Strom_Teil_2 - rainer71.de

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Kapitel Zwei
2
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
51
Suche nach neuen Abnehmern
Die Neuorientierung
2.1
„Alles elektrisch!“
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
2.1.1
Elektrizität als „Mädchen für alles“
Werbung für neue Haushaltgeräte (1924 - 1928)
N
achdem die Inflation, als Verlängerung der Kriegshandlungen mit anderen Mitteln
angesehen, überstanden war, atmeten die Bürger auf. Nun schien endgültig der
Frieden eingekehrt zu sein, auch in der Elektrizitätswirtschaft, der die Geldentwertung
schlechter bekommen war als der Krieg. So bot Elektrohändler Paul Bilz in seinen Anzeigen zu „Friedens-Weihnachten 1924“ Elektrogeräte „zum Friedenspreis“ an,270 auch die
PESAG bezeichnete ihre wieder auf Vorkriegsniveau sinkenden Tarife als „Friedenspreise“.271 Das Elektrizitätswerk hatte aus der Diskussion um die Strompreise gelernt und seine
Tarife neben einer Herabsetzung der Grundgebühr und der Einführung eines Kraftstaffeltarifs mit Betriebsstundenrabatten zusätzlich mit einer Kohlenklausel versehen, um sie an die
Entwicklung der Kohlenpreise zu koppeln.
Da sich die finanzielle Situation der Bürger zusehends besserte, knüpfte die PESAG an
ihr durch den Krieg abrupt unterbrochenes Engagement zur Elektrifizierung der Haushalte
an. Im Mai 1924 legte sie wieder einen Koch- und Heizstromtarif auf: Bei einem Verbrauch bis 50 kWh im Monat berechnete sie im gesamten Versorgungsgebiet einen Arbeitspreis von 15 Pf/kWh; wurden mehr als 50 kWh abgenommen, kostete die kWh lediglich 10 Pf.272 Einschließlich Kohlenklausel betrugen die Preise 1924 rund 17 bzw. 12
Pf/kWh. Allerdings erregte dieser Tarif, anders als der 1929 entstandene Haushalttarif, auf
den noch eingegangen wird, kaum Aufsehen. Weder warb die PESAG dafür in den Lokalzeitungen, noch ist eine besondere Resonanz überliefert; elektrisches Kochen und Heizen
hatte offensichtlich noch zu wenig Anhänger gefunden.273
1925 weitete das Unternehmen sein Ratenzahlungsangebot aus; Hausinstallationen
konnten in 24 Raten abgestottert werden, die Anmeldungen erfolgten bei der PESAG oder
270
271
272
273
Vgl. Anzeige von Paul Bilz im WV vom 14.12.1924.
Vgl. u. a. die PESAG-Geschäftsberichte 1924 und 1925.
Vgl. PESAG-Aktennotiz „Koch- und Heiz-Tarif vom 07.05.1924“ und Schreiben der PESAG an die
Elektrizitäts-Genossenschaft Ostenland vom 16.11.1926. In: PESAG-Archiv, Kasten 6 bzw. Kasten 72,
Akte Ostenland.
In den Statistiken der PESAG wird die Abgabe von Heizstrom erst ab 1929 erfaßt. Vgl. die Stromve rkaufsbücher der PESAG in: PESAG-Archiv, Kasten 53.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
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den zugelassenen Installateuren. 274 1928 berichtete Vogel, das Ratenzahlungsgeschäft laufe
„mit gutem Erfolg“, jedoch neigten die Installateure dazu, zahlungskräftige Abnehmer
selbst zu beliefern, „die faulen Kunden aber per Ratenzahlung in das Risiko des Elektrizitätswerks“ zu schieben. 275 Angewiesen auf die Kooperation mit dem Marktpartner, mußte
die PESAG aber gute Miene zum manchmal bösen Spiel machen.
Auch das RWE verstärkte in dieser Zeit seine Werbeaktivitäten. Unter anderem gab es
ab 1925 erneut die Kundenzeitschrift Elektrisches heraus, die sich, monatlich erscheinend,
in erster Linie an Haushalte und Landwirtschaft richtete. Elektrisches gab Hinweise und
Tips zum Einsatz von Elektrogeräten in Haus und Hof, informierte über die aktuellen
Tarife und den neuesten Stand der Technik und bot Blicke hinter die „Kulissen“ der Elek trizitätswirtschaft, indem es beispielsweise die Funktionsweise eines Kraftwerks oder einer
Umspannanlage erklärte. 276 Auch die PESAG verteilte diese Zeitschrift mit unverändertem
Text und Anzeigenteil, lediglich das Titelblatt wurde um ihren Namen ergänzt. 277
Im PESAG-Archiv ist nur eine Ausgabe vom September 1925 erhalten. 278 Die Inhalte
dieser Ausgabe veranschaulichen, daß Haushalte und landwirtschaftliche Betriebe zwar als
zunehmend bedeutendere Abnehmergruppen angesehen, ihnen jedoch keine Kenntnisse
und Erfahrungen auf dem Gebiet der Elektrizitätsanwendung zugetraut werden konnten. So
beschreibt zum Beispiel ein Artikel in sehr simpler Form, mit zahlreichen Abbildungen
versehen, die Funktionsweise eines elektrischen Staubsaugers. Offensichtlich hatten die
Herausgeber erkannt, daß in der Bevölkerung enormer Aufklärungsbedarf über Strom im
allgemeinen und den sinnvollen Einsatz elektrischer Geräte im besonderen bestand und
begonnen, gemäß dem geflügelten Goethe-Zitat „Was man nicht versteht, besitzt man
nicht“ diesen Mißstand zu korrigieren. Jedoch sollten noch einige Jahre vergehen, bis die
PESAG mit der Einrichtung einer Beratungsstelle in der Paderborner Innenstadt diesen
Bedürfnissen entgegenkam.
Während elektrische Haushaltgeräte noch wenig Verbreitung fanden, übernahm die
PESAG zumindest auf dem Gebiet der Beleuchtung ab Mitte der 1920er Jahre die
Monopolstellung, auch in den städtischen Einrichtungen, die eigentlich vorrangig das Wohl
und Wehe der Gasanstalt berücksichtigen sollten. Zum Beispiel ersetzte 1925 der städtische
Schlachthof seine den Anforderungen nicht mehr genügende Druckgasbeleuchtung durch
274
275
276
277
278
Vgl. PESAG-Bekanntmachung im WV vom 24.01.1925, „Elektrische Hausinstallation auf Abzahlung“.
Vgl. Schreiben von Vogel an Plaßmann vom 13.04.1928. In: PESAG-Archiv, Kasten 8.
Vgl. LAAKS, passim. In welcher Auflagenhöhe Elektrisches erschien, ist nicht überliefert.
Das benachbarte Kreis-Elektrizitätsamt Höxter (KEA) gab bereits ab Oktober 1924 mit den KEANachrichten eine eigene Zeitschrift für ihre Abnehmer heraus. Vgl. GROTE, S. 90.
Vgl. Elektrisches Nr. 4 [September 1925]. In: Archiv des PESAG-Betriebsrats, Aktenordner PESAGGeschichte. – Zum Inhalt dieser Ausgabe vgl. auch Kap. 2.2.2, S. 86f.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
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elektrisches Licht.279 Nicht einmal das Gaswerk selbst mochte auf elektrisches Licht verzichten, als es im Oktober 1924 sein neues Verwaltungsgebäude bezog. Da ihm die
PESAG listig Lichtstrom zum Kraftstrompreis anbot, 280 verzichtete es ganz auf Gasbeleuchtung; freilich, wie SCHRÖDER wehklagt, „sehr zum Nachteile der werbenden Wirkung
für Gas, auf den in den nachfolgenden Jahren viele der Gaskunden aufmerksam machten“.281 In der Tat ist dieses Ereignis auch als symbolischer Akt, als endgültige Kapitulation
der traditionsreichen Gasbeleuchtung Paderborns vor der Elektrizität zu verstehen.
Ausgenommen die Straßenbeleuchtung: Auf diese warf die PESAG wieder einmal
sehnsüchtige Blicke. Um den Stadtvätern die aus ihrer Sicht famose Qualität elektrischen
Lichts besonders einprägsam vor Augen zu führen, installierte sie im Winter 1928/29
Strahler, die das Rathaus mit Anbruch der Dunkelheit malerisch beleuchteten; verbunden
mit dem Wunsch, „daß die Beleuchtung des Rathauses ein erster Schritt war, um die Beleuchtung der Paderborner Hauptstraße den heutigen Bedürfnissen und dem heutigen
Stande der Technik entsprechend auszugestalten“. 282 Aber diesen subtilen Hinweis auf die
vermeintliche Rückständigkeit der Gasbeleuchtung wollten die Stadtvertreter wie schon
1922 anscheinend nicht verstehen. Außerdem reagierte das Gaswerk entsprechend: Um die
Stadt gar nicht erst auf dumme Gedanken kommen zu lassen, übernahm es ab 1930 komplett die Unterhaltungskosten für die Gas-Straßenbeleuchtung.283
D
och die Beleuchtung allein befriedigte die PESAG wie die anderen Elektrizitätswerke ohnehin längst nicht mehr. Als mit dem nach der Überwindung der Inflation
einsetzenden Wirtschaftswachstum der Lebensstandard der Bürger stieg, wurde die Eroberung der Küche als neues Ziel auserkoren. – Die elektrische Küche: Hatte DETTMAR 1911
noch davon geschwärmt, die elektrifizierte Küche werde sich dank des Verschwindens von
Rauch, Ruß und Abgasen in eine saubere und gemütliche Wohnstube verwandeln,284 spukten den Ingenieuren fast zwei Jahrzehnte später andere „Flausen“ im Kopf herum: die
Küche als nüchtern-funktionell eingerichteter Arbeitsplatz wie in der Fabrik, um die Frauen
von ihrem „Elend“ zu befreien. Mit sparsamen Handgriffen, ohne viele Schritte zurücklegen und große Bürden auf sich nehmen zu müssen, sollte die emsige Hausfrau schalten und
walten können.
279
280
281
282
283
284
Vgl. Verwaltungsbericht der Stadt Paderborn für die Geschäftsjahre 1924 - 1928. In: StAPb A 195.
Die PESAG sah sich finanziell dazu in der Lage, da der Stromlieferungsvertrag auch da s Wasserwerk
beinhaltete, das die PESAG wieder zur Anschaffung einer elektrischen Pumpe hatte bewegen können,
womit Engelhardts Lapsus von 1918 ausgebügelt wurde. Vgl. Schreiben von Vogel an Plaßmann vom
17.04.1924. In: PESAG-Archiv, Aktenordner 4/41/01-04/1.
SCHRÖDER, S. 69.
Schreiben der PESAG an den Stadtverordnetenvorsteher vom 16.01.1929. In: StAPb A 3392. – Als kleine
Zugabe schenkte die PESAG allen Stadtverordneten ein Photo des beleuchteten Rathauses.
Vgl. SCHRÖDER, S. 75.
Vgl. DETTMAR, S. 76.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
54
Oberflächlich betrachtet war dies ein lobenswerter Gedanke, zumal der Hausarbeit damit ein professioneller Charakter verliehen wurde, der dem Beruf „Hausfrau“ zu größerer
Anerkennung verhelfen konnte. Doch widersprach dieses Konzept den architektonischen
wie den kulturellen Gegebenheiten. Gerade in Arbeiterhaushalten und auf dem Lande
stellte die Küche in der Regel den größten Raum des Hauses dar, fungierte gleichzeitig als
Kochstelle, Eßzimmer, Aufenthaltsraum und Kinderspielplatz – eine echte Wohnküche,
Mittelpunkt des häuslichen Lebens. 285 Dort befand sich ein großer, mit Kohle oder Holz zu
betreibender Herd, ebenfalls multiplen Zwecken gehorchend. Frühmorgens in Betrieb
gesetzt, brannte er den ganzen Tag und diente, jederzeit unverzüglich einsetzbar, als
Kocheinrichtung, Warmwasserbereiter und Raumheizung. 286 Ein Eindringen der Elektrizität mußte in jedem Fall eine Zerschlagung dieser organischen Einheit bewirken. Es kam
den technikfixierten Ingenieuren gar nicht in den Sinn, daß eine fabrikmäßig rationalisierte
Küche ihren Status als heimeligen Wohnraum verlor, sich vom Familientreffpunkt zum
sterilen Arbeitsplatz wandelte und den Hausfrauen ihre Arbeitsfreude nahm. Zumal sie
mitnichten nun weniger, sondern mehr Schritte in der Wohnung unternehmen mußten, um
Dinge zu tun, die in der immer kleiner werdenden Küche keinen Platz mehr fanden, zum
Beispiel ihre Kinder beaufsichtigen. Erschwerend kam hinzu, daß die Ingenieure von den
tatsächlichen Bedürfnissen einer Hausfrau wenig Ahnung besaßen und Haushaltgeräte
konstruierten, die viel zu komplex und unhandlich waren, so daß die Hausfrauen ohne eine
besondere Einweisung gar nicht in der Lage waren, damit umzugehen. 287 Zudem erforderten diese Geräte in der Regel den Kauf von speziellem und teurem Kochgeschirr.
Vor allem aber war die Einführung der elektrischen Küche bislang an den, verglichen
mit den Preisen der Konkurrenzenergien, zu hohen Stromtarifen gescheitert. Um wettbewerbsfähig mit dem Gas zu sein, durfte Haushaltsstrom nicht mehr als 8 - 10 Pf/kWh statt
der in Deutschland noch üblichen 35 - 50 Pf/kWh kosten. 288 Eine derartige Preissenkung
erschien den meisten Elektrizitätsversorgern noch völlig suspekt. Die PESAG offerierte
zwar einen günstigen Koch- und Heizstrompreis, doch auch in Paderborn ging die Entwicklung der Stromanwendung im Haushalt nur mühsam voran, wie Vogel 1926 in einem
Schreiben an Plaßmann eingestand: In der Schweiz betrage der Stromverbrauch pro Einwohner und Jahr rund 700 kWh, in Norwegen 493 kWh, in den Vereinigten Staaten 472
kWh und in Deutschland 141 kWh, in Paderborn aber lediglich 83 kWh mit Industrieabg abe und sogar nur 24,7 kWh ohne. Auf das langsame Vordringen der elektrischen Beleuchtung und den steigenden Bedarf der Industrie könne sich die PESAG nicht verlassen, noch
285
286
287
288
Vgl. ZÄNGL, S. 70f., und VIETHEN-VOBRUBA, S. 137.
Vgl. dazu auch Kap. 2.2.2, S. 88f.
Vgl. RADKAU, S. 194, und VIETHEN-VOBRUBA, S. 136f.
Vgl. SIEMENS [1951], S. 59.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
55
viel weniger auf das Engagement der Installateure, zumal deren Zuverlässigkeit überwiegend sehr mangelhaft sei, erkennbar an täglich vorkommenden groben Verstößen selbst
gegen einfachste Installationsvorschriften.289
Mit dieser vernichtenden Kritik stand Vogel nicht allein. So diagnostizierte die Vereinigung der Elektrizitätswerke (VdEW) 1933, die Elektroinstallateure, an sich die natürlichen
Werber für die Elektrizitätsversorger, versagten auf diesem Gebiet vollständig. Die große
Masse verfüge weder über die geistige Regsamkeit und Aufgeschlossenheit gegenüber
neuen Dingen noch über die erforderlichen Fachkenntnisse. Zudem sei immer noch die
Mentalität des Handwerkers früherer Tage verbreitet, der wie selbstverständlich erwarte,
daß der Kunde zu ihm ins Haus komme und nicht umgekehrt.290
Doch Vogel erkannte bei den Paderborner Installateuren noch andere Schwächen:
Die Einführung von Haushaltapparaten, wie Warmwasserspeicher, Bügeleisen,
Brotröster, Tauchsieder, Wärmeflaschen, Heizkissen, Kühlschränke, Waschmaschinen, Lichtbäder, Staubsauger, Ventilatoren, Klingeltransformatoren, ist dem Installateur in dem für das Elektrizitätswerk erforderlichen Umfang nur selten möglich,
weil er durch den einmaligen Verkauf dieser Apparate nicht soviel einnimmt, daß er
die Kosten der Anpreisung derselben, die Mühen der Unterhaltung und die Beseitigung von im Anfang, da es sich um etwas ganz Neues handelt, unvermeidbaren
Störungen zu übernehmen in der Lage ist. Noch viel weniger kann er bei teuren Apparaten die Kosten und Risiken übernehmen, die mit einem Abzahlungsgeschäft
verbunden sind, so daß die Einführung dieser Apparate in großem Maßstabe nicht
möglich ist, wie es die Erfahrungen in der Schweiz, Amerika und in den nordischen
Ländern gezeigt haben.
Es sei auch erinnert an die große Anzahl von neuen stromverbrauchenden Apparaten für die Landwirtschaft, wie Frischfuttersilos, Kartoffeldämpfer und dergl., die ei nzuführen auch über die Kraft des Installateurs geht. Größere Installateure, wie AEG,
SSW usw. mögen das können, aber in unserem Gebiet sind wir auf kleine und
kleinste Installateure, die zum Teil diesen Geschäftszweig nur nebenher betreiben,
angewiesen. Es fehlt dem Installateur auch weiter jeder Anreiz zur Einführung von
guten und brauchbaren Schaufensterbeleuchtungen, Straßenbeleuchtungen, Treppenhausbeleuchtungen, Lichtreklame und dergl. 291
Daher schwebte Vogel eine ganz neue Einrichtung vor: Diese Lücke könne nur die
PESAG mit der Einrichtung einer eigenen Elektro-Beratungsstelle samt Ausstellungs- und
Verkaufsraum in günstiger Geschäftslage Paderborns schließen, mit einer „Propagandastelle für den Vertrieb elektrischer Energie im Haushalt und in der Landwirtschaft auf Gebieten, die bisher der Elektrizität noch wenig erschlossen sind, die aber eine Steigerung des
privaten Stromverbrauchs auf das 5 - 6fache in wenigen Jahren gestatten“. 292 Die Ausführung von Installationen solle dagegen auf das Allernotwendigste beschränkt bleiben.
Die Aufsichtsratsmitglieder der PESAG nahmen mit großem Interesse von dieser Idee
Kenntnis. Der Münsteraner Landesrat Heinrich Pothmann befürwortete den Vorschlag, gab
289
290
291
Vgl. Schreiben von Vogel an Plaßmann vom 29.06.1926. In: Archiv des PESAG-Betriebsrats, Aktenordner Provinzialverband Münster - PESAG 1909 - 1926.
Vgl. LEINER [1984], S. 36 - 38.
Schreiben von Vogel an Plaßmann vom 29.06.1926. In: Archiv des PESAG-Betriebsrats, Aktenordner
Provinzialverband Münster - PESAG 1909 - 1926.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
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allerdings zu bedenken, in Münster hätte sich die Handelskammer entschieden gegen die
Konkurrenz der dort von den VEW errichteten Verkaufsstellen gewehrt. Daher schlug er
vor, die Verkaufstätigkeit der PESAG nicht weiter als unbedingt erforderlich auszudehnen.293 Auch die anderen Aufsichtsräte konnten sich für die Sache erwärmen, lediglich die
Vertreter der Stadt Paderborn lehnten eine solche Einrichtung strikt ab, da sie darin eine
Gefahr für das Gaswerk erblickten und zudem einen erbitterten Widerstand der Installateure befürchteten. Vogel war tief betroffen, „sehe ich doch täglich, wie rückschrittlich und
mit welcher Mißachtung der Belange des Stromverkäufers die Installateure unsere Abnehmer behandeln“.294 Schließlich konnte er sich durchsetzen; der Aufsichtsrat stimmte mit
Mehrheit der Errichtung einer Verkaufsstelle zu.
Freilich mußten sich die Paderborner noch fast zwei Jahre gedulden, da es der PESAG
nicht leicht fiel, passende Räumlichkeiten aufzutreiben. Währenddessen suchte das Unternehmen vor allem eine intensivere Zusammenarbeit mit den von Vogel so gescholtenen
Marktpartnern, den Installateuren und Fachgeschäften. Diese rührten in der Tat nur zaghaft
die Werbetrommel für elektrische Geräte. Insbesondere fehlte die Bereitschaft, nicht nur
Lampen und Kleingeräte, sondern ebenso Koch- und Heizapparate anzubieten. Daher ging
die PESAG in einer Zeit, als allgemein das Verhältnis zwischen Elektrizitätswerken und
Installationsgeschäften tief zerrüttet war, da viele Werke nicht darauf verzichten mochten,
selbst Installationen durchzuführen und
Geräte zu verkaufen, andere Wege. Im
Dezember 1926 führte sie mit den Installationsgeschäfte erstmals eine gemeinsame Weihnachtswerbung durch – ein
Vorgeschmack auf die 1934 gegründete
Elektro-Gemeinschaft
PESAG.
Anfang
Demonstrations-
machte
ein
Den
Vortrag (Abb. 18), um den Paderbornerinnen die Elektrizität als „das Mädchen
für alles“ nahezubringen, eine Analogie
zur Werbung, die den Gewerbebetrieben
den Elektromotor als „besten Gesellen“
vermittelt hatte. Die Einladung zu diesem
Abb. 18: Das Mädchen für alles 295
292
293
294
295
Ebd.
Vgl. Schreiben von Pothmann an Plaßmann vom 08.07.1926. In: Ebd.
Vgl. Schreiben von Vogel an RWE-Direktor Kern, Essen, vom 30.08.1926. In: PESAG-Archiv, Aktenordner 8/02-3/1/1923 - 1929.
