensthema. Und sie lebt noch.
6 Wie sie lieben?
7 Du starrst in den trüben Himmel. Starrst die kommunistischen Bauten an, die an dir vorbei ziehen.
Das Lied ist viel zu schnell aus.
8 Abgewürgt durch irgendeine laute Werbung.
9 Du weinst.
10
10. Psalm
1 Ich habe in Zagreb die Mumien gesehen.
2 Ein Mann hat mich in das Museum hinein lassen. Er hat meine Augen leuchten gesehen, bei dem
Wort Mumien. Ich hatte kein Geld. Er hat mich gratis hinein gelassen. Weil mein Zug gleich fahren
würde.
3 Ich hätte gern mit dem Mann geschlafen.
4 Er hatte schöne Hände und einen sehr intelligenten Blick. Er trug eine Glatze. Er sah mir nach, bei
der Verabschiedung. Ich lief zum Bahnhof. Lächelnd. Ich wollte ihm nicht meine Nummer geben.
Ich wollte nicht, dass es wieder endet, wie alle Geschichten enden.
5 Am Bahnhof stahl mir ein Zigeunermädchen das Handy.
6 Entlastet sein.
7 Das kleine Gipsiegirl war hässlich und durchtrieben gewesen. Wir hatten gemeinsam, dass uns
niemand vermissen würde. Ich wäre fort gelaufen.
8 Sie trug eine Zahnspange. Meine Brüste waren zu klein.
9 Das System hatte mich zum Feind eines Räubermädchens gemacht. Ich wollte nicht mehr dazu
gehören.
10 Wie das exhumierte Krokodil im Museum.
11 Der Ostbahnhof. Die Penner. Ein Geruch nach Urin. Menschen, die verfaulen. Menschen, die aus
Tüten leben. Die kommunistisch anmutenden Telefone mit ihren drum herum gebauten Blasen aus
Plastik.
12 Ich hatte das Handy liegen lassen, davor. Am Flughafen. Eine Frau hatte es mir nachgetragen.
11
13 Was hätte ich tun sollen? Das Zigeunermädchen finden und verprügeln? Haben, haben, was hat
man davon?
14 Warum jemanden verhauen, der vom Stehlen lebt, so wie ich vom Schreiben?
15 Zurück gehen ins Museum? Mich zu den Mumien legen? Oder mit dem Mann schlafen?
16 Ich stieg in den Zug. Vollmond. Der Mond folgte uns, als wir fuhren.
12
11. Psalm
1 Menschen waren zart zu mir.
2 Sie haben mich auch bestohlen.
3 Ich konnte ihre Freundlichkeit nicht ertragen
4 Ich wollte den Skarabäus anstelle des Herzens.
5 Ich wollte den Mann aus dem Museum ficken.
6 Und ich wollte ihn nie wieder sehen. Ich wollte so leben: Immer fremd, immer leicht.
7 Windräder.
13
12. Psalm
1 Irgendwann habe ich aufgehört, etwas zu wollen.
2 Seitdem wollen alle etwas von mir.
3 Vor allem den Männern gefällt es, wenn man sie wegschiebt.
4 Schon wieder: Windräder.
14
13. Psalm
1 Irgendwann werd ich fort sein. Dann ist da, wo jetzt die Gedanken waren, nur noch Stille. Dann
ist da niemand. Ich möchte so gerne Niemand werden. Und wenn dann bloß da, wo niemand ist,
keiner mehr ich sagt.
2 Im Nachtzug. Rotierendes Hirn. Ein kroatisch sprechender Mann. Das Gesicht gerötet.
Langgezogen.
3 You tired.
4 Yes, sage ich abwehrend. Aber ich spüre, dass er versucht, mich zu lieben.
5 Er fragt mich ob ich einen Schluck Alkohol möchte. You drink? No.
No, you sleep.
