Bed IntrojektionSA - Supervision

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Die Bedeutung des Introjektionskonzeptes für eine institutionsorientierte Sozialarbeit
Mit dem Introjektionsbegriff beschreibt die Psychoanalyse einen der frühesten Lernprozesse des Kindes. Freud
beschreibt mit Introjektionen einen Prozeß, der das Über-Ich bildet, mit folgenden Worten: "Das Ich hat sich um
Eigenschaften des Objekts bereichert, es hat das Objekt in sich selbst introjiziert."
Das Introjektionskonzept steht in der Gestalttherapie an zentraler Stelle. Perls operierte mit diesem Begriff bereits
in seinem 1947 erschienenen, manchmal etwas verworren wirkenden Werk, "Das Ich, der Hunger und die Aggression",
indem er sagt: "Introjektion bedeutet, die Struktur von Dingen zu erhalten, die man in sich aufgenommen hat, während
der Organismus ihre Zerstörung fordert."
Introjiziert werden von frühester Kindheit an, die elterlichen Ge- und Verbote. Dadurch bildet sich die Struktur
heraus, die die Psychoanalyse das Über-Ich nennt.
Perls lehnte den Über-Ich-Begriff ab und differenzierte stattdessen in "Ich" und "Nicht-Ich". Wobei er dem Ich die
"guten" Eltern und dem Nicht-Ich die "bösen" Eltern zuschreibt.
Damit macht es sich aber Perls unnötig schwer, da er so die Entlastungsfunktion des Über-Ichs schwerlich
erkennen kann.
Vor dem Hintergrund der Psychoanalyse, der institutionellen Analyse und der Gestalttherapie können wir
Introjekte folgendermaßen betrachten:
Introjekte sind verinnerlichte Normen und Wertsysteme, die uns zunächst von den Eltern und später von
Institutionen aufgezwungen werden. Diese Introjekte haben durch ihren regelhaften Charakter zunächst eine Entlastungsfunktion für den Menschen, die es ihm ermöglicht, sich in unterschiedlichen Lebenslagen zu orientieren. Zur
Krise kommt es immer dann, wenn Introjekte und die Erfordernisse spezifischer Lebenslagen nicht kompatibel sind.
Viele dieser Introjekte sind durchaus sinnvoll und regeln das tägliche Leben eines Kindes, wenn es nicht von den
Eltern kontrolliert wird. So z.B. die elterliche Forderung, "man faßt keinen heißen Ofen an" oder "man schlägt andere
Kinder nicht einfach". Andere Introjekte wiederum verhindern die Entwicklung und den Austausch, wie z.B. "man zeigt
keine Gefühle, man tut das nicht" usw. Introjekte haben nun die Eigenschaft, sich zu unbewußten Strukturen zu
entwickeln und so das Leben zu steuern. Eine solche Steuerung kommt einer Fremdbestimmung gleich. Dies geschieht
aber nicht, wenn die Introjekte "assimiliert" werden. Das bedeutet: während das Introjekt noch gewissermaßen als
Fremdkörper im Individuum wirkt, wird durch die Assimilation, das aus der Außenwelt kommende vom Individuum
angeeignet und dadurch Teil der eigenen Persönlichkeit. "Was wir aus unserer Umwelt wirklich assimilieren, wird
unser eigen. Wir können damit machen was wir wollen. Wir können es zurückhalten oder es in der neuen Form, zu der
es in uns geworden ist, wiedergeben. Was wir aber unzerkaut hinunterschlucken, was wir unkritisch annehmen, was wir
in uns hineinlassen, ohne es zu verdauen, ist ein Fremdkörper, ein Parasit, der sich in uns breitmacht. Es ist kein Teil
von uns, mag er auch noch so aussehen, als sei er es. Es ist immer noch ein Teil der Umwelt."
Perls vergleicht den psychischen Assimilationsprozeß mit dem der Nahrungsaufnahme. Normen und Werte,
Theorien und Informationen werden vom Einzelnen aus der Umwelt aufgenommen. Diese psychischen Strukturen
müssen nun, um eigene innere Strukturen zu werden "verdaut" werden. Das ist der Prozeß der Assimilation, in dem der
Einzelne sich kritisch mit den Forderungen aus der Umwelt auseinandersetzt, überprüft und entscheidet, was er sich zu
eigen machen will und was nicht. In der frühen Kindheit ist dies zunächst nicht möglich. Das Kleinkind ist den elterlichen Introjekten zunächst ausgeliefert.
Im Laufe der Entwicklung jedoch, gibt es immer wieder Phasen, in denen sich das Kind gegen die elterlichen
Gebote abzugrenzen versucht und eigene Regelsysteme zu entwickeln trachtet. Die spektakulärste Phase in dieser
Hinsicht ist sicherlich die Pubertät.
