Fünf Bausteine zu einer christlichen Theologie des jüdischen Landes

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Dokument:
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Sperrfrist:
Freitag, 15. Juni 2001; 16:30 Uhr
Programmbereich:
Themenbereich 1: In Vielfalt glauben
Veranstaltung:
Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen
„Deinen Nachkommen gebe ich dieses Land" (1Mose 12,6)
Referent/in:
Prof. Dr. Frank Crüsemann, Bielefeld
Ort:
Marriott-Hotel, Westendhalle, Hamburger Allee 2–10 (Innenstadt)
Bausteine zu einer christlichen Theologie des jüdischen Landes
Worum es geht
In dem vieldiskutierten Dokument Dabru Emet, in dem Vertreter des nordamerikanischen
Judentums über ein neues Verhältnis zum Christentum nachdenken, heißt es im 3. Punkt,
direkt nach der Feststellung des gemeinsamen Gottesglaubens und der gemeinsamen
Schrift, noch vor dem Verweis auf die gemeinsame Ethik:
„Christen können den Anspruch des jüdischen Volkes auf das Land respektieren ... Als
Angehörige einer biblisch begründeten Religion wissen Christen zu würdigen, daß Israel den
Juden als physisches Zentrum des Bundes zwischen ihnen und Gott versprochen – und
gegeben wurde.“
Darüber intensiver und gemeinsam nachzudenken, ist heute unumgänglich, nachdem die
vorher genannten Punkte – die Wiederentdeckung des gemeinsamen Gottes und der
gemeinsamen Schrift – lange im Zentrum des Dialogs standen und die traditionelle
christliche Theologie entscheidend verändert haben. Gibt es wirklich bei uns Christen diesen
Respekt vor dem „physischen Zentrum des Bundes“ und wie sieht er aus?
Die Kirchen haben immer breiter und immer deutlicher gesagt, daß sie mit der gesamten
Bibel den Bund zwischen Gott und seinem Volk als nicht gekündigt ansehen. „Das
Bekenntnis zu Jesus Christus schließt dieses Zeugnis ein“, heißt es in der veränderten
Hessischen Kirchenordnung. Der Inhalt dieses Bundes Gottes mit Israel besteht aber in der
Bibel vor allem in der Zusage des Landes. Bereits der Anfang der Geschichte Gottes mit
Abraham, von dem heute morgen in der Bibelarbeit die Rede war, zielt auf das Land. Gottes
Bund mit Abraham, von dem 1Mose 15 erzählt, gilt sogar ausschließlich der Zusage des
Landes. Hier wird berichtet, daß Gott selbst sich verhüllt einer Bundes-Zeremonie unterzieht,
mit der sich sonst Menschen mit ihrem Sein oder Nichtsein verpflichten. Von da an, das ist
der Sinn dieser Darstellung, gibt es also Gott nicht mehr ohne diese Bindung, fällt sie, fällt
Gott selbst. Diese Zusage des Landes wird in 1Mose 17 bestätigt, sie wird bei jedem der
Väter erneuert, sie wird bei der Berufung des Mose wiederholt und im Bund am Sinai
bekräftigt, sie wird in einer Fülle von prophetischen Heilsworten aufgenommen. Deshalb gilt:
„Das Judentum ruht auf vier Säulen: auf Gott, der Tora, dem Volk Israel und dem Land
Israel. Wenn eine der vier verlorengeht, gehen auch die anderen verloren.“1
1
A. J. Heschel, Der einzelne Jude und seine Pflichten, in: ders., Die ungesicherte Freiheit. Essays zur
menschlichen Existenz, dt. Übers. Neukirchen 1985, 167.
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Deshalb ging es von den Anfängen eines neuen christlichen Verhältnisses zum Judentum an
immer auch um eine Anerkennung der Verbindung Israels mit dem Land. Aber im Zentrum
stand die respektvolle Anerkennung eines Zusammenhangs, der uns Christen selbst fremd
ist. Christliche Aussagen blieben deshalb meist bei der Erklärung politischer Solidarität mit
dem Staat Israel stehen, und das ist ja nicht wenig. Verfolgt man das Thema etwa in den drei
Studien der EKD zum Thema „Christen und Juden“, so heißt es in der Studie I (1975):
Christen haben „die Verpflichtung, den völkerrechtlich gültigen Beschluß der Vereinten
Nationen von 1947 anzuerkennen und zu unterstützen, der den Juden ein gesichertes Leben
in einem eigenen Staat ermöglichen soll“. Die Studie II (1991) informiert über die Bedeutung
von Land und Staat für die Juden und verlangt zu respektieren, daß die Verbindung von Volk
und Land für das Judentum (offenbar aber nicht für uns Christen) unabdingbar und der Staat
Israel politisch notwendig ist. Kritik an aktueller Politik des Staates sei möglich, das
Lebensrecht Israels dürfe nicht in Frage gestellt werden. Die Studie III (2000) schließlich
referiert die Diskussion darum, ob der Staat Israel eine theologische Bedeutung für Christen
hat, wie sie vor allem in den holländischen Kirchen geführt wurde. Sie betont dann einerseits
den säkularen, also nicht religiösen Charakter des Staates Israel und seiner Politik, weist
andererseits auf den biblischen Zusammenhang von Bund und Land hin. Im Blick auf die
prophetische Tradition und die doppelte Loyalität auch gegen die palästinensischen Christen
wird vor einer religiösen Überhöhung gewarnt. Hier kommt also das religiöse und
theologische Problem deutlich in Sicht, wird aber rasch mit der komplexen politischen Lage
und ihren Konflikten konfrontiert.
