Joh. E. Keller Bibliothek Buch Das Reich Gottes „Sie sollen reden von der Herrlichkeit deines Königreichs und von deiner Gewalt sprechen, daß sie den Menschenkindern seine Gewalt kund machen und die herrliche Pracht seines Königreiches.“ (Ps.145,11-12) Das Reich Gottes in seiner Entwicklung Weg zur Wahheit, Jahrgang 23, Hefte 3, 5, 8, 11 (1933.3,5,8,11) Jahrgang 24, Hefte 6/7, 8 (1934.6/7,8) Vorwort Je schneller die Zeit mit ihren wechselvollen Ereignissen fortschreitet, um so mehr wird es für die ernsten und im Worte Gottes treu forschenden Gläubigen zur Notwendigkeit, den Willen Gottes in seinem Ewigkeitswalten zu verstehen. Diesen Willen hat Gott seinem Volk in der herrlichsten Weise offenbart. Wenn wir darum die Geschichte dieses Volkes von Anfang an verfolgen, so können wir einen tieferen Einblick in das geheimnisvolle Walten unseres Gottes gewinnen. Die Geschichte des Volkes Gottes ist aber mit anderen Völkern so eng verwoben, daß sich das göttliche Walten auf keinem andern Weg als in der Völkergeschichte der Jahrtausende erkennen lässt. Ein besonderer Teil dieser Völker, in deren Mitte das Volk Gottes den göttlichen Willen zur Darstellung bringen muß, ist in dem Schriftzeugnis über die vier Weltreiche gezeigt. Den Anfang und Abschluß der Völkerordnung bildet das Volk Gottes. Als Strafe für den Ungehorsam des Volkes Gottes ließ Gott die Herrschaft von seinem Volk auf die vier Weltreiche übergehen, die sie so lange ausüben müssen, bis Gott mit seinem Volk zum Ziele gekommen ist und am Ende dieses Zeitalters das „Reich Gottes“ aufgerichtet werden kann. Im Mittelpunkt der Geschichte des Volkes Gottes steht die durch Jesus Christus beschlossene Erlösung. Diesem Volk gehört die Ordnung der (Gottes-)Kindschaft, ebenso die Herrlichkeit, die Bündnisse, die Gesetzgebung, der Gottesdienst und die Verheißungen (Röm.9,4). Doch bei allen Gnadenerweisungen, die Gott seinem Volke widerfahren ließ, mußte er dessen beständigen Ungehorsam durch mannigfaltige Gerichte strafen. Das Reich Gottes -2- Diese Gerichte bereiten dem Volk Israel besonders viel Not und Trübsal, weil es in der Zeit der vier Weltreiche von diesen Völkern so lange beherrscht wird, bis Gott seine ewige Herrschaft am Ende des vierten Weltreiches durch sein Volk aufrichtet. Die Reichsgottesherrschaft ist die Sehnsucht jedes gläubigen Herzens (Matth.6,10; Luk.11,2). Deshalb muß die Erfüllung derselben zuerst in dem im Worte Gottes offenbarten Willen Gottes erkannt werden. Diese Schrift über „Das Reich Gottes“ ist eine Neubearbeitung der beiden vergriffenen Schriften „Das Zwölf-Stämme-Volk Israel“ und „Die vier Weltreiche und das Reich des Allerhöchsten“. Durch diese Neubearbeitung wird in erster Linie der Zeit Rechnung getragen, in der wir nach Gottes Ratschluß die Erfüllung des wichtigsten Teiles des göttlichen Willens in der Ausgestaltung seiner ewigen Reichsherrschaft heute miterleben müssen. Diese Zeit ist das Ende dieses Zeitalters und der Anfang des in Gottes Wort verheißenen Tausendjährigen Reiches. Durch diese Ausführungen sollen wir verstehen lernen, wie Gott seinen in der Heiligen Schrift niedergelegten Ratschluß über sein ewiges Reich in der Zeit von etwa siebentausend Jahren der Menschheitsgeschichte zustande bringt. Zur Verwirklichung dieses Ratschlusses hat sich Gott das Zwölfstämmevolk Israel aus allen übrigen auf der Erde wohnenden Völkern erwählt. Diese Schrift soll uns darum in besonderer Weise das Schicksal dieses berufenen und auserwählten Volkes und seine Stellung zum Reich Gottes während der Zeit der Entwicklung und bis zum Sieg des Reiches Gottes zeigen. Weil die vier Weltreiche in einem bestimmten Verhältnis zum Volke Gottes und ebenso zum Reiche Gottes stehen, ist auch ihr Schicksal und ihre Stellung während der Zeit der Entwicklung des Reiches Gottes ausführlich behandelt und erklärt. Auf diese Weise wird es leicht möglich, die Spuren des göttlichen Waltens mit seinem auserwählten Volk der zwölf Stämme Israels in Verbindung mit den vier Weltreichen: Assur-Babel, Medo-Persien, Griechenland und Rom bis zur Aufrichtung des Reiches Gottes und während des Tausendjährigen Reiches zu verfolgen. Mögen diese Zeilen dazu beitragen, daß die treuen Gläubigen den Willen Gottes für die nahe Zukunft des Herrn klar erkennen und dadurch an seinem ewigen Reich Anteil haben können. Der Verfasser -3- Das Reich Gottes Inhaltsverzeichnis Die Urgeschichte 1. Der Menschheit Anfang 2. Die Sündflut 3. Die Urvölkerwanderung 1 2 4 Die ältesten Kulturmittelpunkte der Welt 1. Sinear-Babylonien 2. Ägypten 3. Kanaan 5 7 8 Israel, das auserwählte Volk Gottes 1. Die Berufung Abrahams zum Vater des Volkes Gottes 2. Abrahams erste Glaubensrechtfertigung 3. Abrahams zweite Glaubensrechtfertigung 4. Abrahams dritte Glaubensrechtfertigung 5. Isaak 6. Jakob-Israel 7. Die Söhne Jakob-Israels 8. Joseph in Ägypten 9. Israel in Ägypten 10. Israels Auszug aus Ägypten 11. Israel in der Wüste und die zwei Bündnisse a) Der erste Bund am Sinai und Israels Übertretungen b) Der zweite oder der Neue Bund im Moabiterland und Israels Unglauben 12. Israels Einzug in Kanaan 13. Die Richterzeit 14. Israel als einheitliches Königreich unter dem König Saul 15. David, der Mann nach dem Herzen Gottes 16. Davids Königtum 17. König Salomo und die ihm folgende Teilung des Reiches 18. Das Nordreich Israel a) Das Königsgeschlecht Jerobeam b) Das Königsgeschlecht Baesa und König Simri c) Die Königsgeschlecht Omri d) Der Prophet Elia e) Das Königsgeschlecht Jehu und König Sallum f) Das Königsgeschlecht Menachem und König Pekach g) König Hosea und der Untergang Israels 19. Das Südreich Juda a) Gesetz und Gnade zur Zeit der Könige b) Von Rehabeam bis Asa c) Von Josaphat bis Atalja d) Von Joas bis Ussia e) Von Jotam bis Hiskia f) Von Manasse bis Josia g) Die Söhne Josias und eine letzte Rettungsmöglichkeit h) Der Untergang des Reiches Juda 10 12 14 15 16 17 18 21 22 23 25 25 27 30 32 33 34 36 40 41 41 41 42 42 45 46 46 48 48 49 51 52 54 56 58 61 Die erste Weltreichsherrschaft 1. Von Gottes Heilsplan mit seinem Volke 2. Die in den Weltreichen wirkenden Geistmächte 3. Die vorausgesagte Chaldäerherrschaft 4. König Nebukadnezar, der Knecht Gottes 5. Nebukadnezars erster Zug nach Jerusalem; sein Sieg über Pharao Necho 63 64 67 68 69 Das Reich Gottes -4- 6. Nebukadnezars Traum von den vier Weltreichen 7. Nebukadnezars zweiter Zug nach Jerusalem 8. Nebukadnezars Strafgerichte über gottfeindliche Völker 9. Nebukadnezars dritter Zug nach Jerusalem, Untergang der Stadt, Vernichtung des Tempels und Ende des Südreiches Juda 10. Daniels Freunde im Feuerofen 11. Nebukadnezars Gericht über alle Völker, besonders über Tyrus und Ägypten 12. König Nebukadnezar sieben Zeiten verworfen 13. Weitere Könige des ersten Weltreiches Assur-Babel 14. König Belsazars Überhebung und der Untergang des ersten Weltreichs Assur-Babel 70 72 73 73 76 77 78 80 81 Die zweite Weltreichsherrschaft 1. Die göttliche Ursache zur Errichtung des zweiten Weltreichs Medo-Persien 82 2. Die Herkunft und Gottesfurcht der Könige von Medien und Persien 85 3. Gottes Hilfe zur Errichtung und Befestigung des zweiten Weltreichs 87 4. Das zweite Weltreich Medo-Persien 89 a) Daniels Weissagungen vom zweiten Weltreich 89 b) Der Befehl zum Wiederaufbau des Tempels 90 c) Der Juden Heimkehr und die Grundlegung zum neuen Tempel 91 d) Die Wiederaufrichtung des Tempels 92 e) Die Erneuerung der Stadtmauer Jerusalems 94 f) Das Ende des zweiten Weltreichs Medo-Persien 95 5. Die Dauer des zweiten Weltreichs Medo-Persien und seine Könige 96 a) Die Chronologie der Bibel und der weltlichen Geschichte 96 b) Die Königsreihe des medo-persischen Reiches in der heiligen Schrift 97 6. Die siebenzig (Jahr-) Wochen Daniels und die Zeit der vier Weltreiche 98 a) Der Unterschied zwischen der geschichtlichen und prophetischen Bedeutung der Weissagung der siebenzig (Jahr-) Wochen 98 b) Die prophetisch-schriftgemäße Anleitung zum Verständnis der siebzig (Jahr-) Wochen Daniels 100 c) Die prophetische Bedeutung der ersten sieben (Jahr-) Wochen 101 d) Die Zeit bis zur Ausrottung des Gesalbten 106 e) Der Zeitabschnitt zwischen der 69. Und 70. (Jahr-) Woche – die Zeit der Gemeindeentwickllung 106 f) Die letzte (Jahr-) Woche, das Ende der siebenzig (Jahr-) Wochen und das Ende des Verwüsters 109 Die dritte Weltreichsherrschaft 1. Das einheitliche Weltreich Griechenland-Mazedonien a) Die Aufrichtung des dritten Weltreichs b) Daniels Weissagungen vom dritten Weltreich c) Die Übergangszeit zu anderen Reichsformen 2. Die vier Nachfolgereiche der griechisch-mazedonischen Weltherrschaft a) Die Reichsbildung b) Ägyptens Vorherrschaft in Palästina c) Syrien erobert das Heilige Land d) Rom zerstört die Absicht Antiochus d. Gr. auf Ägypten e) Drangsale in Judäa 3. Antiochus IV. Epiphanes, ein Vorbild des kommenden letzten Königs des vierten Weltreichs a) Sein Aufkommen und seine Bedeutung b) Seine List und seine Absichten c) Des Volkes Gottes Niedergang d) Des Antiochus Epiphanes Wirken in Ägypten e) Neue Drangsale in Judäa 112 113 113 114 115 115 116 117 118 119 120 120 121 121 122 123 Das Reich Gottes -5- f) Rom macht dem Syrerkönig Ägypten streitig g) Die große Schmach des Volkes Gottes h) Der Untergang des Syrerkönigs i) Die vorbildlichen Drangsalstage 4. Judäa, Syrien und Ägypten bis zur römischen Weltherrschaft a) Der Mangel an Heilserkenntnis in der nachprophetischen Zeit b) Judäa unter Judas Makkabäus c) Judäa unter Jonathan Makkabäus d) Judäa unter Simon Makkabäus e) Der Hohepriesterfürst Johannes Hyrkanus f) Syriens Endgeschicke g) Ägyptens Endschicksal, die römische Weltherrschaft h) Judäas Niedergang i) König Herodes der Große k) Jesus Christus 123 124 124 125 126 126 127 128 128 129 129 130 131 132 133 Die vierte Weltreichsherrschaft Das „vierte Weltreich“, das „Volk Gottes“ und die „christliche Gemeinde“ im Anfang der vierten Weltreichsherrschaft 134 1. Das vierte Weltreich im Bilde der eisernen Zähne und der zwei eisernen Schenkel 134 a) Das vierte Weltreich nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift 134 b) Das vierte Weltreich in der Zeit der Reichseinheit 137 2. Das Volk Gottes in der Zeit der eisernen Zähne und der zwei eisernen Schenkel des vierten Weltreiches 139 a) Der Begriff „Volk Gottes“ 139 b) Die Bedeutung von Gold, Silber, Erz und Eisen für den Ratschluß Gottes mit seinem Volke 140 1. Der Traum Nebukadnezars 140 2. Die Bedeutung des „Goldes“ im ersten Weltreich Babylon 140 3. Die Bedeutung des „Silbers“ im zweiten Weltreich Medo-Persien 141 4. Die Bedeutung des „Erzes“ im dritten Weltreich Griechenland 142 5. Die Bedeutung des „Eisens“ im vierten Weltreich Rom 142 c) Das Südreich Juda im Anfang der vierten Weltreichsherrschaft 144 1. Das Südreich Juda und sein König Jesus Christus 144 2. Das Verhältnis zwischen dem vierten Weltreich und dem Südreich Juda 145 d) Die von Gott dem Volke Gottes gegebenen Verheißungen als Beweis füdas Vorhandensein aller zwölf Stämme Israels in der ganzen Zeit der vierten Weltreichsherrschaft 147 1. Notwendige Erkenntnis über das Nordreich Israel aus dem Worte Gottes 147 2. Abraham, der Träger der göttlichen Verheißungen 148 3. Isaak, der Träger der göttlichen Verheißungen 151 4. Jakob, der Träger der göttlichen Verheißungen 152 5. Joseph, der Träger der göttlichen Verheißungen 154 6. Moses, der Träger der göttlichen Verheißungen 155 7. Josua, der Träger der göttlichen Verheißungen 157 8. Weitere Träger der göttlichen Verheißungen 159 e) Die Bedeutung des Volkes Israel für Gott 162 f) Gottes Stellung zum Volk Israel 163 g) Die Zerstreuung der zwölf Stämme Israels als Beweis für ihr Vor handensein in der Zeit der vierten Weltreichsherrschaft 164 3. Die christliche Gemeinde in der Zeit der eisernen Zähne und der zwei eisernen Schenkel des vierten Weltreiches 165 a) Das Volk Gottes, der Träger der christlichen Gemeinde 165 Das Reich Gottes -6- b) Die im Evangelium verheißene Reichsgottesherrschaft zur Zeit Jesu und der Apostel 171 1. In Erwartung der Reichsgottesherrschaft 171 2. Die Verkündigung der wahren Reichsgottesherrschaft durch Jesus und Johannes den Täufer 173 3. Die Reichsgottesherrschaft nach der Lehre der Erlösung 174 4. Der Unglaube des Volkes Gottes an den König der Wahrheit 176 5. Die Gerichtsandrohungen für den Unglauben an den König Jesus Christus 178 6. Die Verkündigung des Evangeliums durch die Apostel 178 7. Die Wahrheit „in Christo Jesu“ 183 8. Die erste Liebe und das Reich Gottes 183 c) Die verheißene Reichsgottesherrschaft in der Zeit der Gemeindeentwicklung 184 1. Die Reichsgottesherrschaft in der ersten Gemeinde zu Ephesus 184 2. Die Reichsgottesherrschaft in der zweiten Gemeinde zu Smyrna 191 3. Die Reichsgottesherrschaft in der dritten Gemeinde zu Pergamus 194 Das „vierte Weltreich“, das „Volk Gottes“ und die „christliche Gemeinde“ in der Mitte der vierten Weltreichsherrschaft 198 1. Das vierte Weltreich im Bilde der sieben Häupter und der Füße 198 a) Die sieben Häupter nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift 198 b) West- und Ost-Rom - das erste und zweite Haupt 199 c) Spanien - das dritte Haupt 199 d) Das Frankenreich - das vierte Haupt 200 e) Das Römische Reich deutscher Nation – das fünfte Haupt 200 f) Großer Wendepunkt der Häupterbildung 201 g) England – das sechste Haupt 201 h) Deutschland – das siebente Haupt 202 2. Das Volk Gottes in der Zeit der sieben Häupter und der Füße des vierten Weltreiches 203 a) Die Bedeutung des „Tones“ im vierten Weltreich Rom 203 b) Der Völkerseeweg des Volkes Gottes nach Westeuropa 206 1. Das Evangelium zeigt den Völkerseeweg nach dem Westen 206 2. Die Freundschaft mit see- und kriegstüchtigen Völkern führt Israel nach Westeuropa 207 c) Der Völkerlandweg des Volkes Gottes nach Westeuropa 208 1. Der Völkerlandweg Israel-Germaniens 208 d) Der Segen Jakobs für Joseph und dessen Söhne Ephraim und Manasse 210 1. Die Bedeutung der Erstlingsstellung Josephs unter seinen Brüdern 210 2. Eingliederung Ephraims und Manasses zu Stammeshäuptern des Volkes Gottes 212 3. Ephraim und Manasse sollen zwei große Reiche werden 213 4. Die Zeit der Erfüllung der Segensverheißungen Jakobs an Ephraim und Manasse 214 e) Der Segen von Jakob und Mose über die übrigen elf Stämme Israels 217 3. Die christliche Gemeinde in der Zeit der sieben Häupter und der Füße des vierten Weltreiches 222 1. Die Reichsgottesherrschaft in der vierten Gemeinde zu Thyatira 222 2. Die Reichsgottesherrschaft in der fünften Gemeinde zu Sardes 226 3. Das Verhältnis des vierten Weltreiches zum Volk Gottes bzw. zur christlichen Gemeinde in der Zeit der sieben Häupter 229 Das Reich Gottes -7Seite 1 Die Urgeschichte 1. Der Menschheit Anfang Die Urheimat des Menschen muß offenbar in Vorderasien, in nicht allzu großer Entfernung von der Ebene Sinear, gesucht werden, wohin die Menschen nach der Sündflut gezogen sind. Wir können den biblischen Bericht vom Garten in Eden oder Garten Eden, in welchen Gott den ersten Menschen gesetzt hatte, nicht nur als die Schilderung eines irdischen Landes betrachten, und zwar darum nicht, weil hiervon vieles sinnbildlich verstanden werden muß. Wir würden auch den daselbst fließenden (Lebens?) Strom, welcher den Garten bewässert und sich hernach in die vier Stromanfänge Pison, Gihon, Hiddekel und Euphrat teilt, geographisch nicht nachweisen können (1.Mos.2,8-15). Doch haben die ersten Menschen ihre Geschichte irgendwo auf Erden begonnen. Da nun aber Euphrat und Tigris (Hebr. Chidekkel), heute noch die bekannten Namen von zwei großen Flüssen sind, so können wir darin einen gewissen Anhaltspunkt dafür sehen, daß die Wiege der Menschheit im Hochland Armeniens, wo diese zwei Flüsse entspringen, gestanden haben muß. Die Geschichte der beiden ersten Söhne Adams, der Brüder Kain und Abel, ist zu bekannt, als daß sie hier noch besonders angeführt werden müßte. Weniger bekannt ist aber die Tatsache, daß Abel sich durch sein blutiges Opfer als einen Sünder bezeugte und dadurch eine aus Gnaden gewährte Glaubensrechtfertigung erwarb, ferner, daß Kain eine solche Gnadenrechtfertigung von Gott nicht zu erlangen trachtete, sondern Gott im Fleische wohlgefallen wollte. Wohl wurde Kain durch den Mord an seinem Bruder Abel aufs schrecklichste aus dem Wahn seiner Fleischesvollkommenheit gerissen, doch verwarf er immer noch die Möglichkeit, durch das rechte Opfer als gerechtfertigter Sünder Gottes Wohlgefallen zu erlangen. Er sagte: „Meine Sünde ist zu groß, als daß sie mir vergeben werden könnte.“ (1.Mos.4,13; Elb. Bib. Fußn.) Darnach verließ Kain das Angesicht des Herrn und wohnte im Lande Nod (d.h. Verbannung, Unsicherheit, Flüchtigkeit), östlich von Seite 2 Eden, woselbst er mit seinem Weibe, das eine Tochter Adams und Evas sein mußte, Nachkommen erhielt (1.Mos.4,1-24; 5,1-4). Der Herr schenkte Adam (= „Erde“) und Eva (= „Mutter der Lebendigen“) im dritten Sohn Seth (= „Ersatz“) einen Ersatz für Abel (= „Hauch“, „Vergänglichkeit“), als Adam 130 Jahre alt war. Dem Seth wurde mit 105 Jahren ein Sohn Enosch (= „Mensch“, „Sterblicher“, „geselliges Wesen“) geboren. In dieser Zeit begann man den Naen Jehovas anzurufen, und der Gewaltlehreinfluss Kains scheint zurücktreten zu müssen (1.Mos.4,25 bis Kap.5,3). Auf Seth folgen Kenan (= „Kind“ oder „Erzeugtes“), Mahalaleel (= „Gott sei Ruhm“), Jared (= „Niederung“) und Henoch (= „Eingeweihter“) (1.Mos.5,6-20). Dieser begann mit 65 Jahren, zur Zeit der Geburt seines ersten Sohnes, in der Das Reich Gottes -8- Glaubensgerechtigkeit mit Gott zu wandeln, bis er durch den Glauben den Tod nicht mehr sah und schließlich nach 300 Jahren von Gott hinweggenommen wurde, ohne daß er starb (1.Mos.5,21-24; Hebr.11,5-6). Im 70. Jahr, nach Henochs Entrückung, wurde Noah (= „Ruhe“), der zehnte nach Adam, geboren. Auf diesen setzten die Menschen ihre Hoffnung; denn sein Vater Lamech sagte von ihm bei seiner Geburt: „Der wird uns trösten ob unserer Hände Arbeit und Mühe, die von dem Erdboden herrührt, den Gott verflucht hat!“ (1.Mos.5,25-29) 2. Die Sündflut Der Lehreinfluß Kains und seiner Nachkommen hatte aber nach ungefähr einem bis anderthalb Jahrtausend zur Zeit des Noah die gottesfürchtigen Menschen, die eine Glaubensstellung zu Gott, wie Abel und Seth sie hatten, doch eingenommen, weil die Söhne Gottes, die zu der Zeit auch unter Henochs Einfluß standen, mit den schönen Töchtern der Menschen widergöttliche Ehen eingegangen waren, indem sie zu Weibern nahmen, welche ihnen gefielen (1.Mos.6,1-2; vgl.Matth.24,37-39). Fraueneinfluß erreichte das, was Henoch, der siebente nach Adam, noch abzuwehren vermocht hatte: die Menschen wollten von nun an allesamt nur dem Fleische nach Gott wohlgefallen, so daß sie sich über ihre sündige Art hinwegzutäuschen suchten und den Heilsplan Gottes, d.i. seinen Ratschluß einer Gnadenrechtfertigung durch einen Schlangentreter, verwarfen (1.Mos.3,15). Was bedurften sie auch eines Schlangentreters, wenn sie nach ihrer Meinung mit allem Sünden- und Schlangeneinfluß selbst fertig zu werden vermochten? Über diese böse Einstellung und Selbsttäuschung der Menschen war Gott in seinem Herzen sehr bekümmert, und es reute ihn, Menschen geschaffen zu haben, die so ihr gottgesetztes Ziel verfehlten und in der Leugnung ihrer Fleischesschwäche erst recht ihren Lüsten lebten (1.Mos.6,6). Da beschloß Gott, sie nach 120 Jahren, die er ihnen als Umkehrfrist gegeben hatte, zu vertilgen, wenn sie sich in dieser Zeit nicht durch Noahs Glaubenspredigt von ihrem Lehrirrtum überführen und von ihrer Bosheit abwenden ließen. Seite 3 Noah suchte und fand als einziger die Gnadenrechtfertigung vor Gott für den sterblichen, sündigen Menschen und wurde so ein Herold der Glaubensgerechtigkeit (1.Mos.6,1-12; Hebr.11,7; 2.Petr.2,5). Als nun die Mitmenschen Noahs sich gegen sein Heilszeugnis während der 120 Jahre nur um so mehr verhärteten, als ihm seine eigene Rettung aus den kommenden Wasserfluten im Glauben gewiß wurde, obwohl er auch nur ein Sünder war, da öffnete Gott (i.J.2481 v.Chr.) alle Wasserschleusen der Tiefe und Höhe vierzig Tage lang, bis die Wasser alle Berge bedeckten und alles Lebendige auf Erden vertilgten, was nicht in die von Noah erbaute Arche eingegangen war. Noah, seine drei Söhne Sem, Ham und Japhet, sein Weib und die Frauen seiner Söhne, sowie von allen unreinen Tieren je ein und von allen reinen je sieben Paar, - diese alle wurden gerettet, als die Arche auf dem Gebirge Ararat im armenischen Hochland niederging zur Zeit, da die Wasser sanken (1.Mos.6,13 bis Kap.8,18). Also verdankt das heutige Menschengeschlecht sein Bestehen der Gnadenrechtfertigung unseres barmherzigen Gottes und der Glaubensgerechtigkeit eines Menschen. Das Reich Gottes -9- Nachdem Noah samt seinen drei Söhnen und seinem Weibe und den Weibern seiner Söhne die Arche verlassen hatte, opferte er Gott von den reinen Tieren und empfing mit dem Bundeszeichen des Regenbogens die Verheißung, daß Gott die Erde nicht mehr durch Wasser überfluten lassen wolle (1.Mos.8,20 - 9,17). Darauf legte Noah einen Weinberg an, trank von dem gewonnenen Wein, ward betrunken und lag entblößt in seiner Hütte (1.Mos.9,20-21). Während nun sein jüngster Sohn Ham die Blöße seines Vaters seinen Brüdern verriet, gingen die beiden älteren Brüder Sem und Japhet rücklings hinein und deckten die Blöße ihres Vaters mit einem Kleide zu, ohne sie zu sehen. So offenbarten die drei Söhne Noahs ihre Gesinnung, und darnach fiel der Fluch und Segen Noahs aus, als er ihr Gebaren erfahren hatte. Er weissagte: „Verflucht sei Kanaan! Er sei ein Knecht der Knechte seiner Brüder! Gepriesen sei Jehova, der Gott Sems, und Kanaan sei sein Knecht! Gott breite Japhet aus und lasse ihn wohnen in Sems Hütten, und Kanaan sei sein Knecht!“ (1.Mos.9,22-27) Kanaan war der vierte und jüngste Sohn Hams. Der Fluch über diesen begann sich zu erfüllen, als das Volk Israel 1110 Jahre nach der Sündflut das Land Kanaan einnahm, das von Milch und Honig fließt, und dabei die Nachkommen Kanaans größtenteils ausrottete (Jos.12,1-13). Aber auch der Segen, den Noah den älteren Söhnen, Sem und Japhet, verheißen hatte, erfüllte sich. Sem, der älteste der drei Söhne Noahs (1.Mos.10,21), sollte nach seinem Segen die innigste Verbindung mit Seite 4 Gott haben und wieder zu seinen zwei jüngeren Brüdern Japhet und Ham in der gleichen Stellung sein, wie sie Noah zu seinem Hause hatte, indem er die Arche zur Rettung für sein Haus baute. Wenn Japhet, Sems jüngerer Bruder, sich ausbreiten und in Sems Hütten wohnen soll, so muß Sem durch seine Hütten, die er seinem jüngeren Bruder bauen muß, demselben auch sein Heil vermitteln. Zuletzt muß dieses Heil auch Kanaan - der den beiden älteren Brüdern von Ham, Sem und Japhet, als Knecht dienen soll -, noch in dieser dienenden Stellung zuteil werden. Die verschiedene Gesinnung der drei Söhne Noahs und die Ordnung, wie sie ihre Rettung erlangen, ist auch in den drei Stockwerken der Arche dargestellt, die Noah zur Rettung seines Hauses bauen mußte (1.Mos.6,14-16). Das oberste Stockwerk hatte, der geistigen Gesinnung Sems entsprechend, das Fenster der Glaubenshoffnung der Rettung nach oben. Das mittlere Stockwerk zeigt Japhets Ausbreitungsmöglichkeit, daß er durch das Wohnen in Sems Hütten, durch die Verbindung, die Sem mit Gott hatte, auch mit ihm und durch ihn gesegnet wurde, weil er selbst die Verbindung mit Gott im mittleren Stockwerk, ohne Fenster nach oben, nicht so haben konnte, wie sein älterer Bruder Sem. Das unterste Stockwerk zeigt die irdische Gesinnung des jüngsten der drei Brüder, Ham, der gewiß in der Arche schon seinen Dienst in diesem untersten Stockwerk an den Tieren gehabt hat. Diese irdische Gesinnung brachte Ham dann seinem betrunkenen Vater gegenüber sehr stark zum Ausdruck. Das Reich Gottes - 10 - In diesem Lichte gesehen, wird der älteste dieser drei Brüder, Sem, mit seinem reichsten Heilsbesitz für seine beiden jüngeren Brüder der Heilsvermittler dadurch, daß das Volk Gottes und in dessen Mitte der „Retter Jesus Christus“ aus seiner Nachkommenschaft hervorgeht, so daß es sich auf diese Weise in Wahrheit erfüllt: „Das Heil kommt von den Juden.“ (Joh.4,22) 3. Die Urvölkerwanderung Von den drei Söhnen Noahs: Sem, Ham und Japhet, wurde die ganze Erde bevölkert (1.Mos.9,18-19). Gott hat aus einem Blut das ganze Menschengeschlecht gemacht, daß es auf dem ganzen Erdboden wohne, und er hat vorherbestimmt festgesetzte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnung, daß sie Gott suchen sollten, ob sie ihn wohl spüren und finden möchten (Apg.17,26-27; vgl.Jos.12,1-24). Die Sündflut erfolgte i.J. 2481 bis 2480 n.chr., da Noah sechshundert Jahre alt war (1.Mos.7,6.11; 8,13). 67 Jahre nach der Flut wurde Eber geboren, und damals zogen die neu entstandenen Geschlechter gen (Süd-) Osten nach einer Ebene im Lande Sinear, denn „Eber“ heißt Seite 5 „Übergang“ (über den Tigris! - ?) oder der „Jenseitige“ (1.Mos.11,2). In diesem Land errichteten die Menschen den Babylonischen Turm, aber Gott der Herr zerstörte ihre Absichten, mit denen sie dem göttlichen Ratschluß widerstehen wollten: er verwirrte ihre Sprache. Da mußten sie den Weiterbau der gewaltigen Turmstadt, die sie als Wahrzeichen zusammenhalten sollte, aufgeben; sie mußten sich trennen und wurden über die ganze Erde in die ihnen von Gott zugewiesenen Länder zerstreut (1.Mos.11,3-9; 5.Mos.32,8; Apg.17,26). Das war zur Zeit, da dem Eber der Peleg geboren wurde (2380); denn in seinen Tagen wurde die Erde verteilt (1.Mos.10,25). Sems Nachkommen bevölkerten hauptsächlich Kleinasien bis zum Persischen Meerbusen, später aber auch Europa. Japhets Nachkommen zogen nach Innerasien, nach Griechenland, nach den Mittelmeerinseln und nach Polynesien. Hams Nachkommen ließen sich in Afrika und Palästina und anderen Ländern nieder. Nimrod (= „glänzendes Licht“), der gewaltige Jäger vor dem Herrn, war der letzte Sohn des Kusch (= „der Schwarze“), also ein Enkel Hams, und lebte in der besten Manneskraft, als die Menschen gen Osten zogen. Er erbaute wohl nicht nur die vier Städte Babel, Erek, Akkad und Kalne, sondern war zweifellos auch der Baumeister oder Bauherr des Babylonischen Turms. Er zog, als die Völker zerstreut wurden, oder nachdem sie zerstreut worden waren, nach den Niederlassungen Assurs, um dort das Geschlecht dieses Zweitgeborenen des Sem in weiteren vier von ihm errichteten Städten, in Ninive, Rechobot-Ir, Kelach und Resen, unter seine Hand zu zwingen (1.Mos.10,6-12). Das ist das große Vierstädtegebiet, in welchem Jona 1600 Jahre später einen nahe bevorstehenden Untergang predigen mußte. Übrigens lagen die Länder der Söhne Sems: Elam, Assur, Chaldäa, dieses mit den Nachkommen Arpakschads (Ur in Chaldäa war ursprünglich die Hauptstadt und war die Heimat Abrahams), und Aram (Mesopotamien, Syrien) verhältnismäßig nahe beieinander, und Assur lag in ihrer Mitte. Das Reich Gottes - 11 - Die ältesten Kulturmittelpunkte der Welt 1. Sinear-Babylonien Wenn auch die weltliche Geschichtsschreibung geneigt ist, der Kultur Ägyptens ein höheres Alter zuzuschreiben als der Kultur jedes anderen Landes, so zeigt uns doch der biblische Bericht einwandfrei, daß das Ausgangsland aller Völker und aller Kultur das Land Sinear-Babel ist. Dieses Land liegt am Unterlauf der beiden Ströme Euphrat und Tigris. Aus den Tontäfelchen, die bei Tel el Amarna vor einigen Jahrzehnten in Ägypten ausgegraben worden sind, wissen wir, daß noch Seite 6 zur Zeit, da Israel in Kanaan einzog, die babylonische Sprache die amtlich geführte Weltsprache war. Zur Zeit Abrahams (um 2050 v.Chr.) lag die Vorherrschaft im Lande Sinear offenbar in der Hand der Elamiter (vgl.1.Mos.Kap.14). Vielleicht erlangten nachher auch die Syrer zeitweise daselbst die Vorherrschaft, denn von Kuschan-Rischataim (um 1320 v.Chr.) bis zu ihrer Aufreibung durch die Assyrer (um 650 v.Chr.) bildeten sie eine Gefahr für Israel, besonders in den letzten 200 Jahren, seit Juda und Israel sich mit ihm zu verbünden suchten. Die syrische Vorherrschaft über den Osten zeigt sich später noch in der Weltsprache des zweiten Weltreichs Medo-Persien (aramäisch = syrisch); die Sprachunterschiede offenbarten sich schon zwischen Jakob und Laban, dem „Syrer“, indem jeder dem von ihnen errichteten Steinwall seiner Volkssprache gemäß den Namen gab (1.Mos.28,5; 31,47), und in der Herrscherzeit der Seleukiden (312-64 v.Chr.). Die Assyrer gelangen im Nordosten von Palästina (Assur ist, von Palästina aus gesehen, der Norden genannt (Zeph.2,13). zu der Zeit zur Vorherrschaft, in welchen Israel (um 680) und Juda (um 652) gegen Syriens vBedrängnis dem Reich Assyrien Bündnisse antrug. Assyriens Vorherrschaft wurde 526 v.Chr. durch Pharao-Necho in der großen Schlacht bei Karkemisch gebrochen. Ninive, die Hauptstadt, wurde zerstört. Die Chaldäer in Babel erlangten nach dem göttlichen Willen die Vorherrschaft, als Hiskia in Juda sich (um 627 v.Chr.) mit ihnen gegen Assur zu verbünden suchte. Dieses Volk gelangte unter Nebukadnezar 525 v.Chr. zur Weltmachtstellung über alle Völker. Nebukadnezar war Für die Ägypter war die Schlacht bei Karkemisch am Euphrat, am Ufer des Stromes Euphrat, der Norden und das Land der Mitternacht (Jer.46,2.6.10). Als durch Nebukadnezar das Gericht über Israel kam, brach er vom Norden und der Mitternacht über sie herein (Jer.25,9; Hes.26,7). Das über das Volk Israel kommende Unglück kam durch die nördlichen Königreiche (Jer.1,14-15; 4,6; 6,1; 25,26), durch ein Volk von Mitternacht (Jer.6,22; 13,20; 15,12), vom Land der Mitternacht (Jer.10,22). Die Fürsten von Mitternacht sind zusammen mit den Zidoniern genannt (Hes.32,30). Auch für die Philister und ihre Helfer von Tyrus und Sidon kommt ihr Feind vom Norden (Jer.47,12. 