Das Spiel bei Fink - cristobal holzapfel

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Das Spiel bei Fink
Cristóbal Holzapfel
(Das Spiel innerhalb der Grundphänomene
des menschlichen Daseins: zwischen Eros,
Arbeit, Herrschaft und Tod)
Rätselhaft: die Kindheit als Samen der sich nur entfalten muss
Eros-Arbeit-Herrschaft-Spiel-Tod
• Die Spielauffassung von Eugen Fink befindet sich hauptsächlich im
Buch Oase des Glücks (1957) und im posthumen Werk
Grundphänomene des menschlichen Daseins (veröffentlicht 1979,
das aber sich auf ein W/S Seminar an der Albert-Ludwigs
Universität Freiburg, aus dem Jahr 1955 bezieht).
•
Wir widmen uns im Folgenden besonders dem Letzteren Werk
über die Grundphänomene. Das Spiel ist einer dieser
Grundphänomene zusammen mit Eros, Herrschaft, Arbeit und Tod.
Uns interessiert zunächst in welchem Verhältnis das Spiel mit den
genannten anderen Grundphänomenen steht. Zunächst heissen sie
eben „Grundphänomene“, u.z. des menschlichen Daseins, weil im
Unterschied zu allen anderen Phänomenen die dem Menschen
angehen, die erwähnten 5 Grundphänomenen ihm wesentlich
bestimmen:
Was ist der Mensch?
„Was ist der Mensch? Wer sind wir? Diese uralte Fragbe müssen wir neu
fragen, aus unserem Hiersein und Jetztsein heraus. Wie ist doch der
Aufenthalt des Menschen zwischen Erde und Himmel seltsam und
verwunderlich! Hier hat er seinen Schauplatz auf der festen tragenden Erde,
die als das verschlossene Reich unter ihm liegt. Hier baut er das Land,
düngt es mit dem Schweiss seiner Arbeit, er rodet die Wildnis und zieht die
Spur seiner Werktätigkeit über die Fluren, er umgibt sich mit den Werken
seiner Hände und seines Geistes, umstellt sich mit Gebilden der Kultur, mit
Häusern, Städten, Tempeln, Maschinen. Er lebt in der offenen Weite der
Länder und Meere, und über ihm wölbt der unendlche, blauende Himmel
seine azurne Glocke. Zwischen verschlossener Erde und offener
Himmelsweite ist die Wohnstätte des Menschen gelagert – und er bezieht
sich in vielen Formen und Gestaltungen darauf. Er lebt nicht bloss
geradezu, er verhält sich zu seinem ganzen irdischen Dasein in der
Selbstvergegenwärtigung des Spieles, in Festesfreude und kultischem
Tanz; die Menschen paaren sich und aus ihren Umarmungen gehen
Sprösslinge hervor, die sie mehr lieben als sich selbst. Aber nicht nur die
Eintracht regiert unter den Menschen, auch die Zwietracht, der Streit und
der Kampf; sie schmieden Waffen, streben nach Macht und Sieg, nach
Herrschaft. Arbeit und Liebe, Spiel und Herrschaft sind die elementaren
Inhalte ihres „Lebens“ – aber dieses Leben währt nicht ewig, es ist zum
„Enden“ bestimmt, es ist vom Tod überschattet. Wesentlich ist der Mensch
Arbeiter, Spieler, Liebender, Kämpfer und Sterblicher“ (GdmD, 105-106).
Was ist der Mensch? Eine Sichselbstinfragestellung und
eine Frage an jeder von uns gerichtet
Was ist der Mensch? Wer bin ich? Wer sind sie?
Was ist alles?
Gleichursprünglichkeit
•
•
Eugen Fink promovierte an der Freiburger Universiät 1929 bei Husserl
und Heidegger. Sein Denken ist von der von Husserl gegründeten
Phänomenologie geprägt, aber auch das Heideggersche Verständnis der
Phänomenologie hat auf ihn einen grossen Einfluss ausgeübt. Ja, man
kann sogar mit gewissem Recht sagen, dass das Werk Gphdm als eine
Diskussion mit dem Heideggerschen Denken gelesen werden darf. Vorerst
ist dieses ersichtlich an der Bestimmung der Grundphänomene als
gleichurspünglich: es gibt keine Rangordnung zwischen den
Grundphänomenen: keiner steht oben, unten oder in der Mitte; alle
bestimmen gleichursprünglich das menschliche Dasein. Wir sind
gleichursprünglich: Liebender, Arbeiter, Kämpfender, Spielender oder
Sterblicher. In diesem Sinne die Gphdm sind wie eine Art Spiegelspiel.
Innerhalb der Grundphänomen kannst du dich an einem Spiegel betrachten
als Arbeiter, an einem anderen als Spielender, oder sogar a einem anderen
als Sterblicher; aber all diese Spiegel sind gleichberechtigt (in einem strikt
ontologischen Sinne) und gleichursprünglich.
Der Begriff der Gleichursprünglichkeit wird von Fink von Heidegger
übernommen. In Sein und Zeit die sogenannten ‚Existenzialen’, bzw.
Erschlossenheit, Entwurf, Geworfenheit, Entschlosenheit, u.a. sind
gleichursprünglich.
Husserl: bahnbrechend für Fink. Bis auf den Tod dem
Gründer der Phänomenologie treu
Und der zweite grose Einfluss auf Fink: Heidegger
In den Kreis der Grundphänomene
hineinzuspringen
•
•
Fink betrachtet zugleich die Grundphänomene als ein Kreis in dem wir
hineinspringen sollten, und doch fügt er hinzu (109), wir sind schon immer
innerhalb der Grundphänome. Immerhin, geht es doch um einen Sprung,
weil die Grundphänomene befinden sich im voraus unter gewissen
Interpretationen und Kodifizierungen, die vom Alltag und der Geschichte
stammen:
„Die Schwierigkeit besteht darin, in einem asudrücklicheren Verstehen
in diesem „Kreis“ hineinzukommen, obwohl wir immer schon in ihm leben.
Wir kennen diese genannten Phänomene – jeder kennt sie. Sie brauchen
nicht vorgeführt und vorgezeigt zu werden. Sie sind uns wie das Leben, das
sie wesentlich mit ausmachen, von innen her vertraut. Und doch verfügen
wir nicht sogleich über einen Begriff, den wir uns selbst gebildet hätten.
