Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger: Tourismus und Entwicklung

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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
Baumhackl, Herbert / Habinger, Gabriele / Kolland, Franz / Luger, Kurt:
Tourismus und Entwicklung. Zur Gleichzeitigkeit von Integration und
Peripherisierung. S. 7 – 15
Wachstum d. Tourismus und Auswirkungen auf „Dritte Welt“ wird kontrovers diskutiert.
Ausbau dieses Wirtschaftssektors führt zu einer stärkeren Integration in Weltwirtschaft.
Konditionen dieser Integration und die daraus folgenden ök., soz., kult. und pol. Effekte
entscheidend.
ModernisierungstheoretikerInnen sehen mehr Vorteile (va. ökonom.) als Nachteile,
Tourismus trägt zur Wohlfahrt bei („Euphoriephase“). Vorteile: Integration in Weltmarkt,
neue Arbeitsplätze (statt Subsistenz). Ök. Nutzen: Devisen-, Beschäftigungs-, Infrastrukturund Multiplikatoreffekte. Zusätzlich „Völkerverständigung“. Tourismus als „Vehikel“ einer
nachholenden Entwicklung angesehen. Zudem ist Tourismus als „weiße Industrie“
vergleichsweise kaum Umwelt-belastend.
Imperialismus- und DependenztheoretikerInnen: sehen in Tourismus Aufrechterhaltung
der Unterentwicklung („Ernüchterungsphase“). Tourismusindustrie wird von reichen Ländern
dominiert, Gewinne fließen in den Norden. Verantwortlich dafür: internationale Terms of
Trade, Macht der ausländischen Investoren. Nationale Kontrolle über Entwicklungsprozess
dadurch gehemmt. Abhängigkeit von Global Players (Vorwurf des Neokolonialismus) und
geringe Möglichkeiten eines eigenständigen Entwicklungsspielraumes werden kritisiert.
„Strukturelle Heterogenität“ wird gefördert, Bevölkerungsmehrheit wird pol., soziokulturell
und ök. marginalisiert, totalitäre u. undemokratische Regimes werden gefestigt. Nur lokale
Eliten profitieren, die Arbeitsplätze sind meist nur saisonal. Zusätzlich vor Zunahme sozioök.
und räumlicher Ungleichheit und vor wachsender kultureller Entfremdung gewarnt. Lösung:
EL sollen sich auch beim Tourismus abschotten
Pauschale Bewertungen sind jedoch abzulehnen, die Wissenschaft soll sich daher auf
Fallbeispiele konzentrieren und die Faktoren im jeweiligen Kontext diskutieren.
Mitte der 80er: pragmatische Bewertung (Scheitern der großen Theorien), es kommt zu
Synthese beider Extrempositionen. Propagiert wird „Strategie des angepassten Tourismus“.
Ferntourismus sollte in sozial- und umweltverträglichere Bahnen gelenkt werden,
KonsumentInnen sollten besser auf Reisen vorbereitet werden.
Mitte der 90er: Perspektivenwechsel: „nachhaltiger Tourismus“. Die Einheimischen als
Mitentscheider und ökologische Aspekte rücken in den Vordergrund touristischer
Entwicklungsperspektiven. Tourismus mittlerweile von UNO (hier UNCTAD und WTO:
World Tourism Organisation) als entscheidender Faktor zur Armutsbekämpfung angesehen
(Tourismus für 49 ärmste Länder (LDCs) mittlerweile Haupteinnahmequelle).
Historischer Abriss: eigentliche Anfangsphase des Ferntourismus: spätes 19. Jhd. Geprägt
durch Ausbau des Post- und Nachrichtenwesens, von Errungenschaften der Technik,
Entwicklung des Verkehrswesens (Dampfschifffahrt, Eisenbahn), sowie durch steigenden
Wohlstand des Bürgertums (1841: erste Pauschalbahnreise von Thomas Cook).
Zuerst va. Adel, Bildungsbürgertum und Beamte gereist, gegen Ende des 19. Jhd. vermehrt
auch Unternehmern, Angestellte und Lehrer. Hohes Sozialprestige mit Reisen verbunden:
stärkt Standesbewusstsein der Mittelschicht.
Reiseziele: bis 1960er Jahre afrikanische und asiatische Mittelmeerländer (historische Stätten,
Klima), Ostafrika zur Großwildjagd. Für USA va. Karibik als Zielgebiet.
Reiseliteratur war stark ethnozentristisch: Leserschaft wollte Geschichten über exotische Orte
und Menschen ohne Zwänge der bürgerlich-viktorianischen Gesellschaft. Zudem sollte
Überlegenheitsgefühl bestätigt werden. Auch sollte der imperiale Zugriff auf
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außereuropäische Gebiete (Entwicklungsgedanke als Legitimation für wirtschaftlich-koloniale
Interessen) gerechtfertigt werden.
Seit 18. Jhd. in Wissenschaft Fokus auf andere Kulturen (als mögl. Gegenkonzepte zur
eigenen Gesellschaft). Anfang 20. Jhd. wird Feldforschung zur gängigen Praxis: schmaler
Grat zwischen „going native“ (Aufgehen in fremder Kultur) und wissenschaftlicher
Bewertung die gewisse Distanz erfordert wird augenscheinlich.
Seit 60er Jahren ist Reiseindustrie einer der am stärksten wachsenden Wirtschaftsbereiche.
Reiseverkehr vollzieht sich jedoch hauptsächlich zwischen den OECD-Staaten, EL profitieren
kaum (europ. Länder: 2/3 der Reisenden, ¾ der Einnahmen).
Va. aber mikrosoziologischen Auswirkungen des Reisens in EL zentral: starke Zunahme d.
Tourismus in d. 70ern in bis dahin wenig erschlossene Gebiete machte ökologische, kulturelle
und soziale Folgen bewusster.
Tourismus ist immer Interaktionsbeziehung: Frage, wie diese positiv gestaltet werden kann.
Reisen ist zwar individuelle Angelegenheit, aber mit vielen sozialen Implikationen: Objekte
und Orte unterliegen sozialer Zuschreibung (Orte bleiben gleich, aber symbolisches Kapital
verändert sich), sozialer Positionierung und Abgrenzung (Zugang zum Reisen weiterhin
ungleich verteilt: verschiedene Hotelkategorien und Sportarten drücken unterschiedliche
soziale Positionen und Habitusformen aus).
Byer, Doris: Zur Anthropologie des Reisens und der Geschichte von
Entwicklungstheorien. S. 16 – 37
Einführung: Reisen = Berührung mit anthropologischen Differenzen: Lernprozess,
Differenzen werden von verschiedenen Gesellschaften immer wieder neu produziert
Reisen impliziert auch Angst vor der Ungewissheit: Erschütterung unseres
Selbstverständnisses => Offenheit für Neues
Trennungsprozess: Tod = „letzte Reise“, „Heroismus“ des Reisens in fortschreitenden
Überwindung von Raum und Zeit, um den Preis der existenziellen Gefährdung begründet:
Gefahren/ Angst müssen überwunden werden um eigenen Horizont zu erweitern => Profite
aller Art
Konfrontation mit fremder Sprache, unbekannten Verwandtschaftssystemen: stellt
Verständigung, Zugehörigkeit, Identität in Frage
 Ambivalenz des Reisens: Kann zu Weisheit und Reife führen, aber auch Borniertheit
verstärken
Zum Status des Reisenden
Einschätzung des Reisens als freiwilliger Akt, dem reichen Norden in der Moderne
vorbehalten => eigentlich unbegründet (bedeutende Reiseliteratur von Flüchtlingen, Mobilität
der unteren Schichten im vormodernen Europa, Reisen in tribalen Gesellschaften)
Bewegungsfreiheit aber immer ein gefährdetes Gut, Gegenstand sozialpolitischer Strategien:
Reisen wird immer reflektiert und differenziert
Wer als „Reisender“ gilt wer nicht, hängt nicht nur vom sozialen Status ab (Führer,
Dolmetscher, Träger, Seeleute nicht als Reisende wahrgenommen) sondern auch davon,
inwieweit der Protagonist in der Lage ist, sich in den repräsentativen Reisediskurs
einzubringen: Bsp.: Tahitianer O-Mai, der James Cook nach London begleitete => nicht
wagemutiger Reisender sondern Anschauungsobjekt
Legitimierung als Reisender erfolgt immer über eine Öffentlichkeit (auch z.B. Freundeskreis,
dem man nach Rückkehr zu einem Diaabend einlädt)
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Zur Repräsentation des Reisens
Europa
 Thematisierung der europäischen Reisekultur Aufklärung-Moderne
Georg Forster (18.Jhd): begleitete schon als Kind seinen Vater auf Reisen, Assistent bei
wissenschaftlicher Expedition von James Cook => offizieller Reisebericht bedeutendes
Quellenwerk
Aufgeklärter Humanist, Selbstverständnis als im Dienste der Menschheit stehend,
Verbundenheit mit der Idee der universellen Entwicklung der Menschheit: Klassifizierung der
bereisten Völker nach Entwicklungsstufen, Grad der Naturbeherrschung, Sittlichkeit, Europa
= höchste Stufe (lässt anderen Völkern Wohltaten zukommen, schöpft daraus sein gutes
Gewissen)
Aber auch Kritik an den „zivilisierten Völkern“ (Kontakt mit „unschuldigen Wilden“ sollte
abgebrochen werden um jene nicht zu verderben)
René Caillié (19.Jhd): Waisenkind aus ärmsten Verhältnissen => Flucht; Reisen nach
Senegal, Sudan, Niger; weder Gelehrter noch Kaufmann, reiste unter prekären Verhältnissen,
ohne Empfehlungen oder Pass, Finanzierung durch Gastfreundschaft, Bettelei
Reiste in Verkleidung als Muslim, Ausbildung in einer maurischen Koranschule: konnte
transkontinentales Netzwerk der verpflichtenden islamischen Gastfreundschaft nutzen,
Entdeckung seiner wahren Identität hätte Todesurteil bedeutet => Aufzeichnungen erst nach
seinem Tod gewürdigt
 Ambivalenz Cailliés Haltung gegenüber seinen Gastgebern, Eurozentrismus
 Verkleidung paradigmatisch für grundsätzliche „Unaufrichtigkeit“ in den Beziehungen
zwischen Europa und dem Rest der Welt
19.Jhd.: Joseph Conrad: Roman „Herz der Finsternis“: Reise in den Kongo
Stereotyp des „Wilden“: prähistorisch wahrgenommene Existenzweise, weiß noch nichts von
Entwicklung und der Zerrissenheit des modernen Menschen
 radikale Distanzierung von den „Wilden“: schließt jede Verständigung aus, ermöglicht
Verdrängung jeder Verantwortung für ungebetenes Eindringen in ihr Gebiet
 Vgl.: Besuch eines Ethnotourists in indigenem Dorf: als „Zeitreise“ wahrgenommen:
Instrumentalisierung dieses Bildes für Werbung durch Tourismusindustrie
Afrika
Reisekultur des „inferioren Anderen“: Bedeutung des Reisens im Subsaharischen Raum:
Völker der Tuareg und der Soninké: muslimische Gesellschaften
Islam: große Reisetradition: Pilgerreisen, Bildungsreisen zu berühmten Gelehrten,
therapeutische Reisen, Verwandtenbesuche an islamischen Festtagen
Koranschulen => weltweites Kommunikationsnetz, sichere Infrastruktur, Verpflichtung zum
Gastrecht => Struktur wesentlich für Herausbildung mächtiger Bruderschaften: enge
Verknüpfung Reisen, Lernen, Profitieren
1. Tuareg: nomadische Reisekultur: ökologisch bedingte, zyklische Ortsveränderung:
bipolares Verhältnis zwischen Ruhe und Reise: Reifung des Individuums,
Konsolidierung der Gesellschaft
Erweiterung von Allianzen, Festigung von sozialen Netzwerken, Domestizierung
bedrohlicher Räume
Nomadentum (zyklisch sich wiederholende Ortsveränderung, überschaubare Etappen
umschließen Territorium spiralförmig) vs. Reisen (einmalige, in besonderem Kontext
eingebettete Ortsveränderung
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„Zu Hause“ = geschützt, Frau gehört der Welt des „Innen“, der Mann der Welt des
„Außen“, Frau kann per Definition nie eine Reisende sein, jede Ortsveränderung von
ihr wird der stabilisierten Weltordnung des Nomadentums zugeordnet
Erziehung zum fähigen Reisenden ist zentrales gesellschaftliches Anliegen der Tuareg,
Vorbereitungen auf Reise der daheimbleibenden Gruppe zu verdanken =>
Verpflichtung bei der Heimkehr Geschenke, Wissen, neue Allianzen mitzubringen
2. Soninké: sesshafte Ackerbauern, Kaufleute, aristokratisch regierte Kastengesellschaft
Versuch durch Reisen gesellschaftlichem Druck zu entgehen, sich in der Ferne zu
profilieren: nach Rückkehr Gründung des eigenen Hausstands
Galten aufgrund ihrer Mobilität bei der französischen Kolonialmacht als derart
intelligent, dass man ihnen eine weiße Abstammung andichtete
Soninké schufen in der Fremde Infrastruktur => Gewährleistung sozialer Kontinuität
mit der Heimat
Heute im Ausland lebende Soninké: Transfer ihres Einkommens an Familie nach
Senegal, Mauretanien, Mali: knüpft an traditionelles Wertesystem an, ist aber nicht
mehr mit Ziel der Rückkehr verbunden: Verschlechterung der Lebensbedingungen =>
Reisen wurden zum Exil
„Illegale“ oder Touristen
„Illegale“: neue Kategorie der Differenz, europäische Politik der Diskriminierung, kollektive
Kriminalisierung von Reisenden aus Afrika: eigentlich große „heroische“ Reisende unserer
Zeit: Aussetzung existenzieller Gefahren, Hoffnung auf Ruhm, Wohlstand, Weisheit; stranden
an „Nicht-Orten“
Europäische Grenzen bis an den Maghreb verschoben, Verteidigung der Grenzen gegen
illegale Immigration an Lybien, Marokko, Algerien, Tunesien delegiert: „eisener Vorhang“
mit Wachtürmen => Unverständnis bei den Soninké: begreifen sich als Touristen
Ferntourismus aus den Industrienationen: Suche nach dem Paradies, nicht an der Realität am
Urlaubsort interessiert, Ansprüche der Touristen mit Bedürfnissen und Gewohnheiten der
Einheimischen nicht kompatibel: Bezahlung für Kost und Quartier => macht Freundschaft,
Allianzbildung mit dem Gast unmöglich; wachsende Asymmetrie der Wirtschafts- und
Machtbeziehungen
Tourismus hat in dem Sinn nichts mit Völkerverständigung zu tun: Erfüllung von
Wunschphantasien westlicher Touristen um Defizite der heimischen Lebensbedingungen zu
ertragen
Tourismus als Industrie: Herausbildung im Rahmen spezifischer ökonomischer und sozialer
Strukturen, Repräsentation durch entsprechenden Diskurs: Konzept des Reisens als
Zerstreuung,
Vergnügen,
Erholung,
Organisationsform
als
industrialisierter
Dienstleistungsbetrieb => Entstehung in Westeuropa Mitte 19.Jhd. (1. Pauschalarrangement
für Weltreisende von Thomas Cook 1841)
Verbindung von Reisen und Erholung Wende 19./20. Jhd.: Formulierung des Rechts des
Arbeiters auf eine Urlaubsreise, z.B.: 1937: Organisation von Reisen durch
nationalsozialistischen Freizeit-Verein KdF (Kraft durch Freude) => populäre Institution:
Reisen als ideologische, politische Indoktrinierung, organisiertes Reisen um autonomes
Denken zu verhindern
Vgl. heutiges „Ausspannen“ im Dienste einer totalitären Verbraucherideologie:
Tourismusbetriebe in Billiglohnländern mit permanentem Angebot zur Animation,
gebliebenes Grundbedürfnis nach Abenteuer durch alternativer „Abenteuertourismus“ ohne
Risiko gedeckt
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ABER: wachsende Kluft zwischen arm und reich: Sicherheit des Reisens wird zunehmend
brüchig
Ökonomische Auswirkungen des Massentourismus: regional unterschiedlich zu bewerten,
zerstört Ressourcen: spezifische soziale Desintegration, einseitige Ausbildung der lokalen
Bevölkerung => Unterbindung von Innovationen, Verhinderung nachhaltiger regionaler
Entwicklung
Anfang und Ende der Entwicklungstheorie
Herausbildung von Entwicklungstheorien durch Erfahrungen großer Reisender und Interessen
der europäischen Staaten: universelles Weltbild von Entwicklung: universelles Fortschreiten
zur Vervollkommnung vorhandenen Potenzials, Menschen im Prinzip gleich, nur verschieden
im Rahmen einer vertikalen Entwicklung
Aufklärung: Bewertung unterschiedlicher Völker nach Entwicklungsstufe ihrer „Vernunft“
und „Gesittung“
Evolutionismus: naturimmanenter Wandel in der Zeit, einfache Form trägt potenziell alle
Stufen in sich, die sie in späteren Stadien durchlaufen muss, spätere Form = höher, besser,
Endpunkt = Höhepunkt (= Europa)
Alle nicht westlichen Gesellschaften => „ursprüngliche“, „stagnierte“, „primitive“
Gesellschaften ohne eigene Geschichte => Legitimation von Erziehung, Bekehrung,
Assimilation, auch mit Gewalt
Vgl. gegenwärtige Praxis humanitärer Organisationen in Asien und Afrika: unmittelbare
Kontinuität des kolonial-humanistischen Anspruchs
Modernisierungstheorien:
„Unterentwicklung“:
neoevolutionistische
Schule
der
Anthropologie: Rostow: Entwicklung in 5 Phasen, Take-Off etc.
Kritik dieser postkolonialen Entwicklungstheorien erst mit Zusammenbruch ehemaliger
Schwellenländer relevant => stellte jahrhundertealte Entwicklungspolitik in Frage
(Ressourcen von 5 Planeten wie der Erde wären nötig um der Weltbevölkerung den Lebensstil
eines durchschnittlichen Amerikaners zu ermöglichen)
Auflösung von Raum und Zeit vs. Wachsen der weltweiten Asymmetrie, Verteilung der
Ressourcen: Destabilisierung der Gesellschaft
Dürbeck, Gabriele: Stereotypen und Darstellungsmuster des Fremden.
Ozeanismus in der Südsee- Literatur des 19. Jahrhunderts. S. 38 Zur Entstehung des Südsee- Mythos um 1770
Die Forschungsreisen in den Südpazifik wurden im Entdeckungszeitalter seit 1766 vor allem
von einer Vorstellung eines terra australis incognita vorangetrieben. Die mehrjährigen
Expeditionen von Bougainville, Wallis, Cook u. a. führten zur Entdeckung, Vermessung und
Erforschung von hunderten Inseln. In den Beschreibungen finden sich zwei gegensätzliche
Vorstellungen von der Südsee, die zwischen
- Paradies u Hölle
- dem Gegensatz „edler“ u „unedler“ Wilder schwankten.
Tahiti- Mythos: Vorstellung von einem Leben in paradiesischer Fülle, Harmonie von Mensch
u Natur, sexueller Freizügigkeit u einer Gemeinschaft ohne gesellschaftliche Zwänge und
sozialen Hierarchien. Dem entgegen stehen die Vorstellungen von grausamen Kannibalen mit
dem Hang zu Stammesfehden, Kopfjägerei und Menschenopfern.
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Mit Bougainvilles „Voyage autour du monde“ (1771) begann sich die rousseauistische
Vorstellung von Tahiti als „Insel der Venus“ durchzusetzen. Durch Propaganda in diversen
Zeitschriften verbreitete sich rasch der Tahiti- Mythos mit seinem Populär- Rousseauismus.
Die Reisenden brachten sogar abenteuerwillige Polynesier nach Europa mit (Bouganville
präsentierte Aoutourou, Cap. Cook brachte Omai mit). Zur gleichen Zeit versuchten kritische
Stimmen den Tahiti- Mythos zu entzaubern. Motiviert wurden die Kritiken u. a. durch
widersprechende ethnographische Erfahrungen (z. B. Georg Forsters Reisebericht Reise um
die Welt) die oft, wie bei Diderot, Kulturkritik in eigener Sache übten oder teilweise
nostalgisch gestimmt (Bsp. deutsche Spätaufklärung) waren. Aber auch die Vorstellung vom
„unedlen Wilden“ wurde in den Reiseberichten des 18. Jh. verbreitet. Die Abwertung des
Naturzustandes bezeichnet man als Anti- Rousseauismus. Trotzdem überwiegt in der
Forschung die Beschäftigung mit dem Tahiti- Mythos. Die Vorstellung vom Südsee- Paradies
ist auch in Reisekatalogen und Geo- Heften präsent. Der Beitrag von G. Dürbeck befasst sich
mit den imaginativ präformierten Darstellungen der Inseln der historischen „Südsee“ und
ihrer Bewohner durch die Europäer.
Ansätze der Stereotypenforschung und komparatistischen Imagologie
Es gibt keine einheitliche Def. des Begriffs Stereotyp. Verwandte Begriffe sind Vorurteil,
Klischee, Denkschema oder Wahrnehmungsmuster. Def. der kognitiven Sozialpsychologie:
Stereotyp= verfestigte, schematische, objektiv weitgehend unrichtige kognitive Formeln, die
zentral entscheidungserleichternde Funktion in Prozessen der Um- und Mitweltbewältigung
haben. Stereotype können also durchaus als Orientierungssystem dienen, weil sie helfen,
unbekannte Menschen oder neue Situationen mit Vertrautem zu vergleichen und dadurch
einzuordnen. Diese Systeme der Anpassung ermöglichen Identitätsstiftung von Individuen,
Gruppen oder Nationen. Für die komparatistische Imagologie ist v. a. die Aachener Schule zu
nennen. Die k. Imagologie versucht die sozialwissenschaftliche Stereotypenforschung zu
erweitern, indem sie explizit auf die kontextuale Gebundenheit der literarischen Bilder
hinweist. Demnach sind die Funktionen gleich bleibender Stereotype historisch wandelbar. Es
geht also v. a. um das „Wie und Warum“. Als Kritik gegen die komparatistische I. sind drei
Punkte zu nennen:
1. Keine Komplementarität von Auto- u Heterostereotypen gegeben
2. vernachlässigt besondere Textstrategien (u. a. Polemik u Ironie)
3. Essentialismus
Auffallend ist auch die europazentrierte Ausrichtung der Imagologie und
Stereotypenforschung. Die eben beschriebenen Ansatzpunkte bieten für die Betrachtung der
Stereotype in der Südseeliteratur eine gute Grundlage, müssen aber einer modifizierten
Perspektivierung unterworfen werden:
1. Die Südsee- Literatur kann nur nach den Funktionen der stereotypen Konstruktionen
des Fremden für die eigene Kultur befragt werden, da es keine schriftlichen Zeugnisse
seitens der Bewohner der südpazifischen Inseln aus dem 19. Jh. gibt.
2. Die Frage nach der Authentizität der Vorstellungen vom Fremden wird ebenfalls
ausgeklammert.
