Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Baumhackl, Herbert / Habinger, Gabriele / Kolland, Franz / Luger, Kurt: Tourismus und Entwicklung. Zur Gleichzeitigkeit von Integration und Peripherisierung. S. 7 – 15 Wachstum d. Tourismus und Auswirkungen auf „Dritte Welt“ wird kontrovers diskutiert. Ausbau dieses Wirtschaftssektors führt zu einer stärkeren Integration in Weltwirtschaft. Konditionen dieser Integration und die daraus folgenden ök., soz., kult. und pol. Effekte entscheidend. ModernisierungstheoretikerInnen sehen mehr Vorteile (va. ökonom.) als Nachteile, Tourismus trägt zur Wohlfahrt bei („Euphoriephase“). Vorteile: Integration in Weltmarkt, neue Arbeitsplätze (statt Subsistenz). Ök. Nutzen: Devisen-, Beschäftigungs-, Infrastrukturund Multiplikatoreffekte. Zusätzlich „Völkerverständigung“. Tourismus als „Vehikel“ einer nachholenden Entwicklung angesehen. Zudem ist Tourismus als „weiße Industrie“ vergleichsweise kaum Umwelt-belastend. Imperialismus- und DependenztheoretikerInnen: sehen in Tourismus Aufrechterhaltung der Unterentwicklung („Ernüchterungsphase“). Tourismusindustrie wird von reichen Ländern dominiert, Gewinne fließen in den Norden. Verantwortlich dafür: internationale Terms of Trade, Macht der ausländischen Investoren. Nationale Kontrolle über Entwicklungsprozess dadurch gehemmt. Abhängigkeit von Global Players (Vorwurf des Neokolonialismus) und geringe Möglichkeiten eines eigenständigen Entwicklungsspielraumes werden kritisiert. „Strukturelle Heterogenität“ wird gefördert, Bevölkerungsmehrheit wird pol., soziokulturell und ök. marginalisiert, totalitäre u. undemokratische Regimes werden gefestigt. Nur lokale Eliten profitieren, die Arbeitsplätze sind meist nur saisonal. Zusätzlich vor Zunahme sozioök. und räumlicher Ungleichheit und vor wachsender kultureller Entfremdung gewarnt. Lösung: EL sollen sich auch beim Tourismus abschotten Pauschale Bewertungen sind jedoch abzulehnen, die Wissenschaft soll sich daher auf Fallbeispiele konzentrieren und die Faktoren im jeweiligen Kontext diskutieren. Mitte der 80er: pragmatische Bewertung (Scheitern der großen Theorien), es kommt zu Synthese beider Extrempositionen. Propagiert wird „Strategie des angepassten Tourismus“. Ferntourismus sollte in sozial- und umweltverträglichere Bahnen gelenkt werden, KonsumentInnen sollten besser auf Reisen vorbereitet werden. Mitte der 90er: Perspektivenwechsel: „nachhaltiger Tourismus“. Die Einheimischen als Mitentscheider und ökologische Aspekte rücken in den Vordergrund touristischer Entwicklungsperspektiven. Tourismus mittlerweile von UNO (hier UNCTAD und WTO: World Tourism Organisation) als entscheidender Faktor zur Armutsbekämpfung angesehen (Tourismus für 49 ärmste Länder (LDCs) mittlerweile Haupteinnahmequelle). Historischer Abriss: eigentliche Anfangsphase des Ferntourismus: spätes 19. Jhd. Geprägt durch Ausbau des Post- und Nachrichtenwesens, von Errungenschaften der Technik, Entwicklung des Verkehrswesens (Dampfschifffahrt, Eisenbahn), sowie durch steigenden Wohlstand des Bürgertums (1841: erste Pauschalbahnreise von Thomas Cook). Zuerst va. Adel, Bildungsbürgertum und Beamte gereist, gegen Ende des 19. Jhd. vermehrt auch Unternehmern, Angestellte und Lehrer. Hohes Sozialprestige mit Reisen verbunden: stärkt Standesbewusstsein der Mittelschicht. Reiseziele: bis 1960er Jahre afrikanische und asiatische Mittelmeerländer (historische Stätten, Klima), Ostafrika zur Großwildjagd. Für USA va. Karibik als Zielgebiet. Reiseliteratur war stark ethnozentristisch: Leserschaft wollte Geschichten über exotische Orte und Menschen ohne Zwänge der bürgerlich-viktorianischen Gesellschaft. Zudem sollte Überlegenheitsgefühl bestätigt werden. Auch sollte der imperiale Zugriff auf 1 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. außereuropäische Gebiete (Entwicklungsgedanke als Legitimation für wirtschaftlich-koloniale Interessen) gerechtfertigt werden. Seit 18. Jhd. in Wissenschaft Fokus auf andere Kulturen (als mögl. Gegenkonzepte zur eigenen Gesellschaft). Anfang 20. Jhd. wird Feldforschung zur gängigen Praxis: schmaler Grat zwischen „going native“ (Aufgehen in fremder Kultur) und wissenschaftlicher Bewertung die gewisse Distanz erfordert wird augenscheinlich. Seit 60er Jahren ist Reiseindustrie einer der am stärksten wachsenden Wirtschaftsbereiche. Reiseverkehr vollzieht sich jedoch hauptsächlich zwischen den OECD-Staaten, EL profitieren kaum (europ. Länder: 2/3 der Reisenden, ¾ der Einnahmen). Va. aber mikrosoziologischen Auswirkungen des Reisens in EL zentral: starke Zunahme d. Tourismus in d. 70ern in bis dahin wenig erschlossene Gebiete machte ökologische, kulturelle und soziale Folgen bewusster. Tourismus ist immer Interaktionsbeziehung: Frage, wie diese positiv gestaltet werden kann. Reisen ist zwar individuelle Angelegenheit, aber mit vielen sozialen Implikationen: Objekte und Orte unterliegen sozialer Zuschreibung (Orte bleiben gleich, aber symbolisches Kapital verändert sich), sozialer Positionierung und Abgrenzung (Zugang zum Reisen weiterhin ungleich verteilt: verschiedene Hotelkategorien und Sportarten drücken unterschiedliche soziale Positionen und Habitusformen aus). Byer, Doris: Zur Anthropologie des Reisens und der Geschichte von Entwicklungstheorien. S. 16 – 37 Einführung: Reisen = Berührung mit anthropologischen Differenzen: Lernprozess, Differenzen werden von verschiedenen Gesellschaften immer wieder neu produziert Reisen impliziert auch Angst vor der Ungewissheit: Erschütterung unseres Selbstverständnisses => Offenheit für Neues Trennungsprozess: Tod = „letzte Reise“, „Heroismus“ des Reisens in fortschreitenden Überwindung von Raum und Zeit, um den Preis der existenziellen Gefährdung begründet: Gefahren/ Angst müssen überwunden werden um eigenen Horizont zu erweitern => Profite aller Art Konfrontation mit fremder Sprache, unbekannten Verwandtschaftssystemen: stellt Verständigung, Zugehörigkeit, Identität in Frage Ambivalenz des Reisens: Kann zu Weisheit und Reife führen, aber auch Borniertheit verstärken Zum Status des Reisenden Einschätzung des Reisens als freiwilliger Akt, dem reichen Norden in der Moderne vorbehalten => eigentlich unbegründet (bedeutende Reiseliteratur von Flüchtlingen, Mobilität der unteren Schichten im vormodernen Europa, Reisen in tribalen Gesellschaften) Bewegungsfreiheit aber immer ein gefährdetes Gut, Gegenstand sozialpolitischer Strategien: Reisen wird immer reflektiert und differenziert Wer als „Reisender“ gilt wer nicht, hängt nicht nur vom sozialen Status ab (Führer, Dolmetscher, Träger, Seeleute nicht als Reisende wahrgenommen) sondern auch davon, inwieweit der Protagonist in der Lage ist, sich in den repräsentativen Reisediskurs einzubringen: Bsp.: Tahitianer O-Mai, der James Cook nach London begleitete => nicht wagemutiger Reisender sondern Anschauungsobjekt Legitimierung als Reisender erfolgt immer über eine Öffentlichkeit (auch z.B. Freundeskreis, dem man nach Rückkehr zu einem Diaabend einlädt) 2 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Zur Repräsentation des Reisens Europa Thematisierung der europäischen Reisekultur Aufklärung-Moderne Georg Forster (18.Jhd): begleitete schon als Kind seinen Vater auf Reisen, Assistent bei wissenschaftlicher Expedition von James Cook => offizieller Reisebericht bedeutendes Quellenwerk Aufgeklärter Humanist, Selbstverständnis als im Dienste der Menschheit stehend, Verbundenheit mit der Idee der universellen Entwicklung der Menschheit: Klassifizierung der bereisten Völker nach Entwicklungsstufen, Grad der Naturbeherrschung, Sittlichkeit, Europa = höchste Stufe (lässt anderen Völkern Wohltaten zukommen, schöpft daraus sein gutes Gewissen) Aber auch Kritik an den „zivilisierten Völkern“ (Kontakt mit „unschuldigen Wilden“ sollte abgebrochen werden um jene nicht zu verderben) René Caillié (19.Jhd): Waisenkind aus ärmsten Verhältnissen => Flucht; Reisen nach Senegal, Sudan, Niger; weder Gelehrter noch Kaufmann, reiste unter prekären Verhältnissen, ohne Empfehlungen oder Pass, Finanzierung durch Gastfreundschaft, Bettelei Reiste in Verkleidung als Muslim, Ausbildung in einer maurischen Koranschule: konnte transkontinentales Netzwerk der verpflichtenden islamischen Gastfreundschaft nutzen, Entdeckung seiner wahren Identität hätte Todesurteil bedeutet => Aufzeichnungen erst nach seinem Tod gewürdigt Ambivalenz Cailliés Haltung gegenüber seinen Gastgebern, Eurozentrismus Verkleidung paradigmatisch für grundsätzliche „Unaufrichtigkeit“ in den Beziehungen zwischen Europa und dem Rest der Welt 19.Jhd.: Joseph Conrad: Roman „Herz der Finsternis“: Reise in den Kongo Stereotyp des „Wilden“: prähistorisch wahrgenommene Existenzweise, weiß noch nichts von Entwicklung und der Zerrissenheit des modernen Menschen radikale Distanzierung von den „Wilden“: schließt jede Verständigung aus, ermöglicht Verdrängung jeder Verantwortung für ungebetenes Eindringen in ihr Gebiet Vgl.: Besuch eines Ethnotourists in indigenem Dorf: als „Zeitreise“ wahrgenommen: Instrumentalisierung dieses Bildes für Werbung durch Tourismusindustrie Afrika Reisekultur des „inferioren Anderen“: Bedeutung des Reisens im Subsaharischen Raum: Völker der Tuareg und der Soninké: muslimische Gesellschaften Islam: große Reisetradition: Pilgerreisen, Bildungsreisen zu berühmten Gelehrten, therapeutische Reisen, Verwandtenbesuche an islamischen Festtagen Koranschulen => weltweites Kommunikationsnetz, sichere Infrastruktur, Verpflichtung zum Gastrecht => Struktur wesentlich für Herausbildung mächtiger Bruderschaften: enge Verknüpfung Reisen, Lernen, Profitieren 1. Tuareg: nomadische Reisekultur: ökologisch bedingte, zyklische Ortsveränderung: bipolares Verhältnis zwischen Ruhe und Reise: Reifung des Individuums, Konsolidierung der Gesellschaft Erweiterung von Allianzen, Festigung von sozialen Netzwerken, Domestizierung bedrohlicher Räume Nomadentum (zyklisch sich wiederholende Ortsveränderung, überschaubare Etappen umschließen Territorium spiralförmig) vs. Reisen (einmalige, in besonderem Kontext eingebettete Ortsveränderung 3 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. „Zu Hause“ = geschützt, Frau gehört der Welt des „Innen“, der Mann der Welt des „Außen“, Frau kann per Definition nie eine Reisende sein, jede Ortsveränderung von ihr wird der stabilisierten Weltordnung des Nomadentums zugeordnet Erziehung zum fähigen Reisenden ist zentrales gesellschaftliches Anliegen der Tuareg, Vorbereitungen auf Reise der daheimbleibenden Gruppe zu verdanken => Verpflichtung bei der Heimkehr Geschenke, Wissen, neue Allianzen mitzubringen 2. Soninké: sesshafte Ackerbauern, Kaufleute, aristokratisch regierte Kastengesellschaft Versuch durch Reisen gesellschaftlichem Druck zu entgehen, sich in der Ferne zu profilieren: nach Rückkehr Gründung des eigenen Hausstands Galten aufgrund ihrer Mobilität bei der französischen Kolonialmacht als derart intelligent, dass man ihnen eine weiße Abstammung andichtete Soninké schufen in der Fremde Infrastruktur => Gewährleistung sozialer Kontinuität mit der Heimat Heute im Ausland lebende Soninké: Transfer ihres Einkommens an Familie nach Senegal, Mauretanien, Mali: knüpft an traditionelles Wertesystem an, ist aber nicht mehr mit Ziel der Rückkehr verbunden: Verschlechterung der Lebensbedingungen => Reisen wurden zum Exil „Illegale“ oder Touristen „Illegale“: neue Kategorie der Differenz, europäische Politik der Diskriminierung, kollektive Kriminalisierung von Reisenden aus Afrika: eigentlich große „heroische“ Reisende unserer Zeit: Aussetzung existenzieller Gefahren, Hoffnung auf Ruhm, Wohlstand, Weisheit; stranden an „Nicht-Orten“ Europäische Grenzen bis an den Maghreb verschoben, Verteidigung der Grenzen gegen illegale Immigration an Lybien, Marokko, Algerien, Tunesien delegiert: „eisener Vorhang“ mit Wachtürmen => Unverständnis bei den Soninké: begreifen sich als Touristen Ferntourismus aus den Industrienationen: Suche nach dem Paradies, nicht an der Realität am Urlaubsort interessiert, Ansprüche der Touristen mit Bedürfnissen und Gewohnheiten der Einheimischen nicht kompatibel: Bezahlung für Kost und Quartier => macht Freundschaft, Allianzbildung mit dem Gast unmöglich; wachsende Asymmetrie der Wirtschafts- und Machtbeziehungen Tourismus hat in dem Sinn nichts mit Völkerverständigung zu tun: Erfüllung von Wunschphantasien westlicher Touristen um Defizite der heimischen Lebensbedingungen zu ertragen Tourismus als Industrie: Herausbildung im Rahmen spezifischer ökonomischer und sozialer Strukturen, Repräsentation durch entsprechenden Diskurs: Konzept des Reisens als Zerstreuung, Vergnügen, Erholung, Organisationsform als industrialisierter Dienstleistungsbetrieb => Entstehung in Westeuropa Mitte 19.Jhd. (1. Pauschalarrangement für Weltreisende von Thomas Cook 1841) Verbindung von Reisen und Erholung Wende 19./20. Jhd.: Formulierung des Rechts des Arbeiters auf eine Urlaubsreise, z.B.: 1937: Organisation von Reisen durch nationalsozialistischen Freizeit-Verein KdF (Kraft durch Freude) => populäre Institution: Reisen als ideologische, politische Indoktrinierung, organisiertes Reisen um autonomes Denken zu verhindern Vgl. heutiges „Ausspannen“ im Dienste einer totalitären Verbraucherideologie: Tourismusbetriebe in Billiglohnländern mit permanentem Angebot zur Animation, gebliebenes Grundbedürfnis nach Abenteuer durch alternativer „Abenteuertourismus“ ohne Risiko gedeckt 4 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. ABER: wachsende Kluft zwischen arm und reich: Sicherheit des Reisens wird zunehmend brüchig Ökonomische Auswirkungen des Massentourismus: regional unterschiedlich zu bewerten, zerstört Ressourcen: spezifische soziale Desintegration, einseitige Ausbildung der lokalen Bevölkerung => Unterbindung von Innovationen, Verhinderung nachhaltiger regionaler Entwicklung Anfang und Ende der Entwicklungstheorie Herausbildung von Entwicklungstheorien durch Erfahrungen großer Reisender und Interessen der europäischen Staaten: universelles Weltbild von Entwicklung: universelles Fortschreiten zur Vervollkommnung vorhandenen Potenzials, Menschen im Prinzip gleich, nur verschieden im Rahmen einer vertikalen Entwicklung Aufklärung: Bewertung unterschiedlicher Völker nach Entwicklungsstufe ihrer „Vernunft“ und „Gesittung“ Evolutionismus: naturimmanenter Wandel in der Zeit, einfache Form trägt potenziell alle Stufen in sich, die sie in späteren Stadien durchlaufen muss, spätere Form = höher, besser, Endpunkt = Höhepunkt (= Europa) Alle nicht westlichen Gesellschaften => „ursprüngliche“, „stagnierte“, „primitive“ Gesellschaften ohne eigene Geschichte => Legitimation von Erziehung, Bekehrung, Assimilation, auch mit Gewalt Vgl. gegenwärtige Praxis humanitärer Organisationen in Asien und Afrika: unmittelbare Kontinuität des kolonial-humanistischen Anspruchs Modernisierungstheorien: „Unterentwicklung“: neoevolutionistische Schule der Anthropologie: Rostow: Entwicklung in 5 Phasen, Take-Off etc. Kritik dieser postkolonialen Entwicklungstheorien erst mit Zusammenbruch ehemaliger Schwellenländer relevant => stellte jahrhundertealte Entwicklungspolitik in Frage (Ressourcen von 5 Planeten wie der Erde wären nötig um der Weltbevölkerung den Lebensstil eines durchschnittlichen Amerikaners zu ermöglichen) Auflösung von Raum und Zeit vs. Wachsen der weltweiten Asymmetrie, Verteilung der Ressourcen: Destabilisierung der Gesellschaft Dürbeck, Gabriele: Stereotypen und Darstellungsmuster des Fremden. Ozeanismus in der Südsee- Literatur des 19. Jahrhunderts. S. 38 Zur Entstehung des Südsee- Mythos um 1770 Die Forschungsreisen in den Südpazifik wurden im Entdeckungszeitalter seit 1766 vor allem von einer Vorstellung eines terra australis incognita vorangetrieben. Die mehrjährigen Expeditionen von Bougainville, Wallis, Cook u. a. führten zur Entdeckung, Vermessung und Erforschung von hunderten Inseln. In den Beschreibungen finden sich zwei gegensätzliche Vorstellungen von der Südsee, die zwischen - Paradies u Hölle - dem Gegensatz „edler“ u „unedler“ Wilder schwankten. Tahiti- Mythos: Vorstellung von einem Leben in paradiesischer Fülle, Harmonie von Mensch u Natur, sexueller Freizügigkeit u einer Gemeinschaft ohne gesellschaftliche Zwänge und sozialen Hierarchien. Dem entgegen stehen die Vorstellungen von grausamen Kannibalen mit dem Hang zu Stammesfehden, Kopfjägerei und Menschenopfern. 5 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Mit Bougainvilles „Voyage autour du monde“ (1771) begann sich die rousseauistische Vorstellung von Tahiti als „Insel der Venus“ durchzusetzen. Durch Propaganda in diversen Zeitschriften verbreitete sich rasch der Tahiti- Mythos mit seinem Populär- Rousseauismus. Die Reisenden brachten sogar abenteuerwillige Polynesier nach Europa mit (Bouganville präsentierte Aoutourou, Cap. Cook brachte Omai mit). Zur gleichen Zeit versuchten kritische Stimmen den Tahiti- Mythos zu entzaubern. Motiviert wurden die Kritiken u. a. durch widersprechende ethnographische Erfahrungen (z. B. Georg Forsters Reisebericht Reise um die Welt) die oft, wie bei Diderot, Kulturkritik in eigener Sache übten oder teilweise nostalgisch gestimmt (Bsp. deutsche Spätaufklärung) waren. Aber auch die Vorstellung vom „unedlen Wilden“ wurde in den Reiseberichten des 18. Jh. verbreitet. Die Abwertung des Naturzustandes bezeichnet man als Anti- Rousseauismus. Trotzdem überwiegt in der Forschung die Beschäftigung mit dem Tahiti- Mythos. Die Vorstellung vom Südsee- Paradies ist auch in Reisekatalogen und Geo- Heften präsent. Der Beitrag von G. Dürbeck befasst sich mit den imaginativ präformierten Darstellungen der Inseln der historischen „Südsee“ und ihrer Bewohner durch die Europäer. Ansätze der Stereotypenforschung und komparatistischen Imagologie Es gibt keine einheitliche Def. des Begriffs Stereotyp. Verwandte Begriffe sind Vorurteil, Klischee, Denkschema oder Wahrnehmungsmuster. Def. der kognitiven Sozialpsychologie: Stereotyp= verfestigte, schematische, objektiv weitgehend unrichtige kognitive Formeln, die zentral entscheidungserleichternde Funktion in Prozessen der Um- und Mitweltbewältigung haben. Stereotype können also durchaus als Orientierungssystem dienen, weil sie helfen, unbekannte Menschen oder neue Situationen mit Vertrautem zu vergleichen und dadurch einzuordnen. Diese Systeme der Anpassung ermöglichen Identitätsstiftung von Individuen, Gruppen oder Nationen. Für die komparatistische Imagologie ist v. a. die Aachener Schule zu nennen. Die k. Imagologie versucht die sozialwissenschaftliche Stereotypenforschung zu erweitern, indem sie explizit auf die kontextuale Gebundenheit der literarischen Bilder hinweist. Demnach sind die Funktionen gleich bleibender Stereotype historisch wandelbar. Es geht also v. a. um das „Wie und Warum“. Als Kritik gegen die komparatistische I. sind drei Punkte zu nennen: 1. Keine Komplementarität von Auto- u Heterostereotypen gegeben 2. vernachlässigt besondere Textstrategien (u. a. Polemik u Ironie) 3. Essentialismus Auffallend ist auch die europazentrierte Ausrichtung der Imagologie und Stereotypenforschung. Die eben beschriebenen Ansatzpunkte bieten für die Betrachtung der Stereotype in der Südseeliteratur eine gute Grundlage, müssen aber einer modifizierten Perspektivierung unterworfen werden: 1. Die Südsee- Literatur kann nur nach den Funktionen der stereotypen Konstruktionen des Fremden für die eigene Kultur befragt werden, da es keine schriftlichen Zeugnisse seitens der Bewohner der südpazifischen Inseln aus dem 19. Jh. gibt. 2. Die Frage nach der Authentizität der Vorstellungen vom Fremden wird ebenfalls ausgeklammert. 3. Die Untersuchung der Wirkungen muss einer historischen Rezeptionsforschung vorbehalten bleiben Fallbeispiele aus verschiedenen Genres Auswahl: Populärvermittelnde Texte, Reise-, Memoirenliteratur, länder- u völkerkundliche Zeitschrift Globus Chamissos „Reise um die Welt“ (1836) 6 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. 1815-1818 Weltumsegelung unter Kapitän Otto von Kotzebue. Ziel: NO- Durchfahrt der Beringstraße. Chamisso veröffentlichte 1821 unter dem Titel „Bemerkungen u Ansichten“ einen Reisebericht, der aber als Teil von Kotzebues „Entdeckungsreise in die Südsee“ eher unbemerkt blieb. 