Dagegen sind diese Grundphänomene jeweils schon „ausgelegt“,
interpretiert im Raum des öffentlichen Lebensverständnisses. / Die Sitte, die
Tradition und die traditionalen Mächte der „Institutionen“ haben mit ihrer
verkündeten „Lebenslehre“ immer schon Aussagen gemacht über die
Arbeit, die Liebe, den Tod – und haben feste Haltungen ausgebildet,
öffentliche Attitüden, moralisch sanktionierte Einrichtungen usf. Wenn wir
philosophierend uns zu den Grunphänomenen unserer Existenz verhalten
wollen, köpnnen wir diese traditionalen Deutungen nicht einfach
übernehmen und nachsagen – wir müssen aus unserer Gegenwart, aus
unserer Zeugenschaft heraus denken“ (109).
Dynamische Phänomenologie und wie wir dadurch
Zeugenschaft ablegen
•
•
Und so sind wir schon – meiner Ansicht nach – entscheidenden Punkt der
Phänomenologie von Fink angekommen: dass es ausgesprochen darum geht, die
Phänomene aus seinen festgelegten institutionellen Interpretationen zu retten.
Insofern kann man etwa von einer „dynamischen Phänomenologie“ bei Fink
sprechen. Damit das Phänomen sich zeigt muss man verschiedene Schleier fallen
lassen, die psychologische, soziologische, politische, moralische, ökonomische,
religiöse und geschichtliche Schemata meinen. Zum Beispiel, die Arbeit steht unter
Definitionen und Kategorien die in bestimmten politischen Ideologien angesiedelt
sind. Auch der Tod, mit dem wir nur umgehen im Sinne des religiösen Rituals. Und
wiederum, auch in Bezug auf unser Thema – das Spiel – davon kennen wir bloss die
konkreten Spiele, die gespielt werden. Fink bringt dieses mit dem Gedanken von
Hegels’ Phänomenologie des Geistes zusammen, dass das Bekannte noch nicht das
Erkannte ist (357).
Es geht zugleich darum – und damit kommen wir zu einem nächsten Merkmal
der Finkschen Phänomenologie, dass wir philosophisch Zeugenschaft ablegen von
den jeweiligen Grundphänomenen. Nach einer besonders wohlgelungenen und
gleichzeitig schönen Ausdruckweise, versteht Fink den Menschen als Zeuge des
Seins. Wir befinden uns auf der Welt um besonders Zeugenschaft als Liebende,
Arbeitende, Kämpfende, Spielende und Sterbliche abzulegen.
Philosophiegeschichtlich kann man behaupten, dass hier eine neue
Menschenauffassung entstanden ist, die mit dem animal rationale, der imago dei,
dem mündigen Menschen, dem entwerfenden Menschen, u. a. zu vergleichen ist.
Fink und Heidegger
Bis hierin ist hervorzuheben, dass es in den
verschiedenen pointierten Mekmalen des Denkens von
Fink Übereinstimmung mit Heidegger gegeben hat. Bei
Heidegger kommt nicht nur die Gleichursprünglichkeit
vor, sondern zugleich geht es um die Rettung der
Phänomene, die unter der Auslegung des „Man“ sich
befinden: das Unpersönliche, das zugleich alle und
niemand ist – das Man herrscht über die Alltäglichkeit.
Aus einer imaginierten Heideggerschen Sicht her
betrachtet, ginge es um die Grundphänomene zu retten
von seiner Gefangenschaft unter der Botmässigkeit des
„Man“: man müsste dann von folgender Situation
ausgehen: dass man arbeitet wie man arbeitet, man liebt
wie man liebt, man spielt wie man spielt, und sogar, dass
man stirbt wie man stirbt.
Distanzierung zu Heidegger
Wodurch Fink sich eindeutig von Heidegger distanziert und seine
eigene philosophische Stellung innehat, bezieht sich auf die
Auffassung des Werks von den Grundphänomenen als eine
Existenziale Co-analyse, also eine derartige Analyse wo der
Mitmensch immer bestimmend ist im Hibblick auf jeden
Grundphänomen. Nach Jaspers ist eigentlich Fink der erste (vor
Adorno, Lévinas oder Ricoeur) der deutlich anerkennt, dass der
Andere bei Heidegger nicht genügend bejaht und konstituiert ist.
Zum Beispiel, anlässlich des Todes, bei Heidegger (aus
verschiedenen Gründen) kommt immer der „Eigentod“ zu Tage,
während bei Fink der „Fremdtod“ ist genauso entscheidend wie der
eigene Tod. Unter gewissen Gelegenheiten kann uns sogar der
Fremdtod vielmehr angehen als der eigene Tod, vor allem wenn es
sich um einen Sohn handelt. Die 5 Grundphänomene haben eine
Wechselwirkung, eine fruchtbare und synergetische Interrelation; in
diesem vorhin besprochenen Fall: zwischen Tod und Liebe (oder
Eros). Der Tod des geliebten nächsten Menschen kann uns mehr
angehen und erschüttern (also der Femdtod), als der Tod von sich
selbst.
Problematisierung des Todes als ein “Grundphänomen”
Angesichts des Todes erkennt Fink eine „phänomenologische“
Schwierigkeit, denn der Tod an sich ist kein „Phänomen“ der erscheinenden
Welt, wie die anderen Grundphänomene in der Tat sind. Wir haben keine
Erfahrung des Todes, weil, wie Epikur schon sagte: wenn wir sind, der Tod
ist nicht, und wenn der Tod ist, wir sind nicht – also sollten wir uns um den
Tod nicht kümmern. Fink setzt sich mit diesem Problem auseinander und er
kommt aus diesem Dilemma heraus, indem er seine Aufmerksamkeit vor
allem auf das memento mori richtet (Gedenke des Todes); dies bezieht sich
nicht nur auf die Vorbereitung des Todes von Seiten des Sterbenden,
sondern auf die Erfahrung der Hinterbliebenden, wie sie auch mit dem Tode
des Abgeschiedenen umgehen.
Andererseits ist der Tod eine Art Inbegriff der Grundphänomenen überhaupt.
Gemäss Fink, der Tod gilt sogar als Schlüssel der Philosophie. Die Frage
nach dem Sein und nach der Möglichkeit, dass das Sein Werden und
Vergänglichkeit ist, weist auf den Tod hin.