6 Windräder und Sehnsucht nach Schlaf.
7 Ich höre ihn atmen.
8 Dass er vielleicht den Krieg erlebt hat. Wie die Großmutter.
9 Kaputt.
10 Wir liegen im Nachtzug und haben alle nichts miteinander zu tun.
11 Ich frage mich, ob ich mit ihm schlafen soll. Weil ich den Körper brauche. Weil ein
Traumatisierter das braucht. Er riecht nach Nikotin und Mann, nicht schlecht. Aber der Alkohol.
12 Es wär als hätte sie mit ihrer Großmutter geschlafen.
13 Die Decke nahe am Kopf. Das Ruckeln des Zuges.
13 Später steigt eine fette Frau ein, die laut auf kroatisch spricht. Aber die Frau ist fett und noch
15
trauriger als der Mann. Sie atmet laut, raschelt. Zieht sich aus. Sie schnarcht. Jeder Atemzug scheint
ihr schwer zu fallen. Die Energie steckt. Die Luft steckt. Es riecht nach Fuß und Moder. Nach
Schweiß Verzweiflung.
14 Deportaiton denke ich. Tiere. Nazideutschland. Großmutter überall.
15 Die Stadt ist nachts voller Lichter und stumm.
16
14. Psalm
1 Die Frau ist noch da. Das liegt an der Stille. Das Rauschen. Das Zimmer. Der Stuhl. Das Licht.
Das Zitter Blatt am Baum hinterm Fenster. Wir kommen nirgendwoher und gehen nirgendwohin.
Weil uns am Anfang ein Tunnel ausspuckt behalten wir zur Sicherheit auch den Tunnelblick. Die
meisten. Die, dies nicht schaffen, erschlägt die Dichtigkeit der Welt.
2 Man muss auf den Wellenbewegungen reiten, sagt die Frau. Ein aus. Wie der Atem.
Auch ein Schmerz ist nie gleich, schon bemerkt? Wenn er aussetzt, für ein paar Sekunden, dann
liegt darunter die Liebe. Wie wenn sich ein Vorhang wegbewegt. Oder ein Schleier. Für einen
Moment. Die ist immer da. Die bleibt. Du musst durch diese Wellen tauchen. Trau dich.
3 Sowas kann man sagen. Man kann es denken. Aber solange man es nicht gefühlt hat, what to do.
4 Man braucht eine Frau, die einen im Arm hält, so. Die mit einem atmet. Die bleibt. Damit man
erkennt, dass auch das Wesen der Liebe so ist. Aber wer hat schon so eine Frau.
5 Es ist nicht die Schönheit, die die Liebe braucht, sagt sie. Wer bleibt, bis ich schön bin?
Wenn nicht:
6 Ich?
17
15. Psalm
1 Wie nah wir uns sind, hat mich erschreckt.
2 Aber die Liebe gibt es.
3 A. Wie das A im Windrad.
4 Ich nenne dich A.
5 In A. steckt Anfang.
6 Into my arms.
18
16. Psalm
1 Von den Toten zur Liebe.
2 Der Tod und das Leben sind Zwillinge.
3 Wer hat sie entzwei gerissen?
4 Eineiig?
5 Einsam.
6 Wiedervereinigung hieß es. Großmutter trinkt.
7 Wer hat meine Bunten Bänder gesehen?
8 Dein Windrad wurde gestohlen.
19
17. Psalm
1 Du darfst nicht so offen stehen.
2 Das Herz keine Tür, sagt A.
3 Komm rein.
20
18. Psalm
1 Man nennt das auch heute.
2 (Drückt so.)
21
19. Psalm
1 Manchmal findet man Heilige im Heu. Man bindet sie sich an seine Gesichter.
2 Nichts erschütterte mich so stark, dass ich es nicht filmte.
22
20 Psalm
1 Stadt der Birken. Im Norden baltisches Meer, das mit Leuchttürmen bespickt ist.
IKEA und Volvo on the borders.
2 Meine Augen sind nackt. Zoom: in der Nähe verschwimmt alles. Wer kann wissen was
was war?
