Projektantrag - Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

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Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
REFLEXIVE RESPONSIBILISIERUNG. VERANTWORTUNG FÜR NACHHALTIGE ENTWICKLUNG
Stichworte:
Genealogie,
Postwachstumsgesellschaft,
Gesellschaftstheorie,
Praxistheorie,
Implementationshindernis,
Reflexivität,
Responsibilisierung,
Subjektivierungstheorie, Teilnehmerperspektive, Verantwortung
1.
Thema, Zielsetzung und Begründung des Vorhabens
Nachhaltigkeit ist ein schillernder Begriff. Zwar gibt es ein allgemeines Verständnis, nach
dem Ressourcen nur in dem Maße genutzt werden sollen, wie sie durch Maßnahmen zu
ihrer Wiederherstellung dauerhaft reproduziert werden können, damit auch nachfolgende
Generationen dieselben Voraussetzungen für die Gestaltung ihrer Lebensbedingungen
vorfinden wie gegenwärtige Generationen (zur Erweiterung des ressourcenorientierten
Ansatz um das Befähigungskonzept vgl. Antoni-Komar et al. 2014). Doch wie ein derart
nachhaltiger
Umgang
unterschiedliche
mit
Ressourcen
Vorstellungen:
Von
aussehen
ökologischer
soll,
darüber
Modernisierung
bestehen
über
die
höchst
Post-
Wachstumsbewegung und einen Imperativ ökologischer Steuerung bis hin zum Fatalismus
oder Business as Usual reichen die dominant vertretenen Spielarten nachhaltiger
Transformationsszenarien (vgl. Forschungsstand). Entsprechend der Verschiedenheit der
Szenarien sind auch daraus abgeleitete Transformationsprogramme unterschiedlich, die auf
eine nachhaltige Gesellschaft hinzielen.
Bei aller Verschiedenheit der Ansätze ist solchen Transformationsprogrammen jedoch das
zentrale
Problem
der
Komplexität
und
Ambivalenz
der
zu
verändernden
Wirkungsbeziehungen gemeinsam. Erwartungen einer Transformation in Richtung größerer
Nachhaltigkeit werden zwar laufend ausgelöst, können jedoch nur selten eingelöst werden.
So sind beispielsweise im Anschluss an Postwachstumskonzepte Partizipationsprogramme
implementiert
worden,
deren
ausbleibender
praktischer
Erfolg
in
der
Nachhaltigkeitsforschung angesichts einer scheinbar idealen konzeptionellen Passung
bislang kaum geklärt wurde (Brand et al. 2002), ebenso wie die „Ambivalenzen freiwilliger
Partizipationsregime“
im
Rahmen
von
nachhaltigkeitsorientierten
Transformationsprogrammen erst allmählich in den Blick geraten (Feindt et al. 2005).
Kernfragen an Wissenschaft für nachhaltige Entwicklung müssen deshalb sein, a) wie diese
Programme konkret umgesetzt werden und welche (intendierten und nicht-intendierten)
Auswirkungen
sie
in
der
Praxis
jeweils
haben,
b)
welche
heterogenen
nachhaltigkeitsrelevanten Praktiken und Verantwortungsverhältnisse unabhängig von diesen
Programmen bereits existieren und c) wie eine nachhaltige Gesellschaft jenseits von
zentralistischen Steuerungslogiken und hegemonialen Expertenkulturen denkbar ist. Diese
Fragen stellen sich umso dringlicher vor dem Hintergrund einer pluralistischen Gesellschaft,
1
Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
in der je spezifische Nachhaltigkeitsszenarien notwendigerweise an bestimmte Positionen,
Interessen und Perspektiven partikularer Art gebunden sind. Ausgangspunkt für die
Untersuchung solcher Auswirkungen ist, die Vielfalt und Heterogenität lokal situierter
Alltagspraktiken, Kommunikations- und Wissensformen nicht als Umsetzungshindernisse zu
verstehen, sondern von ihnen ausgehend alternative Wege in die Nachhaltigkeit zu
entwickeln. Die Top-Down-Perspektive einer interventionistischen Gestaltungslogik neigt
dazu, kreative Potentiale von Bottom-Up-Prozessen selbst dann nicht auszuschöpfen, wenn
diese ein handlungsleitendes Prinzip des Transformationsprogramms darstellen (vgl. Brand
et al. 2002). Solche kreativen Potentiale gilt es sichtbar zu machen und reflexiv auf
bestehende
Nachhaltigkeitskonzepte
gerade
auch
im
Blick
auf
die
Grenzen
gesellschaftlicher Steuerungsfähigkeit zu beziehen.
Zielsetzung des Fokusprojekts „Reflexive Responsibilisierung. Verantwortung für nachhaltige
Entwicklung“ ist die vergleichende historisch-genealogische und empirisch-praxeologische
Untersuchung unterschiedlicher Nachhaltigkeitsprogramme, wobei Ambivalenzen und
daraus resultierende „Nebenwirkungen“ explizit in den Blick genommen werden. Die
programmatische
Umsetzung
des
auf
die
Harmonisierung
von
moralischer
und
ökonomischer Rationalität zielenden Postulats der „Verantwortung zu Nachhaltigkeit“ soll vor
diesem Hintergrund als ein Responsibilisierungsgeschehen beobachtbar gemacht werden,
„bei der Macht über Befähigung operiert und die Selbstlenkungsfähigkeit der Subjekte über
Einsicht in die Konsequenzen und/oder moralische Appelle mobilisiert wird“ (Pfundt 2010, S.
386).
Um die Komplexität situativer Praktiken und deren Zusammenhang mit genealogisch zu
untersuchenden Semantiken der Nachhaltigkeit in den Blick zu nehmen, unterscheiden wir
fünf Dimensionen. In der Sozialdimension geht es darum, wer von wem und wem gegenüber
verantwortlich gemacht macht wird bzw. wurde. In der Zeitdimension wird die zeitliche
Ordnung der Verantwortung untersucht, also welche antizipierten zukünftigen Ereignisse
(Risiko) als strukturbildend für gegenwärtige Verantwortungszurechnungen erfahren werden
und wie im Schadensfall rückwirkend Verantwortung für eine damals in der Zukunft liegende
Tat festgelegt wird. Räumlich wird untersucht, wie in Hier und Jetzt ablaufenden Praktiken
Bezüge auf ferne und nahe Räume hergestellt werden, welche räumlichen Auswirkungen
situative Praktiken also voraussichtlich haben werden. In der Sachdimension geht es darum,
zu untersuchen, wofür jemand verantwortlich gemacht wird bzw. zu machen ist. Schließlich
werden als fünfte Dimension die symbolischen Formen der Darstellung von Nachhaltigkeit
und Verantwortung genealogisch nachvollzogen (zu symbolischen Formen bereits Heidbrink
et al. 2010; zur analytischen Differenzierung von Sinndimensionen vgl. als Überblick
Rustemeyer 2001 sowie Luhmann 1971 und unter expliziter Berücksichtigung auch der
Raumdimension Lindemann 2014).
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Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
Da eine nachhaltige Gesellschaft nur erreicht werden kann, wenn konkrete Akteure konkrete
Handlungen unternehmen oder unterlassen, steht hier das Konzept der „Responsibilisierung“
im Mittelpunkt: Welche Akteure werden von wem und gegenüber wem als verantwortlich für
das Erreichen von Nachhaltigkeit behandelt? Untersucht werden soll dabei auch die Rolle
macht- bzw. gewaltförmiger Verfahren, die Fehlverhalten im Sinne der Nachhaltigkeit
rechtlich oder durch öffentliche Skandalisierung sanktionieren, um eine tatsächliche
Responsibilisierung von Akteuren zu ermöglichen. Es ist unsere Hypothese, dass die
verschiedenen Nachhaltigkeitskonzepte große Unterschiede darin aufweisen, wer von wem
gegenüber wem (sozial), wann (zeitlich), wo (räumlich), wofür (sachlich) und mit Hilfe
welcher Symbolik für die Umsetzung konkreter Maßnahmen als verantwortlich behandelt
wird und welche Priorisierung dabei jeweils erfolgt. Dazu gehört auch, mit welchen sich
historisch
und
kulturell
wandelnden
Darstellungserfordernissen
Verantwortung
für
Nachhaltigkeit verbunden ist, ob und wie Fehlverhalten sanktioniert wird und wie mit
Sanktionen praktisch umgegangen wird, indem sie entweder akzeptiert, unterlaufen oder
„metapragmatisch“ reflektiert werden. Das Spezifikum unseres Ansatzes ist es, vor dem
Hintergrund der Mehrdimensionalität situativer Praktiken die bislang parallel geführten
Debatten um Nachhaltigkeit und Verantwortung fruchtbar miteinander in Bezug zu setzen.