4). Der Verwüster des Königreichs Babel war der Mederkönig, der wieder vom Norden, von Mitternacht kam (Jer.50,3.9.41). Auch der Medo-Perserkönig hatte seinen Feind im Norden (Dan.8,4). Später ist der Syrer für Ägypten, das Südreich, der König des Nordens (Dan.11,6-8.13). Israel ist für lange Zeit im Norden, im Lande der Mitternacht, im Völkergefängnis und kehrt von dort auch wieder in sein Heimatland zurück zu der Zeit, wenn Gott sein Gefängnis wendet (Jes.41,25; 43,6; Jer.3,12.18; 16,15; 23,8; 31,8; Sach.2,10; 6,6.8). Israels schlimmster Feind ist am Ende, wenn er auch auf den Bergen Israels von Gott gerichtet wird, Gog im Lande Magog, der Fürst von Rosch, Mesach und Tubal, zusammen mit Persern, Äthiopiern, Libyern, Gomer und dem Land Togarma im äußersten Norden, wo der Götterberg ist (Hes.38,1-6.15; 39,2; Jes.14,13). Es ist wieder Norden und Mitternacht (Dan.11,44; Joel 2,20). Das Reich Gottes - 12 - Aber auch der Sturmwind des Herrn kommt von Norden (Hes.1,4). Seite 7 der erste König des ersten der von Daniel geschauten vier Weltreiche. Die jeweilige Vorherrschaft Babels und der anderen Völker gereichte aber bis zu Israels endgültigem Fall zur Zeit Nebukadnezars dem Volk Gottes nicht zum Vorteil. Diese gottfeindlichen Völker haben am Volke Gottes kein Erbarmen geübt. Babel ist die Zierde der Königreiche, der Ruhm, der Stolz der Chaldäer, aber auch das Herz der Widersacher Gottes, das den Herrschaftsanspruch über die von Gott gesetzten Heiligtümer erhebt, auch über Jerusalem und das Volk Gottes (Jes.13,19; 14,13-14; Jer.51,1). Darum übt Gott am Ende der Zeit das Gericht an Babel und den umwohnenden Völkern mit besonderer Strenge aus. 2. Ägypten Ein anderer großer Kulturmittelpunkt war Ägypten und Äthiopien, besonders aber die ägyptische Macht am Unterlauf des Nil am Nildelta. Wenn nach dem klaren Schriftzeugnis die Völkerzerstreuung im Jahre 2380 v.Chr. erfolgte, so können wir vor dieser Zeit nicht gut von einem geordneten Staatswesen und einer verbürgten Königsherrschaft eines außerbabylonischen Landes reden, also auch nicht von Ägypten. Den Darstellern der weltlichen Geschichte müßte es leicht sein, ihre unsicheren Jahresangaben über die älteste Kultur Ägyptens an Hand der Heiligen Schrift zu berichtigen und zu befestigen. Für die hohe Fruchtbarkeit des Landes sorgt der alljährlich weit über seine Ufer tretende Nil, - der Regen ist dort selten; Ägypten war die Kornkammer der Alten Welt. Nach Ägypten zogen Abraham (um 2051 v.Chr.) und Jakob (um 1839 v.Chr) zur Zeit der Hungersnot, aber dem Isaak verwehrte Gott in einer Zeit der Teuerung dahinzuziehen (1.Mos.12,10; 46,1-7; 26,2). In Ägypten weilten die Israeliten 430 Jahre lang, und daselbst wurden sie zu einem großen Volk (2.Mos.12,40-41; 4.Mos.1,44-47). Dort wurden sie in den letzten Jahrzehnten vor ihrem Auszug sehr bedrückt (2.Mos.1,6-22), bis Gott sie um 1409 v.Chr. nach großen Wundern durch Mose aus Ägypten führte (2.Mos.6 bis 14). Da ward Pharao samt seinem ganzen Heer gerichtet. Wohl ist Ägypten das Diensthaus Israels und das Land der Knechtschaft für Israel gewesen, doch durfte den Ägyptern die Aufnahme in die Gemeinde Gottes nicht verwehrt werden; denn sie hatten an Israel dadurch Barmherzigkeit erwiesen, daß sie es als Fremdlinge bei sich wohnen ließen (5.Mos.23,4-9; vgl.Matth.25,31-46). Gott führte die Ägypter (und Äthiopier) auch zur Züchtigung seines Volkes nach Palästina, so um 890 und 861 v.Chr., gegen Juda. Aber das Gericht kam über Ägypten nicht mehr wegen einer an Israel ausgeübten Härte, sondern darum, weil Juda und Israel bei ihm Hilfe suchten, die es zu leisten zusagte und auch dazu imstande war gegen einen jeweilig übermächtig auftretenden Feind, die es aber nicht leistete (Hes.29,1-10; 2.Kg.17,4; 18,21; 24,29-35; Jes.30,17; 31,1-3; 36,6-9; Jer.37,5-8). So hat Ägypten die Reiche Israel und Juda zum Widerstand gegen Assur und Babel-Chaldäa ermutigt, aber nur darum, um Seite 8 sie durch ihr Versagen desto schlimmer zugrunde gehen zu lassen. Ägypten war dem Volke Gottes ein Rohrstab, der zerbrach und ihm die Schulter durchbohrte, sobald es sich auf ihn zu stützen suchte. Darum wurde Ägypten die Herrschaft über die Völker Das Reich Gottes - 13 - genommen (Hes.29,11-16). Es ist ein stillsitzendes, prahlendes Ungetüm genannt, ein (Kriegs-) Lärmer, der die zur Rettung bestimmte Frist verstreichen läßt (Jes.30,7; Jer.46,17). Ägypten versagt in der Hilfe für Juda auch gegen die syrischen Seleukiden (312-64 v.Chr.) und gegen das Vordringen Roms in Palästina (64-30 v.Chr.). Darum tritt es 30 v.Chr. als selbständiges Staatswesen vom Schauplatz der Geschichte ab; es gewinnt nach dem prophetischen Zeugnis erst am Ende dieses Zeitalters wieder eine gewisse Bedeutung. Wenn wiederum alle Völker gerichtet werden, und zwar zum Zweck der Aufrichtung des tausendjährigen Reichs, dann wird Gott auch die Ägypter erretten. Die Ägypter werden im Bund mit den Assyrern Jehova dienen, und Israel wird sich als Drittes zu Ägypten und Assur gesellen, um mit ihnen ein Segen inmitten der ganzen Erde zu sein (Jes.19,18-25). 3. Kanaan Der dritte Kulturmittelpunkt ist das Land Kanaan, an der Westküste vom Mittelländischen Meer, als ein Land, worin Milch und Honig fließt. Von hier aus konnte sowohl das Land Hams, d.i. Ägypten (Ps.78,51; 105,23.27; 106,22), als auch Kleinasien beherrscht werden. Tatsächlich lautet Gottes Verheißung an Israel, daß es das Land Kanaan ererben soll, und seine Grenzen sollen gehen „von Meer zu Meer“, d.h. vom Mittelländischen Meer bis zum Roten Meer, und vom Bach Ägyptens bis zum Strom Euphrat (2.Mos.23,31; 4.Mos.34,1 ff; Joh.15,1 ff; 1.Kg.4,21.24; 8,65; 2.Kg.24,7; 2.Chr.7,8; Ps.72,8; 80,12; Jes.11,15; 27,12; Sach.9,10). Der Besitz des Landes Palästina war in alter Zeit immer der Schlüssel zur Weltherrschaftsstellung. – Die Israeliten gelangten erst i.J. 1369 v.Chr. ins Land Kanaan, um es dann teilweise zu erobern und die Kanaaniter vor sich her auszurotten. Die Kanaaniter (Kanaan heißt Händler- oder Krämervolk) (vgl.Jes.23,8; Zeph.1,11; Sach.14,21; 1.Mos.10,6.15) und die von ihnen herstammenden Küstenbewohner der Sidonier und Phönizier sind Nachkommen Hams und ein ausgesprochenes Handels- und Seefahrervolk. Sie gründeten die Welthandels- und Weltherrschafts-Seestädte Sidon und Tyrus an der Küste des eigenen Landes, besetzten die Inseln Rhodos und Cypern, die ihnen von den Griechen später wieder abgenommen wurden, gründeten Handelsniederlassungen an vielen Küsten, schufen Kolonien auf den großen Inseln Sizilien und Sardinien und legten sich im Hafen von Melite (= Malta) fest; sie gründeten Utikah und Karthago, an der Nordküste Afrikas, und machten Gades (Cadix) und Tarsis, an der Südwestküste Spaniens am Atlantischen Ozean, zum Stützpunkt weiter Weltmeerfahrten. In je dreijähriger Seefahrt holten die Tarsisschiffe Salomos, unter Führung seekundiger Phönizier, 420 bzw. 450 Talente Gold von Ophir im Werte von etwa 60 Millionen Mk. Und Edelsteine und Seite 9 Sandelholz (1.Kg.9,26-28; 10,11; 2.Chr.8,17-18). Dieses Ophir suchte man bisher an der Westküste Arabiens, aber auch in Ostarabien, in Ostafrika und in Indien, schon darum, weil Ezjon-Geber, die Schiffswerft Salomos, im nördlichsten Zipfel des Roten Meeres (des Schilfmeeres) liegt. Die große Seltenheit und Kostbarkeit der Ophirschätze (Jes.13,12; Das Reich Gottes - 14 - und die wohlvorbereitete und jahrelang währende Seereise weist aber auf ein viel ferneres Land hin. Es ist nämlich ausdrücklich gesagt, daß die Weltmeerschiffe Ps.45,10) Salomos nach Tarsis liefen (2.Chr.9,21), und daß die Schiffe, die König Josaphat zum Einbringen von Ophirschätzen in Ezjon-Geber hatte bauen lassen, daselbst scheiterten und nicht nach Tarsis fahren konnten (2.Chr.20,35-37). Also müssen wir auch das Goldland Ophir im fernen Westen suchen. Die neuerbauten Tarsisschiffe umfuhren sehr wahrscheinlich ganz Südafrika und konnten von der Westküste Afrikas sehr bald die Ostküste Südamerikas erreichen, die beide voneinander nur 2000 Kilometer entfernt sind, also nicht weiter als Tyrus von Spanien. Der Amazonenstrom in Südamerika wurde da, wo er Peru durchfließt, in alter Zeit „Fluß Salomos“ genannt. Man stößt auch etwa 1700 Kilometer von der Mündung dieses Stromes aufwärts auf einer Felseninsel des Rio Negro auf uralte Felsenzeichnungen, welche Schiffe, Galeeren, darstellen. - Die Priester der Inkas berichteten bei der Eroberung des Landes durch die Spanier von groß gewachsenen Fremdlingen, die über den großen Teich gekommen waren, das Land eroberten, Tempel und Pyramiden bauten, höhere Kultur einführten, aber durch Erdbeben, Kriege und Pestkrankheit wieder allmählich vernichtet wurden. Diese Fremdlinge, „Chimos“ genannt, glichen aber nicht den Inkas, sondern den Phöniziern oder den Semiten, und die in Peru gefundenen Abbildungen der Götter glichen solchen, die man auch in Karthago ausgegraben hat. Peru war aber früher auch so reich an Gold, daß man daselbst den Wert des Goldes gar nicht kannte. Demnach lag möglicherweise das goldreiche Ophir im Innersten Südamerikas, - und der Spanier Ruhm ist nicht größer, als der Salomos und der Phönizier und der Vorväter des Menschengeschlechts. Ist die ganze Menschheit aus einem Geschlecht (Apg.17,26; 1.Mos.3,20), dann ist der Seeweg nach Amerika wohl auch schon bald nach der Völkerzerstreuung gefunden worden; denn bereits Hiob, der noch vor Moses gelebt haben muß, Eliphas, der Temaniter, Hiobs Freund, Nachkomme von Esau, redet von der Temaniter Weisheit. Teman ist wieder eines andern Eliphas Sohn (1.Mos.36,4.10-12.15-16.34; Hi.2,11; 15,18; 1.Chr.1,35-36; Jer.49,7.20; Hes.25,13; Am.1,12; Ob.9). Bildad, der Schuchiter, stammt von dem Geschlechte Schuach (Schuch), der Abrahams Sohn von der Ketura ist (1.Mos.25,2; 1.Chr.1,32). Uz ist ein Sohn Disans, ein Nachkomme der Horiter, die von Esaus Nachkommen ausgerottet wurden. Das Land Uz, Hiobs Heimat, ist deshalb in Edom (1.Mos.10,23; 36,28; 5.Mos.2,12.22; Klagel.Jer.4,21). Hiob muß darum in der Zeit Esaus und seiner Söhne gelebt haben; denn Eliphas, der Sohn Esaus, besuchte ihn, und nachher lebte Hiob noch 140 Jahre (Hi.42,16). nannte „Ophirgold“ sein eigen (Hi.22,24; 28,16), und Gott selbst hat Seite 10 den Völkern die ganze Erde zum Wohnort zugewiesen und ihnen ihr Erbteil bestimmt und Grenzen festgelegt, aber auch Zeiten bestimmt, daß er sie durch sein Volk, als dem Heilsträger für alle Völker, zur bestimmten Zeit wieder zu finden und zu erreichen vermöchte (1.Mos.11,4.8; 5.Mos.32,7-9; Apg.17,26-27). Daß die Tarsis- oder Weltmeerschiffe schon frühzeitig die Küstenländer der Nord- und Ostsee und die großen Inseln Irland und Britannien erreicht haben, bedarf wohl keiner besonderen Begründung. Daselbst holten sie sich Silber, Eisen, Zinn, Blei und Bernstein (vgl.Hes.27,12.25). Es sei aber hier gleichzeitig mit darauf hingewiesen, daß das spätere Das Reich Gottes - 15 - Nordreich Israel unter Ephraims und Dans Leitung der Weltmeerschiffahrt sehr bald kundig war und Juda von ihm lernen wollte (vgl.2.Chr.20,35-37; Rich.5,17). Wir müssen uns immer wieder die erstaunliche Lebenskraft der Menschheitsvorväter vor Augen stellen, um ermessen zu können, welcher gewaltigen geistigen und körperlichen Tatkraft sie fähig waren, einer Tatkraft, die sie zweifellos leicht in den Stand setzte, Weltmeere zu überqueren und rasch eine hohe Kulturstufe zu erreichen; nach 1.Mose Kapitel 11 und 12 lebte Noah noch mit Abraham 58 Jahre; Sem überlebte Abraham sogar um 33 Jahre, Arpakschad lebte mit Abraham 148 Jahre, Eber lebte 64 Jahre länger als Abraham und Peleg lebte mit Abraham 46 Jahre. Ganz gewiß war Noah ein ausgezeichneter Lehrer der Schiffbaukunst für Weltmeerschiffe. _______________ Israel, das auserwählte Volk Gottes 1. Die Berufung Abrahams zum Vater des Volkes Gottes Von den drei Söhnen Noahs, Sem, Ham und Japhet, war Sem nicht nur der älteste, sondern auch der gesegnetste Sohn (1.Mos.5,32; 9,24; 10,21; 9,26). Ihm war die erste Stellung im Segen Noahs verheißen, und darum finden wir gerade unter seinen Nachkommen die heftigsten Kämpfe um die Vorherrschaft in der Welt. Sems ältester Sohn war Elam, der Vater eines sehr tapferen Volkes (1.Mos.10,22; Jes.21,2 Luth.) Der zweite Sohn Sems war Assur, der Vater eines kriegerischen und grausamen Volkes (Jes.10,13 und 14; 52,4; Jer.6,23; Hab.1,6-11). Der dritte Sohn Sems war Arpakschad, der Vorvater des Verheißungsträgers Abraham (1.Mos.10,21-31). Terach, der Vater Abrahams, wanderte mit seiner ganzen Familie aus Ur in Chaldäa nach Haran in Mesopotamien. Hier mußte Abraham seine väterliche Familie und seine übrige Verwandtschaft nach Seite 11 Gottes Weisung im Glauben verlassen und auf Gottes Wort hin ins Land Kanaan ziehen, ohne zu wissen, wohin er komme. Um seines Glaubensgehorsams willen verhieß Gott ihm eine große Nachkommenschaft und das Land Kanaan ihm und seinen Nachkommen zum ewigen Erbe, unter der Voraussetzung, daß sie „Recht und Gerechtigkeit üben“ (1.Mos.11,31; 12,8; Kap.15; 17,4-8.15-22; 18,18-19, Elb.; 22,16-18). Die Heilige Schrift sagt darüber: „Der Herr sprach zu Abram: Geh aus von deinem Land und von deiner Verwandtschaft und von deines Vaters Hause in das Land, das ich dir zeigen will! So will ich dich zu einem großen Volk machen und dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dir fluchen; und durch dich sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden! – Da ging Abram, wie der Herr zu ihm gesagt hatte, und Lot ging mit ihm; Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, da er von Haran auszog. Und Abram nahm sein Weib Sarai und Lot, seines Bruders Sohn, samt aller ihrer Habe, die sie erworben, und den Seelen, die sie in Haran gewonnen hatten; und sie zogen aus, um ins Land Kanaan zu gehen. Und als sie ins Land Kanaan kamen, durchzog Abram das Land bis zur Ortschaft Sichem, bis zur Eiche Moreh; Das Reich Gottes - 16 - und damals waren die Kanaaniter im Lande. Da erschien der Herr dem Abram und sprach: ‘Deinem Samen will ich dies Land geben!’ Und er baute daselbst einen Altar dem Herrn, der ihm erschienen war. Von da rückte er weiter vor aufs Gebirge, östlich von Betel, und schlug sein Zelt also auf, daß er Betel im Westen und Ai im Osten hatte; und er baute daselbst Jehova einen Altar und rief den Namen Jehovas an.“ (1.Mos.12,1-8) Und bei einer späteren Gelegenheit spricht der Herr: „Sollte ich dem Abraham verbergen, was ich tun will, da Abraham gewiß ein großes und starkes Volk werden soll und alle Völker auf Erden in ihm sollen gesegnet werden? Denn ich habe ihn dafür erkoren, daß er befehle seinen Kindern und seinem Hause nach ihm, des Herrn Weg zu halten und zu tun, was recht und billig ist; daß der Herr auf Abraham bringe, was er ihm verheißen hat.“ (1.Mos.18,17-19) Unter diesem „Tun, was recht und billig ist“, das „Menge“ u.a. mit „Gerechtigkeit und Recht zu üben“ übersetzt, müssen wir das „Üben der Glaubensgerechtigkeit“ verstehen, wie Abraham sie selbst übte und worauf Gott seine Verheißungen zusicherte (vgl.Hes.18,5.19.21.22.27; 33,14.16.19; 1.Joh.2,29; 3,7.10; Offb.22,11) . Eine in das Land Kanaan einbrechende Hungersnot zwang aber Abraham bald nach seinem Einzug ins verheißene Land, mit den Seinen nach Ägypten zu ziehen. Daselbst gelangte er zu großem Reichtum (1.Mos.12,9-20). Seite 12 Nach seiner Rückkehr ins Land Kanaan mußte Abraham sich von Lot, seinem Neffen, wegen Hirtenstreitigkeiten trennen und Lot erwählte sich die Städte des fruchtbaren Jordantales, bis er schließlich sein Nomadenleben ganz aufgab und in der gottlosen Stadt Sodom Wohnung nahm. Gott aber erneuerte dem Abraham die Verheißung betreffs des Landes (1.Mos.13). Damals entstand ein großer Krieg, der vielleicht ein Drittel der damals bekannten Völkerwelt in Mitleidenschaft zog. Dem König von Elam, dieses kriegerischen, fast unbesiegbaren Volkes, das an den Mündungen des Euphrat und Tigris wohnte, sind die fünf Könige von Sodom, Gomorra, Adama, Zeboim und Bela (d.i. Zoar) zwölf Jahre lang untertan gewesen, dann aber abgefallen. Darum überzog der König von Elam, im Bund mit den Königen von Sinear, Ellasar und Gojim, die syrophönizischen Länder mit Krieg und schlug die Rephaiter zu Astarot-Karnaim, die Susiter zu Ham und Emiter in der Ebene Kirjataim und die Horiter auf dem Gebirge Seir bis nach El-Paran an der Wüste; von dort wandten sie sich gegen Mischpat, d.i. Kadesch, und schlugen die Bewohner des Landes, das später den Amalekitern gehörte, und dazu die Amoriter, die zu Hazezon-Tamar wohnten, und verheerten deren Länder. Nach diesem großen Sieg der vier Könige vom Euphrat rafften sich die fünf Könige von Sodom, Gomorra, Adama, Zeboim und Bela (Zoar) auf und zogen ins Tal Siddim, wo viele Asphaltgruben sind, gegen die vier Könige von Osten. Aber die Sieger von vorhin schlugen auch die fünf Könige in die Flucht, beraubten Sodom und Gomorra und nahmen Lot mit (1.Mos.14,1-12). Da trat Abraham, als ein Mann Gottes, auf den Plan. Er jagte mit der sehr geringen Zahl von 318 Knechten den großen Siegern nach, überfiel sie bei Nacht, schlug sie, verfolgte sie bis weit über Damaskus hinaus, entriß ihnen Lot und brachte reiche Beute Das Reich Gottes - 17 - mit (1.Mos.4,13-16). - Daß dieser Sieg, der mit dem späteren Sieg Gideons über die Philister zu vergleichen ist, ein Sieg durch den Glauben war, geht schon daraus hervor, daß der von der „Schlacht der Könige“ zurückkehrende Abraham dem König Melchisedek von Salem, einem Priester Gottes, des Allerhöchsten, dem König der (Gottes-) Gerechtigkeit und des Friedens, den Zehnten von der Beute gab. Melchisedek war Abraham mit Brot und Wein entgegengegangen und hatte ihn gesegnet (1.Mos.14,18-20; Hebr.7,1-3). 2. Abrahams erste Glaubensrechtfertigung „Nach diesen Geschichten begab es sich, daß des Herrn Wort an Abram im Gesichte also erging: ‚Fürchte dich nicht, Abram, ich bin dein Schild; dein Lohn ist sehr groß!‘ Abram aber sprach: ‚O Herr Jehova, was willst du mir geben, da ich doch kinderlos dahingehe, Erbe meines Hauses aber dieser Elieser von Damaskus ist?‘ Und Abram sprach weiter: ‚Siehe, du hast mir keinen Samen gegeben, und siehe, ein Knecht, der in Seite 13 meinem Hause geboren ist, soll mein Erbe sein!‘ Aber des Herrn Wort geschah zu ihm: ‚Dieser soll nicht dein Erbe sein, sondern der von dir selbst kommen wird, der soll dein Erbe sein!‘ Und er führte ihn hinaus und sprach: ‚Siehe doch gen Himmel und zähle die Sterne, wenn du sie zählen kannst!‘ Und er sprach zu ihm: ‚Also soll dein Same werden!‘ Und Abram glaubte dem Herrn, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit. Und er sprach zu ihm: ‚Ich bin Jehova, der ich dich von Ur aus Chaldäa ausgeführt habe, daß ich dir dieses Land erblich zu besitzen gebe.‘ Abram aber sprach: ‚Herr Jehova, woran soll ich merken, daß ich es erblich besitzen werde?‘ Und er sprach zu ihm: ‚Bringe mir eine dreijährige Kuh und eine dreijährige Ziege und einen dreijährigen Widder und eine Turteltaube und eine junge Taube.‘ Und er brachte solches alles und zerteilte es mitten voneinander und legte je eine Hälfte der andern gegenüber. Aber die Vögel teilte er nicht. Und es fielen Raubvögel über die Opfer her, aber Abram verscheuchte sie. Da nun die Sonne sich anfing zu neigen, fiel ein tiefer Schlaf auf Abram, und siehe, Schrecken und große Finsternis überfiel ihn. Da ward zu Abram gesagt: ‚Du sollst für gewiß wissen, daß dein Same fremd sein wird in einem Lande, das nicht ihm gehört, und daselbst wird man sie zu dienen zwingen und demütigen vierhundert Jahre lang.‘ Aber auch das Volk, dem sie dienen müssen, will ich richten; darnach sollen sie mit großer Habe ausziehen. Und du sollst im Frieden zu deinen Vätern hinfahren und in gutem Alter begraben werden. Sie aber sollen im vierten Zeitalter wieder hierher kommen; denn das Maß der Sünden der Amoriter ist noch nicht voll. Als nun die Sonne untergegangen und es finster geworden war, siehe, da war es wie ein rauchender Ofen, und eine Feuerfackel fuhr zwischen den Stücken hin. An dem Tage machte der Herr mit Abram einen Bund und sprach: ‘Deinem Samen habe ich dieses Land gegeben, vom Fluß Aegyptens bis an den großen Strom, den Euphrat; die Keniter, die Kenisiter, die Kadmoniter, die Hetiter, die Pheresiter, die Rephaiter, die Amoriter, die Kanaaniter, die Girgasiter und die Jebusiter.‘“ (1.Mos.15,1-21) Weil nun Sarai trotz dieser Verheißung immer noch unfruchtbar blieb, darum gab sie ihrem Mann Abraham ihre Magd Hagar zur zweiten Frau. Hagar gebar ihm den Sohn Ismael (= Gott hört), der sich aber schon im Knabenalter als ein Spötter erwies. Nun war dem Abraham in der Verheißung der Nachkommenschaft auch der Christus verheißen worden, das ist der schon dem Adam verheißene Schlangentreter (1.Mos.3,15), wie uns der Apostel Paulus kundtut. „Nun sind dem Abraham die Verheißungen zugesprochen und seinem Samen. Es heißt nicht: ‚und den Samen‘, als von vielen, sondern als von - 18 - Das Reich Gottes Seite 14 einem, nämlich ‚Deinem Samen‘, welcher ist Christus.“ (Gal.3,16) Also darum wurde ihm sein Glaube nicht schon mit fünfundsiebzig Jahren, sondern erst dann zur Gerechtigkeit gerechnet, als er neben der Verheißung eines natürlichen Nachkommen (Isaak) auch noch die bestimmte Verheißung des Christus für sich festhielt. Das war offenbar der Lohn Abrahams, daß er über den Fluch der Unfruchtbarkeit und Leibeserstorbenheit hinaus den göttlichen Samen suchte, der den Menschen rechtfertigt (Mal.2,15 Min.-Bib. m. Anm.). Dieser Ausblick auf ein Vorbild des ihm verheißenen Christus ließ ihn erkennen, daß der verheißene Same ähnlich dem schon den ersten Menschen verheißenen „Weibessamen“ unmöglich der Same einer natürlichen Zeugungs- und Empfängnisfähigkeit sein konnte, und darum lernte er absehen von Ismael und lernte geduldig, standhaft weiterharren auf den wahren Samen der Verheißung. 3. Abrahams zweite Glaubensrechtfertigung Als Abraham neunundneunzig Jahre alt war, erschien der Herr ihm nochmals, erneuerte ihm die gegebene Verheißung und den Bund mit ihm, änderte seinen Namen „Abram“ = „hoher Vater“ in „Abraham“ = „Vater einer Menge“ und den Namen seines Weibes Sarai in „Sara“ = „Fürstin“ und forderte hierbei „als Siegel des Glaubens Abrahams“ die Beschneidung seines ganzen Hauses und aller seiner männlichen Nachkommen (1.Mos.17-18; Röm.4,11-12). Von dieser Zeit sagt Paulus uns im Römerbrief: „Ich habe dich (Abraham) zum Vater vieler Völker gesetzt‘ – vor dem Gott, dem er glaubte, welcher die Toten auferweckt (wörtl. ‘lebendig macht’) und dem ruft, was nicht ist, als wäre es da. Er hat gegen alle Hoffnung auf Hoffnung geglaubt, daß er ein Vater vieler Völker werde, wie zu ihm gesagt worden war: ‚Also soll dein Same sein!‘ Und er ward nicht schwach im Glauben, also daß er seinen schon erstorbenen Leib in Betracht gezogen hätte, weil er schon hundertjährig war, auch nicht den erstorbenen Mutterleib der Sara; er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern ward stark, indem er durch den Glauben Gott die Ehre gab und völlig überzeugt war, daß, was Gott verheißen habe, das sei er auch mächtig zu tun. Darum wurde es ihm auch als Gerechtigkeit angerechnet.“ (Röm.4,3.17-22) Abrahams sofort einsetzender Glaube an die Verheißung eines Sohnes von der Sara ermutigte ihn, beim Herrn für das dem Untergang geweihte Sodom Fürbitte einzulegen, besonders aber für Lots Errettung vor Sodoms und Gomorras Untergang (1.Mos.18,16 19,29). Immerhin fürchtete Abraham noch um sein Leben zu Gerar bei den Philistern, doch der Herr gab ihm Gnade vor König Abimelech (1.Mos.20). Seite 15 Auf Betreiben von Sara sollte Abraham den Ismael, den Sohn der Hagar, austreiben, weil Ismael Mutwillen trieb. Das tat Abraham erst auf Gottes Geheiß, und dadurch wurde eine bestimmte göttliche Ordnung in besonderer Weise offenbar, auf die der Apostel Paulus im Galaterbrief hinweist (Gal.4,21-30). 4. Abrahams dritte Glaubensrechtfertigung Durch Gottes Bestätigung der Worte der Sara: Das Reich Gottes - 19 - „Treib diese Magd mit ihrem Sohne aus! Denn der Sohn dieser Magd soll nicht erben mit meinem Sohn Isaak!“ (1.Mos.21,10), mußte Abraham immer mehr erkennen, daß der Mensch nur durch den Glauben gerechtfertigt und Erbe der Verheißung wird. Aber seine Glaubensvollendung war das noch nicht, als er glaubte, daß Gott ihn und Sara, als „Erstorbene“, wieder zur natürlichen Zeugungsfähigkeit „lebendigmache“ (Röm.4,17-22 Elb.u.a.). Die Vollendung des Glaubens erreichte Abraham erst, als er seinen Sohn Isaak Gott zum Opfer darbrachte in der Überzeugung, daß Gott den Isaak nur darum zum Opfer begehre, damit er ihn, - weil das Verwesliche des Ruhmes, d.i. der Herrlichkeit Gottes, ermangelt, - unverweslich auferwecke; denn nur an einem lebendigen Isaak konnten sich die noch ausstehenden Verheißungen erfüllen. Über den Glauben Abrahams zu dieser Zeit sagt uns der Schreiber des Hebräerbriefes: „Durch Glauben hat Abraham den Isaak dargebracht, als er versucht wurde, und opferte den Eingeborenen, er, der die Verheißungen empfangen hatte, zu welchen gesagt worden war: ‘In Isaak soll dein Same genannt werden.’ Denn er bedachte, daß Gott mächtig sei, auch aus Toten zu erwecken, weshalb er ihn auch ähnlich einem solchen wieder erhielt.“ (Hebr.11,17-19) Und Jakobus nennt dieses Glaubenswerk schlechthin „die Werke“, die den Glauben vollenden, indem er schreibt: „Ward nicht Abraham, unser Vater, durch Werke gerechtfertigt, als er seinen Sohn Isaak auf dem Altar opferte? Da siehst du doch, daß der Glaube mitgewirkt hat zu seinen Werken und daß der Glaube durch die Werke vollendet wurde; und so erfüllte sich die Schrift, die da spricht: ‘Abraham hat Gott geglaubt, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet’, und er ist ein Freund Gottes genannt worden.“ (Jak.2,21-23) Moses selbst schreibt über die Vorgänge auf dem Berge Morija: „Als sie an den Ort kamen, den Gott ihm genannt hatte, baute Abraham daselbst einen Altar und legte das Holz ordentlich darauf, band seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. Und Abraham streckte seine Hand aus und faßte das Messer, seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm Seite 16 der Engel des Herrn vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Und er antwortete: Siehe, hier bin ich! Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm nichts; denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deinen einzigen Sohn nicht verschont um meinetwillen! Da hob Abraham seine Augen auf und sah hinter sich einen Widder mit seinen Hörnern in den Hecken verwickelt. Und Abraham ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer anstatt seines Sohnes. Und Abraham nannte den Ort ‚Jehova sieht darein!’ So daß man noch heute sagt: ‚Auf dem Berge, da Jehova erscheint!‘ Und der Engel des Herrn rief dem Abraham zum zweiten Mal vom Himmel und sprach: ‚Ich habe bei mir selbst geschworen‘, spricht der Herr, ‚weil du solches getan und deines einzigen Sohnes nicht verschont hast, daß ich dich gewiß segnen und deinen Samen mächtig mehren will wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Rande des Meeres. Und dein Same soll die Tore seiner Feinde besitzen, und in deinem Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, dafür daß du meiner Stimme gehorcht hast!“ (1.Mos.22,9-18) Neben der Beachtung der Glaubensvollendung Abrahams erkennen wir auch, daß Isaak, der Sohn Abrahams, als Verheißungsträger mitsamt dem aus ihm hervorgehenden Volk Jakob-Israel geradezu zwiefach aus den Toten zum Leben bestimmt war, und das Das Reich Gottes - 20 - hat auch seine wichtige Bedeutung für das ganze Volk Gottes in aller noch folgenden Zeit. 5. Isaak Auch Isaaks Stärke lag in Gott, und darum war in seinem Herzen Zuversicht. Abraham hatte für Isaak eine Tochter aus seiner in Mesopotamien zurückgebliebenen Verwandtschaft zur Frau bestimmt. Das war Rebekka, und sie gebar ihm Zwillinge, die schon vor ihrer Geburt bestimmte Weissagungen und Verheißungen Gottes empfingen; der Herr sagte ihr: „Zwei Völker sind in deinem Schoß, und zwei Stämme werden sich aus deinem Innern scheiden, und ein Volk wird dem andern überlegen sein, und der Ältere wird dem Jüngeren dienen.“ (1.Mos.25,23) Auch hierin offenbarte Gott eine bestimmte Heilsordnung, die an anderer Stelle näher erklärt ist (Mal.1,3; Röm.9,10-13). Weil aber in Isaaks Herzen Zuversicht war, darum wurde er nicht müde, die Brunnen Abrahams wieder aufzugraben, welche die Philister verschütteten; er grub zwei neue Brunnen, über denen die Philister zankten, und grub einen dritten, bei dem er Ruhe fand (1.Mos.26,15-22; vgl.Ps.84,6-7). Darauf zog er in sein Land zurück, das er wegen der Teuerung verlassen hatte, grub den Brunnen Beer-Seba, und Gott erschien ihm zum zweiten Mal, um seinen Bund mit Abraham zu bestätigen. Seite 17 Wenn auch, wie seine natürlichen Augen, die Augen seines Herzens in seinem Alter so dunkel geworden waren, daß ihm das Unterscheidungsvermögen dafür abging, welcher von seinen beiden Zwillingssöhnen der von Gott Erwählte war, so ließ er doch „gesegnet sein, was gesegnet ist“, und Gott bekannte sich zu ihm als „der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“, woraus wir ersehen können, daß er an den Gott glaubte, der die Toten auferweckt (1.Mos.27,33; 2.Mos.3,6; Matth.22,31-32; Mark.12,26-27; Luk.20,37-38). 6. Jakob-Israel Jakob heißt „Überlister“, und das ganze Volk Jakob ist schon von Mutterleib an ein „Übertreter“ genannt (1.Mos.27,35-36; Jes.48,8). Schon bei seiner Geburt hielt er seines Bruders Ferse fest, und in der Teuerung brachte er als Mann seinen Zwillingsbruder Esau um das Erstgeburtsrecht, das dieser um ein rotes Linsengericht preisgab und damit verachtete (1.Mos.25,26 - 26,1). Da nun aber Jesus als Auferstandener der Erstgeborene von den Toten ist, so erkennen wir daraus, daß Esau im Grunde genommen den Glauben seiner Väter verachtete, auf dem die Verheißung ruhte, nämlich den Auferstehungsglauben Abrahams, und dadurch machte er sich gemein (Kol.1,18; Hebr.12,16). Das alles zeigt schon die göttliche Ordnung, daß der ältere Bruder, der die Geburt nach dem Fleische darstellt, dem jüngeren, der die Geburt nach dem Geist, aus Gott vorschattet, dienen soll. Das Fleisch soll dem Geist dienen, weshalb der Herr schon vor der Geburt von Esau und Jakob die Verheißung dem Jüngeren zusagte (Mal.1,3; Röm.9,1013). (Die gleiche Ordnung sehen wir bei den beiden Brüdern Kain und Abel, den ersten zwei Söhnen von Adam und Eva, dann wieder bei den zwei Söhnen von Abraham, Ismael und Isaak, und zuletzt noch bei den beiden ersten Söhnen von Joseph, Manasse und Ephraim. Bei Das Reich Gottes - 21 - diesen beiden Kindern mußte ihr Großvater Jakob, als er sie segnete, seine beiden Arme im Kreuzzeichen verschränken, um den Älteren dem Jüngeren voranzustellen. Während aber diese Unterordnung des Fleisches unter den Geist zum Brudermord bei Kain und zum beständigen Streit und Krieg bei Ismael und Esau und ihren Nachkommen mit den Segensträgern führte, war Manasse mit Ephraim unter dem Kreuzzeichen auf den Friedensboden der Glaubensrechtfertigung gestellt.) Durch Mutterlist kam Jakob dann in den Besitz des Segens, der für den Erstgeborenen bestimmt war, und der ihm nach seinem viele Jahre zuvor erfolgten Handel mit Esau sowieso rechtmäßig zustand. - Wir sehen bei Jakob durch alles hindurch ein Gottdienen-Wollen, das war die Wirkung der göttlichen Berufung, während es Esau nicht darum, sondern nur um äußere Segnungen zu tun war (1.Mos.27,1-40; Hebr.12,17). Daß Esau sein Recht auf den Erstgeburtssegen verwirkt hatte, hinderte ihn dennoch nicht, um des verlorenen Segens willen in seinem Herzen gegen seinen Bruder Jakob Todfeindschaft zu nähren (1.Mos.27,41-46). Das bestimmte Jakob, nach Mesopotamien zu fliehen. Auf dem Wege dahin begegnete ihm der Herr eines Nachts im Traum und gab ihm die Verheißung für den Segen seiner Väter (1.Mos.28,1-15). Obschon Jakob sich daraufhin eidlich verpflichtete, Gott zu dienen, - als Zeichen Seite 18 dieses Dienstes wollte er Gott den Zehnten von allem seinem Erwerb geben -, so diente er doch sehr bald vierzehn Jahre um ein Weib - von denen ihm sieben Jahre wie sieben Tage deuchten - und sechs Jahre um Lohn. Als Jakob dann Laban, seinen Schwiegervater, heimlich verließ, in das Land Kanaan zurückfliehen wollte, und vernahm, daß auch Esau ihm mit vierhundert Mann entgegeneilte, da wurde in seinem Kampf mit Gott an der Furt des Flusses Jabbok der ganze Widerstand des natürlichen Menschen gegen Gott offenbar; denn Jakob rang mit dem Engel des Herrn die ganze Nacht (1.Mos.32,1-25). Die Worte des Propheten lauten: „Jakob floh einst in die Gefilde Arams, und Israel diente um ein Weib, und um ein Weib hütete er (die Herden).‘ ‚Schon im Mutterschoße hielt er seines Bruders Ferse, und in seiner Manneskraft kämpfte er mit Gott. Er kämpfte mit dem Engel und siegte, er weinte und flehte zu ihm.“ (Hos.12,13.4-5). Jakob stellte sich im Geiste in seinem Kampf mit Gott für alle Gläubigen vorbildlich ein; denn er gab die Segensverheißung auch dann nicht preis, als Gott den fleischlichen Widerstand, den Jakob gegen ihn hatte, ganz offenbarmachte. Er wußte, daß Gottes Verheißungsschwur trotz der Sünde, die sich in seinen Gliedern durchgewirkt hatte, gültig bleiben muß (vgl.Röm.4,5; 5,6-10). Mit seinem „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“ (1.Mos.32,27), hat Jakob seinen Gott ganz verstanden, ihn für alle Zeiten für sich gewonnen und ihm die höchste Liebesoffenbarung zugemutet (1.Mos.32,27; vgl.Luk.15,11-32). Da empfing er seinen neuen Namen „Israel“, d.h. „Gotteskämpfer“, und der Engel Gottes segnete ihn daselbst. Jakob hatte nun Gott „von Angesicht zu Angesicht“, das heißt in seinem ganzen Gnadenerbarmen und Rechtfertigungswillen für den Sünder, erkannt, und aus dieser seiner neu errungenen Gotteserkenntnis heraus, daß Gott anstelle des Alten ein Neues setzt, sieht er seine Seele, sein Leben gerettet: die „Sonne der Gerechtigkeit“ ging ihm auf, als er an Pniel an „Gottes Angesicht“ vorüberging (1.Mos.32,28-32; Mal.3,20). Nun - 22 - Das Reich Gottes konnte er im Heimzug nach Kanaan seinem Bruder Esau getrost begegnen; denn er wußte, daß sein Gott seine Hand über ihn hielt (1.Mos.33,1-16). 