Final year translations: Pack II

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GE401
Final year translations: Pack I
Ian Roberts ([email protected])
1. Hans und Heinz Kirch
Monate waren vergangen; die Plätze, von denen aus Heinz nach Abrede hätte schreiben
sollen, mußten längst passiert sein, aber Heinz schrieb nicht; dann kamen Nachrichten
von dem Schiffe, aber kein Brief von ihm. Hans Kirch ließ sich das so sehr nicht
anfechten: „Er wird schon kommen‟, sagte er zu sich selber; „er weiß gar wohl, was hier
zu Haus für ihn zu holen ist.‟ Und somit, nachdem er den Schmüserschen Speicher um
billigen Preis erworben hatte, arbeitete er rüstig an der Ausbreitung seines Handels und
ließ sich keine Mühe verdrießen. Freilich, wenn er von den dadurch veranlaßten Reisen,
teils nach den Hafenstädten des Inlandes, einmal sogar mit seinem Schoner nach
England, wieder heimkehrte, „Brief von Heinz?‟ war jedesmal die erste, hastige Frage an
seine Frau, und immer war ein trauriges Kopfschütteln die einzige Antwort, die er
darauf erhielt.
Die Sorge, die auch er allmählich sich nicht hatte erwehren können, wurde zerstreut, als
die Zeitungen die Rückkehr der Hammonia meldeten. Hans Kirch ging unruhig in Haus
und Hof umher, und Frau und Tochter hörten ihn oft heftig vor sich hinreden; denn der
Junge mußte jetzt ja kommen, und er hatte sich vorgesetzt, ihm scharf den Kopf zu
waschen. Aber eine Woche verging, die zweite ging auch bald zu Ende, und Heinz war
nicht gekommen. Auf eingezogenen Erkundigung erfuhr man endlich, er habe auf der
Rückfahrt nach Abkommen mit dem Kapitän eine neue Heuer angenommen; wohin,
war nicht zu ermitteln.
Theodor Storm, Hans und Heinz Kirch (1881/82)
2. Deutschland in der Drift
Deutschland treibt ab aber die Kanzlerin Angela Merkel tut dagegen anscheinend gar
nichts. Außenpolitisch, so sagt man gern, macht die Kanzlerin eine gute Figur. In diesem
Lob steckt aber etwas Abschätziges, so als ginge es auf der internationalen Bühne vor
allem um Ästhetik. Tatsächlich wird Außenpolitik in der Globalisierung immer
bedeutender, sie ist kriegsentscheidend, überlebenswichtig. Angela Merkel macht hier
keine Figur, sondern richtige Politik, überwiegend gute. Ihre Außenpolitik zeigt, was
diese Frau kann.
Und aber was sie innenpolitisch versäumt. In den heutigen Deutschland erwartet man
viel mehr, wenn man den Kanzler bzw. die Kanzlerin betrachtet. Dieses Land, das
jahrzehntelang in wachsendem Wohlstand von immer mehr Schulden gelebt hatte,
wurde einige Zeit durch Reformen ziemlich durchgeschüttelt. Diese Phase begann mit
der ‘Agenda 2010’, die Anfang des Jahres 2003 beschlossen wurde, sie endete mit der
Gesundheitsreform 2006 und der Mehrwertsteuererhöhung zu Beginn des Jahres 2007.
Das sind knapp vier Jahre. Die Politik hat damit begonnen, die psychologischen
Bedingungen des Aufschwungs zu zerstören. Die Jahre der Reformen haben bewiesen:
Was jetzt begonnen hat, ist bisher wohl ein Schlaflied gewesen. Manche fürchten immer
noch eine finanzielle Krise, vergleichbar mit den Inflationsjahren der damaligen
Weimarer Republik und dem darauf folgenden Anstieg der Nazis.
Und was macht Angela Merkel? Sie macht derweil, was sie oft macht – sie wartet. Es
wird ihr dennoch nicht mehr lange helfen, dafür sind die Dinge zu sehr im Fluss. Die
Kanzlerin hat in den vergangenen Jahren viel politisches Kapital erworben. Die
verheerenden Hochwasserkatastrophen im Sommer 2013 in Nord- sowie
Ostdeutschland zeigten noch, wie Merkel sich in einer Krise verhält. Sie reagierte
schnell und entschlossen auf die finanzielle Not der Bürger. Nun vertrauen die Leute ihr
mehr als je zuvor. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, wo sie dieses Kapital aufs Spiel
setzen muss.