Die Frage nach dem Tod: Dürer und Shakespeare
Eros und Spiel als Ausdrucksformen einer
“ewigen Gegenwart”
Die Wechselwirkung der GphmD verhält sich auch so, dass jeweils
ein Grundphänomen uns zu anderen führt. Davon können wir auch
ansichtig werden angesichts des Verhältnisses zwischen Eros und
Spiel. Schon nach dem platonischen Symposion wurde Eros
verstanden als Sehnsucht nach der Ewigkeit (ausdrücklich gesagt:
Begehren danach, in der Schönheit zu erzeugen; nach
verschiedenen Stadien der Reife des Eros, dieses meinte zunächst
„Begehren in der Schönheit der Körper zu erzeugen“, dann
„Begehren in der Schönheit der Seelen zu erzeugen“, was die
Bildung anbetraf; und zuletzt „Begehren in der Schönheit selbst zu
erzeugen“, d.h. nicht mehr in etwas Endlichem, sondern in der Idee
der Schönheit, an der jedes endliche Ding teil hat (metexis). Nun
gut, dem Eros wohnt die Ewigkeit inne, und deshalb ist er bestimmt
von der Sehnsucht nach Ewigkeit. Und das Spiel, wie wir bald
sehen werden, weist auch auf das Ewige hin, bzw. auf eine ewige
Gegenwart, in der zum Beispiel das spielende Kind versunken ist.
Der unaufhaltsame Drang, unsere phänomenale
Welt zu überschreiten
Als Phänomenologe, und in diesem Sinne auch von
Heidegger herkommend, möchte sich Fink strikt an den
Phänomenen, die in der Welt vorkommen, halten, und
doch erkennt er, dass der Mensch der unwiderstehliche
Hang hat, die Grenze der phänomenalen Welt zu
überschreiten. Deshalb in Bezug auf den Tod, bildet er
sich immer wieder im Laufe der Geschichte ein, dass die
Seele unsterblich ist, dass es eine andere Welt gibt,
dass es Himmerl und Hölle gibt, usf. Gemäss Fink, darin
spielt hauptsächlich die Phantasie eine Rolle, und die
Phantasie ist als erstes, die wesentliche Bestimmung
des Spiels.
Mit einer blossen phänomenalen Welt können wir uns nicht
abfinden? El Greco
Finks Erosauffassung und das Mythos des
Androgynen
In seiner Erosauffassung betont Fink sowohl die
Möglichkeit einer Ergänzung (dass durch den
verbindenden Charakter des Eros wir zu einer
Erzängung kommen) als auch die Ewigkeit (dass wir
danach trachten, die erwähnte Ergänzung zu
verewigen). In dieser Beziehung verlebendigt er den
Mythos des Androgynen, der auch zu Wort im Platons‘
Symposion kommt, u.z. in der Rede des Aristophanes.
Unsere Urahnen waren Mann und Frau vereint in einem
Wesen, nämlich Androgynen, und da sie ehrgeizig
wurden, nahmen sie sich vor, den Olymp zu besteigen,
Zeus empörte sich, schlug und entzweite sie mit dem
Blitz. Seitdem sehnt sich der eine Teil nach dem
Anderen.
Platon
Anselm Feuerbach, Platons’ Gastmahl
Unsere “ontologische Entfremdung”
• Finks’ philosophische Deutung darüber ist hervorragend. Es geht
darum, dass wir – so dürfen wir es ausdrücken – ontologisch
entfremdet sind. Indem wir uns schon prinzipiell als Mann oder Frau
wahrnehmen, haben wir den Bezug zu unserem Sein verloren.
Unser Sein nämlich ist unabhängig von dieser und von jeglichen
anderen Bestimmungen. Wir sind bloss, der Nachbar, der Bettler,
der Bösewicht und ich. Wenn wir sagen: wir sind, dann erwarten wir
immer etwas Hinzukommendes; wir sind, aber: Was denn?
Dadurch, und schon von der Sprache her determiniert, haben wir im
voraus die Verbindung nicht nur zum Sein überhaupt, also
metaphysisch betrachtet, zum Sein des Universums, sondern auch
zu unserem eigenen Sein verloren.
• Nein, es geht darum, dass wir dabei bleiben: wir sind, wir existieren,
ohne etwas anderes zu erwarten. Gemessen nach unserem Sein,
sind wir gleich, und das ist eben was uns verbinden kann,
sozusagen, diese Gemeinsamkeit im Sein. Und Eros, die Liebe,
bringt die zerplalteten Teile zusammen. Dadurch kommen wir
zumindest dem Sein, unserem Sein und dem Sein des Anderen
näher. Eros macht also die Rückbindung zu unserem mythyschen
androgynen Urahnen:
Unsere Spaltung als Mann und Frau
„Die Gebrochenheit des menschlichen Daseins in die
fragmentarischen Lebensgestalten von Mann und Weib ist mehr als
ein zufälliger biologischer Befund, mehr als eine äusserlichkontigente Bedingung der psychophysischen Organisation – die
Dualität der Geschlechter gehört zur Seinsverfassung unserer
endlichen Existenz und ist ein fundamentales Moment unserer
Endlichkeit als solcher. Wir sind zugleich Person und Geschlecht,
sind Einzelne nur im Raume der Gattung – jedem ist die andere
Hälfte des Menschen entzogen, so entzogen, dass dieser Entzug
gerade die grösste und mächstigste Leidenschaft, das tiefste
Gefühl, den dunklen Willen zur Ergänzung und die Sehnsucht zum
Immersein herausfordert, als das rätselhafte Streben der
todgeweihten Menschen nach einem ewigen Leben. Wie der Eros in
seiner letzten Sinntiefe auf die Unsterblichkeit der Sterblichen
bezogen ist, spricht Platon im Dialog „Symposion“ durch den Mund
der Seherin Diotima aus: das Geheimnis aller Menschenliebe ist der
Wille zur Ewigkeit in der Zeit, der Drang nach Beständigung, nach
Dauer gerade der zeithaft endlichen, im reissenden Zeitfluss
treibenden und um ihre Vergänglichkeit wissenden Menschen“
(352).
Fra Filippo Lippi
Die Phantasie bei Fink und bei Jaspers
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Heben wir hervor, dass nach letzterem Zitat, gerade der Wille zur Ergänzung
zwischen den zerspaltenen Teilen die höchste Leidenschaft erweckt und damit auch
der Wille zur Ewigkeit, zum Immersein.
Die Phantasie ist überall am Werk: sie bestimmt das Bild, das wir von uns
selbst oder von dem Mitmenschen haben, sie „beflügelt als schöpferischer Einfall die
Arbeit, sie öffnet Möglichkeiten des politischen Handelns, und Vieles mehr. Aber der
Inbegriff von diesem Ganzen ist, dass die Phantasie an erster Linie mit der
Möglichkeit, und mit dem Möglichen überhaupt zu tun hat. Durch die Phantasie
bewegt sich der Mensch in einen Raum zwischen dem Möglichen und dem
Wirklichen.