7. Die Söhne Jakob-Israels Jakob-Israel besaß zwölf Söhne und eine Tochter von seinen vier Frauen, die er nacheinander erhalten hatte. – Die zwölf Söhne Jakobs wurden später zu zwölf starken Volksstämmen, und der Stamm Joseph zerfiel in zwei besondere Stämme (Manasse, Ephraim), die laut Jakob-Israels Bestimmung den andern elf Stämmen gleichgeachtet werden sollten. Trotzdem ist die Zwölf-Ordnung in den Aufzählungen meistens beibehalten, indem gewöhnlich der Stamm Levi nicht mit aufgezählt ist, weil er anstatt der Erstgeburt aller Israeliten Gott zum Heiligtumsdienst angehörte. Seite 19 Beachtenswert sind folgende Aufstellungen: Die Reihenfolge der Stämme Die biblische Reihenfolge nach dem Alter der Söhne Jakobs: der Söhne Jakobs ist nach 1.Mos.35,23-26: Die Kinder von: Die Kinder von: 1. Lea Ruben„Seht, ein Sohn“ 1. Lea Ruben Simeon „Erhörung“ Simeon Levi „Anhänglichkeit“ Levi Juda „Gepriesener“ Juda 2. Bilha, Dan „Richter“ Issaschar Rahels Magd Naphtali „Ringkampf“ Sebulon 3. Silpa, Gad „Glück“ 2. Rahel Joseph Leas Magd Asser „Glückspender“ Benjamin 4. Lea Issaschar „Es gibt Lohn“ 3. Bilha, Dan Sebulon „Wohnung“ Rahels Magd Naphtali Dina (Tochter) „Gerichtskind“ 5. Rahel Joseph „Er füge hinzu“ 4. Silpa, Gad Benjamin „Sohn der Rechten“ Leas Magd Asser Jakobs Segen (1.Mos.Kap.49) Verordnung zur Volkszählung Die Volkszählung und Hauptleute der zwölf Stämme (4.Mos.1,20-43) (4.Mos.1,5-15) 1. Ruben 1. Ruben 1. Ruben 2. Simeon 2. Simeon 2. Simeon 3. Levi 3. Juda 3. Gad 4. Juda 4. Issaschar 4. Juda 5. Sebulon 5. Sebulon 5. Issaschar 6. Issaschar 6. Ephraim 6. Sebulon 7. Dan 7. Manasse 7. Ephraim 8. Gad 8. Benjamin 8. Manasse 9. Asser 9. Dan 9. Benjamin 10. Naphtali 10. Asser 10. Dan 11. Joseph (Manasse Ephraim) 11. Gad 11. Asser 12. Benjamin 12. Naphtali 12. Naphtali (Levi fehlt) (Levi fehlt) Stammordnung um die Stiftshütte (4.Mos.2) Juda Issaschar Osten Sebulon - 23 - Das Reich Gottes Sonnenaufgang Assur Norden; Mitternac ht Naphtalie Lvi Dan Süden Mittag! Simeon Eingang zum Heiligtum Levi RubenGad Levi Die Stifshütte Allerheiligste Levi Westen Sonnenuntergang Benjamin Ephraim Manasse Seite 20 Ordnung der Fürsten der Stämme (4.Mos.7,12-83) 1. Juda 2. Issaschar 3. Sebulon 4. Ruben 5. Simeon 6. Gad 7. Ephraim 8. Manasse 9. Benjamin 10. Dan 11. Asser 12. Naphtali Zweite Volkszählung (4.Mos.26,5-50) 1. Ruben 2. Simeon 3. Gad 4. Juda 5. Issaschar 6. Sebulon 7. Manasse 8. Ephraim 9. Benjamin 10. Dan 11. Asser 12. Naphtali Der Segen von Mose (5.Mos.33,6-25) 1. Ruben 2. Juda 3. Levi 4. Benjamin 5. Joseph Ephraim 6. Sebulon 7. Issaschar 8. Gad 9. Dan 10. Naphtali 11. Asser (Simeon fehlt) Mose und Josua teilen den zwölf Stämmen das Land aus Die Söhne Jakobs Die zwölf Geschlechter (Jos.13,8 bis Kap.19,48) (1.Chr.2,1-2) (1.Chr.2,2 - 8,40) 1. Ruben 2. Gad 3. Manasse (einhalb) 4. Juda 5. Ephraim 6. Manasse (einhalb) 7. Benjamin 8. Simeon 9. Sebulon 10. Issaschar 11. Asser 12. Naphtali 13. Dan 1. Ruben 2. Simeon 3. Levi 4. Juda 5. Issaschar 6. Sebulon 7. Dan 8. Joseph 9. Benjamin 10. Naphtali 11. Gad 12. Asser 1. Juda 2. Simeon 3. Ruben 4. Gad 5. Manasse (einhalb) 6. Levi 7. Issaschar 8. Benjamin 9. Naphtali 10. Manasse (einhalb) 11. Ephraim 12. Asser (Dan und Sebulon - 24 - Das Reich Gottes (Levi fehlt) fehlen) Die zwölf Stämme Die zwölf Tore der Stadt nach der Rückkehr nach den Namen der zwölf Stämme in Kanaan (Hes.48) (Hes.48,30-35) (Von Norden nach Süden) Die Versiegelung der 144000 aus den zwölf Stämmen (Offb.7,1-8) Osten, Sonnenaufgang 1. Dan 2. Asser 3. Naphtali 4. Manasse 5. Ephraim 6. Ruben 7. Juda 8. Levi 9. Benjamin 10. Simeon 11. Issaschar 12. Sebulon 13. Gad Joseph Benjamin Dan Simeon n Levi Die Heilge Stadt Juda Ruben Issarchar Sebulon Naphtalie Asser 1. Juda 2. Ruben 3. Gad 4. Asser 5. Naphtali 6. Manasse 7. Simeon 8. Levi 9. Issaschar 10. Sebulon 11. Joseph (Ephr.?) 12. Benjamin (Dan fehlt) Gad (Westen, Sonnenuntergang) Seite 21 In den Stammordnungen für die Volkszählungen hat die Reihenfolge weniger zu sagen; in den Segensverheißungen auch nicht; wohl aber ist wichtig, welche Stämme am Segen Anteil haben und wie der Segen ausfällt. Anders ist es bei der Stammordnung um die Stiftshütte und bei den Toren der erneuerten heiligen Stadt Jerusalem. Bei der Stiftshütte ist Juda dem Eingang am nächsten, und Ephraim lagert sich dem Allerheiligsten gegenüber. In der heiligen Stadt dagegen halten Juda, Levi und Ruben gegen „Mitternacht“ die Wache; denn von dort drohte von jeher das Verderben durch feindliche Völker. Die Fürsten- und Geschlechterordnung zeigt uns Juda in der Führung, aber bei der Rückkehr ins heilige Land ist eigenartigerweise Dan zuerst genannt, obwohl gerade Dan, der „Richter“ seiner Brüder, in der Aufzählung der Stämme, aus denen die 144000 hervorgehen, ganz und gar fehlt (1.Mos.49,16-18). 8. Joseph in Ägypten Zehn Söhne Israels verkauften ihres Vaters Lieblingssohn Joseph, der seine Brüder auf dem Felde suchte, an midianitische Kaufleute, die ihn nach Ägypten weiterverkauften, und die Brüder gaben bei ihrem Vater vor, ein wildes Tier habe ihn zerrissen. Sie haßten ihn, weil er ihnen aus Träumen seine künftige Herrschaft über sie geoffenbart hatte; da er aber noch nicht kundtun konnte, daß dies eine Gnadenherrschaft werden würde, die ihnen das Leben retten sollte, darum hatten sie ihn zu töten gesucht und ihn schließlich als Sklaven verkauft (1.Mos.37; 1.Mos.47,13-14). Das Reich Gottes - 25 - Wohl wurde Joseph in Ägypten gesegnet. Aber neu erlittenes Unrecht brachte ihn in Lebensgefahr und ins Gefängnis zu des Königs Gefangenen. Gewiß konnte Joseph, ähnlich wie Hiob, hier auf seine Schuldlosigkeit hin nicht gerechtfertigt und befreit werden; denn Gott selbst ließ ihn Unrecht leiden. Das bewog ihn aber offenbar, auf die Glaubensgerechtigkeit seiner Väter zu achten und daraufhin eine göttliche Rechtfertigung und Rettung zu erwarten. Tatsächlich kam Joseph, dreißigjährig, aus dem Gefängnis und wurde Herr über Ägypten, als er Pharao den Traum von einer siebenjährigen, außerordentlichen Fruchtbarkeit und einer siebenjährigen Teuerung auszulegen vermochte. Joseph ließ in Ägypten Kornhäuser errichten und speicherte darin allen Überfluß der fruchtbaren Jahre auf, den er von den Ägyptern forderte (1.Mos.39 - 41). Zur Zeit der Hungersnot brachte Joseph alles Geld und Vieh der Ägypter und Kanaaniter (offenbar stand Kanaan unter ägyptischer Vorherrschaft) und schließlich auch noch deren Feld und Freiheit in die Hand des Pharao - nur die Äcker der ägyptischen Priester wurden nicht angekauft; denn sie hatten von jeher festes, staatliches Einkommen. Die so leibeigen gewordenen Ägypter mußten für das gelieferte Brot und Saatgetreide künftighin dem Pharao den Fünften ihres Ertrages abliefern. - Vielleicht ließ Joseph zu der Zeit auch den gewaltigen „Jussuph-Kanal“ bauen, dessen (Nil-) Wasser das sogenannte „Meer“ Seite 22 (Fayum, hergeleitet vom koptischen „Phiom“, d.h. „Meer“), den Mörissee in der Oase Fayum, zur Zeit der Nilüberschwemmung zu Stauzwecken füllte (vgl.Jes.19,5 Min.B.). Eine Unterweisung aus den Psalmen sagt uns über Joseph: „Gott rief eine Hungersnot herbei über das Land und zerschlug alle Hoffnung auf Brot. Er sandte einen Mann vor ihnen (vor Israel) her, Joseph ward zum Sklaven verkauft. Sie zwangen seinen Fuß in einen Stock, seine Seele geriet in Fesseln, bis zur Zeit, da sein Wort eintraf und der Ausspruch des Herrn ihn bewährte. Da sandte der König hin und befreite ihn, der Völkerbeherrscher ließ ihn los. Er setzte ihn zum Herrn über sein Haus und zum Herrscher über alle seine Güter, daß er seine Fürsten nach Belieben bände und seine Ältesten unterwiese. Da zog Israel nach Ägypten, und Jakob wurde ein Fremdling im Lande Hams.“ (Ps.105,16-23) 9. Israel in Ägypten Die Hungersnot nahm so überhand, daß auch zehn der Söhne Israels nach Ägypten ziehen mußten, um dort Getreide zu kaufen. Joseph behandelte sie als Kundschafter (Spione), um ihre Gesinnung zu prüfen. Tatsächlich sagten sie zueinander: „Wahrlich, das haben wir an unserem Bruder verschuldet, dessen Seelenangst wir sahen, da er uns um Erbarmen anflehte; wir aber hörten nicht auf ihn. Darum ist diese Not über uns gekommen!’ Ruben antwortete und sprach zu ihnen: ‚Habe ich es euch nicht gesagt, ihr sollet euch an dem Knaben nicht versündigen? Aber ihr wolltet ja nicht hören! Darum seht, nun wird sein Blut gefordert!“ (1.Mos.42,122) Simeon mußte daraufhin gebunden im Gefängnis zurückbleiben, und bei einem zweiten Zug nach Ägypten sollten sie nicht ohne ihren jüngsten Bruder Benjamin wiederkommen. Im anderen Jahr der Teuerung mußten sie doch wieder nach Ägypten ziehen, und zwar mit Benjamin, so schwer es auch Israel wurde, ihn ziehen zu lassen; denn er trauerte noch um Joseph. Das Reich Gottes - 26 - Bei ihrer zweiten Ankunft versuchte Joseph seine Brüder wieder, die ihn immer noch nicht als ihren Bruder erkannt hatten, und prüfte ihre Gesinnung daran, daß er Benjamin, den jüngsten, des Diebstahls bezichtigte. Wohl hatte Ruben vor Israel gelobt, sich für Benjamin einzusetzen, damit er heil zurückkomme und Israels graue Haare nicht mit Seite 23 Jammer in die Grube kämen. Aber an seiner Statt setzte Juda sich ein und sagte unter anderem zu Joseph (1.Mos.42 - 44): „Aber dein Knecht hat sich bei meinem Vater für den Knaben verbürgt und versprochen: ‚Wenn ich dir ihn nicht wiederbringe, so habe ich meinem Vater gegenüber mein ganzes Leben verwirkt.‘ Darum will nun dein Knecht als Sklave meines Herrn hierbleiben anstatt des Knaben, der Knabe aber soll mit seinen Brüdern hinaufziehen. Denn könnte ich zu meinem Vater hinaufziehen, ohne daß der Knabe bei mir wäre? Ich möchte das Leid nicht sehen, das meinen Vater träfe!“ (1.Mos.44,32-34) Da offenbarte Joseph sich seinen Brüdern, ließ seinen Vater Jakob-Israel mit allen Seelen, siebzig im ganzen, nach Ägypten kommen und siedelte sie als Herdenbesitzer im Lande Gosen an. Dortselbst setzte Israel die beiden ersten Söhne Josephs, Manasse und Ephraim, mit seinen übrigen elf Söhnen gleichberechtigt als Stämme Israels und segnete sie, und zwar den Jüngeren vor dem Älteren unter dem Zeichen des Kreuzes seiner verschränkten Arme (1.Mos.45 - 49). In Ägypten wurden die siebzig Seelen Israels im Verlauf von 400 Jahren zu einem großen Volk; denn 400 Jahre brauchte es noch, bis das Maß der Sünden der Kanaaniter und Amoriter voll geworden und die Völker Kanaans gerichtsreif waren (2.Mos.1,5-7; 1.Mos.15,13-16). Weil aber die Israeliten die Sendung des Moses nicht begriffen, als er sie zu befreien suchte, darum konnte Gott deren Knechtschaft nicht schon mit 390 Jahren, sondern erst mit 430 Jahren wenden (Apg.7,25.35). 10. Israels Auszug aus Ägypten In Ägypten kam schließlich ein Pharao auf, der von Josephs Verdienst um das Königshaus und das ganze Ägyptervolk nichts wußte. Der bedrückte das Volk Israel hart durch Frondienste, weil es sich unter Gottes Segen so mächtig vermehrte, ja, er gebot sogar, die neugeborenen Knäblein der Hebräer zu töten (2.Mos.1; Apg.7,17-19). Aber ein Mann aus dem Stamm Levi und sein Weib wagten es im Glauben doch, ihr neugeborenes Knäblein gegen das Gebot des Königs am Leben zu erhalten, indem sie es, als sie es nicht verbergen konnten, in einem gegen das Wasser abgedichteten Rohrkästchen im Nil zwischen dem Schilf unterbrachten. Dort fand die Tochter des Pharao den weinenden Knaben, nahm ihn als eigen an und nannte ihn Moses (2.Mos.2,110; Apg.7,17-19). Und Moses wurde in aller Weisheit der Ägypter unterrichtet und war in Ägypten mächtig in seinen Worten und Taten (Apg.7,22). Die Erfahrungen, die er in dieser Zeit mit seinem Volk in Ägypten machte, berichtet Stephanus, der erste Blutzeuge der jungen Gemeinde Gottes, vor dem Hohen Rat in Jerusalem mit den Worten: „Als Moses aber ausgesetzt wurde, hob ihn die Tochter Pharaos auf und erzog ihn sich selbst zum Sohne. Und Moses ward in Seite 24 Das Reich Gottes - 27 - aller Weisheit der Ägypter unterrichtet und war mächtig in seinen Worten und Taten. Als er aber vierzig Jahre alt war, stieg der Gedanke in ihm auf, seine Brüder, die Kinder Israels zu besuchen. Und da er einen Unrecht leiden sah, wehrte er ab und rächte den Unterdrückten, indem er den Ägypter erschlug. Er meinte aber, seine Brüder würden es verstehen, daß Gott ihnen durch seine Hand Rettung gebe; aber sie verstanden es nicht. Und am folgenden Tage kam er dazu, da sie miteinander haderten, und ermahnte sie zum Frieden und sprach: Männer, ihr seid Brüder, warum tut ihr einander Unrecht? Der aber, welcher seinem Nächsten Unrecht tat, stieß ihn weg und sprach: Wer hat dich zum Obersten und Richter über uns gesetzt? Willst du mich etwa töten, wie du gestern den Ägypter getötet hast? Da entfloh Moses auf diese Worte hin und ward ein Fremdling im Lande Midian, wo er zwei Söhne zeugte.“ (Apg.7,21-29) Von Moses, dem Knechte Gottes, berichtet uns der Hebräerbrief: „Durch Glauben wurde Moses nach seiner Geburt von seinen Eltern drei Monate lang verborgen gehalten, weil sie sahen, daß er ein feines Kind war, und sie des Königs Gebot nicht fürchteten. Durch Glauben weigerte sich Moses, als er groß geworden war, ein Sohn der Tochter Pharaos zu heißen; er wollte lieber mit dem Volke Gottes Ungemach leiden, als zeitliche Ergötzung der Sünde haben, da er die Schmach Christi für größern Reichtum hielt, als die Schätze Ägyptens; denn er sah die Belohnung an. Durch Glauben verließ er Ägypten, ohne den Grimm des Königs zu fürchten; denn er hielt sich an den Unsichtbaren, als sähe er ihn.“ (Hebr.11,23-27) Gott sandte Moses vierzig Jahre später aus dem Lande Midian wieder, um das Volk Israel nach großen Wundern aus der ägyptischen Knechtschaft auszuführen (2.Mos.7,7). Darüber lesen wir im 105.Psalm: „Er sandte Mose, seinen Knecht, Aaron, den er erwählt hatte. Die verrichteten seine Zeichen an ihnen und taten Wunder im Lande Hams. Er sandte Finsternis und es ward Nacht, damit sie seinen Worten nicht widerstreben möchten. Er verwandelte ihre Gewässer in Blut und tötete ihre Fische; ihr Land wimmelte von Fröschen bis in die Gemächer ihrer Könige. Er sprach, und es kamen Bremsen, Stechmücken in alle ihre Grenzen. Er gab ihnen Hagel statt Regen, Feuerflammen auf ihr Land; und er schlug ihre Weinstöcke und Feigenbäume und zerbrach die Bäume in ihrem Land. Er sprach, da kamen Heuschrecken und Käfer ohne Zahl; Seite 25 die fraßen alles Kraut im Lande und verzehrten ihre Feldfrüchte. Und er schlug alle Erstgeburt in ihrem Lande, alle Erstlinge ihrer Kraft. Aber sie ließ er ausziehen mit Silber und Gold, und es war kein Strauchelnder unter seinen Stämmen. Ägypten war froh, daß sie gingen; denn ihr Schrecken war auf sie gefallen.“ (Ps.105,26-38) Und im Hebräerbrief lesen wir: „Durch Glauben hat er (Mose) das Passah veranstaltet und das Blutbesprengen, damit der Würgengel ihre Erstgeborenen nicht anrühre. (Passahlamm: = Das Opferlamm zur Einlösung der Erstgeburt Israels in der Nacht vor dem Aufbruch der Israeliten aus Ägypten.) Durch Glauben gingen sie durch das Rote Meer wie durch trockenes Land; während die Aegypter, als sie das auch versuchten, ertranken.“ (Hebr.11,28-29) Dazu lautet eine Unterweisung von Asaph: „Vor ihren Vätern hatte er Wunder getan im Lande Ägypten, im Gefilde Zoan. Er teilte das Meer und führte sie hindurch und stellte das Wasser wie einen Damm, und leitete sie bei Tage mit einer Wolke und die ganze Nacht mit dem Lichte des Feuers.“ (Ps.78,12-14) Das Reich Gottes - 28 - Nach dem wunderbaren Durchgang Israels durch das Rote Meer und der Vernichtung der nachsetzenden Ägypter stimmte Moses einen gewaltigen Lobgesang an, und er sah im Geiste alle Völker und Fürsten Kanaans erzittern bei der Kunde von solchen Machttaten Gottes an seinem Volk. Auch Mirjam, die Schwester des Mose, pries die große Majestät Gottes; denn „Roß und Reiter hat er ins Meer gestürzt!“ (2.Mos.15,1-21) 11. Israel in der Wüste und die zwei Bündnisse a) Der erste Bund am Sinai und Israels Übertretungen In der Wüste empfing Israel das Gesetz der zehn Gebote und die ganze Stiftshüttenund Priesterordnung, und Gott schloß mit ihnen am Sinai einen Bund, der durch das Opferblut von reinen Tieren versiegelt wurde (2.Mos.19 - 20). Gott sah voraus, daß Israel in dem ihm auferlegten Gesetz nicht zu bleiben vermochte, und daß es den ersten Bund auch brechen würde (Jer.31,31-34; Apg.15,10). Israels Ungehorsam wurde schon in der Zeit der Wüstenwanderung offenbar, und sie lernten nichts an den gewaltigen Wundern Gottes, die er an ihnen erwiesen hatte. Davids Sangmeister Asaph spricht über das Israel in der Wüste: „Gott spaltete Felsen in der Wüste und tränkte sie mit großen Fluten, Seite 26 und ließ Bäche aus dem Felsen hervorspringen und Wasser herabfließen in Strömen. Dennoch fuhren sie fort, wider ihn zu sündigen und den Höchsten zu erzürnen in der Wüste. Und sie versuchten Gott in ihrem Herzen, indem sie Speise forderten nach ihrem Gelüsten. Und sie redeten wider Gott und sprachen: ‚Kann Gott einen Tisch bereiten in der Wüste? Siehe, er hat den Felsen geschlagen, daß Wasser flossen und Bäche sich ergossen. Kann er aber auch Brot geben oder seinem Volke Fleisch verschaffen?‘ Darum, als der Herr das hörte, ward er entrüstet, und Feuer ging an wider Jakob, ja, Zorn stieg auf über Israel, darum, daß sie Gott nicht glaubten und nicht auf seine Hilfe vertrauten. Und er gebot den Wolken droben und öffnete die Türen des Himmels und ließ Manna auf sie regnen zum Essen und gab ihnen Himmelskorn. Der Mensch aß Engelsbrot; er sandte ihnen Speise die Fülle. Er erregte den Ostwind am Himmel und führte durch seine Kraft den Südwind herbei und ließ Fleisch auf sie regnen wie Staub und Geflügel wie Sand am Meer; er ließ sie fallen mitten in ihr Lager, rings um ihre Lagerstätten her. Da aßen sie und wurden allzu satt, und er ließ sie ihre Lust büßen. Sie hatten sich ihrer Lust noch nicht entschlagen, und ihre Speise war noch in ihrem Munde, als sich der Zorn Gottes über sie ergoß und die Fetten unter ihnen erwürgte und die junge Mannschaft Israels niederwarf. - Trotz alledem sündigten sie weiter und glaubten nicht an seine Wunder. Darum ließ er ihre Tage wie einen Hauch vergehen und ihre Jahre in plötzlichem Schrecken. Wenn er sie tötete, so suchten sie ihn und kehrten sich bald wieder zu Gott, und bedachten, daß Gott ihr Fels sei und Gott, der Höchste, ihr Erlöser. Aber sie heuchelten ihm mit ihrem Munde und logen mit ihren Zungen. Und ihr Herz war nicht aufrichtig gegen ihn, und sie hielten nicht treu an seinem Bund. Er aber war barmherzig und vergab die Schuld und vertilgte sie nicht; Seite 27 oftmals wandte er seinen Zorn ab und erweckte nicht allen seinen Grimm, sondern bedachte, daß sie Fleisch seien, ein Windhauch, der dahinfährt und nicht wiederkehrt. Wie oft empörten sie sich wider ihn in der Wüste und betrübten ihn in der Einöde, und sie versuchten Gott immer wieder und kränkten den Heiligen Israels.“ (Ps.78,15-41; vgl.Hebr.3,7-11) Das Reich Gottes - 29 - Der treue Zeuge Stephanus sagt über Mose und Israel: „Das ist der (Moses), welcher in der Gemeinde in der Wüste war mit dem Engel, der zu ihm redete auf dem Berge Sinai und mit unsern Vätern, der lebendige Worte empfing (Worte, welche Leben zeugen sollten), sie uns zu geben; dem unsere Väter nicht wollten gehorsam sein, sondern stießen ihn von sich und wandten sich mit ihren Herzen nach Ägypten, indem sie zu Aaron sprachen: Mache uns Götter, die vor uns herziehen sollen; denn wir wissen nicht, was diesem Moses, der uns aus Ägypten geführt hat, (am Sinai) widerfahren ist! Und sie machten ein Kalb in denselben Tagen und brachten dem Götzen ein Opfer und freuten sich an den Werken ihrer Hände. Da wandte Gott sich ab und gab sie dahin, daß sie dienten dem Heer des Himmels; wie geschrieben steht im Buch der Propheten: ‚Habt ihr mir Brandopfer und Schlachtopfer dargebracht die vierzig Jahre in der Wüste, Haus Israels? Ihr habt die Hütte des Moloch und das Gestirn eueres Gottes Remphan umhergetragen, die Bilder, die ihr gemacht habt, sie anzubeten. Und ich werde euch wegführen über Babylon hinaus.” (Apg.7,38-43) So handelte Israel, obwohl es die Ordnung des Alten Bundes kannte, welche lautet: „Wenn aber ein Einzelner aus Versehen sündigen wird, so soll er eine jährige Kuh zum Sündopfer bringen. Und der Priester soll den, der unvorsätzlich aus Versehen gesündigt hat, vor dem Herrn versühnen, so wird ihm vergeben werden. ... Wenn aber eine Seele vorsätzlich sündigt (Wörtlich ‘mit aufgehobener Hand’), es sei ein Einheimischer oder Fremdling, so lästert sie den Herrn; solche Seele soll ausgerottet werden mitten aus ihrem Volk; denn sie hat des Herrn Wort verachtet und sein Gebot gebrochen; eine solche Seele soll unbedingt ausgerottet werden, ihre Schuld bleibe auf ihr.“ (4.Mos.15,27-31; Hebr.2,2; 10,28) b) Der zweite oder der Neue Bund in der Moabiter Land und Israels Unglauben Gott blieb aber in der Auserwählung seines Volkes Israel trotz dessen Untreue unbeirrt. Darum hatte er auch den endgültigen Heils- und Landesbesitz nicht von dem Bund am Sinai, den er auch nicht ausdrücklich beschworen hatte, abhängiggemacht (Hebr.7,21). Vielmehr verband Gott Seite 28 die Erfüllung der dem Abraham, Isaak und Jakob unter Eid gegebenen Verheißungen mit einem anderen Bund, den er zum Unterschied vom Bund am Sinai in der Moabiter Land mit ihnen schloß, und zwar ausdrücklich unter Eid (5.Mos.28,69; 29,11-14). Dieser zweite Bund war nichts anderes als die eidliche Erneuerung der Verheißungen, die den Patriarchen nur unter der Voraussetzung des Glaubens gegeben worden waren, und die alle nur in Christo Jesu Ja und Amen sind (5.Mos.29,12-14; vgl.1.Mos.9,16; 17,19.21; 2.Mos.31,16-17; 3.Mos.24,8; 4.Mos.18,19; 25,13; 2.Sam.23,5; 1.Chr.16,17; Ps.105,10; Jes.24,5; 55,3; 61,8; Jer.31,31-34; 32,40; 50,5; Hes.16,60; 34,25; 37,26; Hos.2,20; 2.Kor.1,20) . Denn das Gesetz am Sinai gab Gott erst 621 Jahre nach der Bundesschließung mit Abraham und dessen Beschneidung, den Eidbund mit Israel in der Moabiter Land dagegen erst 660 Jahre nach Abrahams Beschneidung (Siehe die besonders herausgegebenen „Biblischen Zeittafeln“ des Verlags „Weg zur Wahrheit“). Für diesen neuen Bund bedurfte es aber eines besseren Opfers, als eines von reinen Tieren, weshalb die Verheißungen schon dem Abraham und „seinem Samen“ zugesprochen waren. „Es heißt nicht: ‚und den Samen‘ als von vielen, sondern als von einem, nämlich ‚deinem Samen‘, welcher ist Christus.“ (Gal.3,16; vgl.Hebr.8,6-13) Das Reich Gottes - 30 - Es ist aber auch das Passahlamm, das die Israeliten in der Nacht vor ihrem Auszug aus Ägypten schlachten mußten, wenn nicht alle ihre Erstgeburt, wie die der Ägypter, sterben sollte, ein Vorbild für das Opferlamm des Neuen Bundes (2.Mos.12,1 bis Kap.13,10). Von diesem Christus heißt es außerdem noch: „Wir verkündigen euch das Evangelium der an die Väter geschehenen Verheißung, daß Gott dieselbe uns, ihren Kindern, erfüllt hat, indem er Jesum auferweckte.“ (Apg.13,32) So war Jesus aus dem Geschlechte Davids der Erste, der den Sieg über den Tod und damit die Herrschaft über jede Gewalt und Macht als die gegebene Verheißung erlangte. Auf diese Verheißungserfüllung hatten die Patriarchen auch für sich gewartet (Hebr.11,13.39). Israel hatte aber als Volk noch kein verständiges Herz, keine (Herzens-) Augen, um zu sehen, und keine (Herzens-) Ohren, um zu hören. Darum blieb ihnen der Sinn dieses Bundes verborgen, der den Glauben voraussetzt, den nur die Propheten unter dem Volk Israel hatten und der auch den am ersten Bund bundbrüchig Gewordenen rechtfertigt, wenn er glaubt; nach der Offenbarung dieser Dinge streckten die Kinder Israels sich aber noch nicht aus, weshalb sie um ihres Unglaubens und Ungehorsams willen immer wieder gerichtet werden mußten (5.Mos.29,3.28; 32,6; Apg.13,39; Hebr.3,7-11.16-19; 8,7-13; 9,15; 10,1-18). Den Aposteln blieb das Wesen dieses beschworenen Bundes auch nicht verborgen, darum spricht Paulus in Röm. 9,4 von Bündnissen und in Gal.4,22 von zwei Bündnissen. In Röm.10,6-11 zitiert Paulus aus 5.Mos.30,11-14 aus den geschworenen Bundesworten des Herrn im Moabiterland Ausführungen, die er auf Christus und den Glauben bezieht; er sagt: Seite 29 „Die Gerechtigkeit aus Glauben redet so: ‚Sprich nicht in deinem Herzen: Wer wird in den Himmel hinaufsteigen? - nämlich um Christum herabzuholen -; oder wer wird in den Abgrund hinun-tersteigen? - nämlich um Christum von den Toten zu holen!’ Sondern was sagt sie? ‘Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen!‘ - nämlich das Wort des Glaubens, das wir predigen. Denn wenn du mit deinem Munde Jesum als Herrn bekennest und in deinem Herzen glaubst, daß Gott ihn von den Toten auferwecket hat, so wirst du gerettet; denn mit dem Herzen glaubt man, um gerecht, und mit dem Munde bekennt man, um gerettet zu werden; denn die Schrift spricht: ‚Wer an ihn glaubet, wird nicht zu Schanden werden!“ (Röm.10,6-11) Dieser zweite Bund sollte dann völlig wirksam werden, wenn Israel wegen Bundesbruch am ersten Bunde in alle Länder der Erde verstoßen war (3.Mos.26,14-39.40-45; 5.Mos.30,1-5.19-20). Auf diesen zweiten Bund verweisen auch die Propheten und Psalmen in mannigfaltigen Weissagungen; sie erklären die neue Tempelordnung, die neue Opferordnung und die neue Hohepriesterordnung. Jesus selbst und die Apostel beweisen dann daraus den Neuen Bund im Neuen Testament (Jer.31,31-34; 32,37-40; Hes.36,24-28; 40,5 - 47,12; Hos.6,1-3.6; Mich.6,6-8; Hab.2,4; Zeph.2,3; 3,5; Sach.7,8-10; Mal.2,15; Jes.1,18; 52,13 - 53,12; Matth.9,13; 12,7.26-28; 27,9-10.35; Mark.15,28.34.38; Luk.24,25-27.44-47; Joh.2,19-22; 6,27 ff. 47-58; 19,36-37; Röm.1,1-4; 3,21-26; 1.Kor.11,23-32; 15,1-8; 3,16-17; Eph.2,19-22; Hebr.1,1-13; 4,14 - Kap.15; 7,1 - 10,17). Das Reich Gottes - 31 - Moses, der Knecht Gottes, war nicht imstande, dem widerspenstigen Volke Gottes das Verständnis für Gottes Gnadenabsichten zu öffnen. Er wurde schließlich vom Volk so ermüdet, daß er in seinem Zorneseifer die Größe des göttlichen Erbarmens nicht mehr sehen konnte und, anstatt mit dem Felsen, daß er Wasser geben sollte, zu „reden“, ihn „schlug“ –: der „mitfolgende Fels“ aber war „Christus“ (1.Kor.10,4). Gleichwohl offenbarte Gott seine Heiligkeit, das ist seine Barmherzigkeit, an seinem ungehorsamen Volk und rettete es, obschon Moses Gott-Jehova vor dem Volke nicht geheiligt hatte (4.Mos.20,1-13; vgl.Hes.28,25; Hos.11,8-9). Aber das ungehorsame Volk Gottes verstand seinen Gott auch aus diesem seinem Walten noch nicht; sie stellten die Barmherzigkeit Gottes, durch die Gott sie ins verheißene Land bringen wollte, weiterhin in Frage und begegneten dadurch Gottes Rettungswillen mit Unglauben. Darum vertilgte Gott das ganze Geschlecht, das seine Wunder in Ägypten und beim Durchzug durchs Rote Meer mit einer Erkenntnis wahrgenommen hatte, die zur Verantwortung verpflichtete (Hebr.3,7-19). Nur Kaleb und Josua blieben von diesem Geschlecht am Leben; denn in diesen wohnte ein anderer Geist; sie waren dem Herrn völlig nachgefolgt, - und vom jüngeren Geschlecht alle die, die beim Auszug Israels noch nicht zwanzig Jahre alt waren (4.Mos.14,24.26-38). Solche Mühe gab sich Gott, seinem Volk Israel den Gnadenbund mit Abraham, Isaak und Jakob zu offenbaren; aber er blieb ihnen verborgen (5.Mos.29,28; 32,6). Seite 30 12. Israels Einzug in Kanaan Vom Berg (Gebirge) Nebo, von der Spitze des Berges Pisga aus, der Jericho gegenüber im Moabiterland liegt, ließ Gott seinen Knecht Moses das ganze Verheißungsland überschauen, und dann mußte er sterben; wie sein Bruder Aaron zuvor auf dem Berge Hor, und Gott begründete das mit folgenden Worten: „Weil ihr untreu an mir gehandelt habt vor den Kindern Israels, beim Haderwasser zu Kadesch, in der Wüste Zin, da ihr mich nicht geheiligt habt unter den Kindern Israels. Denn du wirst zwar das Land vor dir sehen, aber du sollst nicht in das Land hineinkommen, das ich den Kindern Israels gebe.“ (5.Mos.32,48-52; 34,1-7) Diese unabwendbare Strafe Gottes veranlaßte Moses, die Glaubensgerechtigkeit für sich aufs äußerste zu üben und gänzlich davon abzusehen, daß er untadelig gewesen sei in seinem ganzen Haus, d.i. in der Stiftshütte; denn im Glauben für das bundbrüchige Israel war er schwach geworden (Hebr.3,5; Phil.3,3-9). Daß er aber im persönlichen Glauben schließlich Gott doch wohl gefiel, ersehen wir daraus, daß Satan den Leichnam Moses nicht beschädigen durfte, und daß Moses mit Elia dem Herrn auf dem Berge der Verklärung erschien (Matth.17,1-9; 2.Petr.1,16-18; Jud.9). Vor seinem Tode bestellte Moses auf Gottes Geheiß Josua, den Sohn Nuns, zum Anführer des Volkes, dichtete das prophetische „Lied Moses“ und segnete die zwölf Stämme Israels (5.Mos.31; 32,1-47; 33). „Mose war hundertzwanzig Jahre alt, da er starb: seine Augen waren nicht schwach geworden, und seine Kraft war nicht gewichen.“ (5.Mos.34,7) Seinen Leichnam bestattete Gott nach dem Kampf des Erzengels Michael mit dem Teufel, und niemand hat sein Grab bis heute erfahren (5.Mos.34,5-6; Jud.9). Das Reich Gottes - 32 - „Die Kinder Israels aber beweinten Moses in den Steppen Moabs dreißig Tage lang; dann hörten sie auf zu weinen und zu trauern um Mose. Josua aber, der Sohn Nuns, war mit dem Geist der Weisheit erfüllt, denn Mose hatte seine Hände auf ihn gelegt; und die Kinder Israels gehorchten ihm und taten, wie der Herr dem Mose geboten hatte.“ (5.Mos.34,8-9) Nach diesen dreißig Tagen durchschritten sie den Jordan (d.i. den „Todesfluß“); denn das Ostjordanland hatten sie schon unter Moses erobert; es war an die Stämme Ruben und Gad und an einen halben Stamm Manasse gefallen. In dem nun folgenden Siegeszug fielen einunddreißig Könige mit ihren Völkern, wie uns das Buch Josua berichtet. Doch blieb beim Tode Josuas noch viel Land zu erobern übrig. Wie durch das Rote Meer, so war Israel auch durch den Jordan trockenen Fußes hindurchgezogen, obwohl der Jordan gerade um diese Zeit Hochwasser führte. Darum sagt uns ein Psalm: Seite 31 „Als Israel aus Aegypten zog, das Haus Jakobs aus dem fremdsprachigen Volke, da ward Juda sein Heiligtum, Israel seine Herrschaft. Das Meer sah es und floh, der Jordan wandte sich zurück; die Berge hüpften wie Widder, die Hügel wie junge Schafe. Was kam dich an, o Meer, daß du flohest, du Jordan, daß du dich zurückwandtest? Ihr Berge, daß ihr hüpftet wie Widder, ihr Hügel wie junge Schafe? Ja, Erde, erbebe nur vor dem Angesicht des Herrschers, vor dem Angesicht des Gottes Jakobs, der den Fels in einen Wasserteich verwandelte, den Kieselstein in einen Wasserquell!“ (Ps.114) Mit der Einnahme des gelobten Landes erfüllte sich - wenigstens vorbildlich - die dem Abraham gegebene Verheißung. Der Prophet Nehemja gibt uns hier folgenden Überblick: „Du, Jehova, bist der Gott, der den Abram erwählt und ihn von Ur in Chaldäa ausgeführt und Abraham genannt hat. Und du hast sein Herz vor dir treu erfunden und einen Bund mit ihm gemacht, zu geben das Land der Kananiter, Hetiter, Amoriter, Pheresiter, Jebusiter und Girgasiter, seinem Samen es zu geben. Und du hast dein Wort gehalten, denn du bist gerecht. Du hast das Elend unserer Väter in Aegypten angesehen und ihr Schreien am Schilfmeer erhört und hast Zeichen und Wunder getan an Pharao und allen seinen Knechten und an allem Volk seines Landes; denn du wußtest wohl, daß sie Übermut mit ihnen trieben, und du hast dir einen Namen gemacht, wie es heute der Fall ist. Du hast das Meer vor ihnen zerteilt, daß sie mitten durchs Meer auf dem Trockenen gingen; aber ihre Verfolger hast du in die Tiefe geschleudert, wie einen Stein in mächtige Wasser. … Vierzig Jahre lang versorgtest du sie in der Wüste, daß ihnen nichts mangelte; ihre Kleider veralteten nicht und ihre Füße schwollen nicht an. Du gabest ihnen Königreiche und Völker und teiltest ihnen das ganze Gebiet aus, daß sie das Land Sihons einnahmen, das Land des Königs zu Hesbon, und das Land Ogs, des Königs zu Basan. Du vermehrtest ihre Kinder wie die Sterne am Himmel und brachtest sie in das Land, welches du ihren Vätern verheißen hattest, daß sie darein ziehen und es einnehmen sollten. Ihre Söhne zogen hinein und nahmen das Land ein. Und du demütigtest vor ihnen die Einwohner des Landes, die Kananiter, und gabest sie in ihre Hände, sowohl die Könige wie die Völker im Lande. Und sie gewannen feste Städte und ein fettes Land und nahmen Häuser ein, voll allerlei Güter, ausgehauene Brunnen, Weinberge, Ölbäume und Obstbäume in Menge; und sie aßen und wurden satt und fett und ergötzten sich an deiner großen Güte.