Widerstand - Weiterbildung

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Gabriele Harmes-Rönchen, Thema:
27.10.2004
Widerstand
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Widerstand dient vor allem der Vermeidung bestimmter oder sogar aller Gefühle.
Er dient der Abwehr der Angst, von Gefühlen überflutet zu werden, die nicht bewältigt werden können. (Die Vermeidung kennt 1000 Gesichter!)
Wenn der Therapeut den Klienten darauf hinweist, dass er einen Widerstand hat
oder sich in einer Phase des Widerstandes befindet, fühlt sich der Patient oft schuldig, so, „als ob“ er solche unannehmbaren Eigenschaften nicht haben sollte.
Aber, und damit kehre ich bewusst das zuvor Gesagt: Unsere Neurosen sind eine
phantastische Sache. Schutz, den jeder Einzelne vor langer, langer Zeit nötig hatte,
z. B. Schuhe, um die Kinderfüßchen vor Kälte und dem harten Weg zu schützen.
Aber wir wachsen – und nach einer gewissen Zeit passen die Schuhe nicht mehr.
Sie quetschen den Fuß ab. Was früher Schutz für uns war, ist jetzt etwas, was uns
zum Krüppel macht, wenn wir starr daran festhalten.
Unsere Neurosen, Widerstände, Blockierungen, Vermeidungen oder Abwehrmechanismen beweisen im Grunde, dass unser Organismus im Fundament gesund ist.
Dass er sich zu schützen wusste gegen zu viel Schmerz, zu viel Kummer, gegen zu
viel Angst. Und die gleiche „Festung“, die dem Angreifer widersteht, unterstützt
den Verteidiger. D. h. wir können unseren Klienten nur gerecht werden, wenn wir
die Dialektik (= innere Gegensätzlichkeit) des Widerstands erkennen. Das dialektische Gegenteil des Widerstands ist Beistand. Und wir dürfen nicht vergessen, dass
wir nur dann erfolgreich mit den Widerständen umgehen können, wenn wir die
Tatsache, dass der Klient seine Widerstände als „Beistand“ ansieht, richtig würdigen.
Die Starrheit der Widerstand leistenden Energien stellt die Hauptschwierigkeit dar.
Wenn eine Autobremse oder ein Wasserhahn klemmt, kann das Auto oder die
Wasserversorgung nicht angemessen funktionieren. Sobald der Therapeut an diesen Widerstand des Klienten stößt, wird dieser in der Regel mit Hilfe seines inneren Zensors, voller Misstrauen und Feindlichkeit auf der Hut vor „diesem“ Störenfried sein, damit nicht eine Identifizierung mit „befremdlichen“ Vorstellungen des
Therapeuten stattfindet. Der Organismus identifiziert sich mit dieser Feindseligkeit
und leistet dem Therapeuten Widerstand oder greift ihn sogar an.
„Die bloße Auflösung von Widerstandenergie bringt jedoch eine andere Gefahr mit
sich. Viele Menschen haben kaum andere Ichfunktionen entwickelt als die des Widerstands, sei es gegen ihre eigenen Impulse oder gegen Forderungen, die von außen an sie gestellt werden. Sie streben nach der Entwicklung eines starken Ichs, eines Charakters voller „Willenskraft“. Für sie ist eine brauchbare Persönlichkeit
identisch mit einem „starken“ Charakter – mit jemand, der fähig ist, das Rauchen,
Sexualimpulse, Hunger usw. zu unterdrücken.
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Wenn man sie dieser Widerstands- und Beherrschungsfunktionen beraubt, bleibt
nichts übrig, wofür sie sich interessieren. Sie haben niemals gelernt, sich zu freuen,
aggressiv zu sein, zu lieben, und bei der Analyse ihrer Widerstände geraten sie völlig in Verwirrung, solange sie sich noch nicht mit jenen vitalen Funktionen identifizieren können.