3 Inflation der Neubauten
4 ….in between...
5 Die Mobilität verkompliziert es. Schnelligkeit gegen Reflexion?
6- Waage-
7 Dreamlike quality: Im Dazwischenland Sprache transferieren
8 Es schneit in dieser Stadt der Birken, der Himmel ist weiß. Pointilismus aus
Flocken. Die Sonne ist ein Loch in einer milchigen Wolkendecke, that´s all.
9 Geld für die Kunst, egal was ihr macht aber seid dankbar, denn das ist das neue
Europa u know. Wir bauen Hotels. Wir bauen Kunsthäuser. Wir brauen keine Speakers Corner
Freie Meinungsäußerung existiert doch schon, Hauptsache Arbeitsplätze, do you understand
und Buffetts. Schnitt: Schnee im aschblonden Haar: Reifprinz, Eiself, Diamant in der
Stirn. Herrin: Diamant
10 Herzkind.
11 Erde von Oben.
12 Crack of Ice.
23
13 Leuchttürme, in denen keiner mehr lebt. Das war eine andere Zeit:
Schwingtür zwischen Welten
14 Fenster zu drüben. Ein jeder hat eine Höhlen Mensch Hälfte: My sister.
15 Mystiker.
16 Sterben das ist wie das Starten eines Flugzeugs. Wie wenn du ein Eis in den Händen
hältst und es schmilzt. Wie wenn ein Blatt runter fällt. Wie hängen bleiben: eine Türschnalle
hinunter drücken.
17 Die Liebe der Störche ist groß im Birkenwald. Kornspeicher Windmühle.
18 Eine Zelle. Ein Zeller. A cell. Beating Inside from outside.
19 Mein Skelett.
20 holy Mary-
21 Mehr Heiligenschein!
22. Als alles andere inside out.
23 Über allen Himmeln ist kein Körper. Ich nehme die Großmutter mit, innerlich. Die Frau ohne
Sprache. Die Frau mit dem Zwangtod. Die Frau, die nie gereist ist. Jetzt zeige ich ihr mit meinem
Atem die Welt.
24 Schwerkraft.
25 Witchcraft.
26 Felsen verwundet. Steine verletzt. Netze aus Granit. Kalkfäden, die Standhaftigkeit der
Baumwollfeder.
24
27 Wolkenberg, Splitterberg, Eis Birken: Spielbein Storchenwald. Winter wurde
kahlrasiert. Schneelocken zu Stoppeln gedreht. Schneemann Zombie in Uméa.
Stadt der Birken. Sprachmesser schneidet.
28. Das Wort vom
29 Leben.
25
21. Psalm
1 Ich treffe auch Menschen.
2 Manchmal-
26
22. Psalm
1 Alles dreht sich um: Im Tod nennt die Großmutter ihren Sohn Vater.
2 Manchmal treffe ich Menschen wie Tänzer.
3 Afrika ist weit weg.
4 Ich kenne die Not. Die Not ist überall gleich: Großmutter.
5 Helfen Windräder?
6 Bunte Bänder als Leichen.
27
23. Psalm
1 Fast schlief ich mit meiner Mutter.
2 Als Kind kroch ich in das Kleid meiner Mutter hinein, um in ihr zu verschwinden. Später stieß ich
sie von mir. Mit Schweigen.
3 Ohnmacht ist ein hartes Wort.
4 Mir steckt mein Kinn fest von einem Krieg den ich nie erlebt habe. Genetisches Material?
5 Mein Bruder knirscht nachts mit den Zähnen. Als Kind wollte ich in der Mutter verschwinden. Ich
liebte Drachen und Windräder. Ich war sehr traurig und hatte große Angst.