“ (Neh.9,7-11.21-25) Seite 32 Das Reich Gottes - 33 - 13. Die Richterzeit Nach dem Tod Josuas führten die Israeliten unter der Führung des Stammes Juda (Kaleb) den Eroberungskrieg weiter; denn es zeigte sich, daß der Stamm Ephraim, dem Josua angehört hatte, und mit Ephraim die meisten übrigen Stämme dem Befehl Gottes untreu wurden (4.Mos.13,6.8.16; Richt.1,2.12; vgl.Ps.78,67-68). Sie vertrieben die Feinde nicht ganz aus ihren Wohngebieten, und um dieses Ungehorsams willen wurden ihnen die nicht vertilgten Kananiter mit den übrigen Heiden zum Verhängnis (Richt.1,1 - 2,5). So lesen wir im 106.Psalm: „Sie vertilgten die Völker nicht, von denen der Herr ihnen gesagt hatte, sondern ließen sich ein mit den Heiden und lernten ihre Weise. Und sie dienten ihren Götzenbildern, daß diese ihnen zum Fallstrick wurden. Und sie opferten ihre Söhne und ihre Töchter den Dämonen. Und sie vergossen unschuldiges Blut, das Blut ihrer Söhne und ihrer Töchter, die sie den Götzen Kanaans opferten, und so wurde das Land durch Blutschulden entweiht. Und sie befleckten sich mit ihren Werken und hureten mit ihren Taten. Da entbrannte der Zorn des Herrn gegen sein Volk, und er verabscheute sein Erbe. Er gab sie in die Gewalt der Nationen, daß ihre Hasser über sie herrschten. Und ihre Feinde bedrückten sie, und sie wurden gedemütigt unter ihre Hand. Er errettete sie oftmals; aber sie widerstrebten ihm mit ihren Anschlägen und kamen herunter durch ihre eigene Schuld.“ (Ps.106,34-43) Zwar übten sie noch einigermaßen Treue zu Gott, solange die Ältesten Israels lebten, die die Wunder Gottes in Ägypten und beim Auszug Israels bezeugten, an die sie sich noch erinnern konnten. Aber nach ihrem Tode fiel Israel von Gott ab und den Götzen der Heiden zu. So sagte Nehemja: „Sie wurden ungehorsam und widerstrebten dir und warfen deine Gebote hinter ihren Rücken und erwürgten die Propheten, die wider sie zeugten, daß sie sich zu dir bekehren sollten, und verübten arge Lästerungen. Darum gabst du sie in die Hand ihrer Feinde, die sie ängstigten. Doch zur Zeit ihrer Angst schrieen sie zu dir, und du erhörtest sie vom Himmel und gabest ihnen nach deiner großen Barmherzigkeit Helfer, die ihnen aus ihrer Feinde Hand halfen. Wenn sie aber zur Ruhe kamen, taten sie wiederum Böses vor Seite 33 dir; alsdann überließest du sie in ihrer Feinde Hand, daß diese über sie herrschten. Wenn sie dann wieder zu dir schrieen, erhörtest du sie vom Himmel und errettetest sie oftmals nach deiner großen Barmherzigkeit.“ (Neh.9,26-28) So rettete sie zuerst Otniel, ein Sohn des Kenas aus Juda und Verwandter des Kaleb, aus der Hand des Kuschan-Rischataim, des Königs von Mesopotamien (Richt.3,511), hernach Ehud, ein Benjaminit, aus der Hand Eglons, des Moabiterkönigs (Richt.3,1230), darnach Samgar aus der Bedrängnis von den Philistern (Richt.3,31). Berühmt und vorbildlich für die spätere Prophetie war der gemeinsame Sieg Baraks (aus dem Stamm Naphtali) und der Prophetin Debora über Jabin, den König der Kananiter, und Sisera, dessen Feldhauptmann (Richt.4 - 5). Fast noch berühmter und vorbildlicher war Gideons, des Abiesriters (aus Manasse), Sieg über die Midianiter mit nur dreihundert Mann (Richt.6 8). Einer der Söhne Gideons, Abimelech, erschlug unter Mithilfe anderer Männer siebzig Söhne Gideons bis auf einen, (Jotam), der entrann, und machte sich auf kurze Zeit zum König. Doch Gott vergalt ihm sein Unrecht (Richt.9). Daraufhin richteten Tola und Jair das Land (Richt.10,1-5). Doch Israel fiel wieder ab, und Gott mußte sie durch Jephtha, den Das Reich Gottes - 34 - Gileaditer, aus dem Stamm Manasse von den Ammonitern erretten (Richt.10,6 - 12,7; 1.Chr.7,14). Hier wird Ephraims Untreue sehr offenbar; denn Gott züchtigte sie durch Jephthas Vorgehen (Richt.12,1-6). Nach ihm richteten Jbzan aus Juda, Elon aus Sebulon und Abdon, ein Ephraimit, das Volk Israel (Richt.12,8-15). Nach dieser Zeit erlangte wohl Eli schon ein Richteramt in Israel. Samuel, aus dem Geschlecht Ephraim, leitete die Geschicke Israels offenbar mit Simson, aus dem Stamme Dan. Simsons Heldentaten befreiten dann Israel von den Philistern; denn kurz vor Elis Tod versagte Israel im Kampf gegen die Philister, und diesen fiel die Bundeslade, die Herrlichkeit Israels, in die Hände. Doch sandten die Philister die Bundeslade ein Jahr später mit Geschenken wieder zurück; denn die Hand des Herrn war zu schwer über ihnen (Richt.13 - 16; 1.Sam.4). Das Buch der Richter berichtet noch, daß der Stamm Dan für sich ein Erbteil suchte und sich dabei dem Götzendienst zuwandte (Richt.17 - 18). Ferner berichtet es von einer Schandtat der Männer zu Gibea, durch welche ganz Benjamin sich mitschuldig machte in der Verteidigung dieser Ruchlosen (Richt.19 - 21). Im prophetischen Wort wird aber diese Sünde dem ganzen Haus Israel zur Last gelegt, vornehmlich dem Stamm Ephraim (Hos.9,9; 10,9). Diese Sünde zeigt uns, daß Israel bis auf die Sünden Sodoms herabgesunken war (1.Mos.19,4-8). Zur selben Zeit war kein König im Lande, und jedermann tat, was ihm recht deuchte (Richt.21,25). 14. Israel als einheitliches Königreich unter dem König Saul In der Forderung nach einem König, wie ihn die Heidenvölker hatten, bewies das Volk Israel seine Abtrünnigkeit von Gott. So sehr auch die Not des Volksganzen einen solchen erheischte, verwarfen sie damit Gott als ihren König (1.Sam.8 und 12). Von dem König Saul, einem Mann aus Benjamin, den sie als ersten König erhielten, sagt Hosea: „Das ist dein Verderben, Israel, daß du gegen mich, deine Hilfe, bist! Wo ist denn nun dein König, daß er dir helfe, und deine Fürsten, daß sie dich richten? Denn du hast ja gesagt: ‘Gib mir einen König und Fürsten!’ Ich gab dir einen König in meinem Zorn und nehme ihn hinweg in meinem Grimm!“ (Hos.13,9-11) Immerhin handelte Saul beim Antritt seiner Königsherrschaft noch im göttlichen Sinn, „solange er klein war“; ja, er geriet sogar „unter die Propheten“ (1.Sam.9 und 10; 15,17). Zuerst warf Saul die Ammoniter nieder und ward so von Gott vor dem Volk bestätigt (1.Sam.11). Darnach entstand Streit mit den Philistern; aber noch ehe die siegreiche Schlacht geschlagen wurde, versündigte Saul sich durch Gebotsübertretung, die ihn das Königtum kosten sollte; er maßte sich einen Gottesdienst an, der nur Samuel, dem Propheten Gottes, zukam, und opferte Brandopfer, d.i. ein Ganzopfer, nicht aber, um damit seine ungeteilte Herzensstellung zu Gott zu offenbaren, sondern im Gegenteil aus Gründen der Ehre und der Selbsterhaltung. Darum sagte ihm Samuel: „Du hast töricht gehandelt, daß du nicht gehalten hast das Gebot des Herrn deines Gottes, das er dir geboten hat; denn er hätte nun dein Königtum über Israel für immer bestätigt. Nun aber wird dein Königtum nicht bestehen. Der Herr hat einen Mann ausgesucht nach seinem Herzen, den hat der Herr zum Fürsten über sein Volk verordnet; denn du hast nicht gehalten, was dir der Herr geboten hat.“ (1.Sam.13,13-14) Das Reich Gottes - 35 - Dennoch errang Saul durch die Heldentat seines Sohnes Jonathan und dessen Waffenträger einen großen Sieg (1.Sam.13 und 14). Aber in dem Vernichtungskrieg mit den Amalekitern, der dem Volk Israel von jeher schon geboten war, hielt Saul sich nicht vollkommen an des Herrn Befehl; vielmehr schonte er des Königs Agag und des besten Viehes, um letzteres angeblich als Brandopfer für Gott zu verwenden. Als Strafe für seinen Ungehorsam wurde Saul vom Herrn verworfen, und es gereute ihn, daß er Saul zum König über Israel gemacht hatte (1.Sam.15,23). Samuel mußte dem König Saul sagen: „Hat der Herr Lust an Opfern und Brandopfern, wie am Gehorsam gegen die Stimme des Herrn? Siehe, Gehorsam ist besser denn Opfer, und Aufmerken besser als das Fett von Seite 34 Widdern! Denn Ungehorsam ist Zaubereisünde, und Widerspenstigkeit ist Frevel und Abgötterei. Weil du nun des Herrn Wort verworfen hast, so hat auch Er dich verworfen, daß du nicht König sein sollst!“ (1.Sam.15,22-23) Daraufhin befahl der Herr dem Propheten Samuel, einen der Söhne Isais aus dem Geschlechte Juda zum König zu salben (1.Sam.16,1-13). 15. David, der Mann nach dem Herzen Gottes Gott sprach: „Ich habe die Hilfe einem Helden übertragen, einen Auserwählten aus dem Volke erhöht; ich habe meinen Knecht David gefunden und ihn mit meinem heiligen Öl gesalbt; mit ihm soll meine Hand beständig sein, und mein Arm soll ihn stärken. Kein Feind soll ihn berücken und kein Ruchloser ihn unterdrücken; sondern ich will seine Widersacher vor ihm zermalmen und seine Hasser schlagen. Aber mit ihm soll meine Gnade und Treue sein, und sein Horn soll sich durch meinen Namen erheben. Und ich will in seine Hand das Meer geben und in seine Rechte die Ströme.“ (Ps.89,20-26) „Er (Gott) erwählte seinen Knecht David und nahm ihn von den Schafhürden weg. Da er den säugenden Schafen nachging, holte er ihn, daß er weiden sollte sein Volk Jakob und sein Erbe Israel. Und er weidete sie mit aller Treue seines Herzens und leitete sie mit geschickter Hand.“ (Ps.78,70-72) David war der Sohn Isais, und dieser der Sohn Obeds, und der wieder der Sohn Boas, der die gläubige Moabiterin Ruth zum Weibe genommen hatte. Aber Boas war der Sohn Salmons, der die gläubiggewordene Buhlerin Rahab aus Jericho zur Frau genommen hatte (Matth.1,5-6). Werden wir nicht an 2.Tim.1,5 erinnert, an den Segen, den gläubige Frauen ihren Nachkommen hinterlassen, wenn wir Davids späteres Glaubensleben betrachten? Der Geist des Herrn kam durch die Salbung Samuels auf David, aber von Saul wich der Geist Gottes und machte einem bösen Geiste Raum. David als ein tapferer, streitbarer Mann, des Saitenspieles und der Rede kundig, mit dem der Herr war, wurde vor Saul gebracht, und Saul gewann ihn sehr lieb. Zweifellos hat David da schon tiefer in die Vorgänge der Geisterwelt schauen lernen müssen und hat sicherlich gelernt, durch Gottes Wort und Saitenspiel solchen Machtwirkungen zu Seite 35 Das Reich Gottes - 36 - begegnen; denn Saul hatte Erleichterung dabei, der böse Geist wich zeitweilig von ihm (1.Sam.16,12-23). Aber Davids Sieg über den Riesen Goliath und die Philister und der Siegesgesang der Frauen: „Saul hat seine Tausende geschlagen, David aber seine Zehntausende!“ (1.Sam.18,7) machten Saul doch zum Todfeind Davids; denn Saul erkannte, daß der Herr mit David war und ihm zum Königtum verhelfen wollte. Als Sauls Totschlagsabsichten mißlangen, entfernte er David vom Hof und setzte ihn zum Obersten über Tausend in Israel. Doch Gott gab dem David in Jonathan, dem Sohn Sauls, einen treuen Freund. David aber wurde nun unter dem Volk bekannt, und es gewann ihn lieb; denn er zog vor ihnen her und ein und aus. Da suchte Saul, ihn in den Philisterkriegen ständiger Lebensgefahr auszusetzen; dazu gab er ihm eine seiner Töchter, die Michal, zum Weibe, um ihn dadurch zu Falle zu bringen. Der Herr aber war mit ihm, und Michal hatte ihn lieb, daß sie ihn nicht verdarb, sondern ihm zur Rettung seines Lebens verhalf. Da fürchtete sich Saul noch mehr vor David und trachtete darnach, ihn zu töten (1.Sam.17 - 19). Jonathan jedoch verhalf David zur Flucht. Auf der Flucht vor Saul hungerten David und seine Begleiter. Da scheute er sich nicht, vom Priester die heiligen Schaubrote zu erbitten, die doch nur die Priester essen dürfen; denn ohne die Brote würden sie verschmachtet und in die Hände Sauls gefallen sein (1.Sam.20 - 21; Matth.12,3-7). So lernte David, die Barmherzigkeit Gottes höher anzuschlagen als die Forderung des Gesetzes, welches sein Vorgehen streng untersagte. Saul war Davids Feind sein Leben lang und suchte ihn und seine kleine Streitschar, die sich um ihn gesammelt hatte, zu vernichten. Gott aber gab ihn nicht in Sauls Hand, vielmehr gab er Saul zweimal in Davids Hand. David übte jedoch Barmherzigkeit an seinem Feind und verdarb Saul nicht, entgegen dem Rat seiner Mitstreiter (1.Sam.24 und 26). Unbesonnen Rache zu nehmen an einem boshaften Manne, davor bewahrte ihn die Klugheit Abigails, also daß er es (noch mehr) lernte, sich nicht mit eigener Hand zu helfen, sondern die Rache seinem Gott zu überlassen (1.Sam.25). David begab sich schließlich unter den Schutz der Philister, um den Nachstellungen Sauls zu entgehen. Da begann ein Krieg mit den Philistern, deren Heer sehr groß war, und Saul fürchtete sich vor ihnen, und sein Herz war sehr verzagt, und darum fragte er den Herrn. Aber der Herr ließ sich von Saul nicht mehr erfragen, aus diesem Grunde wandte er sich mit Hilfe einer Totenbeschwörerin Seite 36 an den Geist des verstorbenen Propheten Samuel. Der antwortete ihm: „Warum willst du denn mich fragen, da doch der Herr von dir gewichen und dein Feind geworden ist? Der Herr hat getan, wie er durch mich geredet hat, und der Herr hat das Reich von deiner Hand gerissen und es David, deinem Nächsten gegeben. Weil du der Stimme des Herrn nicht gehorcht und den Grimm seines Zorns wider Amalek nicht ausgerichtet hast, darum hat dir der Herr jetzt solches getan. Dazu wird der Herr auch Israel mit dir in die Hand der Philister geben, und - 37 - Das Reich Gottes morgen wirst du samt deinen Söhnen bei mir sein. Auch wird der Herr das Heer Israels in die Hand der Philister geben!“ (1.Sam.28,16-19) Gott ersparte es David, mit den Philistern gegen Saul und sein eigenes Volk zu kämpfen; denn die Philisterfürsten trauten ihm nicht. Aber damit, daß der Herr die ganze Wohnstadt Davids, Ziklag, mit allen Angehörigen Davids und seiner Mitstreiter in die Hände der Amalekiter gab, hatte der Herr über David doch eine sehr harte Prüfung gesandt. David aber hielt sich fest an den Herrn, seinen Gott, schlug die Amalekiter und gewann alles Verlorene wieder zurück (1.Sam.30). König Saul, Jonathan und zwei andere Söhne Sauls fielen im Kampf mit den Philistern. Das Heer aber floh, und die Philister gewannen an Land (1.Sam.31; 2.Sam.1; 1.Chr.10). 16. Davids Königtum Auf des Herrn Geheiß zog David nach Sauls Tod von Ziklag nach Hebron, und dort erhoben und salbten ihn die Männer Judas zum König in Juda, als er dreißig Jahre alt war. Aber Sauls Feldhauptmann, Abner, suchte das Königtum der Linie Saul zu erhalten und erhob nach einigen Jahren einen Sohn Sauls, Jschboset, zum König. Dieser war gegen Abner undankbar, und darum suchte Abner, dem König David auch noch die übrigen Stämme zuzuwenden. Abner und Ischboset fielen aber durch die Mörderhand Joabs. Da kamen alle Stämme Israels nach Hebron zu David und erhoben und salbten ihn zum König über ganz Israel. Nach seiner Wahl zum König über Israel zog David aus und eroberte Jerusalem, die Hauptstadt der Jebusiter, mitsamt der Burg Zion und machte sie zu seiner Residenz. Und David ward immer mächtiger, und Jehova, der Gott Zebaoth, der Gott der Heerscharen, war mit ihm; und Gott bestätigte sein Königtum. David führte die Kriege Gottes und erweiterte die Grenzen, bis er seinem Sohne Salomo ein Reich hinterließ, das nach der Gottesverheißung an Abraham vom Bach Ägyptens bis zum Strom Euphrat in Assyrien reichte (2.Sam.2 - 10; 1.Mos.15,18; 1.Kg.4,21). Als nun David in einem neu errichteten Zedernpalaste wohnte, bekümmerte es ihn, daß die Herrlichkeit Gottes unter Zelten wohnen müsse. Seite 37 Darum beschloß er, Gott ein Haus zu bauen. Diese Gesinnung, daß er sein Königtum nur von Gott ableitete und Gottes Königsherrschaft über alle Götter, Herrschaften, Fürstentümer, Gewalten und Mächte stellte, die im Himmel und auf Erden wirksam sind, veranlaßte Gott, dem David durch den Mund des Propheten Nathan ein ewiges Königtum zuzusichern, nämlich die eidliche Zusage, daß der Christus aus Davids Fleisch hervorgehen und als Unsterblicher auf dem Thron Davids ewig herrschen werde (2.Sam.7; 1.Chr.17; Apg.2,30-32). Auf diese Gnadenverheißung ist in Psalm 89 siebenmal verwiesen, und die Propheten knüpfen daran an (Ps.89,2-5.28-30.36-38.40.50; Jes.22,22; 55,3; Offb.2,26-28; 3,7; 12,5). An dieser Gnadenverheißung hielt David in allen Lebenslagen fest. Davon wich er auch nicht nach seiner großen Versündigung gegen den Herrn, und darum wurde ihm dieser Glaube, ähnlich wie dem Abraham, wiederholt zur Gerechtigkeit gerechnet (2.Sam.11 und 12; Röm.4,1-8). Das Reich Gottes - 38 - Durch die seelsorgerliche Hilfe des Propheten Nathan kam er auch wieder mit der Versündigung mit dem Weib Uria und ihrem Mann zurecht, und sein Bekenntnis vor Nathan: „Ich habe mich gegen den Herrn versündigt“, ist im 51.Psalm näher ausgeführt (2.Sam.12,13). Offenbar war er schwer krank geworden und kam nach seiner Zurechtbringung wieder mit dem Leben davon; denn Nathan sagt ihm: „Der Herr hat deine Sünde hinweggenommen, du sollst nicht sterben!“ (Ps.38; 39; 41) Und David selbst sagt: „Als ich es verschweigen wollte, verschmachteten meine Gebeine durch mein täglich Heulen. Denn deine Hand lag Tag und Nacht schwer auf mir, daß mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürre wird. Da bekannte ich dir meine Sünde und verhehlte meine Missetat nicht; ich sprach: ‚Ich will dem Herrn meine Übertretung bekennen!‘ Da vergabst du mir meine Sündenschuld! Um das möge jeder Fromme dich bitten zur Zeit, da es zu erlangen ist; dann sollen zur Zeit der Flut die großen Wasser ihn nicht erreichen. Du bist mein Schirm, vor Drangsal behütest du mich, mit Rettungsjubel umgibst du mich!“ (Ps.32,3-7) In dieser Zeit hatte David erkennen gelernt, daß Gott nicht die nach dem Gesetz geforderten Opfer und Gaben, Brandopfer und Sündopfer begehre; denn sie konnten solche Sünden nicht hinwegnehmen; sondern den zerbrochenen Geist, das zerschlagene Herz des reuigen und (vor einem Menschen) offenbargewordenen Übertreters. Sein Geistesauge wurde geschärft; er bekam den Blick dafür, daß der Schlangentreter Seite 38 Jesus Christus, der geweissagte Messias, aus seinen Lenden kommen würde, damit dieser Christus im Menschenleib durch die Aufopferung dieses Leibes den Willen Gottes erfüllte (Ps.40,7-9; 51,18-19; Jes.57,15; 66,2-5; Hebr.10,4-10). David behielt diese Erkenntnis der Gottesgerechtigkeit und Glaubensrechtfertigung nicht für sich zurück, sondern offenbarte sie trotz allen Widerstandes des Volkes und dessen Gesetzeslehrer, die doch allesamt solche Glaubensrechtfertigung nötig gehabt hätten, in der Gemeinde. Er sagt: „Ich erfreute mit der Botschaft von deiner Gerechtigkeit eine große Gemeinde; siehe, ich verschloß meine Lippen nicht, Jehova, das weißt du! Deine Gerechtigkeit verbarg ich nicht in meinem Herzen; von deiner Wahrheit und von deinem Heil redete ich; ich verhehlte deine Gnade und Treue der großen Gemeinde nicht.“ (Ps.40,10-11) Aber das Volk verstand ihn nicht, die Führer wollten ihn nicht verstehen und arbeiteten als seine Widersacher schließlich, wie es anzunehmen ist, unter Absaloms geheimer Führung, auf Davids Sturz vom Thron und seinen Tod hin. Das Volk verschloß seine Augen so sehr vor dem Fluch des Gesetzes und dem menschlichen Unvermögen, es zu halten, und vor Gottes Barmherzigkeit am Sünder, daß David schließlich sagen mußte: „Ihr Tisch müsse vor ihnen zur Schlinge und den Sorglosen zum Fallstrick werden! – Ihre Augen sollen so finster werden, daß sie nicht mehr sehen, und ihre Hüften sollen allezeit wanken!“ (Ps.69,23-24; Röm.11,7-10) Davids Glaubensvollendung dürfen wir wohl da sehen, als er auf seiner Flucht vor Absalom, da Gott Davids Sünde heimsuchte, zum Priester Zadok sagte: Das Reich Gottes - 39 - „Bring‘ die Lade Gottes wieder in die Stadt (Jerusalem) zurück! Finde ich Gnade vor dem Herrn, so wird er mich wiederbringen, daß ich ihn und seine Wohnung wiedersehen darf. Ist aber dies sein Wort: ‚Ich habe keine Lust zu dir!‘ – siehe, hier bin ich; er tue mit mir, wie es ihm gefällt!“ (2.Sam.15,25-26) Sein Weg über den Bach Kidron den Ölberg hinan, unter Weinen und Schmachtragen, erinnert uns an Jesu Leidensweg, der in Gethsemane begann (2.Sam.15,23.30; 16,513; Joh.18,1). In Davids Leidenszeit fällt wohl auch die Entstehung der Ps.3,4,22, 69, 70 und 71. Auch die letzte große Versündigung Davids, daß er, gegen den Willen Gottes und trotz vorheriger Warnung, das Volk Israel zählen ließ, brachte ihn nicht gänzlich von Gott ab, sondern trieb ihn noch mehr in die Arme Gottes und zum gläubigen Anklammern an seine Barmherzigkeit (2.Sam.24; 1.Chr.21). Seite 40 Das ist die Größe Davids, und darin erweist er sich ganz als ein Mann nach dem Herzen Gottes, daß er trotz aller Versündigungen sich nicht entmutigen läßt, seinen Gott so lange zu suchen, bis er sich gänzlich zum Gnadenthron Gottes hindurchgerungen und so Gottes Liebeswalten in seiner ganzen Tiefe kennengelernt hat. Nun konnte er die erworbenen Gnadengüter dem ganzen Volk und allen ihm folgenden Königen offenbarmachen. 17. König Salomo und die ihm folgende Teilung des Reiches Salomo wurde noch zu Lebzeiten Davids zum König über Israel gesalbt. Sein Reich war ein Friedensreich und vorbildlich für das verheißene tausendjährige Friedensreich. Er brauchte keine Kriege mehr zu führen; denn sein Land reichte, wie verheißen, von der Grenze Ägyptens bis zum Euphrat (1.Kg.4,21). Vom Herrn erbat er sich Weisheit und Einsicht zur Rechtspflege in einem so großen Volke (1.Kg.3,4-15). Salomo führte auch den ihm von David befohlenen Bau des Tempels aus, für den sein Vater große Reichtümer und den Bauplan bereitgestellt hatte (1.Kg.5 - 8). Zur Einweihung des Tempels, zur Zeit, da er auch seinen eigenen Königspalast vollendet hatte, erschien ihm der Herr zum zweiten Mal und bestätigte sein Werk, den vollendeten Tempel, den Gott zu seiner Wohnung erkor. „Als Salomo alt war, neigten seine Weiber sein Herz fremden Göttern zu, so daß sein Herz nicht mehr ergeben war an Jehova, seinen Gott, wie das Herz seines Vaters David. Also lief Salomo der Astarte nach, der Gottheit der Zidonier, und Milkom, dem Greuel der Ammoniter. Und Salomo tat, was böse war in den Augen des Herrn, und folgte dem Herrn nicht gänzlich nach wie sein Vater David. Damals baute Salomo eine Höhe dem Kamos, dem Greuel der Moabiter, auf dem Berge, der vor Jerusalem liegt, und dem Moloch, dem Greuel der Kinder Ammons. Und also tat er allen seinen ausländischen Weibern, die ihren Göttern räucherten und opferten. Aber der Herr ward zornig über Salomo, daß sein Herz von Jehova, dem Gott Israels, gewichen, der ihm zweimal erschienen war, ja, der ihm gerade darüber Befehl gegeben, daß er nicht andern Göttern nachwandeln sollte; aber er beobachtete nicht, was ihm der Herr geboten hatte. Darum sprach der Herr zu Salomo: Weil solches von dir geschehen ist und du meinen Bund nicht bewahrt hast noch meine Satzungen, die ich dir geboten habe, so will ich gewiß das Königreich von dir reißen und es deinem Knechte geben. Doch zu deiner Zeit will ich es nicht tun, um deines Vaters David willen; von der Hand deines Sohnes will Das Reich Gottes - 40 - ich es reißen. Nur will ich (ihm) nicht das ganze Reich entreißen, einen Stamm will ich Seite 41 deinem Sohne geben um meines Knechtes David und um Jerusalems willen, die ich erwählt habe.“ (1.Kg.11,4-13) Damals erweckte der Herr dem Salomo Widersacher, die ihm das Ende seiner Regierungszeit trübten (1.Kg.11,14-28). Nach vierzigjähriger Regierung Salomos ging die Herrschaft auf seinen Sohn Rehabeam über. Wegen der Unweisheit Rehabeams entglitten seiner Regierungsgewalt zehn Stämme Israels, welche Jerobeam, ein Beamter Salomos, aus dem Geschlechte Ephraims in Verfolg (= Fortgang Erklärung Duden) der Weissagungsworte des Propheten Achija an sich riß (1.Kg.11,29-39); bei Rehabeam blieben nur die Stämme Juda und Benjamin (1.Kg.12,17.20-24; 2.Chr.10,17; 11,12-14.23). 18. Das Nordreich Israel a) Das Königsgeschlecht Jerobeam Jerobeam, der erste König im Nordreich Israel, fürchtete den Zusammenschluß aller zwölf Stämme und damit um sein Leben, wenn ganz Israel weiterhin nach Jerusalem zog, um dort Jehova anzurufen und ihm zu opfern. Darum errichtete er an der südlichen Grenze des Reiches zu Bethel und an der Nordgrenze zu Dan je ein goldenes Kalb, richtete den Götzendienst ein, bestellte Götzenpriester und vertrieb die Leviten (1.Kg.12,2533; 2.Chr.13,8-9). Darum verwarf Gott ihn und sein Haus, und der Prophet Achija weissagte den Untergang des Nordreichs Israel, nachdem ein anderer Mann Gottes dem Jerobeam die Verwüstung seines Götzens und seines Götzenopferaltars durch einen kommenden König Josia (= ‘Gott stützt’) geweissagt hatte (1.Kg.13,1 - 14,20). Die Könige von Juda setzten ihm auch bald zu und schwächten ihn empfindlich. Immerhin starb er noch eines natürlichen Todes. Aber sein Sohn Nadab und mit ihm das ganze Haus Jerobeams ward von Baesa, einem Mann aus Issaschar, nach dem Willen des Herrn, umgebracht (1.Kg.15,25-34). Und Baesa schwang sich zum König auf. b) Das Königsgeschlecht Baesa und König Simri Doch auch König Baesa wandte sich nicht von den Sünden Jerobeams, sondern betrieb den Götzendienst weiter. Darum erreichte auch ihn die Weissagung des Propheten Jehu vom Untergang seines Hauses (1.Kg.16,1-4.7). Baesas Sohn Ela regierte nur zwei Jahre und fiel durch die Hand seines Dieners Simri, der das ganze Haus Baesas vertilgte und sich zum König machte. Aber auch Simri handelte böse vor dem Herrn und suchte nach siebentägiger Regierung selbst den Tod, ehe ihn die Hand Omris erreichte. Das Volk Israel teilte sich nun in zwei Hälften, so daß eine Zeitlang zwei Könige gleichzeitig herrschten: Tibni und Omri. Aber Tibni starb nach vier Jahren, und Omri blieb Alleinherrscher im Nordreich Israel (1.Kg.16,8-23). Seite 42 c) Das Königsgeschlecht Omri Die Residenz der Könige Israels war bisher Tirza (d.h. ‘die Liebliche’), die schönste Stadt in Israel (1.Kg.14,17; 15,21.23; 16,6.8-9.15.17-23; Hld.6,4). König Omri erwarb aber nach Das Reich Gottes - 41 - sechs Jahren seiner Regierungszeit den nachmalig so benannten Berg Samaria von einem Manne namens Semer und erbaute dort die Stadt Samaria als seine neue Residenzstadt, nach der später das ganze Land des Nordreichs benannt wurde. Doch Omri sündigte noch mehr gegen Gott als Jerobeam. Ahab aber, der auf seinen Vater als König folgte, sündigte wieder mehr als alle Könige vor ihm gesündigt hatten: er diente dem Baal und baute eine Aschera. In seine Regierungszeit fällt das gewaltige Wirken des Propheten Elia. Der größten Verderbnis des Volkes setzt Gott nach dem Gericht jahrelanger Trockenheit die höchste damalige Gottesoffenbarung gegenüber, so daß der Baalsdienst auf dem Berge Karmel dem wahren Gottesdienst weichen muß (1.Kg.16,23 - 18). Darnach tötet Ahab im Sieg gegen die Syrer König Benhadad II. nicht, sondern verbündet sich mit ihm, dem Feind des Volkes Gottes (1.Kg.20). Durch sein Weib wird Nabot getötet, und darauf wird seiner Familie das väterliche Erbe von Ahab geraubt, und deshalb muß er sich und seinem Weibe von Elia das Gericht ansagen lassen, das aber, weil Ahab Buße tut, auf seine Nachkommen verschoben wird (1.Kg.21). Elia wirkt auch noch etwa zehn Jahre unter der Regierung des Königs Ahasja, des Sohnes Ahabs. Doch auch Ahasja dient dem Baal und den Götzen und fragt nach einem unglücklichen Sturz von seinem Hause nicht bei Gott, sondern bei den Götzen um sein Weiterleben; darum weissagt Elia ihm den Tod (1.Kg.16,24 - 22,40; 2.Kg.1). Ahasja starb kinderlos. Ihm folgt sein Bruder Joram. Dieser beseitigt die Säule Baals, die sein Vater, der König Ahab, errichtet hatte. Aber an den Sünden Jerobeams, dem Kälberdienst zu Dan und Bethel, blieb er doch noch hängen. Zu seiner Zeit wirkte der Prophet Elisa sehr im Segen für das Volk. Nur einem Bündnis mit Josaphat einem König aus Juda, hatte er einst seine und seines Heeres Errettung zu verdanken (2.Kg.3). d) Der Prophet Elia Unter dem Einfluß seines Weibes Isebel, der Tochter Et Baals, des Königs der Zidonier, hatte König Ahab den Baalsdienst so eingeführt, daß der Fürst dieser Welt meinte, in Israel seine höchsten Triumphe feiern zu können. Abtrünnigkeit des Volkes von Gott und Götzendienst beherrschten das Land so, daß diese Isebel sogar die Knechte Gottes lehrte und sie zu töten suchte, wenn sie sich widersetzten (Offb.2,20; 1.Kg.18,4.13). Da beruft Gott den Propheten Elia, den Tisbiter, der dem Ahab sagte: „So wahr Jehova, der Gott Israels, lebt, vor dessen Angesicht ich stehe, es soll diese Jahre weder Tau noch Regen fallen, es sei denn, daß ich es sage!“ (1.Kg.17,1) Seite 43 Elia selbst wird von Gott an den Bach Krit verwiesen, wo der Herr ihn durch Raben mit Brot und Fleisch versorgt. Zur Zeit, da der Bach vertrocknet, erhält er von Gott Weisung, zu einer heidnischen, aber an Gott gläubigen Witwe nach Zarpat in Zidonien zu reisen, die ihn mit ihrem letzten Öl- und Mehlvorrat versorgen soll, der nach Gottes und des Elia Wort ausreichen soll, bis es auf Erden wieder regnet. Währenddem sich Elia bei dieser Witwe aufhält, stirbt ihr Sohn, und Elia muß sie lehren, trotz ihrer „Missetat“ zu Das Reich Gottes - 42 - glauben, daß Gott vom Tod errettet: ihr Sohn wurde auf das Gebet des Elia hin wieder lebendig (1.Kg.17). Doch die Zeit kam heran, da Gott wieder regnen lassen wollte. Das Sterben unter Menschen und Tieren war sehr groß; aber anstatt Buße zu tun und Gott anzurufen, suchte Ahab den Tod des Elia, des Knechtes Gottes. Immerhin lässt Ahab auf Elias Veranlassung es vorerst noch auf dem Berge Karmel zu einem Krafterweis daraufhin ankommen, ob Jehova oder Baal in Israel Gott sei. Sicher hat das Gericht der Trockenheit und Hungersnot bis dahin seine guten Wirkungen gehabt; denn das von Gott abgefallene Volk diente dem Baal nicht mehr allein, sondern hinkte bereits wieder auf zwei Seiten und diente beiden, dem Baal und Jehova. Der Götze Baal war aber nicht imstande, das ihm auf dem Karmel ausgelegte Morgenopfer in Brand zu setzen und zu verzehren, obschon seine vierhundertfünfzig Propheten und vierhundert Propheten der Aschera unter Hauteinschnitten um den Götzenopferaltar rasten; denn Elia hatte gesagt: „Welcher Gott mit Feuer antworten wird, der sei Gott!“ (1.Kg.18,24) Das Volk aber sah zu. Baal antwortete jedoch nicht mit Feuer, obwohl Elia ihn und seine Priester noch höhnte; dagegen erhörte Gott Jehova das Gebet seines Knechtes Elia, und Feuer vom Himmel fraß vom Altar, den Elia aus zwölf Steinen dem Herrn errichtet hatte, das Brandopfer und das Holz mitsamt den Altarsteinen und verzehrte sogar das reichlich darüber gegossene Wasser, das um den Altar herum in einem Graben aufgefangen wurde. Daraufhin warf sich das Volk nieder und rief: „Jehova ist Gott! Jehova ist Gott!“ (1.Kg.18,39), und Elia ließ dann alle Götzenpriester am Bach Kison hinrichten. Gleich darauf gab der Herr auf das Gebet des Elia hin reichlich Regen, und die Erde brachte wieder ihre Frucht für Mensch und Vieh (1.Kg.18). Isebel aber, die Gemahlin des Königs Ahab, fragte nichts nach der Errettung des Volkes, Viehes und Landes vor dem Verschmachten. Als sie von Ahab alles gehört hatte, was Elia getan, ließ sie ihm durch einen Boten das Todesurteil ansagen. Da floh Elia um seines Lebens willen nach Beerseba („Sieben-Brunnen“) in Juda und von dort noch eine Tagesreise weit in die Wüste, setzte sich unter einen Ginsterstrauch, bat, daß er stürbe, und sprach: „Es ist genug! So nimm nun, Herr, meine Seele; denn ich bin nicht besser als meine Väter!