WV vom 07.12. und 08.12.1926.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
Abb. 19: Gutschein-Aktion im
PESAG-Versorgungsgebiet297
57
Abb. 20: Gutschein-Aktion für Paderborn 298
Vortrag einer auswärtigen Energieberaterin richtete sich in erster Linie an Hausfrauen und Schülerinnen der Haushaltungsschulen.296
Da sich praktisch veranlagte Westfalen mit guten Worten allein niemals überzeugen lassen, lockten die Marktpartner zudem mit einer Bonusaktion (Abb. 19). Beim Erwerb eines
der aufgelisteten Geräte erhielten die Käufer als Zugabe einen Gutschein für den Bezug
von fünf Lichtkilowattstunden. 299 Geschäfte aus dem gesamten Versorgungsgebiet beteiligten sich, darüber hinaus auch die Bielefelder Filialen der AEG und der SSW. Wenige Tage
später erschien eine weitere Anzeige mit gleichlautendem Angebot nur für die Paderborner
Geschäfte (Abb. 20), diesmal einschließlich der PESAG, die ebenfalls wieder Geräte
verkaufte. Dank des Anstoßes der PESAG vollzog sich somit innerhalb kurzer Zeit ein
Wechsel; die Geschäfte erweiterten ihr Angebot und umwarben die Haushalte. Unterdessen
war mit der AEG auch ein Elektro-Großhändler aktiv geworden und ließ Installationsgeschäfte unter dem Motto „Elektrizität in Haushalt und Gewerbe“ für seine Geräte aller Art
von Lampen und Radios über Herde, Tauchsieder und Heißwasserspeicher bis zu Bohrmaschinen und Wasserpumpen werben.300
296
297
298
299
300
Die entsprechenden Schulen im Paderborner Raum wurden wahrscheinlich auch direkt eingeladen.
WV vom 11.12.1926.
WV vom 22.12.1926. Warum einige der in der ersten Anzeige aufgeführten Geschäfte wie Brocke,
Brechelt und Leniger hier fehlen, ist unklar. Möglicherweise wurden zwei Tage vor Heiligabend nur noch
die Läden genannt, die die entsprechenden Geräte noch in größerer Stückzahl vorrätig hatten.
Eine kWh Lichtstrom der PESAG kostete zu jener Zeit in den Städten 42 und auf dem Land 48 Pf.
Vgl. u. a. die Gemeinschaftsanzeige der Installateure Paul Heinemann, Josef Leniger, Victor Heinicke und
Wilhelm Epping im WV vom 18.12.1926. Diese Anzeige hat offensichtlich die AEG selbst geschaltet; die
gleiche Anzeige mit anderen Geschäften, darunter dem EVBB, erschien auch für den Bürener und Warburger Raum. Vgl. WV vom 20.12.1926.
Kapitel Zwei
A
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
58
m 16. Juni 1928 eröffnete die
PESAG schließlich in der Western-
straße ihren „Vorführungsraum elektrischer
Apparate“ (Abb. 21), „in welchem nur
Apparate zur Ausstellung gelangen, die die
beste Gewähr für einwandfreies Arbeiten
bieten, so daß dieser Verkaufsraum gleichzeitig einen Schutz bietet gegen minderwertige Erzeugnisse der elektrischen Industrie,
die leider zum Schaden der Stromverbraucher und damit auch zum Schaden der
Elektrizitätswirtschaft immer noch allzu
Abb. 21: Die Propagandastelle
der PESAG ist eröffnet301
häufig zum Verkauf gestellt werden“.302 Vogel hoffte, der Laden werde zugkräftiger sein
als die Ratenzahlungssysteme, „weil die Unterbringung von stromverbrauchenden, gut
brauchbaren Apparaten mindestens ebenso wichtig ist als die Gewinnung neuer Abnehmer“.303 Ein Konzept, das Erfolg zu haben schien: Nachdem die Stromabgabe bereits 1927
um mehr als fünf Mio. auf fast 13,4 Mio. kWh gestiegen war, erhöhte sie sich 1928 auf
20,3 Mio. kWh und 1929 auf fast 24 Mio. kWh. Damit verdreifachte sie sich innerhalb von
drei Jahren, während die Zahl der Abnehmer im selben Zeitraum um weniger als ein Drittel
zunahm.304
Jedoch verzichtete die PESAG darauf, mit Pressemitteilungen und Anzeigen intensiv
auf die Existenz des Vorführraums hinzuweisen sowie dort Veranstaltungen ähnlich des
Demonstrations-Vortrags vom Dezember 1926 durchzuführen. Statt dessen fand die Einrichtung lediglich in kurzen Zeitungsmitteilungen Erwähnung, hauptsächlich als Geschäftsstelle des PESAG-Verkehrsbetriebs oder der KVG Wittekind. 305 Warum dem so war,
darauf wird an anderer Stelle noch eingegangen.
1927/28 schaute sich auch die Gasanstalt nach einem geeigneten Ladenlokal in der Innenstadt um. Als Otto Plaßmann davon Kenntnis erhielt, schlug er Gaswerk-Direktor Josef
Lauenstein vor, mit der PESAG gemeinsam eine Beratungsstelle einzurichten. 306 Doch
dieser ignorierte das Angebot; eine derartige Partnerschaft mit dem verhaßten Elektrizi-
301
302
303
304
305
306
WV vom 16.06.1928 und LA vom 17.06.1928. – Die Kraftverkehrs-AG Wittekind war ein 1925 unter
Beteiligung der PESAG gegründetes Omnibusunternehmen, das 1932/33 ganz übernommen wurde.
LA vom 17.06.1928, „PESAG und Kohlenpreiserhöhung“, und WV vom 18.06.1928, „Aenderung der Strompreise“.
Schreiben von Vogel an Plaßmann vom 13.04.1928. In: PESAG-Archiv, Kasten 8.
Vgl. A.1 und A.2 im Anhang.
Vgl. u. a. die Mitteilungen über den Verkauf von Fahrkarten in der „PESAG-Geschäftsstelle“ bzw. im
„PESAG-Ausstellungsraum“ bzw. in der „Wittekind-Geschäftsstelle“ im WV vom 01.06.1929 bzw.
17.08.1929 bzw. 30.05.1931 und 18.07.1931.
Vgl. Schreiben von Plaßmann an Lauenstein vom 12.07.1927. In: PESAG-Archiv, Aktenordner 4/41/01-04/1.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
59
tätswerk ging anscheinend völlig über seine Vorstellungskraft. 307 Ohnehin verzichtete das
Gaswerk zunächst auf die Einrichtung einer Verkaufsstelle in der Stadtmitte; unterdessen
waren nämlich die Proteste der Eisenhändler und Installateure gegen den Geräteverkauf des
Gaswerks immer lauter geworden. Vergleichbare Widerstände der Elektro-Händler zu jener
Zeit sind dagegen nicht überliefert.
E
benfalls im Juni 1928 mußte die PESAG aufgrund gestiegener Kosten, vor allem der
Kohlenpreise, die Lichtstromtarife von 42 auf 45 Pf/kWh in den Städten und von 48
auf 50 Pf/kWh auf dem Land anheben. 309 Um die Bevölkerung zu beschwichtigen und
weiter zu einem ausgedehnteren Verbrauch zu animieren, berechnete sie bei einer jährlichen Verbrauchssteigerung um mindestens 25 % in den Städten und 20 % auf dem Lande
im Vergleich zum Vorjahr für den mehrverbrauchten Lichtstrom nur 20 Pf/kWh.310 Dabei
ging es Rudolf Vogel, der sich
diesen Tarif ausgedacht hatte,
nicht einmal um die Erhöhung
des Konsums von elektrischem
Licht, den er für nicht weiter
steigerungsfähig
hielt,
wenn-
gleich die Anzahl der Glühlampen jedes Jahr um mehr als
7.000 Stück zunahm. 311 Vielmehr wollte er die Bürger dazu
bewegen, die ebenfalls an den
Lichtzähler
angeschlossenen
Kleingeräte häufiger zu benutzen.312
Abb. 22: Er weiß, was sich Frauen wünschen 308
307
308
309
310
311
312
Das vergiftete Verhältnis zwischen der Gasanstalt und PESAG veranschaulicht ein Briefwechsel: Als
Lauenstein vorgerechnet hatte, die Betriebskosten eines Elektromotors seien deutlich höher als die eines
Gasmotors, konterte Vogel, zum einen sei ein Gasantrieb kompliziert, geräuschvoll, übelriechend sowie
feuer- und explosionsgefährlich und daher völlig unbrauchbar, zum anderen habe Lauenstein unseriös g erechnet. Vgl. Briefwechsel zwischen Plaßmann, Vogel und Lauenstein im Juli/August 1927. In: StA Pb A
3392 und teilweise in: PESAG-Archiv, Aktenordner 4/41/01-04/1.
WV vom 20.12.1928.
Vgl. LA vom 17.06.1928, „PESAG und Kohlenpreiserhöhung“, und WV vom 18.06.1928, „Aenderung der
Strompreise“.
Das Gaswerk hielt dagegen: Nachdem es 1926 einen Staffeltarif von 22 bis 12 Pf/cbm eingeführt hatte,
der einen Anstieg der Gasabgabe bewirkte, verzichtete es 1928 trotz Kohlenpreiserhöhung auf eine Anh ebung der Preise, sondern weitete den Staffeltarif auf 10 Pf- und 8 Pf-Stufen aus, um verstärkt Gewerbebetriebe zu gewinnen. Vgl. SCHRÖDER, S. 71.
Vgl. A.2 im Anhang.
Vgl. Schreiben von Vogel an Aufsichtsrat Staercke vom 21.05.1928. In: PESAG-Archiv, Aktenordner
8/02-3/1.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
60
Der Ausstellungsraum und das 20 Pf-Angebot, um die Haushalte für die Elektrizität zu
begeistern – folglich meinte Bernhard Wieseler in seiner Weihnachtswerbung 1928 genau
erkannt zu haben, was sich Paderborner Frauen wünschten: vor allem Koch- und Heizgeräte, Staubsauger und Bügeleisen (Abb. 22).
2.1.2
D
Mit dem Haushalttarif die Krise überbrücken
Die Haushalte als Rettungsanker (1928 - 1933)
ie 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise wirkte sich auch auf die Elektrizitätswerke
in Deutschland höchst verhängnisvoll aus. Diese hatten sich schwerpunktmäßig auf
die Stromabgabe an die Großabnehmer kapriziert und die Industriebetriebe mit niedrigsten
Preisen dazu bewegt, auf eine eigene Energieversorgung zu verzichten.313 Folglich ein
stetiges Wachstum des Stromverbrauchs erwartend, hatten die Elektrizitätsversorger ihre
Kraftwerke entsprechend ausgebaut. Aufgrund des nun schrumpfenden Energiebedarfs der
Industrie standen sie nun vor umfangreichen überschüssigen Kapazitäten, die die Rentabilität der Unternehmen ernsthaft gefährdeten.
Auch die PESAG hatte dank des steigenden Elektrizitätsbedarfs der Paderborner
Zementindustrie314 und der Reichsbahn-Werkstätten ihre Abgabe an Großkraftabnehmer
deutlich steigern können. 315 1928 ließ sich das Elektrizitätswerk an das Hochspannungsnetz
des RWE anschließen, da das eigene Kraftwerk, das jedoch noch bis 1958 in Betrieb blieb,
den Anforderungen nicht mehr gerecht werden konnte. Während der Anteil der abgegebenen Großkraftstroms 1926 mit 3,45 Mio. kWh rund 42 % der Gesamtstromabgabe betrug,
lag er 1928 mit 13,79 Mio. kWh bei fast 68 % und 1930 mit 19,98 Mio. kWh bei über 74
%. Vor allem nach dem Zusammenbruch der Zementproduktion ging es dann schlagartig
abwärts: Atlas und Ilse, 1930 mit insgesamt über 16 Mio. kWh die weitaus größten Stromabnehmer der PESAG, benötigten 1931 lediglich 5,27 Mio. kWh und 1932 sogar nur noch
2,29 Mio. kWh. Der Anteil der Großkraftstromabgabe sank bis 1932 wieder auf 46,2 %. 316
Daneben machte der PESAG auch der wirtschaftliche Niedergang der Straßenbahn zu
schaffen, auf den an anderer Stelle noch näher eingegangen wird. Die Rentabilität des
Unternehmens stand ernsthaft auf dem Spiel, was auch den Aktionären schmerzhaft bewußt
wurde, als 1931 zum erstenmal nach 1923 keine Dividende gezahlt werden konnte. 317
313
314
315
316
317
Im Jahr 1925 verbrauchten in Deutschland die Großabnehmer rund 82 % des insgesamt erzeugten Stroms,
das RWE setzte über 90 % an seine Sonderkunden ab. Vgl. ZÄNGL, S. 129, 148.
1917 ging das Zement- und Kalkwerk Ilse und 1926 das Schachtofenzementwerk Atlas in Betrieb.
Zur Definition: Kleinkraftabnehmer verbrauchen bis zu 10.000 kWh Kraftstrom jährlich, Mittelkraftabnehmer zwischen 10.000 und 100.000 kWh und Großkraftabnehmer über 100.000 kWh.
Zahlen aus den PESAG-Stromverkaufsbüchern 1926 - 1932. In: PESAG-Archiv, Kasten 53.
Vgl. PESAG-Geschäftsbericht 1931 und VON DER ELEKTRISCHEN ZUM ALLELEKTRISCHEN, S. 162.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
61
Krampfhaft suchten die deutschen Elektrizitätswerke nach neuen, konjunkturunabhängigeren Absatzmärkten; mit den privaten Haushalten und dem Kleingewerbe meinten sie
diese gefunden zu haben. Die Vorreiterrolle übernahm das RWE: Um die Stromabgabe an
die Tarifabnehmer zu steigern, führte es im August 1929 einen gerätegebundenen Tarif von
9 Pf/kWh und ein neues Ratenzahlungssystem speziell für die privaten Haushalte ein. Per
Ratenzahlung konnten ausschließlich Herde, Kochgeräte und Heißwasserspeicher erworben
werden, keine anderen Elektrogeräte wie Bügeleisen oder Staubsauger, die offensichtlich
als nicht stromverbrauchend genug eingestuft wurden. 318 1931 erweiterte das RWE sein
Angebot, indem es Haushalten, die ausschließlich elektrisch kochten, Heißwasserbereiter
installierten und mehr als 150 kWh pro Monat verbrauchten, lediglich 5 Pf/kWh berech nete.319
Die anderen Elektritätswerke eiferten dem RWE nach, zumal auch die VdEW 1929 eine
Propagierung der elektrischen Küche
beschloß.321 Die Tochter- und Beteiligungsgesellschaften
zogen
ebenfalls
mit,
des
RWE
auch
die
PESAG, die ähnliche Sondertarife
bekanntlich schon 1914 und 1924
aufgelegt hatte. Mit Rücksicht auf
ihre angespannte Finanzlage bot sie
einen Haushalttarif an, der ein Pfennig höher war als der des RWE, und
bewarb
ihn
in
den
Zeitungen
(Abb. 25).322 Zwar hatte Paderborns
Bürgermeister
und
PESAG-
Aufsichtsratsmitglied Philipp Haerten zunächst versucht, die Einführung dieses Tarifs zu verhindern,
neues Ungemach für sein Gaswerk
kommen sehend, doch schließlich
318
319
320
321
322
Abb. 23: Der neue Haushalttarif
320
Das RWE gab der PESAG genaue Anweisungen, wie der Haushalttarif und die Ratenzahlungen anzuwe nden seien. Vgl. die entsprechenden Briefwechsel von 1929 bis 1931 sowie die „Richtlinien für die Einfü hrung des Ratenzahlungsgeschäfts des RWE“. In: PESAG-Archiv, Kasten 13.
Trotz dieses Werbefeldzugs des RWE vertritt RADKAU die Ansicht, das RWE sei bis in die 1950er Jahre
hinein an der Elektrifizierung der Haushalte kaum interessiert gewesen, da stets die Stromlieferung an die
Großabnehmer im Mittelpunkt gestanden habe. Vgl. RADKAU, S. 194.
WV und PA vom 01.08.1929.
Vgl. ZÄNGL, S. 151f.
Vgl. PA vom 01.08.1929, „Strompreisermäßigung bei der PESAG“.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
62
fügte er sich in das Unvermeidliche, setzte aber durch, daß die Ausweitung des Ratenzahlungsangebots für einige Zeit verschoben wurde.323
Die PESAG begann nun einen intensiven Werbefeldzug für das elektrische
Kochen:325 Sie verteilte an die Bürger Informationsblätter, in denen als Anregung die mannigfaltigsten Haushaltgeräte wie Kochherde, Kühlschränke, Badeöfen, Milchschleudern, Heizsonnen,
Milchflaschenwärmer und Radiogeräte aufgelistet
waren.326 Aufmerksamkeit erregen sollten zudem
Plakate mit dem bereits vor 1914 von Elektroingenieuren verbreiteten Slogan „Alles elektrisch!“ – ein
Motto, das sich nun erfolgreich zum Leitspruch der
Branche entwickelte (Abb. 24).
Abb. 24: „Alles elektrisch!“324
Die Mitarbeiter der PESAG wurden ebenfalls als Werbeträger für die Elektrifizierung
begriffen. Nach dem Vorbild des RWE, das seinen Angehörigen einen Stromtarif von 5
Pf/kWh für Licht-, Koch- und Heizstrom gewährte, führte die PESAG im Dezember 1929
einen Werktarif von 6 Pf/kWh ein. 327 Allerdings legte das Unternehmen großen Wert
darauf, diesen Sonderpreis nur dem zukommen zu lassen, „der sich im Rahmen seiner
wirtschaftlichen Möglichkeiten durch eigenes Beispiel an der allgemeinen Einführung des
elektrischen Kochens beteiligt“.328 Wer seinen Haushalt nicht vollelektrifizieren konnte,
sich aber zumindest einen Tischherd und dazu ein Bügeleisen und einen Schnellkocher
anschaffte, zahlte ab Juli 1933 10 Pf/kWh für Licht- und Haushaltstrom. Allerdings ließ die
Bereitschaft zum elektrischen Kochen unter den PESAG-Werksangehörigen zu wünschen
übrig; bis Ende August 1932 hatten lediglich 34 der über 300 Mitarbeiter vom Werktarif
Gebrauch gemacht.329
1930 stellte die PESAG mit Fritz Wolff einen eigenen „Werbeingenieur“ ein. Dieser
baute eine „Verkehrs- und Werbeabteilung“ auf, die sich mit dem Verkauf von Geräten,
dem Abschluß bestimmter Stromlieferungsverträge und insbesondere der Beratung von
Abnehmern befaßte. Beratungsgespräche von Mensch zu Mensch sollten den Kundenkon323
324
325
326
327
328
Vgl. Protokoll der PESAG-Aufsichtsratssitzung am 20.07.1929. In: PESAG-Archiv, Aktenordner
8/02-3/1/. – Wann die trotzdem beworbenen Ratenzahlungen eingeführt wurden, ist nicht überliefert.
WV vom 20.12.1933
Auch im redaktionellen Teil der Zeitungen fanden elektrische Koch- und Heizgeräte zunehmend Erwähnung. So empfahl der PA in seiner wöchentlichen Rubrik „Hof-, Garten- und Hauswirtschaft“ am
08.08.1929 in einem kurzen Artikel mit Bild die Anschaffung eines elektrischen Herds mit Bratrö hre.
Vgl. das Informationsblatt „Stromlieferungsbedingungen für Entnahme elektrischer Ener gie zu Haushaltzwecken“ als Anlage zum Schreiben des PESAG-Vorstands an den Bad Lippspringer Bürgermeister vom
03.08.1931. In: Archiv des PESAG-Betriebsrats, Aktenordner Altenbeken 1911 - 1946.
Vgl. Schreiben von Lange an Kern vom 25.10.1932. In: PESAG-Archiv, Kasten 19.
Vgl. Bekanntmachung an die Werksangehörigen vom 09.06.1933. In: PESAG-Archiv, Kasten 23.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
63
takt vertiefen. Jedoch war die personelle Ausstattung nicht sonderlich üppig: Tätig waren
mit Wolff ein Ingenieur, dazu zwei technische Angestellte und eine Haushaltberaterin; bis
1939 wuchs die Zahl der Mitarbeiter auf sieben an. 330 1932/33 ließ Wolff neben dem
Ausstellungsraum in der Westernstraße eine kleine Lehrküche einrichten, um die Paderbornerinnen mit dem Umgang elektrischer Küchengeräte vertraut zu
machen.331 1937 erwarb die PESAG das benachbarte Gebäude einer Gastwirtschaft und
nutzte es nach Umbauten sowohl für Aktivitäten der Werksangehörigen als auch für Veranstaltungen der Stromberatung. Ab 1938/39 fungierte die PESAG-Beratung auch als „LichtBeratungsstelle“ der Deutschen Arbeitsfront (DAF). 332
Während Wolffs Tätigkeiten vom Vorstand sehr geschätzt wurden, 333 zeigte sich das
Gaswerk gar nicht erbaut davon, erblickte es doch in der Werbung für die elektrische
Küche „eine Erscheinung, die geeignet sein konnte, die Entwicklung des Gaswerks zu
hemmen“.334 Eine im Frühjahr 1930 erschienene Ausgabe von Elektrisches erregte den
besonderen Zorn der Gasanstalt: Ein Artikel darin hatte sich in sehr kritischer Weise über
die Gefahren des Gaseinsatzes im allgemeinen und das Kochen mit Gas im besonderen,
eigentlich nur für Selbstmorde geeignet, ausgelassen. 335 Josef Lauenstein geriet außer sich,
Bürgermeister Haerten desgleichen, während Rudolf Vogel, mittlerweile beim RWE tätig,
trocken konterte, dieser Artikel verstehe sich lediglich als Reaktion auf zahlreiche Attacken
in Gas-Zeitschriften gegen die Elektrizität. Trotzdem beschloß der PESAG-Aufsichtsrat um
des lieben Friedens willen, die PESAG möge auf die weitere Verbreitung von derartigen
Flugschriften gegen das Kochgas einstweilen verzichten. 336
Doch Lauenstein ließ sich nicht besänftigen; ihm ging die gesamte Werbung der
PESAG für elektrische Koch- und Heizgeräte gegen den Strich, weil Elektrowärme eine
unsinnige Verschwendung wertvoller Rohstoffe darstelle, wie SCHRÖDER zitiert:
In solchem Sinne wies Direktor Lauenstein darauf hin, daß bei Deckung des Wärmebedarfs für Küchenzwecke und ähnliche Zwecke vermittelst elektrischen Stromes
der 2,4fache Aufwand an Kohle erforderlich ist gegenüber einer Deckung durch
Gas. Von der Elektrizitätsmenge, die in Gestalt von 10 Waggons Kohle in ein Elek trizitätswerk hineinfließt, gelangt nur die Wärmemenge von 1 Waggon Kohle in Gestalt von Strom zum Verbraucher. 9 Waggons Kohle gehen bei der Umwandlung in
elektrischer Energie verloren. Bei der Umwandlung von Kohle im Gaswerksbetriebe
aber gelangt die Wärmemenge von 2,4 Waggons in Gestalt von Gas zum Verbraucher. Außerdem werden 5 Waggons Koks zurückgewonnen. Es kann also nicht im
329
330
331
332
333
334
335
336
Vgl. Schreiben von Lange an Kern vom 25.10.1932. In: PESAG-Archiv, Kasten 19.
