Von Utz Thimm

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Hessischer Rundfunk
hr2-kultur
Redaktion: Dr. Karl-Heinz Wellmann
Wissenswert
Alles wandert – Migration als Prinzip des Lebens (6)
Eva aus Afrika
Von Utz Thimm
Montag, 03.03.2008, 08.30 Uhr, hr2-kultur
Sprecher: Utz Thimm
08-034
COPYRIGHT:
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Lange Zeit schien es so, als sei der moderne Mensch, der Homo sapiens, an vielen verschiedenen
Orten der Welt entstanden. Sein Vorgänger, der Homo erectus, wurde immerhin auf drei
verschiedenen Kontinenten gefunden: In Java grub 1891 der junge holländische Arzt Eugène Dubois
zufällig auf den Zentimeter genau an einer Stelle, wo im Umkreis von Tausenden von Kilometern
noch nie zuvor auch nur die Andeutung von einem Urmenschen gefunden worden war. Er stieß
auf ein Schädeldach und auf einen Zahn von einem Wesen, das wir heute zu Homo erectus
rechnen. In der Nähe von Peking wurden in den 1930er Jahren sogar die Überreste von 45
Individuen gefunden. Bei Heidelberg wurde der Homo heidelbergensis gefunden,
auch er war
ein Homo erectus. Und in Afrika sind die Fundorte so zahlreich, dass man sie gar nicht alle
einzeln aufzählen kann: es gibt sie in Algerien und Tunesien, im Tschad, in Äthiopien, Kenia
und Tansania. Aus diesen lokalen Homo-erectus-Formen, so lautete ursprünglich die Hypothese,
sei jeweils in Asien, in Afrika und in Europa der moderne Mensch, der Homo sapiens, entstanden.
Allerdings fehlten dazu die entsprechenden Fossilfunde.
O-Ton 1, Prof. Friedemann Schrenk, 5”:
“Und dann war die Verwirrung komplett, denn dann war die Frage, wo ist denn jetzt eigentlich
der moderne Mensch entstanden?”
Professor Friedemann Schrenk. Er ist Abteilungsleiter am Forschungsinstitut Senckenberg und der
führende Paläoanthropologe in Deutschland.
O-Ton 2, Prof. Friedemann Schrenk, 30”:
“Die eine Hypothese ist das so genannte multiregionale Modell. Und das bedeutet, dass
Homo sapiens entstanden ist an verschiedenen Stellen der Welt, zum Beispiel in Südostasien,
zum Beispiel in Ostasien und zwar aus afrikanischen Vorfahren, die allerdings schon eben
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vor zwei Millionen Jahren ausgewandert sind. Denn die erste Auswanderung aus Afrika
war vor zwei oder etwas über zwei Millionen Jahren.”
Heute halten nur noch chinesische Wissenschaftler an der These fest, der moderne Chinese sei
unmittelbar in China aus dem vorhergehenden Homo erectus entstanden. Praktisch alle anderen
Paläoanthropologen sind sich dagegen einig, dass auch der moderne Mensch aus Afrika gekommen
ist. Diese Hypothese heißt deswegen auf Neudeutsch die “Out-of-Africa-Hypothese”.
O-Ton 3, Prof. Friedemann Schrenk, 45”:
“Und das ist nach der Fundlage, der paläoanthropologischen Fundlage und nach der
Datierung dieser Funde auch die wahrscheinlichste, denn die ältesten Funde des anatomisch
modernen Menschen kommen aus Afrika. Also, der älteste moderne Mensch sieht genauso
aus wie wir, ist 160 000 Jahre alt; das ist der Fund von Herto in Äthiopien. Es gibt ein
paar Funde, die sind sogar noch älter, Kibish zum Beispiel, 230 000 Jahre. Also wir können
davon ausgehen, dass der anatomisch moderne Mensch vor 200 000, vielleicht sogar schon
vor 250 000 Jahren in Afrika bereits längst entstanden war.”
Zu erkennen ist der moderne Mensch daran, das ihn nichts, aber auch gar nichts von heute
lebenden Menschen unterscheidet. Wenn man ihn in Anzug und Krawatte steckte, würde er einem
in der U-Bahn nicht auffallen.
O-Ton 4, Prof. Friedemann Schrenk, 16”:
“Der moderne Mensch hat die typische Schädelform, die wir haben, also keine
Augenüberwülste, ein Schädeldach, das nicht nach hinten fliehend ist, ein Kinn, einfach
alle Merkmale, die wir auch haben.”
