Leseprobe - marga auwald

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Das vergessene Universum der Musik
[Leseprobe]
Marga Auwald
Stell dir vor, du erwachst eines Tages und dein ganzes Leben ist verschwunden. Nichts
mehr da. Kein Name, keine Erinnerung, kein Gefühl. Was würdest du tun? Versuchen, das
alte Leben wiederzufinden und dich diesem anpassen oder würdest du einen Neubeginn
machen? Beim einen verlierst du vielleicht dich selbst, beim anderen verlieren dich die
Menschen, die dich bisher geliebt haben und die nun Fremde für dich sind.
Wem würdest du vertrauen, wenn alle behaupten, dass sie dich kennen und es gut mit dir
meinen? Wem glaubst du?
Was ist mit den Menschen, die dich nicht mögen? Gehst du ihnen aus dem Weg oder
versuchst du, durch dein erinnerungsloses Ich neu mit ihnen in Beziehung zu treten?
Wer bist du wirklich?
Noch bevor sie vollkommen aufgewacht war, spürte sie bereits diesen stechenden und alles
einnehmenden Schmerz im Kopf. Während sie die Hände um ihren Schädel legte und die
Augen zusammenkniff, stöhnte sie: „Ohh! Gott!“ War sie gestürzt, war etwas auf sie drauf
gefallen? Woher kam nur dieser Schmerz? Langsam öffnete sie die Augen. Ihre Umgebung
schien sich zu bewegen. Hatte sie einen Kreislaufzusammenbruch oder einen Schlaganfall?
Langsam nahm sie durch den explodierenden Kopf hindurch wahr, dass sie in einem Zug
sitzen musste. Vor ihr war ein Tisch und ihr gegenüber sah sie zwei graue, neu
erscheinende leere Sitze. Immer noch hatte sie die Hände am Kopf und ihr Gesicht war
schmerzverzerrt, doch sie blickte sich langsam um. Kein Mensch saß in ihrer Nähe, kein
Schaffner in Sicht und die Landschaft flog nur so an ihr vorüber. Auf dem Sitz neben ihr lag
eine große hellbraune Handtasche und eine helle Ledertasche, die vermutlich einen Laptop
oder andere Arbeitsmittel enthielt.
Mit jedem Atemzug verebbten die Kopfschmerzen ein klein wenig, doch das bemerkte sie
kaum. Zu sehr war sie von ihrer Umgebung eingenommen. Von einer Umgebung, die ihr
vollkommen neu war. Wo war sie? Was machte sie hier? Mit dem Erstaunen ließ sie die
Arme sinken, nur um die Hände in derselben Bewegung wieder zu heben und vor ihr Gesicht
zu halten. Diese Finger! Diese Hände! Sie war sich sicher, dass sie sie noch niemals
gesehen hatte. Die Fingernägel waren lang und professionell manikürt. Ein rohweiß-beiges
Muster war darauf gezeichnet und an manchen Nägeln waren kleine Steine eingearbeitet. Es
waren lange, schön geformte Finger und sie sahen aus, als würden sie regelmäßig mit
teuren Cremes gepflegt. Aber sie kannte diese Hände nicht. Diese Erkenntnis sickerte
langsam in ihr Bewusstsein. Plötzlich saß sie aufrecht in ihrem Sitz und sah an sich hinunter.
Sie trug eine helle Stoffhose mit einem schmalen dunkelbraunen Gürtel. Hände und Blick
wanderten zu ihrem Bauch. Das Oberteil war eine schlichte, weiße Bluse, die sich angenehm
leicht anfühlte. Noch weiter wanderte sie nach oben, berührte die schwarzen Steine der
Kette, nahm beide Brüste in ihre Hände. Nichts davon, absolut gar nichts kam ihr bekannt
vor. Sie trug mehrere goldene Ringe. Einer hatte eine Perle obenauf, ein anderer kleine
Brillanten und an einem Finger betrachtete sie wie eine Fremde zwei glänzende Ringe
übereinander. Jeden einzelnen Ring hatte sie kurz berührt, doch es kam ihr vor, als wäre sie
eine Forscherin, die eine neue Ameisenspezies entdeckt hat und es kaum glauben konnte.
Unter dem Tisch lagen zwei dunkelbraune, sehr hohe Pumps, an ihren Füßen trug sie
Seidenstrümpfe und die durchscheinenden Nägel sahen dunkel gefärbt aus.
Mit fragendem Gesicht sah sie um sich. Hier war nur sie alleine und sie hatte keine Ahnung,
wer sie war. Sie wandte sich nach rechts und erstarrte. Im Spiegelbild der Fensterscheibe
erblickte sie ihr Gesicht. Keine Blessuren, keine Verletzungen deuteten darauf hin, dass
etwas mit ihr passiert war. Die dunklen, glatten Haare umrandeten ihr rundes Gesicht
perfekt. Sie näherte sich der Scheibe, betastete die Nase, den Mund und fasste sich sogar
kurz in ein Auge. Ja, das war real. Alles war echt. Und doch: Sie hatte diese Frau, die sie vor
sich sah, noch nie gesehen. Wo war sie? Wer war sie?
Mit geschlossenen Augen ließ sie sich zurück in ihren Sitz sinken. „Durchatmen, noch einmal
von vorne!“, murmelte sie, als könne sie durch ein Zurückgehen in die Haltung, aus der sie
vor einer Viertelstunde erwacht war, ein Reset erreichen und alles würde Sinn machen und
ihr Kopf würde wieder normal funktionieren. In dieser Haltung bemerkte sie, dass auch ihr
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Körperempfinden völlig neu war. Ihr Nacken war leicht verspannt und ihr Rücken fühlte sich
steif an. Ihre Hände und ihre Füße waren warm, sie verspürte leichten Hunger und ihren
Bauch empfand sie so, als würde sie ihn eingezogen halten. Über alledem thronten die noch
immer vorhandenen Kopfschmerzen, doch diese ignorierte sie.
Sie atmete aus und öffnete die Augen wieder. Nichts. Keinerlei Anhaltspunkte waren
aufgetaucht. Irgendwie musste sie herausfinden, was das hier sollte. Ihr kam die errettende
Idee: die Handtasche. Sicher konnte sie sich nicht sein, doch es sah so aus, als gehörte die
Tasche neben ihr auch zu dieser Frau, in der sie steckte. Noch einmal blickte sie sich im
Waggon um. Immer noch war sie alleine, also nahm sie die Tasche auf den Schoß und zog
als erstes die Geldtasche heraus. Es war eine längliche Börse, die mit einem Druckknopf
verschlossen war. Eine Visitenkarte war das erste, was sie hinter dem durchsichtigen
Fenster, in dem meistens Bilder der Kinder oder Partner zu finden waren, erblickte.