Vgl. die Statistiken über die Zahl der PESAG-Werksangehörigen in: PESAG-Archiv, Kasten 68.
Für den Verkehrsbetrieb gab es eine eigene „Verkehrswerbung“, keine eigenständige Abteilung, sondern
Teil der PESAG-Direktion Straßenbahn und Kraftverkehr.
Vgl. Schreiben von Lange an Kern vom 25.10.1932. In: Ebd.
Vgl. „Richtlinien für die Bestätigung als Licht-Beratungsstelle“. In: PESAG-Archiv, Kasten 23.
Vgl. Schreiben von Lange an Kern vom 25.10.1932. In: PESAG-Archiv, Kasten 19.
Zit. n. SCHRÖDER, S. 75. Dieser setzt den Beginn der PESAG-Propaganda fälschlich im Jahr 1932 an.
Weder im PESAG- noch im RWE-Archiv ist ein Exemplar dieser Ausgabe von Elektrisches erhalten.
Vgl. Schreiben von Plaßmann an Koepchen vom 29.04.1930. In: PESAG-Archiv, Aktenordner 8/02-3/2.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
64
volkswirtschaftlichen Interesse liegen, die elektrische Küche zu propagieren, wenn
die elektrische Energie aus Kohle gewonnen wird. Eine Verschwendung des wer tvollsten deutschen Rohproduktes, der Kohle, ist die Folge eines solchen Unterfangens. Abgesehen davon gelingt erfahrungsgemäß der Absatz von
Küchenstrom nur zu ausgesprochen niedrigen Preisen, die die Rentabilität eines
Elektrizitätswerks herabdrücken, wenn nicht auf anderen Gebieten der Stromverso rgung durch
Anwendung hoher Tarife ein Ausgleich geschaffen wird. Der Zustand ist sowohl für
das Gaswerk als auch für ein Elektrizitätswerk ein ungesunder. [...] Grundsätzlich
soll etwa Licht und Kraft dem Eltwerk, für Koch-, Warmwasser und Heizzwecke dem
Gaswerk das Absatzgebiet überlassen bleiben.337
In der Tat beurteilten selbst Elektrotechniker zu jener Zeit die Elektrowärme als technisch und finanziell unwirtschaftliches Verfahren. Noch in der heutigen Zeit wird dieses
Thema sehr kontrovers diskutiert. Doch angesichts der großen Absatzchancen schoben die
Elektrizitätswerke diese Fakten beiseite und zählten statt dessen die bekannten Vorzüge der
Elektrizität auf: Sauberkeit, Bequemlichkeit, Gleichmäßigkeit der Wärmeentwicklung,
schnelle Betriebsbereitschaft, keine Luftverschlechterung sowie keinerlei Feuer- und
Explosionsgefahr.338
Auch die PESAG mochte die von Lauenstein vorgeschlagene klare Trennung der Einsatzfelder von Strom- und Gaswirtschaft nicht akzeptieren. Daher schritt 1931 die Stadt in
Gestalt von Bürgermeister Haerten ein und traf mit der PESAG, sich auf vergleichbare
Vereinbarungen in anderen Städten berufend, ein inoffizielles Abkommen. Da dem Gaswerk, nachdem die PESAG dieses nahezu vollständig aus dem Licht- und Kraftsektor
verdrängt habe, im wesentlichen nur noch die Belieferung von Koch- und Heizgas verbleibe, sei es notwendig, „daß hier nicht im Gebiete der Stadt die PESAG als stärkeres wirtschaftliches Unternehmen in ihrer Tarif- und Propagandapolitik die Lebensunterlagen des
Gaswerks unterhöhlt“. 339 Die PESAG mußte sich verpflichten, „keine allzu starke Propaganda für das elektrische Kochen zu betreiben, insbesondere im Innern der Stadt Paderborn, soweit sie tatsächlich den Stand des Gaswerks maßgeblich beeinflussen“ konnte.340
Im Gegenzug erklärte sich die Stadt bereit, einer zu dieser Zeit geplanten, aber schließlich
nicht durchgeführten Stillegung des PESAG-Kraftwerks zuzustimmen. Wie lange dieses
Abkommen Gültigkeit besaß, ist nicht überliefert; spätestens 1942, als allgemeiner Ene rgiesparzwang herrschte, wurde es gegenstandslos.
337
338
339
340
SCHRÖDER, S. 75f.
Vgl. SIEMENS [1951], S. 58f, und ZÄNGL, S. 157.
„Kurzgefaßte Darlegungen zu dem Antrag der PESAG vom 19. Januar 1932“ von Bürgermeister Haerten
vom 15.02.1932. In: PESAG-Archiv, Aktenordner 8/00-2. Vgl. dazu auch Aktennotiz „Betr.: Streitpunkte
der Stadt mit der PESAG“ von Haerten vom 29.07.1933. In: StAPb A 6041
Schreiben von Lange an Kern vom 25.10.1932. In: PESAG-Archiv, Kasten 19. Vgl. dazu auch Aktennotiz
„Betr.: Besprechung mit der Stadtverwaltung Paderborn wegen Änderung des § 30 der Satzungen“ von
Tilmann vom 16.02.1932. In: PESAG-Archiv, Aktenordner 8/00-2.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
65
Mit dieser Vereinbarung wurden die Werbeaktivitäten der PESAG, einschließlich des
Ausstellungsraums in der Westernstraße, zu einer enormen Zurückhaltung verdammt, 341
wenngleich Heinrich Lange, PESAG-Vorstandsmitglied seit 1932, in Gesprächen mit
Lauenstein hervorhob, „daß ich natürlich auch nicht die Interessen des RWE vernachlässigen kann und dementsprechend nicht stillschweigend bei Neusiedlungen und auch in
solchen Fällen nicht tatenlos zusehen kann, bei denen aus dem Kreise der Abnehmer Wünsche über die Elektrifizierung des Haushaltes geäußert werden“.342
Diese Beschränkung in der Propaganda war um so ärgerlicher, als die Elektrizitätswirtschaft insgesamt die Eroberung der Haushalte, vor allem im Wärmebereich, weiter
forcierte. Die VdEW schwor ihre Mitglieder im Rahmen von Fachtagungen auf die hohe
Bedeutung der Elektrowärme ein. 343 Diese biete nicht nur Ersatz für die zurückgegangene
Industriestromabgabe, sondern schaffe auch einen persönlichen Kontakt zum einzelnen
Abnehmer.344 Dahinter stand unter anderem folgender Gedanke: Zwei elementare Grundbedürfnisse des Menschen sind das Verlangen nach Licht und nach Wärme. Konnte beides
von der Elektrizität befriedigt werden, war es damit nicht nur wirtschaftlich, sondern auch
kulturell etabliert. Gleichzeitig, viel profaner, sollte die elektrische Heizung das durch die
Einführung der elektrischen Kochgeräte entstehende Vakuum in der Küche füllen. Solange
der Kohle- oder Holzherd dort als einzige Heizung diente, ließ sich auch das elektrische
Kochen nicht konsequent durchsetzen. Hier bot sich also die Chance, zwei Fliegen mit
einer Klappe zu schlagen; zum einen mit der gleichzeitigen Einführung von Herden und
Heizgeräten den Stromabsatz zu steigern und zum anderen die konventionellen Herde
endgültig zu verdrängen.
Als Schlüssel zur elektrischen Wärmeanwendung im Haushalt, aber auch im Gewerbe,
galt jedoch nicht die Raumheizung, sondern die Heißwasserbereitung. Im Frühjahr 1932
begann die VdEW, vor allem mit der Herausgabe von Broschüren, die von den Elektrizitätsversorgern an die Abnehmer verteilt wurden, einen Werbefeldzug für Heißwasserspeicher mit dem Motto „Im Nu heißes Wasser!“ 345 Das RWE führte auch eine eigene Werbeaktion für Kochherde und Heißwassergeräte durch. 346 Als ein weiteres begehrenswertes
Ziel bot sich das Badezimmer an. 347 Allerdings schränkte das RWE ein, nur das elektrische
341
342
343
344
345
346
347
Damit befand sie sich in guter Gesellschaft: Auch den in städtischem Besitz befindlichen Berliner
Elektrizitätswerken wurde vom dortigen Magistrat ausdrücklich verboten, sich an der Werbung für das
elektrische Kochen zu beteiligen. Andere Städte folgten diesem Beispiel. Vgl. SIEMENS [1951], S. 63.
Schreiben von Lange an Kern vom 25.10.1932. In: PESAG-Archiv, Kasten 19.
Vgl. u. a. ELEKTROWÄRME IN INDUSTRIE, HAUSHALT UND GEWERBE, passim, und FORTSCHRITTE IN DER
ELEKTRIFIZIERUNG DES HAUSHALTS, passim.
Vgl. FORTSCHRITTE IN DER ELEKTRIFIZIERUNG DES HAUSHALTS, S. 6.
Vgl. MÜLLER [1932a], S. 28f.
Vgl. STERNBURG, S. 83.
Das Gaswerk war auf diesem Gebiet bereits aktiv geworden und warb mit Reimen in Wilhelm-BuschManier für die Warmwasserbereitung mit Gas im Badezimmer. Vgl. Anzeige im PA vom 12.07.1931.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
66
Kochen führe zum Massenkonsum von Strom, nicht das elektrische Badezimmer, denn
regelmäßiges Baden sei noch nicht in allen Bevölkerungsschichten verbreitet. 348
Dafür versprach sich die Branche hohe Zuwachsraten vom elektrischen Waschen und
Mangeln, zählte doch das Wäschewaschen zu den aufreibendsten Tätigkeiten im Haushalt.350. Allerdings übernahmen
die zunächst verbreiteten Modelle
nur die Arbeit des Rührens und
Stampfens, während das Waschwasser weiterhin in einem Kessel
erhitzt werden mußte. 351 Dennoch
stellten die elektrischen Waschmaschinen eine große Erleichterung für die Hausfrau dar, vorausgesetzt, der pater familias
fand sich bereit, das Gerät zu
finanzieren (Abb. 25). Die MieleAnzeige versinnbildlicht nebenbei
die gängige Rollenverteilung im
Haushalt: Auf der einen Seite die
Abb. 25: Eine Waschmaschine für die Mutter 349
sich abplagende Frau und auf der
anderen der den Problemen seiner Gattin nicht aufgeschlossene Mann, der nur zur Anschaffung eines Haushaltgeräts bereit war, wenn der Preis stimmte. Um die Anschaffung
von elektrischen Heißmangeln zu fördern, offerierte die PESAG daher einen speziellen
Tarif von 6 Pf/kWh bei einer monatlichen Abnahme bis 500 kWh und 5 Pf/kWh bei einem
höheren Verbrauch.352
J
edoch mußte selbst die ausgeklügelste Werbung an der sich weiter verschlechternde
Wirtschaftslage scheitern, die die Kaufkraft der Haushalte erheblich beeinträchtigte.353
Elektrizität, überwiegend noch als Luxusartikel angesehen, erschien als verzichtbares
Gebrauchsgut. Daher erzielten auch Strompreissenkungen, ansonsten stets das beste Werbemittel, nicht mehr den gewünschten Effekt. Zum Jahreswechsel 1930/31 senkte die
PESAG den Lichtstromtarif von 45 auf 43 Pf/kWh in den Städten bzw. von 50 auf
348
349
350
351
352
Vgl. RWE-Rundschreiben an die PESAG vom 17.10.1931. In PESAG-Archiv, Kasten 13.
LA vom 16.12.1931.
Vgl. MEYER, S. 565 - 568.
Vgl. PAPE, S. 83f. Erst in den 1960er Jahren kamen automatische Waschmaschinen auf den Markt.
Vgl. Aufstellung der PESAG-Tarife, Heißmangel-Tarif. In: PESAG-Archiv, Kasten 28.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
67
48 Pf/kWh auf dem Land. Doch den Paderborner Stadtverordneten war dies bei weitem zu
wenig. Vor allem den unveränderten Kraftstromtarif nahmen sie unter
Beschuß; eine Förderung des Gewerbes sei dringend erforderlich, die Paderborner Bürgerschaft ginge schon dazu über, in Bielefeld einzukaufen. 354 Aber die PESAG konterte, eine
Herabsetzung der Kraftstrompreise führe keineswegs zu einer Entlastung der Gewerbebetriebe und damit zu einer Senkung der Verbraucherpreise und präsentierte als Bekräftigung
eine entsprechende Analyse: Speziell das Bäckergewerbe unter die Lupe nehmend, war
diese Untersuchung zu dem Fazit gelangt, auch bei niedrigeren Tarifen werde eine Ermäßigung der Brotpreise nicht erfolgen.355
Als die PESAG Anfang 1932 ihre Strompreise und Straßenbahn-Tarife aufgrund einer
Notverordnung der Regierung senken mußte, zeigte sie „erhebliche Bedenken, der vielfach
geäußerten Ansicht beizutreten, daß, zumal in einer derartigen Notzeit, solche Ermäßigu ngen konsum- und verkehrsfördernd wirken könnten“. 356 In der Tat ging die Stromabgabe
der PESAG 1932 sogar um über drei Mio. kWh auf rund 12,2 Mio. kWh zurück, nachdem
diese 1930 noch bei rund 26,9 Mio. kWh gelegen hatte. 357 Erst die Machtergreifung durch
die Nationalsozialisten brachte den ersehnten wirtschaftlichen Aufschwung, allerdings mit
bitteren Folgen.
2.1.3
S
Der „Elektroangriff“ im Dritten Reich
EG PESAG und Arbeitsbeschaffung (1933 - 1939)
ollte es tatsächlich keine Konflikte zwischen der PESAG und den Installationsgeschäften hinsichtlich des Geräteverkaufs des Elektrizitätswerks gegeben haben,
stellte Paderborn eine Ausnahme dar; in anderen Städten hatte sich nämlich ab Mitte der
1920er Jahre ein heftiger Streit entzündet. 358 Der Verband deutscher ElektroinstallationsFirmen wetterte gegen die Verkaufstätigkeit der Elektrizitätswerke und reichte 1926/27
eine Denkschrift beim Reichswirtschaftsministerium ein. Doch das Ministerium mochte
sich zu einem Verbot nicht durchringen, statt dessen empfahl es in einem Erlaß vom 31.
Januar 1927 den Installationsgeschäften, mit den Werken eine gemeinsame Stromwerbung
353
354
355
356
357
358
Im Januar 1931 waren von den etwa 36.000 Einwohnern Paderborns rund 9.000 als arbeitslos gemeldet,
im Januar 1933 über 9.700. Vgl. STERNHEIM-PETERS, S. 60 - 63.
Vgl. PA vom 14.12.1930, „Jahresschluß im Paderborner Stadtparlament“, und WV vom 13.12.1930, „Um
die Senkung der Gas- und Strompreise“.
Vgl. Protokoll der Sitzung der Finanzkommission des PESAG-Aufsichtsrats am 27.12.1930. In: PESAGArchiv, Kasten 75.
PESAG-Geschäftsbericht 1931. Vgl. dazu auch PESAG-Geschäftsbericht 1932.
Vgl. A.1 im Anhang. – Auch die Gasanstalt mußte mit Enttäuschung feststellen, daß trotz einer Preissenkung 1931 keine Abgabesteigerung erfolgte. Davon aber nicht entmutigt, verbilligte sie ab dem Winter
1931/32 den Winterverbrauch, um die Gasheizung weiter zu fördern. Vgl. SCHRÖDER, S. 71.
Vgl. u. a. RAUTER, S. 346 - 348.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
68
zu betreiben.359 In Paderborn hatte es eine derartige Kooperation bekanntlich schon 1926
gegeben; nun entwickelte sich auch in anderen Städten eine Zusammenarbeit: 1930 wurden
in Deutschland insgesamt 124 „Elektro-Gemeinschaften“ zwischen Elektrizitätswerken und
Installateuren gezählt.360
Eine reichsweit flächendeckende Partnerschaft ergab sich aber erst nach der Machtergreifung: 1933 verlangten die Installateurorganisationen erneut, die Regierung solle die
Installationstätigkeit und den Geräteverkauf der Elektrizitätswerke generell untersagen. Die
VdEW protestierte heftig gegen dieses Ansinnen, ein solches Verbot würde vor allem den
Absatz von Elektro-Wärmegeräten drastisch verringern, folglich „einen schweren Nachteil
für die Allgemeinheit bedeuten und eine zukunftssichere Entwicklung in ihren Anfängen
ersticken“.361 Diesem Argument sehr aufgeschlossen, ordnete die Reichsregierung daher in
einem Erlaß vom 29. Juni 1933 das stärkere Zusammenwirken von Elektrizitätswerken und
Installateuren an.362 Die angesprochenen Organisationen reagierten rasch und beschlossen
im August 1933 gemeinsame „Richtlinien für die Gemeinschaftsarbeit zwischen Versorgungsbetrieben und den zugelassenen Installateuren sowie den Fachhändlern“. Aufgabe:
Unverzügliche Bildung von Elektro-Gemeinschaften bei allen Elektrizitätswerken mit dem
Ziel, der Arbeitsbeschaffung und der Förderung der Energiewirtschaft zu dienen.363
Auf diese Weise entstand am 4. Januar 1934 auch die Elektro-Gemeinschaft PESAG
(EG PESAG).364 Mit wieviel Teilnehmern sie gegründet wurde, geht aus den Akten nicht
hervor; 1939 gehörten ihr neben der PESAG 26 Installateurunternehmen an, 14 davon aus
Paderborn, drei aus Delbrück, zwei aus Salzkotten, jeweils eines aus Neuhaus, Elsen,
Lippspringe, Schlangen und Altenbeken sowie die Filiale der SSW in Bielefeld.365 Jedoch
ist über die Tätigkeit der EG PESAG vor dem Zweiten Weltkrieg nur wenig überliefert,
weder in Zeitungsberichten noch in den PESAG-Geschäftsberichten fand sie vor 1937/38
Erwähnung, worauf noch eingegangen wird.
Parallel zu den Elektro-Gemeinschaften bildeten sich überall im Reich die „Elektrofronten“ mit der Aufgabe, im Rahmen der Arbeitsbeschaffung unverzüglich einen „Elektroan-
359
360
361
362
363
364
365
Vgl. LEINER [1984], S. 33f.
Vgl. ebd., S. 35.
Zit. n. ebd., S. 43.
LEINER weist zu Recht darauf hin, daß dieser Erlaß mit dem vom 31. Januar 1927 inhaltlich fast identisch
ist, sich nur dahingehend unterscheidend, daß das Weimarer Ministerium eine unverbindliche Empfehlung
gab, während die NS-Regierung die Zusammenarbeit befahl. So ist die verbreitete Ansicht, die ElektroGemeinschaften seien von den Nationalsozialisten „erfunden“ worden, genausowenig korrekt wie z. B.
die Annahme, Hitler habe als erster mit dem Autobahnbau begonnen. Vgl. ebd., S. 46.
Vgl. ebd., S. 44.
Analog dazu gründeten sich ebenfalls die Gasgemeinschaften. Im Februar 1935 tat sich das Gaswerk mit
Installationsmeistern und Einzelhändlern zur Gasgemeinschaft Paderborn zusammen und eröffnete
Anfang März am Rathausplatz eine Geschäftsstelle, die gleichzeitig als Ausstellungs- und Verkaufsraum
für Gasgeräte und zur Beratung der Gasabnehmer fungierte. Vgl. SCHRÖDER, S. 80.