Außerdem sind die Widerstandskräfte solcher Menschen sehr wertvoll, und wenn
sie gute Widerstands- und Beherrschungseigenschaften haben, finden sie reichlich
Gelegenheit, sie zu guten Zwecken zu benützen. Was erreicht werden muss, ist die
Abschaffung der Retroflexionen. Der Klient muss lernen, die Widerstandskräfte
gegen die Außenwelt zu kehren, sie den Erfordernissen der Situation entsprechend
einzusetzen und „nein“ zu sagen, wenn ein Nein erforderlich ist. Wenn man mit
einem völlig betrunkenen Menschen zu tun hat, ist es wichtiger, sich vor den Belästigungen durch ihn zu schützen und sogar, ihn loszuwerden, als sich selbst zu
beherrschen. Ein Kind, das sich immer den oft schwachsinnigen und unverantwortlichen Forderungen seiner Eltern fügt und seinen eigenen Impulsen widersteht,
verkrüppelt seine Persönlichkeit und wird ein unterwürfiger und unehrlicher Charakter. Wenn es ihm wenigstens manchmal gelingt, sich ihren Forderungen zu widersetzen, wenn es sich wehrt, wird es ihm in seinem späteren Leben leichterfallen,
seine Rechte zu vertreten. Die aktuelle Situation ist das Kriterium dafür, ob Widerstand etwas nützt oder nicht. Auch Hartnäckigkeit und Eigensinn, ein konzentrierter bewusster Widerstand, muss unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit betrachtet werden. Eigensinniger Widerstand gegen das Annehmen guter Ratschläge ist
etwas anderes als der hartnäckige Widerstand einer entschlossenen Nation gegen
nichtprovozierte Angriffe.“ (Quelle: F. Perls, „Das Ich, der Hunger und die Aggression“, S. 185)
Schauen wir uns jedoch einmal an, wie Widerstand entstehen kann:
ZIEL



 
 
 
 
SELBST
spielen












weinen
Eltern
Widerstand als Barriere,
der das „richtige“ Ziel
(als Saboteur) nicht erreichen lässt.
(= Antiselbst)
Wenn z. B. ein Kind lernt, sich das Weinen zu untersagen, wenn dies unerfreuliche
Reaktionen bei seinen Eltern hervorruft, dann ist das Unterdrücken des Weinens
schädlich, da es den Organismus daran hindert, sich an Verlust oder Frustration
anzupassen. Wenn einem jdm. wehtut, liegt im Weinen ganz natürlich die Heilung.
Der Erziehungsgrundsatz: „Ein Junge weint nicht!“, fördert paranoische Aggressi-
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on. „Wenn der Mensch diese Kindheitsvorstellungen von den schrecklichen Konsequenzen des Weinens jedoch weiterhin behält, so ist er tatsächlich an die Vergangenheit gebunden, und es bedarf neuer Kräfte, um ihn davon zu lösen.“
„Anstatt zu versuchen, den Widerstand zu beseitigen, sollte man sich besser auf
ihn konzentrieren, indem man von der Annahme ausgeht, dass ein Mensch sich
bestenfalls durch den Widerstand entwickelt und dass der Widerstand schlimmstenfalls dennoch Teil seiner Identität ist.“ (Quelle: M. u. E. Polster „Gestalttherapie“, S.63)
Das heißt: der ursprüngliche Mensch, der Widerstand geleistet hat, wird nicht einfach wieder der, der er vorher war, wenn der Widerstand beseitigt werden kann. Z.
B., der Mensch, welcher aufhörte zu weinen, weil seine Eltern ihn sonst bestraften
oder vielleicht beschimpften, hat viel mehr getan, als nur sein Weinen zu blockieren. Der Mensch hat eine Wahrnehmung von seinen Eltern gemacht und dabei seine Sensitivität erweitert. Der Mensch, u. a. auch abhängig von seiner Außenwelt,
indem Fall, die Eltern, schaut zukünftig verstärkt auf die Reaktion anderer und
wird immer wieder seine Bedürfnisse danach anpassen, angleichen, unterdrücken,
usw. Im Falle des Weinens hat er gelernt, dass das Weinen eine nichtakzeptable
Gefühlsregung ist, er ist vielleicht dadurch härter und standhafter geworden; er ist
vielleicht für die Bedürfnisse anderer feinfühliger geworden; er hat vielleicht seine
Fähigkeiten vergrößert, Empfindungen zu assimilieren (anzugleichen), ohne sie
freisetzen zu müssen. Aber ebenso kann dieser Mensch auch eine Gefühlskälte
entwickelt haben, damit er nicht mehr das Bedürfnis zu weinen spürt.