1836 publizierte Chamisso seinen Reisebericht mit dem Untertitel „Tagebuch“ ein zweites Mal. Der Text zählt noch heute zu den bekanntesten dt. Texten über die Region des Südpazifiks. Die Forschung betont Chamissos Rousseauismus, seine innere Zerrissenheit, aber auch einen unreflektierten Eurozentrismus. Laut Dürbeck finden sich im Tagebuch aber auch durchaus europakritische Züge. Der Exotismus beschränkt sich auf die Darstellung der Bewohner von mikronesischen und polynesischen Inseln auf denen Chamisso nur wenige Wochen weilte. Die Einheimischen werden nach dem Bild des „edlen Wilden“ beschrieben (Harmonie, Sanftmut, Gastfreundschaft u freizügige Sexualität). Weiters findet sich das Stereotyp des „irdischen Paradieses“. In seinen Zitaten kontrastiert der Autor die natürliche Moralität der Einheimischen mit der europäischen Unmoral (Exotismus als Zivilisationskritik). Chamisso schmückt seine Ausführungen mit zahlreichen Anekdoten (IchPerspektive; Lachen als universelles Verständigungsmittel). In den „Bemerkungen und Ansichten“ spricht Chamisso noch von der Herrschsucht der Einheimischen, rituellem Kindsmord und Kannibalismus. Im „Tagebuch“ bleiben die negativen Zuschreibungen des Fremden unerwähnt (Strategie, um das breite Publikum zu unterhalten). Carl von Scherzer: Reise der Österreichischen Fregatte Novara um die Erde (1864/66) Erdumsegelung unter Leitung des Commodore B. v. Wüllerstorf- Urbair. Die Expedition, auf deren Route u. a. die Solomonen- Inseln, Australien, Neuseeland u Tahiti lagen, war von Beginn an so geplant, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse getrennt vom populärwissenschaftlichen Reisebericht publiziert werden sollten. Letzterer erschien in einer illustrierten Volksausgabe. Der Autor schildert neben Missionierung u Kolonisierung Tahitis durch FRAU, die Naturgegebenheiten sowie diverse Inselexkursionen und das Leben der Einheimischen. Die üblichen Stereotype lässt er nicht aus, jedoch ist sein Bericht deutlich als kritischer Kommentar zu den Vormachtbestrebungen Frankreichs u der kath. Mission angelegt, während Scherzer die Präsenz der britischen Krone durchaus positiv beurteilt. Das etablierte Stereotyp der sexuellen Freizügigkeit tahitischer Frauen verbindet er mit dem Stereotyp der Frivolität, das den Franzosen zugeschrieben wird. Die sexuelle Freizügigkeit sei demnach eine Folge des Einflusses der Franzosen. Das Stereotyp dient nicht wie Chamisso der Zivilisationskritik sondern der national spezifizierten Kolonialkritik, indem der kath. Mission u der franz. Verwaltung bewusste Fähigkeiten, Unmoralität u damit mangelnde Zivilisiertheit vorgehalten werden. Otto Ehlers: Samoa, Perle der Südsee (1895) Dieses Werk ist ein Bsp. für exotistische Kolonialpropaganda. Historischer Kontext: D kämpfte seit den 1880ern mit den USA und GB um die koloniale Vorherrschaft auf Samoa. Popularität gewann der Reisebericht auch durch den bizarren Tod des Autors, der in Neuguinea vermutlich Opfer von „Hungerkannibalismus“ wurde. Ehlers war als Tourist unterwegs. Die Kolonialpropaganda bedient sich exotischer Stereotype, dabei werden Stereotype über den polynesischen Teil der Südsee reproduziert. Die Insel Upolu wird als „Paradies“ beschrieben, und den Samoanern wird ein liebenswürdiger Charakter tituliert. Später schildert E. auch die Freigiebigkeit und Gastlichkeit der Einheimischen. Am Ende des Berichts heißt es plakativ: Ein deutsches Samoa kann für uns eine wertvolle Kolonie werden (Gründe: paradiesische Schönheit, angenehmes Klima, fruchtbarer Boden usw.). Die fremde Kultur (Orte, Personen, Dinge) erscheint als zugänglich, verfügbar u besitzbar. Die erotischsexuellen Eroberungsphantasien abenteuerlustiger Männer konvergieren in Ehlers` Text mit der Betonung einer wirtschaftlich und militärisch starken Position der Deutschen. Die Stereotypen werden als Attraktionssteigerung eingesetzt. 7 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Die populärwissenschaftliche Zeitschrift „Globus- Illustrierte Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde“ (1862-1919) Geriet ab den 1880ern in koloniales Fahrwasser, was sich in einer deutlich auf nationalen Interessen bezogenen Berichterstattung über außereurop. Länder u Kulturen äußert. Auch zum Ende des 19.Jh. publizierte der Globus Artikel zur „deutschen Südsee“ mit deutlich kolonialpropagandistischer Tendenz. Als Bsp. fungiert der Artikel von Franz Reinecke unter dem Titel „Zur Kennzeichnung der Verhältnisse auf den Samoa- Inseln“ (1899). Nach Beschreibungen des Fischfangs und Sitztänzen finden sich Bemerkungen über die Ehen zwischen Weißen u Samoanerinnen, die sich wie eine Partnervermittlungs- Broschüre lesen. Die junge Frau… - passt sich schnell der fremden Lebensweise an - passt sich den Grundsätzen eines kontinentalen Haushalts an - verfügt über eine angeborene peinliche Sauberkeit - hat ein echt weibliches Wesen, natürliche Intelligenz, manuelle Geschicklichkeit u eine große Gewissenhaftigkeit - ist eine treue Gattin - stellt aber keine strengen Forderungen an ihren Ehemann Die Verbindung von Pflicht u Zwanglosigkeit, Treue und Grazie, die darüber hinaus dem Mann alle Freiheiten lässt, dürfte seine Wirkung beim männlichen Publikum nicht verfehlt haben. Die Frauen wie das Land wollen also erobert werden. Das Bildmaterial soll die Attraktivität der Samoanerinnen bekräftigen („schön gewachsene, schwarzhaarige Töchter“). Die Werbung für Verbindungen dt. Männer mit samoanischen Frauen funktionalisiert den Exotismus für die Zwecke deutscher Kolonialpropaganda. Ambivalente Stereotype im Globus: Abwehr u Verlangen Im Globus findet sich in 2 zeitlich auseinander liegenden Artikeln (1872 bzw. 1885) eine aufschlussreiche Formulierung. Die Insel Neu- Britannien sei ein „Paradies, bewohnt von Teufeln“. Dies zeigt die Gleichzeitigkeit von Faszination u Bedrohung, Begehren u Abscheu, sowie die Spannung zw. Mensch und Natur. Ein Artikel nimmt Bezug auf den Reisebericht „Unter Kannibalen von Neu- Britannien“(1883) des Engländers Powell. Neben der Schönheit u Fruchtbarkeit des Landes werden die Bewohner als argwöhnisch, hinterlistig, grausam und als scheußliche Menschenfresser bezeichnet. In einer vollkommenen Natur werden sie so als das Böse schlechthin dargestellt. Dient diese Metapher zur Legitimation von Ausrottung und Vertreibung oder der Befürwortung der Missionstätigkeit? Was den Kannibalismus betrifft, äußern sich in den späten 1880ern immer mehr Zweifel. Dabei ist anzumerken, dass bei den ambivalenten Haltungen (Faszination und Furcht) immer die eigene Kultur als Maßstab dient. FAZIT Dieselben Stereotype von paradiesischer Fülle, von Unschuld und freizügiger Sexualität dienen einmal zur scharfen Zivilisations- u Gesellschaftskritik, einmal zur Unterhaltung des Publikums, einmal zur national spezifizierten Kritik an der Laszivität Frankreichs als Kolonialmacht und einmal zur Attraktivitätssteigerung einer zukünftigen Kolonie und dur Lancierung kolonialer Ansprüche. Dabei sind die Intentionen der Texte u deren historische Kontexte unterschiedlich. Chamisso: reproduziert die rousseauistisch fundierte Europakritik, indem er die Legitimation für imperialistisches Vordringen zwar befürwortet aber die Verdrängung indigener Kulturen als Verlust thematisiert. Standpunkt eines egalitären Humanismus. 8 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Scherzer: durch wirtschaftlich- koloniale Interessen am Land motiviert. Exotistische Stereotype bezogen auf Tahiti. Kritik an der franz. Kolonialmacht, der eine Vernachlässigung ihrer erzieherischen Methoden vorgeworfen wird. Ehlers: Konstruktion des Fremden unter dem Dienst einer national gestimmten Kolonialpropaganda. Ziel: Attraktivitätssteigerung, Legitimation. Inszenierung der zivilisatorischen Überlegenheit. Globus: Stereotype Darstellungen für die Anwerbung von Siedlern. Bezeichnung „unedle Wilde“ um kulturelle Unterwerfung u Missionierung zu legitimieren. Die Darstellung der Südsee als Paradies bewohnt von Teufeln verdichtet schließlich die Bandbreite und Widersprüchlichkeiten des Projektionsraums vom Fremden. Ambivalenz von Gut und Böse. Habinger, Gabriele: Fremd- und Selbstrepräsentation reisender Europäerinnen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. S. 57 - 75 Reisen stellt einerseits eine Konfrontation mit dem Fremden dar - die Suche danach bildete häufig keine unwesentliche Motivation zum Aufbruch – ein Mittel der Selbsterfahrung basierend auf der Fremd- und Welterfahrung, die durch die Ortsveränderung ermöglicht wird. Es ist immer aber auch „Landnahme“, Aneignung des Fremden in all seinen Facetten, ein Aspekt der gerade im 19. Jhdt. und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jhdt. von Relevanz schien. War doch diese Epoche in besonderem Maße von der kolonialen Durchdringung der Welt durch die europäischen Mächte geprägt. Durch diese Bemühungen zur „Eroberung“ und einen gleichzeitigen Modernisierungsschub (verbesserte Infrastruktur) erfuhr auch das Reisen vermehrte Bedeutung. Westliche Entdeckungsreisende bahnten aber auch immer den Weg für eine künftige koloniale Aneignung außereuropäischer Gebiete, auch zahlreiche Frauen hatten Anteil an dieser Entwicklung. Aspekte des „Fremden“ und des „Eigenen“ Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass das „Fremde“ oder das „Andere“ nichts Gegebenes darstellt, also Fremdheit auch keine Eigenschaft von Personen oder Dingen bezeichnet, sondern diese beruht – so wie andere Kategorien und Differenzierungen auch – auf einer Konstruktionsleistung. Dabei besteht eine enge Verknüpfung zwischen dem Fremden und dem Eigenen. So benötigt (nach Gingrich) das Eigene immer das Fremde um sich überhaupt selbst zu konstituieren. Er spricht von einer Dialektik des Selbst und des Anderen. Auch Edward Said verweist in seinem Orientalismus auf die Bedeutung des Orients für die Konstituierung des Selbstbilds des Okzidents. Hier taucht auch die Frage nach der Wahrnehmung kultureller Differenz auf, also letztlich die Frage nach der Ethnizität. Diese Differenz wird letztlich wieder auf der Basis des Eigenen wahrgenommen. Allerdings liegt hier ebenso ein vielfältiges Konfliktpotential begründet, handelt es sich doch um Grenzziehungen, um Mechanismen des Ein- und Ausschlusses. Somit ist Fremdheit nicht nur inhaltlich zu definieren, sie erfüllt auch die Funktion eines gesellschaftlichen Ordnungsschemas. Diese Aspekte stellt auch Stuart Hall in seiner Auseinandersetzung mit der westlichen Weltsicht in den Mittelpunkt, die er als den „Diskurs des Westens und des Rests“ bezeichnet. Er sieht verschiedene Mechanismen des Diskurses bzw. der Sprechweise des „Westens“ gegenüber dem „Rest“. Etwa die Homogenisierung und Dichotomisierung, die Schaffung „binärer Oppositionen“ und grober Vereinfachungen. Als weitere Strategien definiert er die Idealisierung, die Projektion von Wunschphantasien sowie die Unfähigkeit, kulturelle Differenz anzuerkennen bzw. überhaupt zu erkennen, sowie die Tendenz, anderen die europäischen Werte und Normen aufzuzwingen, verknüpft mit Stereotypisierungen. 9 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Das „Eigene“ als Maßstab für das „Fremde“ Die Neugier auf das Fremde, der Reiz des Neuen und Unbekannten stellte auch für viele Europäerinnen eine wichtige Motivation zum Reisen dar. Doch bedeutete die Tatsache, sich in die Ferne zu begeben, nicht automatisch, tatsächlich die Grenzen der eigenen Kultur zu überschreiten. So fällt in den Reisebereichten der Europäerinnen auf, dass das „Eigene“ häufig als normative Basis ihrer Fremdrepräsentation fungierte. Sie gingen von den Verhältnissen im Herkunftsland und von den dort gültigen Werten und Normen aus. Ein anschauliches Beispiel dafür stellt die Österreicherin Ida Pfeiffer (1797 – 1858) dar: Das Maß aller Dinge bliebt für sie immer die eigene Welt, sie stellt oft explizite Vergleiche mit den Verhältnissen zu Hause an. Neuartiges und Ungewohntes urteilte die Wienerin häufig ab, so manches konnte vor ihrer europäischen Perspektive kaum bestehen – nicht zuletzt das Aussehen der Menschen, ihre Kultur und Lebensweise. Pfeiffers Texte sind geprägt von der eurozentrischen Haltung einer Frau aus gutbürgerlichen Verhältnissen. Sie beweist sich auch als vehemente Verfechterin des bürgerlichen Weiblichkeitsideals samt seinen rigiden Moralvorstellungen (nicht zuletzt in der Beurteilung der Frauen der bereisten Länder). Häufig schafft sie es nicht, das Unbekannte, Unerwartete zur Kenntnis zu nehmen, sie „verkennt die Differenz“ – stattdessen erfolgt die Fremdrepräsentation in Stereotypisierungen. Oft attestiert sie auch Religionslosigkeit. Dabei versteht sie unter Religion nur die eigene bzw. lässt nur die eigene als Religion gelten. Auch Alma Karlin (geboren 1889 in Cilli, damals Südsteiermark) konstruiert Fremdes und Eigenes in ihrem Südsee-Bericht häufig als Gegenpole. Während ihres Aufenthaltes auf den Salomonen wird ein ständiger Spannungsbogen zwischen Eigenem und Fremdem, Natur und Kultur, Zivilisation und Wildheit, geordneten und chaotischen Verhältnissen geschaffen. Übertriebene Darstellungen der Wildheit der Anderen dienten nicht zuletzt dazu, sich der eigenen Zivilisiertheit und damit Überlegenheit zu versichern. Ähnlich negativ wird in manchen Fällen die fremde Kultur und Lebensweise von der Kärntnerin Anna Forneris (geb. 1789) beurteilt. Sie berichtet über die Bewohner der damaligen Provinz „Aserbaischan“: „Faulheit, Lug und Betrug sind die Hauptingredienzien ihres Charakters. Von Ehre, Nächstenliebe oder Schande scheinen ihre Begriffe sehr verworren zu sein. Das Geld ist ihr Gott (…)“ Anna Forneris entwirft mehrere Gegensatzpaare zwischen Eigenem und Fremdem. Sie greift in ihrer Darstellung auf einige Vorurteile zurück, die im Kontext eines stereotypisierten Orientbildes verwendet werden. Auch in Bezug auf die Frauen äußert sie sich kritisch, ebenso scheinen gewisse europäische Moralvorstellungen hier nicht gültig zu sei. Allerdings sollte erwähnt werden, dass sie ihr Leben vornehmlich als Händlerin fristete, das auch von zahlreichen Diebstählen geprägt war – ihre kritischen Äußerungen sind zum Teil auf diese negativen Erfahrungen zurückzuführen. Paula Kollonitz (geb 1830) (war 1864 als Teil des Hofstaates von Kaiser Maximilian in Mexiko) meinte bzgl. der Bevölkerung Mexikos, wobei sie sich auf die spanischstämmige koloniale Oberschicht bezieht; „Trägheit liegt in ihrer Natur und in ihren Gewohnheiten“. Sie schließt in ihre Kritik also aus Europa stammende Menschen ein, die jedoch – so klingt es zumindest – bereits einer gewissen Degeneration unterliegen. Bei Kollonitz findet sich noch ein weiterer Aspekt der Argumentationslinie: Im „überbevölkerten Europa“ werde um „jede handbreit Erde“ gerungen, während es in Mexiko Natur im Überfluss gäbe, ohne dass die Menschen große Mühen aufbringen müssten. Sie sieht in den Aktivitäten Maximilians und der Kolonisation geradezu eine Notwendigkeit um „all den brachliegenden Reichtum“ zu benützen. Von den Segnungen westlicher „Zivilisation“ In den eben beschriebenen Repräsentationen kommt auch die Vorstellung von der Überlegenheit der westlichen Zivilisation zum Ausdruck, ist sie doch verknüpft mit einer Aufund Abwertung, also mit einer Hierarchisierung zwischen dem „Eigenen“ und dem 10 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. „Fremden“. Die europ. Aufklärung ging davon aus, dass die europäische Gesellschaft der fortschrittlichste Gesellschaftstyp der Erde sei und dass der europäische Mensch der Höhepunkt der menschlichen Errungenschaften war. Die Sozialwissenschafter der Aufklärung konstruierten also selbst zahlreiche Klischees und Stereotype des „Westens und des Rests“, die nicht nur in den europ. Reisetexten ihren Niederschlag fanden, sondern zum Teil bis heute ihre Gültigkeit nicht (ganz) verloren haben. Dieser westliche Dominanzanspruch konnte leicht verknüpft werden mit einer „zivilisatorischen Mission“ und einer Rechtfertigung für Kolonialismus und Imperialismus. Auch die europäischen Reiseschriftstellerinnen plädierten letztlich für die westliche Aneignung dieser im Sinne des Fortschritts ungenutzten Räume, und zwar als nahezu „moralische“ Verpflichtung. Derartige Ausprägungen des „kolonialen Diskurses“ waren aber weder an die Zugehörigkeit zu einer Kolonialmacht gebunden, noch war sie den Männern vorbehalten. Im Rahmen dieses kolonialen Diskurses ging es immer aber auch um die „richtige“ Herrschaft, wobei wiederum die Notwendigkeit hervorgekehrt wurde, die westliche Form von Herrschaft und Regierung (als die gerechtere) auf nichteuropäische Gesellschaften zu übertragen. Hall meinte dazu: Die differenzierten und hochwertigen Sozialstrukturen der indigenen Bevölkerung seien nicht wahrgenommen worden. Für die europäischen Entdeckungsreisenden stand die Tatsache der Abweichung von der eigenen Norm im Vordergrund (Hervorhebung des Abnormalen). Besonders deutlich wird diese Position bei Angehörigen von Kolonialmächten, so trat etwa die britische Orientreisende Gertrude Bell vehement für den britischen Kolonialismus im Vorderen Orient ein. (Sie war auch überzeugt davon, dass sich die „Orientalen“ nach der Herrschaft des Okzidents sehnten). Einen beliebten Topos bildeten die Gegenüberstellung von dem untergehenden, von Zerfall, Korruption, Despotie und Grausamkeit geprägten Orient, der seine einstige Größe verspielt habe, und dem sich über den Orient erhebenden, nun aufstrebenden Okzident, der mit wirtschaftlichem Aufschwung, Fortschritt und geordneten Verhältnissen verknüpft wird. Auch Gertrude Bell und Kollonitz bedienen diese Bilder; dem Verfall von Sitten und Verderben könne nur durch die westliche Ordnung abgeholfen werden. Reisen unter dem Schutz und Schirm westlicher Macht Die reisenden Europäerinnen verteidigten nicht nur den westlichen Kolonialismus, sie waren auch dessen Nutznießer. Ging es in kolonialisierte Regionen, war dies mit größerer Sicherheit verbunden. Die Privilegien kamen aber nicht nur den Angehörigen der jew. Kolonialmacht zu – die „weiße“ Haut war hinreichende Qualität, um in ihren Genuss zu kommen. Sowohl Pfeiffer und Karlin bedienten sich bedenkenlos der Hilfe der Missionen und der jeweiligen Kolonialmacht. Für beide war außerdem das unaufgeforderte Eindringen in fremde Häuser eine Selbstverständlichkeit. An der Rechtmäßigkeit ihres Tuns, das eine Aneignung fremder Räume darstellte, ließ sie (Pfeiffer) keinen Zweifel aufkommen. Es wird deutlich, dass sich die reisenden Europäerinnen – besonders im kolonialen Umfeld – nicht nur in die Zurschaustellung westlicher Macht eingliederten, sie verstanden sich auch als deren Repräsentantinnen. Interessant ist, dass die Geschlechtszugehörigkeit der reisenden Frauen während der Aufenthalte in nichteuropäischen Gesellschaften an Bedeutung verlor: die Hautfarbe und ethnische Zugehörigkeit war ausschlaggebend. Durch diese sichtbaren Zeichen kamen die weißen Frauen in den Genuss einer „genderless power“, mehrere Reiseschriftstellerinnen wurden oft wie Männer angesprochen, tituliert oder so behandelt. Auch in Alma Karlins Reisebericht zeigt sich die Bedeutung der Hautfarbe. Während einer Schiffsreise von San Francisco nach Hawaii weist sie darauf hin, dass in der ersten Klasse „auch die Farblinie gezogen“ sei, dort reisten „die Spitzen der Nation“, hingegen in der „Dritten fährt, Tier“. Sie selbst fuhr in der zweiten Klasse und litt darunter, war sie doch hier zusammengedrängt mit „Mischlingen, die sich breit machten“. Die reisenden Europäerinnen nahmen also gegenüber der autochthonen Bevölkerung zweifellos einen besonderen Status ein. Nicht nur, wenn sie aus einer Kolonialmacht stammten, hatten die Reisenden teil an 11 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Prestige und Macht. Viele Frauen forderten die Privilegien für sich ein und sahen dies auch als Selbstverständlichkeit. Entdeckungsreisen und Weiblichkeit Die reisenden Europäerinnen waren durchaus bemüht, sich für einen Platz in der westlichen