3. Unverwüstlich, unerschöpflich, unersetzlich
Universitäten, was sind das überhaupt für Gebilde? Warum benötigen wir sie? Warum
werden wir sie nicht los? Sind sie nicht fast schon etwas wie Geschichtsmuseen, von Zeit
zu Zeit gelobt und manchmal sogar gefeiert, im sonntäglichen Weiheton der
Unverzichtbarkeit, nur weil Zukunft doch immer Vergänglichkeit braucht, als käme
Zukunft nicht ganz von alleine – fragt sich nur: welche? Findet die vielberufene Bildung
nicht längst anderswo statt, vielleicht an den Elite-Hochschulen wie Stamford oder
Cambridge, oder doch in den globalen Corporationen wie Siemens und Microsoft?
Warum sind die Universitäten in Wirklichkeit ganz anders und dennoch völlig
unentbehrlich? Natürlich sind sie – zumal in Deutschland – auf den ersten Blick meist
auch nur öffentliche Anstalten, bevölkert und betrieben von Angehörigen des
öffentlichen Dienstes, damit sie Jahr für Jahr zahllose jugendliche Rohlinge so
formatieren, daß sie am Ende berufsfähig entlassen werden können
An Universitäten lernen junge Menschen nicht so sehr, was man weiß oder zu wissen
meint - freilich das schon auch. Sie lernen aber vor allem den verantwortlichen
Gebrauch geistiger Freiheit. Sie lernen zu fragen, warum man behauptet, was man zu
wissen glaubt, welche Gründe dafür vorgebracht werden, wie verlässlich diese sind –
und was man nicht oder nur sehr unzulänglich weiß. An Universitäten lernt man
kritisch zu denken und offen und begründet darüber zu reden. Selbst der beste
Rohdiamant wird erst nur durch Schleifen glänzend. Das oberste aller Bildungsziele an
unseren Universitäten und Hochschulen steht ganz klar und deutlich vor: in klaren
Begriffen zu denken und begründete von unbegründeten Behauptungen zu
unterscheiden. Das mag wohl nicht an den Akademien von Bill Gates oder Siemens das
Wichtigste sein, wird aber in Zukunft noch wichtiger als je zuvor.
Campus, 10. Dezember 2007
4. Die Stasi war immer dabei
Rudi Dutschke, Studentenführer der 68er-Generation und Bürgerschreck für
westdeutsche Mittelstandsbürger, wurde am 14. November 1967 ausnahmsweise
wie ein Staatsgast behandelt.
An jenem Tag hielt vor der Westberliner Wohnung Dutschkes eine dunkle Limousine.
Ein Fahrer klingelte an seiner Tür, geleitete den Studentenführer zum Wagen und
passierte ohne Kontrolle die innerdeutsche Grenze. Der damalige Chef der Westberliner
SED, Gerhard Danelius, eskortierte Dutschke persönlich in die DDR. „Es war wie bei der
Großbourgeoisie oder der Mafia‟, erinnerte sich seine Witwe später an die Umstände,
unter denen Dutschke zur Beerdigung seiner Mutter in Ostberlin gelangte.
Die heimlichen Beziehungen rund um die sogenannte Außerparlamentarische
Opposition (Apo) in der Bundesrepublik zum ostdeutschen SED-Regime sind bis heute
tabu. Der Mythos vom emanzipatorischen Aufbruch im Jahr 1968 verträgt sich nicht mit
der Tatsache, dass viele Wortführer der Studenten-bewegung die Diktatoren im Osten
als Bündnispartner im Kampf gegen den Kapitalismus betrachteten. Erst seit bekannt
wurde, dass der Polizist, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss,
ein Stasi-Mitarbeiter gewesen war, wird verstärkt nach der Rolle der DDR bei den
Studentenprotesten in Westdeutschland gefragt.
Die SED-Gewaltigen mischten in der Apo stärker mit als gemeinhin angenommen. Vor
allem im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) waren zahlreiche DDRSympathisanten organisiert. Ostdeutsche Staats- und Parteichef Walter Ulbricht
kümmerte sich oft persönlich um die Unterstützung der linken Protestbewegung im
Westen.
Zur DDR-Jugendorganisation FDJ (Frei Deutsche Jugend) pflegten sich die
Studentenführer regen Kontakt. Schon 1959 – als offizielle Beziehungen in die DDR
noch streng verpönt waren – reiste erstmals eine SDS-Delegation nach Leipzig. In den
Organisationszentren der Studentenbewegung saßen Dutzende Stasi-Agenten – aus
manchem Revoluzzer wurde später sogar ein Geheimagent der Republik.