Ähnlich sieht die Lage in der wissenschaftlichen Diskussion aus. Mit der wachsenden
Bedeutung des Alten Testamentes für den christlichen Glauben seit Dietrich Bonhoeffer ist
auch dieses Thema in den Blick gekommen. Alttestamentler wie G. v. Rad oder R. Rendtorff
haben darüber gearbeitet, die Protagonisten des christlich-jüdischen Dialogs bei uns, allen
voran unser heutiger Moderator Friedrich-Wilhelm Marquardt, haben sich intensiv damit
beschäftigt. Marquardt etwa sieht das Land als „Sakrament“ der Zuwendung von Gott und
Israel und meint, zumindest manche Aspekte dieser Zuwendung gehen auch uns
Heidenchristen „unbedingt an“.2 Doch bei den meisten bisherigen Äußerungen überwiegt
nach meiner Wahrnehmung der Versuch, Fremdes zu verstehen und anzuerkennen, so daß
ein apologetischer Ton auf weite Strecken unüberhörbar ist. Heute, wo eine positive Wertung
Israels und des Judentums bei vielen Christen selbstverständlich und in unseren Kirchen
mehrheitsfähig geworden ist, muß das Thema neu bedacht werden.
Ich frage deshalb: Ist das Land Israels eine unserem christlichen Glauben im Letzten
äußerliche Angelegenheit? Und gebe zu bedenken:
– Wenn mit dem Glauben an den Gott Israels auch das Volk Israel zu unserem Glauben
gehört, dann kann das „Sakrament“, das Herzstück von Gottes Zuwendung zu seinem Volk,
das Land, nicht draußen bleiben.
– Wenn die Anerkennung des ungekündigten Bundes Gottes mit Israel der Kern eines neuen
jüdisch-christlichen Verhältnisses ist, dann muß das für unser Verhältnis zum Inhalt dieses
Bundes, zum Land, Konsequenzen haben.
– Wenn Christus auf alle Gottesverheißungen das Ja und Amen ist (2Kor 1,20), dann muß
das für die erste und wichtigste Verheißung – neben der, daß Israel ist und sein wird –
besonders deutlich gelten.
– Wenn das Alte Testament die Grundlage auch unseres Glaubens ist, kann sein
zweitwichtigster Inhalt nicht vortheologisch bleiben oder auf einen vagen Symbolwert
reduziert werden.
Zuletzt: ders., Was dürfen wir hoffen, wenn wir hoffen dürften. Eine Eschatologie Bd. 2, 1994, 187ff „Der
Unruheherd Israel“ Von den frühen Texten nenne ich bes. den Vortrag vor der AG Christen und Juden von 1968:
Christentum und Zionismus, EvTh 28, 1968, 629-660 = W. Eckert u.a. Hg., Jüdisches Volk - gelobtes Land,
München 1970, 241-274.
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– Wenn Israel ins richtig verstandene, biblisch begründete christliche Dogma gehört, dann
auch sein Verhältnis zum Land; dann müßte dieses Verhältnis ein Teil unseres christlichen
Glaubens sein.
Nur – wie soll das geschehen und wie soll es aussehen? Darüber wollen wir heute
miteinander nachdenken. Ich selbst möchte dazu fünf Felder biblischer Theologie benennen.
Denn eine Veränderung der christlichen Theologie an dieser Stelle wird alleine aus einer
neuen und vertieften Sicht der einschlägigen biblischen Texte kommen können. Müßte das
nicht im Grunde bedeuten, daß wir dieses Thema in unserem eigenen, christlichen Glauben,
soweit er an der Schrift orientiert ist, entdecken können? Es könnte sein, daß diese
Entdeckung ähnlich weitreichende Folgen für uns hat, wie wir es für die Rede von Gott, der
Bibel, der Tora unendlich bereichernd erfahren haben. Meine vorläufigen Gedanken dazu
nenne ich Bausteine; die machen bekanntlich noch kein Haus aus.