Der oben skizzierte Institutionsbegriff geht davon aus, daß Institutionen das Individuum von permanenten
Entscheidungsprozessen entlasten. Verinnerlichte Regeln und Normen stellen so gesehen eine Entlastung für den
Einzelnen im Umgang mit seiner sozialen Welt dar. Allerdings bedeuten Regeln und Normen eine Fremdbestimmung,
wenn die Introjekte nicht vom Individuum assimiliert worden sind.
Ziel einer institutionsanalytisch-gestalttherapeutisch orientierten Sozialarbeit muß es daher sein, dem
Einzelnen die Assimilation von gesellschaftlichen Regelsystemen zu ermöglichen und gesellschaftliche Regelsysteme so zu beeinflussen, daß sie von möglichst allen gesellschaftlichen Gruppen assimilierbar sind.
Fallbeispiel:
Wegen des Frisierens eines Mofas verurteilte der Jugendrichter den fünfzehnjährigen Markus zu einem
Jugendarrest von einer Woche, nachdem andere erzieherische Maßnahmen durch das Jugendamt den Jugendlichen nicht
davon abhalten konnten, weiterhin sein Mofa zu frisieren. In der Jugendarrestanstalt auf dieses Vergehen angesprochen,
antwortet Markus:
"Ein Mofa mit 25 km/h ist ein Verkehrshindernis."
Bevor es zum Jugendarrest kam, wurden folgende "Introjektionsversuche" unternommen.
1. Stillegung eines Mofas und Ermahnung durch die Polizei.
2. Richterliche Weisung, Geldbuße, Sozialstunden.
3. Hausbesuch des Jugendamtes, Information der Eltern und Ermahnung durch das Jugendamt.
4. Verkehrsunterricht an 3 Nachmittagen.
5. Verhandlung durch den Jugendrichter mit der Anordnung des Jugendarrestes.
6. Aufklärung über die rechtlichen Folgen bei weiteren Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung.
Die Äußerung, "ein Mofa mit 25 km/h ist ein Verkehrshindernis" macht Markus zwei Tage vor der Entlassung.
Die Frage des Sozialarbeiters, ob ihm denn schon jemals einer Recht gegeben habe, oder zumindestens Verständnis für sein Argument zeigte, erzeugte deutliche Verwunderung bei Markus. Alle bisherigen erzieheri-schen Maßnahmen liefen darauf hinaus, daß er einsehen möge, daß man mit einem Mofa nicht schneller als 25
km/h fahren dürfe, dabei sei man damit ein "echtes Verkehrshindernis".
Im Gespräch mit dem Jugendlichen geht der Sozialarbeiter zunächst auf seine bisher gemachten Erfahrungen mit
Erziehungsbehörden ein und bekommt die Antwort, daß Markus alle an seiner Verkehrserziehung Beteiligten für
"Panneköppe" und "Rotlichtschläfer" hält, die ihn nur davon abhalten wollen, am Straßenverkehr teilzunehmen.
Im Weiteren erzählt Markus davon, wie sicher er im Straßenverkehr ist, weil er schon von frühester Kindheit an
durch den Vater mit Autos und Verkehr vertraut gemacht worden ist und was ihm damals seine Spielzeugautos,
Dreiräder und Fahrräder bedeutet haben. Bei dem hier beschriebenen Fall handelt es sich wohlgemerkt um eine
sogenannte Bagatelle für die Jugendgerichtshilfe, die, wie in diesem Fall, zur Kriminalisierung eines ansich harmlosen
Phänomens führen kann.
Betrachtet man jedoch die Unfallstatistiken bei männlichen jugendlichen Fahranfängern, stellt man eine signifikant
hohe Unfallrate fest, obwohl Knaben seit ihrer frühesten Sozialisation mit Verkehrsspielzeug vertraut gemacht werden.
Es stellt sich die Frage, in welcher Form hat Markus die "Institution Straßenverkehr" introjiziert, wodurch werden
Assimilationsprozesse verhindert und auf welcher Ebene liegt das Problem.
Die Sozialarbeiter der Jugendgerichtshilfe sagen, daß fast alle Jugendlichen ihr Mofa frisieren, weil niemand
langsamer als die Freunde sein will. Wenn dem so ist, müssen wir erkennen, daß ein allgemeines Problem in der Person
von Markus individualisiert wird. Das individuelle Problem von Markus liegt dann evtl. nur noch darin, daß er so ungeschickt ist, sich immer wieder erwischen zu lassen, oder er macht mit diesem "Symptom" eine Mitteilung.
