Autismus - Herbartschule

Werbung
Das
Unterrichtskonzept
der Herbartschule für
Schüler mit einer
Autismus-SpektrumStörung (ASS)
2
„Jedes Kind wächst in seiner eigenen Kraft
und Gestalt, darum sei uns die Eigenart
eines jeden Kindes heilig.“
(Johann Friedrich Herbart, 1776-1841)
„ Ich danke meinen Lehrern an der Herbartschule. Sie waren erklärend.“
( Ein ehemaliger Herbartschüler mit ASS in seinem Abschiedsbrief an Frau WadehnRemmers im Jahr 2009).
1. Einleitende Gedanken zum Beschulungskonzept der Herbartschule für
Schüler mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS)
Die Herbartschule beschult als Förderschule mit den Schwerpunkten Lernen und
Sprache sowie als Förderzentrum extern in den umliegenden Regelschulen immer
wieder auch Schülerinnen und Schüler mit Autismus. Da die neuere diagnostische
Bezeichnung Autismus-Spektrum-Störung (ASS) lauten wird, soll dieser Begriff auch
im Folgenden synonym verwendet werden.
Das Kollegium der Herbartschule macht es sich zur Aufgabe, Kindern und
Jugendlichen mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) den Verbleib an der
Schulform zu ermöglichen, die ihren kognitiven Fähigkeiten entspricht. Damit wird
zum einen den rechtlichen Vorgaben zur Beschulung autistischer Schüler in
Niedersachsen Folge geleistet. (Siehe dazu auch: Sekretariat der Ständigen
Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland
3
Empfehlungen zu Erziehung und Unterricht von Kindern und Jugendlichen mit
autistischem Verhalten. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 16.06.2000).
Zum anderen setzen die Lehrkräfte der Herbartschule auch diesbezüglich den
Inklusionsgedanken immer wieder praktisch in die Tat um. Für Kinder und
Jugendliche mit ASS bedeutet jede erfolgreiche Beschulung im allgemeinen
bildenden Regelschulsystem oder an einer Förderschule mit dem Schwerpunkt
Lernen einen wichtigen Schritt zur Inklusion, vor allem zur sozialen Inklusion.
Wir begleiten derzeit extern einen Grundschüler mit ASS an der Grundschule
Voslapp. Die dafür vorgesehenen drei wöchentlichen Förderstunden werden nicht im
Rahmen der SGV erteilt. Sie wurden dem Schüler vom zuständigen Dezernenten mit
der Beschulungsverfügung für den Regelschulbereich zugewiesen, damit er am
Unterricht der Regelgrundschule möglichst erfolgreich teilnehmen kann. Die
Begleitung erstreckt sich auf Fördermaßnahmen mit dem Schüler sowie fachliche,
die Durchführung des Unterrichts betreffende Beratung für die Lehrkräfte und die
Integrationshelferin des Schülers. Es wird dabei engmaschig mit dem ATZ kooperiert.
Mitunter können Schülerinnen und Schüler mit ASS aus vielfältigen Gründen die
Unterrichts- und Beschulungssituation im Regelschulsystem aber nicht mehr
bestehen und entwickeln Lernstörungen oder können die erforderliche Lernleistung
nicht mehr erbringen. Zudem entsprechen die kognitiven Fähigkeiten betroffener
Menschen der allgemeinen Verteilung in der Bevölkerung. Die häufig verbreitete
Vorstellung, alle von Autismus betroffenen Menschen seien hochintelligent oder
besäßen außerordentliche Gedächtnisfähigkeiten trifft nicht zu. Entsprechend gibt es
auch Kinder mit ASS, bei denen zudem ein Förderschwerpunkt im Bereich des
kognitiven Lernens vorliegt. Generell wird der Förderschwerpunkt autistischer
Schüler im sozial-emotionalen Bereich angesiedelt, da sich die Symptomatik in
diesem Bereich am deutlichsten zeigt und den betroffenen Menschen das Bestehen
in Schule, Beruf und Gesellschaft extrem erschwert bis verwehrt.
Entsprechend werden bei uns im Haus die Schüler mit ASS beschult, bei denen auch
ein Förderbedarf im Bereich des Lernens vorliegt und die deshalb nicht mehr im
Rahmen
der
sonderpädagogischen
Grundversorgung
an
der
Regelschule
4
unterrichtet werden können. Eine mögliche Rückschulung in den Regelschulbereich
bzw. der Übergang in die Berufsschule wird stets angestrebt. Aktuell wurde im
Schuljahr 2010 ein Schüler der Herbartschule mit ASS an der Nogatschule zunächst
zur Probe und nunmehr endgültig wieder im Regelschulbereich beschult.
Unser Ziel ist der Ausbau der schulischen Beratung für die Regelschulen im
Einzugsgebiet, die Kinder mit ASS unterrichten. In der Zusammenarbeit mit der GS
Voslapp gelingt diese Kooperation bereits seit Beginn des Schuljahrs 2010. Auch die
Zusammenarbeit mit der Nogatschule gelang erfolgreich.
Die
Herbartschule
pflegt
eine
über
Jahre
gewachsene
vertrauensvolle
Zusammenarbeit mit dem Autismustherapiezentrum der GPS in Wilhelmshaven. Im
Rahmen von Schulgesprächen kommen die Therapeuten unserer Schüler mit
festgestellter oder in Abklärung befindlicher Symptomatik von ASS im Regelfall
einmal im Quartal an unsere Schule oder die zuständige Regelschule. Zusätzlich
werden
im
Bedarfsfall
weitere
Gespräche
und
Beratung
abgesprochen.
Krisenintervention ist stets möglich. Schulinterne Ansprechpartner der Herbartschule
für Fragen der Beschulung von Schülern mit ASS sind bislang Frau WadehnRemmers und Frau Stark.
Im Folgenden wird beschrieben, wie wir aktuell schon eine bestmögliche Förderung
und Unterstützung in unserem Unterricht für Kinder mit ASS ermöglichen können und
welche mittel-und langfristigen Ziele wir noch anstreben.
1.2. Wir leisten entweder schon oder sind in der Umsetzung begriffen:

Zusammenarbeit mit außerschulischen Experten über den Austausch mit dem
Autismustherapiezentrum (ATZ) in Wilhelmshaven hinaus. Dazu zählen auch
z.B.
der
Bundesverband
sozialpädiatrische
Zentrum
Autismus,
(SPZ)
das
in
ATZ
in
Oldenburg
Oldenburg,
das
,
das
zuständige
Gesundheitsamt, die Kinder- und Jugendpsychiatrien in Wilhelmshaven und
Oldenburg,
die
behandelnden
Fachärzte,
Psychologen
Psychotherapeuten, das Jugendamt, die Schulsozialarbeit, das Sozialamt.
und
5

Über Frau Wadehn-Remmers besteht zudem Kontakt zu Dr. Brita Schirmer in
Berlin sowie zu Dr. Ragna Cordes und Hermann Cordes vom Institut für
Autismusforschung in Bremen

Beratung,
Kooperation
und
verlässliche
Zusammenarbeit
mit
den
Regelschulen im Einzugsgebiet, die Schüler mit ASS beschulen (Derzeit GS
Voslapp)

Enge Zusammenarbeit mit Eltern, Erziehungsberechtigten und Betreuern.

Qualifizierung von Lehrkräften der Herbartschule durch Fortbildungen, damit
sie als Ansprechpartnerinnen auch das Kollegium weiter in der eigenen Arbeit
als Klassen- und Fachlehrkäfte von Schülerinnen und Schülern mit ASS
verstärken können. Frau Stark hat dafür erfolgreich am Grund-Aufbau- und
Vertiefungskurs
des
Bundesverbands
Autismus
teilgenommen.
Diese
Fortbildung erstreckte sich über drei Wochen (40 Wochenstunden) und endete
mit einem Zertifikat im Juni 2010. Frau Wadehn-Remmers nimmt seit
November 2010 bis Juni 2012 an dem Grundkurs Autismustherapie des IFA in
Bremen, einer berufsbegleitenden Seminarreihe in Kooperation mit der
Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie e.V. (DGVT) teil. Dieser
besteht aus 9 Blockkursen mit jeweils 20 Unterrichtseinheiten und einem
Abschlusskolloquium (10 UE), erstreckt sich über einen Zeitraum von 18
Monaten und endet optional mit einem Zertifikat.