Doch müssen zuvor noch einige der Voraussetzungen, unter denen wir heute fragen,
bedacht werden. Dazu gehören nicht nur die nach der Schoa veränderten Beziehungen zum
Judentum insgesamt, sondern vor allem die Tatsache, daß wir es zum ersten Mal in der
Kirchengeschichte mit einem im Land lebenden Judentum zu tun haben. „Seit es das
Christentum gibt, gab es bisher nur ein seines Landes verlustig gegangenes und für uns
darin für ‘enterbt’ gehaltenes Judentum“, hat Marquardt mit Recht betont. Nun hat es in der
Christenheit immer eine christliche, auf das Land bezogene Frömmigkeit, Liebe und
Sehnsucht gegeben, und es gibt sie auch heute. Mit den biblischen Texten und Gestalten ist
ja unausweichlich auch die biblische Landschaft präsent. Man denke daran, daß Künstler wie
Rembrandt mit Hagar und Ruth auch die dortige Landschaft, mit Bathseba die Stadt
Jerusalem vor Augen malen. Allerdings waren die Zeiten besonders intensiver christlicher
Zionssehnsucht auch solche, in denen die Judenfeindschaft besonders massiv war. Das gilt
für die alte Kirche, als nach der Verchristlichung des römischen Reiches im 4.Jahrhundert
ungeheure Pilgermassen ins Land strömten und es mit Kirchenbauten überzogen wurde; das
gilt für die Zeit der Kreuzzüge mit ihren entsetzlichen Strömen jüdischen Blutes. Und in der
politischen wie wissenschaftlichen Erschließung Palästinas ab dem 19. Jahrhundert bildeten
ein romantisierendes Araberbild und der banalste Antisemitismus vielfach zwei Seiten
derselben Medaille. Die modernen Wallfahrten, der Israeltourimus, haben, da bin ich sicher,
die veränderte Israeltheologie mitgetragen, mit durchgesetzt und befördert. Wie viele
Menschen, Gemeinden und Gruppen haben das Land und seine jüdischen Menschen
kennen und lieben gelernt! Hier ist vieles in Bewegung geraten, was auch theologisch einer
neuen Sprache und Reflexion bedarf.
Zugleich wuchsen aber andere Schwierigkeiten, die diese Frage belasten. Weil die neue
Israeltheologie der Christen parallel mit dem modernen Staat Israel und seinen Konflikten
und Problemen entstand, weil jedes Wort über das Land unausweichlich auch eine
Stellungnahme in diesem politischen Konflikt zu sein scheint, gibt es eine deutlich zu
merkende Angst in Kirche und Theologie, eine problematische oder falsche Politik Israels
religiös zu legitimieren. Hier mischen sich angesichts von möglichen
Menschenrechtsverletzungen durch Israel die Furcht, mit einem Purzelbaum in alte, gerade
überwundene Formen der Vermischung von Politik und Religion zu geraten, mit der
unverhofft gegenwärtigen Gefahr, alte antisemitische Muster in neuer Konstellation und
Begrifflichkeit wieder zu beleben.
Diese Zusammenhänge haben nach meinem Urteil dazu geführt, daß das fundamentale
biblische und theologische Thema in eine problematische Engführung geraten ist. Es wird als
eine Art Minenfeld empfunden, aus dem allein eine recht allgemeine Erklärung
grundsätzlicher politischer Solidarität noch einen sicheren Ausweg zu eröffnen scheint. Doch
wie schnell sie wanken kann, hat sich im Golfkrieg gezeigt. Sicher kann man in einer
Veranstaltung wie dieser nicht so tun, als ob es die tödlichen Konflikte nicht gäbe. Aber da
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sie auf diesem Kirchentag an anderen Orten thematisiert werden, sollten wir hier den
Versuch machen, zwar keinen Moment von der fundamentalen Tatsache abzusehen, daß im
Land auch andere Menschen außer Juden wohnen, wohl aber ein Stück weit von den
aktuellen Konflikten. Wie wäre es etwa mit der hypothetischen Annahme, daß es bereits ein
funktionierendes Friedensabkommen gibt, wie es ja irgendwann einmal der Fall sein wird?
Fünf Bausteine zu einer christlichen Theologie des jüdischen Landes
Mit fünf Bausteinen versuche ich grundlegende Dimensionen biblischer Landtheologie zu
benennen. Davon haben die ersten beiden zwar ihre Wurzeln unaufhebbar – unaufhebbar
wie ich meine auch für uns – im Land, doch der theologische Ertrag ist davon abzuheben
und prinzipiell auf die ganze Erde übertragbar. Ins Zentrum stelle ich den Versuch, die harten
Landnahmetexte, in die alle Versuche, den Zusammenhang von Land und Israel theologisch
zu verstehen, sich so rasch verbeißen, mit anderen biblischen Konzeptionen zu
konfrontieren, um damit ihren biblischen Ort allererst zu bestimmen. Die beiden letzten
Punkte versuchen, sich den zentralen Fragen eines dezidiert nichtjüdischen Bezuges zum
Land Israels, also zur Einheit von Land und Israel, anzunähern.
Baustein 1: Die Schönheit des Landes als Erfahrungsraum der Schöpfung
Wie schön sind deine Wohnungen, Israel (4Mose 24,5)
Wie lieblich sind deine Wohnungen, Adonaj Zebaot (Ps 84,2)
Eine Aussage wie die von Jes 6,3, daß die ganze Erde voll ist vom und mit dem Glanz der
Herrlichkeit des Gottes Israels, konnte nur formuliert werden, weil Israel diesen Glanz zuerst
und vor allem im eignen Land erfahren und wahrgenommen hat. Die Religion des biblischen
Israel ist in weitesten Bereichen nicht die von Nomaden, wie das manchmal gesehen wird.