Der sozialtherapeutische Ansatz der Gestalttherapie reflektiert das hier beschriebene individuelle Phänomen vor
dem Hintergrund seiner institutionellen Widersprüchlichkeit.
In dieser institutionellen Widersprüchlichkeit treffen im Falle des Straßenverkehrs introjezierte Norm- und
Werthaltungen von Konkurrenz, Unabhängigkeit, Stärke usw. auf Introjektionsversuche von Solidarität, Rücksicht und
Gemeinschaft. Die Assimilation dieser Widersprüche ist nur über eine Auseinandersetzung mit normen- und
werteverkörpernden Objekten zu erreichen.
Das Gespräch zwischen dem Sozialarbeiter und Markus entwickelt sich dergestalt, daß der Jugendliche darüber
spricht, wie es früher war, als er Spielzeugautos geschenkt bekam.
Markus:
Mein Vater hat mir dann auch immer die technischen Sachen von den Autos erklärt,
besonders die Rennwagen.
SozArb:
Scheinen ja interessante Gespräche damals gewesen zu sein.
M.::
Dabei hat er immer ne Dieselkutsche gefahren.
S.::
Und wie ist das für Dich?
M.:
Find ich ziemlich blöd den Alten, große Sprüche aber nur nen Diesel unterm Arsch find ich echt
lächerlich, aber das will er ja nicht hören. Mir könnte sowas ja nicht passieren, wenn ich schnell
fahren will, dann träume ich nicht nur davon, dann mach ich das auch.
S.:
Dein Vater träumt nur von schnellen Autos, Du aber nicht.
M.:
(lacht) Naja von Autos kann ich ja auch nur träumen aber mit dem Mofa ist das schon was anderes.
Aber da gibts auch so Typen, die immer nur hinterherfahren.
S.:
Sag mal, und Dein Vater fährt nicht mal son bißchen riskant
M.:
Hat er mir ja früher erzählt, so mit Ralley und so, schläft aber in Wirklichkeit fast ein und träumt
dabei, er führe Ralley.
S.:
Magst Du Dir vielleicht mal vorstellen, wie Du in der Rolle Deines Vaters Auto fahren würdest?
M.:
Wie, ich soll mich in meinen Alten versetzen, ist ja echt ätzend.
S.:
Ja, spiel mal Deinen Vater in seinem Auto.
M.:
Ach du Scheiße, naja ich kanns ja mal versuchen.
Im anschließenden Rollenspiel übernimmt Markus die Rolle seines Vaters. In der Identifikation mit diesem setzt er
sich zunächst mit dessen "Feigheit" auseinander, kann aber auch die Trauer darüber spüren, die der Vater hat, weil er
sich durch die Realitäten des Verkehrs in seinem "Freiheitsdrang" eingeschränkt fühlt.
Im weiteren Verlauf des Rollenspiels verspürt Markus die Last des "Verantwortungsgefühls" des Vaters.
Im Rollenspiel wird mit einem leeren Stuhl gearbeitet, auf den sich Markus setzt, wenn er die Rolle des Vaters
übernimmt. Auf seinem eigenen Stuhl ist er Markus.
Nachdem Markus aus der Rolle des Vaters auf seinen eigenen Stuhl zurückgekehrt ist, kann er Enttäuschung und
Wut darüber empfinden, daß der Vater ihn an diesen Seiten seines Lebens bisher nur unzureichend teilnehmen ließ. In
einem neuerlichen Rollenspiel (Stuhlarbeit) kommt es nun zum Dialog zwischen Markus und dem imaginierten Vater
(Markus auf dem anderen Stuhl).
In diesem Dialog kann der Jugendliche dem (imaginierten) Vater seine Enttäuschung und seinen Ärger zum
Ausdruck bringen.
Diese emotionale Auseinandersetzung mit dem väterlichen Objekt wurde in der Realität bisher versäumt, was dazu
führte, daß alte Introjekte nicht verarbeitet (assimiliert) werden konnten und daß dadurch für neue Erfahrungen mit
Regeln keine Kapazitäten mehr vorhanden waren, also neue Regeln und Normen und alte Introjekte sich
gegenüberstehend, ausschlossen. Durch die Auseinandersetzung mit dem (imaginierten) Vater sollte es Markus
ermöglicht werden, die alten väterlichen Introjekte, soweit sie seiner Persönlichkeit entsprachen, zu assimilieren und die
nicht-persönlichkeitskompatiblen Reste auszuscheiden.
Nach diesem Prozeß besteht erst die Möglichkeit zur Annahme neuer Regeln und Normen. Diese Assimilation ist
jedoch wiederum nur vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit dem ganzen Feld möglich.
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