Schriftwechsel Kevin Maier

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Schriftwechsel Maier Kevin, 7S – Dr. Bauer
Sehr geehrter Herr Dr. Bauer!
Da wir gehört haben, dass wir Ihnen jede Frage über Ihr Leben
stellen dürfen, beginne ich mit den folgenden:
Mich würde es sehr interessieren wann und wo Sie geboren worden
sind? Was Sie sie in Ihrer Kindheit erlebt haben und vor allem,
wie Sie das Jahr 1938 empfunden und erlebt haben?
Zu meiner Person, ich heiße Kevin Maier, bin 1991 in Villach
geboren und besuche derzeit das Sport Gymnasium Spittal/Drau.
Mein Hobby ist der Fußball, den ich seit Jahren begeistert ausübe.
Ich freue mich sehr darüber, dass wir so eine Gelegenheit bekommen haben, mit Ihnen zu
kommunizieren. Dafür möchte ich mich persönlich recht herzlich bedanken.
Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen
Kevin Maier
Lieber Kevin,
es ist für mich immer eine große Freude, wenn junge Leute aus meinem Geburtsland
Österreich etwas über mein Leben, besonders über jene böse Zeit von Krieg und
Verfolgung, erfahren wollen. Dass Schüler eurer Sport-Schule sich bei mir melden werden,
hat mir ja schon euer Lehrer, Herr Dr. Graf, angekündigt. Wie ihr vermutlich wisst, bin ich
für Anfang Mai von „Letter to the Stars“ eingeladen worden, um gerade von jener Zeit zu
erzählen. Wohin ich geschickt werde, das muss mit dieser Organisation ausgemacht
werden. Natürlich komme ich sehr gerne zu euch, wenn das so verfügt wird. In euerer
Gegend war ich vor wenigen Jahren, nämlich in Villach, um dort aus meinen literarischen
Texten vorzulesen.
Inzwischen erzähle ich euch gern etwas von meiner Kindheit. Ich wurde 1924 in Wien
geboren. Mein Urgroßvater mütterlicherseits kam aus einem slowakischen Dorf nach Wien,
um Medizin zu studieren. Da er aber 1848 aktiv an der Revolution teilnahm, wurde er
relegiert. Sein Schwiegersohn, mein Großvater, war dann liberaler Gemeinderat,
entscheidender Gegner des Bürgermeisters Lueger. Mein Vater kam als Kind aus Znaim
nach Wien, war im Ersten Weltkrieg, sehr gegen seinen Willen, Soldat in Italien. Er war
dann Kaufmann, hatte sehr unter der Wirtschaftskrise zu leiden. Meine Mutter war
Pharmazeutin.
Meine Eltern waren Sozialdemokraten, den Judentum und überhaupt der Religion
gegenüber indifferent. Die Blütezeit der Republik und zumal das „Rote Wien“ hab ich als
Kind eigentlich kaum mehr mitbekommen. Hingegen sehr wohl die Verhetzung, die dann
immer mehr geübt wurde. Ich war bei den Pfadfindern, vor allem weil da die Anständigkeit
und der gegenseitige Respekt gelehrt wurde, und natürlich auch weil ich die Natur liebe.
Dann kam der NS-Überfall und die politische und „rassische“ Verfolgung. Wir wurden aus
der Schule gejagt und auch oft auf der Strasse überfallen und geprügelt. Mein Vater
entging nur durch einen Zufall der Verhaftung und dem Konzentrationslager. Nach der so
genannten „Kristallnacht“ (9.XI.38) war es klar, dass wir weg mussten. Wir konnten das
auch, denn eine Schwester meines Vaters lebte in Argentinien und verschaffte uns die
Einreisebewilligung. Da aber die Familie meines Vaters sehr zahlreich war, konnte sie nicht
alle Geschwister herbringen: also wurden mehrer nach Polen deportiert und dort
umgebracht. Die Emigration war schlimm, aber das argentinische Volk war immer gut zu
den Fremden, und wir konnten vorwärts kommen. Ich konnte sogar studieren (Medizin),
wenn das meine Eltern auch große Opfer kostete. Inzwischen erlebten eure Großeltern die
Schrecken des Krieges. Wir müssen, das ist klar genug, alles tun, damit so Schreckliches,
niemals und nirgends! wieder passiert. Wenn ich zu euch komme, werden wir wohl gerade
darüber am meisten zu reden haben.
Bitte grüß‘ deine Schulfreunde, und auch deine und ihre Eltern, ganz herzlich von mir.
Vielleicht also treffen wir dann im Mai zusammen.
Alles Schöne
Euer Alfredo Bauer
P.S.: Ihr seht, ich gebrauche meinen Vornamen, wie es auch bei Einwanderern hier üblich
ist, in der spanischen Form. Immerhin lebe ich ja seit 68 in einem spanisch sprechenden
Land. Meine drei Kinder sprechen perfekt deutsch, meine sechs Enkel aber schon nicht
mehr. Meine erste Frau, die Mutter meiner Kinder, starb jung; meine zweite Frau ist hier
geboren, spricht aber auch deutsch, da ihre Eltern Österreicher waren. Da sie mich auf der
Reise begleiten wird, werdet ihr also auch mit ihr sprechen können.
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