Zu dieser Verbindung geben zudem aktuelle Entwicklungen in der Nachhaltigkeitsdebatte
Anlass. Der gegenwärtige Nachhaltigkeitsdiskurs forciert das Prinzip einer ‚Verantwortung
zur Nachhaltigkeit’ und zielt auf die individuelle Zurechnung kollektiver Risiken (Krasmann
2003, S. 186; Pfundt 2010). Responsibilisierung im Zeichen des Nachhaltigkeitsprinzips geht
„ein
Moment
der
Risikokonstruktion
voraus,
das
Belastungen
verursacherlogisch
intelligibilisiert“ (Pinero 2008, S. 213). Der spätestens seit Beginn der 1990er Jahre
unhintergehbare Anspruch einer partizipatorischen Gestaltung nachhaltiger Lebensformen ist
so mit Momenten einer „Kontrollkultur“ (Garland 2008) verschränkt, die normierend auf die
Identifikation, Kommunikation und Bewältigung von gesellschaftlichen Risiken zurückwirken.
Während in diesen Ansätzen implizit die Sozialdimension fokussiert wird und über den
Risikobegriff nur die Zeitdimension noch hineinspielt, gelingt es mit Hilfe unseres
analytischen Ansatzes der Mehrdimensionalität situativer Praktiken, soziale, zeitliche,
räumliche, sachliche und symbolische Bezüge explizit zu berücksichtigen und systematisch
aufeinander
zu
Verantwortung
beziehen.
bzw.
Die
Inbezugnahme
Responsibilisierung
von
Nachhaltigkeit
andererseits
einerseits
erlaubt
und
mithin,
Transformationskonzepte auf ihre intendierten Verantwortungsstrukturen hin zu vergleichen,
praktisch sich ergebende Verantwortungszurechnung nachzuvollziehen und an die aktuelle
Responsibilisierungsdebatte fruchtbar anzuschließen.
Drei Leitfragen bestimmen die Forschung des hier vorgeschlagenen Projektes:
3
Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
-
Erstens:
Wie
lässt
sich
Verantwortungskonzept
Nachhaltigkeit
ausgehend
eine
generieren,
von
mehrdimensionale
die
über
die
einer
Verbindung
analytische
primär
mit
Perspektive
sachliche
dem
auf
Differenzierung
ökologisch/sozial/ökonomisch hinausgeht?
-
Zweitens: Welche Verantwortungsverhältnisse werden – aus der gewählten
mehrdimensionalen Beobachtungsperspektive – von prägnant zu unterscheidenden
Nachhaltigkeitsprogrammen konstatiert, eingefordert sowie in Frage gestellt?
-
Drittens: Die Mehrdimensionalität der analytischen Perspektive erlaubt es, die
Komplexität und situative Kontingenz der Praxis in den Blick zu nehmen. Indem wir
systematisch über Rekonstruktionen von Teilnehmerperspektiven analysieren, kann
gefragt
werden,
welche
Verhaltensformen
und
Subjektivierungsweisen
möglicherweise unvorhergesehen und unerwartet entstehen bzw. von diesen
Programmen evoziert, verhindert oder affirmiert werden. Das Augenmerk richtet sich
dabei auch auf praktisch hergestellte Machtbeziehungen, Praktiken verfahrensmäßig
ausgestalteter
Gewalt
sowie
unterschiedliche
Formen
des
Sich-Entziehens,
Unterlaufens und Kritisierens daraus resultierender Sanktionsmaßnahmen und
Verantwortungszurechnungen.
Diese Herangehensweise erlaubt es, in vergleichender Analyse die unterschiedlichen
Transformationsszenarien im Hinblick auf ihre konzeptionellen Unterschiede sowie vor allem
auf ihre empirisch erforschten praktischen Konsequenzen hin zu untersuchen und
einzuschätzen. Als Ergebnis des Projekts liegt eine auf den Umgang mit Ambivalenzen hin
vergleichende
Analyse
der
Lösungsvorschläge
unterschiedlicher
Nachhaltigkeitsperspektiven vor, die eine Einschätzung der Konsequenzen erlaubt, die sich
aus der Wahl bestimmter Lösungsvorschläge ergeben bzw. ergeben können. Um sowohl
dem exemplarischen Charakter des Fokusprojekts gerecht zu werden als auch typische
Muster und Schwierigkeiten auf dem Weg zu einer nachhaltigen Gesellschaft festzustellen,
werden
die
empirischen
Beispiele
primär
aus
dem
„Herkunftsbereich“
der
Nachhaltigkeitsforschung gewählt, also dem Umgang mit natürlichen Ressourcen.
Konkret gliedert sich das Projekt in vier Module, wobei die ersten drei Module im
Projektverlauf parallel geführt werden. Soziologische, ökonomische und philosophische
Expertise sowie die in Oldenburg vertretenen Schwerpunkte der Nachhaltigkeitsforschung,
Verantwortungsforschung,
Sozial-
und
Gesellschaftstheorie,
Subjektivierungsforschung
werden
dabei
produktiv
aufeinander
Genealogie
und
bezogen
(vgl.
Forschungsansatz):
Modul 1: Analytisches Instrumentarium zur Analyse von Nachhaltigkeit. Um einen
differenzierten theoretischen Ausgangspunkt zu gewinnen wird der Nachhaltigkeitsbegriff
neu justiert. Dazu ist eine empirisch informierte Neubestimmung von Nachhaltigkeit
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Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
ausgehend von dem hier skizzierten theoretischen Ausgangspunkt nötig. Sie erfolgt über
eine
subjektivierungstheoretisch
und
praxeologisch
angeleitete
Reformulierung
des
Verantwortungskonzepts im Sinne einer Analytik der Responsibilisierung. Theorie und
Empirie sollen sich so im Sinne einer „Theoretischen Empirie“ (Kalthoff et al. 2008)
wechselseitig befruchten. Angestrebt ist somit eine stets mitlaufende Überarbeitung des hier
umrissenen analytischen Instrumentariums mit dem Ziel einer partizipatorischen, die
(rekonstruierten)
Teilnehmerperspektiven
systematisch
berücksichtigenden
Neuakzentuierung des Nachhaltigkeitsbegriffs.
Modul 2: Genealogie der Nachhaltigkeit. Hier erfolgt eine Rekonstruktion unterschiedlicher
Transformationsszenarien im Sinne einer Rekonstruktion der symbolischen Semantiken und
damit korrespondierender Praktiken, die das Verständnis von Nachhaltigkeit leiten. Im
Unterschied zu einer reinen Modellbeschreibung stehen dabei die Fragen im Mittelpunkt, wer
jeweils als verantwortlich für den Ist-Zustand und das Erreichen eines Soll-Zustands gilt, wie
dies begründet wird und welche Maßnahmen in Verbindung mit welchen Sanktionsmitteln
gegen möglichen Widerstand vorgesehen werden.
Modul 3: Transformationsszenarien im Licht empirischer Ambivalenz. Kern des
Fokusprojekts ist die Konfrontation unterschiedlich fokussierender Transformationsszenarien
mit
der
sozialen
Komplexität
und
Ambivalenz
entsprechenden Transformationsprogrammen.
ihrer
Mithilfe
empirischen
eines
Umsetzung
in
die Mehrdimensionalität
praktischer Umweltbezüge akzentuierenden praxeologischen Instrumentariums, das das
Responsibiliserungsgeschehen
Teilnehmerperspektiven
aller
innerhalb
dieser
Beteiligten
Programme
rekonstruiert,
systematisch
wird
aus
untersucht,
den
wie
Verantwortungszurechnung innerhalb des jeweiligen Positionengefüges faktisch erfolgt,
welche Verantwortungsstrukturen (sozial, zeitlich, räumlich, sachlich, symbolisch) mit
verschiedenen Formen der Responsibilisierung einhergehen und welche individuellen,
strukturellen und gesellschaftlichen Konsequenzen damit verbunden sind. Die Fallbeispiele
sind dabei jeweils so ausgewählt, dass sie Programme und Praktiken verschiedener
Transformationsszenarien bündeln und diese dadurch analysierbar machen. Vorläufig
wurden folgende Fallbeispiele, die schwerpunktmäßig Transformationsszenarien zugeordnet
werden,
für
die
praxeologische
Analyse
ausgewählt:
Nachhaltigkeitssiegel
für
Nordseefischerei und neu entstehende „strategische Partnerschaften“ zwischen NGOs und
Unternehmen;
die
Bürgeraktiengesellschaft
„Regionalwert
AG“;
marktunabhängigen
Versorgungsgemeinschaften „Sieben Linden“ und „Schloss Tempelhof“; die SUV-Produktion
und das SUV-Fahren; die Energiewende und der Widerstand beispielsweise gegen geplante
Windkraftanlagen; und schließlich die Nachhaltigkeitsinitiative „Chemie3“ der Chemischen
Industrie.
