Konfirmationspredigt Psalm 150 „Musik“, St. Georgen. 6. Mai 2007 Pfr. Markus Unholz Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde Was Musik nicht alles bewirken kann! Zum Beispiel vier verwahrloste Jugendliche auf einen guten Weg zurückbringen. Oder Lebenskräfte, Emotionen, Glücksgefühle freisetzen – beim Hören, beim Spielen, beim Tanzen. Ob Musik auch etwas mit dem Glauben zu tun hat? Mehr, als es im ersten Moment den Anschein machen mag, wage ich zu behaupten. Ein biblischer Text, der 150. Psalm aus dem Alten Testament, lässt uns gleichsam hören, wie es im Tempel in Jerusalem beim Gottesdienst zugegangen ist. Lobt Gott in seinem Heiligtum. Lobt ihn mit Hörnerschall, lobt ihn mit Harfe und Leier. Lobt ihn mit Trommel und Reigentanz, lobt ihn mit Saiten und Flöte. Lobt ihn mit klingenden Zimbeln. Alles, was Atem hat, lobe den Herrn. Psalm 150,1a.3-6 Ob auch wir Gott loben mit unserer Musik heute morgen, mit der Musik, die ihr hört, die ihr, Sie bei anderer Gelegenheit spielt? Zunächst denken wir heute beim Musizieren und Musikhören kaum an den Glauben, an Gott. Aber ich finde, wenn wir die Lebensgaben, den Rhythmus, den inneren Groove, den wir mitbekommen haben im Leben – den Gott in uns angelegt hat – zum Ausdruck bringen, gerade auch musikalisch, dann ist das so etwas wie ein Lob von Gott. Dieses hat schon im Tempel damals manchmal ganz schön laut und heftig geklungen, wenn wir an die Hörner oder die Trommeln denken. Um Gott kann es auch bei unserem Musizieren gehen, wenn wir uns bewusst werden: Bei allem Üben, bei allem Fleiss, ohne die es keine gute Musik gibt – den musikalischen Funken, die Inspiration, das, was, gerade bei der Musik, tief aus unserem Inneren kommt – das haben wir nicht einfach selbst gemacht, nicht einfach uns selbst gegeben. Das sind schöpferische Kräfte, göttliche Kräfte in uns, Kräfte, Möglichkeiten, die danach drängen, aus uns hervorzubrechen, zum Klingen gebracht zu werden. So wie wir sehr verschieden geschaffen worden sind, so verschieden klingt die Musik, die wir hören und machen. Und das ist gut so. Ich meine, etwas vom Wichtigsten, um Glück, um Erfüllung zu finden im Leben sei, dass wir herauszuspüren versuchen: Was ist meine ganz persönliche Lebensmelodie, was ist mein Rhythmus, was ist mein Stil, der zu mir passt. Das gilt für die Musik, die wir machen und hören, aber umfassender noch überhaupt für die Art, wie wir unser Leben gestalten, welchen beruflichen Weg wir gehen, mit welchen Menschen wir das Zusammenspiel suchen und pflegen. Und es gilt auch für den Glauben: In welcher Art kann ich mich für Gott, jenes grosse Geheimnis, das hinter allem steht, öffnen, so dass es echt, so dass es stimmig ist? Und was folgt daraus für das Zusammenleben, für meinen Einsatz in der Welt, zugunsten der anderen Menschen? Denn Musik drängt nach aussen, ruft nach Hörerinnen und Hörern, schafft Gemeinschaft. Als Band hattet ihr es sicher schon bei euren Proben gut, aber – hoffentlich – noch viel besser, wenn ihr heute auftreten könnt. Wie die Musik ist auch der Glaube nicht einfach bloss etwas fürs stille Kämmerlein. Im Bandnamen, den ihr euch gegeben habt, kommt für mich, ohne dass ihr bei der Wahl des Namens daran gedacht haben werdet, sogar die Verbindung von Musik und Glaube zum Ausdruck: „Mellow crust“ Das bedeutet: Ihr möchtet mit eurer Musik bei uns Zuhörenden die „harte Rinde“ erweichen, den Panzer, mit dem wir uns manchmal umgeben, aufbrechen, ihr möchtet unser Herz erreichen. Worum anders geht es im Glauben, als dass ich mir sagen kann: Da gibt es jemanden, Gott, der mich versteht, dem gegenüber ich mich zeigen kann, wie ich bin, auch mit meinen weichen und verletzlichen Seiten, mit den fröhlichen und den traurigen, den mutigen und zaghaften Klängen, die in meiner Seele sind, weil er verheisst, mit mir zu gehen, wo und wie auch immer ich unterwegs bin. Und wer sich auf dieses Vertrauen einzulassen versucht, der begegnet auch anderen Menschen offener, verständnisvoller, liebevoller, aufmerksamer und