Franz Kögler, Meine Kriegserlebnisse, 1. Weltkrieg, Ostfront, Juni

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Franz Kögler, Meine Kriegserlebnisse, 1. Weltkrieg, Ostfront, Juni 1914 bis
September 1915
Ich konnte mich lange nicht dazu entschließen, meine Erlebnisse während des
ersten Weltkrieges zu berichten, da ich nichts Besonderes melden kann und auch
meine Feder zu schwach ist, nur im Entferntesten mit all den Tausenden in
Wettbewerb treten zu können, die berufen sind zu schreiben. Aber endlich entschloß
ich mich zur Niederschrift meiner Erlebnisse, schon mit Rücksicht auf meine
Angehörigen, die ein Recht haben zu erfahren, wie sich die ins Feld abgegangenen
Familienmitglieder hielten und welchen Anteil sie an diesem gewaltigen Ringen
genommen.
Die folgenden Zeilen sind noch nicht die endgültige Form meiner Niederschrift. Sie
sind der Entwurf, der fertiggestellt werden mußte, solange das Gedächtnis auch die
Einzelheiten des Erlebten wiederzugeben vermag, denn ich schreibe aus dem
Gedächtnis.
Mein Tagebuch enthält nur die Namen der Orte, die ich im Verlaufe meines
Feldzuges berührte. Kommen kleine Ungenauigkeiten vor, so ist dies auf den Mangel
an
Karten zurückzuführen. Meine Karten gingen nach meiner Verwundung in die Hände
meines Nachfolgers über. Ich übte dies Überreichen, samt dem Zurücklassen eines
großen Teiles meiner Habe für die gesund Gebliebenen als selbstverständliche
Pflicht und war nicht wenig erstaunt, als ich in den Spitälern sehen mußte, daß ich
mit meiner Anschauung nicht das allgemein Geübte getroffen hatte.
Meine Erlebnisse fallen in die ersten 10 Monate des Krieges. Die Niederschrift
begann ich mit dem 5. Oktober 1916.
Die Gefahr, daß ich allzu subjektiv schildere, ist durch den langen Zeitraum zwischen
Erlebnis und Bericht sehr gemindert. Auch werde ich mich beim Schreiben immer
bemühen, über Enttäuschungen, die ich als begeisterter Feldzugsteilnehmer und
Vaterlandsfreund leider oft erleben mußte, möglichst rasch hinwegzukommen.
Unterdrücken darf ich sie nicht, denn sie gehören zum Gesamtbild und erklären
manches, was sonst im Dunkel bleiben müßte.
Meine Angehörigen werden vor allem aus den folgenden Blättern die Überzeugung
gewinnen können, daß auch von mir der Dichter hätte sagen können „der wackere
Schwabe forcht sich nicht“. Wenn sie diese Überzeugung wirklich gewinnen, bin ich
zufrieden.
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Im Juni 1914 gab es in Brünn bewegte Tage. Ein Sokol-Fest wurde in den Mauern
der Stadt abgehalten, das unheilvoll zu enden versprach, denn eine seltsame
Erregung war überall zu spüren. Und wie mir mein in den Sturmjahren Prags
geschärfter Sinn für Auflauf und Tumult verriet, war diese Erregung im Begriff,
Gewalttaten zu bringen. Die Tschechen unterdrückten natürlich ihr Triumphgefühl bei
ihrer Sokol-Schau, alle Slawen begrüßen zu können, gar nicht, und wussten genau,
dass sie mit ihrem Feste ihrem großen allslawischen Ziel in Mähren ganz gewaltig
den Boden geebnet hatten.
Während des Nachmittags war ich mit Bekannten in den Glacisanlagen, nachdem
der Festzug der Sokoln beendigt war. Wir sprachen über dies und das, und ich
mußte viel aus meiner Studentenzeit zu Prag erzählen. Ich wurde wieder ein
Jüngling dabei und hätte bei Raufhandel noch ganz gut meinen Mann gestellt, „so
wie einst im Mai“. Da durcheilte die Stadt die Trauerkunde von der Mordtat zu
Sarajevo. Mein erstes Wort war: „Das ist der Krieg“. Meine Bekannten wollten es
nicht glauben, erinnerten mich aber nach meiner Rückkehr aus dem Felde daran.
Wenige Tage später kamen die Ferien. Mit meinem Freunde Geißler, der seit dem
Falle vom Przemysl in russischer Gefangenschaft schmachtet, trat ich am 6. Juli eine
Fahrt in die Alpen an, die wohl für lange für mich die letzte gewesen sein mag.
Die Eisenbahn brachte uns bis St. Anton am Arlberg. Die Arlberghöhe, die zum Teil
noch im Winterschnee steckte, machten wir zu Fuß, in Langen mussten wir wegen
starker Regengüsse zwei Tage liegen bleiben. Aber der dritte Tag führte uns schon
durch das Nenzigast Tal, der Tübinger Hütte auf der Wildebene zu.
Die Wanderung war sehr beschwerlich, da von 1600 m an hoher Neuschnee lag. Je
höher, umso beschwerlicher und gar bald setzte neues Schneetreiben ein, das in
kurzer Zeit in Schneesturm überging. Diese Stunden waren eine treffliche Vorübung
für den Krieg. Wir verloren nicht den Weg und kämpften wacker gegen den Sturm,
der uns nach dem Erreichen des Hochplateaus der Wildebene mit furchtbarer Härte
fasste.
Abwechselnd ging bald der eine, dann der andere stampfend und keuchend voraus,
um durch die Schneemassen durchzudrücken. Immer häufiger mußten wir keuchend
stehen bleiben. Das Einhalten der Wegrichtung wurde immer schwerer, da der Nebel
uns bald die Sicht auf die nächste Umgebung nahm und so die Orientierung
unmöglich machte. Wir sprachen nichts, sondern schauten uns nur in die Augen, und
unsere Blicke sagten ganz deutlich, daß wir wußten, es geht um unser Leben. Zähne
zusammenbeißen und nicht unterkriegen lassen, das war unsere Losung. Da kam
uns ein guter Weggenosse zu Hilfe: Der Führer auf der Tübinger Hütte hatte in einem
Augenblick des Hellerwerdens die zwei mit dem Sturm und Schnee Ringenden
erspäht und kam ihnen entgegen. Und zu dritt gelang uns der Sieg. Wir betraten bald
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der Hütte gastliche Räume. Drei – ein deutscher Älpler und zwei Deutschböhmen –
hatten sich gemeinsam durchgekämpft. Ein schönes Beispiel für die kommende
Waffenbrüderschaft. Ich grüße dich, wackerer Führer von der Wildebene. Du stehst
jedenfalls als Standschütze gegen die Welschen. Möge dich ein gütiges Geschick die
Heimat wiedersehen lassen.
Zwei wunderselige Tage auf der sturmumbrausten Höhe folgten nun. Abgeschieden
von der Welt lebten wir fröhlich, dem Leben wiedergegeben.
Der dritte Tag stieg mit leuchtender Schönheit empor, und wir wanderten auf die
Eistaler-Spitze, von der weithin der Blick schweifte über all die stolzen weißen Gipfel.
Unser Auge blieb immer wieder an den Bernienerbergen hängen, denn dorthin
wollten wir.
Doch der nächste Tag zeigte uns die Unmöglichkeit. So zogen wir wieder talab durch
das Klostertal, um über Landeck und den Finstermünzpass in die Ötztaler Berge zu
gehen, die nicht so viel Neuschnee hatten, daher bezwingbar erschienen.
Die Wanderung von Landeck über den Finstermünzpass bis Mals brachte uns selige
Stunden. Zu beiden Seiten des Straßenzuges die stolzen Gipfel und hoch über ihnen
die Sonne, die so gründlich brannte, wie ich es liebe. Bald wurde es so heiß, daß die
Luft zum Flimmern kam, aber fröhlich, wenn auch ein wenig müde, zogen wir
unseren Weg. Auf dem Finstermünzpass sahen wir da und dort einen Wachtposten,
der träge in die Sonne blinzelte und nicht ahnte, daß ihn sehr bald der Donner der
Geschütze aufscheuchen werde aus seinem Traum von Heimat und Hütte.
Und dann, nach mühevoller Wanderung, der Feierabend in Mals, der erfüllt war vom
Dufte des schönsten Bergheues, das von allen Seiten auf hochgetürmten
Fudern hereingebracht wurde. Bald nach unserer Ankunft verdeckten die Schatten
der im Westen ragenden Berge den Ort, die Dämmerung kam tastend und fast
unbemerkt zwischen die Häuserzeilen. Aber hoch in den Bergen, da leuchtete noch
der glühende Sonnenball frohlockend über den glücklichen Tag, der hinter uns lag
und einen neuen Gottesmorgen verheißend.
Der nächste Morgen, es war ein Sonntagmorgen, war auch Gottes voll! Wir
bestiegen eine östlich vom Städtchen aufragende Lehne, um das Bild der Landschaft
aufzunehmen. Ich stand wohl schon so manches mal auf Schönheit über Schönheit
schenkenden Aussichtspunkten, aber so wie der Blick über Mals und Umgebung hat
sich noch nicht gleich einer in meiner Seele festgesaugt. Ich wollte den Sonntag in
Mals verträumen, aber mein lieber Wandergenosse trieb zum Aufbruch, war doch
sein Urlaub nur kurz. In wenigen Tagen sollte ihn wieder das ewige Einerlei seiner
Kanzlei mitleidlos umfassen, und da wollte er recht viele schöne Bilder mitnehmen.
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Wir nahmen die Rucksäcke und schritten in den Sonntag hinein, das Malsertal
aufwärts zur Höllerhütte. Spät am Abend kamen wir dort an und fanden glücklich
noch ein Plätzchen, wo wir uns strecken konnten. Früh um drei Uhr waren wir schon
wieder unterwegs, die Weißkugel war unser Ziel. Stunde um Stunde verrann, über
eine steile Lehne nach der anderen kamen wir dem Gletschergebiet der Weißkugel
immer näher, bis uns endlich eine steile, vereiste Rinne auf das ewige Eis brachte.
Die weitere Wanderung war sehr mühsam für mich. Während mein Genosse von der
Neuschneedecke getragen wurde, brach ich fast bei jedem Schritt bis zum Knie ein,
denn die gute Mutter Natur hat mir eine behagliche Leibesfülle verliehen, die auch
den stärksten Anstrengungen nicht weicht, und immer fröhlich behauptet, sie werde
mich niemals verlassen.
Der Gipfel der Weißkugel brachte uns leider den heiß ersehnten Rundblick nicht. Er
hüllte sich hartnäckig in einen Wolkenmantel und legte ihn, trotzdem wir lange
warteten, nicht ab. Enttäuscht machten wir uns auf den Abstieg zur Schönen
Aussicht. Hier hielten wir kurze Rast und setzten uns als Ziel für den Abend Vent,
das wir auch glücklich erreichten, als die Glocke von Vent Feierabend verkündete.
Von Vent aus bestiegen wir noch die Kreuzspitze, die Hintere Schwärze und den
Ramolkogel. Alles bei schönem Wetter. Die Krönung aller unserer Bergfahrten war
aber die Ersteigung der Wildspitze.
Von Vent aus brachen wir um ein Uhr nachts auf und die Mittagsglocke begrüßte
uns, als wir von glücklicher Bergfahrt heimkehrend, in Vent wieder einrückten.
Von Sölden aus gedachten wir, noch den Stubaier Alpen einen Besuch zu machen.
Wir unterließen ihn aber wegen der Ungunst des Wetters und beabsichtigten in
Innsbruck schönes Wetter abzuwarten. Das schöne Wetter kam bald, schon wollten
wir wieder zur Bergfahrt rüsten, da trieben mich die ungünstigen Nachrichten über
die serbische Frage in die Heimat. Eine Ahnung sagte mir, es gibt Krieg, und da
wollte ich noch einmal die Heimat sehen.
Als ich im Bahnhof der Heimat einfuhr, war soeben die Nachricht von der teilweisen
Mobilisierung eingetroffen. Überall gab es ein Raten und Fragen, und am nächsten
Tage reisten die Wehrmänner meiner Heimat ab. Ich habe das Abschiednehmen vor
der Abfahrt des Zuges mit angesehen. So ruhig, würdevoll, zuversichtlich, aber doch,
ob des Schicksales des einzelnen wehmütig, habe ich auf der Reise durch weite
Länder noch kein Volk sich geben sehen, wie die Deutschböhmen. Ein guter Kern ist
in ihnen. Sie haben es auf allen Kriegsschauplätzen bewiesen.
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Eine Woche blieb ich in der Heimat, dann rief auch mich die allgemeine Mobilisierung
zu meinem Regimente. In Brünn blieb ich einen Monat bei der 2. Ersatzkompanie
des L.-St.-I.-R. 14. Mit Rüsten, Exerzieren, Ab- und Zukommandierungen verging
diese Zeit wie im Fluge. Ende August wurde das L.-St.M.B.1 aufgestellt und ich zum
Proviantoffizier ernannt. In wenigen Tagen waren wir marschbereit. Unruhige
Stunden habe ich mit der Frage der Ausrüstung meiner 27 Fuhrwerke verbracht.
Vom Amte eines Proviantoffiziers hatte ich mir nie etwas träumen lassen. Und jetzt
mußte ich im Kriege ohne Hilfsmittel, ohne Dienstbuch, ohne Unterstützung dieses
schwierige Amt versehen. Es ging. Der Krieg hatte die erste große Aufgabe an mich
gestellt.
Am 2. September wurden wir einwaggoniert und gegen Norden ging’s. Wir wussten
nicht mehr. Auf der Fahrt durch Mähren wurden die Leute mit Massen von
Lebensmitteln beschenkt, trotzdem ich sehr reichlich für sie gesorgt hatte. Für vier
Tage hatten wir Reisevorrat, und am zweiten Tage waren wir schon am Ziel in
Oswiecim, wo wir als Eisenbahnsicherungstruppe Verwendung fanden.
Meine Tätigkeit hatte gar nichts Kriegerisches an sich. Den ganzen Tag saß ich über
meinen Büchern und Tabellen und war froh, wenn ich am Abend sagen konnte, es
stimmt. Gar bald kam ich über die ersten Schwierigkeiten hinaus und fand sogar ein
freies Stündchen, um zu Pferde zu steigen. Das war ein komischer Kampf zwischen
Reiter und Pferd. Das Pferd blieb meistens Sieger. Aber stolz blieb ich immer im
Sattel. Und auch draußen im Felde habe ich immer fest den Sattel behauptet,
trotzdem es manchmal ein tolles Jagen gab.
Von Oswiecim kamen wir nach Trzebinia. Dort war der Dienst der Nämliche. Im
Oktober lagen wir in Krakau in der Landwehrkaserne in Krowodrza. Alle hatten sich
schon mit den Gedanken befreundet, als Festungsbesatzung in Krakau den Krieg
mitzumachen. Aber in der Nacht des letzten Oktober kam der Alarm und hinaus ging
es ins Land des Feindes.
Jeden Leser wird sich nun die Frage aufdrängen, was für Gefühle haben dich
ergriffen, da du Stunde um Stunde näher an den Feind kamst. Da muß ich nun
sagen, die Antwort bleib ich leider schuldig. Ich habe einen großen Teil der
Eisenbahnfahrt verschlafen. Die Anstrengungen bei der Einwaggonierung waren
nicht unbeträchtlich, und dann zeigten sich auch sehr unangenehm die Folgen der
zweiten Cholera - Impfung, die unmittelbar vor dem Abmarsch vorgenommen wurde.
Das Bein – es war eine Oberschenkelimpfung – schmerzte zeitweise so, dass man
sich nur mit Mühe aufrecht erhielt. Eine Erlösung war daher die Eisenbahnfahrt, und
die Erlösung war ausgiebiger Schlaf.
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Spät abends kamen wir in Andrejow an. Sofort wurden wir auswaggoniert und
erfuhren auch gleich, dass wir die letzten waren, die die Strecke benützt hatten. Am
nächsten Morgen sollte sie gesprengt – für die Russen unbenützbar gemacht –
werden, die hart hinter unseren Truppen her waren. Ein Nachtlager auf bloßen
Dielen, ohne ein Hälmchen Stroh, brachte wenig Erquickung.
Im Morgengrauen brachen wir wieder auf und standen bald in Marschkolonne auf der
großen gegen Krakau führenden Reichsstraße, um Befehle abzuwarten. Neben uns
brachen reichsdeutsche Flieger eilig ihre Zelte ab, und die vor uns liegende
Eisenbahnlinie fiel der Zerstörung anheim. Mit unheimlicher Regelmäßigkeit erfolgten
die Explosionen. Eine Brücke und eine Bahnhofanlage nach der anderen wurden
zerstört und zwar mit echt deutscher Gründlichkeit.
Gegen Abend kam der Abmarschbefehl. Das Bataillon (Baon) vor uns kam rascher
vorwärts und gar bald hatte ich die Fühlung mit ihm verloren. Die erste Schwierigkeit.
Der Ernst hatte aber eigentlich noch gar nicht begonnen. Mit zwei Wagen blieb ich
kurze Zeit in Andrejow stehen, um Fleisch einzukaufen. Ein Kilogramm eine Krone.
Als ich dann wieder weiterfuhr, war ich bald allein. Keine Ahnung, wohin das Baon
gegangen war. Die Nacht kam, und unser Wegweiser waren die frischesten
Wagenspuren, die uns nachts glücklich zum Baon brachten. Auf dieser Fahrt lernten
wir das Gefühl der Gefahr kennen.
Zwei Wagen und sechs Mann auf der Hochfläche, hart am Feind, ohne Karte und
ohne Orientierung. Ich ging mit dem Gewehr in der Hand voraus und durchsuchte
Gesträuch, Gehöfte und Waldteile längs des Weges. Die Sinne wurden bald
schärfer. Es dauerte nicht lange, und die Augen unterschieden Menschen genau von
Gesträuch. Und dem Ohr erschien nicht jedes Geräusch als das Getrappel
ansprengender Kosaken. Aber anstrengend ist dieser Zustand der Erregung. Danach
fiel ich denn auch in einen tiefen Schlaf.
Der nächste Tag sollte uns noch mehr Mühe und Erregung bringen. Wir hatten
Befehl gegen Pinczów zu marschieren und mussten die Nida passieren. Polnische
Bauer sagten uns nun, dass der Fluss nicht passierbar sei. Ich meldete das
pflichtschuldig dem General. Er kam nach vorn, ließ sich die Meldung nochmals
wiederholen und gab mir eine Nase, weil ich nicht schön genug salutierte und nicht
die vorgeschriebenen drei Schritte vor ihm Stellung genommen hatte.
Eine Patrouille stellte dann fest, dass Pioniere über Nacht eine Notbrücke gebaut
hatten. Warum hat das der General nicht gewusst? Beim Passieren des ersten
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Fuhrwerkes stürzte das Sattelpferd in den Fluss. Mit fabelhafter Geschicklichkeit
holten die Pioniere das Pferd wieder aus dem Wasser und von nun an ging das
Übersetzen des Flusses ohne Störung. Vor uns entwickelte sich das Baon teilweise
zum Gefecht, da Kosaken avisiert waren.
Ich stand mit meinem Wagen in der sumpfigen Ebene, auf schmalem Wege, der
nicht einmal das Umkehren gestattete. Was wäre aus uns geworden, wenn wir
wirklich angegriffen worden wären. Doch bald setzten wir uns wieder in Marsch und
kamen in Pinczów in die zurückflutenden Truppen.
Endlos zog es da an uns vorüber. Alle Truppengattungen und Trains in
unaufhörlichem Zuge. Wir machten den Schluss, und nach uns sprengten Pionieren
die Brücke, denn wir gingen auf das rechte Nidaufer zurück. Der weitere Marsch war
eine furchtbare Plage. Unsere Wagen waren für die Feldwege viel zu schwer und die
mährischen Pferde nicht so ausdauernd, wie es sich für ein Land mit solchen Wegen
gehört. Außerdem schmuggelten die Leute fortwährend Sachen auf die Wagen, die
nicht hingehörten und die Pferde unnütz beschwerten.
Nachts habe ich dann die Ladungen überprüft und eine Menge von unnützen Dingen
weggeworfen. Im Morgengrauen des nächsten Tages ging es weiter. Der Befehl
lautete nach X. Aber eine Kunst war es zu erfahren, wo X lag. Da musste ich erst
einen Offizier suchen, der eine Karte besaß.
Endlich waren wir im Marsch. Wir fuhren rüstig drauf los. Während der Mittagsrast
hörten wir, unsere Landsturmmarschbrigade sei aufgelöst und jedes Baon einer
anderen I.E. zugewiesen. Nach etlichen Stunden, während Tausende von Wagen,
darunter Hunderte von Büffelgespannen an uns vorüberzogen, wussten wir unser
Marschziel. Das Baon marschierte voraus. Da wir im Rückzug waren, hätte es hinter
uns bleiben sollen. Und bald war ich in einem Waldgebiet allein mit dem
Bewusstsein, hinter dir sind keine eigenen Leute. Der Marsch auf dem Waldwege
war sehr mühselig. Bald stürzte ein Wagen, bald war der Weg so schmal, dass
unsere Spurbreite nur mit Mühe Platz fand. Gegen Abend stellte sich Regen ein und
es wurde so finster, dass man nicht zehn Schritte weit sah. Wegen der Nähe des
Feindes sollte jedes unnütze Geräusch vermieden werden, aber bei Stockungen gab
es Lärm genug. Licht sollte auch keines gebrannt werden, doch blieb schließlich
nichts anderes übrig, als die Laternen anzustecken. So fuhren wir stundenlang einem
ungewissen Schicksal entgegen.
Vor einem Dorfeingang mussten wir erst Baumstämme beiseite schaffen und Löcher
zuschütten und zum Überfluss einen Teich durchfahren. Ich glaubte nicht, dass dies
Kunststück gelingen werde. Aber es gelang doch. Endlich waren wir am Marschziel,
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einer sumpfigen Wiese. Vom Baon lies sich niemand sehen. Ich hatte keine Ahnung,
wo ich auffahren sollte und so blieb ich denn auf gut Glück stehen. Ein scharfer kalter
Wind ging uns bis auf die Knochen. Die Feuer wollten gar nicht brennen und die
Pferde ließen die Köpfe hängen. Da kroch ich denn – später tat ich das sehr oft –
zwischen zwei Pferde und fand, dass das bei unfreundlichem Wetter das beste
Plätzchen sei. Auch diese Frostnacht ging vorüber und am nächsten Tage hatten wir
dieselbe Arbeit bis zum Abend.
Mühseliges Fortschleppen auf schlechten Wegen – in qualvoller Ungewissheit, ob es
gelingen werde, das Baon, das wieder durchgegangen war zu entdecken. Den
ganzen Tag gab es ein entsetzliches Durcheinander. Trainkolonnen fuhren einander
vor, durchbrachen sich, und den Kürzeren zog dabei regelmäßig ich, da ich leider bei
Streitfällen der Niedrigste im Range war und außerdem niemals mein Marschziel
nennen konnte. Bei einer Straßenkreuzung gab es ein Durcheinander, wie am
jüngsten Tage. Als ein General ordnend eingriff, wurde es etwas besser. Ihm
verdanke ich auch eine verhältnismäßig kurze Wartezeit. Er ließ mich bald durch.
Jetzt ging es längere Zeit recht flott, bis der Wirbel in der Stadt Dz. neuerdings
unentwirrbar schien. Da konnte ich mich glücklicherweise an einige Honvedbatterien
anhängen, die denselben Weg hatten und entwischte dem Städtchen.
Vor dem Ziel, einem kleinen Dörfchen, gab es stundenlanges Warten, da eine
Verpflegskolonne den Weg versperrte. Müßig saß ich im Straßengraben und
schluckte den Groll über all die Unordnung schwer genug hinunter. Ich sah, dass ich,
an Ordnung und das Einhalten der Befehle gewöhnt, immer im Nachteil war, da die
anderen bei jeder Gelegenheit auf eigene Faust weiterfuhren.
In wenigen Tagen war ich auch brutal und rücksichtslos, und dann ging’s besser. Die
Ordnung habe ich dabei freilich nicht vermehren helfen. Der Abend vereinigte mich
glücklich wieder mit dem Baon. Wir luden ab, und bald begab sich alles zur Ruhe.
Meine Wagen standen an einem Wiesenabhang, und daneben brannten hellauf die
Feuer. In weiter Ferne hörte man den ganzen Abend Infanteriefeuer.
Ich saß bei einem Feuer und wartete auf meinen Kaffee, den der Koch in der Glut
stehen hatte. Von Zeit zu Zeit hatte es den Anschein, als ob neben uns etwas
einschlüge. Ich glaubte an Täuschung, bis mich der Koch auch darauf aufmerksam
machte. Wir lauschten beide angestrengt, da schlug es einige Mal knapp
hintereinander ins brennende Holz, dass die Funken aufstoben. Jetzt wusste ich es.
Die vorgeschobenen feindlichen Infanterieabteilungen hatten uns unter Feuer
genommen. Unauffällig musste der Koch die Feuer verlöschen, auch gebot ich ihm
zu schweigen, um die Leute nicht unnötig zu beunruhigen. Kaum war der letzte
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Feuerschein verglommen, hörte das Einschlagen der Geschosse auf. Ein Stündlein
verging nun in Ruhe. Der Mond stieg langsam in die Höhe, und bald ließ er die
neuen Plachen bei der Wagenburg weithin leuchten.
Da hatten wir auch wieder das feindliche Feuer und zwar wurde der ganze
Wiesenhang systematisch abgestreut. Hier war unseres Bleibens nicht länger und
ich brachte meine Wagenburg – einen Wagen nach dem anderen fahren lassend – in
der Tiefe hinter einer Parkmauer in Sicherheit. Die Nervosität der Feuertaufe erfasste
die ganze Mannschaft und es bedurfte meiner ganzen Tatkraft, die Ordnung aufrecht
zu erhalten.
Als wir unseren neuen Aufstellungsplatz bezogen hatten, musste die Meldung an
Baon gehen. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, jetzt ist die beste Gelegenheit, um
ein für allemal das moralische Übergewicht über die Leute zu erringen. Ich sagte
dem Feldwebel, dass ich dem Baon selbst die Meldung überbringen werde und ging
nun über den immer noch im feindlichen Feuer liegenden Wiesenhang, tat meine
Meldung, und kam langsam wieder zurück.
Die Geschosse schlugen sehr zahlreich um mich ein. Aber das Bewusstsein der
Verantwortung ließ das Gefühl der Lebensgefahr nicht zu laut werden. Als ich
zurückkam, hörte ich die Leute sagen: „Ze neboji“. Ich hatte gewonnen! Ich konnte
nun jeden Einzelnen auf die gefährlichsten Wege schicken. Sie alle gingen ohne
Zaudern, wussten sie doch, wenn es gefährlich wird, so bin ich sicher mit dabei.
Mancher wird gewiß mit Recht sagen: Der Offizier darf sich nicht ohne besondere
Not der größten Gefahr aussetzen. Das ist richtig, aber er muss seinen Leuten bei
der ersten Gelegenheit zeigen, dass er den Tod nicht fürchtet. So habe ich es
gehalten, während der ganzen Zeit, da ich im Felde lag. Die Leute hatten auch das
größte Vertrauen in meine Einsicht. Sie wussten, leichtsinnig ordne ich nichts an.
Und so erfüllten sie immer tadellos ihre Pflicht,und sie haben sich auch stets wacker
geschlagen. Keinen einzigen Gefangenen habe ich als Kompaniekommandant
verloren. Trotzdem man sich nicht hätte wundern dürfen, wenn des einen oder des
anderen Widerstandskraft erlahmt wäre.
Um Mitternacht mussten wir schon wieder weiter. Mit einem Führer wanden wir uns
auf verschwiegenen Feldwegen weiter, bis wir plötzlich auf einer Hochfläche ins
Stocken gerieten. Die Vorpatrouille meldete: Kosaken vor uns!
Die Nachricht legte sich allen wie ein eisernes Band um den Hals. Unsere Stimmen
klangen alle so merkwürdig gequetscht. Doch bald schüttelte ich das lähmende
Gefühl ab, und mit ein paar Leuten ging ich die Kosaken an, die sich beim
Näherkommen in weidende Bauernpferde verwandelten.