Aus: Focus, 26/2009
5. Erinnerungen an den 20. Jahrestag des Mauerfalls
Deutschland und die Welt haben den 20. Jahrestag des Mauerfalls mit einem
rauschenden Freiheitsfest am Brandenburger Tor in Berlin gefeiert. Trotz Dauerregens
strömten am Montag zehntausende Berliner sowie auch neugierige Touristen an das
Brandenburger Tor, um mit mehr als 30 aktiven und ehemaligen Staats- und
Regierungschefs aus aller Welt, mehreren Friedensnobelpreisträgern sowie zahlreichen
Kirchenvertretern und ehemaligen Bürgerrechtlern das historische Ereignis zu
würdigen. Die weltweite Fernsehzuschauerquoten zahlten bis in die Millionen –
anscheinend wollten alle Deutschlands große Party miterleben. In einer höchst
persönlichen Rede betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Mauerfall sei eine der
glücklichsten Stunden der deutschen und europäischen Geschichte und eine der
glücklichsten Momente ihres Lebens gewesen.
Auch die Staats- und Regierungschefs Frankreichs, Großbritanniens und
Russlands sowie die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton ergriffen das Wort.
Der amerikanische Präsident Barack Obama wurde sogar per Videobotschaft
eingeblendet. „Es konnte keine deutlichere Zurückweisung der Tyrannei und keine
stärkeres Zeichen für Freiheit geben“, begeisterte er den jubelnden Mengen zu.
Bundespräsident Horst Köhler erinnerte sich auch an diesen atemberaubenden
Herbst 1990 und nannte den Mauerfall bei einem Empfang für die Staatsgäste im
Schloss Bellevue eine Epochenwende zu Freiheit und Demokratie. „Im Nachhinein
können wir viele Gründe für die friedliche Revolution benennen, aber sie bleibt auch ein
Wunder“, sagte er. Wie Merkel forderte er alle Europäer auf, das Glück der Wende als
Verpflichtung zur Verantwortung in der Welt zu begreifen. „Denn nicht alle Hoffnungen
der euphorischen Zeit nach 1989 haben sich erfüllt.“ Es habe sich gezeigt, dass der OstWest-Konflikt Probleme wie Armut, Hunger und Unterentwicklung nur in den
Hintergrund gedrängt habe.
Aus: FAZ-Online, November 2009
6. The Reluctant Genius
Im September 1828 verließ der renommierte Professor Carl Friedrich Gauß, der größte
Mathematiker und Astronom des Landes, zum erstenmal seine Heimatstadt Göttingen,
um an einem wissenschaftlichen Kongreß in Berlin teilzunehmen. Selbstverständlich
wollte er nicht dorthin. Monatelang hatte er sich geweigert, aber Alexander von
Humboldt war hartnäckig geblieben, bis er in einem schwachen Moment und in der
Hoffnung, der Tag käme nie, zugesagt hatte.
Am Tag der Abfahrt also versteckte sich der Professor im Bett. Als ihn seine Frau
aufforderte aufzustehen, die Kutsche warte und der Weg sei weit, klammerte er sich ans
Kissen und versuchte sie zum Verschwinden zu bringen, indem er die Augen schloß. Als
er sie wieder öffnete und Minna noch immer da stand, nannte er sie lästig und das
Unglück seiner späten Jahre. Da auch das nicht half, streifte er die Decke ab und stand
auf.
Grimmig und notdürftig gewaschen ging er die Treppe hinunter. Im Wohnzimmer
wartete sein Sohn Eugen geduldig auf ihn mit gepackter Reisetasche. Als Gauß ihn sah,
bekam er einen Wutanfall: Er zerbrach einen auf dem Fensterbrett stehenden Krug,
stampfte mit dem Fuß und schlug um sich. Erst als seine uralte Mutter, die aufgestört
vom Lärm aus ihrem Zimmer kam, ihn in die Wange kniff und fragte, wo denn ihr
tapferer Junge sei, faßte er sich. Ohne Herzlichkeit verabschiedete er sich von seiner
Familie. Dann ließ er sich in die Kutsche helfen.
Nur der Sohn Eugen sollte ihn begleiten. Sie erreichten Berlin am Spätnachmittag des
nächsten Tages. Jemand mußte sie von weitem gesehen und angekündigt haben, denn
wenige Sekunden nachdem sie in den Hof eingefahren waren, flog die Haustür auf, und
Humboldt lief die Kutsche entgegen. Aus dem Innern des Fahrzeuges hörte man
hektisches Reden, dann nichts. Endlich klappte die Tür auf, und Gauß stieg vorsichtig
auf die Straße hinab und sagte, er wolle nach Hause...
Aus: Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt (2005).