3. Die Untersuchung der Wirkungen muss einer historischen Rezeptionsforschung
vorbehalten bleiben
Fallbeispiele aus verschiedenen Genres
Auswahl: Populärvermittelnde Texte, Reise-, Memoirenliteratur, länder- u völkerkundliche
Zeitschrift Globus
Chamissos „Reise um die Welt“ (1836)
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1815-1818 Weltumsegelung unter Kapitän Otto von Kotzebue. Ziel: NO- Durchfahrt der
Beringstraße. Chamisso veröffentlichte 1821 unter dem Titel „Bemerkungen u Ansichten“
einen Reisebericht, der aber als Teil von Kotzebues „Entdeckungsreise in die Südsee“ eher
unbemerkt blieb. 1836 publizierte Chamisso seinen Reisebericht mit dem Untertitel
„Tagebuch“ ein zweites Mal. Der Text zählt noch heute zu den bekanntesten dt. Texten über
die Region des Südpazifiks. Die Forschung betont Chamissos Rousseauismus, seine innere
Zerrissenheit, aber auch einen unreflektierten Eurozentrismus. Laut Dürbeck finden sich im
Tagebuch aber auch durchaus europakritische Züge. Der Exotismus beschränkt sich auf die
Darstellung der Bewohner von mikronesischen und polynesischen Inseln auf denen Chamisso
nur wenige Wochen weilte. Die Einheimischen werden nach dem Bild des „edlen Wilden“
beschrieben (Harmonie, Sanftmut, Gastfreundschaft u freizügige Sexualität). Weiters findet
sich das Stereotyp des „irdischen Paradieses“. In seinen Zitaten kontrastiert der Autor die
natürliche Moralität der Einheimischen mit der europäischen Unmoral (Exotismus als
Zivilisationskritik). Chamisso schmückt seine Ausführungen mit zahlreichen Anekdoten (IchPerspektive; Lachen als universelles Verständigungsmittel). In den „Bemerkungen und
Ansichten“ spricht Chamisso noch von der Herrschsucht der Einheimischen, rituellem
Kindsmord und Kannibalismus. Im „Tagebuch“ bleiben die negativen Zuschreibungen des
Fremden unerwähnt (Strategie, um das breite Publikum zu unterhalten).
Carl von Scherzer: Reise der Österreichischen Fregatte Novara um die Erde (1864/66)
Erdumsegelung unter Leitung des Commodore B. v. Wüllerstorf- Urbair. Die Expedition, auf
deren Route u. a. die Solomonen- Inseln, Australien, Neuseeland u Tahiti lagen, war von
Beginn an so geplant, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse getrennt vom
populärwissenschaftlichen Reisebericht publiziert werden sollten. Letzterer erschien in einer
illustrierten Volksausgabe. Der Autor schildert neben Missionierung u Kolonisierung Tahitis
durch FRAU, die Naturgegebenheiten sowie diverse Inselexkursionen und das Leben der
Einheimischen. Die üblichen Stereotype lässt er nicht aus, jedoch ist sein Bericht deutlich als
kritischer Kommentar zu den Vormachtbestrebungen Frankreichs u der kath. Mission
angelegt, während Scherzer die Präsenz der britischen Krone durchaus positiv beurteilt. Das
etablierte Stereotyp der sexuellen Freizügigkeit tahitischer Frauen verbindet er mit dem
Stereotyp der Frivolität, das den Franzosen zugeschrieben wird. Die sexuelle Freizügigkeit
sei demnach eine Folge des Einflusses der Franzosen. Das Stereotyp dient nicht wie Chamisso
der Zivilisationskritik sondern der national spezifizierten Kolonialkritik, indem der kath.
Mission u der franz. Verwaltung bewusste Fähigkeiten, Unmoralität u damit mangelnde
Zivilisiertheit vorgehalten werden.
Otto Ehlers: Samoa, Perle der Südsee (1895)
Dieses Werk ist ein Bsp. für exotistische Kolonialpropaganda. Historischer Kontext: D
kämpfte seit den 1880ern mit den USA und GB um die koloniale Vorherrschaft auf Samoa.
Popularität gewann der Reisebericht auch durch den bizarren Tod des Autors, der in
Neuguinea vermutlich Opfer von „Hungerkannibalismus“ wurde. Ehlers war als Tourist
unterwegs. Die Kolonialpropaganda bedient sich exotischer Stereotype, dabei werden
Stereotype über den polynesischen Teil der Südsee reproduziert. Die Insel Upolu wird als
„Paradies“ beschrieben, und den Samoanern wird ein liebenswürdiger Charakter tituliert.
Später schildert E. auch die Freigiebigkeit und Gastlichkeit der Einheimischen. Am Ende des
Berichts heißt es plakativ: Ein deutsches Samoa kann für uns eine wertvolle Kolonie werden
(Gründe: paradiesische Schönheit, angenehmes Klima, fruchtbarer Boden usw.). Die fremde
Kultur (Orte, Personen, Dinge) erscheint als zugänglich, verfügbar u besitzbar. Die erotischsexuellen Eroberungsphantasien abenteuerlustiger Männer konvergieren in Ehlers` Text mit
der Betonung einer wirtschaftlich und militärisch starken Position der Deutschen. Die
Stereotypen werden als Attraktionssteigerung eingesetzt.
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Die populärwissenschaftliche Zeitschrift „Globus- Illustrierte Zeitschrift für Länder- und
Völkerkunde“ (1862-1919)
Geriet ab den 1880ern in koloniales Fahrwasser, was sich in einer deutlich auf nationalen
Interessen bezogenen Berichterstattung über außereurop. Länder u Kulturen äußert. Auch zum
Ende des 19.Jh. publizierte der Globus Artikel zur „deutschen Südsee“ mit deutlich
kolonialpropagandistischer Tendenz. Als Bsp. fungiert der Artikel von Franz Reinecke unter
dem Titel „Zur Kennzeichnung der Verhältnisse auf den Samoa- Inseln“ (1899). Nach
Beschreibungen des Fischfangs und Sitztänzen finden sich Bemerkungen über die Ehen
zwischen Weißen u Samoanerinnen, die sich wie eine Partnervermittlungs- Broschüre lesen.
Die junge Frau…
- passt sich schnell der fremden Lebensweise an
- passt sich den Grundsätzen eines kontinentalen Haushalts an
- verfügt über eine angeborene peinliche Sauberkeit
- hat ein echt weibliches Wesen, natürliche Intelligenz, manuelle Geschicklichkeit u
eine große Gewissenhaftigkeit
- ist eine treue Gattin
- stellt aber keine strengen Forderungen an ihren Ehemann
Die Verbindung von Pflicht u Zwanglosigkeit, Treue und Grazie, die darüber hinaus dem
Mann alle Freiheiten lässt, dürfte seine Wirkung beim männlichen Publikum nicht verfehlt
haben. Die Frauen wie das Land wollen also erobert werden. Das Bildmaterial soll die
Attraktivität der Samoanerinnen bekräftigen („schön gewachsene, schwarzhaarige Töchter“).
Die Werbung für Verbindungen dt. Männer mit samoanischen Frauen funktionalisiert den
Exotismus für die Zwecke deutscher Kolonialpropaganda.
Ambivalente Stereotype im Globus: Abwehr u Verlangen
Im Globus findet sich in 2 zeitlich auseinander liegenden Artikeln (1872 bzw. 1885) eine
aufschlussreiche Formulierung. Die Insel Neu- Britannien sei ein „Paradies, bewohnt von
Teufeln“. Dies zeigt die Gleichzeitigkeit von Faszination u Bedrohung, Begehren u Abscheu,
sowie die Spannung zw. Mensch und Natur. Ein Artikel nimmt Bezug auf den Reisebericht
„Unter Kannibalen von Neu- Britannien“(1883) des Engländers Powell. Neben der Schönheit
u Fruchtbarkeit des Landes werden die Bewohner als argwöhnisch, hinterlistig, grausam und
als scheußliche Menschenfresser bezeichnet. In einer vollkommenen Natur werden sie so als
das Böse schlechthin dargestellt. Dient diese Metapher zur Legitimation von Ausrottung und
Vertreibung oder der Befürwortung der Missionstätigkeit? Was den Kannibalismus betrifft,
äußern sich in den späten 1880ern immer mehr Zweifel. Dabei ist anzumerken, dass bei den
ambivalenten Haltungen (Faszination und Furcht) immer die eigene Kultur als Maßstab dient.
FAZIT
Dieselben Stereotype von paradiesischer Fülle, von Unschuld und freizügiger Sexualität
dienen einmal zur scharfen Zivilisations- u Gesellschaftskritik, einmal zur Unterhaltung des
Publikums, einmal zur national spezifizierten Kritik an der Laszivität Frankreichs als
Kolonialmacht und einmal zur Attraktivitätssteigerung einer zukünftigen Kolonie und dur
Lancierung kolonialer Ansprüche. Dabei sind die Intentionen der Texte u deren historische
Kontexte unterschiedlich.

Chamisso: reproduziert die rousseauistisch fundierte Europakritik, indem er die
Legitimation für imperialistisches Vordringen zwar befürwortet aber die Verdrängung
indigener Kulturen als Verlust thematisiert. Standpunkt eines egalitären Humanismus.
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


Scherzer: durch wirtschaftlich- koloniale Interessen am Land motiviert. Exotistische
Stereotype bezogen auf Tahiti. Kritik an der franz. Kolonialmacht, der eine
Vernachlässigung ihrer erzieherischen Methoden vorgeworfen wird.
Ehlers: Konstruktion des Fremden unter dem Dienst einer national gestimmten
Kolonialpropaganda. Ziel: Attraktivitätssteigerung, Legitimation. Inszenierung der
zivilisatorischen Überlegenheit.
Globus: Stereotype Darstellungen für die Anwerbung von Siedlern. Bezeichnung
„unedle Wilde“ um kulturelle Unterwerfung u Missionierung zu legitimieren.
Die Darstellung der Südsee als Paradies bewohnt von Teufeln verdichtet schließlich
die Bandbreite und Widersprüchlichkeiten des Projektionsraums vom Fremden.
Ambivalenz von Gut und Böse.
Habinger, Gabriele: Fremd- und Selbstrepräsentation reisender Europäerinnen
des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. S. 57 - 75
Reisen stellt einerseits eine Konfrontation mit dem Fremden dar - die Suche danach bildete
häufig keine unwesentliche Motivation zum Aufbruch – ein Mittel der Selbsterfahrung
basierend auf der Fremd- und Welterfahrung, die durch die Ortsveränderung ermöglicht wird.
Es ist immer aber auch „Landnahme“, Aneignung des Fremden in all seinen Facetten, ein
Aspekt der gerade im 19. Jhdt. und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jhdt. von Relevanz
schien. War doch diese Epoche in besonderem Maße von der kolonialen Durchdringung der
Welt durch die europäischen Mächte geprägt. Durch diese Bemühungen zur „Eroberung“ und
einen gleichzeitigen Modernisierungsschub (verbesserte Infrastruktur) erfuhr auch das Reisen
vermehrte Bedeutung. Westliche Entdeckungsreisende bahnten aber auch immer den Weg für
eine künftige koloniale Aneignung außereuropäischer Gebiete, auch zahlreiche Frauen hatten
Anteil an dieser Entwicklung.
Aspekte des „Fremden“ und des „Eigenen“
Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass das „Fremde“ oder das „Andere“ nichts Gegebenes
darstellt, also Fremdheit auch keine Eigenschaft von Personen oder Dingen bezeichnet,
sondern diese beruht – so wie andere Kategorien und Differenzierungen auch – auf einer
Konstruktionsleistung. Dabei besteht eine enge Verknüpfung zwischen dem Fremden und
dem Eigenen. So benötigt (nach Gingrich) das Eigene immer das Fremde um sich überhaupt
selbst zu konstituieren. Er spricht von einer Dialektik des Selbst und des Anderen. Auch
Edward Said verweist in seinem Orientalismus auf die Bedeutung des Orients für die
Konstituierung des Selbstbilds des Okzidents. Hier taucht auch die Frage nach der
Wahrnehmung kultureller Differenz auf, also letztlich die Frage nach der Ethnizität. Diese
Differenz wird letztlich wieder auf der Basis des Eigenen wahrgenommen. Allerdings liegt
hier ebenso ein vielfältiges Konfliktpotential begründet, handelt es sich doch um
Grenzziehungen, um Mechanismen des Ein- und Ausschlusses. Somit ist Fremdheit nicht nur
inhaltlich zu definieren, sie erfüllt auch die Funktion eines gesellschaftlichen
Ordnungsschemas.
Diese Aspekte stellt auch Stuart Hall in seiner Auseinandersetzung mit der westlichen
Weltsicht in den Mittelpunkt, die er als den „Diskurs des Westens und des Rests“ bezeichnet.
Er sieht verschiedene Mechanismen des Diskurses bzw. der Sprechweise des „Westens“
gegenüber dem „Rest“. Etwa die Homogenisierung und Dichotomisierung, die Schaffung
„binärer Oppositionen“ und grober Vereinfachungen. Als weitere Strategien definiert er die
Idealisierung, die Projektion von Wunschphantasien sowie die Unfähigkeit, kulturelle
Differenz anzuerkennen bzw. überhaupt zu erkennen, sowie die Tendenz, anderen die
europäischen Werte und Normen aufzuzwingen, verknüpft mit Stereotypisierungen.
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
Das „Eigene“ als Maßstab für das „Fremde“
Die Neugier auf das Fremde, der Reiz des Neuen und Unbekannten stellte auch für viele
Europäerinnen eine wichtige Motivation zum Reisen dar. Doch bedeutete die Tatsache, sich
in die Ferne zu begeben, nicht automatisch, tatsächlich die Grenzen der eigenen Kultur zu
überschreiten. So fällt in den Reisebereichten der Europäerinnen auf, dass das „Eigene“
häufig als normative Basis ihrer Fremdrepräsentation fungierte. Sie gingen von den
Verhältnissen im Herkunftsland und von den dort gültigen Werten und Normen aus. Ein
anschauliches Beispiel dafür stellt die Österreicherin Ida Pfeiffer (1797 – 1858) dar: Das Maß
aller Dinge bliebt für sie immer die eigene Welt, sie stellt oft explizite Vergleiche mit den
Verhältnissen zu Hause an. Neuartiges und Ungewohntes urteilte die Wienerin häufig ab, so
manches konnte vor ihrer europäischen Perspektive kaum bestehen – nicht zuletzt das
Aussehen der Menschen, ihre Kultur und Lebensweise. Pfeiffers Texte sind geprägt von der
eurozentrischen Haltung einer Frau aus gutbürgerlichen Verhältnissen. Sie beweist sich auch
als vehemente Verfechterin des bürgerlichen Weiblichkeitsideals samt seinen rigiden
Moralvorstellungen (nicht zuletzt in der Beurteilung der Frauen der bereisten Länder). Häufig
schafft sie es nicht, das Unbekannte, Unerwartete zur Kenntnis zu nehmen, sie „verkennt die
Differenz“ – stattdessen erfolgt die Fremdrepräsentation in Stereotypisierungen. Oft attestiert
sie auch Religionslosigkeit. Dabei versteht sie unter Religion nur die eigene bzw. lässt nur die
eigene als Religion gelten.
Auch Alma Karlin (geboren 1889 in Cilli, damals Südsteiermark) konstruiert Fremdes und
Eigenes in ihrem Südsee-Bericht häufig als Gegenpole. Während ihres Aufenthaltes auf den
Salomonen wird ein ständiger Spannungsbogen zwischen Eigenem und Fremdem, Natur und
Kultur, Zivilisation und Wildheit, geordneten und chaotischen Verhältnissen geschaffen.
Übertriebene Darstellungen der Wildheit der Anderen dienten nicht zuletzt dazu, sich der
eigenen Zivilisiertheit und damit Überlegenheit zu versichern. Ähnlich negativ wird in
manchen Fällen die fremde Kultur und Lebensweise von der Kärntnerin Anna Forneris (geb.
1789) beurteilt. Sie berichtet über die Bewohner der damaligen Provinz „Aserbaischan“:
„Faulheit, Lug und Betrug sind die Hauptingredienzien ihres Charakters. Von Ehre,
Nächstenliebe oder Schande scheinen ihre Begriffe sehr verworren zu sein. Das Geld ist ihr
Gott (…)“ Anna Forneris entwirft mehrere Gegensatzpaare zwischen Eigenem und Fremdem.
Sie greift in ihrer Darstellung auf einige Vorurteile zurück, die im Kontext eines
stereotypisierten Orientbildes verwendet werden. Auch in Bezug auf die Frauen äußert sie
sich kritisch, ebenso scheinen gewisse europäische Moralvorstellungen hier nicht gültig zu
sei. Allerdings sollte erwähnt werden, dass sie ihr Leben vornehmlich als Händlerin fristete,
das auch von zahlreichen Diebstählen geprägt war – ihre kritischen Äußerungen sind zum Teil
auf diese negativen Erfahrungen zurückzuführen. Paula Kollonitz (geb 1830) (war 1864 als
Teil des Hofstaates von Kaiser Maximilian in Mexiko) meinte bzgl. der Bevölkerung
Mexikos, wobei sie sich auf die spanischstämmige koloniale Oberschicht bezieht; „Trägheit
liegt in ihrer Natur und in ihren Gewohnheiten“. Sie schließt in ihre Kritik also aus Europa
stammende Menschen ein, die jedoch – so klingt es zumindest – bereits einer gewissen
Degeneration unterliegen. Bei Kollonitz findet sich noch ein weiterer Aspekt der
Argumentationslinie: Im „überbevölkerten Europa“ werde um „jede handbreit Erde“
gerungen, während es in Mexiko Natur im Überfluss gäbe, ohne dass die Menschen große
Mühen aufbringen müssten. Sie sieht in den Aktivitäten Maximilians und der Kolonisation
geradezu eine Notwendigkeit um „all den brachliegenden Reichtum“ zu benützen.
Von den Segnungen westlicher „Zivilisation“
In den eben beschriebenen Repräsentationen kommt auch die Vorstellung von der
Überlegenheit der westlichen Zivilisation zum Ausdruck, ist sie doch verknüpft mit einer Aufund Abwertung, also mit einer Hierarchisierung zwischen dem „Eigenen“ und dem
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
„Fremden“. Die europ. Aufklärung ging davon aus, dass die europäische Gesellschaft der
fortschrittlichste Gesellschaftstyp der Erde sei und dass der europäische Mensch der
Höhepunkt der menschlichen Errungenschaften war. Die Sozialwissenschafter der Aufklärung
konstruierten also selbst zahlreiche Klischees und Stereotype des „Westens und des Rests“,
die nicht nur in den europ. Reisetexten ihren Niederschlag fanden, sondern zum Teil bis heute
ihre Gültigkeit nicht (ganz) verloren haben. Dieser westliche Dominanzanspruch konnte leicht
verknüpft werden mit einer „zivilisatorischen Mission“ und einer Rechtfertigung für
Kolonialismus und Imperialismus. Auch die europäischen Reiseschriftstellerinnen plädierten
letztlich für die westliche Aneignung dieser im Sinne des Fortschritts ungenutzten Räume,
und zwar als nahezu „moralische“ Verpflichtung. Derartige Ausprägungen des „kolonialen
Diskurses“ waren aber weder an die Zugehörigkeit zu einer Kolonialmacht gebunden, noch
war sie den Männern vorbehalten. Im Rahmen dieses kolonialen Diskurses ging es immer
aber auch um die „richtige“ Herrschaft, wobei wiederum die Notwendigkeit hervorgekehrt
wurde, die westliche Form von Herrschaft und Regierung (als die gerechtere) auf
nichteuropäische Gesellschaften zu übertragen. Hall meinte dazu: Die differenzierten und
hochwertigen Sozialstrukturen der indigenen Bevölkerung seien nicht wahrgenommen
worden. Für die europäischen Entdeckungsreisenden stand die Tatsache der Abweichung von
der eigenen Norm im Vordergrund (Hervorhebung des Abnormalen). Besonders deutlich wird
diese Position bei Angehörigen von Kolonialmächten, so trat etwa die britische
Orientreisende Gertrude Bell vehement für den britischen Kolonialismus im Vorderen Orient
ein. (Sie war auch überzeugt davon, dass sich die „Orientalen“ nach der Herrschaft des
Okzidents sehnten). Einen beliebten Topos bildeten die Gegenüberstellung von dem
untergehenden, von Zerfall, Korruption, Despotie und Grausamkeit geprägten Orient, der
seine einstige Größe verspielt habe, und dem sich über den Orient erhebenden, nun
aufstrebenden Okzident, der mit wirtschaftlichem Aufschwung, Fortschritt und geordneten
Verhältnissen verknüpft wird. Auch Gertrude Bell und Kollonitz bedienen diese Bilder; dem
Verfall von Sitten und Verderben könne nur durch die westliche Ordnung abgeholfen werden.
Reisen unter dem Schutz und Schirm westlicher Macht
Die reisenden Europäerinnen verteidigten nicht nur den westlichen Kolonialismus, sie waren
auch dessen Nutznießer. Ging es in kolonialisierte Regionen, war dies mit größerer Sicherheit
verbunden. Die Privilegien kamen aber nicht nur den Angehörigen der jew. Kolonialmacht zu
– die „weiße“ Haut war hinreichende Qualität, um in ihren Genuss zu kommen. Sowohl
Pfeiffer und Karlin bedienten sich bedenkenlos der Hilfe der Missionen und der jeweiligen
Kolonialmacht. Für beide war außerdem das unaufgeforderte Eindringen in fremde Häuser
eine Selbstverständlichkeit. An der Rechtmäßigkeit ihres Tuns, das eine Aneignung fremder
Räume darstellte, ließ sie (Pfeiffer) keinen Zweifel aufkommen. Es wird deutlich, dass sich
die reisenden Europäerinnen – besonders im kolonialen Umfeld – nicht nur in die
Zurschaustellung westlicher Macht eingliederten, sie verstanden sich auch als deren
Repräsentantinnen. Interessant ist, dass die Geschlechtszugehörigkeit der reisenden Frauen
während der Aufenthalte in nichteuropäischen Gesellschaften an Bedeutung verlor: die
Hautfarbe und ethnische Zugehörigkeit war ausschlaggebend. Durch diese sichtbaren Zeichen
kamen die weißen Frauen in den Genuss einer „genderless power“, mehrere
Reiseschriftstellerinnen wurden oft wie Männer angesprochen, tituliert oder so behandelt.
Auch in Alma Karlins Reisebericht zeigt sich die Bedeutung der Hautfarbe. Während einer
Schiffsreise von San Francisco nach Hawaii weist sie darauf hin, dass in der ersten Klasse
„auch die Farblinie gezogen“ sei, dort reisten „die Spitzen der Nation“, hingegen in der
„Dritten fährt, Tier“. Sie selbst fuhr in der zweiten Klasse und litt darunter, war sie doch hier
zusammengedrängt mit „Mischlingen, die sich breit machten“. Die reisenden Europäerinnen
nahmen also gegenüber der autochthonen Bevölkerung zweifellos einen besonderen Status
ein. Nicht nur, wenn sie aus einer Kolonialmacht stammten, hatten die Reisenden teil an
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
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Prestige und Macht. Viele Frauen forderten die Privilegien für sich ein und sahen dies auch
als Selbstverständlichkeit.