Nicht die Wüste ist der entscheidende Erfahrungsort Gottes, sondern es ist die Religion
eines bäuerlichen Volkes, das seinen Gott im Land erfuhr. Schon die Väter und Mütter der
Genesis leben ja mitten im Land, wohnen an seinen bekanntesten Orten. Sicher spielt der
Zug durch die Wüste eine Rolle, aber stets ist sein Ziel vor Augen, nämlich das Land. Zwar
begegnet Gott am Sinai in der Wüste, aber die dort gegebenen Gesetze beginnen in aller
Regel: „Wenn du in das Land kommst, das Adonaj, dein Gott dir gibt, dann gilt...“ Sie gelten
im vollen Sinne erst und nur im Land. Der Reichtum des Landes, seine Schönheit, die Vielfalt
der Früchte und Bäume – in wie vielen Stellen kommt das durch und prägt die großen
Gotteshymnen. Davon lebt nicht zuletzt die biblische Schöpfungstheologie. Eine Weltsicht,
wie sie Psalm 104 prägt, nach der in jedem Grashalm und in jedem Löwenschrei das Wirken
Gottes durchscheint, wo Gott hinter und in allem Schönen und Schrecklichen sichtbar wird,
ohne daß es mit ihm gleichgesetzt wird oder in ihm aufgeht, wirkt bis heute. Wenn der 148.
Psalm alle Realität im Himmel und auf Erden als Jubelchor ansieht und aufruft, den Schöpfer
zu preisen, wird diese Schönheit ins Universale gewendet. Noch der Glanz des Gartens
Eden als Ursprung und Zielort des Menschseins findet seinen Widerschein in Aspekten des
Landes, in dem Gott auch gelegentlich zur Abendzeit spazierengeht, wie einst im Paradies.
Alle ästhetischen Urteile der Bibel wurzeln in der Schönheit des Landes. Sogar die Schönheit
der Geliebten, des Geliebten, wie sie im Hohen Lied besungen wird, wird an ihm gemessen:
„Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die herabsteigen vom Gebirge Gilead“ (4,1). Jeder
Versuch zu erfassen, was in der Bibel Segen ist und was Schöpfung heißt, wird von dieser
Basis ausgehen müssen, immer wieder. Wenn wir heute in der Nachfolge Dietrich
Bonhoeffers dieser Welt treu bleiben und deshalb unseren christlichen Glauben von der
Realität und Schönheit dieser Welt durchtränken lassen wollen, dann hat solches Reden in
der biblischen Landtheologie seine unaufhebbare Basis.
Baustein 2: Das Land als Lernort der Gerechtigkeit
Sie begehren Felder und reissen sie an sich (Mi 2,2)
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Ein jeder wird unter seinem Weinstock wohnen (Mi 4,4)
Neben der Beschreibung seiner Schönheit kommt das Land vor allem in zwei großen
Themenkomplexen vor, die allermeist aber getrennt gesehen und behandelt werden, an
deren Zusammenhang aber vieles hängt. Das eine ist das Land als dem Volk verheißener
und vom Volk bewohnter, geschenkter, verlorener und wieder erhoffter Lebensraum für alle,
von Dan bis Beerseba. Um diese Seite kreisen die theologischen und historischen
Landdebatten. Aber daneben stehen all die vielen Texte in Weisheit und Prophetie, Recht
und Geschichtserzählung, die von Konflikten um die einzelnen Parzellen des Landes
handeln. Das Land wird nach der Erzählung des Josuabuches gerecht an Stämme und
Familien verlost, es soll und kann für alle die Lebensgrundlage darstellen. Nicht nur die
Propheten aber reden dann von harten Konflikten, davon daß die Ärmeren sich verschulden
und um ihr Land gebracht werden, daß der König oder Großgrundbesitzer die Kleineren
schlucken, so daß sie allein übrig zu bleiben drohen, wie Jesaja sagt (5,5). Die biblischen
Sozialgesetze wie Zinsverbot und Schuldenerlaß sollen verhindern, daß Familien ihren
Landbesitz verlieren, die Basis ihrer Freiheit, die Realisierung und das Ziel des Exodus, ihren
Anteil am Gottesbund. Der auf eines dieser Gesetze, das des Jubeljahrs in 3Mose 25,
bezogene grundsätzliche Anspruch Gottes: „Mein ist das Land“ (3Mose 25,23) ist auf die
gesamte Welt ausdehnbar. Während die auf das Volk bezogenen Landtheologien so
analogielos bleiben wie Israel selbst, können die Texte, die von gerechter Verteilung des
Landes und von den sozialen und politischen Konflikten darüber sprechen, nach dem Muster
von 5Mose 4,5–8 zum Vorbild werden: Wo gibt es sonst einen Gott, der so gerechte
Weisungen gibt? Genau das ist in den Theologien der Befreiung geschehen. Wenn heute in
der Dritten Welt und anderswo Menschen um ihren gerechten Anteil an dieser Erde
kämpfen, dann ist ihr Muster der Kampf um die gerechte Verteilung der gemeinsamen, von
Gott allen geschenkten Lebensgrundlage, eben des Landes Israel.