Berkinger Immobilien Holding
Melinda Berkinger
Pietachstraße 458
8001 Zürich
SCHWEIZ
Gehörte nun diese Tasche einer Melinda Berkinger oder hatte die Inhaberin diese
Visitenkarte hier versorgt? Sie atmete tief aus. Das war gar nicht so einfach. Immerhin,
registrierte sie nebenbei, dass die Augen dieses Körpers zu funktionieren schienen. Sie trug
keine Brille, musste nichts auf Armlänge halten und sah trotzdem scharf.
Nach und nach durchsuchte sie die Geldtasche, fand vor allem Euroscheine, was ihr in
Bezug auf die Visitenkarte keine neuen Antworten gab. Es war ziemlich viel Bargeld, fand
sie. Daneben enthielt die Börse zahlreiche Kundenkarten, zwei Kreditkarten, eine
Bankomatkarte und einen Führerschein. Alle waren sie auf Melinda Berkinger ausgestellt
und als sie das Foto auf dem Führerschein inspizierte, war sie sich fast sicher, dass es das
Bild der Frau in der Fensterscheibe war. Vielleicht war ja ein Spiegel in der Handtasche,
dachte sie, und wühlte weiter.
Tatsächlich fand sie ein kleines Täschchen, das neben allerlei Make-up-Utensilien einen
kleinen Spiegel enthielt. Sie öffnete ihn und betrachtete ihr Gesicht – zu dieser Erkenntnis
war sie bislang gekommen, dass das hier IHR Gesicht war. Dunkelbraune Augen, die
skeptisch und rotgeädert waren, sahen ihr entgegen. Eindeutig hatte sie Make-up aufgelegt.
Viel Mascara, Eyeliner, etwas Lidschatten, daneben noch Grundierung, Rouge und gemalte
Lippen inklusive einer Kontur. Und so viel war sicher: Ja, sie war diese Frau auf dem
Führerschein. „Melinda Berkinger“, sagte sie leise vor sich hin, als ob das Hören dieses
Namens eine Erinnerung bringen sollte. Stattdessen war sie erstaunt über den Klang ihrer
Stimme. Irgendwo, ganz entfernt, da war vielleicht der Hauch eines bekannten Gefühls.
Doch als sie den Namen wiederholte, war da nicht mehr, als eine vage Empfindung, die sie
nicht zu fassen bekam. Bedeutete das, dass sie tatsächlich diese Frau war? Dass hier kein
Fehler, kein Traum oder irgendein NASA-Projekt ablief, sondern sie nur eine Frau war, die
sich selbst nicht mehr erkannte?
Im nächsten Moment vernahm sie leise Musik. Wieder war es, als würde tief in ihrer Brust
etwas berührt, doch es war zu weit weg, zu fremd und sie hatte keine Chance es ins
Bewusstsein zu bringen. Dann griff sie hektisch nach der Handtasche und wühlte mit weit
aufgerissenen Augen darin herum, als würde ihr Leben davon abhängen. Vielleicht tat es
auch genau das.
„Bitte bleib dran, bitte bleib dran!“, betete sie vor sich hin, bis sie endlich die Handyhülle in
der Hand hatte. Erst versuchte sie das Gerät mit den Fingern herauszuziehen, was aufgrund
der langen Nägel gar nicht so leicht war. Sie drehte die Hülle um und wollte es
herausschütteln, als das Klingeln erstarb.
Nun, da sie keinen Stress mehr hatte, legte sie die weiße Lederhülle vor sich auf den Tisch.
Was ihr vorher entgangen war, das war nun ganz klar: Wenn sie an der kleinen Lasche zog,
dann glitt das Handy wie von alleine in ihre Hand. Sie berührte das Display, doch es tat sich
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nichts. Lediglich ihr Nagel verursachte ein stilles Klickgeräusch. Noch einmal hielt sie alle
Finger hoch und sah sich die perfekt manikürten Nägel mit einer hochgezogener Braue an.
Offensichtlich hatte sie keine Ahnung, wie man mit diesen Dingern umging. Sollte so etwas
nicht im Körpergedächtnis gespeichert sein, fragte sie sich. Beim zweiten Versuch konnte sie
das Handy aktivieren. Es gab kein Foto oder sonstige Gestaltung auf dem Hintergrund, nur
eine einfache blaugrüne Fläche. Während sie noch versuchte sich auf dem Smartphone zu
orientieren, läutete es ein weiteres Mal. Martin stand da. Für das Abheben benötigte sie drei
Versuche, diese Nägel waren ihr wirklich im Weg.
„Hallo?“
„Ich wollte nur wissen, ob du pünktlich ankommst.“
Keine Begrüßung, kein Name, doch diese Person kannte sie offensichtlich. Diese Chance
musste sie nutzen.
„Ähm, mit wem spreche ich, bitte?“
Stille.
„Na mit mir. Habe ich dich geweckt?“
Das war etwas kompliziert. Wie sollte sie das Ganze angehen? Sie nahm tief Luft und
schüttelte den Kopf. Es gab keinen anderen Weg als ehrlich zu sein.
„Ähm, ich… es tut mir leid, aber ich weiß im Moment gerade gar nichts. Ich sitze mit
Kopfschmerzen im Zug, halte ein fremdes Handy am Ohr und kann mich an gar nichts
erinnern.“
„Ist das ein Scherz?“
„Nein. Ich weiß, das klingt unglaublich. Ich kenne mich ja selbst nicht aus. Ich weiß nicht was
ich hier mache und auch nicht wer…“
Am anderen Ende der Leitung hörte sie ein Geräusch, als würde ein Stuhl auf dem Boden
zurückgeschoben, dann eine Türe, die geschlossen wurde.
„Melinda, was soll das? Kommst du nun oder nicht?“
„Melinda. Genau. Melinda Berkinger, das bin ich, oder?“
„Hör auf damit!“, er schien wütend zu werden. „Du warst diejenige, die uns alle hierher
bestellt hat. Verdammt, du wirst dich jetzt nicht aus der Affäre ziehen!“
Etwas verzweifelt entgegnete sie: „Wirklich, das ist kein Scherz. Ich erinnere mich an absolut
gar nichts. Ich wühle hier durch eine Tasche, um überhaupt einen Anhaltspunkt dafür zu
bekommen, wer ich sein könnte.“
Es war still. Sie fürchtete ihn zu verlieren. Die nächste Frage sollte ihm verdeutlichen, wie
ernst es ihr war.