Vgl. Aufstellung über die 1939 erfolgte Einziehung des Mitgliedsbeitrags. In: PESAG-Archiv, Kasten 13.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
69
griff“ zu starten und die Gründung von Elektro-Gemeinschaften zu forcieren. Beteiligt
waren ebenfalls die Elektrizitätswerke und die Installateure; im Gegensatz zu den Elektro Gemeinschaften sollten die Elektrofronten nur für wenige Monate bestehen, bis sich erstere
konstituiert hatten. Zum Wirken der Elektrofront in Paderborn ist bis auf ihre Existenz
nichts bekannt: Als die PESAG am 9. Januar 1934 ihr 25-jähriges Bestehen feierlich
beging, hielt der Vorstand eine kernige Rede an die „lieben Arbeitsgenossen“, in der unter
anderem den „Herren Elektro-Installateuren“ gewünscht wurde, „daß die jüngst gegründete
Elektro-Gemeinschaft und die Elektrofront sich zu dem Erfolge auswirken mögen, den Sie
im allgemeinen Interesse davon erwarten“. 366
Erste Maßnahme der Elektrofronten war eine gezielte Weihnachtswerbung im
Dezember 1933; in allen Haushalten Deutschlands verteilten sie Flugblätter. Eine weitere
Flugblattaktion unter dem Motto „Die Elektrofront greift erneut an“ fand im
Januar 1934 statt, Hausbesitzer, Gewerbetreibende und Mieter auf Zuschüsse der Reichsregierung zur Verbesserung der Installationen hinweisend. Die Resonanz darauf war so groß,
daß in vielen Gemeinden Deutschlands die bereitgestellten Mittel bereits am Ende des
Monats erschöpft waren. Ein weiteres Flugblatt mit dem Titel „Ruf den Elektromann“ warb
damit, für fällige Reparaturen ausschließlich die zugelassenen Elektroinstallateure zu
verpflichten. Mit dieser Aktion beendeten die Elektrofronten allgemein ihr Wirken und
überließen die weitere Propaganda den mittlerweile im ganzen Land entstandenen ElektroGemeinschaften.367
A
rbeitsbeschaffung hieß das von den Nationalsozialisten landauf, landab ausgegebene
Ziel. Mit Elektro-Gemeinschaften und Elektrofronten sollte die Elektrizitätswirt-
schaft ihren Beitrag zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit leisten und alle Deutschen in den
Genuß der Elektrizität gelangen lassen. Das Elektrogewerbe wurde animiert, mit Zeitungsanzeigen, Plakaten, Flugblättern, Werbebriefen, Vorträgen und persönlichen Besuchen in
den Haushalten die Elektrifizierung voranzutreiben. Da mochte auch die PESAG nicht
zurückstehen und beschloß 1933 ein auf drei bis vier Jahre verteiltes Investitionsprogramm
für den Ausbau des Elektrizitätswerks und der Netze in Höhe von einer Million RM – für
ein Unternehmen dieser Größenordnung, durch eine defizitär wirtschaftende Straßenbahn
zudem finanziell beeinträchtigt, eine ungeheure Summe. 368 Vor allem die ländliche Strom-
366
367
368
Vgl. Redemanuskript des PESAG-Vorstands. In: PESAG-Archiv, Kasten 19. – Im Archiv der PESAG
finden sich lediglich ein allgemeiner Prospekt mit dem Titel „Elektrogewerbe... Ran an die Arbeit“ über
die Ziele der Elektrofront in Deutschland sowie, wahrscheinlich als Anregung, eine Niederschrift der
Gründungssitzung der Elektrofront für Südwestfalen. Beides in: PESAG-Archiv, Kasten 20.
Vgl. LEINER [1984], S. 48f.
Da muteten die 6.500 RM, die das Gaswerk 1934 zu Zwecken der Arbeitsbeschaffung investierte, dazu
die 12.000 RM für die Bezuschußung von Installationen und den Kauf von Gasgeräten im Rahmen einer
Aktion der rheinisch-westfälischen Gaswerke, vergleichsweise ärmlich an. Vgl. SCHRÖDER, S. 77, 80.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
70
versorgung, in der noch allerhand im argen lag, durfte sich einer massiven Förderung
erfreuen.369 Die Stadtbewohner profitierten ebenfalls: Die PESAG startete eine Werbeaktion für Hausanschlüsse, indem sie Stromgutschriften gewährte, unter anderem in Höhe von
20 % des Verkaufspreises für elektrische Herde und Speicher. 370 Zudem bot sie Ratenzahlungen in 36 bis 48 Monatsraten an, um auch den weniger betuchten Bürgern die Finanzi erung zu ermöglichen. Daneben kämpfte sie gegen die Aufstellung von Dieselmotoren; es
sei ein
Unding, deutsche Kohlen auf den Halden vermodern zu lassen, nur weil viele es aus eigennützigem Interesse vorzögen, ausländisches Rohöl zu verfeuern. Das Gas blieb ebenfalls
nicht ungeschoren, wie eine PESAG-Denkschrift verdeutlichte:
Es muß als unsinnig bezeichnet werden, wenn heute noch bei den bestehenden T arifen und Lieferungsmöglichkeiten in Stadt und Gemeinden ernstlich überlegt wird,
Gasnetze zu
errichten. Wir halten es nicht im Sinne des deutschen Reiches, wenn wir unterla ssen, darauf hinzuweisen, daß auch im Sinne der Landesverteidigung wegen der
Vermehrung der
dadurch vorhandenen Gefahren die Erweiterung von Gasnetzen unstatthaft ist. Die
Gasnetze, in denen volkswirtschaftlich ein großes Vermögen investiert ist, können
keineswegs von heute auf morgen verschwinden. Es ist aber notwendig, sie nicht zu
erweitern, sondern sie langsam in die moderne Energieform zu überführen und die
Gasversorgung auf die neue Aufgabe zu beschränken, die in der Abgabe für Rau mheizzwecke und industriellen Bedarf liegen. Wir werden deshalb im Verfolg dieser
Gedanken unsere Propaganda für elektrische Küchen, insbesondere auf dem Lande
und in den nicht mit Gas versorgten Städten intensivieren.371
Im Stadtgebiet Paderborns ließ sich dieser Werbefeldzug aufgrund des bekannten
Abkommens mit dem Bürgermeister nicht so ungehindert durchführen. Dennoch konnte die
PESAG drei Jahre nach Beginn ihres Arbeitsbeschaffungsprogramms ein positives Fazit
ziehen: Die Zahl der Abnehmer war auf mehr als 18.100, die Zahl der elektrischen Geräte
um mehr als 2.000 gestiegen. 372 Fast 1.600 Abnehmer bezogen Heizstrom, etwa 600 waren
stolze Besitzer einer vollständig elektrifizierten Küche. 373 Die elektrische Küche schien
sich durchzusetzen: Die Abgabe an Haushalts- und Wärmestrom, 1929 bei rund 215.000
kWh liegend, betrug 1936 1,38 Mio. kWh. 1938 lag sie bei 2,57 Mio. kWh und erreichte
damit fast die Höhe der Lichtstromabgabe von 2,97 Mio. kWh. 374
Neben den privaten Küchen interessierte sich die PESAG auch für die gewerblich genutzten Einrichtungen. Vollelektrifizierte Großküchen zahlten nach einem speziellen Tarif
369
370
371
372
373
374
Vgl. LA vom 05.08.1933, „Eine Millionen-Arbeitsbeschaffung durch die PESAG“.
Vgl. Sitzungsprotokoll der der Finanzkommission des PESAG-Aufsichtsrats am 16.02.1934. In: PESAGArchiv, Kasten 75.
PESAG-Denkschrift „Arbeitsbeschaffungsprogramm“, S. 13f. In: PESAG-Archiv, Kasten 33.
Vgl. Aktennotiz „Betr.: Arbeitsbeschaffungsprogramm des Eltwerks“ von Lange vom 12.03.1936.
In: PESAG-Archiv, Kasten 75.
Vgl. WV vom 26.03.1936, „Das Osterei der PESAG“. – Insgesamt war die Zahl der elektrischen Küchen
in Deutschland von 35.000 im Jahr 1928 auf rund 400.000 in 1935 angewachsen.
Zahlen aus den PESAG-Stromverkaufsbüchern 1929 - 1938. In: PESAG-Archiv, Kasten 53.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
71
für Licht-, Kraft- und Wärmestrom lediglich 9 Pf/kWh; Wärmestrom kostete, wenn seine
Menge den Lichtstromverbrauch um mehr als das Fünffache überstieg, sogar nur
5 Pf/kWh.375 Dieses Angebot besaß eine große Anziehungskraft: Eine Aufstellung der
Großküchen im PESAG-Versorgungsgebiet, unter anderem in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Hotels und Kantinenbetrieben, illustriert, daß sich hier zwischen 1934 und 1938 die
elektrischen Küchengeräte immer mehr durchsetzten: Vollständig elektrifiziert waren zum
Beispiel die Küchen des Landeshospitals ab 1934, der Heidewald-Schule ab 1935, des
Schwesternhauses St. Luisa ab 1936 und des Hotels Löffelmann ab 1937, zu 90 %
elektrisch die Einrichtungen im St. Vincenz-Krankenhaus ab 1935. 376 Eingesetzt wurden
vor allem elektrische Herde, Back- und Bratöfen, Kochkessel, Kippbratpfannen, Wärmeschränke, Kühlmaschinen und -schränke
sowie
Heißwasserspeicher.
Gasgeräte
fanden sich kaum, dafür noch einige mit
Kohle oder Dampf betriebene sowie
kombinierte, also sowohl mit Kohle als
auch mit Strom nutzbare Kochapparate.
Die Werbung für die elektrische Küche
fiel auf fruchtbaren Boden: Aufgrund der
Wirtschaftspolitik
der
NS-Regierung
breitete sich ein bescheidener Wohlstand
aus, der sich, wie sich eine Paderborner
Zeitzeugin erinnert, in einem „steigenden
Absatz von Möbeln, Hausrat und elektrischen Geräten (Staubsauger, Heißwasserboiler, Bügeleisen und Küchenherde),
Radios
und
Fotoapparaten“
nieder-
Abb. 26: Strom im Dienste der Hausfrau377
schlug.378 Doch galt weiterhin das Licht als das Sinnbild für Elektrizität und damit als
„Eintrittskarte“ in die Haushalte; in den 1930er Jahren betrug der Anteil des Lichtstroms an
der Stromabgabe respektable 10 %.379 Daher erscheint es nur auf den ersten Blick verwunderlich, daß die PESAG in ihren Anzeigen nicht die elektrische Küche, sondern das Licht
an die erste Stelle rückte (Abb. 26). Gerade in der Weihnachtszeit genoß das elektrische
375
376
377
378
379
Vgl. Aufstellung der PESAG-Tarife, „Tarif für vollelektrische Großküchen und im Zusammenhang mit
Gewerbe“. In: PESAG-Archiv, Kasten 28.
Vgl. die Aufstellung der elektrifizierten Großküchen. In: PESAG-Archiv, Kasten 13.
WV vom 07.07.1934.
STERNHEIM-PETERS, S. 91f.
Vgl. die PESAG-Stromverkaufsbücher 1930 - 1939. In: PESAG-Archiv, Kasten 53.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
72
Licht hohes Ansehen, wie die Schwärmereien des Westfälischen Volksblatts über einen
adventlichen Stadtbummel illustrieren:
Viele elektrische Birnen verbreiten goldenen Schimmer. Wundervoll sehen die
Schaufenster aus im Weihnachtsschmuck. Tannenbäumchen mit elektrischen Kerzen auf den Zweigen werfen flimmernde Lichtbüschelchen über die ausgelegten
Waren. [...] Große Weihnachtssterne spenden milden Schein. Mit den Weihnachtspäckchen unterm Arm gehen die Käufer glückselig heim. Viel Glanz liegt über
den weihnachtlichen Straßen. Es kommt wohl nicht allein von der Elektrizität.380
Doch richtete das Westfälische Volksblatt an anderer Stelle in einer AnzeigenSonderseite an ihre Leser die ernste Ermahnung, sich während des Rundgangs durch die
„lichtdurchfluteten Geschäftsstraßen“ nicht von den „lockenden Auslagen in der Lichtflut
der Läden“ blenden zu lassen, sondern mit Bedacht Geschenke auszusuchen und bevorzugt
praktische Dinge zu wählen, denn ...:
Auch für die Küche gibt es mancherlei, was die Frau gebrauchen kann. Aber nur zu oft zeigt
es sich, daß sich Frauen mit modernen Geräten nicht gern vertraut machen, sondern bei
dem bleiben, was sie von den Eltern gelernt und gesehen haben. So kommt es, daß heute
Wasch- und Wringmaschinen, Staubsauger, Kochkisten, kombinierte Sparherde, Dampfund Backhauben, Einkochapparate, elektrische Kocher, Föhne und Brotröster noch nicht in
dem Maße benutzt werden, wie sie es verdienen. Auch die modernen Haushaltungsmaschinen, die man an die Lichtleitung anschließen kann, fehlen in vielen Küchen. Die Ausgaben lohnen sich, denn die Maschinen schonen die Kräfte der Hausfrauen. Weihnachten ist
die günstigste Gelegenheit für diese Anschaffungen.381
Anscheinend trieben es die Geschäftsleute mit der Reklamebeleuchtung wirklich zu toll.
Nachdem die Stadtverwaltung, stets um das Erscheinungsbild der Innenstadt besorgt,
bereits 1927 gegen Wildwuchs vorgegangen war und zahlreiche Gewerbetreibende ihre
Leuchtschilder hatte entfernen müssen, 382 führte das Bauamt ab 1937 erneut einen Feldzug
zur „Säuberung und Pflege des Ortsbildes“ und verbot grelle Lichtreklame.383 Elektrisches
Licht in den Schaufenstern, zwei Jahrzehnte zuvor noch als Sinnbild des Fortschritts gefeiert – nun von den Behörden als Ärgernis verdammt.
Dafür fanden Rundfunkgeräte von höchster Stelle aus besondere Aufmerksamkeit. Die
NS-Regierung legte Wert darauf, daß, wie Josef Goebbels verkündete, der Rundfunk „zur
geistigen Tageskost des ganzen Volkes gehören“ sollte. 384 Der für fast jedermann erschwingliche „Volksempfänger“ kam auf den Markt und diente der Verbreitung politischer
380
381
382
383
384
WV vom 18.12.1936, „Weihnachtliche Straßen“.
Anzeigen-Sonderseite des WV vom 12.12.1936.
Vgl. PA vom 14.04.1928, „Besteuerung von Lichtschildern seitens der Städte“. – Die PESAG nahm den
eintretenden Mangel an Lichtreklame betrübt zur Kenntnis und ließ, um mit wahrhaft leuchtendem Be ispiel voranzugehen, an ihrem 1931 fertiggestellten Verwaltungsgebäude ihren Namen in goldenen
Leuchtbuchstaben anbringen, obwohl dies am abgelegenen Tegelweg nicht als erforderlich erschien.
Vgl. Schreiben von Tilmann an Aufsichtsrat Kochendörffer vom 02.02.1931. In: PESAG-Archiv, Aktenordner 0/4200.
Vgl. „Städtebauliche Arbeiten und Pläne“, Bd. 2, von Baurat Dr. Keller. In: StAPb A 6021.
Zit. n. TRURNIT, S. 124. Vgl. auch PAPE, S. 24 - 33.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
73
Propaganda.385 Die Paderborner Geschäfte hatten
bereits seit 1924 für Radios geworben, nun diente
der Willen der Reichsregierung trefflich als Argumentationsverstärker (Abb. 27.). Die PESAG erweiterte ihr Ratenzahlungsgeschäft für Koch- und
Wärmegeräte 1934 auch auf die Finanzierung von
Volksempfängern – mit Erfolg: Während im Jahr
1934 Koch- und Wärmegeräte für insgesamt 11.000
RM auf Raten gekauft wurden, betrug der Wert der
Radios 14.000 RM,386 ein Trend, der sich in den
folgenden Jahren fortsetzte.387
Ein anderes Betätigungsfeld für elektrischen
Strom blieb dafür nahezu unbestellt: das elektrisch
betriebene Auto. Nachdem 1919 ein Versuch gescheitert war, die Postverwaltung zur Anschaffung
von Elektrofahrzeugen zu bewegen, verliefen in den
Abb. 27: Ein Radio in jedes Haus388
folgenden Jahren auch Gespräche mit den verschiedenen Stadtverwaltungen im Sande.
1924 legte sich die PESAG erstmals einen Elektrokarren zu. Jedoch schien sie selbst nicht
so recht vom Nutzen überzeugt zu sein oder beurteilte die Erfolgschancen als nicht gut
genug, denn erst 1937 beschaffte sie sich ein weiteres elektrisch betriebenes Fahrzeug,
einen Lkw. Die aufschlußreiche und praktische Begründung: Ein Elektromobil werde im
Falle eines Krieges nicht beschlagnahmt. 389 Dagegen verzichtete sie 1938 im Zuge der
Erweiterung des Omnibus-Linienbetriebs auf die Anschaffung von elektrischen Bussen,
obwohl das RWE seit 1930 mit dem Einsatz derartiger Fahrzeuge experimentierte, und zog
statt dessen den Erwerb von als billiger und flexibler eingeschätzten Dieselfahrzeugen
vor.390
Während Elektromobile eine nicht sonderlich ernstgenommene technische Spielerei
darstellten, deren mangelnde Durchsetzungsfähigkeit verschmerzt werden konnte, investierte die PESAG viel größeres Engagement in die Elektrowärme, wie das folgende Beispiel zeigt: 1935/36 lieferten sich die PESAG und das Gaswerk einen erbitterten Konkur-
385
386
387
388
389
Auch der NSDAP-Kreispropagandaleiter des Kreises Paderborn appellierte an die Bevölkerung, a m
Rundfunkgerät den Reden Adolf Hitlers zu lauschen.Vgl. u. a. WV vom 09.11.1933, „An sämtliche
Radiobesitzer des Kreises Paderborn“.
Vgl. PESAG-Geschäftsbericht 1934.
Vgl. die PESAG-Geschäftsberichte 1935-1938. – Vor allem die Olympischen Spiele 1936 in Berlin
sorgten allgemein für eine große Nachfrage nach Rundfunkgeräten. Vgl. HERZIG, S. 140.
WV vom 16.12.1933.
Vgl. Schreiben von Lange an Kern vom 12.01.1937. In: PESAG-Archiv, Kasten 19.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
74
renzkampf um die Beheizung der Glüh- und Härteöfen in den Reichsbahnwerkstätten, da
jene verpflichtet worden waren, vom devisenverschlingenden und noch dazu amerikanischen Petroleum auf einheimische Brennstoffe zu wechseln. Zwar bekundete die Reichsbahn von Beginn an größere Sympathie für Gas, doch ließ sich die PESAG davon nicht
schrecken, schickte dem Ausbesserungswerk Werbebriefe und Zeitschriften über Elektrowärme und ließ vom RWE einen Fachmann kommen, der gemeinsam mit Fritz Wolff die
Werkstätten aufsuchte. Um die Gasanstalt auszustechen, bot sie zudem einen Strompreis
von 3-4 Pf/kWh an und wies immer wieder darauf hin, daß bereits ein Stromanschluß
vorhanden sei, während Gasrohre erst gelegt werden müßten.391
Aber es sollte nicht sein; die Reichsbahn ließ sich von ihrem Standpunkt, Gas sei eine
weitaus billigere und effektivere Wärmeenergie als Elektrizität, nicht abbringen. 392 Daher
installierte das Ausbesserungswerk eine Gasbeheizung für ihre Öfen; die Gasanstalt konnte
damit ihre Gasabgabe auf einen Schlag um 30 % steigern. 393 Rudolf Vogel versuchte
PESAG-Vorstand Heinrich Lange zu trösten: Die Schlacht sei noch nicht ganz verloren;
„im Gegenteil, ich bin überzeugt, wenn es Ihnen gelingt, im Laufe der Zeit Elektrizität für
Warmwasserbereitung und sonstigen Wärmebedarf in den Eisenbahnwerkstätten zur Verwendung zu bringen, auch wenn es sich im einzelnen um geringe Mengen handelt, wird
auch bei dem nunmehr 100 Jahre alten Eisenbahnbetrieb der neue Geist der Technik seinen
Einzug halten“.394 Beide wollten es anscheinend nicht wahrhaben, daß das Gas trotz aller
Bemühungen der Elektrobranche, Strom als die fortschrittlichste aller Energien darzuste llen, immer noch als Wärmeenergieträger Nummer Eins galt, nicht nur im Haushalt, sondern
auch in Industrie und Gewerbe. 395 Da half der PESAG in der Tat nur eine Politik der
kleinen Schritte.
Große Schritte mußte die PESAG dagegen unternehmen, um Häuser zu elektrifizieren.
Trotz aller Propaganda für die Elektrizitätsanwendung im Haushalt erschien es immer noch
nicht als selbstverständlich, Neubauten mit elektrischem Strom zu versehen. Als beispielsweise die „Baugenossenschaft Selbsthilfe“ die Errichtung einer Siedlung an der Schönen
Aussicht plante, beschloß der Magistrat, die Siedler könnten einen Strom- und Gasanschluß
vorläufig getrost entbehren. 396 Die PESAG übernahm daher die Initiative und ließ 1935/36
für 14 Werksangehörige, einschließlich Familienmitgliedern 56 Personen, eine Siedlung
390
391
392
393
394
395
396
Vgl. Protokoll der Sitzung des Ausschusses für die Umstellung des Straßenbahnbetriebs am 27.01.1938.
In: PESAG-Archiv, Kasten 75.
Vgl. Briefwechsel zwischen PESAG, RWE und Reichsbahn-Ausbesserungswerk Paderborn von März
1935 bis März 1936. In: PESAG-Archiv, Aktenordner 4/41/01-02/DB.
Vgl. Aktennotiz „Betr.: Ausbesserungswerk Paderborn-Nord“ von Lange vom 31.12.1935. In: Ebd.
Vgl. WV vom 30.04.1936, „30 Prozent Abgabesteigerung beim Gaswerk“. Vgl. auch SCHRÖDER, S. 81.
Schreiben von Vogel an Lange vom 30.03.1936. In: PESAG-Archiv, Aktenordner 4/41/01-02/DB.
Vgl. WV vom 31.03.1936, „150 Jahre Gas“.