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Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
Modul 4: reflektierte Auswege. Die Reflektion nachhaltiger Transformationsszenarien
mittels
einer
bottom-up
Analyse
situativer
praktischer
Vollzüge
von
Transformationsprogrammen ausgehend vom analytischen Konzept der Mehrdimensionalität
liefert die Grundlage für eine Beurteilung absehbarer Konsequenzen von soziotechnischen
Nachhaltigkeitsprogrammen. Diese werden sowohl für den wissenschaftlichen Kontext
mittels internationaler Konferenz und geeigneter Publikationen als auch für den
Anwendungskontext mit Praxisworkshop und Praxisleitfaden aufbereitet. Angestrebt wird
erstens: die Erstellung einer Übersicht normativer Verantwortungspostulate entlang der
genealogisch rekonstruierten Transformationsszenarien sowie zweitens eine Beschreibung
der
konkreten
Bedingungen
und
Folgen
des
jeweiligen
praktischen
Responsibilisierungsgeschehens in entsprechenden Transformationsprogrammen. Auf diese
Weise soll eine empirisch valide Grundlage geschaffen werden für die Beurteilung der
Konsequenzen praktischer, auf Nachhaltigkeit hin orientierter Struktureingriffe.
Im Folgenden wird vor dem Hintergrund des internationalen Forschungsstands das hier
zusammengefasste Vorhaben ausgeführt, auf seinen Beitrag zu einer nachhaltigen
Gesellschaft reflektiert sowie das erwartete Lösungspotential dargelegt. Abschließend wird
auf die Beteiligung zivilgesellschaftlicher Akteure, die vorgesehene Zusammenarbeit sowie
einschlägige Vorarbeiten eingegangen.
2.
Der
Stand der Forschung im internationalen Vergleich
Nachhaltigkeitsbegriff
steht
in
einem
engen
gesellschaftlichen
Begründungszusammenhang sowohl zum Risiko- als auch zum Verantwortungsbegriff. Im
hier
vorliegenden
Forschungsprojekt
Verantwortungsdiskurs mit Blick auf
werden
der
Nachhaltigkeits-
und
der
die Untersuchung absehbarer Konsequenzen
unterschiedlicher Nachhaltigkeitsszenarien und daraus resultierender Eingriffe in Bezug
zueinander gesetzt. Während in der bisherigen Debatte die drei Säulen des Ökologischen,
Sozialen und Ökonomischen unterschieden wurden, legen wir mit dem Konzept der
Mehrdimensionalität situativer Praktiken eine komplexere heuristische Perspektive an. Die
drei klassischen Säulen erscheinen in diesem Modell als Unterscheidungen in der
Sachdimension, die zu ergänzen sind um eine soziale, zeitliche, räumliche und symbolische
Perspektive. Dies erlaubt, an den Forschungsstand sowohl anzuschließen als auch ordnend
über ihn hinauszugehen.
Die in den 1970er Jahren etwa durch den Bericht des Club of Rome (Meadows et al. 1972)
unübersehbaren Gefährdungen, wie sie durch Übernutzung natürlicher Ressourcen,
unerwünschte Auswirkungen von Chemikalien und insgesamt eine radikal auf Wachstum
ausgelegte Gesellschaft entstehen, führten sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der
Wissenschaft zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Risikos. Die
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Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
Gesellschaft wurde diskutiert als „Risikogesellschaft“ (Beck 1986), in der Unfälle normal sind
(Perrow 1984); die neu sich formierende Wissenschafts- und Technikforschung entwickelt
Beobachtungsmöglichkeiten des Zusammenwirkens unterschiedlicher Wissensarten, der
Bedeutung
von
Nichtwissen
und
insgesamt
dem
Fabrikationscharakter
auch
wissenschaftlichen Wissens (Engel et al. 2002; Knorr Cetina 2002; Wehling 2006). Parallel
dazu gewinnt in der Philosophie und der Rechtstheorie das Verantwortungskonzept einen
neuen Stellenwert (Bayertz 1995). Inwieweit der Einzelne moralisch verpflichtet ist, analog
zur elterlichen Verantwortung für die eigenen Kinder, Verantwortung für den Fortbestand der
natürlichen Umwelt zu übernehmen (Jonas 1984; Apel 1988); inwieweit also persönliche
Verantwortung die Antwort auf globale bzw. systemische Herausforderungen sein kann, ist
eine der zentralen Fragen.
Angesichts eben dieser Phänomene wurde Mitte der 80er Jahre vor dem Hintergrund
globaler Umweltprobleme und steigender Armut der Begriff einer „Nachhaltigen Entwicklung“
geprägt. Die von der UNO eingesetzte Brundtland-Kommission (1986) versteht darunter eine
Entwicklung, „die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass
zukünftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ Diese
Definition kann als Verallgemeinerung eines universellen Vorsorgeprinzips aufgefasst
werden, das von Carl von Carlowitz (Carlowitz et al. 1713/2013) erstmals ausformuliert
wurde.
Wenn das obige Vorsorgeprinzip erstens auf alle irdischen Ressourcen und zweitens im
Sinne
einer
Langfristperspektive,
also
über
den
Aktionshorizont
eines
einzelnen
Menschenlebens hinaus, sowie drittens unter der anthropozentrischen Bedingung (zu deren
Kritik vgl. Pfriem 2013) menschlichen Wohlergehens, angewandt wird, ergeben sich wichtige
gesellschaftspolitische Implikationen. Je nach Situationsanalyse, Transformationsszenarien
und konkreten Praktiken, die sich daraus ableiten lassen, haben sich während der letzten
Jahrzehnte
Fokusprojekts
divergierende
ist
die
Nachhaltigkeitsauslegungen
mehrdimensionale
ausgeformt.
genealogische
Kern
unseres
Analyse
solcher
Transformationsszenarien auf deren postulierte Verantwortungsstrukturen hin sowie die
mehrdimensionale
empirische
Untersuchung
der
Wirkungen,
die
entsprechende
Transformationsprogramme in einer als ambivalent und komplex zu denkenden Praxis
haben. Entwicklung und Kerngedanken dominanter Transformationsszenarien sind deshalb
ein wichtiger Forschungshintergrund des Projekts:
Ökologische Modernisierung: Erste Reaktionen auf den seinerzeit spektakulären Bericht
an den Club of Rome orientierten sich an der Perspektive eines sogenannten „qualitativen
Wirtschaftswachstums“ (Eppler 1974, vgl. dazu Paech 2009; Paech 2009), also einer
Beibehaltung moderner Industriestrukturen, basierend auf dematerialisierten, ökologisch
angepassten Wertschöpfungsprozessen und Produktdesigns. Die Möglichkeit, stetige
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Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
Zuwächse des Bruttoinlandsproduktes von Umweltschäden zu entkoppeln, wird mittels
zweier Ausprägungen eines umweltentlastenden technischen Fortschritts begründet:
Konzepte der Effizienz beruhen darauf, den Einsatz an Ressourcen und Energie pro
Outputeinheit zu senken. Viel diskutierte Varianten tauchen unter Begriffen wie „ÖkoEffizienz“ (Schmidheiney 1993), „MIPS“ (Schmidt-Bleek 1993) und „Faktor 5“ (Weizäcker et
al. 2010) auf. Demgegenüber beruht das von Huber 1994) als „Konsistenz“ bezeichnete
Nachhaltigkeitsprinzip darauf, die Wirtschaftsweise der Biosphäre auf Produktions- und
Konsumaktivitäten zu übertragen. Angepeilt wird ein hoch effektives System vollkommen
geschlossener Stoffkreisläufe. Neben der „Bionik“, die darauf zielt, Funktionsweisen und
Strukturen der Natur zu „kopieren“, findet sich diese Strömung unter Bezeichnungen wie
„Upcycling“ (Pauli 1998), „Biomimikry“ (Hawken et al. 2000) oder „Ökoeffektivität“ (Braungart
et al. 1999).
Aus
dem
Transformationsszenario
der
ökologischen
Modernisierung
abgeleitete
Transformationsprogramme zielen auf ein stofflich entkoppeltes, somit „grünes“, Wachstum
mit einem mehrdimensionalen oder integrativen Zielsystem. Der resultierende „Green New
Deal“ (Gigold 2009) soll auf diese Weise alle gesellschaftlichen Interessen bedienen.