„Darf ich fragen, wer Sie sind?“
Am anderen Ende wurde aufgelegt.
Da dieser Martin, als den ihr Handy ihn ausgewiesen hatte, offensichtlich nicht gut auf sie zu
sprechen war, beschloss sie, ihn nicht sofort zurückzurufen. Was hätte sie ihm auch anderes
sagen können, als sie es gerade getan hatte?
Stattdessen nahm sie sich noch einmal der Handtasche an. Darin fand sie ein Zugticket.
„Au ja!“, rief sie aus und öffnete es gespannt. Immerhin würde sie nun erfahren, wohin sie
unterwegs war.
<<Wien --- Budapest>> stand da. Budapest? Sie blickte nachdenklich nach oben. Nein, auch
da klingelte nichts. Ebenso wenig, wenn sie Wien als Suchbegriff durch ihre Hirnwindungen
schickte. Das Ticket war bereits abgestempelt, also hatte der Schaffner sie auch schon
gesehen. Wieder sah sie sich um und dieses Mal blieb ihr Blick am Koffer und an der
Reisetasche hängen, die sich schräg hinter ihr auf der Gepäckablage befanden.
Sie stand in ihren Strümpfen auf. Groß fühlte sie sich. Auf beiden Seiten hielt sie sich an den
Kopfstützen der Sitze fest und konzentrierte sich noch einmal auf ihren Körper. Sie war
schlank und groß. Ihre Schultern waren tatsächlich verspannt und ihre kleinen Zehen
schmerzten.
Am Gepäck war jeweils ein Namensschild angebracht. Ja, diese beiden gehörten zu ihr.
Beziehungsweise zu Melinda Berkinger, ergänzte sie in Gedanken. Da sie noch nicht einmal
mit der Handtasche durch war, war es jetzt sicher nicht an der Zeit ganze Koffer zu öffnen.
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Zumal dieser hier riesengroß war und ziemlich schwer aussah. Beide Gepäckstücke waren
in demselben Design und sahen sehr teuer aus. Zumindest vermutete sie das.
Wieder läutete das Telefon und sie beeilte sich, zu ihrem Sitz zurückzukehren. Martin
machte noch einen Versuch.
„Hallo?“, meldete sie sich.
„Und? Kommst du pünktlich?“
Er hatte sie nicht ernst genommen. Verärgert klang er und so, als würde er sofort wieder
auflegen, wenn sie etwas Falsches antwortete.
Trotzdem, was konnte sie anderes tun, als zu sagen: „Das ist kein Scherz. Ich habe gerade
erst eine Zugkarte nach Budapest gefunden. Das ist im Moment alles, was ich Ihnen sagen
kann!“
Er atmete in den Hörer: „Melinda, ich…“
„Das ist mein voller Ernst! Wäre ich denn die Person, die solche Späße macht?“, unterbrach
sie ihn rasch.
Es blieb still. Immerhin hatte er nicht aufgelegt.
„Mein ganzes Gedächtnis scheint weg zu sein“, begann sie langsam. „Ich weiß meinen
Namen nicht, ich erkenne mich nicht im Spiegel und ich habe keine Ahnung, was ich in
diesem Zug soll.“
„Du spinnst!“, sagte er knapp.
„Nein, ich habe Kopfweh.“
Wieder ließ er sie auf eine Antwort warten.
„Das ist also dein voller Ernst?“
„So ist es.“ Sie war erleichtert, dass er ihr endlich zu glauben schien.
„Du hast keine Ahnung warum du nach Budapest fährst?“
„Keinen blassen Schimmer.“
„Wann bist du hier?“
„Wie soll ich das wissen? Auf dem Ticket steht keine Uhrzeit und es sitzt keine einzige
Person mit mir im Waggon.“
Es dauerte eine Weile, in der er nachzudenken schien. Dann erklärte er ihr, dass sie laut
Plan um 16:45 Uhr in Budapest ankommen würde. Auf alle Fälle käme er, um sie zu holen
und dann würden sie ins nächste Krankenhaus fahren. Sobald ein Schaffner zu sehen sei,
solle sie ihn fragen, ob der Zug pünktlich sein würde und es ihm dann mitteilen.
Melinda war einverstanden und sehr froh, dass es jemanden gab, der ihr half die ganze
Geschichte auf die Reihe zu bringen. Nun, da er nicht mehr wütend auf sie war, konnte sie
ihn auch duzen, so wie er es mit ihr von Anfang an getan hatte.
„Martin?“, sprach sie ihn deshalb noch einmal an.
„Ja?“
„Sagst du mir noch, wer du bist? Woher kennen wir uns?“
Unendliche Sekunden lang sagte er nichts, doch dann antwortete er: „Ich bin dein Mann“,
und legte auf.
An diese Möglichkeit hatte Melinda bisher noch gar nicht gedacht. Wie sie den Ring an ihrer
linken Hand nicht als Ehering hatte erkennen können, schien ihr plötzlich unerklärlich. An
diesem Finger trug sie zwei Ringe. Der untere war etwas breiter, hatte einen ganz schmalen,
fein glänzenden Streifen rundherum und einen breiteren Streifen, der in Mattgold gehalten
war. In diesem war ein weiß glitzernder Stein eingelassen. Vor diesem Ring trug sie einen
schmäleren Goldring mit zwei kleinen Steinen. Sie zog beide Ringe aus und betrachtete sie
genauer. Im Ehering selbst waren der Name Martin und ein Datum eingraviert. Sie
vermutete, das war das Hochzeitsdatum. Somit war sie seit vier Jahren mit diesem Mann
verheiratet.
Der Schaffner kam eine halbe Stunde später durch ihren Waggon. Zu diesem Zeitpunkt hatte
sie bereits alle Sachen ihrer Handtasche auf dem Tisch ausgebreitet. Ein dicker Filofax lag
da, das Zugticket, das Smartphone, ein kleines Etui mit drei Stiften, eine Schachtel Slim Line
Zigaretten, ein Zippo Feuerzeug mit ihren Initialen, zwei Geldbörsen, eine Sonnenbrille, ein
Moleskine-Notizbuch, Taschentücher, das Täschchen mit Schminkutensilien, ein Schal,
Erfrischungstücher, zwei Schlüsselbünde, ein Autoschlüssel, Halsbonbons und eine
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Handcreme. Gerade wollte sie sich dem Notizbuch zuwenden, als der Bahnbeamte an ihr
vorbei kam. Von ihm erhielt sie die Information, dass sie mit einer Viertelstunde Verspätung
in Budapest ankommen würden. In einer halben Stunde wären sie bereits dort. Dann warf er
noch einen leicht irritierten Blick auf den belegten Tisch und ging weiter.