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Ein erlösendes Lachen ging vom ersten bis zum letzten Wagen. Es war das letzte
Mal, dass die Leute Feinde dort sahen, wo es gar keine gab. Aber wir waren ja erst
eine Woche im Krieg und hatten bisher nur den tollen Rückzug erlebt. Das drückt
und macht Ängste, besonders bei schwerbeweglichen Trains. Als wir in die
Reichsstraße einbogen, steckten wir mitten im Trubel der zurückflutenden
Trainmassen. Vier Wagenkolonnen nebeneinander wälzte sich diese viele, viele
kilometerlange Masse dahin.
Die letzten Wagen wurden schon von der russischen Artillerie unter Feuer
genommen. Und da ging es wie ein Ruck durch den riesen Leib. All die tausenden
und abertausenden von Fuhrwerken setzten sich in Trab. Es entstand ein Donnern
und Getöse, wie wenn der jüngste Tag hereingebrochen wäre. Da stürzte ein Pferd,
dort wurde ein Mann gequetscht, und auch bei mir gab es Unheil. Eine Achse brach.
Ehe wir es fertig brachten, die Ladung auf die anderen Wagen zu verteilen, den
Wagen in den Straßengraben zu werfen und ohne merklichen Aufenthalt weiter zu
rasen, das vermag ich nicht mehr zu sagen.
Mittags machten wir kurze Rast, und dann ging es von der Hauptstraße weg. Mir
wurde ein Dorf zur Nächtigung angewiesen. Ich wollte mir‘s gerade gemütlich
machen und feinen Kaffee kochen, als wie erstaunt ein Oberst zu mir trat und
verwundert fragte, ob ich denn hier bleiben wolle? Von ihm erfuhr ich, dass ich
innerhalb der Feldwachenlinie säße. Da gab ich natürlich, ohne zu zaudern, Befehl
zum Abmarsch. Aber wohin? Niemand konnte mir die Verteilung der Truppen
melden. Und so fuhr ich denn aufs Geratewohl gegen Südwesten. Wenn ich
irgendwo einen Stab entdeckte, fragte ich nach dem Baon. Niemand wusste es.
Endlich musste ich bei einem Meierhofe halten, die Pferde konnten nicht mehr
weiter.
Die Zeichen eines Divisionskommandos waren überdies am Meierhof
zu sehen. Dort erfuhr ich, dass mich das Schicksal zum Baon geführt. Es lag in dem
zum Meierhof gehörenden Dorf. Der unfreundliche Empfang bei den Kommanden
war gerade zu typisch. Ich bin beim Auskunftholen niemals als Offizier aufgenommen
wurden, wurde niemals als Kamerad empfangen, sondern so ähnlich, wie man einen
Bettler behandelt. Das verstimmt für immerwährende Zeiten.
Ohne Karte und ohne Befehl habe ich mich die ganze Zeit mit dem ganzen
Aufgebote meiner Kraft durchgeschlagen, und wenn ich dann um Auskunft bat,
musste ich manches Mal lange vor dem Hause stehen, bis ich eine Antwort bekam,
deren Ton immer tief verletzend war. Die Ruhe während dieser Nacht war recht karg.
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Zwei Stunden verkroch ich mich unter einen Wagen, denn lange vor Sonnenaufgang
ging es weiter im Verbande des Divisionstrains.
Den ganzen Tag gab es ähnliche Bilder wie tags vorher. Endlose Wagenreihen
hinter- und nebeneinander, überall verendende Pferde und gebrochene Wagen und
ein Drängen und Hasten, da sehr bald die ganze Trainmasse wieder im Trab
vorwärts strebte. Merkwürdig war vor allem die Unruhe, welche die Pferde erfasste.
Aus eigenem Antrieb wurde ihre Gangart immer rascher. Oft waren sie nur mit Mühe
zu halten. Haben sie`s gewusst, was von ihnen abhängt?
Trotzdem ich mich anstrengte, meine Fuhrwerke beisammen zu halten, waren sie
bald auf drei Teile zerrissen, und jeder dieser Teile steckte in einer anderen
Divisionskolonne. Am Rastplatz fanden sie sich glücklicherweise wieder alle
zusammen. Auf der großen Gutweide des Dorfes Chrastowice lagerte der
Divisionstrain. Der Befehl kam, jeder hatte mit seiner eigenen Abteilung so lange
stehenzubleiben, bis er den nächsten Marschbefehl von der eigenen Truppe erhält.
In meiner Nähe stand ein Feldmarschallleutnant, der rief mich und nun entwickelte
sich folgendes Gespräch:
„Wer sind Sie?“
„Proviantoffizier des L.St.M.B.1“
„Was machen Sie da?“
„Ich erwarte den Marschbefehl.“
„Das Baon ist nach Krakau dirigiert, fahren Sie sofort nach!“
Ich wollte sofort abrücken, als es sich noch rechtzeitig herausstellte, dass der Befehl
dem Baon 4 galt. Ich wartete also ruhig weiter. Die Pferde wurden gefüttert. Für
unser eigenes leibliche Wohl sorgten wir auch.
Die Verbindung mit dem eigenen Baon war rasch hergestellt und wir erhielten den
Auftrag, dem Baon am nächsten Morgen Proviant zu bringen. Im Morgengrauen
labte ich befehlsgemäß das Baon und kehrte mit dem Auftrag, weitere Befehle
abzuwarten, auf den alten Aufstellungsplatz zurück.
Die Gutweide leerte sich langsam. Ein Train nach dem anderen fuhr ab und bald war
ich allein. Es wurde mir ein wenig unbehaglich zu Mute. Ich fand aber Trost in dem
klaren Befehle zu warten.
Da kam eine Batterie an mir vorüber. Der Kommandant teilte mir leise – ohne dass
es die Leute hörten – mit, dass ich zwischen den Feuerlinien stehe. Da bin ich aber
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schleunig abgekratzt. Doch das wohin blieb eine offene Frage. Nach langer Zeit
erfuhr ich, dass die Trains in Golczowice zusammenzukommen hätten. Weil mir
keine Karte zur Verfügung stand, machte ich einen entsetzlichen Umweg. Nachts
kam ich glücklich an, und sofort kam ein neuer Befehl, mit dem Gefechtstrain nach
Kolbarck zu marschieren und dort Küchen für das Baon zu fassen.
Der Weg führte in schwärzester Nacht durch Bäche und über sumpfige Wiesen und
den letzten Hauch von Roß und Mann galt es dran zu setzen, um bis hin zu kommen.
Nach der Ankunft erfuhr ich, dass die Küchen schon längst abmarschiert seien.
Wohin, wusste niemand. Die Küchen hatten am Vormittag den Abmarschbefehl
erhalten und ich am Nachmittag den Auftrag, die Küchen abzuholen. Die Nacht war
bitterkalt. Ehe noch die Sonne empor stieg, war ich schon wieder unterwegs auf der
Suche nach dem Baon. Ich fragte da und dort. Von niemand erhielt ich Auskunft. So
irrte ich von Stellung zu Stellung, von Regiment zu Regiment, und erst am Abend
entdeckte ich das Baon. Der Empfang war nicht gerade höflich. Da ich schuldlos war,
konnte sich meine Antwort natürlich auch hören lassen.
Nun gab es ein furchtbares Gefrett wegen der Verpflegung. Ich wurde an das 91.
Infanterieregiment gewiesen. Dieses fand es nicht einmal der Mühe wert, mir eine
ordentliche Antwort zu geben. Am nächsten Tage war ich schon wieder einem
anderen Regiment zugeteilt. Das fand ich zum Glück gar nicht.
Am dritten Tage kam endlich Ordnung in die Sache, da ich wieder selbständig fassen
konnte. Die viel gerühmte Kameradschaft hatte sich nicht gerade im besten Lichte
gezeigt.
Eine Woche lag ich nun in Golczowice, besorgte täglich die Fassungen und brachte
sie nachts zum Baon. Bei einer dieser nächtlichen Fahrten stürzte der Wagen, auf
dem ich saß, beim Durchqueren eines Baches, und ich lag mitsamt der Ladung im
Wasser. Mühsam krabbelte ich in die Höhe, noch mühsamer brachten wir den
Wagen wieder hoch. Nach getaner Arbeit kauerte man am Lagerfeuer und röstete
abwechselnd die Körperhälften.
Am 16.11. nachmittags wurde das Baon alarmiert. Ich erhielt Befehl, mit dem
Gefechtstrain dem Baon zu folgen. Der Provianttrain sollte auf dem
Aufstellungsplatze bleiben. Ich erreichte das Baon natürlich nicht mehr. Um es zu
suchen, ließ ich die Wagen am Walde warten, und ich ritt auf eine Höhe, um
Ausschau zu halten. Je höher ich kam, umso deutlicher wurde der Gefechtslärm, und
hin und wieder traf ich auch einen Blutzeugen, der vorne tobenden Schlacht, der
mühsam zum Hilfsplatz humpelte.
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Als ich den Wald verließ, hatte ich noch wenige Schritte im Freien bis auf eine
sandige Kuppe zurückzulegen. Zu dieser lenkte ich mein Rösslein, um von ihr
Ausschau zu halten. Ich mühte mich ab, etwas zu finden, aus dem ich auf die
Marschlinie des Baons schließen könnte, entdeckte aber nichts.
Doch meines Bleibens war nicht lange. Die russische Artillerie mochte mich vielleicht
für den Aufklärer einer Batterie, die hinter mir im Walde stecken konnte, gehalten
haben, und sandte mir ihre eisernen Grüße. Vier Granaten schlugen in meiner Nähe
ein. Bespritzten mich und das Pferd im Sand. Das Pferd stieg kerzengerade in die
Höhe, ich behauptete mich im Sattel und riß es herum. Nun ging es in schärfster
Karriere wieder den Abhang hinab, dem deckenden Walde zu.
Doch hier kam ich in noch schlimmere Lage. Anscheinend waren es mehrere
Batterien, die nun den Wald unter Feuer nahmen. Schrapnells platzten in den Kronen
der hochstämmigen Kiefern und überschütteten weithin den Boden mit Geschoßund Astteilen, und schwere Granaten knickten starke Bäume so leicht, wie ein
müßiger Wanderer zarte Halme umbiegt. Und in diesem Hexenkessel – ich auf dem
immer rasender werdenden Pferde! Wie der wilde Jäger sauste ich durch den Wald.
Einen tiefen Graben gab es vor mir. Da hinein kullerten Reiter und Pferd.
Zitternd an allen Gliedern sprang das Pferd auf, und ich saß merkwürdiger Weise
wieder oben. Und weiter ging’s, wie auf Sturmesflügeln.
Als ich zu meinen Leuten wieder zurückkam, war das Pferd mit Schaum bedeckt,
und mir taten alle Glieder so weh, daß man mich vom Pferde heben mußte. Im Dorf
Kolbarck warteten wir nun mit anderen Trains, bis wir erfuhren, wo unsere
Abteilungen lagen.
Spät am Abend, als eben ein heftiger Wind und Regen uns heimsuchten, wurde mir
endlich die Auskunft beim 54. Infanterieregiment erteilt, ich könne erfahren, wo mein
Baon sei. Nach Stunden fanden wir das 54. Infanterieregiment, und dort sagte man
mir, daß Baon liege irgendwo bei Chrastowice. Da war nun guter Rat teuer. Keine
Karte – kein Führer! Ein Proviantoffizier eines Artillerieregimentes, einer der wenigen
wirklichen Kameraden, die ich im Felde traf, verschaffte mir einen Führer, mit dem
wir uns nun mühsam durch Sumpf und Wald vorwärts wanden, bis wir nach endlosen
Stunden ganz erschöpft und vollständig durchnässt in Chrastowice eintrafen. Nach
allen Seiten schickte ich Patrouillen. Alle kamen zurück, ohne das Baon gefunden zu
haben.
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Da hielt ich nun auf der Dorfstraße in tiefdunkler Nacht und gedachte, das
Morgengrauen abzuwarten. Mit dem Gewehre im Arm schritt ich bei meinem Wagen
auf und ab. Die meisten Leute waren so erschöpft, dass sie in Pfützen kauernd
einschliefen. Mich hielt nur das Gefühl der Verantwortung aufrecht.
Von Zeit zu Zeit umhalste ich ein Pferd, um ein wenig zu ruhen. Aber bald gab ich es
auf, da ich spürte, dass die von den Tieren ausgehende Wärme das Schlafbedürfnis
unwiderstehlich zu machen drohte. Vor uns krachte von Zeit zu Zeit ein Schuß. Da
hatte ich plötzlich das Gefühl von der rechten Flanke müssen Menschen kommen.
Ich ging ihnen, ohne das ich sie hören oder sehen konnte, entgegen und sah auch
bald dunkle Punkte leise heranschleichen. Mit dem Gewehr im Anschlag rief ich sie
an. Da ertönte eine Antwort, die mich in jubelnde Freude versetzte.
Das ist ja der Kögler, sagte die mir wohlbekannte Stimme meines Kameraden
Permann. Er war mit einer Patrouille unterwegs. Wir erzählten uns von unseren
Irrfahrten, während ich ihn mit Kaffee labte. Nicht allzu weit entfernt stand das Baon,
zu dem er nach wenigen Minuten wieder aufbrach. Ich sollte ihn nicht mehr sehen.
Das Gefecht, das bald nach Sonnenaufgang anhub, hat auch ihn verschlungen.
Als es lichter wurde, begann das Gefecht. Es wogte lange Zeit unentschieden hin
und her, wie ich aus dem Näherkommen und Fernerwerden des Feuers schloß.
Durch eine Patrouille ließ ich dem Kommando meinen Aufstellungsplatz melden, und
um Verständigung bitten, wenn ich gebraucht werden sollte.
Stunde auf Stunde verging. Vom Baon hörte ich nichts. Da fuhr ich denn mit dem
Munitionswagen los. Nach 20 Minuten stieß ich schon auf die dritte Kompanie, die
sich zurückgezogen hatte. Ein wenig später traf ich das Baonskommando. Mit einem
Mann schleppte ich Munitionskisten zur Schwarmlinie. Die Wagen hielten hinter der
letzten Deckung. Viel konnte ich nicht erfahren. Nur soviel sah ich, daß es nicht
besonders gut stand.
Nach der Verteilung der Munition kehrte ich auf den alten Aufstellungsplatz zurück.
An mir vorüber zog der Strom der Verwundeten. Gar mancher vom eigenen Baon
war dabei. Auch der Kommandant ging wegen Erkrankung zurück. Die Verlustliste
des Tages zählte 117 Mann.
Während der Nacht hielt ich mit den Küchen an der Straße von Chrastowice. Alle
Verwundeten oder Erschöpften, die vorüber wankten, wurden mit Kaffee oder Suppe
gelabt. Auch entzündeten wir ein wärmendes Feuer innerhalb der vier geschwärzten
Wände eines ausgebrannten Hauses und täuschten uns so recht wirksam eine
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warme Stube vor, trotzdem wir meist in feinen Kälteschauer verursachendem Regen
standen.
Am nächsten Tage kehrte ich auf den Trainplatz von L. Gol. zurück. Stumm und in
sich gekehrt, tat jeder seine Arbeit.
Auf allen lastete die erste Begegnung mit dem Tode, dem ich gleich am nächsten
Tage wieder gegenüber stehen sollte.
Eine Staffel von 30 Fuhrwerken wurde mir zugewiesen, mit denen ich die Bergegüter
des Gefechtsfeldes von Golacowi abholen sollte. Wir setzten uns in Bewegung und
erreichten sehr bald das Baon, das das Gefechtsfeld absuchen und die Toten
bestatten sollte. Alle, die dieses traurige Geschäft besorgten, gingen so merkwürdig
langsam und schienen fast ohne Leben, trotzdem sie sich schwer mühten, dem hart
gefrorenen Boden einige Gräber abzuringen. Wir sammelten 110 Tote. 70
Österreicher und 40 Russen. Alle waren steif gefroren und reckten die Arme wie
flehend, viele aber auch wie Rache suchend zum Himmel. Die meisten
Todeswunden rührten vom Artilleriefeuer her, das die Getroffenen nicht allzu lange
leiden ließ. Abgedeckte Schädel, sodass das Gehirn bloß lag, weggerissene
Gesichter, fehlende Arme und Beine, zerrissene Brustkörper und Bauchwände - so
lagen sie da. Einer nach dem anderen wurde durchsucht, um Namen und Heimat
festzustellen und den Nachlass aufzunehmen.
Die meisten Russen blieben für uns namenlos. Man hatte ihnen die
Erkennungstäfelchen schon abgenommen oder es hatten die meisten keine
besessen. Auch hatten sie nur sehr selten Briefe.
Von unseren konnten wir Namen und Heimat feststellen. Viele hatten auch Briefe bei
sich und sehr oft fand man die Bilder von Weib und Kind und den Eltern. Gar
manches trug Spuren des vergossenen Blutes. Da lag nun, in einem Tüchlein
zusammengebunden, der armselige Nachlass von 110 Männern, die im Kampfe
gefallen waren. Unter dem Häuflein lag auch eine Uhr, die noch ging. Ihr Tick Tick
klang deutlich vernehmbar und unwillkürlich mußte man denken, wie lange noch.
Und auf einer eisigen Höhe wird jemand deine Uhr und deine Briefe in ein
Tüchelchen binden als letzten Gruß für die Heimat.
Die Gräber waren fertig, in Reihen wollten wir die Toten hineinlegen. Da rollten auf
einmal über uns Granaten. Die Russen hatten uns entdeckt und für vorgehende
Reserven gehalten, denn vor uns ging das Gefecht. Gleich die erste Salve ging in die
Nähe eines Grabes nieder. Eine Granate wühlte sich in eine Reihe toter Russen ihr
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Loch, und Arme und Beine der hart gefrorenen Leichen tanzten einen furchtbaren
Reigen.
Wir mußten uns in die nächste Deckung zurückziehen und mit der Beendigung
unserer Arbeit bis zum Dunkelwerden warten. Als die Sonne gesunken war, legten
wir die Toten in die Gräber. Ein Vaterunser, dann arbeiteten die Spaten. Und bald
wölbten sich die Hügel, die das Leid von 110 Familien einschloß. Zum Schluß
wurden Kreuze aus weiß schimmerndem Birkenholz aufgerichtet.
Als wir ins Nachtquartier gingen, da drehten die Leute nach einigen Schritten immer
wieder die Köpfe gegen die Gräber, die mit ihren weiß leuchtenden Kreuzen in der
dunklen Novembernacht noch lange sichtbar blieben. Und auf dass den begrabenen
Helden der Salut nicht fehle, donnerten die ganze Nacht die Geschütze.
Ich stand noch lange, nachdem ich die Kantonierungswachen aufgestellt, lauschte
auf das Grollen der Geschütze und schaute in der Richtung der Gräber, bis ich
endlich mein einsames Strohlager im Winkel einer Hausflur aufsuchte. Lange konnte
ich nicht einschlafen. Meine Gedanken waren da draußen bei den Toten.
Nun kamen drei Wochen verhältnismäßig behaglichen Lebens. Einige Tage davon
verbrachte ich mit dem Gefechtstrain in Zarcozce und besuchte jeden Abend das
Baon, das drei Kilometer entfernt in X lag. Den größten Teil dieser Zeit war ich beim
Provianttrain auf der Waldblöße von L.Gol. Ein Tag verstrich wie der andere mit der
ungestörten Beschaffung der Verpflegung. Nur hin und wieder gab es Ereignisse, die
uns ein wenig in Schwung brachten.
So saßen wir einmal im sonnenhellen Mittagsschein, als ein Flieger über uns seine
Kreise zog. Er blieb verhältnismäßig lange über uns stehen und kehrte nach einigen
kunstvollen Schleifen in die russischen Stellungen zurück. Keiner dachte mehr an
den Flieger, als plötzlich das charakteristische Aufheulen immer näher kommender
Granaten an unser Ohr schlug. Alles duckte sich, wie die Hühner, denen der Habicht
droht. Dann ein furchtbares Krachen, begleitet vom Brechen einiger Bäume, und acht
hohe Staub- und Rauchsäulen stiegen mitten aus unserem Lager auf.
Die Russen hatten, von ihrem Flieger belehrt, ausgezeichnet geschossen. Nach allen
Richtungen rasten die bespannten Fuhrwerke und Küchen auseinander. Es war
schwer, sie wieder auf einen Fleck zu sammeln. Merkwürdigerweise war bei meinen
Fuhrwerken gar nichts geschehen. Nach geraumer Zeit kehrte ich wieder auf den
alten Aufstellungsplatz zurück, da die Russen nach meiner Meinung den selben Ort
kaum noch beschießen würden.
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Die anderen Trains suchten sich andere Aufstellungsplätze und wurden doch wieder
von schwerer Artillerie beschossen, während ich auf dem alten Platze unbehelligt
blieb. Auffallend war, dass wir mehrmals am Tage beim Zuführen des Proviantes,
während der Rasten, von russischer Artillerie erwischt wurden. Es muss da
unbedingt Verrat im Spiele gewesen sein.
Einmal kamen bald nach der Ausfahrt die Küchen mit schweißbedeckten Pferden
zurück, ohne das Baon erreicht zu haben. Die Russen hatten die Küchen mit Feuer
überfallen. Da ging ich denn mit den Küchen nochmals hinaus, suchte einen
gedeckten Weg und brachte sie ohne Verluste zum Baon.
Die Tätigkeit als Proviantoffizier bringt zwar nicht so oft die Gefährdung des Lebens
wie in der Front, ist aber keineswegs so angenehm, wie sich das die meisten
vorstellen dürften. Qualvolle Stunden sind die des Herumirrens ohne Karte und ohne
Führer, das Fragen nach dem Baon u.ä.. Hat man es endlich erreicht, gibt es
natürlich Vorwürfe, die, weil ganz ungerechtfertigt, sehr verbittern. Das
unangenehmste Geschäft ist wohl die Buchführung und die Geldgebarung. In einer
kalten Herbstnacht am Lagerfeuer sitzend, Aufzeichnungen kontrollieren und
Hunderter und Tausender in schöne Päckchen ordnen, wenn nicht allzu ferne die
Geschütze rollen und die Maschinengewehre knattern, ist eine Aufgabe, die den
Geist furchtbar ermüdet. Und dann immer und immer wieder die grüblerischen
Gedanken: Wird die Proviantstaffel rechtzeitig ankommen, usw.? Denn obzwar
meine Leute brav und willig waren, so fehlte ihnen doch die Wärme des
Pflichtgefühles, das unablässige Denken, wie mache ich es besser und praktischer.
Alles überließen sie der Fürsorge des Offiziers, vom Pferdebeschlagen bis zum
Brotzählen und Postabholen. Und dazu noch die Einsamkeit, kein Vertrauter weit und
breit, mit dem man sich hätte manchmal in den blühenden Gärten der Begeisterung
und den Wünschen für die kommende Gestaltung Europas ergehen können.
So kam es, dass ich tagelang nichts anderes sprach als Befehle. Andererseits wuchs
aber auch von Tag zu Tag die Überzeugung, dass in meiner Umgebung mein
deutsches Pflichtgefühl doppelt wichtig war. Und so wuchs ich an den zu
überwindenden Schwierigkeiten und habe während des Feldzuges alles, was ich
unternahm, zum guten Ende gebracht. Aber wie gerne hätte ich manchmal ein
Augenpaar leuchten sehen, das mir sagt, ich fühle mit dir und an mir soll‘s nicht
fehlen.
Der Gehorsam, auch wenn er todverachtend ist, allein tuts nicht. Und so habe ich
denn Tage und Wochen im polnischen Lande verbracht, allein auf mich gestellt, und
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die soldatischen Eigenschaften, die mir von meinen Vorderen her im Blute stecken,
haben sich entwickelt und bewährt, trotzdem ich äußerlich so gar nichts Soldatisches
an mir habe.
Wie hätte die Leistungsfähigkeit vervielfacht werden können, wenn man öfter ein
aufmunterndes Wort von oben und ein kameradschaftliches Gespräch gehört hätte.
Aber nichts von alledem. Im Gegenteil: Verletzendes und Höhnisches gab‘s genug
zu hören. Niemals spürte man die geistige und vor allem soldatische Überlegenheit,
die blindes Vertrauen einflößt und den halben Erfolg macht. Da taucht eine
Erinnerung aus späterer Zeit auf:
Ich hatte mit meiner Kompanie einen ganzen Monat eine Stellung inne, habe dort
unermüdlich geschanzt und Hindernisse gebaut, Tag für Tag feindliches Feuer über
mich ergehen lassen und in steter Wachbereitschaft nicht das Geringste verabsäumt,
sondern im Gegenteil, mich beinahe im Dienste aufgerieben. Wir kommen zurück,
werden vom Oberst zum Rapport befohlen und von ihm nicht einmal mit einem
Handschlag begrüßt. Man sollte doch meinen, dass man das Offizieren, die einen
Monat ununterbrochen vor dem Feinde lagen, nicht bieten sollte. Das Schönste kam
aber noch.
Der Oberst besprach eine Reorganisation im Trainwesen u. ä. und meinte, jetzt
müsse endlich einmal etwas gearbeitet werden. Das faule Leben, wie es im
Schützengraben geführt werde, sei hier in der Reservestellung ganz
ausgeschlossen. Diesen selben Oberst sah ich während dreier Monate, die ich im
Schützengraben verlebte, einmal!
Er wusste anscheinend vom Schützengraben nicht mehr als die Besucher des
Schützengrabens im Wiener Prater und hatte sich ein ganzes Leben lang auf den
Beruf des Kriegers vorbereitet. Ähnliche Episoden ließen sich in Menge erzählen.
Doch zurück zu den fröhlichen Episoden. Trotzdem die Verpflegung sehr gut war,
vermissten wir doch einen Genuss gar sehr - das Bier!
Da raunte mir eines Abends ein Artillerist geheimnisvoll ins Ohr: In Olkucz gibt‘s Bier!
Gleich rüsteten wir eine Expedition. Zwei Offiziersdiener banden sich kunstvoll leere
Gurkengläser auf den Rücken und traten den Marsch gen Olkucz an. Als sie weg
waren, befiehl mich eine seltsame Unruhe. Den ganzen Tag begleitete ich sie in
Gedanken auf dem mir bekannten Wege. Mit der Uhr in der Hand stellte ich zu jeder
Stunde fest, wo sie sein könnten. Und endlich kamen sie zurück. In den
Gurkengläsern schwappte köstliches Bier, das für meinen lechzenden Gaumen trotz
der 10 km langen Reise nichts an Güte eingebüßt hatte.
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Da gab es kein Wanken und kein Weichen, Glas auf Glas wurde eingegossen und
allem, was das Herz bewegte, geweiht. In so gehobener Stimmung wie damals im
polnischen Walde habe ich wohl selten noch gezecht.
Einmal brachte eine von mir ausgeschickte Requisitionsabteilung einige uralte Kühe,
die keine Milch mehr gaben. Doch unser Koch verstand es, der einen noch täglich
ein kleines Glas Milch abzuschmeicheln. Ich hatte nun längere Zeit als das Haupt der
lagernden Bande Milchkaffee und wurde ob dieses seltenen Genusses von gar
manchem beneidet. Aber auch die Milch schenkende Kuh hatte es sehr gut. Sie
bekam einen Windschutz aus dichtem Gezweig und einen alten Sack als Decke und
überlebte zur Belohnung für ihre herrliche Eigenschaft alle Genossinnen. Doch eines
Tages mussten wir auch sie erschlagen, da das Fleisch knapp geworden war.
Als die Neigung bemerkbar wurde, an der genannten Stelle zu überwintern, gingen
wir daran, zwei Häuser zu bauen. In zwei Tagen hatten wir eine Offiziershütte für
zwei Personen mit Tisch und Bank fertig gestellt, in der es sehr traulich war. Das
Hauptstück der Einrichtung war ein eiserner Ofen, den wir aus einer zerstörten
Eisenbahnstation geholt hatten. Es gab dort auch Kohle, und es wurde nun für
behagliche Wärme gesorgt.
Da ich in diesem Unterstand auch die Kassa hatte, konnte bei Nacht der
Kassaposten weiter heizen und das Schlafen wurde wirklich zum Vergnügen.
Ausgezogen und leicht zugedeckt, ruhte es sich wie im schönsten Herrschaftshaus.
Verwöhnt war ich freilich nicht, denn bisher waren Munitionswagen mein Ruheplatz
gewesen. In diesem Häuslein fühlte ich mich sehr wohl.