Vgl. Beschluß des Paderborner Magistrats vom 23.02.1932. In: StAPb A 4000.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
75
am Schäferweg unweit des PESAG-Werksgeländes errichten.397 Selbstverständlich wurde,
„aus Ersparnisgründen und da die Arbeitskameraden fast ausschließlich bereits elektrische
Kochgeräte haben“, auf eine Gasversorgung verzichtet.398 Ebenso auf eine gasbetriebene
Straßenbeleuchtung zugunsten einer elektrischen Laterne, die zwar von der PESAG gestiftet wurde, aber von der Stadt unterhalten werden mußte. Auch in den folgenden Jahren
unterstützte die PESAG ihre Werksangehörigen, um sie zum Wohnungsbau zu motivieren,
mit großzügigen Finanzierungshilfen und warb für eine Inanspruchnahme der „Gemeinnützigen Siedlungs- und Baugenossenschaft Paderborn“, an der auch die PESAG beteiligt
war. In der Südstadt ließ sie sich zudem eine Anzahl von Bauplätzen reservieren, einem
Baubeginn kam jedoch der Krieg in die Quere. 399 Die VdEW suchte bereits seit 1929 den
direkten Kontakt zu Architekten, die als „wichtige Mittler der Stromwerbung“ angesehen
wurden, gab für diese Zielgruppe Werbeschriften heraus und veranstaltete Vorträge. 400 Ob
die PESAG ebenfalls Fühlung zu Paderborner Architekten aufnahm, um für elektrische
Installationen in Neubauten und im Zuge von Renovierungen zu werben, ist nicht überliefert.
E
inen
großen
Schritt
für
die
Elektrizitätswirtschaft
stellte
das
“Energie-
wirtschaftsgesetz“ dar, das die Rechte und Pflichten der Energieversorgungsunter-
nehmen (EVU) reglementierte. Zur „Wehrhaftmachung der deutschen Energieversorgung“,
wie es Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht ausdrückte, erließ die Reichsregierung im
Dezember 1935 dieses Gesetz, das bis 1998 in weiten Teilen Gültigkeit behielt. § 6 legte
die allgemeine Anschluß- und Versorgungspflicht der EVU fest: Den Unternehmen wurde
in ihrem jeweiligen Versorgungsgebiet die Monopolstellung gewährt, da Wettbewerb mit
Konkurrenten als schädlich für die Versorgungssicherheit, die Qualität und den Preis
angesehen wurde.401 Dafür hatten sie jeden anschlußwilligen Bürger zu versorgen, eine
Verpflichtung, der sie nur zu gern nachkamen.402
Natürlich auch die PESAG, doch das Unternehmen wurde in seinen finanziellen Möglichkeiten stark beeinträchtigt durch die zunehmend in rote Zahlen fahrende
Straßenbahn.403 Diese war vor allem auf den Überland- und den Ausflugsverkehr eingerichtet, der ihr viele Jahre Gewinne beschert hatte, ab 1928/29 im Zuge der Wirtschaftskrise
397
398
399
400
401
402
403
Vgl. WV vom 17.07.36, „14 neue Häuser stehen gerichtet“.
Schreiben von Josef Raab, Obmann der Siedlungsinteressenten der PESAG, an den Paderborner Bürgermeister vom 02.09.1935.
Vgl. Schreiben von Lange an die DAF vom 07.11.1940. In: PESAG-Archiv, Kasten 78.
Vgl. MÜLLER [1931b], S. 86.
Interessanterweise wird die 1999 erfolgende Aufhebung der Monopolstellungen der EVU von der E uropäischen Union und der Bundesregierung mit genau den gleichen Argumenten befürwortet: Nur der Wettb ewerb sorge für niedrige Preise und besseren Kundenservice.
Vgl. ZÄNGL, S. 178 - 184, und HERZIG, S. 139f.
Aktennotiz von Lange, vermutlich im Dezember 1935 erstellt. In: PESAG-Archiv, Kasten 75.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
76
und des sinkenden Lebensstandards aber dramatisch zusammenschrumpfte. Damit entwickelte sich die Straßenbahn, ohne die das Elektrizitätswerk einst niemals errichtet worden
wäre, die ihm als verläßlicher Stromabnehmer und aufgrund ihres Bekanntheitsgrades als
guter Werbeträger gedient hatte, zunehmend zu einem Klotz am Bein. Nachdem der
PESAG-Vorstand zuvor stets aus einem „Straßenbahner“ bestanden hatte, wurde er im
Oktober 1928, als Vogel die PESAG verließ, auf zwei Mitglieder vergrößert. Neben Bernhard Tilmann, der bis 1960 diesen Posten ausübte und die Interessen der Straßenbahn
vertrat, kümmerte sich Hugo Kochendörffer, der jedoch bezeichnenderweise nicht in
Paderborn, sondern in Osnabrück residierte, um die Stromwirtschaft. Doch erst Heinrich
Lange, 1932 zum Nachfolger von Kochendörffer ernannt und bis 1963 tätig, kämpfte
massiv gegen die bis dahin niemals ernsthaft in Zweifel gezogene Dominanz der Straßenbahn im Gesamtunternehmen an. Allein bis 1935 mußte das Elektrizitätswerk rund zwei
Mio. RM Verluste der Straßenbahn decken. Daher seien die Strompreise im PESAGVersorgungsgebiet, wie Lange zornig feststellte, deutlich höher als in den Nachbargebieten.404 Sehr zum Nachteil der Entwicklung des Stromabsatzes – der Pro-Kopf-Verbrauch
von 57 kWh jährlich, auf dem Land mit noch höheren Preisen nur 42 kWh, liege wesentlich
unter dem reichsweiten Durchschnitt. Eine derartige Abwälzung der durch den Verkehrsb etrieb verursachten Schulden auf die Stromverbraucher sei nicht länger akzeptabel und habe
bereits, wie Lange konstatierte, zu einer großen Verbitterung in der Bevölkerung geführt,
zumal die Mehrheit gar nicht in den Genuß der Bahnfahrten komme. 405 Jedoch konnte er
sich mit seinem Vorschlag, beide Bereiche finanziell zu trennen und unrentable Straßenbahn-Linien umgehend aufzulösen, vor dem Zweiten Weltkrieg noch nicht durchsetzen.
Dafür nutzte die PESAG die seit 1933 wieder steigenden Einnahmen aus dem Stromverkauf, um der Bevölkerung passend zum Osterfest 1936 ein „Osterei“ zu bescheren: eine
durchgreifende Begrenzung der Strompreise in Stadt und Land auf 40 Pf/kWh für Lichtstrom, 18 Pf/kWh für Kraftstrom und 9 Pf/kWh bzw. 5 Pf/kWh für Haushaltstrom. Daneben führte die PESAG einen Tarif für Kleinwohnungen mit elektrischer Küche ein, der die
Möglichkeit bot, Licht- und Wärmestrom günstig über einen Zähler zu beziehen.406 Vorerst
war dies jedoch die letzte Preisänderung, denn die Preisstopverordnung im November 1936
fror auch die Energiepreise ein. Zur Absatzsteigerung mußten folglich andere Wege beschritten werden. Nachdem die Gasgemeinschaft Paderborn bereits ab 1935 inseriert und
404
405
Einer Aufstellung ist zu entnehmen, daß um 1935 ein Durchschnittshaushalt mit 2 - 3 Zimmern in Paderborn für Lichtstrom jährlich rund 30 RM zu zahlen hatte, in Warburg 27,30 RM, in Bielefeld 25 RM und
in Höxter nur 17,70 RM. Für einen 10 PS-Motor mit 600 kWh Verbrauch im Jahr waren in Paderborn
Stromkosten in Höhe von 176,40 RM fällig, in Höxter 164,40 RM, in Bielefeld 129 RM und in Warburg
sogar nur 63 RM. Vgl. PESAG-Aufstellung „Kleinabnehmerpreise für Licht und Kraft im Vergleich zu
den Preisen benachbarter Werke“. In: PESAG-Archiv, Kasten 33.
Vgl. „Zusammenfassende Stellungnahme des Vorstandes zur Angelegenheit Externsteine“ vom Juni/Juli
1935. In: PESAG-Archiv, Kasten 33.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
77
insbesondere die Warmwasserbereitung im Bad ins Visier genommen hatte, 407 machte sich
die EG PESAG ab 1937 bemerkbar (Abb. 28). 408
406
407
408
Vgl. WV vom 26.03.1936, „Das Osterei der PESAG“, und PESAG-Geschäftsbericht 1936.
Vgl. u. a. die Anzeige der Gasgemeinschaft im WV vom 11.12.1936, „Das erfrischende Bad mit Gas!“
Zwar warb im WV bereits Weihnachten 1936 eine Elektro-Gemeinschaft, doch dies war nicht die EG
PESAG, sondern die Elektro-Gemeinschaft Westfalen aus dem Gebiet der VEW, der Bürener Raum gehörte mittlerweile zum VEW-Einzugsbereich, die mit dem Slogan „Für meine Frau – ein Elektro-Gerät“
inserierte. Vgl. u. a. die Anzeige im WV vom 12.12.1936.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
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Abb. 31: Mit dem
Elektro-Kühlschrank
alles frisch auf den Tisch 409
409
WV vom 07.04.1937. – Das birnenförmige Kerlchen in der PESAG-Anzeige ist das „Strommännchen“ der
VdEW, in ganz Deutschland als Personifikation der unsichtbaren Elektrizität auftretend.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
79
Die EG PESAG beteiligte sich wie die Gasgemeinschaft an der Aktion „Kampf dem
Verderb“ – von der Regierung ins Leben gerufen, um „dem deutschen Volke kostbares
Volksvermögen zu retten und damit der Nahrungsfreiheit zu dienen“. 410 Flankiert wurde
diese Werbung vom RWE mit einer 1936 gestarteten Kampagne „Steuert dem unnützen
Verderb!“, für die auch die Kundenzeitschrift Elektrisches eingespannt wurde.411 Auch
wenn letztendlich jede Hausfrau angesprochen werden sollte, im Blick hatte die EG
PESAG besonders die Ladeninhaber. 412 Ein redaktioneller Text im Westfälischen Volksblatt, den elektrischen Ladenkühlschrank aufgrund seiner Vorteile als „Kundschaftsfänger“
anpreisend, richtete sich gezielt an diese Gruppe, vor allem an Fleischereien und Buttergeschäfte.413 Für private Haushalte waren Kühlschränke dagegen in der Regel unerschwinglich. Zudem verfügten damals die meisten Häuser, anders als heute, noch über einen Kühlkeller und waren daher auf technische Hilfsmittel nicht angewiesen. Die Regierung plante,
nach dem „Volksempfänger“ und neben dem „Volkswagen“ auch einen „Volkskühlschrank“ sowie einen „Volksstaubsauger“ auf den Markt zu bringen, aber die fortschre itenden Kriegsvorbereitungen standen einer Realisierung im Wege.414 Dennoch schwärmte
die EG PESAG ein Jahr später, als die Aktion „Kampf dem Verderb!“ ein weiteres Mal
durchgeführt wurde, welchen Siegeszug der elektrische Kühlschrank in aller Welt angetreten habe, nannte aber keine entsprechenden Zahlen für Paderborn.415
Mittlerweile hatte der PESAG-Ausstellungsraum in der Westernstraße 41 einem Blumengeschäft Platz gemacht und war einige Häuser weiter in die Nr. 34 umgezogen. Doch
die EG PESAG suchte auch den Kontakt zu den Abnehmern außerhalb des Stadtgebiets.
Ein Beispiel: Im Juni 1938 veranstaltete sie einen Demonstrations-Vortrag in Bad Lippspringe. Dieser richtete sich, wie die Illustration auf dem an alle Haushaltungen verteilte
Handzettel sehr schön veranschaulicht, an die Frauen aller Schichten in Haushalt, Landwirtschaft und Gewerbe (Abb. 29a/b). Nach dem Kühlschrank rückte nun der ElektroBackherd – die Frau in der Mitte präsentiert stolz ihren frisch gebackenen Napfkuchen – in
den Vordergrund.416
410
411
412
413
414
415
416
WV vom 07.04.1937, „Kampf dem Verderb! Mit Kälte gegen Fäulnis!“
Vgl. TRURNIT, S. 128.
Zur Förderung der elektrischen Kühlschränke bot die PESAG zudem einen speziellen Kühltarif an, dessen
Konditionen sind jedoch nicht überliefert.
Vgl. WV vom 08.04.1937, „‘Kampf dem Verderb’ – im Ladengeschäft“. Es ist nicht ersichtlich, wer die
Veröffentlichung dieses Zeitungsartikels, der ausschließlich auf elektrische Kühlschränke eingeht, vera nlaßte. Vermutlich hat die PESAG entweder selbst eine Pressemitteilung verfaßt oder einen vorformulie rten Text der VdEW übernommen und an das WV übermittelt.
Vgl. ZÄNGL, S. 248f., und HERZIG, S. 140f.
Vgl. Anzeige der EG PESAG im WV vom 29.06.1938, abgedruckt auch bei GROTE, S. 93. – Auch die
Gasgemeinschaft Paderborn warb wieder für Kühlschränke. Vgl. u. a. Anzeige im WV vom 28.06.1938.
Auch das Gaswerk und die Gasgemeinschaft bewarben vor allem in der Weihnachtszeit den Gasbac kherd.
Vgl. u. a. Anzeige der Gasgemeinschaft im WV vom 10.12. und 17.12.1938.
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
80
Abb. 29a: Werbeveranstaltung der EG PESAG (Vorderseite des Handzettels) 417
417
Handzettel, im Original farbig und in DIN A4-Größe. In: PESAG-Archiv, Kasten 13. – Dieses Informati-
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
Abb. 29b: Werbeveranstaltung der EG PESAG (Rückseite des Handzettels)
onsblatt wurde als Postwurfsendung an alle Lippspringer Haushalte verteilt.
81
Kapitel Zwei
Die Elektrifizierung der Haushalte (1924 - 1939)
82
Um möglichst viele Besucher zu gewinnen, lockte die Elektro-Gemeinschaft wie für eine Kirmes mit familientauglichen Attraktionen wie Tonfilmen, Speiseproben, einer Verlosung und sogar Musik. Die Organisatoren orientierten sich offensichtlich an den Werb everanstaltungen des Gaswerks mehr als zwei Jahrzehnte zuvor, nur war alles jetzt ein
wenig größer und bunter. Auch auf diesem Gebiet hatte die Elektrizität das Gas nun endgültig eingeholt. Neben Kühlschränken und Backherden bemühte sich die ElektroGemeinschaft um den Absatz von Elektro-Wärmegeräten und erzielte 1939 einen beachtlichen Umsatz, wie der PESAG-Geschäftsbericht lobte, ohne jedoch Zahlen zu nennen.418
Die vollständige Elektrifizierung der Haushalte schien greifbar nahe. Doch dann erhielt
diese aufstrebende Entwicklung einen herben Dämpfer: Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sorgte für einen erneuten tiefen Einschnitt in der Geschichte der Stromversorgung.
418
Vgl. PESAG-Geschäftsbericht 1939.
Kapitel Zwei
Immer noch kein Strom für das Umland? (1924 - 1939)
2.2
Die PESAG läuft den Bauern nach
Immer noch kein Strom für das Umland? (1924 - 1939)
2.2.1
Von Hoffnungsträgern zu „Saboteuren“
Genossenschaften im Delbrücker Land (1924 - 1939)
A
83
uch nach der Überwindung von Krieg und Inflation konnte die PESAG nicht daran
denken, das zerstreut besiedelte Delbrücker Land und das Sennegebiet zu elektrifi-
zieren, denn die vorhandenen Gelder benötigte sie in erster Linie für den Ausbau des
Straßenbahnnetzes. Was also tun? Das Elektrizitätswerk Westfalen, 1925 in die VEW
aufgehend, schien bereits kurz nach dem Krieg eine gute Lösung gefunden zu haben: die
Gründung von Kreiselektrizitätsgenossenschaften. Anschlußwillige Bürger taten sich
zusammen, gründeten eine eigene Genossenschaft, bezogen den Strom hochspannungsseitig vom Elektrizitätswerk und verteilten ihn niederspannungsseitig an die Genossenschaftsmitglieder weiter. So bildete sich zum Beispiel 1919 die Kreiselektrizitätsgenossenschaft Wiedenbrück. 419 In ganz Deutschland entstanden in dieser Zeit auf dem Land
derartige Genossenschaften, da die städtischen Elektrizitätswerke die Ausgaben scheuten:
Während 1900 lediglich fünf Genossenschaften in Deutschland existierten, waren es 1910
300 und um 1930 bereits rund 6.000.420
Bestärkt durch die Lobeshymnen des Elektrizitätswerks Westfalen auf diese Einrichtungen, trat die PESAG in Gespräche mit den anschlußwilligen Bürgern im nordwestlichen
Teil des Kreises Paderborn ein, fast ausschließlich Landwirte, und animierte sie dazu, es
den Wiedenbrückern gleichzutun. Im März 1925 wurde eine Elektrizitäts-Genossenschaft
in Westenholz gegründet, wozu Otto Plaßmann Rudolf Vogel beglückwünschte. Diese
Gründung trage Signalcharakter, nun werde bestimmt der Rest des Delbrücker Landes nach
und nach folgen, „ohne daß Sie den Delbrücker Bauern noch viel nachlaufen müssen“. 421
In der Tat entstanden im März 1926 in Ostenland, im September 1926 in Stukenbrock und
schließlich im Juli 1927 in Westerloh weitere Genossenschaften.
Die PESAG erhielt im jeweiligen Vorstand oder Aufsichtsrat Sitz und Stimme. Die Genossenschaften errichteten auf eigene Kosten ein Niederspannungsnetz und zahlten der
PESAG einen sogenannten verlorenen Zuschuß in Höhe von jeweils 6.000 bis 7.000 RM,
in Stukenbrock 11.000 RM, für den Bau der Hochspannungsleitungen. Damit meinte die
PESAG ein großes Entgegenkommen gezeigt zu haben, kosteten die Leitungen doch je419
420
421
Vgl. Geschäftsordnung der Kreiselektrizitätsgenossenschaft Wiedenbrück. In: PESAG-Archiv, Kasten 72,
Akte Delbrücker Land.
Vgl. ZÄNGL, S. 55.
Schreiben von Plaßmann an Vogel vom 11.01.1926. In: PESAG-Archiv, Kasten 72, Akte Stukenbrock.
Kapitel Zwei
Immer noch kein Strom für das Umland? (1924 - 1939)
84
weils mehr als 20.000 RM. Zu diesem Zugeständnis erklärte sie sich nur bereit, da sich
sonst gerade die Westenholzer, traditionell mehr auf Lippstadt als auf Paderborn ausgerichtet, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht angeschlossen hätten.422
Die PESAG lieferte den Strom für 10 - 12 Pf/kWh zuzüglich einer Kohlenklausel, also
etwa für rund 13 - 15 Pf/kWh, und hielt die Genossenschaften dazu an, mit günstigen
Tarifen
den
Stromkonsum
zu
fördern. 423
Sie
verband
mit
den
Elektrizitäts-
Genossenschaften die Hoffnung, „daß auf diesem Wege auch die entlegendsten Teile des
platten Landes in die Lage versetzt werden, die allseitig immer stärker begehrte elektrische
Arbeit für Licht, Kraft, Kochen und sonstige Zwecke zu verwenden“.424
Ein frommer Wunsch, der sich auf der ganzen Linie nicht erfüllte: Die Genossen
erwiesen sich als völlig überfordert mit der technischen und finanziellen Verwaltung de r
Anlagen.425 Die Ortsnetze, zu äußerst niedrigen Preisen installiert, befanden sich bereits
nach wenigen Jahren in einem sehr bedenklichen Zustand; mangelhafte Stromübertragung
und hohe Spannungsverluste ergaben sich als logische Folge. Ohnehin waren die N etze
sehr unzureichend ausgelastet, da die Landwirte fast ausschließlich Lichtstrom beanspruchten, um Haushalt und Ställe zu beleuchten. Am Bezug von Koch- und Wärmestrom zeigten
die Genossenschaften kein Interesse, während Kraftstrom, wenn überhaupt, nur im Spätsommer für das Dreschen angefordert wurde. Eine Ausnahme stellte die Genossenschaft in
Ostenland dar, die ihre Mitglieder verpflichtete, ausschließlich elektrisch zu dreschen und
neben einem Licht- bzw. Kraftstrompreis von 45 bzw. 25 Pf/kWh auch einen Dreschstromtarif von 20 Pf/kWh anbot. Indes schienen nicht alle Genossen diese Anordnung zu befolgen: 1934 mußte der Genossenschaftsvorsitzende eine Bestrafung all derer androhen, die
weiterhin eine Dampfmaschine benutzten. 426
Doch vor allem kritisierte die PESAG die mangelnde Bereitschaft der Genossenschaften, weitere Mitglieder anzuwerben und damit den Stromabsatz auszudehnen. Die Gründungsmitglieder hatten viel Geld in die Errichtung der Anlagen investiert, deshalb verlan gten sie als Ausgleich von Neuhinzukommenden sehr hohe Anschlußgebühren. Ein Beispiel:
Der Westenholzer Landwirt Joseph Lakmann, mein Großvater, wollte sich 1936 einen
422
423
424
425
426
Vgl. Schreiben von Vogel an Plaßmann vom 30.12.1924. In Ebd., Akte Westenholz.
Vgl. die jeweiligen Stromlieferungsverträge. In: Ebd., Akte Westenholz bzw. Akte Ostenland bzw. Akte
Westerloh bzw. Akte Stukenbrock.
PESAG-Pressemitteilung an die Paderborner und Lippischen Tageszeitungen vom 27.03.1925 anläßlich
der Gründung der Elektrizitäts-Genossenschaft Westenholz. In: Ebd., Akte Westenholz.