Bezogen auf uns, ermöglicht die Phantasie, dass unser Ich nicht gebunden
bleibt an einem zwangsläufigen „Sosein“. Gedenken wir daran, dass der Begriff des
‚Sosein’ von Jaspers benutzt wird in Philosophie und gilt als Bezeichnung des
Charakters. Dieses steht zugleich innerhalb des Rahmens der Frage nach dem Ich.
Der Charakter, als ein Sosein, muss auch überwunden werden, damit wir unserem
Selbst näherkommen. Bei Jaspers ist doch zuletzt das Entscheidende, dass unser
Selbst Möglichsein einschliesst, dass wir uns als Möglichkeit, als Möglichsein
bejahen und verstehen.
Wenn wir diesen grundlegenden Gedanken von Jaspers nachvollziehen und
ihm mit dem Gedanken der Phantasie von Fink im Zusammenhang bringen, dann
bekommt der Erstere, u.z. der Gedanke des Möglichsein, einen anderen Bezug.
Dann könnte man sagen: wenn wir wesentlich Möglichsein, Seinkönnen, u.z. als ein
übernommenes Möglichsein sind, da die Phantasie sich im Bereich der Möglichkeit
bewegt, dann hat die Phantasie eine Wirkung auf die Bildung von unserem
Selbstsein.
Kurzum, zur Geschichte des Spiels
• 1938 erschien das Buch Homo ludens von dem nierderländischen
Philosophen Johan Huizinga. Da wird der Mensch als ein
Spielender aufgefasst und das Spiel erscheint als der Grund der
Kultur. Dass wir verschiedene Spiele spielen ist einfach die
Veräusserlichung von unserer wesentlichen Bestimmung als Spieler.
•
Fast 20 Jahren danach erscheint Die Spiele und die Menschen
von Roger Caillois, das schon auf den Spuren von Huizingas’
Wiedereröffenung des Themas steht. Vor Huizinga wären bloss
Heraklit, und dann, nach einem gewaltigen geschichtlichen Sprung,
Nietzsche, zu zitieren, da sie auch Wesentliches zur Philosophie
des Spiels beitrugen.
•
Auch Die Oase des Glücks, das Buch welches Fink dem Spiel
widmete, steht auf den Spuren von Huizinga, es wurde 1957
veröffentlicht, also fast zur gleichen Zeit, wie das Werk von Caillois.
Jedenfalls die Grundphänomene des menschlichen Daseins, auch
wenn es 1979 erschien, entstand (wie bereits erwähnt) in einem
1955 gehaltenen Seminar an der Freiburger Universität.
Zur Spielauffassung bei Heidegger
Ungefähr zur gleichen Zeit (1956) gehört Der
Satz vom Grund von Martin Heidegger. Hier
erhält die Spielphilosophie eine neue
Dimension, u.z. eine metaphysische, die schon
von Heraklit andeutungsweise offengelegt
wurde. Es geht hier um die Möglichkeit nicht nur
den Menschen als Spieler zu fassen, sondern
das Sein selbst. Der Mensch spielt weil er sich
im voraus im Spiel des Seins befindet.
Und zur Spielauffassung bei Jaspers
Doch man muss sich daran entsinnen, das Karl Jaspers, bereits
1931, in seinem Hauptwerk Philosophie, das Thema des Spiel
aufgreift. Auf dem Wege der Möglichkeit eines „absoluten
Bewusstseins“ zu erreichen, gibt es zunächst drei Ebenen: auf der
ersten Ebene geht es um „Bewegung im Ursprung“, und die
Stationen sind „Nichtwissen, Schwindel, Angst, Gewissen“; durch
diese Bewegung, die Struktur unseres Daseins, unseres „bloss da
zu sein“, wird zerbrochen. „Das erfüllte absolute Bewusstsein“
entspricht der zweiten Ebene; die Stationen sind hier: Liebe,
Glaube, Phantasie. Das Spiel erscheint bei der dritten Ebene des
Wegs zum absoluten Bewusstsein, nämlich „Die Sicherung
absoluten Bewusstseins im Dasein“, zusammen mit Ironie, Scham
und Gelassenheit. Ähnlich wie beim „Höhlengleichnis“ von Platon,
wo der Befreite sich überlegt ob er zur Höhle zurückkehren soll wo
seine gekettete Schicksalsgefährte sich befinden, um ihnen die
Wahrheit mitzuteilen die er wahrgenommen hat ausserhalb der
Höhle, so auch, nach der Erfüllung des absoluten Bewusstseins,
geht es, bei der Rückkehr zum Dasein, um die Sicherung dessen
was wir auf der Ebene der Erfüllung einsahen und verstanden;
Wie können wir im Alltag mit dem Eingesehenen
im absoluten Bewusstsein umgehen?
•
•
•
Wie können wir damit umgehen? Und wie können wir, in Bezug auf das
Eingesehene, umgehen? Es wäre plump und schamlos das einfach
darzustellen als irgendeine Erklärung darüber; deshalb die Scham,
demgegenüber. Wir können es nicht zugleich nur ernsthaft meinen,
vortragen oder in irgendeiner Weise mitteilen; deshalb auch die Ironie,
demgegenüber. Wir dürfen auch nicht davon ausgehen, dass sich das, was
wir in einem Augenblick einsahen, sich einfach wiederholt, als ob wir davon
einfach verfügen könnten; deshalb auch die Gelassenheit – vielleicht
offenbart sich das nimmermehr, oder doch haben wir wieder diese
ausgezeichnete Möglichkeit. Und zuletzt dürfen wir jenes Eingesehene
auch nicht einfach objektivieren; deshalb unser spielerischer Umgang
damit.
Dieses bedeutet dass das Spiel, zusammen mit Ironie, Scham und
Gelassenheit, auf eine gewisse Distanz mit dem Eingesehenen und
Verstandenen verweist.
Jaspers versteht gleichzeitig besonders die Momente der Sicherung
des absoluten Bewusstseins im Dasein als „Einstellungen“, also Haltungen.
Es handelt sich darüber wie wir uns halten dürfen im Dasein das in der Welt
existiert. Wie gehen wir um im weltlichen Dasein im Alltag, in den
verschiedenen Bereichen der Arbeit, Technik. Erziehung, Wirtschaft, Politik,
Moral, usf. Und, gemäss Jaspers, und wahrscheinlich für alle oben
angesprochenen Philosophen des Spiels, ist diese Einstellung, u.a.,
spielerisch.