Dieser moderne Mensch hat sich in den ersten rund 100 000 Jahren seiner Existenz nur in Afrika
ausgebreitet. Erst danach ist er ins Gebiet der heutigen Staaten Israel, Libanon und Syrien
vorgedrungen. Klimatisch gesehen unterschied sich damals dieses Gebiet
nicht von den
afrikanischen Verhältnissen. Im Grunde hatte die Menschheit also auch vor 100.000 Jahren noch
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gar nicht den Schritt aus Afrika heraus unternommen. Der nächste Nachweis menschlicher Fossilien
findet sich dagegen an einem Ort, wo man ihn kaum erwarten würde: ausgerechnet im fernen
Australien. Die ersten Australier werden wohl kaum mit dem Boot von Afrika quer über den Indischen
Ozean übergesetzt sein, weswegen Friedemann Schrenk eine Ausbreitung entlang der südasiatischen
Küsten für plausibel hält, auch wenn er das nicht mit Fossilien belegen kann.
O-Ton 5, Prof. Friedemann Schrenk, 22”:
“Das ist das Besondere bei Homo sapiens, dass dann entlang der Küsten diese
Ausbreitungen passieren, wahrscheinlich schon vor 120 000 Jahren über die Arabische
Halbinsel nach Indien und nach Australien. Vor ungefähr 70 000 Jahren dürften da die
ersten modernen Menschen angekommen sein.”
Dass der Mensch sich vorzugsweise entlang der Küste ausbreitet, konnte man schon in Afrika
beobachten, und man wird es später auch in Amerika beobachten können. Deswegen ist es
plausibel, dass der Mensch sich auch entlang der Küsten der Arabischen Halbinsel und Indiens
ausgebreitet hat. Damals lag allerdings der Meeresspiegel erheblich tiefer, weil durch eine Eiszeit
sehr viel Wasser in Gletschern gebunden war. Die entsprechenden Fundstätten dürften also heute
tief unter Wasser liegen. So kommt es, dass die Spuren des modernen Menschen zuerst in Afrika
und im Nahen Osten auftauchen und dann als Nächstes weit entfernt in Australien.
O-Ton 6, Prof. Friedemann Schrenk, 30”:
“Wobei man sagen muss: Eine Generation vielleicht fünf Kilometer. Diese 10 000 Kilometer,
die hat man dann in 40 000 Jahren zurückgelegt, das ist eigentlich kein großes Problem.
Es ist eher eine langsame Ausbreitung und keine Wanderschaft in dem Sinn, sondern eine
langsame Verbreitung des Lebensraums.”
Bei den Fossilfunden klafft also eine ärgerliche Lücke, was Südasien angeht. Zum Glück gibt
es noch eine andere Methode, die Ausbreitung des modernen Menschen zu verfolgen, denn wir
tragen alle die Spuren unserer Geschichte in unserem eigenen Erbgut. Der größte Teil unseres
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Erbguts ist für Abstammungsuntersuchungen allerdings eher ungeeignet. Erbanlagen werden in aller
Regel in zwei Kopien von der Mutter und vom Vater vererbt und dabei ständig durcheinander
gemischt. Es gibt allerdings zwei Bereiche im Erbgut, die entweder streng in mütterlicher Linie
oder streng in väterlicher Linie weitergegeben werden, berichtet Joachim Burger. Er ist Professor
für molekulare Archäologie an der Universität Mainz:
O-Ton 7, Prof. Joachim Burger, 15”:
“Vor allem ist das die mitochondriale DNA auf der einen Seite, die wirklich nur von der
Mutter an ihre Nachkommen vererbt wird, sowohl an die Töchter als auch an die Söhne,
und andererseits die Y-chromosomale DNA, die vom Vater an die Söhne weitergegeben
wird.”
Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zelle, sie besitzen tatsächlich ein eigenes Erbgut außerhalb
des Zellkerns, und Mitochondrien werden immer nur von Müttern an ihre Nachkommen
weitergegeben. Außerdem mutiert das Erbgut in den Mitochondrien schneller als das Erbgut im
Zellkern, und das ist für Abstammungsuntersuchungen eine wünschenswerte Eigenschaft.