“ (1.Kg.19,1-8) Seite 44 Elias war bekümmert über seine Untreue im Bekenntnis Jehovas, seines Gottes, und er erkannte, daß der Mensch alles um sein Leben hergibt, auch seinen Gott, und daß er in dieser Einstellung nicht besser sei, als seine Väter, die gegen Gott gesündigt hatten (1.Kg.19,9-10; Hi.2,3-6). Wohl wußte Elia, daß Gott Toten das Leben wiedergeben kann (1.Kg.17,17-24). Aber am rechten Auferstehungsglauben, daß Gott aus den Toten in Unvergänglichkeit auferweckt, scheint es ihm noch gefehlt zu haben; sonst hätte er sein Leben einsetzen können, und es ist nicht abzusehen, wie Gott sich dann verherrlicht hätte. Wie dem auch sei, Gott ließ ihn nicht sterben, sondern offenbarte ihm durch Wasser und Brot aus eines Das Reich Gottes - 43 - Engels Hand, daß der Mensch eine Speise erlangen könnte und müßte, die ihn zur Todesüberwindung führen soll. Aus der Kraft dieses vorbildlichen Brotes und Trankes ging Elia vierzig Tage und vierzig Nächte bis an den Berg Horeb (Sinai), wo ihm der Herr zu begegnen sucht: aber nicht in den Gerichtswirkungen von Sturm, Erdbeben und Feuer (Sinai), sondern im sanften Säuseln, einer Andeutung auf Gottes Heilsratschluß der Barmherzigkeit. Und der Herr fragte den Elia: „Was willst du hier, Elia?“, nämlich am Sinai, dem Berge jenes Bundes, der zur Knechtschaft und zum Fluch gebiert? (1.Kg.19,13; Gal.3,10; 4,24.30) Da sprach Elia: „Ich habe heftig für Jehova, den Gott Zebaoth, geeifert; denn die Kinder Israels haben deinen Bund verlassen, deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert umgebracht, und ich bin allein übergeblieben, und sie trachten darnach, daß sie mir das Leben nehmen!“ (1.Kg.19,14) Aber der Herr offenbarte dem Elia, daß er sich, wie Paulus später erklärt, aus (den David zugesagten) Gnaden, also nicht aus „Werken“ oder „Eifer für Gott“, siebentausend (Sünder) zur Errettung überbehalten hat, die ihre Kniee vor Baal nicht gebeugt haben. – Waren diese Siebentausend keine Sünder? Hatten sie den Bund nicht gebrochen? Waren sie vom Ungehorsam ausgenommen, unter den Gott alle Menschen verschlossen hat? Durchaus nicht! (Jer.31,31-34; Röm.3,9; 11,32; Gal.3,22). Aber in allen Todesgefahren, die wegen ihrer Missetaten über sie in der Gerichtszeit der Trockenheit gekommen waren, streckten sie ihre Hand nicht nach dem Baal zur Errettung aus, sondern hatten sicher auf prophetischen Einfluß hin den Mut, Gott, Jehova, anzurufen, daß er sie und die Ihren rette. Sie waren nicht, wie Elia, Bekenner Jehovas, ihres Gottes, aber sie hatten ihm Erlösungsgedanken, ein Erbarmen und Rettungsabsichten zumuten müssen, an denen Elia nun erst praktisch lernen mußte; - denn bis zu seiner Flucht vor Isebel ist er in seinen Augen besser gewesen als seine Väter in Israel. So lernte Elia „Edles“ vom „Gemeinen“ scheiden, und wurde wieder „Mund Gottes“ und sollte errettet werden aus der Hand aller seiner Feinde (Jer.15,19-20). Gott gebot dem Elia, seinen Prophetenmantel dem Elisa, dem Sohn Saphats, umzuwerfen, der seinen Dienst mit einem zweifachen Maß seines Seite 45 Geistes weiterführte und im Verein mit den Königen Jehu und Hasael das Gericht am ungläubigen Teil Israels vollenden sollte, die gläubigen Siebentausend verschonend. Elia selbst hatte Gottes Rettungsabsichten an sich erkannt und erfaßt und erlangte im standhaften und zunehmenden Glauben zuletzt doch noch den Sieg über den Tod. Noch vor seiner Himmelfahrt sind Elisa und die Prophetensöhne von Gottes Absicht, den Elia zum Himmel hinaufzuholen, unterrichtet worden. Nachdem Elia seine todüberwindende Glaubensmacht am Todesstrom Jordan, der zurückweichen mußte, um ihn trockenen Fußes unverletzt hindurchzulassen, offenbart hatte, wurde er vor den Augen des Elisa im feurigen Wagen mit Feuerrossen im Wetter gen Himmel geholt (2.Kg.2,1-18). Das Reich Gottes - 44 - e) Das Königsgeschlecht Jehu und König Sallum Jehu, der Enkel eines Nimsi und Hauptmann im Heere Israels, wurde laut Auftrag des Propheten Elisa von einem der Prophetensöhne zum König gesalbt, wie schon der Prophet Elia hatte tun sollen (1.Kg.19,16; 2.Kg. Kap.9). Jehu erschlug den König Joram und seine Mutter Isebel, das Weib des verstorbenen Königs Ahab, und das ganze Haus Ahabs nach des Herrn Geheiß und rottete den wieder aufgekommenen Baalsdienst samt den Baalspriestern aus (2.Kg.10). Aber vom Kälber- und Höhendienst kam auch König Jehu nicht ab, und darum wurde die Bedrängnis durch die Syrer härter, weil deren König Hasael zum Gericht an Israel dienen mußte (1.Kg.19,15-18; 2.Kg.8,11-15). Auch sein Sohn Joahas und sein Enkel Joas wandelten als Könige in Israel auf den Wegen Jerobeams, der Israel sündigen gemacht hatte, weshalb die syrische Bedrängnis anhielt. Doch war der Herr ihnen gnädig um des Bundes willen, den Gott mit Abraham geschlossen hatte (2.Kg.13,22-25). Und wie leicht hätte der König Joas die Syrer mit Benhadad III. bis zur Vernichtung schlagen können, wenn er der Stimme des sterbenskranken Elisa gänzlich gefolgt wäre; in seinem Ungehorsam wurde sein geteiltes Herz offenbar (2.Kg.13,14-19). Der Herr gab aber durch eine Weissagung des Propheten Jona dem König Jerobeam II., dem Sohn des Joas, noch Sieg über die Feinde Israels und größere Landeroberung, obwohl auch Jerobeam II. neben seiner Gottesfurcht den goldenen Kälbern Jerobeams I. diente. Aber der Herr sah das bittere Elend Israels an (2.Kg.14,23-29). Und doch weissagten bald darauf noch zu Jerobeams II. Regierungszeit die Propheten Amos und Hosea vom Untergang des Reiches (Hos.1,1; Am.1,1). Sacharia der Sohn Jerobeams II., regierte nur ein halbes Jahr zu Samaria und wurde von Sallum erschlagen, der sich zum König machte. Dieser regierte nur vier Wochen und wurde wieder von Menachem erschlagen, der dann länger regierte (2.Kg.15,8-17). Seite 46 f) Das Königsgeschlecht Menachem und König Pekach Alle vorhin erwähnten Könige hingen am Götzendienst Jerobeams I. Statt aber Buße zu tun, von der Götzenverehrung abzulassen, das Volk auf den Gottesdienst in Jerusalem zu verweisen und Gott zur Rettung anzurufen, sucht Menachem beim König Phul von Assyrien Hilfe gegen Syrien, der trotzdem in sein Land noch einzufallen sucht. Diesen drohenden Einfall Assurs wendet Menachem mit einer Buße von tausend Talenten Silber ab. Aber obwohl er sich bei diesem „Streiter“-König (Jareb = „Streiter“) tributpflichtig macht; - denn Gott hatte den Geist der Könige Assurs gegen Israel erweckt -, weicht die tödliche Krankheit vom Nordreich Israel dennoch nicht; vielmehr beschließt Gott, ganz Israel der Streitmacht Assurs zur Gefangenführung auszuliefern (1.Chr.5,26; Hos.5,13; 10,6). Denn Gott rechnete es seinem Volk Israel als besondere Sünde an, daß es mit dem Reich Assur buhlte, sich heftig in die Assyrer verliebte, mit ihnen einen Bund machen und nach Assur ziehen wollte, um dort Hilfe zu erlangen (Hes.16,28; 23,12; Jer.2,18). König Phul kam wieder und führte im Verein mit dem ihm folgenden König Tiglat-Pileser die Rubeniter und die Gaditer und den halben Stamm Manasse aus dem Lande hinweg und brachte sie nach Chalach und Chabor und nach Hara und dem Flusse Gosan bis auf Das Reich Gottes - 45 - diesen Tag (1.Chr.5,26). Vielleicht hat auch Jerobeam II. schon Hilfe in Assur gesucht; denn Hosea muß dem Haus Jehus den Untergang ansagen (Hos.1,4). Freilich wären die Könige Israels genötigt gewesen, Gott auf Grund seiner dargebotenen Barmherzigkeit und Gnade zu ihrer Errettung anzurufen; denn nach dem Gesetz von Sinai waren sie vor Gott bundbrüchig, aber sie hörten nicht auf die Propheten, die Gott ihnen sandte. Der Sohn Menachems, Pekachja, regierte in Isreal nur zwei Jahre und wurde von seinem Wagenkämpfer Pekach, dem Sohne Remaljas, erschlagen, der sich zum König machte. Allerdings schließt Pekach mit dem König Rezin von Syrien ein Waffenbündnis gegen das Volk Juda unter dessen gottlosem König Ahas, weshalb das Volk auch sehr züchtigungsreif war. Aber der König von Assyrien, Tiglat-Pileser, nahm Jjon, Abel-BetMaacha, Janoach, Kedesch, Hazor, Gilead, Galiläa und das ganze Land Naphtali ein und führte deren Bewohner gefangen nach Assyrien (2.Kg.15,23-31.37). g) König Hosea und der Untergang Israels Hosea, der letzte König Israels, bestieg den Thron, indem er seinen Vorgänger tötete, und obwohl er ein Gericht an einem gottlosen König ausführte, so wandte er sich doch nicht vom Götzendienst Jerobeams, sondern wurde dem Assyrerkönig tributpflichtig, anstatt ihn mit Gottes Hilfe zu besiegen, und suchte Hilfe in Ägypten gegen Assur, wie Hosea klagt: „Wiewohl sein (Ephraims) Hochmut sich klagend wider Israel erhoben hat, haben sie sich dennoch nicht zum Herrn, ihrem Gott, Seite 47 bekehrt und haben ihn trotz alledem nicht gesucht; sondern Ephraim hat sich benommen wie eine einfältige, unverständige Taube; sie haben die Ägypter herbeigerufen, sind zu den Assyrern gelaufen.“ (Hos.7,10-11) „Sie wenden sich, aber nicht nach oben; sie sind wie ein Bogen, der trügt. Ihre Fürsten sollen durchs Schwert fallen wegen ihrer trotzigen Reden, die ihnen nur Spott eintragen im Lande Aegypten.“ (Hos.7,16) „Ephraim hat Wohlgefallen am Sturmwind (Assur) und läuft dem Ostwind (Assur) nach; immerfort häuft er Lüge und Gewalttat; mit Assur wollen sie ein Bündnis schließen, und nach Aegypten wird Öl geführt.“ (Hos.12,2) Wörtlich lautet der Bericht über die geschichtlichen Ereignisse: „Wider ihn (Hosea) zog Salmanassar, der König von Assyrien, herauf, und Hosea ward ihm untertan und gab ihm Tribut. Als aber der König von Assyrien erfuhr, daß Hosea eine Verschwörung gemacht und Boten zu So, dem König von Ägypten, gesandt hatte und dem König von Assyrien nicht wie andere Jahre Tribut gebracht, verhaftete er ihn und legte ihn gebunden ins Gefängnis. Und der König von Assyrien zog hinauf in das ganze Land und gen Samaria und belagerte es drei Jahre lang. Im neunten Jahre Hoseas gewann der König von Assyrien Samaria und führte Israel gefangen nach Assyrien und versetzte sie nach Chalach und Chabor, am Flusse Gosan, und in die Städte der Meder.“ (2.Kg.17,3-6) Solches widerfuhr ihnen, weil sie den Götzendienst der vor ihnen her vertriebenen Völker eingeführt hatten und trotz aller prophetischen Warnungen nicht davon ließen. Vielmehr verfolgten sie die Propheten, lauerten ihnen auf und stellten ihnen Fallen (Hos.9,8). Aber in den Tagen ihrer Heimsuchung und Vergeltung sollte es sich zeigen, „ob der Prophet ein Narr sei, wahnsinnig der Geistesmensch!“ (Hos.9,7) Das Reich Gottes - 46 - Trotz alledem behält Gott für ferne Zeit aus seiner Gnade heraus ihre Rettung im Auge, wie die Weissagung lautet: „Wie könnte ich dich hergeben, Ephraim, wie könnte ich dich preisgeben, Israel? Wie könnte ich dich behandeln gleich Adama, dich machen wie Zeboim? Mein Herz sträubt sich dagegen, mein ganzes Mitleid ist erregt! Ich will nicht tun nach meines Zornes Glut, will Ephraim nicht wiederum verderben; denn ich bin Gott und nicht ein Mensch, heilig bin ich in deiner Mitte und komme nicht in grimmigem Zorn. Sie werden dem Herrn nachfolgen, der brüllen wird wie ein Löwe; wenn er brüllt, so werden die Söhne zitternd vom Meer her kommen; sie werden aus Ägypten herbeieilen wie die Vögel, und wie die Tauben aus dem Lande Assur, und ich will sie in ihren eigenen Häusern wohnen lassen, spricht der Herr.“ (Hos.11,8-11) Das ist die Zeit, wenn die Toten auferstehen und ein Überrest der Lebenden aus Israel gerettet wird (Jes.10,20-23; Hos.13,14; 1.Kor.15,51-57). Seite 48 19. Das Südreich Juda a) Gesetz und Gnade zur Zeit der Könige Der Segen Gottes über den König David und seine Nachkommen hat viele Wirkungen der Güte Gottes für das Volk ausgelöst. Wenn im Nordreich Israel auch nicht ein einziger König sich zu einer ungeteilten Herzenseinstellung für Gott hindurchgerungen hat, so finden wir unter den Königen Judas doch einige rühmliche Ausnahmen, vor allem aber keinen Wechsel des Königsgeschlechts; denn alle Könige stammen aus dem Hause Davids. Abijam, Joas, Ussia (Asarja) und Jotam sind gottesfürchtige Könige, aber Josaphat, Hiskia und Josia übertreffen sie noch. Trotz alledem dürfen wir nicht erwarten, daß auch nur ein König Judas in der Treue zu Gott ausgeharrt hätte, wie das Gesetz sie fordert. Wir werden erkennen, wie sie schließlich alle ungehorsam wurden und Gnade hätten suchen müssen, wie David sie tatsächlich gesucht und gefunden hat (1.Kg.15,5). Nicht einmal die Schreiber der Könige- und Chronikbücher scheinen die Unübertrefflichkeit der Glaubensgerechtigkeit ganz verstanden zu haben; denn sie stellen David nur als Beispiel rechter, gesetzübender Gottesfurcht hin (1.Kg.15,5). (Diese Stelle zeigt auch, wie schwach manche Schriftstellen übersetzt sind, die durchaus auf die Glaubensrechtfertigung hinweisen. Aus den folgenden Stellen ist das noch besonders klar zu ersehen: (vgl.Hes.15,5.19.21.22.24.27; 33,14.16.19 in verschiedenen Übersetzungen). Aber in Erfassung der Gnade, als der Glaubensrechtfertigung, steht David einzig da, und er bleibt ein leuchtendes Vorbild für alle Zeiten, für alle Könige und für alle Geschlechter und Völker. Immerhin wirkten die Propheten mit einem reichen Zeugnis der Glaubensgerechtigkeit unter dem Volk und vor den Königen. Denn nach dem Sieg über den Tod forschten schon die Propheten, die von der Gnade geweissagt haben, die für uns bestimmt ist; sie haben geforscht, auf welche und welcherlei Zeit deutete der Geist Christi, der in ihnen war, der zuvor bezeugt hat die für Christus bestimmten Leiden und die Herrlichkeit darnach (1.Petr.1,10-11). Gott hat seine Gerechtigkeit, die Jesus bis auf das letzte Tüpfelchen zu erfüllen kam durch das Evangelium, schon durch Mose und seine Propheten in heiligen Schriften unabhängig vom Gesetz der zehn Gebote, vorher Das Reich Gottes - 47 - verkündigen lassen. Das Evangelium von seinem Sohne Jesus Christus, geboren aus dem Geschlechte Davids nach dem Fleisch und als Sohn Gottes erwiesen durch die Offenbarung der überwältigenden Größe seiner Geisteskraft, die ihn von den Toten auferweckt hat, durchzieht die ganze Heilige Schrift (Matth.5,17-20; Röm.1,1-4; 4,21-26; 1.Kor.15,1-4; Eph.1,19-20). Jesus hat selbst während seiner Niedrigkeit, vom Fleisch geboren, in diesen heiligen Schriften der fünf Bücher Mose, der Propheten und der Psalmen seinen Leidens- und Herrlichkeitsweg vorgezeichnet finden müssen (Luk.24,2527.44-46). Aber die Augen des Volkes und der Könige waren damals gehalten; darum finden wir bei ihnen fast nie einen ähnlichen Preis der Barmherzigkeit-Gerechtigkeit Gottes wie bei David und den Propheten (5.Mos.29,3; Jes.29,10). Seite 49 Israel und Juda waren und blieben Völker, an denen aller Rat verloren war, und auch David vermochte sie mit seinem „Heute, so ihr seine Stimme hört!“, nicht vor der Verstockung zu bewahren (5.Mos.32,28; Ps.95,7-11; Hebr.3,7-19). Ja, David selbst und die Propheten mußten die Gnadentür verschließen, wenn das Volk lange genug Gott widerstanden hatte (Ps.69,23-24; Jes.6,9-10; Klag.3,60-66; Röm.11,8). Solange einzelne Könige in ganzer Gesetzestreue wandelten, bedurften sie vielleicht der Gnade noch nicht unbedingt; wenn sie aber wider den Herrn gesündigt hatten und die prophetisch dargelegte Gnade hätten suchen müssen, wandten sie sich doch ärgerlich ab von den sie zur Rede stellenden Propheten oder verfolgten und töteten sie gar. Darum war auch des Reiches Juda Endschicksal nur Untergang und Gefangenführung des Volkes. b) Von Rehabeam bis Asa König Rehabeam suchte, die abgefallenen zehn Stämme mit Waffengewalt wieder dem ganzen Volk einzuverleiben; doch Gottes Wort gelangte zu ihm, davon abzusehen, und Rehabeam gehorchte dem Worte des Herrn (1.Kg.11,21-24; 2.Chr.11,1-4). Drei Jahre lang war er gottesfürchtig, und der Herr war mit ihm und machte ihn stark (2.Chr.11,5-17). Aber Rehabeam beseitigte den von seinem Vater Salomo eingeführten Götzen- und Höhendienst nicht. Vielmehr fiel er samt dem ganzen Volke vom Gesetz des Herrn nach besagten drei Jahren ab, und Gott züchtigte ihn durch einen kriegerischen Einfall des Königs Sisak von Ägypten, der Jerusalem, das Schatzhaus des Königs und den Tempel des Herrn beraubte. Da demütigte sich Rehabeam mit dem Volke, und der Herr half ihnen. „Doch sollen sie ihm (dem König Sisak) untertan (= tributpflichtig) werden, daß sie erführen, was (für ein Unterschied) es sei, mir zu dienen und den Königreichen der (feindlichen) Länder zu dienen.“ (2.Chr.12,8) König Abijam (oder Abija), der Sohn Rehabeams, ermannte sich derart nach seines Vaters Tode, daß er mit Gottes Hilfe gegen das doppelt so starke Kriegsheer Jerobeams, und noch dazu in den Hinterhalt gelockt, einen glänzenden Sieg erlangte (1.Kg.15,8; 2.Chr.13,1-3.13-20). Der Chronikschreiber hat sein festes und schönes Bekenntnis vor der Das Reich Gottes - 48 - Schlacht festgehalten (2.Chr.13,4-12). Der Schreiber der Königsbücher hat auf seinen Abfall und seinen nachherigen Wandel im Götzen- und Höhendienst geachtet und damit die Kürze seiner Regierungszeit begründet; doch hatte Gott ihm in seinem Sohn Asa, um Davids willen, eine Leuchte gegeben (1.Kg.15,1-8). König Asa entfernte alle Götzenbilder im Land und beseitigte die götzendienerischen, unzuchttreibenden „Schandbuben“ (= Götzenpriester), aber den Höhendienst, daß man Gott Jehova gegen die im Gesetz von Gott bestimmte Ordnung außer in Jerusalem auch noch auf Höhen zu verehren suchte, ließ er teilweise bestehen (1.Kg.15,9-14; 2.Chr.14,1-7). Der Höhendienst ist in der Seite 50 Heiligen Schrift als Dämonendienst bezeichnet, der dazu noch von Priestern anderer Geschlechter als von dem Aarons, der am Tempel diente, ausgerichtet wurde. Die Höhenpriester standen deshalb nicht unter dem vorbildlichen Dienst des Hohenpriesters in Jerusalem und dem Tempel (vgl.die Rotte Korah, Datan und Abiram, 4.Mos.16). Die mosaische Ordnung lautet: „Sie sollen forthin ihre Opfer nicht den Dämonen opfern, denen sie nachbuhlen. Das soll ihnen eine ewig gültige Ordnung sein auf alle ihre Geschlechter. Und du sollst zu ihnen sagen: Welcher Mensch aus dem Hause Israels oder ein Fremdling, der unter ihnen wohnt, ein Brandopfer oder sonst ein Schlachtopfer verrichten will und bringt es nicht vor die Tür der Stiftshütte, daß er es dem Herrn zurichte, der soll ausgerottet werden aus seinem Volk.“ (3.Mos.17,7-9; vgl.2.Chr.11,15) Zu Asas Zeit zog der Äthiopierkönig Serach mit einem Heer von mehr als einer Million Mann gegen Asa aus. Da rief Asa den Herrn an und besiegte seine Feinde (2.Chr.14,8-9). Seine Worte waren: „Herr, bei dir ist kein Unterschied, zu helfen, da viel oder da keine Kraft ist. Hilf uns, Herr, unser Gott; denn wir verlassen uns auf dich; und in deinem Namen sind wir gekommen wider diesen Haufen! Du, Jehova, bist unser Gott! Nicht soll ein Sterblicher etwas wider dich vermögen.“ (2.Chr.14,8-10) Nach seinem Sieg erneuerte Asa auf des Propheten Asarja Zuspruch hin den Bund mit Gott (2.Chr.15). Und doch suchte er gegen den heranziehenden König Baesa aus dem Nordreich Israel keine Hilfe bei Gott Jehova, sondern beim König Benhadad I. von Syrien; darum sandte Gott den Seher (= Propheten) Hanani zu ihm, der ihm sagen mußte, daß von nun an der König von Syrien ihm überlegen sein wird. Er muß die Worte hören: „Die Augen des Herrn durchstreifen die ganze Erde, daß er sich mächtig erzeige an denen, die von ganzem Herzen Ihm ergeben sind. Du hast hierin töricht gehandelt; darum wirst du von nun an Krieg haben!“ (2.Chr.16,1-10) Diese Worte erzürnten Asa so, daß er den Seher Hanani gefangensetzen ließ. „Asa ward krank an seinen Füßen im 39. Jahr seines Königtums, und seine Krankheit nahm sehr zu. Doch suchte er auch in seiner Krankheit nicht den Herrn, sondern die Ärzte. Also entschlief Asa.“ (2.Chr.16,12-13) Seite 51 c) Von Josaphat bis Atalja Der gottesfürchtige König Josaphat, der Sohn des Asa, wurde mächtig gegen das Nordreich Israel. Die Heilige Schrift sagt: Das Reich Gottes - 49 - „Der Herr war mit Josaphat; denn er wandelte in den früheren Wegen seines Vaters David und suchte die Baale nicht, sondern den Gott seines Vaters suchte er und wandelte in seinen Geboten und tat nicht wie Israel. Darum bestätigte ihm der Herr das Königreich. Und das ganze Juda gab Josaphat Geschenke, also daß er viel Reichtum und Ehre hatte. Und da sein Herz in den Wegen des Herrn mutig ward, tat er ab die übrigen Höhen und die Ascheren aus Juda.“ (2.Chr.17,3-6) Josaphat sandte auch Fürsten, Lehrer, Leviten und Priester ins Volk, damit sie es aus dem Gesetzbuch des Herrn unterrichteten. Da kam die Furcht Gottes auf alle umliegenden Königreiche, und die Philister und Araber brachten ihm Geschenke und Tribut. Aber Josaphat verschwägerte sich schließlich mit dem gottlosen König Ahab von Israel und pflog so mit dem Waffengemeinschaft, über den Gott, nach des Propheten Michaja Worten, den Untergang beschlossen hatte. Doch errettete Gott den Josaphat im Kampfe Israels und Judas gegen die Syrer, während Ahab auf der Wahlstatt blieb (2.Chr.18). Immerhin mußte der Prophet Jehu den von der Schlacht wiederkehrenden Josaphat strafen: „Sollst du also dem Gottlosen helfen und lieben, die den Herrn hassen? Um deswillen ist der Zorn des Herrn wider dich entbrannt.“ (2.Chr.19,1-2) Da stellte Josaphat sich noch treuer zu Gott und bestellte rechtschaffene Richter im Lande (2.Chr.19,4-11). Darauf zogen die verbündeten Moabiter, Ammoniter und die auf dem Gebirge der Edomiter wohnenden Meuniter gegen Josaphat. Dessen Vertrauen auf den Herrn war aber so groß, daß nach Gottes Fügung die feindlichen Völker sich gegenseitig aufrieben (2.Chr.20,1-34). - So wurde aus dem „Tal Josaphat“, d.i. „Tal des Gerichts“, ein „Lobetal“, als Vorbild für Gottes zukünftige Abrechnung mit allen heidnischen Völkern (vgl.Joel 4,12.12-14). Und doch verband Josaphat sich wiederum mit dem König von Israel, und zwar mit dem gottlosen Ahasja, dem Sohne Ahabs, zum Zweck des Baues von Tarsis- d.s. Weltmeerschiffe zur Einholung von Ophirgold. Diese Schiffe scheiterten in Erfüllung eines Wortes des Propheten Elieser schon vor der ersten Ausfahrt im Heimathafen EzjonGeber (1.Kg.22,49-50; 2.Chr.20,35-37). Darnach verband er sich zum dritten Mal mit einem gottlosen Israelkönig, dem König Joram, dem Bruder des verunglückten Ahasja, und dem andern Sohn Ahabs. Wir können dieses fast unverständliche Handeln des Königs Josaphat nur auf den Einfluß seiner Gemahlin, einer Schwester des gottlosen Ahab von Israel, zurückführen. Um so Seite 52 höher ist seine immer wiederkehrende Gottesfurcht einzuschätzen (2.Chr.18,1). - Sein neues Bündnis bringt den König Josaphat im Verein mit dem Israelkönig und dem König von Edom im Krieg gegen den Moabiterkönig Mesa infolge Wassermangels in der Wüste bis an den Rand des Verderbens. Aber des Herrn Hilfe gab ihnen durch die Weissagung des Elisa Wasser, Errettung und Sieg über Moab (2.Kg.3). Um Josaphats willen wurden sie alle errettet, und doch war Josaphat dem Herrn nicht unveränderlich treu. Vielleicht lernte er daran die Barmherzigkeit Gottes erkennen; denn die Worte der Propheten Elia und Elisa verfehlten in Israel und Juda ihre Wirkung nicht. Das Reich Gottes - 50 - Mit der Herrschaft des Königs Jehoram (Joram) von Juda beginnt ein trüber Abschnitt für das Reich Juda; denn er hat Atalja, die Tochter Ahabs, als Weib und handelt unter ihrem Einfluß gottlos. Er mordet alle seine Brüder, richtet den Höhendienst wieder ein und verführt die Bewohner Judas und Jerusalems zur Abgötterei. Eine Zeit der Gelegenheit zur Umkehr und Buße ließ Jehoram ungenützt verstreichen, in welcher Edom und Libna von Juda abfielen. Edom wurde wieder ein selbständiges Königtum. Dann erhoben die Philister und Araber sich gegen Jehoram, drangen in Jerusalem ein, plünderten es und raubten Menschen. Hernach wurde Jehoram noch lange von einer schweren Krankheit heimgesucht, an der er auch starb, und zwar nach einer brieflichen Weissagung des Propheten Elia (2.Kg.8,16-24; 2.Chr.21). Nach Jehorams Tode wurde Ahasja (Asarja), sein jüngster Sohn, den die Araber als einzigen nicht getötet hatten, König an seiner Statt; doch regierte er unter dem Einfluß seiner gottlosen Mutter Atalja nicht besser als sein Vater, sondern verdarb Juda, wie der König Ahab sein Reich Israel verdorben hatte. Er verband sich auch mit Joram von Israel, dem Sohne Ahabs, gegen den König Hasael von Syrien, allerdings zu seinem Untergang. Denn Jehu, der in Israel zum König gesalbt ward, schlug beide: sowohl Joram von Israel, als auch Ahasja von Juda, der bei Joram auf Krankenbesuch war, dazu Jorams ganzes Haus mit Isebel, der gottlosen Witwe Ahabs (2.Kg.8,25-29; 9 - 10; 2.Chr.22,1-9). - Aber der sittliche Verfall sollte noch weitergehen. Die Königin-Mutter Atalja, eine Tochter des Ahab und der Isebel und Enkelin des Omri, bringt alle Söhne ihres eigenen Sohnes um bis auf einen (Joas), der als Säugling errettet und vor ihr verborgen gehalten wurde; sie reißt die Regierung an sich und verharrt im Baals- und Götzendienst ihrer Vorfahren. Der kleine Thronanwärter Joas wurde von seiner Tante Joschabat, einer Tochter Jehorams und Frau des Priesters Jojada, sechs Jahre lang im Hause des Herrn aufgezogen (2.Kg.11,1-4; 2.Chr.22,10-12). d) Von Joas bis Ussia Der Hohepriester Jojada erhob Joas, als er sieben Jahre alt war, zum König über Juda, ließ Atalja töten, das Haus Baals und seine Altäre zerstören und bestellte die Priester nach Gesetzesvorschrift im Seite 53 Hause des Herrn. Und Joas tat, was recht war in den Augen des Herrn, solange Jojada lebte. Ja, er ermannte sich im verständigeren Alter dazu, das Haus Gottes zu erneuern. Als aber Jojada im hohen Alter von hundertdreißig Jahren verschieden war, ließ Joas sich von den Obersten in Juda zum Abfall gegen Gott verleiten, und sie dienten den Ascheren und Götzenbildern. Sie hörten auch nicht auf die von Gott gesandten Propheten, welche ernstlich zur Umkehr mahnten, bis Gottes Geist Sacharja, den Sohn des verstorbenen Hohenpriesters Jojada, trieb, dem Volk und dem König das Gericht mit den Worten anzusagen: „Warum übertretet ihr die Gebote des Herrn? Das bringt euch kein Glück; denn weil ihr den Herrn verlassen habt, so wird er euch auch verlassen!“ (2.Chr.24,20) Aber der König vergaß der Liebe, die der Priester Jojada ihm erwiesen hatte, und befahl, dessen Sohn Sacharja zu steinigen und seine Brüder zu töten (2.Chr.24,21). Das Reich Gottes - 51 - „Der Herr wird es sehen und richten!“ (2.Chr.24,22), rief Sacharja beim Sterben. Über Jahresfrist wurde das Heer Judas durch eine Handvoll Syrer besiegt, alle Obersten aus dem Volk und fast alle Söhne des Königs wurden erschlagen, und Joas selbst kam nur durch eine hohe Loskaufsumme davon; was seine Väter an Gold, Geräten und Schätzen dem Herrn im Tempel geheiligt hatten, das gab er Hasael, dem König von Syrien. Joas selbst kam ein Jahr später durch eine Verschwörung seiner Diener ums Leben (2.Kg.11,4 - 12,22; 2.Chr.23 - 24). Amazja, der Sohn des Joas, tat was recht war in den Augen des Herrn und entließ sogar hunderttausend aus Israel gedingte Kriegsleute auf die Mahnung eines Mannes Gottes hin. Da stärkte ihn der Herr so, daß er die Edomiter im Salztal schlug. Weil er aber nach der Schlacht von Gott abfiel und den eroberten Götzen der Edomitergötter diente, gab Gott ihn in die Hand des Heeres des Königs Joas vom Nordreich Israel, den Amazja herausgefordert hatte. Joas kam nach erfolgloser Warnung (Gespräch vom Dornstrauch und der Zeder am Libanon) und beraubte Jerusalem und das Haus des Herrn und des Königs, ließ die Stadtmauern Jerusalems teilweise schleifen und nahm Geiseln mit. Seit seinem Abfall von Gott bestand eine Verschwörung gegen ihn, der er fünfzehn Jahre später zum Opfer fiel (2.Kg.14,1-20; 2.Chr.25). Mit sechzehn Jahren wurde Ussia (Asarja), der Sohn des Amazja, König und regierte zweiundfünfzig Jahre. „Er tat, was recht war in den Augen des Herrn, ganz wie sein Vater Amazja getan hatte. Und er suchte Gott, solange Sacharja lebte, der ihn in der Furcht Gottes unterwies. Und solange er den Herrn suchte, ließ Gott es ihm gelingen.“ (2.Chr.26,4-5) Gott half ihm gegen die Philister, Araber und Meuniter, und die Ammoniter mußten ihm Tribut geben, und Ussia wurde sehr stark, und Seite 54 sein Ruhm drang bis nach Ägypten, weil Gott ihm so wunderbar half. Aber mächtig geworden, überhob sich sein Herz, und er vergriff sich am Amt der Priester und ging in den Tempel des Herrn, um auf dem Räucheraltar zu räuchern. Als aber Asarja, der beherzte Hohepriester, den König seiner Überhebung und Gebotsübertretung überführte, demütigte er sich nicht, sondern wurde zornig, also daß Gott ihn auf der Stelle mit dem Aussatz schlug. Darum mußte Jotam, der Sohn Ussias, während dessen letzten Lebensjahren die Regierungsgeschäfte übernehmen (2.Kg.14, 21-22; 2.Chr.26). Ein gewaltiges Erdbeben bestätigte seinerzeit das Wort des Propheten Amos und das erste Auftreten des Propheten Jesaja (Jes.1,1; Am.1,1). Dieses Erdbeben ist prophetisch vorbildlich für den Abschluß des heutigen Zeitalters (Sach.14,5; Offb.6,12-17). e) Von Jotam bis Hiskia Jotam tat, was recht war in den Augen des Herrn, ganz wie sein Vater Ussia getan hatte, nur, daß er nicht in den Tempel des Herrn ging (2.Chr.27,2). Er befestigte das Land und Jerusalem, überwältigte die Kinder Ammons und zwang sie zu einem dreijährigen Tribut. Wohl erstarkte Jotam so, weil der Herr mit ihm war; aber den Höhendienst schaffte er nicht ab, und das Volk handelte noch verderblich, es opferte und räucherte auf den Das Reich Gottes - 52 - Höhen. Da begann Gott, der Herr, den syrischen König Rezin und Pekach, den Thronräuber im Nordreich Israel, wider Juda zu senden (2.Kg.15,32-38; 2.Chr.27,1-9). Zu eben dieser Zeit starb Jotam, und sein Sohn Ahas wurde alleinherrschender König. Aber Ahas tat nicht, was dem Herrn seinem Gott wohlgefiel, sondern wandelte in den Sündenwegen der Könige vom Nordreich Israel. Er ließ Baalsgötzen gießen, räucherte den Heidengöttern und brachte ihnen Menschenopfer. Darum gab Gott den Ahas in die Hände Pekachs, der auf einen Tag hundertzwanzigtausend tapfere Leute in Juda niedermachte und den Sohn und die Nächsten des Königs tötete. Daraufhin trat der Prophet Oded dem feindlichen Heer entgegen und ermahnte die Fürsten Ephraims, ihrer Sündenschuld vor Jehova zu gedenken. Sie gehorchten den Worten des Propheten und sandten auf sein Geheiß die Gefangenen aus Juda, zweihunderttausend Frauen, Söhne und Töchter, getränkt und gesättigt und mit Schuhen und Kleidern versehen, und die Schwachen auf Reittieren mitsamt aller Beute zurück und machten sie nicht zu Knechten; denn sie gedachten des Zornes Gottes und ihrer eigenen großen Schuld vor Gott. Das war eine gewaltige Hilfe Gottes, vorbildlich für die Endzeit. Ahas suchte jedoch noch keine Hilfe bei Gott. Es fielen auch noch die Edomiter und die Philister in Juda ein und gewannen Land und Städte, weil Ahas treulos gegen Gott war und keine Zucht in Juda ausübte. Anstatt bußfertig den Herrn zu suchen, sandte Ahas nach Assyrien um Hilfe. „Und Tiglat-Pileser, der König von Assyrien, kam wider ihn, er bedrängte ihn und stärkte ihn nicht. Denn Ahas plünderte das Seite 55 Haus des Herrn und das Haus des Königs und die Fürsten und gab es dem König von Assyrien; aber es half ihm nichts.“ (2.Chr.28,20-21) Allerdings hatte Tiglat-Pileser dem König Ahas Erleichterung verschafft; denn er kam auf den Hilferuf des Ahas, belagerte und eroberte Damaskus, tötete den König Rezin von Syrien, führte das syrische Volk gefangen und brachte sogar einen Teil des Volkes vom Nordreich Israel in die Gefangenschaft nach Medien. Aber doch war es keine göttliche Hilfe; denn Tiglat-Pileser machte den König Ahas tributpflichtig (2.Kg.16; 2.Chr.28). Als die Heere des Nordreichs Israel und Syriens das Land verheerten, es für sich zu erobern und einen volksfremden König einzusetzen suchten, mußte der Prophet Jesaja diesem bis dahin Gott feindlichsten König von Juda Gnade anbieten zu seiner und des Volkes Errettung. War Ahas über seine Sünden gegen Gott so verzagt, daß er nicht wagte, ein Zeichen seiner künftigen Errettung von Gott zu fordern, oder war er so bösartig, daß er nicht glauben wollte? Gott gab ihm selbst ein Zeichen: die Verheißung eines Jungfrau-Sohnes, „Immanuel“, d.h. „Gott mit uns“, also Gott wird durch die Erlösung in Christus mit seinem Volke sein, auch wenn sie zu seinen Feinden geworden sind (Jes. 7,1-14; Röm. 5,6-10). Doch Ahas glaubte nicht. Denn zur Zeit, da er von Syrien und Ephraim bedrängt wurde, fuhr er fort, sich zu versündigen; er rief Assur statt seines Gottes zu Hilfe und diente nach Tiglat-Pilesers Sieg den Göttern von Damaskus, die ihm zum Fall gereichten.