Homo ludens und Gleichursprünglichkeit
• Wenn die existenzialen Grundphänomenen
gleichursprünglich sind, muss man berücksichtigen, dass
das Spiel auch nicht so verstanden werden darf als ob
die anderen Grundphänomenen von ihm abhängen
würden:
•
„Der „homo ludens“ ist nicht getrennt vom „homo
faber“ und vom „homo politicus“. Das Spiel ist eine
Existenzdimension, die mit den anderen verwirkt und
vielfältig verflochten ist“ (357).
•
Hier kann eine Ansprache herausgelesen weden,
dessen Adressat Huizinga ist. Der Homo ludens fängt
gerade mit der Behauptung an, dass in erster Linie der
Mensch homo ludens, und nicht homo faber, homo
oeconomicus, homo technicus, oder Sonstiges ist. Wenn
wir diese Sache so betrachten können wir dessen
Ansichtig werden, wasfür eine Tragweite die
Gleichursprünglichkeit hat.
Spiel im Alltag nach Fink
• Im Sinne der schon angesprochenen Ausprägung der
Phänomenologie bei Fink als Erretung der Phänomenen, geht es
um die Bedeutung des Spiels im Alltag:
•
„Was ist nun das Charakteristische der Alltagsdeutung des
Menschenspiels? Nichts anderes als der Versuch, das Spiel aus der
Wesenmitte des Daseins abzudrängen, es zu entwesentlichen, es
aufzufassen als ein „Randphänomen“ unseres Lebens, ihm die
Gewichte echter Bedeutsamkeit zu nehmen. Zwar sieht man die
Häufigkeit des Spiels, das grosse Interesse der Menschen am Spiel,
die Intensität, mit der sie es betreiben, die steigende Hochschätzung
des Spiels im Zusammenhang mit der wachsenden Freizeit in einer
technisierten Gesellschaft, aber man betrachtet üblicherweise das
Spiel vor allem als „Erholung“, als „Entspannung“, als Zeitvertreib
und heiteren Müssiggang, als die wohltuende „Pause“, die den
Arbeitstag unterbricht oder die Beschäftigung des Feiertags ist“
(358-359).
Im Alltag Spiel als “Zwischenspiel zwischen den
ernsthaften Aktivitäten”
• Dieser Ansatz bei dem Alltag von der existenzialen Analyse von Fink
hat unbestreitbar gewisse Hintergründe im Heideggerschen
Denken. Heidegger gilt als der Entdecker der Alltäglichkeit in der
Geschichte der Philosophie. Es handelt sich in dieser Hinsicht nicht
nur um eine Auffassung des Menschen wo die Alltäglichkeit
berücksichtigt wird, sondern auch darum, inwiefern die Begriffe in
Rücksicht auf die Alltäglichkeit hinterfragt werden müssen. Dadurch
erhält die Phänomenologie – am Beispiel beider Denker – seine
Prägnanz. Wenn gemäss Husserl die phänomenologische Devise
lautet: zu den Sachen selbst, dann muss man bei den
vorgegebenen alltäglichen Phänomenen anfangen.
•
In den GphmD impliziert dies: anfangen zugleich bei dem
Spannungsverhältniss zwischen den Grundphänomenen: in
unserem Fall zeigt sich dieses in der Spannung zwischen Arbeit und
Spiel. Dass das Spiel so angesehen wird, als ein blosses
Randphänomen und nur im Sinne der Erholung, Entspannung,
Zeitvertreib wird alles aus der Sicht der Arbeit betrachtet. Dann wird
auch das Spiel bloss als „Pause, als Füllsel der Freiheit“ entwürdigt;
zuallerletzt meint Fink, als ein „Zwischenspiel zwischen den
ernsthaften Lebensaktivitäten“ (359).
Und doch die freie Zeit ist dem Spiel wesenhaft
• Und doch die Finksche Auffassung des Spiels dreht sich ganz
besonders um die Freizeit. Unter allen anderen Grundphänomenen
das Spiel ist das Einziege bei dem wir über eine freie Zeit verfügen.
Im Vergleich dazu vor allem die Arbeit lässt uns keine Zeit übrig.
Doch oben, wenn von Erholung, Entspannung, Zeitvertreib
gesprochen wurde, dann ist diese freie Zeit aus der Perspektive der
Arbeit gesehen. Im Gegenteil dazu die Freizeit vom Spiel muss bei
Fink in seiner vollkommenen Unabhängigkeit begriffen werden.
•
Jedenfalls schon die Alltagsverbindung vom Spiel mit Erholung,
usw. ist sehr wichtig in der Diskussion anlässlich der Arbeitszeit. Im
Allgemeinen führt man im Alltag diese Diskussion nur in Richtung
von Lohnfragen, wobei man vergisst, dass auch die Arbeitszeit zur
Auseinanderzetzung gebracht werden muss. Eine Gesellschaft, die
das Spiel bloss als Erholung versteht, wobei man davon ausgeht,
dass das Spiel nur auf diese Weise seine Rechtfertigung hat, neigt
zur Möglichkeit, das Spiel als blossen Zeitvertreib herabzusetzen.
4 Merkmale des Spiels. Die erste: es ist zwecklos
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Also die Freizeit muss anders verstanden werden, nämlich an sich und in seiner
Unabhängigkeit. Wie verhält sich dieses? Nun, Fink gibt dazu – meiner Ansicht nach
– vier Bestimmnungen des Spiels: erstens, als wesentlich zwecklos; zweitens, als
„Oase des Glücks“; drittens, als Gegenwart; viertens, als Fiktion.
Versuchen wir im Folgenden diese vier Richtungen nachzuvollziehen:
1.Das zwecklose Spiel.
„Spielen ist impulsives, spontan-strömendes Tun, beschwingte Handlung, ist
gleichsam in sich selbst bewegtes Dasein“ (361).
Und weiter unten:
„Das Spiel hat keinen „Zweck“, es dient zu nichts. Es ist nutzlos und
nichtsnutzig – es ist nicht vorausbezogen auf das Endziel des Menschenlebens. Der
echte Spieler spielt, nur um zu spielen. Das Spiel steht für sich und in sich, es ist in
mehr als einem Sinne eine „Ausnahme““ (362-363).
Viele der wichtigsten Philosophen des Spiels erkennen diese Bestimmung,
durch verschiedenen Ausdrucksweisen an: Caillois – das Spiel ist unproduktiv;
Heidegger – das Spiel ist ohne Warum. Nach verschiedenen Hinsichten wird
eingesehen, dass diese Bestimmung, die sich der zweckorientierten Organisation der
Gesellschaft entzieht, dem Menschenwesen innewohnt. Nicht nur das, sondern es
wird zugleich anerkannt, dass erst diese Zwecklosigkeit des Spiels die anderen
zweckorientierten Handlungen des Menschen ihren rechten Sinn auferteilt. Die
Verbindung des zwecklosen Spiels mit der Freizeit bei Fink ist schon ein Hinweis
darauf, wie dieses zu verstehen ist.