Meine Bücher und meine Kasse waren immer in Ordnung. Zu tun gab es nicht allzu
viel und die unangenehmen Stunden, die der Dienst oft brachte, gingen rasch
vorüber. Je größer die Enttäuschung bei dienstlichen Angelegenheiten war, um so
rascher und auch fröhlicher kehrte ich zu meinem Wigwam zurück. Da war ich König.
In den Tagen, da wir unseren Häuserbau fertiggestellt hatten, ereignete sich noch
etwas, das unsere gute Stimmung soweit hob, als es überhaupt möglich war. Die
Verbindung mit der Heimat war nach längerer Pause glücklich hergestellt.
Ein feierlicher Augenblick war es, als Feldwebel Z. das erste Mal auszog, um die
Post abzuholen. Mit stiller, aber nachhaltiger Freude wurden die ersten Grüße aus
der Heimat in Empfang genommen, und von nun an blieb das Verteilen der Post die
festliche Stunde des Tages. Eine günstige Verbindung der Kämpfer mit der Heimat
ist von großem Wert und erhöht die Widerstandskraft.
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Ihr, die ihr zu Hause geblieben seid, sendet daher alle fleißig Grüße ins Feld. Es muß
nichts Besonderes sein, was Eure Karten berichten. Jede bringt Heimatduft und
erfüllt ihren Zweck, auch wenn sie ganz Belangloses erzählt. Und als gar die ersten
Pakete kamen, da sah man verklärte Augen!
Unsere Waldidylle sollte bald ein Ende finden. Unser Baon wurde der 46. L.I.T.D.
zugeteilt, und ich musste den Anschluß an das neue Proviantamt suchen. Das lag in
Ryczowok. Ein Halbtagsmarsch brachte uns dorthin. Ich traf den speisenden Herrn
Hauptmann, der nun mein Vorgesetzter war im Kreise zahlreicher Offiziere. Ich
meldete mich und musste, trotzdem ich sehr begehrlich auf den gedeckten Tisch
blickte, die Tür nach erstatteter Meldung wieder von draußen zumachen.
Mehr als einen halben Monat lag ich nun immer mit den Herren des Proviantamtes
der 46. L.I.T.D. im selben Ort, ohne mit ihnen in gesellschaftliche Berührung zu
kommen. Sie hatten eine wunderbare Offiziersmenage eingerichtet und waren sehr
gut verpflegt. Es fiel ihnen aber nicht ein, mich nur ein einziges Mal einzuladen. Sie
saßen im schön geheizten Zimmer, und ich hockte ein paar hundert Schritt davon
entfernt am Wachtfeuer. Vielleicht wollten die Herren von mir nichts wissen, weil ich
einer Landsturmformation angehörte. Wir waren eben nicht gleichwertig. Wenn es
aber in den Tod ging, war immer der Landsturm voran.
In Ryczowok blieben wir nur zwei Tage. Dann setzten sich die Trains der ganzen
Division in Bewegung. Ich machte den Schluss der Kolonne. Nachts wurde während
des Marsches das Marschziel geändert, aber nur die Spitze davon verständigt. Da
die Wagenreihe bei den schlechten Wegen öfter zerrissen wurde, bestand die
Gefahr, daß die Kolonne nach verschieden Richtungen auseinander fährt. Daran
dachte ich. Nun sehe ich, daß die Wagenreihe vor mir einen falschen Weg
einschlägt, rase atemlos nach vorn, um den Fehler zu vermeiden, und dort teilt man
mir lächelnd mit, dass schon vor vier Stunden ein neues Marschziel bekannt
gegeben wurde.
In derselben Nacht geschah noch etwas Bezeichnendes. Der Weg war so schmal,
dass nur ein Wagen Platz fand. Von Zeit zu Zeit gab es Pausen. Eine dehnte sich ins
Endlose. Endlich riss mir die Geduld, ich ging nach vorn, und sah, dass ein Wagen
stecken geblieben war. Um ihn herum standen die Kutscher der anderen Fuhrwerke
ohne einen Finger zu rühren. Es waren Slawen. Als ich sie zum Zugreifen antrieb,
war die Stockung in einer Minute behoben. Vor uns warteten die Kampftruppen auf
Nachschub und ein paar faule Lümmel brachten einer gesamten Wagenreihe
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stundenlange Verspätung. Die Herren Kommandanten müssen es sich eben
abgewöhnen, ins Quartier voraus zu reiten.
Vielfach fuhren wir an Gefallenen vorüber, die nackt waren. Der Mangel an Kleidern
muss damals sehr drückend gewesen sein! Über einen solchen Toten stolperte ich
im dunklen Wald und fiel auf ihn. Da ist mir wohl die Gänsehaut gekommen, umso
mehr, da ich wußte, wir sind in einer Choleragegend.
Das Grausen wurde noch größer, als ich im Walde bald darauf in eine russische
Latrine fiel. Doch habe ich auch das überwunden.
Eine recht traurige Nacht verbrachten wir in Czizowa. Für die Pferde war kein Dach
zu finden. Alles war überfüllt, und so standen sie die ganze Nacht in Sturm und
Regen und ließen die Köpfe immer tiefer hängen. Wir standen neben ihnen in
Zeltblätter gehüllt und drängten uns an die Feuer. Trotz des wasserdichten
Umhanges fanden doch auf ganz unerklärliche Weise verschiedene Wässerlein den
Weg bis zur Haut.
Am nächsten Tag machte die mühselige Fahrt bis nach Zarnowinc zu einem
Plagetag ersten Ranges! So lange wir auf Seitenwegen fuhren, war es angenehm.
Als wir aber auf die Hauptstraße einbogen, begann das Tappen im Ungewissen und
die Disziplinlosigkeit. Niemand wusste, in welchen Teil der Kolonne er gehörte, und
so gab es bald ein tolles Vor- und Ineinanderfahren. Der Rücksichtsloseste kam am
besten vorwärts. Ich wollte lange nicht an dieses Durcheinander glauben, sah aber
schließlich ein, dass ich allein in der viele Kilometer langen Marschlinie gar nichts
erreichen könne und kümmerte mich von nun an nur noch um meine Wagen.
Auf zermürbter Straße ging es in wilder Hast den ganzen Tag vorwärts. Je näher die
Nacht kam, um so unruhiger wurde ich, weil ich nicht das Marschziel und noch
weniger den Standort des Baons erfahren konnte. In Zarnowinz waren die Pferde am
Ende ihrer Kraft. Ich musste halten. Auch erfuhr ich, dass Rogow, der nächste Sitz
des Proviantamtes sei, und dorthin wollte ich am nächsten Morgen aufbrechen.
Das Einstellen der Pferde war wieder nicht möglich; sie sahen aber auch schon recht
jämmerlich aus. Unsere schweren Pferde aus den Sudeten sind für einen Feldzug
nicht geeignet, vor allem sind sie gar nicht abgehärtet.
Ich kroch in einen Wagen, legte mir ein kleines Bündel Stroh unter den Kopf und
schlief bald ein. Nicht lange sollte meine Ruhe dauern, denn ich wurde durch die
Berührung eines Lebewesens geweckt. Es dauerte geraume Zeit, bis ich begriff, um
was es sich handelte. Ein am Wagen angebundenes Pferd hatte den Kopf unter der
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Plache durchgeschoben, meinen Kopf beiseite gedrückt und sich über mein
Kopfpolster gemacht. Ich gab ihm eins auf die Nase und schloß die Plache wieder.
Doch nach kurzer Zeit war das Pferd mit seinem Kopf wieder bei mir. Dieses Spiel
wiederholte sich solange, bis mein Kopfpolster verzehrt war und mein Kopf auf einer
Munitionskiste ruhte.
Der nächste Morgen war angenehmer, da es mir gelang, mich von der Hauptkolonne
loszulösen und allein auf Seitenwegen zu marschieren. Ich kam ohne Störung als
erster in Rogow an, fand gutes Quartier und schöne Unterkunft für meine Leute. Die
Meldung beim Herrn Hauptmann, der beim Mittagessen saß, war insofern erschwert,
als die Ordonanz ihn während des Essens nicht stören lassen wollte. Ich schob sie
aber beiseite und wurde dienstlich empfangen.
Vom Essen bekam ich nur den Duft. Auch scheint es nicht üblich zu sein, daß diese
Leute einen müden Offizier einen Stuhl anbieten. Doch Schwamm drüber.
Der nächste Tag brachte uns als Marschziel Mugoslawice, das wir trotz des
mangelnden Marschbefehles und des Durcheinanders glücklich erreichten. Eine
Woche blieben wir hier stehen. Diese Woche unterschied sich in der Arbeit nicht viel
von den verflossenen. Fassungen und Verteilung an das Baon waren die Arbeit.
Auch gelang es meinen Leuten, eine große Menge vergrabener Gewehre ausfindig
zu machen. Trotzdem für das Zustandebringen von Waffen Belohnungen ausgesetzt
waren, habe ich nichts empfangen, was ich als Belohnung hätte auffassen können.
In Mugoslawice verbrachten wir auch unseren Weihnachtsabend. Die Leute hatten
eine in unserem Gehöft stehende Fichte mit Kerzen, die sie von Brünn im Tornister
für den Weihnachtsabend mitgetragen hatten und mit Christbaumschmuck geziert.
Die Luft war so ruhig, dass die Lichter so brannten, wie in einem Zimmer. Als alle
versammelt waren, sangen wir das Lied „Stille Nacht“ usw.. Dann sprach ich einige
Worte. Ich sagte, wir feiern mitten im Feindesland das Fest des Friedens, weil wir die
feste Zuversicht haben, dass wir uns in Kurzem den siegreichen Frieden erkämpft
haben werden. Je tüchtiger der Einzelne ist, um so kürzer der Kampf und um so
früher das heißersehnte Wiedersehen in der Heimat. Mit dem Wunsche für eine
glückliche Heimkehr, schloß ich.
Es ist wohl dabei kein Auge trocken geblieben. Alle waren mit ihrem Geiste in der
Heimat. Der Körper freilich hatte auch an diesem Tage seine Pflicht getan, und das
Ohr hörte das Brüllen der schweren russischen Geschütze. Das Kaiserlied, das zum
Schluß gesungen wurde, klang von all den halb erstickten rauhen Männerstimmen
ergreifend. Ich erstieg dann allein noch einen kleinen Hügel und lauschte auf das
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Toben der Schlacht. Bald waren aber meine Gedanken in der Heimat, und die Frage,
„Wirst Du sie wiedersehen?“, legte ich mir an diesem Abend gewiss hundertmal vor,
ohne aber die befreiende Antwort finden zu können.
Die Offiziere des Proviantamtes hatten eine glänzende Weihnachtsfeier im Meierhof.
Da ich nicht eingeladen wurde, hörte ich nur Verschiedenes über den Verlauf
erzählen, der jedenfalls nicht so erhebend war, wie bei uns.
Der 21. Dezember hatte unserem Baon so starke Verluste gebracht, dass es
aufhörte zu bestehen. Die Reste der Mannschaft wurden zu einer Kompanie
vereinigt, deren Befehl ich zu übernehmen hatte. Zwei Tage wurden mir zum
Abschluß der Rechnungen gegönnt. Dann nahm ich Abschied vom Train und
meldete mich in Zu Tur zur Übernahme der Kompanie. Ein neuer Abschnitt meines
Kriegerlebens hatte begonnen.
Zuerst sah ich mir die Kompanie an. Sie zählte 280 Mann, war aber durch die
vorhergegangenen Strapazen und vor allem durch das Gefecht bei Pinczow sehr
mitgenommen. Auch befanden sich viele Leute darunter, die keineswegs
felddiensttauglich waren und für eine Fronttruppe nur unnötiger Ballast.
Meine Beobachtungen meldete ich pflichtgemäß dem Regimentskommando,
erkannte aber dabei sofort, dass im Kriege ein Oberleutnant ebenso wenig eine
Meinung haben darf, wie im Frieden, und dass alles auf Glanz herrichten, immer
noch die Losung war. Ich wurde wegen meiner Freimütigigkeit ganz gehörig
angepfiffen, bekam aber doch den Auftrag, alle Leute vom Arzt untersuchen zu
lassen und über den Befund zu melden. Dies geschah, und mit Bewilligung des
Regimentskommandos schickte ich nach 2 Tagen die erste Gruppe
Frontdienstuntauglicher an das Korpskommando ab. Ich meinte damals, es sei doch
großartig zu dienen, wenn man es mit einsichtigen Vorgesetzten zu tun hat.
Am 28. Dezember verließen wir Zu Tur und marschierten nach Mlodrowie duze, wo
wir Stellung zu beziehen hatten. Es gab einen entsetzlichen Nachtmarsch. Meine
Leute versagten körperlich in erschreckender Weise. Aber doch kam ich mit einem
ansehnlichen Trupp morgens zwei Uhr beim Regimentskommando an. Die Leute
waren zwar willig, aber es fehlte ihnen der Schwung.
Da ist es nun erklärlich, dass die müden Knochen sehr bald im Straßengraben
rasteten. Da und dort verkrümelt sich einer, ohne dass man es merkt. Das Gefüge
der Kompanie wird immer lockerer und die Prozession ist bald fertig. Wie oft habe ich
mich da nach meinem Stammregiment, den 73ern gesehnt.
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Hier bezog ich das erste Mal einen Schützengraben. Der Teil, der mir zufiel war nur
angedeutet. In einer Nacht waren wir ziemlich tief in der Erde und auch die
Verbindung zwischen den einzelnen Grabenteilen war bald hergestellt. Kaum war der
Graben fertig, wanderten wir an eine andere Stelle, und ich musste oft bemerken,
dass man meiner Kompanie stets die größte Arbeit zuwies. Es kam dabei eine
gewisse Gehässigkeit gegen den Landsturm zum Ausdruck. Auch mag der
Gegensatz zwischen Polen und Tschechen dieser Erscheinung aufgeholfen haben.
Kurz und gut, ich spürte sehr bald, dass man mir und meinen Leuten die Rolle eines
Soldaten zweiter Güte zuwies. Und wie bald zeigte es sich, daß meine Leute viel
besser waren, als die viel gerühmten edlen Polen.
Die zweite Grabenstelle, die wir in Mlodrowie duze nun regelmäßig auf je 24 Stunden
nach 24 stündiger Rast besetzten, sperrten den einzigen im Winter passierbaren
Weg, der von uns zu den Russen durch das Sumpfgelände führte. Der Graben zog
sich längs des Sumpfrandes hin und war meist 20 bis 25 cm hoch mit Wasser gefüllt.
Der Boden war mit Wasser gesättigt, so daß der Verkehr in dem tiefen Schlamm
sehr missmutig machen mußte.
Da hockte ich denn jede zweite Nacht und verbesserte nach Möglichkeit die Stellung.
Bäume wurden gefällt, halbwegs brauchbare Unterstände gebaut und
Wasserabzugsgräben gezogen, die freilich nicht viel nützten. Auch ein
Drahthindernis entstand allmählich.
Die Kompanie, die uns regelmäßig ablöste, lies sich‘s gut sein und machte keinen
Spatenstich. Es war oft die Aufwendung der größten Tatkraft notwendig, um die
Arbeiten durch die eigenen Leute fortsetzen zu können.
Auf dem genannten Wege, gegen 500 m vor der Stellung lag eine Feldwache, die die
Russen schon einige Mal ausgehoben hatten. Um das zu verhindern, wenn meine
Leute draußen waren, wandelte ich jede Nacht zwei bis dreimal hinaus, um mit
Wachen zu helfen. Meine Leute waren immer sehr aufmerksam und ohne einen
Gefangenen zu verlieren, habe ich manche Nacht auf diesem nicht ungefährlichen
Wege gehorcht. Es war sehr schwer, nachts keinen Fehltritt zu tun, und so geschah
es denn, dass ich immer während des Marsches zur Feldwache da und dort in
Wassertümpel geriet, die mich meist bis zum Nabel mit ekligem Wasser umspielten.
Dieses Halbbad nahm ich nun mehrmals jede zweite Nacht, ohne eine Verkühlung
davonzutragen. Nicht einmal einen Schnupfen bekam ich, und wir standen doch
mitten im Winter. Meist herrschte düsteres Nebelwetter, und oft regnete es die ganze
Nacht. Ich kam daher aus der Verwunderung nicht heraus, als sich keine ernsteren
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Erkrankungen bei meinen Leuten einstellten. Über Reißen in den Gliedern klagten
wohl die meisten, und mancher wird noch nach Jahren durch Zucken und Reißen in
den Beinen an die Wacht im Sumpf von Nilod D. erinnert werden.
Manchmal gab es auch helle Sonnentage. Da war alles wie verwandelt. Die Hütten
im Dorfe sahen so freundlich drein, der Meierhof erschien wie ein vornehmer
Edelsitz, und die Sumpflandschaft hatte besonders bei Sonnenauf- und -untergang
einen eigenen Reiz. Die Farben, die über der Landschaft lagen, waren viel satter und
kräftiger als bei uns. Einige Male erschienen im Norden auch die weiß blinkenden
Türme der Stadt Pinczow, bei der am 21. Dezember 249 Mann des Baons geblieben
waren. Da mußte ich denn immer und immer wieder hinüber sehen, und oft meinte
ich, die Natur müsse dort ob der vielen Gräber besonders traurig sein. Aber wenn
man länger hinsah, so sah man die Sonne über der weißen Kirche und den dunklen
Kiefernwäldern so verheißungsvoll leuchten wie im Frieden.
In einer Nacht kam der telefonische Auftrag zu besonderer Aufmerksamkeit, da links
von uns ein Jagdkommando ein von den Russen besetztes Dorf überfallen werde.
Mit geschärftem Ohr lauschten wir nun auf alle Stimmen der Nacht.
Um Mitternacht erhob sich plötzlich bei dem Dorfe ein lebhaftes Gewehrfeuer, dann
brauste deutlich vernehmbar ein Hurra durch die Lüfte und danach nur noch einzelne
Schüsse und Schreie. Das Handgemenge war im Gange. Nach wenigen Minuten
brannte das Dorf an allen Ecken und beleuchtete weithin alles. Der Überfall war
gelungen. Die Russen hatten sich nach kurzem Widerstand ergeben.
Gegen Morgen waren die Häuser und Scheunen niedergebrannt und nur dicke
Rauchschwaden stiegen aus den Trümmern auf.
Als es hell geworden war, kam aus der Richtung des zerstörten Dorfes zwei
Gestalten auf uns zu. Ein junger Rekrut brachte einen riesigen Russen. Mit all der
Unbekümmertheit der Jugend ging der Rekrut voran und hinter ihm trabte gehorsam
der Russe, dessen Faustschlag den Führer leicht hätte niederstrecken können.
Wir riefen ihm zu, den Russen vorausgehen zu lassen. Da wurde er sehr verlegen
und entschuldigte sich mit dem Hinweis auf seine erst wenige Wochen dauernde
Dienstzeit. Und dabei zeigte seine Kleidung, daß er im Handgemenge seinen Mann
gestellt.
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Der Kampf war zu Ende, und schon kam er dem Besiegten mit rührendem Vertrauen
entgegen. Dieser Rekrut erschien mir wie unser zu Mißtrauen und zur Rachsucht gar
nicht fähiges Volk.
An den Rasttagen war ich einigen anderen Offizieren im Meierhof untergebracht. Ich
lag gerade auf meinem Strohlager, als es mir vorkam, es hätte eine weibliche
Stimme den Weg bis zu unserem Ohr gefunden. Auch die anderen waren
aufmerksam geworden und sahen einander fragend an. Ehe wir uns noch zum
Austausch von Bemerkungen aufraffen konnten, ging die Tür auf und der
Regimentskommandant trat mit einer Dame und einem Herren in Zivil ein.
Es war der Besitzer des Meierhofes mit seiner Frau. Wir machten alle sehr dumme
Gesichter und starrten auf die Frau, die uns wie ein Gruß aus einer anderen Welt
erschien. In hocheleganter Toilette, von einer Parfümwolke eingehüllt, eine
brennende Zigarette in der nervösen mit Ringen überladenden Fingern der rechten
Hand, scheint sie sich innerlich über uns lustig gemacht zu haben, da wir ganz
sprachlos waren.
Doch bald kam Leben in uns. Da hatte sie aber schon der Regimentskommandant
wieder entführt. Das Gespräch kam nun natürlich auf die Weiber.
Ich begegnete der Frau an diesem Tage noch einige Male, da sie die Schäden
besah, die der Krieg auf ihrem Gut angerichtet. Und jedes Mal konnte ich sehen, wie
es in den Augen der Soldaten, an denen sie vorüber kam, eigentümlich aufleuchtete.
Und es wurde mir erklärlich, wenn die Truppen – sobald die Zucht gelockert –
manchmal Gewalt üben.
Sonst floß unser Leben in dieser ersten von uns bezogenen Grabenstellung recht
einförmig dahin, einförmig insbesondere mit Rücksicht auf die sich gleichbleibenden
Höchstanforderungen an die körperliche Leistungsfähigkeit. Noch heute ist es mir
unerklärlich, daß ich ohne zu erkranken, jede zweite Nacht den Dienst in den nassen
Stellungen versehen konnte. Jedes Mal wurde man ganz naß, mindestens bis zu den
Knien. Manches Mal versank ich auch bis über die Hüften im Sumpf, wenn ich die
Feldwache besuchen ging. Aber die Erregung, die in der ersten Zeit des
Wachdienstes im Graben alltäglich war, half über die Schädlichkeiten hinweg, die
einem im normalen Geleise des Friedensalltages sicherlich auf das Krankenlager
geworfen hätten.
Hin und wieder schoß die Artillerie. Den Einschlag unserer Geschütze konnte ich
nicht beobachten, die Wirkung der russischen Geschosse meist auch nicht. Nur
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einmal an einem hellen Tage sah ich, wie ein einziger Schuß der Russen die Spitze
des von uns zur Beobachtung genutzten Kirchturmes wegnahm. Auch die
Türkenbatterie, die in unserer Nähe stand und so genannt wurde, weil ihre
Geschütze ursprünglich für die Türkei bestimmt waren, bekam in diesen Tagen
russischen Geschoßbesuch, trotzdem sie tief versteckt im Walde stand.
Wahrscheinlich hatten da russophile Landeseinwohner die Hand im Spiel. Überhaupt
konnte man auf Schritt und Tritt feststellen, daß der Kundschafterdienst der Russen
bestens eingerichtet war und jedenfalls von gar manchem wichtigen Vorgang auf
unserer Seite sehr bald melden und die entsprechenden Gegenmaßnahmen
veranlassen konnte. Einige Male fanden auch Verhaftungen von Landeseinwohnern
statt. Ich selbst schickte manchmal Streifwachen, die nachts den oder jenen
Ratsherren in einem einsamen Dorfe ausheben mußten. Doch erfuhr ich nie etwas
Bestimmtes über die Ergebnisse der Untersuchungen.
Verluste hatte ich, abgesehen von einigen Leuten, die erkrankten, keine zu beklagen.
Nur einmal erhielt ein Mann, der einer Erkundungsabteilung beigegeben war, einen
Schuß durch den Arm.
Diese Erkundungsabteilung, aus meiner Kompanie gebildet, war die Einzige von
mehreren, die die russischen Stellungen in einem Frontabschnitt festzustellen hatten,
welche mit einem Ergebnis von der Streife zurückkam.
Der Landsturm hatte wieder einmal seine militärische Tüchtigkeit erwiesen. Davon
sprach man aber nicht. Nur davon, daß auf langen Märschen „die alten Herren“
manchmal versagten.
In den ersten Jännertagen wurden wir zwei Tage nach Koczubow in die
Reservestellung zurückgenommen. Trotzdem nur wenige Kilometer zu marschieren
waren, kamen meine Leute doch in ziemlich erschöpftem Zustande an, da wir
unterwegs in hohem Schnee fleißig übten und dadurch die in harter Stellungsarbeit
müde gemachten Leute, die überdies 300 Patronen trugen, auspumpten.
Die Unterkunft in Koczubow, einem kleinen armseligen Neste, war schlecht. Die
Leute froren in den halb offenen Scheuern, daß sie den ganzen Tag mit steifen Knien
herumtorkelten.
Hier begab sich nun etwas, was ich lieber nicht erzählen möchte. Aber es gehört zur
Vollständigkeit des Bildes, das ich von meinen Kriegserleben entwerfen will.
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Als ich in Zu Tur die aus den Resten des L.St.M.B. 1 gebildeten Kompanie
übernahm, lies ich die Leute antreten und schaute sie mir an. Viele machten einen
jämmerlichen Eindruck und waren geradezu hinfällig. Ich meldete nach meiner
Auffassung pflichtgemäß diese Beobachtung und knüpfte daran die Bemerkung, daß
die Leute nicht leistungsfähig sind. Da kam ich aber schön an. Nachdem ich das
erste Donnerwetter ausgehalten hatte, erhielt ich den Auftrag, alle Leute vom Arzt
untersuchen zu lassen und die nicht Felddiensttauglichen mit Bezug auf einen Erlass
des Korpskommandos, der solche Leute für den Etappendienst bestimmte, zum
Korps zurückzuschicken. Dies geschah.
Wenn ein Trupp Felddienstuntauglicher beisammen war, meldete ich dies dem
Regimentskommando, mit dessen Erlaubnis ich dann die Absendung veranlasste. So
hatte ich einige kleine Abteilungen abgehen lassen und dadurch die Kriegstüchtigkeit
meiner Kompanie bedeutend gehoben.
Dann kam eines schönen Tages die eine Abteilung zurück, da man sie beim
Korpskommando, ohne sie näher anzuschauen, zurückgejagt hatte. Die Absendung
weiterer Felddienstuntauglicher wurde gleichzeitig verboten. Damit meinte ich die
Sache abgetan, aber dem war nicht so.
Nach dem Exerzieren am ersten Tage unseres Aufenthaltes im Koczubow wurde ich
zum Regimentsrapport befohlen und erhielt auf freiem Felde in Gegenwart des
Baonskommandanten vom Regimentskommandanten über Auftrag des
kommandierenden Generals einen scharfen Verweis, weil ich die Frontscheue der
Leute unterstütze.
Der Regimentskommandant war derselbe Mann, der von der Absendung der Leute
regelmäßig die schuldige Meldung erhielt. Seine Pflicht wäre es gewesen, die Sache
mit seinem Namen zu decken. Doch das geschah nicht. Das Opfer war ich. Ich
mußte nachher über die ganze Komödie bitter lachen.
Man hätte nicht gleich einen zweiten Offizier bei der ganzen Division finden können,
der mit so warmem Herzen bei der Sache war wie ich. Und zur Belohnung meines
Eifers eine Strafe! Und warum? Weil beim Korpskommando der Erlaß, dem zufolge
die Leute zurückgeschickt wurden, in einem unglücklichen Augenblick eine andere
Auslegung fand, als die übliche.
Ich versuchte über die Sache hinwegzukommen, aber bis heute, wenn ich daran
denke, packt mich die Erregung.
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Der Aufenthalt in Koczubow währte nur zwei Tage. Dann kamen wir wieder in die alte
Stellung zurück. Der Dienst war ähnlich wie das erste Mal. Abwechslung brachten
Patrouillen, der Bau der zweiten Stellung, das Heranbringen von Aufrufen an die
russische Stellung, sogenannte Demonstrationen, wie z. B. eine nächtliche
Brückenbaudemonstration und so fort.
In der Nacht vom 13. auf den 14. Jänner wurden wir abgelöst und marschierten nach
Probolowice, wo wir bis 5. Feber in Reserve lagen. Die Muße, die uns da gegeben
war, wurde durch leichte Übungen im Gelände nutzbringend gemacht. Vor- und
nachmittags wurde geschwärmt, marschiert, geschossen und gestürmt. Diese
Ausbildung war gewiss wünschenswert, aber es wäre auch zu empfehlen gewesen,
einige Tage für die Verbesserung der Unterkünfte zu verwenden. Die Leute waren
zum großen Teil in Scheuern mit Flechtwerkwänden untergebracht und froren in den
kalten Nächten, dass sie früh beim Ausmarsch kaum aus den Augen sehen konnten.
