Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig Institut für Germanistik Mediensprache (A8) Dr. Eckhoff Sommersemester 2021 Hausarbeit 30. Oktober 2021 Verhärtete Fronten: Winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag von Peter Handke und ihre Rezeption Malte Dreier Matrikelnummer: 4934448 7. Semester (BA) Germanistik/Geschichte [email protected] Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung_____________________________________________________3 2. Das poetische Programm des Peter Handke___________________________3 3. „Fernfuchtler“ und „vorgestanzte Gucklöcher“ – die sprachliche Umsetzung der Medienkritik in der Winterlichen Reise___________________________4 4. Die Bereitschaft, sich „unmöglich“ zu machen - die mediale Rezeption der Winterlichen Reise ______________________________________________9 5. Verhärtete Fronten und der Rückzug in die Einseitigkeit________________11 6. Schlussbetrachtung_____________________________________________12 1. Einleitung „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“ (Matthäus 12,30) Nicht zuletzt durch die Vergabe des Literaturnobelpreises 2019 und die anschließende Debatte rückten Peter Handkes Texte zum Jugoslawien-Krieg wieder in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit. Dabei wurde deutlich, was seine Grundlagen bereits in den 1990er-Jahren, vor allem zum Zeitpunkt des Erscheinens der Winterlichen Reise und des Sommerlichen Nachtrags, hat: Die Debatte polarisiert extrem und hat schon früh ungeheuer verhärtete Fronten produziert. Bereits kurz nach der Veröffentlichung schwoll eine erste intensive Erregungsphase an, festgehalten im dezidiert kritischen Sammelband von Tilman Zülch „Die Angst des Dichters vor der Wirklichkeit“. Vor dem Hintergrund der außergewöhnlich breiten Rezeption konzentriert sich diese Arbeit aus der Reihe der Jugoslawien-Texte Peter Handkes auf die Winterliche Reise und den Sommerlichen Nachtrag. In der Folge soll in dieser Abhandlung ein Schritt zurückgegangen werden, um über Sprachformen einen Zusammenhang herzustellen: Dabei soll gezeigt werden, dass die Sprache der Medienkritik in der Winterlichen Reise Programm ist und ihren Ursprung in Handkes Werkgeschichte hat– und dass die mediale Rezeption diesem Programm durch den ihrerseits gepflegten Ton auf den Leim geht. Die dadurch entstehende gegenseitige Dynamik führt zu verhärteten Fronten und veranlasst Handke in einem Klima der wechselseitigen Provokationen dazu, im Sommerlichen Nachtrag sich auf eine Einseitigkeit einzulassen, die den Boden des ursprünglichen programmatischen Anspruch verlässt. 2. Das poetische Programm des Peter Handke "Ich bemerke, dass in der gegenwärtigen deutschen Prosa eine Art Beschreibungsimpotenz vorherrscht. Man sucht sein Heil in einer bloßen Beschreibung, was von Natur aus schon das Billigste ist, womit man Literatur überhaupt machen kann.“ (Peter Handke, Princeton 1966) Nicht erst die Winterliche Reise und der Sommerliche Nachtrag wurden als Texte Handkes kontrovers diskutiert – immer wieder erregte der Schriftsteller mit seiner programmatischen Herangehensweise an Literatur öffentliche Aufmerksamkeit; wenn auch nicht in einem solch gewaltigen Ausmaß wie in den 1990er Jahren. Die 3 kontroverse Rezeption der Schriften Handkes zieht sich als wirkungsgeschichtliches Motiv durch die Jahrzehnte: Von seinem Princeton-Auftritt 1966, über die Debatten der 1970er-Jahre, inwiefern seine Schriften als gesellschaftskritisch zu verstehen seien, über den in dieser Arbeit zu behandelnden Medienskandalen rund um seine Jugoslawien-Texte bis hin zu der Debatte um die Vergabe des Literatur-Nobelpreises im Jahr 2019 (Muhr 2007: 67 f.). Das Programm selbst hat sich dabei seit dem Auftritt in Princeton nicht groß gewandelt – auch die Herangehensweise an die Jugoslawien-Texte steht damit im Einklang. Es ist ein seit jeher betont antipolitisches Programm, das er gegen einen politischen Anspruch des literarischen Feldes in Stellung bringen will. (Lörke 2017: 248) Handke beharrt programmatisch auf dem Eigenrecht der Poesie und deren der Politik fremden Blick, er fordert für das literarische Feld eine Autonomie der Sprache ein; kurzum: Er „weigert sich so zu sprechen wie alle anderen […].