Postwachstumskonzepte: Basierend auf Forschungsaktivitäten an der Carl von Ossietzky
Universität Oldenburg wurden die Begriffe „Postwachstumsökonomik“ (als analytischer
Rahmen) und „Postwachstumsökonomie“ (als konkreter Zukunftsentwurf) etwa 2006 –
zunächst in Form von Vorträgen und Workshop-Beiträgen (als Überblick vgl. Antoni-Komar
et al. 2009) – in die wissenschaftliche Nachhaltigkeitsdiskussion eingebracht. Die
Postwachstumsökonomik bricht mit der Logik einer ökologischen Modernisierung. Sie lässt
sich als Weiterentwicklung einer ersten Welle wachstumskritischer Darlegungen verstehen.
Dazu zählen unter anderem Arbeiten von Kohr 1957/2002, Mumford 1967, GeorgescuRoegen 1971, Meadows et al. 1972, Schumacher 1973, Illich 1992, Daly 1999/1977, Hueting
1980 und Gronemeyer 1988. Innerhalb einer zweiten Welle der Wachstumskritik lassen sich
Beiträge verorten, die mit zuweilen programmatischen Begriffen oder Buchtiteln wie „La
decrescita felice“ (Pallante 2005), „Décroissance“ (Latouche 2006), „Degrowth“ (MartinezAlier 2009), „Postwachstumsökonomie“ (Paech 2008; Paech 2012) etc. assoziiert sind.
Aus
dem
Transformationsszenario
der
Postwachstumskonzepte
abgeleitete
Transformationsprogramme streben als Alternative zu einer auf Wachstum basierenden
Versorgungsform den sozialverträglichen Rück- und Umbau des Industriesystems an.
Vorstellungen zur konkreten Umsetzung reichen von Szenarien einer sozialen Diffusion (vgl.
Rogers
1995)
bis
zu
politischen
Rahmensetzungen,
etwa
in
Form
von
Ressourcenbegrenzungen.
Postkollapsszenarien: Absehbare Ressourcenverknappungen von historisch einmaliger
Dimension spiegeln sich in einer Beschreibung von Phänomenen wie „Peak Oil“, „Peak Soil“
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Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
oder gar „Peak Everything“ (Heinberg 2007) wieder. Sie begründen einen zunehmend
beobachtbaren Gestaltungspessimismus, der durch das Ausbleiben von Umweltentlastungen
und Entkopplungserfolgen sowie einem Zweifel an demokratischer Mehrheitsbildung für
adäquate Interventionen verstärkt wird. Folglich richtet sich der Fokus auf die Gestaltung
einer „Postkollapsgesellschaft“ (Heimrath 2012) sowie auf Maßnahmen, die zur Reduktion
der Fallhöhe oder Aufpralldämpfung beitragen können.
Aus dem Transformationsszenario der Postkollapsszenarien sowie insbesondere dem hier
anküpfenden Resilienz-Diskurs ist mit Blick auf Transformationsprogramme insbesondere
die Bewegung der sog. „Transition Towns“ (Hopkins 2008) hervorgegangen, in denen eine
zivilisierte
Existenz
auch
nach
einem
möglichen
Zusammenbruch
industrieller
Fremdversorgung möglich ist. Das mangelnde Vertrauen in die Fähigkeit demokratischer
Industriegesellschaften, auf herannahende Krisen zu reagieren, hat außerdem Tendenzen
einer Vorbereitung auf zukünftige Verteilungskämpfe im Sinne einer Aufrüstung oder
Abschottung hervorgebracht. Beispiele sind das „Carrying Capacity Network“ in den USA
oder die Bewegung der sogenannten „Preps“. Weiterhin beobachtbar sind technologisch
ausgerichtete Überlebensstrategien wie „Open Ecology“ oder „Life after Oil Crash“. Eine
andere, unter anderem vom Physiker Stephen Hawking erwogene Strategie besteht darin,
alle Anstrengungen auf die Besiedlung anderer Planeten zu lenken, weil der ökologische
Kollaps des Planeten Erde ohnehin nicht mehr zu verhindern sei.
Konzepte des „Business As Usual“ (BAU): Zuweilen artikulierte Kritik an einem
überzeichneten ökologischen Alarmismus stützt sich unter anderem auf Zweifel am
anthropogen verursachten Treibhauseffekt und mangelnde Beweisbarkeit von Umweltrisiken
(prominent etwa Lomborg 2001). Zudem könne die zwecks Armutsbekämpfung nötige
wirtschaftliche Entwicklung unter zu hohen Umweltschutzanstrengungen leiden. Eine auf
Nachhaltigkeit zielende Verknappung essentieller Ressourcen könne außerdem zur
Erschließung bislang unrentabler Ressourcenquellen führen, wie etwa das sog. „Fracking“,
der Abbau von Teer- und Ölsanden oder die intensivierte Suche nach neuen Ölfeldern.
Darüber hinaus unterlägen Ökosysteme einem permanenten Wandel, so dass keine
Referenzsituation im Sinne eines zu schützenden gleichgewichtigen oder intakten Zustandes
existiere. Außerdem seien die meisten Naturgüter ohnehin bereits kultiviert oder durch
menschliche Aktivitäten verändert (vgl. Küster 2005). Was also unter Naturzerstörung oder schutz zu verstehen ist, sei angesichts derart fließender Übergänge primär eine Frage der
Interpretation.
Aus
dem
Transformationsszenario
des
Business
As
Usual
hervorgehende
Transformationsprogramme wie die Diskussion des sog. „Geo Engineering“ sind darauf
ausgerichtet, ökologische Probleme im planetarischen Maßstab ex post zu beseitigen oder
sogar künstliche Ersatzwelten zu schaffen. Beispielsweise zielen Klimaanpassungsstrategien
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Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
darauf, sich mittels planerischer, ökonomischer und technischer Maßnahmen vor den Folgen
nicht zu verhindernder Klimaschäden zu schützen und darüber hinaus den Klimawandel
durch Auftun neuer Geschäftsfelder profitabel zu nutzen.
Makroökonomische Steuerung: Ausgehend von der „Initiative Ökosozialismus“ und einigen
Attac
nahestehenden
Strömungen
lehnt
dieses
Transformationsszenario
jegliches
Wachstum ab und strebt auf der Basis geordneter Schrumpfungsprozesse das Erreichen
eines „steady state“ an (vgl. v.a. Sakar 2001 sowie Kern 2009). Während der
Postwachstumsdiskurs eine marktwirtschaftliche Koordinationsform beibehält, favorisiert die
makroökonomische Steuerung einen demokratisch eingebetteten Planungsansatz, der auf
makroökonomischer Ebene die Ressourcenallokation mit Blick auf soziale Gerechtigkeit
fixiert.
Aus
dem
Transformationsszenario
Transformationsprogramme
der
werden
makroökonomischen
in
bewusster
Steuerung
Abgrenzung
zu
abgeleitete
anderen
Wachstumskritikern wie Herman Daly (Daly 1999), den „Marktsozialisten“, oder Elmar
Altvater beschrieben, da eine fiskalische Lenkung der Nachfrage nur die soziale Kluft
verschärfen könne. Statt dessen seien eine Steuerung des Ressourcenangebotes,
Mengenregulierungen für Energie und Rohstoffe mittels Preiskontrollen sowie eine
Rahmenplanung erforderlich, die Produktion und Verbrauch lenke. Was, wie und wie viel
produziert werde, dürfe nicht partikulären Profitinteressen überlassen bleiben, sondern
müsse auf demokratische und partizipative Weise bewusst organisiert werden. Dabei
ergeben sich Parallelen zu Ansätzen zur „Wirtschaftsdemokratie“ (Vilmar et al. 1978).
Institutioneller Wandel und Sozialreformen: Ein weiteres Transformationsszenario sieht
die
graduelle
oder
vollständige
Demokratisierung
als
Instrument,
um
Nachhaltigkeitspotentiale zu erschließen. Innerhalb dieses Transformationsszenarios werden
eine Reihe unterschiedlich fokussierter Transformationsprogramme diskutiert. Dazu gehören
insbesondere
Stakeholderdialoge,
Unternehmensverantwortung,
Konzepte
der
verbraucherorientierte
Wirtschaftsökonomie
Produktentwicklung
und
und
der
das
Bedingungslose Grundeinkommen.
„Stakeholderdialoge“ (Freeman 1983) basieren darauf, über Kommunikationsbeziehungen
die Belange nachhaltigkeitsorientierter Akteure einzubeziehen. Weitaus verbindlicher sind
Konzepte einer sogenannten „Wirtschaftsdemokratie“. Hier obliegt es einem definierten Kreis
von
Akteuren,
Nutzungsregeln
für
bestimmte
Ressourcen
zu
vereinbaren
und
durchzusetzen. Auch Genossenschaften können als Demokratisierungsform betrachtet
werden. Daneben finden sich Ansätze, durch die Unternehmensverantwortung über
veränderte Zielsysteme konkretisiert werden soll. Sie reichen von der Verankerung einer
Unternehmensethik über „Codes of Conduct“ und „Corporate Social Responsibility“ (CSR)
bis zum „Sustainability Reporting“, beispielsweise auf Basis der Kriterien der „Global
10
Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
Reporting
Initiative“
(GRI).