Forschungs- und Entdeckungsgeschichte zu reklamieren. Sie bezogen sich dabei bewusst auf ihre Weiblichkeit, es finden sich zahlreiche Passagen wo sie sich als „erste (weiße) Frau“ an einem bestimmten Ort stilisieren. Dramatische Entdeckungsschilderungen in den Reiseberichten sollten die Verkaufszahlen positiv beeinflussen, andererseits sollte damit auch die Einzigartigkeit der eigenen Leistungen hervorgehoben werden. Um sich einen Platz in der westlichen Entdeckungsgeschichte zu sichern, war eine spezifische Qualifikation erforderlich, nämlich ein „achievment of a ‚first’“ – es ging darum, eine neue Route, Gipfel etc. als erste/r Angehörige/r des Westens erreicht, also „entdeckt“ zu haben. In den Reiseberichten lässt sich durchaus ein solcher weiblicher „Eroberungshabitus“ feststellen. Zeitgenössische Rezensentinnen, aber auch die Reiseschriftstellerinnen selbst versuchten, weibliche Qualitäten positiv zu bewerten um die besondere Befähigung von Frauen für (Forschungs-) Reisen herauszustreichen. Der verklärende Blick auf das Fremde In den Reiseberichten findet sich auch der verklärende Blick auf das Fremde in seinen vielfältigen Facetten und Variationen. Der Bogen spannt sich von Formen des Exotismus über Zivilisationsflucht und Zivilisationskritik bis hin zur Figur des „edlen Wilden“. So findet sich häufig ein idealisiertes Bild des Orients mit märchenhaft-exotischen Zügen. Die Reiseberichte der Frauen enthielten oft die Erwartung von „Tausendundeine Nacht“. (Findet sich bei Ida Hahn-Hahn, Ida Pfeiffer, Maria Schuber, Gertrude Bell – sie fanden sich alle in eine „Märchenwelt“ versetzt) Menschen stellten in diesem exotischen Ambiente – wenn sie überhaupt vorkamen – nur einen malerischen Aufputz dar. Die Orientbeschreibung hatten somit meist wenig mit der Realität des besuchten Landes und dessen Bevölkerung gemein, vielmehr wurden sie gespeist von den Sehnsüchten nach einer heileren und glücklicheren Welt, nach der Möglichkeit eines natürlicheren, einfacheren und ursprünglicheren Lebens, als dies im Westen möglich zu sein schien. Die Reisenden fanden in der „Fremde“ Qualitäten, die sie zu Hause vermissten oder nicht mehr zu finden glaubten. So waren die Frauen oft auf der Suche nach Freiheit, Natürlichkeit und Ungezwungenheit. Diese Vorstellungen verwirklicht sahen mehrere bei den Beduinen (v.a. Ida Hahn-Hahn u. Anna Forneris) „Europamüdigkeit“ nannte man in der zeitgenössischen Literatur die diversen Ausformungen und Variationen von Zivilisationsflucht und Zivilisationskritik. So suchte etwa Gertrude Bell auf ihren Reisen nach der Möglichkeit, die Zivilisation hinter sich zu lassen. Zuweilen sind auch abqualifizierende Bemerkungen über andere Reisende, die dem Massentourismus zuzuordnen wären, zu finden. Eng verknüpft mit den Wünschen und Sehnsüchten nach einer „heileren“ Welt ist häufig eine Kritik an der westlichen Zivilisation. Dieses Stilmittel der Zivilisationskritik wurde seit der Aufklärung gerne herangezogen. Europa wird der „Spiegel des Fremden“ vorgehalten, der verkommenen Zivilisation steht eine nur scheinbare „Wildheit der anderen“ gegenüber. Auch wenn Europa hier zunächst im Vergleich zu den Anderen ins Hintertreffen gerät, bleibt doch klar, es ist der eigentliche Referenzpunkt, es bleibt die Norm und die Basis von der ausgehend die Autorinnen urteilen. Die überlegene Position des Westens wird letztendlich nicht in Frage gestellt. Ein Aspekt des Exotismus kommt allerdings in den Reiseberichten der Frauen nicht vor, nämlich die Erotisierung des/der exotischen Fremde(n). Dies stellte ausschließlich bei Männern eine nicht unerhebliche Reisemotivation dar. Die Reiseschriftstellerinnen des 19. Jhdt. beschäftigen sich zwar meist intensiv mit den Frauen der bereisten Länder (was schon aufgrund des bürgerlichen Weiblichkeitsdiskurses von ihnen erwartet wurde), ebendiese Weiblichkeitskonzeption verwehrte ihnen aber, im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen, 12 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. die Thematisierung von Sexualität (geschweige denn eine positive Darstellung freizügiger Sexualität). Die Autorinnen setzten sich aber insofern mit dem Thema auseinander, als sie „Sittenlosigkeit“, „Lasterhaftigkeit“ oder zu große Freizügigkeit aus Korn nehmen. Abschließende Bemerkungen Die Texte von europäischen Reiseschriftstellerinnen weichen nicht grundsätzlich vom dominanten westlichen Diskurs ab. Auch bei ihnen wird das Fremde häufig im Rückgriff auf das Eigene konstruiert und bewertet. Der Westen wird als Norm herangezogen, er liefert die Kriterien und den Maßstab für eine auf Dichotomien aufbauende Repräsentation, die häufig in Form von Stereotypisierungen erfolgt. Die abwertende Darstellung des Fremden dient nicht nur der Abgrenzung sondern der Selbstaufwertung. Die Reiseschriftstellerinnen vertraten auch das westliche Zivilisationsmodell und die Notwendigkeit einer „zivilisatorischen Mission“ des Westens, damit konnte auch koloniale Aneignung außereuropäischer Gebiete legitimiert werden. Was jedoch geschlechtsspezifische Aspekte der Fremdrepräsentation betrifft, wie die Suche nach „der schönen Fremden“, also nach „Erotik in der Exotik“, erweist sich dies als männliches Phänomen. Hier ist festzuhalten, dass auch die fremden Frauen von den Reiseschriftstellerinnen auf der Folie des „Eigenen“ häufig abwertend dargestellt wurden, von einer „weiblichen Solidarität“ oder „Empathie“ kann grundsätzlich nicht ausgegangen werden. Die reisenden Frauen sprachen sich nicht nur für den Kolonialismus aus, sie waren auch auf andere Weise in die „Aneignung des Fremden“ involviert. So waren sie darum bemüht, sich in die Tradition westlicher Forschungs- und Entdeckungsreisen einzugliedern. Sie stilisieren sich, wie beschrieben, oft an einen Ort als „erste weiße Frau“. Diese „geistige“ Landnahme ging häufig einher mit einem ungenierten Eindringen in die Privatsphäre völlig fremder Menschen. Obrecht, Andreas J.: Ethnotourismus – und die Suche nach dem Authentischen in den Kulturen. S. 76 – 98 Thema: Fortschreibung des ideengeschichtlichen Diskurses von Romantisierung, Rationalisierung (kulturgeschichtliche, philosophische Dimension), Sehnsucht nach Ganzheit in Übereinstimmung und Harmonie zwischen Natur und Kultur (= der modernen Gesellschaft verloren gegangen) Ethnotourismus: spezifische, „elitäre“ Form des Individualtourismus Ziel: Mythos Erweiterung des eigenen Wissenshorizontes, Beitrag zur Definition zum eigenen Selbst in Auseinandersetzung und Abgrenzung zu anderen Kulturen, Bestätigung von Weltoffenheit, Welterfahrung Erfahrung: unsichtbare, immanente Grenzen zwischen Reisendem und Menschen ethnischer Gesellschaften, Interpretation und Akzeptanz dieser Grenzen prägen Bewertung der Qualität der Reise, Unverständnis führt zu Ablehnung des fremden Gegenübers. Tendenz „Eigenes“ im „Fremden“ erkennen zu wollen: Gemeinsamkeiten, Unterschiede zur eigenen Kultur Erfahrung von sozialen, kulturellen Dimensionen in ethnischen Gesellschaften: Verbundenheit mit der Natur, Zeitreichtum, Raum für Kommunikation, Anteilnahme, Respekt vor den Älteren etc. 13 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. scheint im Herkunftsland abhanden gekommen zu sein („gehetztes Leben in den Mobilitätsgesellschaften“), Zerrissenheit des modernen Menschen durch einen Ethnotrip nicht aufgehoben, aber temporär relativiert; die in fremden kulturellen Kontexten kurzzeitig gemachten Erfahrungen sind schwer in moderne Alltagswirklichkeit zu transferieren, integrieren Abgrenzung des Ethnotouristen zum „normalen“ Individualtouristen: intensive Vorbereitung (Fachliteratur, Basiskenntnisse der indigenen Sprache, Bereitschaft zum Verzicht auf Luxus und Komfort), Bereitschaft viel Geld zu bezahlen: Kostspieligkeit, da nicht auf etablierte touristische Infrastrukturen zurückgegriffen werden kann Fortschreibung einer spezifischen „westlichen“ Sicht auf ethnische Gesellschaften und außereuropäische Kulturen Im kolonialen Kontext: „Rest der Welt“ = Experimentierfeld zur Generierung von Wissen und Erkenntnis, das dann wieder zur Absicherung der jeweiligen Herrschaftsräume genutzt wurde (Bsp. Entwicklung Europas im Mittelalter durch Assimilation der Errungenschaften des kleinasiatischen und arabischen Raums) => Konstituierung der eigenen Weltordnung in Relation/ Abgrenzung zu anderen Gesellschaften die besetzt gehalten wurden: Erfüllung eigener europäischer Bedürfnisse Von der christlichen Seefahrt zur anachronistischen Reise Weltweite Mobilität = Prinzip der globalisierten Ökonomie: Ursprung in der christlichen Seefahrt: Eroberung des Raumes, „Verzeitlichung“ weltweiter Beziehungen => „Entzeitlichung“ (Verkehrs-, Transportwege, Informationsübertragung mit Lichtgeschwindigkeit) Reisen = per se anachronistisch: ist nicht mehr Reisen im Sinne von „mühevoller FortBewegung“ sondern integrierter Bestandteil des normalen Lebens (Erholung, Beruf – Ethnotourismus gewissermaßen eine Ausnahme): ins Sicherheits-, Risikominimierungsprogramm der Moderne integriert (vorgegebene Routen, Durchorganisierung, Aufhebung territorialer, kultureller, sozialer, ökonomischer Grenze: Intervention jederzeit möglich, wird nicht mal mehr als solche empfunden, ohne wirkliche Gefahren oder Risiken einer tatsächlichen Veränderung der Wahrnehmung und Denkungsart etc.) Unterschied Ethnotourist: Illusion der Entdeckung: Auffindung von Unbekanntem, möglicherweise Bedrohlichem, Bereitschaft Zeit in die Auseinandersetzung mit dem „Fremden“ zu investieren Ethnotouristen = Kulturskeptizisten: westliche Kultur nicht „ultima ratio“, Suche nach Alternativen Zeitaspekt: Ethnotourismus erfordert mehr Zeit als moderne Menschen normalerweise zur Verfügung haben (Postulat Zeit sparen) => Zeitbeschleunigung, Veränderung der Wahrnehmung von Raum und Zeit, Vorstellung des „global village“: keine Räume mehr außerhalb der eigenen Reichweite = Reproduktion der Raumerweiterung und Weltverkleinerung der jahrhundertealten europäischen Weltvereinnahmung Egalisierung elitärer Reiseunternehmen durch Massentransportmittel: Ethnotourismus ist Kontrapunkt zur Egalisierung des Reisens (elitär, individuelle Motivation) „Doppeltes Dilemma“ des Ethnotourismus: Kultursensitiver Zugang verbietet die unkritische zeit-räumliche Vereinnahmung fremder Orte und Kulturen, physische Beschreitung = aber eine Intervention, zusätzlich Suche nach dem Authentischen: soziale Realitäten werden oft negiert: SOZIALROMANTIK 14 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Originalität des Selbst Erlebten: gewisse Einzigartigkeit Geschichte von Knox und dem Königreich Conde Uda: „Die grenzenlose Lust an der Terra Incognita“ Geschichte vom Engländer Robert Knox: wurde 1960 an der Küste Ceylons schiffbrüchig und vom Königreich Conde Uda (bis zu diesem Zeitpunkt den Europäern völlig unbekanntes Territorium und Herrschaftssystem) ins Landesinnere verschleppt und gefangengenommen, 19-jährige Gefangenschaft bis Flucht 1679: detaillierter Bericht über die Jahre der Gefangenschaft => Bestseller innerhalb von kürzester Zeit Ad Ceylon 17. Jhd.: Versuche der Holländer und Portugiesen das Landesinnere (Conde Uda) zu erobern scheiterten in unregelmäßigen Abständen, Besetzung erst 1815 durch die Engländer besetzt, Unabhängigkeit 1948 => lange Zeit „Demütigung“ für europäische Eroberungsgeist, scheinbar völlig außer Reichweite: absolute „Terra Incognita“ => Steigerung der Neugierde und der Lust Bericht von Knox: vorgefundene Kultur nicht primitiv sondern komplexes Herrschaftssystem, jahrtausend-alte Herrschaftsdynastie, Militär, Schriftkultur, elaboriertes Geld- und Lehenswesen, mächtige Mönchsklasse => Einfluss auf König, entwickelte arbeitsteilige und nach Berufskasten differenzierte Gesellschaft: trotzdem andersartig, exotisch => Verwendung des Ausdrucks von „Halbzivilisierten“, in der Entwicklung dem Westen nicht ebenbürtig Die Kultur blieb Knox letztendlich fremd => wollte nicht heimisch werden (trotz Möglichkeiten – Ehe etc.), konnte sich dort frei bewegen, eigenes Haus, Diener, Angebot in königliche Dienste zu treten (vehement abgelehnt) => starke Aufrechterhaltung von Religion als Referenzsystem zur eigenen Heimat, Distanz als Garant nicht der Versuchung zu erliegen die Gefangenschaft als reale Lebensmöglichkeit zu sehen Teufelstanz in Pyadigama Beschreibung des 24-stündigen „Teufelstänzer“ Rituals (2005, Erlebnis von Obrecht): Austreibung eines Geistes eines beim Tsunami Ertrunkenen aus dem Körper eines 12jährigen Mädchens =>physisch, psychisch erkrankt Trennung zwischen Lebenden und den Toten = ältestes und universalstes schamanistisches Motiv, Vermischung mit hochkulturellen religiösen Symbolisierungen => „Exorzismus“ als „Trauma-Counselling“: Anteilnahme, Aufmerksamkeit die dem Mädchen zukommt => tatsächliche Wirkung, Besserung ihres Zustandes Erfahrung allerdings nicht in europäisches Wissen reintegrierbar (Organisation eines flächendeckenden Teufelstänzer-Ritual als Trauma-Councelling durch westliche Hilfsorganisationen nach dem Tsunami undenkbar) Musealisierung des „Indigenen“ Besuch der folkloristischen Teufelstänzer-Aufführungen in jedem Reiseführer empfohlen: kunstvolles, bis ins kleinste Detail arrangiertes Theater, Ermangelung der „magischen Energie“: außerzeremonieller Zusammenhang, anonymes Publikum, kommerzielle Erwägung Musealisierung lebendigen Brauchtums => Säkularisierung des Rituals Ethnotouristen misstrauen „Musealisierung des Indigenen“, leistet aber gleichzeitig durch sein Interesse dieser Musealisierung Vorschub, schafft einen Markt auf dem Menschen zur Selbstpräsentation genötigt werden (lukrativer als traditionelle Rituale: dauern kürzer, sind besser bezahlt) Motivationale Kategorie aller Touristen (außer Sextouristen = direkte Exploitation der Menschen): „etwas Besonderes erleben“ 15 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Erfolg von Knox`s Bericht verwirrte ihn anfänglich: traf wunden Punkt der Zeit: Sehnsucht nach einer radikal anderen Welt, durch die die eigene Welt erst verstehbar und lebbar wird => trieb Verkaufszahlen in die Höhe Zur Domestikation des Fremden und Gefährlichen Zwei Grundtendenzen in der Darstellung außereuropäischen Welten (zeitgenössische Reiseberichte): 1. „Wilde“ = unzivilisierter, unmoralischer, gefährlicher, ungesetzlicher „Barbar“ 2. Vorstellung des „edlen Wilden“ = naturverbunden, freier, glücklicher und der Last jeglicher Zivilisation enthoben, romantisiert Stereotype Interpretation => in Europa empfundener Widerspruch zwischen Natur und Kultur Bei Knox anders, seiner Zeit quasi voraus: bringt „Halbzivilisierten“ gewissen Respekt entgegen ohne zu romantisieren, kein Interesse an Exotismus 17.Jhd.: Reiseliteratur v.a. beim höfischen Publikum weit verbreitet, das Kuriose, Eigentümliche, Fremde rückt in den Mittelpunkt, philosophische Auseinandersetzung mit anderen Lebens- und Daseinsformen wird ab 18.Jhd. zur intellektuellen Pflicht: Analyse, Reflexion, Kritik, Legitimation der eigenen gesellschaftlichen, zivilisatorischen Entwicklung anhand außereuropäischer Kulturen: „Vorzüglichkeiten“, „Nachteile“ anderer Lebensformen im Vordergrund (von Hobbes, über Hume, Herder, Kant, Marx, Durkheim, Rousseau etc.) „Zurück zur Natur“ (Rousseau): Ungleichheit korrumpiert Menschen, entfernen sich von sich selbst, werden zu künstlichem Wesen, Trennung von Natur und Kultur, Domestizierung der Natur (des Wilden, Unberechenbaren um uns, zeitgleich mit dem Wilden, Unberechenbaren in uns: Rationalisierung menschlichen Handelns), nicht mehr ein Teil von ihr => wieder auf der Suche nach dem „Authentischem“ im Menschen, in Kulturen Ethnotourismus= Teil des modernen Erlebnisprogramms: in Konkurrenz zu anderen Zeitnutzungsoptionen, der ihm zugrundeliegende Mythos der Begehung „fremder“ Welten und der Suche nach dem Authentischen ist ungebrochen Rousseau´sche Dilemma: Natur und Kultur können durch die Zerschlagung magischer Weltbilder und Interpretationen nicht mehr als sich einander bedingenden Seiten einer Einheit wahrgenommen werden Gedankliche, physische Weltvereinnahmung: es kann kein wirkliches „Abenteuer“ mehr geben (würde heißen unversichert auf sich selbst zurückgeworfen zu sein): auch elektronische Simulation von Abenteuer: Computerspiele In der authentischen Welt: keine Romantisierungen möglich: setzt Sicherheit durch Weltvereinnahmung voraus (wirklicher Fluss, Gefahren Hochwasser, Krokodile, der Leben nimmt, aber auf den man auch wieder angewiesen ist, ist nicht „schön“ für die die an ihm Lebenden) Schönheit der Natur stellt Kategorie der Wahrnehmung und des Erlebten nach erfolgter Pazifizierung dar: setzt den von der Natur durch Instrumente, Technik, Rationalisierung getrennten Menschen voraus Ethnotourismus als Strategie gegen die Entzauberung der Welt? Kulturphilosophische, -soziologische Interpretation des Ethnotourismus: Folge der Entwicklung der mobilen Gesellschaften: Ökonomische Entwicklung => Säkularisierung magischer Weltbilder (Romantisierung von Natur und Mensch), Akkumulation von gesellschaftlichem Reichtum (= Grundbedingungen für Freizeitvergnügen Reisen) folgt Sehnsucht nach Authentischem, setzt lange ideengeschichtliche Tradition fort 16 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Menschen ethnischer Gesellschaften erscheinen natürlicher, weniger entfremdet: Ethnotouristen sind für kurze Zeit in ein anderes kulturelles Bezugssystem gestellt, können Hast, Materialismus kurzfristig relativieren; alle ethnische Gesellschaften stellen magische Systeme dar: werden als Alternativkonzepte zur eigenen gesellschaftlichen kulturellen Wirklichkeit und Identität erlebt Ethnotouristisches Reisen biete geeignete Projektionsfläche für Erfüllung der Sehnsucht nach weniger Druck, mehr Raum, mehr Zeit Programm der Sicherheit, Versicherung wird keineswegs aufgegeben Tendenz nach erfolgter Reise heftig zu interpretieren, romantisieren => Tradition der Sichtbarmachung Spreitzhofer, Günther: Drifting and Travelling. 30 Jahre Rucksacktourismus in Südostasien – (K)ein Beitrag zur Entwicklung? Eine Bilanz.1 S. 99 - 120 Spätestens mit dem Erscheinen des Bestsellers „The Beach“ (1997) und der Verfilmung mit Leonardo DiCaprio wurde Rucksacktourismus für die breite Öffentlichkeit nachvollziehbar: die Suche nach dem Traumstrand und die Vision der angestrebten (touristischen) anti – westlichen Scheinwelt, die zum Scheitern verurteilt ist. Rucksack gut? Koffer böse? In den 70er Jahren wurde das klischeehafte Bild des „typischen backpackers“ (ein plan- und zielloser Jugendlicher) mit dem so genannten „Drifter“- Schema verbunden. Drifter = ein Touristentyp der jegliche Verbindung zu einer touristischen Infrastruktur meidet und gewöhnliche touristische Erlebnisse als unecht empfindet. Er hat keinen festen Zeitplan und keine klar definierten Reiseziele. Heute stellt sich die Frage, ob ein Rucksackreisender tatsächlich noch von einer Verweigerung geprägt ist, bzw. ob Alternativtourismus einen nachhaltigen Tourismus bieten kann? Schnell werden anspruchslose „Drifter“ zu komfortsuchenden „Travellern“, auf der Suche nach Shopping, Sonne und Fun. Südostasien ist seit den frühen 1970ern die Wiege des Rucksacktourismus als beginnende massentouristische Erscheinung. Ein Vergleich beim „googlen“ zeigt, dass „Backpacking“ den Begriff „Alternativtourismus“ weitgehend abgelöst hat. Das in den 70ern noch propagierte harmonische Zusammenleben zwischen Host und Guest muss spätestens seit den Terroranschlägen in Bali kritisch hinterfragt werden, und der Rucksack, Namensgeber der besagten „billigen“ (?) Reiseform, kostet oft so viel wie der Jahreslohn der Bereisten und führt die These der Völkerverständigung von gleich zu gleich ad absurdum. Die anfängliche Romantisierung ist also längst kritischen Betrachtungen gewichen. Im Artikel werden die Begriffe „Backpacking“ bzw. „Traveller“ als Synonym für die Termini „Alternativtourismus“ und „Individualtourist“ verwendet, dabei betont Spreitzhofer die Unschärfe zwischen den Begriffen, da z. B. nicht jeder Backpacker ein Individualtourist sein muss bzw. umgekehrt. Eine definitorische Annäherung: Touristen sind alle anderen? 