Ein anderer Mensch: Funktionsstörungen bei Hirntumoren PDF

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EIN ANDERER MENSCH:
FUNKTIONSSTÖRUNGEN BEI HIRNTUMOREN
Prof. Dr. med. Adrian Merlo
Facharzt FMH für Neurologie,
Belegarzt Klinik Beau-Site und Salem-Spital
Die Diagnose eines Hirntumors bedeutet eine Zäsur im
Leben eines Menschen. Etwa die Hälfte der Hirntumoren
ist glücklicherweise gutartig und wird durch die chirurgi­
sche Behandlung zumeist geheilt. Ist der Tumor bösartig,
gilt es, den Hirndruck durch Entfernung des knotigen
Anteils zu senken, wodurch Kopfschmerzen und neuro­
logische Ausfälle nachlassen und weitere Behandlungs­
schritte möglich werden. In kritischen Hirnarealen ist die
Funktionserhaltung prioritär, was Erfahrung und den
Einsatz moderner Technologien erfordert.
Hirntumoren gelten in der Bevölkerung als unheimlich, weil sie
die Persönlichkeit eines Menschen verändern können und seine
Selbstständigkeit bedrohen – durch den Verlust der Konzentrations- und Denkfähigkeit, der Sinneswahrnehmungen und der
Mobilität. Das grösste Hirnareal ist das Stirnhirn, wo Antrieb
und Emotionalität, wichtige Elemente der Persönlichkeit eines
Menschen, lokalisiert sind. Hirntumoren im Stirnhirn führen
deshalb häufig zu Depressionen und Persönlichkeitsveränderungen, deren Ursache oft monatelang verkannt wird. Auch kleine
Tumoren haben manchmal bedeutende Auswirkungen; so können
z. B. hormonproduzierende Tumoren der Hirnanhangsdrüse
(Hypophysenadenome) übermässiges Grössenwachstum, Milchfluss ohne Schwangerschaft oder enorme Gewichtszunahme
bewirken. Reizt ein Tumor die Hirnrinde, können verschiedenartige
epileptische Anfälle auftreten, was zu komplexen Bewusstseinstörungen bis hin zu Sturzanfällen mit Verletzungen führen kann.
Das Meningeom – eine Geschwulst der Hirnhaut
Meningeome machen fast die Hälfte der Hirntumoren aus und
sind in der Regel gutartig und heilbar. Sie wachsen langsam
über viele Jahre und werden erst entdeckt, wenn sie schon eine
erhebliche Grösse erreicht haben. Ein faustgrosser Tumor ist keine
Seltenheit (Abb. 1 und 2). Liegt ein Meningeom direkt unter
dem Schädelknochen, kann es meist gut entfernt werden. Mit
mikrochirurgischer Technik, d. h. in einem mikroskopisch ver­
grösserten Gesichtsfeld, wird mit einem feinen Instrumentarium
das Tumorzentrum ausgehöhlt und die Tumorkapsel – unter
Schonung hirnversorgender Gefässe – schrittweise vom angrenzenden Hirngewebe abgelöst. Man geht behutsam vor, damit
sich das Hirn schrittweise an die veränderten Druckverhältnisse
anpassen kann. Die Lage eines Meningeoms entscheidet, ob
dieses vollständig entfernt werden kann. Sind Gefäss- und Nervenstrukturen umwachsen, besonders an der Schädelbasis, können
diese nur schwer von Tumorgewebe befreit werden. Anstelle eines
radikalen Eingriffs mit Gefährdung z. B. der Seh- und Augenfunktion wählt man in diesen Fällen eine Teilentfernung der
Geschwulst mit Nachbestrahlung des Tumorrestes. Hier bieten
sich Hochpräzisionsbestrahlungen wie auch eine neuartige
metabolische Bestrahlung mit einem radioaktiven Peptidhormon
(DOTATOC) an. Gelegentlich liegt ein Meningeom im Wirbelkanal
und drückt auf das Rückenmark, was zu Gefühlsstörungen bis
hin zu einer Querschnittslähmung führen kann. Diese Tumoren
lassen sich meistens gut entfernen. Multiple Meningeome treten
bei Störungen in der Erbsubstanz auf.
Gliome – Tumoren der Stützzellen des Gehirns
Die biologischen Schlüsselparameter Zellteilung und Zellinvasion
definieren bösartige Hirntumoren als eine Zwei-KomponentenKrankheit. Die aufgrund von meist zufälligen Gendefekten ausser
Kontrolle geratene Zellteilung führt zu einem Tumorknoten,
der von einer gut durchbluteten Wachstumsfront umgeben ist.
Ausserhalb dieser Wachstumszone liegt die infiltrative Tumorzellfront, die wegen der gleichzeitigen Wassereinlagerung,
des Tumorödems, nicht sichtbar ist. Der sekundäre Masseneffekt
12 FUNKTIONSSTÖRUNGEN BEI HIRNTUMOREN – AM PULS DER MEDIZIN
Präop
Abb. 1: Hämangioblastomknoten im
Kleinhirn (Pfeil) mit Blockade der Hirnwasser-Zirkulation mit Kopfschmerzen
und Schwindel.
aufgrund von Knotenbildung und Begleitödem dominiert anfänglich das klinische Bild und führt zu den Hirndrucksymptomen
Kopfschmerz, Übelkeit, Erbrechen und Bewusstseinstörung. Im
fortgeschrittenen Stadium der Krankheit, d. h. nach Operation,
Nachbestrahlung und Chemotherapie, bestimmt oft die unsichtbare Tumorzellinvasion den weiteren Verlauf.