* *(2.Chr.28,24: Und Ahas nahm die Gefäße des Hauses Gottes weg und zerbrach die Gefäße des Hauses Gottes und verschloß die Türen am Haus des Herrn und machte sich Altäre in allen Winkeln zu Jerusalem). Das Reich Gottes - 53 - Darum mußte der Herr über ihn und sein Volk und über das Haus seines Vaters (David) Tage bringen, wie sie niemals gekommen sind, seitdem Ephraim von Juda abgefallen ist, den König von Assur (Jes.7,17). Aber noch einmal blieb Ahas vom endgültigen Gericht über sich, sein Königreich und sein Volk verschont. Auch sein ihm folgender Sohn, der gottesfürchtige König Hiskia, erlangte noch Bewahrung vor dem Assyrerkönig. Seine Stellung ist mit den Worten geschildert: „Und er (Hiskia) tat, was dem Herrn wohl gefiel, ganz wie sein Vater David getan hatte. Er tat die Höhen ab und zerbrach die Säulen und rottete die Ascheren aus und zerschlug die eherne Schlange, welche Mose gemacht hatte; denn bis zu dieser Zeit hatten die Kinder Israels derselben geräuchert, und man hieß sie Nechuschtan. Er vertraute dem Herrn, dem Gott Israels, so daß unter allen Königen Judas nach ihm seinesgleichen nicht war noch vor ihm gewesen. Er hing dem Herrn an, wich nicht von ihm ab und beobachtete seine Gebote, welche der Herr dem Mose geboten hatte. Und der Herr war mit ihm, und wo er hinzog, handelte er weislich. Er fiel auch ab von dem assyrischen König und diente ihm nicht. Und er schlug die Philister.“ (2.Kg.18,3-8) Gleich bei Regierungsbeginn beseitigte er den Götzen- und Höhendienst, ließ den Tempel öffnen und reinigen, den sein Vater Ahas verunreinigt Seite 56 und geschloßen hatte, bestellte die Priester und stellte den Gottesdienst, den täglichen Opferdienst wieder her und freute sich mit dem ganzen Volk am Herrn (2.Chr.29). Er feierte auch ein großes Passahfest und lud dazu die von Tiglat-Pileser übriggelassenen Brüder vom Nordreich Israel ein -, die letzte Mahnung Gottes an Israel zur Umkehr vor dessen gänzlicher Vernichtung. Aber sie hörten nicht. Darum fiel Samaria, die Hauptstadt Israels, im achten Jahre der Regierung des Hiskia nach dreijähriger Belagerung durch den Assyrerkönig Salmanassar. Hiskia selbst wurde im vierzehnten Jahre seiner Regierung vom Assyrerkönig Sanherib in Jerusalem eingeschlossen und sehr bedrängt, nachdem bereits alle festen Städte Judas gefallen waren. Auch daß Hiskia alles verfügbare Gold und Silber an den König Sanherib ablieferte, rettete ihn nicht vor ihm. Aber dadurch, daß Hiskia in seiner unabwendbaren Not schließlich ernstlich zu Jehova schrie, wurde er mitsamt der Stadt Jerusalem aus der tödlichen Bedrängnis befreit, indem der Engel des Herrn in einer Nacht hundert fünf und achtzig tausend Mann von den assyrischen Truppen erschlug samt allen Heerführern, Gewaltigen und Hauptleuten. Da gab Sanherib die Belagerung Jerusalems auf und kehrte wieder um in sein Land, und dort wurde er im Hause seines Götzengottes von seinen eigenen Söhnen erschlagen (2.Kg.18 - 19; 2.Chr.30,6; 32,1-23; Jes.36 - 37). Der Prophet Jesaja hat in diesen Tagen dem König Hiskia mit Gottes Wort und Zuspruch sehr beigestanden. Hiskia war aber bald nach diesen Tagen auch todkrank geworden, und Gott hatte ihm, um seines Glaubens willen, das Leben geschenkt und verlängert (2.Kg.20,1-11; Jes.38). Darnach versündigte der König Hiskia sich aber dadurch, daß er den Gesandten des Königs Merod-Baladans von Babel Einblick in alle seine Schätze gewährte und ihnen sein Schatzhaus, das Silber und das Gold, die Spezereien, das beste Öl und sein Zeughaus (= Waffenarsenal) zeigte mit allem, was in seinen Schatzkammern war. Zweifellos wollte Das Reich Gottes - 54 - er die Babylonier dadurch zu einem Bündnis mit ihm gegen Assur bewegen, anstatt ihnen seinen Glauben an den Gott zu zeigen, der den bußfertigen, gläubigen Sünder vom Tode errettet, was er in seiner tödlichen Krankheit hatte praktisch lernen müssen (vgl.2.Kg.18,14 ff.; Jes.39). Als Folge dieser Unterlassung mußte der Prophet Jesaja dem Hiskia verkündigen, daß alle diese Schätze samt seinen Söhnen nach Babel geführt werden würden; doch Hiskia genügte es, wenn nur zu seiner Zeit Ruhe sein sollte (2.Kg.20,12-19; Jes.39; 2.Chr.32,25-31). Er konnte für seine Verfehlungen nicht die Glaubensgerechtigkeit in der ganzen Tiefe wie ein König David erfassen. f) Von Manasse bis Josia Nach Hiskia wurde sein zwölfjähriger Sohn Manasse König über Juda. Der führte aber den ganzen Götzendienst wieder so ein, wie sein Großvater ihn betrieben hatte. Darum erfüllten sich schon jetzt teilweise die Hiskia und Ahas angesagten Bedrängnisse und Gefangenführung; Seite 57 denn der König Manasse wurde wegen seiner Gottlosigkeit von Gott in die Hände der Assyrer gegeben, und assyrische Hauptleute führten ihn gefangen nach Babel (2.Chr.33,11). Weil er sich aber in seinen Ketten demütigte und Gott anrief, darum brachte Gott ihn wieder nach Jerusalem zurück (2.Chr.22,12-13). Manasse hatte aber ärger gesündigt und das Volk zur Sünde verführt als alle seine Vorfahren, also daß das Volk Gottes ärger sündigte als die Heiden (2.Chr.33,2-9). Dennoch stellte Gott den Manasse wieder her, und der erkannte, „daß Jehova Gott ist.“ Gott war aber über die vorigen Sünden des Königs Manasse so erzürnt, daß er sich auch durch die Gottesfurcht des späteren Königs Josia nicht mehr bewegen lassen wollte, Juda vor dem Untergang zu bewahren. Dennoch regierte Manasse selbst im ganzen fünfundfünfzig Jahre, länger als irgendein König in Juda und Israel (2.Kg.21,1). Also zeichnet Gott den, der seiner Barmherzigkeit bedarf, mehr aus als den, der da meint, er bedürfe ihrer nicht. Aber Amon, der Sohn des Königs Manasse, handelte nach seines Vaters Tode genau so gottlos wie dieser vor seiner Züchtigung, nur mit dem Unterschied, daß er sich nicht zu Gott wandte und an dem, was seinem Vater widerfuhr, nichts lernen wollte und nicht Buße tat. Darum mußte er auch schon nach zwei Jahren durch die Hand seiner Knechte, die eine Verschwörung wider ihn machten, sterben (2.Kg.21,19-24; 2.Chr.33,21-24). Mit dem König Josia beginnt die Geschichte der Könige Judas in bezug auf Judas Erhebung aus seiner Sündenniedrigkeit. Es war der letzte, gewaltige Versuch, das ganze Volk durch eines Königs Vorbild zur Gottesfurcht anzuhalten. Es ist von ihm gesagt: „Seinesgleichen war vor ihm kein König gewesen, der sich also von ganzem Herzen und von seiner ganzen Seele und aus allen seinen Kräften zum Herrn bekehrte, ganz nach dem Gesetz Moses; es stand auch nach ihm keiner seinesgleichen auf.“ (2.Kg.22 - 25; 23,25; 2.Chr.34) Mit acht Jahren wurde Josia, der Sohn des Amon, König. Mit sechzehn Jahren begann er Gott zu suchen. Mit zwanzig Jahren begann er den Götzen- und Höhendienst in Juda auszurotten. Nach weiteren sechs Jahren ließ er den Tempel reinigen, den Das Reich Gottes - 55 - Gottesdienst einführen und befahl, den Tempel auszubessern. Da fand man das Gesetzbuch des Herrn, und darin las Josia die furchtbaren Strafandrohungen für das Volk Gottes wegen seiner Sünden (vgl.3.Mos.26,1-39; 5.Mos.28). Da zerriß der König Josia seine Kleider und sandte zur Prophetin Hulda um ein Wort vom Herrn über die sicher angesagten Gerichte; denn Josia war bekümmert über die Sünden seiner Väter und die des Volkes. Gott wendete aber das Gerichtsurteil nicht ab, doch wurde Josia zum Trost gesagt: „Weil dein Herz erweicht ist und du dich vor dem Herrn gedemütigt hat, als du hörtest, was ich wider diesen Ort und seine Bewohner geredet habe, daß sie zum Entsetzen und zum Fluch Seite 58 werden sollen, und weil du deine Kleider zerrissen und vor mir geweint hast, so habe ich darauf auch gehört, spricht der Herr. Darum eben will ich dich zu deinen Vätern versammeln, daß du mit Frieden in dein Grab gebracht werdest und deine Augen alles Unglück, das ich über diesen Ort bringen will, nicht sehen sollen.“ (2.Kg.22,19-20) Daraufhin verpflichtete Josia das ganze Volk mit den Fürsten, Ältesten, Priestern und Propheten auf das Gesetz und erneuerte den Bund mit Gott, er zerstörte den Götzenund Höhendienst im ganzen Land und reinigte das ganze Land davon so gründlich, daß er auch den an der Nordgrenze von Juda (Südgrenze Israels) von Jerobeam I. 354 Jahre zuvor errichteten Götzenopferaltar mit Menschengebeinen verunreinigte und das dort errichtete goldene Kalb vernichtete, genau so, wie dreieinhalb Jahrhunderte zuvor ein Mann Gottes mit ausdrücklicher Vorausbenennung dieses kommenden Königs Josia geweissagt hatte. Dann hielt Josia mit dem ganzen Volk dem Herrn ein großes Passahfest, wie es seit dem Propheten Samuel nicht mehr gehalten worden war (2.Chr.35,1-18). So genau und gründlich aber Josia auch das Gesetz des Herrn erfüllte, er wurde nach zweiunddreißigjähriger Regierungszeit doch dem Worte Gottes ungehorsam, und das kostete ihm das Leben. Gott befahl dem Pharao Necho von Ägypten, zu eilen und Assur zu richten, also Ninive zu zerstören, wie die Propheten geweissagt hatten (2.Chr.35,20-24; Jon.1,2; 3,2; Nah.1,1; Zeph.2,13). Aber Josia ließ sich vom Wort Gottes, aus des Pharao Necho Mund, nicht verwarnen, sondern zog verkleidet in den Krieg und erlag. Schwer verwundet aus dem Kampf getragen, starb er zu Hadadrimmon in der Ebene Meggido, und man veranstaltete seinetwegen eine große Totenklage, die für das Ende der Zeit wieder vorbildlich sein wird (Sach.12,11; 2.Kg.22,1 - 23,30; 2.Chr.34 - 35). g) Die Söhne Josias und eine letzte Rettungsmöglichkeit Keiner der Söhne Josias nahm sich den Vater zum Beispiel; sie handelten alle gottlos. Dementsprechend kam auch das Gericht, das nun unaufhaltsam während zweier Jahrzehnte über sie und das Volk und seine Fürsten erging; denn auch über die Sünden des Königs Manasse war der Zorn Gottes zu groß geworden. Pharao Necho nahm nach seinem Sieg über Assur bei Karkemisch am Oberlauf des Euphrat den in Jerusalem neu eingesetzten König Joahas (Schallum) schon nach drei Das Reich Gottes - 56 - Monaten gefangen und führte ihn nach Ägypten, woselbst er sterben mußte (Jer.22,10-12). Denn er hatte nicht gehorcht, als Gott durch den Propheten Jeremja zu ihm gesagt hatte: „Höre das Wort des Herrn, du König von Juda, der du auf dem Throne Davids sitzest, du samt deinen Knechten und deinem Volke, die zu diesen Toren eingehen! So spricht der Herr: Seite 59 Schaffet Recht und Gerechtigkeit; errettet den Beraubten aus der Hand des Bedrückers; den Fremdling aber und die Waise und Witwe bedränget nicht und vergewaltiget nicht, vergießet kein unschuldiges Blut an diesem Orte! Denn wenn ihr dieses Wort erfüllet, so sollen durch die Tore dieses Hauses Könige einziehen, die für David auf seinem Throne sitzen, reitend auf Wagen und Rossen samt ihren Knechten und ihrem Volke. Wenn ihr aber diesen Worten nicht gehorchet, so schwöre ich bei mir selbst, spricht der Herr, daß dieses Haus zur Ruine werden soll!“ (Jer.22,2-5) Pharao Necho setzt statt des Joahas (Schallum) dessen Bruder Eljakim zum tributpflichtigen König ein und verwandelte seinen Namen in Jojakim (Jehojakim). Ihm sagte Jeremja: „Wehe dem, der sein Haus mit Unrecht baut und seine Söller mit Ungerechtigkeit, der seinen Nächsten umsonst arbeiten läßt und ihm seinen Lohn nicht gibt; der da spricht: ‚Ich will mir ein geräumiges Haus und luftige Söller bauen‘, - und er macht sich viele Fenster drein, täfelt sie mit Cedern und streicht sie mit roter Farbe an. Bist du dafür König, damit du den Bau von Cedernpalästen eifrig betreibest? Hat nicht dein Vater auch gegessen und getrunken und doch Recht und Gerechtigkeit geübt? Da stand es gut um ihn! Ja, wenn man den Bedrängten und Armen zum Recht verhilft, dann steht es gut; heißt nicht solches mich erkennen? spricht der Herr. Aber deine Augen und dein Herz sind auf nichts anderes aus als auf deinen Gewinn und auf das Vergießen unschuldigen Blutes und Bedrückung und Mißhandlung auszuüben.“ (Jer.22,13-17) Noch ehe Nebukadnezar den Pharao Necho am Karkemisch schlug, kam er nach Judäa und unterwarf sich Jojakim zur Tributpflicht und führte einen Teil des Volkes aus Juda in die Verbannung. Aber Jojakim lernte nichts daraus; er fiel nach drei Jahren wieder von Nebukadnezar ab und wurde von Gott anderweitig gezüchtigt. Gott entsandte Streifscharen aus verschiedenen Völkern nach Palästina, um Juda zugrunde zu richten (2.Kg.24,2-7). Aber der Ägypterkönig kam nicht mehr; denn der König von Babel hatte alles eingenommen, was des Königs von Ägypten war, vom Bach Ägyptens bis an den Strom Euphrat (2.Kg.24,7). Ja, Jojakim versündigte sich noch mehr an Gott; denn im gleichen Jahr zerschnitt und verbrannte er das Weissagungsbuch des Propheten Jeremja (Jer.36,2.9-32). Schließlich zog Nebukadnezar ein zweites Mal nach Jerusalem, eroberte es und schlug Jojakim in Ketten, daß er starb. Er wurde fern vor die Tore Jerusalems geschleift und ohne Totenklage wie ein Esel begraben. Nebukadnezar war gekommen, ihn zu züchtigen (Jer.22,18-19; 36,30). Dem König Jojakim folgte sein achtzehnjähriger Sohn Jojachin (Jehojachin). Auch dieser handelte gottlos, und nach hunderttägiger Regierung ließ König Nebukadnezar ihn samt seiner Mutter und den Seite 60 besten Geräten des Tempels nach Babel holen. Zu und von ihm mußte Jeremja sagen: „So wahr ich lebe,‘ spricht der Herr, ‚wenn gleich Konja, der Sohn Jojakims, der König von Juda, ein Siegelring wäre an meiner rechten Hand, so will ich dich doch Das Reich Gottes - 57 - von da abreißen und dich in die Hand derer geben, die nach deinem Leben trachten, in die Hand derer, vor welchen du dich fürchtest, und in die Hand Nebukadnezars, des Königs zu Babel, und in die Hand der Chaldäer. Und ich will dich samt deiner Mutter, die dich geboren hat, in ein fremdes Land schleudern, darin ihr nicht geboren seid, und daselbst sollt ihr sterben! Aber in das Land, dahin sie zurückzukehren verlangen, sollen sie nicht wieder kommen!‘ Ist dieser Mann, dieser Konja denn ein verworfenes, zerschmissenes Gefäß? Ist er ein Geschirr, an dem man kein Gefallen findet? Warum wurde er denn samt seinem Samen weggeschleudert und hingeworfen in ein Land, das ihnen unbekannt ist? Land, Land, Land, höre des Herrn Wort! So spricht der Herr: ‚Schreibet diesen Mann ein als einen Kinderlosen, als einen Menschen, dem es sein Lebenlang nicht gelingen wird; ja, es soll keinem seiner Nachkommen gelingen, auf den Thron Davids zu kommen und wiederum zu herrschen über Juda!“ (Jer.22,24-30) An seine Stelle setzte Nebukadnezar einen dritten Sohn des Josia, also einen Oheim Jojachins, Mattanja, zum tributpflichtigen König ein und nannte ihn Zedekia, und ließ ihn seine Abhängigkeit von ihm bei Gott beschwören. Aber selbst Zedekia handelte gottlos. Unter seiner Regierung verunreinigten die Obersten und Priester das Haus Gottes so sehr, daß schließlich Gottes Herrlichkeit den Tempel verließ und ihn mitsamt der Stadt und dem Volk dem Untergang preisgab. Die fleißig warnenden Propheten wurden verlacht, gehöhnt, verspottet und verfolgt und mit dem Tode bedroht. Zedekia selbst brach seinen Eid und fiel von Nebukadnezar ab und suchte ein Bündnis mit Pharao Hophra von Ägypten. Da brach Nebukadnezar auf und suchte den Ungehorsam des Königs gründlich zu strafen. Aber immer noch gab Gott eine Gelegenheit zur Errettung des Volkes und der Stadt –, Gott wurde nicht müde, Barmherzigkeit zu üben, trotz aller gewißlichen Versicherungen des kommenden Endgerichts und Unterganges. Gott machte aber die immer wieder verheißene Barmherzigkeit von dem Erbarmen abhängig, das die Fürsten und Großen und Wohlhabenden und Land- und Häuserbesitzer an ihren Brüdern von ganzem Herzen üben sollten. Denn in ihrer Angst war ihm auch angst, und darum suchte der Engel des Herrn sie zu retten (Jes.63,9). Wohl übten die Großen in Juda und Jerusalem in ihrer Todesangst vor dem wieder anrückenden König Nebukadnezar diese Barmherzigkeit an ihren Brüdern, wie sie ihnen im Gesetz vorgeschrieben war, eine Handlungsweise, die fast immer versäumt und vielleicht nur Seite 61 unter den gottesfürchtigsten Königen Judas durchgeführt worden ist; denn Zedekia hatte Freilassung ausrufen lassen, damit jedermann frei würde, zu seinem Acker zurückkehre und niemand mehr gezwungen sei, seinen Brüdern als Knecht oder Magd zu dienen (3.Mos.25; 5.Mos.15,1-15; Jer.34,8-15). Aber die Fürsten reute es nachher wieder, als sie merkten, daß Nebukadnezar von Jerusalem abzog, um mit Pharao Hophra zu kriegen, der sich zu ihrer Hilfe nahte. Da zwangen sie ihre Brüder, wieder zu dienen (Jer.34,5-22; 37,5-10). h) Der Untergang des Reiches Juda Pharao Hophra, der zum Entsatz Jerusalems heraufgezogen war, räumte jedoch dem König Nebukadnezar kampflos das Feld, und Nebukadnezar belagerte Jerusalem wieder und nahm die Stadt ein, ließ alle Fürsten und Königssöhne töten und führte alles Volk Das Reich Gottes - 58 - außer den Geringen im Lande mitsamt dem geblendeten König in die Verbannung und ließ ein Jahr darauf den Tempel samt der Stadt niederbrennen und zerstören. Damit erfüllten sich Weissagungen und Drohworte, die für das Ende unseres Zeitalters wieder ihre große Bedeutung haben; so ist zu Zedekia gesagt: „Du, Unheiliger, Gesetzloser, Fürst Israels, dessen Tag gekommen ist zur Zeit der Ungerechtigkeit des Endes! So spricht der Herr Jehova: ‘Hinweg mit dem Kopfbund und fort mit der Krone! Dies wird nicht mehr sein. Das Niedrige werde erhöht und das Hohe erniedrigt! Umgestürzt, umgestürzt will ich sie (Jerusalem) machen; auch dies wird nicht mehr sein – bis der kommt, welchem das Recht gehört: dem werde ich sie (die Macht und die Krone) geben.“ (Hes.21,30-32, Elb.Bib.) Nebusaradan, der Oberste der Leibwache Nebukadnezars, gab gerade den im Lande zurückgelassenen Geringen Äcker und Weinberge, während die Reichen in die Gefangenschaft geführt wurden, so weit sie nicht sterben mußten. So machte Gott das den Elenden zugefügte Unrecht wieder gut. Darum sagt die Schrift: „Verrücke die Grenze der Witwe nicht, und betritt nicht die Äcker der Waisen! Denn ihr Erlöser ist stark; der wird ihre Sache wider dich führen.“ (Spr.23,10-11) „Darum, weil ihr den Geringen niedertretet und Getreideabgaben von ihm erhebt, so habt ihr wohl Häuser aus Quadersteinen gebaut und werdet doch nicht darin wohnen, habt wohl köstliche Weinberge gepflanzt und werdet ihren Wein doch nicht trinken!“ (Am.5,11) „Höret das die ihr den Armen nachstellet und darauf ausgeht, die Wehrlosen im Lande zugrunde zu richten; die ihr saget: ‚Wann will doch der Neumond vorübergehen, daß wir Getreide Seite 62 verkaufen, und der Sabbat, daß wir Korn feilbieten und das Epha verkleinern und den Schekel vergrößern und die Waage fälschen können; daß wir die Dürftigen ums Geld und den Armen um ein Paar Schuhe kriegen und den Abfall vom Korn verkaufen können?“ (Am.8,4-6) „Wehe denen, welche Unheil aussäen und Böses vorbereiten auf ihren Lagern! Am Morgen, wenn es Licht wird, vollführen sie es, weil es in ihrer Macht steht. Gefällt ihnen ein Feld, so rauben sie es, und wollen sie ein Haus haben, so nehmen sie es weg; sie vergewaltigen den Besitzer samt seinem Hause, den Mann mitsamt seinem Erbteil.“ (Mich.2,1-2) „Wehe euch, die ihr ein Haus ans andere reiht, einen Acker zum anderen schlaget, bis kein Platz mehr bleibt und ihr allein im Lande wohnt!“ (Jes.5,8) „Warum fasten wir, und du siehst es nicht; warum kasteien wir unseren Leib, und du nimmst es nicht in acht? Wahrlich, an eurem Fasttag treibet ihr eure Geschäfte und dränget alle eure Arbeiter! Siehe, ihr fastet, um zu zanken und zu hadern und dreinzuschlagen mit gottloser Faust; ihr fastet gegenwärtig nicht so, daß euer Schreien in der Höhe Erhörung finden könnte. ... Sollte mir nicht dasjenige Fasten besser gefallen, daß ihr ungerechte Fesseln öffnet, daß ihr die Knoten des Joches löset, daß ihr die Bedrängten freilasset und jegliches Joch wegreißet? Daß du dem Hungrigen dein Brot brichst und arme Verfolgte nach Hause bringst; daß du, wenn du einen Nackten siehst, ihn bekleidest und dich von deinem Fleische nicht fernhältst?“ (Jes.58,3-4.6-7) Diese Worte haben für die Endzeit eine um so viel größere Bedeutung, weil es sich dann um das Erbteil der Leibesverwandlung handelt, um das die Elenden im Lande von ihren Brüdern gebracht werden sollen (Jes.57,12-13; Apg.20,32; 26,18; Röm.2,7; 8,17.23; 1.Kor.15,51-57; 2.Kor.5,1-4; Gal.4,7; Eph.1,13-20; Phil.3,18-21; 2.Thess.1,1-10; Tit.3,7; Hebr.9,15; 1.Petr.3,9; Jak.2,5; Offb.2,7; 19,7-9; Ps.51, 19; Jes.57,15; 66,5; Joh.16,1-4; Apg.15,1.5; Gal.5,1-4). - 59 - Das Reich Gottes Vielleicht hätte Gott die Acker- und Besitztumsgesetze anders geben können. „Alles Land ist mein“, hatte er gesagt (3.Mos.25,23). Wäre es nicht vielleicht besser gewesen, das Land vom Staat aus in unverschuldbare Erbpacht zu geben, wie Joseph in Ägypten unter Pharao gewirkt hatte? Solcherart suchte man auch, in Griechenland und im jung aufstrebenden Rom nach großem Sittenverfall zu reformieren, um das ganze Volk von der Schuldknechtschaft der Hypothekenlasten zu befreien. Aber dann wären die Israeliten nicht mehr frei gewesen und sie hätten dann ihr Erbe nicht mehr unmittelbar von Gott erlangt gehabt, und der für das künftige Erbe eines unvergänglichen Leibes vorgeschattete Sinn wäre gar nicht vorhanden gewesen. Seite 63 Die Israeliten sollten vor Erbteilsverschleuderung bewahrt werden, darum war erlaubt, sie und ihr Anwesen auf beschränkte Zeit in Dienst zu nehmen (Jes.26,13-15). Vor allem aber sollten die anderen an ihren Brüdern die Barmherzigkeit üben lernen und erkennen, daß auch sie nur auf Grund des Segens Abrahams aus lauter Barmherzigkeit und nicht aus Erfüllung von Gesetzesforderungen zu ihrem ewigen Erbteil einst gelangen werden, wenn sie glauben (Jak.2,13; 1.Mos.18,18-19 Elb.B.; 5.Mos.30,1-14.20; Röm.10,6-11; Gal.3,17-22; Matth.5,3-12.20; Hebr.9,15). Die erste Weltreichsherrschaft 1. Von Gottes Heilsplan mit seinem Volke Je näher wir dem Ende des gegenwärtigen und dem Anfang des in Gottes Wort verheißenen neuen Zeitalters, des Tausendjährigen Reiches, kommen, um so mehr müssen wir es uns zur Aufgabe machen, Gott in seinem Willen und Ratschluß zu verstehen. Um das tun zu können, müssen wir mehr denn je darnach trachten, über Gottes Wort und besonders über das prophetische Wort das rechte Licht und die nötige Erkenntnis zu erlangen. Gott will nichts ausführen, ohne daß er es zuvor seinen Knechten offenbart. Und gerade in Verbindung mit den göttlichen Offenbarungen über das Volk Gottes in der Zeit der vier Weltreiche und dem Reich des Allerhöchsten, dem Tausendjährigen Reich, muß der Prophet Daniel bezeugen, daß in der Zeit des Endes viele im Buch Daniel forschen werden und daß dann das Verständnis zunehmen wird. Auch Petrus weist darauf hin, daß die Kinder Gottes wohltun, wenn sie auf das prophetische Wort achten, als auf ein Licht, das an einem dunklen Orte scheint bis der Tag anbricht und der Morgenstern in ihren Herzen aufgeht, und fordert auf, desto mehr daran festzuhalten. Wir haben bis jetzt die „Urgeschichte der Völker“ und in Verbindung damit in besonderer Weise die „Geschichte des von Gott auserwählten Zwölf-Stämme-Volkes Israel“ betrachtet. Wenn wir nun in den folgenden Ausführungen zu verstehen suchen, wie sich die Völkergeschichte im Laufe der Jahrtausende in den von Gott durch den Babel-könig Nebukadnezar und den Propheten Daniel bezeugten vier Weltreichen ausgewirkt hat, so soll das nur dem Zweck dienen, daß wir erkennen, wie Gott im Schoße dieser Völker Das Reich Gottes - 60 - seinen Heilsplan mit seinem auserwählten Volk Israel bis heute hinausgeführt hat und in der kommenden Zeit auch vollenden will. Diese Betrachtungen sollen deshalb nicht nur eine geschichtliche Abhandlung sein, sondern es soll gezeigt werden, wie Gott das Schicksal der Völker zum Voraus genau bestimmt und durch seine Propheten geoffenbart hat. Die Kinder Gottes, sowie das Volk Gottes sollen daran Gottes Walten prüfen und kennenlernen, wie und wann Gott seine schon Seite 64 den Vätern gegebenen herrlichen Verheißungen erfüllt, indem er durch sein auserwähltes Volk sein ewiges Reich aufrichtet. Das soll aber nicht nur ihren Wissensdurst stillen. Durch die rechte Erkenntnis dieser göttlichen Wahrheiten sollen die Kinder Gottes vielmehr eine solche Stellung erlangen, daß sie an dem Walten Gottes auch den gottgewollten Anteil haben können. 2. Die in den Weltreichen wirkenden Geistmächte Alle Ereignisse unter den Völkern stehen mit dem Volk Gottes und der künftigen Reichsgottesherrschaft in Wechselbeziehung. Diese Tatsache müssen wir bei der Betrachtung der vier Weltreiche in ganz besonderer Weise beachten. So groß Reiche auch gewesen sein mögen, - sie sind jedoch nur dann von Gottes Wort als Weltreiche bezeichnet worden, wenn sie mit dem Volk Israel oder mit dem Reich Gottes in einer ganz bestimmten Verbindung standen oder noch stehen und der Entwicklung des göttlichen Willens und seinem in Christo bestimmten Heilsratschluß in der Völkerwelt dienen. Wir müssen deshalb zuerst auf die einander entgegenwirkenden Geistgewalten achten, die in den verschiedenen Völkern vorhanden sind. Die in den Weltreichen wirkenden satanischen Geistmächte und Kräfte zielen immer auf die Vernichtung oder Ausschaltung der göttlichen Machtwirkungen hin, welche die Errichtung der ewigen Reichsgottesherrschaft herbeiführen sollen und werden. Diese göttlichen Machtwirkungen waren bereits kurze Zeit im Volk Gottes unter den übrigen Völkern vorhanden. Als Strafe für den Ungehorsam des Volkes Gottes ließ Gott diese Herrschaft von seinem Volk auf die vier Weltreiche übergehen. Obschon die Heilige Schrift von vier Weltreichen und dem darauffolgenden Gottesreich spricht (Dan.2,31-45; 7,2-27), so umfaßt jedes Weltreich doch annähernd immer dieselben Völker einschließlich des größten Teils vom Volk Israel. Die zukünftige Reichsgottesherrschaft wird aber von den Volksstämmen Israels aufgerichtet, die in der Hauptsache im Bereich der vier Weltreiche wohnen (Dan.7,14.18.2627). Nur ist zu beachten, daß die Weltreichsherrschaft immer von einem Volk auf ein anderes übergeht, daß also die Träger des jeweilig herrschenden Weltmachtgeistes verschieden sind; der letzte Träger dieses Weltmachtgeistes ist das Volk Israel in der Zeit, wenn durch Gottes Geist das Reich Gottes auf Erden aufgerichtet wird. Der Geist des ersten und vierten Weltreichs ist aber ein und derselbe; darum sind die bis heute unerfüllten Weissagungen der Propheten über das römische Reich und über das Volk Gottes an (Assur =) Babel, d.i. Chaldäa und an das Doppelvolk Gottes Juda und Das Reich Gottes - 61 - Ephraim-Israel gerichtet. Diese beiden Völker Juda und Ephraim-Israel sind vor dem Endgeschehen wieder in zwei größeren Reichen vorhanden (vgl.Jes.9,19-20) und werden in dieser Zeit, wie im ersten Weltreich von Babylon am Ende des vierten Weltreichs Rom, auch wieder von diesem Volk Rom beherrscht. Deshalb Seite 65 ist das Volk der Babylonier, das die erste Weltreichsherrschaft ausgeübt hat, das gleiche, wie das Römervolk, das am Ende des vierten Weltreichs wieder die Herrschaft über das Volk Israel ausübt. Diese Weltmachtgeistwirkungen sind auch „Winde“ genannt, die als Sturmwinde die ihnen jeweils vorausgehende Weltreichsherrschaft zerstören (vgl.Jes.5,28; Jer.4,11-13). Beachten wir im Zusammenhang damit, daß in der griechischen Sprache für „Geist“ und „Wind“ gern ein und dasselbe Wort „Pneuma“ gebraucht wird. Vom Geist des zweiten und vom Geist des dritten Weltreichs spricht der Herr in Dan.10,13.20 als vom (geistigen) „Perserfürsten“ und vom (geistigen) „Griechenfürsten“. Im Kampf gegen diese Geistfürsten steht dem Herrn der Fürst des Volkes Gottes, der Erzengel Michael, bei (Dan.10,13.21; 11,1; 12,1). Es ist aus der Offenbarung zu ersehen, daß den zum Bösen wirkenden Perser- und Griechengeistfürsten, sowie dem Geistfürsten des ersten und vierten Weltreichs noch göttliche Wesen, genannt „lebendige Wesen“, „Lebewesen“ vorstehen (Offb.4,5-11; 5,6-16; 6,1-8). Der Geist des ersten und vierten Weltreichs dürfte Satan als der Fürst dieser Welt selbst sein; denn der Herr widerspricht dem nicht, als Satan sagt, daß ihm alle Reiche der Welt gehören und er sie gebe, wem er wolle (Luk.4,5-6). Gleichwie der Geist des ersten, so trachtet auch der Geist des vierten Weltreichs auf die Aufhebung der Macht des Volkes Gottes. Beide Reichsgewalten zerstörten Jerusalem und den Tempel, den Wohnort der Herrlichkeit Gottes und führten das Volk Gottes gefangen. Und so wie Nebukadnezar ein Standbild zur alleinigen Anbetung aufrichtete, so wird es wieder im vierten Weltreich zur Zeit des Endes geschehen (Dan.3; Offb.13,14-18). Daniel erwähnt zwar den Namen dieses Geistesfürsten nicht. Aber in den vier apokalyptischen Reitern (Offb.6,1-8) dürfen wir die Reichsgewalten der vier Weltreiche wiedererkennen, und der Name dessen, der auf dem fahlen (d.i. leichenfarbenen) Pferde sitzt, ist der Tod genannt, welcher Macht erlangt über den vierten Teil der „Erde“. Der aber, der des Todes Gewalt hat, ist der Teufel, der Satan (Hebr.2,14). Dem, der des Todes Gewalt hat, widersteht der Herr, der das Reich Gottes mit Sieg über den Tod zustande bringt (Hos.13,14). Der vierte Wind, der Geist des Gottesreiches Israel, das ist der Herr selbst, der seine Herrschaft auf Erden aufrichtet (Dan.7,14.18.22.27; Offb.11,15.17; 12,10; 19,6); es ist der Sturmwind Israels, der als Sieger über die gottfeindlichen Geistmächte alle vorausgehenden, widergöttlichen Weltreiche zerstört (Jes.17,13; 41,14-16; 59,19; vgl.57,13; Hes.1,4; 37,9; Dan.2,35). Weil aber der Herr seine Auseinandersetzung vornehmlich mit dem Satan führt, der nach Joh.14,30 der Fürst dieser Welt und nach Joh. 8,44 der Vater der Lüge und ein Das Reich Gottes - 62 - Menschenmörder von Anfang ist, so ist um so mehr einleuchtend, daß Satan der Geistesfürst des glänzendsten ersten und vierten gewaltigsten Weltreichs ist. Seite 66 Sobald die vier Winde auf das große Völkermeer losbrechen, erheben sich nacheinander daraus vier große Tiere als Abbilder der vier Weltreiche (Dan.7,2-3.16-17). Daraus könnte man irrtümlich ableiten, daß die vier Winde auch den vier Tieren entsprechen, und daß die Winde des ersten und letzten Weltreichs zwei verschiedene wären. Weil aber der Wind des Herrn alle vier Weltreiche verweht, sobald ein Stein ohne Handanlegung losgerissen wird, und das Standbild zertrümmert, das ein Abbild der vier Weltreiche ist, darum muß unter einem der vier Winde der Wind des Herrn erkannt werden (Dan.2,34-35; 7,2-3). Der Babelkönig des ersten Weltreichs, Nebukadnezar, ist der „Knecht des Herrn“ genannt. Er hat den göttlichen Gerichtswillen am abtrünnigen Volk Gottes ausgeübt und es in die Gefangenschaft geführt (Dan.1,1; Jer.25,9; 27,6-8; 43,10). Die Könige Darius und Kores des medopersischen Weltreiches haben dann dieses Chaldäerreich zertrümmert, um dem Volk Gottes, dem Reich Juda, wieder zu beschränkter Selbständigkeit zu verhelfen (2.Chr.36,22-23; Esr.1,1-4; 6,2-5; Dan.5,26 - 6,1.3.26-29). Das dem Volk Gottes geneigte Perserreich ist darauf vom Griechenreich Alexanders des Großen zerschlagen worden (Dan.11,2-4), und ein Nachfolgereich dieses Griechenreichs (Syrien) ist wieder zum besonderen Feind des Volkes Gottes geworden, bis alle vier Nachfolgereiche, in die das Reich Alexanders des Großen aufgeteilt wurde, dem ärgsten Feind des Volkes Gottes Raum machen müssen, dem römischen Weltreich. Dasselbe dient aber wieder nur dazu, damit der Herr an seinem Volk nicht nur wie einst durch den Assyrer sein Gerichtswerk, sondern nach Jes.10,12 am Ende auch sein ganzes Heilswerk vollendet. Aus diesen aufeinanderfolgenden Reichen können wir leicht verstehen, daß eine der vier Geistwirkungen, die das Völkermeer bewegen, der Wind des Herrn sein muß, der in beiden Richtungen mitgewirkt hat, wie zum Erheben, so auch zum Vergehen der vier Weltreiche und zum Gericht und zur Erhebung des Gottesvolkes Israel, um die Reichsgottesherrschaft darzustellen (Jes.41,5-16.22-24; 42,13-17). Wir dürfen aber nicht außer acht lassen, daß jede der vier Geistmächte sich vor allem in einer ganz bestimmten Persönlichkeit verkörpert und sie zum Haupt und Herrscher des Volkes und Weltreichs macht: Nebukadnezar, als Haupt des ersten Weltreichs Assur-Babel (Dan.2,32.37-38; Jer.27,67), Kores (Cyrus), als Haupt des zweiten Weltreichs Medo-Persien (Dan.10,1), Alexander d. Gr., als Haupt des dritten Weltreichs Griechenland-Mazedonien (Dan.11,3), ein Gottesverächter, als Haupt des letzten römischen Weltreichs (Dan.7,25; 8,10-11; und ein Überwinder, als Haupt des Reiches Gottes auf Erden (Jes.2,4; 41,2-4.25; 45,1-6; 11,21.36; Offb. 13,5-7) 61,10; Jer.30,21; Hes.21,32; Hos.2,2; Mich.2,13; Offb.2,26-28; 3,7-11; 19,11-16). Seite 67 Das Reich Gottes - 63 - 3. Die vorausgesagte Chaldäerherrschaft Nicht die Assyrer sollten die erste Weltreichsherrschaft ausüben, auch nicht die Syrer, sondern die Chaldäer, obwohl Syrien und Assyrien jahrhundertelang die Vorherrschaft in Vorderasien innehatten. Daß die Chaldäer zur Herrschaft kommen sollten, berichten uns die Propheten. Die älteste Weissagung zitiert der Märtyrer Stephanus in Apg.7,42-43 aus Am.5,25-27, indem er „über Damaskus hinaus“ mit „über Babylon hinaus“ bezeichnet als das Ziel der Gefangenführung Israels, und Babylon war die Hauptstadt Chaldäas. Ähnlich schreibt Micha: „Zittere und stöhne, du Tochter Zion, wie eine Gebärende; denn nun mußt du zur Stadt hinaus und auf dem Felde wohnen und nach Babel kommen.