1 Persönliche Anm.: Da der Autor in seinem Aufsatz auf die Verwendung einer geschlechtsspezifischen Sprache (Bsp. TouristInnen, Reisender und Reisende etc.) verzichtet, wird auch bei der Zusammenfassung nicht darauf Rücksicht genommen, um den Artikel authentisch wiederzugeben. Betont werden muss daher, dass bei der Verwendung der Begriffe Touristen, Reisende, Aussteiger usw. sehr wohl Frauen UND Männer mit eingeschlossen sind. 17 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Ein Manko bei der Analyse von Alternativtourismus ist sicher, dass es keine adäquaten Studien aus den südostasiatischen Zielgebieten selbst gibt (dies unterstreicht die langjährige Negation des Phänomens durch staatliche Behörden und wissenschaftliche Institutionen). Gemeinsamer Nenner sämtlicher Begriffsdefinitionen in diversen Publikationen ist die Abgrenzung zum (massenhaftem) Pauschaltourismus mit all seinen negativen Auswirkungen. Als Synonym für Billig- Individualreisende in die 3. Welt galt zunächst die Bezeichnung „Hippie“ (in der Tourismusfachliteratur war auch von „ausgeflippten Jugendlichen“, „Edelgammlern“, „Aussteigern“, „Weltenbummlern“ und „Freaks“ – eine kleine Auswahldie Rede). Erst gegen Ende der 80er setzte sich der Begriff „Alternativtourist“ durch. Als Selbstbezeichnung fungiert dieser Begriff jedoch nicht (da dies dem Selbstverständnis als „Anti- Tourist“ widersprechen würde), daher bezeichnen sich die Reisenden meist als „Backpacker“, „Traveller“ oder „Globetrotter“. Verbindend für diese inhomogene Gruppe der scheinbar „anders“ Reisenden ist die völlige Ablehnung der touristischen Rolle auf der Suche nach authentischen Erlebnissen. Wissenschaftliche Ebene: Drifter, Explorer, Elite- oder Off- Beat- Touristen? Erik Cohen (1972): Konzept basierend auf dem jeweiligen Kommerzialisierungsgrad der „organized“ und der „individual mass tourists“, bei dem die „drifter“ und „explorer“ als Gegenspieler fungieren. Bis heute gilt Cohens Konzept als Basis für weitere Definitionen. - Explorer Typ: Bestimmt u arrangiert Reiseorganisation und Fortbewegungsart selbst, stellt Mindestansprüche an Komfort, hofft auf Routine und Bekanntes (z. B. Essen) und verfügt über einen fixen Zeit- und Routenplan. - Drifter Typ: zeigt verstärktes Interesse am Lebensstil der bereisten Kulturen/ Regionen und versucht diesen zu teilen. Gilt als unpatriotische und ideologieverachtend, kann zur Anarchie neigen. Während in den 70ern noch eine enge Verbindung von „drifting & drugs“ erkennbar war, ist dies für die 80er bereits nicht mehr feststellbar. Einen weiteren Kategorisierungsansatz bietet Cohen auf der Grundlage touristischer Erfahrungswerte an. - recreational - diversionary - experiential - experimental - existential Alternativtouristen können demnach als „Experimentier- und Existenztypen“ eingeordnet werden. Bei den Konzepten von „Off- Beat- Touristen“ und „Elite- Touristen“ ist wichtig, dass die Off- Beat- Touristen durch die Benutzung von lokalen Verkehrssystemen, Unterkünften und Gaststätten, kaum sozio- kulturelle Überformung bewirken. Tramper, Hippie, Backpacker: die Entwicklung des soziokulturellen Umfeldes Bis zum Ende der 1930er war Tramping (nicht nur in den USA) gesellschaftlich etabliert und romantisiert. Durch das vermehrte Aufkommen von Landstreicherei sank die öffentliche Akzeptanz. Die Massenbewegung wurde zum politischen Reibepunkt und „life on the road“ galt als verdächtig und illegal. Alternativtourismus größeren Stils wird erst ab Beginn der 70er als Reaktion auf den Massentourismus und dessen Auswirkungen registriert. Zunächst kann man noch von einer Minderheitenerscheinung vorwiegend politisch linker Kreise sprechen, die sich unterschiedlich intensiv auf die westlich- kapitalistischen Staaten ausbreitete. Die Blumenkinder der späten 60er beschränkten sich nicht mehr länger auf Protestkundgebungen und Demos gegen das Establishment sondern setzen durch Reisen nach 18 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Indien, die ersten Alternativreisen per se und Wegbereiter für (massenhaften) Alternativtourismus der nächsten Jahrzehnte, Zeichen auf der Suche nach einer besseren Welt. (Bsp.: die „Aussteigerzentren“ Kuta, Kathmandu und Goa) Traveller Life on the Road: Banana Pancake, Müsli und Mehr Rucksacktourismus in SO- Asien ist weitgehend durch die Dominanz west-, mittel- und nordeuropäischer, überwiegend männlicher Traveller gekennzeichnet, deren Durchschnittsalter etwa knapp unter 30 liegt. Etwa 2 Drittel der von Spreizuhofer befragten Touristen hatten einen überdurchschnittlich hohen Ausbildungsstand (Matura, Studenten, Akademiker). Gründe für die Reise: persönliche Krisensituationen, Aspekte der Selbstverwirklichung, Leistungsdruck, Kritik an der westlichen Konsumgesellschaft, „Flucht“… Vorwiegend Alleinreisende, Reisepartner auf Zeit v. a. wg. Kostenreduzierung und als moralische Stütze. Meist eine geplante Reisedauer von etwa 6 Monaten bis zu einem Jahr. Je mehr Länder bereist, umso „prestigeträchtiger“ – je billiger desto besser, umso höher die Wertschätzung unter gleichgesinnten Travellern. Die Infrastruktur des Rucksacktourismus: Quellstaaten und Zielregionen Urbane Traveller- Enklaven als Ausgangspunkt für Informationsbeschaffung und Streifzüge in die Peripherie. Selbstständigkeit eingeschränkt, da entsprechende Reiseliteratur die Ausflüge weitgehend strukturiert und lenkt. Backpacking Kommerz - Bsp. 1: Lonely Planet und Co Rucksacktourismus ist mit einem Anteil von 5-10 % am gesamten Reisemarkt ein eigenständiger Marktsektor. Der Übergang zum pauschalen durchstrukturierten Massentourismus ist nur eine Frage der Zeit. Christian Adler: „Wir sind alle Individualisten, die sich niemals dem Massentourismus verschreiben. Das sollen gefälligst „die anderen“ tun“. „Southeast Asia on a Shoestring“, die „Gelbe Bibel“ der Backpacker und Billigtouristen geht seit der Erstveröffentlichung 1975 bereits in die 12., aktualisierte Auflage (2004). Anfangs noch Familienbetrieb (Eigenrecherchen) beschäftigen „Lonely Planet Publications“(Verlaggründer Tony Wheeler) heute über 150 Autoren aus 20 Ländern. Seit einigen Jahren wird Billigstinfrastruktur nicht mehr erwähnt, eine Reaktion auf die neuen Reisenden, die Rucksacktourismus nicht mehr unbedingt mit absolutem Billigtourismus gleichsetzen? Lonely Planet umfasst neben den Reiseführern auch eigene TV-Serien, Bildbanken, Informationsplattformen und websites. Mit jährlichen Wachstumsraten von 20 % und mehr als 3 Mio. verkauften Büchern per Jahr kann von alternativer Reiseliteratur wohl kaum noch gesprochen werden… Bsp. 2: die Khao San Road Die Khao San Road, im Herzen on Thailands Hauptstadt Bangkok, gilt als Wegbereiter und Metapher für alternativtouristische Erschließung in Südostasien, symbolisiert den Wandel von alternativer Gegenwelt zum hedonistischen Partyzentrum der Gegenwart. Begünstigt durch die zunehmende Bedeutung Bangkoks als internationaler Flugknotenpunkt und in unmittelbarer Nähe zum Königspalast gelegen, war der Bedeutungsaufschwung der Straße nur eine Frage der Zeit. Backpacker aller Länder, vereinigt euch? Die Khao San Road „is an amazingly cosmopolitan place these days“. Seit 2004 ist die Fusßgängerzone noch kommerzialisierter geworden. Neben Leistungen in den Bereichen Unterkunft und Verpflegung bietet das System K. S. Road eine abgeschlossene Welt in sich, ausschließlich ausgerichtet auf die Erwartungen und Bedürfnisse westlicher Billig(st)reisender. Der verstärkte Zustrom von ortsfremden Händlerschichten ist ein unübersehbares Phänomen. Die Shoppingstraße umfasste 2003 über 240 Betriebe (hinzukommen noch die mobilen Stände und Guest Houses), die großteils im Besitz von drei chinesisch- thailändischen 19 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Investorengruppen standen. Verdienstmöglichkeiten für private Kleinunternehmer sind also durchaus marginal. Es ist eine rapide Transformation zur Party-, Fun- und Shopping- Zone zu erkennen. Die Feindbilder und Kontrapunkte der anti- konsumorientierten Alternativtourismusszene der 70er waren bereits in den 90ern in billigtouristischen Schaltzentralen präsent und akzeptiert. Der einstige Geheimtipp ist längst kommerzialisiert und digital präsent (www.khaosan.com). Die rasche Verbreitung von Geheimtipps folgt schon längst per Internet (Spartipps; persönliche Befindlichkeit, in digitalen Tagebüchern mitgeteilt wird etc.). „Eine Handvoll Thailand würzt westliche Studentenkultur…das Treiben auf der K. S. R. wirkt bisweilen wie eine große Uniparty unter dem Motto „Wir spielen Asien“, die etwas aus dem Ruder gelaufen ist.“ Rucksacktourismus und seine Auswirkungen: Völkerverständigung und interkulturelle Kommunikation? Die heutige Massenhaftigkeit der Traveller- Szene führt nach Becker zusammenfassend zu: - Überlastung der aktuellen alternativen Reiseziele - Durchsetzung des eigenen Lebensstils - Ausbeutung traditioneller Gastfreundschaft - Kommerzialisierung - Veränderung der Dorfstrukturen Lokal/ regional begrenzte Geheimtipps wurden früher oder später (etwa durch Leserzuschriften) Bestandteil der einschlägigen Reiseführerliteratur und Programm von Pauschalreiseveranstaltungen. Krippendorf sprach schon 1984 von einer „CocaKolonisierung“ von peripheren Regionen. Die Erkenntnis, dass Alternativtourismus keine Lösung der Probleme für Gesellschaft, Kultur und Umwelt darstellt, scheint heute unbestritten. Positive Beiträge zur Regionalentwicklung? Möglichkeiten der Partizipation Die Hippies sind Vergangenheit, geblieben sind die Backpacker. Individualtourismus ist stetig im Wachsen begriffen und gewinnt darum auch quantitativ an Bedeutung. Rucksacktouristen und ihr Beitrag zur Entwicklung (Auswahl): economic development and non- economic development criteria Quelle: Sheyvens 2002 - - they spent more money than other tourists cause of longer duration of visit the money spent is spread over a wider geographical area they do not demand luxury, therefore spend more on locally produced goods and services basic infrastructure is required, therefore minimising the need for imported goods significant multiplier effects from drawing on local skills and resources ownership and control can be retained locally local people can form organizations which promote local tourism the interest of backpackers in meeting and leaning from local people can lead to revitalization of traditional culture, respect for the knowledge and pride in traditional aspects of one´s culture Backpackers use fewer resources (like cold showers and fans) so they are kinder to the environment Local servicing of the tourism market challenges foreign domination of tourism enterprises 20 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Internationale Fallstudien zu alternativtouristischen Auswirkungen lassen eine Reihe (möglicher) positiver Auswirkungen erkennen, die wichtigsten sind z. B. die informellen Verdienstmöglichkeiten der Lokalbevölkerung, die Streuung der Einkommenseffekte für periphere Regionen, und die Tatsache, dass Backpacker eher lokal produzierte Produkte kaufen als Pauschaltouristen. Eine Chance zur persönlichen Entwicklung? Soft Skills und Mobile Professionals Schon aus Gründen der (unbewussten) Selbstrechtfertigung wird eine Reise vielfach glorifiziert, der psychologische Erfolgszwang des „Positiven“ der Reise zwingt zur Verdrängung negativ empfundener Begebenheiten. Nach Cohen ist die Entwicklung des Rucksacktourismus ein Spiegelbild der postindustriellen Zeit. So hat das Driften einen festen Platz in der individuellen spätmodernen (Erfolgs-)Biographie. Softskills, die Fähigkeit sich flexibel auf neue Situationen einzulassen, sind vermehrt essentieller Bestandteil der persönlichen Weiterentwicklung und Qualifikationen für viele Berufsprofile. Backpacking erfüllt somit zwei Ziele: - Qualifizierung (und somit eine Erleichterung in den Berufseinstieg nach einer Reise) - Selbstverwirklichung Driften scheint in soziologischer Betrachtung eine Auszeit von der Ernsthaftigkeit des Alltags darzustellen; Risiko, in Form von Grenzerfahrungen, wird demnach mit Bereicherung gleichgesetzt, da es zu keinem Versagen kommen kann. (Budget) Travel is trendy- ein Resümee Alternativtourismus dürfte in Südostasien weiterhin eine Vorreiterrolle für großflächigen Pauschaltourismus einnehmen. Damit verbunden ist die Weitergabe von subjektiver (reisetechnischer) Information an Individual- Reiseführerverlage oder an einschlägige Diskussionsforen und Traveller- Info- Plattformen (www.lonelyplanet.com), sowie kommerzielle Diashows. Die konsumverachtenden Ideologien der Hippie- Ära sind lange schon Vergangenheit. Egozentrische Motive der Selbstbestätigung und -findung prägen nach wie vor das alternativ- touristische Tun. Die Dritte Welt wird so zur Spielwiese der Selbsterfahrung und Einheimische werden leicht zur Kulisse degradiert. Aus soziologischer Sicht scheinen zumindest die Traveller die Profiteure der (interkulturellen) Begegnung zu sein, aus entwicklungspolitischer Betrachtung bleibt die Kluft zwischen Host und Guest unverändert, wobei die Massenhaftigkeit des Rucksacktourismus durchaus vermehrte Einkunftsmöglichkeiten für größere Teile der Bev. zu schaffen mag als bisher. Die gängige elitäre Selbsteinschätzung als Anti- Touristen scheint aber kaum haltbar. Travelling driftet einer ungewissen Zukunft entgegen. Baumgartner, Christian / Leuthold, Margit: Fairer Tourismus in Zeiten der Glokalisierung. Eine kleine, parteiische Geschichte der Globalisierung im Tourismus. S. 121 – 126 Welt wird nicht globaler, war immer global. Menschen setzen Grenzen der Weltwahrnehmung selbst (früher: „Welt ist Scheibe“, heute: Kommunikationstechnologien, Mobilität). Reisen ist älteste Form der „Globalisierung“: Sehnsucht nach Erkenntnis und Abenteuern, aber auch nach Vertrautem in der Ferne hat Reisende damals (Marco Polo, Alexander von Humboldt) und heute angetrieben. Heute ist Tourismus einer der wichtigsten Dienstleistungssektoren. Fast jeder 9te Arbeitsplatz ist direkt oder indirekt vom Tourismus abhängig, einige wenige riesige Reisekonzerne 21 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. bestimmen mit Hotelketten, Fluglinien, etc. das Geschäft. Laut Welttourismusorg. (UNWTO) gibt es jährlich 760 Mio. TouristInnen, 2020 sollen es 1,6 Mrd. jährlich sein. Dank Technologie wird immer weiter gereist werden. Tourismus ist Neo-Kolonisierung, es gibt Ausbeutung von natürlichen Ressourcen, Gewinn und Verlust wird ungleich verteilt. Tourismus wird immer mehr zum Massenangebot („Masse statt Klasse“), daraus folgt eine Standardisierung der Destinationen nach den Ansprüchen der Reisenden. Durch die Liberalisierung von Gütern und Warenverkehr und die Zunehmende Liberalisierung von Dienstleistungen geraten EL in großen Druck. Die Möglichkeiten nationalstaatlicher Schutzbestimmungen und die Chancen für die einheimische Bevölkerung, Profit aus dem Tourismus zu schlagen, werden dramatisch verringert. Die Liberalisierung von Markt und Handel und die herrschende Kostenunwahrheit im Verkehr (z.B. die nach wie vor fehlende Kerosinbesteuerung) beeinflussen den weltweiten Tourismus wesentlich stärker als alle anderen Bewegungen der Menschen. Diese Folgen der Globalisierung bestimmen, wer „billig“ reisen kann und wer nicht reisen wird, wer „zuerst“ eine Destination erschließt und touristisch nutzt. Vor allem aber wird hierbei die Frage nach der Verteilung der Güter und der gerechten Möglichkeiten von Entwicklung virulent. Faire Globalisierung als politische Antwort Durch das Allgemeine Abkommen über den Handel in Dienstleistungen (GATS) wird die Gleichbehandlung in- und ausländischer Anbieter im Tourismussektor festgeschrieben, wodurch staatliche Steuerungsmöglichkeiten zum Schutz von Sozialstandards erschwert und politische Entscheidungsrechte lokaler Regierungen ausgehebelt werden. Die Verpflichtungen, die RegierungsvertreterInnen eingehen, haben einen gesetzlichen Rahmen und daher weitreichende Konsequenzen für die nationale und lokale Politik. Vorteile für kleine Anbieter müssen nun allen gewährt werden, was eine Gewinnbeteiligung der lokalen Bev. erschwert bis unmöglich macht. Innerstaatliche Steuerungsmechanismen sind auch für den Schutz der Umwelt und der Arbeitsbedingungen unverzichtbar. Zudem ignoriert das GATS Menschenrechtsverletzungen. Es kommt zu einer Abwertung traditioneller Beschäftigungsstrukturen, zu Inflation und zur Zerstörung von Lebensgrundlagen. „Faire Globalisierung“ muss deshalb lokale Ebene im globalen Kontext betonen (Glokalisierung): Orientierung an lokalen und regionalen Bedürfnissen, erst danach an denen der Reisenden und der Konzerne. Vom Fairen Handel zum Fairen Tourismus Einschätzung, wie „fair“ ein Reiseangebot ist, schwer. Die sozialen Implikationen des komplexen Produkts „Reise“ lassen sich bislang nicht in einem Label visualisieren. Selbst Unterkünfte werden zumeist nur nach Umweltstandards bewertet. Ausnahme ist hier Südafrika, das ein Label für Unterkünfte ausgibt, die in einheimischem Besitz sind und einheimische ArbeiterInnen zu fairen Arbeitsbedingungen beschäftigen. Die Beschäftigten der Reisekonzerne können über solche Belange zumeist wenig bis keine Auskunft geben. Ökologische Verträglichkeit ist mittlerweile bei den Tourismusverantwortlichen in den EL stärker ins Zentrum gerückt, die Entwicklung sozial gerechter Strukturen wird aber weiterhin vernachlässigt. (Böse Randbemerkung: Schmutz stört Touristen halt, Arbeitsbedingungen fallen nicht so auf). Globalisierung nur für ein Drittel Wer wohin fährt und fahren kann ist mittlerweile zur Standortfrage geworden. Für EuropäerInnen wird das Fliegen immer billiger (Flugpreise entsprechen oft nicht mal den Transportkosten), die Reiseziele daher immer entlegener. In anderen Regionen bleiben die 22 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Flugrouten jedoch teuer, das Fliegen wird eher komplizierter (Erwerb von Visa und TransitVisa oft mit hohen Kosten/Auflagen verbunden, „Festung Europa“). Folge ist ein dramatisches Ungleichgewicht der Möglichkeiten. Globalisierte Verantwortung Reisefreiheit hat vor allem bei der sanften Revolution und dem Fall des Eisernen Vorhangs eine entscheidende Rolle gespielt. Reisefreiheit wird immer mehr zum Symbol von Freiheit an sich. Menschenrechtsverletzungen in den (Reise-)Zielländern werden zumeist erst dann publik, wenn auch TouristInnen betroffen sind. Bei der Wahl der Destination spielen Fragen über die Einhaltung der Menschenrechte jedoch nur selten eine Rolle. Zumeist wissen Reisende kaum etwas über ihre Reiseziele. Geachtet wird zumeist nur auf die Angebote in den Reisemagazinen. Ein Zusammenwachsen findet durch’s Reisen also kaum statt. Fazit 1. Es ist nötig, eine globalisierte Problemwahrnehmung zu entwickeln. 2. Für nachhaltige Entwicklung braucht es selbstbestimmte und selbstregulierte Glokalisierung des Tourismus – also ein In-Beziehung-Setzen des globalen Tourismus mit der regionalen und lokalen Ebene – statt einer unkontrollierten Globalisierung der Konzerne. Partizipation der Betroffenen, Förderung lokaler Wertschöpfung, Respekt vor kulturellen und religiösen Eigenheiten, Umweltschutz. 3. Damit sich Fairer Tourismus etablieren kann, bedarf es d. Nachfrage sowie d. Entwicklung von Standards für Wertschöpfung und Arbeitsbedingungen. 4. Diktaturen und Menschenrechtsverletzungen fordern einen Tourismus mit offenen Augen. Luger, Kurt: Tourismus als Entwicklungsmodell. Nachhaltigkeitsversuche, Armutsreduzierung und Regionalentwicklung. S. 127 – 152 Die meisten Touristen buchen in Nepal einen „fully organized trek“, bei dem alles aus der Hauptstadt Kathmandu mitgetragen wird. Die BergbewohnerInnen im Nordosten gehen meist leer aus. Nur als Führer können die jungen Männer von September bis Dezember etwas dazu verdienen. Die Bauern der Region leben hauptsächlich von ihren Felderträgen. Aber während die Zahl der Kinder steigt, nimmt trotz erheblicher Mengen von Kunstdünger die Fruchtbarkeit der Böden ab. Oft reicht die Ernte nur noch für ein halbes Jahr. Die Männer sind gezwungen, anderswo Geld zu verdienen. Meist im Tourismus als Träger, Köche, Führer oder auf Teeplantagen in Darjeeling oder irgendwo als Tagelöhner. Viele der Männer kehren nicht mehr zurück. Tourismus gegen Armut und Unterentwicklung Was haben die oft bitterarmen Menschen von der wunderschönen, touristischen Natur, die sie umgibt? Bislang profitieren vom Tourismus, der sich da und dort entwickelt, in erster Linie die Tour Operators in den Metropolen und die Reiseanbieter overseas. Der Löwenanteil fließt ab, aber zumindest während der Touristensaison entstehen Arbeitsplätze vor Ort und die Familien kommen zu Bargeld. Die Frage muss also lauten: Wie lässt sich das System so ändern und der Tourismus so gestalten, damit er in erster Linie den Einheimischen zugute kommt? 