Vgl. die Schreiben von Lange an den Landrat des Kreises Paderborn vom 28.05.1936 und an Revisor
Tausch, Paderborn, vom 10.08.1936. Beide in: Ebd. Vgl. auch Schreiben von Lange an die Kreisbauer nschaft, Paderborn, vom 12.03.1937. In: Ebd., Akte Westerloh.
Vgl. Bericht über die bei der Genossenschaft Ostenland 1932 durchgeführte Buchprüfung und Akte nnotiz
von PESAG-Ing. Köster über die Jahreshauptversammlung der Genossenschaft Ostenland vom
01.07.1934. Beides in: Ebd., Akte Ostenland.
Kapitel Zwei
Immer noch kein Strom für das Umland? (1924 - 1939)
85
Anschluß legen lassen. 427 Die Genossenschaft in Westenholz berechnete Landwirten die
Anschlußkosten nach Höhe des Grundbesitzes, ausgehend von der Überlegung, daß ein
größerer Hof ein stärkeres Interesse an der Elektrifizierung besitze und daher auch höhere
Kosten tragen müsse: Pauschal je 200 RM für den Licht- und den Kraftanschluß und pro
Morgen Land 9,65 RM, zahlbar in drei Raten innerhalb von zwölf Monaten. 428 Rund 200
Morgen sein Eigen nennend, hätte Lakmann 2.330 RM zahlen müssen. Im Vergleich dazu
veranschlagte die PESAG in den ländlichen Gebieten 250 RM für einen Lichtstromanschluß, 500 RM für einen Licht- und Kraftstromanschluß und 75 RM für den Lichtanschluß
eines Heuerlingshauses, zahlbar in 24 Monatsraten. Bei sofortiger Barzahlung ermäßigten
sich die Beträge auf 200, 440 und 66 RM. 440 RM statt 2.330 RM! Verständlich, daß
Lakmann wie viele andere einen Anschluß an das mittlerweile stark heruntergekommene
Genossenschaftsnetz strikt ablehnte.
Statt dessen stellten zahlreiche Bürger einen Antrag an die PESAG. Allerdings nicht a llein aufgrund der Kosten; in den Dörfern dominierte, wie die PESAG irritiert registrierte,
eine „bäuerliche Absonderung“, 429 der Bauer ging lieber zur PESAG als zu seinem, stets
mit Mißtrauen beäugtem Nachbarn – von dörflich-idyllischem Zusammenhalt keine Spur.
Allein in Westenholz traten im Sommer 1937 insgesamt 37 Einwohner an die PESAG
heran.430 Gleichlautende Anträge fanden sich auch aus den anderen Gemeinden ein. Doch
die Genossenschaften beharrten auf ihr vertraglich zugesichertes Alleinvertretungsrecht in
den Gebieten. So mußte die PESAG ohnmächtig zuschauen, wie die Anschlußwilligen
vorerst lieber ganz auf elektrischen Strom verzichteten.
Die Stromversorgung im Delbrücker Land trat folglich auf der Stelle. Während sich im
PESAG-Versorgungsgebiet die Zahl der Abnehmer von etwa 10.000 im Jahr 1924 auf über
20.000 im Jahr 1937 verdoppelte und die Stromabgabe insgesamt, auch die Weiterverteiler
beinhaltend, von rund 6,1 Mio. auf über 27 Mio. kWh angewachsen war, blieb die Zahl der
Genossenschaftsmitglieder nahezu konstant, auch der Stromverbrauch stieg nur unwesentlich. Zum Beispiel hatte sich die Stromabnahme in Westerloh von rund 23.100 kWh im
Jahr 1929 auf lediglich 28.200 kWh im Jahr 1935 und 34.700 kWh ein Jahr später erhöht
427
428
429
430
Vgl. Aktennotiz von Lange vom 21.12.1936. In: Ebd., Akte Westenholz.
Vgl. Schreiben der Elektrizitäts-Genossenschaft Westenholz an die PESAG vom 18.12.1936. In: Ebd.,
Akte Westenholz. – Die Genossenschaft in Ostenland berechnete für einen Licht- und Kraftanschluß 450
RM, dazu pro Morgen 5,- RM. Vgl. Aktennotiz „Betr.: Anschlüsse in der Elektrizitäts-Genossenschaft“
von PESAG-Ing. Poggenklas vom 12.03.1934. In: Ebd., Akte Ostenland/Espeln.
Vgl. PESAG-Denkschrift „Arbeitsbeschaffungsprogramm“, S. 13.
Vgl. Schreiben von Lange an die Elektrizitäts-Genossenschaft Westenholz vom 08.09.1937. In: PESAGArchiv, Kasten 72, Akte Westenholz.
Kapitel Zwei
Immer noch kein Strom für das Umland? (1924 - 1939)
86
und war damit bis 1935 sogar unter der vertraglich festgelegten Mindestabnahme von
30.000 kWh jährlich geblieben.431
Von diesen Zuständen erhielt auch das ferne Berlin Kunde: Als 1937 das statistische
Reichsamt landesweit Auskunft über den Stand der Technisierung der landwirtschaftlichen
Betriebe verlangte, mußte der Westenholzer Bürgermeister kleinlaut angeben, daß in seiner
Gemeinde lediglich ein Drittel der Bauernhöfe elektrifiziert sei. Das Reichsamt glaubte an
ein Mißverständnis und bat um Berichtigung der Zahlen; es sei doch völlig ausgeschlossen,
daß im Jahr 1937 Landwirte mit mehr als 100 Morgen Land nicht einmal elektrisches Licht
besäßen.432
Die PESAG, die ein derartiges Renommee gut entbehren konnte, schrieb den Genossenschaften böse Briefe und warf ihnen eine grobe Mißachtung des Energiewirtschaftsgesetzes, das den EVU eine Anschlußpflicht auferlegt hatte, und sogar eine Sabotage des Vierjahresplans vor, da durch ihr Verschulden die Entwicklung des Landwirtschaft gehemmt
werde.433 Bis zum Vorwurf der Wehrkraftzersetzung und des Landesverrats fehlte nicht
mehr viel. Auch die Klagen der Landbevölkerung ertönten immer lauter und heftiger,
zumal die Landwirtschaft vom wirtschaftlichen Aufschwung nach 1933 profitiert hatte,
über mehr Kapital verfügte und daher für eine weitere Elektrifizierung durchaus empfänglich war. Schließlich platzte der PESAG der Kragen. Nachdem sie bereits im April 1931
die Elektrizitäts-Genossenschaft Stukenbrock erworben hatte, 434 beschloß sie, damit die
Stromversorgung nicht länger „Domäne einiger Auserwählter“ bleibe, sich „jetzt mit aller
Energie der von Ihnen entrechteten Volksgenossen[!] anzunehmen und diesen die elektrische Energie zugänglich zu machen“. 435 Nach längeren und zuweilen sehr kontrovers
geführten Verhandlungen mit den Genossenschaften kaufte sie im März 1938 die Anlagen
in Westenholz, im April 1938 in Westerloh und im März 1939 in Ostenland. Damit vollzog
sich hier eine Entwicklung wie in ganz Deutschland: Die Genossenschaften, die sich als
nicht fähig erwiesen hatten, dem rasant steigenden Bedarf nach Elektrizität gerecht zu
werden, wurden von den größeren Überlandzentralen übernommen.436
Die Bilanz im Delbrücker Land: Als die PESAG 1938/39 die von den Genossenschaften
versorgten Gebiete in Westenholz, Westerloh und Ostenland übernahm, zählte sie dort bei
431
432
433
434
435
Vgl. Schreiben von Lange an die Wirtschaftsgruppe Elektrizitätsversorgung, vom 11.08.1937. In: Ebd., Akte
Westerloh.
Vgl. Aktennotiz „Betr.: Ortsnetz Westenholz“ von Poggenklas vom 04.08.1937. In: Ebd., Akte Westenholz.
Vgl. u. a. die Schreiben von Lange an die Elektrizitäts-Genossenschaft Westenholz vom 21.01.1936,
03.09.1937 und 01.10.1937. In: Ebd.
Darüber hinaus waren Gemeindeteile, die von der jeweiligen Genossenschaft nicht innerhalb einer
festgelegten Frist ausgebaut wurden, bereits vertragsgemäß zur direkten Versorgung an die PESAG z urückgefallen, darunter Espeln 1931, Steinhorst und Dorfbauerschaft 1935 und Mühlensenne 1936.
Schreiben von Lange an die Elektrizitäts-Genossenschaft Westenholz vom 01.10.1937. In: PESAGArchiv, Kasten 72, Akte Westenholz.
Kapitel Zwei
Immer noch kein Strom für das Umland? (1924 - 1939)
87
insgesamt über 750 Haushalten und Gehöften lediglich 247 Abnehmer mit 5.414 Lampen,
323 Motoren und 241 Haushaltgeräten sowie einer Gesamtanschlußleistung von rund 970
kW.437 Ein Beweis, wie schleppend die Elektrifizierung eines ländlichen Gebiets voranschreiten konnte, wenn keine entsprechenden Werbeaktivitäten unternommen wurden. So
wurde im Rahmen einer Sitzung des PESAG-Aufsichtsrats 1954 den Anwesenden am
Beispiel der ehemaligen Genossenschaftsgebiete vorgerechnet, wie sich mit gezielter
Werbung der Stromverkauf steigern lasse: Während in
Westenholz zwischen 1927 und 1937 jährlich im Durchschnitt rund 29.000 kWh abgenommen wurden, waren es 1953 459.000 kWh, in Ostenland stieg der entsprechende Wert
von 24.400 auf 503.000 kWh und in Westerloh von 29.000 auf 351.000 kWh. 438 Eine
Steigerung von 1.500 bis mehr als 2.000 % in weniger als zwei Jahrzehnten!
2.2.2
A
Lieber Haushaltgeräte als Dreschmotoren
Probleme der ländlichen Elektrifizierung (1924 - 1939)
ber auch in den anderen Gebieten verlief die Elektrifizierung nicht ohne Schwierigkeiten. Im Gegensatz zu den Industrie- und Gewerbebetrieben und zunehmend den
Haushalten stellten die landwirtschaftlichen Betriebe immer noch die Stiefkinder der
Elektrifizierungs-Kampagnen dar; als zu aufwendig galt die Errichtung von Versorgungsnetzen auf dem Lande, als zu wenig steigerungsfähig der potentielle Stromabsatz. Doch in
den 1920er Jahren wandelte sich diese Ansicht. Nach dem verlorenen Krieg mit seinen für
Deutschland schmerzlichen Folgen, zum Beispiel der Verlust wirtschaftlich bedeutender
Gebiete und die hohen Reparationszahlungen, trachtete es danach, die wirtschaftliche
Abhängigkeit vom Ausland zu verringern, vor allem durch die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion. Die Elektrizitätswirtschaft witterte eine Chance, von dieser Bewegung zu profitieren und intensivierte ihr Engagement.
Ein Beispiel: Bereits 1883 hatte das Westfälische Volksblatt in seinem bereits vorgestellten Artikel auch die Nutzung der Elektrizität zum Betrieb von Brutkästen beschrieben.439 Diese Idee, seinerzeit kurios anmutend, als noch keine Massentierhaltung betrieben
wurde, griff die RWE/PESAG-Zeitschrift Elektrisches 1925 auf, als sie die Förderung der
Geflügelzucht mittels Elektrizität anpries: Im Jahr 1924 seien für rund 300 Mio. RM G e-
436
437
438
439
Vgl. ZÄNGL, S. 120 - 123.
Vgl. Aktennotizen von PESAG-Ing. Soemer „Betr.: Übernahme der Hausinstallationen in der Genossenschaft Westenholz“ vom 02.03.1938 bzw. „Betr.: Übernahme der Elt-Genossenschaft Westerloh“ vom
19.04.1938 bzw. „Betr.: Übernahme der Abnehmeranlagen im Anschluß an das Ortsnetz Ostenland“ vom
21.03.1939. In: PESAG-Archiv, Kasten 72., Akte Westenholz bzw. Akte Westerloh bzw. Akte Ostenland.
Vgl. Protokoll über die gemeinsame Sitzung des Aufsichtsrats und des Verwaltungsbeirats der PESAG am
03.12.1954. In: PESAG-Archiv, Kasten 19.
WV vom 24.11.1883, „Die Pader und die Electrizität. (Von einem Fachmanne in Berlin)“.
Kapitel Zwei
Immer noch kein Strom für das Umland? (1924 - 1939)
88
flügel und Eier importiert worden, unter anderem aus Polen, einem Land, „das Deutschland
politisch und wirtschaftlich zu schädigen sucht, wo es nur kann“. Daher müsse im Interesse
der deutschen Wirtschaft die Geflügelzucht erheblich gesteigert werden; dies könne nur
geschehen in der „so dringend notwendigen Zusammenarbeit von Technik und Landwirtschaft“. Mit einem elektrischen Brutkasten, sich auszeichnend durch das Fehlen von Rauch
und Abgasen sowie einer hohen Feuersicherheit, lasse sich eine mühelose Kükenaufzucht
betreiben.440 Ob eine größere Zahl von Landwirten diese Anregung aufgriff, ist nicht
überliefert.
Schlaflose Nächte bereiteten der PESAG 1928/29 kursierende Planungen der Westfälischen Ferngas AG (WFG) und der VEW, in Ost- und Südwestfalen eine Gasfernversorgung zu betreiben, die aufgrund der sich dann ergebenden preisgünstigen Konkurrenz eine
ernsthafte Gefahr dargestellt hätte für die Elektrifizierung des Umlands, wohin das Stad tgas des Paderborner Gaswerks nicht gelangen konnte. Otto Plaßmann appellierte an den
PESAG-Vorstand, „auf dem Posten zu sein und zu versuchen, mit dem Haushaltungstarif
alles so zu durchdringen, daß die Stellung der Elektrizität keinesfalls mehr geschwächt
werden kann“.441 Zur großen Erleichertung der PESAG zerschlug sich schließlich das
Vorhaben der WFG und VEW. Als 1931 eine Gesellschaft aus Hannover der Stadt Bad
Lippspringe die Errichtung einer Gasversorgung anbot, startete die PESAG dort erneut
einen Feldzug für den Haushalt-Tarif. Zudem ließ sie Auskünfte über die Gesellschaft
einholen; als diese sich als wenig schmeichelhaft für das Hannoveraner Unternehmen
entpuppten, zögerte die PESAG nicht, die Lippspringer Stadtvertreter davon in Kenntnis zu
setzen, um die unliebsame Konkurrenz zu eliminieren. 442
Zu schaffen machte den Elektrizitätswerken auf dem Land allgemein die Konkurrenz
der Petroleummotoren. Beide Seiten behaupteten, die billigere Betriebskraft in der Landwirtschaft darzustellen und warfen sich gegenseitig vor, in ihrer Propaganda mit falschen
Zahlen zu hantieren. Auch Elektrisches richtete polemische Angriffe gegen Ölmotoren bis
hin zu Berichten über Todesfälle durch Explosionen. 443 Zumindest auf dem Gebiet der
Futterzubereitung schienen Elektromotoren, beispielsweise als Antrieb von Schrotmühlen,
Rübenschneidern und Häckselmaschinen, als Sieger hervorzugehen. Zwischen 1925 und
1933 verdoppelte sich die Zahl dieser Motoren in Westfalen.444
440
441
442
443
444
Vgl. Elektrisches Nr. 4 [September 1925], S. 7: „Förderung der Geflügelzucht durch die Elektrizität“. In:
Archiv des PESAG-Betriebsrats, Aktenordner PESAG-Geschichte.
Schreiben von Plaßmann an PESAG-Aufsichtsrat Vogel vom 04.09.1929. In: PESAG-Archiv, Kasten 17.
Vgl. Schreiben von Plaßmann an Tilmann vom 16.04.1931. In: PESAG-Archiv, Kasten 17.
Vgl. Elektrisches Nr. 4 [September 1925], S. 3: „Die billigste Betriebskraft in der Landwirtschaft“.
In: Archiv des PESAG-Betriebsrats, Aktenordner PESAG-Geschichte.
Vgl. THEINE, S. 473.
Kapitel Zwei
Immer noch kein Strom für das Umland? (1924 - 1939)
89
Dagegen galt als Ärgernis paradoxerweise das elektrische Dreschen mit seinem enormen Stromverbrauch, vor dessen übermäßigen Einsatz das RWE bereits 1923 gewarnt
hatte. Da nur im Rahmen der Erntezeit wenige Wochen im Jahr überall gleichzeitig gedroschen wurde, entstanden schnell die berüchtigten „Dreschspitzen“. Die Netzleistungen
wurden über Gebühr beansprucht; es traten Störungen in der Stromversorgung auf, die
nicht nur für großen Unmut bei den Abnehmern sorgten, sondern zuweilen auch zu Defekten der Elektrogeräte aufgrund des Spannungsabfalls führten. Anders als viele andere
Werke sah die PESAG davon ab, mittels einer Dreschverordnung oder der Einführung von
Sperrstunden die Landwirte daran zu hindern, stets zur gleichen Zeit zu dreschen. 445 Statt
dessen strebte sie an, daß in jeder Gemeinde lediglich ein Dreschmotor eines Lohndreschers oder einer Dreschgemeinschaft eingesetzt werde. Zwar verfügten zahlreiche Bauern
darüber hinaus über eigene Dreschapparate, doch sprachen sich diese in der Regel untereinander ab, um Dreschspitzen zu vermeiden, wie Lange lobend vermerkte. 446 Daher hegte
die PESAG keine Bedenken, ab 1933 den Einsatz von elektrischen Dreschanlagen als
Konkurrenz zu Dieselmotoren zu fördern.447
Auf eine Propagierung des elektrischen Pflügens, wie sie in anderen Gebieten mit
durchschlagender Erfolglosigkeit unternommen wurde, 448 verzichtete die PESAG dagegen
offensichtlich ganz. Statt dessen bewarb sie den Einsatz elektrisch beheizter Futterdämpfer,
die ersten Geräte auf dem Markt, die vor allem mit Nachtstrom betrieben wurden und somit
eine günstigere Lastverteilung bewirkten. 449
D
och weitaus erfolgversprechender schien die Elektrifizierung der bäuerlichen Haushalte mit ihrer hohen Personenzahl, vor allem die elektrische Warmwasserversor-
gung, aber auch Kühlapparate, die von der Elektrobranche als gute Stromverbraucher
geschätzt wurden.450 Allerdings stießen die Elektrizitätswerke allgemein auf schier unüberwindbare Hindernisse, als sie die elektrische Küche propagierten, da sich die Bäuerinnen um keinen Preis von ihren Kohle- oder Holz-Herden trennen mochten. Noch 1940
445
446
447
448
449
450
Beispiele: Das EMR legte „Hauptlichtzeiten“ fest, in denen den Landwirten verboten wurde, Kraftmaschinen einzusetzen. Vgl. BOTZET, S. 62. – Die Lech-Elektrizitätswerke in Schwaben erließen eine Dreschordnung, wonach Höfe mit geraden Hausnummern nur an Tagen mit geradem Datum und die anderen
Höfe an den jeweils anderen Tagen dreschen durften. Vgl. RAUTER, S. 166f.
Vgl. Schreiben von Lange an VEW-Direktor Hentschel vom 25.06.1942. In: PESAG-Archiv, Kasten 14.
Vgl. Schreiben des PESAG-Vorstands an den Bürgermeister des Amts Altenbeken vom 12.06.1933. In:
Archiv des PESAG-Betriebsrats, Ordner Altenbeken 1911 - 1946. Vgl. auch den erläuternden Bericht
zum PESAG-Geschäftsbericht 1940. In: PESAG-Archiv, Kasten 19.
Der elektrische Pflug galt zunächst als sehr aussichtsreicher Stromabnehmer, fiel aber der Verbreitung der
Traktoren zum Opfer. Vgl. FISCHER, S. 159, LINDNER, S. 231, und BEAUGRAND, S. 43.
Vgl. GROTE, S. 92f, und HERZIG, S. 137f.
Vgl. Niederschrift der Tagung des Landwirtschaftlichen Ausschusses des Bezirksverbandes Niederrhein
und Westfalen des Reichsverbandes der Elektrizitätsversorgung (REV) am 23.02.1935. In: PESAG Archiv, Kasten 14. – Der REV war im Zuge der NS-Gleichschaltung an die Stelle der VdEW getreten.
PESAG-Vorstand Lange engagierte sich seit August 1934 im Landwirtschaftlichen Ausschuß.
Kapitel Zwei
Immer noch kein Strom für das Umland? (1924 - 1939)
90
schwärmte das Westfälische Volksblatt von der in der Landbevölkerung geschätzten Tradition, stets ein offenes Herdfeuer zu unterhalten:
Abgesehen davon, daß der Herd von germanischer Frühzeit an durch die Jahrhu nderte die heilige Stätte des Hauses, der Mittelpunkt des Familienlebens war – das
offene Herdfeuer ist auch heute noch für die Bäuerin und für alle Hausgenossen von
großer Annehmlichkeit. Frühmorgens kocht im Nu das Kaffeewasser. Die große Diele, in der auch meist die Mahlzeiten eingenommen werden, ist immer gut und
gleichmäßig warm. Nach des Tages Mühe aber ist das prasselnde Herdfeuer der
Ort, an dem sich alle Hausgenossen versammeln, an dem die Arbeit des nächsten
Tages und die großen und die kleinen Sorgen des Alltags besprochen werden, an
dem auch geschwiegen und Zwiesprache gehalten wird mit den Ahnen, die in den
Jahrhunderten vorher hier lebten und die Scholle bestellten. 451
Mag diese Schilderung auch übertrieben verklärend wirken, so schien doch allein schon
aufgrund der Tradition der Küchenherd für die Elektrizität uneinnehmbar. Im Gegensatz zu
anderen Unternehmen zeigte sich die PESAG hier flexibel und ging einen in der Elektrizitätswirtschaft sehr umstrittenen Weg, indem sie die Anschaffung von kombinierten Herden,
sowohl mit Elektrizität als auch mit Kohle zu betreiben, propagierte. Den Charakter der
ländlichen Küchen als vielseitig genutzte Wohnräume anerkennend, empfahl sie sogar den
Einsatz von Kohle, besonders im Winter, fest darauf vertrauend, daß die Hausfrauen im
Sommer, wenn der Herd nicht als Heizung dienen mußte, lieber Elektrizität einsetzten, um
Zeit und Aufwand für das Anfeuern zu sparen.452 Die günstigen Koch- und Heiztarife
wirkten als zusätzliche Stimulanz. Auf diese Weise gedachte die PESAG den Elektro-Herd
gleichsam durch die Hintertür einzuführen.453 Dafür mußte sie den Nachteil in Kauf nehmen, daß kombinierte Herde aufgrund des entstehenden Schmutzes durch die Kohle die
Propaganda der Elektrizität als besonders hygienische Energieart empfindlich beeinträchtigten.