“ (Mich.4,10) Jesaja weissagt dem König Hiskia, der allem Anschein nach zur Brechung der Assyrerherrschaft ein Waffenbündnis mit Babel suchte: „Siehe, es kommt die Zeit, da alles, was in deinem Hause ist, und alles, was deine Väter gesammelt haben bis auf diesen Tag, nach Babel geführt werden soll; es wird nichts übrigbleiben, spricht der Herr. Und von deinen Söhnen, die von dir kommen, die du zeugen wirst, wird man nehmen, daß sie Kämmerer seien im Palast des Königs zu Babel!“ (Jes.39,6-7) Die ausführlichste Schilderung gibt der Prophet Habakuk, indem er vom Chaldäer schreibt, der nach Kap.1,17 „ohne Erbarmen Völker erwürgt“: „Sehet, ihr (von mir) Abgefallenen, und schauet zu, verwundert und entsetzet euch! Denn ich tue ein Werk in euren Tagen, ihr würdet es nicht glauben, wenn man es erzählte! Denn wahrlich, ich erwecke die Chaldäer, ein bitterböses und behendes Volk, das nach großen Ländern ausgeht, Wohnsitze zu erobern, die ihm nicht gehören. Es ist schrecklich und furchtbar; sein Recht und sein Ansehen geht von ihm selber aus. Seine Rosse sind schneller als Pardel und grimmiger als die Wölfe am Abend, seine Reiter kommen im Galopp von ferne her, sie fliegen wie ein Adler, der zum Fressen eilt. Es geht ganz nur auf Gewalttaten aus, das Streben seines Angesichts ist vorwärts gerichtet, und es sammelt Gefangene wie Sand. Es spottet der Könige, und Fürsten sind ihm ein Spaß; es lacht aller Festungen, schüttet Erde auf und erobert sie. Dann fährt es daher - im Sturmwind! - überschreitet (das Maß, vgl.Sach.1,15) und verschuldet sich; denn seine Kraft macht es zu seinem Gott.“ (Hab.1,5-11) Nun war aber Assur zur Zeit dieser Propheten die gewaltige vorherrschende Macht in Kleinasien, Mesopotamien und Palästina, der auch Babel, Medien und Syrien dienen mußten. Darum mußten diese Weissagungen von der kommenden Babelherrschaft und der Vernichtung der Syrer und Assyrer befremdend wirken. Im Gericht, das Seite 68 durch Babel über Tyrus, Sidon, Phönizien und Kanaan geweissagt war, ist aber erklärt, daß und wie Babel ganz plötzlich zur Weltherrschaft kommt. Es heißt da: „Siehe, das Land der Chaldäer, dieses Volk, das nicht war – schon hat dieses Volk das Land Assur zur Stätte für Wüstentiere gemacht! – sie haben ihre Belagerungstürme errichtet, zerstören die Paläste (von Tyrus) machen sie zu Trümmerhaufen.“ (Jes.23,13) Der Feldherr Nebukadnezar hatte als Unterkönig seines Vaters Nabopolassar im Verein mit dem Mederkönig Ahasveros (n.Dan.9,1, dem Vater des Darius), nach weltlichen Berichten und nach Tobit-Tobias 14,15 (Menge und neue Zürch. B.) Ninive zerstört, und das wohl zu der Zeit, da der Ägypterkönig Pharao Necho das Gottes-gericht am - 64 - Das Reich Gottes assyrischen Heer zu Karkemisch am Oberlauf des Euphrat vollstreckte (2.Kg.23,29; 2.Chr.35,20; Jer.46). So ist die Assyrerherrschaft plötzlich zerstört worden und die geweissagte Chaldäerweltherrschaft ebenso plötzlich emporgekommen. Indessen behielt aber Pharao Necho in Kleinasien und Palästina vorerst noch die Macht. Er führte, wie schon erwähnt, nach seinem Siege den in Juda inzwischen eingesetzten König Joahas (d.i. Schallum) gefangen nach Ägypten, setzte an dessen Statt Eljakim, einen anderen Sohn des Josia, zum abgabepflichtigen König in Juda ein und nannte ihn Jojakim (Jehojakim) (2.Chr.36,1-4). 4. König Nebukadnezar, der Knecht Gottes Nebukadnezar, nach weltgeschichtlichen Berichten ein Sohn des Chaldäerkönigs Nabopolassar, wurde der große König des assyrisch-babylonischen Reiches, des ersten der vier Weltreiche, von denen uns der Prophet Daniel berichtet. Dieser König Nebukadnezar sollte das Volk Gottes für seine Sünden richten und den Rest in die babylonische Gefangenschaft führen. Zu ihm sagt Daniel: „Du, o König, bist ein König der Könige, da dir der Gott des Himmels königliche Herrschaft, Reichtum, Macht und Glanz gegeben hat. Überall, wo Menschenkinder wohnen, Tiere des Feldes und Vögel des Himmels, hat er sie in deine Hand gegeben und dich über sie alle zum Herrscher gemacht; du bist das goldene Haupt!“ (Dan.2,37-38) Genau dasselbe Zeugnis über die Herrschaft Nebukadnezars gibt der Prophet Jeremja, indem er sagt, dass ihm, seinem Sohn und seinem Enkel alle Völker dienen sollen, sogar die Tiere des Feldes (Jer.27,5-8; 28,14). Daniel sieht das Reich Nebukadnezars auch in der Gestalt eines Löwen mit Adlersflügeln. Seite 69 Als göttlicher Seher schildert Daniel die Entstehung des ersten Weltreichs mit den Worten: „Ich sah in meinem Gesichte bei Nacht, wie die vier Winde losbrachen auf das große Meer, und vier große Tiere stiegen aus dem Meer empor, eines verschieden vom andern. Das erste glich einem Löwen und hatte Adlersflügel. Ich betrachtete das Tier, bis daß ihm die Flügel ausgerauft wurden und es sich von der Erde aufrichtete und wie ein Mensch aufrecht auf seinen Füßen stand und ihm ein menschliches Herz gegeben ward.“ (Dan.7,2-4) Gott nennt den König Nebukadnezar dreimal „seinen Knecht“ (Jer.25,9; 27,6; 43,10) und läßt ihn Gesichte und Wunder schauen, so groß, wie sie noch kein Weltherrscher sehen durfte (Dan.2,28-45; 3,24-30; 3,31 - 4,15). In die Hand dieses Königs Nebukadnezar von Babel sollte das ganze Land Juda gegeben werden, und die Gefangenschaft sollte siebzig Jahre dauern –, siebzig Jahre sollte auch das erste Weltreich Assur-Babel die Herrschaft über die Völker innehaben (Jer.25,9-11; 29,10; Dan.9,2). Nur muß beachtet werden, daß die siebzigjährige Herrschaft über die Völker zwei Jahre früher begann und endete, als die siebzigjährige Gefangenschaft Judas. Israels Gefangenschaft beginnt mit dem ersten Zug des Königs Nebukadnezar nach Jerusalem im vierten Jahr des Königs Jojakim als dem ersten Jahr der Alleinherrschaft des Königs Nebukadnezar und endet zwei Jahre nach Babels Fall mit dem Rückwanderungs- und Tempelwiederaufbaubefehl des Perserkönigs Kores. Darum muß König Nebukadnezars Herrschaft über die Völker zwei Jahre früher begonnen haben, und zwar zu der Zeit, als er noch als Feldherr und Mitregent seines Vaters, des Chaldäers Nabopolassar, im Bunde mit den Medern und Das Reich Gottes - 65 - Ägyptern das Gericht über Assur und Ninive ausführte. Siehe die im Verlag erschienene Schrift „Biblische Zeittafeln“. In die Hand dieses Babelkönigs Nebukadnezar sollte Juda fallen, wie Israel in die Hand der Assyrer fiel; denn das Volk Gottes und seine Fürsten hatten von den Propheten keine Gotteserkenntnis, keine Erkenntnis der Gerechtigkeit-Barmherzig-keit Gottes lernen wollen und hatten darum auch keine Heilung erlangt (Jer.21,2-10; 22,25; 24,1; 25,11; 27,6.22; 28,14; 29,1-4.21.28; 32,3-5.28.36; 34,1-7.21; 35,11; 36,29; 37,1.17.19; 38,3.17.18.22; 39,1.5-11; 40,1.4-9; 43,3-10; 44,30; 50,17; 51,34; 52,4.12; Hes.12,13; 17,12.16; 19,9; 21,24.26; 24,2; Mich.4,10; Hos.4,6). 5. Nebukadnezars erster Zug nach Jerusalem; sein Sieg über Pharao Necho Im dritten Jahr Jojakims (Jehojakims), des Königs von Juda, kam Nebukadnezar, der König von Babel, eroberte alle jüdischen (Festungs-) Städte, belagerte Jerusalem, und Gott gab ihm den König Jojakim und einen Teil der Geräte des Hauses Gottes in seine Gewalt samt Daniel und seinen drei Freunden (Dan.1,1-7). Von diesem Jahr der ersten Wegführung der Juden nach Babel, das ist nach biblischer Zählung im Jahre 523 (nach weltlicher Darstellung im Jahre 606 n.chr.), wird Sseite 70 die siebzigjährige Gefangenschaft Judas gerechnet. Während Daniel und seine Freunde mit vielen anderen Juden in die Gefangenschaft ziehen mußten, beließ Nebukadnezar den König Jojakim als tributpflichtigen Herrscher in Jerusalem. Im vierten Jahre Jojakims, dem ersten Jahr der Alleinherrschaft Nebukadnezars, bewies Nebukadnezar abermals seine Weltreichherrscherstellung durch seinen großen Sieg bei Karkemisch am Euphrat über Pharao Necho von Ägypten, den er vernichtend schlug und aus Palästina vertrieb (Jer.25,1; 46,2). Das war offenbar das göttliche Gericht über den Ägypterkönig, weil er der ersten Einnahme Jerusalems und der Gefangenführung der Juden untätig zugesehen hatte (vgl.Hes.29,6-8; Jer.46,2 ff. 15-17). Durch seinen Sieg über Pharao Necho richtete der König von Babel die assyrische Vorherrschaft über Vorderasien wieder auf; denn er machte Ninive zur Mitresidenz, weshalb wir von einem Weltreich Assur-Babel sprechen. Jeremja weissagte in diesem Jahr (d.i. dem 4. Jahre Jojakims) die siebzigjährige Dauer der Babelherrschaft über alle Völker (Jer.25,11). 6. Nebukadnezars Traum von den vier Weltreichen Daniel war mit seinen drei Freunden bereits drei Jahre am Hofe Nebukadnezars und hatte mit ihnen in dieser Zeit die Schrift und Sprache der Chaldäer mit vieler anderer Wissenschaft erlernt; denn Gott gab ihnen Kenntnis und Verständnis hierfür und Daniel besonders die Fähigkeit zur Auslegung von Gesichten und Träumen. Nach diesen drei Jahren mußten sie vor dem König Nebukadnezar erscheinen, der sie viel weiser und geschickter fand, als die anderen Weisen im ganzen Reich (Dan.1,3-7.17-20). Nach Verlauf eines weiteren Jahres, nämlich im „andern“ (nicht im „zweiten“!) Jahr der Regierung Nebukadnezars (nämlich im zweiten Jahr, nachdem Daniel mit seinen drei Freunden vor Nebukadnezar erschienen war, also im vierten Jahr der Alleinherrschaft des Königs Nebukadnezar), hatte König Nebukadnezar Träume, die seinen Geist Das Reich Gottes - 66 - beunruhigten und ihn schlaflos machten (Dan.2,1). Der Traum selbst war ihm entfallen. Darum berief er die Weisen des Landes und verlangte bei Todesstrafe, daß sie ihm den Traum samt der Deutung kundtäten. Da die Chaldäer des Königs Auftrag nicht auszuführen vermochten, befahl dieser, alle Weisen zu Babel umzubringen. Schon fing man an, die Weisen zu Babel zu töten; auch Daniel und seine Mitverbundenen erwartete dasselbe Schicksal. Da erbot Daniel sich, den Traum zu ermitteln und auszulegen, und Gott gab ihm tatsächlich beides auf sein und seiner Freunde Flehen hin (Dan.2,1-18). Da pries Daniel Gott und sagte: „Gepriesen sei der Name Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit! Denn sein ist beides, Weisheit und Macht. Er führt andere Zeiten und Stunden herbei; er setzt Könige ab und Könige ein; er gibt den Seite 71 Weisen ihre Weisheit und den Verständigen ihren Verstand. Er offenbart, was tief und verborgen ist; er weiß, was in der Finsternis ist, und bei ihm wohnt das Licht! Dir, dem Gott meiner Väter, sage ich Lob und Dank, daß du mir Weisheit und Kraft verliehen und mir jetzt kundgetan hast, was wir von dir erbeten haben; denn du hast uns die Sache des Königs kundgetan!“ (Dan.2,20-23) Dem König Nebukadnezar aber sagte er: „Das Geheimnis, nach welchem der König fragt, vermag kein Weiser, Wahrsager, Schriftkundiger oder Sterndeuter dem König kundzutun. Aber es ist ein Gott im Himmel, der Geheimnisse offenbart; der hat dem König Nebukadnezar kundgetan, was in späteren Tagen geschehen soll. Mit deinem Traum und den Gesichten deines Hauptes auf deinem Lager verhielt es sich also: Dir, o König, stiegen auf deinem Lager Gedanken darüber auf, was in Zukunft geschehen werde, und da hat dir der, welcher Geheimnisse offenbart, kundgetan, was geschehen wird. Mir aber ist nicht durch Weisheit, die in mir mehr als in allen Lebendigen wäre, dieses Geheimnis geoffenbart worden, sondern damit dem König die Deutung kund würde und du erführest, was dein Herz zu wissen wünscht. Du, o König, sahest, und siehe, da war ein erhabenes Standbild. Dieses große und außerordentlich glänzende Bild stand vor dir und war furchtbar anzusehen. Das Haupt dieses Bildes war von gutem Gold, seine Brust und seine Arme von Silber, sein Bauch und seine Lenden von Erz; seine Schenkel von Eisen, seine Füße teils von Eisen und teils von Ton. Du sahest zu, bis daß ein Stein losgerissen ward ohne Handanlegung und das Bild an seine Füße traf, die von Eisen und Ton waren, und sie zermalmte. Da wurden miteinander zermalmt Eisen, Ton, Erz, Silber und Gold und wurden wie Spreu von den Sommertennen, und der Wind verwehte sie, daß keine Spur mehr von ihnen zu finden war. Der Stein aber, der das Bild zertrümmert hatte, ward zu einem großen Berge und erfüllte die ganze Erde. Das ist der Traum; nun wollen wir vor dem König auch seine Bedeutung sagen: Du, o König, bist ein König der Könige, da dir der Gott des Himmels königliche Herrschaft, Reichtum, Macht und Glanz gegeben hat. Überall, wo Menschenkinder wohnen, Tiere des Feldes und Vögel des Himmels, hat er sie in deine Hand gegeben und dich über sie alle zum Herrscher gemacht: du bist das goldene Haupt! Nach dir aber wird ein anderes Reich aufkommen, geringer als du, und darnach ein anderes drittes Königreich, das ehern sein wird: das wird über die ganze Erde herrschen. Das vierte Königreich aber wird so stark sein wie Eisen; ganz so wie Eisen alles zertrümmert und zermalmt und wie Eisen alles zerschmettert, so wird es auch jene Seite 72 alle zermalmen und zerschmettern. Daß du aber die Füße und Zehen gesehen hast teils aus Töpferton und teils aus Eisen, bedeutet, daß das Königreich sich Das Reich Gottes - 67 - zerspalten wird; aber es wird etwas von der Festigkeit des Eisens darin bleiben, gerade so, wie du gesehen hast Eisen mit Tonerde vermengt. Und wie die Zehen seiner Füße teils von Eisen und teils von Ton waren, so wird auch das Reich zum Teil widerstandsfähig und zum Teil zerbrechlich sein. Daß du aber Eisen mit Tonerde vermengt gesehen hast, bedeutet, daß sie sich zwar durch Verheiratung vermischen, aber doch nicht aneinander haften werden, wie sich ja Eisen mit Ton nicht vermischen läßt. Aber in den Tagen jener Könige wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten, das ewiglich nie untergehen wird, und sein Reich wird auf kein anderes Volk übergehen. Es wird alle jene Königreiche zermalmen und ihnen ein Ende machen, es selbst aber wird ewiglich bestehen, - ganz so wie du gesehen hast einen Stein sich von dem Berge loslösen ohne Handanlegung, der das Eisen, das Erz, den Ton, das Silber und das Gold zermalmte. So hat der große Gott dem König kundgetan, was nach diesem geschehen wird. Das ist wahrhaftig der Traum und sicherlich seine Bedeutung!“ (Dan.2,27-45) Da fiel Nebukadnezar nieder und verehrte den Gott aller Götter und sprach: „Wahrhaftig, euer Gott ist ein Gott der Götter und ein Herr der Könige und ein Offenbarer der Geheimnisse, daß du dieses Geheimnis offenbaren konntest!“ (Dan.2,47) Und Nebukadnezar gab Daniel Geschenke und Ehre und übertrug ihm die Verwaltung der Landschaft Babel; doch Daniel überließ diese seinen drei Freunden und erbat sich die Gunst, am Königshof bleiben zu können (Dan.2,48-49). 7. Nebukadnezars zweiter Zug nach Jerusalem Sicher würde Nebukadnezar nach dem Abfall und der Tributverweigerung Jojakims viel früher einen Kriegszug zur nochmaligen Eroberung Jerusalems unternommen haben, wenn ihm dieser Traum nicht solche Ehrfurcht vor dem Gott Israels eingeflößt hätte. Vielleicht hat Gott seinem Volk und dem König Jojakim auch noch eine Langmutsfrist gewähren wollen. Denn Nebukadnezar zieht erst drei oder vier Jahre später nach Jerusalem, legt Jojakim in zwei eherne Ketten in der Absicht, ihn nach Babel zu bringen, und raubt einige Tempelgeräte (2.Chr.36,5-7). Sehr wahrscheinlich stirbt aber Jojakim auf dem Wege in die Gefangenschaft (Jer.22,18-19; 36,30; 2.Kg.24,6). Jojakims achtzehnjähriger Sohn Jojachin (Jehojachin, Konja, Jechonja) regierte nur drei Monate und zehn Tage, da sandte Nebukadnezar schon wieder seine Kriegsknechte, Jerusalem zu belagern. Nur dem Seite 73 Umstand, daß Jojachin samt seiner Mutter freiwillig zu dem inzwischen wieder angekommenen König Nebukadnezar hinausging, verdankte er sein Leben, - wenn er auch für immer aus dem Lande mußte, und zwar in die babylonische Gefangenschaft (2.Kg.24,8-13; 2.Chr.36,9-10). Mit ihm gelangte viel Volk samt allen Wehrfähigen, Schlossern und Schmieden sowie dem Propheten Hesekiel nach Babylonien, der die Jahre in seinem Buch von diesem Zeitpunkt an zählt (2.Kg.24,14-16; Hes.: Im 5. Jahr seiner Gefangenschaft: 1,1-3; im 6. Jahr: 8,1; im 7. Jahr: 20,1; im 9. Jahr: 24,1; im 10. Jahr: 29,1; im 11. Jahr: 26,1; im 12. Jahr: 32,1.17; im 25. Jahr: 40,1; im 27. Jahr: 29,17). Wiederum nahm Nebukadnezar alle verfügbaren Tempelgeräte mit und stellte sie im eigenen Tempel zu Babel auf (2.Kg. 24,13; 2.Chr.36,7.10). An Stelle des Jojachin setzte Das Reich Gottes - 68 - Nebukadnezar dessen Oheim, einen dritten Sohn des Josia, Mattanja, zum König ein und nannte ihn Zedekia. 8. Nebukadnezars Strafgericht über gottfeindliche Völker Die das Reich Juda umgebenden heidnischen Völker frohlockten nicht wenig über Juda-Israels Ergehen. Wohl war Jerusalem noch nicht zerstört; denn Zedekia führte als tributpflichtiger König noch eine Scheinherrschaft in Judäa. Aber die Völker triumphierten über den Niedergang des Gottesvolkes, und Syrer, Moabiter und Ammoniter hatten schon zu Jojakims Zeiten Mutwillen am Volk Gottes getrieben (2.Kg.24,2). Das Gericht war aber nicht nur über das Volk Gottes beschlossen worden, sondern über alle Völker, nur sollte das Volk Gottes zuerst die Rute Gottes erfahren müssen (Jer.25,29; 49,12; vgl.1.Petr.4,17). Ägypten war bald nach der ersten Einnahme Jerusalems gerichtet worden (Jer.46,2). Nach der zweiten Einnahme unterwarf Nebukadnezar sich ganz Medien und dessen stark befestigte Hauptstadt Ekbatana (Achmeta) (Judith 1,1-6). Hernach sandte er seinen grausamen Feldherrn Holofernes gegen Westen, welcher unbarmherzig verfuhr mit Cilicien, Lybien, Tharsis, Ismael, Chellon, Mesopotamien, Midian, Damaskus, Syrien, Syrien-Sobal, Apamea, Edom, Gabaa, Ammon und Moab (Judith 2 - 3,1-14; 5,1). Durch die List und Ruhmestat einer Frau, der Witwe Judith, wurde eine dritte Züchtigung Jerusalems vorerst noch abgewandt. Die Assyrer flohen nämlich entmutigt und bestürzt vor den Juden, als sie merkten, daß ihr Feldherr Holofernes erschlagen war (Judith 4 - 16,30). 9. Nebukadnezars dritter Zug nach Jerusalem, Untergang der Stadt, Vernichtung des Tempels und Ende des Südreiches Juda Vielleicht ist der König Zedekia durch den Erfolg seines Volkes ermutigt worden, seinen dem König Nebukadnezar vor Gott geleisteten Eid zu brechen, von Nebukadnezar abzufallen und mit Pharao Hophra von Ägypten ein Bündnis einzugehen. Aber Nebukadnezar läßt sich durchaus nicht entmutigen. Er zieht zum dritten Mal nach Jerusalem und belagert es. Da zieht Pharao Hophra Seite 74 von Ägypten gegen ihn herauf, aber scheinbar nur, um ihn zu schrecken und ihn zu einem kampflosen Rückzug nach Babylonien zu bewegen. Nebukadnezar aber gibt Jerusalem vorübergehend frei, um sich mit Pharao Hophra zu messen. Dieser weicht jedoch kampflos nach Ägypten. Nebukadnezars nächste Aufgabe wäre es nun gewesen, ihm zu folgen, ihn zum Kampf zu stellen und gänzlich aufzureiben. Aber Gottes Auftrag hielt ihn in Palästina fest, Jerusalem endgültig seiner israelitischen Königsherrschaft zu berauben (Jer.37,1-10). Die blutdürstige, unbarmherzige, von Gott abtrünnige, buhlerische und götzendienerische Stadt Jerusalem wurde solange belagert, bis sie nach zwei Jahren wegen Pest, Schwert und Hungersnot dem Belagerungsheer des Königs von Babel in die Hände fiel (2.Kg.25,1-4; 2.Chr.36,11-18; Jer.21,1-10; 24,10; 39,1-3; 52,1-7). Wohl suchte der König Zedekia, samt allen Fürsten und Kriegsleuten aus der eingeschlossenen Stadt heimlich auszubrechen und die Ebene zur Flucht zu gewinnen. Er wurde aber auf der Flucht gefangen, seine Söhne wurden mit allen Fürsten im Beisein Nebukadnezars zu Ribla im Lande Chamat vor seinen Augen abgeschlachtet, er selbst wurde in Ketten gelegt, geblendet und nach Babylon gefangengeführt, woselbst er in Ketten verblieb, bis er starb (2.Kg.25,4-7; Jer.39,4-7; 52,7-11). Das Reich Gottes - 69 - In Verbindung damit heißt es: „Der Oberste der Leibwache nahm den Oberpriester Seraja und den zweiten Priester Zephania samt den drei Schwellenhütern; er nahm auch aus der Stadt einen Kämmerer, der über das Kriegsvolk gesetzt war, und sieben Männer von denen, die in der Umgebung des Königs gewesen waren, die in der Stadt gefunden wurden, dazu den Schreiber des Feldhauptmanns, der das Volk des Landes zum Heere aushob, und sechzig Männer vom Landvolk, die in der Stadt gefunden wurden, - diese nahm Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, und führte sie zum König von Babel gen Ribla. Der König von Babel aber ließ sie zu Ribla im Lande Chamat hinrichten. Juda aber ward aus seinem Lande weggeführt.“ (Jer.52,24-27; 2.Kg.25,18-21) Die Zerstörung Jerusalems mit dem Hause Gottes ist wie folgt geschildert: „Am zehnten Tage des fünften Monats, im neunzehnten Jahr des babylonischen Königs Nebukadnezar, kam Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, welcher vor dem König von Babel stand, gen Jerusalem, und verbrannte das Haus des Herrn und das Haus des Königs und alle Häuser von Jerusalem, alle großen Häuser verbrannte er mit Feuer; auch zerstörte das Heer der Chaldäer, das mit dem Obersten der Leibwache kam, alle Ringmauern von Jerusalem. Und von den Geringen des Volkes und den Rest des Seite 75 Volkes, der in der Stadt übriggeblieben war, samt den Überläufern, die zum König von Babel übergegangen waren, und den Rest der Handwerker führte Nebusaradan, der Oberste der Leibwache gefangen. Aber von den Geringen auf dem Lande ließ Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, einen Teil als Winzer und Ackerleute zurück.“ (Jer.52,12-16; 2.Kg. 25,8-12; 2.Chr.36,19-20; Jer.39,8-10) Die aus dem Tempel geraubten Geräte sowie die Schätze des Königs und der Fürsten wurden alle nach Babel geführt (2.Kg.25,13-17; 2.Chr.36,18; Jer.52,17-23). Ein Flüchtling brachte dem Propheten Hesekiel die Kunde: „Die Stadt ist geschlagen!“ (Hes.33,21 Elb. B.) Der Juden Seufzen und Weinen über die Stadt Gottes und des Tempels Untergang war größer, als das Klagen über die verlorene Freiheit und alle Menschenverluste (Ps.74; Jes.64, 9-10; Klag.Jer.2; 4,1; 5,15-18). Das war das von Gott verheißene Ende des Reiches Juda und Jerusalems, und der Lohn für seines Volkes unheilbare Abtrünnigkeit von Gott und für seine Hartherzigkeit gegen Witwen und Waisen, entgegen Gottes Erbarmen am „Elenden und Armen“ (Jer.21, 4-14;24,8-10; 37,6-10; 38,23; Jes.1; 5,7; Jer.22,3; Hes.22,7). Also wohnte die Tochter Zion bei der Tochter Babel an den Strömen Babylons und weinte, wenn sie an Jerusalem dachte. Und die sie peinigten, die forderten sie dort höhnend auf, Lieder anzustimmen zum Preise ihres Gottes und ihres einst herrlichen Zions (Sach.2,11; Ps.137). Nebukadnezar hatte über den zurückgebliebenen geringen Teil des Volkes Gottes einen Statthalter Gedalja gesetzt, der nicht hart mit ihnen umgehen wollte. Ruchlose Leute erschlugen aber bald den Statthalter Gedalja mit seinem Gefolge und den assyrischen Kriegsleuten; Gedalja hatte sich längere Zeit vor ihnen nicht warnen lassen. Dazu tötete der Anführer der Mörder auch noch einen Zug Männer, die zum Tempel wallfahrteten. Wohl mußten die Mörder fliehen (2.Kg.25,22-25; Jer.39,10.14; 40,5 - 41,15; 52,16). Das Reich Gottes - 70 - Die übrigen Juden aber wagten aus Furcht vor Nebukadnezar nicht, im Lande zu bleiben. Darum sollte Jeremja Gott für sie befragen, welchen Weg sie gehen sollten. Immer noch übte Gott Langmut an ihnen, und immer noch gab er ihnen tröstliche Verheißungsworte durch den Mund seines Propheten Jeremja, den Nebusaradan seiner Fesseln entledigt und mit Ehren und Geschenken Freizügigkeit gestattet hatte, wenn sie sich nur dem Joch des Babelkönigs beugen und im Lande bleiben wollten. Gott wollte sie „bauen und nicht niederreißen, pflanzen und nicht ausreuten“ (Jer.39,11-14; 40,1-6; 41,17 42,22). Doch sie flohen gegen die ausdrückliche Warnung des Propheten Jeremja nach Ägypten. Sie wollten sich eben nicht unter Nebukadnezar beugen und verachteten die ihnen von Gott auferlegte Züchtigung. Darum Seite 76 sollte Nebukadnezar sie alle bis auf einige Entronnene in Ägypten richten, wie der Herr dem Propheten Jeremja in Tachpanches (Daphne) offenbarte; denn Jeremja war den Flüchtlingen bis dahin mitgefolgt (2.Kg.25,26; Jer.43,1 - 44,30). 10. Daniels Freunde im Feuerofen Nun, da die Herrlichkeit Gottes dahin war, nämlich das Haus Gottes und Jerusalem dem Erdboden gleichgemacht, gab es offenbar nichts mehr, was den König Nebukadnezar hindern konnte, für sich und seine Götter alleinige Anbetung zu fordern, und er verlangte sie auch (vgl.Judith 3,13; 5,29). In der Ebene Dura (Landschaft Babel) ließ Nebukadnezar ein großes goldenes Standbild errichten, für das er auf den Tag seiner Einweihung und fernerhin Anbetung forderte bei Todesstrafe für den Ungehorsam. Damals war Daniel wohl der Oberste im Reich, so daß niemand ihn beim König zu verklagen wagte. Aber über Sadrach, Mesach und Abednego, welche die Landschaft Babel verwalteten, erhoben etliche Fürsten des Königs Anklage wegen vorsätzlich verweigerten Gehorsams. Der König Nebukadnezar, der diese drei Männer nun zu sich kommen ließ und sie persönlich zur Anbetung seines Standbildes aufforderte, drohte ihnen bei Verweigerung der Ausführung seines Befehls mit dem Gericht im Feuerofen. Aber weder diese furchtbare Strafandrohung noch die Überhebung über den allmächtigen Gott, die Nebukadnezar mit den Worten zum Ausdruck brachte: „Und welcher Gott wird euch aus meiner Hand erretten?“ (Dan.3,15), konnten Daniels Freunde in ihrer Stellung zu Gott wankend machen; denn sie beteten das Bild nicht an, sondern erwiderten dem König: „Nebukadnezar, wir haben nicht nötig, dir hierauf ein Wort zu erwidern. Sei es nun, daß unser Gott, dem wir dienen, uns aus dem glühenden Feuerofen befreien kann und uns aus deiner Hand erretten wird oder nicht, so sollst du wissen, o König, daß wir deinen Göttern nicht dienen und auch das goldene Bild nicht anbeten werden, das du aufgestellt hast!“ (Dan.3,16-18). Als Nebukadnezars stärkste Soldaten seinen Befehl vollstreckt hatten, erschrak er, stand eilends auf und sagte: „Haben wir nicht drei Männer gebunden ins Feuer geworfen? Sie antworteten und sprachen: ‚Gewiß, Herr König!‘ Er antwortete und sprach: ‚Siehe, ich sehe vier - 71 - Das Reich Gottes Männer frei umherwandeln mitten im Feuer, und es ist kein Schaden an ihnen, und die Gestalt des vierten gleicht einem Sohn der Götter!’ Darauf trat Nebukadnezar vor die Öffnung des glühenden Feuerofens, hob an und sprach: ‘Sadrach, Mesach und Abednego, ihr Knechte Gottes, des Allerhöchsten, gehet heraus und kommet her!‘ Alsbald gingen Sadrach, Mesach und Abednego aus dem Feuer hervor. Und die Satrapen, Statthalter und Landpfleger samt den Räten des Königs versammelten sich und sahen, daß das Feuer keine Seite77 Gewalt über den Leib dieser Männer gehabt, auch das Haar ihres Hauptes nicht versengt und ihre Kleider unverändert gelassen hatte; man bemerkte nicht einmal einen Brandgeruch an ihnen. Nebukadnezar hob an und sprach: ‚Gepriesen sei ihr Gott, der Gott Sadrachs, Mesachs und Abednegos, der seinen Engel gesandt und seine Knechte errettet hat, welche sich auf ihn verließen und das Gebot des Königs übertraten und ihre Leiber hingegeben haben, da sie keinen andern Gott verehren und anbeten wollten als ihren Gott allein! Und von mir wird eine Verordnung erlassen, daß, wer unter aIlen Völkern, Stämmen und Zungen leichtfertig spricht von dem Gott Sadrachs, Mesachs und Abednegos, der soll in Stücke zerhauen und dessen Haus soll zur Kloake gemacht werden, darum weil kein anderer Gott ist, der also erretten kann wie dieser!“ (Dan.3,24-29) Daraufhin beförderte der König die drei tapferen Bekenner zu hohen Ämtern in der Landschaft Babel. 11. Nebuakdnezars Gericht über alle Völker, besonders über Tyrus und Ägypten Durch das, was Nebukadnezar an der Standhaftigkeit der Freunde Daniels kennen gelernt hatte, war er wieder im Vollsinn des Wortes „Knecht Gottes“ geworden, und das zeigte sich auch am Gehorsam zu Gott in den Vollstreckungsgerichten über die Völker, die darüber jubelten, daß die Herrlichkeit des Volkes Gottes dahin war. Ammon stieß ein Jubelgeschrei aus über die Entweihung des Heiligtums Gottes, über die Verwüstung Israels und über Judas Gefangenführung. Moab und Seir (auf dem Gebirge Seir wohnten die Meuniter) frohlockten: „Siehe, das Haus Juda ist wie alle Völker geworden!“ Edom übte Rachsucht am gefallenen Hause Juda. Die Philister handelten aus Rachsucht und verdarben Juda aus alter Feindschaft, mit Verachtung und von Herzen. Aber Tyrus frohlockte am meisten und sagte: „Ha, ha, die Tür zu den Völkern ist erbrochen, öffnet sich mir zu; ich will mich bereichern an der Verlassenen!“ (Hes.25,1 - 26,1 ff.) So offenbarten diese Völker ihre innerste Gesinnung gegen Gott, gegen sein Heiligtum und gegen sein Volk. Darum bestellte Gott den König Nebukadnezar, die Zuchtrute seines Grimmes, zuerst gegen die Seite 78 beinahe uneinnehmbare Seestadt Tyrus, die Nebukadnezar nach Ausgrabungsberichten dreizehn Jahre lang belagerte (Hes.26,7; Kap.26 - 28; 29,17-18). Mit diesem Kriegszug gegen den Westen von Norden her verband Nebukadnezar nach weltlichen Berichten und nach Gottes Drohwort auch das Gericht über die anderen Völker, besonders über die Städte Philistäas (Jer.47,1-7; 48 u.49). Das Reich Gottes - 72 - Aber auch die Stunde Ägyptens hatte geschlagen. Denn Gott gab dem König Nebukadnezar und seinem ganzen Heer für die harte Arbeit an Tyrus ganz Ägyptenland mit seinem Reichtum, wie Hesekiel weissagen mußte (Hes.29,17-21). Pharao Hophra kam für seine Untreue an Israel in die Hände seiner Todfeinde, die ihm nach dem Leben trachteten; denn Ägypten hatte Israel immer wieder zum Widerstand gegen Nebukadnezar und zum Abfall von ihm ermutigt und ihn bei viel großtuerischem Geschrei doch einem zerbrechlichen Rohrstabe gleich durch die Schulter gestochen und seinen Todfeinden Assur und Babel ausgeliefert; denn auch König Hosea vom Nordreich Israel hatte sich ehemals vergeblich auf Ägypten verlassen (Jer.46,13-26; 43,8-13; 44,30; Hes.29,6-7; 2.Kg.17,4). 12. König Nebukadnezar sieben Zeiten verworfen Weil Gott dem König Nebukadnezar alles so gelingen ließ, konnte es nicht fehlen, daß er sich wieder überhob. Da hatte er zur Zeit, da er sorglos lebte, einen Traum, den er dem Propheten Daniel ansagte, damit dieser ihn auslege. Er sah mitten auf der ganzen Erde einen hohen, reichtragenden Baum, der bis auf den Wurzelstock umgehauen und auf sieben Zeiten erniedrigt werden sollte. „Im Rat der Wächter wurde das beschlossen und von den Heiligen verordnet zu dem Zweck, damit die Lebendigen erkennen, daß der Höchste Gewalt hat über das Königtum der Menschen und es gibt, wem er will, und den niedrigsten der Menschen darüber setzt.