7. Psychological Warfare During The Cold War
Im Februar 1966 kam im Kalten Krieg etwas ganz Sonderliches vor: Das Bataillon 701
der Bundeswehr bezog Stellung im Westerwald, nahe der damaligen DeutschDeutschen Grenze. Der Einsatzbefehl kam aus Bonn und war streng geheim.
Angriffsziel: die Nationale Volksarmee (NVA) der Deutschen Demokratischen Republik
und, wie es so schön im Militärjargon ausgedruckt wurde, „die Zerstörung des
gegnerischen geistigen Kriegspotentials, insbesondere des Widerstandswillens der
feindlichen Soldaten“.
Die spezialausgebildeten Soldaten dieses Bataillons bauten einen Sendermast auf und
begannen damit psychologischen Krieg zu führen. Auf Mittelwelle meldete sich Radio
Westerwald als „Stimme der freien Welt.“ Dann spulten die Psychokrieger ihr
Ostprogramm ab, das sie bis zum Überdruß eintrainiert hatten.
Es kam auch an. An eine Deckadresse in Köln schickten bald die Mauerschützer der NVA
enthusiastische Hörerbriefe, die sie (westlichem Rat folgend) mit falschem Absender
versehen und erst im übernächsten Ort in einen Briefkasten gesteckt hatten.
Dass die Sendung auf Anhieb einschlug, war das Ergebnis einiger psychologischer
Tricks. Statt die Volksarmisten zu duzen, wie sie es sonst so gewöhnt waren, wurden sie
aus dem Westerwald höflich mit „Sie“ angeredet. Und als Sprecher, deren Stimme nach
Osten drangen, waren ein Original-Sachse sowie eine älterliche Dame, die „mütterliche
Wärme“ vermitteln sollte. Wie ein NVA-Soldat damals schrieb: „Irgendwie ging einem
da das Herz auf.“
Jahrelang galt diese Aktion als Staatsgeheimnis, unter Journalisten wurde das ganze
Thema letztendlich zu den Akten gelegt. Erst nach dem Fall der Mauer kam sie wieder
ans Licht. Dann aber versicherten Generäle der Bundeswehr, die Sache sei zu keinem
Zeitpunkt geheim gewesen. Man sei auf Publizität anfangs nicht so sehr bedacht
gewesen, nur um diese „politische sowie friedliche Lösung“ zum Problem des Kalten
Krieges nicht zu gefährden. Allerdings könnte man behaupten, der Einsatz des
Bataillons 701 habe doch eine Rolle gespielt, das Ende des Kalten Krieges und die
Wiedervereinigung Deutschlands herbeizuführen, auch wenn nur eine ganz kleine…
8. USA erwägen Abzug ihrer Atomwaffen aus Deutschland
Die New York Times schrieb vor kurzem, US-Präsident Obama bereite eine neue
Atomstrategie vor, die eine Verringerung des Arsenals in Europa um Tausende
Nuklearwaffen vorsieht. Obwohl die Arbeit an einem entprechenden Papier weitgehend
abgeschlossen ist, sei noch strittig, inwieweit die USA für sich selber eingrenzen, wann
sie nukleare Waffen doch einsetzen würden. „In diesem Dokument wird festgestellt, das
eine drastische Reduktion des Bestandes möglich wäre‟, sagte ein Mitarbeiter des
Weißen Hauses. Anderen Regierungsvertretern zufolge gäbe es überdies Debatten mit
den Allierten, taktische Waffen aus Europa abzuziehen – unter anderem aus
Deutschland. Einzelheiten darüber waren zunächst nicht zu erfahren. Allerdings
schreibt die Zeitung, es gehe hierbei um Raketen, die eher zur politischen Beruhigung
als zur wirklichen Abschreckung geeignet seien.
Die Bundesregierung wollte entsprechende Gespräche mit den USA nicht bestätigen.
Das schwarz-gelbe Bündnis in Berlin hatte das Ziel festgesetzt, noch in dieser
Legislaturperiode eine Vereinbarung über den Abzug der US-Atomwaffen aus
Deutschland zu erreichen. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hatte diese
Forderung wiederholt unterstrichen, zuletzt auf der Münchner Sicherheitskonferenz
Anfang Februar.
Experten schätzen, dass die USA am Militärflugplatz Büchel noch zwanzig
Atomsprengköpfe lagern. Büchel ist inzwischen der einzig verbliebene Standort in
Deutschland mit Atomwaffen: bereits 2004 wurden die auf dem US-Stützpunkt
Rammstein gelagerten Bomben abgezogen.