23 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Der Artikel beschäftigt sich mit der entwicklungspolitischen Aufgabe des Tourismus, speziell mit dem Pro-poor Tourism Ansatz („Armutsreduzierender Tourismus“). Der Fokus liegt auf Nepal und einem Öko-Tourismusprojekt der ÖEZA. Bis vor wenigen Jahren Annahme in entwicklungspol. Diskussion, dass Tour. mehr Schaden als Nutzen in den Entwicklungsgesell. stifte oder ein zu riskanter Wirtschaftszweig sei, der von zu vielen externen Zufälligkeiten abhänge, um langfristig zur Existenzsicherung oder zur Verbesserung der Lebensumstände beitragen kann. Diese Mythen va. vom britischen Department for International Development (DFID) widerlegt: Unvorhersehbarkeit trifft auf viele Bereiche zu: Rohstoffpreisentwicklung, Nachfrageentw., Währungsrisiko, etc. DFID kreierte den Begriff „Pro-poor Tourism“ (PPT) und die Welttourismusorganisation WTO initiierte einen eigenen Action Plan unter dem Etikett ST-EP – sustainable tourism, eliminating poverty, da der Begriff pro-poor tourism als zu negativ konnotiert wurde (Infos zu st-ep: www.crctourism.com.au). Auf dem World Summit on Sustainable Development in Johannesburg 2002 wurde ST-EP als wirksames Mittel zur Armutsbekämpfung vorgestellt und 2004 mit d. Implementierung d. Programms begonnen. Viele große Entw.org. (WB, DFID, etc.) daran beteiligt, weil sie erkannten, dass sorgfältig konzipierter Tour. Sich gut in Regionalentwicklungsprojekte integrieren lässt und unter dem Strich wohl mehr positive als negative Auswirkungen verursacht. Dies bedeutet geradezu Paradigmenwechsel, dann bis in die 90er-Jahre gab es kaum nennenswerte Versuche, das ökonomische Potenzial des Tour. für entwicklungspol. Ziele zu nutzen (in Nepal schon früher erkannt, va. in Nationalparks und Schutzgebieten sind entsprechende Projekte entstanden). Der Trend, in der EZA stärker die Schaffung von Arbeitsplätzen und Unternehmensgründungen (Klein- und Mittelbetriebe) sowie Private-public-Partnerschaften zu fördern und lokale Ökonomien zu stimulieren, hat sicherlich zu dieser Umorientierung beigetragen. Argumentation von „Pro-poor Tourism Partnership“ (Joint Venture von brit. Entw. Org.): PPT führt zu höherem Ertrag für arme Leute. PPT ist keine Sektornische sondern Konzept für Tour.entw. und -management. PPT stärkt Verbindungen zw. Tour.wirtschaft und den Armen auf eine Weise, sodass dieser Tour. Zur Armutsreduzierung beiträgt und die Armen mehr Möglichkeiten haben, sich in die Produktentw. einzubringen. Formen und Strategien reichen von Schaffung v. Arbeitsplätzen bis zu Mitsprachemodellen. Jedes Unternehmen kann eingebunden werden. D. kritische Faktor ist die sichtbare Steigerung des Nettonutzens für d. arme Bevölkerung (www.propoortourism.org/uk). In der WTO-Studie „Tourism and Poverty Alleviation“ (Volltext unter www.wto.org) wird festgehalten, dass der Tour. ein erstrangiges Exportprodukt für EL und Least Developed Countries (LDCs) darstellt, gute Wachstumsraten aufweist und sich nach dem Erdöl zur nächst wichtigen Quelle für Deviseneinkünfte entwickelt hat. In Zahlen ausgedrückt: Tour. = erstrangiges Exportprodukt für 83 % der EL, für 1/3 davon sogar das wichtigste. Alle EL: 2000 gab’s 292,6 Mio. internat. Touristenankünfte (+ 95% im Vergleich zu 1990). In den 49 LDCs 5,1 Mio. Ankünfte 2000 (+75%) 80% der Armen (max. 1 US-$ / Tag) leben in 12 Ländern. In 11 davon Tour. sehr wichtig. Anteil der EL am Tour.: 1973: 20,8%; 2000: 42%. Einheimischer Tour. wird wichtiger (Ausnahme LDCs) Zuwachs bei Tour.erlösen in EL (va. in LDCs) deutlich höher als in OECD od. EU. Zuwachs zw. 1990 und 2000: LDCs 45%, EL 20%, OECD 18%, EU 7,8%. Lässt man Erdöl außer Acht, so wurde Tour. bereits zur führenden Quelle für Exporterlöse. Tour. steigt in EL trotz lokaler Widrigkeiten wie Avian Flu, SARS, Katastrophen, Bürgerkriegen, etc. Einziger wirklicher Einschnitt war 9/11. 24 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Statistik zeigt, dass die Touristen vorhanden wären – jetzt käme es darauf an, den Tourismus so zu organisieren, dass tatsächlich der ärmste Teil der Bevölkerung davon profitiert. (Auf Seiten 131, 132 2 Tabellen: 1. Tourismusdaten der 50 Länder mit der höchsten Zahl an Menschen, die unter der Armutsgrenze leben. 2. Touristenankünfte der 20 am schnellsten wachsenden Tourismusdestinationen in der „Dritten Welt“) Die eindeutigen Daten sind Grundlage dafür, dass die WTO vom Entw.potenzial des Tour. überzeugt ist und die Idee verfolgt, aus den Armen Kreateure und Exporteure eines intelligenten Produkts zu machen. Als Marktwirtschafter sind die Experten der WTo va. begeistert von Vielfalt d. ethnischen Gruppen, der Biodiversität und d. Landschaften, die für die internat. Tour.industrie vermarktbar werden. Ihrer Meinung nach also eine „Win-WinSituation“, wenn EL sich voll auf Tour. konzentrieren würden. Vorteile: neue Arbeitsplätze (positiver Einkommenseffekt), va. für Frauen (also Beitrag zur Geschlechtergleichstellung). In jedem Fall aber Entw.schub, wenn ein größerer Teil des Einkommens aus Tour. der lokalen Bevölkerung zugute käme. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten Dorfkooperationen und kleine Unternehmen Möglichkeit zum Zugang zu Tourismusmarkt bekommen und mit der bestehenden Industrie vernetzt werden, um so die großen Abflusseffekte (leakage) zu vermindern. Komplementär zur Subsistenzwirtschaft in den Entw.gesellschaften müssten Klein und Mittelbetriebe gefördert werden und es sollte sichergestellt sein, dass die Einkommen aus dem Tour. tatsächlich in die Region zurückfließen, in der sie verdient wurden. Damit Diskussion dort, wo viele Entw.bemühungen enden: im Korruptionssumpf der nationalen Eliten und Regierungen, bei den ungleichen Machtstrukturen, beim völlig ungleichen Zugang zu Bildung und Entwicklung, bei der höchst ungerechten Verteilung von Besitz, Land und Infrastruktur. Es wird anerkannt, dass Tourismus (wie Infrastruktur, Bildung, etc.) wichtige Rolle bei Veränderung von Lebensbedingungen in armen Ländern spielen kann und soll. Dabei müssen jedoch Nachhaltigkeitsstrategien regional verankert sein und auf die lokale Bevölkerung eingehen. Wo das touristische Ausbaupotenzial vorhanden ist, spricht daher nichts gegen eine Forcierung dieses Wirtschaftszweiges. Von der WTO wird sustainable tourism – nachhaltiger Tourismus – seit 1988 wie folgt definiert: „Sustainable tourism development meets the needs of present tourists and host regions while protecting and enhancing opportunities fort he future. It is envisaged as leading to management of al resources in such a way that economic, social, and aesthetic needs can be fulfilled while maintaining cultural integrity, essential ecological processes, biological diversity, and life support systems.“ Das entwicklungspolitische Element wurde erst 1999 in einem Meeting der UN Commission on Sustainable Development hinzugefügt. Regierungen sind nun mehr aufgefordert „to maximise the potential of tourism for eradicating poverty by developing appropriate strategies in co-operation with all major groups, indigenous and local communities.“ Pro-poor Tourismus versucht genau das zu tun. Pro-poor Tour. ermöglicht Schutz natürlicher, historischer, kultureller und anderer Ressourcen für die Zukunft, wirft aber schon jetzt Nutzen ab. Diese Entw. muss mit Bedacht geplant und gut gemanagt sein, damit sie keine Unweltschäden oder soziokulturelle Probleme verursacht. Eine hohe Qualität des Produktes muss erreicht und gesichert werden, denn damit behält die Destination ihre Attraktivität. Die Vorteile daraus müssen möglichst vielen in einer Gesellschaft zugute kommen. Von der Vision zur Tat – Regionalentwicklung als Gestaltungsprozess Seit 1997 (also schon vor Begriffserfindung Pro-poor Tourismus) läuft Entw.projekt im Rolwaling Tal und im südlich davon gelegenen Hügelland (Nepal). Bevölkerung ist Gemisch aus vielen ethnischen Gruppen und Kasten, Hindus und Buddhisten. Zusammen mit Dorfgemeinschaften wird hier ökologisch und kulturell vertretbarer Tourismus aufgebaut. 25 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Projektträger ist Eco Himal, die Gesellschaft für ökologische Zusammenarbeit AlpenHimalaya. Seit 1991 in Nepal und Tibet tätig, ziele Armutsreduktion/Arbeitsschaffung, Finanzier: ÖEZA. Grundprinzip zur Integration der Bev.: „10 minutes donation“. JedeR DorfbewohnerIn muss sich 10 Minuten täglich oder einen Tag im Monat an der Gemeindearbeit beteiligen, seinen persönlichen Teil zur Entwicklung des Dorfes beitragen. Nach anfänglichem Unverständnis sind die meisten BewohnerInnen mittlerweile überzeugt und ziehen mit. Diese „Zeitspenden“ dienen in allen Dörfern der Projektregion zur Stärkung des Verantwortungs- und Gemeinschaftsgefühls. Und es wird etwas Gemeinsames geschaffen, das Einzelne niemals bewerkstelligen könnten. Über die Verwendung der Einkünfte aus gemeinsamen Projekten (z.B. ein Campingplatz) entscheidet das dörfliche Entwicklungskomitee, dem je 2 Personen aus einem Haushalt angehören können (Integration der Frauen). Das Konzept beruht auf einfachen Überlegungen: Zusammen mit den Einheimischen werden Einkommensmöglichkeiten und Arbeitsplätze im und rund um den Tourismus geschaffen, und zwar vor Ort, damit die Menschen in ihren Dörfern bleiben (können) und ein Zusatzeinkommen zur Subsistenz erwirtschaften können (= Armutsreduktion). Um Produkt verkaufbar zu machen benötigt es bestimmt Qualität: gewisser Standard an Dienstleistun = gewisser Standard an Infrastruktur (die die Einheimischen ebenso brauchen). Daher in ersten Jahren va. hygienische Infrastruktur gebaut. Während der Regenzeit gibt es Kurse in Schreiben, Lesen, Rechnen und Englisch. Die Einkünfte aus dem Tourismus sollen für soziale Dienstleistungen verwendet werden. Denn: nicht Einzelne sollen profitieren, sondern das ganze Dorf. „Where there is unity, there is energy“, so das Credo des Village Motivators, der von Beginn an mitbeteiligt am Aufbau der ersten CDCs (mittlerweile gibt es 20), der „Community Development Committees“ war. Diese sind mittlerweile als Wirtschaftskooperativen (agieren wie Gewerbebetriebe: Kredite, Investitionen, Handel, etc.) in der Distriktverwaltung registriert. In diesen CDCs erfolgt die grundsätzliche Planung, wie sich das Dorf bzw. die Region entwickeln soll, was gebraucht wird, welche Probleme zu bewältigen sind und welche Ausbauschritte als nächstes zu setzen sind. Dorfgemeinschaften entw. Perspektiven (z.B. in moderierten Workshops nach der PRA-Methode, „Participatory Rural Appraisal“), Aufgabe von Eco Himal ist dann, diese Interessenslagen zu größerem Ganzen zu formen, Entw.strategie darauf abzustimmen und Finanzierung zu sichern. Bestehendes lokales Wissen bzw. bewährte Organisationsformen werden aufgegriffen. Die Einrichtung von CDCs bedeutet jedoch nicht notwendigerweise, dass damit alle Entscheidungsprozesse demokratisch ablaufen, traditionelle Machtstrukturen aufgehoben werden und Mitsprache für alle, die bislang ausgeschlossen waren – etwa Frauen, Jugendliche, niedere Kasten – nun möglich ist. Erst wenn Fokus auf Empowerment der bislang benachteiligten Gruppen gelegt wird, diese Probleme explizit adressiert werden und eine „Gegensteuerung“ vom Projekt aus erfolgt, sind Veränderungen möglich. Insgesamt dominiert in der entw.pol. Literatur ein sehr romantisches Bild von Partizipation. Oberziele des Projekts: Schaffung von Arbeitsplätzen im Tourismus als Beitrag zur Subsistenzwirtschaft und zur Reduzierung des Abwanderungsdrucks Generierung von Einkommen für die lokale Bevölkerung Realisierung eines ökologisch orientierten Tourismuskonzepts Förderung eines ökologisch und sozial verantwortungsvollen Tourismus in der Projektregion Unmittelbare Projektziele: 26 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Verbesserung der Lebensbedingungen und der Wohnsituation für die lokale Bev. durch Steigerung der Qualität der basalen Infrastruktur (Trinkwasser, Toiletten, Wege, Brücken) Verbesserung der touristischen Infrastruktur und Ausbildung Einbeziehung und Vorbereitung der lokalen Bev. auf den Tour., damit diese Tour. weitgehend in Eigenregie betreiben kann. Ziele sollen unter folgenden 5 Prämissen erreicht werden: 1. Maximale Berücksichtigung der Bedürfnisse der Einheimischen (intakte Soziokultur) 2. Forderung nach intakter Umwelt 3. Forderung nach wirtschaftlicher Ergiebigkeit 4. Berücksichtigung der Wünsche der Touristen 5. Zielsetzung der optimalen Kommunikation. Ad 1: maximale Berücksichtigung der Bedürfnisse der Einheimischen Hierfür muss Tour. als Ergänzung zu bisheriger Subsistenzwirtschaft verstanden werden. Tourismus dient als Erweiterung der bisherigen Einkommensbasis (die hier fast ausschließlich aus Landbau und Viehzucht besteht. Ausnahmen: im Trekkingbereich Tätige). Die Organisation des Tour. ist auf genossenschaftlicher Basis geplant. Diese basisdemokratische Struktur ermöglicht tendenziell Beteiligung und Mitsprache aller an den Entscheidungen. Ad 2: intakte Umwelt Das Gebiet ist derzeit kein Schutzgebiet bzw. Nationalpark mit Gesetzesauflagen, obwohl solche Bestimmungen für eine harmonische Tourismusentw. unerlässlich scheinen. Mehr Tour. würde einen größeren Verbrauch von Holz und anderen Ressourcen bedingen. Ein ökologisches Tour.-Management kann aber nur über die Bindung der Lodges an bestimmte Auflagen erfolgen. Langfristig ist Einhaltung solcher Auflagen wohl nur durch Belohnungssystem erreichbar. Eco Himal arbeitet mit CDCs ein „Memorandum of Understanding“ aus, das bestimmte Umweltschutzmaßnahmen vorsieht. Lodges sollen sich zusammentun und Regeln im Sinne eines „Gütesigels“ anerkennen. Dieses Zeichen garantiert hohen Wiedererkennungswert. Eco Himal übernimmt Ausbildung der MitarbeiterInnen (Lodge Management, Sprachkurse, etc.), stellt Kredite zur Verfügung, leiste Unterstützung beim Auf- und Ausbau, unterstützt ein gemeinschaftliches Marketing, kontrolliert den Qualitätsstandard der Lodges (Verwendung v. Kerosin anstelle v. Holz zum Kochen, Errichtung von Komposttoiletten, etc.). In allen Lodges sind Infos für ökologisch vorbildliches Trekker-Verhalten anzubringen. Wo keine Lodges vorhanden sind, finanziert Eco Himal bau von CDC-Lodges, die gemeinschaftlich oder auf Pacht-Basis betrieben werden können. Häuser nutzen passive Solarenergie. Ad 3: wirtschaftliche Ergiebigkeit Höhere Qualität und bessere Ausstattung rechtfertigen höhere Preise. Auch Bauern können indirekt durch Zulieferung von Getreide, Gemüse und Fleisch, als ZwischenhändlerInnen von Gütern oder als DienstleisterInnen ihre Einkommensbasis erweitern. Trekkingagenturen werden froh darüber sein, denn sie müssen nicht mehr alles in die Region transportieren. Ad 4: Berücksichtigung der Wünsche der Touristen Die Region muss als „Produkt“ gesehen werden, bei dem das Preis-Leistungsverhältnis stimmt, die komperativen Vorteile (etwa bessere Unterkünfte, mehr Nähe zur Kultur, weniger Touristen, etc.) gegenüber anderen Destination deutlich werden. Insbesondere müssen ein Mindeststandard an Hygiene und Komfort der Unterkünfte vorhanden sein und das Bedürfnis nach Sicherheit am Berg befriedigt werden. 27 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Durch das Ausbildungsprogramm für Trekking- und Tourguides MST („Mountaineering School Thame“), könnte eine deutliche Verbesserung der Dienstleistungen erzielt werden (was die Sicherheit betrifft). Vor allem auch Frauen wurden (auf Grund der Nachfrage) zu Trekkingführerinnen ausgebildet. Ad 5: Kommunikation und Marketing Ausgangspunkt = Schaffung einer optimalen Komm. zw. Reisenden und Bereisten. Das fordert von Seiten der Reisenden, dass sie die Kultur der Gastgeber respektieren und setzt einen entsprechenden Informationsprozess voraus. Auf Seiten der Bereisten sind entsprechende Vorleistung zu erbringen, z.B. Definition der konkreten Ziele, wie dieser Tour. auszusehen hat. Das soll in Dörfern stattfinden, daher sind dort entsprechende Bewusstseinsprozesse zu fördern bzw. zu initiieren, um ein Leitbild für die Region zu entwickeln, dass dann auch als Marke klar kommuniziert werden muss. Wichtig also: eigenständige Positionierung, Qualität des Angebots (ökologisch nachhaltiger Tour.) und nicht Preis-Leistungs-Verhältnis muss im Vordergrund stehen. Umweltorientierte Marketingziele: Erschließung eines neuen Marktsegments durch Akquisition einer umweltbewussten und kultursensiblen Urlauberzielgruppe für das Gebiet, die Bekanntmachung der konsequenten Umweltpolitik als Entw.projekt, um damit einen Imagevorsprung zu erreichen. Die Ökologisierung des Angebots muss sowohl den Produktkern (Geographie und Klima des Zielgebiets, Landschaft, Kultur/Folklore, Wasserversorgung und -qualität, Abwasser- und Müllbeseitigung, Energiekonzept) als auch die touristische Infrastruktur wie Reisebetreuung, Unterkunft, Verpflegung, Information, Serviceleistungen, etc. umfassen. Nur so kann Einmaligkeit vermittelt werden. Kommunikationspolitik soll touristisches Leistungspaket gegenüber Öffentlichkeit vermitteln und interpretieren, mit dem Ziel, Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (ist Komplementärleistung). Sie berücksichtigt Leitbildidee (Stellung des Projekts in Markt und Gesellschaft), definiert die Kommunikationsziele und -zielgruppen, und trägt zur Positionierung des Projekts bei, indem sie den Nutzen für den Endverbraucher bestimmt. Projekt war in 3 Phasen unterteil: 1. 1997-2001: Aufbau der Organisationsstruktur durch CDCs, Entw. d. basalen Infrastruktur. 2. 2002-2004: Implementierung der tourismusrelevanten Infrastruktur, Capacity Building. 3. 