Melinda nahm das Telefon und nach ein paar Versuchen hatte sie herausgefunden, wie sie
Martin zurückrufen konnte. Bis dahin hatte sie auch schon die Entscheidung getroffen, dass
sie diese langen Nägel würde loswerden müssen.
Auf die Zuginformation hin antwortete Martin lapidar: „Das ist jetzt auch schon egal. Ich bin
bereits unterwegs.“
Fast hätte sie fragen wollen, wie sie ihn erkennen würde, doch so wie es aussah, würde ja er
sie erkennen und das musste genügen. Nachdem er auf ihre letzte Frage hin so kurz
angebunden gewesen war, wollte sie ihn jetzt nicht zusätzlich erregen.
Schon bald würde sie den Bahnhof erreichen und so verstaute sie alle Stücke wieder in der
Handtasche. Ob sie immer eine so schwere und volle Tasche dabei hatte? Vielleicht würde
Martin ihr das beantworten können. Oder, und das wäre noch besser, im Krankenhaus
würden sie sofort eine Behandlung beginnen, die ihrem Gedächtnis wieder auf die Sprünge
half.
Beim Anziehen der Pumps wusste sie, warum ihre kleinen Zehen beleidigt waren. Die
Schuhe drückten, passten aber zweifelsfrei und optimal zum Outfit. Neben dem Fenster hing
eine kamelfarbene Strickjacke und wie selbstverständlich nahm sie diese und zog sie an.
Wem sonst hätte sie gehören sollen?
Wenig später wuchtete sie den riesigen Koffer aus der Ablage. Sie hatte sich nicht
getäuscht. Er sah nicht nur schwer aus, er war es auch. Vermutlich hatte sie vor, längere Zeit
in Budapest zu bleiben. Erst als sie am Ausstieg darauf wartete, dass sie in den Bahnhof
einfuhren, traf sie auf andere Menschen. Diese kamen aus dem nächsten Waggon und mit
einem Blick erkannte sie, dass sie in der ersten Klasse gefahren war. Dankbar nahm sie
beim Aussteigen die Hilfe eines jungen Mannes an. Um ehrlich zu sein hatte sie mit diesen
Schuhen schon genug zu tun. Ihr Gang fühlte sich alles andere als sicher an.
„Körpergedächtnis“, sprach sie in Gedanken mit sich selbst, „zumindest du dürftest deinen
Anteil erledigen!“
Der große Koffer wurde neben ihr abgestellt und der Helfer verabschiedete sich mit einem
Lächeln. Kurz sah sich Melinda um. Vermutlich war es das Beste, wenn sie einfach dem
Menschenstrom folgen würde. Es konnte ja nicht anders sein, als dass diese zum Ausgang
gingen, oder?
Sie atmete tief durch, schulterte die Reisetasche auf der einen, die Laptop- und Handtasche
auf der anderen Schulter, zog den Griff des Koffers heraus und ging los.
In der Schalterhalle war sehr viel los. Gruppen standen herum, eilende Menschen rannten an
ihr vorbei und die Geschäfte waren gut besucht. Melinda hielt Ausschau nach Männern, die
so aussahen, als würden sie jemanden abholen. Fast wäre sie auf einen zugelaufen, der
dann in der letzten Sekunde bevor es peinlich geworden wäre, von einer anderen Frau
umarmt wurde. Nach diesem Erlebnis stellte sie ihr Gepäck neben dem Eingang eines
Buchgeschäftes ab und wartete. Er würde ja sie kennen, dann musste sie nicht alle
möglichen fremden Männer ansprechen.
Was mag ich, was mag ich nicht? Trinke ich Kaffee und wenn ja, wie? Wer meint es gut mit
mir? Wer will mich nach seinen Vorstellungen formen? Darf ich neue Hobbies haben oder
sollte ich versuchen, die alte Routine wiederaufzunehmen? Wie lange soll ich hoffen und
warten, dass meine Erinnerungen zurückkommen? Wer bin ich wirklich?
Vor all diese Fragen (und noch viele mehr) wurde ich gestellt. Und darum habe ich auch
begonnen zu schreiben. Jeden Tag ein bisschen. Gedanken, Fragen, Beobachtungen.
Einfach nur, damit ich das nächste Mal etwas in der Hand habe, das mich mir selbst vorstellt.
Etwas, woran ich anknüpfen kann.
Nicht, dass ich begründeten Verdacht dazu hätte, dass es noch einmal passiert. Aber ich
habe es erlebt und was einmal passiert, das kann auch wieder geschehen, oder? Für einen
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solchen Fall hinterlasse ich Brotkrumen. Und ich hoffe, dass mir dann gefallen wird, was ich
finde.
Matin war natürlich vorzeitig am Bahnhof angekommen. Er wusste noch immer nicht, wie er
Melindas Verhalten deuten sollte. Ganz sicher war sie keine Person, die solche Scherze
machte. Melinda und Humor, er schnaubte, das an sich war unvorstellbar. Aber dass sie
keinerlei Erinnerungen mehr haben sollte, das hörte sich, ja wie? Das hörte sich an, wie aus
einem schlechten Film. Von so etwas hatte er noch nie gehört. Zuerst hatte er vermutet,
dass sie nicht kommen wollte und irgendetwas erfand. Als er mit Gil und Romy darüber
sprach, hatten sie sich aber Sorgen gemacht und ihn überredet, dass er mit ihr sofort in ein
Krankenhaus fahren sollte. Nun stand er also hier und wartete auf seine Frau.
Nachdem der Zug angekommen war, strömten hunderte Menschen in die Schalterhalle und
auf den Ausgang zu. Er hielt die Augen offen, konnte sie aber nicht entdecken. Erst später,
als er schon meinte, sie verpasst zu haben, kam sie langsam und schwer bepackt in die
Halle. Der Anblick stimmte ihn nachdenklich. Melanie die Taschen schleppte und einen
Koffer zog? Alles hätte er darauf gewettet, dass dieser Koffer hundert Kilo wog und dann
kamen noch die drei Taschen dazu. Nein, Mel hätte das nie geschleppt. Sie sah müde aus
und ihr Blick wanderte suchend umher. Plötzlich ging sie zielgerichtet los, blieb dann abrupt
stehen. Hatte sie auf diesen Mann zugehen wollen, der jetzt von einer Frau umarmt wurde?