Mein Quartier war in einer kleinen zweifenstrigen Bauernstube, die ich mit noch neun
Leuten teilte. Wenn ich abends nach Hause kam, so brauchte es immer einige Zeit,
bis ich mich an die Luft so vieler ungewaschener Menschen gewöhnt hatte, denn mit
unserer Reinlichkeit war es übel bestellt.
Noch ärger war es in der Küche, wo der polnische Bauer mit der ganzen Familie – es
waren wohl 10 Personen – hauste. Die Unterkünfte hätten viel weniger belegt sein
können, wenn sich die höheren Herren an die Quartierausteilung gehalten hätten.
Der Hauptmann Proviantoffizier, der Feldkurat und der Regimentsarzt nisteten sich in
den mir zugewiesenen Ortsteil ein und nahmen die besten Unterkunftsräume für sich
und ihre Leute in Anspruch, weil ihnen die für sie bestimmten Quartiere nicht
passten. Sie lagen zu weit weg von der Menage, und damals hatten die genannten
Herren wirklich nichts zu tun.
Wenn man auf sein Recht besteht, so zieht man gewiss später einmal den Kürzeren.
Denn die Pfade, die die Intrigen wandeln, sind für den Harmlosen und Ungeübten
nicht auffindbar. Dreimal wehe dem, der nicht zur Clique gehört und sich aufbäumt.
Er und seine Leute bekommen es zu fühlen.
Eigenartig war auch mein Verhältnis zu meinem unmittelbaren Vorgesetzten. Ohne
besonderen Anlass gab es da manchmal Schimpfereien, dass man sich fragen
musste, ob man überhaupt im Kriege sei. Oft hat es den Anschein, als ob der
Baonskommandant keinen anderen Beruf hätte, als die eingerückten
Reserveoffiziere zu quälen und ihnen zu zeigen, dass sie die unfähigsten Mitglieder
des Heeres seien.
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Besonders auf den Landsturm hatte man es abgesehen. Oft schien eine Sache das
Wohlgefallen der Vorgesetzten errungen zu haben; entdeckten sie aber beim
näheren Zusehen, dass der Landsturm sie gemacht, fand man sofort Fehler über
Fehler. Jeder Beobachter musste aber zugeben, dass im Schießen und Wachdienst
sowie in der Aufklärung die Landsturmleute den Landwehrleuten bedeutend
überlegen waren. Im Marschieren waren sie naturgemäß schwächer. Doch vor allem
auch deswegen, weil sie getreulich alles mitschleppten, was vorgeschrieben war,
während die jüngeren Leute mit federleichter Bürde daher kamen.
Nicht geringe Aufregung gab es, als der Korpskommandant seinen Besuch ansagte.
Am Tage vorher wurde probeweise die Paradeaufstellung bezogen. Hier waren die
Entfernungen zwischen Abteilungen und Unterabteilungen mit Pflöcken ausgesteckt,
gerade so wie im tiefsten Frieden bei der Kaiserparade in Dejwitz bei Prag.
Da meine Leute meist stattliche Bärte trugen, musste ich dafür sorgen, dass alle
geschoren wurden. Sie sollten jugendlicher aussehen. Warum man dem
Korpskommandanten verheimlichen wollte, dass auch alte Männer dastanden, habe
ich nicht begriffen, da er doch von der Zuweisung aufgeriebener
Landsturmformationen zu Landwehrregimenten wissen musste bzw. sollte.
Am Paradetag rückten wir im Morgengrauen aus und standen nun stundenlang in
Reih und Glied, bis der Korpskommandant mit glänzendem Gefolge erschien. Eine
Rede an das Regiment, Ansprache an die Offiziere, dann war es wieder vorbei und
fröstelnd eilten wir den Quartieren zu.
Die Gelegenheit wäre sehr günstig gewesen, die Leute seelisch über den Alltag zu
erheben; es geschah aber nicht. Dafür fehlt es bei uns am Verständnis.
Während wir in Probolowice lagen, wurde auch eine Hinrichtung von uns vollzogen.
Ein Mann der 6. Kompanie war während des Feldzuges desertiert und nach
geraumer Zeit wurde er aufgegriffen. Das Feldgericht verurteilte ihn zum Tode. Das
Urteil wurde vom Gerichtsherren bestätigt. Beim eigenen Regimente sollte es
vollzogen werden. Der Verurteilte wurde nach Probolowice gebracht, um 11 Uhr
vormittags wurde ihm das Urteil verlesen und um 12 Uhr erfolgte in althergebrachter
Weise die Hinrichtung.
Die Kompanie, in der der Verurteilte gedient, führte ihn in langsamen Schritten zum
Richtplatz, wo inzwischen die anderen Kompanien Aufstellung genommen hatten.
Bevor der Zug mit dem Verurteilten zum Richtplatz marschierte, wurde dem
Regimente in deutscher, polnischer und tschechischer Sprache das Verbrechen
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geschildert. Auch Abordnungen aller anderen Regimente der Division waren dabei
anwesend.
Ich stand mit meiner Kompanie gerade beim Richtplatz. Die Kompanie mit dem
Verurteilten kam nun heran und bildete ein Viereck, in dem der Verurteilte, der
Auditor, der Exekutionskommandant, der Feldkurat und die acht für die Vollziehung
der Hinrichtung bestimmten Männer standen. Der Auditor verlas das Urteil, hierauf
wurde das Viereck auf einer Seite geöffnet und dem Verurteilten wurden die Augen
verbunden.
Ein Säbelwink, vier Männer legten an, dann das Kommando „Feuer“ und der
Verurteilte war nicht mehr. Der Arzt stellte den eingetretenen Tod fest und das
Regiment rückte wieder ab. Bis Sonnenuntergang blieb der Gerichtete liegen. Dann
wurde er an derselben Stelle begraben.
Durch einige Tage lag auf gar Manchem ein schwerer Druck; eine solche Wirkung
hatte die Hinrichtung hinterlassen.
Lichtblicke waren in dieser Zeit die Weihnachtskistln, die in stattlicher Anzahl nach
Probolowice kamen. Mit solch freudiger Erregung wurden wohl, wenn wir von den
frühesten Kinderjahren absehen, selten Geschenke ausgepackt und genossen, wie
damals. In die Augen eines jeden, den ein Kistl erfreute, kam ein stilles Leuchten.
Der Krieg hat in vielen Fällen die Beziehungen in den einzelnen Familien
verinnerlicht und die Anhänglichkeit der Männer an die Familie vertieft.
Während das Exerzieren Verdrossenheit erzeugte, waren die Scharfschießübungen
allen sehr lieb. Mir insbesondere deswegen, weil ich da selbständig war und mit dem
Baonsverbande nichts zu tun hatte. Dann ging der Marsch durch wunderschönen
Fichtenwald und jedes Mal freute ich mich, wenn ich an der Spitze der Kompanie
reitend zwischen den ersten Baumstämmen verschwunden war und nun einige
Stunden die Freiheit genießen konnte.
Hin und wieder wurden auch große Märsche unternommen. Im Morgengrauen
rückten wir ab und den Rückmarsch machten wir über Bergeshöhen, in der Regel so,
dass uns die russischen Beobachter - die Schützenlinie war 7000 m von Probolowice
entfernt - sehen mussten.
Sie haben dann regelmäßig Verstärkungen gemeldet und dadurch Unsicherheit in
ihre eigenen Maßnahmen gebracht. Vorausgesetzt, dass sie nicht besser von den
Einheimischen, mit denen sie in vielen Fällen in enger Fühlung blieben, unterrichtet
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wurden. Einmal zeigte sich das Regiment auf einer Höhe an einem Tage sogar
zweimal, den Russen so die Ankunft einer neuen Brigade vortäuschend.
Die gesundheitlichen Verhältnisse während des Aufenthaltes in Probolowice waren
nicht günstig, da wir zahlreiche Typhusfälle zu verzeichnen hatten. Besonders die 2.
Kompanie wurde arg heimgesucht. Die Gründe für die Erkrankung der Leute waren
jedenfalls vor allem in der sehr ungünstigen Bequartierung zu suchen.
Sie lagen eng zusammengedrängt in zugigen Scheuern, und es fehlte eine
entsprechende Waschgelegenheit, die sehr leicht zu beschaffen gewesen wäre. In
unmittelbarer Nähe lagen einige kleine Dörfer, die keine Garnison hatten. Hätte man
das Baon auseinandergezogen, so wäre es ein Leichtes gewesen, alle Leute in
Stuben unterzubringen. Warum man das nicht getan hat, ist sehr schwer zu sagen.
Ich vermute aber, man wollte einzelne Kompanien nicht selbständig machen. Sie
hätten sich ohne das Sekkieren durch den Baonskommandanden zu wohl fühlen und
sich wirklich erholen können.
Wegen der Schlagfertigkeit war das Zusammendrängen nicht notwendig, da ja
überall durch entsprechende telefonische Verbindung für sofortige Übermittlung der
Befehle gesorgt werden konnte. Wäre die Unterstützung der vorn liegenden
Schwarmlinien einmal notwendig gewesen, so wären die einzelnen Kompanien
gewiss allein marschierend rascher vorwärts gekommen, als die Baons- bzw.
Regimentskolonne.
Am 5. Feber gab es Alarm. Ich rückte mit meinen Leute ab und war der Erste auf
dem Alarmplatz. Lange standen wir da, bis die anderen Kompanien eintrafen. Wir
waren halt doch die besseren Soldaten. Der Marsch war nicht weit. Mittags brachen
wir auf und vor Einbruch der Dämmerung waren wir in Kolosy, wo wir in
Paradeaufstellung übergingen und eine Rede unseres neuen Brigadiers, eines
Polen, über uns ergehen lassen mussten.
Es war bitterkalt, aber die Paradeaufstellung war sicher notwendig. Mich fror so an
die Schwerthand, dass mir der Säbel fast aus den Fingern geglitten wäre, denn lange
mussten wir habtacht stehen. Nachdem der Brigadier die Rede an die Mannschaften
beendet hatte, rief er die Offiziere vor, um ihnen in einem etwas anderen Tone
dasselbe noch einmal zu sagen. Für seine Persönlichkeit ist es bezeichnend, dass er
das Säbelsalut von den Offizieren wiederholen ließ, da es das erste Mal nicht
klappte. Seine Worte waren kalt und gefühllos, abweisend und unnahbar stolz der
ganze Mann. Ich habe ihn danach nie wieder gesehen, trotzdem wir fast 3 Monate
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unter seinem Befehl im Schützengraben lagen. Schließlich gab es noch einen
Vorbeimarsch, und dann durften wir in den Schützengraben abrücken.
Meinem Baon war der Abschnitt bei Kuchary zugewiesen. Der Baonskommandant,
ein aktiver Hauptmann, der sich die Stellung schon besehen hatte, führte und führte
uns auf einem endlosen Umwege. An der Spitze ohne Gepäck gehend, schlug er
eine rasche Gangart ein und die Folge davon war, dass das Baon – es war eine sehr
finstere Nacht – bald zerrissen war. Ich bat ihn mehrmals langsamer zu marschieren,
immer vergeblich. Schließlich wurde er so saugrob, dass ich es mir allmählich
abgewöhnte, Vorschläge zu machen, die die Erhöhung der Schlagfertigkeit der
Truppe zum Zwecke hatten. Denn jede von mir gegebene Anregung hatte immer die
nicht erwünschte Folge.
Nach langem Umherirren kamen wir endlich an Ort und Stelle. Ich bezog mit meiner
Kompanie die in einem Hohlweg untergebrachte Baonsreservestellung. Aber schon
in der nächsten Nacht wurde ich zwischen die 2. und 3. Kompanie eingeschoben, da
die Schützenlinie zu dünn war.
Die Stellungen, vor uns lag ein polnisches Regiment da, waren entsetzlich verlaust
und furchtbar vernachlässigt. Mein Unterstand war ein Erdloch, in das ich auf allen
Vieren kriechen musste und in dem ich gerade noch sitzen konnte. Ich teilte den
Raum mit meinem Diener, der bekam am zweiten Tag ein merkwürdiges Aussehen,
wurde bald nachher vom Fieber gepackt und musste schließlich weggetragen
werden. Ich hörte, dass ihn ein schwerer Typhusanfall niedergeworfen hatte. Da
wartete ich nun während der Dauer der Inkubationszeit der Typhuserreger geduldig,
bis auch bei mir die Krankheit zum Ausbruch kommen würde, da ich fest davon
überzeugt war, ich müsse unbedingt auch angesteckt sein, da es in dem engen
Erdloch ja nicht anders möglich war.
Merkwürdiger Weise war ich nicht gerade unruhig und aufgeregt, sondern es lag nur
eine stille Resignation über mir, die von dem Gedanken getragen wurde, dass es
nicht gerade rühmlich sei, einen Teil des Feldzuges auf dem Typhuslager zu
verbringen. Wider Erwarten blieb ich gesund.
Acht Tage blieben wir an dieser Stelle und hatten alle Hände voll zu tun, um den
Graben halbwegs widerstandsfähig zu machen. Allzu tief konnten wir nicht gehen, da
wir bald auf Grundwasser stießen. Feuer bekamen wir selten. Nur hin und wieder
eine Salve leichter Granaten oder Schrapnellen. Nachts stand ich fast
ununterbrochen im Graben, da sowohl auf unserer als auch auf der russischen Seite
reger Patrouillenverkehr war.
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In den ersten Morgenstunden kam der gut geruht habende Baonskommandant und
fluchte und wetterte, dass es ein Graus war, weil die Leute ausruhten. Das musste
aber so sein, da sie doch die ganze Nacht wach waren. Sehr oft hatte er auch die
Pistole in der Hand und fuchtelte damit herum. Der Mann trank gern und viel. Solche
Dinge sollte man in Kriegszeiten nicht dulden. Seine Vorgesetzten wussten davon.
Da er aber vom Schreien bald wieder Durst bekam, verschwand er rasch wieder, um
in seinem Unterstand mit den Weinflaschen zu exerzieren.
Als ich an einem Morgen den letzten Gang durch den Graben machte, gerade als es
anfing grau zu werden, hatten die Leute inzwischen einen Baumstamm
kerzengerade aufgerichtet. Er guckte wie ein Zeigefinger aus dem Graben heraus
und bot der russischen Artillerie ein bequemes Ziel. Ich rief sofort: „Baumstamm
umwerfen!“ Kaum lag er im Graben, da kamen auch schon vier Granaten und
wühlten sich 80 Schritte vor dem Graben in den Sumpfboden. Die späteren Salven
gingen unschädlich über uns hinweg, da es in der flachen Wiese dem
Artilleriebeobachter nicht möglich war, festzustellen, ob die Geschosse den Graben
treffen. Diese Episode erhöhte mein Ansehen bei den Leuten in erheblichem Maße.
„Pan Oberleutnant osceko vi“ sagten sie nachher oft.
In dieser Stellung sah ich auch den neu ernannten Regimentskommandanten zum
ersten Male. Er kam aus irgendeiner Kanzlei in Wien und musste notgedrungen in
den Schützengraben, um das Regiment zu sehen. Tadelnd ging er durch meinen
Abschnitt, fragte belanglose Dinge. Gesundheit, Verpflegung usw. schienen ihn gar
nicht zu interessieren. Er erkundigte sich nur von Zeit zu Zeit, ob Feuer zu erwarten
sei und ob der Weg bis zum nächsten Dorfe gedeckt zurückgelegt werden könne.
Dann verschwand er, und ich hatte ihn in der vorderen Linie zum ersten und letzten
Mal gesehen.
Am 13. Feber wurden wir von einem anderen Baon des Regimentes abgelöst und
kamen als Regimentsreserve nach Kolosy, einem Drecknest sondergleichen. Der Ort
besteht aus einer Ziegelei, einem Meierhof und einer Reihe kleiner Bauernhütten.
Die Wege zum Dorf und im Dorf waren grundlos. Auf der Dorfstraße steckte ich
plötzlich in einem Morastloch bis über die Knie und nur mit Unterstützung konnte ich
mich aus dem zähfließenden Schlamme herausarbeiten.
Kaum waren wir angekommen, erhielten wir strenge Befehle für die Ausbildung der
Mannschaft. Ich dachte, es wäre besser, zuerst einmal die elenden Unterkünfte der
Mannschaften zu verbessern, die zum großen Teil in Scheuern lagen, deren Wände
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aus Weidengeflecht bestanden. Auch die Ausbesserung der Wege wäre von Vorteil
gewesen.
Die gegen Abend eintreffenden Verpflegsstaffeln blieben regelmäßig einige Male
stecken und zwar mitten im Dorfe. Auch eine Bekämpfung der Läuseplage wäre eine
dankbare Aufgabe gewesen. Aber Ausbildung war das Schlagwort. So rückten wir
denn zum Üben aus.
Mein Pferd vertrug den Sälbelgruß nicht, ich meldete daher die Zahl der
ausgerückten Männer salutierend. Ein Wutanfall des Herren Baonskommandanten.
Ich zog den Säbel und wie er dem Pferde bei den Ohren vorbeifuhr, wurde es toll
und schmiss die ersten beiden Züge meiner Kompanie um. Da ich aber fest im Sattel
blieb, war der Herr Kommandant enttäuscht, denn er wollte mich auf dem Boden
liegen sehen. Dann gab es noch einmal Decken und Richten, denn der
Regimentskommandant in höchsteigener Person kam, um die Ausbildung zu leiten.
Erst hielt er mit dem Kompanie- und Zugkommandanten Schule, wie auf dem
Exerzierplatze. Da wir alle schon eine sehr lange Felderfahrung hatten, er aber erst
ins Feld gekommen war und naturgemäß auch seine Überlegenheit zeigen wollte,
gab es scharfe Widersprüche zwischen Theorie und Praxis.
Während der Belehrung und des nachher als Schulbeispiel durchgeführten
Schwärmens mit einem Zuge, mussten wir zu Pferde auf einem Flecke halten. Mein
Pferd war sehr unruhig und das hat mir manchen strafenden Blick eingetragen. Auch
war beim Herrn Obersten die Meinung schon fertig, ich könne kein guter Soldat sein,
da ich mein sechsjähriges Pferd nicht so beherrschte, wie er seinen ehrwürdigen
Gruppengaul.
Auf einem weiten Kornfeld übten wir Tag für Tag. Meine Bauern sah ich nur zögernd
die Spaten gebrauchen. Es tat ihnen leid um das schöne Korn. Aber da gab es
nichts. Nach wenigen Tagen war das Feld verwüstet, trotzdem ein A.O.K.-Befehl die
Schonung der Felder befahl.
Gelernt haben die Leute nichts, da bei ihnen allen die größte Verdrossenheit zu
bemerken war. Gewundert hat mich das nicht. Freilich musste man manchmal ganz
gehörig dreinfahren. Auch zur Beichte wurden die Kompanien geführt. Ein Teil
meiner Leute erklärten, dass sie nicht zur Beichte gehen. Ich sah ein, dass man dazu
niemanden zwingen könne und ließ sie natürlich zu Hause. Dagegen wurde zwar
nichts getan, aber angeordnet, dass diese Leute am dienstfreien Kommunionstage
zu exerzieren hätten. Warum?
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Doch zu diesem Exerzieren kam es nicht. Einige Minuten vor zwölf gab es Alarm. Wir
wurden nach Süden verschoben. Stunde um Stunde verrann, und wir marschierten
am späten Mittag immer noch gegen Süden. Wir nahmen an, dass wir auf einen
anderen Kriegsschauplatz verlegt werden sollten.
In Bojsce machten wir endlich Halt. Es war inzwischen trüb und feucht geworden und
fröstelnd lagen wir an der Straße. Die Rast dauerte ungewöhnlich lange. Als wir
endlich aufbrachen, marschierten wir denselben Weg wieder nach Norden. Wir
waren nach Zaporzice bestimmt, dass von unserem Ausgangspunkt soweit nördlich
lag, als wir eben nach Süden gezogen waren.
Der Stab der Division hatte uns falsch instruiert. Da quälten sich denn vier Baone auf
miserablen Wegen ab, wegen eines Fehlers, den ein junger Offizier des Stabes
gemacht hatte. Allzu anstrengend kann in dieser Zeit des Stellungskrieges seine
Tätigkeit nicht gewesen sein. Ob er auch, wie ich, in Koczubow einen Verweis
bekommen haben mag? Schlimm wird es nicht gewesen sein, denn unser
Baonskommandant, der während der Rast in Bejsce beim Divisionsstab gespeist
hatte, brachte nur die neuesten Witze und einen Schwips mit.
Da bald ermüdeten die Leute, und der Marsch wurde zur Quälerei, die durch den
Mangel jeglicher Marschdisziplin ins Unerträgliche wuchs. Niemals erfuhr man die
Dauer der Rasten. Hatte man aus gewissen Anzeichen auf eine lange Rast
geschlossen und daher das Verabreichen von Kaffee angeordnet, so konnte man
sicher sein, dass mitten in der Verteilung der Abmarschbefehl kam. Oder es wurden
fünf Minuten Rast angesagt, und aus diesen fünf Minuten wurde eine Stunde,
dagegen eine angeblich lange Rast schon nach wenigen Minuten abgebrochen.
Die Marschkolonne sah daher furchtbar aus. Aller guter Wille, der noch vorhanden
war, wurde durch die Kopflosigkeit des Baonskommandanten wie weggeblasen. Früh
um vier Uhr rückte ich mit einigen Leuten in Zaporzice ein. Kaum hatten wir uns dort
niedergelegt, kam neuerlicher Alarm; sofortiger Abmarsch nach Probolowice. Nach
36stündigem Gesamtmarsch kamen wir dort an. Hätten wir sofort den richtigen
Befehl erhalten, wäre es ein Spaziergang von zwei Stunden gewesen.
Im Verlaufe des nächsten Tages fanden sich alle Nachzügler ein, und die Kompanie
war wieder vollzählig. Fünf Tage blieb nun das Baon allein in Probolowice. Es war
verhältnismäßig gemütlich. Vormittags gingen wir exerzieren, nachmittags wurde
Holz geholt und ähnliches mehr.
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Am 25. Feber nachts verließen wir Probolowice, um wieder in Stellung zu gehen.
Das Baon kam in die Gräben bei Jurkow. Hier hatte ich Glück. Ich bekam einen
Abschnitt von großer landschaftlicher Schönheit und konnte mich seiner über einen
Monat – vom 25. Feber bis 26. März – erfreuen. Die Behaglichkeit wurde noch
dadurch erhöht, dass ein neuer Baonskommandant uns von dem alten erlöste, der
sich nun mit einem Kompaniekommando begnügen musste. Trotzdem bereitete er
uns fortwährend Unannehmlichkeiten, da er in der Trunkenheit die merkwürdigsten
Dummheiten machte. Der Ordnung hat er sehr viel geschadet. Wie viel guten Willen
er gemordet hat, lässt sich gar nicht abschätzen. Auf meine Leute und mich hatte er
es besonders scharf. Fortwährend schnüffelte er in meinem Graben. Alle
Beobachtungen trug er entstellt dem Baonskommandanten zu, der nach einigen
Wochen soweit bearbeitet war, dass er seine ursprünglich gute objektive Meinung
verlor und durch die Brille des ehemaligen Baonskommandanten sah. Am meisten
quälte man mich mit der Frage, ob meine Mannschaft, mit geringen Ausnahmen
Tschechen, verlässlich sei. Während der hinter uns liegenden Feldzugsmonate
hatten tschechische Truppenteile sehr oft versagt und waren mehr als einmal in
hellen Haufen zu Mütterchen Russland übergelaufen.
Es wurde daher eine strenge Beobachtung aller tschechischen Truppenteile
angeordnet und überall nach Spuren gesucht, die auf ein Einverständnis mit dem
Feinde schließen ließen. So wurden z.B. die Logblätter mehrmals genau untersucht,
da es sich herausgestellt hatte, dass tschechische Soldaten geheime Zeichen auf
der Rückseite hatten. Der Besitzer eines mit solchen Zeichen versehenen Logblattes
fand in Falle der Gefangennahme brüderliche Aufnahme. Das Bewusstsein, an der
Spitze einer Kompanie zu stehen, der man von vornherein mit berechtigtem
Misstrauen begegnete, war sehr lästig und bereitete mir viele ruhelose Wochen und
überbürdete mich mit Arbeit. Um sicher zu gehen, habe ich alles, was man sonst
dem Zugskommandanten und Chargen überläßt, Tag für Tag mehrmals kontrolliert,
jede Feldwache, Patrouille und dergleichen besucht und beobachtet und so während
mehrerer Monate eine unglaubliche Menge aufreibender Arbeit geleistet. Ich gewann
die Überzeugung, dass meine Leute zuverlässig sind und nur einer normalen
Beaufsichtigung bedürfen.
Freilich fehlte ihnen der soldatische Schwung. Sie taten klaglos ihre Pflicht, aber
damit war es auch genug. Oft und oft wurde ich nun von meinen Vorgesetzten
darüber befragt und begegnete immer misstrauischen Blicken, wenn ich erklärte, ich
könne den Leuten keinen Vorwurf machen. Da hieß es immer, ich nähme sie zu sehr
in Schutz. Man hätte mich gern als Handhabe benutzt, um ein Exempel zu
statuieren. Denn wenn von hoher Seite eine Meinung geäußert wird, dann hat eben
der Niedere sofort Beweise für die Richtigkeit dieser Meinung beizubringen, wenn er
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nicht den Verdacht der Lässigkeit auf sich lenken will. Ich blieb aber trotz vieler
Rekriminationen fest, und gehörte daher bald zu den missliebigen Offizieren. Die
Ereignisse haben aber mir Recht gegeben. Die Kompanie hat sich bestens gehalten,
keinen Gefangenen verloren und war während der Maioffensive entschieden
tüchtiger, als die polnischen Kompanien. In den Gefechten östlich des Dunajec
erwiesen sie sich sogar als draufgängerisch.
Wie mich der Regimentskommandant beurteilte, geht aus folgender Episode hervor.
Einige Tage vor Beginn der Maioffensive wurde wieder einmal ausführlich über
meine Kompanie verhandelt. Da hatte nun der Regimentskommandant des Rätsels
Lösung gefunden. Er meinte, den Schutz, den ich der Kompanie angedeihen lasse,
sei zu erklären durch meine Nationalität. Ich sei ein verkappter Tscheche und das
seien die Gefährlichsten.
Der Baonskommandant hielt dem entgegen, dass ich ja gar nicht tschechisch
spreche und ein alter Prager Student sei, über dessen Nationalität man wirklich nicht
den geringsten Zweifel hegen könne. Der Regimentskommandant blieb aber bei
seiner Meinung und ließ mir schließlich durch den Baonskommandanten sagen, ich
möge den Leuten in ihrer Muttersprache zureden und ihnen zu Herzen sprechen, auf
dass sie in den kommenden schweren Kämpfen ihren Mann stellen.
Das war nun freilich ein Auftrag, den ich nicht ausführen konnte. Ich habe den Leuten
nicht zugeredet, sondern gezeigt, wie man im Gefechte draufgeht; und so erwiesen
sie sich als tapfere Männer, so dass sie Kompanie bald auf ein kleines Häuflein
zusammengeschmolzen war.
Doch nun zurück zum Schützengraben bei Jurkow.
Ich habe schon erwähnt, dass er in einer wunderschönen Landschaft lag. Vor mir
schlängelte sich träge die Nida, auf beiden Seiten von Sumpf und nassen Wiesen
umsäumt. Diese stiegen auf beiden Seiten allmählich zu kleinen Bodenwellen an, auf
der ersten des rechten Ufers lag ich mit meiner Kompanie, rechts schloss das zweite
Baon an, links von mir war die zweite Kompanie. Der linke Flügel meiner Kompanie
begann auf einem Hügel, der hochstämmige Buchen trug. Von da zog sich der
Schützengraben durch eine sumpfige Wiese, im weiteren Verlaufe um eine kleine,
mit Nadelholz bestandene Kuppe, stieg von da auf eine trockene Lehne hinauf, wo er
die Verbindung mit dem zweiten Baon hatte. Er war über einen Kilometer lang. Zur
Besetzung hatte ich 160 Gewehre.
Als wir die Stellung bezogen, war sie in sehr verwahrlostem Zustande. Die
Grabensohle war nicht tief genug, der Kopfschutz mangelhaft, die Schießscharten
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nicht gebrauchsfähig und das Drahthindernis wackelig und schief. Auch fehlten
Flankierungsanlagen und gedeckte Zugänge zu den Unterständen. Da gab es nun
Arbeit in schwerer Fülle, und ich spannte meine Leute ganz gehörig ein.