Obama hat in seinem ersten Jahr als US-Präsident mehrfach gesagt, dass er eine Welt
ohne Atomwaffen anstrebe. Dafür wurde er im Dezember 2009 mit dem
Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Sein Kurs ist in den USA aber umstritten und
Konflikte wie z.B. im Irak, in Afghanistan und im Nahen Osten haben die Sache
mittlerweile getrübt. Ein atomwaffenfreies Deutschland, etwa dreißig Jahre nach Ende
des Kalten Krieges, wäre noch kaum vorstellbar.
Aus: Der Spiegel, 13. Februar 2010
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Final year translations: Pack II
Ian Roberts ([email protected])
1. Cool am Pool
Es folgt eine uralte Geschichte mit oft tragischen Folgen…
Da wir seit Jahrzehnten keinen Krieg mehr miteinander führen, treffen Deutsche
Engländer meist nicht auf den Schlachtfeldern Frankreichs oder sogar Deutschlands
sondern an Hotelpools in Spanien. Am ersten Urlaubstag dort stehen die Engländer
ratlos zwischen liegenden und oft schadenfroh grinsenden dicken Deutschen herum,
weil diese in der Nacht schon an den Pool geschlichen sind, um ihre Handtücher als
Erste auf den Liegen zu positionieren. Dafür hassen die Engländer uns Deutsche – wohl
mit gutem Grund. Die Deutschen dagegen fühlen sich überlegen und sind mit der
Situation selbstverständlich ganz einverstanden.
Nun kann es aber auch passieren, dass der Engländer auf und das Handtuch neben der
Liege liegt, wenn der dickliche Deutsche und seine noch größere Frau vom
Frühstücksbüfett zurück zum Poolrand schlurfen. Der Deutsche reagiert
selbstverständlich empört darauf, er pocht dann auf sein Recht und beruft sich auf das
pseudo-juristische Gesetz: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.‟ Pfiffige Engländer werden
darauf antworten: „Stimmt nicht! Weggegangen, Platz vergangen.‟ Sie werden sich
dabei ausgerechnet auf einen deutschen Juristen stützen, der herausgefunden hat: Es
gibt keine gesetzliche Grundlage für die Reservierung einer Poolliege durch das Ablegen
eines Handtuchs. So dauert das Argument unaufgehört weiter…
Am Ende wird der Konflikt wohl meist traditionsgemäß durch körperliche Gewalt
gelöst, wobei der Deutsche dann endgültig seine Liege verliert. Doch wenn der Deutsche
die Liege besonders clever und zudem friedlich zurückerobern will, fordert er den
Engländer zum Torwandschießen auf. Das ist, weiß doch jeder, geschlossene Sache.
Dann hat er ganz schnell seinen Platz an der Sonne wieder.
2. Gute Gründe, Deutsch zu lernen
Die Kulturwächter schlagen Alarm: Das weltweite Interesse an der deutschen Sprache
geht zurück. 2005 lernten noch 17 Millionen Menschen DaF (Deutsch als
Fremdsprache), heute sind es zwei Millionen weniger.
„Können Sie zehn gute Gründe nennen, Deutsch zu lernen?‟ wurde ich unlängst gefragt.
„Gleich zehn?‟, fragte ich erschrocken, „Ich wäre ja schon froh, wenn mir nur drei
einfielen!‟ Immerhin leben in Deutschland, Österreich und der Schweiz und in ihren
angrenzenden Regionen mehr als hundert Millionen Menschen, die mit Deutsch
aufgewachsen sind. Wir sind also schon mal keine ganz kleine Sprachgemeinschaft, im
Gegenteil: Innerhalb Europas ist Deutsch die Sprache mit den meisten
Muttersprachlern, noch vor Englisch und Französisch.
Allerdings ist Deutsch nicht gerade die beliebteste Sprache. Und wenn man nachfragt,
warum das so sei, bekommt man oft zu hören, Deutsch sei eben nicht ganz einfach. Die
Grammatik sei viel zu kompliziert. Eigentlich sollte gerade das ein guter Grund sein,
Deutsch zu lernen: Denn wer will schon etwas, das einfach ist? Wer Deutsch beherrscht,
der kann etwas Besonderes! Etwas, das nicht jeder kann. Nicht einmal jeder Deutsche.
Englisch ist der Volkswagen unter den Sprachen, Deutsch der Rolls Royce.
Gute Gründe, Deutsch zu lernen? So etwas fragt man am Besten Menschen, die das
Wagnis auf sich genommen haben, einen Deutschkurs zu absolvieren. Und die findet
man fast überall auf der Welt, sowie auch innerhalb Deutschlands. Denn für viele junge
Menschen in anderen Teilen der Welt – vor allem in den Wachstumsregionen Indien
und China - ist Deutschland das wirtschaftliche Tor zu einer gesicherten Zukunft. Die
Zahl derer, die diese Realität erkennen und sich Jahr für Jahr um ein Stipendium für
einen Studienplatz in Deutschland bewerben, wächst stetig.
