Die Wahrheit des Christentums

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Pressezentrum
Dokument:
Sperrfrist:
Freitag, 15. Juni 2001; 15:00 Uhr
Programmbereich:
Themenbereich 1: In Vielfalt glauben
Veranstaltung:
Arbeitsgruppe
Christentum und Wahrheit
Referent/in:
Prof. Dr. Eberhard Jüngel, Tübingen
Ort:
Messe, Halle 6.1, Ludwig-Erhard-Anlage 1 (Innenstadt)
1/019 CO
Die Wahrheit des Christentums
Wahrheit macht die Welt heller, sie bringt Licht in unser Leben – jedenfalls diejenige
Wahrheit, von der die Bibel redet. Das Wahre ist hier das, was offenkundig und in seiner
Offenkundigkeit unbedingt verlässlich ist: so sehr, dass man sich darauf einlassen kann, so
sehr, dass man Amen dazu sagen kann. Das hebräische Wort für Wahrheit und das
hebräische Wort Amen haben dieselbe sprachliche Wurzel.
Wahrheit ist im biblischen Kontext also etwas gänzlich anderes als das, was wir Richtigkeit
zu nennen pflegen. Sie ist auch nicht einfach identisch mit dem, was die
Erkenntnistheoretiker älteren und neueren Datums unter Wahrheit verstehen: nämlich die
Übereinstimmung einer Erkenntnis oder eines diese Erkenntnis formulierenden Satzes mit
dem Erkenntnisgegenstand, oder eine Übereinkunft von Menschen hinsichtlich ihrer
Aussagen über Sachverhalte, oder eine Kombination von beidem oder sonst etwas. In der
Bibel hat Wahrheit etwas mit Herrlichkeit zu tun, genauer mit der Herrlichkeit Gottes und
ihrer Anwesenheit in dieser Welt. Und da die Anwesenheit der Herrlichkeit Gottes in dieser
Welt alles andere als selbstverständlich ist (Gott muss ja eigens zur Welt kommen, um in ihr
anwesend zu sein), bedeutet Wahrheit im biblischen Sinne immer eine elementare
Unterbrechung unseres Lebenszusammenhanges: allerdings nicht um unser Leben durch
solche elementare Unterbrechung zu zerbrechen oder auch nur zu schädigen. Wahrheit
ereignet sich vielmehr, um unserem Leben zugute zu kommen. Denn der Mensch lebt von
der Wahrheit. Mehr noch: die Wahrheit steigert die Lebendigkeit des menschlichen Lebens.
Ohne Wahrheit wird das Leben schlaff.
Werden wir konkret! Lassen Sie mich anknüpfen an die Tanzeinlagen, die die
Kirchentagsregie uns verordnet hat – wohl aus Angst, ein Forum über die Wahrheit könne zu
abstrakt werden und das bunte Leben des Kirchentages mit dem Grau in Grau von
Wahrheitstheorien überziehen. Doch die Wahrheit des Glaubens ist alles andere als grau in
grau. Sie bringt Farbe und Bewegung in unser Leben. Ich möchte das an einem
alttestamentlichen Tanz verdeutlichen: an einem Tanz, den die Wahrheit in Gang gesetzt
hat.
Im alten Israel war die sog. Bundeslade der Ort der Anwesenheit der Herrlichkeit Gottes. Wo
immer die Lade ist, da ist Gott in seiner Herrlichkeit offenkundig, da ist er präsent. Und wo
Gottes Herrlichkeit gegenwärtig, wo sie zugänglich wird, da ereignet sich Wahrheit, da wird
das alltägliche Leben so elementar unterbrochen, dass seine Lebendigkeit eine Steigerung
erfährt. Kein Wunder also, dass man die Bundeslade in seiner Nähe haben wollte!
Es gilt das gesprochene Wort.
Veröffentlichung nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.
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Von daher wird eine der seltsamsten Geschichten des Alten Testaments verständlich. Als es
nämlich dem König David gelang, diese – in fremde Hände geratene –Lade heimzuholen
nach Jerusalem, da fing er an zu tanzen: „Und David tanzte mit aller Macht vor dem Herrn
her“ – so sehr, dass die ganze königliche Kleiderordnung durcheinander kam und der
tanzende königliche Leib mehr entblößt als verhüllt war. Seine peinlich berührte Ehefrau,
Michal, die Tochter Sauls, empfand das als Selbsterniedrigung der königlichen Majestät. Sie
intervenierte. Doch David entschuldigte sich nicht, er gab nicht nach, sondern tanzte
potenziert weiter und entgegnete seiner Frau: „Ja, tanzen will ich vor dem Herrn! ... Vor dem
Herrn will ich springen und will tanzen vor ihm und mich erniedrigen mehr noch als diesmal“
(2.Sam 6).