Lieben, Spielen, Glauben ohne Warum
•
•
Bei Heidegger die Bedeutung des Spiels als ohne Warum bezieht sich auf
die entsprechende Auffassung des Seins als Abgrund, also das Sein ohne
Grund, ohne Warum: das Sein, das ist, weil es ist. Gemäss dem Werk Der
Satz vom Grund ist hier hinzuzufügen, dass der Mensch spielt insofern er
auf Spiel gesetzt wird innerhalb des Spiels des Seins (ein abgründiges Spiel
ohne Warum).
Aber nicht nur dem Spiel ist diese Bestimmung der Zwecklosigkeit
eigen, sondern der Liebe (zum Beispiel bei Jaspers, die Liebe ist grundlos,
wie übrigens auch bei Ortega y Gasset). Wir lieben weil wir lieben. Und es
wäre zu ergänzen, dass wir auch glauben weil wir glauben (die
prägnanteste Form dieses Gedankens ist Tertulians’ Wort: credo quia
absurdum est), und auch, dass wir ein Kunstwerk schaffen weil wir es
schaffen. Wenn wir dieses recht bedenken: die Zwecklosigkeit kommt auch
zum Vorschein im Fühlen, Spüren, Tasten, usf. Bei all diesen Erlebnissen ist
unser Verhalten empfänglich, rezeptiv, passiv. Wir geben uns der Sache hin.
Nur so können wir, zum Beispiel, Musik echt hören, oder das Kunstwerk
betrachten. Es ist sozusagen der erste Moment dieser verschiedenen
Erlebnissen. Hinterher entwickelt sich ein bewusster rationaler Prozess von
Erklärungen und Rechtfertigungen von dem Erlebten: Wieso? Warum? Aus
welchem Grunde? Mit welcher Absicht?
Das Spiel selbst gibt sich seinen eigenen Sinn
• Genauso ist es auch mit dem Spielen: wir spielen weil wir spielen
und erst hinterher können wir von Leistung, Erziehung, Erholung,
Entspannung sprechen, all die Rechtfertigungen die die
Gesellschaft braucht um dem Spiel einen Sinn zu geben. Aber an
sich der Akt des Spielens ist zwecklos.
•
Und die erwähnte Zwecklosigkeit im Zusammenhang mit dem
Sinn:
•
„Das Verhältnis von Spiel und Sinn ist nicht gleichartig etwa mit
demjenigen von Wortlaut und Bedeutung. Der Spielsinn ist nicht
etwas anderes als das Spiel – das Spiel ist kein Mittel, kein
Werkzeug, keine Gelegenheit, um einen Sinn auszudrücken. Es ist
selbst sein Sinn. Das Spielen ist in sich selbst und durch sich selbst
sinnhaft. Die Spielenden bewegen sich in der Sinnatmosphäre ihres
Spiels“ (390).
•
Aber, wenn es so ist: Was treibt uns zum spielen?
Indem wir uns auf der Glück begeben umgehen wir es
•
•
•
2.Die „Oase des Glücks“.
Nochmals um bemerkenswerte Unterscheidungen zwischen den
Grundphänomenen offenzulegen, alle andere Grundphänomene, ausser
dem Spiel, sind auf der Suche vom Glück angewiesen, besonders was der
Liebe, aber auch der Arbeit, der Herrschaft (auch von Fink als Kampf
bezeichnet) angeht. Dieses betrifft sogar den Tod, da der Wunsch von
etwas Anderem nach dem Tod wird so ausschlaggebend, dass (gemäss
Fink) man bildet sich einen neueren und beglückteren Leben nach dem Tod
ein. Die verschiedenen Religionen geben reichlich Beispiele darüber.
Offensichtlich wird dieses von Fink behauptet auf der Grundlage einer
konsequent befolgten „dieseitigen Philosophie“, die im starken Gegensatz
zur überlieferten „jenseitigen Philosophie“ auftritt. Der Massstab ist hier
eben das Denken und nicht der Glaube. Beiläufig, diese Richtlinie der
Phänomenologie bei Fink verweist wieder auf das Heideggersche Denken.
Doch die Bessesenheit nach Glück hat zur Folge, dass der
gegenwärtige Augenblick durchaus übersprungen wird, und was nicht
eingesehen wird, oder wahrscheinlich zu spät eingesehen wird, ist eben,
dass im spielerisch, erotisch, schöpferisch erlebten Augenblick das Glück
sich offenbart.
Vielleicht aufgrund unserer rationalen Zielgerichtetheit
gehen wir davon aus, dass das Glück am Ende steht
• Diesbezüglich vergegenwärtigen wir folgenden Gedankengang:
• „Doch fällt die Spielbewegtheit mit der sonstigen Bewegungsform
des Menschenlebens nicht zusammen. Das sonstige Tun hat in
allem, was getan wird, grundsätlich eine innere Vorweisung auf das
Endziel des Menschen, auf die Glückseligkeit, auf die Eudaimonia.
Man nimmt das Leben als Aufgabe, als Pflicht, pensum, als Projekt
– wir haben keinen ruhigen Aufenthalt; wir wissen uns „unterwegs“,
immer werden wir aus jeder Gegenwart vertrieben, vorwärtsgerissen
von der Gewalt des inneren Lebensentwurfes auf das Daseinsziel
der Eudaimonie hin. Alle streben wir unablässig nach Glückseligkeit,
sind uns jedoch keineswegs einig in dem, was sie eigentlich sei. Wir
werden in Atem gehalten, nicht nur durch die Unruhe der
Glücksstrebung, auch durch Unsicherheit in der Interpretation des
„wahren Glücks““.
