Vorsorgen, aber richtig

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SOZIALREFERAT DER DI ÖZESE LINZ
Sozialpredigthilfe 263/10
Vorsorgen, aber richtig!
Wenn aus „genug“ mehr wird ...
Predigt zu Lk 12,13-21
Autor: Mag. Fritz Käferböck-Stelzer
EINLEITUNG
Rede an die Reichen
„Diese Güter gehören mir,
habe ich nicht das Recht, sie zu behalten?“
Gehören sie wirklich dir?
Woher hast du sie genommen?
Hast du sie von anderswoher in die Welt mitgebracht?
Du verhältst dich wie einer,
der bei jedem Schauspielbesuch das Theaterhaus verriegelt.
Du willst anderen den Eintritt versperren, damit du dein Vergnügen für dich allein hast.
Es ist so, als würdest du dir
das alleinige Anrecht auf ein Theaterstück nehmen,
das für die Allgemeinheit gespielt wird.
Genauso sind die Reichen:
Sie betrachten die Güter, die allen gehören,
als ihr privates Eigentum, weil sie sich diese als erste angeeignet haben.
Den Hungernden gehört das Brot,
das du für dich behältst;
den Nackten der Mantel,
den du in der Truhe versteckst;
den Armen das Geld,
das du vergräbst.
(Basilius der Große, 370 Erzbischof von Caesarea)
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Vorsorgen, aber richtig!
PREDIGT
Liebe Brüder und Schwestern im Geiste Gottes!
„Du Narr! Noch in dieser Nacht fordert man deine Seele von dir zurück. Was du aber
zurückgelegt hast, wem wird es gehören?“ Die Bibel spricht Klartext. Wir haben viel in der
Hand, unser Leben jedoch nicht. Leben ist Geschenk und niemand kann seinem Leben
auch nur einen Tag hinzufügen. Auch die Güter dieser Erde sind Geschenk und
dementsprechend ist der Auftrag an uns, sie gerecht zu verteilen, dass alle etwas davon
haben. Wir haben es in der Hand, wie wir mit unserem Leben umgehen. Und da sollte uns
eines immer wieder klar sein: Du kannst dir nichts mitnehmen. Das letzte Hemd hat keine
Taschen. Und nackt kommen wir zur Welt, wie schon Heinrich Heine formuliert hat: „Keine
Eigentümer schuf die Natur, denn taschenlos, ohne Taschen in den Pelzen kommen wir
zur Welt, wir alle.“ Wir bringen nichts mit, es ist alles schon da.
„Wer daran glaubt, allen Gefahren nur auf sich selbst gestellt zu überstehen, muss
einsam werden und mit den Jahren, auch an sich selbst zugrunde gehen.“ So singt
Hannes Wader in seinem Lied „Gut wieder hier zu sein“. An sich selbst zugrunde geht, wer
nur um sich selbst kreist, wer den Nächsten, die Nächste nicht in den Blick nimmt, in sein
Lebensumfeld einbezieht. Allein durchs Leben zu gehen ist nicht möglich, für den, der es
trotzdem versucht, ist es letztendlich tödlich. Auch für den reichen Mann, der uns im
Bibeltext beschrieben wird.
Die Bibel setzt sich immer wieder mit dem ganz konkreten Leben, mit den real
existierenden Verhältnissen auseinander und setzt uns damit in Bezug. Im Gleichnis vom
reichen Kornbauern geht es ganz wesentlich um die Frage von Güterproduktion und
Verteilung, um die Frage eines Wirtschaftens, das zum Leben für alle führen kann oder um
eine privatwirtschaftliche, todbringende Form des Zurückhaltens und Bereicherns, die laut
den Aussagen der Bibel, den Tod bringt.
Die gemeinsame Frage, die sich Kornbauer und Jünger stellen, ist: Was sollen wir essen
und trinken, womit sollen wir uns kleiden? Wie sollen wir die Güter zum Leben besorgen,
wie sie verteilen? Das ist die Grundfrage an jede Ökonomie, an jede Wirtschaft, ob sie
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Vorsorgen, aber richtig!
fähig ist, die Dinge des Lebens für alle zu sichern. Daran können wir auch die Formen des
heutigen Wirtschaftens messen.
Rund 80 Millionen Menschen leben in der Europäischen Union offiziell unter der
Armutsgrenze. Stellen sie sich das einmal konkret vor. 80 Millionen Menschen - das
entspricht in etwa der EinwohnerInnenzahl Deutschlands. Wenden wir unseren Blick
Österreich zu. Wenn wir Einkommen und Vermögen betrachten, stellen wir eine Kluft fest,
die immer mehr auseinanderdriftet. In Österreich verdienen die 20 Prozent Menschen mit
den niedrigsten Einkommen gemeinsam nur zwei Prozent der gesamten Löhne, während
die einkommensstärksten 20 Prozent fast die Hälfte des gesamten Lohnkuchens für sich
beanspruchen. Betrachten wir die real existierenden Vermögensverhältnisse so machen
wir noch einmal einen Quantensprung. Hier bleiben dem reichsten Zehntel der
ÖsterreicherInnen 54 Prozent des gesamten privaten Geldvermögens, das reichste
Promille verfügt in Österreich über genausoviel Vermögen wie die gesamte untere Hälfte.
Jetzt könnte man einwerfen, die haben es sich wohl verdient und können doch mit ihrem
Geld machen, was sie wollen.