“ (Lörke 2017: 248). Er ersetzt politische Begriffe durch poetische und schreibt einzig den Naturdingen und den innerlichen Erfahrungen eines Menschen literarischen Wert und Wahrheitsgehalt zu, politische Fragen werden konsequent ausgespart. (Lörke 2017: 247). Wird Sprache durch politische Begriffe durchdrungen, ideologisiert sie sich und verliert im selben Atemzug ihren Anspruch auf Wahrheitsgehalt – einzig die adäquate Gestaltung der Erfahrungen des Autors bemisst den Wahrheitsgehalt einer dichterischen Arbeit. Den 1966 in Princeton versammelten Granden der deutschen Literatur wie Böll oder Grass wirft er vor, dass man durch deren realistische Schreibweise nur das lesen könne, was man aus einem Lexikon erfahre. Ein bloß beschreibendes Abbilden der Dinge der Welt sei durch Sprache nicht möglich, weil Sprache diese Dinge sofort in ihr System überführe – eine realistische, bloß beschreibende Literatur ist laut Handke dadurch per se unmöglich (und führe zur zitierten „Beschreibungsimpotenz“) (Lörke 2017: 249). Darüber hinaus nehme jedes politische Engagement, welches sich der politischen Sprache bediene, automatisch eine affirmative Haltung ein (Lörke 2017: 249). Denn die politische Sprache operiere mit festgelegten ideologischen Begriffen, die durch und durch auf Konventionalisierung abzielten, um von möglichst allen Angesprochenen verstanden zu werden – es entstehe ein „ritualisiertes Sehen“, vorgefertigt und die Wirklichkeit verfehlend (Lörke 2017: 250). Handke möchte die Aufmerksamkeit – mit besonderer Sprachsensibilität - lieber auf unspektakuläre „Nebensachen“ richten, die massenmedial aufgrund von aufmerksamkeitsökonomischen Zwängen systematisch unterschlagen werden und 4 deren Erzählung für ihn einen Akt „poetischer Gerechtigkeit“ bedeutet. (Deupmann 2008: 101) Diese Haltung Handkes markiert vor allem die Distinktion im literarischen Feld, lässt aber auch die Stoßrichtung zur Abgrenzung von der journalistischen Sprache – die ihrerseits einen Anspruch auf Abbildung von Wirklichkeit erhebt - erahnen und damit den Beweggrund, sich mit der Forderung nach „Gerechtigkeit für Serbien“ mitten in den Jugoslawienkonflikt zu werfen. Es wird deutlich, warum Sprachkritik und Medienkritik eng verknüpft sind. Handkes Antithese ist die Konzentration auf „Natur“- und „Nebendinge, verwirklicht mit besonderer sprachlicher Innovation. Die genaue Umsetzung dessen in der Winterlichen Reise und im Sommerlichen Nachtrag wird im folgenden Kapitel analysiert. 3. „Fernfuchtler“ und „vorgestanzte Gucklöcher“ – die sprachliche Umsetzung der Medienkritik in der Winterlichen Reise Der Hauptvorwurf ist kurz zusammengefasst und lässt sich mit Handkes Programm begründen: Der Journalismus reproduziert in einer einseitigen Berichterstattung über den Jugoslawienkrieg das „ritualisierte Sehen“ und verfehlt damit die Wirklichkeit der Auseinandersetzungen. Handkes Erzähler in der Winterlichen Reise führt dagegen in scharfer Abgrenzung zur journalistischen Sprache, die von ihm eine grundsätzliche Kritik erfährt, die poetische Sprache ins Feld: „Meine Arbeit ist eine andere. Die bösen Fakten feststellen, schon recht. Für einen Frieden jedoch braucht es noch anderes, was nicht weniger wert ist als die Fakten. Kommst du jetzt mit dem Poetischen? Ja, wenn dieses als das gerade Gegenteil verstanden wird vom Nebulösen.