Zusätzlich werden aktuelle Fortbildungsangebote wahrgenommen. Frau
Wadehn-Remmers hat bereits mehrfach an Fachfortbildungen in Brandenburg
bei Dr. Brita Schirmer erfolgreich teilgenommen, einschließlich eines
dreiteiligen Kurses zur ABA Methode mit Frau Beata Urbaniak aus Polen. Hier
wurden u.a. Möglichkeiten des verhaltenstherapeutischen Umgangs mit ASS
auch im Schulunterricht vermittelt. Frau Stark und Frau Wadehn-Remmers
haben zudem an der Bundestagung des Autismusverbandes vom 07.09.Oktober 2011 unter dem Motto „Auf dem Weg zur Inklusion“ teilgenommen.
6

Angestrebt wird durch Frau Stark und Frau Wadehn-Remmers ein
Multiplikatorensystem in Form schulinterner Fortbildung und Beratung der
Kollegen.
Eine
von
beiden
geleitete
schulinterne
Lehrer-
und
Mitarbeiterfortbildung zum Thema Autismus und Schule hat am 13.10.2010
stattgefunden. Die GS Voslapp hat an dem Vortrag ebenfalls bereits Interesse
bekundet.

Ein Ordner mit grundlegenden Informationen und Aufsätzen zum Thema ASS
befindet sich im Lehrerzimmer. Eine Literaturliste mit weiterführender
Fachlektüre ist im Ordner vorhanden. Auch im Anhang des Konzepts befinden
sich Anregungen zu weiterführender Literatur.

Es soll ein schulinterner Rahmen geschaffen werden, in dem sich Schüler mit
ASS sicher fühlen, ihre Potentiale entdecken und ihre Stärken gefördert
werden. Sie erhalten individuelle Förderung in den Bereichen Sprache und
Kommunikation, schulisches wie auch in besonderem Maße soziales Lernen,
Kooperation, Wahrnehmung und Sensorik. Die Förderpläne werden individuell
unter besonderer Berücksichtigung der ASS- Symptomatik gestaltet.

Das Raumkonzept der Herbartschule soll die besonderen Bedürfnisse von
Schülern mit ASS nach Möglichkeit berücksichtigen. Das bedeutet z.B. dass
ein separater Förderraum zur Verfügung stehen sollte, in den sich Schüler mit
ASS bei Überforderung oder Reizüberflutung sowie zur Bewältigung von
Klassenarbeiten in die Einzelsituation, ggf. mit ihrer Integrationshilfe
zurückziehen können. Der Klassenraum muss verdunkelt werden können. Die
Helligkeit der Beleuchtung sollte variiert werden können. Die Möblierung muss
einen geschützten Einzelarbeitsplatz zulassen u.v.m.