Eine korybantische Szene! Aber eine Szene, die der Wahrheit würdig ist! Denn im Tanz
steigert sich unser Lebensgefühl. Tanzend schwingen wir über uns hinaus. Und genau das
widerfährt uns, wenn das Leben zu seiner Wahrheit kommt. Das geschieht zumindest, wenn
der Glaube zu seiner Wahrheit kommt. Dann wird unser Leben so elementar unterbrochen,
dass wir außer uns geraten. Dann wird unser Leben – im besten Sinne des Wortes –
ekstatisch.
Im Neuen Testament wird derselbe Sachverhalt vor allem in Metaphern des Lichtes
ausgedrückt. Denn Wahrheit ist – mit Martin Heidegger formuliert – ein Lichtungsgeschehen,
das in die herrschende Finsternis einbricht. Wenn es wahr wird, wird es hell. Wenn sich
Wahrheit ereignet, dann geht uns ein Licht auf, und zwar nicht nur im Intellekt, sondern auch
im Herzen, das nach biblischem Verständnis das Zentrum der menschlichen Existenz ist.
Und in diesem Licht sieht nicht nur das eigene Leben, da sieht die Welt anders aus. Wenn
Wahrheit wirklich wird, dann widerfährt dieser Welt Aufklärung.
Der christliche Glaube lebt von einer solchen durch Wahrheit bewirkten Aufklärung. Sie hat
mit dem, was man sonst Aufklärung nennt, viel gemeinsam, ist aber gleichwohl von der sog.
ersten und der sog. zweiten Aufklärung der Neuzeit, ja selbst von der antiken Aufklärung
kategorial unterschieden.
Mit der antiken Aufklärung der griechischen Philosophie verband das entstehende
Christentum allerdings sehr viel mehr als mit der damaligen sog. mythischen Theologie und
mit der damaligen sog. politischen Theologie. Denn die sog. natürliche Theologie, die
Anwältin der antiken vorchristlichen Aufklärung, bestand gegenüber der sog. mythischen und
der sog. politischen Theologie unbedingt auf Wahrheit. Was war der Anknüpfungspunkt für
den christlichen Glauben, das war der Grund, warum das entstehende Christentum sich sehr
viel eher und sehr viel besser mit der Aufklärung versprechenden philosophischen Theologie
als mit der sog. mythischen und mit der sog. politischen Theologie als mit der sog.
mythischen und mit der sog. politischen Theologie verständigen konnte. Fragten die
Philosophen doch nach dem, was in Wahrheit göttlich ist und was in Wahrheit Gott genannt
zu werden verdient, während die Mythendichter und die Autoritäten der Polis Gottheiten
erfanden oder durch Gesetz verordneten. Und dennoch besteht zwischen dem Gott der
Philosophen und dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, besteht zwischen der im Lichte
der Vernunft zu entdeckenden Wahrheit und der Wahrheit des Glaubens eine tiefgreifende
Differenz.
Denn die Wahrheit, der sich der christliche Glaube verdankt, ist konkret und trägt einen
Namen. Im Johannesevangelium (14,6) wird die Wahrheit sogar mit einer Person regelrecht
identifiziert: Ich bin der Weg und die Wahrheit ... behauptet der johanneische Christus.
So kann die Philosophie nicht von der Wahrheit reden. Ja so darf sie vermutlich gar nicht von
der Wahrheit reden. Es gibt zwar eine ganze Reihe von philosophischen Wahrheitstheorien.
Doch mir ist keine bekannt, in der die Wahrheit mit einer Person identifiziert wird. Selbst in
dem dem theologischen Wahrheitsbegriff ungewöhnlich nahe kommenden Versuch Martin
Es gilt das gesprochene Wort.
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Heideggers, das Wesen der Wahrheit zu bestimmen, ist dies ausgeschlossen, dass das
Wesen der Wahrheit mit dem Sein einer Person identisch sein könnte. Und für Heidegger gilt
denn auch eher, dass die Freiheit wahrmacht, als dass die Wahrheit freimacht.
Paulus hat diese Wahrheit ebenfalls als eine konkrete Wahrheit gekennzeichnet, als er sie
„die Wahrheit des Evangeliums“ nannte (Gal 2,5.14). Die Wahrheit des Evangeliums – das
ist die Wahrheit des Christentums. Und alles, was ihr widerspricht in unseren Kirchen und im
sog. christlichen Leben – das ist verlogenes Christentum.