“ (Handke 1996: 159) So besteht in der Winterlichen Reise ein enger Zusammenhang zwischen Sprachform und Medienkritik (Breuer 2001: 286). Der Vorwurf der einseitigen Berichterstattung wird – im Einklang mit dem eigenen sprachlichen Anspruch – sprachlich innovativ realisiert: „Beinahe alle Bilder und Berichte der letzten vier Jahre kamen ja von der einen Seite der Fronten oder Grenzen, und wenn sie zwischendurch auch einmal von der anderen kamen, erschienen sie mir, mit der Zeit mehr und mehr, als bloße Spiegelungen der üblichen, eingespielten Blickseiten – als Verspiegelungen in unseren Sehzellen selber, jedenfalls nicht als Augenzeugenschaft.“ (Handke 1996: 39) Handke beherrscht das Spiel mit der Sprache: Er paart die gewohnt „tastende“ Erzählweise mit ungewöhnlichen Komposita („Blickseiten“, „Sehzellen“), nutzt innovative Synonyme, die bewusst mit Doppeldeutigkeiten hantieren („Sehzellen“) 5 und bedient sich auch formaler Gestaltungsweisen („Ver“), um seine Kritik sprachlich umzusetzen. Die angesprochene Augenzeugenschaft ist dabei zentraler Bestandteil der eigenen Medienkritik und zugleich die primäre Motivation der Reise nach Serbien, welche im Stil eines klassischen Reiseberichts im ersten Teil des Textes kundgetan wird (Breuer 2001: 291): „Es war vor allem der Kriege wegen, daß ich nach Serbien wollte, in das Land der allgemein so genannten „Aggressoren“. Doch es lockte mich auch, einfach das Land anzuschauen, das mir von allen Ländern Jugoslawiens das am wenigsten bekannte war, und dabei, vielleicht gerade bewirkt durch die Meldungen und Meinungen darüber, das inzwischen am stärksten anziehende, das, mitsamt dem befremdenden Hörensagen über es, sozusagen, interessanteste.“ (Handke 1996: 38 f.) Die angesprochene Unbekanntheit des Reiseziels weist eine unmittelbar medienkritische Implikation auf – steht Serbien doch seit einigen Jahren im Mittelpunkt der internationalen Berichterstattung über Jugoslawien, was einem Zeitungsleser wie Handke bekannt gewesen sein dürfte. (Breuer 2001: 291) Auch an dieser Stelle wird die Medienkritik noch einmal sprachlich-formal verschärft: Die doppelte Distanzierung der Darstellung eines Serbiens der „Aggressoren“ mittels Anführungszeichen und der Zuschreibung „so genannten“ macht eine Polemik gegenüber dieser Sichtweise überdeutlich. (Muhr 2007: 73). In der Folge werden mangelnde „Augenzeugenschaft“ sowie die scheinbare Verwendung der immergleichen Phrasen und Klischees mit dem bekannten Stilmittel (oder auch „Gegenmittel“) der sprachlichen Neuschöpfung sichtbar gemacht. Breuer sieht darin noch mehr: „Blickt man von diesem Vorwurf auf die Institution Literatur, so lässt sich in ihm eine Variante für die ästhetische und besonders literarische Moderne typischen Abkehr von sprachlichen Automatismen und der entsprechenden Forderung nach Innovation erkennen.“(Breuer 2001: 292) Jedoch wird diese sprachliche Innovation, in Abweichung zu anderen Varianten des Programms, in der Winterlichen Reise als Indikator von „Augenzeugenschaft“ begriffen (Breuer 2001: 292). Verknüpft mit der Medienkritik stechen eine ganze Reihe an Begriffen ins Auge: So verfassten „Haßleitartikler (Handke 1996: 59) der FAZ von ihrem „deutschen Hochsitz“ (152) aus „Tendenzkartätschen“ (41). Die französische Le Monde sei ein „verdeckt demagogisches Schnüffelblatt“ (51), mit einem „Redaktionscorps“ (52), wo „Frontfrauen“ (üblicherweise bekannt in der Musik, hier mit militärischer Bedeutungsverkehrung) (54) „Schuldstützungslitaneien“ (53) verfassten. Im Gegensatz zu „Augenzeugenschaft“ agierten in Jugoslawien „Fernfuchtler“ (148) mit „(Fern)-Sehbeteiligung“ (56), die an der „voraus gespannten Schnüffelleine“ (55) durch „vielfach vorgestanzte 6 Gucklöcher“ (77) über den Krieg berichteten. Ein „Bilderkaufmann“ (68) wird