Ein didaktisch –methodisches Konzept wurde entwickelt, welches u. a.
Strukturierungs- und Visualisierungsmöglichkeiten beinhaltet. Dieses wird im
Folgenden vorgestellt. Wir verstehen unser Beschulungskonzept nicht als
fertiges Produkt sondern als ein sich erweiterndes und veränderndes
Konstrukt, das wir in unserer praktischen wie theoretischen Arbeit ständig
fortschreiben und weiter entwickeln möchten. Dies entspricht auch dem
7
ausdrücklichen Wunsch des zuständigen Dezernenten, der vor allem unsere
Arbeit an der GS Voslapp mit begleitet. Die aktualisierte Fassung wird auf der
jeweils nächsten Gesamtkonferenz beschlossen.
2. Das didaktisch-methodische Unterrichtskonzept der Herbartschule zur
Beschulung von Schülern mit Erscheinungsformen von ASS
2.1. Zum Personenkreis von Schülern mit Autismus bzw. mit Symptomen einer
autistischen Spektrumsstörung (ASS)
Der Begriff Autismus umfasst eine extreme Bandbreite von möglichen Symptomen
und Auswirkungen, die für den betroffenen Menschen mit seiner Veranlagung
verbunden sein können. Der Begriff erscheint insofern problematisch, als er häufig
dazu verleitet, ein durch Medien und Spielfilme geprägtes Bild zur Interpretation von
Verhaltensweisen
und
Erscheinungsbild
von
Menschen
mit
autistischer
Persönlichkeit heranzuziehen. Im Folgenden wird deshalb bevorzugt der Fachbegriff
der sog. „Autistischen Spektrumsstörung“ oder kurz „ASS“ verwendet, der der Vielfalt
möglicher Störungsbilder aber auch Fähigkeiten der betroffenen Schüler besser
gerecht werden kann.
8
Neben Schülern mit festgestellter ASS werden an der Herbartschule mitunter auch
Schüler beschult, bei denen zwar noch keine Diagnostik erfolgt ist, deren
Lernverhalten
und
auch
Lernschwierigkeiten
aber
die
Abklärung
eines
möglicherweise vorliegenden Autismus angeraten erscheinen lassen. Wichtig ist
vorab die Feststellung, dass Menschen mit autistischer Persönlichkeit nicht
automatisch als behindert definiert werden müssen. Da über ICD- Verschlüsselung
diagnostiziert, gilt ASS aber als neurologische Erkrankung und muss deshalb in der
fachlichen Arbeit auch als solche gekennzeichnet werden, auch wenn die meisten
Betroffenen diese Zuschreibung ausdrücklich ablehnen.
Auch die von leichteren Formen von ASS betroffenen Personen sind durch ihre
Symptomatik und deren Auswirkung auf ihre sozialen Kompetenzen,
ihr
Lernverhalten, ihre besonderen Wahrnehmungs- und Kommunikationsfähigkeiten
aber auch Schwierigkeiten sowie ihre Besonderheiten in der Reizverarbeitung jedoch
oft am erfolgreichen Lernen in der Regelschule gehindert. Die Folge ist dann unter
Umständen eine Lernbehinderung, die eine entsprechende Beschulung an der
geeigneten Förderschule notwendig macht.
Der Unterricht für von ASS betroffene Schüler muss deshalb in allen Schulformen
gezielt auf die besonderen Schwierigkeiten abgestimmt werden, die Menschen mit
autistischer
Veranlagung
in
ihrem
Lern-
und
Arbeitsverhalten
und
ihren
Zugangsmöglichkeiten zur sie umgebenden Umwelt und ihren Mitmenschen häufig
zeigen.
Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Ausprägung autistischer Symptomatik
durchaus sehr unterschiedlich in ihrem Schweregrad und der daraus resultierenden
Lernschwierigkeiten ist und hier kein einheitliches Erscheinungsbild vorausgesetzt
werden kann. Gemeinsam ist den meisten Menschen mit autistischer Persönlichkeit
jedoch
eine
ausgeprägte
Erschwernis,
sich
ohne
spezifische
Hilfen
und
Unterstützung in einer nicht-autistischen Umwelt zurecht zu finden, erfolgreich mit
den Mitmenschen zu kommunizieren oder Lern- und Ausbildungssituationen ohne
gezielte Förderung erfolgreich bestehen zu können. (Siehe dazu auch Sekretariat der
Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik
Deutschland Empfehlungen zu Erziehung und Unterricht von Kindern und
9
Jugendlichen mit autistischem Verhalten Beschluss der Kultusministerkonferenz vom
16.06.2000).
Für die Lehrkräfte sowie für unterstützende Mitarbeiter wie Integrationshelferinnen
und Integrationshelfer oder Fachkräfte der Schulsozialarbeit ist es deshalb äußerst
wichtig, mit den Eltern, Betreuern und den autismusspezifisch mit dem Schüler
arbeitenden Therapeuten engmaschig zusammenzuarbeiten und auch fachlichen Rat
einzuholen, damit die erfolgreiche Beschulung möglichst gelingen kann. Auch der
Schüler selbst sollte, wenn möglich, immer wieder aktiv einbezogen werden, denn
gerade der Unterricht mit autistisch veranlagten Schülern verlangt vom Pädagogen
ein hohes Maß an individualisierter Herangehensweise. Manchmal kann hier gerade
der betroffene Schüler selbst der Lehrkraft vermitteln, wie er besser verstehen und
lernen könnte. Oftmals kann er es aber nicht oder zu Anfang noch nicht. Gerade in
diesem Fall ist es unerlässlich den engen Austausch mit den Personen zu suchen,
die den Schüler gut kennen und sein Verhalten aus
Erfahrung und aus dieser
erworbener fachlicher Kompetenz einschätzen können. Dies sind im Regelfall in
erster Linie die Eltern oder Betreuer im Wohnbereich, die mit den betroffenen
Schülerinnen und Schülern zusammen leben.
Schüler mit ASS, die eine Regelschule oder die Förderschule Schwerpunkt Lernen
besuchen können, erhielten überwiegend die Diagnose eines sogenannten
frühkindlichen High-Functioning Autismus, eines Aspergersyndroms, mitunter auch
eines sog. atypischen Autismus. Dabei handelt es sich um Erscheinungsformen von
ASS, bei denen es den betreffenden Personen zumeist noch recht gut möglich ist,
erfolgreich mit dem Gegenüber verbal, nonverbal oder auch schriftlich zu
kommunizieren und deren kognitive Fähigkeiten die erfolgreiche Teilnahme am
Unterricht mit spezieller Unterstützung und Berücksichtigung ihrer besonderen
Schwierigkeiten zulässt. Die Unterscheidung der einzelnen Feindiagnosen ist für die
Förderschullehrkraft nur insofern von Interesse, als die mögliche Genehmigung einer
Integrationshilfe
in
Wilhelmshaven
je
nach
Differentialdiagnose
über
die
Eingliederungshilfe oder über das Jugendamt erfolgt. Deshalb kann es hier sehr
wichtig sein, sich bei der Antragstellung fachlich präzise auszudrücken. Hier sollte
dann unbedingt fachärztlicher Diagnose gefolgt und nicht aus dem eigenen
laienhaften Kenntnisstand beschrieben werden.
10
Die Unterrichtung an einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen oder mit dem
Schwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung kann manchmal unvorhergesehen
aktuell die angemessenere Beschulungsempfehlung werden, wenn die Schülerin
oder der Schüler aufgrund seiner autismusspezifischen Schwierigkeiten nicht mehr
Erfolg versprechend in einer Regelschule beschult werden kann. Zuvor ist jedoch
immer und über einen angemessenen langen Zeitraum zu prüfen, ob der Besuch der
Regelschule mit entsprechender Hilfe und Beratung dem Schüler nicht doch zu
ermöglichen oder weiter zu ermöglichen ist, etwa über das Aussetzen von
Unterrichtsfächern wie Sport, Kunst, Musik oder anderen Bereichen, die häufig eine
reizoffenere Unterrichtssituation bedingen. Auch die Pausensituation kann Probleme
bereiten. Nachteilsausgleiche sollten flexibel genutzt werden.
Der Verbleib im Regelschulsystem sollte stets das Ziel bleiben, auch und gerade in
den höheren Jahrgangsklassen, wenn Berufsfindung und der Übergang in die
Berufsschule angebahnt werden sollen. Auch in den unteren und mittleren
Jahrgängen sollte die Durchlässigkeit zum Regelschulsystem immer wieder geprüft
und gegebenenfalls die Rückschulung frühzeitig ermöglicht werden.
2.2. Gelingensbedingungen für Schüler mit Diagnosen aus dem autistischen
Formenkreis
Bei
Schülern
mit
einer
Symptomatik
aus
dem
Bereich
der
autistischen
Spektrumsstörungen liegen häufig erhöhte Schwierigkeiten vor allem im Bereich der
Verarbeitung von Wahrnehmungsreizen bzw. der sensorischen Integration vor.
Häufig können betroffene Menschen Wahrnehmungsreize nicht filtern oder nach ihrer
Relevanz und Vorrangigkeit in der Situation einordnen. Sie nehmen dagegen die auf
sie einwirkenden Umweltreize häufig auf einmal, in allen Einzelheiten und parallel
wahr und haben dann entsprechende Probleme, sie nach ihrer Wichtigkeit zu
ordnen.
Weiterhin
bestehen
behinderungsspezifische
besonders
Therapie
bei
erfahren
Autisten,
haben,
die
häufig
noch
keine
ausgeprägte
Kommunikationsprobleme und ein erschwertes bis verwehrtes Verständnis der sie
umgebenden Umwelt vor. Dies wirkt sich auf die Lernzugangsvoraussetzungen der
betroffenen Schüler meist in
der Weise aus, dass der zu vermittelnde
11
Unterrichtsstoff ihnen nur schwer zugänglich ist, weil sie die Relevanz der Inhalte
entweder nicht für sich erkennen, sie nicht als wichtig für sich erachten oder mit den
für andere nicht betroffene Schüler erfolgreichen Vermittlungsformen unter
Umständen nicht zurecht kommen können. (Siehe dazu z.B. auch die Berichte der
von Ass betroffenen Schriftsteller Axel Brauns, Nicole Schuster, Temple Grandin
oder Donna Williams).
Stichwortartig sollen daher im Folgenden einige Punkte genannt werden, die im
Unterricht mit Schülern mit Ass bedacht und berücksichtigt werden sollten, damit die