Fazit: Er hat sein Bedürfnis von der Reaktion der Eltern abhängig gemacht und
wird zukünftig anders mit seinem Bedürfnis zu weinen umgehen!
An einem zweiten Beispiel möchte ich verdeutlichen, wie sich verbaler und körperlicher Widerstand zeigt:
Ein TN in einem Workshop mit Miriam Polster, ein riesiger Kerl, ein Hüne mit dickem Bauch, gerötetem Gesicht und herzlicher Art ist die meiste Zeit schweigsam.
Wenn er sprach, flog sein Blick unruhig hin und her, und er zog wie zum Selbstschutz seine Schultern hoch und sein Gesichtsausdruck war ängstlich. Als der TN
auf seine Schweigsamkeit angesprochen wird, berichtet er von großen Schwierigkeiten, die er mit herrischen Frauen hätte, besonders wenn sie echte Autorität besäßen. Er würde nie einer den Rücken zukehren, nie eine hinter sich stehen lassen.
So drückte der TN seinen Widerstand durch Schweigen, Misstrauen und hochgezogenen Schultern aus. In jedem Fall bleibt dem Therapeuten nur übrig, den Menschen so zu nehmen, wie er ist im Hier und Jetzt, das zu betonen, was existiert. In
diesem Fall hieß das: Miriam stellte sich hinter den TN, dieser reagierte, indem er
sich auf den Boden setzte und mit den Händen nach vorne abstützte. Er hat auf die
Konfrontation, dass eine Frau hinter ihm stand mit „Kauern“ und Schweigen geantwortet. So drückte er jetzt seinen Widerstand aus.
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Daraufhin setzte Miriam sich auf den Rücken des TN, wobei sie kalkuliert vermutet hatte, dass seine Energie nicht in die Reaktion des Abwerfens gehen würde.
Tatsächlich trug der TN Miriam auf seinem Rücken im Zimmer herum, übernahm
somit die Kontrolle und hatte mittels seiner körperlichen Kraft eine bedrohliche Situation in eine spielerische verwandelt.
Und darum geht es bei der Arbeit mit dem Widerstand:
- was ist, darf sein.
- alte Bestandsteile können weiter entwickelt werden,
- so dass neue Bestandteile hinzukommen
(= Komposition = eine
kunstvoll geschaffenen Gestalt)
„Dieser Prozess, alte Richtungen auszubauen und neue einzuschlagen, ist der Kern
der Psychotherapie. Wenn man zwischen den relevanten Kräften neuen Kontakt
schafft, dann entdeckt man die Stärke der entfremdeten Teile des Selbst.“ (Quelle: M. u.
E. Polster, „Gestalttherapie“, Seite 69)
Um diese entfremdeten Teile des Selbst zu integrieren, ist es notwendig, sich damit
zu identifizieren. Perls Methode, einen Traum durchzuarbeiten, verdeutlicht diese
Auffassung des Menschen als eine Komposition von Kräften. (Wir erinnern uns an
die zwei Referate von Martin und das GA-Seminar „Traum“, wo es vorrangig darum geht, sich mit jeder einzelnen Sequenz und jedem Bestandteil und/oder Person
aus dem Traum zu identifizieren.)
Somit geht es bei der Durcharbeitung eines Traumes nicht um den Versuch, herauszubekommen, was hinter dem Traum liegt, sondern es geht vielmehr darum, dass
jeder Teil des Traums aus der eigenen Perspektive sprechen darf. Diese Wiederherstellung des Kontaktes zwischen den verschiedenen Teilen des Selbst ist nicht immer leicht. Und genau darum geht es auch in der Arbeit mit dem Widerstand. Es
geht um die kreative Integration der Widerstände in Form von Konfrontation, Ausagieren der Polaritäten, Verhaltensänderungen, Erarbeitung von Lösungsmöglichkeiten, Verstärken, Impass-Arbeit. Denn wir angehenden Therapeuten sollten immer eins im Kopf haben: Widerstand ist wichtig, um einen eigenen Schutz für uns
in unserer Umwelt zu haben. Der Mensch hat nicht nur gelernt, zu blockieren oder
einen Widerstand aufzubauen auf irgend eine Sache, mit der er nicht zurecht kam,
um sein Ziel zu erreichen, sondern er hat gelernt, mit seinem Widerstand ein Stück
in der Welt in der er lebt, zurecht zu kommen. Er hat entdeckt, den Widerstand bewusst in Form eines Schutzschildes einzusetzen, um in einer schwierigen Lebenssituation besser zurecht zu kommen.