Bastian Sick, Spiegel online, 14. April 2010
3. Die Reformation und die Quellen des dreißigjährigen Krieges
Der aufrührische Wittenberger Mönch Martin Luther (geboren 1483 in Eisleben in
Sachsen), der mit dem Pabst gebrochen hatte, wurde 1521 vor den Reichstag zu Worms
geladen – das erste Mal, daß ein weltliches Gremium sich anmaßte, über Fragen der
Kirchendogmatik zu urteilen. Die Stimmung im Reichstag was scharf gegen die
Mißstände in Kirche und Pabsttum gerichtet, und die Räte Kaiser Karls V. waren geneigt,
sich Luthers zu bedienen, um Druck auf den Pabst auszuüben. Aber Luther war für
diplomatische Zugeständnisse nicht zu haben, und seine Weigerung, auch nur Teile
seiner Lehre zu widerrufen, ging dem Kaiser zu weit. Luther hätte das Schicksal des
böhmischen Reformators Jan Hus geteilt, wäre er nicht von einigen Reichsfürsten
beschützt worden. Auch wenn es nicht Luthers Absicht war, erwies seine „Reformation‟
als geeignet, die Macht der Kirche sowie auch die des Kaisers zurückzuweisen und die
der Landesherren zu konsolidieren. Der Geächtete wurde am Abend des 4. Mai 1521 auf
dem Heimweg von Soldaten heimlich entführt und auf der Eisenacher Wartburg
festgesetzt, um ihn der Gefahr zu entziehen
Während seiner Internierung verfasste Luther sein Lebenswerk: die erste deutsche
Bibel-Übersetzung, die das Wort Gottes zum ersten Mal direkt an das niedrige Volk
brachte. Dank Gutenbergs um 1540 in Mainz hergestellter Drückmaschine fand seine
Leistung Audienz. So wurde die Übersetzung der Bibel in Luthers kräftigem sächsischmeißnischem Deutsch zum Lesebuch der Nation. Dem Strom deutschsprachiger
hauptsächlich theologischer Literatur in den folgenden Jahren entsprach ein rasch
anwachsendes Lesepublikum. In immer mehrzähligen Gebieten faßte die Reformation
Fuß. Das Rezept eines verheerenden Krieges, der nahezu dreißig Jahre dauern, und
etliche deutsche Menschenleben kosten würde, wurde aufgeschrieben.
Adapted from Hagen Schulze, Kleine Deutsche Geschichte (1998).
4. Die Grippe
Von wegen Fortschritt! Dass es mit dem medizinischen Fortschritt so weit nicht her ist,
weiß jeder, der mal vergrippt war. Zwar können Ärzte Herzen verpflanzen und Mäusen
Ohren auf den Rücken züchten – gegen Grippe ist hingegen kein Kraut gewachsen. Wir
müssen immer noch leiden, genau wie unsere Vorfahren im Mittelalter, oder so
scheint’s zumindest.
Seltsam schon der Name: Um sich vom grippalen Infekt abzugrenzen, nennt sich die
große Schwester „echte‟ Grippe. Beide werden durch Viren ausgelöst, beide führen zu
Fieber, Kopfweh, Gliederschmerzen. Beide gehen mit Triefnase, Husten, Heiserkeit
einher. Der größte Unterschied besteht in der Schwere des Leidens – bei echter Grippe
steigt das Fieber auf 40 Grad, das Befinden ist elend. Jährlich sterben in Deutschland
etwa 10 000 Menschen an der Krankheit – überwiegend Alten oder Menschen, die
medizinisch schon leiden und nahezu am Boden sind. Wer es vornehm will, nennt seine
Grippe „Influenza‟. Das führt jedoch auch in die Irre, denn der Begriff leitet sich von
Influenza di freddo ab, was auf Italienisch Einfluss der Kälte heißt. Auf Kälte geht die
Grippe aber nie zurück, dieser Eindruck entsteht nur, weil es Menschen kurz vor
Ausbruch der Krankheit fröstelt. Alle paar Jahrzehnte (so etwa 1918 die sogenannte
Spanische Grippe) ziehen Grippeepidemien um die Welt und fordern Millionen
Menschenleben. Wie und warum diese Epidemien entstehen und wo sie herkommen ist
den Wissenschaftlern von heute, wie damals bei den Pestausbrüchen im Mittelalter,
immer noch unbekannt.