6 Großmutter hockt als Geist in der Lampe der Toilette.
7 Schau.
8 Manchmal treffe ich Menschen?
28
24. Psalm
1 Die gestorbene Großmutter will im Licht sitzen. Grün so grün der Garten.
2 Sind daheim in-
3 Alles versuche ich gegen die Stille. Weil in der Stille der Schmerz in mir aufschlägt.
4 Ich stelle den Wäscheständer herum.
5 Marmorfeier, sagt die Großmutter.
6 Die Großmutter ist dement. Sie redete früher schlecht über Juden. Heute kann man sie nicht mehr
fragen, warum.
7 Eine tote Großmutter kann noch denken, aber ihr ist der Körper verloren gegangen. Sie ist jetzt
ein Programm. Scherenschnitt in der Luft. Scissors cut.
8 Die Toten kehren wieder mit dem Wind.
29
25. Psalm
1 Sehnsucht nach Struktur drückt. Putzen hungern fressen. Picken kotzen heulen.
2 Wär ich frei. (Ich bin eine Zwanggeburt).
3 Wer nicht links geht, muss der gleich rechts gehen?
4 An wen lehnt man sich zurück. Kartenhäuser fallen ein, Kettenreaktionen et cetera.
5 Seele gestopft. Brach aus sich heraus. Nähte gerissen. Erinnerung Kindergarten.
6 Damals machten mir Strumpfhosen Angst. Es war, als müsse ich die Haut einer Schlange tragen.
7 Ich vermied alle Fehler die du gemacht hast, Großmutter. Genau wie du wurde ich. Was ist Irrtum.
8 Es gibt nichts Gutes oder Schlechtes. Windräder.
9 Bunte Bänder bewegen sich. Dann nicht mehr.
10 Angst als Fehlinterpretation.
11 Alleine bin ich am Schnellsten. Zeit ist eine Erfindung der Angst.
12 Schon wieder:
13 Abgewichen.
30
26. Psalm
1 Es kommen Kriege nach, damit die nächsten Generationen beschäftigt sind mit der Aufarbeitung.
2 Hat dann keiner Zeit sich befreit zu fühlen.
3 Die Frau, die den Raum mit mir hält: immer noch.
4 Ich glaube nicht an Wunder. Der Krieg ist eine Wunde über die Zeit hinweg. Eine Großmutter hat
sich zu Tode gesoffen. Eine Enkelin verträgt keinen Alkohol mehr.
5 Kapitalsmus- Göre. Alles haben. Nur keine Ahnen.
6 Windräder als Wurzeln?
31
27. Psalm
1 Ein Kater liegt im Sterben.
2 Der Tod steht im Zimmer und will getröstet werden.
3 Dass ein Blick eine Wunde sein kann.
4 Sie sagt, der Kater war so klein, als sie ihn bekommen hat, er passte in ihre Hand hinein.
5 Er sah aus wie eine Birne wenn er getrunken hatte. Die Mutter hatte ihn zu früh verstoßen.
6 In der Tierwelt gibt es keine Kriege.
7 Heute demonstriert man im Internet. Oder man stellt Windräder auf. Ich möchte gegen den Tod
demonstrieren. Der Tod ist der letzte Faschist.
8 Auch der Tod ist mein bester Freund. Es gibt keine Feinde.
9 Zu spät.
10 Die Zeit wird immer zu kurz gewesen sein, wenn man jemanden liebt.
11 Eine Katze kann in eine Hand passen. Aber eine ganze Liebe passt nie in ein Herz.
12 Dennoch: wenn ich fliege nachts und die Stadt von Oben sehe passt die ganze Stadt in meine
Augen.
13 Vertrauen?
14 Die Missachtung der Würde der Frauen. Die Wut.
32
28. Psalm
1 Ich bin oft im Schneegestöber. Ich versuche, mich zu erinnern. Ich bin eine weiße Bärin. Man
sperrt mich ein. Ich gehöre in die Stadt der Birken.
2 Ich hörte von einem Weltenbaum. Und von einem anderen Baum, der verkehrt herum stand, die
Wurzeln nach oben. Und wieder von einem anderen Baum, der war die Sonne, und seine Äste
waren die Strahlen.