Verschiedene Formen von Widerständen:
Eine solche Klassifizierung von Widerstand ist natürlich künstlich. In jedem Fall
sind mehrere Aspekte vorhanden, allerdings in verschiedenem Grad und in verschiedener Zusammensetzung. Meistens jedoch herrscht ein Aspekt vor und ermöglicht so einen bequemeren Zugang als die anderen.
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I)
verbaler Widerstand:
z. B. Schweigen, intellektuell, z. B. im Rechtfertigen, Rationalisierungen,
verbale Forderungen des Gewissens sowie der Zensor (Introjekte)
II)
metaphorischer Widerstand:
„Ich habe das Gefühl, zwischen uns steht eine Mauer.“ „Der Graben zwischen uns ist zu tief.“ Therapeutische Intervention: Identifizierung mit der
Mauer, dem Graben (siehe Traumarbeit).
III)
verhaltensmäßiger Widerstand:
 somatisch, z. B. hochgezogene Schultern, verkrampfte Hände, krause
Stirn. Die Psychoanalyse hat die Menschen in: orale, anale, genitale Charaktere eingeteilt. Aus dieser Einteilung haben sich die dementsprechenden Widerstände formuliert. Freud hat sich hauptsächlich auf den analen Widerstand
konzentriert, z. B. Knauserigkeit des Menschen, d. h. schlecht hergeben können. Der orale und genitale Widerstand blieben fast völlig unberücksichtigt.
Wer onaniert, vermeidet nicht immer den Geschlechtsverkehr aus Angst, seinen kostbaren Samen zu verlieren (das wäre der anale Widerstand) – sein
Widerstand könnte auf Schüchternheit beruhen oder auf Angst vor Ansteckung oder auf anderen genitalen Widerständen, zu deren typischen Folgen
sexuelle Impotenz und Frigidität gehören.
Beim oralen Typus finden wir Fälle von offenkundigem oralem Widerstand,
verstärkt mit einer unzureichenden Entwicklung der Beißfunktionen. Ein
primitiver oraler Widerstand ist der Hungerstreik, der entweder bewusst ist,
wie in den Gefängnissen (um bestimmte Forderungen durchzusetzen), oder
unbewusst, in Form von Appetitlosigkeit. Ein Mann der sich z. B. über seine
Frau geärgert hat, kann die von ihr zubereitete Nahrung nicht „anpacken“,
sein Widerstand liegt im „er kann einfach keinen Bissen hinunterbringen“.
Ein oraler Widerstand von hervorragender Bedeutung ist der Ekel. Ekel bedeutet die Nicht-Annahme, die emotionale Ablehnung von Nahrung durch
den Organismus selbst und da reicht die bloße Vorstellung von z. B. Verfaultem schon aus, um angeekelt zu sein, ohne dass das ekelhafte Zeug im Magen
wäre.
Der Vollständigkeit halber, sei noch der dentale Widerstand erwähnt und
Perls behauptet, dass der Gebrauch der Zähne die wichtigste biologische Repräsentanz der Aggression ist. Ich möchte hier einen Querverweis auf das
Buch: Das Ich, der Hunger und die Aggression“ von Perls einflechten (siehe
Seite 136/137). Er sagt: „Jeder, der seine Zähne nicht gebraucht, verkrüppelt
seine Fähigkeit, seine destruktiven Funktionen zu seinem eigenen Nutzen zu
gebrauchen. Er schwächt seine Zähne und trägt zu ihrem Verfall bei. Der
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Umstand, dass er seine physische Nahrung nicht gründlich für die Assimilation vorbereitet, wird sich auf seine Charakterstruktur und seine Geistestätigkeit auswirken. In den schlimmsten Fällen dentaler Unterentwicklung bleiben
die Menschen gleichsam ihr Leben lang Säuglinge. Wir begegnen zwar nur
selten einem Menschen, der vollständig „Säugling“ geblieben ist, der seine
Zähne wirklich niemals gebraucht, aber es gibt viele Leute, die ihre dentale
Betätigung auf weiche Nahrung beschränken, die sich leicht verflüssigt, oder
auf mürbe Esswaren, die einem zwar das Gefühl verschaffen, die Zähne würden benützt, aber keine wesentliche Anstrengung erfordern.