Und es ginge nur darum, das Glück nicht in der Zukunft zu
setzen, sondern in der Gegenwart
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Und weiter:
„Wir suchen das Glück und die Lebenserfüllung uns zu erarbeiten, zu
erkämpfen, zu er-lieben und werden doch immer wieder über alles Erreichte
hinaus getrieben, wir opfern jede gute Gegenwart einer ungewissen
„besseren“ Zukunft. Obzwar das Spiel als Spielen impulsiv bewegtes
Dasein ist, so ist es doch jeder unruhigen Strebung, die aus dem
Aufgabencharakter des Daseins entspringt, entrückt; es hat keine Ziele,
denen es dient, es hat seine Ziele und seinem Sinn in sich selbst. Das Spiel
ist nicht umwillen einer künftigen Glückseligkeit, es ist in sich schon „Glück“,
es ist dem sonst allgemein „Futurismus“ entzogen, beglückende
Gegenwart, absichtslose Erfüllung. Das schliesst keineswegs aus, dass es
in sich selber erhebliche Spannungsmomente hat, so z.B. in allen
Wettkampfspielen, aber das Spiel transzendiert sich nicht, es bleibt mit
seinen Aufregungen, mit der ganzen Skala seiner Spannungen, mit dem
Entwurf der Spielhandlung in sich selber. Es gehört zu den tiefsinnigen
Paradoxien unserer Existenz, dass wir in der lebenslänglichen Jagd nach
der Glückseligkeit sie niemals als Besitz erlangen und im solchen Sinne
niemand vor seinem Tode glücklich zu preisen ist – dass wir aber, wenn wir
jenes Streben zeitweilig aussetzen, unversehens ankommen in einer „Oase
des Glücks““ (361-362).
Paidiá - Ludus
In der Spieltheorie von Roger Caillois tritt das Binom
„paidia-ludus“ hervor. Das griechische Wort paidia
besagt ‚Lust’ und das lateinische Wort ‚ludus’ besagt
Spiel, aber sie wird von dem Soziologen als
‚Schwierigkeit’ gedeutet. Einmal haben wir im Spielen
die Lust (Spiel sogar als „Oase des Glücks“) und das
andere Mal haben wir die Herausforderung
Schwierigkeiten, die in jedem Moment auftreten, zu
überwinden. Die paidia (wobei Fink selbst von der Lust
im Spiel und am Spiel spricht) treibt uns zu spielen und
der ludus zum Umgehen der Schwierigkeiten, wobei das
Entscheidende ist eben die paidia, weil ohne Lust am
Konfrotieren der Schwierigkeiten gibt es auch kein Spiel.
Die paidia ist eigentlich das Tragende im Spiel.
Die “ewige Gegenwart”: von Parmenides bis Kierkegaard
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3.Der erlebte Augenblick.
Wir haben Rücksicht auf die Verbindung zwischen Spiel und Gegenwart, bzw.
Augenblick genommen.
Schon Parmenides hat die Ewigkeit als ewige Gegenwart verstanden und
dieses mit einem metaphysischen Hintergrund. Im XIX. Jahrhundert bei Kierkegaard
handelt es sich um den „sich verewigenden Augenblick“, und damit haben wir den
Rückschluss von der Ewigkeit auf eine existentielle Ebene. Alle jene Erlebnisse von
denen bereits die Rede war: nicht nur spielen, sondern lieben, glauben, fühlen,
künstlerisches Schaffen, weisen auf Möglichkeiten des sich verewigenden
Augenblicks hin. Nach dem dänischen Philosophen, schliesst dieser ausgezeichnete
Augenblick auch ganz besonders die Möglichkeit der Wahl ein, und damit kommt
auch ein bewusstes Erlebnis zu Wort. Jaspers ist auch auf dieser Spur: nicht nur
durch die Wahl, sondern auch durch die Vermittlung der Treue zu dieser getroffenen
Wahl, kann der Augenblick sich verewigen.
Aber wie es auch so ist bei Heidegger, im Alltag überspringen wir jeden
Augenblick, indem wir eben von einem zum anderen rasch und hastig springen. Auch
Hans-Georg Gadamer thematisiert dieses in seinem Buch über Spiel, Kunst und
Fest: Die Aktualität des Schönen (1974) und dieses in Bezug auf die „leere Zeit“ die
der „erfüllten Zeit“ gegenübergestellt wird.
Das Kind ist vollkommen, natürlicherweise im Augenblick des Spielens,
versunken und insofern ist es das Vorbild für den sich verewigenden Augenblick.
Parmenides, der Denker der ewigen Gegenwart und Kierkegaard, der
Denker des sich verewigenden Augenblicks
Hans-Georg Gadamer in der Aktualität des Schönen dachte nach über
Möglichkeiten der Zeitlichkeit. / Gadamer und Fink bei der Abreise nach dem
Weltkongress der Philosophie in Mendoza, Argentinien, 1949
Das Kind ist als ob es ein Feuerwehrmann wäre und das
Spielzeug ist als ob es der Feuerwehrwagen wäre
• 4.Spiel als Fiktion.
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Auch dieses Merkmal vom Spiel kommt schon bei Huizinga
und Caillois vor, doch – meiner Meinung nach – Fink denkt
grundlegender darüber. Bei allen drei wird wiederum der fiktive
Charakter des Spiels mit der Bedeutung des „als ob“ verknüpft.
• Bei Fink betrifft dieses zunächtst das Spielzeug. Es ist als ob es
wäre ein Lastwagen, ein Bär, ein Kind (und es ist eine Puppe):
• „Das Spielzeug – so gesehen – ist ein Gegenstand im
Gesamtzusammenhang der einen Weltwirklichkeit, ist dem Sein
nach anders, jedoch nicht weniger wirklich als etwa das spielende
Kind“ (366).
• In der Fiktion, in der dem Spiel innewohnenden Unwirklichkeit,
finden wir auch die nahe Verwandschaft zwischen Spiel und Kunst:
• „Gewiss sind nicht alle Spiele Kunst, jedoch ist die Kunst die am
meisten originale Form des Spiels, sie ist die höchste Möglichkeit,
im Medium eines „Scheins“, Wesenhaftes zur Epiphanie zu bringen“
(416).
Wie bei Heraklit, der Kosmos ist ein spielendes Kind.
Vielleicht das hatte Frans Hals im Sinn.
Goya: Das Kind als Spiegel-Spiel der Welt? Das Kind in
gänzlich spielerischer Harmonie mit dem Weltall?
Anselm Feuerbach und Thomas Gainsborough. Spielende
Kinder ineins mit der Welt
Nuñez und Soroya: Für das Kind: die Welt als Theater und
die Welt als Spielzeug
Antolínez und Domínguez: Spielerisch vorbereitet sich
schon das Kind für sein Auftritt in der Gesellschaft
Und auch bei Renoir das Thema ist wie das Mädchen sich
schon vorbereitet für die Zukunft
Renoir und Gauguin: das spielerische Mädchen mit dem
Falken und das frühe Agonspiel der Kinder
Runge: was er schuf, vielleicht der Inbegriff der Kindheit
Philipp Otto Runge
Der Maler aus Pommern lebte nur 33 Jahre (wie Jesus),
zwischen 1777 und 1810. Schon früh erkrankte er von
Tuberkulose. Die Stationen seiner künstlerischen
Ausbildung: Kopenhagen, Dresden, Hamburg.