beschrieben, der unter dem Diktat der Aufmerksamkeitsökonomie seine Aufnahmen machen muss. Neben den innovativen Komposita bzw. sprachlichen Neuschöpfungen, fallen als Stilmittel vor allem Hyperbeln - im Falle der „Schnüffelleine“ mit der Funktion einer Karikatur (Breuer 2001: 293) - und Ironie bzw. Polemik auf. Diese Aggressivität lässt den Leser stocken, verwundert bei genauer Betrachtung allerdings nicht. So setzt derjenige, der für „Gerechtigkeit“ kämpft, sich – oder andere – also ungerecht behandelt fühlt, schon immer Kräfte frei. Darüber hinaus spielt Handkes Erzähler einen auf ihn abgefeuerten Ball präventiv zurück ins Feld: Die für „poetische Gerechtigkeit“ Kämpfenden werden allzu leicht zu „Figuren des Idioten oder Narren, weil die ihnen durch die Poesie zuteilgewordene Erkenntnis sie aus der gesellschaftlich akzeptierten Sehweise ausgrenzt.“ (Lörke 2017: 252) Weiter präzisiert wird das bei den Massenmedien vermisste „Autopsiepostulat“ (Breuer 2001: 293): „Was weiß man, wo man vor lauter Vernetzung und Online nur Wissensbesitz hat, ohne jenes tatsächliche Wissen, welches allein durch Lernen, Schauen und Lernen, entstehen kann?“ (Handke 1996: 56) Das „Schauen und Lernen“ soll dabei auf der Reise als „Passant“ (Handke 1996: 40) realisiert werden – der Erzähler soll möglichst hinter der Landschaft und den Gegenständen verschwinden, um einen möglichst ungefilterten, privilegierten Zugang zur Wirklichkeit vor Ort zu erhalten (Bluhm 1998: 82). Hier kommt wieder eine programmatische Konstanz in Handkes Werk zum Tragen: Der Autor interessiert sich, ganz im Sinne einer Alltagspoetik der 1970er-Jahre, für den Blick der ihm begegnenden Menschen auf die Alltagswirklichkeit. Diese Herangehensweise wird auch sprachlich-formal markiert. So wird im Text die wörtliche Rede verhältnismäßig oft verwendet, um den Erzähler – als möglicherweise verfälschenden Mittler – ganz in den Hintergrund treten zu lassen. Statements von Einheimischen werden so nicht explizit kommentiert und sind rein referierenden Charakters. (Bluhm 1998: 82). Auch mit der gestellten Frage zum Reisemotiv – mittels einer fiktiv eingeschobenen rhetorischen Frage – macht der Text Handkes Programm deutlich: „Was, willst du etwa die serbischen Untaten, in Bosnien, in der Krajina, in Slawonien, entwirklichen helfen durch eine von der ersten Realität absehenden Medienkritik?“ (Handke 1996: 56) Auf diese Frage, mit der eigentlich nur mit „Ja“ oder „Nein“ geantwortet werden kann, entgegnet der Sprecher: 7 „Gemach. Geduld. Gerechtigkeit. Das Problem, nur meines?, ist verwickelter, verwickelt mit mehreren Realitätsgraden oder -stufen, und ich ziele, indem ich es klären will, auf etwas durchaus ganz Wirkliches, worin alle die durcheinanderwirbelnden Realitätsweisen etwas wie einen Zusammenhang ahnen ließen.“ (Handke 1996: 56) Hier findet ein sprachlich-formaler Bruch statt: Statt der üblichen Reihung vollständiger Sätze wird sich einer dreifachen Alliteration bedient. Diese parataktische Reihung von Einwortsätzen verweist zum einen auf den Titel („Gerechtigkeit für Serbien“), und bricht zum anderen das von den Medien scheinbar vorgegebene „Entweder/Oder“ auf. (Breuer 2001: 294). Die „Ja/Nein“-Entscheidung der Frage wird aufgehoben, stattdessen wird der Einseitigkeit der Berichterstattung ein „Raum der Schrift, in den das poetische Sprechen mit seinen Aufschüben aller eindeutigen Festlegungen eintreten kann“ (Breuer 2001: 294) entgegengesetzt. Neben die Wirklichkeit der Handlungszwänge werden mehrere Wirklichkeiten gestellt, die der Dichter mit den bereits dargestellten Mitteln der sprachlichen Sensibilität und Augenzeugenschaft ausloten will (Breuer 2001: 294). Dabei konzentriert sich der Text im Sinne des Programm Handkes auf die „Nebendinge“. Die sprachliche Präsentation dieser „Nebensachen“ beschränkt sich nicht auf eine berichthafte Darstellung. Ein „spätnächtliche[r] Heimweg“ (Handke 1996: 92), ein schweifendes Blicken aus dem Hotelfenster und eine Nachrichtensendung im Fernsehen werden sprachlich zusammengebunden, indem drei aufeinanderfolgende Sätze über die Länge einer Druckseite jeweils mit der gleichen Konjunktion „und“ zusammengebunden werden (Bluhm 1998: 81). Handke will das „Verbindende, das Umfassende“ (Handke 1996: 159) und versucht dies vor allem im Mittelteil der Erzählung mit geschilderten Mitteln einzulösen. (Breuer 2001: 298). Das wird aber nur über das „Festhalten der Nebensachen“ (Handke 1996: 160), und nicht über das „Einhämmern der Hauptfakten“ (160) – wie scheinbar in den Massenmedien möglich. Kunst in dem Sinne – das Konzentrieren auf die „Nebendinge“ – ist insofern die „wesentliche Ablenkung“ (Breuer 2001: 298). Und so tauchen in der Winterlichen Reise keine Beschreibungen des Krieges oder von Kriegshandlungen auf. Vielmehr werden Beobachtungen von Nebenschauplätzen eingefangen, welche der Sprecher sprachlich im Sinne einer zum Beispiel auch in den „Versuchen“ von Handke typischen Selbstbefragung umsetzt: „Hier und da zeigte sich sogar ein Rauchfang, der qualmte (ich hielt das zunächst für Ruinenrauch, oder war es nicht in der Tat Ruinenrauch?)“ (Handke 1996: 127). Das Prinzip der eingeforderten Augenzeugenschaft radikalisiert sich und bleibt der impliziten, harschen Medienkritik treu: „[…] 8 an einem frischen Erdaushub vorbei, worin Massen von Patronenhülsen lagen (nein, doch nicht).“ Der Sprecher traut nur seinen eigenen Augen – und auch denen erst nach doppeltem Hinsehen. 4. Die Bereitschaft, sich „unmöglich“ zu machen - die mediale Rezeption der Winterlichen Reise „Was immer mir ich mir als Autor vorgestellt habe, was man gegen meinen Text sagen könnte: Es kam immer schlimmer.“ (Peter Handke) Gerade die erste Rezeptionswelle, festgehalten im Handke-kritischen Sammelband von Tilman Zülch „Die Angst des Dichters vor der Wirklichkeit“, fiel außergewöhnlich heftig aus – mit einem wohlwollenden Aufnehmen des Werks in der Öffentlichkeit wäre mit Sicherheit nicht ansatzweise soviel Aufmerksamkeit erzielt worden. Dabei kommt es zu einem – wenn man das hier dargelegte Programm Handkes und die Umsetzung betrachtet – krassen Missverhältnis zwischen Werkintention und Rezeption. Die Gründe hierfür liegen eng am Verständnis von Poetik, mit dem Handke in der Winterlichen Reise hantiert, wie in der Folge argumentiert werden soll. Gleichzeitig gehen die Polemiken der Rezensenten mit ihrer sprachlichen und inhaltlichen Herangehensweise auf den Leim, sie perpetuieren Handkes Sprachkritik. Es findet kaum eine Überprüfung der in Frage stehenden Positionen statt, stattdessen regiert eine „Rhetorik der permanenten Selbstbestätigung“ (Bluhm 1998: 69). Dass der Text Winterliche Reise mit seiner Herangehensweise, unabhängig von der tatsächlich erfolgten späteren Eskalation Konfliktpotential birgt, erkennt Stephan Muhr richtigerweise: „Dabei ergibt die Kombination aus Provokation und radikalen Wahrnehmungsversuchen eine kritische Mischung von maximaler Subjektivität mit maximalem Widerspruch gegen das, was wir mediengewohnt Objektivität nennen: mithin das Potential zur Kontroverse.“ (Muhr 2007: 73) Die Provokationen im einleitenden Teil des Textes sind harsch, greifen einzelne Redaktionen konkret an. Bluhm sieht darin eine Vorgabe der Lektürerichtung durch Signale, die in der Folge kaum noch umgekehrt werden können. Ein essayistischer Anteil trete in den Vordergrund, durch den der Text leicht als rein politische Schrift missverstanden werden könne (Bluhm 1998: 85). Die Polemik wird von den adressierten Redaktionen dann auch einfach umgekehrt, der Ball über Bande zurückgespielt; und zu bedenken 9 ist sicherlich auch, dass jede Zustimmung zu solch einer Schelte einem Fehlereingeständnis gleichgekommen wäre. So heißt es mit Bezug auf Handke in einem Text von Günter Kunert: „Insbesondere in Bezug auf Politik hält sich der Schriftsteller für außerordentlich sachkundig – und zwar umso kundiger, je weniger er von der Sache versteht.