Der Säugling an der Mutterbrust ist ein Parasit, und Menschen, die diese Haltung ihr Leben lang beibehalten, bleiben uneingeschränkte Parasiten. Sie erwarten beständig, für nichts etwas zu bekommen; sie haben nicht das für das
Leben eines Erwachsenen nötige Gleichgewicht erlangt, das Prinzip des Gebens und Nehmens.“
Diese Menschen leben in ihrer Bedürftigkeit, nehmen ihr Erwachsenwerden/Erwachsensein nicht an und sind somit im Widerstand, ja in einer für
mich sogar Lebensverweigerung. Ihnen fehlt der nötige BISS.
emotional
a) vollständige Gefühle (Hass, Wut, Trauer, Liebe)
b) unvollständige Gefühle, z. B. Besorgnis, Murren,
Nörgeln, Traurigkeit (hier begegnet uns die Handlungsunfähigkeit des Zwangscharakters, die ihn zwingt, sich dauernd Sorgen zu machen.
Diese unvollständigen Gefühle äußern sich in:
autoplastische Zerstörung und
alloplastische Zerstörung
Unter autoplastische Zerstörung verstehen wir Resignation, Ärger über ... (Retroflexion) und unter alloplastischer
Zerstörung verstehen wir Objektzerstörung, z. B. Amoklaufen.
Unvollendete Gefühle sind immer in hohem Maße mit
somatischen Geschehnissen und unabgeschlossenen
Handlungen verknüpft. Beispiel: Einer der Patienten von
Fritz Perls, ein zwangsneurotisch-paranoider Typus mit
überwiegend zwanghaften Zügen, machte sich wochenlang Sorgen wegen eines winzigen Flecks auf seinem
Sakko. Er entfernte das Fleckchen nicht, da er keinen
Schmutz berühren wollte. Er hätte gern an seiner Frau
herumgenörgelt und sie aufgefordert, den Flecken doch zu
entfernen, aber er unterdrückte auch diesen Antrieb und
beunruhigte sich und seine Frau weiterhin, ohne etwas zu
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sagen – wirklich eine unvollendet Situation, und um sie zu
beenden, um den Fleck zu beseitigen, hätte er nur wenige
Minuten gebraucht.
Kristine Schneider (Fachpsychologin und Psychotherapeutin am Institut für Angewandte Gestaltanalyse, Köln) unterscheidet drei verschiedene Qualitäten von Widerstand:
a)
methodeninduzierter Widerstand:
Der Therapeut beobachtet den durch theoretische Implikationen „aufgezwungenen“ Widerstand. Dabei ist das WIE der Kernpunkt, es gibt kein „Dahinter“. Widerstand wird durchlebt und bedarf keiner Deutung.
b)
technischer Widerstand (von außen):
Der Therapeut sagt z. B.: „Schauen Sie mich an und erzählen Sie mir von
sich.“ Der Klient ist überfordert, reagiert mit Widerstand in Form von Trotz.
Das therapeutische Handwerk besteht zum großen Teil in Verhaltensregeln,
die erlauben, dicht in Kontakt mit dem Klienten zu kommen, ohne sein
Schutzbedürfnis zu reizen.
c)
funktionaler Widerstand:
Ist gegen das gerichtet, was im Klienten selbst steckt. Funktionaler Widerstand zeigt an, dass das Gespräch an eine Grenze gestoßen ist: Klient kann
mit Rückzug oder Gegendrohung reagieren, wenn geeignete Verteidigungsmaßnahmen oder Kooperationsstrategien nicht zur Verfügung stehen. Der
Klient weiß nicht, weshalb er plötzlich ohne Einfälle dasitzt, sich hilflos
fühlt, sich langweil, ermüdet oder sich dumm vorkommt. Er schirmt sich ab
gegen Unruhe, Erregung, Angst und Schmerz. Ihm könnten plötzlich Einfälle
kommen, die er sich niemals zugetraut hätte, weil sie grausam, gefährlich oder böse sind. Da ist es ihm lieber, keinen Einfall zu haben, als über sich erschrecken zu müssen.