Baustein 3: Die Vielfalt seiner Bewohner und ihrer Beziehungen
Abraham und Abimelech schlossen miteinander einen Bund (1Mose 21,27)
Du sollst keinen Bund mit ihnen schließen (2Mose 23,32)
Nicht nur heutige Konflikte um das Land besetzen die theologischen Zugänge zu ihm, das tut
gerade auch die dominante biblische Schilderung der Landnahme, wie sie auf Grund der
Gebote von 5Mose 7 (und 2Mose 23) im Buch Josua geschildert wird. Auf göttlichen Befehl
sollen danach keinerlei Bündnisse mit den kanaanäischen Vorbewohnern geschlossen
werden. Sie sind vielmehr zu vertreiben oder mit dem Bann zu belegen, was heißt, daß sie
mit Mann und Maus vernichtet werden. Von den vielen Texten, auf die sich das Bild eines
„alttestamentarischen“ Rachegottes beruft, ein Bild, das so schnell auch sein Volk
einbezieht, sind dies die härtesten und hartnäckigsten. Eine notwendige Voraussetzung
dafür, die Verbindung von Israel und seinem Land theologisch neu würdigen zu können, ist
es, die Fülle biblischer Landtheologien neu zu entdecken. Nur so wird es möglich sein, die
Texte, die von der Vertreibung und Ausrottung der Vorbewohner reden, in größere
Zusammenhänge einzubinden, um sie so von ihrem antijüdischen Gewicht, das sie in der
üblichen christlichen Sicht bekommen haben, zu befreien.
Vermutlich gilt von diesen Gewalttexten dasselbe, was sich so eindrucksvoll bei anderen
biblischen Gewalttexten herausgestellt hat: nur und allein wenn Gewalterfahrungen und
davon ausgelöste Gewaltphantasien nicht verdrängt werden, sondern ausgesprochen
werden und vor Augen bleiben, können sie ihren angemessenen Ort finden, können sie
eingegrenzt und bearbeitet werden und müssen nicht mehr unverhofft und unkontrolliert die
Realität bestimmen. Je genauer man liest, je mehr ist in den Texten von solchen
Kontrollmechanismen zu entdecken, reden sie anders als es auf den ersten Blick scheint. Da
sind etwa die sieben genau benannten Völker (5Mose 7,1), die es in der Zeit der historischen
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faßbaren Kriege und Konflikte sowie in der Zeit der Entstehung der Texte in der Realität gar
nicht (mehr) gibt. Schon die Erzählung des Josuabuches selbst geht davon aus, daß solche
Befehle keineswegs vollständig vollzogen wurden, dennoch ist, wie es in Jos 21,45 (vgl.
23,14) heißt, „nichts dahin gefallen ... von allen Worten Gottes“ heißt. Große Teile des
zugesagten Landes sind gar nicht erobert worden. Nach dem Anfang des Richterbuches
blieben auch mitten in Israel viele Orte kanaanäisch, so daß das Nebeneinander von Israel
und Kanaan die Realität und die weitere Geschichte bestimmt. An keiner Stelle sagen die
Landverheißungen, dass Israel allein im Lande leben soll oder wird3. Nach allem, was wir
wissen, stellt sich – historisch gesehen – Israel in und nach der Assyrerzeit, in der derartige
Vernichtungsaktionen zum politischen Alltag gehörten und selbst erlitten wurden, selbst als
eine potentiell derart agierende Größe dar; das hat etwas mit Traumaverarbeitung zu tun.
Die theologische Absicht richtet sich durchgängig erkennbar auf die kanaanäischen
Gottheiten, wegen derer Israel den eigenen Gott verlassen hat und das Land im Exil verliert.
Doch weder historische Rekonstruktionen, nach denen es einen solchen militärischen Zug
ins Land nicht gegeben haben dürfte, noch die Details der theologischen Absicht, so wichtig
sie sind, sollen und können die Gewalt in diesen Texten bestreiten. Wichtiger scheint es mir,
daß der biblische Kontext selber dieses Bild relativiert und zurecht rückt – eben an seinen
biblischen Ort. Denn dieser Kontext enthält eine erstaunliche Vielfalt von Bildern des
Kommens und Lebens im Land, ist geprägt durch sehr verschiedenartige Darstellungen über
den Umgang mit den Vorbewohnern. Ohne die Schreckenstexte zu verdrängen oder zu
verharmlosen, kann dadurch das kaleidoskopartig entstehende biblische Gesamtbild ein sehr
anderes Muster annehmen. Drei weitere dieser Modelle will ich kurz vorstellen.