Entdeckungsreisen und Weiblichkeit
Die reisenden Europäerinnen waren durchaus bemüht, sich für einen Platz in der westlichen
Forschungs- und Entdeckungsgeschichte zu reklamieren. Sie bezogen sich dabei bewusst auf
ihre Weiblichkeit, es finden sich zahlreiche Passagen wo sie sich als „erste (weiße) Frau“ an
einem bestimmten Ort stilisieren. Dramatische Entdeckungsschilderungen in den
Reiseberichten sollten die Verkaufszahlen positiv beeinflussen, andererseits sollte damit auch
die Einzigartigkeit der eigenen Leistungen hervorgehoben werden. Um sich einen Platz in der
westlichen Entdeckungsgeschichte zu sichern, war eine spezifische Qualifikation erforderlich,
nämlich ein „achievment of a ‚first’“ – es ging darum, eine neue Route, Gipfel etc. als erste/r
Angehörige/r des Westens erreicht, also „entdeckt“ zu haben. In den Reiseberichten lässt sich
durchaus ein solcher weiblicher „Eroberungshabitus“ feststellen. Zeitgenössische
Rezensentinnen, aber auch die Reiseschriftstellerinnen selbst versuchten, weibliche Qualitäten
positiv zu bewerten um die besondere Befähigung von Frauen für (Forschungs-) Reisen
herauszustreichen.
Der verklärende Blick auf das Fremde
In den Reiseberichten findet sich auch der verklärende Blick auf das Fremde in seinen
vielfältigen Facetten und Variationen. Der Bogen spannt sich von Formen des Exotismus über
Zivilisationsflucht und Zivilisationskritik bis hin zur Figur des „edlen Wilden“. So findet sich
häufig ein idealisiertes Bild des Orients mit märchenhaft-exotischen Zügen. Die Reiseberichte
der Frauen enthielten oft die Erwartung von „Tausendundeine Nacht“. (Findet sich bei Ida
Hahn-Hahn, Ida Pfeiffer, Maria Schuber, Gertrude Bell – sie fanden sich alle in eine
„Märchenwelt“ versetzt) Menschen stellten in diesem exotischen Ambiente – wenn sie
überhaupt vorkamen – nur einen malerischen Aufputz dar. Die Orientbeschreibung hatten
somit meist wenig mit der Realität des besuchten Landes und dessen Bevölkerung gemein,
vielmehr wurden sie gespeist von den Sehnsüchten nach einer heileren und glücklicheren
Welt, nach der Möglichkeit eines natürlicheren, einfacheren und ursprünglicheren Lebens, als
dies im Westen möglich zu sein schien. Die Reisenden fanden in der „Fremde“ Qualitäten, die
sie zu Hause vermissten oder nicht mehr zu finden glaubten. So waren die Frauen oft auf der
Suche nach Freiheit, Natürlichkeit und Ungezwungenheit. Diese Vorstellungen verwirklicht
sahen mehrere bei den Beduinen (v.a. Ida Hahn-Hahn u. Anna Forneris) „Europamüdigkeit“
nannte man in der zeitgenössischen Literatur die diversen Ausformungen und Variationen von
Zivilisationsflucht und Zivilisationskritik. So suchte etwa Gertrude Bell auf ihren Reisen nach
der Möglichkeit, die Zivilisation hinter sich zu lassen. Zuweilen sind auch abqualifizierende
Bemerkungen über andere Reisende, die dem Massentourismus zuzuordnen wären, zu finden.
Eng verknüpft mit den Wünschen und Sehnsüchten nach einer „heileren“ Welt ist häufig eine
Kritik an der westlichen Zivilisation. Dieses Stilmittel der Zivilisationskritik wurde seit der
Aufklärung gerne herangezogen. Europa wird der „Spiegel des Fremden“ vorgehalten, der
verkommenen Zivilisation steht eine nur scheinbare „Wildheit der anderen“ gegenüber. Auch
wenn Europa hier zunächst im Vergleich zu den Anderen ins Hintertreffen gerät, bleibt doch
klar, es ist der eigentliche Referenzpunkt, es bleibt die Norm und die Basis von der ausgehend
die Autorinnen urteilen. Die überlegene Position des Westens wird letztendlich nicht in Frage
gestellt. Ein Aspekt des Exotismus kommt allerdings in den Reiseberichten der Frauen nicht
vor, nämlich die Erotisierung des/der exotischen Fremde(n). Dies stellte ausschließlich bei
Männern eine nicht unerhebliche Reisemotivation dar. Die Reiseschriftstellerinnen des 19.
Jhdt. beschäftigen sich zwar meist intensiv mit den Frauen der bereisten Länder (was schon
aufgrund des bürgerlichen Weiblichkeitsdiskurses von ihnen erwartet wurde), ebendiese
Weiblichkeitskonzeption verwehrte ihnen aber, im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen,
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
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die Thematisierung von Sexualität (geschweige denn eine positive Darstellung freizügiger
Sexualität). Die Autorinnen setzten sich aber insofern mit dem Thema auseinander, als sie
„Sittenlosigkeit“, „Lasterhaftigkeit“ oder zu große Freizügigkeit aus Korn nehmen.
Abschließende Bemerkungen
Die Texte von europäischen Reiseschriftstellerinnen weichen nicht grundsätzlich vom
dominanten westlichen Diskurs ab. Auch bei ihnen wird das Fremde häufig im Rückgriff auf
das Eigene konstruiert und bewertet. Der Westen wird als Norm herangezogen, er liefert die
Kriterien und den Maßstab für eine auf Dichotomien aufbauende Repräsentation, die häufig in
Form von Stereotypisierungen erfolgt. Die abwertende Darstellung des Fremden dient nicht
nur der Abgrenzung sondern der Selbstaufwertung. Die Reiseschriftstellerinnen vertraten
auch das westliche Zivilisationsmodell und die Notwendigkeit einer „zivilisatorischen
Mission“ des Westens, damit konnte auch koloniale Aneignung außereuropäischer Gebiete
legitimiert werden. Was jedoch geschlechtsspezifische Aspekte der Fremdrepräsentation
betrifft, wie die Suche nach „der schönen Fremden“, also nach „Erotik in der Exotik“, erweist
sich dies als männliches Phänomen. Hier ist festzuhalten, dass auch die fremden Frauen von
den Reiseschriftstellerinnen auf der Folie des „Eigenen“ häufig abwertend dargestellt wurden,
von einer „weiblichen Solidarität“ oder „Empathie“ kann grundsätzlich nicht ausgegangen
werden. Die reisenden Frauen sprachen sich nicht nur für den Kolonialismus aus, sie waren
auch auf andere Weise in die „Aneignung des Fremden“ involviert. So waren sie darum
bemüht, sich in die Tradition westlicher Forschungs- und Entdeckungsreisen einzugliedern.
Sie stilisieren sich, wie beschrieben, oft an einen Ort als „erste weiße Frau“. Diese „geistige“
Landnahme ging häufig einher mit einem ungenierten Eindringen in die Privatsphäre völlig
fremder Menschen.
Obrecht, Andreas J.: Ethnotourismus – und die Suche nach dem Authentischen
in den Kulturen. S. 76 – 98
Thema: Fortschreibung des ideengeschichtlichen Diskurses von Romantisierung,
Rationalisierung (kulturgeschichtliche, philosophische Dimension), Sehnsucht nach Ganzheit
in Übereinstimmung und Harmonie zwischen Natur und Kultur (= der modernen Gesellschaft
verloren gegangen)
Ethnotourismus: spezifische, „elitäre“ Form des Individualtourismus
Ziel: Mythos Erweiterung des eigenen Wissenshorizontes, Beitrag zur Definition zum eigenen
Selbst in Auseinandersetzung und Abgrenzung zu anderen Kulturen, Bestätigung von
Weltoffenheit, Welterfahrung
Erfahrung: unsichtbare, immanente Grenzen zwischen Reisendem und Menschen ethnischer
Gesellschaften, Interpretation und Akzeptanz dieser Grenzen prägen Bewertung der Qualität
der Reise, Unverständnis führt zu Ablehnung des fremden Gegenübers.
Tendenz „Eigenes“ im „Fremden“ erkennen zu wollen: Gemeinsamkeiten, Unterschiede zur
eigenen Kultur
Erfahrung von sozialen, kulturellen Dimensionen in ethnischen Gesellschaften:
Verbundenheit mit der Natur, Zeitreichtum, Raum für Kommunikation, Anteilnahme, Respekt
vor den Älteren etc.
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
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scheint im Herkunftsland abhanden gekommen zu sein („gehetztes Leben in den
Mobilitätsgesellschaften“), Zerrissenheit des modernen Menschen durch einen
Ethnotrip nicht aufgehoben, aber temporär relativiert; die in fremden kulturellen
Kontexten kurzzeitig gemachten Erfahrungen sind schwer in moderne
Alltagswirklichkeit zu transferieren, integrieren
Abgrenzung des Ethnotouristen zum „normalen“ Individualtouristen: intensive Vorbereitung
(Fachliteratur, Basiskenntnisse der indigenen Sprache, Bereitschaft zum Verzicht auf Luxus
und Komfort), Bereitschaft viel Geld zu bezahlen: Kostspieligkeit, da nicht auf etablierte
touristische Infrastrukturen zurückgegriffen werden kann
 Fortschreibung einer spezifischen „westlichen“ Sicht auf ethnische Gesellschaften
und außereuropäische Kulturen
Im kolonialen Kontext: „Rest der Welt“ = Experimentierfeld zur Generierung von Wissen und
Erkenntnis, das dann wieder zur Absicherung der jeweiligen Herrschaftsräume genutzt wurde
(Bsp. Entwicklung Europas im Mittelalter durch Assimilation der Errungenschaften des
kleinasiatischen und arabischen Raums) => Konstituierung der eigenen Weltordnung in
Relation/ Abgrenzung zu anderen Gesellschaften die besetzt gehalten wurden: Erfüllung
eigener europäischer Bedürfnisse
Von der christlichen Seefahrt zur anachronistischen Reise
Weltweite Mobilität = Prinzip der globalisierten Ökonomie: Ursprung in der christlichen
Seefahrt: Eroberung des Raumes, „Verzeitlichung“ weltweiter Beziehungen =>
„Entzeitlichung“
(Verkehrs-,
Transportwege,
Informationsübertragung
mit
Lichtgeschwindigkeit)
Reisen = per se anachronistisch: ist nicht mehr Reisen im Sinne von „mühevoller FortBewegung“ sondern integrierter Bestandteil des normalen Lebens (Erholung, Beruf –
Ethnotourismus
gewissermaßen
eine
Ausnahme):
ins
Sicherheits-,
Risikominimierungsprogramm
der
Moderne
integriert
(vorgegebene
Routen,
Durchorganisierung, Aufhebung territorialer, kultureller, sozialer, ökonomischer Grenze:
Intervention jederzeit möglich, wird nicht mal mehr als solche empfunden, ohne wirkliche
Gefahren oder Risiken einer tatsächlichen Veränderung der Wahrnehmung und Denkungsart
etc.)
Unterschied Ethnotourist: Illusion der Entdeckung: Auffindung von Unbekanntem,
möglicherweise Bedrohlichem, Bereitschaft Zeit in die Auseinandersetzung mit dem
„Fremden“ zu investieren
Ethnotouristen = Kulturskeptizisten: westliche Kultur nicht „ultima ratio“, Suche nach
Alternativen
Zeitaspekt: Ethnotourismus erfordert mehr Zeit als moderne Menschen normalerweise zur
Verfügung haben (Postulat Zeit sparen) => Zeitbeschleunigung, Veränderung der
Wahrnehmung von Raum und Zeit, Vorstellung des „global village“: keine Räume mehr
außerhalb der eigenen Reichweite = Reproduktion der Raumerweiterung und
Weltverkleinerung der jahrhundertealten europäischen Weltvereinnahmung
Egalisierung elitärer Reiseunternehmen durch Massentransportmittel: Ethnotourismus ist
Kontrapunkt zur Egalisierung des Reisens (elitär, individuelle Motivation)
„Doppeltes Dilemma“ des Ethnotourismus: Kultursensitiver Zugang verbietet die unkritische
zeit-räumliche Vereinnahmung fremder Orte und Kulturen, physische Beschreitung = aber
eine Intervention, zusätzlich Suche nach dem Authentischen: soziale Realitäten werden oft
negiert: SOZIALROMANTIK
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Originalität des Selbst Erlebten: gewisse Einzigartigkeit
Geschichte von Knox und dem Königreich Conde Uda: „Die grenzenlose Lust an der
Terra Incognita“
Geschichte vom Engländer Robert Knox: wurde 1960 an der Küste Ceylons schiffbrüchig und
vom Königreich Conde Uda (bis zu diesem Zeitpunkt den Europäern völlig unbekanntes
Territorium und Herrschaftssystem) ins Landesinnere verschleppt und gefangengenommen,
19-jährige Gefangenschaft bis Flucht 1679: detaillierter Bericht über die Jahre der
Gefangenschaft => Bestseller innerhalb von kürzester Zeit
Ad Ceylon 17. Jhd.: Versuche der Holländer und Portugiesen das Landesinnere (Conde Uda)
zu erobern scheiterten in unregelmäßigen Abständen, Besetzung erst 1815 durch die
Engländer besetzt, Unabhängigkeit 1948 => lange Zeit „Demütigung“ für europäische
Eroberungsgeist, scheinbar völlig außer Reichweite: absolute „Terra Incognita“ => Steigerung
der Neugierde und der Lust
Bericht von Knox: vorgefundene Kultur nicht primitiv sondern komplexes Herrschaftssystem,
jahrtausend-alte Herrschaftsdynastie, Militär, Schriftkultur, elaboriertes Geld- und
Lehenswesen, mächtige Mönchsklasse => Einfluss auf König, entwickelte arbeitsteilige und
nach Berufskasten differenzierte Gesellschaft: trotzdem andersartig, exotisch => Verwendung
des Ausdrucks von „Halbzivilisierten“, in der Entwicklung dem Westen nicht ebenbürtig
Die Kultur blieb Knox letztendlich fremd => wollte nicht heimisch werden (trotz
Möglichkeiten – Ehe etc.), konnte sich dort frei bewegen, eigenes Haus, Diener, Angebot in
königliche Dienste zu treten (vehement abgelehnt) => starke Aufrechterhaltung von Religion
als Referenzsystem zur eigenen Heimat, Distanz als Garant nicht der Versuchung zu erliegen
die Gefangenschaft als reale Lebensmöglichkeit zu sehen
Teufelstanz in Pyadigama
Beschreibung des 24-stündigen „Teufelstänzer“ Rituals (2005, Erlebnis von Obrecht):
Austreibung eines Geistes eines beim Tsunami Ertrunkenen aus dem Körper eines 12jährigen
Mädchens =>physisch, psychisch erkrankt
Trennung zwischen Lebenden und den Toten = ältestes und universalstes schamanistisches
Motiv, Vermischung mit hochkulturellen religiösen Symbolisierungen => „Exorzismus“ als
„Trauma-Counselling“: Anteilnahme, Aufmerksamkeit die dem Mädchen zukommt =>
tatsächliche Wirkung, Besserung ihres Zustandes
Erfahrung allerdings nicht in europäisches Wissen reintegrierbar (Organisation eines
flächendeckenden Teufelstänzer-Ritual als Trauma-Councelling durch westliche
Hilfsorganisationen nach dem Tsunami undenkbar)
Musealisierung des „Indigenen“
Besuch der folkloristischen Teufelstänzer-Aufführungen in jedem Reiseführer empfohlen:
kunstvolles, bis ins kleinste Detail arrangiertes Theater, Ermangelung der „magischen
Energie“: außerzeremonieller Zusammenhang, anonymes Publikum, kommerzielle Erwägung
Musealisierung lebendigen Brauchtums => Säkularisierung des Rituals
Ethnotouristen misstrauen „Musealisierung des Indigenen“, leistet aber gleichzeitig durch sein
Interesse dieser Musealisierung Vorschub, schafft einen Markt auf dem Menschen zur
Selbstpräsentation genötigt werden (lukrativer als traditionelle Rituale: dauern kürzer, sind
besser bezahlt)
Motivationale Kategorie aller Touristen (außer Sextouristen = direkte Exploitation der
Menschen): „etwas Besonderes erleben“
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Erfolg von Knox`s Bericht verwirrte ihn anfänglich: traf wunden Punkt der Zeit: Sehnsucht
nach einer radikal anderen Welt, durch die die eigene Welt erst verstehbar und lebbar wird =>
trieb Verkaufszahlen in die Höhe
Zur Domestikation des Fremden und Gefährlichen
Zwei Grundtendenzen in der Darstellung außereuropäischen Welten (zeitgenössische
Reiseberichte):
1. „Wilde“ = unzivilisierter, unmoralischer, gefährlicher, ungesetzlicher „Barbar“
2. Vorstellung des „edlen Wilden“ = naturverbunden, freier, glücklicher und der Last
jeglicher Zivilisation enthoben, romantisiert
Stereotype Interpretation => in Europa empfundener Widerspruch zwischen Natur und Kultur
Bei Knox anders, seiner Zeit quasi voraus: bringt „Halbzivilisierten“ gewissen Respekt
entgegen ohne zu romantisieren, kein Interesse an Exotismus
17.Jhd.: Reiseliteratur v.a. beim höfischen Publikum weit verbreitet, das Kuriose,
Eigentümliche, Fremde rückt in den Mittelpunkt, philosophische Auseinandersetzung mit
anderen Lebens- und Daseinsformen wird ab 18.Jhd. zur intellektuellen Pflicht: Analyse,
Reflexion, Kritik, Legitimation der eigenen gesellschaftlichen, zivilisatorischen Entwicklung
anhand außereuropäischer Kulturen: „Vorzüglichkeiten“, „Nachteile“ anderer Lebensformen
im Vordergrund (von Hobbes, über Hume, Herder, Kant, Marx, Durkheim, Rousseau etc.)
 „Zurück zur Natur“ (Rousseau): Ungleichheit korrumpiert Menschen, entfernen sich
von sich selbst, werden zu künstlichem Wesen, Trennung von Natur und Kultur,
Domestizierung der Natur (des Wilden, Unberechenbaren um uns, zeitgleich mit dem
Wilden, Unberechenbaren in uns: Rationalisierung menschlichen Handelns), nicht
mehr ein Teil von ihr => wieder auf der Suche nach dem „Authentischem“ im
Menschen, in Kulturen
Ethnotourismus= Teil des modernen Erlebnisprogramms: in Konkurrenz zu anderen
Zeitnutzungsoptionen, der ihm zugrundeliegende Mythos der Begehung „fremder“ Welten
und der Suche nach dem Authentischen ist ungebrochen
Rousseau´sche Dilemma: Natur und Kultur können durch die Zerschlagung magischer
Weltbilder und Interpretationen nicht mehr als sich einander bedingenden Seiten einer Einheit
wahrgenommen werden
Gedankliche, physische Weltvereinnahmung: es kann kein wirkliches „Abenteuer“ mehr
geben (würde heißen unversichert auf sich selbst zurückgeworfen zu sein): auch elektronische
Simulation von Abenteuer: Computerspiele
In der authentischen Welt: keine Romantisierungen möglich: setzt Sicherheit durch
Weltvereinnahmung voraus (wirklicher Fluss, Gefahren Hochwasser, Krokodile, der Leben
nimmt, aber auf den man auch wieder angewiesen ist, ist nicht „schön“ für die die an ihm
Lebenden)
Schönheit der Natur stellt Kategorie der Wahrnehmung und des Erlebten nach erfolgter
Pazifizierung dar: setzt den von der Natur durch Instrumente, Technik, Rationalisierung
getrennten Menschen voraus
Ethnotourismus als Strategie gegen die Entzauberung der Welt?
Kulturphilosophische, -soziologische Interpretation des Ethnotourismus: Folge der
Entwicklung der mobilen Gesellschaften: Ökonomische Entwicklung => Säkularisierung
magischer Weltbilder (Romantisierung von Natur und Mensch), Akkumulation von
gesellschaftlichem Reichtum (= Grundbedingungen für Freizeitvergnügen Reisen)
 folgt Sehnsucht nach Authentischem, setzt lange ideengeschichtliche Tradition fort
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.

Menschen ethnischer Gesellschaften erscheinen natürlicher, weniger entfremdet:
Ethnotouristen sind für kurze Zeit in ein anderes kulturelles Bezugssystem gestellt,
können Hast, Materialismus kurzfristig relativieren; alle ethnische Gesellschaften
stellen magische Systeme dar: werden als Alternativkonzepte zur eigenen
gesellschaftlichen kulturellen Wirklichkeit und Identität erlebt
Ethnotouristisches Reisen biete geeignete Projektionsfläche für Erfüllung der Sehnsucht nach
weniger Druck, mehr Raum, mehr Zeit
Programm der Sicherheit, Versicherung wird keineswegs aufgegeben
Tendenz nach erfolgter Reise heftig zu interpretieren, romantisieren => Tradition der
Sichtbarmachung
Spreitzhofer, Günther: Drifting and Travelling. 30 Jahre Rucksacktourismus in
Südostasien – (K)ein Beitrag zur Entwicklung? Eine Bilanz.1 S. 99 - 120
Spätestens mit dem Erscheinen des Bestsellers „The Beach“ (1997) und der Verfilmung mit
Leonardo DiCaprio wurde Rucksacktourismus für die breite Öffentlichkeit nachvollziehbar:
die Suche nach dem Traumstrand und die Vision der angestrebten (touristischen) anti –
westlichen Scheinwelt, die zum Scheitern verurteilt ist.
Rucksack gut? Koffer böse?
In den 70er Jahren wurde das klischeehafte Bild des „typischen backpackers“ (ein plan- und
zielloser Jugendlicher) mit dem so genannten „Drifter“- Schema verbunden. Drifter = ein
Touristentyp der jegliche Verbindung zu einer touristischen Infrastruktur meidet und
gewöhnliche touristische Erlebnisse als unecht empfindet. Er hat keinen festen Zeitplan und
keine klar definierten Reiseziele.
Heute stellt sich die Frage, ob ein Rucksackreisender tatsächlich noch von einer
Verweigerung geprägt ist, bzw. ob Alternativtourismus einen nachhaltigen Tourismus bieten
kann? Schnell werden anspruchslose „Drifter“ zu komfortsuchenden „Travellern“, auf der
Suche nach Shopping, Sonne und Fun. Südostasien ist seit den frühen 1970ern die Wiege des
Rucksacktourismus als beginnende massentouristische Erscheinung. Ein Vergleich beim
„googlen“ zeigt, dass „Backpacking“ den Begriff „Alternativtourismus“ weitgehend abgelöst
hat. Das in den 70ern noch propagierte harmonische Zusammenleben zwischen Host und
Guest muss spätestens seit den Terroranschlägen in Bali kritisch hinterfragt werden, und der
Rucksack, Namensgeber der besagten „billigen“ (?) Reiseform, kostet oft so viel wie der
Jahreslohn der Bereisten und führt die These der Völkerverständigung von gleich zu gleich ad
absurdum. Die anfängliche Romantisierung ist also längst kritischen Betrachtungen gewichen.