Sie stellte sich auf die Seite und legte alles Gewicht ab. Noch immer blieb er auf der Galerie
stehen, lehnte lässig am Geländer und beobachtete sie unauffällig. Nach einigen Minuten
wurde ihm klar, dass hier etwas nicht stimmen konnte. Unter normalen Umständen wäre sie
keine fünf Minuten stehen geblieben, ohne sich sofort eine Zigarette anzustecken. Das war
die Erkenntnis, die ihn sich aufrichten und nach unten gehen ließ.
Melinda fragte sich, ob ihr Mann nicht schon hier sein müsste. Er war doch schon im Auto
gesessen und das, als er von der Verspätung noch nichts gewusst hatte. Ihr Platz schien ihr
gut gewählt, weil sie von hier aus praktisch die ganze Halle überblicken konnte und auch von
der Galerie oben leicht erkannt werden konnte. Es gab keinen anderen Weg, Martin musste
sie finden. Umgekehrt war es nicht möglich.
Sie beobachtete, wie eine Frau mit feuerroten Haaren, einem kleinen Hund auf dem Arm und
einem Trolley im Schlepptau zu den Rolltreppen hetzte. Kurz bevor sie die Treppen
erreichte, fiel ihr der Koffer aus der Hand und als sie sich bückte, rutschte die Handtasche
über ihre Schulter. Mit einem Mal waren tausend Dinge auf dem Boden verstreut, doch alle
Menschen gingen in engem Bogen an ihr vorbei. Fast hätte Melinda ihren Posten verlassen,
um der Frau zu helfen, als gerade ein Mann die Stiege herunterkam und sich der gestressten
Frau mit dem Hund im Arm zuwandte. An einer anderen Ecke begannen Kinder Fangen zu
spielen, was viele Reisende mit missbilligenden Blicken beobachteten. Die meisten schienen
es einfach nur eilig zu haben und wollten möglichst schnell von A nach B kommen.
Sie zweifelte daran, dass der Bettler, der an eine Säule gelehnt am Boden saß, hier viele
Spenden sammeln konnte. Gerade wollte sie den Blick wieder nach links wandern lassen,
als ihr auffiel, dass ungefähr zehn Meter von ihr entfernt ein Mann stand, der sie geradewegs
ansah. Zwischen ihnen gingen ständig Menschen hin und her, doch er bewegte sich nicht.
Mit den Händen in den Hosentaschen und einem undefinierbaren Gesichtsausdruck stand er
einfach da. Es war jener Mann, der der rothaarigen Frau vor einigen Minuten mit ihrer
heruntergefallenen Tasche geholfen hatte. Er war groß und schlank, hatte schwarze Haare
und eine markante Nase. Sein hellblaues Hemd hatte er in die Jeans gesteckt und er trug
Turnschuhe. So wie er dastand und sie musterte, musste das Martin sein. Gerade überlegte
sie, ob sie ihm zum Gruß winken oder einfach zu ihm gehen sollte, als er aus seiner Starre
erwachte und auf sie zu kam.
„Du erkennst mich wirklich nicht, oder?“, wollte er wissen. Dabei legte er den Kopf leicht
schief, als wolle er abschätzen, ob sie tatsächlich die Wahrheit sprach. Die Hände hatte er
immer noch in seinen Hosentaschen.
Martin war aufgefallen, dass Melinda die rothaarige Frau beobachtet hatte. Dass er sich zu
ihr gebeugt und ihr geholfen hatte, war nicht zuletzt ein Test gewesen. Er wollte sehen, ob
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Melinda auf ihn reagieren würde. Doch als er aufgeblickt hatte, war ihre Aufmerksamkeit
schon an einer anderen Stelle gewesen.
„Es tut mir leid“, sie zuckte mit den Schultern und machte ein unschuldiges Gesicht.
Nach einem kurzen Moment nahm Martin schließlich den Koffer und sagte: „Na dann gehen
wir besser ins Krankenhaus.“
Melinda wunderte sich, dass es keine Begrüßung und keine Fragen zu ihrem Befinden
gegeben hatte, trottete ihm aber folgsam nach. Dieser Mann war schließlich der einzige
Anhaltspunkt, den sie hatte.
Martin war hin und her gerissen von seinen Emotionen. Zum einen hatte er deutlich
gesehen, dass mit Melinda etwas nicht in Ordnung war. Sie bewegte sich anders, ihr
typisches Verhalten fehlte und das ließ ihn tatsächlich Sorge um sie tragen. Fast war er ein
bisschen überrascht darüber. Schlaganfall und Gehirntumor waren die beiden Erklärungen,
die er sich vorstellen konnte. Beides würde er weder ihr noch sich wünschen.
Doch dann stand auch diese Frau vor ihm, die er geheiratete hatte und die der Grund war,
warum sie jetzt alle in Ungarn waren. Er wollte ihr bestimmt nichts Schlechtes, doch er hatte
sich gewünscht, dass sie die Dinge endlich bereinigen und er sein Leben weiterführen
konnte. Außerdem hatte er es versprochen. Nach einem intensiven Zusammensein hier wäre
er endlich frei gewesen. Er wusste, dass Mel zornig gewesen wäre und es viele
Verhandlungen gegeben hätte, doch er war bereit gewesen, das auf sich zu nehmen. Und
nun trottete eine Frau hinter ihm her, der er nicht die Meinung sagen konnte, die er nicht
anschreien konnte, die vermutlich krank war und die ihn nicht einmal kannte. Das musste er
erst noch verarbeiten.
Zwei Stunden später schon trug sie ein typisches Krankenhausshirt, das hinten nur von
Bändern zusammengehalten wurde und lag in einem Krankenhausbett. Es war geplant, noch
an diesem Abend mit den Tests zu beginnen. Sie hörte, wie Martin auf dem Flur mit einem
Arzt sprach. Überhaupt hatte bisher alles er erledigt. Er hatte die Papiere ausgefüllt, hatte die
Versicherung angerufen, hatte nach dem Chefarzt gefragt und dieses Einzelzimmer
organisiert. Was er nicht getan hatte, was er geradezu zu vermeiden schien, das war, mit ihr
Zeit zu verbringen. Sie musste ihn schwer beleidigt oder verletzt haben, schloss Melinda aus
diesem Verhalten. Was immer es gewesen war, sie konnte jetzt nichts für ihn tun. Es galt
herauszufinden, was bei ihr nicht stimmte. So lange musste er warten.
Martin kam zu ihr ins Zimmer.
„Ich schätze, du bist hier gut aufgehoben. Sie werden gleich nachher mit einigen
Untersuchungen anfangen. Brauchst du noch irgendetwas?“
Sie strich das Laken glatt, wollte nicht, dass er sah wie nervös sie in Wirklichkeit war.