2005-2006: Überleitung des Projekts in d. volle Verantwortung der CDCs, Aufbau eines Netzwerkes der CDCs unter einer gemeinsamen Steuerungsorganisation. Probleme: Abgeschiedenheit, soziale Disparitäten, allgemein niedriges Bildungs- und Gesundheitsniveau. Kaum Kenntnis von NGOs vor Ort Schaffung von Institutionen (CDCs) Politische Situation (aufständische Maoisten): Das Distrikt wurde 2000 als befreites Territorium deklariert. Viele junge BewohnerInnen flohen in die Städte. Die Zurückgebliebenen waren oft wenig kooperationsbereit. Maoisten waren natürlich auch in CDCs (Arbeit kam oft fast zum Stillstand). Rebellen waren wohl letztendlich von der Notwendigkeit der Aktivitäten überzeugt (in einem offenen Brief des Parteivorsitzenden bekannte er sich zum Ausbau des Tourismus als landeswichtige Investition für die Zeit nach der Revolution). Widrige Umstände im Land haben jedenfalls zu starkem Rückgang der Touristenankünfte geführt. (Auf Seiten 140-147 gibt es Übersichten zum Projektergebnis und eine Matrix of Intervention Logic) Einheimische und Fremde auf dem Weg zur Nachhaltigkeit 28 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Nutznießer des genannten Projekts sind BewohnerInnen der Region, aber auch die Natur. Frage bleibt jedoch allgemein, welches Tour.konzept verwirklicht wird und wer zum Nutznießer des touristischen Wirtschaftens wird. Karlheinz Wöhler mein dazu, dass Tour. nur so umweltfreundlich und nachhaltig sein kann, wie es die Gesellschaft bzw. Wirtschaft gerade ist. Die viel beschworene Nachhaltigkeit muss also gegen existierende illegitime Interessen behauptet werden und setzt auf diese Weise demokratisierende und die Gesellschaft verändernde Akzente. Pro-poor Tourism daher mehr ein zu erreichender Zustand. Pentagon der Nachhaltigkeit im Tour: Langfristig möglich – weil Ressourcen schonend. Kulturell verträglich – weil Respekt gegenü. lokalen Riten, keine ausbeutende Kommerzialisierung, Anpassung an ortsübliche Standards. Sozial ausgewogen – Einheimische eingebunden, Nutzen/Nachteile gleich verteilt. Ökologisch tragfähig – geringer Druck auf Umwelt, Förderung des Umweltbewusstseins. Wirtschaftlich sinnvoll und ergiebig – profitabel für lokale Ökonomie, Einkommen für einheimische Bevölkerung. Trotz geringer empirischer Daten schon einige Erfolge nachweisbar: Einbindung des privaten und staatlichen Sektors (dadurch breitere Basis) Reduzierung der Armut (Arbeitsplätze, Einkommen) Stärkung der Frauen und Geschlechtergerechtigkeit (Einbeziehung v. Frauen, etc.) Schutz der Umwelt (Umweltbewusstsein, Anreize, etc.) Vorteile d. Tour. als Entw.motor: Konsumenten kommen zum Produkt (Marktchancen für weitere Produkte wie Souvenirs, Dienstleistungen, etc.) Gut kombinierbar mit Landwirtschaft/Fischerei/Transportwesen Synergieeffekte Entlegene Regionen profitieren wegen Natur, Kultur, etc. Tour. = arbeitsintensiv (Möglichkeit für viele) Höherer Frauenanteil als in anderen Sparten Geringer Mitteleinsatz (va. in Region mit geringen Rohstoffvorkommen wichtig) Infrastruktur für Tour. (Straßen, Elektrizität, Kommunikation, Trinkwasser) kommt auch Einheimischen zugute. Tour. kommt in vielen Varianten vor (jedes Land hat was anzubieten) Heimischer Tour. geben mehr Flexibilität und puffern saisonale Schwankungen. Negative Aspekte (private ök. Ausbeutung, Abwälzung von ökologischen Folgekosten auf Arme, soz. und kult. Ausbeutung, starke wirt. Abhängigkeit von tour. Monokultur, leakageEffekt, mangelnde/falsche nationale Tour.politik) müssen ausgeschaltet oder zumindest reduziert werden. Peter Schatzl: Gebuchte Berge. Nachhaltigkeit bei organisierten Trekkingreisen.2 S. 153 - 165 2 Anm.: Schatzl verwendet im gesamten Text die männliche Form (Tourist, Reiseveranstalter usw.) Da ich mich auf diesen Originaltext beziehe, verwende ich ebenfalls diese Form und verzichte auf die heute gebräuchlichere Schreibform mit dem „Binnen- I“. 29 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Trekking = mehrtägige Wanderung in großen Höhen, meist in einem außereuropäischen Hochgebirge. Eine wieder entdeckte, weiter entwickelte Form des Wanderns. Steht seit Jahrzehnten als Marke für eine bestimmte Reiseform. Spricht sowohl sport- und natur- als auch kulturorientierte Touristen an. Die ständige Fortbewegung wird zum Erlebnis, zum eigentlichen Reisezweck. Wer zu Fuß geht, ist offen für die Räume zwischen den üblichen touristischen Stationen. Organisiertes Trekking = Ein Reiseveranstalter übernimmt gegen Entgelt die gesamte Organisation und Durchführung. Sämtliche Einzelleistungen einer Reise (Transport, Unterbringung, Verpflegung, Führung, Ausrüstung etc.) werden zu einem Paket zusammengefasst. Zu betrachten ist dabei 1. eine räumlich- zeitliche Konzentration (Stichwort „Modeziele“ in der Hochsaison) 2. eine räumlich- zeitliche Ausdehnung (immer entlegenere Regionen zu immer ungewöhnlicheren Zeiten) Zwickmühle: Möglichkeit für die marginalisierte Bevölkerung der entlegenen Regionen ein monetäres Einkommen aus dem Tourismus zu ziehen vs. Zahlreiche negative ökologische und soziokulturelle Auswirkungen. Auf dem Weg zur Nachhaltigkeit V. a. spezialisierte Reiseveranstalter haben ein ausgeprägtes Verständnis für das Leitbild der Nachhaltigkeit im Tourismus entwickelt. Das Problembewusstsein ist vorhanden. Die Prinzipien der Nachhaltigkeit können dabei durchaus als Wettbewerbsvorteil verstanden werden. Die große Konkurrenz und der dadurch hohe Kostendruck werden oft als Hauptargument für die Nachhaltigkeitsprinzipien verwendet. „Nachhaltiger Tourismus“ kann auch als Gütesiegel von Reiseveranstaltern gesehen werden, was vordergründig zu einer Qualitätssteigerung führt. Maßnahmen im Sinne der Nachhaltigkeit sind eine subjektive Größe, da sie von einem bestimmten Akteur und dessen Veränderungswillen u Potenzial abhängig sind. Die Qualität einer Strategie ist nicht unmittelbar an den Folgen ablesbar, weil eine Wirkzeit einkalkuliert werden muss. Umgekehrt sind daher auch Versäumnisse an Wissen u Investitionen schwer aufzuholen. Nachhaltigkeit verlangt immer einen Konsens zwischen den Akteuren und bedeutet einen Lernprozess für alle Beteiligten. Schatzl teilt eine organisierte Trekkingreise in 12 Phasen/ Hauptkategorien, diese sind: Ausschreibung, Medizinische Versorgung, Höhentaktik, Hygiene, Ökologisches Verhalten, Interkulturelle Kontakte, Hilfskräfte, Leistungsträger Wirtschaft, Engagement, Optimale Gruppe, Transport und Information. In seinem Artikel erläutert Schatz 6 dieser Kategorien. 1. Informationen vor Reiseantritt Zwischen den Veranstaltern gibt es deutliche Unterschiede betreffend der Aufbereitung der Informationen zu den Themen Routenverlauf, Höhenproblematik, Reiseland, Trekkinggebiet und zum Verhalten im Reiseland bzw. beim Trekking selbst. Optimal ist die Darstellung des Routenverlaufs als Schlafhöhen- Zeit- Profil. Viele Reiseveranstalter zeigen Gegensätze zw. Quell- und Zielland auf, schildern Do´s and Dont´s, aber die wenigsten bieten aktuelle Hinweise auf Realitäten und Probleme im Reiseland. 2. Optimale Gruppe Ideal wäre dabei eine homogene Gruppe. Probleme sind bei der Gruppenzusammenstellung jedoch immer wieder - die subjektive Selbsteinschätzung der Teilnehmer - Fehleinschätzung/ Überschätzung - Mangelnde Kondition/ gesundheitliche Probleme/ unzureichendes alpinistisches Können usw. 30 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Es findet generell zu wenig Beratung bzw. Aufklärung und so gut wie keine Fremdeinschätzung und Konfrontation des Kunden mit seinen Unzulänglichkeiten in Bezug auf die bevorstehende Tour statt. Die Frage der Eignung bleibt somit im Wesentlichen Einschätzungssache des Kunden selbst. Wer zahlt, kommt mit. Folgen: Probleme werden auf die Gruppe bzw. den Reiseleiter ausgelagert. Mögliches Zurückfallen, Zurückbleiben, frühzeitiges Umkehren oder Zurückreisen mit Konsequenzen für die ganze Gruppe. Reiseleiter: - dem Reiseveranstalter verpflichtet u daher bestrebt den Reiseverlauf einzuhalten - hat das Anliegen die Gruppe zufrieden zu stellen - ist ein Mitglied der Gruppe mit eigenen Motiven und Bedürfnissen - entscheidet sich letztendlich am schwächsten Mitglied einer Gruppe Jedem Reiseveranstalter sollte es ein Anliegen sein, qualifizierte Arbeitskräfte, Produkte und Kunden weiterzuentwickeln. 3. Transport Die größte tourismusinduzierte Umweltbelastung bzw. ein Großteil des Energieverbrauchs resultiert aus dem Transport. Ökologisch betrachtet sind Fernreisen mit Langstreckenflügen nicht nachhaltig. Trotzdem ist das Flugzeug für die Distanzüberwindung zw. Quell- und Zielland nicht mehr wegzudenken. Ein Reiseveranstalter kann deswegen folgende Bemühungen und Kompromisse in Erwägung ziehen: 1. Die Entfernung zur Zielregion mit der Reisezeit bzw. Aufenthaltsdauer vor Ort in Relation setzen. 2. Angebot und Empfehlung alternativer Transportmittel 3. Unterstützung von Kompensationsprojekten (Bsp. Atmosfair: Zahlung einer freiwilligen Kerosinsteuer um Klimaschutzprojekte im Reiseland zu fördern) 4. Interkulturelle Kontakte Die Kontakte beschränken sich meist auf Kontakte der Touristen untereinander bzw. auf Kontakte zwischen Touristen und Begleitmannschaft. Aber auch dieser Austausch setzt ein Aktivwerden der Reisenden selbst voraus, daher auch bestimmte Sprachkenntnisse und/oder das Vermitteln durch den Guide, woran es meist mangelt. Meist werden innerhalb der Gruppe selbst Kontakte geknüpft („Innenzentrierung“). Durch die hohen Belastungen bzw. Stresssituationen kann es vorkommen, dass ein Teilnehmer verstärkt mit sich selbst beschäftigt ist u sich der Wahrnehmungshorizont weiter einschränkt. Dadurch wird eine soziale Interaktion reduziert oder ausgeklammert. Auch Kulturschocks sind keine Seltenheit. Die Interkulturellen Kontakte fallen eher bescheiden aus; nur am letzten Trekkingtag ist es üblich, gemeinsam mit der ganzen Mannschaft zu feiern u Geschenke auszutauschen. Durch ein gutes Zusammenspiel des europäischen Reiseleiters und des lokalen Guides können mit Hilfe von Vorstellungsrunden, Gesprächskreisen, Gruppenspielen, gemeinsames Picknick etc. schon frühzeitig Kontakte ermöglicht werden. 5. Hygienemaßnahmen Hygienische Verhältnisse sind im Gastland oft nicht mit westlichen Standards vergleichbar. Die Übertragung von Krankheiten, mit denen Reisende konfrontiert werden können, erfolgt fäko- oral, woraus Magen- Darm- Infektionen, Reisediarrhö u. a. hervorgehen können. Darum sind Aspekte wie Küchenhygiene und die persönliche Hygiene außerordentlich wichtig. Der Reiseveranstalter ist gesetzlich verpflichtet, seine Kunden über Gesundheitsrisiken aufzuklären und nimmt eine wichtige Berater- und Meinungsbildungsfunktion ein. Lücken in der Information u Beratung spiegeln sich auch in der Praxis wieder (z. B. Trinkwasseraufbreitung, Händewaschen). 31 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. 6. Höhentaktik Höhentaktik= Vorherige Planung u flexible Anpassung von Aufsteigen, Rasten und Absteigen in großer Höhe Jeder Mensch reagiert individuell auf Höhe plus unterschiedliche Akklimatisierungszeit. Höhentaktische Empfehlungen sind daher nicht quantifizierbar bzw. universell anwendbar. Trends im Trekkingtourismus: - in kürzerer Zeit immer mehr Ziele bewältigen - Einfluss von Bioklima und Schlechtwetterperioden auf Unfälle - Verbesserung des Rettungswesens; vermehrte Zahl unerfahrener Trekker - Zunahme des Durchschnittsalters ( gesundheitliche Konsequenzen) - Bei organisierten Gruppen höheres Risiko für Unfälle in Verbindung mit der akuten Höhenkrankheit als bei unabhängigem Trekking Da man mit den anderen Schritt halten möchte (selbst auferlegter Erfolgsdruck), negiert man Symptome bereits in der Frühphase. Dies kann rasch lebensbedrohlich werden. Auch Reiseleiter „übersehen“ oft beginnende Krankheitssymptome, da eine Abänderung des Programms einen Vertragsbruch bedeuten kann u der Abbruch eines Teilnehmers das Umkehren der ganzen Gruppe implizieren kann. Strategien für die Optimierung der Höhentaktik: - entsprechende Produktgestaltung - Aufklärung von bzw. „Akzeptanz für“ Teilnehmer mit suboptimalen Voraussetzungen - Transparente Darstellung der Gefahren - Persönliche Kontrolle (Messung der Ruhefrequenz u. a.) - Objektivierung von Krankheitssymptomen Fazit: Reisen zu den Bergen der Welt sind buchbar. Die Leistungen, der Komfort und die Herausforderungen unterscheiden sich von Produkt zu Produkt. Gemeinsam ist, dass es sich um keine „fertigen Pakete“ handelt, sondern die jeweilige Reise vor Ort durch die Fähigkeiten u das Zusammenwirken aller Akteure entsteht. Die Buchung und anschließende Reise sollte daher als Chance verstanden werden, zu deren positivem Gelingen jeder einzelne Teilnehmer wesentlich selbst beiträgt. Baumhackl, Herbert: Tourismusdestination Mexiko. Vom „Exporting Paradise“ zur nachhaltigen Entwicklung? S. 166 – 193 Tourismus-Entwicklung: 1960er: massive Intervention d. Staates, zentralistisch gepusht (Top down). Export von Exotik und exzellenten Dienstleistungen -> Zahlungsbilanzdefizit-Verbesserung, Deviseneinnahmen Staat als aktiver risikobereiter Unternehmer, Ziel: Projektförderung und Anlocken von Investoren Integrierte luxuriöse Tourismusresorts (IGTZs) an attraktiven Küstenorten aus der Retorte um Investoren anzuziehen, für Wachstum (Regionalentwicklung) -> Zahlungsbilanzdefizit und Verringerung sozialräumlicher Disparitäten Kontrolle über EProzess liegt außerhalb der betroffenen Regionen Abhängigkeit und strukturelle Heterogenität, Nebeneinander von traditionellen endogenen & modernen exogenen Werten und Strukturen verfestigen sich (vg. „Entwicklung zur Unterentwicklung“) 32 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Verelendung und Marginalisierung eines Großteils der Bevölkerung als Folge Theoretische Zugänge: Imperialismus- und Dependenztheorien, Konzept des Transnationalismus/Globalisierung: Konzerne&Investoren als „gatekeeper“ d. mexikan. TourismusE Zur Geschichte Ökonomische Krisen: 1982-88 & 1994/95 – legten Schwächen des Wirtschaftssystems offen Trotz 50jähr. Erfolgsgeschichte (Industrialisierung) Ungleichheit angestiegen, Verschlechterung der polit. Stabilität und inneren Sicherheit etc. Ungleichheit: siedlungs- und wirtschaftsräumliche Dimension (enorme Konzentration in Zentren), sozioökonomische Dimension (extrem ungleiche Einkommensverteilung) politisch-administrative Dimension (Zentralismus – geringe Partizipationsmöglichk.) Bedeutung Mexikos als Tourismusdestination - Enorme Vielfalt an touristischen Attraktionen (Hoch- u. Volkskultur, Natur) – jedoch ist das Image „Seebäder um Cancun“ vorherrschend - Drittwichtigster Devisenbringer - Tausende Arbeitsplätze im informellen Sektor – Multiplikatoreffekt. Jedoch: meist nicht sozial abgesicherte Saisonarbeitsplätze, gering qualifizierte Arbeiten, niedriges Einkommen) Angebot und Nachfrage - Sehr gute Hotelinfrastruktur, va. 3*-5* - fast 90 % d. ausländischen Gäste US-amerikanische - Quantitativ wesentlich: Binnentourismus – 80 % aller Hotelübernachtungen. Masse der Bevölkerung Kurzurlaube in Seebädern, Familienbesuche. Bei Indigenen: Wallfahrten Rolle des Staates 1930 bis 2000: PRI (Partido Revolucionario Institucional) an der Macht – auch im Tourismus. Ließ keinen Pluralismus zu. Tourismusministerium Führungsrolle: Planung v. Masterplan f. TourismusE (hohe Beamte, Banco de Mexico). Ziel: Ausländisches Massenklientel an attraktiven Küsten. Dazu Erschließung neuer Finanzquellen, Anbindung an globalen Markt Ermöglicht durch: neue Erdölvorkommen in 70ern -> Zugang zu billigem internat. Kapital IGTZs Cancun, Ixtapa, Los Cabos, Loreto, Bahia de Huatulco Sollten zur Modernisierung und Produktivitätssteigerung & Imageverbesserung beitragen 2003: 54 % aller Deviseneinnahmen. Kritik: sterile, künstliche Atmosphäre, Image Mexikos als reiner Badeort, verschärft nationalen Wettbewerb mit Nachteil f. traditionelle Resorts FONATUR 1969 gegründet. Umfassende Kompetenzen (ua. Enteignung v. Land und Umsiedlung). Generalunternehmer: Anwerbung f. Investoren. Handeln unabhängig v. politischen Einflüssen, dadurch leichter Zugang zur Weltbank und IDB. Strikte räumliche Trennung der Hotelzone vom Wohngebiet der einheimischen Bevölkerung (jed. Bereitstellung v. Einrichtungen für letztere). Impacts auf Ökosystem & betroffene Menschen (Aufeinandertreffen Moderne – Subsistenzgesellschaft) 33 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Staat Rolle als Initiator, Unternehmer, Banker, Kontrolleur – marktorientierte Planung d. Resorts aus Exportgründen durch massives Eingreifen des Staates (außergewöhnlich!) 1977-82 unter Portillo: Förderung des Sozialtourismus, Steuerentlastung für Resorts. Zäsur: Verschuldungskrise 82 – Scheitern von ISI, Ölpreis-Einbruch. Druck von IWF&WB -> Zwang zur neoliberalen Politik. Der Staat als Akteur wurde durch ausländische Investoren ersetzt (freier Gewinntransfer). 1988-94 unter Salinas de Gortari: neue Ausrichtung, nationaler Eplan. Ziel: Diversifizierung des touristischen Angebotes und aktive Anwerbung nationaler&ausländ. Investoren 1995-2000 unter Zedillo: Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit Rolle der NGOs Forcieren erfolgreich das Konzept der nachhaltigen, eigenständigen E in ländlichen Kommunen – sanfte naturnahe Tourismusformen: Schutz der Natur, Förderung lokaler Wirtschaft zur Lösung ländlicher Probleme (zB Landflucht). Cancún größtes, erfolgreichstes Tourismusresort Von „Peripherie der Peripherie“ (dünn besiedelt – Maya-Nachfahren, SubsistenzWi) zu „pleasure periphery“ (transnationaler Erholungsraum) Produktionsraum transnationaler Konzerne, beherbergt tausende Migranten Massentourismus: massive ökologische und soziokulturelle Probleme, nach anfänglich kontrollierter E erfolgte Deregulierung -> überdimensionierte Bebauung, hohe Kriminal.rate.. Totale räumliche Segregation zw. Arbeit (Arbeitern) und Erholung (Urlaubern) – führt zu sozialen, ökonom. und ethnischen Disparitäten Mexikanische Regionalpolitik – neoklassische Strategie 1988-94 unter Salinas de Gortari: Sonderprogramm für periphere Regionen zur Armutsbekämpfung. Trotz Ausbau d. Infrastruktur verschlechterten sich die Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung jedoch weiter. 1994: Beitritt zur NAFTA (Nordamerikan. Freihandelszone) – Verstärkung räumlicher Disparitäten Erst seit 2001 besitzen Bundesstaaten (eingeschränkte) Planungskompetenz Nationale Strategie der nachhaltigen E 2001-2006 Hauptplanungsinstrument unter V. Fox; orientiert sich an Agenda 21. Für ges. öffentliche Verwaltung bindend. Nachhaltigkeit ist eine von 12 Grundsätzen. Oberziele: - Soziale u. gesellschaftliche E: Verbesserung der Lebensbedingungen, Bildung, Stärkung des Humankapitals - Qualitätswachstum: E der nationalen Wirtschaft, Wettbewerbsfähigkeit, ausdifferenzierte RegionalE, nachhaltige E - Ordnung &Respekt: verbesserte Behördenkooperation, Dezentralisierung, Transparenz, Sicherheit, Recht… Hauptziele: Integriertes Ökosystemmanagement, Einbindung der Politik auf allen Ebenen, Umweltmanagement, Umweltdienstleistungen, Umweltgesetzgebung, öffentliche Mitwirkung 34 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Drei Pfeiler der Nachhaltigkeit: - Einbeziehung v. Umwelt, Ökonomie und Gesellschaft in Eüberlegungen - Umwelt muss in nationale Prioritäten eingebunden werden - Mexikan. Verfassung: demokratisches Planungssystem (Bürger-Einbeziehung) Einbindung von zwischenstaatlichen und intersektoralen Akteuren; Übertragung d. Verantwortung auf die Ebene der Bundesstaaten u.d. Kommunen Nationales Programm für Tourismus 2001-2006 Ziele: Verb. d. Wettbewerbsfähigkeit, Förderung d. RegionalE, nachhaltige E Revolutionär: partizipativer Ansatz: Bürgerversammlungen, Diskussionsforen etc. Definition von Nachhaltigkeit als „Wachstum mit Qualität - Negative E (zB Slumbildung) soll eingedämmt werden und Qualitätstourismus gefördert: Sustainability als Diversifizierungsstrategie und Sicherung der Attraktivität in einem international höchst kompetitiven Markt – neue integrierte Projekte derzeit realisiert - Reiches Naturerbe soll erhalten aber auch vermarktet werden: Ökologie – Ökonomie – Soziokultur. Bevölkerung der Gebiete soll profitieren. - „Turismo comunal“: Authentizität indigener ländl. Regionen soll gefördert & Einkommensalternativen durch Tourismus geschaffen werden Ökotourismus neues „Zauberwort“ der Tourismuspolitik Problem: Fehlen von ausreichend Mitteln und polit. Willen zum Naturschutz Mex. weltweit eines der reichsten Ökotourismus-Potenziale ÖT als Marktstrategie Gefahr, dass es im Zuge des Massentourismus zu destruktiven Formen kommt „Add-on ecotourism“: Tages/Kurzausflüge in geschützte Gebiete von MassentourismunsDestinationen aus Bioplaneta Ökotourismus Netzwerk bekannteste, größte NGO Mexikos Netzwerk von Netzwerken von ländlichen, dem Prinzip d. Nachhaltigkeit verpflichteten Betrieben und va. indigener Kooperativen Fokus auf Ausbildung, Agrarökologie, biolog. Landbau, veredelte Produkte, Kunsthandwerk, Fair Trade und nachhaltigem Tourismus Unabhängigkeit soll gestärkt werden – nachhalt. eigenständige RegionalE Anliegen: Respektierung regionaler Werte, Schutz der Umwelt, Bewahrung d. Traditionen Ökotourismus Netzwerk: Konzept der Hilfe zur Selbsthilfe und Solidarität Auszeichnung: Award für Nachhaltigkeit 2003 FAZIT 35 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Zentralistisch gesteuerte Top-Down-Planung als ambivalent zu beurteilen! Erst in letzten Eplänen Verbreitung des touristischen Angebots und regionalwirtschaftl. Streuung der Effekte des Tourismus, Diversifizierung des Angebots und eine nachhaltige E einbezogen. Nachhaltige E von Schutzgebieten für Öko/Naturtourismus und Förderung indigener Kommunen trotz erfolgreicher Beispiele bisher nur marginal vom Staat unterstützt Unerlässlich: dezentrale Wirtschafts- Tourismus- Regionalpolitik! Herdin, Thomas: Same, same but different? Tourismusentwicklung nach dem Tsunami in Thailand. S. 194 – 213 Thailand wirbt mit Superlativen: Die malerischen Küsten sind so sauber wie nie zuvor, das Wasser kristallklar und man bleibt vom Massentourismus verschont. Diese Entwicklung soll auch beibehalten werden. In Konzepten, Präsentationen und Diskussionen wird von einer neuen Ausrichtung gesprochen. Tourismus muss umwelt-, sozial- und wirtschaftsverträglich sein. Kurz gesagt, der Ruf der Nachhaltigkeit ist überall zu vernehmen. Wie sieht die Realität aber wirklich aus? Bedeutung des Tourismus und dessen Entwicklung in Thailand Die Stilisierung Thailands als exotische Tourismusdestination geht bereits auf die Zeit des Vietnamkrieges zurück. Von 62 bis 76 verbrachten amerikanische Soldaten im Rahmen des R&R Program (rest and recreation) in diesem Land ihre kampffreie Zeit. Nach dem Abzug des Militärs in Thailand verloren rund 70.000 Menschen ihre Lebensgrundlage. Die Regierung versuchte, die so entgangenen Devisen durch eine Ankurblung des Tourismus zu kompensieren (Das Jahr 79 wurde zum „Jahr des Tourismus“ erklärt). Drei Jahre später war der Fremdenverkehr zum wichtigsten Devisenbringer avanciert. Laut einer Studie fließen jedoch 56 Prozent der Einnahmen aufgrund von Importen und Zinsen wieder in das Ausland zurück. Seit den 60ern fungiert die Wirtschaftssparte Tourismus erfolgreich als „Cash Cow“ und sie wird bis heute regelmäßig beworben. Der Tourismus-Sektor ist der zweitgrößte Wirtschaftszweig des Landes. (Tabelle „Internationale Touristenankünfte 97 – 04: S 195) Die Tourismusentwicklung stieg im letzten Jahrzehnt stetig an. Ostasien verzeichnet mit knappen 57 Prozent aller internationalen Ankünfte bei weitem den größten Teil. Die Tourismuseuphorie kannte in Thailand keine Grenzen und 2004 erreichten die Einnahmen mit knapp acht Milliarden Euro ihren Höhepunkt, obwohl das Land 2003 touristisch stark gebeutelt worden war. (SARS, Beginn der Vogelgrippe, Bali-Anschläge, Irak-Krieg => führten zu starkem Einbruch) Thailand konnte 2004 die Krise von 2003 jedoch mehr als kompensieren. Den finalen Höhepunkt setzte das Sumatra-Andaman-Erdbeben: Der Bruch der Platte löste einen Tsunami aus, bei dem über 250.000 Menschen ums Leben kamen. Die Auswirkungen des Tsunami: Anstieg in Bangkok, Rückgang in der Region Sechs Monate später ist auch das Rauschen im medialen Blätterwald verstummt und nur selten ist ein leises, wenn auch optimistisches Echo zu vernehmen. Mit Überschriften wie „Zuwachsraten in Thailand trotz Tsunami“ wird dem Leser suggeriert, dass Thailand ein positives Wachstum an touristischen Ankünften verzeichnet. Diese Statistiken der TAT 2005 beziehen sich aber nur auf die Ankünfte am Flughafen Bangkok. Berücksichtigt man aber die Gesamtankünfte Thailands (Flug-, Land- und Wasserweg) war ein deutlicher Einbruch von 36 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. 