Im Artikel werden die Begriffe „Backpacking“ bzw. „Traveller“ als Synonym für die Termini
„Alternativtourismus“ und „Individualtourist“ verwendet, dabei betont Spreitzhofer die
Unschärfe zwischen den Begriffen, da z. B. nicht jeder Backpacker ein Individualtourist sein
muss bzw. umgekehrt.
Eine definitorische Annäherung: Touristen sind alle anderen?
1
Persönliche Anm.: Da der Autor in seinem Aufsatz auf die Verwendung einer geschlechtsspezifischen Sprache
(Bsp. TouristInnen, Reisender und Reisende etc.) verzichtet, wird auch bei der Zusammenfassung nicht darauf
Rücksicht genommen, um den Artikel authentisch wiederzugeben. Betont werden muss daher, dass bei der
Verwendung der Begriffe Touristen, Reisende, Aussteiger usw. sehr wohl Frauen UND Männer mit
eingeschlossen sind.
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
Ein Manko bei der Analyse von Alternativtourismus ist sicher, dass es keine adäquaten
Studien aus den südostasiatischen Zielgebieten selbst gibt (dies unterstreicht die langjährige
Negation des Phänomens durch staatliche Behörden und wissenschaftliche Institutionen).
Gemeinsamer Nenner sämtlicher Begriffsdefinitionen in diversen Publikationen ist die
Abgrenzung zum (massenhaftem) Pauschaltourismus mit all seinen negativen Auswirkungen.
Als Synonym für Billig- Individualreisende in die 3. Welt galt zunächst die Bezeichnung
„Hippie“ (in der Tourismusfachliteratur war auch von „ausgeflippten Jugendlichen“,
„Edelgammlern“, „Aussteigern“, „Weltenbummlern“ und „Freaks“ – eine kleine Auswahldie Rede). Erst gegen Ende der 80er setzte sich der Begriff „Alternativtourist“ durch. Als
Selbstbezeichnung fungiert dieser Begriff jedoch nicht (da dies dem Selbstverständnis als
„Anti- Tourist“ widersprechen würde), daher bezeichnen sich die Reisenden meist als
„Backpacker“, „Traveller“ oder „Globetrotter“. Verbindend für diese inhomogene Gruppe
der scheinbar „anders“ Reisenden ist die völlige Ablehnung der touristischen Rolle auf der
Suche nach authentischen Erlebnissen.
Wissenschaftliche Ebene: Drifter, Explorer, Elite- oder Off- Beat- Touristen?
Erik Cohen (1972): Konzept basierend auf dem jeweiligen Kommerzialisierungsgrad der
„organized“ und der „individual mass tourists“, bei dem die „drifter“ und „explorer“ als
Gegenspieler fungieren.
Bis heute gilt Cohens Konzept als Basis für weitere Definitionen.
- Explorer Typ: Bestimmt u arrangiert Reiseorganisation und Fortbewegungsart selbst,
stellt Mindestansprüche an Komfort, hofft auf Routine und Bekanntes (z. B. Essen)
und verfügt über einen fixen Zeit- und Routenplan.
- Drifter Typ: zeigt verstärktes Interesse am Lebensstil der bereisten Kulturen/
Regionen und versucht diesen zu teilen. Gilt als unpatriotische und
ideologieverachtend, kann zur Anarchie neigen. Während in den 70ern noch eine enge
Verbindung von „drifting & drugs“ erkennbar war, ist dies für die 80er bereits nicht
mehr feststellbar.
Einen weiteren Kategorisierungsansatz bietet Cohen auf der Grundlage touristischer
Erfahrungswerte an.
- recreational
- diversionary
- experiential
- experimental
- existential
Alternativtouristen können demnach als „Experimentier- und Existenztypen“ eingeordnet
werden. Bei den Konzepten von „Off- Beat- Touristen“ und „Elite- Touristen“ ist wichtig,
dass die Off- Beat- Touristen durch die Benutzung von lokalen Verkehrssystemen,
Unterkünften und Gaststätten, kaum sozio- kulturelle Überformung bewirken.
Tramper, Hippie, Backpacker: die Entwicklung des soziokulturellen Umfeldes
Bis zum Ende der 1930er war Tramping (nicht nur in den USA) gesellschaftlich etabliert und
romantisiert. Durch das vermehrte Aufkommen von Landstreicherei sank die öffentliche
Akzeptanz. Die Massenbewegung wurde zum politischen Reibepunkt und „life on the road“
galt als verdächtig und illegal. Alternativtourismus größeren Stils wird erst ab Beginn der
70er als Reaktion auf den Massentourismus und dessen Auswirkungen registriert. Zunächst
kann man noch von einer Minderheitenerscheinung vorwiegend politisch linker Kreise
sprechen, die sich unterschiedlich intensiv auf die westlich- kapitalistischen Staaten
ausbreitete. Die Blumenkinder der späten 60er beschränkten sich nicht mehr länger auf
Protestkundgebungen und Demos gegen das Establishment sondern setzen durch Reisen nach
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
Indien, die ersten Alternativreisen per se und Wegbereiter für (massenhaften)
Alternativtourismus der nächsten Jahrzehnte, Zeichen auf der Suche nach einer besseren Welt.
(Bsp.: die „Aussteigerzentren“ Kuta, Kathmandu und Goa)
Traveller Life on the Road: Banana Pancake, Müsli und Mehr
Rucksacktourismus in SO- Asien ist weitgehend durch die Dominanz west-, mittel- und
nordeuropäischer,
überwiegend
männlicher
Traveller
gekennzeichnet,
deren
Durchschnittsalter etwa knapp unter 30 liegt. Etwa 2 Drittel der von Spreizuhofer befragten
Touristen hatten einen überdurchschnittlich hohen Ausbildungsstand (Matura, Studenten,
Akademiker). Gründe für die Reise: persönliche Krisensituationen, Aspekte der
Selbstverwirklichung, Leistungsdruck, Kritik an der westlichen Konsumgesellschaft,
„Flucht“… Vorwiegend Alleinreisende, Reisepartner auf Zeit v. a. wg. Kostenreduzierung
und als moralische Stütze. Meist eine geplante Reisedauer von etwa 6 Monaten bis zu einem
Jahr. Je mehr Länder bereist, umso „prestigeträchtiger“ – je billiger desto besser, umso höher
die Wertschätzung unter gleichgesinnten Travellern.
Die Infrastruktur des Rucksacktourismus: Quellstaaten und Zielregionen
Urbane Traveller- Enklaven als Ausgangspunkt für Informationsbeschaffung und Streifzüge
in die Peripherie. Selbstständigkeit eingeschränkt, da entsprechende Reiseliteratur die
Ausflüge weitgehend strukturiert und lenkt.
Backpacking Kommerz - Bsp. 1: Lonely Planet und Co
Rucksacktourismus ist mit einem Anteil von 5-10 % am gesamten Reisemarkt ein
eigenständiger Marktsektor. Der Übergang zum pauschalen durchstrukturierten
Massentourismus ist nur eine Frage der Zeit. Christian Adler: „Wir sind alle Individualisten,
die sich niemals dem Massentourismus verschreiben. Das sollen gefälligst „die anderen“ tun“.
„Southeast Asia on a Shoestring“, die „Gelbe Bibel“ der Backpacker und Billigtouristen geht
seit der Erstveröffentlichung 1975 bereits in die 12., aktualisierte Auflage (2004). Anfangs
noch
Familienbetrieb
(Eigenrecherchen)
beschäftigen
„Lonely
Planet
Publications“(Verlaggründer Tony Wheeler) heute über 150 Autoren aus 20 Ländern. Seit
einigen Jahren wird Billigstinfrastruktur nicht mehr erwähnt, eine Reaktion auf die neuen
Reisenden, die Rucksacktourismus nicht mehr unbedingt mit absolutem Billigtourismus
gleichsetzen? Lonely Planet umfasst neben den Reiseführern auch eigene TV-Serien,
Bildbanken, Informationsplattformen und websites. Mit jährlichen Wachstumsraten von 20 %
und mehr als 3 Mio. verkauften Büchern per Jahr kann von alternativer Reiseliteratur wohl
kaum noch gesprochen werden…
Bsp. 2: die Khao San Road
Die Khao San Road, im Herzen on Thailands Hauptstadt Bangkok, gilt als Wegbereiter und
Metapher für alternativtouristische Erschließung in Südostasien, symbolisiert den Wandel von
alternativer Gegenwelt zum hedonistischen Partyzentrum der Gegenwart. Begünstigt durch
die zunehmende Bedeutung Bangkoks als internationaler Flugknotenpunkt und in
unmittelbarer Nähe zum Königspalast gelegen, war der Bedeutungsaufschwung der Straße nur
eine Frage der Zeit. Backpacker aller Länder, vereinigt euch? Die Khao San Road „is an
amazingly cosmopolitan place these days“. Seit 2004 ist die Fusßgängerzone noch
kommerzialisierter geworden. Neben Leistungen in den Bereichen Unterkunft und
Verpflegung bietet das System K. S. Road eine abgeschlossene Welt in sich, ausschließlich
ausgerichtet auf die Erwartungen und Bedürfnisse westlicher Billig(st)reisender. Der
verstärkte Zustrom von ortsfremden Händlerschichten ist ein unübersehbares Phänomen. Die
Shoppingstraße umfasste 2003 über 240 Betriebe (hinzukommen noch die mobilen Stände
und Guest Houses), die großteils im Besitz von drei chinesisch- thailändischen
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
Investorengruppen standen. Verdienstmöglichkeiten für private Kleinunternehmer sind also
durchaus marginal. Es ist eine rapide Transformation zur Party-, Fun- und Shopping- Zone zu
erkennen. Die Feindbilder und Kontrapunkte der anti- konsumorientierten
Alternativtourismusszene der 70er waren bereits in den 90ern in billigtouristischen
Schaltzentralen präsent und akzeptiert. Der einstige Geheimtipp ist längst kommerzialisiert
und digital präsent (www.khaosan.com). Die rasche Verbreitung von Geheimtipps folgt schon
längst per Internet (Spartipps; persönliche Befindlichkeit, in digitalen Tagebüchern mitgeteilt
wird etc.). „Eine Handvoll Thailand würzt westliche Studentenkultur…das Treiben auf der K.
S. R. wirkt bisweilen wie eine große Uniparty unter dem Motto „Wir spielen Asien“, die
etwas aus dem Ruder gelaufen ist.“
Rucksacktourismus und seine Auswirkungen:
Völkerverständigung und interkulturelle Kommunikation?
Die heutige Massenhaftigkeit der Traveller- Szene führt nach Becker zusammenfassend zu:
- Überlastung der aktuellen alternativen Reiseziele
- Durchsetzung des eigenen Lebensstils
- Ausbeutung traditioneller Gastfreundschaft
- Kommerzialisierung
- Veränderung der Dorfstrukturen
Lokal/ regional begrenzte Geheimtipps wurden früher oder später (etwa durch
Leserzuschriften) Bestandteil der einschlägigen Reiseführerliteratur und Programm von
Pauschalreiseveranstaltungen. Krippendorf sprach schon 1984 von einer „CocaKolonisierung“ von peripheren Regionen. Die Erkenntnis, dass Alternativtourismus keine
Lösung der Probleme für Gesellschaft, Kultur und Umwelt darstellt, scheint heute
unbestritten.
Positive Beiträge zur Regionalentwicklung? Möglichkeiten der Partizipation
Die Hippies sind Vergangenheit, geblieben sind die Backpacker. Individualtourismus ist stetig
im Wachsen begriffen und gewinnt darum auch quantitativ an Bedeutung.
Rucksacktouristen und ihr Beitrag zur Entwicklung (Auswahl): economic development and
non- economic development criteria
Quelle: Sheyvens 2002
-
-
they spent more money than other tourists cause of longer duration of visit
the money spent is spread over a wider geographical area
they do not demand luxury, therefore spend more on locally produced goods and
services
basic infrastructure is required, therefore minimising the need for imported goods
significant multiplier effects from drawing on local skills and resources
ownership and control can be retained locally
local people can form organizations which promote local tourism
the interest of backpackers in meeting and leaning from local people can lead to
revitalization of traditional culture, respect for the knowledge and pride in traditional
aspects of one´s culture
Backpackers use fewer resources (like cold showers and fans) so they are kinder to the
environment
Local servicing of the tourism market challenges foreign domination of tourism
enterprises
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
Internationale Fallstudien zu alternativtouristischen Auswirkungen lassen eine Reihe
(möglicher) positiver Auswirkungen erkennen, die wichtigsten sind z. B. die informellen
Verdienstmöglichkeiten der Lokalbevölkerung, die Streuung der Einkommenseffekte für
periphere Regionen, und die Tatsache, dass Backpacker eher lokal produzierte Produkte
kaufen als Pauschaltouristen.
Eine Chance zur persönlichen Entwicklung? Soft Skills und Mobile Professionals
Schon aus Gründen der (unbewussten) Selbstrechtfertigung wird eine Reise vielfach
glorifiziert, der psychologische Erfolgszwang des „Positiven“ der Reise zwingt zur
Verdrängung negativ empfundener Begebenheiten. Nach Cohen ist die Entwicklung des
Rucksacktourismus ein Spiegelbild der postindustriellen Zeit. So hat das Driften einen festen
Platz in der individuellen spätmodernen (Erfolgs-)Biographie. Softskills, die Fähigkeit sich
flexibel auf neue Situationen einzulassen, sind vermehrt essentieller Bestandteil der
persönlichen Weiterentwicklung und Qualifikationen für viele Berufsprofile. Backpacking
erfüllt somit zwei Ziele:
- Qualifizierung (und somit eine Erleichterung in den Berufseinstieg nach einer Reise)
- Selbstverwirklichung
Driften scheint in soziologischer Betrachtung eine Auszeit von der Ernsthaftigkeit des Alltags
darzustellen; Risiko, in Form von Grenzerfahrungen, wird demnach mit Bereicherung
gleichgesetzt, da es zu keinem Versagen kommen kann.
(Budget) Travel is trendy- ein Resümee
Alternativtourismus dürfte in Südostasien weiterhin eine Vorreiterrolle für großflächigen
Pauschaltourismus einnehmen. Damit verbunden ist die Weitergabe von subjektiver
(reisetechnischer) Information an Individual- Reiseführerverlage oder an einschlägige
Diskussionsforen und Traveller- Info- Plattformen (www.lonelyplanet.com), sowie
kommerzielle Diashows. Die konsumverachtenden Ideologien der Hippie- Ära sind lange
schon Vergangenheit. Egozentrische Motive der Selbstbestätigung und -findung prägen nach
wie vor das alternativ- touristische Tun. Die Dritte Welt wird so zur Spielwiese der
Selbsterfahrung und Einheimische werden leicht zur Kulisse degradiert. Aus soziologischer
Sicht scheinen zumindest die Traveller die Profiteure der (interkulturellen) Begegnung zu
sein, aus entwicklungspolitischer Betrachtung bleibt die Kluft zwischen Host und Guest
unverändert, wobei die Massenhaftigkeit des Rucksacktourismus durchaus vermehrte
Einkunftsmöglichkeiten für größere Teile der Bev. zu schaffen mag als bisher. Die gängige
elitäre Selbsteinschätzung als Anti- Touristen scheint aber kaum haltbar. Travelling driftet
einer ungewissen Zukunft entgegen.
Baumgartner, Christian / Leuthold, Margit: Fairer Tourismus in Zeiten der
Glokalisierung. Eine kleine, parteiische Geschichte der Globalisierung im
Tourismus. S. 121 – 126
Welt wird nicht globaler, war immer global. Menschen setzen Grenzen der
Weltwahrnehmung selbst (früher: „Welt ist Scheibe“, heute: Kommunikationstechnologien,
Mobilität).
Reisen ist älteste Form der „Globalisierung“: Sehnsucht nach Erkenntnis und Abenteuern,
aber auch nach Vertrautem in der Ferne hat Reisende damals (Marco Polo, Alexander von
Humboldt) und heute angetrieben.
Heute ist Tourismus einer der wichtigsten Dienstleistungssektoren. Fast jeder 9te Arbeitsplatz
ist direkt oder indirekt vom Tourismus abhängig, einige wenige riesige Reisekonzerne
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
bestimmen mit Hotelketten, Fluglinien, etc. das Geschäft. Laut Welttourismusorg. (UNWTO)
gibt es jährlich 760 Mio. TouristInnen, 2020 sollen es 1,6 Mrd. jährlich sein. Dank
Technologie wird immer weiter gereist werden.
Tourismus ist Neo-Kolonisierung, es gibt Ausbeutung von natürlichen Ressourcen, Gewinn
und Verlust wird ungleich verteilt. Tourismus wird immer mehr zum Massenangebot („Masse
statt Klasse“), daraus folgt eine Standardisierung der Destinationen nach den Ansprüchen der
Reisenden.
Durch die Liberalisierung von Gütern und Warenverkehr und die Zunehmende
Liberalisierung von Dienstleistungen geraten EL in großen Druck. Die Möglichkeiten
nationalstaatlicher Schutzbestimmungen und die Chancen für die einheimische Bevölkerung,
Profit aus dem Tourismus zu schlagen, werden dramatisch verringert. Die Liberalisierung von
Markt und Handel und die herrschende Kostenunwahrheit im Verkehr (z.B. die nach wie vor
fehlende Kerosinbesteuerung) beeinflussen den weltweiten Tourismus wesentlich stärker als
alle anderen Bewegungen der Menschen.
Diese Folgen der Globalisierung bestimmen, wer „billig“ reisen kann und wer nicht reisen
wird, wer „zuerst“ eine Destination erschließt und touristisch nutzt. Vor allem aber wird
hierbei die Frage nach der Verteilung der Güter und der gerechten Möglichkeiten von
Entwicklung virulent.
Faire Globalisierung als politische Antwort
Durch das Allgemeine Abkommen über den Handel in Dienstleistungen (GATS) wird die
Gleichbehandlung in- und ausländischer Anbieter im Tourismussektor festgeschrieben,
wodurch staatliche Steuerungsmöglichkeiten zum Schutz von Sozialstandards erschwert und
politische Entscheidungsrechte lokaler Regierungen ausgehebelt werden.
Die Verpflichtungen, die RegierungsvertreterInnen eingehen, haben einen gesetzlichen
Rahmen und daher weitreichende Konsequenzen für die nationale und lokale Politik. Vorteile
für kleine Anbieter müssen nun allen gewährt werden, was eine Gewinnbeteiligung der
lokalen Bev. erschwert bis unmöglich macht. Innerstaatliche Steuerungsmechanismen sind
auch für den Schutz der Umwelt und der Arbeitsbedingungen unverzichtbar. Zudem ignoriert
das GATS Menschenrechtsverletzungen. Es kommt zu einer Abwertung traditioneller
Beschäftigungsstrukturen, zu Inflation und zur Zerstörung von Lebensgrundlagen.
„Faire Globalisierung“ muss deshalb lokale Ebene im globalen Kontext betonen
(Glokalisierung): Orientierung an lokalen und regionalen Bedürfnissen, erst danach an denen
der Reisenden und der Konzerne.
Vom Fairen Handel zum Fairen Tourismus
Einschätzung, wie „fair“ ein Reiseangebot ist, schwer. Die sozialen Implikationen des
komplexen Produkts „Reise“ lassen sich bislang nicht in einem Label visualisieren. Selbst
Unterkünfte werden zumeist nur nach Umweltstandards bewertet. Ausnahme ist hier
Südafrika, das ein Label für Unterkünfte ausgibt, die in einheimischem Besitz sind und
einheimische ArbeiterInnen zu fairen Arbeitsbedingungen beschäftigen. Die Beschäftigten der
Reisekonzerne können über solche Belange zumeist wenig bis keine Auskunft geben.
Ökologische Verträglichkeit ist mittlerweile bei den Tourismusverantwortlichen in den EL
stärker ins Zentrum gerückt, die Entwicklung sozial gerechter Strukturen wird aber weiterhin
vernachlässigt. (Böse Randbemerkung: Schmutz stört Touristen halt, Arbeitsbedingungen
fallen nicht so auf).
Globalisierung nur für ein Drittel
Wer wohin fährt und fahren kann ist mittlerweile zur Standortfrage geworden. Für
EuropäerInnen wird das Fliegen immer billiger (Flugpreise entsprechen oft nicht mal den
Transportkosten), die Reiseziele daher immer entlegener. In anderen Regionen bleiben die
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
Flugrouten jedoch teuer, das Fliegen wird eher komplizierter (Erwerb von Visa und TransitVisa oft mit hohen Kosten/Auflagen verbunden, „Festung Europa“). Folge ist ein
dramatisches Ungleichgewicht der Möglichkeiten.
Globalisierte Verantwortung
Reisefreiheit hat vor allem bei der sanften Revolution und dem Fall des Eisernen Vorhangs
eine entscheidende Rolle gespielt. Reisefreiheit wird immer mehr zum Symbol von Freiheit
an sich.
Menschenrechtsverletzungen in den (Reise-)Zielländern werden zumeist erst dann publik,
wenn auch TouristInnen betroffen sind. Bei der Wahl der Destination spielen Fragen über die
Einhaltung der Menschenrechte jedoch nur selten eine Rolle. Zumeist wissen Reisende kaum
etwas über ihre Reiseziele. Geachtet wird zumeist nur auf die Angebote in den
Reisemagazinen. Ein Zusammenwachsen findet durch’s Reisen also kaum statt.
Fazit
1. Es ist nötig, eine globalisierte Problemwahrnehmung zu entwickeln.
2. Für nachhaltige Entwicklung braucht es selbstbestimmte und selbstregulierte
Glokalisierung des Tourismus – also ein In-Beziehung-Setzen des globalen Tourismus mit
der regionalen und lokalen Ebene – statt einer unkontrollierten Globalisierung der
Konzerne. Partizipation der Betroffenen, Förderung lokaler Wertschöpfung, Respekt vor
kulturellen und religiösen Eigenheiten, Umweltschutz.
3. Damit sich Fairer Tourismus etablieren kann, bedarf es d. Nachfrage sowie d.
Entwicklung von Standards für Wertschöpfung und Arbeitsbedingungen.
4. Diktaturen und Menschenrechtsverletzungen fordern einen Tourismus mit offenen Augen.
Luger, Kurt: Tourismus als Entwicklungsmodell. Nachhaltigkeitsversuche,
Armutsreduzierung und Regionalentwicklung. S. 127 – 152
Die meisten Touristen buchen in Nepal einen „fully organized trek“, bei dem alles aus der
Hauptstadt Kathmandu mitgetragen wird. Die BergbewohnerInnen im Nordosten gehen meist
leer aus. Nur als Führer können die jungen Männer von September bis Dezember etwas dazu
verdienen.
Die Bauern der Region leben hauptsächlich von ihren Felderträgen. Aber während die Zahl
der Kinder steigt, nimmt trotz erheblicher Mengen von Kunstdünger die Fruchtbarkeit der
Böden ab. Oft reicht die Ernte nur noch für ein halbes Jahr. Die Männer sind gezwungen,
anderswo Geld zu verdienen. Meist im Tourismus als Träger, Köche, Führer oder auf
Teeplantagen in Darjeeling oder irgendwo als Tagelöhner. Viele der Männer kehren nicht
mehr zurück.