„Nein danke. Ich habe wohl alles, was ich brauche.“
„Ich komme dann morgen wieder her.“ Er drehte sich halb zur Tür, blieb aber noch stehen
und sah sie an. „Du machst das schon“, sagte er, als er kurz ihre Hand streichelte, dann ging
er in raschen Schritten aus dem Zimmer.
Leise Panik stieg in ihr hoch. Was, wenn er nicht zurückkommen würde? Er war der einzige,
der ihr etwas über sich erzählen hätte können und doch hatte sie bislang nichts erfahren. Sie
fühlte sich verloren und orientierungslos. Am liebsten wäre sie im nachgerannt und hätte ihn
gebeten bei ihr zu bleiben.
Tief sog er die kühle Frühlingluft in seine Lungen. Er murmelte „Oh, Mann“ und fuhr sich
durch die Haare. Diese Frau hatte ihn ja fast ihre ganze Ehe lang verrückt gemacht, doch
das war wirklich ein Hammer. Gedächtnisverlust oder Krankheit. Was es auch sein würde,
seine Pläne für die nähere Zukunft konnte er jetzt vergessen. Oder konnte er sie einfach sich
selbst überlassen? Wenn sie ihn nicht kannte, dann wäre es ja noch einfacher zu
verschwinden. Nein, stoppte er sich selbst, so einer war er nicht. Es ging schließlich auch um
die Kinder. Zwei Wochen lang hatte er Urlaub, doch niemals hatte er vorgehabt, die ganze
Zeit in Ungarn zu verbringen. Vielmehr hatte er damit gerechnet, dass er morgen, spätestens
übermorgen wieder abreisen würde. Im Moment sah es nicht so aus.
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Martin zog das Handy aus der Hosentasche. Zwei unangenehme Anrufe hatte er zu
erledigen. Mit welchem sollte er beginnen?
Schließlich entschied er sich für Melindas Vater. Dieses Gespräch würde vermutlich kürzer
ausfallen und er musste sowieso informiert werden. Dann konnte er es auch gleich jetzt
machen. Die Assistentin leitete den Anruf erst weiter, als Martin erklärte, dass es um Melinda
ging.
„So ist es, wenn man mit wichtigen Männern zu tun hat und nur der ungeliebte
Schwiegersohn ist: Man braucht einen wirklich guten und triftigen Grund“, dachte er,
während leise Musik ihm die Wartezeit verkürzte.
„Was gibt es?“
„Hallo Ferdinand, hier ist Martin.“
„Es geht um Lynn?“
Ja, um die ging es und so erzählte Martin, was sich in den letzten Stunden ereignet hatte.
Lange musste Ferdinand nicht überzeugt werden. Alleine die Tatsache, dass sein
Schwiegersohn ihn anrief, konnte nur bedeuten, dass es etwas Ernstes war. Sofort ließ der
Firmenchef alle seine Tätigkeiten stehen und liegen und kümmerte sich darum, dass er mit
dem Verwaltungsvorstand der Klinik in Budapest in Kontakt treten konnte. Wenn es um seine
Tochter ging, dann würde nur das Beste gut genug sein. Es reichte, dass sie in Ungarn lag.
Das sollte schnellstmöglich geändert werden.
„So“, atmete Martin aus, „dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich.“
Er lehnte sich an einen Baum im Park und wartete, bis sie abnahm.
„Ja“, Martin blickte sich um und verzog das Gesicht, „ich bin im Krankenhaus.“
Auf die nächste Frage antwortete er: „Bei mir ist alles okay. Ich habe Mel gerade hierher
gebracht.“
„Ich?“, rief Martin über die Reaktion erstaunt aus, hielt das Handy vor sich hin und sah es
fragend an, „gar nichts. Wie kommst du denn auf so etwas?“ Er hörte sich an, was sie dazu
sagen wollte.
„Jetzt mal halblang. Soweit sind wir gar nicht gekommen. Melinda ist aus dem Zug
ausgestiegen und sie hat absolut keine Erinnerungen mehr. Weiß nicht wie sie heißt oder
was sie hier soll.“
Er wurde unterbrochen. Wie erwartet würde er jetzt nicht mehr viel sagen können. Mit dem
Kopf an den Stamm gelehnt hörte er sich an, was er in der letzten Zeit in ähnlicher Weise oft
gehört hatte. Was immer er einwandte oder antwortete, aussprechen ließ sie ihn jetzt nicht
mehr.
Als das Gespräch schließlich geendet hatte, griff er sich an die Nasenwurzel und mit einem
Mal schien es fast schon verlockend, das Gedächtnis zu verlieren. Seufzend stieß er sich
vom Baum ab. Es war dunkel geworden und alle würden bereits auf seine Rückkehr warten.
Gerade noch hörte sie auf dem Gang den Arzt mit einer Schwester darüber sprechen, dass
sie die Patientin zur Computertomographie bringen sollte, dann trat er in Melindas Zimmer
und fragte, wie es ihr gehe. Sie antwortete kurz, dass sie sich wohl fühlte. Als er dann aber
weitersprach und ihr erklärte, welche Untersuchung jetzt auf sie zukam, da hörte sie schon
nicht mehr zu. In ihrem Kopf arbeitete es. Konnte es sein, dass sie in Ungarn aufgewachsen
war? Dem Namen nach nicht, doch sie konnte es nicht ausschließen. Jedenfalls war sie sich
sicher, dass der Arzt mit der Krankenschwester Ungarisch gesprochen hatte, mit ihr Englisch
und beides hatte sie ohne Probleme verstanden.
Während Melinda im Rollstuhl in das fünfte Geschoss gebracht wurde, achtete sie weiterhin
auf die Stimmen in ihrer Umgebung. Es bestand kein Zweifel: Sie verstand ungarisch perfekt
und als sie auf die harte Liege gelegt wurde, versuchte sie es und meinte zum Pfleger, dass
es hier ganz schön kühl sei. Auf Ungarisch! Er lächelte und meinte, dass er ihr gleich eine
Decke bringen würde. Morgen wollte sie Martin unbedingt fragen, ob sie das immer schon
gekonnt hatte.
Es war schwierig für sie, während der Untersuchung ruhig liegen zu bleiben, denn die
Überlegungen führten sie noch weiter und gerne hätte sie den Kopf schief gelegt oder ihre
Hände zum Gesicht geführt. Welche Sprache hatte sie mit Martin gesprochen? Sie war sich
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ziemlich sicher, dass es ebenfalls Englisch gewesen war. Das wäre auch eine Erklärung
dafür, warum der Arzt sie in dieser Sprache angeredet hatte.