Um die skeptischen Landfrauen für das ungewohnte elektrische Kochen zu begeistern,
intensivierte die PESAG gemäß dem Motto „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ zudem die Zusammenarbeit mit den Haushaltungsschulen; eine Maßnahme, die
das VdEW ihren Mitgliedern sehr ans Herz gelegt hatte. 454 Vor allem zur Landwirtschaftlichen Frauenschule in Borchen, dem Mallinckrodthof, betrieben von der Gesellschaft für
landwirtschaftliche Frauenbildung, unterhielt die PESAG einen engen Kontakt. Sie bete iligte sich finanziell an dieser Gesellschaft und förderte die Ausbildung der Schülerinnen im
elektrischen Kochen mit Bücherspenden, der Stellung von
Kocheinrichtungen und günstigen Strompreisen für den Mallinckrodthof sowie mit Stipe n451
452
453
WV vom 20.12.1940, „Am westfälischen Herdfeuer“.
Vgl. die diesbezüglichen Bemerkungen von Lange im Protokoll der IHK, Zweigstelle Paderborn, über die
Besichtigung von Versuchshöfen in Wünnenberg am 04.09.1937. In: PESAG-Archiv, Kasten 14.
Im Gegensatz dazu empfahl der Landwirtschaftliche Ausschuß des REV, die Abnehmer sofort vollstä ndig
und ohne Kompromisse für die elektrische Küche zu gewinnen, auch wenn die Erfolgschancen im Einzelfall geringer seien. Vgl. Niederschrift der Tagung des Landwirtschaftlichen Ausschusses am 31.01.1935.
In: Ebd.
Kapitel Zwei
Immer noch kein Strom für das Umland? (1924 - 1939)
91
dien „für Schülerinnen, die sich besonders für die Einführung der Elektrizität in ländlichen
Haushaltungen interessieren“. 455 Darüber hinaus veranstaltete sie dort wiederholt Vorträge
und Vorführungen.456 Zwar gab die PESAG 1942 ihre Beteiligung an der Gesellschaft für
landwirtschaftliche Frauenbildung auf, 457 der enge Kontakt zum Mallinckrodthof ist aber
bis heute erhalten geblieben.
Zahlreiche Elektrizitätswerke mit ländlichem Versorgungsgebiet richteten in den 1930er
Jahren Versuchshöfe ein, indem ausgesuchten Betrieben für einen gewissen Zeitraum
elektrische Geräte zur Verfügung gestellt und die Ergebnisse genauestens analysiert wurden.458 Die PESAG verzichtete darauf; dafür zeigte sich Heinrich Lange sehr interessiert an
den Elektrohöfen der VEW im benachbarten Wünnenberg.459
Um die Bevölkerung an die Elektrizität heranzuführen, schickten einige Elektrizitätswerke, darunter auch das RWE und die VEW, Werbewagen über das Land, die auch in
kleinen und abgelegenen Ortschaften Halt machten und Küchengeräte, landwirtschaftliche
Apparate sowie Werbefilme vorführten. 460 Ob die PESAG vor dem Zweiten Weltkrieg
ebenfalls einen Werbewagen besaß, ist nicht bekannt, allerdings erwähnte Lange in einem
Schreiben beiläufig, daß der seit 1924 zum Fuhrpark gehörende Elektrokarren nicht nur für
betriebliche Fahrten, sondern auch zu Werbezwecken genutzt werde. 461 In welcher Weise
dies geschah, ob zum Beispiel der Karren mit einer Werbeaufschrift versehen wurde, ist
nicht überliefert.
D
och alle Propagandatätigkeiten der PESAG wurden, wie Heinrich Lange eingestand,
durch den hohen Kraftstrompreis von 29 Pf/kWh unterlaufen, der in der Landbevöl-
kerung großen Widerwillen erregte. Einige Abnehmer gingen sogar wieder dazu über, ihre
Elektrizität aus kleinen Eigenanlagen zu beziehen. 462 Um weiteres Unheil zu verhüten,
führte das Elektrizitätswerk einen Landwirtschaftstarif ein: Bei einer jährlichen Mindestab-
454
455
456
457
458
459
460
461
462
Vgl. HENNEY, S. 72f., und MÜLLER [1932b], S. 86f.
Vgl. Protokolle der PESAG-Aufsichtsratssitzungen am 20.07.1929 bzw. am 19.02.1930. In: PESAGArchiv, Aktenordner 8/02-3/1 bzw. 8/02-3/2.
Daher protestierte die PESAG, als die VEW im November 1941 dort gemeinsam mit der Landesbauer nschaft Westfalen einen Lehrgang durchführen wollte. Zwar konnte die PESAG dieses Ansinnen n icht verhindern, wahrte aber ihr Gesicht, indem sie selbst daran teilnahm und Vorträge über die Elektrizität im
ländlichen Haushalt beisteuerte. Vgl. Briefwechsel zwischen der PESAG, den VEW und der Landwir tschaftlichen Frauenschule im November 1941. In: PESAG-Archiv, Kasten 55.
Vgl. die entsprechenden Briefwechsel 1941/42. In: Ebd.
Vgl. Niederschrift der Tagung des Landwirtschaftlichen Ausschusses des REV am 31.01.1935. In:
PESAG-Archiv, Kasten 14. Vgl. auch ZÄNGL, S. 155, 202 - 210.
Vgl. das Protokoll der IHK, Zweigstelle Paderborn, über die Besichtigung von Versuchshöfen in Wü nnenberg am 04.09.1937. In: PESAG-Archiv, Kasten 14. – Auch die benachbarte Wesertal GmbH richtete
1935 ein „elektrisches Versuchsdorf“ ein, löste es aber nach kurzer Zeit aufgrund zu schlechter Ergebnisse wieder auf. Vgl. BEAUGRAND, S. 227f.
Vgl. STERNBURG [1998b], S. 83, HORSTMANN, S. 38, 129, 133, und ZÄNGL, S. 154.
Vgl. Schreiben von Lange an Kern vom 12.01.1937. In: PESAG-Archiv, Kasten 19.
Ebd.
Kapitel Zwei
Immer noch kein Strom für das Umland? (1924 - 1939)
92
nahme von 400 kWh sank der Preis auf 25 Pf/kWh, bei mehr als 1.000 kWh sogar auf 20
Pf/kWh. Jedoch war die Resonanz sehr mäßig: Allein 20 Abnehmer nahmen diesen Sondertarif in Anspruch. 463 Daher entschloß sich die PESAG schließlich 1936 zu einer radikalen Preissenkung auf 40 Pf/kWh für Licht- und 18 Pf/kWh für Kraftstrom in Stadt und
Land – eine Entscheidung, die nur schweren Herzens getroffen wurde, da sie zunächst
beträchtliche Einnahmeausfälle für das durch die Verluste der Straßenbahn ohnehin angeschlagene Unternehmen zur Folge hatte.464
Aber auch diese Maßnahme erbrachte nicht den erhofften Erfolg. Ende der 1930er Jahre
mußte die PESAG ein aus ihrer Sicht ernüchterndes Fazit ziehen: Eine im Juli 1938 vorg enommene Aufstellung der noch nicht angeschlossenen Häuser und Gehöfte im gesamten
Versorgungsgebiet der PESAG ergab die erschreckende Summe von 2.329. Während in
den Städten Paderborn, Bad Lippspringe, Delbrück, Salzkotten und Horn insgesamt 323
unversorgte Häuser registriert wurden, existierten allein 767 im Amt Delbrück und 333 in
Stukenbrock, in der überwiegenden Mehrzahl landwirtschaftliche Betriebe. 465
Nachdem gerade die Gemeinden im Delbrücker Raum durch die Übernahme der Elektrizitäts-Genossenschaften „zurückerobert“ worden waren, sollte sich alles zum Besseren
wenden. Um das Delbrücker Land möglichst zügig auf das Niveau des übrigen Versorgungsgebiets zu heben, förderte das Elektrizitätswerk das Anschlußwesen, indem es den
größten Teil der Anschluß- und Ausbaukosten übernahm. Doch die PESAG, die den Genossenschaften zuvor vollmundig sogar Sabotage vorgeworfen hatte, sah sich nun ebenfalls
nicht in der Lage, eine befriedigende Stromversorgung zu schaffen. Deutschland rüstete für
einen Krieg; ähnlich wie zwei Jahrzehnte zuvor mußten Leitungsmaterialien wie Aluminium und Kupfer sowie Facharbeiter der eingesetzten Baufirmen „für andere Zwecke abgestellt“ werden, wie die PESAG formulierte.466
Gerade die Bürger im Delbrücker Land äußerten ihren Ärger über die ausbleibende
Elektrifizierung in wütenden Protestbriefen, hatte ihnen die PESAG nach Übernahme der
Genossenschaften doch blühende Strom-Landschaften versprochen. So verlangten zum
Beispiel vier Westenholzer Landwirte unverzüglich einen Anschluß, denn der „ständig
fühlbarer werdende Mangel an Landarbeitern macht die elektrische Stromversorgung mit
ihren Kräfte sparenden Einrichtungen zu einer unaufschiebbaren
463
464
465
466
Vgl. Schreiben von Lange an Kochendörffer vom 27.03.1933. In: Ebd.
Vgl. PESAG-Rundschreiben an die Gemeinden Altenbeken, Neuenbeken, Benhausen, Marienloh, Buke
und Schwaney vom 10.07.1936. In: Archiv des PESAG-Betriebsrats, Ordner Altenbeken 1911 - 1946.
Vgl. „Zusammenstellung der noch anzuschließenden Häuser“ vom 23.07.1938 und Schreiben von Lange
an den Kreisbauernführer, Paderborn, vom 05.10.1938. Beide in: PESAG-Archiv, Kasten 6.
Vgl. Schreiben von Lange an den Kreisbauernführer vom 05.10.1938. In: Ebd.
Kapitel Zwei
Immer noch kein Strom für das Umland? (1924 - 1939)
93
Notwendigkeit, falls nicht in unseren Betrieben die Erzeugungsschlacht in unverantwortlicher Weise leiden soll“. 467
Aber der PESAG fehlte es vor allen Dingen an Aluminium; rund 23 Tonnen Aluminiumseil wurden allein für das Delbrücker Land benötigt. Heinrich Lange schickte Bettelbriefe an alle zuständigen Institutionen, darauf hinweisend, welch vitale Bedeutung die
Elektrifizierung für die geforderte Steigerung der landwirtschaftlichen Erzeugung besitze
und sich hierdurch nebenbei zahlreiche Dieselmotoren ersetzen ließen. Fast vergebens,
lediglich einige 100 Kilogramm Aluminium pro Monat konnte die PESAG ergattern, viel
zu wenig für die Erhaltung, geschweige denn den Ausbau der Ortsnetze. 468
Wieder einmal stand der weiteren Erschließung des Umlands, vor allem des Delbrücker
Raums, ein Krieg im Wege. Erst in den 1950er und 1960er Jahren gelang der PESAG auf
dem Lande die vollständige Elektrifizierung.
467
468
Schreiben von vier Westenholzer Landwirten an die PESAG vom 17.03.1939. In: Ebd.
Vgl. u. a. Schreiben von Lange an den Reichsbauernführer, Berlin, vom 18.07.1939, an den Reichs innungsverband des Elektrohandwerks, Berlin, vom 20.11.1939, an die Reichsgruppe Energiewirtschaft,
Berlin, vom 24.11.1939 sowie an die Kreisbauernschaft Paderborn, vom 25.11.1939. Alle in: Ebd.
Kapitel Zwei
2.3
Der Krieg und seine Folgen (1939 - 1948)
94
„Spar Strom und Gas – wie leicht geht das!“
Der Krieg und seine Folgen (1939 - 1948)
B
ereits im Juli 1938 hatte der Reichskommissar für die Preisbildung parallel zu den
Kriegsvorbereitungen eine neue Tarifordnung erlassen, um den in Deutschland
wuchernden Tarifdschungel zu lichten, indem er die EVU verpflichtete, einheitliche und
damit vergleichbare Grundpreistarife einzuführen, aufgeteilt in den von der Höhe der
Energieabnahme unabhängigen Grundpreis und den für jede verbrauchte kWh berechneten
Arbeitspreis.469 Unterscheidungen nach den Verbrauchsarten Licht, Kraft und Wärme sollte
es nicht mehr geben. Die PESAG stellte daher 1939 und 1941 ihr Preissystem um und
führte neue Tarife ein. Zunächst einen Landwirtschaftstarif mit einem Arbeitspreis von 8
Pf/kWh, um den Bauern in der „Erzeugungsschlacht“ unter die Arme zu greifen, und einen
Nachtstromtarif von 4 Pf/kWh zwischen 22 00 und 600 Uhr speziell für Wärmespeichergeräte
wie Heißwasserspeicher und Futterdämpfer. Im April 1941 zählte die PESAG in ihrem
Versorgungsgebiet 365 Heißwasserspeicher, ein respektabler und gleichzeitig noch ausbaufähiger Abnehmerstamm also.470
1941 setzte das Paderborner Elektrizitätswerk den Haushalt-Tarif auf 8 Pf/kWh und
damit auf RWE-Niveau herunter, um die privaten Verbraucher zum weiteren Verzicht auf
Kohle und Petroleum zu bewegen und die Zahl von 1.651 elektrisch kochenden Haushalten
im Versorgungsgebiet noch zu steigern. 471 Auch dem Gewerbe bot die PESAG nun zwei
Tarife mit unterschiedlichen Bedingungen und dem gemeinsamen Arbeitspreis von 8
Pf/kWh an. Im Gegenzug hob das Unternehmen alle anderen vor 1939 bestehenden Tarife
auf, darunter auch den beliebten Wirte- und Ladentarif sowie den Installateurtarif. 472 Als
Service für die durch die Neuerungen möglicherweise verunsicherten Bürger richtete die
PESAG 1941 für mehrere Monate in ihrer Beratungsstelle in der Westernstraße eine Tarifauskunftstelle ein.
Der PESAG-Aufsichtsrat stimmte der mit der Einführung des neuen Tarifsystems verknüpften erheblichen Strompreissenkung nur mit großen Bedenken und „aus staatspolitischen Gründen“ zu, da die Stromabgabe seit Kriegsausbruch stetig fiel. 473 Vor allem der
Lichtstromverbrauch litt unter den von der Regierung angeordneten Verdunklungsmaßnahmen. Heinrich Lange dagegen machte aus seiner Begeisterung für die neuen Tarife
469
470
471
472
473
Vgl. ZÄNGL, S. 185, 336. Diese Tarifordnung war gültig bis 1971.
Vgl. Schreiben von Lange an den Provincial Controller of Electrical Energy vom 23.07.1946.
In: PESAG-Archiv, Kasten 28.
Zahl der elektrisch kochenden Haushalte entnommen aus ebd.
Vgl. WV vom 29.04.1941, „Bekanntmachung über neue Strompreise der PESAG“, und PESAG-Geschäftsbericht
1941.
Vgl. Protokoll der PESAG-Aufsichtsratssitzung am 09.04.1940. In: PESAG-Archiv, Kasten 75.
Kapitel Zwei
Der Krieg und seine Folgen (1939 - 1948)
95
keinen Hehl. Endlich brauche der Abnehmer nicht mehr die Hemmung des „zu teuer“
haben, da jeder Mehrverbrauch nur zu dem niedrigen 8 Pf-Arbeitspreis zu bezahlen sei.
Folglich schlage es kaum zu Buche, werde mal die Lampe nicht rechtzeitig ausgeschaltet
oder das Heizkissen und die Höhensonne etwas ausgiebiger benutzt.474
In der Tat verzeichnete die PESAG eine beträchtliche Steigerung des Heizstromverbrauchs von 2,57 Mio. kWh in 1938
auf 4,12 Mio. kWh in 1940. 476 Auf diese Entwicklung reagierte
auch der Handel (Abb. 30). Jedoch trug zu diesem Mehrkonsum weniger das sinkende Tarifniveau, dafür mehr der zunehmende Mangel an Kohle und Petroleum im zivilen Bereich bei.
Daher registrierte auch das Gaswerk, seit 1939 mit dem Wasserwerk zu den „Stadtwerken Paderborn“ verbunden, eine
deutliche Zunahme des Heizgasverbrauchs. 477 Da auch die
Abb. 30: Mehr Wärme
durch Strom475
Luftschutzräume zunehmend elektrisch beheizt wurden, erließ der Reichskommissar für die
Preisbildung im Dezember 1940 die Anordnung, reichsweit für Licht- und Heizstrom in
Luftschutzkellern nur 6 Pf/kWh zu berechnen.478
D
er Krieg bewirkte beim RWE einen Sinneswandel hinsichtlich seiner Stromwerbung: Der zunehmende Rohstoffmangel und die Neigung der Bevölkerung zu mehr
Sparsamkeit in der Kriegszeit vertrug sich nicht länger mit der auf permanenten Anstieg
des Stromverbrauchs angelegten Propaganda. Daher schwebte dem RWE vor, „künftig
mehr eine aufklärende und beratende Tätigkeit, sowie die Aufgabe, zwischen EVU und
Stromabnehmer ein Vertrauensverhältnis zu schaffen und zu erhalten, hervorzuheben“.479
Der Stromverbraucher, bislang technisch-nüchtern als „Abnehmer“ eingestuft, wurde also
nun als Geschäftspartner angesehen, der nicht überredet, sondern aufgeklärt und überzeugt
werden wollte. Doch auch diese Ansicht entsprach natürlich einem auf Profit ausgerichteten Kalkül; nur ein zufriedener Stromabnehmer war ein guter Kunde und fand keinen
Grund, andereEnergieträger einzusetzen.
Um die neue Zielsetzung auch äußerlich kundzutun, benannte das RWE seine „Werbeabteilung“ in „Beratungsstelle für Stromverwertung“ um, da ein solcher Name, wie das
RWE fand, „weniger nach Geschäften riecht“. 480 Die PESAG folgte dieser Order, wenn474
475
476
477
478
479
480
Vgl. PESAG-Pressemitteilung, vermutlich von Ende April 1941. In: PESAG-Archiv, Kasten 75.
WV vom 21.12.1941.
Zahlen aus den PESAG-Stromverkaufsbüchern 1938 - 1940. In: PESAG-Archiv, Kasten 53. – Für die Zeit
von 1941 bis 1945 sind leider keine verläßlichen Zahlen überliefert.
Vgl. SCHRÖDER, S. 89.
WV vom 20.12.1940, „Der Stromverbrauch im Luftschutzkeller“.
RWE-Rundschreiben „Betr.: Werbeabteilung“ vom 07.09.1940. In: PESAG-Archiv, Kasten 23.
Ebd. – Dagegen wurde die Kundenzeitschrift Elektrisches mit Kriegsbeginn eingestellt.
Kapitel Zwei
Der Krieg und seine Folgen (1939 - 1948)
96
gleich sie die direktere Bezeichnung „Kundendienst“ vorgezogen hätte. Doch diesem
Vorschlag konnte das RWE nichts abgewinnen, da dieser Begriff bereits im Autohandel
eingesetzt werde und einen „Beigeschmack“ bekommen habe. 481 Vermutlich fürchtete es,
die Bevölkerung würde damit eine Reparaturwerkstatt assoziieren, während die Stromwerbung doch die stete Zuverlässigkeit der Elektrizität anpries.
Die „Beratungsstelle für Stromverwertung“ sollte „Mittler jeglichen Verkehrs mit der
Abnehmerschaft sein und der fachmännischen und kostenlosen Beratung dienen in allen
Fragen, die mit der Anwendung der Elektrizität für Licht-, Kraft-, Wärme- und Kältezwecke in Haushalt und Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft zusammenhängen“. 482 Zu den
Arbeitsgebieten zählten neben der Information über Anschluß- und Stromlieferungsbedingungen sowie über Beleuchtungsanlagen und Elektromotoren vor allem die Propaganda für
Elektrowärme, aber auch die Prüfung der Verwendungsfähigkeit neuer Elektrogeräte und
die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften. 483
Die Beratungsstelle der PESAG widmete sich 1939/40 auf Initiative der Wirtschaftsgruppe Elektrizitätsversorgung und des Reichsnährstands vor allem der Umstellung der
Lohndreschereibetriebe im Versorgungsgebiet von Rohöl auf Elektrizität, damit Petroleum
dem militärischen Bereich vorbehalten blieb. Zum einen erhielten die Lohndrescher günstige Tarife, gestaffelt von 14 Pf/kWh bei einer Abnahme von 1.000 kWh bis 8 Pf/kWh bei
einem Verbrauch von 24.000 kWh. 484 Zum anderen stellte die PESAG drei selbst erbaute
Motor-Dreschwagen mietweise zur Verfügung. Allerdings mußte die Beratungsstelle
erfahren, daß ein derartiger Kundenservice mitunter großen Verdruß bereiten konnte: Einen
dieser Wagen überließ sie im Herbst 1940 einem Lohndrescher aus Marienloh, der weder
die Mietschulden bezahlte, noch für die Stromkosten aufkam und überdies den Dreschwagen stark beschädigte.485 Aus Schaden klug geworden, vermietete die PESAG die Wagen
daher ausschließlich gegen Vorauszahlung. 486 Bis zum Sommer 1940 waren alle nennens-
481
482
483
484
485
486
Vgl. Briefwechsel zwischen dem PESAG-Vorstand und dem RWE vom 13.09. und 17.09.1940. In: Ebd.