Vermittlung des Schulstoffs und ihre erfolgreiche Teilnahme nicht nur am
Unterrichtsgeschehen sondern auch am Schulleben besser gelingen kann.
2.2.1 Erhöhtes Bedürfnis nach Regelhaftigkeit, Struktur, Berechenbarkeit,
Durchschaubarkeit und Transparenz bei Schülern mit ASS
Viele, aber durchaus nicht alle Menschen mit Autismus zeigen ein erhöhtes Bedürfnis
nach möglichst stets gleich strukturierten Tagesabläufen oder ritualisiertem
Verhalten. Veränderungen, besonders wenn sie unvorhergesehen geschehen, rufen
bei Ihnen meist Unmut oder Verweigerung hervor. Es darf nicht vergessen werden,
dass der gleichförmige und berechenbare Ablauf von Tätigkeiten und Handlungen
nicht nur Stimulation sondern auch Berechenbarkeit und Sicherheit für den Schüler
mit ASS bedeuten. Gleichwohl kann ein übergroßes oder zwanghaftes Bedürfnis
nach Ritualen oder Gleichförmigkeit in der Schul- und Unterrichtssituation auch
problematisch sein und die erfolgreiche Teilnahme am Unterricht für die nicht
betroffenen Mitschüler unzumutbar erschweren. Integration von Menschen mit ASS
bedeutet daher auch, ihnen zuzumuten, sich an die allgemeinen Regeln
menschlichen Zusammenlebens zu gewöhnen und Akzeptanz für das Leben in einer
nicht autistischen Gesellschaft zu entwickeln. Dabei ist auf der Seite der Lehrkräfte
12
und Pädagogen und Integrationshelfer Geduld und Einfühlungsvermögen aber auch
verlässliche Konsequenz gefordert.
Hilfreich für den betroffenen Schüler ist es dann:
-
stets abzuwägen, wieweit dem Bedürfnis des Schülers mit
ASS nach
Sicherheit durch Regelhaftigkeit entsprochen werden muss, wann diese
Regelhaftigkeit aber auch bewusst durchbrochen werden muss, damit der
betroffene Mensch seine Fähigkeit, in einer nicht autistischen Umwelt
größtmögliche Selbstständigkeit zu entwickeln, erweitern kann und auch die
anderen Schüler zu ihrem Recht kommen können.
-
Individuelle Pläne und Verträge mit dem autistischen Schüler können eine
Hilfe für beide Seiten sein. In ihnen können Lehrkraft und Schüler gemeinsam
herausarbeiten und festlegen, welches seiner ritiualisierten Bedürfnisse dem
betroffenen Schüler unerlässlich wichtig scheint, inwieweit und zu welchen
Zeiten er diese einhalten kann und darf im Schulunterricht, wann er aber auch
darauf verzichten lernen muss.
Die Lehrkraft sollte sich stets bewusst sein, dass sie dem von ASS
betroffenen Schüler jede Unterbrechung seiner Routine und Rituale stets
zuerst zumutet und dass er unter Umständen unvermutet heftig darauf
reagieren könnte, etwa in Form von Wutausbrüchen, unangemessenem
Sozialverhalten oder auch Anfällen von Reizüberflutung. Die Lehrkraft sollte
die emotionale Belastung dieses Veränderungs- und Lernprozesses beim
autistischen Schüler wahrnehmen, akzeptieren und reflektieren können.
2.2.2. Fehlende oder mangelhafte „Theory of mind“ ( Die Fähigkeit sich in
andere hinein zu versetzen oder dessen Handlungen oder Empfinden vorab
schlussfolgern zu können) bei Schülerinnen und Schülern mit ASS
Schüler mit ASS wirken mitunter „begriffsstutzig“ und stellen (im besseren Fall)
immer wieder Fragen nach uns selbstverständlich scheinenden Zusammenhängen
oder äußern verstärkt Unverständnis, vor allem bei Themen, die die soziale
13
Interaktion mit anderen Menschen betreffen. Typischerweise ist das Verständnis von
Pointen und Wortspielen und Doppeldeutigkeiten oft erschwert, alles wird zunächst
im direkten Wortsinn verstanden oder interpretiert. Unvermutete Gefühlsausbrüche
oder große Ängste können die Folge des erschwerten Verständnisses von
Situationen oder verbalen Äußerungen sein.
Die Lehrkraft sollte deshalb:
-
auffallende Missverständnisse nicht als „niedlich“ oder kindlich verkennen und
belächeln oder ironisch kommentieren
-
sich möglichst präzise ausdrücken
-
immer wieder erklären und erläutern, allerdings darauf achten, dem Schüler
mit ASS hier keine Gelegenheit für einen neuen „Tic“ in Form ritualisierten
Nachfragens zu schaffen
-
das Wortverständnis immer wieder erweitern, indem sie in der verbalen
Kommunikation verschiedene Begrifflichkeiten verwendet und immer wieder
erläutert, die das Selbe bezeichnen
-
in spielerischer Form (Erzählen und Erklären von Witzen, „Teekesselchen“Spiele, Sprichwörter finden, Wortbilder finden) übend die genannten
Schwierigkeiten aufgreifen
-
Informationsquellen zur Verfügung stellen (Bildbände, Wörterbücher, Lexika,
Nachschlagewerke, Internet)
-
Soziale Regeln immer wieder präzise erklärend vermitteln, aber auch
konsequent einüben und einfordern
-
In erhöhtem Maße auf Verschriftlichung auch ihrer sozialen Unterrichtsinhalte
für Personen mit ASS achten. Dies kann für lesende Schüler sehr hilfreich und
14
sinnvoll sein, während verbale Erläuterungen oder Ermahnungen scheinbar
ungehört „vorbei rauschen“.
-
Im Deutschunterricht bei der Aufsatzerziehung unbedingt darauf achten, dass
selbst kognitiv gut begabte Schülerinnen und Schüler mit ASS oft nicht in der
Lage sind, Inhalte zu interpretieren oder gar Geschichten aus der Sicht einer
anderen Person weiter zu denken.
-
daran
denken,
dass
Fächer, die
soziales
Mitdenken
erfordern
wie
Sozialkunde, Werte und Normen oder der Religionsunterricht oft inhaltlich
kaum oder nicht zu bewältigende Schwierigkeiten für Schülerinnen und
Schüler mit ASS bergen.
2.2.3. Denken in Bildern
Viele Menschen mit Autismus denken in erster Linie bildhaft. (Vergl. z.B. die
autobiographischen Bücher von Temple Grandin oder Axel Brauns). Der Erwerb und
Gebrauch der Sprache fällt ihnen deshalb unter Umständen über Gebühr schwer.
Dies betrifft dann bei der Begriffsbildung besonders den Bereich der Übertragung
und Verallgemeinerung oder das grammatische Verständnis, da sich nicht jedes Wort
mit einem Bild verbinden lässt.
Ein gutes Beispiel ist der Erlebnisbericht des autistischen Schriftstellers Axel Brauns,
der als Jugendlicher „Geschichtenerzähler“ werden wollte, weil er annahm, in diesem
Beruf könne er den ganzen Tag „Schichten zählen“. „Schichten“ interpretierte er als
„Sandschichten“. Das Wort „Schichtenzähler“ konnte er mit Bedeutung füllen. Was
ein „Geschichtenerzähler“ ist, begriff er nur mühsam nach einiger Zeit. ( Vergl. Axel
Brauns, Buntschatten
und
Fledermäuse). Die
Folge
des durch
bildhaftes
Interpretieren erschwerten Begriffsverständnisses bei Schülern mit ASS kann eine
erschwerte verbale Kommunikation sein, die sich am besten mit „fragmentartiger
Konversation“ beschreiben ließe. Dies liegt auch daran, dass sie die verbalen
Äußerungen des Gegenübers zunächst mit einiger Mühe decodieren müssen und
somit zumeist nur zeitverzögert antworten können.
15
Manche Schüler mit ASS fallen dagegen auch durch extreme Gesprächigkeit auf und
machen so unter Umständen den Eindruck, im Bereich der verbalen Kommunikation
nicht unter Schwierigkeiten zu leiden. Zumeist wird jedoch schnell erkennbar, dass
der Schüler nicht unbedingt zuhörend und austauschend kommuniziert sondern eher
beharrlich seinem Mitteilungsbedürfnis über seine persönlichen Angelegenheiten
nachgehen möchte. Diese sprechfreudigen Schüler mit ASS fallen häufig durch
einen nicht altersgemäß förmlichen und bisweilen „abgehoben“ bis „altklug“
wirkenden Sprachgebrauch auf.
Auch daran kann der Lehrkraft deutlich werden, dass der Person mit ASS das
natürliche Sprachgefühl erschwert ist, weil er sich seine Kompetenzen hier eher
imitierend angeeignet hat, so dass ihm oft das Gespür für die situationsangemessene
Kommunikation fehlt. Ein gelassenes Gespräch ist betroffenen Menschen oft nicht
möglich, weil sie in der Kommunikation eher angestrengt nach dem möglichst präzise
passenden Ausdruck suchen. Dies sollte im Deutsch- und Sprachunterricht bedacht
werden,
da
hier oft
eine
Quelle für erhöhte
Schwierigkeiten
in
diesem
Unterrichtsbereich zu suchen ist.
Die Lehrkraft sollte deshalb:
-
sich möglichst präzise, klar und deutlich ausdrücken
-
Ironie vermeiden
-
Humorvolle Äußerungen stets erklären
-
eher kurze und direkte mündliche Ansprache wählen, Blickkontakt aber nicht
erzwingen.
(Dieser
Punkt
wird
in
Fachkreisen
kontrovers
diskutiert.
Verhaltenstherapeutische Programme verlangen zumeist den Aufbau von
Blickkontakt. Deshalb hier enge Absprache mit ATZ suchen, aber dennoch
dem eigenen Instinkt im Umgang folgen. Lehrkräfte sind nicht die Therapeuten
der Schülerinnen und Schüler mit ASS).
16
-
durch Visualisierung und Verschriftlichung für Transparenz sorgen
-
sich immer wieder der bildhaften Sprache des Schülers widmen und die
Sprachbilder erklärend vertiefen
-
den Wort- und Begriffsschatz an konkreten Satz- und Gesprächsbeispielen
immer wieder zu festigen und zu erweitern versuchen.
-
die Fähigkeit zur Abstraktion und Verallgemeinerung immer wieder durch
Anbieten möglicher Variationen eines Begriffs anbahnen und erweitern. (Ein
Kind mit ASS muss etwa zunächst erst erlernen, dass z.B. das Wort „Hund“
nicht nur den einen Hund bezeichnet, den es zuerst als solchen kennen lernte
und anhand dessen das Wort für es erste Bedeutung erlangte).
-
im Bedarfsfall Bilderaustauschprogramme zur Kommunikation nutzen (PECS,
Teacch Materialien oder eigene Materialien. Hier unbedingt mit ATZ