Tourismus gegen Armut und Unterentwicklung
Was haben die oft bitterarmen Menschen von der wunderschönen, touristischen Natur, die sie
umgibt? Bislang profitieren vom Tourismus, der sich da und dort entwickelt, in erster Linie
die Tour Operators in den Metropolen und die Reiseanbieter overseas. Der Löwenanteil fließt
ab, aber zumindest während der Touristensaison entstehen Arbeitsplätze vor Ort und die
Familien kommen zu Bargeld.
Die Frage muss also lauten: Wie lässt sich das System so ändern und der Tourismus so
gestalten, damit er in erster Linie den Einheimischen zugute kommt?
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
Der Artikel beschäftigt sich mit der entwicklungspolitischen Aufgabe des Tourismus, speziell
mit dem Pro-poor Tourism Ansatz („Armutsreduzierender Tourismus“). Der Fokus liegt auf
Nepal und einem Öko-Tourismusprojekt der ÖEZA.
Bis vor wenigen Jahren Annahme in entwicklungspol. Diskussion, dass Tour. mehr Schaden
als Nutzen in den Entwicklungsgesell. stifte oder ein zu riskanter Wirtschaftszweig sei, der
von zu vielen externen Zufälligkeiten abhänge, um langfristig zur Existenzsicherung oder zur
Verbesserung der Lebensumstände beitragen kann. Diese Mythen va. vom britischen
Department for International Development (DFID) widerlegt: Unvorhersehbarkeit trifft auf
viele Bereiche zu: Rohstoffpreisentwicklung, Nachfrageentw., Währungsrisiko, etc. DFID
kreierte den Begriff „Pro-poor Tourism“ (PPT) und die Welttourismusorganisation WTO
initiierte einen eigenen Action Plan unter dem Etikett ST-EP – sustainable tourism,
eliminating poverty, da der Begriff pro-poor tourism als zu negativ konnotiert wurde (Infos zu
st-ep: www.crctourism.com.au).
Auf dem World Summit on Sustainable Development in Johannesburg 2002 wurde ST-EP als
wirksames Mittel zur Armutsbekämpfung vorgestellt und 2004 mit d. Implementierung d.
Programms begonnen. Viele große Entw.org. (WB, DFID, etc.) daran beteiligt, weil sie
erkannten, dass sorgfältig konzipierter Tour. Sich gut in Regionalentwicklungsprojekte
integrieren lässt und unter dem Strich wohl mehr positive als negative Auswirkungen
verursacht. Dies bedeutet geradezu Paradigmenwechsel, dann bis in die 90er-Jahre gab es
kaum nennenswerte Versuche, das ökonomische Potenzial des Tour. für entwicklungspol.
Ziele zu nutzen (in Nepal schon früher erkannt, va. in Nationalparks und Schutzgebieten sind
entsprechende Projekte entstanden).
Der Trend, in der EZA stärker die Schaffung von Arbeitsplätzen und
Unternehmensgründungen (Klein- und Mittelbetriebe) sowie Private-public-Partnerschaften
zu fördern und lokale Ökonomien zu stimulieren, hat sicherlich zu dieser Umorientierung
beigetragen.
Argumentation von „Pro-poor Tourism Partnership“ (Joint Venture von brit. Entw. Org.):
PPT führt zu höherem Ertrag für arme Leute. PPT ist keine Sektornische sondern Konzept für
Tour.entw. und -management. PPT stärkt Verbindungen zw. Tour.wirtschaft und den Armen
auf eine Weise, sodass dieser Tour. Zur Armutsreduzierung beiträgt und die Armen mehr
Möglichkeiten haben, sich in die Produktentw. einzubringen. Formen und Strategien reichen
von Schaffung v. Arbeitsplätzen bis zu Mitsprachemodellen. Jedes Unternehmen kann
eingebunden werden. D. kritische Faktor ist die sichtbare Steigerung des Nettonutzens für d.
arme Bevölkerung (www.propoortourism.org/uk).
In der WTO-Studie „Tourism and Poverty Alleviation“ (Volltext unter www.wto.org) wird
festgehalten, dass der Tour. ein erstrangiges Exportprodukt für EL und Least Developed
Countries (LDCs) darstellt, gute Wachstumsraten aufweist und sich nach dem Erdöl zur
nächst wichtigen Quelle für Deviseneinkünfte entwickelt hat. In Zahlen ausgedrückt:
 Tour. = erstrangiges Exportprodukt für 83 % der EL, für 1/3 davon sogar das wichtigste.
 Alle EL: 2000 gab’s 292,6 Mio. internat. Touristenankünfte (+ 95% im Vergleich zu
1990). In den 49 LDCs 5,1 Mio. Ankünfte 2000 (+75%)
 80% der Armen (max. 1 US-$ / Tag) leben in 12 Ländern. In 11 davon Tour. sehr wichtig.
 Anteil der EL am Tour.: 1973: 20,8%; 2000: 42%. Einheimischer Tour. wird wichtiger
(Ausnahme LDCs)
 Zuwachs bei Tour.erlösen in EL (va. in LDCs) deutlich höher als in OECD od. EU.
Zuwachs zw. 1990 und 2000: LDCs 45%, EL 20%, OECD 18%, EU 7,8%.
 Lässt man Erdöl außer Acht, so wurde Tour. bereits zur führenden Quelle für
Exporterlöse.
Tour. steigt in EL trotz lokaler Widrigkeiten wie Avian Flu, SARS, Katastrophen,
Bürgerkriegen, etc. Einziger wirklicher Einschnitt war 9/11.
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
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Statistik zeigt, dass die Touristen vorhanden wären – jetzt käme es darauf an, den Tourismus
so zu organisieren, dass tatsächlich der ärmste Teil der Bevölkerung davon profitiert.
(Auf Seiten 131, 132 2 Tabellen: 1. Tourismusdaten der 50 Länder mit der höchsten Zahl an
Menschen, die unter der Armutsgrenze leben. 2. Touristenankünfte der 20 am schnellsten
wachsenden Tourismusdestinationen in der „Dritten Welt“)
Die eindeutigen Daten sind Grundlage dafür, dass die WTO vom Entw.potenzial des Tour.
überzeugt ist und die Idee verfolgt, aus den Armen Kreateure und Exporteure eines
intelligenten Produkts zu machen. Als Marktwirtschafter sind die Experten der WTo va.
begeistert von Vielfalt d. ethnischen Gruppen, der Biodiversität und d. Landschaften, die für
die internat. Tour.industrie vermarktbar werden. Ihrer Meinung nach also eine „Win-WinSituation“, wenn EL sich voll auf Tour. konzentrieren würden. Vorteile: neue Arbeitsplätze
(positiver Einkommenseffekt), va. für Frauen (also Beitrag zur Geschlechtergleichstellung).
In jedem Fall aber Entw.schub, wenn ein größerer Teil des Einkommens aus Tour. der lokalen
Bevölkerung zugute käme.
Um dieses Ziel zu erreichen, müssten Dorfkooperationen und kleine Unternehmen
Möglichkeit zum Zugang zu Tourismusmarkt bekommen und mit der bestehenden Industrie
vernetzt werden, um so die großen Abflusseffekte (leakage) zu vermindern. Komplementär
zur Subsistenzwirtschaft in den Entw.gesellschaften müssten Klein und Mittelbetriebe
gefördert werden und es sollte sichergestellt sein, dass die Einkommen aus dem Tour.
tatsächlich in die Region zurückfließen, in der sie verdient wurden. Damit Diskussion dort,
wo viele Entw.bemühungen enden: im Korruptionssumpf der nationalen Eliten und
Regierungen, bei den ungleichen Machtstrukturen, beim völlig ungleichen Zugang zu Bildung
und Entwicklung, bei der höchst ungerechten Verteilung von Besitz, Land und Infrastruktur.
Es wird anerkannt, dass Tourismus (wie Infrastruktur, Bildung, etc.) wichtige Rolle bei
Veränderung von Lebensbedingungen in armen Ländern spielen kann und soll. Dabei müssen
jedoch Nachhaltigkeitsstrategien regional verankert sein und auf die lokale Bevölkerung
eingehen. Wo das touristische Ausbaupotenzial vorhanden ist, spricht daher nichts gegen eine
Forcierung dieses Wirtschaftszweiges.
Von der WTO wird sustainable tourism – nachhaltiger Tourismus – seit 1988 wie folgt
definiert: „Sustainable tourism development meets the needs of present tourists and host
regions while protecting and enhancing opportunities fort he future. It is envisaged as leading
to management of al resources in such a way that economic, social, and aesthetic needs can be
fulfilled while maintaining cultural integrity, essential ecological processes, biological
diversity, and life support systems.“
Das entwicklungspolitische Element wurde erst 1999 in einem Meeting der UN Commission
on Sustainable Development hinzugefügt. Regierungen sind nun mehr aufgefordert „to
maximise the potential of tourism for eradicating poverty by developing appropriate strategies
in co-operation with all major groups, indigenous and local communities.“ Pro-poor
Tourismus versucht genau das zu tun. Pro-poor Tour. ermöglicht Schutz natürlicher,
historischer, kultureller und anderer Ressourcen für die Zukunft, wirft aber schon jetzt Nutzen
ab. Diese Entw. muss mit Bedacht geplant und gut gemanagt sein, damit sie keine
Unweltschäden oder soziokulturelle Probleme verursacht. Eine hohe Qualität des Produktes
muss erreicht und gesichert werden, denn damit behält die Destination ihre Attraktivität. Die
Vorteile daraus müssen möglichst vielen in einer Gesellschaft zugute kommen.
Von der Vision zur Tat – Regionalentwicklung als Gestaltungsprozess
Seit 1997 (also schon vor Begriffserfindung Pro-poor Tourismus) läuft Entw.projekt im
Rolwaling Tal und im südlich davon gelegenen Hügelland (Nepal). Bevölkerung ist Gemisch
aus vielen ethnischen Gruppen und Kasten, Hindus und Buddhisten. Zusammen mit
Dorfgemeinschaften wird hier ökologisch und kulturell vertretbarer Tourismus aufgebaut.
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
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Projektträger ist Eco Himal, die Gesellschaft für ökologische Zusammenarbeit AlpenHimalaya. Seit 1991 in Nepal und Tibet tätig, ziele Armutsreduktion/Arbeitsschaffung,
Finanzier: ÖEZA.
Grundprinzip zur Integration der Bev.: „10 minutes donation“. JedeR DorfbewohnerIn muss
sich 10 Minuten täglich oder einen Tag im Monat an der Gemeindearbeit beteiligen, seinen
persönlichen Teil zur Entwicklung des Dorfes beitragen. Nach anfänglichem Unverständnis
sind die meisten BewohnerInnen mittlerweile überzeugt und ziehen mit. Diese „Zeitspenden“
dienen in allen Dörfern der Projektregion zur Stärkung des Verantwortungs- und
Gemeinschaftsgefühls. Und es wird etwas Gemeinsames geschaffen, das Einzelne niemals
bewerkstelligen könnten.
Über die Verwendung der Einkünfte aus gemeinsamen Projekten (z.B. ein Campingplatz)
entscheidet das dörfliche Entwicklungskomitee, dem je 2 Personen aus einem Haushalt
angehören können (Integration der Frauen).
Das Konzept beruht auf einfachen Überlegungen: Zusammen mit den Einheimischen werden
Einkommensmöglichkeiten und Arbeitsplätze im und rund um den Tourismus geschaffen, und
zwar vor Ort, damit die Menschen in ihren Dörfern bleiben (können) und ein
Zusatzeinkommen zur Subsistenz erwirtschaften können (= Armutsreduktion). Um Produkt
verkaufbar zu machen benötigt es bestimmt Qualität: gewisser Standard an Dienstleistun =
gewisser Standard an Infrastruktur (die die Einheimischen ebenso brauchen). Daher in ersten
Jahren va. hygienische Infrastruktur gebaut. Während der Regenzeit gibt es Kurse in
Schreiben, Lesen, Rechnen und Englisch. Die Einkünfte aus dem Tourismus sollen für soziale
Dienstleistungen verwendet werden. Denn: nicht Einzelne sollen profitieren, sondern das
ganze Dorf.
„Where there is unity, there is energy“, so das Credo des Village Motivators, der von Beginn
an mitbeteiligt am Aufbau der ersten CDCs (mittlerweile gibt es 20), der „Community
Development Committees“ war. Diese sind mittlerweile als Wirtschaftskooperativen (agieren
wie Gewerbebetriebe: Kredite, Investitionen, Handel, etc.) in der Distriktverwaltung
registriert. In diesen CDCs erfolgt die grundsätzliche Planung, wie sich das Dorf bzw. die
Region entwickeln soll, was gebraucht wird, welche Probleme zu bewältigen sind und welche
Ausbauschritte als nächstes zu setzen sind. Dorfgemeinschaften entw. Perspektiven (z.B. in
moderierten Workshops nach der PRA-Methode, „Participatory Rural Appraisal“), Aufgabe
von Eco Himal ist dann, diese Interessenslagen zu größerem Ganzen zu formen,
Entw.strategie darauf abzustimmen und Finanzierung zu sichern. Bestehendes lokales Wissen
bzw. bewährte Organisationsformen werden aufgegriffen.
Die Einrichtung von CDCs bedeutet jedoch nicht notwendigerweise, dass damit alle
Entscheidungsprozesse demokratisch ablaufen, traditionelle Machtstrukturen aufgehoben
werden und Mitsprache für alle, die bislang ausgeschlossen waren – etwa Frauen,
Jugendliche, niedere Kasten – nun möglich ist. Erst wenn Fokus auf Empowerment der
bislang benachteiligten Gruppen gelegt wird, diese Probleme explizit adressiert werden und
eine „Gegensteuerung“ vom Projekt aus erfolgt, sind Veränderungen möglich. Insgesamt
dominiert in der entw.pol. Literatur ein sehr romantisches Bild von Partizipation.
Oberziele des Projekts:
 Schaffung von Arbeitsplätzen im Tourismus als Beitrag zur Subsistenzwirtschaft und zur
Reduzierung des Abwanderungsdrucks
 Generierung von Einkommen für die lokale Bevölkerung
 Realisierung eines ökologisch orientierten Tourismuskonzepts
 Förderung eines ökologisch und sozial verantwortungsvollen Tourismus in der
Projektregion
Unmittelbare Projektziele:
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.



Verbesserung der Lebensbedingungen und der Wohnsituation für die lokale Bev. durch
Steigerung der Qualität der basalen Infrastruktur (Trinkwasser, Toiletten, Wege, Brücken)
Verbesserung der touristischen Infrastruktur und Ausbildung
Einbeziehung und Vorbereitung der lokalen Bev. auf den Tour., damit diese Tour.
weitgehend in Eigenregie betreiben kann.
Ziele sollen unter folgenden 5 Prämissen erreicht werden:
1. Maximale Berücksichtigung der Bedürfnisse der Einheimischen (intakte Soziokultur)
2. Forderung nach intakter Umwelt
3. Forderung nach wirtschaftlicher Ergiebigkeit
4. Berücksichtigung der Wünsche der Touristen
5. Zielsetzung der optimalen Kommunikation.
Ad 1: maximale Berücksichtigung der Bedürfnisse der Einheimischen
Hierfür muss Tour. als Ergänzung zu bisheriger Subsistenzwirtschaft verstanden werden.
Tourismus dient als Erweiterung der bisherigen Einkommensbasis (die hier fast ausschließlich
aus Landbau und Viehzucht besteht. Ausnahmen: im Trekkingbereich Tätige). Die
Organisation des Tour. ist auf genossenschaftlicher Basis geplant. Diese basisdemokratische
Struktur ermöglicht tendenziell Beteiligung und Mitsprache aller an den Entscheidungen.
Ad 2: intakte Umwelt
Das Gebiet ist derzeit kein Schutzgebiet bzw. Nationalpark mit Gesetzesauflagen, obwohl
solche Bestimmungen für eine harmonische Tourismusentw. unerlässlich scheinen. Mehr
Tour. würde einen größeren Verbrauch von Holz und anderen Ressourcen bedingen. Ein
ökologisches Tour.-Management kann aber nur über die Bindung der Lodges an bestimmte
Auflagen erfolgen. Langfristig ist Einhaltung solcher Auflagen wohl nur durch
Belohnungssystem erreichbar. Eco Himal arbeitet mit CDCs ein „Memorandum of
Understanding“ aus, das bestimmte Umweltschutzmaßnahmen vorsieht. Lodges sollen sich
zusammentun und Regeln im Sinne eines „Gütesigels“ anerkennen. Dieses Zeichen garantiert
hohen Wiedererkennungswert. Eco Himal übernimmt Ausbildung der MitarbeiterInnen
(Lodge Management, Sprachkurse, etc.), stellt Kredite zur Verfügung, leiste Unterstützung
beim Auf- und Ausbau, unterstützt ein gemeinschaftliches Marketing, kontrolliert den
Qualitätsstandard der Lodges (Verwendung v. Kerosin anstelle v. Holz zum Kochen,
Errichtung von Komposttoiletten, etc.). In allen Lodges sind Infos für ökologisch
vorbildliches Trekker-Verhalten anzubringen. Wo keine Lodges vorhanden sind, finanziert
Eco Himal bau von CDC-Lodges, die gemeinschaftlich oder auf Pacht-Basis betrieben
werden können. Häuser nutzen passive Solarenergie.
Ad 3: wirtschaftliche Ergiebigkeit
Höhere Qualität und bessere Ausstattung rechtfertigen höhere Preise. Auch Bauern können
indirekt durch Zulieferung von Getreide, Gemüse und Fleisch, als ZwischenhändlerInnen von
Gütern oder als DienstleisterInnen ihre Einkommensbasis erweitern. Trekkingagenturen
werden froh darüber sein, denn sie müssen nicht mehr alles in die Region transportieren.
Ad 4: Berücksichtigung der Wünsche der Touristen
Die Region muss als „Produkt“ gesehen werden, bei dem das Preis-Leistungsverhältnis
stimmt, die komperativen Vorteile (etwa bessere Unterkünfte, mehr Nähe zur Kultur, weniger
Touristen, etc.) gegenüber anderen Destination deutlich werden. Insbesondere müssen ein
Mindeststandard an Hygiene und Komfort der Unterkünfte vorhanden sein und das Bedürfnis
nach Sicherheit am Berg befriedigt werden.
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
Durch das Ausbildungsprogramm für Trekking- und Tourguides MST („Mountaineering
School Thame“), könnte eine deutliche Verbesserung der Dienstleistungen erzielt werden
(was die Sicherheit betrifft). Vor allem auch Frauen wurden (auf Grund der Nachfrage) zu
Trekkingführerinnen ausgebildet.
Ad 5: Kommunikation und Marketing
Ausgangspunkt = Schaffung einer optimalen Komm. zw. Reisenden und Bereisten. Das
fordert von Seiten der Reisenden, dass sie die Kultur der Gastgeber respektieren und setzt
einen entsprechenden Informationsprozess voraus. Auf Seiten der Bereisten sind
entsprechende Vorleistung zu erbringen, z.B. Definition der konkreten Ziele, wie dieser Tour.
auszusehen hat. Das soll in Dörfern stattfinden, daher sind dort entsprechende
Bewusstseinsprozesse zu fördern bzw. zu initiieren, um ein Leitbild für die Region zu
entwickeln, dass dann auch als Marke klar kommuniziert werden muss.
Wichtig also: eigenständige Positionierung, Qualität des Angebots (ökologisch nachhaltiger
Tour.) und nicht Preis-Leistungs-Verhältnis muss im Vordergrund stehen.
Umweltorientierte Marketingziele: Erschließung eines neuen Marktsegments durch
Akquisition einer umweltbewussten und kultursensiblen Urlauberzielgruppe für das Gebiet,
die Bekanntmachung der konsequenten Umweltpolitik als Entw.projekt, um damit einen
Imagevorsprung zu erreichen. Die Ökologisierung des Angebots muss sowohl den
Produktkern (Geographie und Klima des Zielgebiets, Landschaft, Kultur/Folklore,
Wasserversorgung und -qualität, Abwasser- und Müllbeseitigung, Energiekonzept) als auch
die touristische Infrastruktur wie Reisebetreuung, Unterkunft, Verpflegung, Information,
Serviceleistungen, etc. umfassen. Nur so kann Einmaligkeit vermittelt werden.
Kommunikationspolitik soll touristisches Leistungspaket gegenüber Öffentlichkeit vermitteln
und interpretieren, mit dem Ziel, Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (ist
Komplementärleistung). Sie berücksichtigt Leitbildidee (Stellung des Projekts in Markt und
Gesellschaft), definiert die Kommunikationsziele und -zielgruppen, und trägt zur
Positionierung des Projekts bei, indem sie den Nutzen für den Endverbraucher bestimmt.
Projekt war in 3 Phasen unterteil:
1. 1997-2001: Aufbau der Organisationsstruktur durch CDCs, Entw. d. basalen Infrastruktur.
2. 2002-2004: Implementierung der tourismusrelevanten Infrastruktur, Capacity Building.
3. 2005-2006: Überleitung des Projekts in d. volle Verantwortung der CDCs, Aufbau eines
Netzwerkes der CDCs unter einer gemeinsamen Steuerungsorganisation.
Probleme:
 Abgeschiedenheit, soziale Disparitäten, allgemein niedriges Bildungs- und
Gesundheitsniveau.
 Kaum Kenntnis von NGOs vor Ort
 Schaffung von Institutionen (CDCs)
 Politische Situation (aufständische Maoisten): Das Distrikt wurde 2000 als befreites
Territorium deklariert. Viele junge BewohnerInnen flohen in die Städte. Die
Zurückgebliebenen waren oft wenig kooperationsbereit. Maoisten waren natürlich auch in
CDCs (Arbeit kam oft fast zum Stillstand). Rebellen waren wohl letztendlich von der
Notwendigkeit der Aktivitäten überzeugt (in einem offenen Brief des Parteivorsitzenden
bekannte er sich zum Ausbau des Tourismus als landeswichtige Investition für die Zeit
nach der Revolution). Widrige Umstände im Land haben jedenfalls zu starkem Rückgang
der Touristenankünfte geführt.
(Auf Seiten 140-147 gibt es Übersichten zum Projektergebnis und eine Matrix of Intervention
Logic)
Einheimische und Fremde auf dem Weg zur Nachhaltigkeit
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
Nutznießer des genannten Projekts sind BewohnerInnen der Region, aber auch die Natur.
Frage bleibt jedoch allgemein, welches Tour.konzept verwirklicht wird und wer zum
Nutznießer des touristischen Wirtschaftens wird. Karlheinz Wöhler mein dazu, dass Tour. nur
so umweltfreundlich und nachhaltig sein kann, wie es die Gesellschaft bzw. Wirtschaft gerade
ist. Die viel beschworene Nachhaltigkeit muss also gegen existierende illegitime Interessen
behauptet werden und setzt auf diese Weise demokratisierende und die Gesellschaft
verändernde Akzente. Pro-poor Tourism daher mehr ein zu erreichender Zustand.
Pentagon der Nachhaltigkeit im Tour:
 Langfristig möglich – weil Ressourcen schonend.
 Kulturell verträglich – weil Respekt gegenü. lokalen Riten, keine ausbeutende
Kommerzialisierung, Anpassung an ortsübliche Standards.
 Sozial ausgewogen – Einheimische eingebunden, Nutzen/Nachteile gleich verteilt.