Undatierte PESAG-Aktennotiz, vermutlich aus dem Jahr 1940. In: Ebd.
1943 wurde die Beratungsstelle nochmals umbenannt, nachdem die Wirtschaftsgruppe Elektrizitätsversorgung in Berlin allen Elektrizitätsversorgern empfohlen hatte, die jeweilige Werbeabteilung als „Ber atungsstelle für Elektrizitätsanwendung“ zu bezeichnen. Vgl. LEINER [1984], S. 55.
Vgl. Aufstellung der PESAG-Tarife, Dreschtarif. In: PESAG-Archiv, Kasten 28. Vgl. auch verschiedene
Stromlieferungsverträge der PESAG mit Lohndreschern. In: PESAG-Archiv, Kasten 6.
Vgl. Aktennotiz „Mitteilung der Beratungsstelle über die mietweise Überlassung des Dreschmotorwagens
an den Lohndrescher Anton B.“ von Wolff vom 17.01.1941. In: PESAG-Archiv, Kasten 6.
Allerdings erblickten der Oberpräsident der Provinz Westfalen und die Wirtschaftsgruppe Elektrizität sversorgung darin einen Verstoß gegen die Preisstopverordnung von 1936, derzufolge alle Maßnahmen, die
zu einer Verschlechterung der Zahlungsbedingungen für Verbraucher führten, untersagt waren. Erst nach
einigem Hin und Her vermochte sich die PESAG durchzusetzen. Vgl. die Briefwechsel zwischen der
PESAG, dem Oberpräsidenten und der Wirtschaftsgruppe von Dez. 1940 bis Febr. 1941. In: Ebd.
Kapitel Zwei
Der Krieg und seine Folgen (1939 - 1948)
97
werten Rohölanlagen auf Stromversorgung umgestellt, endgültig beendete die PESAG ihre
Aktion jedoch erst im Sommer 1943.487
Die einsetzende Rohstoffknappheit bescherte der PESAG neben den Nutzern elektrischer Dreschmaschinen auch unverhofft einen neuen Großkunden: Die Central-Molkerei
Delbrück, die bis dahin nur verhältnismäßig kleine Mengen abgenommen hatte, zum Beispiel 1939 rund 10.800 kWh, elektrifizierte ihren Betrieb 1941 vollständig und schloß
einen neuen Stromlieferungsvertrag für eine Abnahme von mehr 50.000 kWh jährlich ab. 488
Für die PESAG war dies ein besonderer Erfolg, galten Molkereien doch als Musterbeispiele eines Dampfmaschinenbetriebs mit Abwärmenutzung.489
Einen weiteren Schwerpunkt der Beratungsstelle bildete die Bauberatung. Im September
1940 informierte das RWE seine Betriebsabteilungen sowie die Tochter- und Beteiligungsgesellschaften, es seien gewaltige Bauprogramme zur Errichtung von neuen Wohnungen
und großen Siedlungen nach Kriegsende geplant. Folglich müßten sich die Beratungsstellen
unbedingt in die Vorbereitungen einschalten und eine intensive Werbung betreiben, um
eine Vollelektrifizierung der Wohnungen zu erreichen; zumal, wie das RWE warnend
hinzufügte, „nach unserer Information unser Gegenspieler[!] – das Gas – gleichfalls weitgehende Vorbereitungen trifft und sich die Einführung des Gases künftig besonders in die
Siedlungen zum Ziel setzt, da eben nach dem Kriege eine Steigerung des Gasabsatzes in
der Industrie kaum möglich sein würde“.490
Da mochte auch die PESAG nicht länger stillsitzen: Noch im September 1940 bat sie in
einem Rundschreiben an die Bürgermeister aller Städte und größeren Gemeinden im Versorgungsgebiet um Auskunft über geplante Bauvorhaben. Die Angesprochenen antworteten
prompt und kündigten umfangreiche Bauten direkt nach Kriegsende an. So war allein für
das erste Friedensjahr die Errichtung von fast 850 Wohnungen in Paderborn, rund 200
Neubauten in Neuhaus und etwa 100 Häusern in Salzkotten ins Auge gefaßt. 491 Die
PESAG trat daraufhin mit den Kommunen in engere Verhandlungen und warb für eine
Elektrifizierung. Zum Beispiel lockte sie den Salzkottener Bürgermeister mit geringen
Erschließungskosten für die dort geplanten Siedlungen. 492
487
488
489
490
491
492
Vgl. Protokoll der PESAG-Aufsichtsratssitzung am 29.07.1940 bzw. das Schreiben von Lange an Kern
vom 17.06.1943. In: PESAG-Archiv, Kasten 75 bzw. Kasten 19.
Vgl. Schreiben des PESAG-Vorstands an den Oberpräsidenten der Provinz Westfalen vom 16.06.1941. In.
PESAG-Archiv, Kasten 6.
Vgl. BEAUGRAND, S. 48.
RWE-Rundschreiben „Betr.: Das Siedlungs-Bauprogramm und wir“ vom 07.09.1940. In einem weiteren
Rundschreiben forderte das RWE ein zweites Mal dazu auf, engen Kontakt zu den Bauherren und Arch itekten zu suchen. Vgl. RWE-Rundschreiben „Betr.: Das Siedlungsbau-Programm und wir“ vom
03.12.1940. Beide in: PESAG-Archiv, Kasten 6.
Vgl. Briefwechsel zwischen der PESAG und den Kommunen im Sept./Okt. 1940. In: Ebd.
Vgl. Schreiben von Lange an den Amtsbürgermeister von Salzkotten-Boke vom 01.10.40. In: Ebd.
Kapitel Zwei
D
Der Krieg und seine Folgen (1939 - 1948)
98
och der Krieg, viel länger dauernd als erwartet, machte all diesen Plänen zur fortschreitenden Elektrifizierung zunächst einen Strich durch die Rechnung. An eine
Ausweitung der Stromabgabe war nicht mehr zu denken, mit Ausnahme von kriegswichtigen Einrichtungen kam die Bautätigkeit völlig zum Erliegen. Ohnehin fehlten der PESAG
die erforderlichen Leitungsmaterialien, da die Reichsregierung im Mai 1941 damit begann,
alle Kupferbestände zu beschlagnahmen. Rund 200 Tonnen Kupfer mußte die PESAG
ausbauen und abgeben. 493 Aluminium war bereits seit 1939 nicht mehr verfügbar; somit
mußten die Elektrizitätswerke wie im Ersten Weltkrieg auf das für die Stromübertragung
ungeeignete Eisen zurückgreifen.
Darüber hinaus forderte Hermann Göring, der „Reichsmarschall des Großdeutschen
Reiches“, die gesamte Bevölkerung dazu auf, mit Kohle, Gas und Elektrizität äußerst
sparsam umzugehen, „damit die so ersparten Energiemengen aller Art für die ständige
Verbesserung der Rüstung unserer Wehrmacht zur Verfügung stehen und der siegreichen
Beendigung des Krieges dienen“. 494 Daher führte auch die PESAG 1942/43 eine
„Stromeinsparungsaktion“ durch. 495 Die Beratungsstelle überwachte den Stromverbrauch
der Haushaltungen, verteilte Informationsblätter mit Empfehlungen für stromsparendes
Verhalten, wies in direkten Anschreiben die Abnehmer, wenn erforderlich, auf Überschreitungen der zugelassenen Verbrauchshöhe hin und meldete größere Vergehen den Behörden.496 Im Schaufenster des Ausstellungsraums in der Westernstraße hingen Hinweise zum
Stromsparen. Auch das Westfälische Volksblatt, instruiert von PESAG-Vorstand Lange,
richtete Appelle an die Bevölkerung und gab zahlreiche Tips:
Wenn jeder Stromverbraucher, der von der PESAG beliefert wird, im Monat im
Durchschnitt auch nur eine Kilowattstunde Strom spart, so ergibt das eine Stro mmenge, die ausreicht, das Aluminium für zwei Flugzeuge zu fabrizieren. Das Stro msparen soll nicht die auch jetzt noch gültige Forderung „Gutes Licht am Arb eitsplatz“
beseitigen, und auch der Platz, an dem die Familie abends sitzt, soll richtig beleuc htet sein. Gefordert werden muß aber, daß jeder unnötige Stromverbrauch unte rbleibt. Das Stromsparen ist auch im Haushalt gar nicht so schwer, z. B. bei der B eleuchtung: Man soll die Lampen nicht länger brennen lassen, als unbedingt nötig,
nicht zu große Glühlampen wählen und vor allem die entbehrlichen Lampen lo sschrauben, statt des Kronleuchters nur die Tischlampe benutzen, die Lampen b esonders in den Werkstätten sauber halten und im Haushalt keine lichtfressenden
Lampenschirme benutzen. Wenn keiner dem Rundfunk zuhört, soll man den App arat nicht leise stellen, sondern abschalten. Im Winter kann der Kühlschrank abg eschaltet werden. Beim Kochen nutze man die Speicherwärme aus, koche mit wenig
Wasser und schalte zeitig zurück. Die Elektroheizung, Heizkissen, Elektroöfen usw.
sollen nur im Notfall benutzt werden. Der Leerlauf von Motoren ist unbedingt zu
vermeiden. Das Lesen im Bett ist eine üble Angewohnheit und hat leicht zur Folge,
493
494
495
496
Vgl. Aktennotiz „Betr.: Aufsichtsratssitzung“ von Lange vom 27.01.1950. In: PESAG-Archiv, Kasten 82.
Zit. n. WV vom 13.11.1942, „Vor dem ‘Belastungsgebirge’ der PESAG“.
Vgl. PESAG-Denkschrift „Die Energiesparaktion 1942/43“ vom 09.11.1942. In: PESAG-Archiv, Kasten 28.
Vgl. Aktennotiz „Betr.: Stromeinsparung“ von Wolff vom 03.06.1943. In: PESAG-Archiv, Kasten 20.
Vgl. auch PESAG-Bericht „Betr.: Energiewirtschaft im Versorgungsgebioet der PESAG im Jahre
1943/44“ vom 23.02.1944. In: PESAG-Archiv, Aktenordner 4/006-9.
Kapitel Zwei
Der Krieg und seine Folgen (1939 - 1948)
99
Abb. 31 - 33: Kohlenklau’s schmähliche Niederlagen 499
daß man dabei einschläft und die Lampe unnötig weiterbrennt. Das Ausschalten des
Lichtes in Kellern und sonstigen Nebenräumen wird nicht vergessen, wenn man
überall neben den Schaltern kleine Schilder mit dem Hinweis „Licht ausschalten!“
anbringt. Die Hausfrau soll wegen eines einzelnen Wäschestückes nicht das elektr ische Bügeleisen einschalten, sondern das angeheizte Eisen ausnutzen, indem sie
die Wäsche hintereinander bügelt und dabei auch das Zurückschalten nicht ve rgißt.497
Im Dezember 1942 startete die Reichsregierung landesweit die „Kohlenklau“Kampagne, um die Bürger auf locker-humorige Art zu einem sorgsameren Umgang mit
Energie anzuleiten. Auch das Westfälische Volksblatt, mittlerweile „amtliches Mitteilungsblatt der NSDAP und der Behörden für die Kreise Paderborn, Büren und Warburg“, veröffentlichte die Episoden rund um den kleinen Bösewicht „Kohlenklau“, der jede
Gelegenheit nutze, um Kohle, Strom und Gas zu verschwenden und damit die Kriegswirtschaft zu sabotieren. 498 Die Hälfte der von Dezember 1942 bis April 1943 erscheinenden
20 Geschichtchen befaßten sich mit rationellem Stromeinsatz – ein Zeichen, welchen
Stellenwert die Elektrizität im Vergleich zu Kohle und Gas mittlerweile besaß. So wurden
die Bürger dazu ermahnt, sich in der Beleuchtung einzuschränken (Abb. 31); nur zu den
vorgesehenen Zeiten zu verdunkeln, um das Tageslicht zu nutzen; die Rundfunkgeräte
nicht unnötig laufen zu lassen; effizient mittels „Turmkochen“ das Essen zuzubereiten, nur
sparsam das Bügeleisen zu benutzen (Abb. 32) sowie auf die Höhensonne ganz zu verzichten (Abb. 33).
497
WV vom 13.11.1942, „Vor dem ‘Belastungsgebirge’ der PESAG“.
Kapitel Zwei
Der Krieg und seine Folgen (1939 - 1948)
100
Doch auch diese Hinweise hatten offensichtlich nicht den gewünschten Erfolg: Im Mai
1943, drei Monate, nachdem Josef Goebbels den „totalen Krieg“ proklamiert hatte, ordnete
die Regierung eine Reduzierung des Strom- und Gasverbrauchs um 10 - 20 % an; Gaststätten, Läden und Büros mußten ihren Lichtstrombezug um 30 % verringern, ab Juni 1943
auch die Behörden.500 Die Appelle an die Bevölkerung, mehr Strom, Gas und Kohle zu
sparen, wurden immer eindringlicher, der Zusammenhang zwischen Energie und Rüstung
noch deutlicher hervorgehoben (Abb. 34 - 35). Auch „Kohlenklau“ diente wieder als
Personifikation der Energieverschwendung. Der jahrzehntelang ertönte Ausruf „Alles
elektrisch!“ der Elektrizitätswirtschaft wurde nun scharf kritisiert und die zu einem höheren
Stromkonsum animierende Propaganda ins Gegenteil verkehrt (Abb. 36). Auch der Handel
machte sich diese Haltung zu eigen, pries die eigenen Produkte als besonders energiesparend an, ein Attribut, dem zuvor kaum Bedeutung zugemessen worden war, und gaben Tips
zur Vermeidung von Stromverschwendung (Abb. 37 - 38).
Abb. 37 - 38: Es geht um jede Kilowattstunde501
498
499
500
501
Vgl. WV vom 23.12.1942, „Wer ist Kohlenklau?“
WV vom 30.12.1942, vom 29.01.1943 und vom 04.03.1943.
Vgl. ZÄNGL, S. 197, und RAUTER, S. 307 - 309.
Beide Anzeigen im WV vom 04.11.1943.
Kapitel Zwei
Der Krieg und seine Folgen (1939 - 1948)
Abb. 34 - 35: Spar Strom und Gas – wie leicht fällt das!502
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Abb.36: Nicht mehr alles elektrisch503
Während die Tätigkeiten der Elektro-Gemeinschaft PESAG in diesen Notzeiten
zwangsläufig zum Erliegen kamen, blieb der Ausstellungsraum der PESAG in der Westernstraße geöffnet und führte weiterhin Elektro-Herde, Heißwasserspeicher und Kühlschränke vor. Zwar konnten die Bürger keine neuen Elektrogeräte mehr kaufen, solange
wie die Industrie für den Krieg produzierte, trotzdem wurde eine Art Erinnerungswerbung
betrieben, um die Stromabnehmer bis zum Ende des Krieges und der damit verbundenen
Einschränkungen bei der Stange zu halten. 504 Die beiden Haushaltberaterinnen, die zweite
war 1942 eingestellt worden, kümmerten sich um die Überwachung der Stromrationierungen und assistierten dem PESAG-Kundendienst bei Gerätereparaturen sowie bei der Bearbeitung des Anschlußwesens. Darüber hinaus hielten sie in der Lehrküche in der Westernstraße noch Vorträge, Kurse und Vorführungen ab. 505 Unter anderem veranstalteten sie
gemeinsam mit dem Deutschen Frauenwerk Kochkurse für die Mädchen des Bunds Deutscher Mädel. Doch dies hielt den Bürgermeister im November 1944 nicht davon ab, die
Räumlichkeiten trotz heftigen Protests der PESAG für Zwecke der Heeresstreife zu beschlagnahmen.506
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WV vom 02.06.1943 und vom 16.06.1943.
WV vom 24.12.1943.
Vgl. LEINER [1984], S. 54.
Vgl. den „Bericht über die Anlagen der PESAG“ an den Provincial Controller of Electrical Energy,
Dortmund vom 16.03.1946. In: PESAG-Archiv, Kasten 28. Vgl. auch GROTHE, o. S.
Vgl. Briefwechsel zwischen der PESAG und dem Paderborner Bürgermeisteramt im November/Dezember
1944. In: PESAG-Archiv, Kasten 20.
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Allerdings stellte die Aufgabe des Ausstellungsraums in dieser Phase keinen schmerzlichen Verlust mehr dar. Viel nachteiliger wirkten sich die verheerenden Luftangriffe auf
Paderborn im Januar 1945 aus, die auch Versorgungsanlagen der PESAG in Mitleidenschaft zogen. Immerhin konnte der PESAG-Vorstand mit einigem Stolz bemerken, die
Stromversorgung habe „ohne allzu große Störungen oder längere wesentliche Einschränkungen“ aufrecht erhalten werden können, wenngleich das Kraftwerk, Transformatoren
und Leitungen durch Bombentreffer zum Teil erheblich beschädigt oder zerstört wurden,
von der Qualitätsminderung der Stromübertragung infolge des Austauschs der Kupferdurch Eisenleitungen ganz zu schweigen. 507 Die PESAG appellierte an die Bevölkerung,
auf den Betrieb von elektrischen Heizgeräten zu verzichten, nur dann elektrisch zu kochen,
wenn keine andere Kochgelegenheit vorhanden sei, und pro
Familie ausschließlich eine Glühbirne zu benutzen. Bei Nichtbeachtung dieser Maßregeln
sei mit Stromabschaltungen zu rechnen. 508 Weitere Anordnungen dieser Art zur Senkung
des Energieverbrauchs folgten über mehrere Monate hinweg.509
Wer aber geglaubt hatte, mit der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 sei die Zeit
des Energiemangels vorbei, sah sich getäuscht. Vor allem litten die Elektrizitätswerke unter
der stockenden Kohleförderung, auch das RWE als Hauptstromlieferant der PESAG. 510
Daher war die Militärregierung gezwungen, den Stromverbrauch weiter zu rationieren. Für
Raumheizung, Heißwasserspeicher, Schaufensterbeleuchtung, Lichtreklame aller Art und
Schaufensterbeleuchtung wurde der Einsatz von Elektrizität ganz verboten. Haushalte
durften nur bestimmte Mengen verbrauchen. 511 Ohnehin konnte die PESAG aufgrund
Materialmangel die wesentlichsten Schäden in den Versorgungsanlagen erst bis Ende 1947
beseitigen. In erster Linie damit beschäftigt, die Kriegsschäden in der Elektrizitätsversorgung und im Verkehrsbetrieb zu beheben, 512 mußte sie die Neubautätigkeit auf geringe
Netzerweiterungen und die Erstellung von Hausanschlüssen beschränken. Die finanziellen
Mittel waren zudem sehr begrenzt, da die staatlich festgelegten Preise eine Kapitalbildung
stark erschwerten.513 Sehr zu schaffen machte der PESAG insbesondere der Mangel an
Zählereinrichtungen. In zahlreichen Häusern mußten sich mehrere Haushalte einen Zähler
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Vgl. Protokoll der PESAG-Aufsichtsratssitzung vom 25.10.1945. In: PESAG-Archiv, Kasten 75.
Vgl. PESAG-Pressemitteilung vom 25.01.1945. In: PESAG-Archiv, Kasten 28.
Vgl. u. a. die amtliche Bekanntmachung „Einsparung des Stromverbrauchs in Haushalt, Gewerbe und
Verwaltung“ im WV vom 21.02.1945.
Vgl. RADKAU, S. 175, und 50 JAHRE VOLLER SPANNUNG, S. 17 - 22.
Vgl. u. a. „Bekanntmachung an die Stromabnehmer im Versorgungsgebiet der PESAG“ vom Oktober
1945. In: StAPb A 6100. Vgl. auch DLUGI, S. 158.
Vgl. PESAG-Geschäftsberichte 1946 - 1948.
Vgl. HERZIG, S. 144.
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teilen, heftige nachbarschaftliche Auseinandersetzungen hinsichtlich des Stromverbrauchs
blieben nicht aus.514
Mit Kriegsende schieden die beiden Haushaltberaterinnen der PESAG aus und wurden
vorerst nicht ersetzt; Bedarf bestand offensichtlich keiner. Zwar plante die PESAG bereits
im Frühjahr 1946 die Errichtung einer neuen Beratungsstelle mit Ausstellungs- und Vortragsraum, doch die wirtschaftliche Lage war solchen Ideen noch nicht angemessen, zudem
ordneten die Alliierten weitere Stromeinschränkungsmaßnahmen an. 515
Ähnlich wie 1923, als sich mit der Einführung der „Rentenmark“ die Wirtschaft und
damit auch die Elektrizitätswirtschaft wieder erholte, setzte mit der Währungsreform am
20. Juni 1948 eine neue Ära ein. Wenngleich noch bis 1951 hin und wieder für bestimmte
Einsatzgebiete Anordnungen zur Senkung des Energieverbrauchs erlassen wurden, konnten
nun die Elektrizitätswerke danach streben, die Elektrifizierung fortzusetzen und den ersehnten Durchbruch zu erreichen.
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Vgl. PESAG-Geschäftsbericht 1947.
Vgl. HERZIG, S. 142 - 144.
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