Als sie zurück ins Zimmer kam, musste sie auf die Toilette. Beim Waschen der Hände stand
sie das erste Mal an diesem Tag vor einem großen und klaren Spiegel. Sie strich sich über
ihr Gesicht und ihre Haare. Dunkle Augen hatte sie und ebenso dunkle Haare. Ihr Gesicht
war nicht ganz so rund, wie sie es im Zugfenster vermutet hatte. Als sie die Lippen schürzte,
sah sie zwei Reihen weißer, perfekt angeordneter Zähne. Sicher gebleicht, überlegte sie sich
und vermutlich hatte sie einmal eine Zahnspange getragen. Sie löste die Bänder des dünnen
Shirts hinter ihrem Nacken und weiter unten im Rücken. Schließlich zog sie ihren Slip aus
und betrachtete ihren nackten Körper. Dünn war sie und sie konnte ihre Rippen sehen. Fast
ein bisschen zu deutlich, fand sie. Wenn sie raten müsste, würde sie vermuten, dass sie
trainierte und Wert auf einen flachen Bauch legte. Er sah ziemlich muskulös aus.
Auf ihr Gesicht trat ein nachdenklicher Ausdruck. Zuerst war sie ganz vorsichtig, dann etwas
mutiger und drückte und presste dagegen. Sie war keine Expertin, oder vielleicht doch,
ergänzte sie in Gedanken, aber diese Brüste passten doch nicht wirklich zum Rest. Tastend
fragte sie sich, ob sich so Silikon anfühlte. Etwas groß schienen sie ihr und von eher
unnatürlichem Aussehen. Zu fest und zu kompakt, war ihr abschließendes Urteil. Doch damit
würde sie leben können. Priorität hatte das nicht wirklich.
Melinda hörte, dass jemand ins Zimmer gekommen war, rief „einen Moment!“ und beeilte
sich, den Kittel wieder anzuziehen. Ein junger Pfleger stand da und wartete mit Papier und
Stift in der Hand auf sie.
„Guten Abend, Frau Berkinger. Ich wollte nur fragen, was Sie morgen in der Früh gerne zum
Frühstück hätten. Kaffee? Tee?“ Er lächelte sie an.
Woher sollte sie wissen, was sie zum Frühstück wollte?
„Ähm, ich bin die mit Amnesie“, stammelte sie als Antwort.
Er ließ sich nicht beeindrucken. „Also beides. Gut. Dann muss ich wohl auch nicht wegen
Unverträglichkeiten fragen, oder?“
Melinda zog die Augenbrauen hoch und schüttelte den Kopf. Der Mann lachte und
verabschiedete sich.
Bei all den Fragen, die sich mir stellten, war eines bald klar: Einen kompletten Neubeginn,
den konnte ich nicht machen. Es war undenkbar, dass ich alle Menschen zurückließ. Was
das aber für Folgen hatte, das konnte ich anfangs nicht ahnen. Denn wenn du die einen in
dein Leben lässt, dann zieht das automatisch auch andere mit hinein. Wir alle sind Teil eines
Netzes und was immer mich mit dir verbinden mag, das verbindet mich darüber hinaus mit
allem, an dem du hängst. Vielleicht nicht ganz so direkt, doch immerhin stark genug, dass es
auch noch Auswirkungen auf mich hat. Manches mehr, manches weniger.
Am Morgen stellte Melinda fest, dass keine neuen Erinnerungen dazu gekommen waren und
sie nach wie vor so ratlos wie gestern war. Immerhin, konstatierte sie, war auch nichts
verschwunden. Alles, was sie seit gestern Nachmittag erlebt hatte, konnte sie im Detail
abrufen. Das war es auch, was die Ärzte gleich als erstes wissen wollten. Wenig später
fanden noch vor dem Frühstück Untersuchungen statt und Melinda ließ alles mit sich
geschehen. Sie hatte keine Ahnung, was jeweils untersucht wurde. Worüber sie sich
allerdings Gedanken machte war, ob ihr Mann heute wiederkommen würde oder nicht. Er
war nicht sehr freundlich gewesen und etwas passte ihm absolut nicht. Vielleicht ließ er sie
tagelang hier liegen ohne sich zu melden. Was würde sie dann tun?
Sie saß vor den Resten des Frühstücks, als es an der Tür klopfte und Martin hereintrat.
Erleichtert lächelte sie ihn an. „Hallo! Schön, dass du kommst.“
„Ja, klar“, er fühlte sich sichtlich unwohl. „Und? Irgendetwas Neues?“
„Nein, nichts. Ich bin immer noch blank.“
Er zog einen Sessel zum Bett und setzte sich. Sein Blick war auf das Frühstücksgeschirr
gerichtet.
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Mit einer Hand berührte sie das Tablett. „Kannst du mir sagen ob ich Kaffee oder Tee zum
Frühstück trinke? Ich habe beides probiert, doch es schmeckt nicht wirklich.“
Martin blickte sie mit leerem Gesicht an. „Du trinkst meist Cappuccino und Orangensaft.“
Sie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte, also schwieg sie.
Das hier war schwieriger, als er gedacht hatte. Die ganze Situation überforderte ihn. Er hatte
sich auf Streitgespräche, auf Beschimpfungen, auf eine ehrliche Aussprache eingestellt und
nun behauptete diese Frau, die seine Melinda war, sie wisse nichts mehr von ihm und von
allem, was gewesen war. Er fühlte sich darum betrogen, endlich reinen Tisch machen zu
können.
„Vermutlich ist der Kaffee hier einfach nicht gut“, versuchte er die Stille zu brechen.
„Ja, das kann sein. Weißt du“, fiel ihr die Entdeckung vom gestrigen Abend wieder ein, „ob
ich immer schon Ungarisch verstanden habe?“
Sein Blick scannte ihr Gesicht und sie hatte das Gefühl, als sollte sie die Antwort kennen.
„Klar sprichst du Ungarisch.“ Er wirkte müde. „Du bist gut in so etwas.“
„Was immer das heißen soll“, dachte sie, doch sie getraute sich nicht es auszusprechen.
Martin war komisch. Er sprach nur das Nötigste und sah so aus, als ob er lieber woanders
wäre. Unruhig strich sie das Laken glatt.
Endlich fiel ihm ein, wie er die sich seltsam anfühlende Zweisamkeit beenden konnte.
Mit dem Daumen zeigte er hinter sich zur Tür. „Es ist Besuch für dich da. Wenn du willst.