 Ökologisch tragfähig – geringer Druck auf Umwelt, Förderung des Umweltbewusstseins.
 Wirtschaftlich sinnvoll und ergiebig – profitabel für lokale Ökonomie, Einkommen für
einheimische Bevölkerung.
Trotz geringer empirischer Daten schon einige Erfolge nachweisbar:
 Einbindung des privaten und staatlichen Sektors (dadurch breitere Basis)
 Reduzierung der Armut (Arbeitsplätze, Einkommen)
 Stärkung der Frauen und Geschlechtergerechtigkeit (Einbeziehung v. Frauen, etc.)
 Schutz der Umwelt (Umweltbewusstsein, Anreize, etc.)
Vorteile d. Tour. als Entw.motor:
 Konsumenten kommen zum Produkt (Marktchancen für weitere Produkte wie Souvenirs,
Dienstleistungen, etc.)
 Gut kombinierbar mit Landwirtschaft/Fischerei/Transportwesen  Synergieeffekte
 Entlegene Regionen profitieren wegen Natur, Kultur, etc.
 Tour. = arbeitsintensiv (Möglichkeit für viele)
 Höherer Frauenanteil als in anderen Sparten
 Geringer Mitteleinsatz (va. in Region mit geringen Rohstoffvorkommen wichtig)
 Infrastruktur für Tour. (Straßen, Elektrizität, Kommunikation, Trinkwasser) kommt auch
Einheimischen zugute.
 Tour. kommt in vielen Varianten vor (jedes Land hat was anzubieten)
 Heimischer Tour. geben mehr Flexibilität und puffern saisonale Schwankungen.
Negative Aspekte (private ök. Ausbeutung, Abwälzung von ökologischen Folgekosten auf
Arme, soz. und kult. Ausbeutung, starke wirt. Abhängigkeit von tour. Monokultur, leakageEffekt, mangelnde/falsche nationale Tour.politik) müssen ausgeschaltet oder zumindest
reduziert werden.
Peter Schatzl: Gebuchte Berge. Nachhaltigkeit bei organisierten
Trekkingreisen.2 S. 153 - 165
2
Anm.: Schatzl verwendet im gesamten Text die männliche Form (Tourist, Reiseveranstalter usw.) Da ich mich
auf diesen Originaltext beziehe, verwende ich ebenfalls diese Form und verzichte auf die heute gebräuchlichere
Schreibform mit dem „Binnen- I“.
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
Trekking = mehrtägige Wanderung in großen Höhen, meist in einem außereuropäischen
Hochgebirge. Eine wieder entdeckte, weiter entwickelte Form des Wanderns. Steht seit
Jahrzehnten als Marke für eine bestimmte Reiseform.
Spricht sowohl sport- und natur- als auch kulturorientierte Touristen an. Die ständige
Fortbewegung wird zum Erlebnis, zum eigentlichen Reisezweck. Wer zu Fuß geht, ist offen
für die Räume zwischen den üblichen touristischen Stationen.
Organisiertes Trekking = Ein Reiseveranstalter übernimmt gegen Entgelt die gesamte
Organisation und Durchführung. Sämtliche Einzelleistungen einer Reise (Transport,
Unterbringung, Verpflegung, Führung, Ausrüstung etc.) werden zu einem Paket
zusammengefasst. Zu betrachten ist dabei
1. eine räumlich- zeitliche Konzentration (Stichwort „Modeziele“ in der Hochsaison)
2. eine räumlich- zeitliche Ausdehnung (immer entlegenere Regionen zu immer
ungewöhnlicheren Zeiten)
Zwickmühle: Möglichkeit für die marginalisierte Bevölkerung der entlegenen Regionen ein
monetäres Einkommen aus dem Tourismus zu ziehen vs. Zahlreiche negative ökologische und
soziokulturelle Auswirkungen.
Auf dem Weg zur Nachhaltigkeit
V. a. spezialisierte Reiseveranstalter haben ein ausgeprägtes Verständnis für das Leitbild der
Nachhaltigkeit im Tourismus entwickelt. Das Problembewusstsein ist vorhanden. Die
Prinzipien der Nachhaltigkeit können dabei durchaus als Wettbewerbsvorteil verstanden
werden. Die große Konkurrenz und der dadurch hohe Kostendruck werden oft als
Hauptargument für die Nachhaltigkeitsprinzipien verwendet. „Nachhaltiger Tourismus“ kann
auch als Gütesiegel von Reiseveranstaltern gesehen werden, was vordergründig zu einer
Qualitätssteigerung führt. Maßnahmen im Sinne der Nachhaltigkeit sind eine subjektive
Größe, da sie von einem bestimmten Akteur und dessen Veränderungswillen u Potenzial
abhängig sind. Die Qualität einer Strategie ist nicht unmittelbar an den Folgen ablesbar, weil
eine Wirkzeit einkalkuliert werden muss. Umgekehrt sind daher auch Versäumnisse an
Wissen u Investitionen schwer aufzuholen. Nachhaltigkeit verlangt immer einen Konsens
zwischen den Akteuren und bedeutet einen Lernprozess für alle Beteiligten.
Schatzl teilt eine organisierte Trekkingreise in 12 Phasen/ Hauptkategorien, diese sind:
Ausschreibung, Medizinische Versorgung, Höhentaktik, Hygiene, Ökologisches Verhalten,
Interkulturelle Kontakte, Hilfskräfte, Leistungsträger Wirtschaft, Engagement, Optimale
Gruppe, Transport und Information. In seinem Artikel erläutert Schatz 6 dieser Kategorien.
1. Informationen vor Reiseantritt
Zwischen den Veranstaltern gibt es deutliche Unterschiede betreffend der Aufbereitung der
Informationen zu den Themen Routenverlauf, Höhenproblematik, Reiseland, Trekkinggebiet
und zum Verhalten im Reiseland bzw. beim Trekking selbst. Optimal ist die Darstellung des
Routenverlaufs als Schlafhöhen- Zeit- Profil. Viele Reiseveranstalter zeigen Gegensätze zw.
Quell- und Zielland auf, schildern Do´s and Dont´s, aber die wenigsten bieten aktuelle
Hinweise auf Realitäten und Probleme im Reiseland.
2. Optimale Gruppe
Ideal wäre dabei eine homogene Gruppe. Probleme sind bei der Gruppenzusammenstellung
jedoch immer wieder
- die subjektive Selbsteinschätzung der Teilnehmer
- Fehleinschätzung/ Überschätzung
- Mangelnde Kondition/ gesundheitliche Probleme/ unzureichendes alpinistisches
Können usw.
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
Es findet generell zu wenig Beratung bzw. Aufklärung und so gut wie keine
Fremdeinschätzung und Konfrontation des Kunden mit seinen Unzulänglichkeiten in Bezug
auf die bevorstehende Tour statt. Die Frage der Eignung bleibt somit im Wesentlichen
Einschätzungssache des Kunden selbst. Wer zahlt, kommt mit.
Folgen: Probleme werden auf die Gruppe bzw. den Reiseleiter ausgelagert. Mögliches
Zurückfallen, Zurückbleiben, frühzeitiges Umkehren oder Zurückreisen mit Konsequenzen
für die ganze Gruppe.
Reiseleiter:
- dem Reiseveranstalter verpflichtet u daher bestrebt den Reiseverlauf einzuhalten
- hat das Anliegen die Gruppe zufrieden zu stellen
- ist ein Mitglied der Gruppe mit eigenen Motiven und Bedürfnissen
- entscheidet sich letztendlich am schwächsten Mitglied einer Gruppe
Jedem Reiseveranstalter sollte es ein Anliegen sein, qualifizierte Arbeitskräfte, Produkte und
Kunden weiterzuentwickeln.
3. Transport
Die größte tourismusinduzierte Umweltbelastung bzw. ein Großteil des Energieverbrauchs
resultiert aus dem Transport. Ökologisch betrachtet sind Fernreisen mit Langstreckenflügen
nicht nachhaltig. Trotzdem ist das Flugzeug für die Distanzüberwindung zw. Quell- und
Zielland nicht mehr wegzudenken. Ein Reiseveranstalter kann deswegen folgende
Bemühungen und Kompromisse in Erwägung ziehen:
1. Die Entfernung zur Zielregion mit der Reisezeit bzw. Aufenthaltsdauer vor Ort in
Relation setzen.
2. Angebot und Empfehlung alternativer Transportmittel
3. Unterstützung von Kompensationsprojekten (Bsp. Atmosfair: Zahlung einer
freiwilligen Kerosinsteuer um Klimaschutzprojekte im Reiseland zu fördern)
4. Interkulturelle Kontakte
Die Kontakte beschränken sich meist auf Kontakte der Touristen untereinander bzw. auf
Kontakte zwischen Touristen und Begleitmannschaft. Aber auch dieser Austausch setzt ein
Aktivwerden der Reisenden selbst voraus, daher auch bestimmte Sprachkenntnisse und/oder
das Vermitteln durch den Guide, woran es meist mangelt. Meist werden innerhalb der Gruppe
selbst Kontakte geknüpft („Innenzentrierung“). Durch die hohen Belastungen bzw.
Stresssituationen kann es vorkommen, dass ein Teilnehmer verstärkt mit sich selbst
beschäftigt ist u sich der Wahrnehmungshorizont weiter einschränkt. Dadurch wird eine
soziale Interaktion reduziert oder ausgeklammert. Auch Kulturschocks sind keine Seltenheit.
Die Interkulturellen Kontakte fallen eher bescheiden aus; nur am letzten Trekkingtag ist es
üblich, gemeinsam mit der ganzen Mannschaft zu feiern u Geschenke auszutauschen. Durch
ein gutes Zusammenspiel des europäischen Reiseleiters und des lokalen Guides können mit
Hilfe von Vorstellungsrunden, Gesprächskreisen, Gruppenspielen, gemeinsames Picknick etc.
schon frühzeitig Kontakte ermöglicht werden.
5. Hygienemaßnahmen
Hygienische Verhältnisse sind im Gastland oft nicht mit westlichen Standards vergleichbar.
Die Übertragung von Krankheiten, mit denen Reisende konfrontiert werden können, erfolgt
fäko- oral, woraus Magen- Darm- Infektionen, Reisediarrhö u. a. hervorgehen können. Darum
sind Aspekte wie Küchenhygiene und die persönliche Hygiene außerordentlich wichtig. Der
Reiseveranstalter ist gesetzlich verpflichtet, seine Kunden über Gesundheitsrisiken
aufzuklären und nimmt eine wichtige Berater- und Meinungsbildungsfunktion ein. Lücken in
der Information u Beratung spiegeln sich auch in der Praxis wieder (z. B.
Trinkwasseraufbreitung, Händewaschen).
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
6. Höhentaktik
Höhentaktik= Vorherige Planung u flexible Anpassung von Aufsteigen, Rasten und Absteigen
in großer Höhe
Jeder Mensch reagiert individuell auf Höhe plus unterschiedliche Akklimatisierungszeit.
Höhentaktische Empfehlungen sind daher nicht quantifizierbar bzw. universell anwendbar.
Trends im Trekkingtourismus:
- in kürzerer Zeit immer mehr Ziele bewältigen
- Einfluss von Bioklima und Schlechtwetterperioden auf Unfälle
- Verbesserung des Rettungswesens; vermehrte Zahl unerfahrener Trekker
- Zunahme des Durchschnittsalters ( gesundheitliche Konsequenzen)
- Bei organisierten Gruppen höheres Risiko für Unfälle in Verbindung mit der akuten
Höhenkrankheit als bei unabhängigem Trekking
Da man mit den anderen Schritt halten möchte (selbst auferlegter Erfolgsdruck), negiert man
Symptome bereits in der Frühphase. Dies kann rasch lebensbedrohlich werden. Auch
Reiseleiter „übersehen“ oft beginnende Krankheitssymptome, da eine Abänderung des
Programms einen Vertragsbruch bedeuten kann u der Abbruch eines Teilnehmers das
Umkehren der ganzen Gruppe implizieren kann. Strategien für die Optimierung der
Höhentaktik:
- entsprechende Produktgestaltung
- Aufklärung von bzw. „Akzeptanz für“ Teilnehmer mit suboptimalen Voraussetzungen
- Transparente Darstellung der Gefahren
- Persönliche Kontrolle (Messung der Ruhefrequenz u. a.)
- Objektivierung von Krankheitssymptomen
Fazit: Reisen zu den Bergen der Welt sind buchbar. Die Leistungen, der Komfort und die
Herausforderungen unterscheiden sich von Produkt zu Produkt. Gemeinsam ist, dass es sich
um keine „fertigen Pakete“ handelt, sondern die jeweilige Reise vor Ort durch die Fähigkeiten
u das Zusammenwirken aller Akteure entsteht. Die Buchung und anschließende Reise sollte
daher als Chance verstanden werden, zu deren positivem Gelingen jeder einzelne Teilnehmer
wesentlich selbst beiträgt.
Baumhackl, Herbert: Tourismusdestination Mexiko. Vom „Exporting
Paradise“ zur nachhaltigen Entwicklung? S. 166 – 193
Tourismus-Entwicklung:
 1960er: massive Intervention d. Staates, zentralistisch gepusht (Top down). Export
von Exotik und exzellenten Dienstleistungen -> Zahlungsbilanzdefizit-Verbesserung,
Deviseneinnahmen
 Staat als aktiver risikobereiter Unternehmer, Ziel: Projektförderung und Anlocken von
Investoren
 Integrierte luxuriöse Tourismusresorts (IGTZs) an attraktiven Küstenorten aus der
Retorte um Investoren anzuziehen, für Wachstum (Regionalentwicklung) ->
Zahlungsbilanzdefizit  und Verringerung sozialräumlicher Disparitäten
 Kontrolle über EProzess liegt außerhalb der betroffenen Regionen
 Abhängigkeit und strukturelle Heterogenität, Nebeneinander von traditionellen
endogenen & modernen exogenen Werten und Strukturen verfestigen sich (vg.
„Entwicklung zur Unterentwicklung“)
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
 Verelendung und Marginalisierung eines Großteils der Bevölkerung als Folge
 Theoretische Zugänge: Imperialismus- und Dependenztheorien, Konzept des
Transnationalismus/Globalisierung: Konzerne&Investoren als „gatekeeper“ d.
mexikan. TourismusE
Zur Geschichte
Ökonomische Krisen: 1982-88 & 1994/95 – legten Schwächen des Wirtschaftssystems offen
Trotz 50jähr. Erfolgsgeschichte (Industrialisierung) Ungleichheit angestiegen,
Verschlechterung der polit. Stabilität und inneren Sicherheit etc.
Ungleichheit: siedlungs- und wirtschaftsräumliche Dimension (enorme Konzentration
in Zentren), sozioökonomische Dimension (extrem ungleiche Einkommensverteilung)
politisch-administrative Dimension (Zentralismus – geringe Partizipationsmöglichk.)
Bedeutung Mexikos als Tourismusdestination
- Enorme Vielfalt an touristischen Attraktionen (Hoch- u. Volkskultur, Natur) – jedoch ist das
Image „Seebäder um Cancun“ vorherrschend
- Drittwichtigster Devisenbringer
- Tausende Arbeitsplätze im informellen Sektor – Multiplikatoreffekt. Jedoch: meist nicht
sozial abgesicherte Saisonarbeitsplätze, gering qualifizierte Arbeiten, niedriges Einkommen)
Angebot und Nachfrage
- Sehr gute Hotelinfrastruktur, va. 3*-5*
- fast 90 % d. ausländischen Gäste US-amerikanische
- Quantitativ wesentlich: Binnentourismus – 80 % aller Hotelübernachtungen. Masse
der Bevölkerung Kurzurlaube in Seebädern, Familienbesuche. Bei Indigenen:
Wallfahrten
Rolle des Staates
1930 bis 2000: PRI (Partido Revolucionario Institucional) an der Macht – auch im Tourismus.
Ließ keinen Pluralismus zu.
Tourismusministerium Führungsrolle: Planung v. Masterplan f. TourismusE (hohe Beamte,
Banco de Mexico). Ziel: Ausländisches Massenklientel an attraktiven Küsten. Dazu
Erschließung neuer Finanzquellen, Anbindung an globalen Markt
Ermöglicht durch: neue Erdölvorkommen in 70ern -> Zugang zu billigem internat. Kapital
IGTZs
Cancun, Ixtapa, Los Cabos, Loreto, Bahia de Huatulco
Sollten zur Modernisierung und Produktivitätssteigerung & Imageverbesserung beitragen
2003: 54 % aller Deviseneinnahmen.
Kritik: sterile, künstliche Atmosphäre, Image Mexikos als reiner Badeort, verschärft
nationalen Wettbewerb mit Nachteil f. traditionelle Resorts
FONATUR
1969 gegründet. Umfassende Kompetenzen (ua. Enteignung v. Land und Umsiedlung).
Generalunternehmer: Anwerbung f. Investoren. Handeln unabhängig v. politischen
Einflüssen, dadurch leichter Zugang zur Weltbank und IDB.
Strikte räumliche Trennung der Hotelzone vom Wohngebiet der einheimischen Bevölkerung
(jed. Bereitstellung v. Einrichtungen für letztere). Impacts auf Ökosystem & betroffene
Menschen (Aufeinandertreffen Moderne – Subsistenzgesellschaft)
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
 Staat Rolle als Initiator, Unternehmer, Banker, Kontrolleur – marktorientierte
Planung d. Resorts aus Exportgründen durch massives Eingreifen des Staates
(außergewöhnlich!)
1977-82 unter Portillo: Förderung des Sozialtourismus, Steuerentlastung für Resorts. Zäsur:
Verschuldungskrise 82 – Scheitern von ISI, Ölpreis-Einbruch. Druck von IWF&WB ->
Zwang zur neoliberalen Politik. Der Staat als Akteur wurde durch ausländische Investoren
ersetzt (freier Gewinntransfer).
1988-94 unter Salinas de Gortari: neue Ausrichtung, nationaler Eplan. Ziel: Diversifizierung
des touristischen Angebotes und aktive Anwerbung nationaler&ausländ. Investoren
1995-2000 unter Zedillo: Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit
Rolle der NGOs
Forcieren erfolgreich das Konzept der nachhaltigen, eigenständigen E in ländlichen
Kommunen – sanfte naturnahe Tourismusformen: Schutz der Natur, Förderung lokaler
Wirtschaft zur Lösung ländlicher Probleme (zB Landflucht).
Cancún
größtes, erfolgreichstes Tourismusresort
Von „Peripherie der Peripherie“ (dünn besiedelt – Maya-Nachfahren, SubsistenzWi) zu
„pleasure periphery“ (transnationaler Erholungsraum)
Produktionsraum transnationaler Konzerne, beherbergt tausende Migranten
Massentourismus: massive ökologische und soziokulturelle Probleme, nach anfänglich
kontrollierter E erfolgte Deregulierung -> überdimensionierte Bebauung, hohe Kriminal.rate..
Totale räumliche Segregation zw. Arbeit (Arbeitern) und Erholung (Urlaubern) – führt zu
sozialen, ökonom. und ethnischen Disparitäten
Mexikanische Regionalpolitik – neoklassische Strategie
1988-94 unter Salinas de Gortari: Sonderprogramm für periphere Regionen zur
Armutsbekämpfung. Trotz Ausbau d. Infrastruktur verschlechterten sich die
Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung jedoch weiter.
1994: Beitritt zur NAFTA (Nordamerikan. Freihandelszone) – Verstärkung räumlicher
Disparitäten
Erst seit 2001 besitzen Bundesstaaten (eingeschränkte) Planungskompetenz
Nationale Strategie der nachhaltigen E 2001-2006
Hauptplanungsinstrument unter V. Fox; orientiert sich an Agenda 21. Für ges. öffentliche
Verwaltung bindend. Nachhaltigkeit ist eine von 12 Grundsätzen.
Oberziele:
- Soziale u. gesellschaftliche E: Verbesserung der Lebensbedingungen, Bildung,
Stärkung des Humankapitals
- Qualitätswachstum: E der nationalen Wirtschaft, Wettbewerbsfähigkeit,
ausdifferenzierte RegionalE, nachhaltige E
- Ordnung &Respekt: verbesserte Behördenkooperation, Dezentralisierung,
Transparenz, Sicherheit, Recht…
Hauptziele: Integriertes Ökosystemmanagement, Einbindung der Politik auf allen Ebenen,
Umweltmanagement, Umweltdienstleistungen, Umweltgesetzgebung, öffentliche Mitwirkung
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Wien: Promedia.
Drei Pfeiler der Nachhaltigkeit:
- Einbeziehung v. Umwelt, Ökonomie und Gesellschaft in Eüberlegungen
- Umwelt muss in nationale Prioritäten eingebunden werden
- Mexikan. Verfassung: demokratisches Planungssystem (Bürger-Einbeziehung)
Einbindung von zwischenstaatlichen und intersektoralen Akteuren; Übertragung d.
Verantwortung auf die Ebene der Bundesstaaten u.d. Kommunen
Nationales Programm für Tourismus 2001-2006
Ziele: Verb. d. Wettbewerbsfähigkeit, Förderung d. RegionalE, nachhaltige E
Revolutionär: partizipativer Ansatz: Bürgerversammlungen, Diskussionsforen etc.
Definition von Nachhaltigkeit als „Wachstum mit Qualität
- Negative E (zB Slumbildung) soll eingedämmt werden und Qualitätstourismus gefördert:
Sustainability als Diversifizierungsstrategie und Sicherung der Attraktivität in einem
international höchst kompetitiven Markt – neue integrierte Projekte derzeit realisiert
- Reiches Naturerbe soll erhalten aber auch vermarktet werden: Ökologie – Ökonomie –
Soziokultur. Bevölkerung der Gebiete soll profitieren.
- „Turismo comunal“: Authentizität indigener ländl. Regionen soll gefördert &
Einkommensalternativen durch Tourismus geschaffen werden
Ökotourismus
neues „Zauberwort“ der Tourismuspolitik
Problem: Fehlen von ausreichend Mitteln und polit. Willen zum Naturschutz
Mex. weltweit eines der reichsten Ökotourismus-Potenziale
ÖT als Marktstrategie
Gefahr, dass es im Zuge des Massentourismus zu destruktiven Formen kommt
„Add-on ecotourism“: Tages/Kurzausflüge in geschützte Gebiete von MassentourismunsDestinationen aus
Bioplaneta Ökotourismus Netzwerk
bekannteste, größte NGO Mexikos
Netzwerk von Netzwerken von ländlichen, dem Prinzip d. Nachhaltigkeit verpflichteten
Betrieben und va. indigener Kooperativen
Fokus auf Ausbildung, Agrarökologie, biolog. Landbau, veredelte Produkte, Kunsthandwerk,
Fair Trade und nachhaltigem Tourismus
Unabhängigkeit soll gestärkt werden – nachhalt. eigenständige RegionalE
Anliegen: Respektierung regionaler Werte, Schutz der Umwelt, Bewahrung d. Traditionen
Ökotourismus Netzwerk: Konzept der Hilfe zur Selbsthilfe und Solidarität
Auszeichnung: Award für Nachhaltigkeit 2003
FAZIT
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
Zentralistisch gesteuerte Top-Down-Planung als ambivalent zu beurteilen!