Denken wir hier an die Gestaltzwiebel und schauen wir hier auf die „Zwischenhäute“ der Schichten:
Impasse  Implosion  Explosion  Kern.
Wir kennen dieses Gefühl des Zwiegespältigtseins; etwas zieht den Klienten
mit sich fort und etwas anderes hält ihn zurück. Mancher Klient erkennt seine
Blockierung und sagt: „Ich komme durch etwas nicht durch.“ Andere widerum vermeiden die Awarness; sie haben beträchtliche blinde Flecken und
erkennen nicht, dass sie etwas nicht sehen wollen.
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Die oben erwähnte Gestaltzwiebel ist eine von mehreren uns zur Verfügung
stehende Methode zur therapeutischen Intervention.
Neben dem Fünfstufenmodell der Neurose von Perls vertritt Petzold die Auffassung eines zweiten Modells, dem fraktionierten Impass. Uns besser bekannt als die 5 Ebenen der therapeutischen Tiefung:
Reflexion – Bilderleben ohne und mit emotionaler Beteiligung – Involvierung – autonome Körperreaktionen – kognitive Durcharbeitung.
Petzold: „Jede auf weitere Tiefung zielende Intervention erzeugt einen Impass. Das Erleben des Klienten bewegt sich auf den verschiedenen Prozessstufen im Wechsel.“
Erving und Miriam Polster haben ihren therapeutischen Ansatz über die
5 Kontaktstörungen:
1.
Diagnostik:
Der Introjektor, der seine Energien in der passiven Aufnahme dessen
investiert, was ihm die Umwelt anbietet. Er bleibt unkritisch und verwendet wenig Mühe darauf, seine Bedürfnisse und Wünsche zu spezifizieren. Er hat früh als Kind gelernt, „alles zu schlucken“ und widerstandslos anzunehmen. Es fehlt ihm im Leben der nötige „Biss“, um
das zu „schlucken“, zu assimilieren, was seins ist oder was er wieder
ausspeien kann.
Therapeutische Intervention: Die primäre Aufgabe bei der Aufhebung
der Introjektion besteht darin, innerhalb des Individuums das Gefühl
für seine Wahlmöglichkeiten zu schaffen und seine Fähigkeiten zu fördern, zwischen „mir“ und „dir“ zu unterscheiden.
2.
Diagnostik:
Der Projektor lehnt bestimmte Aspekte seiner selbst ab und schreibt
sie der Umwelt zu.
Therapeutische Intervention: Dem Projektor die verstreuten Stücke
seiner Identität wiederzugeben, ist ein Eckpfeiler des Durcharbeitungsprozesses. Dies erreicht der Projektor indem er die Sätze statt: „Du bist
...!“ mit „Ich bin ...!“ beginnt. Eine Gefahr für den Therapeuten besteht
darin, dass der Projektor bei der therapeutischen Intervention den Verdacht schöpft, dass der Therapeut einen „Komplott“ mit zum Beispiel
dem „bösen Chef“, der „unliebsamen Arbeitskollegin“ eingeht. Wenn
die Projektionen sich zur paranoiden Selbsterhaltung formieren, dann
wachsen die Schwierigkeiten und in diesem Stadium erfährt der Projektor seine Mitmenschen entweder als Gegner oder Anhänger. Hier
gilt es für den Therapeuten, den Kontakt zum Klienten über tatsächliche Geschehnisse aus dem Leben des Klienten erzählen zu lassen, damit der Klient seine Paranoia überwinden kann.
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3.
Diagnostik:
Der Reflektor gibt jeden Versuch auf, seine Umwelt zu beeinflussen
und führt seine Energie in ein ausschließlich intrapersonales System
zurück und unterbindet weitgehend den Kontakt zwischen sich und der
Umwelt.
Therapeutische Intervention: Den Reflektor mit seinen Gefühlen in
Kontakt bringen und dabei verstärkt auf Körperhaltung, Gestik, Bewegung achten. Hier „drückt“ (zeigt) er den „Kampf“ um die Kontrolle
des menschlichen Körpers. In einem weiteren Schritt gilt die Wiederherstellung des Kontakts mit der Außenwelt, um wahrzunehmen,
„wem oder was er gerne einem anderen zufügen möchte“ oder „wer
oder was ihm ein anderer antun“ soll?