Beeinflusst von der Mysthik Jakob Böhmes’, und auch
von Novalis, im engen Kontakt mit Caspar David
Friedrich. Auch Bekanntschaft mit Goethe in Weimar.
Der Dichter und Johanna Schopenhauer waren
Bewunderer seiner Kunst des Scherenschnitts. Sie
erhielten mancher dieser Arbeiten als Blumendekoration
von Runge.
Spiel und Kunst
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Wie viele der hervorragendsten Philosophen der Kunst anerkennen, das
Wesen des Kunstwerks besteht in der Möglichkeit das Universale in einem
gewissen „etwas“, in einem Endlichen zu offenbaren, was auch als eine
Verklärung des Einzelnen begriffen wird (so auch bei Jaspers).
Die enge Verbindung zwischen Kunst und Spiel äussert sich offenkundig
auch in der Sprache. Wir sprechen von Thetaterspiel und vom
Theaterspielen, wie auch von Musikspielen, Guitarrespielen, und auch vom
Trauerspiel, usw. Sogar kann hier noch hingezufügt werden, dass man mit
den Wörtern spielen kann – und mit einem gewissen Recht:
„Das Schauspiel ist wesentlich ein Bei-spiel, ein Paradigma, eine
exemplarische Darstellung dessen, was und wie wir sind“ (408).
Zu bedenken ist hier diese Beziehung zwischen Spiel und Bei-spiel. Wenn
schon Caillois behauptet, dass das Spiel zunächst auf Bewegung hinweist,
bei Fink ist es so, dass diese Bewegung mit einem (aristotelischen)
Verhältnis zwischen Gattung und Individuen die der Gattung angehören, im
Zusammenhang gebracht werden kann. Deshalb das Individuelle ist Beispiel von einer gewissen Gattung, wie eben von Schauspiel.
Spiel und Kunst: zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit
• Aber erinnern wir uns auch an die gleichrangige Verwandschaft vom
Spiel nicht nur mit der Kunst, sondern mit de Phantasie, von der wir
in unserer Analyse ausgegangen sind.
• Bemerkenswert ist wie das Kind (der beste und höchste Vertreter
des Spiels und des Menschen als ein Spielender, als homo ludens)
bewegt sich sorglos zwischen zwei Welten: die Welt der Wirklichkeit
und die der Möglichkeit, und damit auch, der Fiktion, der
Unwirklichkeit:
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„Das spielende kleine Mädchen lebt gleichzeitig in zwei
Bereichen, in der ordinären Wirklichkeit und in einer irrealen,
imaginären Sphäre. In seinem Spielen ernennt das Mädchen das
Puppending zu einem Kinde – das Spielzeug hat einen magischen
Charakter, es entsteht strenggenommen nicht in der industriellen
Fertigung, entsteht im Spielen und aus dem Spielen, sofern dieses
ein Entwurf einer eigentümlichen Sinndimension ist, die sich dem
Wirklichen nicht einfügt, eher wie ein unfasslicher Schein darüber
schwebt“ (366-367).
Die Wirklichkeit entwirklichen, und daraus entsteht eine
Unwirklichkeit bzw. eine Überwirklichkeit
Ähnlich wie in der Kunst, bei dem Spiel kommt eine andere Welt
zum Ausdruck. Und ganz spontanerweise bereits das spielende
Kind – so nach Fink – entwirklicht die Wirklichkeit, so dass es
dadurch eine Unwirklichkeit entsteht, die zugleich eine Art
Überwirklichkeit besagt. Am Kunstwerk lässt sich genau der gleiche
Vorgang nachvollziehen. Das Bild an der Wand hat als Thema eine
Landschaft, aber diese Landschaft ist nicht wirklich, sowie der
Rahmen des Bildes und die Farbe die benutzt wurde um die
Landschaft zu malen. Durch das einfache Bild an der Wand unseres
Wohnzimmers, haben wir die Verbindung mit einer anderen Welt.
Aber damit das gelingt muss alles Wirkliche der Materie, wovon das
Bild gemacht wurde, entwirklicht werden, sodass es dadurch eine
Unwirklichkeit, eine Fiktion entsteht, die zugleich eine Art
Überwirklichkeit bildet (vgl. 380). Und doch diese Überwirklichkeit
hat, wenn wir vor einem wohlgelungenen Kunstwerk stehen,
vielmehr Bedeutung als die Wand wo es hängt, der Teppich am
Boden, usw.
“Iterationseffekt”: Spiel im Spiel: Shakespeare und
Dostoiewsky
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Aber im Bild, so wie in der Kunstgeschichte anzusehen ist, kann es auch
Bilder geben. Dadurch entsteht – so Fink – ein „Iterationseffekt“ (vgl. 382),
und genauso ist es im Spiel:
„Kinder, die das uralte Nachahmungsspiel spielen, in ihrer Spielwelt
„Vater“ und „Mutter“ sind und „Kinder“ haben, können diese Spielweltkinder
selber wieder ausser Haus schicken zum „Spiel“ auf der Strasse, bis der
Kuchen aus Sand gebacken ist“ (400).
Und in der Kunst, bzw. in der Weltliteratur, das Beispiel das Fink zur
gleichen Stellungnahme auserwählt, ist „Hamlet“:
„Wenn der lange zaudernde Dänenprinz in der Spielwelt ein Spiel
aufführen lässt, das den Königsmord darstellt, und durch diese entlarvende
Darstellung die mörderische Mutter und ihren Buhlen in eine weglose Enge
treibt, dann sieht wohl die Spielgemeinde auch die zweite Spielgemeinde im
Spiel, wird Zeuge ihrer entsetzlichen Bannung – und wird selbst verzaubert
und gebannt“ (384-385).
Hierbei erinnern wir uns auch an „Der Spieler“ von Dostoiewsky. Das
Thema ist auch da das „Spiel im Spiel“. Die Spieler die in „Rulettenburg“
spielen sind selbst gefangen in einem „wirklichen“ Spiel.
Spiel im Spiel. Hamlet: durch Theaterspiel die Wahrheit
setzt sich durch. Der Spieler, Werk und Leben ineins.
Und in der Kunst, nach Fink, auch Iterationseffekt: Bild im
Bild u. im Falle von Las Meninas, der Maler selbst im Bild
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