– Das eine entwerfen die Bücher der Chronik, die inneralttestamentliche Parallelerzählung
zur Darstellung im Großzusammenhang von Genesis bis Josua. Die Chronik kennt keine
Landnahmedarstellung, weder eine militärische noch eine sonstige. Wohl aber findet sich
eine Reihe von zunächst sehr unscheinbaren Formulierungen, nach denen Israel bzw.
einzelne seiner Stämme offenbar immer schon dort gelebt hat. Speziell mit Hilfe der
Genealogien der Stämme entsteht „das Bild einer ununterbrochenen Besiedlung des Landes
Israels“ von Anfang an, seit den Tagen Jakobs4. Wenn etwa die Söhne Ephraims und
Manasses im Land geboren werden und dort Konflikte mit anderen Landesbewohnern haben
(1Chr 7,14.20ff), so entsteht offenbar das Volk nicht in Ägypten sondern im Land selbst.
Israel wird hier als autochthones Volk dargestellt, wodurch die unlösbare Verbindung von
Gott, Volk und Land kräftig unterstrichen wird, eineVerbindung, die selbst durch das Exil
nicht in Frage gestellt werden kann. Wenn man fragt, warum der biblischen Haupterzählung
in später Zeit eine solche Parallelerzählung zugesellt wurde, so daß im Kanon beides
nebeneinander steht, wird man auf diese und andere Unterschiede achten müssen. Nach
unserem heutigen historischen Wissen ist die Chronik zudem bei diesem Thema näher an
dem, „wie es wirklich war“.
– Im gleichen literarischen Zusammenhang wie das Josuabuch und damit als korrigierendes
Gegenbild von besonderer Bedeutung ist die Darstellung der Beziehung der Väter und
Mütter Israels in der Genesis zu den Bewohnern des Landes. Denn alles, was von Abraham,
Isaak und Jakob sowie ihren Frauen berichtet wird, ist nie nur abständig-historisch, sondern
immer durchscheinend für alle ihre Nachkommen. Abraham kommt als erster ins Land und
er und seine Nachfahren leben dort generationenlang unter, neben und mit den älteren
Landesbewohnern. Und bei allen harten Konflikten etwa um Wasser und Brunnen ist es
erstaunlich zu sehen, dass und wie diese Konflikte immer wieder friedlich gelöst werden und
in einem Bundesschluß, einem Friedensabkommen enden. Das wird von Abraham (1Mose
3
An dieser Stelle nehme ich dankbar Beobachtungen und Thesen von Tobias Kriener auf.
Sarah Japhet, The Ideology of the Book of Chronicles and Its Place in Biblical Thought, BEAT 9, 1989, 379
u.ö.
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21,27.32; vgl.14,13; 23) und von Isaak (26,28ff) nachdrücklich berichtet. Die Väter tun damit
genau das, was nach den in der kanonischen Folge späteren Texten wie 2Mose 23; 34 und
5Mose 7 nicht sein soll, weil darin eine „Falle“ liegen kann, die Israels Gottesbeziehung
gefährden würde. Und dennoch wird von Abraham betont gesagt, daß er die gesamte Tora,
alles, was Gott am Sinai Israel gebieten wird, bereits getan hat (26,5).
Ja man muß noch einen Schritt weiter gehen: in 1Mose 12,1–3 wird der Segen, den
Abraham verkörpert und an dem alle Sippen der Erde partizipieren werden, betont wie ein
Vorzeichen vor alles Weitere gesetzt. Und dieser Segen gilt offenkundig gerade auch für die
Bewohner des Landes, in das er kommt. So hält Abraham Fürbitte für die Kanaanäer (1Mose
18), sorgt für ihre Sicherheit und ihr Eigentum (1Mose 14) und wird deshalb von ihnen
gesegnet (14,18–20). Landverheißung und für beide Seiten segensvolle, friedliche
Beziehungen schließen sich in keiner Weise aus. In vielfältigen Varianten steht also hier ein
prototypisches Bild eines friedlichen Zusammenlebens im Land, das dem der Beseitigung
der Vorbewohner deutlich entgegengesetzt ist. Doch erst und nur beides zusammen ist das
kanonische Bild.