Auch
die
von
Felber
(Felber
2012)
vorgeschlagene
„Gemeinwohlökonomie“ lässt sich in diesem Kontext verorten. Die „verbraucherorientierte
Produktentwicklung“ schließlich sowie partizipative Innovationsprozesse wie etwa das „Lead
User“-Konzept oder dessen Erweiterung zum „Sustainable Lead User“-Konzept zielen
darauf, das dezentrale Wissen erfahrener Nutzer über zu erwartende Wirkungen sowie ein
möglichst breites gesellschaftliches Interessenspektrum in die Entwicklung neuer Designs
einfließen zu lassen. Weiterhin wird das Bedingungslose Grundeinkommen als eine Form
des institutionellen Wandels betrachtet, dessen Konsequenzen so weitreichend sind, dass
allein damit ein Wandel mit Zielrichtung Nachhaltigkeit begründet wird.
Diese verschiedenen Transformationsszenarien einer nachhaltigen Gesellschaft sind vielfach
Gegenstand vergleichender Analysen geworden. Zudem liegen Studien vor, die die
Implementierung
von
Transformationsprogrammen
aus
Transformationsszenarien
untersuchen.
Solche
Wirkungsanalysen
abgeleiteten
haben
vielfach
gezeigt, dass trotz umfassender struktureller Eingriffe und erheblicher Kosten die
angestrebten Nachhaltigkeitsziele nur unvollkommen, in anderer Form oder gar nicht erreicht
wurden (vgl. bspw. Binas 2006; Lange 2008; Reißig 2009; Enders et al. 2012; Servatius
2012). Das hier vorgestellte Fokusprojekt geht über solche Untersuchungen zum
Nachhaltigkeitsdiskurs hinaus, indem es mittels eines praxeologischen Ansatzes der
Ambivalenz und Komplexität der gesellschaftlichen Praxis explizit Rechnung trägt und durch
das analytische Konzept der Mehrdimensionalität situativer Praktiken einen neutralen
Vergleichsgesichtspunkt für die Untersuchung von Formen der Verantwortung einführt. An
die
bisherige
Diskussion
wird
auf
diese
Weise
angeschlossen.
Der
bisherige
Forschungsstand dient zugleich als Untersuchungsgegenstand. Mittels des Konzepts der
mehrdimensional reflexiven Responsibilisierung werden die Ansätze der verschiedenen
Transformationsszenarien theoretisch, genealogisch und empirisch hinterfragt. Auf diese
Weise verspricht das Projekt Aufschluss über die Frage nach der Wirkung von
Nachhaltigkeitsprogrammen unter Bedingung sozialer Komplexität.
3.
Forschungsansatz, Methoden, Hypothesen
Das Fokusprojekt zielt darauf, über die Anwendung einer praxeologischen Perspektive die
Ambivalenz und Kontingenz sozialer Praxis in die Untersuchung von Nachhaltigkeit
einzuführen und dabei die Verbindung von Nachhaltigkeits- und Verantwortungsdiskurs zu
betonen. Das Projekt ist deshalb durch die Oszillation zwischen reflexiver Begriffsbildung,
genealogischer Untersuchung und empirischer Untersuchung geprägt. Es umfasst folgende
Module:
-
Reflexive Begriffsbildung (Modul 1: Instrumentarium zur Analyse von Nachhaltigkeit),
-
Genealogische Untersuchung (Modul 2: Genealogie der Nachhaltigkeit) und
11
Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
-
Empirische Fallstudien (Modul 3: Transformationsszenarien)
bilden die systematisch in Austausch gebrachten Säulen des Projekts, die auf das Ziel des
reflexiven
Vergleichs
von
Postulaten
und
Konsequenzen
nachhaltigkeitsorientierter
Verantwortungszurechnung (Modul 4: reflektierte Auswege) hinführen:
Fokusprojekt Reflexive Responsibilisierung
Querverbindung: Kick-Off Workshop
Jahr 1
Jahr 2
Interimskonferenz: Abstimmung/ Bürgerbeteiligung
Modul 2:
Modul 3:
Modul 1:
Genealogie
Transformationsszenarien
Reflexive
der
im Licht
BegriffsNachhaltigkeit
empirischer Evidenz
bildung
Wiss. Abschlusskonfrenz und Praxisworkshop
Jahr 3
Modul 4: Reflektierte Auswege
Bedingungen und Möglichkeiten einer nachhaltigkeitsorientierten Gesellschaft
Die analytischen Leitkonzepte der Subjektivierung und der Mehrdimensionalität situativer
Praktiken durchziehen das gesamte Fokusprojekt. Aufgrund ihres grundsätzlichen
Stellenwerts werden diese Konzepte zunächst einleitend allgemein eingeführt, bevor die
einzelnen Module mit ihren konkreten Arbeitsschritten beschrieben werden.
Subjektivierung
und
Mehrdimensionalität
situativer
Praktiken
als
analytische
Leitkonzepte
Das Interesse des Forschungsprojekts gilt der Gegenüberstellung von postulierten und
empirisch beobachtbaren Ausformungen von engagiertem Mitmachen, kommunikativreflexiver
Orientierung
und
Verantwortungsübernahme
in
nachhaltigkeitsorientierten
Praktiken. Damit tritt die historisch veränderliche gesellschaftliche Gestaltung der sozialen
Welt und ihrer Subjekte ebenso in den Blick wie ihre politische Gestaltbarkeit.
Der hier als analytisches Konzept verstandene Begriff der Subjektivierung macht eben diese
Ambivalenz beobachtbar: Er betont erstens zusammen mit der Prozesshaftigkeit der
Entstehung und Ausformung ‚kompetenter’ Handlungsträgerschaft, dass es sich dabei um
ein
relationales
(Responsibilisierungs-)Geschehen
handelt,
in
dem
Selbst-
und
Anderenbezüge vielfach ineinander verschränkt sind. Er richtet den Blick zweitens auf den
sozial-reflexiven Vollzugsmodus dieser Ausformung. Drittens sensibilisiert das Konzept der
Subjektivieriung für die in der Nachhaltigkeitsforschung häufig ausgeblendeten Momente von
12
Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
Macht und Herrschaft einerseits sowie von Überschreitung, Widerständigkeit, Entzug und
Kritik andererseits, die stets mit im Spiel sind, wenn in der Partizipation an einer Praxis die
erforderlichen Teilnahmebefähigungen erworben werden (Alkemeyer et al. 2013; Gelhard et
al. 2013).
Das Subjektivierungskonzept ist eng verknüpft mit der hier zentral gestellten praxeologischen
Forschungsperspektive, die in diesem Projekt im Sinne einer mehrdimensionalen Analyse
situativer Praktiken verstanden wird. Soziale Phänomene werden dabei im Sinne eines
relationalen Vollzugsgeschehens begriffen, wobei aus dem Hier und Jetzt situativer
Praktiken symbolisch vermittelt sachlich, zeitlich und räumlich ausgreifende Strukturen
gebildet werden (Lindemann 2014). Für unser Forschungsvorhaben ist der praxeologische
Ansatz besonders wichtig und fruchtbar, weil er es ermöglicht, für nachhaltigkeitsorientierte
Transformationsszenarien in empirischen Fallstudien die Komplexität situativer Praktiken
sowie die Komplexität der Bildung von Teilnehmersubjekten und ihrer Perspektiven in den
Blick zu nehmen und damit zugleich auch die Kontingenz und Ambivalenz nachhaltiger
Praktiken sowie entsprechender Responsibilisierungen sichtbar zu machen (dazu auch
Shove 2010). Praxeologische Rekonstruktionen von Teilnehmerperspektiven zeigen, wie im
Zuge von Subjektivierungsprozessen der Eigensinn und die Befähigungen von Subjekten
sich ausbilden (so bspw. bei de Certeau 1998). Die praxeologische Erforschung des
Responsibilisierungsgeschehens
im
Rahmen
von
Nachhaltigkeitsprogrammen
und
Transformationsszenarien bringt die Praxis als Ort des Sozialen und der Genese sozialer
Ordnung in den Blick, in der Nachhaltigkeit und Verantwortung kommunikativ bzw. diskursiv
hergestellt, materiell und körperlich-leiblich vollzogen und subjektiviert werden. Die
praxeologische Forschungsperpektive kann daher sowohl den Nachhaltigkeits- als auch den
Verantwortungsbegriff und die entsprechenden Transformationsszenarien neu justieren,
wenn Nachhaltigkeit und Verantwortung als etwas verstanden werden, das bottom up
umkämpft, ausgehandelt, umgedeutet und praktiziert wird, statt top down verordnet zu
werden.