Freilich war ich Tag und Nacht auf den Beinen. Einmal tauchte ich da auf, um nach
dem Rechten zu sehen und bald wieder am anderen Ende. Ich will nun einmal
versuchen, alle die Arbeiten kurz aufzuzählen, die ein Kompaniekommandant
während 24 Stunden leisten muss.
Mit dem Sinken der Sonne beginne ich, weil da der schwerere Teil der Arbeit anhebt.
Mit dem Einbruch der Dämmerung müssen die Horchposten und Feldwachen
aufziehen. Dies fordert den ersten Gang durch den Graben, denn es muss nicht nur
vom Kompaniekommandanten festgestellt werden, ob die erwähnten
Sicherheitsmaßnahmen getroffen sind, sondern er muss sich auch überzeugen, ob
alle Gewehre gebrauchsfertig in der Schießscharte liegen, ob jeder Mann 300
Patronen bei der Hand hat und ob die Munitionskisten für die einzelnen Züge leicht
erreichbar so lagern, dass sie gegen Artillerietreffer gesichert sind.
Die für den Handgranatenkampf bestimmten Leute müssen auf ihre Ausrüstung
untersucht und den Beleuchtungsmännern nochmals ihre Pflichten klargelegt
werden. Dann erfolgt noch die Belehrung der einzelnen Züge über die eigenen
Vorfelduntersuchungen und über ähnliche Pläne der Nachbarkompanien, um in
finsteren Nächten das Anschießen eigener Leute tunlichst zu verhüten.
Nach der Erledigung aller dieser Geschäfte erfolgt die Rückkehr in den Unterstand,
wo schon die Baons - Ordonanz mit dem Befehl wartet. Der bringt, wenn nichts
Besonderes vorliegt, mindestens einige Tabellen zur Ausfüllung oder fordert die
schriftliche Beantwortung etlicher Fragen. Inzwischen ist es vollständig Nacht
geworden und die Küchen können sich ungesehen vom Feinde heranpirschen. Die
Verteilung der Menage muss besonders scharf beaufsichtigt werden, denn während
dieser Zeit darf kein Nachlassen der Wachsamkeit eintreten. Ist doch die erste
Nachstunde, die Stunde nach Mitternacht und die vor Tagesanbruch die Zeit, in der
feindliche Unternehmungen am wahrscheinlichsten sind.
Als Letzter habe ich mich dann über‘s Essen gemacht. Während der Nacht musste
befehlsgemäß der Kompaniekommandant viermal durch seine Stellung wandern.
Jeder dieser Gänge forderte gegen eine Stunde. Bei schlechtem Wetter oder
während finsterer Nächte noch mehr. In den zwischen diesen Gängen liegenden
Rastzeiten kamen noch oft verschiedene Meldungen über besondere Ereignisse,
denn jedes auffallende Geräusch, jedes verdächtige Licht und endlich auch
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Ahnungen, mussten mir gemeldet werden. Jede dieser Meldungen forderte wieder
angestrengtes Beobachten, da der Kompaniekommandant die Entscheidung darüber
zu treffen hat, ob die Wahrnehmungen weiter zu geben sind oder nicht.
Unnötige und unbegründete Alarmmeldungen verzehren viel Kraft in unnützer Weise,
da eine einzige Nachricht beunruhigenden Charakters einer ganzen Division die so
wichtige Nachruhe rauben kann.
Die ersten Wochen der Schützengrabentätigkeit überhaupt sind natürlich oft von
qualvoller Ungewissheit erfüllt, da man die Stimme der Nacht noch nicht verstehen
lernte. Gar bald gewinnt man aber die Sicherheit des Jägers und weiß aus dem
Blaffen der Hunde und aus dem Aufscheuchen von Wild und Vögeln, mit großer
Sicherheit die richtigen Schlüsse zu ziehen. Allerdings gehört dazu eine gewisse
Veranlagung und mancher lernt‘s nie.
Ich war bald soweit, dass ich aus der Art des Bellens der Hunde auf der russischen
Seite genau beurteilen konnte, ob Bewegungen alltäglicher Art, wie der Marsch der
Küchen usw. stattfinden oder ob Verstärkungen herangezogen werden. So lag als
sicherer Wächter vor meiner Stellung ein kleines Wäldchen, das nachts ungezählten
Krähen als Ruheplatz diente. Kam in diese auffallende Unruhe, so konnte man sicher
sein, dass die Russen versuchen, vorzufühlen.
Besonders unruhig wurde so eine Schützengrabennacht, wenn die feindliche
Artillerie zu schießen begann. Ein Schauspiel von eigenartiger Macht und Schönheit.
Weit, weit hinter dem russischen Schützengraben fliegen plötzlich an verschiedenen
Stellen je vier Flammengarben zum Himmel - die Mündungsfeuer der Geschütze,
und bald vernahm man das Geheul und Gezische der herannahenden Geschosse.
Der Ton, den sie auf ihrem Fluge erzeugten, ließ ganz treffende Schlüsse auf Kaliber
und Geschossart zu. Auch erkannte man, wenn sie auf ihrer Reise bis in unsere
Nähe gekommen waren, ob sie bei uns einschlagen oder unschädlich vor oder hinter
dem Graben niedergehen oder platzen werden.
Da rasselte nun sehr bald das Telefon hinein. Regiment, Brigade usw. verlangten
einen Situationsbericht um den anderen. Wir hatten uns sehr rasch an solche
nächtliche Feuerüberfälle gewöhnt. Ganz gemütlich warteten wir in der Nähe der
Gewehre, ob der Artilleriebeschießung ein Infanterieangriff folgen werde.
Beschrieben und gesagt sind solche Dinge sehr leicht und schnell, aber was es
heißt, in einer solchen Nacht mit zum Reißen gespannten Nerven nach vorn zu
lugen, ob Infanteriemassen durch die Nacht daher kommen, während in der Nähe
des Grabens schwere Granaten tiefe Löcher reisen und die Sprengstücke der
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Schrapnells fortwährend klatschend niedergehen, das lässt sich wohl kaum sagen.
Das kann der, der es nicht miterlebt, nur ahnen, aber vielleicht nicht verstehen und
würdigen.
Die Männer, die da wochenlang oder Monate hindurch vor dem Feinde liegen und
täglich vom Tode umlauert werden, wachsen über sich selbst hinaus.
Man möge nur daran denken – ich sehe da ein Beispiel aus meiner Kompanie vor
Augen – wie sich ein armseliges Schreiberlein, das im Frieden vor jedem
Stirnrunzeln des schmerbauchbewehrten Kanzleivorstandes zitterte, geändert haben
muss, um im schwersten Feuer festen Schrittes als Gefechtsordonanz von Zug zu
Zug zu gehen, ohne zu zagen und immer klare Auskünfte zu bringen.
Eine Erlösung war es naturgemäß immer, wenn sich der erste rosige Streifen der
aufgehenden Sonne im Osten zeigte. War es doch das Zeichen für den Beginn der
behaglichen Tageszeit. Auf dem Zug genügte ein Posten zur Beobachtung und die
anderen konnten ihre müden Glieder zur Ruhe strecken. Nicht so der
Kompaniekommandant. Der musste jetzt den schriftlichen Frührapport ausfertigen.
War der glücklich draußen, so gab es immer noch keine ungestörte Ruhe. Um sechs
Uhr morgens, um halb elf und um halb drei mussten tagsüber telefonische
Situationsmeldungen ans Regiment abgehen. Außerdem noch so oft, als sich
Besonderes ereignete, z.B. acht Uhr morgens: Feindliches Gewehrfeuer auf dem
rechten Flügel der Kompanie; neun Uhr: Auf der Straße nach X fünf Wagen mit
Stroh; zwölf Uhr: Hinter dem Kirchhof des Ortes X Bewegung, anscheinend
Batteriebau; ein Uhr: Einzelne Reiter auf dem Wege von Y nach Z; vier Uhr: Feuer
am Südausgang des Dorfes N, bisher brennt eine Scheuer und ein Haus; - mit
diesen Meldungen war es natürlich nicht abgetan, da immer eine Reihe von Anfragen
erfolgten, die Genaueres erfahren wollten.
Dazu kamen noch verschiedene Geschäfte anderer Art. Zum Beispiel: Es ist sofort
zu melden, wie viele Schlosser die Kompanie hat. Es ist die Reserveportion zu
kontrollieren und unter persönlicher Verantwortung des Kommandanten das
Ergebnis zu melden. Die Kompanie hat sofort einen Pferdewärter nach X zu
schicken, die Verbandspäckchen sind nachzuzählen. Es ist zu melden, wie viel
Schuss die Kompanie am x-ten abgegeben hat, usw.
Außerdem hatte jeder Kompaniekommandant jeden dritten Tag über den physischen
und moralischen Zustand der Truppe zu melden. Da gab es natürlich oft Feuer auf
dem Dach. Als ich das erste Mal meldete „moralischer Zustand“ gut, der „physische“
lässt größere Marschleistungen nicht zu, hätte man mich bald umgebracht. Es sollte
unbedingt immer eine glänzende Meldung da sein. Wie sehr man mich auch
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drangsalierte, ich ließ mich nicht verleiten, etwas anderes als meine Überzeugung zu
melden. Sogar den Brigadier und Divisionär führte man ins Treffen und mehr als
einmal hat mir ein Baonskommandant gesagt, dass meine Meldungen sehr missfällig
aufgenommen werden.
Ich bin auch diesem Drucke nicht gewichen, hatte aber infolge dessen viel zu leiden.
Auch auf die Kompanie war man nicht gut zu sprechen; doch war es die reine
Wahrheit, dass sie zu hohen Marschleistungen nicht fähig waren. Allein als es darauf
ankam, hat sie mit den berühmten, viel belobten anderen Kompanien mehr als
Schritt gehalten. Die Berichte über diese waren immer schön aufgeputzt auf Kosten
der Wahrheit. Mit den Rapporten über die Verpflegung war es ähnlich. In den
Erlässen hieß es, der Kompaniekommandant hat genau über den Verpflegszustand
zu melden, damit ein richtiges Bild entsteht und Mängel raschestens behoben
werden können. In die Sprache des Regimentes übersetzt, hieß das ganz einfach:
Alles muss in bester Verpflegsverfassung sein. Eine Zeitlang bekamen wir nur sehr
wenig Fleisch, 35 Kilogramm für 200 Mann. Ich hatte damals eine MGA in
Verpflegung.
Da der Kompaniekommandant bei unzureichender Zufuhr im eigenen
Wirkungskreise für Verpflegungsaufbesserung sorgen kann, nahm ich eine günstige
Gelegenheit wahr und kaufte ein Schwein. Als das Schwein in der Monatsrechnung
erschien, erklärte der Proviantoffizier, das Schwein werde nicht bezahlt. Ich meinte
gleichmütig, dann würde ich es eben aus meiner Tasche bezahlen. Das erschien den
Herren unerwartet zu kommen, da sie meinerseits auf ein demütiges Bitten
gerechnet hatten.
Am nächsten Tag schickte mir der Proviantoffizier einen Teil des Kaufpreises mit
dem Bemerken, er habe nicht soviel Geld, um die Summe sofort in Gänze
begleichen zu können. Ich sagte der Ordonanz, sie möge das Geld nur schön wieder
mitnehmen, denn ich könne warten, bis ich den ganzen Betrag auf einmal erhalte.
Tags darauf hatte ich den ganzen Betrag. Zugleich erschien ein Regimentsbefehl –
ein schöner Satz. Ein Kompaniekommandant hat mit Umgehung der Proviantur und
des Regimentskommandos Lebensmittel eingekauft. Das ist unstatthaft, denn ein
solcher Einkauf ist an die vorherige Genehmigung des Regimentskommandos
gebunden. Ausnahmsweise wird der Betrag refundiert. Im Wiederholungsfalle kann
eine Refundierung nicht mehr stattfinden. Außerdem wird der betreffende
Kompaniekommandant bestraft.
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Wie die Herren sich das vorstellen. In Greifnähe ist das Schwein. Das
Regimentskommando zehn Kilometer weit. Bevor die Antwort da ist, haben andere
Truppenteile das Schwein im Topf.
Hinter meinem Schützengraben lagen viele hundert Zentner Speisekartoffeln in
Kämmen aufbewahrt. Jede Nacht holten wir uns den Tagesbedarf. Warum haben die
vielen beschäftigungslosen Fuhrwerke diese Kartoffeln nicht zur nächsten
Bahnstation gebracht? Im Hinterlande war Not und bei uns verfaulten die Kartoffeln.
Der Verlauf eines solchen Schützengrabentages brachte, wie ich im Vorstehenden
ausgeführt, eine Unsumme von Arbeit und Ärger in Fülle. Und solche Tage reihten
sich zu Wochen, die Wochen zu Monaten. Es ist merkwürdig, dass man das alles
erträgt. Der Mangel an Schlaf ist wohl am empfindlichsten. Ich habe mich freilich
durch große Mengen schwarzen Kaffees und starkes Rauchen aufreizen müssen,
um immer, wenn es notwendig war, wach zu bleiben. Wenn man nicht
ununterbrochen im Freien gewesen wäre, hätte das nicht unbedenkliche
gesundheitliche Störungen bringen müssen.
In dieser Stellung befiel mich auch das erste Unwohlsein während des Feldzuges.
Ich wurde so merkwürdig matt, konnte mich oft nur mit Mühe durch den Graben
schleppen und geriet auch bei der geringsten Bewegung in Schweiß. Am meisten
spürte ich die Mattigkeit in der linken Körperhälfte. Auch bekam ich Schmerzen im
linken Bein. Ich hielt mich aber aufrecht und tat meinen Dienst. Freilich kam ich dabei
sehr herunter und das war so auffallend, dass mir der Kommandant eines anderen
Baons, der öfter an meinem Unterstand vorüberging, einen Arzt schickte. Der
untersuchte mich, zuckte dann mit den Achseln und meinte:
Schützengrabenkrankheit.
Ich erholte mich aber nach zehn Tagen und spürte bald nichts mehr von dieser
Schwäche.
Nie werde ich die wunderschönen Frühlingsnächte vergessen, die ich in dieser
Stellung verleben durfte. Wenn der Mond schien, lag die ganze Landschaft so
feierlich friedlich da, wie wenn gar kein Krieg wäre, denn das aufgeregte Gebell der
Hunde auf der russischen Seite und das Krachen vereinzelter Schüsse vermochte
den friedlichen Eindruck nicht zu verwischen.
Krieg war nur dann, wenn die russische Artillerie Salven schoss und mindestens eine
halbe Kompanie dazu die Begleitung mit rasselndem Schnellfeuer gab. Oft und oft
zischten die feindlichen Gewehrgeschosse über unsere Köpfe, gar manchmal gab es
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einen Treffer durch die Schießscharten, aber daran war man so gewöhnt, dass man
sich nicht einmal beim Anzünden der Zigarre stören ließ, wenn das charakteristische
ssssss... scharf bei den Ohren vorbei ging.
Am 26. März nachts wurden wir von einer Honvedabteilung abgelöst. Die war mit
Weirndlgewehren ausgerüstet und hatte 80 Schuss für einen Mann. Kriegerisch
waren die Leute gar nicht.
Ein Oberleutnant der mich ablösenden Kompanie, dessen Brust das
Millitärverdienstkreuz zierte, erkundigte sich sogar, ob man laden müsse.
Die Ablösung war mit den größten Umständlichkeiten verbunden, und als ich
abmarschieren wollte, bekam ich Befehl, noch da zu bleiben, um die neue
Mannschaft in der ersten Nacht in alle Pflichten einzuführen.
Erst am nächsten Tage ging ich zu meiner Kompanie zurück. Die ablösenden
Offiziere (Madjaren) saßen in meinem Unterstand. Als ich ihnen den ganzen
Dienstbetrieb erklärt hatte, hörte ich von ihnen – trotzdem alle gut Deutsch sprachen
– kein deutsches Wort mehr, und ich saß unter ihnen wie auf einer fernen Insel. Ich
war ja nur ein Schwabe.
Vom 27. bis 30.3. waren wir in Kolosy in Reserve. Am 31. wurden wir einem anderen
Landwehrregiment zugewiesen und marschierten nach Opatowice.
Ich hatte natürlich die Vorhut und schlängelte mich glücklich bis ans Marschziel. Die
Kompanien blieben in der letzten Deckung liegen und die Kommandanten gingen
noch bei Tag vor, um die neuen Stellungen zu besichtigen. Da hatte uns auch bald
die russische Artillerie und begleitete uns einen großen Teil des Weges mit
Granaten, die oft so nahe kamen, dass wir mit Erde bespritzt wurden. Unbehaglich
wurde es vor allem dann, wenn wir in einer Geschossgabel steckten. Es geschah
aber nichts.
In Opatowice musste man über die Straßen immer springen, da die Russen die
Straßen beständig unter Feuer hielten. Die Stellung wurde besichtigt, nachts kam die
Kompanie nach und bis zum 23. April sollten wir hier liegen bleiben.
Opatowice liegt am linken Ufer der Weichsel gegenüber der Mündung des Dunajec,
dessen rechtes Ufer damals in russischen Händen war. Die Lage unserer Stellung
war von wunderbarem landschaftlichem Reiz. Die beiden mächtigen Ströme zu
Füßen in einer abwechslungsreichen fruchtbaren Landschaft und fern im Süden
grüßten die Karpaten. Das Wetter war gerade zu herrlich. Tag für Tag Sonnenschein,
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der uns die Glieder wieder gesund machte, da wir täglich viele Stunden lang auf dem
erwärmten Sandboden lagen. Nur selten störte diese Idylle die russische Artillerie.
Nachts freilich wurden unsere Stellungen unaufhörlich von der russischen Infanterie
aus eingespannten Gewehren beschossen.
Über der Tür meines Unterstandes klopften da die russischen Geschosse
unaufhörlich in regelmäßigen Zwischenräumen. Ich war bald so daran gewöhnt, dass
ich aufwachte, wenn einmal nicht geschossen wurde.
Es ging mir so wie dem Müller, der von der stillliegenden Mühle aufgeweckt wird.
Wenn auch diese Geschosse nur selten Schaden anrichteten, so erreichten sie doch
insofern ihren Zweck, als sie zur ständigen Aufmerksamkeit zwangen und so
Nervenkraft verzehrten. Man musste eben immer auf der Hut sein.
Die Stellung wurde von uns sehr stark ausgebaut, mit stählernen Schutzschilden
versehen, mit mehrfachen Drahthindernissen geschützt. Tretmienen, Stolperdrähte,
Fußangeln und Schrapnellschirme kamen dazu.
Eine Kompanie des Baons lag in Opatowice als Reserve. Im Anfang war das die 3.
Kompanie. Nach zehn Tagen löste ich diese Kompanie ab und freute mich königlich
auf ein wenig Ruhe. Aber nur einen Tag ließ man mich in der Stadt. Am zweiten
wurde meine Unentbehrlichkeit im Schützengraben entdeckt und ich musste wieder
zurückwandern, um dem Herrn Hauptmann der 3. Kompanie die Arbeitslast wieder
abzunehmen.
In dieser Stellung sah ich auch wieder einmal einen General. Der Divisionär ging die
Gräben ab. Zufällig wurde nicht geschossen. Das Wetter war auch prachtvoll. Voll
des Lobes über die gewonnenen Eindrücke und ganz entzückt über die angenehmen
Stellungen verschwand seine Exzellenz nach wenigen Minuten.
Ein Oberstleutnant seines Stabes, mit dem ich durch meinen Graben ging, meinte:
„Ihr tut mir furchtbar leid. Ihr führt ja ein Hundeleben“.
Als ich ihm sagte, dass ich nun schon bald ein halbes Jahr in den Gräben liege und
noch die jetzige Stellung die beste sei, wollte er aus dem Wundern gar nicht
herauskommen, da er meinte, das könne man ja gar nicht so lange aushalten. Ob er
eine Ahnung gehabt hat, wie man uns zum Überfluss noch sekkierte?
Der Schützengraben ist so recht geeignet, das Verweilen bei den abenteuerlichsten
Gedanken zu begünstigen und gibt so den besten Boden für die unglaublichsten
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Gerüchte. Einmal ging auch ein seltsames Raunen durch meine Leute. Bald wusste
ich auch das große Geheimnis. Wir waren für Belgien bestimmt und sollten sehr bald
abgehen. Da wurden alle lebendiger, alle schwärmten von schönen Städten,
behaglichen Quartieren, tadellosen Straßen und sündigen, reingewaschenen
Weibern.
Lange konnte ich nicht dahinter kommen, woher denn das Gerede seinen Anfang
genommen. Endlich wusste ich‘s. Ein Pferdewärter bei einem Stab weit hinten hatte
das Wunder erfunden. Dann wusste man wieder, wir seien nach Wien bestimmt und
ähnliches mehr.
Staunenswert war die Unermüdlichkeit, mit der solche Dinge immer wieder erfunden
wurden und auch die Langmut, mit der sich die meisten immer wieder beschwatzen
ließen.
In die Zeit bei Opatowice fiel die Feier der Ostertage. Prachtvolles Wetter herrschte
und die Friedenssehnsucht trieb die üppigsten Blüten. Alle wollten wissen, ein
Waffenstillstand mit den Russen stehe unmittelbar bevor. Dann folge der
Sonderfriede und dann geht es mit voller Kraft gegen Westen.
In wenigen Wochen sollte Paris fallen und auch wir wollten da mittun. Freilich sollte
es ganz anders kommen. Gewisse Anzeichen verrieten, dass etwas vorgehen werde.
Die Zahl der hinter uns stehenden Batterien nahm beständig zu, doch schossen sie
nicht. Auch sehr schwere Geschütze kamen in kurzen Abständen an, alles Heergerät
wurde verbessert, die Stellungen noch mehr mit Hindernissen gespickt. Eine
Arbeiterkompanie kam Nacht für Nacht und schaffte an Hindernissen,
Schrapnellschirmen und Flankierungsanlagen.
Von Zeit zu Zeit lebte auch das russische Artilleriefeuer wieder auf. Besonders die
Stadt wurde häufig beschossen. Die Kirche hatte schwer zu leiden. Schwere
Granaten hatten das Innere verwüstet. Eine war bis in ein Erbbegräbnis
eingedrungen und hatte hier erst ihr Zerstörungswerk begonnen. Oft kamen auch
Brandgranaten, die da und dort ein Haus einäscherten, aber nicht viel Unheil
anrichteten, da die Luft immer still war und daher keine großen Brände entstanden.
In der Nacht vom 22. auf den 23. April sollten wir von Opatowice Abschied nehmen,
um in Ruhestellung zu gehen. Gleichzeitig fand eine Reorganisation des ganzen
Regimentes statt, da ein starkes Marschbaon eingetroffen war und die Zahl der
Feldbaone um eins vermehrt wurde.
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Es tat mir fast leid, von diesem schönen Fleckchen Erde scheiden zu müssen, das
ich im prangenden Frühling unter freilich eigenartigen Verhältnissen so lange
genießen durfte. Der Blick vom steilen linken Ufer der Weichsel gegenüber der
Dunajecmündung reichte weit nach Süden bis zu den steil aufragenden Karpaten
und ich kann mir nicht leicht ein schöneres Bild denken. Ich glaube, dieses Land
habe ich trotz des Jammers, in dem wir manchmal steckten, lieb gewonnen und gar
manchmal, wenn die Granaten in allzu bedrohliche Nähe kamen, da sagte ich mir,
solltest Du lebend aus diesem Feuerloch herauskommen, dann musst Du einmal im
Frieden all die Wege wieder wandern, die Dich während des Krieges als Soldaten
gesehen haben.
Die Ablösung erfolgte durch ein anderes Baon des eigenen Regimentes und wir
tasteten uns in der Nacht nach Piotrkowice, wo wir sechs Tage sogenannte Ruhe
genießen sollten. Ich verlor auch den bisherigen Baonskommandanten, da er ein
anderes Baon übernahm. Von seinem Nachfolger will ich nichts erzählen.
Es dürfte zwei Uhr morgens gewesen sein, als wir in den neuen Quartieren
ankamen. Dann streckte ich mich nach langer Zeit wieder einmal in einem Bett zur
Ruhe. Wir hatten noch nicht ausgeschlafen, als die Kompaniekommandanten den
Befehl erhielten, sofort beim Oberst zu erscheinen. Ich meinte, er hat das Bedürfnis,
uns zu begrüßen, da wir einen Monat im Verbande eines anderen Regimentes
gewesen waren und treue Wacht an einem wichtigen Punkte des Grabens gehalten
hatten. Ich hatte mich aber getäuscht. Er fragte kurz, ob alle mit der in der Nacht
begonnenen Reorganisierung verbundenen Arbeiten vollendet seien und musste
dabei hören, dass mir noch ein paar Küchenpferde fehlten, die von weither aus
einem Depot kamen. Ich wusste aber, dass sie noch im Verlaufe des Vormittages
eintreffen werden, früher konnten sie noch nicht da sein. Da meinte der Herr Oberst,
das faule Leben im Schützengraben sei nun vorbei und man müsse auch einmal sich
um etwas kümmern.
Die Stellung, die ich einen Monat inne hatte, hat er nie gesehen. Er wusste nichts
davon, dass wir Tag täglich an dem Ausbau ruhelos geschafft hatten, und dass
einmal ein Wolkenbruch unser ganzes Grabensystem unter Wasser gesetzt und sehr
viel Arbeit gebracht hatte. Ich musste natürlich schweigen. Ein Beispiel dafür, wie
von mancher Seite die Berufsfreude gefördert wird. Er ließ uns bald ungnädig
abtreten und die Tage der Rast wurden mit Übungsmärschen ausgefüllt.
Einer war so anstrengend, dass der größte Teil der Mannschaft liegen blieb. Man
nahm gar keine Rücksicht darauf, dass das monatelange ununterbrochene Hocken
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im Schützengraben die Marschfähigkeit untergräbt und jagte bei starker Hitze die
Leute zu Übungszwecken bis ans Ende der Kraft.
Dass daran aber wieder die Kompaniekommandanten Schuld waren, liegt auf der
Hand. Einmal alarmierte uns auch der Baonskommandant in der Nacht. Das Baon
stand mit Ross und Wagen gerüstet auf der Dorfstraße und er torkelte von Kompanie
zu Kompanie und hielt Reden, die den guten Geist heben sollten. Bei seinem
Zustande erreichte er das Gegenteil.
Am vorletzten Rasttage besuchte uns der Divisionär. Eine reich gedeckte Tafel
erwartete ihn, und ich sah da feine Speisen, köstliche Weine und kostbare Zigarren.
Da wurde nun getafelt und schließlich hielt der Divisionär eine Rede über die großen
Aufgaben, die uns bevorstehen und nahm Abschied von uns.
Besonders eindrucksvoll war die Geschichte nicht. Ich dachte merkwürdiger Weise
immer mit einer gewissen Befriedigung daran, dass ich nun wusste, welchen Zweck
die 30 Kronen hatten, die jedem Offizier von der Monatsgage abgezogen wurden.
Der Stab wurde in die Lage versetzt, Gäste gut zu bewirten. Wir saßen derweil fast
immer im Graben, tranken Fusel und Etappensäure und die weiter hinten ergötzten
sich an Flaschenweinen, Schnäpsen und dergleichen. Es hat mich da ordentlich
geschüttelt.
Die Tage in dieser Ruhestellung wurden durch die Übungsmärsche nicht zu
Erholungstagen, sondern die Abspannung der Leute wurde nur noch gesteigert.
Am 28. kam der Marschbefehl; am folgenden Morgen brachen wir auf und
marschierten nach Galizien.
Auf allen Wegen und Stegen war wimmelnde Bewegung. Auch sehr viele Flieger
ließen sich sehen und hören.
Der Marschtag war wunderschön. Ich ritt seelenvergnügt an der Spitze meiner
Kompanie. Nach wenigen Stunden hatten wir die Weichsel erreicht, die wir auf einer
Kriegsbrücke überschritten. Wir waren wieder im altösterreichischen Gebiet. Im
nächsten Dorf, am rechten Weichselufer, in Wola Przemikodka wurde Rast gemacht.
Ich hatte Glück und bekam bei einem sauberen Kaufmann ein freundliches Zimmer,
das ich allein bewohnte.