– Wieder anders sehen die verschiedenen prophetischen Ankündigungen eines sicheren
Wohnens im Land in der verheißenen Zukunft Gottes aus. Daran werden nicht nur alle
Völker der Welt in irgendeiner Weise partizipieren, wenn sie zum Zion ziehen, um Gottes
Weisung zu empfangen (Jes 2; 60; 66), sondern auch im Land selbst geschieht Neues. So
heißt es in Ez 47,22 im Zusammenhang der gerechten Neuverlosung des gesamten Landes
an die Stämme Israels: „Ihr sollt es als Erbbesitz verlosen unter euch und unter die Fremden,
die unter euch weilen und unter euch Söhne gezeugt haben. Sie sollen euch gelten wie
eingeborene Israeliten; mit euch sollen sie inmitten der Stämme Israels ihren Erbbesitz
erhalten.“
Vielleicht fällt Ihnen bei dieser Fülle verschiedener und widersprüchlicher Bilder des
Zusammenlebens auf, dass – anders als bei anderen angeblichen oder wirklichen
Widersprüchen der Bibel, man denke nur an die sogenannten beiden Schöpfungsberichte –
dies nicht im allgemeinen Bewußtsein ist, dass stattdessen das Bild des völkermordenden
Gottes bzw. Volkes dominiert. Warum ist diese Vielfalt wichtig? Irgendwie wird man all die
Differenzen ja auch wieder zu einem Gesamtbild zusammensetzen müssen. Aber wie ist
denn ihr Zusammenspiel im Kanon gedacht? Ich denke, das wichtigste ist die mit dieser
Vielfalt gegebene Offenheit des hermeneutischen Standortes. Was mit Josua und der
kriegerischen Landnahme beginnt, endet ja am Ende des 2. Königsbuches wieder da, wo es
begonnen hat: mit dem Verlust des Landes, alle ziehen nach Ägypten (2Kön 25,26). Und
dann ist da die Exilierung nach Babylonien, die Ankündigung eines neuen Exodus und einer
neuen Landnahme bei den Exilspropheten sowie ihre – allerdings nur partielle – Realisierung
in der Perserzeit, unter Serubabel, Esra und Nehemia. Unbestritten und sicher ist biblischtheologisch gesehen die Verheißung des Landes, und ebenso ist es sicher, daß es die
sieben namentlich genannten Völker, die dem Bann verfallen sollen, ab der Königszeit nicht
mehr gibt, so daß dieser Befehl nicht auf eine Wiederholung des Vorgangs zielen kann. Wo
aber finden sich die jeweiligen Leser und Leserinnen denn etwa in exilischer und
nachexilischer Zeit vor zwischen all den so unterschiedlichen Verheißungen und Erfüllungen,
angesichts von Wiederverlust und neuer Hoffnung? Wo wird denn das jeweilige Israel
angesprochen? Welche Darstellung gilt und entspricht ihm? Kann es friedlich mit und unter
den Landesbewohnern leben und wie Abraham und Isaak mit ihnen in Friedensbündnisse
schliessen, Segen geben und empfangen? Oder kann man schon anfangen, die
Neuverteilung des Landes zu vollziehen und die Völker zur Wallfahrt zum Zion einzuladen?
Lebt man wie in der Königszeit mit feindlichen Nachbarn, die Israel zur Verehrung falscher
Gottheiten verführen könnten und deshalb zu rigider Abgrenzung Anlass geben? So
eindeutig die Zusage des Landes als unverbrüchliche Gottesverheißung ist, so wenig gilt das
für den Grad ihrer Einlösung und damit für ihren Bezug zur politischen und gesellschaftlichen
Text wie von Autor/in bereitgestellt.
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Realität. Der ist alles andere als eindeutig, sondern muß immer wieder neu gedeutet werden.
Er wird damit offen und strittig bleiben. Weder also können wir als Nichtjuden und
Nichtisraelis hieraus irgendeine normative Vorschrift oder Deutung ableiten, noch gibt es, wie
wir sehen und wissen, einen unbestrittenen Konsens innerhalb Israels selbst.
Baustein 4: Das Land als Zielort aller christlichen Hoffnung
„Kommt, laßt uns ziehen zum Berg Adonajs“ (Mi 4,2)
Kommen wird aus Zion der Erlöser (Röm 11,26)
Es hat großes Gewicht, daß ausgerechnet die Zusage des Landes an Israel zugleich der
theologische Ort ist, an dem sich für uns Heiden der Zugang zum Gott Israels auftut. Das
beginnt bei Abraham, der in das Land ziehen soll, das Gott ihm zeigt, um dort und eben
dadurch zu dem Segen zu werden, der allen Völkern der Erde Segen bringen wird (1Mose
12,1–3). Und das endet in der christlichen Bibel erst mit dem Ende der JohannesApokalypse, und der Vision eines neuen himmlischen Jerusalem, der Stadt, wie sie Jesaja
und Ezechiel beschrieben haben, der Stadt, auf deren Toren die Namen der 12 Stämme
Israels stehen und in der Gott selbst wohnt (Off 21f). Das himmlische Jerusalem aber, das
vom Himmel herabkommt, ist genau wie der neue Himmel und die neue Erde von Jes 65
nicht ohne und gegen das irdische Vorbild. Das alte wird vielmehr in das Neue verwandelt.
Zu diesem Jerusalem ziehen alle Völker, womit das aufgenommen und zusammen gefaßt
wird, was vielfältig über die Wallfahrt aller Menschen zum Zion zu lesen ist. „Neumond um
Neumond und Sabbat um Sabbat wird alles Fleisch kommen und anbeten“, heißt es am
Schluß des Jesajabuches (66,23).