3 Ich bin zwischen drei Birken geboren in meinem Kopf.
4 Weiße Birken. Rote Käfer.
5 Ich bin ein Kind und etwas stört mein Bild.
6 Weg mit den Käfern. Wir brauchen Windräder.
7 Beischlaf mit Erde. Wer hat uns bloß um unsere Kraft betrogen.
8 Was mein Bild stört heißt Zwang. Er ist immer da. Weil er die Freiheit nicht finden kann.
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29. Psalm
1 Helligkeit kennt keine Zeit. Augen altern nicht.
2 Dann fuhr ich ans Land. Sie hatten die Straße mit Windrädern zu gebaut.
3 In jedem Moment kann alles beginnen.
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30. Psalm
1 Großmutter. Manchmal schlafe ich schlecht wegen dir.
2 Nach der verwüsteten Kirche kam der Unfall der Straßenbahn. Und danach kamen Polizei,
Feuerwehr. Kräne. Ein eingestürztes Haus. Etwas sei explodiert. Absperrungen und Schlangen von
Autos.
3 Ich schenkte auch der Frau ein Windrad. Man sollte immer ein Windrad mitschenken, wenn man
liebt.
4 Großmutter, ich habe in dein Haus hinein gesehen. Es war alt und schön, und zugesperrt. Hohe
Wände. Ich hab dich auf dem Fussboden knien sehen und den Boden schrubben. Obwohl du längst
tot bist. Wird es immer gleich weh tun? Wird es immer gleich schwer sein?
7 Und wenn man alles gelernt hat, sagt die Frau, dann ist man kurz vorm Sterben und alles umsonst.
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31. Psalm
1 In der Nacht hat die Freundin angerufen. War sie betrunken?
2 Das Leben und der Tod sind Zwillinge, sagt die Freundin. Sind Schwestern. Du musst es hinaus
schreien. Jetzt. Damit sie es wissen.
3 Sie lallt. Du tippst für sie den Text ein und stellst ihn ins Netz. Rauschendes Telefon.
4 Am nächsten Morgen ist das Gebäude explodiert.
5 Ein Selbstmörder, sagt man dir, später. Er hat eine Abschiedsnachricht im Netz gepostet. In
derselben Zeit, in der du den Text eingetippt hast. Für die lallende Freundin. Die hatte
Nierenschmerzen. Der Selbstmörder hat das Gas aufgedreht. Er war 18 Jahre alt.
6 Großmutters Selbstmord aus Zwang. Als hätten sich in dieser Straße alle Zeiten zusammen
gefaltet zu einem Schmerz.
7 Du musst einen Bogen machen um die Straße, damit du zum Einkaufsgeschäft gelangst.
Gestohlene Zeit. Du bist wütend. Der Tod ist rücksichtslos. Der Suizid ist rücksichtslos. Man
konnte alle Menschen bergen. Die schwerverletzte Frau wird durchkommen.
7 Am nächsten Tag wird gefeiert. Leben und Tod sind Häuser nebeneinander. Gebäude stürzen ein
und Kinder werden geboren.
8 Es gibt keine Kerzen. Es gibt kein Feuer. Du musst ein Windrad kaufen.
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32. Psalm
1 Luft brennt nicht.
2 Es gibt keine Regeln.
3 Es gibt immer noch Windräder.
37
33. Psalm
1 So ränderlos gewesen, damals. Warum hat man bloß irgendwann begonnen?
2 Als Kind: Mein Bauch ist ein Wal ist ein Windrad. Ich lade dich ein. In meinen Herzsitz.
3 Heute ist der Tag zu lang. Sagt der Zwang.
38
34. Psalm
5 Schreibe das Wort Erfüllung in ein Buch und starre dann in die Linde an.
6 Atmen.
7 Noch eine Woche nach dem Selbstmord ist die Straße abgesperrt. Dem Haus fehlen einige
Stockwerke. Ein skalpiertes Haus.