abstimmen und dem Schüler nicht Verwirrung durch unterschiedliche
Bildkartensysteme zumuten)
-
vor dem Einsatz einer bildlichen Darstellung unbedingt sicherstellen, ob die
Person mit ASS auch wirklich erkennen kann, was die Darstellung bedeuten
soll.
Der Lehrkraft muss bewusst sein und bleiben, dass auch lernstarke Schüler
mit ASS nicht unbedingt über das Abstraktionsniveau verfügen, von einer
bildlichen Darstellung eines Gegenstands, einer Arbeitsanweisung oder einer
sozialen Regel auf eine andere Darstellung schließen und den Inhalt als
identisch identifizieren zu können. Es wird häufig angenommen, die Person mit
ASS stelle sich nun absichtlich „dumm“ oder wolle einen veralbern. Dies trifft
nicht zu.
2.2.4. Ausgeprägte, mitunter multiple Wahrnehmungsproblematiken und
Zustände von Reizüberflutung bei Schülern mit ASS
17
Wesentliches
Merkmal
Wahrnehmungsleistungen
einer
aber
auch
autistischen
Schwierigkeiten,
Symptomatik
die
sich
sind
in
der
Reizwahrnehmung und Reizverarbeitung häufig signifikant unterscheiden von denen
nicht betroffener Menschen. Da die Lehrkraft dem autistischen Schüler dies nicht
ansehen kann, sollte es dennoch immer im Bewusstsein bei der Planung und
Durchführung von Unterricht bleiben und muss entsprechende Berücksichtigung
finden. Hilfreich ist die Befragung des betroffenen Schülers, wenn dies möglich ist,
um mit ihm heraus zu finden, wie er Lerninhalte besser aufnehmen oder
Unterrichtssituationen besser aushalten kann.
In der Regel leiden alle von Autismus betroffenen Menschen in der einen oder
anderen Form unter Zuständen von Reizüberflutung. Diese können sich in
Schweregrad und Ausprägung sowie ihrer Dauer erheblich unterscheiden. Die
Lehrkraft sollte sich bewusst sein, dass unvorgesehenes, bizarres oder sozial
unangemessenes Verhalten, plötzliche „Blackouts“, akute Verwirrungszustände
sowie plötzliche körperliche Missempfindungen bis hin zum zeitweiligen Verlust des
Gefühls für einzelne Körperteile (sog. „losing limb syndrome“) beim autistischen
Schüler ihre Ursache oft in solchen als „sensory overload“ bezeichneten Zuständen
haben. Hervorgerufen werden sie durch eine Überladung des Nervensystems mit
Außenreizen, die nicht mehr adäquat bewältigt werden können. Die Auslöser können
sehr individuell und unterschiedlich sein. Tritt Reizüberflutung ein, sollte die Lehrkraft
versuchen, dem autistischen Schüler Hilfsangebote zu verschaffen, um diesen
Zustand möglichst schnell wieder zu überwinden
Ein stiller Schüler mit ASS ist kein lediglich schüchterner oder gehemmter
neurotypischer Schüler. Ein Schüler mit ASS, der herausforderndes Verhalten
zeigt, ist ebenfalls kein neurotypischer schwieriger Schüler. Sowohl ein
unauffällig scheinender Schüler als auch ein sozial-emotional auffälliger
Schüler mit ASS hat seinen Autismus nicht abgelegt und bedarf weiterhin der
speziellen Berücksichtigung seiner Schwierigkeiten, damit er erfolgreich lernen
und sich persönlich weiter entwickeln kann.
18
2.2.5. Im Fall akuter Reizüberflutung („Sensory Overload“ genannt) sollte die
Lehrkraft:
-
zunächst selbst die Ruhe bewahren. „Sensory Overload“ kann sich sowohl in
sehr stillem Rückzug als auch in möglicherweise sehr lauten und auffälligen
Verhaltensweisen
bis
hin
zu
Wutausbrüchen
und
auto-
oder
fremdaggressivem Verhalten äußern. Allen Ausprägungen ist gemeinsam,
dass die betroffene Person zeitweilig aktiver Kommunikation nur noch sehr
eingeschränkt bis gar nicht mehr zugänglich sein kann und der Lehrkraft
inhaltlich dann auch nicht mehr folgen kann. Ist Reizüberflutung eingetreten,
muss nach individuellen Möglichkeiten der Überwindung gesucht werden
-
der betroffenen Person Angebote zum Abbau von sich aufbauenden
Spannungen und zur möglichen Verhinderung von Reizüberflutung bieten,
z.B. einen kleinen Gegenstand in die Tasche zu stecken, der mit der Hand
bewegt oder manipuliert werden kann. Manchen Schülern helfen hier
Wäscheklammern,
Krokodilklemmen
o.ä.
Manchmal
kann
eine
Reizüberflutung so noch verhindert werden. Hilfreich kann für den Schüler
auch das Kauen von Kaugummi sein. Ebenso hilfreich kann auch das Spiel
mit rotierenden Kreiseln oder JoJos, das Anbieten eines Prismas, das
Anbieten von rauen oder weichen Tastmaterialien etc. sein. Hier ist Phantasie
und die Bereitschaft zum Ausprobieren gefragt bei der Lehrkraft.
-
eventuell eine Sonnenbrille oder einen Gehörschutz anbieten können.
Einzelne Schüler akzeptieren dies gerne und empfinden es als hilfreich.
-
für räumliche Rückzugsmöglichkeiten sorgen können und der Schülern oder
dem Schüler ermöglichen, dort zu bleiben, bis es ihr oder ihm wieder besser
geht
-
Bedürfnisse nach Stereotypien in dem Rahmen zeitweilig zulassen, wie sie
nicht eigen- oder fremdgefährdend oder extrem störend für alle anderen
Personen im Klassen- oder Fachraum sind
19
-
der Person mit ASS außerhalb des Klassenraums in Begleitung durch eine
Integrationshilfe
oder
Lehrkraft
Bewegungsmöglichkeiten
wie
Drehen,
Schaukeln, Laufen etc. ermöglichen. Dabei ist zu bedenken, dass eine
Weglauftendenz bestehen kann, so dass sichergestellt sein muss, dass das
Schulgelände nicht unbeaufsichtigt verlassen können wird.
-
möglicherweise den Nachteilsausgleich nutzen und in Absprache mit den
Eltern den Schultag für die betroffene Person früher beenden. Hier ist
besondere Sensibilität gefordert, da ein Unterbrechen der gewohnten
Unterrichtsroutine auch bez. der Unterrichtszeiten ebenfalls zu
weiterer
nervlicher Überlastung bei der betroffenen Person führen kann, die unter
Umständen nicht eher gehen möchte.
-
flexibel immer wieder zu ermitteln versuchen, was dem betroffenen Schüler
oder der Schülerin bei Reizüberflutung individuell am besten hilft und was sich
davon im Schulalltag am ehesten verwirklichen lässt. Hier sind die Eltern oder
sogar die betroffene Person selbst die wichtigste- Partner in der Planung der
Fördermaßnahmen.
-
Wenn es möglich ist, sollte die Lehrkraft auch mit dem Schüler selbst
gemeinsam durch Befragung aber auch Beobachtung heraus zu finden
versuchen, welcher seiner Sinne (womöglich mehrere) besonders anfällig für
Überladung scheint. Diese besonders belastenden Sinnesanforderungen
sollten dann nach Möglichkeit generell minimiert werden.
Wie jeder andere Mensch ist auch ein autistischer Schüler in erster Linie eine
individuelle Persönlichkeit. Die Auslöser für Reizüberflutung können deshalb
so individuell sein, wie es die Hilfsangebote durch die Lehrkraft sein müssen,
damit die betroffenen Schüler diese Zustände möglichst schnell überwinden
können.
20
2.3. Bereiche der Wahrnehmung, die bezüglich der erfolgreichen Beschulung
von Kindern und Jugendlichen mit ASS besondere Beachtung verlangen
Folgende Besonderheiten im Bereich der Wahrnehmung treffen nicht für alle, aber für
viele Schüler mit ASS zu und sollten entsprechend bedacht und gegebenenfalls
berücksichtigt werden bei der Förderung:
2.3.1. Erschwerte auditive Wahrnehmung
Auch in Zusammenhang mit dem vorgenannten Denken in Bildern fällt es Autisten oft
schwer,
dem
gesprochenen
Wort
inhaltlich
zu
folgen,
da
der
Entschlüsselungsprozess der Begrifflichkeit und die Umsetzung in Bilder ihnen kaum
Zeit lässt, dem Gesprochenen Sinn zu entnehmen. Dies ist auch einer der
wichtigsten Gründe für die erschwerte erfolgreiche Kommunikation mit dem nicht
autistischen Gegenüber. Ebenfalls mag hier ein Grund dafür liegen, dass selbst des
Lesens kundige Schüler mit Autismus nicht unbedingt gut laut lesen können oder den
Inhalt des Vorgelesenen nicht oder nur mangelhaft wiedergeben können.
Hilfreich ist hier, möglichst viel Visualisierung durch folgende Maßnahmen der
Lehrkraft zu ermöglichen:
-
Schüler,
die
lesen
können,
sollten
stets
auch
verschriftlichte
Arbeitsanweisungen und Erläuterungen erhalten.
-
Bei Schülern, die nicht lesen oder nicht aktiv verbal kommunizieren können
oder wollen, sollten Fotos, Bildkarten und Piktogramme, später auch
Zeichensysteme genutzt werden. Bei Schülern mit ASS muss hier besonders
auf Authentizität, Wiedererkennbarkeit und Identifikation geachtet werden. Von
ASS betroffene Menschen müssen das Abstrahieren erst erlernen. Die
Darstellung sollte also so konkret wie möglich sein. (Siehe dazu auch Punkt
2.2.3 des Autismuskonzepts der Herbartschule).
21
-
Vorzulesende Texte sollten von ASS betroffenen Schülern möglichst zum
Mitlesen zur Verfügung gestellt werden. Mitunter haben sich auch sehr junge
autistische Schüler bereits selbst unbemerkt das Lesen beigebracht und
können so von Verschriftlichung ebenfalls profitieren, selbst wenn die
Lehrkraft nicht unbemerkt zuvor bemerkt haben muss, dass der Schüler
bereits Lesefähigkeiten besitzt.
-
Die
Möglichkeit
zur
bildlichen
oder
schriftlichen
Rückmeldung
und
Kommunikation sollte immer wieder angeboten und angeregt werden. Sie
sollte auch im akuten Fall akzeptiert werden, selbst wenn die Person mit ASS
über Lautsprache verfügt.
-
Diktate zur schriftlichen Leistungsüberprüfung sollten gegebenenfalls ersetzt
werden durch alternative Leistungsabforderung. Häufig sind autistische
Schüler sowohl zeitlich wie vom akustischen Verständnis stark überfordert mit