Erst in letzten Eplänen Verbreitung des touristischen Angebots und regionalwirtschaftl.
Streuung der Effekte des Tourismus, Diversifizierung des Angebots und eine nachhaltige E
einbezogen.
Nachhaltige E von Schutzgebieten für Öko/Naturtourismus und Förderung indigener
Kommunen trotz erfolgreicher Beispiele bisher nur marginal vom Staat unterstützt
Unerlässlich: dezentrale Wirtschafts- Tourismus- Regionalpolitik!
Herdin, Thomas: Same, same but different? Tourismusentwicklung nach dem
Tsunami in Thailand. S. 194 – 213
Thailand wirbt mit Superlativen: Die malerischen Küsten sind so sauber wie nie zuvor, das
Wasser kristallklar und man bleibt vom Massentourismus verschont. Diese Entwicklung soll
auch beibehalten werden. In Konzepten, Präsentationen und Diskussionen wird von einer
neuen Ausrichtung gesprochen. Tourismus muss umwelt-, sozial- und wirtschaftsverträglich
sein. Kurz gesagt, der Ruf der Nachhaltigkeit ist überall zu vernehmen. Wie sieht die Realität
aber wirklich aus?
Bedeutung des Tourismus und dessen Entwicklung in Thailand
Die Stilisierung Thailands als exotische Tourismusdestination geht bereits auf die Zeit des
Vietnamkrieges zurück. Von 62 bis 76 verbrachten amerikanische Soldaten im Rahmen des
R&R Program (rest and recreation) in diesem Land ihre kampffreie Zeit. Nach dem Abzug
des Militärs in Thailand verloren rund 70.000 Menschen ihre Lebensgrundlage. Die
Regierung versuchte, die so entgangenen Devisen durch eine Ankurblung des Tourismus zu
kompensieren (Das Jahr 79 wurde zum „Jahr des Tourismus“ erklärt). Drei Jahre später war
der Fremdenverkehr zum wichtigsten Devisenbringer avanciert. Laut einer Studie fließen
jedoch 56 Prozent der Einnahmen aufgrund von Importen und Zinsen wieder in das Ausland
zurück. Seit den 60ern fungiert die Wirtschaftssparte Tourismus erfolgreich als „Cash Cow“
und sie wird bis heute regelmäßig beworben. Der Tourismus-Sektor ist der zweitgrößte
Wirtschaftszweig des Landes. (Tabelle „Internationale Touristenankünfte 97 – 04: S 195) Die
Tourismusentwicklung stieg im letzten Jahrzehnt stetig an. Ostasien verzeichnet mit knappen
57 Prozent aller internationalen Ankünfte bei weitem den größten Teil. Die
Tourismuseuphorie kannte in Thailand keine Grenzen und 2004 erreichten die Einnahmen mit
knapp acht Milliarden Euro ihren Höhepunkt, obwohl das Land 2003 touristisch stark
gebeutelt worden war. (SARS, Beginn der Vogelgrippe, Bali-Anschläge, Irak-Krieg =>
führten zu starkem Einbruch) Thailand konnte 2004 die Krise von 2003 jedoch mehr als
kompensieren. Den finalen Höhepunkt setzte das Sumatra-Andaman-Erdbeben: Der Bruch
der Platte löste einen Tsunami aus, bei dem über 250.000 Menschen ums Leben kamen.
Die Auswirkungen des Tsunami: Anstieg in Bangkok, Rückgang in der Region
Sechs Monate später ist auch das Rauschen im medialen Blätterwald verstummt und nur
selten ist ein leises, wenn auch optimistisches Echo zu vernehmen. Mit Überschriften wie
„Zuwachsraten in Thailand trotz Tsunami“ wird dem Leser suggeriert, dass Thailand ein
positives Wachstum an touristischen Ankünften verzeichnet. Diese Statistiken der TAT 2005
beziehen sich aber nur auf die Ankünfte am Flughafen Bangkok. Berücksichtigt man aber die
Gesamtankünfte Thailands (Flug-, Land- und Wasserweg) war ein deutlicher Einbruch von
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Wien: Promedia.
7,8 Prozent für Touristen aus aller Welt zu verbuchen. (Statistik „Prozentuelle Veränderung
der Ankünfte auf den internationalen Flughäften Phuket und Bangkok im Vgl. zu 2004: 197)
Neben den erwarteten Einbrüchen förderte die Analyse der Statistiken signifikante Anstiege
bei den Zielgruppen Geschäftsleute, Studenten, Pensionisten und wiederkehrende ThailandTouristen zutage. In den ersten drei Monaten nach der Katastrophe besuchten zwar 8,9
Prozent weniger Europäer Thailand, die Anzahl der wiederkehrenden Besucher stieg aber
trotzdem um 5,9 Prozent (Erstbesucher -20,8 Prozent). Das gleiche Phänomen ist zwischen
Einzelreisenden (+3,1 Prozent) und Gruppenreisenden (-26,1 Prozent) zu beobachten. Eine
Reisemotiv dürften verbilligte Flugpreise und die Spekulation auf einen preiswerteren Urlaub
gewesen sein. Ein Zuwachs von 61,4 Prozent ist bei Geschäftsreisenden zu verzeichnen. Bei
Einreiseformularen werden zwar touristische Motive angegeben – es kann aber auf
unternehmerische Tätigkeiten geschlossen werden.
Die südwestlichen Provinzen
Halten sich die Verluste für das gesamte Land noch im Rahmen, sind in den südwestlichen
Regionen Phuket, Krabi, Phang Nga, Satun, Ramong und Trang massive Einbrüche zu
verzeichnen. (Tabelle „Zerstörung von Hotels“: 198). Besonders das in der Provinz Phang
Nga liegende Khao Lak wurde regelrecht ausradiert und ein halbes Jahr später konnte nur ein
Viertel der Zimmer genutzt werden. Aus der Statistik (S198) wird erkenntlich, wie schnell das
Zugpferd Phuket, das Aushängeschild für Massentourismus schlechthin, wieder in Trab
gebracht worden ist.
Die Situation in Phuket
Phuket galt als eine der beliebtesten Badedestinationen Thailands. Die Nutzung wurde aktiv
durch eine breite Palette von Förderungsmaßnahmen, eine infrastrukturelle Erschließung wie
den Bau eines interkontinentalen Flughafens sowie durch hohe Steuererleichterungen
gefördert. Bis zu 75 Prozent der 270.000 Einwohner sind vom Tourismus abhängig. Dieser
Wirtschaftszweig ist „die Basis eines relativ hohen Wohlstandes der Bevölkerung“. Von der
Flutwelle waren vorwiegend die Strände Patong und Kamala betroffen. Phuket als südliche
Drehscheibe für internationalen Tourismus legte das Hauptaugenmerk auf einen schnellen
Wiederaufbau. Bereits im Juni 05 waren 509 der 582 Hotels wieder nutzbar und sogar knappe
96 Prozent der Hotelzimmer belegbar. Im Gegensatz zu dem nach wie vor zerstörten Khao
Lak werden in Phuket wieder Touristen erwartet. Trotz aller Anstrengungen wie Aufbau und
Bewerbung, verzeichnet die Insel einen dramatischen Verlust an Gästezahlen und damit an
Devisen. (Tabelle: Veränderung der Ankünfte, Belegung und Einnahmen seit dem Tsunami, S
200) Bei einer Betrachtung der Monatsstatistiken des ersten Halbjahres entspannt sich zwar
die Lage, es bleibt ökonomische betrachtet aber eine tiefe, kaum heilbare Narbe zurück. Ein
Blick auf die Auslastung der Unterkünfte bestätigt die katastrophale Situation. Außerdem ist
es zu einer Umschichtung der Zielregionen gekommen: Die meisten Gäste kommen nun aus
Europa, vornehmlich GB, Deutschland und Schweden. Nach Russland war bei den
Österreichern der größte Einbruch zu verzeichnen.
Khao Lak: Die wirtschaftliche Berg- und Talfahrt in Takua Pa
Phuket wandelte sich innerhalb kurzer Zeit von einer unberührten Insel in ein wahres
Touristen-Mekka, wo sich neben zahlreichen Hotels und Märkten auch das bekannte Nightlife
mit Beer- und Girliebars ausdehnte. Viele Touristen, die Südthailand schätzten, aber dem sich
akkumulierenden und expandierenden Massentourismus entfliegen wollten, folgten Ende der
90er Jahre den Spuren der Backpacker Szene nach Khao Lak, das das Image eines Paradieses
mit unberührten Stränden hatte. Im Sog der steigenden Touristenzahlen folgten Investoren
und innerhalb eines Jahres mussten die meisten „low-budget-bangalows“ den ersten Resorts
und Hotelanlagen, vornehmlich am Sunset und Nang Thong Beach, weichen.
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
Betrachtet man die Geschichte der Region, stellte der Tsunami nur eine weitere Katastrophe
dar. Zweihundert Jahre lang wurde Zinnbergbau betrieben. Ab den 60er Jahren beschleunigte
das Wachstum der exportorientierten Wirtschaft die Ausbeutung der Bodenschätze und die
Regierung vergab Konzessionen, die ausländischen Konzernen den Offshore-Bergbau
erlaubten. Anfang der 80er war Zinn fast restlos abgebaut, der Bergbau hinterließ
unfruchtbares Land. Mitte der 80er siedelten sich Garnelenzüchter an, die Aquakulturbecken
errichteten und innerhalb kurzer Zeit die marginal noch vorhandenen Rest des natürlichen
Küstenschutzes vernichteten. Nach der Asienkrise 97/98 versuchte man den Boom des
Tourismus aufgrund günstiger Preise (Wechselkurs) zu nutzen und setzte auf das neue
Zugpferd Khao Lak, eine Strategie, die eindrucksvoll gelang. Die touristische Infrastruktur
dehnte sich im Zeitraffer aus. Von einem ruhigen Gebiet war nicht mehr viel zu finden.
80 Prozent aller Todesopfer waren in dieser Region zu beklagen, im Vergleich zu anderen
Destinationen gab es innerhalb eines Jahres keinen Fortschritt beim Wiederaufbau.
Problematik beim Wiederaufbau: Versprechungen, Verschuldung, Versicherung und
Nachfolgeproblematik
Nach einem Blitzeinsatz, in dem man die betroffenen Gebiet vom Schutt säuberte, erfolgte
eine Verzögerung des Aufbaus, da Versprechungen seitens der Regierung teilweise nicht
eingelöst, internationale zugesagte Geldern nicht überwiesen und Gelder für die
Unterstützung lokaler Gebiete nicht freigegeben wurden. So kam es bspweise in Khao Lak
erst im Sommer 05 zur Ausschüttung eines Teils der Soforthilfe.
Da in Khao Lak der internationale Tourismus boomte, wurden Kredite relativ leicht vergeben.
Viele Hotels waren zum Zeitpunkt der Katastrophe hoch verschuldet, da sie erst seit ein paar
Jahren in Betrieb waren und die Investitionskosten bei weitem nicht erwirtschaftet hatten.
Dazu kam, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Hotels umfassend versichert war. Von 98
betroffenen Hotels hatten nur 26 eine Versicherung, wobei je 13 Hotels gegen
Erdbebenschäden bzw. Überflutung versichert waren. Der Rest, meist kleine Hotels und
Resorts, waren wahrscheinlich unversichert, da sie bisher keinen Anspruch erhoben haben.
Unternehmen, die Hotels gegen Flut und Wasserschäden versichert hatten, entzogen sich
rhetorisch ihrer Verpflichtung indem sie argumentierten, dass die Überschwemmung ein
Resultat eines Erdbebens war, gegen Erdbeben versicherte Hotels erhielten unter Anwendung
gleicher Argumente keine Unterstützung, da der Schaden laut Versicherung eindeutig auf eine
Überschwemmung zurückzuführen war. Weiteres Problem: Viele Inhaber starben bei der
Katastrophe und es kam unter den Nachfolgern zu Erbstreitigkeiten. Manche überlebende
Inhaber standen unter Schock und litten derart unter dem Verlust ihrer Angehörigen, dass sie
die Gegend verließen und bis dato nicht zurückgekehrt sind.
Kein Ausverkauf: Die Preisstrategie
Die Touristenverbände Khao Lak und Phuket bekräftigen, dass es nicht durch
Billigpreisstrategien zu einem Ausverkauf der Region kommen soll. Seit der Hauptsaison ab
November 05 erfolgte in Khao Lak ein „soft opening“, bei dem die verschonten und wieder
errichteten Hotels Touristen anlocken sollten. Ende 2006 sollen 80 Prozent der Hotels wieder
geöffnet werden, mit einer Preissteigerung von 5 – 10 % (um die Kosten des Wiederaufbaus
zu decken). Außerdem soll Khao Lak zur Beispieldestination mit intakter Natur, qualitativ
besseren Resorts und einer gut eingebetteten Infrastruktur werden – ob dies tatsächlich
umgesetzt wird (vor allem unter dem Druck von Reiseveranstaltern, die erste Rabatte bereits
direkt nach dem Unglück einforderten) ist fraglich. Es wird schwer sein, einzelne
Unternehmer von Dumpingaktionen abzuhalten. Wie schwer das Überleben ist, wird überall
ersichtlich. Kleinunternehmen – wie zB Unternehmen die Elefantentrekking im Nationalpark
anbieten – waren nicht direkt vom Tsunami betroffen, erhalten daher auch keine
Unterstützung. Von den fehlenden Touristen sind diese Unternehmen aber genauso betroffen.
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
Wien: Promedia.
Soziokulturelle Implikationen
Kultur dient als Referenzsystem gesellschaftlicher Analyse, als „a whole way of life“ und
umfasst die Werte einer Gemeinschaft, deren Normen, denen sei folgt, und auch die
materiellen Güter, die sie schafft. In den folgenden Ausführungen zeigt Herder die
gesellschaftlichen Nachbeben auf und stellt ethische Fragen zum Tourismus.
Korruption, Landenteignung & Co: Die Machtdistanz
Kulturen können durch Typologisierungen greifbar gemacht werden. Typologien basieren auf
empirischen Studien und vereinfachen komplexe Phänomene, ohne zu trivialisieren, wobei
gewonnene Erkenntnisse nur Modellcharakter vorweisen können. Thailand zählt nach
Hofstede (zentraler Wissenschafter in dem Bereich) zu den Ländern mit hoher Machtdistanz,
in denen Macht an eine Person bzw. an eine Position gebunden ist und ein überwiegend
autoritärer Führungsstil vorherrscht. Bezeichnend für solche Länder sind starke hierarchische
Abstufungen und ungleiche Machtverteilung. Länder mit hoher Machtdistanz sind anfälliger
für Korruption, was auch auf Thailand zutrifft => halblegale Aktivitäten, einflussreiche
Personen genießen gewisse Immunität. Die starke Verflechtung zwischen wirtschaftlicher
Macht und Politik zeigt sich am Hinwegsetzen über Richtlinien – eine Erschwernis für den
Wiederaufbau. Obwohl es klare Anweisungen von Gemeinden und dem übergeordneten
Environmental Department gibt, werden diese Richtlinien oft nicht befolgt. Betrachtet man
die illegalen Praktiken, so wird klar, dass es aus Eigeninitiative zu keiner Verbesserung
kommen kann. So lange keine rechtlichen Konsequenzen zu erwarten sind, werden sich die
Investoren auf dem Tourismussektor ihren Wettbewerbsvorteil sichern, in dem sie die
Erwartungen bzgl. Traumbilder erfüllen (Meeresnähe, Meerblick etc.). Diese Entwicklung
kann man nur durchbrechen, wenn eine ganze Region eine nachhaltig orientierte
Bebauungsstrategie verfolgt.
In zahlreichen Gesprächen wurde immer wieder erwähnt, dass die Auswirkungen des
Tsunami besonders dafür genutzt werden, die Strände zu säubern, wobei unter „säubern“
nicht der Abtransport von Schutt und Wiederherstellung intakter Natur verstanden wird. Man
zielt auf die Delogierung der lokalen Bevölkerung (wie Fischer und ehemalige
Zinnminenarbeiter) ab. Dieser ökonomische schwache Teil der Bevölkerung ist Investoren ein
Dorn im Auge, da sie von den für Tourismus erschließbaren Stränden durch ihr
Gewohnheitsrecht kaum vertreiben werden konnten. Nachdem der Tsunami die Wohnstätten
eliminiert hatte, wurden die Gebiete abgesperrt. So wird von einem Fall in Nam Khem
berichtet, wo bewaffnete Wachen die Dorfbewohner hinderten, nach dem Tsunami wieder an
ihre angestammten Plätze zurückzukehren, und somit auch verhinderten, nach den Leichen
ihrer vermissten Verwandten zu suchen.
Thais dürfen Land nutzen, wenn sie mehr als zehn Jahre dort gewohnt haben und niemand
Anspruch darauf erhoben hat. Nun mussten viele erfahren, dass bisher fremde Menschen
plötzlich Besitztitel auf das Land erworben hatten.
Reisen als Aufbauhilfe, Spenden und ethische Moral
Von Tourismuskritikern werden sowohl Reisen als Aufbauhilfe als auch initiierte
Spendenaktionen beanstandet. Martina Backes sieht die Reise als Spende als einen
entwicklungspolitischen Rückfall und bringt zwei Argumente in die Diskussion: Erstens
werden die Ursachen für die soziale Katastrophe, an denen touristische Strukturen beteiligt
sind, verdrängt. Zweitens profitiert gerade wieder der Tourismus selbst von den
Wiederaufbauhilfen. Es wird „eine Reihe von diskursiven Figuren“ neu aufgestellt, was eine
Wiederholung alter Fehler bedeutet: die hilflosen Opfer, die von der Gunst und
Spendierfreude der Reichen abhängig sind (statt eines Abbaus armutserzeugender Strukturen),
die Notwendigkeit von Modernisierung durch den Anschluss von peripheren Gebieten an den
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
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globalen Markt und die importierte, technische überlegene Hilfsintervention (statt Stärkung
lokaler Verfügungsrechte und Strategien zur Krisenbewältigung. Die Argumente von Backes
sind richtig, die Ergebnisse müssen auf einer kritischen Ebene diskutiert werden. Trotzdem ist
anzumerken, dass schnellen Handeln und eine gewisse Ankurbelung des Tourismus dennoch
eine gute Soforthilfe darstellen. Aus Gründen des Scham und der Betroffenheit nicht mehr in
die Region zu fahren, führt zu einer Verschlechterung der Situation. Es wäre eine SWOTAnalyse angebracht: Strength-weakness, Opportunities-Threats. Die touristische Rhetorik ist
jedoch gefärbt von Extrempositionen: Die Tourismusmanager sehen Paradiese inmitten
exotischer Landschaften, bewohnt von freundlichen Menschen. Tourismuskritiker sehen
dieselbe Region als zerstörte Landstriche mit ausgebeuteten Menschen, die von westlichen
Touristen abhängig sind. Eine seriöse Diskussion kann nur in einer Aufhebung dieser
Dichotomie liegen.
Spenden auf einen moralischen Mehrwert zu reduzieren wird irrelevant, wenn man ein
positives Feedback bezüglich finanzieller Anteilnahme erhält, die die ökonomische Lage der
Betroffenen deutlich verbessert. Der Missbrauch von Spendengeldern darf aber nicht
verschwiegen werden.
Instrumentalisierung von Religion
Buddhismus ist eine offene Religion, die viel Akzeptanz gegenüber anderen Religionen
mitbringt. Durch diese Offenheit ist es sehr einfach für andere Religionen, sich in Thailand
anzusiedeln. Nach dem Tsunami kamen nicht nur Hilfsgemeinschaften in das Land, sondern
auch viele christliche und baptistische Religionsgemeinschaften, die sich unter anderem in
Khao Lak ansiedelten. Es wird von verschiedensten Seiten kritisiert, dass diese
Religionsgemeinschaften in keiner Weise mit den anderen Hilfsorganisationen
zusammenarbeiten. In Khao Lak siedelten sich auf einer Länge von 300 Metern sechs
verschiedene kirchliche Organisationen am, um „den Menschen nachhaltig zu helfen“. Die
Praktiken für die Anwerbung sind einfach: Die Leute werden angesprochen, bei Treffen
teilzunehmen. Es wird über den Glauben geredet und gebetet, um schließlich zu einem
gemeinsamen Mahl überzugehen. Teilweise wurden sogar Personen getauft um schließlich
ihre neuen Unterkünfte beziehen zu dürfen. Notsituationen werden also ausgenutzt um auf
Mitgliederfang zu gehen. Erste kritische Stimmen sind in der Bevölkerung zu vernehmen,
wobei es schon mehrfach auch vor dem Tsunami zu irritierenden Aktionen gekommen ist.
Der Ruf nach sozialer Verantwortung
„Der Tsunami gab keinen Anlass für eine touristische Neuausrichtung. Der Tourismus sieht
sich alleine als Opfer des Tsunami.“ (Minninger 2005: 2f) Es wird von Tourismuskritikern
wegen der letzten Katastrophen vermehrt nach einer sozialen Verantwortung von
Unternehmen verlangt. Ihr Ruf nach einer „Corporate Social Responsibility“ zielt auf eine
neue Unternehmenskultur ab, welche auch Umstände wie Gewinnerzielung berücksichtigt.
CSR umfasst „Aspekte der Mehrdimensionalität“ (Ökonomie, Ökologie, Soziales), der
Intertemporalität (intergenerative Gerechtigkeit), der Internationalität (intragenerative
Gerechtigkeit) als auch ordnungspolitische und gesellschaftliche Mitverantwortung. Die
Konsequenz wäre, einen Nachhaltigkeitsdiskurs zu installieren. Das Problem: die touristische
Infrastruktur ist im Besitz von Einzelpersonen, die neben menschlichen Verlusten auch
ökonomische Bürden zu tragen haben (Rückzahlung alter und neuer Kredite). Von
solchermaßen belasteten Personen kann nicht erwartet werden, dass sie noch weitere
Investitionen für nachhaltige Entwicklung übernehmen. Seitens der Regierung setzt man aber
auf eine schnelle Regeneration des Tourismussektors (unbeschränktes Wachstum,
Massentourismus). Zwar gibt es einzelne ökologische Initiationen, meist aber als direkte
Reaktion auf international negative Berichterstattung.
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
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Lokalkolorit und Marketing
Thailand wird nach wie vor plakativ mit de Slogan „Das Land des Lächelns“ beworben. Das
kann auf die hedonistische Lebenseinstellung der Thais zurückgeführt werden und geht auf
soziologische, historische und religiöse Gründe zurück. Lächeln und „Spaß machen“ stellen
eine gewisse Maske dar, wodurch Oberflächen-Harmonie erzeugt wird. Innere Gefühle
werden jedoch verschleiert und das wahre Gesicht nicht gezeigt, womit innere Spannungen
und Belastungen für den Fremden kaum wahrnehmbar sind. Die Problematik dieses
Verhaltens spiegelt sich in der hohen Suizidrate Thailands wieder. Dieselbe Diskrepanz zeigt
sich auch in der touristischen Planung. Einerseits wird mit der Sanftheit der Bevölkerung und
dem Thai-Smile geworben, andererseits werden von der Regierung immer wieder aggressive
Marketingkampagnen initiiert um die Einheimischen wieder in den touristischen
Erwerbszyklus einzubinden.