8 Es seien die Linken gewesen, die die Kirche verwüstet hätte, lese ich in einer U- BahnZeitschrift.
9 Marienstatuen aufklauben, im Kopf. Sie wieder zusammen setzen.
10 Die Toten kehren wieder mit dem Wind.
11 Jeder braucht eine A.
12 Großmutter.
13 Ich habe einmal ein Märchen gelesen, in dem ein Kind einer Linde seine Seele geschenkt hat. Da
hat die Linde gesungen.
14 Ich will in den Blättern des Baums sein.
15 Klingt meine Linde. Was singt sie?
16 (Hingabe).
39
35. Psalm
1 Ich will einen Mann ficken.
2 Eine Landschaft voller Windräder wäre nicht schön.
3 Was macht das Besondere besonders?
40
36. Psalm
1 Du kannst anderen nichts geben, was du nicht hast.
2 Wer?
41
37. Psalm
1 Wieder das Warten. Wie auf Erlösung durch Windräder.
2 Sinnlos?
3 Als ich ihn treffe, scheint die Sonne. Als ich zurück komme, ist es dunkel.
4 Vor Lust nicht schlafen können. Halt mich fest, denken.
5 Großmutter hatte eine Affaire mit dem Zwang.
42
38. Psalm
1 Wenn ich das Windrad bin, muss heute er der Wind sein.
2 Ohne ihn hätte ich als Tote wiederkehren müssen.
3 Sein Name heißt Liebe in einer fremden Sprache.
4 Sein Herz schießt Pfeile ab die durch meinen Rücken stoßen.
5 Der Zwang ist ein Vogel in einem Käfig, der die Freiheit sucht.
43
39. Psalm
1 Ich denke an all die sinnlosen Blumen.
2 Ein Kornfeld. Die Frau sitzt mit mir am Balkon. Entengelb. Wir sehen das Windrad an, das sie mir
geschenkt hat. Ein bisschen kämpfen, sagt sie. Ich kann nicht mehr kämpfen.
3 Akzeptanz: Tanz.
4 Totstellen? Bloss nicht.
5 Komm zurück in meine Gesicht!
6 Wenn Menschen bloß wie Berge wären. Wie Bäume. Oder wie Windräder.
7 Resignieren: neue Zeichen setzen.
8 Stehenbleiben. Umdrehen.
9 Wer kann helles Licht von Schnee unterscheiden? Manchmal Sticht die Sonne. Manchmal ist eine
Winterlandschaft aus Schilf. Windräder, bitte, überall. Für die Toten. Mit bunten Bändern.
10 Wir werden geboren, um froh zu sein.
44
40. Psalm
1 Die innere Unruhe.
2 Nägel beißen: Es regnet zuviel in mir.
3 Die Kinder ohne Mütter kaufen sich Windräder und üben das Kleinsein.
4 Sinnlos:
5 Friedhöfe aus Windrädern.
6 Himmel aus-
7?
45
41. Psalm
1 Ich sage ihm die Wahrheit: Ich lebe nicht gerne.
2 Man weiß oft nicht, ob seine Augen noch offen sind.
3. A.
46
42. Psalm
1 Die Morgenröte (…) legt sich Licht als Salbe auf. Wir zerrinnen.
2 Ich traue mir die Untröstlichkeit zu.
3. A. hat keinen Namen.
4. Into my arms.
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42. Psalm
1 Er ist in Wahrheit die Speise und der Esser, las ich.
2 Lang ist das Windrad verschwunden. Ich züchte Sonnenblumen am
Balkon. Ich glaube an Wunden und Wunder.
3 Er hat mich im Arm gehalten und die menschliche Würde war ein rötliches Dreieck zwischen
After und Steißbein.