Nach vielen Monaten war ich endlich wieder einmal Herr innerhalb meiner vier
Wände. Die sogenannte Rast wurde durch gründliche Überprüfung der gesamten
Ausrüstung abwechslungsreicher gemacht. Freilich gab es auch wieder Ärger über
Ärger nach oben und nach unten.
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Am zweiten Tage des Aufenthaltes marschierten wir in ein benachbartes Dorf, wo auf
einem Platze Pontons aufgestellt waren. Da wurde nun fleißig das Ein- und
Aussteigen geübt. 17 Mann hatten in einem Ponton Platz.
Jetzt wusste auch jeder, was der geheimnisvolle Marsch nach Galizien zu bedeuten
hatte. Wir waren unter den Truppen, die den Dunajec überschreiten sollten. Diese
Übungen am Ponton waren bald beendigt und wir zogen wieder nach Hause und
legten uns den anderen Teil des Tages in die Sonne.
Im Verlauf des Nachmittags bekamen die Kompaniekommandanten den
Gefechtsbefehl. Nach Eintritt der Dämmerung des ersten Maitages sollten wir unter
Vermeidung jedes unnützen Geräusches zum linken Ufer des Dunajec ziehen und
uns an einer bestimmten Stelle des Dammes bereitstellen.
Der Weg war nicht weit. Jeder wusste, es gibt einen schweren Tag. Und so gingen
die meisten noch einmal im Geiste durch all die schönen Tage, die ihnen die
Vergangenheit beschert hatte.
Auf allen Feldwegen und Fußpfaden wälzte es sich gegen Osten dem Dunajec zu.
Gesprochen wurde hin und wieder ein heiseres Wort oder manchmal war ein
unterdrückter Fluch zu hören, wenn einer stolperte und fiel. Oft gab es Stockungen,
Kolonnen gerieten in- und durcheinander, aber immer wieder gelang die Entwirrung.
Als wir nur noch zwei Kilometer vom Dunajecdamm entfernt waren, bekamen wir die
weitgehenden Infanteriegeschosse zu spüren. Verletzt wurde niemand. Zwischen elf
und zwölf Uhr war mein Baon an der Überschiffungsstelle angekommen. Wir
drückten uns an den Damm, denn das Feuer wurde immer lebhafter. Da und dort
schrie ein Unvorsichtiger auf, denn das Schicksal hatte ihn erreicht.
Am Grunde des Dammes hatten die Pioniere einen Gang gegraben, durch den
sollten wir auf ein gegebenes Zeichen vorrücken. Inzwischen wurde die Artillerie, die
hinter uns stand sehr lebhaft. Leichte und schwere Geschütze tauchten immer mehr
auf, je zahlreicher die Mündungsfeuer unserer Geschütze wurden, um so beruhigter
wurden wir. Zumal die Antwort der russischen Artillerie auffallend schwach war.
Das Gewehrfeuer, das über die Dammkrone und über unsere Köpfe hinwegraste,
wurde jedoch immer lebhafter und der Geschossregen immer dichter. Da, auf einmal,
es war halb eins, kam eine Ordonanz und sagte mir: „Herr Oberleutnant, die 1.
Kompanie kommt jetzt an die Reihe.“ Ich darauf zu den nächsten: „Auf, leise
weitergeben,“ und 160 Männer gaben sich einen Ruck und schüttelten die
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zagemachenden Gedanken der letzten Stunden ab und standen auf. Dann ging es
einzeln abgefallen in das finster gähnende Loch am Dammgrunde hinein.
Ich stolperte als erster voran und kam bald auf der feindwärtigen Seite ins Freie. Hier
sah ich in einer Deckung einen Kameraden in hysterischen Krämpfen liegen. Er
bildete sich ein, schwer verwundet zu sein, trotzdem ihm die Haut nicht einmal geritzt
war. Doch das gab für mich keinen Aufenthalt; hinein mit weiten Sprüngen in
Gewehr- und Schrapnellkugelsaat hin zu den Pontons.
Als meine Leute in das so stark bestrichene Gelände kamen, stutzten sie einen
Augenblick, dann aber dröhnte von allen Seiten das Gepolter der in die Pontons
springenden Männer. Die Pioniere legten sich in die Ruder und wehrlos waren wir.
Maschinengewehrfeuer und Infanterieschüsse legten manchen schon ins Gras,
bevor er den Sprung ins Ponton getan.
Noch ärger aber wurde das Feuer, als wir auf dem Flusse schwammen, denn die
russische Artillerie hatte mittlerweile die Überschiffungsstelle entdeckt und deckte
uns mit rasendem Feuer zu. Die Granaten rissen hohe Wassersäulen in die Höhe
und die Schrapnells platzten haarscharf über unseren Köpfen.
Die kurze Zeit des Flussüberganges schien endlos zu sein. Endlich waren wir drüben
und sprangen aus. Alle konnten es nicht mehr, und die Pioniere nahmen Tote und
Verwundete wieder mit hinüber.
Als wir an Land waren, drückte sich jeder so fest wie möglich an den Boden, denn
das russische Feuer wurde stark fühlbar. In 10 Pontons war meine Kompanie über
den Fluss gegangen. Da die Pontons an verschiedenen Stellen angelegt hatten,
musste ich mir meine Kompanie zusammensuchen.
Wie ein Rasender schwamm und sprang ich ein Stück flussab und dann flussauf
durch Schwärme pfeifender Geschosse. Nach mühseligem Suchen hatte ich die
Kompanie beisammen. Nach der Karte wusste ich Folgendes:
Von der Landungsstelle gegen 800 m halb rechts, dann gerade aus. So musste ich
die befohlene Stelle, das Nordende von Bienaczowice erreichen. Die 800 m waren
sumpfiger Boden, den dichtes Weiden- und Erlengebüsch bedeckte.
So trat ich denn in der dunklen Nacht den Marsch an, ständig vom Besteigen der
Pontons an in scharfem Gewehrfeuer. Ich setzte mich an die Spitze der Kompanie,
denn ich fühlte, aus diesem Hexenkessel kommen wir nur mit dem ganzen Aufgebot
meiner Kräfte heraus.
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Die vor mir befindlichen Kompanien – ich war Baon-Reserve – waren schon im
Gefecht, und der Gefechtslärm war bald so stark, dass man sich nur schreiend
verständigen konnte. Der Weg war voller Tücken und Hindernisse. Bald war der
Sumpf so zähe, dass er uns nicht durchließ, bald waren die Wassertümpel so tief,
dass wir sie nicht durchwaten konnten. Schon nach wenigen Schritten war ich bis
über die Hüften im Wasser, das, wie ich mit einem Stock fühlen konnte, immer tiefer
wurde.
Da ließ ich die Leute halten, um einen Weg auszukundschaften. Ich drang durch das
Gebüsch kriechend vor, musste manchmal Gräben und Löcher überspringen. Und da
brach ich auch mal wieder mit ganzer Kraft durch ein Gestrüpp, dass die Zweige
brachen und wurde aus der nächsten Nähe vom Feuer überfallen.
Es war eine eigene Pionierabteilung, die dort in einem Graben als festhaltende bzw.
aufnehmende Gruppe gedacht war, und die hatten mich für vorbrechende Russen
gehalten, kam ich doch von der feindwärtigen Seite.
Ein kräftiger Fluch bewirkte das Einstellen des Feuers und ich konnte weiter meinem
Pfadfindergeschäft obliegen. Ich entdeckte auch gangbare Stellen, holte mir die
Kompanie heran und nun ging es nach Indianerart durch Sumpf und Gestrüpp,
während die Geschosse uns umsausten. Das Durcharbeiten durch diese
Sumpfstrecke nahm ziemlich lange Zeit in Anspruch. Endlich hörte das Gestrüpp auf,
fester Boden begann und in einer Mulde ließ ich die Leute verschnaufen.
Mein Häuflein war klein geworden, denn die Verbindung war zerrissen und ein Teil
der Kompanie nicht halb rechts, sondern geradeaus gegangen, wie ich bei
Tagesanbruch feststellen konnte.
Während die Leute in der Mulde keuchend nach Luft rangen, ging ich zum
Kommandanten des 4. Baons, um ihm zu melden, dass ich mit einer halben
Kompanie zur Verfügung stände. Dabei erfuhr ich, dass das Gefecht gut stehe und
die Russen im Zurückweichen seien.
Bald bekam ich den Befehl, mich mit meinen Leuten in eine Brücke zwischen den 4.
und 3. Baon einzuschieben. Ich teilte das Häuflein in zwei Gruppen; mit der ersten
brach ich vor, mit der zweiten sollte der Feldwebel folgen.
Vor uns erhob sich der Dunajecdamm, den die Russen an manchen Stellen noch
hielten. Als wir glücklich einige Sprünge gemacht hatten, ohne nennenswerte
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Verluste zu erleiden, bekam ich unvermutet, während eines weiteren Sprunges
Maschinengewehrfeuer aus der linken Flanke, das unter meinen Begleitern stark
aufräumte.
Glücklicherweise wurden alle nur verwundet, wie ich später erfuhr. Mit dem
Aufgebote aller Kräfte stürmte ich nun solange vorwärts, bis ich eine kleine
Vertiefung fand, in die ich mich hineinschmiegen konnte. Dort blieb ich, bis der Rest
der Leute herankam, und dann rückten wir bis an den Damm, den die Russen kurz
vorher aufgegeben hatten und richteten ihn sofort zur Verteidigungsfront nach Osten
ein. Der erste Teil des Gefechtszieles, die Besetzung des feindlichen Dammes, war
erreicht, als die Sonne aufging.
Die Stunden von der Übersetzung des Flusses bis zur Erreichung des Dammes
stellten wohl sehr hohe Anforderungen an unsere Kampftüchtigkeit. Stundenlang
durch Gestrüpp und Sumpf im feindlichen Feuer vorzugehen und den Feind nicht zu
sehen, dabei Verluste zu erleiden und nicht zu wissen, wie es rechts und links steht,
mit dem Flusse im Rücken, der im Falle eines feindlichen Gegenstoßes ein
unüberwindliches Hindernis gewesen wäre,.- das ist eine Lage, die gute Soldaten
erfordert. Und wir haben unsere Sache gut gemacht, war doch alles ein Leichtes im
Vergleich zu den qualvollen Minuten, die wir im Ponton ganz hilflos hockten. Ein
Sprengstück einer Granate oder eines Schrapnells, das den Pontonboden
durchlöchert hätte, hätte uns alle elend ersaufen lassen.
Vom Damm rückten wir nach geraumer Zeit vor, durchsuchten das Dorf
Bienaczowice, kamen ohne Schwierigkeiten darüber hinaus bis zu einem Meierhof
östlich von Bienaczowice. Da ging dann die müden Reihen entlang der Befehl:
Gefechtsziel erreicht, eingraben.
Es war halb zehn Uhr vormittags. Zehn harte, aber selten erfolgreiche Stunden lagen
hinter uns. Die Verluste des Regimentes betrugen 800 Verwundete und 200 Tote.
Ich wurde mit meinen Leuten sofort als Reserve ausgeschieden und legte mich hinter
die ausgebrannte Meierhofscheuer.
Bald bekam ich den Befehl an das Nordende von Bienaczowice zurückzugehen. Hier
stand schon der andere Teil der Kompanie. Alles war in der besten Stimmung und
mit einem gewissen Stolz und großer Freude meldete ich dem
Baonskommandanten, dass ich mit der Kompanie an der befohlenen Stelle sei.
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Die Antwort war eine unglaubliche Anflegelei, weil in der Nacht meine Kompanie auf
zwei Teile zerrissen war. Andere Kompanien waren auf viele Teil zerschlagen - bei
denen war es durch die Gefechtslage bedingt. Bei meiner Kompanie war es halt
etwas anderes.
Ich drehte mich schweigend, die Kompanie legte sich auf eine Gutweide, in wenigen
Minuten schliefen alle, nur ich wachte, weil mich der Zorn nicht schlafen ließ.
Während wir auf der Gutweide lagen, wurde der Gefechtslärm immer schwächer und
schwächer und verstummte endlich ganz. Geraume Zeit verging so im müden
Dahindösen, dann sah ich Bewegung bei den anderen Kompanien des Baons, die
sich nach Norden in Marsch setzten.
Ich musste wieder einmal riechen, dass ich auch dazu gehörte und strebte hastig
nach, um nicht die Verbindung zu verlieren. Der Baonskommandant hatte sich
wieder einmal in Schweigen gehüllt.
Der Marsch dauerte nur eine halbe Stunde bis zu dem Dorfe Okreg, der nördlichsten
Siedelung, die wir heute dem Feinde entrissen hatten.
Wir wurden als Regimentsreserve hinter den Überflutungsdamm von Okreg gelegt.
Die Sonne schien sehr warm und machte nun endlich unsere Kleider trocken. Dann
ließ ich mir die Kotkrusten mit einem Messer abschaben und war wieder salonfähig.
Das Baon lag in Kompaniekolonne und ruhte. Lebhafter wurden erst die Leute, als in
der Ferne die Küchen auftauchten, die über die während der Nacht geschlagene
Kriegsbrücke gekommen waren. Dann gab es ein seliges Versinken in die Wonne
des Essens und Trinkens. Hernach schnarchte alles, bis auf die ausgestellten
Sicherungen.
Ich saß auf einer kleinen Erhöhung und schaute gegen Osten, wohin die Russen
abgezogen waren und fragte mich: War es ein Teilerfolg, den wir errungen haben,
oder ist die ganze gewaltige Front ins Wanken geraten?
Wirre Gerüchte wurden von jeder Ordonanz gebracht, aber Zuverlässiges war noch
nicht zu hören. Gegen Abend kamen von allen Seiten die Sanitätsleute mit den
Gefallenen, die sie in dem Gestrüpp und Sumpf zusammenlasen. Die Verwundeten
waren schon geborgen. Nur hin und wieder brachte man einen, der noch Leben in
sich hatte.
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Nicht weit von uns legte man die Gefallenen Offiziere nebeneinander, die dann von
leeren Trainfuhrwerken zum nächsten Friedhof zur Bestattung gebracht wurden. Ein
polnischer Leutnant war auch darunter, dessen Besitz wir heute erobert hatten. Er
kam ins Erbbegräbnis zu seinen Ahnen, altadeligen Herren dieser Gegend.
Gegen Abend gab es noch einen herzhaften Kaffee, dann legten wir uns nieder in
Reih und Glied, die Gewehre bei der Hand. Feuchte Nebelschwaden stiegen aus
Sumpf und Fluss und es wurde bitterkalt. So kalt, dass ich nur auf kurze Zeit
Schlummer finden konnte. Neben mir lag die Telefonpatrouille. Oft ertönte das
charakteristische Tütü des Anrufes. Besonderes gab es nicht.
Vor Sonnenaufgang war schon alles auf den Beinen und mit grotesken Bewegungen
suchte jeder Wärme zu erzeugen. Die Nasen waren blau und die Zähne klapperten.
Als uns die ersten Sonnenstrahlen trafen, wurden wir bald wieder fröhlich und
gemütlich. Dann kam das Fragen und Raten. Wird es weitergehen oder erwarten wir
einen Gegenstoß?
Es kam der Befehl, das Dorf in Verteidigungszustand zu setzen. Wir sollten die
vorgeschobenen Befestigungen halten für einen großen Brückenkopf am Ostufer des
Dunajec. Wir hatten kaum die ersten Spatenstiche gemacht, da kamen schon die
Schrapnells der Russen. Sie taten zwar keinen Schaden, versetzen aber die
Bevölkerung in namenlose Aufregung. Und bald strömten Weiber und Kinder mit
Betten und Nahrungsmitteln bepackt gegen Westen. Ein langer, weinender,
kreischender, erbarmungswürdiger Zug.
Alte Ausgedinger schleppten sich auf Stöcke gestützt mühsam einher, um ihr
armseliges Leben zu retten. Das russische Feuer hörte bald auf und wir gedachten,
uns in dem Dorfe gemütlich einzurichten.
Ich hatte mir ein Haus gesucht und war gerade mit dem Waschen fertig geworden –
Befehl: Zum Baon! Der Kommandant teilte uns den Befehl des Abschnittkommandos
mit. In 30 Minuten hatten wir zum Angriff überzugehen. Dann gab es einen Befehl
für das Baon; ich wollte mitschreiben. Das verbot er mir im groben Ton. Meine
Kompanie war Baonsreserve am linken Flügel.
Ich ließ die Kompanie zusammentreten und gab ihnen Verhaltensmaßregeln und
wollte mich eben in Marsch setzen, als der Baonskommandant mit einem Gefreiten
herbeistürzte, der zur Stillung eines unabwendbaren Bedürfnisses ausgetreten war.
Der Baonskommandant hielt dem Gefreiten die Pistole an die Stirn, fluchte, zeterte,
drohte vor Wut zu ersticken und brüllte: Ein Feigling, Deserteur usw.ums andere. Der
Mann war selten gut. Die ganze Kompanie musste zusehen. Endlich war die Szene
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abgespielt. Der Baonskommandant verschwand und wurde während der folgenden
schweren Gefechte nicht mehr gesehen.
In gedeckter Stellung konnte ich mich in das richtige Verhältnis bringen. Kaum
schwärmten die Kompanien der Feuerlinie aus, kam lebhaftes Gewehrfeuer von den
Russen und ununterbrochen sauste es über unsere Köpfe, dass ich während des
Beobachtens manche tiefe Verbeugung machte, wenn ich den Hauch des
Geschosses an Stirn und Ohren spürte.
Da war nun bald der Augenblick, der mir bedeutete: Heraus und den feuernden
eigenen Kompanien nach! 800 m mussten wir über ebenes, keine Deckung
gewährendes Gelände durch flankierendes Feuer durch. Da hieß es mit Aufgebot der
ganzen Kraft sprungweise vorwärts und die kleinsten Geländefalten und –fältchen
ausnützen.
Ohne Verluste – bis auf einen Ohnmächtigen – preschten wir durch das Feuer bis
uns ein deckender Straßengraben aufnahm. Aus jeder Pore tropfte der Schweiß. Das
Herz und die Schläfen hämmerten wie ein Motor und die Brust ging keuchend auf
und nieder. Vor den Augen tanzten farbige Lichter. Vom linken Flügel der eigenen
Feuerkompanie waren wir nur 200 Meter entfernt.
Da ergab sich nun plötzlich eine gefährliche Lage. Die links von den eigenen
Feuerkompanien kämpfenden Truppen blieben hängen, ein gefährliches Loch
entstand und gegen dieses Loch stürmten auch schon die Russen gegen unsere
linke Flanke. Einer unserer eigenen Maschinengewehrabteilungen drohten sie in
wenigen Minuten in den Rücken zu kommen. Die Not des Augenblicks gebot, und ich
warf meine Kompanie den Russen entgegen. Das Baon hatte dann freilich keine
verfügbare Reserve mehr. Es gelang uns auch wirklich im ersten Feuerüberfall, die
Russen zum Stehen zu bringen und so konnte ich die gefährliche Lücke stopfen.
Und da entwickelte sich ein rasendes Feuergefecht auf 300 Metern. Wir waren gut
gedeckt und erlitten wenig Verluste. Aber die nagende Sorge, ob ich stark genug
sein würde, fraß an mir.
Im Verlaufe mehrerer Stunden drückten wir die Russen bis an den Rand des Dorfes
Ujocie Jesuizkie, aus dem sie vorgebrochen waren, zurück. Aber bei meiner
Kompanie sah es nicht gut aus, da ich zu einer rechtwinkeligen Front gezwungen
war, und daher mit meinen Leuten keine Verschiebungen vornehmen konnte. Doch
es ging. Wir schossen anscheinend sehr gut, denn bald sah ich, wie die vor meinem
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rechten Flügel liegenden Russen zurückkrochen und ihre Gefechtslinie so dünn
wurde, dass sie augenblicklich keine Gefahr für mich bedeutete.
Da gab ich den Leuten Befehl festzuhalten bis zum letzten Mann und nicht einen
Schritt zu gehen und wandte mich dem linken Flügel, der dem Dorfe Uyscie Jes.
gegenüber lag, zu. Die russischen Maschinengewehre fegten gegen mich, dass die
Straßenbäume, unter denen wir lagen, uns mit Laub überdeckten und von der Straße
selbst stiegen ununterbrochen kleine Wölkchen auf von den einschlagenden
Geschossen.
Besonders unangenehm war das Feuer aus einer Häusergruppe, die dem Dorfe
vorgelagert war. Dahin richteten wir nun unsere Geschosse, krochen schrittweise
immer näher und näher und waren endlich so nah, dass wir mit einem Sprung drin
sein konnten. Da ließen wir eine Weile mit rasender Eile unsere Gewehre sprechen,
dann ein gurgelndes Hurra und wie die Wilden waren wir drin.
Die Russen brachen durch die rückwärtigen Zäune, sie hielten uns nicht Stand. Ein
paar Tote und Verwundete lagen umher und zehn Riesenkerle mit Pelzmützen
konnte ich selbst noch mit entwaffnen helfen.
Die schickten wir gleich zurück und sofort stürzten wir uns wieder dem prasselnden
Feuer entgegen und nahmen die ganze Häusergruppe, die uns nun selbst ein guter
Stützpunkt wurde und insbesondere wegen eines Brunnens hoch willkommen war.
Da lagen wir nun, freuten uns unseres Erfolges und trotz desselben lagen wir in
großer Bedrängnis, denn auf Unterstützung war in absehbarer Zeit nicht zu rechnen
und die Russen uns gegenüber waren sehr stark. Mit zwei Sprüngen wären sie bei
uns gewesen und ihrer Übermacht hätten wir im Handgemenge vielleicht nicht
standhalten können.
Als ihr Feuer schwächer wurde, krochen wir langsam näher; wir konnten ihre
Maschinengewehrstände sehen, sahen ihre Gestalten hinter allem, was Deckung
bot, hocken und liegen. Ein paar Leute mehr und ich hätte den Ansturm wagen
können. Einer meiner Leute kroch bis zur ersten Scheuer, um sie in Brand zu
stecken. Es gelang ihm leider nicht, aber er brachte die Meldung über die Richtigkeit
unserer Beobachtung über die starke Besetzung des Dorfes. Da mussten wir uns mit
dem Festhalten begnügen und die Spaten schufen uns eine kleine Festung.
Als ich festgestellt hatte, wie gut wir uns verbissen hatten, ging ich ein wenig zurück
und fand den Major des 2. Baons. Ich erklärte ihm die Lage und er gab mir noch eine
Kompanie und Munition.
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Da konnten wir nun mit Vertrauen auch einem größeren Ansturm trotzen. Auch zwei
Maschinengewehre verstärkten die Stellung. Trotzdem war nicht weiterzukommen,
weil die Gruppe links von uns immer noch stockte. Inzwischen wurde es Abend. Das
Gefecht hatte um acht Uhr begonnen. Zwölf Stunden waren also mit den
geschilderten Vorgängen verflossen.
Die Nacht war gefährlich. Da durfte die Wachsamkeit nicht nachlassen. Um nicht
einzuschlafen, braute ich in dem eroberten Gehöft einen starken Kaffee nach dem
anderen und eine Virgina nach der anderen leuchtete mir mit behaglicher Glut. Und
von Zeit zu Zeit schlich ich von Mann zu Mann und ermunterte sie.
Während nachts nur hin und wieder ein Schuss krachte und irgendwo von weither
das Mündungsfeuer schwerer Geschütze aufblitzte, wurde das Feuer gleich mit
Anbruch der Dämmerung lebhafter, bis endlich ein ununterbrochenes Rattern aus
Gewehren und Maschinengewehren uns mürbe machen sollte.
Die Russen wussten ganz genau, dass hier weithin unsere empfindlichste Stelle war.
Wir hielten uns in dem übermächtigen Feuer sehr gut; da und dort lag freilich einer,
der sich nicht mehr rächen konnte, und gar mancher humpelte zum Verbandsplatz
oder wurde weggetragen.
Starke Verluste hatte die 8. Kompanie, die mir zur Verstärkung gegeben worden war.
Der eine Zug derselben war nach kurzer Zeit eine Schwarmlinie toter Männer. Im
Verlaufe des Tages kam endlich entsprechende Verstärkung; ein kroatisches
Jägerbaon wurde an meinem linken Flügel eingesetzt, und das Feuergefecht lebte
nun mit furchtbarer Gewalt wieder auf.
Die Russen wussten, es geht ihnen jetzt an den Kragen, und bei uns regte sich die
Erbitterung ob ihres langen Widerstandes.
Im Verlaufe des nachmittags wurde das Dorf endlich sturmreif und die Kroaten
nahmen es. Sie erlitten starke Verluste; es wurde erzählt, alle Offiziere und jeder
zweite Mann seien bei dem furchtbaren Ringen geblieben.
700 unverwundete Gefangene wurden eingebracht, eine Ziffer, die ganz deutlich
spricht, gegen welche Übermacht ich mich einen Tag und eine Nacht und wieder
einen halben Tag glücklich gehalten habe. An dem Erfolge dieses Tages hatte ich
einen nicht unbedeutenden Anteil.
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Als das Dorf Uyscie Jes. genommen war, blieben wir als Reserve noch eine zeitlang
im Straßengraben liegen, dann aber, es war gegen vier Uhr, musste ich zum Angriff
gegen Greboscow ansetzen. Das war das Ziel des Vortages gewesen. Dort hielten
sich die Russen und wir sollten sie nun hinauswerfen. Mit eineinhalb Kompanien ging
ich zum Angriff gegen Greboscow, das ca. 1200 Meter vor mir lag.
Nach den ersten zwei Sprüngen hatte uns die russische Feldartillerie mit
unheimlicher Sicherheit gepackt, und eine Granate nach der anderen fuhr in die
Schwarmlinie. Die Granattrichter nutzte ich immer als Deckung.
Wenn sich in meiner Nähe wieder eine Granate eingewühlt hatte, machte ich einen
Satz und suchte dort Deckung. Solange uns die Artillerie allein bearbeitete, ging es
trotzdem recht gut vorwärts, und ich hätte mich bis an das Dorf vorarbeiten können.
Bald bekamen wir aber linkes Flankenfeuer, das mit unheimlicher Sicherheit scharf
über uns hinweg strich. Da war nun das Vorrücken unmöglich geworden. Ich hätte
nach einigen Sprüngen meine ganze Mannschaft eingebüßt.
Ich wartete nun auf das Einwirken der links von mir vorgehenden Truppen, aber das
kam und kam nicht und bald konnte ich feststellen, dass diese stockten und infolge
dessen mein linker Flügel in der Luft hing. Aber doch wollte ich von dem Angriff nicht
ablassen und grub mich ein.
Stunde auf Stunde verrann. Ununterbrochen wühlten die Granaten Löcher um uns
und bedeckten uns mit Erde, Schrapnellen platzten genau über unseren Köpfen und
von der linken Flanke kam wohl gezieltes Infanteriefeuer, so dass man mit der Nase
immer auf der Erde steckte.
Da unter solchen Umständen an einen Erfolg nicht zu denken war und nur hohe
Verluste in Aussicht standen, gab ich Befehl, einzeln in den Straßengraben
zurückzukriechen. Das Manöver gelang und ich hatte die Kompanie glücklich wieder
in der Hand. Doch sagte mir der Major des 2. Baons, die Verantwortung dafür müsse
ich tragen.
Der entsprechende Bericht ging durch den Draht nach hinten und nach langer Zeit –
ich glaube, es waren zwei Stunden schon vorüber – kam die Entscheidung. Das
Kommando schloss sich meiner Anschauung an. Wäre das nicht der Fall gewesen,
so war mir eine gerichtliche Untersuchung sicher.
In solchen Lagen ist das Telefon oft von unheilvoller Wirkung, denn der den Befehl
Gebende kann die Lage vorn doch nicht so beurteilen, wie der Kampfoffizier, und die
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Folge davon ist, dass viele Angriffe zu früh befohlen werden und daher mit großen
Opfern erkauft werden müssen.
Im Straßengraben hatten wir noch lange Artilleriefeuer auszuhalten. Die Russen
schossen aber 30 bis 50 Meter zu weit. Es kam daher zu keinen Verlusten.