Auch die Therapiemöglichkeiten sind heutzutage ziemlich begrenzt. Was außer Suppe
auch nicht gegen Grippe hilft, weiß der Volksmund: Ohne Arztbesuch dauert sie zwei
Wochen, mit 14 Tage.
5. Europas allmähliche Lösung von Amerika
Starkes Amerika, schwaches Europa – an diese ungleiche Beziehung hatte man sich
gewöhnt. Und keine Frage: Die Europäer fühlten sich lange wohl in den Armen des
großen Bruders, es war bequem. Doch die Welt sieht heute anders aus. Europa ist aus
der Starre des Kalten Krieges erwacht und sucht nunmehr seine Rolle. Eine politische
Union wurde gegründet, deren Gewicht noch klein ist, aber wächst. Und das hat
weitreichende Folgen für das Bündnis mit Amerika. Der Alte Kontinent wird etwas
selbstständiger. Vorbei sind die Zeiten, da man gleich Angst vor der eigenen Courage
hatte und Meinungsunterschiede lieber unter den Teppich kehrte.
In aller Dramatik tat sich die Kluft in den neunziger Jahren im Kosovo-Krieg auf. Noch
während die Bomben fielen und die NATO ihren Zusammenhalt feierte, murrten die
Vereinigten Staaten über den unbrauchbaren Kriegsapparat der Verbündeten. Die
Europäer wiederum klagten über amerikanische Dominanz – damals noch mit
altgewohntem Selbstmitleid. Inzwischen jedoch handeln sie selbstbewußter: Stärkung
der Vereinten Nationen und Ausbau der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, so
lautet die europäische Lehre aus dem Krieg. Ganz anders die Schlussfolgerungen der
Amerikaner: Sie sehen in Kosovo den Probefall für eine allenthalben einsatzbereite
NATO, unter amerikanischer Führung, versteht sich. „Die USA sind der Mannschaftschef,
oder sie sitzen schmollend in der Ecke‟, schrieb der amerikanische Historiker Paul
Kennedy unlängst. Ach wenn es so einfach wäre!
Die Partner trennt viel mehr als nur ein Schmollen. Ihre Weltbilder werden
unterschiedlicher. So verwundert es nicht, dass auch ihre Rezepte für die Welt im
dritten Jahrtausend differieren. Die Europäer suchen ihrer Tradition gemäß das Heil in
einer Politik, die auf dem Recht beruht. Die Amerikaner hingegen setzen immer noch
auf Stärke, auf Alleingang.
Aus: Die Zeit, 9. März 2000
6. Die Wiedervereinigung Deutschlands und deren Folgen
Der Fall der Berliner Mauer im Herbst 1989 war die Folge einer spontanen Reaktion des
deutschen Volkes, das eine Erneuerung des sozialistischen Staates verlangte; die
spätere Wiedervereinigung dagegen ein von oben gestalteter Vorgang. Ganz gewiss ist:
Ohne den damaligen Kanzler Helmut Kohl hätte es sie in dieser Form nicht gegeben.
Zugegeben brauchen wir in der Demokratie (wenn wir sie überhaupt erhalten wollen)
ein gewisses Maß an Autorität und Führungsqualitäten, besonders in Krisenzeiten. Dass
der Kanzler diese Eigenschaften bei der damaligen Wiedervereinigung bewiesen hatte
und dass die Bevölkerung ihm folgte (gelegentlich murrend zwar, wie das zum Wesen
der Demokratie gehört, aber immerhin), war für mich ein Zeichen der politischen Reife
und der wahrhaft demokratischen Gesinnung der Deutschen. Auch wenn die
sogenannten „neuen˝ Bundesländer im kalten Wind des Kapitalismus überhaupt nicht
floriert hatten (so wie Kohl den ostdeutschen Bürgern in seine damalige Rede
„blühende Landschaften˝ versprach), soll das nicht unbedingt heißen, dass die
Wiedervereinigung einen Misserfolg darstellt.
Das Deutschland von heute ist nicht mehr das von 1989. Jetzt, zwanzig Jahre nach jener
traumhaften Nacht in Berlin, sind die Deutschen nun „ein Volk˝: ein Volk von achtzig
Millionen, das – ohne sich dessen so bewußt zu sein – zur führenden Nation des
Kontinents geworden ist. Die wirtschaftliche Krise der letzten Jahre zeigt ganz deutlich,
wie sehr Europa nun ein starkes Deutschland braucht – auch wenn man innerhalb
Europas dessen nicht so sehr bewußt ist.
Der französische Schriftsteller François Mauriac sagte einmal, er liebe Deutschland so
sehr, dass er glücklich sei, gleich zwei davon zu haben. Jetzt schätzen wir Deutschland,
weil es ein Land ist, das in sich gefestigt und einig ist. Nur so kann es in Zukunft die
Rolle spielen, die es Kraft seiner Größe in Europa spielen muss.