Diktaten.
-
Ablenkung wie leise Musik im Klassenraum sollte zumeist eher vermieden
werden um auditive Reizüberflutung zu vermeiden.
Es sollte bedacht werden, dass offene Unterrichtsformen und die damit
möglicherweise verbundene Unruhe im Klassenraum für Schüler mit ASS die
erfolgreiche Teilnahme am Unterrichtsgeschehen zusätzlich erschweren und
verhindern können. Sie bedürfen klarer Vorgaben und durchschaubarer
verbindlicher Arbeitsaufträge sowie einer ruhigen und durchschaubaren
Arbeitssituation.
eigenständiges
Kreativität
fordernde
Management
von
Arbeitsaufträge
anzugehen
Aufgabenbewältigung
oder
oder
Materialverwahrung ist ein überdurchschnittlich häufig problematischer Punkt
bei Schülerinnen und Schülern mit ASS!
2.3.2. Erschwerte Körper- und Selbstwahrnehmung bei von Autismus
betroffenen Schülern
22
Die meisten von ASS betroffenen Menschen zeigen eine erschwerte Körper- und
Selbstwahrnehmung. Ihr Empfinden und auch Missempfinden kann sich hier
erheblich von dem nicht betroffener Menschen unterscheiden. Dies kann sich auf die
erfolgreiche Teilnahme am Unterricht erheblich auswirken und sollte von der
Lehrkraft bedacht und berücksichtigt werden. Wichtig ist dies in Unterrichtsbereichen,
in denen es durch das mangelnde Körperempfinden, das oftmals mit mangelndem
Gefahrenbewusstsein gekoppelt ist, zu Gefahrensituationen kommen kann. Dies
betrifft etwa:
-
den Sportunterricht
-
den Werkunterricht
-
den Hauswirtschaftsunterricht
-
den Unterricht in Verkehrserziehung
-
den naturwissenschaftlichen Unterricht
-
Pausensituationen in Pausenhallen oder auf dem Schulhof
-
die Teilnahme an Unterrichtsgängen, Ausflügen und Klassenfahrten
Die Lehrkraft sollte hier im Problemfall nach gründlicher Abwägung und fachlicher
Rücksprache mit dem zuständigen ATZ immer auch erwägen, Nachteilsausgleiche
zu nutzen und die Schülerin oder den Schüler zeitweilig oder längerfristig von
bestimmten Unterrichtsfächern oder Unterrichtssequenzen zu befreien. Ziel sollte
dabei aber immer die Sensible Reflexion bleiben, ob und wie die Teilnahme wieder
ermöglicht werden kann.
Ist es erkennbar nicht sinnvoll, zu belastend für den Menschen mit ASS oder
eine die gesamte Beschulung gefährdende Inklusionsbemühung, einen
Menschen mit ASS wieder in den Fachunterricht zu integrieren, sollte lieber
23
längerfristig oder ganz darauf verzichtet werden. Hier sollten sich die Schule in
der Beurteilung unbedingt an fachlichen Rat halten.
3. Besonderheiten und Schwierigkeiten im sozial-emotionalen Bereich, die
bezüglich der Beschulung von Personen mit ASS besonders beachtet werden
sollten:
Folgende Besonderheiten oder Schwierigkeiten im Bereich der Kommunikation und
des sozialen Kontaktverhaltens können auftreten und bedürfen dann entsprechender
Rücksichtnahme und Beachtung, damit der Lern- und Entwicklungsprozess besser
gelingen kann:
3.1. Schwierigkeiten im Kontaktverhalten zu anderen Menschen:
Viele von Autismus betroffene Menschen haben Schwierigkeiten, Blickkontakt oder
Körperkontakt zu anderen Personen aufzunehmen oder auszuhalten. Auch auf
direkte Ansprache können viele autistische Menschen nicht ohne Schwierigkeiten
reagieren. Zumeist wirken sie dann bedrängt bis verschreckt und können sich nicht
adäquat artikulieren in der Situation. Manche von ihnen empfinden körperliche
Berührungen als beunruhigend, beängstigend oder sogar als schmerzhaft.
Es gibt dagegen auch nicht wenige Kinder mit einer autistischen Symptomatik, die
sich sogar eher körperlich und verbal distanzlos ihren Mitmenschen gegenüber
verhalten können. Hier muss es der Lehrkraft wieder gelingen, das eigene Bedürfnis
nach Abstand erklärend einzufordern.
In der Unterrichtssituation sollte die Lehrkraft daher auf Folgendes achten:
-
soziale Regeln sollten immer wieder erläuternd an den autistischen Schüler
herangetragen und auch eingefordert werden werden.
24
-
das
Bedürfnis
des
Schülers
nach
Abstand
sollte
respektiert
und
Rückzugsmöglichkeiten ermöglicht werden.
-
auch das eigene Bedürfnis nach Abstand sollte deutlich erklärt und
eingefordert werden
-
Blickkontakt oder Körperkontakt sollte möglichst nicht eingefordert werden
-
Die Lehrkraft sollte sich zunächst selbst bemühen, sich im Kontakt mit dem
betroffenen Schüler eher passiv zu verhalten und den Schüler das Maß an
erträglicher Nähe selbst bestimmen zu lassen. Aufforderungen wie „Sieh`mich
an, wenn ich mit dir spreche!“ oder auch das Gratulieren mit Handschlag zum
Geburtstag können für manche autistische Schüler eine erhebliche Zumutung
bedeuten und durchaus zu akuten Anfällen von Reizüberflutung führen. Dies
sollte auch den nicht betroffenen Mitschülern erklärt werden, damit sie
Verständnis dafür entwickeln können, dass ein autistischer Mitschüler
unverhofft und unvorhergesehen auf ungestüme Kontaktaufnahme reagieren
kann.
-
die Sitzordnung sollte dem Schüler die Freiheit geben können, die Lehrkraft
nicht direkt ansehen zu müssen
-
im Unterrichtsgespräch kann es sinnvoll sein, den autistischen Schüler nicht
direkt anzusprechen und seine Zwischenrufe ggf. anfänglich zu tolerieren, falls
es ihm nicht gelingt, sich an die Klassenregel des Meldens zu halten.
Autistische Menschen erlernen soziales Verhalten im Regelfall nicht intuitiv
und müssen es sich hart erarbeiten. Auch in diesem Bereich muss sich die
Lehrkraft darüber im Klaren sein, dass sie als Rollenmodell zu den Personen
im Leben des autistischen Schülers gehört, an deren Verhalten er sich
orientieren kann.
25
3.2. Mangelhafte Fähigkeit, Gestik, Mimik und Körpersprache des Gegenübers
zu deuten beim autistischen Schüler
Vergesellschaftet mit der weiter oben beschriebenen Schwierigkeit, „Theory of mind“
zu entwickeln und das Verhalten anderer Menschen zu schlussfolgern, vorher zu
vermuten oder sich in das Gegenüber hinein zu versetzen ist beim Schüler mit ASS
oft die Erschwernis, Mimik, Gestik und Körpersprache des Mitmenschen zu deuten
zu beobachten. Häufig findet sich auch ein erschwertes Wiedererkennen selbst von
bekannten oder vertrauten Personen, sog. Gesichtsblindheit oder „Prosopagnosie“.
Viele autistische Menschen identifizieren oder merken sich ihre Mitmenschen eher
über markante Besonderheiten oder Einzelheiten. Verändern sich diese, etwa die
Frisur, kann es auch passieren, dass eine Person nicht gleich wieder erkannt wird.
Diese Schwierigkeit kann sich erheblich auf das Sozialverhalten und auch auf die
Integration des autistischen Schülers in die Gemeinschaft mit nicht betroffenen
Mitschülern auswirken. Schüler mit ASS können Konfliktpotential unter Umständen
schlecht erkennen, verstehen oder vermeiden. Auch die Reaktion der Lehrkraft oder
anderer Schüler auf ihr eigenes Verhalten können sie mitunter nicht frühzeitig oder
auch gar nicht adäquat deuten. Entsprechend fällt es ihnen dann auch ungleich
schwerer, soziale Kompetenzen zu erwerben und zu erweitern. Mitunter entwickeln
sich auch Mobbing.-Tendenzen der Mitschüler gegenüber Schülern mit ASS, da
diese sich durch ihr
skurril anmutendes Verhalten schnell zu Außenseitern
entwickeln, ohne die Gründe dafür durchschauen und selbstständig verändern zu
können. Sie lassen sich zudem auch meist leicht ausnutzen. Hier muss die Lehrkraft
besonders darauf achten, entsprechende Tendenzen frühzeitig zu erkennen und zu
unterbinden.
Wichtig ist deshalb für die Lehrkraft:
-
immer wieder im Kontakt mit dem autistischen Schüler die eigene
Befindlichkeit in einer Situation zu erklären und zu erläutern
-
den anderen Mitschülern das Verhalten des Schülers mit ASS zu erklären und
zu vermitteln, ohne ihn zu sehr in eine Sonderposition zu stellen
26
-
immer wieder wenn möglich auch den Schüler mit ASS aufzufordern, seine
eigene Befindlichkeit zu reflektieren, zu erspüren und zu beschreiben
-
Unterrichtsbezogen anhand von Bildkarten, Zeichnungen, Piktogrammen,
später auch Fotos das Deuten und Interpretieren von Mimik, Gestik und
Körpersprache zu üben. Die Lehrkraft sollte in diesem Fall allerdings nicht
unbedingt zuerst anhand von Fotomaterial vorgehen, da selbst der
Blickkontakt mit fotografierten Gesichtern für manche Autisten zunächst
Überforderung bedeutet. Hilfreich können aber klare, plakative bildhafte
Darstellungen in Form von Zeichnungen und Piktogrammen sein. Ganz klar
muss in diesem Bereich aber eng mit den betreuenden Therapeuten des
Schülers mit ASS zusammen gearbeitet werden.
-
im Konfliktfall sollte immer wieder erklärend auf die Situation eingegangen und
die Reaktion des Gegenüber erläutert werden, damit der autistische Schüler
Interpretationsstrategien erlernen kann, wo ihm der intuitive Zugang erschwert
ist, andererseits aber auch die Mitschüler mehr Verständnis entwickeln
können.
3.2. Gestörte Körper- und Selbstwahrnehmung wie mangelndes oder fehlendes
Hunger-
und
Durstempfinden,
eingeschränktes
oder
fehlendes
Gefahrenbewusstsein, gestörtes oder fehlendes Schmerzempfinden und
Temperaturempfinden bei autistischen Schülern
Oftmals ist das Körper- und Selbstempfinden von Menschen mit ASS in einem bis
mehreren, manchmal in allen der genannten Bereiche gestört. Auch dies sollte