O-Ton 8, Prof. Joachim Burger, 21”:
“Genau, das ist das Nette an den Mitochondrien, beziehungsweise an der mitochondrialen
DNA. Wir suchen ja immer nach Unterschieden, das heißt, wir versuchen verschiedene
Bevölkerungen voneinander zu unterscheiden immer mit historischem Blickwinkel. Und auf
der mitochondrialen DNA sind vergleichsweise die Unterschiede am häufigsten, weil sie eine
schnellere so genannte Mutationsrate hat.”
Jeder hunderste Buchstabe im Text des mitochondrialen Erbguts weicht vom Standardtext ab, ist
also mutiert. Im Zellkern ist es dagegen nur etwa jeder tausendste Buchstabe. Die erste, die
die Idee hatte, das für einen Stammbaum auszunutzen, war 1987 Rebecca Cann von der Universität
von Berkeley in Kalifornien.
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O-Ton 9, Prof. Joachim Burger, 23”:
“Rebecca Cann hat vor gut 20 Jahren als Erste weltweit Proben auf allen Kontinenten
gesammelt und hat dort einen Baum konstruiert, der erstmals klare genetische Hinweise
darauf lieferte, dass es einen Abstammungsursprung aller heute lebenden Menschen in Afrika
gibt.”
Anschaulich wurde damals in den Medien von der afrikanischen “Eva” gesprochen. Die Redeweise
von “Eva” ist insofern berechtigt, als sämtliche menschlichen Mitochondrien tatsächlich auf eine
einzige Frau zurückgehen, die einmal in Afrika gelebt hat. Die Redeweise von “Eva” ist allerdings
auch irreführend, denn neben dieser Frau haben natürlich auch noch andere Frauen gelebt, deren
mitochondriales Erbgut im Laufe der Zeit allerdings verloren gegangen ist.
Wenn man in diesem biblischen Sprachgebrauch bleiben will, dann gibt es neben “Eva” auch
einen “Adam”, erläutert Dr. Ruth Bollongino. Sie ist wissenschaftliche Angestellte im Labor von
Professor Burger und beschäftigt sich mit Y-Chromosomen.
O-Ton 10, Dr. Ruth Bollongino, 14”:
“Männer haben ja ein X- und Y-Chromosom, wohingegen Frauen nur zwei X-Chromosomen
haben. Es gibt einen Bereich innerhalb des Y-Chromosoms, der auch nicht rekombiniert,
und der unverändert von den Vätern auf die Söhne weitergegeben wird.”
Y-Chromosomen haben sich für die genetische Analyse sogar als besonders geeignet herausgestellt.
Zwar ist bei ihnen die Mutationsrate viel niedriger als in den Mitochondrien, dafür sind die
verwendbaren Abschnitte im Erbgut erheblich länger. Aus den Mutationen, den so genannten
Markern, hat sich ein noch detaillierterer Stammbaum erstellen lassen. Zum Beispiel tragen sämtliche
nicht-afrikanischen Männer einen Marker namens M168 auf ihrem Y-Chromosom, der sie von
afrikanischen Männern unterscheidet. Die meisten europäischen Männer sind zusätzlich durch den
Marker M173 gekennzeichnet. Bei ihnen steht an einer bestimmten Stelle im genetischen Text
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statt des Buchstabens A, wie man es erwarten sollte, ein C. Aus einer Reihe solcher Marker
lässt sich ein genetischer Stammbaum entwickeln.
O-Ton 11, Dr. Ruth Bollongino, 24”:
“In Bezug auf die 'Out-of-Africa'-Theorie gibt es ein recht ähnliches Bild. Das heißt, die
heutigen Linien, die wir finden auf den Y-Chromosomen, die wurzeln alle in Afrika. Und
auch innerhalb Afrikas haben wir hier die größte Variabilität, wohingegen dann außerhalb
Afrikas die Variabilität nachlässt, insbesondere in den peripheren Regionen wie Europa,
Australien und so weiter.”
Drei verschiedene Methoden – Fossilfunde, sowie genetische Stammbäume in weiblicher Linie aus
Mitochondrien und in männlicher Linie aus Y-Chromosomen – sie kommen zum selben Ergebnis:
Alle Menschen sind Afrikaner. Wenn die genetischen Methoden die Fossilfunde bestätigen, dann
darf man ihnen wohl auch dort trauen, wo die Fossilfunde bisher fehlen. Joachim Burger beschreibt,
wie es aus genetischer Sicht weiterging.