4 Gott sei als Augen über meinem Hirn aufgezäumt:
6 Mit deinem Mund verschlingst du das All
7 An seinen Bauch: wie an Trost gelehnt. So tosen.
8 Noch sehen wir keine Blumen in den Ruinen blühen, sage ich als er fragt.
9 Wo?
10 Wie Schmettelringe eilen wir zum Untergang, du verschlingst uns.Das Windrad im Hirn dreht
sich. Wieder und wieder. Das Rückgrat hat die Erinnerungen abgespeichert. Sie schießen auf und
ab, stromlinienförmig.
11 Dagegen helfen seine Pfeile.
12 Der Himmel breitet sich aus wie ein Zelt, sage ich. Das geht hoch aber will nicht sinken.
Er sagt, wenn man putzt. dann staubt es.
13 Er sagt: eine Richtung ist immer schwieriger.
14 Die Erde erschien als Form eines Vierecks und alle Wesen waren glücklich.
15 Er gab meiner Würde die Farbe von Maulbeersaft. Dann legten wir uns ineinander
48
schlafen.
16 Er war wach: Reich uns deine Füße, wir verneigen uns vor dir.
49
43. Psalm
1 du schützt alle Wesen wie eine Wolke, sage ich, warum schützt du die Kinder nicht und die
Windräder. Wohin geht die Würde verloren?
2 Keiner antwortet: Der Himmel ist erleuchtet, die Augen sind erloschen.
3 Später wache ich auf. In den Armen eines Mannes. Ganz rund. Wir haben keinen Wald, uns zu
verstecken. Du bist der Wald. War die Antwort.
4 Er ist eingeschlafen. Er hat meine Hände gehalten als sei es ein Gebet. Betende Bauchdecken.
Betende Atemstöße. In deiner Größe bin ich groß.
5 Nach Hause gehen heißt nicht mehr nach Hause gehen. Mein Balkon ist ein Sonnenblumenwald.
Mein Herz ist entfaltet. Sein Reißverschluss platzt.
6 ...staubt es.....
7 Der du das Gras auf der Erde riefst, sag ich. Will etwas wollen. Es bleibt jedoch aus.
Bis ich wieder ein Wort finde: Windräder.
8 Hin von sich.
9 Schimmert Hingabe: Du, die vom Regenbogen kommt, erschrecke nicht unsre Kinder.
Lege sie in deine Achselhöhle.
10 Einsamkeit, good old one: Als er rief antwortete niemand; so verwandelte er sich in das Weltall.
11 Nicht mehr jemand anderer sein wollen. Weil du nie jemand anderen so im Arm gehalten hast.
12 Das erfährt man. Dann weiß man es. That´s all.
50
44. Psalm
1 Die Welt (…) seine Muschel: Wir duschen mit dem Wind.
2 Der Himmel verjagt die Wolken. Wir spielen mit ihnen. Als Kinder. Als Blätter und Bänder.
3 Randlos:
4 Aus dessen Mund die Götter kommen
5 Großmutters Zwang strömt zu allen Seiten aus und wird Wind.
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45. Psalm
1 Wenn du leuchtest, dann Leben die Menschen: Wir werden geboren um froh zu sein.
2 Geborgenheit?
3 Das verschollene Kindrad, Todesrad: Der Wind möge meine Schuld davon tragen.
4 Dass er die Trauer wie Kleider von mir abstreift. Aber wer?
5 Im Dunkel, wo nichts ich sagt, Großmutter:
6 Du.
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46. Psalm
1 Ihr Segler der Wolken, Lüfte, Regenspender, ihr nährende Wanderer des Himmels. Will wieder
zwischen die Düfte der Welt gestreut sein.
2 Du bist das Rad, ich bin der Wind.
3 In der Brust tragt ihr das Brüllen des Äthers, vom Wind zerrissen in wildem Gewühl
der den Meeren eine Grenze gezogen hat.
4 Ist Liebe das: Ich bin das Rad, ich bin, der Wind bist du, du bist, wer dreht uns, wen?
5 Klingt meine Linde. Was singt sie?
6 Öffne den Himmel-
7 Oder?
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