fächerübergreifend durch die Lehrkraft bedacht werden, um den Unterricht für
betroffene Schüler möglichst erfolgversprechend gestalten zu können.
27
3.2.1. Folgende Besonderheiten in der Körper- und Selbstwahrnehmung bei
ASS sollten der Lehrkraft bekannt gemacht werden und bewusst bleiben:
-
Gestörtes Hunger- und Durstgefühl kann dazu führen, dass autistische
Schüler an regelmäßige Zufuhr von Nahrung oder Flüssigkeit auch im
Schulalltag erinnert werden müssen. Wenn betroffene Schüler sich plötzlich
unvorhergesehen verhalten oder auch Kreislaufprobleme zeigen, kann
durchaus nicht selten Unterzuckerung vorliegen, weil das Essen vergessen
wurde.
-
Viele autistische Menschen sind sehr eigen in der Akzeptanz von
ungewohnter Nahrung. Dies sollte z.B. im hauswirtschaftlichen Unterricht
akzeptierend bedacht und der betroffene Schüler nicht überfordert werden.
Häufig ist ein ebenso gestörtes Sättigungsverhalten zu beobachten. Hier muss
dem
Schüler
dann
von
außen
vermittelt
werden,
wann
er
die
Nahrungsaufnahme lieber beenden sollte, damit ihm nicht übel wird.
-
Mangelndes Schmerz-, Temperatur- und Gefahrenempfinden ist zu bedenken
in allen Unterrichtsbereichen, in denen Schüler sich verletzen können, also
bevorzugt
im
handwerklichen,
hauswirtschaftlichen,
textilen
und
gestalterischen Unterricht sowie im Sport- und Schwimmunterricht. Autistische
Schüler neigen verstärkt dazu, sich im Hauswirtschaftsunterricht zu verbrühen
beim Essen, da sie mitunter erst lernen müssen, zu heißes Essen zu
erkennen am aufsteigenden Dampf oder heiße Bleche und Töpfe nicht mit
bloßen Händen zu berühren.
-
Körperliche Verausgabung wird ebenfalls häufig nicht intuitiv wahrgenommen
und muss von der Lehrkraft bewusst erklärend mit gesteuert werden. Bei
Unterrichtsgängen
ist
besonders
im
Straßenverkehr
oft
erhöhte
Aufmerksamkeit und Beaufsichtigung durch die Lehrkraft erforderlich.
-
Wettergerechte Kleidung in Pausensituationen und bei Unterrichtsgängen
muss zumeist immer wieder thematisiert werden. Verletzungs- oder
Krankheitssymptome wird ein von Autismus betroffener Schüler zumeist nicht
28
von sich aus äußern. Die Lehrkraft sollte deshalb hier stets besonders
aufmerksam
sein
und
Erziehungsberechtigten
auch
engen
Kontakt
zu
den
Eltern,
und Betreuern des Kindes suchen. Es ist davon
auszugehen, dass ein autistischer Schüler nicht unbedingt von sich aus zu
Hause erzählt, wenn er sich in der Schule nicht wohl fühlte und umgekehrt.
4. Sonderbegabungen und spezielle Interessen bei Schülern mit Autismus,
sog. „Savant“-Autismus.
Das Bild der Öffentlichkeit von Menschen mit ASS ist zumeist geprägt von Berichten
über Autisten mit außergewöhnlichen so genannten „Savant“-Fähigkeiten zum
Beispiel im Bereich der Gedächtnisleistungen oder im Bereich der Mathematik. Fast
jeder kennt den Film „Rainman“ und hält die dargestellte Ausprägung des Autismus
für typisch. Dies trifft jedoch durchaus nicht auf alle Menschen mit ASS zu. Es
handelt sich hier tatsächlich eher um Einzelfälle. Zumeist findet sich bei autistischen
Schülern bezüglich ihrer kognitiven Fähigkeiten kein signifikanter Unterschied zu
nicht betroffenen Schülern. Sie haben es aber bei normaler oder besonderer
kognitiver Begabung ungleich schwerer, ihre Fähigkeiten der Umwelt erkennbar
werden zu lassen.
Für Lehrkräfte, die autistische Schüler unterrichten, bedeutet dies oft ein erhöhtes
Maß an Aufmerksamkeit und der Suche nach individuellen Vermittlungsformen für
den Unterrichtsstoff, damit auch die autistischen Schüler Erfolg versprechend
teilnehmen können.
Liegen bei einem Schüler mit ASS besondere Interessensschwerpunkte oder
Sonderbegabungen vor, so kann dies oft eine erste Möglichkeit sein, seine
Lernzugangsvoraussetzungen zu erweitern und seine Aufmerksamkeit auch auf
andere Unterrichtsschwerpunkte zu erweitern. Es kann auch das Verständnis und die
Akzeptanz der nicht betroffenen Mitschüler für Schüler mit ASS erhöhen, wenn seine
Talente
und
sein
Spezialwissen
gewürdigt
und
etwa
als
unterstützende
Informationsquelle im Unterricht gewürdigt werden können. Zu vermeiden ist dabei
aber, diesem Aspekt zu große Aufmerksamkeit im Unterricht zu widmen, damit der
29
betroffene Schüler es zunehmend zu akzeptieren lernt, dass er sich auch anderen
Unterrichtsinhalten übend zuwenden muss.
5. Integrationshilfen als Unterrichtsbegleitung für Schülerinnen und Schüler
mit ASS
Viele Schülerinnen und Schüler mit ASS könne im Regelschulsystem oder im
Lernhilfebereich nicht erfolgreich beschult werden, wenn sie nicht durch eine
Integrationshilfe
in
allen
möglichst
allen
Unterrichtsstunden
und
je
nach
Notwendigkeit auch in der Pausensituation unterstützt und begleitet werden.
Für Schüler und Schülerinnen mit einem Asperger-Syndrom wird die Integrationshilfe
in Wilhelmshaven über das Jugendamt gewährt.
Für Schülerinnen und Schüler mit frühkindlichem High-Functioning Autismus oder
atypischem Autismus wird die Integrationshilfe über die Eingliederungshilfe gewährt.
Die Integrationshilfen sollten über Erfahrung im Umgang mit Kindern und
Jugendlichen mit ASS verfügen. Sie sollten sich praktisch wie auch theoretisch mit
der Problematik und den besonderen Förderbedürfnissen autistischer Schüler
auseinander setzen und in der Lage sein, sich auf die anspruchsvolle Unterrichtsund Pausenbegleitung einlassen zu können.
Im Unterricht sind die Integrationshelferinnen eine unerlässliche Unterstützung
sowohl für die Schüler wie auch für die Lehrkraft in der Unterrichtung des Kindes.
Obwohl sie nicht eigenständig unterrichten, fördern oder planen, sind sie doch
wichtige Förderpartner, ohne die wir Schülerinnen und Schüler mit ASS oftmals nicht
bei uns beschulen könnten. Dies gilt besonders auch für die Schüler, deren
Beschulung wir im Regelschulbereich mit begleiten.
6. Schlussbemerkung:
30
Der Unterricht für Schüler mit Symptomen aus dem Bereich der autistischen
Spektrumsstörungen stellt sowohl für die unterrichtenden Lehrkräfte wie auch für die
betroffenen Kinder selbst eine Herausforderung dar und bedarf immer wieder
gezielter Überlegung und Planung, damit Lernerfolge optimal ermöglicht werden
können.
Unerlässlich ist der Informationsaustausch mit allen Kollegen der Schule. Auch die
nicht in der Klasse des betroffenen Kindes unterrichtenden Lehrkräfte sollten etwa
Bescheid wissen über besondere Auffälligkeiten und Besonderheiten im Verhalten
des Schülers, damit sie in Vertretungs- und Aufsichtssituationen adäquat reagieren
können (wenn etwa eine Neigung zum Weglaufen besteht oder der Schüler sich
unvertrauten Erwachsenen gegenüber nicht artikulieren kann oder möchte). Eine
erfolgreiche
Beschulung
bedingt
ebenfalls
die
enge
Zusammenarbeit
mit
außerschulischen Institutionen und Therapeuten sowie verlässliche Elternarbeit.
Die adäquate und möglichst Erfolg versprechende Beschulung von Schülern mit ASS
gewinnt mit wachsenden Erkenntnissen über Ursachen und Erscheinungsformen des
Autismus zunehmend an Bedeutung. Auch die Lehrkräfte der Herbartschule sehen
hier einen Förderschwerpunkt, der auch künftig noch weiter ausgebaut werden wird.
Das oben kurz umrissene Unterrichtskonzept für autistische Schüler ist deshalb als
flexibles, im Wachsen begriffenes Konstrukt anzusehen.
Stand 2011
10. Hilfreiche weiterführende Literatur für den Unterricht mit autistischen
Schülern. Eine Auswahl.
-
Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der
Bundesrepublik Deutschland: Empfehlungen zu Erziehung und Unterricht von
Kindern und Jugendlichen mit autistischem Verhalten. Beschluss der
Kultusministerkonferenz vom 16.06.2000
-
Niedersächsische Landesschulbehörde, Internetportal: Autismus und Schule,
-
Autismus Deutschland e.V. Asperger-Syndrom- Strategien und Tipps für den
Unterricht. Eine Handreichung für Lehrer
31
-
Autismus
Deutschland
e.V.
Asperger-Syndrom-
Schulbegleitung
für
Schülerinnen und Schüler mit Asperger-Syndrom
-
Autismus Mittelfranken e.V. , Autismus und Schule
-
Autismus. Zeitschrift des Bundesverbandes „Autismus Deutschland e.V.“
-
Dr.
Peter
Schmidt:
Was
eine
autistenfreundliche
Schule
braucht,
Tagungsbericht Autismus-Tagung: „Neue Wege durch die Schule“, ev.
Akademie Bad Boll, 06.Juli 2010
-
Dr. Brita Schirmer: „Die Lehrer hörte ich nur selten…“(Aufsatz)
-
Dr. Brita Schirmer: Schulratgeber Autismus-Spektrum Störungen. Ein
Leitfaden für LehrerInnen, Trias Verlag
-
Dr. Brita Schirmer: Elternleitfaden Autismus, Trias Verlag
-
Nicole Schuster: Asperger-Syndrom und Lernen. Probleme und geeignete
Hilfen in der Schule und in der Ausbildung (Aufsatz)
-
Nicole Schuster: Schüler mit Autismus-Spektrum-Störungen, Kohlhammer
Verlag
-
Nicole Schuster: Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing. Kohlhammer Verlag
-
Nicole Schuster: Colines Welt hat tausend Rätsel , Kohlhammer Verlag
-
Vera Bernhard-Opitz: Praktische Hilfen für Kinder mit Autismus, Kohlhammer
Verlag
-
Remschmidt/ Kamp-Becker: Asperger-Syndrom, Springer Verlag
-
Simple Steps, CD-Rom
32
-
David Tammet: Wolkenspringer, Padmos Verlag
-
Oliver Sacks: Eine Anthropologin auf dem Mars, Fischer Verlag
-
Oliver Sacks: The man who mistook his wife for a hat