Doch was bewirkt die Wahrheit des Evangeliums? An welchen Wirkungen kann ich
erkennen, wo im Christentum und vielleicht auch außerhalb desselben sich Wahrheit
ereignet und wo das Christentum verstellt oder gar umgelogen wird?
Das Johannesevangelium gibt eine ebenso klare wie einfache Antwort. „Ihr werdet die
Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird Euch frei machen“ heißt es dort (Joh. 8,32).
Freiheit ist also das christliche Wahrheitskriterium. Was nicht befreit, ist auch nicht wahr. Und
was nicht wahr ist, kann auch nicht befreien.
Auf Befreiung ist allerdings nur angewiesen, wer selber unfrei ist und sich selber auch nicht
zu befreien vermag. Das Christentum kennt nicht nur eine selbstverschuldete Unmündigkeit,
sondern auch eine selbstverschuldete Unfreiheit oder Knechtschaft des Menschen. Denn
„jeder, der die Sünde tut, ist ein Knecht (der Sünde)“ (Joh. 8,34). Und es bedarf der Wahrheit
des Evangeliums und der aus ihr hervorgehenden Aufklärung, um aus dieser Knechtschaft
befreit werden zu können. Davon geht das Christentum aus. Es geht davon aus, dass wir
nicht nur in allerlei Alltagslügen, sondern in wirkliche Lebenslügen verstrickt sind, und dass
wir uns auch immer wieder in solche Lebenslügen verstricken – Lebenslügen, die uns
regelrecht gefangen nehmen. Was Jean Jacques Rousseau im ersten Satz seines Contrat
Social im Blick auf das politische Leben behauptet hat, gilt für alle Dimensionen unseres
Lebens: „Der Mensch wird frei geboren und liegt doch überall in Ketten“.
In welch’ hohem Maße das menschliche Ich zum Gefangenen seiner selbst werden kann,
lässt sich am Verhältnis des jeweils in der Gegenwart existierenden Ich zu seiner eigenen
Vergangenheit verdeutlichen. Denn unsere Vergangenheit kann uns derart fesseln und unfrei
machen, dass wir regelrecht zu Gefangenen unserer Herkunft werden. Die eigene
Vergangenheit erhebt ja immer Machtansprüche auf unsere Gegenwart und Zukunft. Sie
liegt niemals einfach nur hinter uns, sondern verlangt fortgeschrieben zu werden: im Guten
wie im Bösen.
Dass eine verfehlte Vergangenheit, dass Schuld und Versagen uns schrecklich belasten und
dadurch unfrei für die Ansprüche und Freuden der Gegenwart machen können, diese
quälende Erfahrung kennt jedes einigermaßen wache Gewissen. Es wird dann verfolgt von
den gespenstischen Schatten längst vergangener Taten. Da helfen keine
Selbstrechtfertigungsversuche. Denn inmitten solcher Selbstrechtfertigungsversuche glaube
ich mir doch selber nicht. Ich bin dann ein unfreier Knecht meiner Vergangenheit, meinem
gelebten Leben unentrinnbar untertan.
Doch es ist nicht nur der Fluch der bösen Tat, der über unsere Gegenwart und Zukunft
entscheiden will. Auch eine stolze Vergangenheit, auch ein bisher erfolgreiches Leben kann
uns gefangen nehmen. Ja, wer Grund hat, sich seiner eigenen Herkunft und seines
bisherigen Lebens zu rühmen, der bleibt vielleicht stärker und unheimlicher noch auf das
Gewesene fixiert als der, der es fürchten muss. Denn Erfolge wollen fortgesetzt, vermehrt,
gesteigert werden. Leistung will durch Leistung überboten werden. Eine erfolgreiche
Vergangenheit kann einen Terror ohnegleichen ausüben. Schon Schüler und Studenten sind
diesem Gesetz unterworden: gute Noten wollen gehalten oder nach Möglichkeit überboten
werden. Wirtschaftliche Erfolge wollen gesteigert werden. Vor allem aber: menschliche
Es gilt das gesprochene Wort.
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Glückserlebnisse in Gestalt von Selbstverwirklichungserfahrungen wollen stets aufs Neue
wiederholt und dabei auch noch potenziert werden. „Denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe,
tiefe Ewigkeit“. Und wenn man dann versagt – dann verfinstert sich ein menschliches
Gesicht, wie sich das Gesicht des Brudermörders Kain verfinsterte, bevor er zur finsteren Tat
schritt. Dann wird die bisher so strahlende Welt – mit Luther geredet – zum Inbegriff von Tod
und Finsternis.