7,8 Prozent für Touristen aus aller Welt zu verbuchen. (Statistik „Prozentuelle Veränderung der Ankünfte auf den internationalen Flughäften Phuket und Bangkok im Vgl. zu 2004: 197) Neben den erwarteten Einbrüchen förderte die Analyse der Statistiken signifikante Anstiege bei den Zielgruppen Geschäftsleute, Studenten, Pensionisten und wiederkehrende ThailandTouristen zutage. In den ersten drei Monaten nach der Katastrophe besuchten zwar 8,9 Prozent weniger Europäer Thailand, die Anzahl der wiederkehrenden Besucher stieg aber trotzdem um 5,9 Prozent (Erstbesucher -20,8 Prozent). Das gleiche Phänomen ist zwischen Einzelreisenden (+3,1 Prozent) und Gruppenreisenden (-26,1 Prozent) zu beobachten. Eine Reisemotiv dürften verbilligte Flugpreise und die Spekulation auf einen preiswerteren Urlaub gewesen sein. Ein Zuwachs von 61,4 Prozent ist bei Geschäftsreisenden zu verzeichnen. Bei Einreiseformularen werden zwar touristische Motive angegeben – es kann aber auf unternehmerische Tätigkeiten geschlossen werden. Die südwestlichen Provinzen Halten sich die Verluste für das gesamte Land noch im Rahmen, sind in den südwestlichen Regionen Phuket, Krabi, Phang Nga, Satun, Ramong und Trang massive Einbrüche zu verzeichnen. (Tabelle „Zerstörung von Hotels“: 198). Besonders das in der Provinz Phang Nga liegende Khao Lak wurde regelrecht ausradiert und ein halbes Jahr später konnte nur ein Viertel der Zimmer genutzt werden. Aus der Statistik (S198) wird erkenntlich, wie schnell das Zugpferd Phuket, das Aushängeschild für Massentourismus schlechthin, wieder in Trab gebracht worden ist. Die Situation in Phuket Phuket galt als eine der beliebtesten Badedestinationen Thailands. Die Nutzung wurde aktiv durch eine breite Palette von Förderungsmaßnahmen, eine infrastrukturelle Erschließung wie den Bau eines interkontinentalen Flughafens sowie durch hohe Steuererleichterungen gefördert. Bis zu 75 Prozent der 270.000 Einwohner sind vom Tourismus abhängig. Dieser Wirtschaftszweig ist „die Basis eines relativ hohen Wohlstandes der Bevölkerung“. Von der Flutwelle waren vorwiegend die Strände Patong und Kamala betroffen. Phuket als südliche Drehscheibe für internationalen Tourismus legte das Hauptaugenmerk auf einen schnellen Wiederaufbau. Bereits im Juni 05 waren 509 der 582 Hotels wieder nutzbar und sogar knappe 96 Prozent der Hotelzimmer belegbar. Im Gegensatz zu dem nach wie vor zerstörten Khao Lak werden in Phuket wieder Touristen erwartet. Trotz aller Anstrengungen wie Aufbau und Bewerbung, verzeichnet die Insel einen dramatischen Verlust an Gästezahlen und damit an Devisen. (Tabelle: Veränderung der Ankünfte, Belegung und Einnahmen seit dem Tsunami, S 200) Bei einer Betrachtung der Monatsstatistiken des ersten Halbjahres entspannt sich zwar die Lage, es bleibt ökonomische betrachtet aber eine tiefe, kaum heilbare Narbe zurück. Ein Blick auf die Auslastung der Unterkünfte bestätigt die katastrophale Situation. Außerdem ist es zu einer Umschichtung der Zielregionen gekommen: Die meisten Gäste kommen nun aus Europa, vornehmlich GB, Deutschland und Schweden. Nach Russland war bei den Österreichern der größte Einbruch zu verzeichnen. Khao Lak: Die wirtschaftliche Berg- und Talfahrt in Takua Pa Phuket wandelte sich innerhalb kurzer Zeit von einer unberührten Insel in ein wahres Touristen-Mekka, wo sich neben zahlreichen Hotels und Märkten auch das bekannte Nightlife mit Beer- und Girliebars ausdehnte. Viele Touristen, die Südthailand schätzten, aber dem sich akkumulierenden und expandierenden Massentourismus entfliegen wollten, folgten Ende der 90er Jahre den Spuren der Backpacker Szene nach Khao Lak, das das Image eines Paradieses mit unberührten Stränden hatte. Im Sog der steigenden Touristenzahlen folgten Investoren und innerhalb eines Jahres mussten die meisten „low-budget-bangalows“ den ersten Resorts und Hotelanlagen, vornehmlich am Sunset und Nang Thong Beach, weichen. 37 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Betrachtet man die Geschichte der Region, stellte der Tsunami nur eine weitere Katastrophe dar. Zweihundert Jahre lang wurde Zinnbergbau betrieben. Ab den 60er Jahren beschleunigte das Wachstum der exportorientierten Wirtschaft die Ausbeutung der Bodenschätze und die Regierung vergab Konzessionen, die ausländischen Konzernen den Offshore-Bergbau erlaubten. Anfang der 80er war Zinn fast restlos abgebaut, der Bergbau hinterließ unfruchtbares Land. Mitte der 80er siedelten sich Garnelenzüchter an, die Aquakulturbecken errichteten und innerhalb kurzer Zeit die marginal noch vorhandenen Rest des natürlichen Küstenschutzes vernichteten. Nach der Asienkrise 97/98 versuchte man den Boom des Tourismus aufgrund günstiger Preise (Wechselkurs) zu nutzen und setzte auf das neue Zugpferd Khao Lak, eine Strategie, die eindrucksvoll gelang. Die touristische Infrastruktur dehnte sich im Zeitraffer aus. Von einem ruhigen Gebiet war nicht mehr viel zu finden. 80 Prozent aller Todesopfer waren in dieser Region zu beklagen, im Vergleich zu anderen Destinationen gab es innerhalb eines Jahres keinen Fortschritt beim Wiederaufbau. Problematik beim Wiederaufbau: Versprechungen, Verschuldung, Versicherung und Nachfolgeproblematik Nach einem Blitzeinsatz, in dem man die betroffenen Gebiet vom Schutt säuberte, erfolgte eine Verzögerung des Aufbaus, da Versprechungen seitens der Regierung teilweise nicht eingelöst, internationale zugesagte Geldern nicht überwiesen und Gelder für die Unterstützung lokaler Gebiete nicht freigegeben wurden. So kam es bspweise in Khao Lak erst im Sommer 05 zur Ausschüttung eines Teils der Soforthilfe. Da in Khao Lak der internationale Tourismus boomte, wurden Kredite relativ leicht vergeben. Viele Hotels waren zum Zeitpunkt der Katastrophe hoch verschuldet, da sie erst seit ein paar Jahren in Betrieb waren und die Investitionskosten bei weitem nicht erwirtschaftet hatten. Dazu kam, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Hotels umfassend versichert war. Von 98 betroffenen Hotels hatten nur 26 eine Versicherung, wobei je 13 Hotels gegen Erdbebenschäden bzw. Überflutung versichert waren. Der Rest, meist kleine Hotels und Resorts, waren wahrscheinlich unversichert, da sie bisher keinen Anspruch erhoben haben. Unternehmen, die Hotels gegen Flut und Wasserschäden versichert hatten, entzogen sich rhetorisch ihrer Verpflichtung indem sie argumentierten, dass die Überschwemmung ein Resultat eines Erdbebens war, gegen Erdbeben versicherte Hotels erhielten unter Anwendung gleicher Argumente keine Unterstützung, da der Schaden laut Versicherung eindeutig auf eine Überschwemmung zurückzuführen war. Weiteres Problem: Viele Inhaber starben bei der Katastrophe und es kam unter den Nachfolgern zu Erbstreitigkeiten. Manche überlebende Inhaber standen unter Schock und litten derart unter dem Verlust ihrer Angehörigen, dass sie die Gegend verließen und bis dato nicht zurückgekehrt sind. Kein Ausverkauf: Die Preisstrategie Die Touristenverbände Khao Lak und Phuket bekräftigen, dass es nicht durch Billigpreisstrategien zu einem Ausverkauf der Region kommen soll. Seit der Hauptsaison ab November 05 erfolgte in Khao Lak ein „soft opening“, bei dem die verschonten und wieder errichteten Hotels Touristen anlocken sollten. Ende 2006 sollen 80 Prozent der Hotels wieder geöffnet werden, mit einer Preissteigerung von 5 – 10 % (um die Kosten des Wiederaufbaus zu decken). Außerdem soll Khao Lak zur Beispieldestination mit intakter Natur, qualitativ besseren Resorts und einer gut eingebetteten Infrastruktur werden – ob dies tatsächlich umgesetzt wird (vor allem unter dem Druck von Reiseveranstaltern, die erste Rabatte bereits direkt nach dem Unglück einforderten) ist fraglich. Es wird schwer sein, einzelne Unternehmer von Dumpingaktionen abzuhalten. Wie schwer das Überleben ist, wird überall ersichtlich. Kleinunternehmen – wie zB Unternehmen die Elefantentrekking im Nationalpark anbieten – waren nicht direkt vom Tsunami betroffen, erhalten daher auch keine Unterstützung. Von den fehlenden Touristen sind diese Unternehmen aber genauso betroffen. 38 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Soziokulturelle Implikationen Kultur dient als Referenzsystem gesellschaftlicher Analyse, als „a whole way of life“ und umfasst die Werte einer Gemeinschaft, deren Normen, denen sei folgt, und auch die materiellen Güter, die sie schafft. In den folgenden Ausführungen zeigt Herder die gesellschaftlichen Nachbeben auf und stellt ethische Fragen zum Tourismus. Korruption, Landenteignung & Co: Die Machtdistanz Kulturen können durch Typologisierungen greifbar gemacht werden. Typologien basieren auf empirischen Studien und vereinfachen komplexe Phänomene, ohne zu trivialisieren, wobei gewonnene Erkenntnisse nur Modellcharakter vorweisen können. Thailand zählt nach Hofstede (zentraler Wissenschafter in dem Bereich) zu den Ländern mit hoher Machtdistanz, in denen Macht an eine Person bzw. an eine Position gebunden ist und ein überwiegend autoritärer Führungsstil vorherrscht. Bezeichnend für solche Länder sind starke hierarchische Abstufungen und ungleiche Machtverteilung. Länder mit hoher Machtdistanz sind anfälliger für Korruption, was auch auf Thailand zutrifft => halblegale Aktivitäten, einflussreiche Personen genießen gewisse Immunität. Die starke Verflechtung zwischen wirtschaftlicher Macht und Politik zeigt sich am Hinwegsetzen über Richtlinien – eine Erschwernis für den Wiederaufbau. Obwohl es klare Anweisungen von Gemeinden und dem übergeordneten Environmental Department gibt, werden diese Richtlinien oft nicht befolgt. Betrachtet man die illegalen Praktiken, so wird klar, dass es aus Eigeninitiative zu keiner Verbesserung kommen kann. So lange keine rechtlichen Konsequenzen zu erwarten sind, werden sich die Investoren auf dem Tourismussektor ihren Wettbewerbsvorteil sichern, in dem sie die Erwartungen bzgl. Traumbilder erfüllen (Meeresnähe, Meerblick etc.). Diese Entwicklung kann man nur durchbrechen, wenn eine ganze Region eine nachhaltig orientierte Bebauungsstrategie verfolgt. In zahlreichen Gesprächen wurde immer wieder erwähnt, dass die Auswirkungen des Tsunami besonders dafür genutzt werden, die Strände zu säubern, wobei unter „säubern“ nicht der Abtransport von Schutt und Wiederherstellung intakter Natur verstanden wird. Man zielt auf die Delogierung der lokalen Bevölkerung (wie Fischer und ehemalige Zinnminenarbeiter) ab. Dieser ökonomische schwache Teil der Bevölkerung ist Investoren ein Dorn im Auge, da sie von den für Tourismus erschließbaren Stränden durch ihr Gewohnheitsrecht kaum vertreiben werden konnten. Nachdem der Tsunami die Wohnstätten eliminiert hatte, wurden die Gebiete abgesperrt. So wird von einem Fall in Nam Khem berichtet, wo bewaffnete Wachen die Dorfbewohner hinderten, nach dem Tsunami wieder an ihre angestammten Plätze zurückzukehren, und somit auch verhinderten, nach den Leichen ihrer vermissten Verwandten zu suchen. Thais dürfen Land nutzen, wenn sie mehr als zehn Jahre dort gewohnt haben und niemand Anspruch darauf erhoben hat. Nun mussten viele erfahren, dass bisher fremde Menschen plötzlich Besitztitel auf das Land erworben hatten. Reisen als Aufbauhilfe, Spenden und ethische Moral Von Tourismuskritikern werden sowohl Reisen als Aufbauhilfe als auch initiierte Spendenaktionen beanstandet. Martina Backes sieht die Reise als Spende als einen entwicklungspolitischen Rückfall und bringt zwei Argumente in die Diskussion: Erstens werden die Ursachen für die soziale Katastrophe, an denen touristische Strukturen beteiligt sind, verdrängt. Zweitens profitiert gerade wieder der Tourismus selbst von den Wiederaufbauhilfen. Es wird „eine Reihe von diskursiven Figuren“ neu aufgestellt, was eine Wiederholung alter Fehler bedeutet: die hilflosen Opfer, die von der Gunst und Spendierfreude der Reichen abhängig sind (statt eines Abbaus armutserzeugender Strukturen), die Notwendigkeit von Modernisierung durch den Anschluss von peripheren Gebieten an den 39 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. globalen Markt und die importierte, technische überlegene Hilfsintervention (statt Stärkung lokaler Verfügungsrechte und Strategien zur Krisenbewältigung. Die Argumente von Backes sind richtig, die Ergebnisse müssen auf einer kritischen Ebene diskutiert werden. Trotzdem ist anzumerken, dass schnellen Handeln und eine gewisse Ankurbelung des Tourismus dennoch eine gute Soforthilfe darstellen. Aus Gründen des Scham und der Betroffenheit nicht mehr in die Region zu fahren, führt zu einer Verschlechterung der Situation. Es wäre eine SWOTAnalyse angebracht: Strength-weakness, Opportunities-Threats. Die touristische Rhetorik ist jedoch gefärbt von Extrempositionen: Die Tourismusmanager sehen Paradiese inmitten exotischer Landschaften, bewohnt von freundlichen Menschen. Tourismuskritiker sehen dieselbe Region als zerstörte Landstriche mit ausgebeuteten Menschen, die von westlichen Touristen abhängig sind. Eine seriöse Diskussion kann nur in einer Aufhebung dieser Dichotomie liegen. Spenden auf einen moralischen Mehrwert zu reduzieren wird irrelevant, wenn man ein positives Feedback bezüglich finanzieller Anteilnahme erhält, die die ökonomische Lage der Betroffenen deutlich verbessert. Der Missbrauch von Spendengeldern darf aber nicht verschwiegen werden. Instrumentalisierung von Religion Buddhismus ist eine offene Religion, die viel Akzeptanz gegenüber anderen Religionen mitbringt. Durch diese Offenheit ist es sehr einfach für andere Religionen, sich in Thailand anzusiedeln. Nach dem Tsunami kamen nicht nur Hilfsgemeinschaften in das Land, sondern auch viele christliche und baptistische Religionsgemeinschaften, die sich unter anderem in Khao Lak ansiedelten. Es wird von verschiedensten Seiten kritisiert, dass diese Religionsgemeinschaften in keiner Weise mit den anderen Hilfsorganisationen zusammenarbeiten. In Khao Lak siedelten sich auf einer Länge von 300 Metern sechs verschiedene kirchliche Organisationen am, um „den Menschen nachhaltig zu helfen“. Die Praktiken für die Anwerbung sind einfach: Die Leute werden angesprochen, bei Treffen teilzunehmen. Es wird über den Glauben geredet und gebetet, um schließlich zu einem gemeinsamen Mahl überzugehen. Teilweise wurden sogar Personen getauft um schließlich ihre neuen Unterkünfte beziehen zu dürfen. Notsituationen werden also ausgenutzt um auf Mitgliederfang zu gehen. Erste kritische Stimmen sind in der Bevölkerung zu vernehmen, wobei es schon mehrfach auch vor dem Tsunami zu irritierenden Aktionen gekommen ist. Der Ruf nach sozialer Verantwortung „Der Tsunami gab keinen Anlass für eine touristische Neuausrichtung. Der Tourismus sieht sich alleine als Opfer des Tsunami.“ (Minninger 2005: 2f) Es wird von Tourismuskritikern wegen der letzten Katastrophen vermehrt nach einer sozialen Verantwortung von Unternehmen verlangt. Ihr Ruf nach einer „Corporate Social Responsibility“ zielt auf eine neue Unternehmenskultur ab, welche auch Umstände wie Gewinnerzielung berücksichtigt. CSR umfasst „Aspekte der Mehrdimensionalität“ (Ökonomie, Ökologie, Soziales), der Intertemporalität (intergenerative Gerechtigkeit), der Internationalität (intragenerative Gerechtigkeit) als auch ordnungspolitische und gesellschaftliche Mitverantwortung. Die Konsequenz wäre, einen Nachhaltigkeitsdiskurs zu installieren. Das Problem: die touristische Infrastruktur ist im Besitz von Einzelpersonen, die neben menschlichen Verlusten auch ökonomische Bürden zu tragen haben (Rückzahlung alter und neuer Kredite). Von solchermaßen belasteten Personen kann nicht erwartet werden, dass sie noch weitere Investitionen für nachhaltige Entwicklung übernehmen. Seitens der Regierung setzt man aber auf eine schnelle Regeneration des Tourismussektors (unbeschränktes Wachstum, Massentourismus). Zwar gibt es einzelne ökologische Initiationen, meist aber als direkte Reaktion auf international negative Berichterstattung. 