7. Die Kunst, das bunte Tier
München trumpft mit einer Schau über Franz Marc auf, den Maler und Mitgründer
der Avantgardegruppe „Blauer Reiter“. Mit ihr wollen die Bayern den Berliner
Ausstellungserfolgen Paroli bieten.
Ursprünglich will er Theologe werden, entscheidet sich dann für ein Studium der
Literatur, nur stört ihn bald das „verwünschte Lesen“. Während seines Militärdienstes
im Jahr 1900 beschließt der Münchner Künstlersohn Franz Marc, es mit der Malerei zu
versuchen. Jetzt sei „gewiss, dass ich das Richtige für meine Natur gefunden habe“.
Überhaupt scheut der Mann vorschnelle Festlegungen. Er verliebt sich etwa gleichzeitig
in eine Malerin namens Marie und in eine Kunststudentin namens Maria. Mit beiden
beginnt er ein Verhältnis, beide wird er heiraten. Erst Marie, dann Maria. Die
Sommermonate 1906 verbringen alle drei - noch ledig und nervös - im oberbayrischen
Kochel am See. Den oft besuchten Berg oberhalb des Dorfes nennen sie bald
„Thränenhügel“. Hier malt Marc „mit glühendem Eifer“ an dem lebensgroßen Bild „Zwei
Frauen am Berg“ - und teilt es in einem Akt der Zerstörung in zwei Hälften. Immerhin
bleibt eine Vorstudie verschont.
Zehn Jahre nach diesem Sommer sollte er, gerade 36 Jahre alt, im Ersten Weltkrieg
sterben: Im März 1916 wird er nahe Verdun durch einen Granatsplitter getötet. Der
Maler und Mitgründer der Avantgardetruppe „Blauer Reiter“ hat ein auratisches Werk
hinterlassen: Diese aufregend bunten Bilder von blauen Pferden und gelben Kühen, von
Raubkatzen und Rehen lassen die Tiere kristallin erscheinen. Marcs Zeitgenossen
bewunderten sie als majestätisch, die Nationalsozialisten dagegen diffamierten die
Gemälde als entartet.
Nun will das Münchner Lenbachhaus, ohnehin im Besitz einer beachtlichen
Marcsammlung, den charismatischen Künstler mit großem Aufwand feiern, mit der
größten Retrospektive seit 1916. Das Haus rüste sich für ein „enormes
Publikumsinteresse“, sagt die Ausstellungsmacherin Annegret Hoberg.
Aus: Der Spiegel, 36/2005.
8. Tonio Kröger
Die Nacht fiel ein, und mit einem schwimmenden Silberglanz stieg schon der Mond
empor, als Tonio Krögers Schiff die offene See gewann. Er stand am Bugspriet, in seinen
Mantel gehüllt vor dem Winde, der menr und mehr erstarkte, und blickte hinab in das
dunkle Wandern und Treiben der starken, glatten Wellenleiber dort unten, die
umeinander schwankten, sich klatschend begegneten, in unerwarteten Richtungen
auseinanderschossen und plötzlich schaumig aufleuchteten...
Eine schaukelnde und still entzückte Stimmung erfüllte ihn. Er war ein wenig
niedergeschlagen gewesen, daß man ihn daheim als Hochstapler hatte verhaften wollen,
ja, - obgleich er es gewissermaßen in der Ordnung gefunden hatte. Aber dann, nachdem
er sich eingeschifft, hatte er, wie als Knabe zuweilen mit seinem Vater, dem Verladen
der Waren zugesehen, mit denen man, unter Rufen, die ein Gemisch aus Dänisch und
Plattdeutsch waren, den tiefen Bauch des Dampferd füllte; und dies hatte ihn zerstreut.
Während dann das Schiff zwischen den flachen Ufern den Fluß entlang glitt, hatte er
Polizist Petersens Verhör ganz und gar vergessen, und alles, was vorher gewesen war,
seine süßen, traurigen und reuigen Träume der Nacht, der Spaziergang, den er gemacht,
der Anblick des Walnußbaumes, war wieder in seiner Seele stark geworden. Und nun,
da das Meer sich öffnete, sah er von fern den Strand, an dem er als Knabe gespielt. Und
in dem Sausen, Klatschen, Schäumen und Ächzen rings um ihn her glaubte er das
Rauschen und Knarren des alten Walnußbaumes, das Kreischen einer Gartenpforte zu
hören… Es dunkelte mehr und mehr.
Thomas Mann, Tonio Kröger (1922)
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