Der hier gewählte Blick auf Nachhaltigkeit zeichnet sich zudem durch die analytische
Anwendung eines mehrdimensionalen – soziale, zeitliche, räumliche, sachliche und
symbolische Dimension – Konzepts situativer Praktiken aus, das erlaubt, die verschiedenen
Ebenen
von
Verantwortungsbezügen
in
Nachhaltigkeitskonzepten
herauszuarbeiten.
Verantwortung ist in Anlehnung an das juristische Begriffsverständnis eng gefasst als
Zurechnung einer individuellen Verpflichtung, für künftig unter Umständen eintretende
Schäden aufzukommen. Zwar wird im allgemeinen Sprachgebrauch „Nachhaltigkeit“ sehr
eng mit einer Verantwortung für die Umwelt verbunden. In konkreten Szenarien und
Programmen ist jedoch sehr verschieden, was damit gemeint ist. Bereits wer wem
gegenüber verantwortlich ist (Sozialdimension) kann sehr verschieden sein, neben
13
Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
eigenverantwortlichen Subjekten kommen hier auch der Staat oder Organisationen in Frage.
Dasselbe gilt für das wann der Verantwortung (Zeitdimension), etwa schon jetzt für die
Zukunft oder erst im künftig eintretenden Schadensfall; für den Ort und den Rahmen der
Verantwortungsübernahme (Raumdimension), etwa hier für das Weltklima oder etwa im
Amazonas Abholzung verhindern; das wofür der Verantwortung (Sachdimension), etwa
Verknappung von Ressourcen vs. Entwicklung neuer Technologien; sowie schließlich für die
symbolischen Formen der Darstellung von Verantwortung. Die Differenzierung dieser
Dimensionen situativer Praktiken dient als heuristisches Instrument und erlaubt zudem,
einander eventuell widersprechende Verantwortungsorientierungen zu untersuchen. Es steht
damit ein für die historisch-genealogische Analyse geeignetes Instrumentarium zur
Verfügung,
um
gesellschaftliche
Prozesse
der
Umwandlung
gesellschaftlich-
institutionalisierter in individuell-responsibilisierte Beziehungen zu untersuchen. Damit ist das
Plädoyer verbunden, nicht mehr vornehmlich soziale Ordnungen zu analysieren, sondern
dem Platz zu geben, was die „eigenen Ordnungsmodelle durchkreuzt“, und damit Konflikte
nicht nur zu beschreiben, sondern ggf. auch anzustoßen (Bröckling 2013, 37).
Die Konzepte der Subjektivierung, die Praxeologie und der Mehrdimensionalität situativer
Praktiken werden in vier aufeinander abgestimmten Modulen im Hinblick auf die Frage
fruchtbar gemacht, wie sich Transformationsszenarien der Nachhaltigkeit in einer
ambivalenten, komplexen und stets veränderlichen sozialen Praxis konkret auswirken. Die
konkreten Arbeitspakete sind im Rahmen des Arbeitsplans detailliert ausgeführt.
Methoden
Das Projekt ist interdisziplinär orientiert und nimmt den Gegenstand der gesellschaftlichen
Nachhaltigkeit aus einer theoretischen, genealogischen und empirischen Perspektive in den
Blick. Dementsprechend ist die Triangulation unterschiedlicher Methoden erforderlich.
Die Vorgehensweise für die Erstellung eines analytischen Instrumentariums sowie bei der
Genealogie der Nachhaltigkeit wurde bereits in den jeweiligen Modulen beschrieben. Es sei
deshalb an dieser Stelle nur allgemein verwiesen auf das Anliegen, Theorie und Empirie
produktiv miteinander zu verbinden, anstatt getrennt zu betrachten (dazu Kalthoff et al. 2008)
sowie auf die grundlegende genealogische Einsicht, dass Macht und Wissen in
Auseinandersetzungsprozessen zusammenwirken (Foucault 2002).
Die empirischen Fallstudien sind generell orientiert an den drei analytischen Leitkonzepten
der Subjektivierung, der Praxeologie und der Mehrdimensionalität situativer praktischer
Vollzüge. Empirisch geht damit das Erfordernis einher, konkrete Praktiken zu untersuchen.
Es ist damit eine primär qualitative Ausrichtung der Fallstudien erforderlich. Im Zuge der
Fallstudien
werden
methodisch
unterschiedliche
14
Zugangsweisen
verbunden:
Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
Dokumentenanalyse (Wolff 2004) und Experteninterviews (Flick et al. 2004) flankieren die
teilnehmende Beobachtung (Lüders 2000; Breidenstein et al. 2013).
Um die Teilnehmerperspektive besonders zur Geltung zu bringen wird in einzelnen
Fallstudien die Methode der partizipativen Sozialforschung angewandt. Dies gewährleistet
zudem, an zentralen Stellen eine intensivierte Bürgerbeteiligung zu gewährleisten. Die
partizipatorische Sozialforschung untersucht andere Menschen nicht als Forschungsobjekte,
sondern erforscht mit ihnen ihre Lebensumstände und ihre Praktiken. Ziel ist es, ihnen eine
Stimme zu geben und mit ihnen gemeinsam neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Dazu werden sie am Prozess des Erkenntnisgewinns sowie an den gewonnenen
Erkenntnissen beteiligt. In der Gesundheits- und Bildungsforschung hat sich die
partizipatorische Sozialforschung bereits vielfach bewährt und gilt als etabliert (u.a.
Forschungsgruppe Public Health, WZB). Im Sinne von Ulrich Bröcklings Plädoyer für die
Irritation der eigenen wissenschaftlichen Ordnungsbildung durch die Widersprüche des
Sozialen werden wir unseren praxeologischen Forschungsansatz mit Ansätzen der
partizipatorischen Sozialforschung kombinieren. Ziel ist es, die Teilnehmer- bzw.
Akteursperspektive in den Blick zu bekommen und diese nicht nur zu analysieren, sondern
so ernst zu nehmen, dass sie die Forschungsperspektive quasi „bottom up“ auch irritieren
und kritisieren kann. (Wright 2012)
Hypothesen
Das Fokusprojekt „Reflexive Responsibilisierung“ geht von drei zentralen Hypothesen aus:
Erstens: Transformationsprogramme müssen in eine genuin ambivalente und komplexe
gesellschaftliche Realität implementiert werden. Dies kann nur dann erfolgreich sein, wenn
diese Ambivalenz konzeptionell zugelassen wird. Dies gelingt, indem an die Stelle eines topdown Regulierungsanspruchs die bottom-up orientierte Untersuchung sozialer Praktiken
gestellt wird.
Zweitens: Für die reflexive Beurteilung der Konsequenzen von Nachhaltigkeitsprogrammen
ist es förderlich, den Nachhaltigkeits- und den Verantwortungsdiskurs stärker aufeinander zu
beziehen und Nachhaltigkeit mit Verantwortung über das analytische Konzept der
Mehrdimensionalität situativer Praktiken zu verbinden.
Drittens: Soziale, zeitliche, räumliche, sachliche, und symbolische Dimension von
Verantwortung für Nachhaltigkeit vermitteln sich dialektisch in den leib-körperlichen
Vollzügen der Praktiken. Eine nachhaltige Gesellschaft kann daher erst realisiert werden,
wenn
sich
die
mehrdimensional
zu
verstehende
Verantwortung
in
konkreten
Subjektivierungspraktiken umsetzt. Die impliziten wie „metapragmatischen“ Stellungsnahmen
und Alltagskritiken der Beteiligten müssen daher als konstitutive Bestandteile in der
praktischen Umsetzung von Nachhaltigkeitsprogrammen ernst genommen werden, um so
15
Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
neben den Möglichkeiten auch die (Machbarkeits-) Grenzen der damit verknüpften
Steuerungslogiken auszuloten
4.
Reflexion des Beitrags zum Ziel einer ökologisch, sozial, ökonomisch nachhaltigen und
generationengerechten Entwicklung
Für das Erreichen einer nachhaltigen Gesellschaft sind in den vergangen Jahrzehnten
unterschiedliche Transformationsszenarien entworfen worden. Bei aller Verschiedenheit der
Ansätze ist deren Umsetzung das zentrale Problem der Komplexität und Ambivalenz der zu
verändernden
Wirkungsbeziehungen
gemeinsam.