40 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Lokalkolorit und Marketing Thailand wird nach wie vor plakativ mit de Slogan „Das Land des Lächelns“ beworben. Das kann auf die hedonistische Lebenseinstellung der Thais zurückgeführt werden und geht auf soziologische, historische und religiöse Gründe zurück. Lächeln und „Spaß machen“ stellen eine gewisse Maske dar, wodurch Oberflächen-Harmonie erzeugt wird. Innere Gefühle werden jedoch verschleiert und das wahre Gesicht nicht gezeigt, womit innere Spannungen und Belastungen für den Fremden kaum wahrnehmbar sind. Die Problematik dieses Verhaltens spiegelt sich in der hohen Suizidrate Thailands wieder. Dieselbe Diskrepanz zeigt sich auch in der touristischen Planung. Einerseits wird mit der Sanftheit der Bevölkerung und dem Thai-Smile geworben, andererseits werden von der Regierung immer wieder aggressive Marketingkampagnen initiiert um die Einheimischen wieder in den touristischen Erwerbszyklus einzubinden. Mit Optimismus in die Zukunft Premier Thaksin blickt optimistisch in die Zukunft und setzt weiterhin auf das Zugpferd Massentourismus. Selbst die WTO ist der Ansicht, dass sich der Tourismussektor rasch erholt. Auch der vom Executive Council der WTO ins Leben gerufene „Phuket Action Plan“ setzt auf einen schnellen Aufbau des touristischen Sektors um das Vertrauen der Touristen zurückzugewinnen. Der Plan ist in fünf Bereiche gegliedert: Marketing Communications (an erster Stelle), Unterstützung von Klein- und Mittelunternehmen, professionelle Trainings, nachhaltiger Wiederaufbau und Risiko-Management. In den vorgeschlagenen Aktivitäten wird die Marketingoffensive der thailändischen Regierung zur Rückgewinnung der Touristen deutlich: global advertising campaign, big ticket giveaway, ticket contest or raffle, free participation in tourism fairs, road shows etc. werden als entwicklungsfördernde Instrumente genannt. Same, same not different Bisher gibt es noch keine Anzeichen dafür, dass es zu einer Neuausrichtung nach Nachhaltigkeitsprinzipien kommen könnte. Die meisten Initiativen zielen darauf ab, Tourismus wieder in die Region zu bringen, um Verluste zu kompensieren, womit nachhaltiges Handeln wohl Utopie bleiben wird. Nur in den Strategiepapieren wird eine nachhaltige Entwicklung gefordert, ein dahingehendes von der WTO bereitgestelltes Konzept bleibt aber sehr theoretisch. Ein Nachhaltigkeitsdiskurs könnte durch Gesetzesauflagen mit Förderungs- und Investitionsplänen gewährleistet werden. Das geschieht nicht und es gibt auch keine Anzeichen dafür. Außerdem könnte ein Konzept von Middleton zum Einsatz kommen: Wirtschaftlicher Erfolg ist seiner Meinung nach nur dann zu garantieren, wenn eine Balance zwischen den Interessen der Eigentümer und den langfristigen ökologischen Belangen der Destination herrscht und dabei die Erwartungen der Kunden erfüllt werden. Auch diesbezüglich sind keine Vorzeichen zu erkennen. Letztendlich entscheidet der Gast, welche Angebote angenommen werden, womit die Verantwortung nicht nur bei politischen oder wirtschaftlichen Entscheidungsträgern liegt. Aschauer, Wolfgang: Die Auswirkungen von Terroranschlägen auf destinationsbezogene Einstellungen und Urlaubsaktivitäten – Reisende in Bali vor und nach den Bombenanschlägen 2005. S. 214 – 236 Die Beziehungen zwischen Tourismus und Terrorismus 41 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Der Tourismus gewann innerhalb der Weltwirtschaft in den letzten Jahrzehnten immens an Bedeutung und wird sogar vom World Travel and Tourism Council (WTTC) als die größte Industrie der Welt mit einem der größten Wachstumspotenziale bezeichnet. Diesen Status erlangte es aufgrund der weltweiten Globalisierung und des technischen Fortschritts, da es für Reisende immer einfacher ist, in kürzester Zeit weit entfernte Länder zu besuchen. Doch hat der Tourismus aufgrund der Terroranschläge stark an Attraktivität verloren. Touristen werden für islamistische Fundamentalisten als indirekte symbolische Repräsentation der westlichen Zivilisation sowie als leichte Opfer bzw. Ziele gesehen. Doch ist das eigentliche Ziel nicht der Tourist selbst, sondern das allgemeine Gesellschaftssystem (Regierung oder die dort vorherrschende Politik). „Strategisch“ gesehen, gelingt es ihnen dadurch, die Fehlentwicklung im eigenen Land zu „bestrafen“, „ideologisch“ kann solch eine Tat als Angriff gegen den Kapitalismus und gegen die Regierungen des Gastlandes beurteilt werden. Die Medien spielen dabei eine große Bedeutung, da über Terrorattentate reges Interesse besteht und in der Regel wird eine gewisse Zeit negativ über diese Region berichtet. Dies hat zur Folge, dass das Unsicherheitsempfinden des Empfängers beeinflusst wird und indessen das Image des betroffenen Landes geschädigt, welches einen massiven Einbruch der touristischen Nachfrage nach sich zieht. Vester (2001) unterscheidet zwei Typen von Anschlägen. Einerseits werden Anschläge verübt, die die öffentliche Ordnung schädigen soll, bsp. der Anschlag auf das World Trade Center in New York 2001 oder der auf die S-Bahn Züge in Madrid 2004. Andererseits können Anschläge auf touristische Ziele erfolgen, die speziell für Touristen ein hohes Risikopotenzial darstellen, bsp. die Anschläge in Ägypten (Luxor 1997; Taba 2004; Sharm el Sheik 2005) und in Bali (2002, 2005). Je nach Einflussfaktoren (Ausmaß des Anschlages, Destinationsimage des Landes, mediale Verbreitung) kann es zu einem Substitutionseffekt oder Generalisierungseffekt kommen. Substitutionsfeffekt: Anschläge geringen oder mittleren Ausmaßes, die Besucherrückgänge bleiben auf die betroffene Region beschränkt, benachbarte Reiseländer erleben indes einen Aufschwung. Generalisierungseffekt: Anschlägen größeren Ausmaßes mit starker Medienpräsenz, kann die Tourismuswirtschaft überregional (Anschlag in Bali 2002) oder weltweit (11. September 2001) beeinträchtigen. Der Schwerpunkt dieses Beitrages liegt bei Bali. Es werden die weitreichenden Folgen der Anschläge aufgezeigt, durch eine Analyse der Tourismusstatistiken und durch eine aktuelle Studie, die unter Reisenden in Bali vor und nach dem Anschlag 2005 durchgeführt wurde, dadurch werden Aussagen über Einstellungs- und Verhaltensänderungen möglich. Der Tourismus in Bali vor und nach den Terroranschlägen Tourismusentwicklung in Bali Die Insel Bali, hat sich zu einer führenden Tourismusdestination entwickelt. Der Massentourismus kam in den 80er Jahren. Durch den Ausbau des Flughafen 1968 kam es zu starken Wachstumsraten. 1982 waren noch rund 1/3 aus Indonesien. Zwischen 1982 und 1990 wuchs der Tourismus durchschnittlich um 7,8%, die meisten ausländischen Touristen kamen aus Europa (36,3), Australien (28,7%) und Japan (14,6%). Trotz der Wirtschaftkrise und politischen Unruhen in den 90er Jahren, verbuchte der Tourismus keine groben Einbußen, primär wegen des günstigen Rupiah Kurses. 2000 hatte Bali schon 1,41 Millionen Touristen (im Jahr 1994 waren es rund 1 Million), 2001 kam es zu einem leichten Rückgang, wegen des Anschlages vom 11. September (1,36 Millionen) 42 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Der Tourismus in Bali spielt sich im Süden der Insel (Kuta, Jimbaran, Sanur und Nusa Dua) ab. Über 80% der Hotels befinden sich in den Distrikten Badung und Denpasar. Neben den Küsten bietet Bali außerdem beeindruckende Landwirtschaften und sein kulturelles und spirituelles Erbe an. Die Wirtschaft ist stark dienstleistungsabhängig und deshalb direkt als auch indirekt vom Tourismus abhängig, vor allem der internationale. Da ausländische Reisende in teureren Hotels nächtigen, länger Urlaub machen und mehr Geld ausgeben. Hotels und Restaurants stellen 58.000 Arbeitsplätze zur Verfügung. Nur 3,3% der Arbeitskräfte sind im Gastgewerbe tätig, doch tragen diese 1/5 zum Einkommen Balis bei. Werden noch die die indirekt am Tourismus beteiligt sind einbezogen (z.B. Souvenirhandel, LW), macht dies über 50% die balinesische Ökonomie aus. Der Tourismus hat Bali zu einem relativen Wohlstand verholfen. Nur 4% der Bevölkerung befindet sich unterhalb der Armutsgrenze (Indonesien über 16%), d.h. Krisen im Tourismus bedeutet Verringerung der Wirtschaftsleistungen und des Wohlstandes. Die Terroranschläge 2002 und 2005 Am 12 Oktober 2002 wurde Bali vom schwersten Terroranschlag in der Geschichte Indonesiens erschüttert. Zwei Selbstmordattentäter sprengten sich in die Luft und töteten 202 Personen, hauptsächlich junge, australische Urlauber. Deswegen wurde der Anschlag vielfach „11. September Australiens“ genannt. Drei Jahre später, am 1. Oktober 2005, explodierten wiederum drei Bomben in Bali, wobei rund 14 Indonesier und fünf Touristen starben. Unklar ist, warum Bali zweimal von Anschlägen heimgesucht wurde. Australien meint, dass hierfür die islamistische Terrorgruppe Jemaah Islamiyah verantwortlich ist, die die demokratischen Tendenzen innerhalb Indonesiens bekämpfen möchte. Außerdem ist die Chance in Bali am größten ausländische Touristen zu töten und die gewünschte mediale Aufmerksamkeit zu erreichten. Quantitative Änderungen der touristischen Nachfrage aufgrund der Terroranschläge Im Falle von den Anschlägen in Bali, kann man vom sog. schon erwähnten Generalisierungseffekt reden. Analysen der WTO zeigten, dass der gesamte Südostasiatische Raum (Malaysia, Thailand, die Philippinen und Singapur) vom Anschlag in Bali betroffen waren. Doch folgte in Bali ein massiver Zusammenbruch des Tourismus. 18.700 Touristen verließen kurz darauf die Insel, die Ankünfte verringerten sich um 80%. Händler, Straßenverkäufer und Taxifahrer verzeichneten einen Rückgang von 70%. Die drastischen Einbußen werden anhand von den Ankünften von Deutschen und Australien gezeigt Abbildung 1, S. 217. Daten bzw. Analysen bezüglich den Auswirkungen nach dem zweiten Anschlages 2005, liegen von der Bali Hotel Association vor. Vergleicht man diese mit den Anschlägen von 2002, zeigt sich, dass der zweite Anschlag weniger dramatische Auswirkungen haben wird als der erste, z.B. folgte keine Massenflucht nach dem Anschlag. Fragestellungen und Zielsetzungen der Studie in Bali Zwischen dem 23. September 2005 und dem 7. Oktober 2005 wurden 334 Touristen in Bali mittels eines Fragebogens befragt, vorwiegend Touristen an den Stränden. Da während der Befragung das zweite Attentat erfolgte, können Einstellungs- und Verhaltensänderungen bei Touristen als direkte Folge eines Terroranschlages abgeleitet werden. Deshalb wurde diese Befragung in 2 Bereiche geteilt, vor dem Anschlag wurden 220 Touristen befragt, nachher 110. Folgende Fragestellungen der Studie werden demnach behandelt: 1. Welche Einstellungen werden gegenüber Bali geäußert und welche touristischen Verhaltensweisen werden praktiziert? Analyse bezüglich, Destinationsimage, Risiko- und Problembewusstsein, Urlaubsaktivitäten und Ängste 43 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. 2. Welche Einstellungs- und Verhaltensänderungen ergeben sich bei Touristen als Folge eines Terroranschlages? Diese Veränderungen als direkte Konsequenz von Attentate 3. Welche Faktoren bestehender Ängste und kultureller Verschlossenheit können in Bali gefunden werden? Urlaubsbedürfnisse und Einstellungen gegenüber der Region dürften das Verhalten gegenüber Einheimischen stärker beeinflussen als soziodemographische Faktoren und Wertedimensionen. Wichtig dabei ist, dass beide Befragungen äquivalent zu betrachten sind. S. 119, Tabelle 2, gibt Auskunft über die beiden Befragungen. Sie zeigt, dass eine gute Äquivalenz bei beiden erreicht werden konnte. Bezüglich Herkunftslandes, Geschlechtes, Alters und Bildung finden sich keine starken Abweichungen. Ad 1: Einstellungen und Verhaltensweisen: Um die Einstellungen der Touristen gegenüber Bali zu erheben wurde ein siebenstufiges Paritätenprofil erstellt. Aus bestehenden Studien zum Image wurden wesentliche Eigenschaften entnommen und kategorisiert. Beerli und Martin unterscheiden zwischen kognitiven (in dieser Studie: Qualitätsmessung der Region dar) und affektiven (atmosphärische Beurteilung) Einstellungen der Touristen, die Daten beziehen sich auf die Befragung vor dem Anschlag. Die kognitiven Bewertungen Balis als Urlaubsziel fallen größtenteils positiv aus. Hervorgehoben wird besonders das gute Preis-Leistungsverhältnis, die beeindruckende Landschaft und die Sehenswürdigkeiten, sowie die Qualität der Infrastruktur, die Strände und das Klima fallen gut aus. Nur die starke Umweltverschmutzung wird als negativ beurteilt (siehe Abbildung 2, S. 221). Affektive Urteile über Bali fallen positiv aus, besonders das angenehme und entspannende Ambiente am Urlaubsort, sowie wird Bali als aufregend empfunden. Einzig negativ wird angemerkt, dass Bali touristisch geworden ist und viel an Ursprünglichkeit verloren hat (Abbildung 3, S. 221). Weiters wurden die Einstellungen bezüglich der lokalen Bevölkerung befragt. Diese zeigt, dass sie als freundlich und offen, arm und geduldig wahrgenommen werden. Nur die Aufdringlichkeit mancher Straßenverkäufer in Kuta wird negativ angemerkt (Abbildung 4, S. 222). Die Einschätzungen zur Sicherheitslage in Bali, Abbildung 5, spiegeln die Imaginationen einer idealisierten Fremde wider. Eine Woche vor den Anschlägen wird Bali überwiegend als sicher eingestuft, Vorkommnisse krimineller Handlungen eher unwahrscheinlich. Die Gesellschaft wird als traditionell erlebt. Das Risikobewusstsein, Abbildung 6, soll aufzeigen, inwieweit sich die Touristen mit verschiedenen Arten von Risiken gedanklich auseinander setzen. Die Grafik zeigt, dass Ängste nicht so eine große Rolle spielen. Angst vor psychischen Anpassungsproblemen oder vor unangenehmen Erfahrungen spielen eine viel geringere Rolle, als die Angst vor Krankheiten oder Terroranschlägen und vor Raub, Diebstahl und Überfällen. Das Problembewusstsein, Abbildung 7, das sich auf die Gesellschaft und den Tourismus beziehen, erhalten im Mittel einen höheren Stellenwert. Weniger relevant sind Probleme sozialstruktureller Art wie soziale Spannungen. Viele Touristen befürchten eine Veränderung von Werten und Traditionen der Einheimischen sowie tropischer Naturräume durch Abholzung etc. Nur mittelmäßig relevant sind vor dem Anschlag Aktivitäten islamistischer Terrorgruppen. Weiters erfolgte eine Analyse über die Frequenz von Urlaubsaktivitäten sowie über die Begegnungsweise der Touristen mit der einheimischen Bevölkerung sowie Sicherheitsempfinden bei div. Urlaubsaktivitäten. 44 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. Die Touristen in Bali bemühen sich sehr für einen aktiven Kontakt mit den Einheimischen und deren Kultur. Sie verbringen ihre Zeit nicht nur in touristischen Gebieten (auch abends) sondern planen auch Ausflüge abseits typisch touristischer Routen, wo auch öffentliche Nahverkehrsmittel (oft Taxis) in Anspruch genommen werden. Weiters bemühen sich die Touristen sich auch kulturell anzupassen, wobei durch die Aufdringlichkeit der Strandverkäufer wird versucht eine Offenheit gegenüber den Angeboten zu demonstrieren. Abbildung 10 zeigt diese Aspekte auch genauer. Einstellungs- und Verhaltensänderungen als Folge von Terroranschlägen Basierend auf den bisherigen Analysen zu den Einstellungen/Verhaltensweisen der Touristen wird die 2. Teilstichprobe (nach dem Anschlag) hinzugezogen und verglichen. Die charakteristisch bedeutende Änderung zeigt sich zur Sicherheit des Landes, wo man die hohe Gefahr terroristischer Anschläge realisiert hat und das Land als politisch instabil und unsicher bezeichnet wurde (Abbildung 11). Wichtig ist zu erwähnen, dass trotz den Anschlägen sich die Atmosphäre nicht negativ (unangenehmer, fremder, weniger entspannend) verändert hat und die Einheimischen weiters als freundlich, offen, arm und bescheiden beschrieben werden. Die Region wird ähnlich positiv beurteilt (Strände ruhiger und attraktiver, da keine so hohe Touristenfrequenz). Die gedankliche Beschäftigung mit persönlichen Risiken (physisch und psychisch) bleibt allerdings unverändert (Angst vor Terroranschlägen und politischen Unruhen). Der Kontakt zu den Einheimischen wird nach den Anschlägen noch stärker gesucht um ihnen ihre Sympathie zu zeigen. Die Aktivitäten der Touristen erfolgen nicht besonders verändert weiter, während sich das Sicherheitsempfinden in allen Bereichen rückgängig verändert hat (Abbildung 14). Prädikatoren von Ängsten und kultureller Verschlossenheit Durch so genannte multiple Regressionsanalysen, wurde der Einfluss unabhängiger Faktoren auf Ängste bezüglich kultureller Verschlossenheit gemessen. Einflussfaktoren, die auf geäußerte Ängste (Risikobewusstsein) wirken Durch die Integration aller unabhängigen Faktoren zeigen sich keine signifikanten Effekt auf geäußerte Ängste auf Reisen. Fernreiseerfahrung, Alter, Geschlecht, nationale Zugehörigkeit und diverse andere demographische Faktoren haben keinen Einfluss auf die Beschäftigung mit physischen, psychischen oder destinatinonsbezogenen Risiken. Konservatismus ist ein signifikanter Prädikator, je wichtiger dieser Wertedimension empfunden wird, desto eher bestehen Ängste. So steigt auch die Risikobereitschaft, je weniger ängstlich sie sind. Während soziodemographische Dimensionen und Faktoren der Persönlichkeit keine oder nur geringe Wirkungen bedingen, lösen Urlaubsbedürfnisse ungleich stärkere Effekte aus. Je offener Touristen auf die neue Kultur zugehen, desto weniger angsterfüllt sind sie. Einflussfaktoren, die auf Verhaltensweisen gegenüber Einheimischen wirken Auf soziodemographischer Ebene zeigt sich ein mittelstarker Einfluss von Alter und Geschlecht. Daher sind ältere Touristen und Frauen kulturell offener bzw. eher am Kulturkontakt mit der einheimischen Bevölkerung interessiert. Währenddessen steht die Risikobereitschaft nicht mit interkulturellen Verhaltensweisen in Verbindung. Je mehr Engagement für Gleichberechtigung (Werte wie Loyalität, Ehrlichkeit, soziale Gerechtigkeit) vorhanden ist, je eher Touristen nach Harmonie (Umweltschutz, Naturverbundenheit, Weltfrieden) streben und je mehr intellektuelle Unabhängigkeit 45 Baumhackl / Habinger / Kolland / Luger (Hrsg.) (2006) Tourismus in der „Dritten Welt“. Zur Diskussion einer Entwicklungsperspektive. Wien: Promedia. (Freiheit, Kreativität) unter Reisenden vorhanden ist, desto eher sind sie an Kontakten mit dem Gastgeberland interessiert. Wesentliche Prädikatoren sind auch Urlaubsbedürfnisse und Einstellungen, wie man den Bereisten gegenübertritt. Bali ist für europ. Und australische Touristen ein exotischen Reiseziel, mit fremder hinduistisch geprägter Kultur. Je höher das Interesse des Touristen vorhanden ist sich mit dem Gastgeberland auseinander zusetzen, desto eher ist die Bereitschaft da auf Einheimische zuzugehen – Vorraussetzung dafür die die eine entspannte und angenehme Atmosphäre. Besteht allerdings der Eindruck einer hohen Kriminalität und einer modernen Gesellschaft, so sinkt das Bedürfnis Interaktionen mit Einheimischen einzugehen. Diskussion der Ergebnisse Durch die Anschläge gerät die Ordnung der Gesellschaften ins Wanken, durch die Studie wurden Verhaltens- und Erwartungssicherheiten geprüft. Bei Fernreisen faszinieren Anspruchslosigkeit, Bescheidenheit und der zwangslose Arbeitsalltag. Bali bleibt seinem Image einer authentischen, traditionellen Gesellschaft treu, der Einheimische wird als arm, freundlich und bescheiden erlebt. Bali wird weiterhin als unsicher und politisch instabil wahrgenommen. Ängste nach Terroranschlägen nehmen zu und prägen den Alltag der Urlauber. Diese führen zu einer starken Einschränkung der Aktivitäten aus, wo das Hotelgelände als Aufenthaltsbereich vor allem am Abend bevorzugt wird. Ausflüge werden dennoch gerne unternommen. Ein wesentliches Ergebnis ist, dass die Gefühle von Unbehagen mit einer negativen Beurteilung des Reiseziels, der Atmosphäre und der lokalen Bevölkerung einhergehen. Hinduistische Tempel, agrarische, tropische Landschaften sind für die Touristen eine Faszination für sich. Die zahlreichen Einflussfaktoren auf der Eben der Einstellungen zeigen, dass auftretende Ängste in Bali sehr stark mit de Terrorismusphänomen gekoppelt sind. Weiters zeigt die Studie auch, dass zahlreiche Einflussfaktoren auf interkulturelle Begegnungsweisen der Touristen herauszustreichen. Ältere Touristen und Frauen sind an kulturellen Lebensbedingungen eher interessiert als Männer. Außerdem sind verschiedene Werthaltungen, wie Gleichberechtigung, Harmoniestreben und intellektuelle Autonomie, einen positiven Zugang zur bereisten Kultur ermöglichen. Sehr positiv wird auch die Bereitschaft mit Einheimischen in Kontakt zu treten, trotz der Terroranschläge, nicht abnimmt. Da die lokale Bevölkerung von den Touristen die Rolle des Opfers zugesprochen bekommt, zeigt sich dieses Verhalten durch eine erhöhte Bereitschaft, durch den Kauf von Souvenirs in Krisenzeiten die Einheimischen zu unterstützen und Solidarität zu demonstrieren. Die Ergebnisse zu den psychologischen Effekten weisen daruf hin, dass die Einschüchterungstaktik der Terroristen bei Touristen keinen „Erfolg“ zeigt, da die Touristen sich an diese neuen Risiken gewöhnen. Anschläge wirken sich zwar auf das Sicherheitsempfinden und auf Urlaubsaktivitäten massiv aus und führen über längere Zeiträume zu massiven Tourismusrückgängen, aber die Einstellungen bezüglich der betroffenen Region und Verhaltensweisen gegenüber der lokalen Bevölkerung ändern sich hier wenig. Für Bali bedeutet das, dass sich der Tourismus bedeutend schneller als 2002 wieder erholen dürfte. 46