Über die Jahre wurden immer wieder Zweifel am Sinn der operativen Behandlung der bösartigen Gliome geäussert. Es ist aber
heute gesichert, dass die Tumormassenreduktion das Überleben
verlängert und insbesondere auch die Lebensqualität verbessert.
Chirurgie und Strahlentherapie sind die Grundpfeiler der Behandlung, die Chemotherapie verstärkt die Wirkung der Strahlentherapie. Entscheidend ist die schonende Operationstechnik, damit
gefährdete Funktionen möglichst lange intakt bleiben. Die Einführung des MRI, ergänzt durch die funktionelle Kartografierung
für Motorik, Sensibilität, Sprache und Sensorik, erlaubt eine
zunehmend präzisere Korrelation von neurologischen Ausfällen
mit anatomischen Risikozonen. In den letzten Jahren kam die
Traktografie dazu, welche die unter der Hirnrinde verlaufenden
Nervenfaserbündel abbildet und deren Beziehung zu den Tumorrändern darstellt, was eine präzisere chirurgische Planung erlaubt.
Postop
Abb. 2: Enfaltete 4. Hirnkammer
nach Entfernung des gutartigen
Tumors.
sog. Türkensattel, worin die Hypophyse eingebettet liegt. Auch
kleine hormonproduzierende Tumoren werden entfernt. Manchmal muss zusätzlich eine gezielte stereotaktische Strahlentherapie
angewandt werden.
Akustikusneurinome und Gefässtumoren
Tumoren des Gleichgewichtsnervs (Akustikusneurinome) führen
oft zu Hörverminderung, können aber gut mittels einer Operation
und/oder Hochpräzisions-Strahlentherapie kontrolliert werden.
Kavernome sind gutartige Gefässschwämmchen, die einmal bluten
können und dann chirurgisch zu entfernen sind, was auch für
die gutartigen Hämangioblastome gilt.
Fazit
Mehr als die Hälfte der Hirntumoren, vor allem die gutartigen,
lassen sich chirurgisch behandeln. Aber auch die bösartigen
Tumoren können mittels moderner Technologie und einer gezielten Operation zumindest während einer gewissen Zeit gut
in Schach gehalten werden.
AM PULS DER MEDIZIN SERVICE
GLOSSAR
Das maligne Gliom stellt weiterhin eine grosse Herausforderung
an die biomedizinische Forschung dar. Zur verbesserten Tumorkontrolle werden neuartige Verfahren, z. B. gezielte Hochdosisbestrahlungen mit sog. Alphapartikeln, entwickelt.
Metabolische Strahlentherapie: Bei der metabolischen
Strahlentherapie werden meist intravenös spezielle Radionuklide
verabreicht und so in den Metabolismus (Stoffwechsel) eingebracht.
Hirnmetastasen – ein häufiges Problem
Viele Krebsleiden können zu Hirnmetastasen führen. Sprechen
die Metastasen gut auf Strahlentherapie an, können Patienten
in seltenen Fällen sogar geheilt werden, wie z. B. der angebliche
Dopingsünder Lance Armstrong, bei dem mehr als ein Dutzend
Hirnmetastasen eines Hoden-Keimzell-Tumors wegbestrahlt
werden konnten, sodass er danach seine Radprofi-Karriere sehr
erfolgreich fortsetzen konnte. Grosse Hirnmetastasen werden
oft operativ entfernt, während kleine, vor allem mehrfache
Ableger bestrahlt werden.
Hämangioblastom: Das Hämangioblastom ist ein äusserst
gefässreicher Tumor, der im Bereich des zentralen Nervensystems,
aber auch im Weichteilgewebe auftreten kann.
Hypophysenadenome – Störungen der Hormonzentrale
An der Basis des Zwischenhirns, unterhalb der Kreuzung der
beiden Sehnerven, des Chiasmas, liegt in der Schädelbasis die
Hirnanhangsdrüse, die Hypophyse. Darin wachsen die seltenen,
gutartigen Hypophysenadenome, die dankbar zu behandeln
sind. Grosse (> 1 cm) resp. wachsende Tumoren werden operativ
entfernt. Das geschieht über einen schmalen Korridor, der durch
die Nase und die Keilbeinhöhle an die Schädelbasis führt, zum
Stereotaktische Strahlentherapie: Bei der stereotaktischen
Bestrahlung handelt es sich um ein Verfahren, das eine hochpräzise,
millimetergenaue Bestrahlung von Tumoren, insbesondere im Gehirn,
ermöglicht. Aufgrund der hohen Präzision der Strahlenapplikation
ist es möglich, das um den Tumor liegende gesunde Gewebe weit­
gehend zu schonen.
PUBLIKUMSVORTRAG
Ein anderer Mensch: Funktionsstörungen bei Hirntumoren
Prof. Dr. med. Adrian Merlo
Facharzt FMH für Neurologie,
Belegarzt Klinik Beau-Site und Salem-Spital
Mittwoch, 19. Juni
19.00 – 20.30 Uhr
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