Nicht nur die alttestamentlichen, sondern gerade auch die neutestamentlichen Bilder des
endgültigen Heils bleiben auf das reale Land und die reale Stadt bezogen; das himmlische
ist nicht ohne oder gegen das irdische. Bevor Paulus zu den Enden der Erde aufbricht,
schreibt er an die Gemeinde im damaligen Weltzentrum Rom und teilt ihr mit, daß alle seine
Gemeinden durch finanzielle Transaktionen deutlich sichtbar auf den Ausgangspunkt, auf
Israel und Jerusalem, bezogen bleiben: „Wenn die Heidenvölker an den geistlichen Gütern
(Jerusalems) Anteil bekommen haben, sind sie ihnen leiblichen (d.h. finanziellen) Dienst
schuldig“ (Röm 15,27). Und seine Abhandlung zu der Frage, wie es um das Israel steht, das
in diesem Jesus von Nazareth nicht den Messias zu sehen vermag, schließt er mit dem Zitat
aus dem Jesajabuch (59,20): „Der Erlöser, der Messias kommt aus Zion“ (11,27). Er kommt
also für Israel so, wie es Israel immer gewußt und geglaubt hat.
In der Sprache der biblischen Bilder ausgedrückt, versteht sich der christliche Glaube als
ausgelöst durch den Beginn der Realisierung all dieser Verheißungen, wie sie mit der
Auferstehung Jesu sichtbar zu werden beginnt. Unser Glaube ist diese Völkerwallfahrt, hat
seinen Ort zwischen dem Wagnis des Beginns und dem Warten darauf, daß der Berg Zion
weltweit sichtbar wird und für alle Tora von hier ausgeht. Die weltweiten,
menschheitsumfassenden Dimensionen solcher Hoffnung und solchen Aufbruchs und die
Bindung an den Ausgangs- und Zielort sind biblisch gesehen gerade keine einander
ausschließenden Gegensätze. Hier stellt sich die umfassende Frage nach Berechtigung und
Grenze der Universalisierungen und Spiritualisierungen gerade auch der biblischen
Heilswerwartung, wie sie sich im Christentum vollzogen hat. Es könnte sein, dass gerade die
durch unser neuzeitliches Bewußtsein unmöglich gewordene Erwartung einer wörtlichen
Erfüllung vieler dieser Bilder, dass also die unumgängliche Entdeckung ihres Bildcharakters
die Chance bietet, den durchgängigen Bezug auf das eine Land und die eine Stadt wieder in
sein Recht zu setzen. Denn es geht ja um „ein wirkliches Gleichnis, eine wahre Geschichte“.
Die Bindung, die Paulus mit der Kollekte seiner Gemeinden festhalten, ja allererst in Kraft
setzen wollte, wurde in der Kirchengeschichte bald abgebrochen. Unter ganz anderen
Text wie von Autor/in bereitgestellt.
Es gilt das gesprochene Wort.
Veröffentlichung nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.
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Voraussetzungen und mit veränderten Zielen sollte das Unternehmen vielleicht heute wieder
aufgenommen werden.
Baustein 5: Das Land und die Kontur des biblischen Gottes
Gott baute aus Seinem Rückgrat: Palästina – aus einem einzigen Knochen:
Jerusalem (Else Lasker-Schüler, Jerusalem)
Nicht nur Israel und seine Geschichte selbst ist mit diesem Land in besonderer Weise
verbunden, sondern damit Gott selbst. Eine solche Vorstellung allerdings paßt mit dem, was
wir als Gottesbild und als seine universale Wahrheit kennen und anerkennen können, nicht
gut zusammen. Vielleicht aber haben an dieser Stelle der Zusammengehörigkeit von Gott
und dem Land Israels sogar wir Christen es etwas leichter als im abendländischen Denken
geschulte Juden.
Denn die Evangelien zeichnen Jesus und sein Leben ins Land ein. Das Lokalkolorit scheint
überall durch. Wenn der Gott Israels für uns mit diesem Menschen auf einzigartige Weise
verbunden ist, wenn sich in ihm für uns das verdichtet, was Israel von Gott wußte und was
wir aus dem Alten Testament von ihm kennen, dann verbindet sich ja Gott nicht mit einem
Abstraktum Mensch, sondern es geht um diesen einen konkreten Menschen, den Juden, den
Mann, und es geht eben auch um sein Leben, das nur in diesem Land möglich war. Das
Land gehört zu ihm wie er zum Land. Wenn die Christologie den Irdischen meint, dann
gehört das Land zu seiner Kontur. Und mit dieser Bindung an Ort und Zeit muß, kann und
darf auch die trinitarische Bedeutung des Sohnes nicht Schluß machen. Das Land ist damit
unauflöslich hinein verwoben in das, was wir Trinität nennen, es wird unablösbarer Teil jedes
sachgemäßen trinitarischen Redens von Gott. Die unlösbare Bindung des Gottes Israels an
die Landzusage, die mit seiner unglaublichen Bundeszusage an Abraham in 1Mose 15
beginnt, gewinnt im Leben Jesu eine neue Konkretion. Wenn Gott für uns Christen ohne
Jesus nicht zu denken ist, dann auch nicht ohne dieses Land. In den Evangelien aber trifft
man im Land zwar auf viele unterschiedliche Menschen, es ist aber ohne jeden Zweifel das
jüdische Land. Und das ist heute, nach zweitausend Jahren der Kirchengeschichte, wieder
so.
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