“ (Kunert 1996: 61) Handke sei ein „in der Bilderflut noch nicht Ertrunkener, ein Ritter des genauen Wortes, der dem Rest der Bildgläubigen erklärte […]“. (Schneider 1996: 25) Es wird überhaupt einmal zur Diskussion gestellt (scheinbar beiläufig im post scriptum): „Und was qualifiziert Handke dazu, Seiten und Seiten von Zeitungsdruck in Anspruch zu nehmen […]?“ (Ophuls 1996: 39) Doch hinter solchen mit dem Mittel der Polemik zugespitzten Äußerungen steckt mehr als der beleidigte Reflex des Journalisten, der sich gegen den vermeintlichen Ausgriff des eigentlichen Dichters auf sein Betätigungsfeld wehren möchte – hier werden Polemiken gegen einen Text erhoben, den Handke so gar nicht geschrieben hat (Gritsch 2003: 4). Ein Text, der nicht als Leitartikel gelesen werden sollte, missverstanden als Leitartikel, beantwortet mit politischen Leitartikeln (Bluhm 1998: 74). Handke bleibt in der Winterlichen Reise seinem Programm überwiegend treu, ersetzt politische Begriffe, Denkfiguren und Diskurszusammenhänge durch poetische. Gerade dadurch enttäuscht er aber die Erwartungen einer engagierten Öffentlichkeit, „die von einem Dichter den kritischen Kommentar einfordert und zugleich darauf besteht, dieser Kommentar habe sich der eingespielten politischen Begriffe und Denkfiguren zu bedienen.“ (Lörke 2017: 247). Man kann aufgrund des bereits Gezeigten behaupten, dass Handke sich dessen aus Prinzip verweigert. Und so konstatiert Jürgen Busche: „Der Grund der Mißverständnisse liegt in der Annahme, daß die Welt ein politischer Text sei, von dem jeder Teil mit politischen Kenntnissen zu dechiffrieren sei, die ihrerseits als richtig oder falsch erwiesen werden könnten.“ (Busche 1999: 50) Auffällig sind tatsächlich häufige Kategorien der politischen Sprache, die den Duktus der kritischen Texte bestimmen, obwohl sich Handke mit seinem Programm seit jeher bewusst dieser „simplen“ politischen Dechiffrierbarkeit zu widersetzen versucht hat. So hantiert Gustav Seibt, Redakteur der von Handke scharf angegriffenen FAZ, mit „Blut und Boden“ (Seibt 1996: 61); da ist der „sonst so unpolitische Schriftsteller“, der durch „die Politik“ sein Werk auch in ästhetischer Hinsicht beflecke (Kunert 1996: 62). Handkes Konzept ist aufgrund seiner Eigenheiten, seiner Komplexität, wegen seinen teils spekulativen Bestandteilen höchst ungeeignet, in Konkurrenz zur 10 Mediensprache in der modernen Informationsgesellschaft zu treten (Bluhm 1998: 86). Hier trifft maximale Subjektivität konträr auf eingespielte Mediengewohnheiten im Hinblick auf Objektivität. Handke ist sich dessen unmittelbar bewusst; er hat sein Programm der Öffentlichkeit auf riskante und in Hinblick auf die provozierten Reaktionen absehbare Weise ausgesetzt, um es sichtbar zu machen. Es ist die Bereitschaft, sich im Sinne des Diskurses „unmöglich“ zu machen – vor allem aber hat ihm die Rezeption mit der dargestellten Art und Weise ihm diesen „Gefallen“ gerne getan. (Deupmann 2008: 106) 5. Verhärtete Fronten und der Rückzug in die Einseitigkeit „Ich werde mich entschlossen verirren.