Während einer Feuerpause begruben wir einen polnischen Fähnrich, dessen Brust
ganz zerrissen war. Das Grab war fertig. Er lag daneben. Da durchsuchten wir seine
Brieftasche. In ihr fanden wir zwei Briefe. Einen an seine Mutter und einen an seine
Braut, beide nach Groß - Grünau bei Deutsch – Gabel, meine Heimat, gerichtet, wo
die Genannten als Flüchtlinge weilten. Wehmütige Gedanken haben mich während
der ganzen Kämpfe niemals gepackt. Als ich aber die zwei Briefe in der Hand hielt,
da war mir doch recht weh ums Herz.
Doch ließen uns die Russen keine Zeit, diesen Gedanken nachzuhängen. Sie
schossen wieder mit schweren Granaten. Eilig wurde das Grab zugeworfen, und ein
Pionier schmückte es während des Feuers mit einem Kreuz, das wir mit Namen und
Regiment versahen.
Dann hockten wir wieder im Graben, eng an die feindwärtige Seite geschmiegt.
Als es Abend geworden war, bekamen wir seit zwei Tagen wieder einmal die Küchen
zu sehen. Hastig verschlangen wir Suppe und Fleisch und gedachten dann, einen
langen Schlaf zu tun. Doch diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Ich bekam
Befehl mit meiner Kompanie sofort als Verstärkung einer weiter östlich liegenden
Gruppe abzurücken.
Die Nacht war stockfinster. An Hand der Karte maß ich mir genaue Schrittzahl, Wege
und Richtung und dann stolperte ich an der Spitze meiner todmüden Leute ins
Ungewisse. Das Gefecht war eingeschlafen, nur hin und wieder lebte das
Infanteriefeuer für kurze Zeit auf, wie wenn ein schlafender Hund manchmal einige
knurrende Laute hören lässt. Unangenehm war nur, dass dabei die weittragenden
Geschosse in unserer Nähe einschlugen.
Bald hatte ich auch Verluste zu beklagen; ein Mann bekam einen Kopfschuss und
war sofort tot. Das erregte nun die Leute und machte sie unsicher, weil sie nicht
wussten, woher die Gefahr kam. Doch bei dem einen Verluste blieb es nicht. Es
kamen noch andere, und da und dort zuckte einer schmerzlich zusammen.
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Endlich hatte ich Fühlung mit dem zu verstärkenden Abschnitt und bald nachher lag
ich an der mir zugewiesenen Stelle und das Schanzen begann, denn vor
Sonnenaufgang mussten wir in der Erde sein; wir hatten stärkere russische Kräfte
vor uns und gegen die hatten wir uns auf alle Fälle zu behaupten.
Ich lag der Südfront von Greboscow gegenüber, während ich tags vorher den Angriff
gegen die Westfront versucht hatte.
Als die Sonne in die Höhe stieg, waren wir zum Umfallen müde. Wir hatten aber auch
genug geschafft, denn die Kompanie hatte einen durchlaufenden Graben, indem
man gebückt gehen konnte.
Unsere Nachbarkompanie zur Rechten, Polen, hatte es sich bequemer gemacht.
Von denen lag noch jeder Schütze in einem Loch, das mit dem Nachbarn nicht in
Verbindung stand. So kam es, dass unser Gefechtswert bedeutend größer war, als
der der polnischen Kompanien.
Bei Tagwerden konnten wir uns auch unsere Umgebung genauer ansehen. Vor uns
erstreckte sich ganz ebenes Land bis zum Dorfe. Hinter uns war es auf 800 Meter
ebenfalls ganz flach. Keine Erdfalte oder sonstige Deckung zu sehen.
Bei Tag war daher eine Verbindung nach hinten ausgeschlossen. In unserer Nähe
lagen viele Tote vom Ringen des Vortages.
Als die Sonne etwas höher stand, brannte sie unbarmherzig auf uns nieder und
drückte uns den Schweiß aus allen Poren. Da das Heranschaffen von Wasser erst
abends möglich war, stand uns ein Dursttag bevor. Bald merkten wir auch, dass die
in unserer Nähe liegenden Leichen in Verwesung übergingen. Wir machten uns
daher ans Begraben. Erst wurden einige Leute von der 2. Kompanie aus der St.
Pöltener Gegend, die zum Greifen nahe waren, im Schützengraben bestattet. In dem
Bericht gaben wir ganz genau an die Lage der Gräber und bezeichneten sie mit
Zetteln.
In der nächsten Nacht holten wir dann Holz zu rechtschaffenen Kreuzen. Es war
etwas ganz Eigenes, den Kampf sozusagen auf den Gräbern der Kameraden
fortzusetzen.
Als die erreichbaren Kameraden bestattet waren, suchten wir die vor uns ganz nahe
liegenden Russen in den Graben zu ziehen. Diese Versuche mussten wir bald
aufgeben, da die aus den Häusern beobachtenden Russen das Feuer sofort dorthin
lenkten, wo ihre Toten lagen. Wir ließen nicht früher ab, als bis wir ein paar
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Streifschüsse erwischt hatten. Da sparten wir uns das Bestatten der Russen für die
Nacht auf.
Der Leichengeruch wurde von Stunde zu Stunde unangenehmer. Die Zigarre
schmeckte nach Leiche, der schwarze Kaffee ebenso. Auch unsere Kleider schienen
mit diesem entsetzlichen Geruch behaftet, der in der drückenden Hitze besonders
dann fast unerträglich wurde, wenn ein leiser Lufthauch von den Russen zu uns
herüber kam.
Während des ganzen Tages schwieg auch das Feuer nicht. Die Russen beschossen
uns wirksam von den Dachböden der Häuser in Greboscow und verwundeten und
töteten eine Reihe meiner Leute.
Während dieser Zeit schrieb ich die Belohnungsanträge für meine Kompanie.
Zweimal bekam ich sie wegen schlechter äußerer Form zurück und dann gab man
ihnen nicht statt. Das war zum Schreien. Kanzleileute hockten hinten gemütlich in
Stuben und brachten es fertig, mir die im Feuer geschriebenen Anträge
zurückzuschicken. Das Einfachste und vom Standpunkt der Kameradschaft einzig
Mögliche wäre gewesen, die Anträge umzuschreiben und mir zur Unterschrift zu
schicken.
Am Nachmittage tastete sich schwere Artillerie an uns heran. Es waren 17 cm
Granaten. Erst schlugen sie vor dem Graben ein und kamen immer näher und näher,
so dass wir schon ausrechnen konnten, die dritte oder vierte Salve wird mitten unter
uns sitzen. Wir drückten uns an die feindwärtige Grabenwand und machten uns so
dünn, wie nur möglich. Dann lauschten wir auf das charakteristische Heulen. Das
erhob sich auch bald, kam immer näher und näher und in der nächsten Sekunde
musste es bei uns einschlagen. Aber die Ungetümer heulten länger als bisher, und
endlich gingen sie 400 Meter hinter uns nieder, gewaltige Erdsäulen aufreißend.
Erleichtert atmete alles auf. Wahrscheinlich hatte der Artilleriebeobachter hinter uns
Bewegung entdeckt und das Feuer dorthin gelenkt. Mehrere Stunden dauerte die
Beschießung und die Russen suchten systematisch das ganze hinter uns liegende
Gelände ab.
So verging der Tag und die heiß ersehnte Nacht sollte mit ihrer Erquickung kommen.
Das Essen musste von weither von Patrouillen geholt werden. Dann gab es Kaffee
und Tabak, lauter Dinge, die sehr gut geschmeckt hätten, wenn der Leichengeruch
nicht gewesen wäre.
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Als es ganz finster geworden war, krochen einige Leute aus dem Graben, um die
Russen zu bestatten. Sie kamen aber bald zurück ohne ihr Geschäft verrichtet zu
haben. Die Russen hatten während des Tages Gewehre auf ihre Toten gerichtet und
eingespannt und ließen nun seit Einbruch der Dunkelheit regelmäßig einzelne
Schüsse ab.
Jetzt wussten wir auch, warum es bei den Russen regelmäßig krachte. Wir hatten
dem bei dem Eintritt der Dämmerung gar keine besondere Bedeutung beigemessen.
Unsere Stimmung wurde recht gedrückt, besonders wenn wir an die Hitze des
kommenden Tages dachten. Von einer entsprechenden Nachtruhe konnte da
selbstverständlich nicht die Rede sein. Auch erhob sich gegen elf Uhr zu unserer
Rechten ein lebhaftes Feuergefecht, das nach geraumer Zeit auch uns in seinen
Bann zog,
sodass wir nach Mitternacht auf einmal wie toll drauf losschossen. Ich tat selbst eine
zeitlang mit. Die Nerven waren durchgegangen. Bald besann ich mich und brachte
bei meiner Kompanie und der rechten Nachbarkompanie das Feuer zum Schweigen.
Ich habe mich oft noch geärgert, weil mich die allgemeine Erregung ohne Grund
mitgerissen hatte. Aber auch diese Nacht ging zu Ende. In gewohnter Klarheit stieg
der nächste Morgen auf, wieder eine Hitzewelle verkündend. Das Feuer lebte wie am
Vortage von Zeit zu Zeit auf und besonders aus einem Hause, das 800 Meter vor mir
war, bekam ich genau gezieltes Maschinengewehrfeuer, das Verluste verursachte,
dem wir aber nicht beikommen konnten. Ich sprach daher durch den Draht, die
Artillerie möge Brandgranaten in das Haus setzen. Zwei Stunden lag ich am Telefon,
die Artillerie schoss, aber das Haus blieb stehen und war weiter ein unangenehmer
Nachbar.
Der Gestank der Leichen brachte uns an diesem Tage fast zur Verzweiflung.
Die Nacht wurde ziemlich kühl, sodass wir wieder ein wenig munterer wurden.
Während dieser Nacht gaben nun die Russen unter dem Drucke einer
Nachbargruppe Greboscow auf und im Morgengrauen setzten wir ihnen nach und
marschierten an diesem Tage, 8. Mai, bis nach Boleslaw, wo wir um fünf Uhr
nachmittags ankamen.
Von diesem Marsche habe ich mir wenig gemerkt, da ich nur so hinduselte. Die
Arbeit der letzten Tage hatte mich allzu sehr hergenommen. Wir kamen durch eine
Reihe reichbevölkerter Dörfer; überall war der Meierhof zerstört. Die Russen hatten
systematisch die Großgrundbesitzer geplündert, während sie mit den Bauern
anscheinend glimpflich verfahren waren.
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In Boleslaw bekam ich sogar ein Bett ohne Ungeziefer, aß und trank bis ich nicht
mehr konnte und schlief acht Stunden wie ein Toter.
Um fünf Uhr waren wir schon wieder in der Marschkolonne. Ich war ganz fröhlich und
guten Mutes. Es war aber auch eine Lust zu marschieren. Herrliches Wetter,
fröhliche Gesichter und gute Straßen. Die Gegend war sehr reich. Überall waren die
Felder aufs Beste bestellt, auch sah man verhältnismäßig viel Vieh.
Wenn nicht die ausgebrannten Meierhöfe gewesen wären, hätte man meinen
können, es geht ins kaiserliche Manöver. Der Marsch ging eine Reihe von Stunden
ohne Störung. Gegen Mittag begann freilich in der großen Hitze das Ächzen und
Stöhnen der schwer bepackten Leute. Auch bekamen wir plötzlich aus einem Walde
zu unserer Linken Feuer von versprengten Kosaken. Eine Kompanie musste
ausschwärmen und den Wald säubern.
Nachmittags gab es eine längere Rast; während derselben ging das Gerücht, die
Russen hätten sich auf einer Höhe neuerdings gestellt und müssten unbedingt heute
noch gepackt werden. In fiebernder Hast drängten wir daher vorwärts. Doch in einer
Mulde machten wir Halt. Diese war von kleinen Erlengebüschen durchzogen. Die
Kompanien wurden in diesen Erlengebüschen versteckt und sollten Schirme gegen
Schrapnellfeuer anlegen.
Ich lag in einem Gehölz, 150 Meter hinter den anderen Kompanien des Baons und
richtete mich befehlsgemäß ein. Auch bekam ich den Auftrag, durch Feldwachen die
rechte Flanke zu sichern.
Plötzlich kam in die drei anderen Kompanien krabbelnde Bewegung; sie setzten sich
in Marsch. Ich schickte sofort, Erkundigungen einzuholen, da waren sie auch schon
verschwunden.
So wie ein neuer Befehl kam, wurde der Baonskommandant wie toll, vergaß die
notwendigsten Befehle und stürmte mit den ersten Leuten drauf los; aber nur dann,
wenn das Gefecht noch weit war. So wie es kritisch wurde, verschwand er.
Ich konnte keine Auskunft bekommen, ob ich bleiben solle oder nicht. Andere
Truppen zogen kreuz und quer, sodass ich einsah, ich werde bald in einem fremden
Verbande stecken. Da trat ich denn auch den Marsch an und traf auch nach
dreieinhalb Kilometern das Baon, das verschoben worden war. Es lag als
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Brigadereserve in unmittelbarer Nähe des Brigadiers. Der Mann war an diesem Tage
General geworden; da rannte alles, was zur Aktivität gehörte, um zu gratulieren.
Die Generalsuniform hatte er im Koffer mitgebracht und so strahlte er dann auf dem
Feldherrenhügel in einer Schar geleckter Ordinanzoffiziere. Über dem Gratulieren
hatte man anscheinend auch mich vergessen. Ich legte mich schweigend zu den
anderen.
Vor uns rollte und grollte das Gefecht. Bald hieß es, wir sollten eingesetzt werden,
bald kam wieder ein anderes Gerücht. Endlich gingen wir auf den alten
Aufstellungsplatz zurück, legten uns in unsere Mäntel gehüllt auf ein Feld und
versuchten zu schlafen.
Vor uns tobte während der ganzen Nacht die Schlacht. Bald schlief ich ein und
erwachte nur dann, wenn schwere Munitionskolonnen rasselnd durch die Straße
zogen. Fröstelnd erwarteten wir den Morgen und die Sonne. Noch vor
Sonnenaufgang kam klappernd alles auf die Beine. Den ganzen Tag lagen wir
gähnend und langsam redend in den Furchen. An uns vorbei zog alles, was das
Gefecht vor uns zu seiner Nahrung brauchte. Aber auch die Leerkolonnen, die
Verwundeten und sonst dienstunfähig Gewordenen humpelten und ächzten an uns
vorüber.
Jeden Augenblick sollte der Befehl kommen: „Ergreift das Gewehr!“ Aber es wurde
nichts daraus. Im Verlaufe des nachmittags wurde das Brüllen der Geschütze heiser,
manchmal setzte es ganz aus; auch das Infanteriefeuer wurde schwächer. Es stand
gut. Und in der Dämmerung wichen die Russen. Da kam auch der Abmarschbefehl
für uns.
Das Baon stand. Der Baonskommandant ließ „rechts um“ machen und raste davon.
Niemand, auch die Kompaniekommandanten nicht, wussten wohin.
Ich war mit meiner Kompanie leider am Ende der Marschkolonne, hatte also alle die
Leiden eines hastigen Nachtmarsches vor mir; schon nach kurzer Zeit zerriss sehr
oft die Marschkolonne, und ich hatte meine liebe Not, sie notdürftig wieder
zusammenzuflicken. Alle die Zurückgebliebenen der anderen Kompanien sammelten
sich bei mir und störten den gleichmäßigen Fluss meines Marsches.
Die ersten Pausen im Vormarsch benutzte ich dazu, um beim Baonskommandanten
Vorstellungen wegen des unregelmäßigen Marschtempos zu erheben und um
wenigstens die Marschlinie zu erfahren. Hätte ich die gewusst, wäre mir um die
rechtzeitige Erreichung des Zieles nicht Bange gewesen, denn in der zweckmäßigen
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Anordnung langer Märsche war ich den anderen über. Ich hatte das schon oft
gezeigt. Aber meine Versuche, dies zu erfahren, musste ich aufgeben. Vom ersten
Anschnarren hatte ich genug.
Beim Überqueren eines Baches gab es die erste große Störung. Die vorderen
Kompanien gingen einfach durch. Als ich mit meinen Streitern durchs Wasser
gestapft war, war ich allein auf weiter Flur. Dem Instinkt nach wanderte ich mit
meinem Häuflein weiter. Bald nahm uns dichter Wald auf. Viele Stunden zogen wir
weiter, ohne die vor uns Marschierenden einzuholen. Von Stunde zu Stunde wurde
die Ungewissheit, bist du auf dem rechten Wege oder nicht, größer und
beunruhigender. Zumal es ja auch leicht möglich gewesen wäre, dass ich unvermutet
auf russische Stellungen stieß.
Die Leute schleppten sich schwer atmend weiter. Endlich hatte ich Fühlung. Auf
einer Waldblöße lagen die anderen Kompanien. Kaum hatte ich Anschluss gefunden,
ging es weiter. Wieder ohne Aufklärung über Ziel und Weg.
Endlich kam der Morgen. Im ersten Graulicht überschritten wir eine verlassene
russische Stellung, die noch am Abend gehalten worden war.
Als uns die Sonne hell beschien, hieß es rasten. Wie Kartoffelsäcke fielen die Leute
um; die meisten schliefen sofort ein.
Da schnarrte auch eine Stimme: „Herr Oberleutnant Kögler zum
Regimentskommando!“ Ich kam und hörte. „Herr Oberleutnant, Sie übernehmen mit
ihrer Kompanie die Spitze der Brigade; Marschlinie XY. In den Wäldern versprengte
russische Abteilungen. Brücken sind zu untersuchen, weil minengefährlich. Marsch
sofort antreten!“
Da hatte ich es also wieder. Während des Nachtmarsches die schwerste Stellung in
der Marschkolonne und nun, da es zum Gefechte ging, wieder die schwerste
Stellung, während die Schonung der Leute gerechterweise meine Kompanie weiter
rückwärts eingeteilt verlangte.
Ich setze mich in Marsch und war auch schon allein. Baon und Regimentskommando
gingen weiter rückwärts. Sie gehörten aber naturgemäß zu mir. Da zogen wir denn
los. Ich mit einem Zuge voraus, Flankendeckungen in entsprechend wechselnder
Zahl, je nach Bodenbedeckung und Aussicht. Die Sonne wurde bald drückend und
mancher meiner Streiter blieb liegen.
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Da kam denn von hinten auf schnaufendem Ross der Regimentshornist und richtete
mir aus, ich möge mich mehr um die Marschdisziplin kümmern. Meine Aufgabe war
aber einzig und allein die Sicherung.
Was ich diesem Boten sagte, war wahrscheinlich nicht fein. Dann hatte ich eine
zeitlang Ruhe. Dann kam es wieder von hinten: „Schneller marschieren!“ Und da
marschierte ich denn schneller, aber das ging nur mit Vernachlässigung der
Sicherung.
Im weiteren Verlaufe verzögerten Ziegelgruben in der Flanke und eine hohe Brücke
in der Front meinen Vormarsch. Ohne entsprechende Durchsuchung wollte ich nicht
weiter. Man sah ganz deutlich, dass vor ganz kurzer Zeit hier noch die Russen
gewesen sein mussten. Aber da hetzte man mich wieder von hinten weiter, ohne mir
Zeit zu gründlicher Sicherungsarbeit zu lassen.
Es ging gegen Mittag, es wurde Mittag und es kamen die ersten
Nachmittagsstunden. Siebzehn Stunden war meine Kompanie ohne Unterbrechung,
ohne Schluck und ohne Bissen marschiert. Lange konnte es nicht mehr so fortgehen.
Die Leute stierten aus verglasten Augen schon ganz blöde.
Dann kam endlich der Befehl, zu beiden Seiten der Straße in Schützenlinien
übergehen und auf dem nächsten Hügel gesicherten Halt beziehen.
In weite Kartoffeläcker versanken wir bald darauf zu köstlicher Ruhe. Aber die Ruhe
war nur halb, galt es doch immer, auf die Sicherung zu achten. Die anderen Teile
des Baons lagen weiter hinten behaglich und menagierten. Bei uns ging das nicht.
Beim Fortsetzen des Vormarsches fiel die Sicherung weg, da andere Kolonnen
vorkamen. Da wurde ich wieder in das Ende der Kolonne eingeteilt, damit meine
Leute recht brav Staub schlucken konnten. Ja, ja, der Landsturm!
Mühselig schleppten wir uns weiter. Drückend lag die heiße Sonne auf uns. Noch
drückender war der feine Staub, der alles mit einer dichten Schicht überzog und auch
in die tiefsten Falten der Kleidung eindrang.
Aber vorwärts ging es doch, trotzdem wir vom Dunajec bis zur Wisloka, die jetzt in
greifbarer Nähe lag, rastlos vorwärts geeilt und daher ganz ausgepumpt waren.
In diesen Tagen kam mir ein Zeitungsblatt in die Hand, das den jubelumbrausten
Vormarsch der Überwinder der Dunajec-Front pries, als ginge es zum Maientanze.
Da gab es nach der Meinung des Artikelschreibers lachende und singende
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Kolonnen, mit frischem Siegesgrün geschmückt und jubelnde, von Freude
berauschte Landeseinwohner.
In Wahrheit schleppten sich die stolzen Sieger mühselig dahin, voll stummen
Ingrimms eine Hügelreihe nach der anderen nehmend. Oft hatte es den Anschein,
als ob eine Reihe Mondsüchtiger dahinwankte. Wenn es aber wieder ins Gefecht
ging, dann strafften sich die krummen Rücken, die schlotternden Beine festigten sich,
der stiere, blöde Blick bekam wieder Glanz und Feuer. Immer lebhafter wurde das
Feuer, immer rascher folgten die Sprünge aufeinander, bis endlich ein heiseres, mit
dem letzten Kräftevorrat herausgequetschtes „Hurra“, den Gegner fliehend machte.
Die Infanterie hat in diesen Tagen Leistungen vollbracht, mit denen sich keine
andere Waffengattung nur im Entferntesten messen kann. Aber bis heute habe ich
keinen gefunden, der ihr stilles Heldentum entsprechend gewürdigt hätte.
Nach geraumer Zeit verließen wir die Straße und marschierten querfeldein bis zu
einem dichten Wald, den wir aufgelöst durchschritten. Im Walde fiel ich mit meinen
Leuten etwas zurück, da ich das dichteste Gestrüpp zu durchbrechen hatte. Beim
Austritt aus dem Wald lag vor uns auf vielleicht 3000 Metern das Dorf Wolacelecka,
unser Ziel.
Kaum hatte ich den Wald verlassen, da kamen die russischen Granaten vom
anderen Wisloka-Ufer herangeheult und in langen aufreibenden Sprüngen arbeitete
ich mich ohne Verluste bis ans Dorf, jede Bodenfalte gut ausnützend.
Hinter dem Dorfe mussten wir uns sofort eingraben und Stellungen für schwere
Geschütze ausheben helfen. Kaum war die Sonne gesunken, mussten wir unsere
freundlichen Löcher verlassen und vorrücken und uns den Russen gegenüber auf
Vorpass legen. Das wurde eine bittere Nacht.
Die Leute waren so erschöpft, dass sie kaum richtige Antworten gaben. Die
Patrouillen torkelten, wie wenn sie betrunken wären; die Beine wollten nicht mehr.
Glücklicherweise wurde es sehr kalt und die Leute konnten nur in einen unruhigen
Halbschlummer versinken und waren daher leicht zu wecken.
Mit steigender Sonne gingen wir in die alte Aufstellung zurück, blieben aber nicht
lange, sondern brachen bald gegen Mikleo auf. An der Wisloka warteten wir auf die
Fertigstellung der Brücke, die Tags vorher die Russen zerstört hatten.
In Reihen überschritten wir sie. Erst die drei anderen Kompanien und zwei
Maschinengewehrkompanien mit ihrer langen Tragtierreihe und dann meine
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Kompanie. Nach dem Übergang wartete der Baonskommandant nicht auf den
Anschluss von hinten und gar bald war ich ohne Verbindung. Ich habe damals vor
Wut geschäumt.
In Mikleo wogten die verschiedensten Truppenteile und Trains straßauf und straßab,
und ich musste wieder einmal riechen, wohin das Baon verschwunden war. Ich fand
es glücklich, wurde vom Baonskommandanten in der maßlosesten Weise angeflegelt
- und war wieder bei den Kameraden.
Auf einer großen Wiese lagerten wir, die Küchen kamen, und es gab ausnahmsweise
einmal das Mittagessen zur Mittagszeit.
Nach dem Essen wurden wir in der Nähe in einem Meierhofe einquartiert. Leider
musste ich das Zimmer mit den anderen Offizieren teilen und auch die Gesellschaft
des Baonskommandanten den ganzen schönen Ruhehalbtag ertragen.
Beim Meierhofe war ein Teich, so dass sich die Leute endlich einmal waschen
konnten und den Dreck der letzten Tage herunterbrachten.
Den Abmarschbefehl gab am nächsten Morgen der Baonskommandant, der mit uns
am selben Tische saß, schriftlich. Er hatte nur Abmarschstunde und -reihenfolge zu
bestimmen. Die Gefechtsbefehle gab er mündlich und duldete nicht, dass wir dabei
Notizen machten.
In flotter Marschart ging es den ganzen Tag rüstig vorwärts. Da es sehr heiß war und
die Straße von endlosen Kolonnen gefüllt wurde, kamen in der Mittagszeit die ersten
Zeichen der Ermüdung.
In den Nachmittagsstunden wurde die Geschwindigkeit des Marsches immer
geringer und gar mancher wurde schlapp und blieb im Straßengraben liegen.
Um vier Uhr nachmittags kamen wir nach Zarownie, wo wir nächtigen sollten. Einige
Stunden lagen wir noch in Schwarmlinie hinter einem Damm, weil vier Kilometer vor
uns in einem Walde noch starke russische Kräfte standen, deren endgültiges
Zurückweichen, infolge überlegenen Druckes in ihre Flanken, wir abwarten mussten.
Nach zwei Stunden kam die Meldung, dass der Gegner zurückgewichen sei und wir
konnten unsere Quartiere beziehen.
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Ich lag in einem ansehnlichen Bauernhof; die große, verhältnismäßig reine Stube,
war mein Reich, das ich sonst mit niemandem teilte. Ich fühlte mich daher auch
außerordentlich wohl.
Am nächsten Morgen sollten wir erst um sieben Uhr weiterziehen. Eine Lust war
daher das Einschlafen mit dem Bewusstsein, solange ruhen zu können. Wir wurden
nachts glücklicherweise nicht gestört und frisch gestärkt marschierten wir am
nächsten Tag, meist auf Feldwegen, durch gut bebaute Fluren.
Das Baon war als Seitenkolonne allein auf der Marschlinie. Daher war alles in viel
besserer Verfassung als am Vortage und in bester Stimmung ging es vorwärts,
beseelt vom Drang nach Osten.
Auf diesem Marsche begab es sich, dass plötzlich der Baonshornist – ich führte die
letzte Kompanie – bei mir erschien und meldete, ich hätte das Baonskommando zu
übernehmen, da der Hauptmann weggeritten war.
Eine peinliche Verlegenheit für mich. Ich hatte keine Ahnung, was rechts und links
von mir war, wusste nicht den Stand des Regimentskomandos, kurz und gut, ich hing
ganz in der Luft, da der Baonskommandant wieder einmal, wie schon oft, die ganze
Weisheit für sich behalten hatte. Zum Glück kam er bald zurück.
Gegen Abend wurde der Marsch zur Quälerei, da wir in Gefechtsformation durch
tiefen Sand mussten. Gegen Schmielow rasch vorrückend, um die Russen, die sich
an die Zerstörung dort lagernder Holzvorräte machen wollten, rasch zu fassen. Sie
hielten nicht stand und ohne feindliche Einwirkung rückten wir durch den Ort und
machten erst auf den Höhen jenseits Halt.
Hier sollten wir bleiben. Meine Kompanie wurde Baonsreserve, und ich konnte
behaglich im Straßengraben hocken, während die anderen Kompanien sich vor mir
eingruben. Als aber die Dunkelheit hereingebrochen war, musste ich auch hinaus,
um die Linie zu verstärken. Auch bekam ich das Telefon und so die Verbindung mit
hinten und war wieder auf Baonsbreite der höchste Offizier, denn der
Baonskommandant blieb hinten im Dorf.
Beim Abgehen der Stellung entdeckte ich rechts von mir ein beängstigend großes
Loch. Wir waren nicht geschlossen. Die rechts liegenden Kompanien waren zu weit
seitab geraten und ich konnte selbst nicht nachrücken, da ich die beherrschende, mit
einer Windmühle gekrönte Höhe besetzt halten musste.