Mit Optimismus in die Zukunft
Premier Thaksin blickt optimistisch in die Zukunft und setzt weiterhin auf das Zugpferd
Massentourismus. Selbst die WTO ist der Ansicht, dass sich der Tourismussektor rasch erholt.
Auch der vom Executive Council der WTO ins Leben gerufene „Phuket Action Plan“ setzt
auf einen schnellen Aufbau des touristischen Sektors um das Vertrauen der Touristen
zurückzugewinnen. Der Plan ist in fünf Bereiche gegliedert: Marketing Communications (an
erster Stelle), Unterstützung von Klein- und Mittelunternehmen, professionelle Trainings,
nachhaltiger Wiederaufbau und Risiko-Management. In den vorgeschlagenen Aktivitäten
wird die Marketingoffensive der thailändischen Regierung zur Rückgewinnung der Touristen
deutlich: global advertising campaign, big ticket giveaway, ticket contest or raffle, free
participation in tourism fairs, road shows etc. werden als entwicklungsfördernde Instrumente
genannt.
Same, same not different
Bisher gibt es noch keine Anzeichen dafür, dass es zu einer Neuausrichtung nach
Nachhaltigkeitsprinzipien kommen könnte. Die meisten Initiativen zielen darauf ab,
Tourismus wieder in die Region zu bringen, um Verluste zu kompensieren, womit
nachhaltiges Handeln wohl Utopie bleiben wird. Nur in den Strategiepapieren wird eine
nachhaltige Entwicklung gefordert, ein dahingehendes von der WTO bereitgestelltes Konzept
bleibt aber sehr theoretisch.
Ein Nachhaltigkeitsdiskurs könnte durch Gesetzesauflagen mit Förderungs- und
Investitionsplänen gewährleistet werden. Das geschieht nicht und es gibt auch keine
Anzeichen dafür. Außerdem könnte ein Konzept von Middleton zum Einsatz kommen:
Wirtschaftlicher Erfolg ist seiner Meinung nach nur dann zu garantieren, wenn eine Balance
zwischen den Interessen der Eigentümer und den langfristigen ökologischen Belangen der
Destination herrscht und dabei die Erwartungen der Kunden erfüllt werden. Auch
diesbezüglich sind keine Vorzeichen zu erkennen. Letztendlich entscheidet der Gast, welche
Angebote angenommen werden, womit die Verantwortung nicht nur bei politischen oder
wirtschaftlichen Entscheidungsträgern liegt.
Aschauer, Wolfgang: Die Auswirkungen von Terroranschlägen auf
destinationsbezogene Einstellungen und Urlaubsaktivitäten – Reisende in Bali
vor und nach den Bombenanschlägen 2005. S. 214 – 236
Die Beziehungen zwischen Tourismus und Terrorismus
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
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Der Tourismus gewann innerhalb der Weltwirtschaft in den letzten Jahrzehnten immens an
Bedeutung und wird sogar vom World Travel and Tourism Council (WTTC) als die größte
Industrie der Welt mit einem der größten Wachstumspotenziale bezeichnet. Diesen Status
erlangte es aufgrund der weltweiten Globalisierung und des technischen Fortschritts, da es für
Reisende immer einfacher ist, in kürzester Zeit weit entfernte Länder zu besuchen.
Doch hat der Tourismus aufgrund der Terroranschläge stark an Attraktivität verloren.
Touristen werden für islamistische Fundamentalisten als indirekte symbolische
Repräsentation der westlichen Zivilisation sowie als leichte Opfer bzw. Ziele gesehen. Doch
ist das eigentliche Ziel nicht der Tourist selbst, sondern das allgemeine Gesellschaftssystem
(Regierung oder die dort vorherrschende Politik). „Strategisch“ gesehen, gelingt es ihnen
dadurch, die Fehlentwicklung im eigenen Land zu „bestrafen“, „ideologisch“ kann solch eine
Tat als Angriff gegen den Kapitalismus und gegen die Regierungen des Gastlandes beurteilt
werden. Die Medien spielen dabei eine große Bedeutung, da über Terrorattentate reges
Interesse besteht und in der Regel wird eine gewisse Zeit negativ über diese Region berichtet.
Dies hat zur Folge, dass das Unsicherheitsempfinden des Empfängers beeinflusst wird und
indessen das Image des betroffenen Landes geschädigt, welches einen massiven Einbruch der
touristischen Nachfrage nach sich zieht.
Vester (2001) unterscheidet zwei Typen von Anschlägen. Einerseits werden Anschläge
verübt, die die öffentliche Ordnung schädigen soll, bsp. der Anschlag auf das World Trade
Center in New York 2001 oder der auf die S-Bahn Züge in Madrid 2004. Andererseits können
Anschläge auf touristische Ziele erfolgen, die speziell für Touristen ein hohes Risikopotenzial
darstellen, bsp. die Anschläge in Ägypten (Luxor 1997; Taba 2004; Sharm el Sheik 2005) und
in Bali (2002, 2005).
Je nach Einflussfaktoren (Ausmaß des Anschlages, Destinationsimage des Landes, mediale
Verbreitung) kann es zu einem Substitutionseffekt oder Generalisierungseffekt kommen.
Substitutionsfeffekt: Anschläge geringen oder mittleren Ausmaßes, die Besucherrückgänge
bleiben auf die betroffene Region beschränkt, benachbarte Reiseländer erleben indes einen
Aufschwung. Generalisierungseffekt: Anschlägen größeren Ausmaßes mit starker
Medienpräsenz, kann die Tourismuswirtschaft überregional (Anschlag in Bali 2002) oder
weltweit (11. September 2001) beeinträchtigen.
Der Schwerpunkt dieses Beitrages liegt bei Bali. Es werden die weitreichenden Folgen der
Anschläge aufgezeigt, durch eine Analyse der Tourismusstatistiken und durch eine aktuelle
Studie, die unter Reisenden in Bali vor und nach dem Anschlag 2005 durchgeführt wurde,
dadurch werden Aussagen über Einstellungs- und Verhaltensänderungen möglich.
Der Tourismus in Bali vor und nach den Terroranschlägen
Tourismusentwicklung in Bali
Die Insel Bali, hat sich zu einer führenden Tourismusdestination entwickelt. Der
Massentourismus kam in den 80er Jahren. Durch den Ausbau des Flughafen 1968 kam es zu
starken Wachstumsraten. 1982 waren noch rund 1/3 aus Indonesien. Zwischen 1982 und 1990
wuchs der Tourismus durchschnittlich um 7,8%, die meisten ausländischen Touristen kamen
aus Europa (36,3), Australien (28,7%) und Japan (14,6%). Trotz der Wirtschaftkrise und
politischen Unruhen in den 90er Jahren, verbuchte der Tourismus keine groben Einbußen,
primär wegen des günstigen Rupiah Kurses. 2000 hatte Bali schon 1,41 Millionen Touristen
(im Jahr 1994 waren es rund 1 Million), 2001 kam es zu einem leichten Rückgang, wegen des
Anschlages vom 11. September (1,36 Millionen)
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Der Tourismus in Bali spielt sich im Süden der Insel (Kuta, Jimbaran, Sanur und Nusa Dua)
ab. Über 80% der Hotels befinden sich in den Distrikten Badung und Denpasar. Neben den
Küsten bietet Bali außerdem beeindruckende Landwirtschaften und sein kulturelles und
spirituelles Erbe an. Die Wirtschaft ist stark dienstleistungsabhängig und deshalb direkt als
auch indirekt vom Tourismus abhängig, vor allem der internationale. Da ausländische
Reisende in teureren Hotels nächtigen, länger Urlaub machen und mehr Geld ausgeben.
Hotels und Restaurants stellen 58.000 Arbeitsplätze zur Verfügung. Nur 3,3% der
Arbeitskräfte sind im Gastgewerbe tätig, doch tragen diese 1/5 zum Einkommen Balis bei.
Werden noch die die indirekt am Tourismus beteiligt sind einbezogen (z.B. Souvenirhandel,
LW), macht dies über 50% die balinesische Ökonomie aus. Der Tourismus hat Bali zu einem
relativen Wohlstand verholfen. Nur 4% der Bevölkerung befindet sich unterhalb der
Armutsgrenze (Indonesien über 16%), d.h. Krisen im Tourismus bedeutet Verringerung der
Wirtschaftsleistungen und des Wohlstandes.
Die Terroranschläge 2002 und 2005
Am 12 Oktober 2002 wurde Bali vom schwersten Terroranschlag in der Geschichte
Indonesiens erschüttert. Zwei Selbstmordattentäter sprengten sich in die Luft und töteten 202
Personen, hauptsächlich junge, australische Urlauber. Deswegen wurde der Anschlag vielfach
„11. September Australiens“ genannt. Drei Jahre später, am 1. Oktober 2005, explodierten
wiederum drei Bomben in Bali, wobei rund 14 Indonesier und fünf Touristen starben. Unklar
ist, warum Bali zweimal von Anschlägen heimgesucht wurde. Australien meint, dass hierfür
die islamistische Terrorgruppe Jemaah Islamiyah verantwortlich ist, die die demokratischen
Tendenzen innerhalb Indonesiens bekämpfen möchte. Außerdem ist die Chance in Bali am
größten ausländische Touristen zu töten und die gewünschte mediale Aufmerksamkeit zu
erreichten.
Quantitative Änderungen der touristischen Nachfrage aufgrund der Terroranschläge
Im Falle von den Anschlägen in Bali, kann man vom sog. schon erwähnten
Generalisierungseffekt reden. Analysen der WTO zeigten, dass der gesamte Südostasiatische
Raum (Malaysia, Thailand, die Philippinen und Singapur) vom Anschlag in Bali betroffen
waren. Doch folgte in Bali ein massiver Zusammenbruch des Tourismus. 18.700 Touristen
verließen kurz darauf die Insel, die Ankünfte verringerten sich um 80%. Händler,
Straßenverkäufer und Taxifahrer verzeichneten einen Rückgang von 70%. Die drastischen
Einbußen werden anhand von den Ankünften von Deutschen und Australien gezeigt 
Abbildung 1, S. 217.
Daten bzw. Analysen bezüglich den Auswirkungen nach dem zweiten Anschlages 2005,
liegen von der Bali Hotel Association vor. Vergleicht man diese mit den Anschlägen von
2002, zeigt sich, dass der zweite Anschlag weniger dramatische Auswirkungen haben wird als
der erste, z.B. folgte keine Massenflucht nach dem Anschlag.
Fragestellungen und Zielsetzungen der Studie in Bali
Zwischen dem 23. September 2005 und dem 7. Oktober 2005 wurden 334 Touristen in Bali
mittels eines Fragebogens befragt, vorwiegend Touristen an den Stränden. Da während der
Befragung das zweite Attentat erfolgte, können Einstellungs- und Verhaltensänderungen bei
Touristen als direkte Folge eines Terroranschlages abgeleitet werden. Deshalb wurde diese
Befragung in 2 Bereiche geteilt, vor dem Anschlag wurden 220 Touristen befragt, nachher
110.
Folgende Fragestellungen der Studie werden demnach behandelt:
1. Welche Einstellungen werden gegenüber Bali geäußert und welche touristischen
Verhaltensweisen werden praktiziert? Analyse bezüglich, Destinationsimage, Risiko- und
Problembewusstsein, Urlaubsaktivitäten und Ängste
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
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2. Welche Einstellungs- und Verhaltensänderungen ergeben sich bei Touristen als Folge
eines Terroranschlages? Diese Veränderungen als direkte Konsequenz von Attentate
3. Welche Faktoren bestehender Ängste und kultureller Verschlossenheit können in Bali
gefunden werden? Urlaubsbedürfnisse und Einstellungen gegenüber der Region dürften
das Verhalten gegenüber Einheimischen stärker beeinflussen als soziodemographische
Faktoren und Wertedimensionen.
Wichtig dabei ist, dass beide Befragungen äquivalent zu betrachten sind. S. 119, Tabelle 2,
gibt Auskunft über die beiden Befragungen. Sie zeigt, dass eine gute Äquivalenz bei beiden
erreicht werden konnte. Bezüglich Herkunftslandes, Geschlechtes, Alters und Bildung finden
sich keine starken Abweichungen.
Ad 1: Einstellungen und Verhaltensweisen:
Um die Einstellungen der Touristen gegenüber Bali zu erheben wurde ein siebenstufiges
Paritätenprofil erstellt. Aus bestehenden Studien zum Image wurden wesentliche
Eigenschaften entnommen und kategorisiert. Beerli und Martin unterscheiden zwischen
kognitiven (in dieser Studie: Qualitätsmessung der Region dar) und affektiven
(atmosphärische Beurteilung) Einstellungen der Touristen, die Daten beziehen sich auf die
Befragung vor dem Anschlag.
Die kognitiven Bewertungen Balis als Urlaubsziel fallen größtenteils positiv aus.
Hervorgehoben wird besonders das gute Preis-Leistungsverhältnis, die beeindruckende
Landschaft und die Sehenswürdigkeiten, sowie die Qualität der Infrastruktur, die Strände und
das Klima fallen gut aus. Nur die starke Umweltverschmutzung wird als negativ beurteilt
(siehe Abbildung 2, S. 221). Affektive Urteile über Bali fallen positiv aus, besonders das
angenehme und entspannende Ambiente am Urlaubsort, sowie wird Bali als aufregend
empfunden. Einzig negativ wird angemerkt, dass Bali touristisch geworden ist und viel an
Ursprünglichkeit verloren hat (Abbildung 3, S. 221).
Weiters wurden die Einstellungen bezüglich der lokalen Bevölkerung befragt. Diese zeigt,
dass sie als freundlich und offen, arm und geduldig wahrgenommen werden. Nur die
Aufdringlichkeit mancher Straßenverkäufer in Kuta wird negativ angemerkt (Abbildung 4, S.
222). Die Einschätzungen zur Sicherheitslage in Bali, Abbildung 5, spiegeln die
Imaginationen einer idealisierten Fremde wider. Eine Woche vor den Anschlägen wird Bali
überwiegend als sicher eingestuft, Vorkommnisse krimineller Handlungen eher
unwahrscheinlich. Die Gesellschaft wird als traditionell erlebt.
Das Risikobewusstsein, Abbildung 6, soll aufzeigen, inwieweit sich die Touristen mit
verschiedenen Arten von Risiken gedanklich auseinander setzen. Die Grafik zeigt, dass
Ängste nicht so eine große Rolle spielen. Angst vor psychischen Anpassungsproblemen oder
vor unangenehmen Erfahrungen spielen eine viel geringere Rolle, als die Angst vor
Krankheiten oder Terroranschlägen und vor Raub, Diebstahl und Überfällen. Das
Problembewusstsein, Abbildung 7, das sich auf die Gesellschaft und den Tourismus
beziehen, erhalten im Mittel einen höheren Stellenwert. Weniger relevant sind Probleme
sozialstruktureller Art wie soziale Spannungen. Viele Touristen befürchten eine Veränderung
von Werten und Traditionen der Einheimischen sowie tropischer Naturräume durch
Abholzung etc. Nur mittelmäßig relevant sind vor dem Anschlag Aktivitäten islamistischer
Terrorgruppen.
Weiters erfolgte eine Analyse über die Frequenz von Urlaubsaktivitäten sowie über die
Begegnungsweise der Touristen mit der einheimischen Bevölkerung sowie
Sicherheitsempfinden bei div. Urlaubsaktivitäten.
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Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive.
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Die Touristen in Bali bemühen sich sehr für einen aktiven Kontakt mit den Einheimischen
und deren Kultur. Sie verbringen ihre Zeit nicht nur in touristischen Gebieten (auch abends)
sondern planen auch Ausflüge abseits typisch touristischer Routen, wo auch öffentliche
Nahverkehrsmittel (oft Taxis) in Anspruch genommen werden. Weiters bemühen sich die
Touristen sich auch kulturell anzupassen, wobei durch die Aufdringlichkeit der
Strandverkäufer wird versucht eine Offenheit gegenüber den Angeboten zu demonstrieren.
Abbildung 10 zeigt diese Aspekte auch genauer.
Einstellungs- und Verhaltensänderungen als Folge von Terroranschlägen
Basierend auf den bisherigen Analysen zu den Einstellungen/Verhaltensweisen der Touristen
wird die 2. Teilstichprobe (nach dem Anschlag) hinzugezogen und verglichen.
Die charakteristisch bedeutende Änderung zeigt sich zur Sicherheit des Landes, wo man die
hohe Gefahr terroristischer Anschläge realisiert hat und das Land als politisch instabil und
unsicher bezeichnet wurde (Abbildung 11).
Wichtig ist zu erwähnen, dass trotz den Anschlägen sich die Atmosphäre nicht negativ
(unangenehmer, fremder, weniger entspannend) verändert hat und die Einheimischen weiters
als freundlich, offen, arm und bescheiden beschrieben werden. Die Region wird ähnlich
positiv beurteilt (Strände ruhiger und attraktiver, da keine so hohe Touristenfrequenz).
Die gedankliche Beschäftigung mit persönlichen Risiken (physisch und psychisch) bleibt
allerdings unverändert (Angst vor Terroranschlägen und politischen Unruhen). Der Kontakt
zu den Einheimischen wird nach den Anschlägen noch stärker gesucht um ihnen ihre
Sympathie zu zeigen.
Die Aktivitäten der Touristen erfolgen nicht besonders verändert weiter, während sich das
Sicherheitsempfinden in allen Bereichen rückgängig verändert hat (Abbildung 14).
Prädikatoren von Ängsten und kultureller Verschlossenheit
Durch so genannte multiple Regressionsanalysen, wurde der Einfluss unabhängiger Faktoren
auf Ängste bezüglich kultureller Verschlossenheit gemessen.
Einflussfaktoren, die auf geäußerte Ängste (Risikobewusstsein) wirken
Durch die Integration aller unabhängigen Faktoren zeigen sich keine signifikanten Effekt auf
geäußerte Ängste auf Reisen. Fernreiseerfahrung, Alter, Geschlecht, nationale Zugehörigkeit
und diverse andere demographische Faktoren haben keinen Einfluss auf die Beschäftigung
mit physischen, psychischen oder destinatinonsbezogenen Risiken.
Konservatismus ist ein signifikanter Prädikator, je wichtiger dieser Wertedimension
empfunden wird, desto eher bestehen Ängste. So steigt auch die Risikobereitschaft, je weniger
ängstlich sie sind. Während soziodemographische Dimensionen und Faktoren der
Persönlichkeit keine oder nur geringe Wirkungen bedingen, lösen Urlaubsbedürfnisse
ungleich stärkere Effekte aus. Je offener Touristen auf die neue Kultur zugehen, desto
weniger angsterfüllt sind sie.
Einflussfaktoren, die auf Verhaltensweisen gegenüber Einheimischen wirken
Auf soziodemographischer Ebene zeigt sich ein mittelstarker Einfluss von Alter und
Geschlecht. Daher sind ältere Touristen und Frauen kulturell offener bzw. eher am
Kulturkontakt mit der einheimischen Bevölkerung interessiert.
Währenddessen steht die Risikobereitschaft nicht mit interkulturellen Verhaltensweisen in
Verbindung. Je mehr Engagement für Gleichberechtigung (Werte wie Loyalität, Ehrlichkeit,
soziale Gerechtigkeit) vorhanden ist, je eher Touristen nach Harmonie (Umweltschutz,
Naturverbundenheit, Weltfrieden) streben und je mehr intellektuelle Unabhängigkeit
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(Freiheit, Kreativität) unter Reisenden vorhanden ist, desto eher sind sie an Kontakten mit
dem Gastgeberland interessiert.
Wesentliche Prädikatoren sind auch Urlaubsbedürfnisse und Einstellungen, wie man den
Bereisten gegenübertritt. Bali ist für europ. Und australische Touristen ein exotischen
Reiseziel, mit fremder hinduistisch geprägter Kultur. Je höher das Interesse des Touristen
vorhanden ist sich mit dem Gastgeberland auseinander zusetzen, desto eher ist die
Bereitschaft da auf Einheimische zuzugehen – Vorraussetzung dafür die die eine entspannte
und angenehme Atmosphäre. Besteht allerdings der Eindruck einer hohen Kriminalität und
einer modernen Gesellschaft, so sinkt das Bedürfnis Interaktionen mit Einheimischen
einzugehen.
Diskussion der Ergebnisse
Durch die Anschläge gerät die Ordnung der Gesellschaften ins Wanken, durch die Studie
wurden Verhaltens- und Erwartungssicherheiten geprüft.
Bei Fernreisen faszinieren Anspruchslosigkeit, Bescheidenheit und der zwangslose
Arbeitsalltag. Bali bleibt seinem Image einer authentischen, traditionellen Gesellschaft treu,
der Einheimische wird als arm, freundlich und bescheiden erlebt. Bali wird weiterhin als
unsicher und politisch instabil wahrgenommen. Ängste nach Terroranschlägen nehmen zu und
prägen den Alltag der Urlauber. Diese führen zu einer starken Einschränkung der Aktivitäten
aus, wo das Hotelgelände als Aufenthaltsbereich vor allem am Abend bevorzugt wird.
Ausflüge werden dennoch gerne unternommen.
Ein wesentliches Ergebnis ist, dass die Gefühle von Unbehagen mit einer negativen
Beurteilung des Reiseziels, der Atmosphäre und der lokalen Bevölkerung einhergehen.
Hinduistische Tempel, agrarische, tropische Landschaften sind für die Touristen eine
Faszination für sich.
Die zahlreichen Einflussfaktoren auf der Eben der Einstellungen zeigen, dass auftretende
Ängste in Bali sehr stark mit de Terrorismusphänomen gekoppelt sind. Weiters zeigt die
Studie auch, dass zahlreiche Einflussfaktoren auf interkulturelle Begegnungsweisen der
Touristen herauszustreichen. Ältere Touristen und Frauen sind an kulturellen
Lebensbedingungen eher interessiert als Männer. Außerdem sind verschiedene
Werthaltungen, wie Gleichberechtigung, Harmoniestreben und intellektuelle Autonomie,
einen positiven Zugang zur bereisten Kultur ermöglichen.
Sehr positiv wird auch die Bereitschaft mit Einheimischen in Kontakt zu treten, trotz der
Terroranschläge, nicht abnimmt. Da die lokale Bevölkerung von den Touristen die Rolle des
Opfers zugesprochen bekommt, zeigt sich dieses Verhalten durch eine erhöhte Bereitschaft,
durch den Kauf von Souvenirs in Krisenzeiten die Einheimischen zu unterstützen und
Solidarität zu demonstrieren.
Die Ergebnisse zu den psychologischen Effekten weisen daruf hin, dass die
Einschüchterungstaktik der Terroristen bei Touristen keinen „Erfolg“ zeigt, da die Touristen
sich an diese neuen Risiken gewöhnen.
Anschläge wirken sich zwar auf das Sicherheitsempfinden und auf Urlaubsaktivitäten massiv
aus und führen über längere Zeiträume zu massiven Tourismusrückgängen, aber die
Einstellungen bezüglich der betroffenen Region und Verhaltensweisen gegenüber der lokalen
Bevölkerung ändern sich hier wenig.
Für Bali bedeutet das, dass sich der Tourismus bedeutend schneller als 2002 wieder erholen
dürfte.
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