“ (Peter Handke) Handke will mit den Jugoslawientexten gegen die Verflechtung von Politik und Poesie anschreiben; er will immer noch das Bild des öffentlichen Intellektuellen mit moralischer Verantwortung widerlegen; er will darlegen, dass die Blickwinkel der Poesie die wirkliche Wirklichkeit intensiver abbilden können (Lörke 2017: 258). Zum Erscheinen des Sommerlichen Nachtrags zu einer Winterlichen Reise sind die Fronten – wen mag es verwundern – bereits verhärtet, kurz angerissen im letzten Kapitel zur Rezeption. Die Öffentlichkeit fühlt sich provoziert, Handke fühlt sich provoziert, geht - für ihn vollkommen unüblich – auf ausgedehnte Lesereisen, um seine Sicht der Dinge darzustellen. Es kommt nun in der Dynamik des gegenseitigen Missverstehens zu einer Verdopplung des Problems: Handke will sich der als einseitig wahrgenommenen Berichterstattung entgegenstellen, was dazu führt, dass er sich wiederum den Berichten komplementär entgegenstellt – er verbarrikadiert sich mit dem Sommerlichen Nachtrag ebenso im Diskurs wie vermeintlich seine Gegner (Brokoff 2011: 80). Auch hier soll in der Folge wieder mit Handkes poetischer Herangehensweise argumentiert werden. So stellt Handke einen Besuch in Visegrad dar, der die Abfassung des Nachtrags überhaupt erst nötig gemacht habe. Brokoff argumentiert völlig richtig, dass zu berücksichtigen ist, dass es an der Stelle das Kriterium der poetisch verdichteten Dichtung erfüllt ist, sich Handkes „spezifischer poetischer Blick“ an seinen Ansprüchen messen lassen muss (Brokoff 80). Anders als sonst zieht Handke auf den nächsten Seiten über die Medienschelte und die „Nebendinge“ hinaus auch die Realität des Berichteten selbst in Zweifel. So sinniert der Sprecher, am Fenster eines Hotels an der Drina stehend, „von dem 11 Bedenken über die Berichte der Tötungen in der hiesigen Muslimgemeinde vor ziemlich genau vier Jahren.“ (Handke 1996: 196). „Bedenken“ ist an dieser Stelle vor allem innovativ wegen der offensichtlichen Zweideutigkeit – die ein so genauer Stilist wie Handke wohl nicht dem Zufall anheimstellt. In der Folge leugnet Handke mit dem gewohnten sprachlichen Mittel der rhetorischen Fragen die Tatsache, dass es das Massaker von Visegrad, bei dem hunderte von Muslimen unter anderem erschossen und in die Drina geworfen wurden, gegeben hat („Und warum tat der erwähnte Artikel, als habe jene serbisch-bosnische Wolfsbande hier im Visegrad von 1992 völlig freie Hand zu ihrem monatelangen Wüten gehabt? […]“ (Handke 1996: 198) (Brokoff 2011: 85). Er bezieht sich dabei auf einen im März 1996 erschienenen Artikel des „Manhattan-Journalisten“ (Handke 1996: 199) Hedges in der New York Times, in dem unter Nennung aller Namen von Zeugen und Opfern das Massaker unter Leitung von Milan Lukic, dem Anführer von ein „paar Barfüßlern“ (Handke 1996: 198), beschrieben wird. Lukic wurde 2009 in Den Haag zu lebenslanger Haft verurteilt, und seine Taten waren nicht erst durch die Ermittlungen des Haager Tribunals bekannt. (Brokoff 2011: 85). Am Morgen darauf badet der Sprecher dann in der Drina und äußert folgendes: „[…] kein Wasser, siehe die Wasserleichengeschichten, in den Mund kommen lassen.“ „Wasserleichengeschichten“: Aus dem reinen Blick auf die „Natur“- und „Nebendinge“, aus dem antipolitischen Zugang zur Wirklichkeit mit den Mitteln besonderer Sprachsensibilität wird etwas anderes: „[…] Er macht sich über die Opfer lustig, er verhöhnt sie. Und das ist wohl das schlimmste, was sich über einen Schriftsteller sagen lässt, der ausgezogen ist, um mit seinen Mitteln, den Mitteln der literarischen und poetischen Sprache, Frieden zu schaffen.“ (Brokoff 2011: 85). Handke begegnet den gegenseitigen Provokationen und der wahrgenommenen Einseitigkeit im Sommerlichen Nachtrag mit dem eigenen Rückzug in die polemische Einseitigkeit – und verlässt dabei den Anspruch seines Programms. 