(Deutsch: Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte,
Fischer Verlag)

-
Donna Williams: Nobody nowhere

(Deutsch: Ich könnte verschwinden, wenn du mich berührst,
Knaur Verlag)
-
Donna Williams: Somebody somewhere
-
Temple Grandin: Thinking in pictures, Bloomsbury Verlag
-
Temple Grandin: Ich bin die Anthropologin auf dem Mars, Fischer Verlag
-
Edgar Schneider: Discovering my autism
-
Axel Brauns: Buntschatten und Fledermäuse, Goldmann Verlag
-
Kamran Nazeer: Send in the idiots, Bloomsbury Verlag
-
Simon Baron-Cohen: Is Aspergers`s syndrome / high-functioning autism
necessarily a disability? (Aufsatz)
-
Simon Baron-Cohen: Synaeshesia (Aufsatz)
-
Simon Baron-Cohen: The essential difference:Male and female brain and the
truth about autism. (Deutsch: Männer denken anders. Frauen auch, Heyne
Verlag)
33
-
Temple Grandin: My Experiences with Visual Thinking Sensory Problems and
Communication Difficulties (Aufsatz)
Einige ausführlichere Literatur- und Materiallisten befinden sich im Ordner “Autismus
und Schule.“
Nele Stark, Friederike Wadehn-Remmers, Stand 2011
Copyright Teil 2 : F.Wadehn-Remmers 2011
Herunterladen