Auch die hellste Vergangenheit vermag also Schatten zu werfen. Herkunft verpflichtet – nicht
nur das einzelne Ich, sondern erst recht Gruppen und Völker, gesellschaftliche Systeme und
selbst die Konfessionen und Kirchen. Man beruft sich dann auf heilige und auch
einigermaßen unheilige Autoritäten und unterwirft sich dem Gesetz, nach dem man
angetreten ist. Die Zukunft aber degeneriert dabei zur Repetition einer großen
Vergangenheit. Wohl der Jugend, die dagegen aufbegehrt und im Namen einer erahnten
Freiheit ihre Fragezeichen setzt hinter die Litaneien, die ihr vorgemurmelt werden. Blickt man
z.B., um uns auf die Religionen und unter ihnen auf das Christentum zu beschränken, auf
das in der Vergangenheit gewiss berechtigte konfessionelle Auseinandertreten der una
sancta catholica et apostolica exxlesia in mehrere Kirchen, so kann einem das
Beharrungsvermögen der konfessionellen Trennung wohl erschrecken lassen. Die
konfessionelle Vergangenheit droht zu einem Tyrannen zu werden, der den Weg ins Offene
verbaut. Existieren unsere Kirchentümer nicht längst nach der Devise: was Menschen
getrennt und geschieden haben, soll Gott nur ja nicht zusammenfügen? Gestern römisch,
heute römisch und römisch in alle Ewigkeit? Gestern lutherisch, heute lutherisch und
lutherisch in alle Ewigkeit? Davor bewahre uns, lieber Herre Gott!
Das Gesagte mag als Beispiel dafür stehen, wie sehr uns unsere eigene Vergangenheit zu
tyrannisieren vermag. Doch warum lässt sie uns nicht los? Warum bleibt Herkunft Zukunft?
Die theologische Antwort lautet: weil der Mensch in seiner individuellen und kollektiven
Gestalt sein Vermögen verspielt hat: sein fundamentalanthropologisches Vermögen, etwas
Neues anzufangen, ohne dabei doch nur die Vergangenheit fortzusetzen. Ihm fehlt das
Vermögen der Freiheit. Denn Freiheit ist nach einer – auch in theologischer Hinsicht
gelungenen – Definition Immanuel Kants „das Vermögen, einen Zustand von selbst
anzufangen“ bzw. das „Vermögen, einen Zustand, mithin auch eine Reihe von Folgen
desselben schlechthin anzufangen“. Das Vermögen, einen Zustand von selbst schlechthin
anzufangen, ist aber nach christlichem Verständnis Gottes eigenes Vermögen. Ja,
schlechthinnige Freiheit und Gott – das sind geradezu austauschbare Größen. Und wir
Menschen werden nur dann wahrhaft frei, wenn Gott uns an seiner Freiheit Anteil gibt, indem
er uns aus unseren Lebenslügen befreit. Dann wird unser Leben wahr und tauglich für eine
Lebensgemeinschaft mit Gott. Jede Lebensgemeinschaft ist auf Wahrheit angewiesen. Die
Lebensgemeinschaft mit Gott ist es allemal. In der Person Jesu Christi kommt uns die
Wahrheit so entgegen, dass sie uns an der göttlíchen Freiheit Anteil gibt.
Gottes Freiheit will sich also seinen Geschöpfen mitteilen. Und es wäre ein wüstes
Missverständnis, wenn man unterstellen würde, dass Gott das herrliche Vermögen der
Freiheit nur für sich haben, also sich selbst vorbehalten wollte. Der menschliche Egoist
verfährt wohl so, dass er sein Vermögen ausschließlich für sich selber arbeiten lässt. Doch
das Vermögen der Freiheit arbeitet nie nur für den, der es hat. In Wahrheit frei ist nur
diejenige Person, die befreiend wirkt. Gott ist eine solche Person. In Jesus Christus
erkennen und im Heiligen Geist erfahren wir Gott als das Ereignis befreiender Wahrheit.
Wird Gott nicht als befreiend erfahren, dann ist nicht er, sondern dann ist ein Götze am
Werke. Und wir bleiben Knechte, bleiben in uns selbst Gefangene. Das ist die ebenso harte
wie beglückende Wahrheit des Christentums.
Es gilt das gesprochene Wort.
Veröffentlichung nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.
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Doch wer so von der Wahrheit des Christentums redet, der provoziert. Er provoziert selbst
dann, wenn er überhaupt nicht provozieren will, sondern auf Schalom, auf Frieden, bedacht
ist.
Es gilt das gesprochene Wort.
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