Deine Mutter…“ Er ließ den Satz unbeendet.
„Ja“, Melinda setzte sich aufrecht hin, „ich würde sie gerne sehen.“
Stumm nickte Martin, erhob sich einen kurzen Moment später und mit einer raschen Geste
winkte er eine Frau herein. Neugierig erschien ihr Lockenkopf in der Tür.
Sie lächelte schüchtern und kam auf sie zu. „Na, wie geht es meiner Kleinen?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm sie Melinda in den Arm und strich ihr über den Kopf.
Das war das Angenehmste, das sie bisher erlebt hatte.
„Mir geht es gut. Denke ich.“
„Und du erkennst mich gar nicht?“, fragte ihre Mutter unverhohlener Neugier.
Sie setzte sich nun in den Sessel beim Bett. Martin stand mit verschränkten Armen an der
Wand und beobachtete die beiden Frauen.
„Nein“, Melinda lächelte entschuldigend, „tut mir leid.“
„Ach, du kannst ja nichts dafür“, tätschelte ihr die Mutter die Hand.
Im nächsten Moment öffnete sich wieder die Tür und ein kleiner Junge betrat das Zimmer.
„Mama!“, rief er und lief auf Melinda zu.
Diese sah fragend zu Martin, der einen erschrockenen Gesichtsausdruck hatte. Beim Anblick
der zu ihr ausgestreckten Hände konnte Melanie aber nicht anders, als den Buben zu sich
auf das Bett zu heben.
„Hey du“, strich sie ihm über die Haare. „Wie geht es dir?“
Martin kam in zwei Schritten zum Bett und wollte das Kind herunterheben. „Komm, Aaron,
Mama braucht noch Ruhe.“
Kurz schreckte Melinda auf, doch sie konnte nichts sagen, denn wieder öffnete sich die Tür
und ein Mann kam mit einem Mädchen auf dem Arm ins Zimmer. Auch Martin war abgelenkt
und ließ seinen Sohn auf dem Bett sitzen.
„Tut mir leid“, erklärte der Mann, „er ist mir einfach davongerannt.“
Melinda sah von einem zum anderen. Das war alles mehr als komisch.
„Mama, bist du krank?“, sprach Aaron als erster.
Sie ließ sich gerne von ihm ablenken und lächelte ihn an. „Nur ein bisschen. Aber die Ärzte
machen mich wieder gesund, okay?“
„Weißt du was, Aaron?“, nahm Melindas Mutter das Kind in ihre Arme und stand auf. „Wir
sehen jetzt nach, ob wir für dich etwas zu trinken finden. Hört sich das gut an?“
Der Junge ließ sich schnell ablenken und so verließen die älteren Erwachsenen mit den
Kindern das Zimmer.
„Also gut“, Melinda strich sich die Haare hinter die Ohren und sah Martin an, „ich brauche ein
paar Antworten.“
Stumm nickte er, blieb aber ungerührt stehen.
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Dieses Verhalten irritierte sie und so begann sie mit einer Feststellung anstelle einer Frage.
„Du kannst mich nicht besonders leiden.“
Erstaunt sah er sie an, so als ob er ertappt worden wäre. Um Zeit zu gewinnen, ging er um
das Bett herum und setzte sich wieder in den Stuhl.
„Das ist kompliziert.“
„Aber du wärst gerne woanders?“, bohrte sie nach.
„Wir sind in einem Krankenhaus“, lachte er nervös und hob die Hände, „wer wäre da nicht
gerne woanders?“
Er war ausgewichen und ihr war das deutlich bewusst. Sie studierte sein Gesicht, doch er
bemühte sich gefasst zu wirken und gab nichts weiter preis. Melinda beschloss, dieses
Thema auf ein anderes Mal zu vertagen.
„Also gut“, gab sie nach, „dann etwas anderes.“
Martin lehnte sich im Sessel zurück und schien sich zumindest ein bisschen zu entspannen.
„Wir haben also Kinder?“
„Ja“, er blickte lange zur Tür. Wieder ihr zugewandt ergänzte er: „Aaron ist drei und Tonia
gerade ein Jahr alt geworden.“
„Und wo leben wir?“
„In Zürich.“
„Und wir sprechen verschiedene Sprachen.“
Das war es, was ihr vorhin schlagartig klar geworden war. Mit ihrer Mutter und dem Sohn
hatte sie deutsch gesprochen, mit Martin englisch.
Er nickte. Sie fragte sich, warum es ihm so schwer fiel Antworten zu geben. Jedes Mal
musste sie zwei, drei Atemzüge lang warten.
Martin sah ihr ungerührt in die Augen. „Ich komme aus London, du aus Innsbruck. Wir
sprechen mit den Kindern jeweils in unserer Muttersprache.“
„Okay“, ließ sie diese Information sinken. „Und warum kann ich Ungarisch?“
„Weil deine Mutter hier lebt.“
Sie ließ die Augen nach oben wandern und dachte nach.
„Und das bedeutet, dass ich Ungarisch kann, oder was?“ Seine Antwort hatte für sie keinen
Sinn gemacht.
Nun senkte er seinen Kopf, fuhr sich durch die Haare und kniff die Augen zusammen.
„Mel“, er blickte er sie wieder an, „du bist ziemlich gut in Sprachen. Du sprichst alles
Mögliche und wenn du eine zeitlang in einem Land bist, dann saugst du das auf wie ein
Schwamm. Darum…“ Er brach ab und blickte zum Nachtkasten, auf dem nur eine Flasche
Wasser stand.
„Darum was?“, wollte sie ihn zum Weitersprechen bringen. Sie hätte ihn schütteln wollen.
Warum tat er sich so schwer ihr einige Fragen zu beantworten? Das war ja wohl kein
Staatsgeheimnis, oder?
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bevor Martin weitersprach.
„Darum hast du auch den Job, den du hast.“
„Und welcher ist das?“ In Gedanken fügte sie noch einen ungeduldigen Fluch hinzu.
Er leckte sich die Lippen und faltete die Hände in seinem Schoß.
„Du arbeitest in der Firma deines Vaters, übersetzt Verträge und bist vor allem für die
Betreuung der Auslandskunden zuständig.“
„Und was für eine Firma ist das?“
„Immobilienhandel.“
Eine Schwester kam ins Zimmer und kündigte an, dass die nächsten Untersuchungen
anstehen würden.
Melinda wurde gerade aus dem Zimmer geschoben, als sie sich noch einmal umdrehte.
„Martin?“
„Ja?“
„Mit dir ist es ganz schön schwer, etwas über sich selbst herauszufinden, weißt du das?“
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