O-Ton 12, Prof. Joachim Burger, 43”:
“Von der genetischen Seite ist es zumindest von den Linien, die überleben, so, dass eine
relativ begrenzte Auswanderung aus Afrika wahrscheinlich über das Nildelta erfolgte,
möglicherweise auch über den Süden Jemens oder den Süden der arabischen Halbinsel.
Dort eine Aufspaltung der Gruppen, wobei die eine langfristig gesehen Südasien und etwas
später Nordasien besiedelt und die andere die Steppe und Europa besiedelt. Das Ganze
findet nach konservativen Schätzungen spätestens vor 60 000 Jahren statt, muss auch
stattgefunden haben, denn vor 50 000 Jahren findet man ja die ersten Funde in Australien.”
Man kann die ersten Australier nicht genug bewundern, denn selbst während der Eiszeit war
Australien immer noch durch eine mehr als 100 Kilometer breite Wasserstraße von Asien getrennt.
Australien lag also hinter dem Horizont. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Menschheit,
dass sich Menschen auf den offenen Ozean hinaus getraut haben, eine Leistung, die wir Europäer
zum Beispiel erst im 15. Jahrhundert nach Christus gewagt haben.
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Amerika wurde erst sehr spät aus der Mongolei heraus besiedelt, weil die ersten Amerikaner –
anders als die Australier – anscheinend nichts von Schifffahrt verstanden. Berichte, die eine Zeitlang
für Furore gesorgt hatten, wonach der Mensch bereits vor 40 000 Jahren nach Amerika gelangt
war, haben sich nicht bestätigen lassen.
O-Ton 13, Prof. Joachim Burger, 44”:
“Wenn man konservativ sich die gesicherten Daten von amerikanischen Fossilfunden
anschaut, dann sind die in der Regel zwischen 14- und 16 000 Jahren. Das passt auch
sehr gut. Das ist genau die Zeit, wo das Nordamerikanische Eisschild einen Korridor freigibt,
wo Menschen dort hindurch gehen können. Sie können parallel dazu an der Küste entlang.
Interessanterweise sind die Besiedlungen Südamerikas nicht sehr viel später als
Nordamerikas. Das Szenario ist ja das Eindringen von Menschenpopulationen über die
Beringstraße, die ja nicht unter Wasser war zu gewissen Zeitpunkten, und dann sukzessive
ein Vordringen vom Norden nach dem Süden. Bislang hat man aber im Süden, tendenziell
die zeitgleichen, wenn nicht sogar die älteren Funde gemacht.”
Auch hier scheint der Mensch den Durchmarsch entlang der Küste gemacht zu haben. Er hat
Nordamerika erst mal links liegen gelassen und zunächst Südamerika besiedelt. Das ist nicht so
verwunderlich, bedenkt man, dass der Mensch schließlich aus Afrika stammt. In Amerika scheint
er die klimatischen Bedingungen seiner ursprünglichen Heimat gesucht zu haben.
Klimatische Gründe waren es wohl auch, die erst spät zur Besiedlung von Europa führten. Hier
lebte bereits der Neandertaler, der hervorragend an die Bedingungen der Eiszeit angepasst war.
Der moderne Mensch erschien erst vor 40 000 Jahren auf der europäischen Szene, erzählt Ruth
Bollongino, nachdem er sich in Asien schon mal an raueres Klima gewöhnt hatte.
O-Ton 14, Dr. Ruth Bollongino, 20”:
“Europa wird nicht direkt aus Afrika besiedelt, sondern über einen kleinen Umweg über
Asien. Das heißt, bevor die ersten anatomisch modernen Menschen nach Europa gekommen
sind, gab es schon bereits Besiedlung von Südaustralien und auch Zentralasien. Und von
dort aus gab es dann relativ spät eine Einwanderung nach Europa.”
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Und diese Wanderungsbewegung war beileibe nicht die letzte. Zuwanderungen in klimatisch und
für das Überleben attraktive Regionen sind auch heute noch ein vertrautes Muster. Mit dem
Unterschied freilich, dass es unbesiedelte Gebiete heute kaum noch gibt. Friedemann Schrenk.
O-Ton 15, Prof. Friedemann Schrenk, 21”:
“Was ich meine ist: Wir sollten uns klar darüber sein, dass die Menschheit schon immer, schon
seit Hunderttausenden von Jahren Expansionsbewegungen gesehen hat verschiedener Gruppen in
verschiedene Richtungen aus verschiedenen Gründen. Das wird nicht aufhören, auch heute nicht,
auch beim modernen Menschen nicht. Und das ist nichts Schlechtes.”
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