Inszenierung / Szenografie / Öffentlichkeit / Urbanität: Was kann die

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—Imanuel Schipper, 12.3.2015
Was ist Szenografie heute - das ist der Titel der Gesprächsreihe. Der heutige Abend hat folgendes
Thema:
Inszenierung / Szenografie / Öffentlichkeit /
Urbanität: Was kann die Kunst?
1) Was ist denn überhaupt Szenografie?
Szenografie kommt in unserem Alltag überall vor - und trotzdem ist der Begriff noch nicht so in der
Sprache gefestigt, dass es uns allen klar ist was wir damit meinen.
Mein Schreibprogramm will mir immer klar machen, dass ich ganz bestimmt Stenografie meine,
wenn ich Szenografie schreibe. aber so sind Schreibprogramme - verfestigt im linearen Denken…
Szenografie kommt in unserem Alltag überall vor -zum Beispiel überall dort wo versucht wird mit
architektonischen Mitteln eine bestimmte Atmosphäre zu erschaffen - ich erinnere nur an die
weltweiten Umbaumassnahmen, die alle Flughäfen in den letzten 5 - 10 Jahren in Shopping Malls
verwandelt haben. Vorbei ist der Eindruck, dass man sich im Finanzamt befindet, wenn man die
kilometerlangen Gänge zum Gate abschreitet - Heute flaniert man von Cafe zu Boutique, Innen
und Austräume wechseln sich fliesend ab, und plötzlich merkt man, dass man schon am Gate
vorbei gegangen ist. - Das ist die Szenografie des Konsums. Es ist nicht nur eine räumliche
Anordnung von Elementen - sonder die Inszenierung einer besonderen Welt - Die
Flughafenschoppingmall in Kopenhagen hat zwar die selben Geschäfte wie die in Lissabon oder
Chicago - aber die Atmosphäre ist eine andere.
Auch in unseren vier Wände, in unserem Heim , inszenieren wir so stark wie schon lange nicht
mehr - Die Summen, die eine Haushalt für die Inneneinrichtung ausgibt, wächst kontinuierlich. Es
werden Relax -Zonen und Arbeits-Zonen geschaffen, gleichzeitig Freiraum behalten und
Ruheoasen kreiert.
Der Begriff der Szenografie kann zweifelsohne nicht ohne das Begriffsfeld des Theaters gedacht
werden. Das griechische Wort Skene bedeutet eigentlich Hütte oder Zelt und bezeichnete eben die
Hütte, in der sich die Schauspieler umzogen, eine Hütte mit einer Wand, die eben gerade auch die
Rückwand der „Bühne“ bildete, vor der die Spieler ihre Szene spielten.
Die Szene - als zeitlicher Begriff beschreibt eine Unterteilung eines Dramas in verschiedene
Abschnitte, in der die Schauspieler aus der Skene-Hütte nach vorne traten und vor der SkeneWand einen Vorgang spielten.
Ein Szenograf war also erstmal jemand, der die Skene - diese Wand bemalte.
Nun hat sich mit dem Theaterbegriff und der Theaterpraxis auch die Szenografie verändert und
insbesondere auch erweitert.
Neben den Feldern der Alltagsszenografie vom Anfang meines Vortrages - gibt es weiterhin
professionelle Tätigkeitsfelder für Szenografen im erweitertsten Feld des Theaters. Dies schliesst
sowohl das klassische Bühnenbild ein, als auch das Filmset, aber auch die
Ausstellungsszenografie oder die Szenografie für Messeauftritte, Jahreshauptversammlungen,
Nachrichtenstudios für Fernsehsender, usw.
Längst ist Szenografie nicht nur mehr Kulissen- oder Objektbau oder sondern wird als
wesentliches Tool für alle Arten von Inszenierungen angesehen. Überall wird mit Hilfe von
räumlich-zeitlichen Praktiken versucht Atmosphären zu erschaffen, deren Erleben sinnvoll mit dem
Inhalt und oder der Thematik des Ereignisses zusammenspielt, bzw unterstützt.
2) Was hat Szenografie mit Stadt und urbanem Raum zu tun?
Was ist eine Stadt? - Shakespeare lässt Coriolan antworten: Die Stadt sind ihre Menschen. Was
denn sonst?
Das mag vielleicht auf den ersten Blick etwas verwundern - sehen wir doch bei dem Begriff „Stadt“
sogleich die Wolkenkratzer von New York in unserem inneren Auge entstehen. Doch eigentlich
sind wir uns einig, dass die Stadt viel mehr ist als die Summe ihrer Gebäude und neben einer
Sphäre des Gebauten auch Sphären des Gelebten haben. Denken wir nur an die Atmosphäre
einer Stadt wie Venedig, Paris, oder auch Zürich - dann bemerken wir bald, dass die Atmosphäre
aus einer Mischung von Architektur und Menschen und Situation und Erlebten besteht.
Der Ort aber, in dem sich diese Atmosphäre breit machen kann und breit macht ist der Öffentliche
Raum der Stadt. Die Art, wie dieser (öffentliche) Raum gestaltet wäre, wie er benutzt wird, wie er
erlebt wird, was er erlaubt - was nicht, welche Erlebnisse er produziert und welche nicht - diese
gesamte Summe könnte mit einem erweiterten Szenografiebegriff beschschrieben werden.
Genauso wie die Kulisse den Gehalt und das Erleben einer Szene oder eines Dramas unterstützen
kann - genauso könnte die Szenografie des öffentlichen Raumes die Atmosphäre einer Stadt mit
gestalten.
3) Was hat Hedwig Fijen und die Manifesta damit zu tun?
Wenn nun die Atmosphäre der Stadt aus gebautem und gelebtenm besteht, dann kann die
Atmosphäre auch gestaltet werden, verändert werden Ein mögliches Werkzeug dafür sind die
verschiedenen Kunstpraktiken, die wir alle kennen. Sowohl Objekt-Kunst als eben auch ephemere
performative Kunst. Wie sieht es eben aus, wenn eine Biennale für zeitgenössische Kunst sich zur
Aufgabe macht, alle zwei Jahre die europäische DNA in jeweils einer anderen Stadt in einer
künstlerischen Erforschung sichtbar zu machen?
Kann die Kunst - oder eine Kunstinstitution wie die Manifesta - durch ihr parasitenähnliches
Einnisten in der Stadt und einer 2-3 Montagen Ausstellung einen Dialog für und mit den
Stadtbewohner über europäische Fragen installieren? Und könnte man deshalb die Manifesta
selber als eine szenographische Intervention verstehen?
Wäre dann die Kunstbiennale eine Szenografie, die Öffentlichkeit herstellt, neue urbane Räume
produziert und Dialoge inszeniert?
Informationen zur Manifesta: www.manifest.org
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