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Meine Bemühungen, eine Kompanie heranzuziehen, hatten keinen Erfolg, sodass ich
die Lücke nur notdürftig mit Patrouillen sichern konnte. Eine unbehagliche Lage, die
mir trotz der großen Erschöpfung, in der ich mich befand, nervöse Unruhe brachte.
Jede Patrouille fertigte ich persönlich ab und als die ersten lichten Streifen am
östlichen Himmel erschienen, fiel mir ein Alb von der Brust. Konnte ich doch erst jetzt
genau sehen, wie unbehaglich die Stellung während der Nacht gewesen war.
Da kam der Befehl, wir würden lange an dieser Stelle bleiben und die Kompanie
hätte sofort im Erdboden zu verschwinden. Da gab es nun wieder ein Hetzen und
Drängen. Die Leute wühlten und wühlten, bis sie unter dem Einflusse der immer
wärmer scheinenden Sonne vor Erschöpfung einschliefen und bald der ganze
Kompanieraum in Dornröschens Schloß hineinpasste.
Da schlummerte einer, Fuß und Hand am Spaten. Da war einem der Spaten
entsunken, als er die Erde auswarf. Dort ruhte einer stehend, den der Schlaf beim
Anlegen der Schießscharte übermannt hatte. Und da ließ ich sie alle ein wenig
verschnaufen. Nach geraumer Zeit brachte ich sie wieder in Gang.
Vor meiner Stellung stand auf dreißig Meter ein einzelnes Haus. Dorthin zog ich mich
auf eine Weile zurück, um mich zu waschen und auch ein wenig zu schlafen.
Kaum hatte ich mich niedergelegt, ließ mich die Meldung, ein General sei da, wieder
mühsam auftorkeln. Es war der Brigadier. Er fragte zuerst recht barsch, wo ich
gewesen sei, und als ich ihm die Wahrheit berichtete, meinte er, es sei mein Glück,
dass das Haus vor der Stellung liege.
In mir zitterte es vor verhaltener Wut, da in diesen Worten ein Zweifel an meinem
Mute lag. Der Brigadier hatte mich noch nie gesehen. Von dem, was wir geleistet und
in den letzten Tagen an unglaublichen Anstrengungen hinter uns gebracht,
anscheinend keine Ahnung, und sollte doch – Kraft seiner Stellung – über die
Leistungsfähigkeit seiner Leute bestens unterrichtet sein.
Dann ging er die Stellung ab, nörgelte bei jedem Plänkler und zeichnete mir auf
einem Papier einige Skizzen von mustergültigen Schützengräben, so wie sie eben in
der Schule gelehrt werden. Schließlich wurde er sehr gnädig und meinte, das solle
kein Vorwurf sein usw..
Inzwischen kam der Hauptmann atemlos aus dem hinter uns liegenden Dorfe; den
fragte der Brigadier aber nicht, wo er gewesen. Und dann ging er zur anderen
Kompanie und ich hatte Ruhe.
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Als der Brigadier verschwunden war, kam der Befehl, mit allen Kräften die Stellung
bestens auszubauen. Wir schanzten, da man uns Hoffnung machte, an der Stelle
bleiben zu können, unverdrossen den ganzen Tag. Wurden mit dem durchlaufenden
Graben fertig und bauten sogar einige Flankierungsanlagen.
Bis abends wollten wir uns gemütlich ausruhen, da rasselte das Telefon den Befehl
„marschbereit“, und ein Fluch ging durch den ganzen Graben, wie ich ihn noch selten
gehört.
Als die Sonne gesunken war, kam die Ablösung und sogleich der Befehl nach
Zygang zu marschieren. Zum Glück war das nur vier Kilometer weit. Da es außerhalb
der Schützenlinie lag, besserte die Hoffnung auf Quartiere unsere Stimmung.
Durch die Nacht zog ich da mit dem gemütlichsten Schritt gegen Zygang. Dort war
auch Quartier gemacht. Für mich war ein schönes Zimmerchen bereitet, auf das ich
mich recht herzlich freute. Ich ließ mein Gepäck und den Diener dort und ging noch
einmal fort, um mich von der Unterkunft der Leute zu überzeugen. Sie waren gut
untergebracht.
Dann schlenderte ich wieder langsam zu meinem Quartier und malte mir seine
Wonnen aus. Ich hatte mich zu sehr gefreut. In meiner Abwesenheit hatten Offiziere
einer schweren Batterie mein Zimmer belegt und ich hätte mich mit ihnen raufen
müssen. Das war mir zu schmutzig. Und nun neuerdings wieder ein Beweis für die
mangelnde Kameradschaft und die hochnäsige Rücksichtslosigkeit, von der die
vielen Kameraden von der Artillerie und der Kavallerie Grabensoldaten gegenüber
erfüllt sind.
In einer Ecke kroch ich noch glücklich unter. Im Morgengrauen waren wir wieder auf
den Beinen. Das Baon wurde außerhalb der Ortschaft in Alarmgräben untergebracht,
im Orte durften wir nicht bleiben, warum habe ich nicht erfahren können.
Ein paar Nächte in den geräumigen Scheuern des Dorfes hätten den Leuten gut
getan. Und so lagen wir dann sechs Tage in Zygang, tausend Meter hinter der
Schützenlinie.
Von Zeit zu Zeit schickte uns die russische Artillerie einen Gruß, der aber keinen
Schaden anrichtete. Zu tun gab es nicht viel, sodass ich einige Male mit Bedacht auf
die Flohhatz gehen konnte. Die Flöhe waren an die Stelle der Läuse getreten und
viel unangenehmer, weil sie zu nervös sind. Auf einer einzigen Hatz erlegte ich
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einmal fünfunddreißig Stück. Ich war damit der erfolgreichste Jäger weit und breit
geworden und genoss als solcher entsprechendes Ansehen.
Einmal musste ich auch mit meiner Kompanie zur Verstärkung durch eine Nacht in
den Graben, da man einen russischen Angriff vermutete. Zugleich bekam ich das
Kommando über den gefährdeten Abschnitt.
Im Morgengrauen ging ich in meine alte Stellung zurück, ohne dass ich in der Nacht
etwas Besonderes erlebt hatte.
Zwei Tage darauf ging ich nochmals an die selbe Stelle. Diesmal nicht zur
Verstärkung, sondern zur Ablösung. Das dort liegende Baon wurde abgezogen und
wir kamen an dessen Stelle.
Ich rückte in dem mir schon bekannten Abschnitt ein. Auffallend war nur, dass man,
als ich den Teil des Grabens hielt, dessen Besatzung ich hatte verstärken müssen,
eine Verstärkung trotz lebhafterer Tätigkeit der Russen nicht für notwendig hielt.
Bei Tage erwischte uns eine Ladung russischer Schrapnells und es gab einige
Leichtverwundete. Hier blieb ich zwei Tage. Die Ablösung erfolgte durch Honved. Ich
marschierte um elf Uhr nachts nach Schmielow. Wir kamen ins Quartier, mussten
aber nach zwei Stunden wieder aufbrechen, da wir an der Straße nach Tarnobrczeg
Olmützer Landsturm abzulösen hatten. Die Ablösung erzeugte einen heillosen
Wirrwarr, da die Marschkolonne nicht in entsprechender Weise eingeteilt worden
war. Es wickelte sich aber nach geraumer Zeit alles wieder in der notwendigen
Reihenfolge ab. Die Stellung war mit spanischen Reitern gut bewehrt.
Tausend Meter vor mir zog sich die russische Stellung um das Dorf Ocice. Wir hatten
nicht mehr viel zu tun, denn die Stellung war gut ausgebaut.
Nach einigen Stunden erfuhr ich, dass wir in ein bis zwei Tagen angreifen würden.
Da überschaute ich mir das Gelände und sah, dass es für meine Kompanie böse
enden musste, denn wir hatten sehr ungünstiges Angriffsgelände vor uns. Auch
waren wir bei Vorrücken nicht nur frontalem, sondern auch Flankenfeuer von links
ausgesetzt. Ich behielt es für mich. Die Kompanie tat mir aber leid. Ich hatte noch
110 Gewehre. Zu Weihnachten waren es 280 gewesen!
Bald kam auch der Angriffsbefehl und der Auftrag, jeder Plänkler müsse sich Stufen
bauen, um rasch aus dem Graben herauskommen zu können. In eine große
Erregung brachte uns hier auch die Kriegserklärung Italiens. Wir erfuhren es am 24.
Mai.
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Gegen Abend dieses Tages kamen die genauen Angriffsbefehle. Viereinhalb Uhr
sollte die Artillerie, darunter 30,5 cm Mörser mit dem Feuer einsetzen. Sieben Uhr
fünfundfünfzig Minuten hatten die Pioniere die Drahthindernisse zu durchschneiden
und um acht Uhr hatte alles aus den Schützengräben loszubrechen.
Ich schlief die Nacht sehr gut. Als am Morgen die Artillerie das Feuer eröffnete,
begann ich die Wirkung zu beobachten.
Eine halbe Stunde nach der anderen verrann und die russischen Gräben blieben
verschont. Die Artillerie richtete ihr Feuer hinter die Schützenstellungen gegen
mutmaßliche Reserven und auf die Verbindungswege hinter der Front.
Manchmal schwoll das Getöse der Artillerie zu furchtbaren Donner an. Jedes Auge
war gespannt nach vorn gerichtet. Besonders die Wirkungen der 30,5 Mörser, die
hohe Erdsäulen hoch über die Dächer des Dorfes empor schleuderten, fesselten alle
Leute so, dass sie wohl für eine kurze Zeit vergaßen, wie Schweres ihnen
bevorstand.
Ich wurde immer besorgter um das Schicksal des Angriffes, denn die russischen
Stellungen vorne blieben verschont. Ich meldete es auch öfter zum Regiment. Es
hatte aber keinen Erfolg.
Ich glaube, wenn einer der Verantwortlichen vorn gewesen wäre, hätte man die
Infanterie gegen die unerschütterten russischen Schützenlinien nicht losgelassen.
Aber das war eben ein Beispiel für die Nachteile des Telefons, das mit Schuld daran
ist, dass die Befehlshaber viel zu selten nach vorn kommen. Sie würden vorne ein
anderes Bild gewinnen.
Der Zeiger der Uhr rückte immer näher gegen acht. Als es höchste Zeit war, lies ich
die Leute erst umhängen, um sie zu beschäftigen und ihnen so die ersten schweren
Sekunden zu erleichtern. Denn ist erst einmal der Angriff angesetzt, dann ist auch
das Schwerste überwunden.
Pünktlich krochen die Pioniere heraus und zerschnitten die Drahthindernisse. Fünf
Minuten später erhob sich aus unseren Gräben - soweit das Auge reichte - wie in
einem Zaubermärchen, die angreifende Infanterie.
Von meiner Kompanie waren es zwei Züge, die in der Feuerlinie sein sollten. Auf die
Sekunde sprang jeder die Stufen empor, die er kurz vorher geschlagen. Mancher
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hatte sich die Stufen für das eigene Grab geschaufelt, denn die unerschütterte
russische Infanterie ließ uns ein wohlgezieltes Feuer entgegenprasseln, das
manchen schon bei dem Versuch, den Graben zu verlassen, niederwarf.
Als die ersten zwei Züge draußen waren, ging ich mit dem Kompaniestab. Der
dienstführende Feldwebel und die vier Gefechtsordonanzen waren bei mir. Nach
zwei Sprüngen war ich allein.
Der Feldwebel war gefallen, die Ordonanzen waren alle verwundet. Da raste ich in
Sprüngen, so rasch ich sie meinem Körper abzwingen konnte, der Feuerlinie nach
und ging nun mit ihr gegen die für die Kompanie bestimmte Einbruchsstelle. Da
machte sich das Flankenfeuer, das ich im Voraus kommen sah, so unangenehm
bemerkbar, dass ein Teil meiner Leute gegen das Flankenfeuer zu durchgingen. Mit
dem Rest konnte ich die befohlene Richtung einhalten.
Das russische Feuer wurde immer stärker und war ausgezeichnet gezielt. Wir
machten uns so dünn wie ein Blatt Papier und krochen und wälzten uns vorwärts.
Nach einigen Stunden hatten wir die letzte Bodenwelle vor den russischen Gräben
erreicht. Hier mussten wir trachten, die volle Feuerüberlegenheit zu gewinnen, denn
bis zum Drahtverhau gab es keine Deckung mehr und bis dorthin waren es noch 500
Meter.
Die Leute, die um mich waren, setzten sich schon aus den verschiedensten
Kompanien zusammen. Auch zwei Maschinengewehre reitender Tiroler
Landesschützen hatte ich in meiner Nähe. Und da begannen wir denn mit dem
Feuergefecht.
Leider häuften sich die Verluste, da die Russen ausgezeichnet schossen. In meiner
Nähe gab es schon Tote und Verwundete, gar nicht die gerechnet, die beim
Vorrücken liegengeblieben waren.
Da gruben wir uns ein und gedachten einen günstigen Augenblick für den nächsten
Sprung abzuwarten. Auch ich schoss fleißig mit. Dabei schlug mir ein Treffer das
Gewehr aus der Hand. Ich ergriff ein zweites Gewehr und feuerte weiter; da ritzte mir
ein Streifschuss am rechten Handgelenk die Haut, dass einige Bluttropfen austraten.
Da und dort schrie einer auf. Das Schicksal hatte ihn erreicht. Von Zeit zu Zeit ließ
ich nach rechts und links weitersagen: Spaten hoch, um zu sehen, wie es mit meiner
Schar bestellt sei. Nach jedem Ruf „Spaten hoch“, war die Zahl geringer geworden.
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An ein Vorwärtskommen war nicht zu denken, denn unsere Artillerie wirkte noch
immer nicht gegen die russischen Schützenlinien. Langsam arbeitete sich nun auch
meine Reserve heran und die Lücken konnten hier und da geschlossen werden. Da
ließ ich von Zeit zu Zeit das Feuer einstellen, um Patronen zu sparen.
Als ich in der Mittagsstunde wieder einmal „Spaten hoch“ nehmen ließ, und nach
links schaute, habe ich wahrscheinlich mein linkes Bein zu sehr gehoben, so dass es
aus der schützenden Furche herauskam. Da – auf einmal ein furchtbarer Schlag
gegen meinen linken Oberschenkel. Die Gewalt des Schlages war so groß, dass er
mich auf den Rücken umdrehte, ich lag auf dem Bauche, und ein rasender Schmerz
ging durch den ganzen Körper, der auch jede Bewegungsfähigkeit eingebüßt hatte.
Ein Nebenmann zog mir das gesunde Bein vom Kranken herunter und brachte das
Kranke in gerade Lage; ich meinte, das nicht ertragen zu können, ertrug es aber
doch. Dann schnitt man mir die Hosen auf, da sah man den Einschuss, aus dem nur
wenige Bluttropfen hervorsickerten; das Bein war furchtbar angeschwollen. Ich
schloss daraus auf eine schwere Verletzung, was ja auch schon daraus hervorging,
dass ich mich gar nicht bewegen konnte.
Über mich und um mich ging das rasende Feuer weiter. Mein Gedanke war, nur kein
russischer Gegenangriff, denn in Gefangenschaft wollte ich nicht kommen. Trotz der
großen Schmerzen blieb ich bei klarer Besinnung und konnte noch Anordnungen für
das Gefecht geben; insbesondere nahm ich mich der Feuerleitung an. Die Leute
sollten sich nicht verschießen, denn Munitionsersatz war schwer zu beschaffen.
Darum ließ ich öfter Feuer einstellen. Ich lag aber ungeschützt im Infanteriefeuer. Die
Kugeln schlugen ununterbrochen neben mir ein. Ich selbst konnte nicht die geringste
Bewegung machen.
Der Mann neben mir kratzte allmählich mit dem Spaten unter mir die Erde weg, so
dass ich immer tiefer und tiefer sank und endlich gegen das Infanteriefeuer geschützt
war. Wie lange das dauerte, kann ich nicht mehr sagen. Ich weiß nur, es waren
Ewigkeiten, während der ich in aller Geduld auf die nächste Kugel wartete. Sie
verschonten mich aber, trotzdem sie in meiner unmittelbaren Nähe manche
Verheerung anrichteten.
Als ich einige Stunden gelegen hatte, kamen die Sanitätspatrouillen meiner
Kompanie auf dem Bauche zu mir gekrochen. Es war aber unmöglich, mich
wegzutragen. Wir wären alle miteinander von Kugeln zersiebt worden.
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Da gruben die Sanitätsleute neben mir ein Loch, stellten eine Tragbahre hinein und
zog mich auf die Tragbahre, damit ich besser zu liegen käme. Die wenigen
Dezimeter, die ich mich da bewegen musste bzw. die ich da bewegt wurde, waren
wohl das Ärgste, was ich durchzumachen hatte. Nach einer langen Marter lag ich
endlich auf der Bahre. Mit zusammengebissenen Zähnen hatte ich den Weg dorthin
ertragen und fühlte mich außerordentlich erleichtert, als ich auf der Bahre lag.
Von allen Seiten schob man mir noch Graspolster unter, so dass ich wirklich gut lag.
Da musste ich nun liegen bleiben bis es ganz finster geworden war. Zum Mittag hatte
ich den Schuss bekommen und nach neun Uhr begann man damit, mich wenigstens
aus dem Feuerbereich zu bekommen, denn das Gefecht raste die ganze Nacht
weiter.
Nach langem Warten hieß es endlich: „Wir wollen es versuchen.“ Die vier
Sanitätsleute legten sich neben mich. Jeder zu einem Fuß der Tragbahre. Der
Korporal kommandierte: „Horuck“ und die Bahre schwankte aus der Grube auf das
Feld und war nun wieder im Feuerbereich. Neben mir liegend schoben sie immer auf
Armlänge die Bahre vor, bis endlich nach manchem qualvollen Ruck wir in eine
Bodenmulde kamen, wo die Leute ein wenig verschnaufen konnten. Dann spuckten
sie in die Hände und im Laufschritt ging es viele hundert Schritt über von den Kugeln
noch bestrichenes Gelände. Das Surren der Kugeln klang bald näher, bald ferner, oft
kam eine so nahe, dass man ihren heißen Atem spürte.
Im Laufschritt wechselten die Träger mit unnachahmlicher Geschwindigkeit ohne
stehen zu bleiben. Ihr Atem ging immer kürzer und stoßender. Endlich stellten sie
mich wieder hin. Wir waren im Straßengraben in der Straße, die zum Verbandsplatz
führte und in ziemlicher Sicherheit.
Diese vollständige Hilflosigkeit, dieses Warten auf Glück oder Unglück ist wohl das
Lähmendste, wenn man nichts dazu tun kann, um die Sache zu ändern bzw. zu
bessern. Das Gefühl, so ganz hilflos auf der Bahre zu liegen, von Kugeln umsprüht,
war noch viel niederdrückender als jenes, das sich bemerkbar machte, als wir im
Ponton zusammengepfercht im feindlichen Feuer über den Dunajec schwammen.
Endlich kamen wir zum Verbandsplatz, auf dem es schon viele, viele Gäste gab. Hin
und wieder kam ein Geschoss von weit her und forderte noch manches Opfer. So
riss auf dem Verbandsplatz noch ein Weitgänger einem Manne die Hoden weg.
Nun nahm sich meiner der Arzt an. Er sagte mir gleich, der Fall ist schwer, der Krieg
sei ein für alle Mal für mich zu Ende. Dann gab er mir Morphium in einigen Tabletten
und meinte, ich möge mich zusammennehmen, das Verbinden wird schmerzen.
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Dann zogen zwei Sanitätsleute am Fuß, zwei andere am Oberkörper, der Arzt
kommandierte scharf „fester und dann halten!“ Dann legte er mir den Notverband an.
Die Träger hoben mich und stellten mich in eine Bauernstube. Dort lagen schon
etliche Opfer des Kampfes. Neben mir ein Freiwilliger mit der selben Verwundung
stöhnte ganz entsetzlich, dass man darüber die eigene Qual vergaß. Er ist an der
Verwundung gestorben, wie mir der Arzt, der uns verbunden hatte, bei einem
zufälligen Zusammentreffen in Brünn später erzählte.
Von Schlafen war in dieser Nacht natürlich nicht die Rede, obwohl ich mich
verhältnismäßig wohl fühlte. Der Arzt kam noch einige Male nachschauen. Auch der
Feldkurat besuchte mich, den alten Sünder und Ungläubigen etliche Male, konnte
aber mein Verlangen nach irdischer Speise nicht erfüllen.
Der Morgen kam; er brachte den Truppenrechnungsführer des Regimentes, der mir
die Hauptmannszulage bis zum Gefechte auszahlte und zugleich mitteilte, ich sei aus
dem Stande gebracht und meinem Ergänzungsbezirk übergeben.
Nachmittags setzte sich endlich eine lange Wagenreihe, die auch mich mitnahm, in
Bewegung. Ein polnisches Bauernfuhrwerk, von einem Buben gelenkt, nahm mich
auf. Dann fuhren wir etliche Stunden dahin – querfeldein – bis wir zu einer
ungarischen Brigadesanitätsanstalt kamen. Dort humpelte und krabbelte alles von
den Wagen. Mich hob man auch herunter und trug mich in das Operationszimmer,
während die anderen in einer Scheune einen neuen Verband erhielten.
Der Arzt sah mich bedenklich an; dann kamen wieder fünf Landsturmmänner, die
hoben mich auf den Tisch, zwei Morphiuminjektionen und es ging los. Ein
Drahtgeflecht in Beinform nahm meinen verwundeten Fuß auf und endlose Binden
verwandelten ihn in Mumiengestalt. Auf die feuchten Binden schrieb der Arzt mit
Tintenstift: „Fraktura femoris, Steckschuss, Gefäßverletzung“. Ich wurde in einem
Hause zu anderen gelegt.
Dann lud man mich wieder auf einen Wagen und wir kamen gegen Abend zu einem
feldmaroden Haus. Hier muss es wohl viele hundert Verwundete gegeben haben.
Auffallend war sogar für meine Teilnahmslosigkeit der Mangel an Ärzten und
Pflegern und das Fehlen jedweder Bequemlichkeit. Von Reinlichkeit will ich gar nicht
sprechen.
Auf Stroh lagen die Schwerverwundeten nebeneinander. Rechts von mir ein
Reichsdeutscher mit einem Bauchschuss. Er konnte das Wasser nicht lassen und litt
deshalb unsagbar. Links von mir Oberleutnant Manek vom selben Regimente mit
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einem Schuss durch den Hals. Er wurde durch den After ernährt und schrieb mir
einen Zettel um den anderen mit Todesahnungen. Ich sagte nur immer: „Du bist blöd,
wegen so etwas stirbt man nicht.“ Mir gegenüber lag ein Reichsdeutscher, der beide
Beine durchschossen hatte und ein Slowake, der wahnsinnig geworden war und
immer wie ein Hund bellte. Dann noch einige, die mir nicht im Gedächtnis blieben.
Dies alles begab sich in einem Zimmer, das fünf Schritt im Geviert gemessen haben
dürfte. Eine lange Nacht und fast einen ganzen Tag lagen wir alle in dem engen
Raum, dumpf und stier vor uns hinblickend.
Ich wundere mich noch heute, dass ich während dieser Stunden gar so still war. Die
anderen stöhnten, ächzten, fluchten und jammerten. Ich blieb ganz ruhig. Das kam
wohl daher, weil ich mein ganzes Leben lang alles für mich allein still abgemacht
hatte. Ich glaube, ich hätte auch zum Sterben niemanden gebraucht.
Am Abend des nächsten Tages wanderte ich auf meiner Tragbahre wieder hinaus
und wurde in ein Fuhrwerk verladen. Nun ging‘s zu einem Bahnhof. Dort nahm nach
langem hin und her ein leerer Güterwagen drei Kämpfer auf. Einen
Jägeroberleutnant mit durchschossener Brust, einen Artilleristen mit einer ähnlichen
Verwundung wie meine und mich.
Wir lagen ganz friedlich auf Stroh gebettet; hin und wieder rang sich mühsam ein
Wort von unseren Lippen. Nach geraumer Zeit wurde der Jäger wieder
herausgeschafft. Anscheinend ging es mit ihm zu Ende.
Die Fahrt dauerte die ganze Nacht. Doch bescherte sie uns auch ein unliebsames
Erlebnis. Der Zug geriet einige Male in Brand, hielt auf offener Strecke und es gab
dann immer aufgeregtes Gerenne und Gerede.
Unsere Gedanken waren zwar sehr träge, aber doch so lebhaft, dass wir es uns
ausmalten, wie es sein würde, wenn der Brand weiter griffe, bis zu unserem Wagen.
Da sagten wir dann ganz ruhig: „Wenn sie uns vergessen, verbrennen wir.“ Und
erörterten ganz kaltblütig, dass wir infolge des Qualms schon vor dem Herannahen
der Flammen ohnmächtig sein würden, und also der Tod gar nicht so schrecklich
wäre.
Am frühen Morgen kamen wir in Tarnow an; wir wurden am Bahnhof in einem Bett
zur Ruhe gelegt, aber nach zwei Stunden in einen Sanitätswagen geladen, der uns in
das Tarnower Truppenhospital brachte.
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Dort legte man uns wieder in ein Bett. Bald kam ein Arzt, der meinte, unser Fall
passe nicht für das Truppenhospital. Da wurden wir wieder auf eine Bahre gelegt und
ins Priesterseminar getragen, wo wir endlich zur Ruhe kamen. Hier blieb ich nun drei
Wochen. Beim ersten Verbanderneuern standen vier Ärzte im Operationszimmer um
mich herum, dann hatten sie in einer Ecke eine lebhafte Beratung. Schließlich wurde
ich, nach Erneuerung des Verbandes, wieder ins Zimmer geschafft.
Jeden zweiten Tag lag ich auf dem Operationstisch. Der Verband wurde erneuert
und der Arzt stand und schaute und wackelte unmerklich mit dem Kopf. Da wusste
ich, dass es schlimm mit mir stehen musste.
Im Widerspruch dazu stand mein subjektives Wohlbefinden. Ich aß mit Hunger, trank
jeden Tag einige Krügel Bier und rauchte wie ein Schlot. Schlafen konnte ich nicht;
erst nach Sonnenaufgang schlummerte ich ein, wurde aber immer sehr bald durch
den lebhaften Verkehr auf dem Gange geweckt. Das war so Tag für Tag.
Gar bald war ich an das Krankenhausleben gewöhnt und fühlte mich recht wohl. Am
besten gefielen mir das schöne Bett, das weiße Leintuch und angenehme
Kopfpolster, lauter Dinge, die mir wie Grüße aus dem Märchenland erschienen.
Nach etwas mehr als drei Wochen war ich endlich soweit, dass ich weiter geschickt
werden konnte.
Ein Schlafwagenzug nahm mich auf und nun ging es heimwärts. Unterweges hatte
ich ein rührendes Erlebnis. Es war wahrscheinlich in Bochnia; der Zug hatte längeren
Aufenthalt. Eine polnische Schwester ging mit Blumen und Erfrischungen durch den
Zug. Bei mir blieb sie auch stehen und fragte, ob ich ein Deutscher sei. Ich sagte
natürlich mit kräftigem Kopfnicken ja und da legte sie mir Kornblumen auf die Brust
und sagte: „Da will ich Ihnen deutsche Blumen geben“ und verschwand.
Nach mehr als vierundzwanzig Stunden hielt der Zug in Kolin. Hier wurden wir
zwecks Entlausung sechs Tage zurückgehalten. Die benutzte ich, um mit der Heimat
in Verbindung zu treten behufs Erlangung eines Spitalplatzes in Nordböhmen. Das
gelang, und als Einzelreisender ging es auf der Tragbahre nach Reichenberg.
An einem Sonntagvormittag kam ich dort an und wartete nun in Geduld Monat um
Monat, bis ich wieder humpeln konnte.
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Mit dem Soldatsein war es für immer zu Ende. Als Invalid, zu jedem Dienste
ungeeignet, wurde ich entlassen und kehrte wieder allmählich zu meiner früheren
Beschäftigung zurück.
Und bin nun seit eineinhalb Jahren wieder im großen Strom derer untergetaucht, die
nicht mit dabei waren.
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