Aber genau hier hakt die Bibel ein. Wenn es um Ungleichverteilung und Bereicherung
geht, gilt es nicht wegzuschauen und zu akzeptieren, dass das halt so ist, sondern
genauer hinzusehen, wie etwas geworden ist, wie es ist. Denn Reichtum und Armut
hängen immer zusammen und zeugen letztlich nur davon, dass die Verteilungsfrage noch
nicht zufriedenstellend für alle gelöst ist. Das Beispiel des Kornbauers will hier die Augen
öffnen.
Zwei Ökonomien stehen gegeneinander. Lukas illustriert die Logik der Marktwirtschaft
anhand des Beispiels vom reichen Kornbauern. Produziert wird nicht für den eigenen
Bedarf, sondern für den Verkauf. Der reiche Mann will sich bereichern, den Mehrwert
abschöpfen.
Weizen, Korn, Getreide sind hier Sinnbild für das Leben. Getreide ist notwendig, um Brot
herzustellen. Und Brot ist Grundnahrungsmittel.
Der reiche Bauer, er steht hier stellvertretend für ein marktwirtschaftliches System,
verknappt
das
Angebot,
indem
er
Güter
zurückhält.
Der
Kornbauer
handelt
marktwirtschaftlich gesehen vernünftig, denn ein knappes Angebot treibt die Preise in die
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Höhe. Die Bereicherung ist Kernpunkt der Geschichte. Durch Getreidespekulation
erworbener Reichtum soll dem Kornbauern ein sorgenfreies Leben sichern. Wer aber sind
die, die den Preis dafür zu bezahlen haben?
Lukas fällt ein Urteil über diese Ökonomie des freien Marktes. Dieses Wirtschaften vermag
Leben
nicht
zu
sichern.
Am
Ziel
seiner
Wünsche
angekommen,
stirbt
der
Getreidespekulant. Der Tod des reichen Spekulanten weist hin auf die tödlichen Folgen
dieses Marktes. Der freie Markt sichert wohl individuelle Bereicherung, ist aber nicht
geeignet, jene Aufgabe zu erfüllen, für die die Ökonomie zuständig ist, nämlich alle
Menschen mit Gütern zum Leben zu versorgen.
Die Gesetze des Marktes geben sich den Anschein von Sachzwängen und
Gesetzmäßigkeiten. Das Gleichnis vom Kornbauern demaskiert diesen Mythos. Es spricht
von handelnden Personen, die wirtschaftliche Entscheidungen treffen und deshalb auch
wirtschaftliche Verantwortung tragen. Lukas belässt es in dem Widerstreit der beiden
Ökonomien nicht bei einer moralisierenden Betrachtungsweise, die sich damit begnügt, zu
ermahnen, doch weniger habgierig zu sein. Das Aufspeichern des reichen Kornbauern ist
ein Wirtschaftsverbrechen, weil durch das Zurückhalten des Getreides die Gemeinschaft
geschädigt wird.
Biblisches Wirtschaften ist ein Wirtschaften für das Leben aller Menschen. Jesu Antwort
liegt auf der Linie der Tora und des Talmud, der Tradition also, die die Versorgung der
Bevölkerung
mit
Grundnahrungsmittel
wie
Getreide
sicherstellen
wollte.
Für
Grundnahrungsmittel wurde der Markt eingeschränkt. Gerechtigkeit wird zum Maßstab für
die Beurteilung ökonomischer Systeme. Die Perspektive des ökonomischen Handelns
besteht in der Sorge um die Gerechtigkeit, um das Reich Gottes (V31), um gerechte
Verteilung.
Gott weiß, was die Menschen zum Leben brauchen. Aus der Fülle dessen, was Gott und
die Erde uns geben, dürfen wir leben und uns die Frage nach der gerechten Verteilung
stellen. Es ist genug für alle da. Reiche Frucht gehört geteilt, nicht gehortet. Denn die
Früchte des Lebens sind von Gott allen gegeben, damit wir das Leben in Fülle haben, wie
uns die Bibel immer wieder verheißt. Es geht um eine Wirtschaft des Genug und des
Teilens. Diese Grundhaltung des Teilens soll Dreh- und Angelpunkt eines neuen
Wirtschaftens werden. Die Schöpfung ist produktiv genug, um alle am Leben zu erhalten.
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Vorsorgen, aber richtig!
Wenn trotzdem 100 000 Menschen täglich durch Hunger ermordet werden, ist das ein
dringlicher Aufruf an uns alle, Gerechtigkeit einzufordern und umzusetzen.
Gott sichert Leben, lässt wachsen und gedeihen. Die Fülle ist uns grundsätzlich gegeben.
Es liegt an uns, diese Fülle menschlich zu verwalten und miteinander zu teilen, zum Leben
für alle. Sicherheit entsteht nicht durch Absicherung des eigenen und Anreicherung,
Vorsorge fürs Alter bis ins letzte, Ankauf und Spekulation mit Gold für den Eigenbedarf.
Die Bibel verweist uns aufeinander.
Sichere dein Leben ab indem du das, was du hast, dir und anderen zur Verfügung stellst.
Setze also alles, was du hast auf eine Karte, setze es zum Leben für alle ein, setze auf die
Menschen, auf Mitmenschlichkeit, auf Gemeinschaft. Teile dein Leben zur Fülle für alle.
Dann wird aus genug mehr, mehr für alle. Denn wer nur für sich sorgt, geht als Narr
zugrunde.
Anfragen und Rückmeldungen richten Sie bitte an:
Sozialreferat der Diözese Linz, Kapuzinerstr. 84, 4020 Linz, Tel. 0732/7610-3251
e-mail: [email protected]
Weitere Sozialpredigten unter: www.dioezese-linz.at/sozialpredigten
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