4.
Diagnostik:
Der Konfluente ist von einem starken Wir-Gefühl geprägt, seine eigene Identität exsistiert nur schwach als Selbst. Er konzentriert sich
hauptsächlich darauf festzustellen, ob es anderen gefällt.
Therapeutische Intervention: Die Gegenmittel zur Konfluenz sind Kontakt, Differenzierung und Artikulation. Der Betreffende muss Entscheidungen, Bedürfnisse und Gefühle erfahren, die seine eigenen sind
und nicht mit denen anderer Menschen unbedingt übereinstimmen
müssen. Fragen wie: „Wie fühlst du dich jetzt?“, „Was willst du
jetzt?“, können ihm helfen, sich auf seine eigene Richtung zu konzentrieren.
Diagnostik
Die Deflektion ist eine Methode, sich dem direkten Kontakt mit anderen Menschen zu entziehen, so z. B. durch Weitschweifigkeit, übertriebene Ausdrucksweise, Sprechen mit stets scherzhaftem Ton, keinen direkten Blickkontakt zum Gesprächspartner, nie zur Sache zu kommen,
usw.
Therapeutische Intervention: Um z. B. der Weitschweifigkeit zu begegnen, können wir mit der Prägnanz verdeutlichen, um was es dem
Klienten geht. Um die Ernsthaftigkeit oder den Blickkontakt zum Partner aufzubauen, bitten wir den Klienten die Sätze mit dem Wort „du“
zu beginnen. Damit ist die Möglichkeit eines neuen (direkten) Kontaktes zwischen dem Klienten und dem Therapeuten gegeben.
5.
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Zum Abschluss und der Vollständigkeithalber sei noch der
intrapersonale Widerstand und der
interpersonale Widerstand erwähnt.
Erster gilt als Schutz innerhalb der Person, wenn sich der Klient z. B. wehrt, um
nicht mit schmerzlichen oder gefährlichen Erinnerungen, Gefühlen oder Leibempfindungen in Kontakt zu kommen.
Und der interpersonale Widerstand dient als Schutz in der Beziehung zu einer oder
mehreren anderen Personen, wobei hierbei die Grenze,, der Schutzwall weiter nach
außen verlegt ist. In der therapeutischen Beziehung kann sich dieser Widerstand
zum Beispiel daran zeigen, dass ein Klient jede kritische Äußerung vermeidet, aus
Angst vor einem Konflikt, oder wenn er hauptsächlich kritische Äußerungen aus
Angst vor Nähe vornimmt.
Wenn dir überall Blockierung
im Wege stehen ...
wenn Worte zerstörend schmerzen ...
wenn leere Stunden zu Ewigkeiten werden ...
wenn das Erschrecken dir den Atem raubt ...
wenn du so allein bist,
dass die ganze Welt feindlich erscheint,
wenn sich die Gedanken angstvoll verengen ...
wenn es so kalt wird, dass du nur noch frierst ...
dann wird es Zeit,
dass du deine Liebe zu dir selbst neu entfachst,
dass du dich an deine hohe Berufung erinnerst,
dass du dich als wertvoll erkennst
und dich ehrst als einen Menschen
unterwegs in die Reife.
Wie kostbar du bist.
(Ulrich Schaffer)
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Einsatz von kreativen Medien:
Flip-Chart und Faserstifte;
große beschriftete Holzbausteine, die die einzelnen Widerstände symbolisch darstellen, so dass eine „Mauer“ entsteht;
mehrere laminierte Bilder
Literaturhinweise und Quellenangaben:
I)
II)
III)
IV)
V)
VI)
F. Perls: „Das Ich, der Hunger und die Aggression
E. u. M. Polster: „Gestalttherapie“
Dr. K. Schneider: Aufsatz: „Willkommen Widerstand“
Dr. K. Schneider: „Grenzerlebnisse“, Seite 120 – 127
B.-P. de Roeck: „Gras unter meinen Füßen“, Seite 72/73
D. Rahm, H. Otte, S. Bosse, H. Ruhe-Hollenbach: „Einführung in die Integrative Therapie, Seite 364
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