Kernfragen
an
Wissenschaft
für
nachhaltige Entwicklung müssen sein, a) wie diese Programme konkret umgesetzt werden
und welche Auswirkungen sie in der Praxis jeweils haben, b) welche heterogenen
nachhaltigkeitsrelevanten Praktiken und Verantwortungsverhältnisse unabhängig von diesen
Programmen bereits existieren und c) wie eine nachhaltige Gesellschaft jenseits von
zentralistischen Steuerungslogiken und hegemonialen Expertenkulturen denkbar ist. Das
hier vorgeschlagene Fokusprojekt untersucht, wie Programme für eine nachhaltige
Gesellschaft sich in dieser zu transformierenden Gesellschaft konkret auswirken. Die
kreativen Potentiale von bottom-up Prozessen werden auf diese Weise positiv zur Geltung
gebracht statt sie als Störung einer interventionistischen Gestaltungslogik zu verstehen.
5.
Darlegung des Lösungspotentials mit Blick auf eine oder mehrere virulente
gesellschaftliche Herausforderungen
Das Fokusprojekt verspricht mindestens folgende fünf Ergebnisse:
-
Systematische Einordnung verschiedener Transformationsszenarien in den fünf
Dimensionen situativer Praxis.
-
Auf dieser Basis Aufzeigen bislang impliziter Paradoxien und Ambivalenzen, die sich
aus der Gleichzeitigkeit normativer Forderungen und situativer Alltagspraxis ergeben.
-
Damit Ansätze für die bislang offene Frage, warum trotz z.T. großer Investitionen in
nachhaltige Transformationsprogramme kaum messbare Ergebnisse erzielt werden.
-
Auf dieser Grundlage wird neben dem Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte ein
praktischer Leitfaden zur Beurteilung von Nachhaltigkeitsprogrammen erarbeitet.
-
Schließlich wird mit dem Konzept der reflexiven Responsibilisierung in den fünf
Dimensionen situativer Praktiken und unter Einbeziehung der Teilnehmerperspektive
ein analytisch hoch operationalisierbarer Nachhaltigkeitsbegriff entwickelt.
16
Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
6.
Einbeziehen
der
Perspektive
betroffener
Bürgerinnen
und
Bürger
und
gesellschaftlicher Gruppen mit Blick auf die Erarbeitung konkreter Lösungsvorschläge
Das Fokusprojekt zeichnet sich in seiner Anlage durch die explizite Fokussierung der
Teilnehmerperspektive aus. Das Projekt ist auf die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern
bereits selbst angewiesen und sieht sich in der Pflicht, die Ergebnisse nicht nur für den
wissenschaftlichen Diskurs sondern auch für die praktische Anwendung aufzubereiten. Diese
Zusammenarbeit umfasst zusammenfassend folgende Aspekte:
-
Einbeziehung von Bürgerinnen und Bürgern in den Forschungsprozess; zum Teil
mittels partizipativer Methoden der Sozialforschung.
-
Enge Kooperation mit Praxispartnern, insbesondere dem Verbraucherschutzverein
Bundesverband.
-
Einbeziehung der Perspektive von Bürgerinnen und Bürgern an drei zentralen Stellen
des Projektverlaufs mittels Workshops: zu Beginn (AP 0 Kickoff), in der Mitte (AP 4.1
Interimskonferenz) und in der Schlussphase (AP 4.4 Praxisworkshop).
Darüber hinaus arbeiten wir über persönliche Kontakte eng mit verschiedenen Stiftungen
(Villigst,
Mercator)
zusammen,
die
entsprechende
Perspektiven
sowohl
in
den
wissenschaftlichen als auch in den Praxisprozess mit einbringen.
7.
Art und Umfang der Zusammenarbeit sowie Anteil der beteiligten Partner am Projekt
Die Durchführung des Projekts erfolgt im Wesentlichen im Zuge der Erstellung von
Dissertationsschriften. Im Kontext jeder der vier Arbeitsgruppen wird jeweils eine
Dissertationsschrift angefertigt. Darüber hinaus ist die Mitarbeit von zwei Post-Doktoranden
vorgesehen, um die Qualität des Arbeitsprozesses zu befördern. Um die jeweils
fachspezifische Expertise der einzelnen Arbeitsgruppen in den Gesamtprozess fruchtbar
einzubringen, erfolgt über die Module hinweg eine Zusammenarbeit der verschiedenen
Arbeitsgruppen. Diese wird gewährleistet durch vierteljährliche Fokusgruppentreffen. Diese
Treffen umfassen je nach Bedarf ein oder zwei Tage und dienen dem Austausch von
Zwischenergebnissen, der Diskussion projektrelevanter Fragestellungen sowie ggf. der
gemeinsamen
Festlegung
nächster
Schritte.
Konkret
sind
die Arbeitspakete den
Arbeitsgruppen folgendermaßen zugeordnet:
In Modul 1 (analytisches Instrumentarium) arbeiten in den ersten sechs Monaten der
Projektlaufzeit alle vier Doktoranden und beide Post-Doktoranden zusammen, um ein
gemeinsames analytisches Instrumentarium den jeweils spezifischen Arbeitserfordernissen
anzupassen und eine koordinierte Zusammenarbeit abzustimmen. In Modul 1 ist zudem eine
Doktorandenstelle vorgesehen, die in den Arbeitsschritten 1.1 bis 1.3 kontinuierlich
theoretisch-konzeptionelle Aspekte unter Einbeziehung von Interimsergebnissen aus dem
17
Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
Projektfortgang entwickelt. Die Doktorandenstelle ist der Arbeitsgruppe 1 Soziologie (Prof.
Henkel, Prof. Lindemann) zugeordnet.
In Modul 2 (Genealogie) werden die Genealogie der Interventionsgesellschaft sowie der
sozio-ökologischen Transformationsszenarien untersucht. Diese Aufgabe erfordert sowohl
Erfahrung
in
genealogisch-historischer
Forschung
als
auch
Erfahrung
in
der
interdisziplinären Zusammenarbeit, weil Zwischenergebnisse den anderen Projektmitarbeiter
sukzessive zugewiesen sowie deren Zwischenergebnisse einbezogen werden müssen.
Aufgrund des besonderen Stellenwerts der Genealogie als historisch-gesellschaftlichem
Hintergrund aktueller Entwicklungen zur nachhaltigen Gesellschaft ist hier die Ausführung
durch
eine/n
erfahrene/n
Nachwuchswissenschaftler/in
vorgesehen.
Diese
Post-
Doktorandenstelle ist der Arbeitsgruppe 2 Subjektivierungstheorie (Prof. Alkemeyer, Prof.
Schulz) zugeordnet.
In Modul 3 (Transformationsszenarien) erfolgt die empirische Kernarbeit des Projekts. Die
sechs Transformationsszenarien bzw. aus diesen abgeleitete Programme werden im Sinne
einer praxeologischen Empirie mit der Ambivalenz und Komplexität sozialer Praxis
kontrastiert. In diesem Modul arbeiten drei Doktoranden an jeweils einem bzw. zwei sich
nahestehenden Szenarien. Um den Arbeitsprozess zu unterstützen ist hier außerdem eine
Post-Doktorandenstelle vorgesehen, von der zwei der Transformationsfälle bearbeitet
werden und die den Austausch innerhalb der Fallstudien sowie den Kontakt zu den
theoretischen und genealogischen Arbeitsprozessen wesentlich mit gestaltet. Es wurde
bewusst darauf geachtet, in diesem Kernbereich Doktoranden aus den verschiedenen
beteiligten Fachdisziplinen zusammenzubringen, um einen Austausch der unterschiedlichen
Zugänge
zu
gewährleisten.
Subjektivierungstheorie
(Prof.
Eine
Doktorandenstelle
Alkemeyer,
Prof.
ist
Schulz)
der
Arbeitsgruppe
zugeordnet,
die
2
zweite
Doktorandenstelle ist der Professur Niko Paech zugeordnet, die dritte Doktorandenstelle ist
der Professur Reinhard Pfriem zugeordnet. Die Post-Doktorandenstelle ist der Arbeitsgruppe
1 Soziologie (Prof. Henkel, Prof. Lindemann) zugeordnet.
In
Modul
4
(reflektierte
Auswege)
arbeiten
jeweils
wieder
alle
sechs
Projektmitarbeiter/innen zusammen.
8.
Interne Vernetzung, einschlägige Vorarbeiten, Kooperationsnetzwerk
Die Antragsteller sind untereinander und innerhalb der Universität Oldenburg gut vernetzt
und blicken auf vielfältige gemeinsame Forschungstätigkeiten zurück. Darüber hinaus hat
das Fokusprojekt ein Netzwerk von Kooperationspartnern zusammengestellt, durch das der
Forschungsprozess
begleitet,
reflektiert
und
in
außerwissenschaftliche Öffentlichkeit hinein verbreitet wird.