hilfsbereiter, der spürt den weichen Kern hinter der manchmal harten Schale. Die harte Rinde, woran man sich in unseren menschlichen Beziehungen die Zähne ausbeissen kann, wird weicher. Wir werden geniessbarer. Bei beidem, der Musik wie dem Glauben, kommt es mindestens so sehr aufs Hören an wie auf das, was man von sich gibt. Eure Band klingt gut, weil nicht jeder sein eigenes Stück spielt, sondern weil ihr euch zusammengefunden habt, miteinander diese Musik entwickelt habt und jetzt, beim Spielen, aufeinander hört. Es war eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe, ich hab das bei einer eurer Proben mitbekommen, eure Verstärker so aufeinander abzustimmen, dass niemand untergeht und niemand den anderen übertönt. Ich finde, und das gilt nicht nur beim Musizieren, sondern überhaupt im Zusammenspiel des Lebens: Es gelingt nicht dann am besten, wenn ich meine eigene Stimme stets möglichst laut ertönen lasse, sondern wenn ich das Wechselspiel pflege und zu spüren versuche: Wann ist der Moment für ein Solo? Und wann ist es Zeit, dass ich mich zurücknehme? Wann kann und soll ich die Menschen, die um mich sind, mit meinen Tönen anregen? Und wann kann ich durch mein Hören auf sie umgekehrt mich anregen, mich bereichern lassen? Wann sind in unserem Zusammenspiel die kräftigen, lauten Töne an der Zeit und wann die feinen und leisen? Das war nämlich auch damals bei der Tempelmusik so: Die Menschen lobten Gott mit Hörnerschall und Trommeln, dass die Wände zitterten. Sie lobten ihn aber auch mit feinen Flötenklängen und zarten Harfentönen. Vielleicht klingt Gott oft nicht mit Pauken und Trompeten, sondern viel leiser, viel unspektakulärer in unser und auch in euer Leben hinein, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde: durch jemanden, der verständnisvoll zuhört, der spürt, was gut tut; in einem lieben SMS, das euch aufstellt; und vielleicht schickt Gott uns zu jemand anderem, dem wir einfach durch unser Dasein eine Hilfe sein und Mut machen können. Gott, der Schöpfer der lauten und der leisen Töne, der grossen und der kleinen Dinge, Jesus Christus, der fröhlich feiern und still für Menschen da sein konnte, und der Heilige, der göttliche Geist, der Atem unseres Lebens, zeigt sich in der ganze Spannweite unseres Lebens, da bin ich überzeugt. Und Gott will uns zu unserer je eigenen, persönlichen Lebensmelodie inspirieren. Er möchte mitspielen in unserem Leben und uns zu einem guten Zusammenklang verhelfen: unter den Menschen, mit denen wir zusammenleben, und in weltweiter Dimension. Gerade da können wir die Herausforderungen, die sich uns heute stellen, etwa die Klimaveränderung oder Armut und Hunger, nur miteinander angehen. All das ist ja nicht einfach gottgegeben, sondern es ist das Zusammenspiel im Orchester aller engagierten Menschen gefragt. Dann lässt sich nicht nur das zwischenmenschliche, sondern sogar unser Erdklima zum Positiven beeinflussen. Wo wir, spielend und hörend, an einem Festtag wie heute und im Alltag, mit all unseren Instrumenten, mit unseren Möglichkeiten und Gaben, mitspielen im grossen „Konzert des Lebens“, da loben wir Gott, indem wir ausleben, was er in uns angelegt und wozu er uns das Leben gegeben hat – für uns und andere Menschen. Wie eindrücklich hat es im Rap von Milena getönt: „Ich denke positiv, positiv und nicht negativ, weil ich am Leben bin. Ich glaube nicht an Konventionen und die Macht von Kirchen“ – ja, wenn es einfach um Macht geht in Kirchen und nicht darum, wovon der Text gleich weitersingt, dann läuft wirklich etwas falsch. „Ich glaube an die Liebe, glaube an Träume, die die Realität besiegen mit der Kraft der Liebe. Ich liebe das Leben, weil die Bäume grün sind und die Rosen rot blühen. Ich liebe die Taube, die fliegt, die Lichter der Stadt, das Leuchten der Sterne und die Strahlen der Sonne. Oh, ich liebe dieses Leben.“ In diesem Sinn, wünsche ich euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, in eurem Erwachsenenleben, das nun vor euch liegt, einen guten Sound! Amen.