6. Schlussbetrachtung Peter Handke verfolgt seit den 1960er-Jahren ein antipolitisches Programm, dass mit einem autonomen Sprachbegriff hantiert, welcher konsequent politische Begrifflichkeiten ausspart und allein den „Nebendingen“ und „Augenzeugenschaft“ höheren Erkenntniswert zuschreibt; im Gegensatz zu allzu realistischen Beschreibungsweisen, die am Ende nur „ritualisierte Sehweisen“ wie in den Massenmedien 12 produzieren. Dieses sprachliche Programm setzt er in der Winterlichen Reise konsequent um. Durch den Grad an Polemik absehbar, kommt es zu einem krassen Missverhältnis zwischen Werkintention und Rezeption. Handkes radikal subjektiver Ansatz impliziert seit jeher (man denke an die „Publikumsbeschimpfung“) die Bereitschaft, sich im öffentlichen Diskurs „unmöglich“ zu machen – die heftige Erregungswelle im Nachgang der Veröffentlichung der Winterlichen Reise tut ihm diesen Gefallen und setzt eine Dynamik gegenseitigen Absprechens von Wirklichkeit in Gang. Handke bekämpft nun die von ihm wahrgenommene Einseitigkeit seinerseits mit Einseitigkeit, denunziert in seinem Nachtrag Kriegsopfer mit „Wasserleichengeschichten“. Um zu dem in der Einleitung aufgeworfenen Zusammenhang zurückzukommen: Wir sehen um die Winterliche Reise und den Sommerlichen Nachtrag eine Debatte, in der sich die jeweiligen Positionen der Gegner gegenseitig bedingen. Wir sehen zwei unversöhnliche Seiten, die ähnlich einem Tauziehen aneinander zerren, dabei keinen Schritt aufeinander zugehen, um schlussendlich immer wieder auf den eigenen Standpunkt zurückgeworfen zu werden. 13 Literaturverzeichnis Primärtexte: Handke, Peter (1996): Winterliche Reise. In: Ders.: Abschied des Träumers. Winterliche Reise. Sommerlicher Nachtrag. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 33 - 161. Handke, Peter (1996): Sommerlicher Nachtrag. In: Ders.: Abschied des Träumers. Winterliche Reise. Sommerlicher Nachtrag. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 162 – 250. Sekundärtexte: Bluhm, Lothar (1998): „Schon lange… hatte ich vorgehabt nach Serbien zu fahren“. Peter Handkes Reisebücher oder: Möglichkeiten und Grenzen künstlerischer „Augenzeugenschaft“. Wirkendes Wort 48: 67 – 87. Breuer, Ulrich (2001): Parasitenfragen. Medienkritische Argumente in Peter Handkes Serbienreise. In: Breuer, Ulrich (Hrsg.): Mediensprache – Medienkritik. Frankfurt am Main: Lang, 285 – 303. Brokoff, Jürgen (2011): Zur Problematik der poetischen Sprache in Peter Handkes Texten zum Jugoslawien-Krieg. In: Gansel, Carsten; Gaulich, Heinrich (Hrsg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989. Göttingen: V & R Unipress, 61 – 88. Busche, Jürgen (1999): Poetisches Denken. In: Deichmann, Thomas (Hrsg.): Noch einmal für Jugoslawien. Peter Handke. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 48 – 51. Deupmann, Christoph (2008): Die Unmöglichkeit des Dritten. Peter Handke, die Jugoslawienkriege und die Rolle deutscher Schriftsteller. Zeithistorische Forschungen 5: 87 – 109. Gritsch, Kurt (2003): Eine Frage des Blickpunkts? Peter Handkes „Gerechtigkeit für Serbien“ in der Rezeption deutschsprachiger Medien. Zeitgeschichte 1: 3 – 18. Lörke, Tim (2017): Der poetische Mensch als Figur der Subversion. Das Beispiel Peter Handke. In: Martens, Gunther; Sepp, Arvi (Hrsg.): Gegen den Strich. Das Subversive in der deutschsprachigen Literatur nach 1945. Berlin: LIT, 245 – 258. Kunert, Günter (1996): Geistige Niederungen politisierender Poeten. In: Zülch (Hrsg.): 61 – 63. Muhr, Stephan (2007): Die Imagination der Fremdwahrnehmung. Peter Handkes Suche nach Wirklichkeit und ihre kontroverse Rezeption. Acta Germanica – German Studies in Africa 35: 67 – 82. Ophuls, Marcel (1996): Die Wut. Eine Antwort auf Peter Handkes Artikel „Gerechtigkeit für Serbien“. In: Zülch (Hrsg.): 35 – 40. Seibt, Gustav (1996): Wahn von Krieg und Blut und Boden. In: Zülch (Hrsg.): 67 – 72. 14 Schneider, Peter (1996): Ritt über den Balkan. In: Zülch (Hrsg.): 25 – 34. Zülch, Tilman (Hrsg.) (1996): Die Angst des Dichters vor der Wirklichkeit. 16 Antworten auf Peter Handkes Serbienreise. Göttingen: Steidl Verlag. 15