18
die
wissenschaftliche
und
Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
Interne Vernetzung
Das Projekt kooperiert eng mit dem Oldenburger Graduiertenkolleg „Selbstbildungen Praktiken der Subjektivierung in historischer und interdisziplinärer Perspektive“. Die
Frage nach den Praktiken und Subjektivierungsweisen, die Nachhaltigkeitsprogramme
evozieren,
schließt
hervorragend
an
die
Neuausrichtung
des
Graduiertenkollegs
„Selbstbildungen“ an, das sich in der zweiten Laufzeit den „reflexiven Selbstbildungen“, also
den
Ausformungen
engagiertem
Mitmachens,
reflexiver
Orientierung
und
Verantwortungsübernahme widmet.
Ebenso eng ist der inhaltliche und forschungsanalytische Anschluss an das WiZeGG
(Wissenschaftliches Zentrum zur Erforschung der Genealogie der Gegenwart), das sich der
historisch-praxeologisch
angeleiteten
Analyse
kultureller
Formen
gesellschaftlicher
Selbstproblematisierungen widmet. Das Problem der Nachhaltigkeit ist als eben solch eine
gesellschaftliche Selbstproblematisierung zu begreifen.
An der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg besteht zudem mit dem FUGO –
Forschungskolloquium Unternehmen und gesellschaftliche Organisation sowie mit CENTOS,
dem Zentrum für wirtschaftswissenschaftliche Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung der
Universität Oldenburg ein Schwerpunkt in der Nachhaltigkeitsforschung bereits seit vielen
Jahren. Mit den Vertretern dieses internen Diskurses und dem FUGO besteht ein enger
Kontakt, so dass eine Vernetzung in die verschiedenen Disziplinen und Diskussionen
gewährleistet ist.
Schließlich besteht Anschluss auch an den sich am Institut für Sozialwissenschaften aktuell
neu sich formierenden Forschungsschwerpunkt zu den Dimensionen der Sorge. Für diesen
interdisziplinär ausgerichteten Forschungsschwerpunkt (neben Soziologie auch Philosophie
und Theologie) läuft aktuell ein Forschungsantrag an das Evangelische Studienwerk Villigst,
das bei Bewilligung im Mai 2014 startet.
Das hier vorgeschlagene Fokusprojekt ist über diese unterschiedlichen Netzwerke eng in
einen sowohl interdisziplinären als auch nachhaltigkeitsspezifischen Kontext eingebunden,
so dass Ergebnisse und Zwischenstände breit diskutiert und rezipiert werden können.
Einschlägige Vorarbeiten
Die AntragstellerInnen und Antragsteller kooperieren bereits seit langem in unterschiedlichen
Zusammenhängen. So arbeiten Prof. Alkemeyer, Prof. Lindemann und Prof. Schulz seit
mehreren Jahren erfolgreich im Rahmen des Graduiertenkollegs „Selbst-Bildungen“
zusammen, mit dem auch Prof. Henkel assoziiert ist. Zudem forschen sie im Rahmen des
WiZEGG gemeinsam an zentralen, den hier gestellten Fragestellungen verwandten
Gegenständen. Darüber hinaus sind Prof. Schulz und Prof. Pfriem seit langem gemeinsam
im Rahmen des interdisziplinären Kolloquiums FUGO mit Fragestellungen aus dem
19
Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
Nachhaltigkeitsbereich befasst. In diesen Rahmen ist auch Prof. Paech einbezogen.
Schließlich arbeiten Prof. Lindemann und Prof. Henkel im Rahmen der Arbeitsgruppe
sozialwissenschaftliche Theorie eng zusammen. Einschlägige Vorarbeiten der beteiligten
Kooperationspartner sind im Einzelnen:
Prof. Alkemeyer ist eine ausgewiesene Kapazität im Bereich der praxeologischen
Forschung. Wegweisend sind hier seine in Oldenburg entstandenen Schriften zu Techniken
und kulturellen Praktiken der Subjektivierung.
Prof.
Henkel
ist
ausgewiesen
im
Bereich
der
genealogisch
orientierten
Gesellschaftsforschung und arbeitet aktuell zum Themenfeld der Verantwortung. Ihr
Anliegen
ist
es,
theoretische
Konzepte
für
Gegenwartsanalyse
ergebnisorientiert
einzubringen.
Prof. Lindemann ist eine ausgewiesene Kapazität im Bereich der theoretisch angeleiteten
Gesellschaftstheorie
sowie
leib-körperlich
orientierter
ethnografischer
Forschung.
Wegweisend und für den Projektkontext relevant sind ihre Schriften zur Ordnung des
Sozialen.
Prof. Paech hat den Diskurs der Postwachstumsökonomik wesentlich mit geprägt. Er
verbindet seine wissenschaftliche Expertise zur Umweltökonomie, Ökologischen Ökonomie
und Nachhaltigkeitsforschung mit Engagement in der Umsetzung von Nachhaltikgeitsideen.
Prof. Pfriem ist sei über dreißig Jahren eine führende Größe in der Nachhaltigkeitsforschung
und -beratung. Seine Expertise weist sich neben seinen Publikationen in übergreifenden
Diskussions- und Forschungszusammenhänge aus, wie etwa die von ihm initiierten
Spiekerooger Klimagespäche.
Prof. Schulz verbindet einen naturwissenschaftlichen Hintergrund mit einem anerkannten
Status in der Naturphilosophie. Er versucht eine hermeneutische Perspektive auf die
Bereiche der Naturwissenschaften und der Ökonomie auszudehnen um diese dadurch z.B.
für Fragen eines angemessenen Verstehens von Verantwortung und Nachhaltigkeit zu
öffnen.
Kooperationsnetzwerk
Für das Fokusprojekt wurde ein Kooperationsnetzwerk geschaffen, das unser Projekt
spezifisch begleiten, reflektieren und unterstützen wird:
Prof. Niels Åkerstrøm-Andersen von der Copenhagen Business School forscht mit seiner
Arbeitsgruppe seit langem zu gesellschaftlichen Wirkungen politischer Steuerungsversuche,
insbesondere am Fall der Public-Private-Partnerships. Über Prof. Åkerstrøm besteht zudem
Kontakt zur sustainability platform der CBS.
Prof. Dean Bavington von der University of Newfoundland (Canada) ist Geograph mit
Schwerpunkt Nachhaltigkeitsforschung; in hat er sich u.a. kritisch mit nachhaltigen
20
Reflexive Responsibilisierung, Universität Oldenburg 2014
Managementprogrammen, Responsibilisierungsstrategien und deren Kontraproduktivität am
Beispiel des neufundländischen Kabeljaus auseinandergesetzt.
Prof. Dr. Alfons Bora von der Universität Bielefeld ist ein Experte auf dem Gebiet der
Technikfolgenabschätzung und Mitglied des Deutschen Ethikrates. In seinen Schriften zur
Innovationsregulierung
spricht
er
zentrale
Paradoxien
an,
die
auch
für
das
Untersuchungsfeld der Nachhaltigkeit relevant sind.
Prof. Dr. David Kaldewey von der Universität Bonn forscht zum Verhältnis von
(theoretischer) Wissenschaft und gesellschaftlicher Praxis; seine Expertise ist relevant für die
genealogische Studie, die Konzeptentwicklung und Reflektion des Gesamtprojekts. Darüber
hinaus besteht über David Kaldewey Kontakt zur Mercator Stiftung, die seinen Lehrstuhl
unterstützt und als weiterer Multiplikator aktiviert werden kann.
Prof. Elisabeth Shove ist Soziologin. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die praxeologische
Nachhaltigkeitsforschung, also die Erforschung der Veränderung sozialer Praktiken und
deren Auswirkungen auf Energieverbrauch und Klimawandel.
Isinova / Prof. Dr. Jana Rückert-John / Dr. René John forschen u.a. mit Studien für das
Umweltbundesamt im Bereich der Nachhaltigkeit, aktuell mit einer Schrift zu sozialer
Innovation und Nachhaltigkeit. Isinova dient darüber hinaus als Vernetzungsplattform.
Darüber hinaus kooperiert das Fokusprojekt mit einer Reihe von Institutionen, um
heterogene Akteursperspektiven systematisch einzubeziehen und die Sichtbarkeit und
Verbreitung der Projektergebnisse zu erreichen. Zu diesen Institutionen gehört ONNO e.V.
das nachhaltigkeitsorientierte Unternehmensnetzwerk in Ostfriesland, dessen Vorsitzender
Prof. Pfriem ist. Weiterhin planen wir eine Kooperation mit dem Verbraucherschutz
Bundesverband, um die Verbraucherperspektive auch mittels einer entsprechenden
Institution einfließen zu lassen. Das Evangelische Studienwerk Villigst e.V. gehört
ebenfalls zum Kooperationsnetzwerk.
Die genannten Kooperationspartner sind über die inhaltliche Begleitung hinaus bereit, als
Zweitgutachter von Dissertationen zu fungieren und zur Vernetzung sowie zur Sichtbarkeit
des Projektes beizutragen.
21
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