“ (Dan.4,14) Daniel aber wurde eine Weile vor Entsetzen starr, bis er dem König offenbarte, daß dieser Baum auf ihn selbst weise, daß er von den Menschen ausgestoßen würde, sieben Zeiten wie ein Tier sich nähren solle und nach den sieben Jahren wieder zu seinem Königtum und zu seiner früheren Ehre kommen solle, bis er erkennt, daß der Himmel herrscht und nicht die Götzen und Menschen. „Darum, o König, laß dir meinen Rat gefallen und brich mit deinen Sünden durch Gerechtigkeit und mit deinen Missetaten durch Erbarmen gegen die Armen; dann wird dein Glück vielleicht dauerhaft sein!“ (Dan.4,24; vgl.Ps.41,1-4; Spr.24,11-12) Diese Mahnung Daniels läßt darauf schließen, daß Nebukadnezar der Begriff „Barmherzigkeit“ fremd war. Von wem hätte er, kraft seiner Stellung, auch Barmherzigkeit nötig gehabt, um daran zu lernen, wie man sie an andern üben soll? Wenn die Schrift ihn auch „Knecht des Seite 79 Herrn“ nennt, so war seine Stellung zu Gott doch nicht eine, wie sie von David, dem Mann nach dem Herzen Gottes, in der Schrift bezeugt ist. Nebukadnezar hat nie Barmherzigkeit geübt; denn von keinem der gefangenen Völker lesen wir, daß er sie wenigstens teilweise wieder in ihr Heimatland zurückkehren ließ, auch nicht das Volk Juda.* *(Mit einer Einschränkung nach dem Buch Judith, von welchem gesagt ist, daß etliche Juden zurückgekommen waren; vielleicht waren das nur Vertriebene (vgl.Jer.40,7-8.11-12).“ Sein Hochmut fand darin Ausdruck, daß er prahlte: „Ist das nicht die große Babel, die ich mir erbaut habe zur königlichen Residenz, kraft meines Reichtums und zu ehren meiner Majestät?“ Das Reich Gottes - 73 - Gottes Antwort blieb nicht aus. Als dieses Wort noch im Munde des Königs war, fiel eine Stimme vom Himmel: „Dir wird hiermit verkündigt, König Nebukadnezar: das Königreich ist von dir genommen! Und man wird dich von den Menschen verstoßen und du sollst bei den Tieren des Feldes wohnen; mit Gras wird man dich füttern wie die Ochsen, und es sollen sieben Zeiten über dir vergehen, bis du erkennen wirst, daß der Höchste Gewalt hat über das Königtum der Menschen und es gibt wem er will! Im selben Augenblick erfüllte sich das Wort an Nebukadnezar; er ward von den Menschen ausgestoßen, fraß Gras wie ein Ochse, und sein Leib ward vom Tau des Himmels benetzt, bis daß sein Haar so lang ward wie Adlerfedern und seine Nägel wie Vogelkrallen.“ (Dan.4,27-30) Nebukadnezar hat den ganzen Bericht selbstamtlich verfaßt, um allen Völkern, Stämmen und Zungen die Zeichen und Wunder kundzutun, die der höchste Gott an ihm getan hat: „Aber nach Verlauf der Zeit hob ich, Nebukadnezar, meine Augen zum Himmel empor, und mein Verstand kehrte zu mir zurück. Da lobte ich den Höchsten und pries den, der ewig lebt, und verherrlichte ihn, dessen Herrschaft eine ewige Herrschaft ist und dessen Reich währt für und für; gegen welchen alle, die auf Erden wohnen, wie nichts zu rechnen sind. Er macht es, wie er will, mit dem Heer des Himmels und mit denen, die auf Erden wohnen, und niemand ist, der seiner Hand wehren, noch zu ihm sagen dürfte: Was machst du? Zu derselben Zeit, als mir mein Verstand wiederkam, kehrte mit der königlichen Ehre auch meine Würde und mein Glanz wieder; meine Räte und Großen richteten ihre Bitten an mich, und ich ward wieder über mein Königreich gesetzt und erhielt noch größere Macht. Nun lobe und erhebe und verherrliche ich, Nebukadnezar, den König des Himmels; denn all sein Tun ist richtig und seine Wege sind gerecht; wer aber stolz einhergeht, den kann er demütigen.“ (Dan.3,31 - 4,1.31-34) Seite 80 Dreimal nennt Gottes Wort den König Nebukadnezar einen „Knecht Gottes“, und dreimal erlangt Gott von ihm einen so außerordentlichen Preis und Ruhm, - Er, der alleinige Gott, Schöpfer Himmels und der Erde. Ja, Gottes Ehre und Lobpreis geht jedesmal mächtiger als ein Zeugnis zu allen Völkern der Erde aus dem Munde des mächtigsten Königs, der jemals gelebt hat. So erwarb Gott sich die Ehre, die ihm sein eigenes Volk versagte; denn um dessentwillen wurde Gottes Namen unter den Heiden gelästert (Jes.52,5; Hes.36,20; Röm.2,24). „Wie groß sind seine Zeichen und wie gewaltig seine Wunder! Sein Reich ist ein ewiges Reich, und seine Herrschaft währet für und für!“ (Dan.3,33) 13. Weitere Könige des ersten Weltreichs Assur-Babel Nach einer fünfundvierzigjährigen Regierungszeit ging auch dieser König, der alle früheren und späteren Herrscher an Macht und Gewalt weit überragte, den Weg alles Fleisches und überließ die Herrschaft seinen Nachkommen. Evil-Merodach, (Evil-Marduk), sein Sohn, war sein Nachfolger. Unter dem gewaltigen Eindruck der letzten Erfahrungen seines Vaters konnte es nicht ausbleiben, daß er den letzten Königssproß des Hauses David, den Exkönig Jojachin, bei oder bald nach seinem Regierungsantritt aus dem Kerker befreite, in welchem er siebenunddreißig Jahre - 74 - Das Reich Gottes gefangengehalten war, daß er freundlich mit ihm redete und ihn über alle anderen Könige am Hofe Babels setzte (2.Kg.25,27-30; Jer.52,31-34).* *(Mit Evil-Merodach (weniger wahrscheinlich nach ihm) regierte nach weltlichen Berichten der Obermagier Nebukadnezars Nergal-Sarezer (Neriglisser), der wohl eine Tochter des Königs Nebukadnezar zur Gemahlin hatte (Jer.39,3.13). Nach diesen beiden soll ein König Labasimarduk regiert haben, und diesem folgte nach Ausgrabungsberichten ein weiterer Sohn Nebukadnezars, der König Naboned (= Nabo ist erhaben). König Naboned suchte mehr, seinen Sonderneigungen zu leben, setzte seinen tatkräftigeren, aber ungerechten und gottlosen erstgeborenen Sohn Belsazar als Mitregent ein und übertrug ihm nach Ausgrabungsberichten die ganze Regierungsgewalt. Es konnte nicht ausbleiben, daß dieser vom Vater in Inschriften und Denksäulen geehrte Sohn sich schließlich überhob.) Belsazars Druck auf den gottesfürchtigen Propheten Daniel und seine Nichtachtung dieses Mannes - Daniel war, wie anzunehmen ist, durch ihn seit Jahren von den Regierungsgeschäften und vom Hofe ferngehalten worden (vgl.Dan.5,9-12), - hat sicher dazu beigetragen, daß Daniel noch mehr nach der Zukunft ausschaute und vom Herrn (für die ferne Zukunft) darüber Offenbarungen empfing. Schließlich konnte das Weltreich Assur-Babel, trotz Nebukadnezars Zeugnissen vom Gott des Himmels, seine im Wesen widergöttliche Art doch nicht verleugnen. Seite 81 Im ersten Jahre König Belsazars hatte Daniel den Traum von den vier Weltreichen, die als vier Tiere aus dem Völkermeer emporstiegen und die ihre Herrschaft am Ende schließlich Einem wie eines Menschensohn überlassen müssen, der vor den Hochbetagten gebracht wird (Hes.1,26; Dan.7; Offb.1,13). - Im dritten Jahr des Belsazar schaute Daniel ein Gesicht über die Geschicke des kommenden Perser- und des Griechenreiches, also des zweiten und des dritten Weltreichs, und über Vorgänge am Ende des vierten Weltreichs (Dan.8). 14. König Belsazars Überhebung und der Untergang des ersten Weltreichs Assur-Babel Des Königs Belsazars Überhebung ging schließlich so weit, daß er seine Verachtung des allmächtigen Gottes anläßlich eines großen Gastmahls vor seinen tausend Gewaltigen und vielen anderen Tausenden öffentlich bekunden wollte. Als sie dann aus den aus dem Tempel geraubten heiligen Gefäßen Wein tranken, erschienen Finger einer Menschenhand, die an die Wand geheimnisvolle Worte schrieben. Da erschrak der König, daß seine Kniee schlotterten, und er wollte den zum „Dritten im Reich“ machen, der ihm die Schrift entzifferte. Offenbar war Belsazar selber nach seinem Vater Naboned „der Zweite im Reich“ (Dan.5,1-8). Das vermochte niemand als Daniel, den man aber auf den Rat der Königin (vielleicht der Gemahlin des Naboned?) erst rufen mußte. Dieser sagte ihm: „Behalte deine Gaben für dich und gib deine Geschenke einem andern! Aber die Schrift will ich dem König gleichwohl lesen und sagen, was sie bedeutet. O König, Gott, der Allerhöchste, hat deinem Vater Nebukadnezar Königtum, Majestät, Ehre und Herrlichkeit verliehen; und wegen seiner Majestät, die er ihm gab, zitterten und bebten vor ihm alle Völker, Stämme und Zungen; denn er tötete, wen er wollte, ließ leben, wen er wollte, erhöhte, wen er wollte, und erniedrigte, wen er wollte. Als sich aber sein Herz erhob und sein Geist stolz ward bis zur Vermessenheit, mußte er von seinem königlichen Throne heruntersteigen und seine Würde ward von ihm genommen; man verstieß ihn von den Menschenkindern, und sein Herz ward den Tieren gleich; er wohnte bei den Wildeseln, und man füt- Das Reich Gottes - 75 - terte ihn mit Gras wie einen Ochsen, und sein Leib ward vom Tau des Himmels benetzt, - bis er erkannte, daß Gott, der Allerhöchste, über das Königtum der Menschen regiert und den darüber bestellt, der ihm gefällt. Du aber, sein Sohn Belsazar, hast dein Herz nicht gedemütigt, trotzdem du das alles wußtest; sondern du hast dich über den Herrn des Himmels erhoben, und man hat die Gefäße seines Hauses vor dich gebracht, und du und deine Großen, deine Frauen und Kebsweiber haben Wein daraus getrunken, und du hast die silbernen und goldenen, ehernen, eisernen, hölzernen und steinernen Götzen gelobt, die weder sehen noch hören noch verstehen; Seite 82 den Gott aber, in dessen Hand dein Odem und alle deine Wege sind, hast du nicht verherrlicht! Daraufhin wurde von ihm diese Hand gesandt und die Schrift, die da verzeichnet steht. Das ist aber die Schrift, die geschrieben ist: Mene, Mene, Tekel Upharsin (Gezählt, gezählt, gewogen und geteilt)! Und das ist die Bedeutung des Spruches: Mene heißt: Gott hat die Tage deines Königtums gezählt und ihm ein Ende bereitet! Tekel heißt: du bist auf einer Waage gewogen und zu leicht erfunden worden! Peres heißt: dein Königreich wird zerteilt und den Medern und Persern gegeben werden!“ (Dan.5,17-28) „Alsbald befahl Belsazar, daß man den Daniel mit Purpur bekleide und ihm eine goldene Kette um den Hals lege und von ihm ausrufe, daß er als der Dritte im Reiche herrschen sollte. Aber in derselben Nacht ward Belsazar, der König der Chaldäer, umgebracht, und Darius, der Meder, empfing die Königswürde.“ (Dan.5,29-30; 6,1) So wahrte Gott, der Herr, auch noch im Untergang des ersten Weltreichs seine Ehre und verherrlichte sich. Das große Weltreich Assur-Babel endete darum, weil seine Fürsten ihre Kraft zu ihrem Gott machten und sich überhoben über den Gott des Himmels, der die babylonische Weltreichsherrschaft selbst angeordnet und auf Zeit und Stunde bestimmt hatte (Dan.7,12; Hab.1,11). Das Reich fand im Jahre 456 n.chr. (nach weltlicher Darstellung etwa 588 n.chr.) sein Ende. _______________ Die zweite Weltreichsherrschaft 1. Die göttliche Ursache zur Errichtung des zweiten Weltreichs Medo-Persien Es ist nicht so, daß die verschiedenen Weltreiche ihre Entstehung einem blinden Spiel der Kräfte oder der Fähigkeit einzelner Persönlichkeiten verdanken, sondern die Königreiche entstehen und vergehen durch Gottes Wort (2.Kg.19,15; 2.Chr.20,6-7; 36,22-23; Esr.1,1-2; Neh.9,22-24; Ps.47; Dan.2,22.37-47; 5,21). Sobald ein Weltherrscher sich der ihm verliehenen Fähigkeiten rühmte und sich überhob, schlug Gott ihn mit Wahnsinn oder leiblichem Zugrundegehen oder demütigte ihn auf eine andere Weise (5.Mos.28,28). Schon Samuel, Elia und Elisa wurden von Gott zur Salbung von israelitischen und heidnischen Königen beauftragt (1.Sam.9,16; 15,1; 16,3.12-13; 1.Kg.19,15-16; 2.Kg.8,13; 9,1-6). Und Jeremja erlangte trotz seiner Jugend den Auftrag Gottes: „Siehe, ich habe meine Worte in deinen Mund gegeben! Siehe, ich habe dich mit diesem Tage über Seite 83 Völker und Königreiche bestellt, daß du ausrottest und zerstörest, verderbest und niederreißest, bauest und pflanzest.“ (vgl.Jer.1,4-12) Das Reich Gottes - 76 - Gott nennt aber Kores, das ist den König Cyrus von Persien, schon zweihundert Jahre (siehe „Biblische Zeittafeln“) vor seiner Berufung vorbildlich seinen „Gesalbten“, vor dem er die Völker niederwirft und die Lenden der Könige entgürtet. Gott hat ihn zur Befreiung und Wiederaufrichtung seines Volkes berufen und zur Niederwerfung der Völker und Könige ausgerüstet (Jes.44,28; 45,1-6). Doch bleibt die gänzliche Erfüllung dieser Weissagung für die letzte Zeit noch offen. So liegt auch die Aufrichtung des zweiten Weltreichs Medo-Persien genau so im Ratschluß Gottes wie die Aufrichtung des ersten Weltreichs Assur-Babel siebzig Jahre vorher. Den Traum vom König Nebukadnezar über dieses Weltreich hat Daniel mit den Worten geschildert: „ ... seine Brust und seine Arme von Silber.“ (Dan.2,32) „Nach dir aber wird ein anderes Reich aufkommen, geringer als du.“ (Dan.2,39) Daniel selbst hat dieses Reich wie folgt gesehen: „Siehe, das andere, zweite Tier, glich einem Bären, es richtete sich auf einer Seite auf und hielt drei Rippen in seinem Maule zwischen seinen Zähnen; und es ward zu ihm gesagt: Steh auf, friß viel Fleisch!“ (Dan.7,5) Wie Nebukadnezar, der König von Babel, zur Ausführung des Strafgerichts am abtrünnigen Volk Gottes von Gott berufen war und „Knecht Gottes“ genannt ist (Jer.25,9; 27,6), so mußten die Könige der Meder und Perser das Strafgericht am grausamen, übermütigen und unbarmherzigen Babelvolk vollziehen (Jer.27,6-7; Kap.51; vgl.Dan.4,16-30; 5,17-28) und nach dem göttlichen Gnadenratschluß das vordem verstoßene Volk Gottes, das Südreich Juda, wieder in sein Heimatland führen, es dort wiederherstellen und den Tempel in Jerusalem, die Anbetungsstätte des wahren Gottes Himmels und der Erde, wieder aufbauen lassen. Gott war über sein Volk nur ein wenig erzürnt, aber die Feinde halfen ihm zum Unglück (Sach.1,13-15). Darum gibt der Herr dem Engel, der mit dem Propheten Sacharja redet, gute, tröstliche Worte, als er in Gegenwart des Propheten zu Gott sagt: „Jehova Zebaoth, wie lange willst du dich nicht erbarmen über Jerusalem und über die Städte Judas, über welche du gezürnt hast diese siebzig Jahre?“ Die tröstlichen Worte Gottes besagen, daß Gott sich Jerusalem Seite 84 wieder voll Erbarmen zuwendet und es trösten, wiedererwählen und wiederherstellen will. Damit wendet sich aber der Zorn Gottes gegen die übermütigen Nationen, sobald Gott heftig für Zion eifert (Sach.1,12-17). - Diese Weissagungsworte gelten eigentlich viel späteren Ereignissen, aber sie lehren uns doch die abbildliche Wiederherstellung Zions verstehen. Der Zorn Gottes richtet sich nun zuerst gegen Babel, gegen das Herz der Widersacher Gottes. Wider Babel erweckt Gott den Geist eines Verderbers, den Geist der Könige der Meder, zur Rache für den zerstörten Tempel in Jerusalem (Jer.51,1-2.11). Vom Nordland her zieht ein großes Heer von Völkern gegen Babel und überflutet „Sesach“, d.i. Babel, wie das Meer mit brausenden Wellen (Jer.50,9; 51,41-42.53-56). Darum sollte fliehen, wer in Babel als ein Fremdling weilte (Jer.51,6.45); denn der Herr hatte dem Tierbild des Das Reich Gottes - 77 - Weltreichs Medo-Persien - einem Bären mit drei Rippen in seinem Maul zwischen seinen Zähnen - geboten: „Friß viel Fleisch!“ (Dan.7,5) Die von Gott wider Babel bestellten Heerführer der Völker waren die Könige von Medien und Persien, Darius und Kores (= Cyrus), und ihre Statthalter und Landvögte; sie müssen Babel zur Schlachtbank führen (2.Chr.36,22; Esr.1,1; Jes.13,17-19; 14,21-22; Jer.51,2728.39-40; Dan.6,1; 9,1). In ihrem Übermut gegen Gott und gegen Gottes Volk bereitet Gott diesem Babelvolk ein Ess- und Trinkgelage und jagt sie in ihren Lüsten in den Rachearm ihrer Feinde, der Meder und Perser (Jes.21,1-5; 43,14; Jer.51,39; Dan.5,1 ff). In der denkwürdigen Nacht, da König Belsazar, der letzte König Assur-Babels, all seinen Großen ein Gastmahl gab und Gott Jehova nicht verherrlichte, sondern so verachtete, daß er aus den ehemals geraubten Gefäßen des Tempels von Zion mitsamt seinen Frauen und Kebsweibern Wein trank, da erschien die Schrift an der Wand: „Mene, Mene, Tekel, Upharsin“ (Gezählt, gezählt, gewogen und geteilt).“ Die Tage seines Königtums waren zu Ende gezählt; denn Gott hatte ihn auf seiner Waage zu leicht erfunden. Darum wurde sein Königreich zerteilt und den Medern und Persern gegeben; denn noch in derselben Nacht wurde Belsazar, der König der Chaldäer, umgebracht (Dan.5,23-30). Nun empfing Darius aus Medien im Alter von zweiundsechzig Jahren die Königswürde, und sein Mitregent Kores, der König Cyrus (Kyros) von Persien, nahm die Stadt Babel mit ihren unermeßlichen Schätzen ein (Jes.45,1-4; Dan.6,1; 9,1). Der Geschichtsschreiber Xenophon berichtet uns, daß die wegen ihrer gewaltigen Bollwerke geradezu uneinnehmbare Stadt Babel dadurch bezwungen wurde, daß der die Stadt durchfließende Euphratstrom in der fraglichen Nacht in ein vom Belagerungsheer zuvor gegbrabenes Bett umgeleitet wurde. Auf dem wasserfreien Flußbett drang Kores mit seinen Getreuen in die Stadt und überraschte die Könige beim Mahl (nach Xenophons Kyropädie, Deutsch bei Reklam, Leipzig). Seite 85 2. Die Herkunft und Gottesfurcht der Könige von Medien und Persien König Nebukadnezar, der erste Herrscher des ersten Weltreichs, gelangte nur notgedrungen zur Verehrung des höchsten Gottes, des Gottes Israels, und sein Enkel, König Belsazar, offenbarte eine solche Gottesverachtung, daß Gott ihn richten mußte (Dan.Kap.5). Diese Könige waren von jeher Feinde Israels. Während aber z.B. Nebukadnezar in großen Zorn gerät und die drei Freunde Daniels in einen Feuerofen werfen läßt, weil sie das Gebot des Königs, das goldene Bild als seinen Gott zu verehren, mißachteten, ist demgegenüber der Mederkönig Darius sehr bekümmert, daß sein Gebot als ein unwiderrufliches Gesetz der Meder und Perser auch dann unverbrüchlich ist und Geltung haben muß, wenn es sich gegen den gottesfürchtigen Fürsten Daniel richtet. Diesen brachten seine Feinde in die Löwengrube, weil Darius ihn nicht nur zu einem der drei obersten Fürsten gemacht hatte, sondern ihn wegen seines hohen Geistes und seiner unantastbaren Amtsführung über alle Fürsten Das Reich Gottes - 78 - des Reiches zu setzen suchte. Dieses sein Reich hatte Darius in hundertzwanzig Provinzen eingeteilt (Dan.3 und 6). Die Könige der Meder und Perser waren gottesfürchtig und dem Volke Gottes verhältnismäßig gut gesonnen. Darum ist es sehr wichtig, ihre Abstammung und Herkunft kennenzulernen. König Darius ist nach der Heiligen Schrift ein Sohn des Ahasverus, auch Astyages genannt, und er ist von medischer Herkunft (Dan.6,1; 9,1. Bel zu Babel 1,1; Xenophons Kyrupädie). Den Spuren der Herkunft des Königs Darius können wir leicht nachgehen. Die Assyrerkönige Phul, Tiglat-Pileser und Salmanassar hatten die zehn Stämme des Nordreichs Israel aus Samaria nach Medien versetzt, und zwar nach Chalach, Chabor, Hara, an den Fluß Gosan und in die Städte der Meder (2.Kg.15,19-20.29; 17,6; 18,11; 1.Chr.5,26). Das war die Strafe für Israel wegen seiner Abtrünnigkeit von Gott (2.Kg.17,7-23; 18,11; 1.Chr.5,25). - In ihrem Innersten neigten die Israeliten auf Grund des Segens Abrahams und wegen ihrer Abstammung vom Verheißungssamen Isaak wohl zu Gott, und dadurch unterschieden sie sich von allen Völkern der Erde, - aber das ihnen auferlegte Gesetz war ihnen als Joch zu schwer, und sie kamen dadurch nur zur Erkenntnis der Sünde (Apg.15,10; Röm.3,19-20; Gal.3,24). Abtrünnigkeit von Gott und Götzendienst wurden durch die gottlosen Könige und Götzenpriester eingeführt und gefördert. Darum mußte Israel auch in die Gefangenschaft wandern (Dan.9,2-16). Dort verleugneten sie sich als Volk Gottes oder durften sich als solches nicht mehr bezeichnen und vergaßen darum bald ihre Herkunft. Sie kamen um ihre Muttersprache, die sich unter ihnen nur durch die Pflege des mosaischen und prophetischen Wortes weitererhalten hätte.* *(Das ist auch heute noch zu beobachten: Nur dort, wo die deutschen, holländischen, schwedischen und englischen Auswanderer das Bibellesen weiterpflegten, erhielt sich deren Muttersprache Jahrhunderte hindurch mitten im fremdsprachigen Volk. Andernfalls wurde sie sehr bald aufgegeben.) Ihre Herkunft zu vergessen, Seite 86 entsprach auch der Vorsehung Gottes; denn er mußte sein Volk vor Überhebung bewahren, um es nach langer Zeit wieder für sein Evangelium zu gewinnen (Hos.2,1-3; Röm.11,17-27). Sie vergaßen aber nicht, daß Gott sie ursprünglich als sein Volk zur Herrschaft bestimmt hatte; denn unter ihnen waren auch die Fürsten- und Königshäuser Israels. Dazu lebten sie nun in den Orten ihrer Verbannung zum Teil unter dem kriegerischen, fast unbezwinglichen Volk Elams, des Erstgeborenen Sems (vgl.Joel 4,7; Apg.2,9; nur die Elamiter teilten mit Israel das Schicksal, daß Gott sie nicht nur verbannte, sondern auch das Schwert hinter ihnen her zog; vgl.3.Mos.26,33; Jer.49,34-39), der sich als Haupterbe der von Noah dem Sem gegebenen Verheißung zur Weltherrschaft berufen fühlen mußte (1.Mos.9,26-27; 10,21). In Elams Land lag Susan, eine von den drei Residenzstädten des medopersischen Weltreichs (Neh.1,1; Est. 1,2; Dan.8,2). In all ihrer Niedrigkeit warteten die Israeliten nur auf die Stunde, in der sie wieder zur Herrschaft gelangen und das Gericht an ihren Bedrängern vollziehen konnten. Darum wurden gerade die „Meder und Perser“ zum Gericht über Babel berufen, unter denen die Kinder Israels verbannt lebten (vgl.Jes.21,2; Apg.2,9). - 79 - Das Reich Gottes Es mag wohl sein, daß sie dabei nicht mehr rein göttliche Linien verfolgten (vgl.Hos.8,4), aber Gott macht sich ihre Absichten dienstbar, ja, er „erweckte“ sie dann gerade dort, wohin sie verstoßen worden waren, damit er durch sie den Feinden ihr Tun wieder auf den Kopf vergelten konnte (Jes.41,2; Joel 4,7; Esr.1,1). Diese Tatsachen lassen darauf schließen, daß das medische Fürstenhaus des Königs Darius israelitischen Geschlechts war. Diese Geschlechter waren zur Zeit, da MedoPersien Weltreich wurde, schon etwa zweihundert Jahre in Medien. Aus dieser sehr wahrscheinlich israelitischen Herkunft des Darius läßt sich seine Gottesfurcht besser verstehen. In einer großen, dreisprachigen Felseninschrift von Bahistan, die heute noch besteht, bekennt König Darius offen seine Gottesfurcht. Auch die Gottesfurcht des Königs Kores ist durch seinen Befehl, daß der Tempel in Jerusalem aus seinen eigenen Mitteln wieder gebaut werden soll, über allen Zweifel erhaben und weist auch auf seine israelitische Abkunft hin (Esr.1,1-4; 6,3-5; 2.Chr.36,22-23)* *) Nach einer heute noch bestehenden Denksäule bei Pasargadä (Persien) und nach weltlicher Überlieferung sind Darius und Kores miteinander aus ein und demselben Fürstengeschlecht. Außerdem bezeichnet Xenophon in seiner „Kyrupädie“ Mandane, die Mutter des Kores, als eine Schwester des Kyaxares II., d.i. des Mederkönigs Darius; also war Kores ein Neffe des Darius. Nach derselben Quelle gab Darius dem Kores seine Tochter zur Gemahlin und das ganze Königreich Medien als Mitgift, da er keinen Sohn hatte.) Bestärkt wird diese Annahme noch dadurch, daß dieser „Kores“, d.h. „Sonne“ oder „Sonnenglanz“ (vgl.Jes.60,1-3; 62,1; Mal.3,20), ein Ab- und Vorbild jenes kommenden Gotteswerkzeuges, eines Trägers der „Sonne der Gerechtigkeit“ ist (vgl.Jes.11,1-9; 2,4; Mal.3,1-3.20), das bei der Zukunft des Herrn alle zwölf Stämme wieder in das Heimatland Palästina bringt und dort den Tempel wieder erbaut, also daß dann „vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“ erkannt Seite 87 werde, daß gar keiner sei außer dem Herrn (Jes.41,2; 44,26 bis Kap.45,6). Weil aber dieser zweite Kores, das ist die Erfüllung des vor- bzw. abbildlichen ersten Königs Kores von Persien, aus dem Volke Gottes hervorgehen soll (Jer.30,21; 5.Mos.18,15-18), darum müssen wir schließen, daß auch das Vorbild des kommenden Kores, also der König Kores von Persien, mitsamt dem König Darius von Medien, aus dem Volk Israel hervorgegangen sind. 3. Gottes Hilfe zur Errichtung und Befestigung des zweiten Weltreiches Gleichwie Daniel durch den Traum Nebukadnezars die Gewißheit erlangte, daß dem ersten Weltreich, dem „goldenen Haupt“, ein zweites, geringeres Reich, als „silberne Brust und Arme“ folgen würde, so traten dann zur Errichtung dieses zweiten Weltreichs Geistmächte auf den Plan, die den Geistgewalten des ersten Weltreichs Assur-Babel feindlich gesinnt waren. Darüber lesen wir in Dan.11,1, daß der Herr selbst dem Engelfürsten Michael, dem Fürsten des Volkes Gottes, zur Seite gestanden hat „im ersten Jahr des Königs Darius“. Daraus ist zu schließen, daß der Herr selbst, vereint mit Michael, bei der Aufrichtung des Reiches Medo-Persien mitgewirkt hat. Das Reich Gottes - 80 - Im dritten Jahr Kores‘, des Perserkönigs, hatte der Herr dem Daniel eine Botschaft zu verkündigen. Der Bericht darüber lautet: „Der Fürst des Königreichs Persien stand mir einundzwanzig Tage lang entgegen, und siehe, Michael, einer der vornehmsten Fürsten, ist mir zu Hilfe gekommen, so daß ich daselbst bei den Königen von Persien den Vorsprung gewann. So bin ich nun gekommen, dich zu verständigen darüber, was deinem Volk am Ende der Zeit begegnen wird; denn das Gesicht geht wieder auf ferne Zeit.“ (Dan.10,1.13-14) Dieser Perserfürst aus dem Abgrund wollte die Ausrichtung der Botschaft an Daniel, das ist die Offenbarung von der Aufrichtung der Reichsgottesherrschaft, verhindern. Wenn in diesem Zusammenhang bezeugt ist, daß der Herr dadurch, daß ihm Michael in diesem Kampfe mit dem Perserfürsten beigestanden hat, den Vorsprung gewann bei den Perserkönigen, so zeigt das, daß, sobald der Herr von Michael unterstützt wird, auch dem Engelfürsten des Königreichs Persien seine Fürsten zu Hilfe kommen. Wenn dann der Herr weiter zu Daniel sagt: „Nun will ich wieder hingehen und mit dem Perserfürsten streiten, und sobald ich ausziehe, siehe, so kommt der Griechenfürst! Doch will ich dir kundtun, was in dem Buche der Wahrheit aufgezeichnet ist; und nicht einer hält es mit mir gegen jene, als nur euer Fürst Michael.“ (Dan.10,20-21), so ist mit diesen Worten erneut bewiesen, daß der Herr auf der Seite der Mederkönige stand und ihre Herrschaft stützte, bis nach dem Willen Seite 88 und Ratschluß Gottes die Zeit gekommen war, daß das Reich an Alexander d.Gr. kam. In diesen Kämpfen stand dem Herrn aber nur der Engelfürst des Volkes Gottes, der große Fürst Michael, mit Entschiedenheit bei (Dan.10,21;12,1). Fehlte denn allen anderen Engeln und Engelfürsten die Kraft hierzu, oder fehlte ihnen die Gottesoffenbarung, d.h. Heilsoffenbarung, die ihnen durch die neutestamentliche Gemeinde der Gläubigen als dem Pfeiler und der Grundfeste der Wahrheit, noch kund werden soll (vgl Eph 3,9-10; 1 Tim 3,15-16; 1 Petr.1,12)? Zweieinhalbtausend Jahre später, wenn ein „männlicher Knabe“ von einem mit der Sonne der Gerechtigkeit bekleideten Weib (d.i. eine Gemeinde) geboren ist und als ein Überwinder, dem Gott die Herrschaft über die Heiden gibt, zu Gott und zu seinem Thron entrückt ist, finden wir die Engel Gottes unter ihrem Führer Michael im entscheidenden, siegreichen Kampf gegen Satan und seine Engel, und sie werfen sie für immer auf die Erde (Offb.2,26-28; 12,1-5.7-9). „Michael“ heißt: „Wer ist wie Gott!“, und diese Frage bzw. dieser Ausruf befähigt diesen Engelfürsten zweifellos allezeit, dem Herrn und seinem sündigen, verstoßenen Volk unter allen Umständen beizustehen, wenn Gott es durch Gnade aufrichten will, sei es abbildlich oder endgültig. Wir erkennen aus dem allem, daß Satan seine geistigen Machthaber als wirkliche Fürsten über die Reiche dieser Welt gesetzt hat; denn die Herrschaft über diese Welt ist ihm nun einmal übergeben, und er gibt sie, wem er will (Luk.4,6). Wir erkennen aber auch, daß der Herr die irdischen Perserkönige gegen die geistigen Persergewalten aus dem Abgrund zu schützen und in Gott wohlgefälligen Entschlüssen zu leiten suchte. Das Reich Gottes - 81 - Wenn der Herr und der Engelfürst Michael gerade um das Zustandekommen und die zeitbegrenzte Erhaltung der Perser- und Mederherrschaft kämpften, so erkennen wir klar, daß es sich dabei nur darum handelte, gegen die gottfeindlichen Heidenmächte wie der Herrscher aus dem Volk Gottes an die Spitze eines Weltreichs zu bringen und auf diese Weise Gottes Absicht mit seinem Volke durchzuführen. Diese Absicht war die abbildliche Wiederherstellung des Tempels und des Volkes Juda in Palästina durch seinen Knecht (Kores) aus seinem Volke. Das alles sollte für spätere noch größere Ereignisse zum Vorbild dienen. Aus diesem Grunde muß auch aus Dan.11,1 erkannt werden, daß der Herr, vereint mit Michael, nicht nur dem geistigen Perserfürsten widerstand, der die jeweiligen Perserkönige auf Erden gegen Gott zu beeinflussen suchte. Denn als der Mederkönig Darius die erste Weltreichsherrschaft stürzte, wurde er dabei nicht nur von dem geistigen Fürsten des Volkes Israel, dem Erzengel Michael, unterstützt, sondern der Herr selbst trat auch Michael helfend zur Seite. Das zeigt, daß sich diese geistige Hilfe nicht allein gegen die Geistgewalten des ersten Weltreichs richtete, Seite 89 sondern sie wirkte auch mit in der Gestaltung aller vier Weltreiche. Darius erlangte durch diese Hilfeleistung seinen Sieg über das erste Weltreich Assur-Babel und richtete die zweite Weltreichsherrschaft auf. 4. Das zweite Weltreich Medo-Persien a) Daniels Weissagungen vom zweiten Weltreich Nach Dan.2,32 ist das zweite Weltreich Medo-Persien gleich der Brust und den Armen von Silber an dem großen Standbild, das der Babelkönig Nebukadnezar im Traum gesehen hatte, und von dem er selbst das wertvollere „goldene Haupt“ war (Dan.2,39). Die beiden „Arme“ deuten wohl auf die Doppelherrschaft der Meder und Perser hin, nämlich Darius‘, des Mederkönigs, und Kores‘, des Perserkönigs. Denn beide Könige regierten zwei Jahre miteinander, bis die Alleinherrschaft auf Kores überging. - Der Prophet Daniel erhielt noch im „dritten“ Jahr des Kores (nämlich im dritten Jahr seiner Gesamtherrschaft) eine große göttliche Offenbarung; darnach sollte er scheinbar in diesem dritten Jahr zu seiner Ruhe eingehen; - es steht aber auch geschrieben, daß Daniel bis zum „ersten“ Jahr (der Alleinherrschaft) des Königs Kores lebte (Dan.1,21; 10,1; 12,13). Daraus ergibt sich die Tatsache, daß Darius und Kores zwei Jahre miteinander regierten. Das zweite Weltreich Medo-Persien gleicht aber nicht nur der Brust und den Armen von Silber an dem erhabenen Standbild, sondern Daniel schaut dieses Reich auch als einen Bären, der sich auf einer Seite aufrichtet und zwischen seinen Zähnen drei Rippen im Maule hält (Dan.7,5). Diese drei Rippen sind zweifellos die drei Reiche Lydien, Babylonien und Ägypten. Griechenland (Javan) bleibt nach weltlichen Berichten unerobert. Zu diesem Bären wird gesagt: „Erhebe dich! Friß viel Fleisch!“ (Dan.7,5) Das deutet auf das schreckliche Gericht, das über das grausame, unbarmherzige und gottfeindliche Assur-Babel erging. Das Reich Gottes - 82 - Daniel sieht aber das zweite Weltreich auch einem Widder gleichen; darüber schreibt er: „Ich hob meine Augen auf und sah, und siehe, da stand ein Widder vor dem Fluß, der hatte zwei Hörner, und beide Hörner waren hoch; aber das eine war höher als das andere, und das höhere wuchs zuletzt. Ich sah, wie der Widder gegen Westen, Norden und Süden (Lydien, Babylonien und Ägypten) stieß, und daß kein Tier vor ihm bestehen und niemand aus seiner Gewalt erretten konnte; sondern er tat, was er wollte, und ward groß.“ (Dan.8,3-4) Darüber erlangt Daniel folgende Erklärung: „Der Widder, den du gesehen hast, mit den beiden Hörnern, das sind die Könige der Meder und Perser.“ (Dan.8,20) Seite 90 Das höhere der zwei Hörner wächst zuletzt und weist damit auf den König Kores von Persien hin, der schließlich zur Alleinherrschaft kommt und sie behält. b) Der Befehl zum Wiederaufbau des Tempels Im ersten Jahr des Darius, das ist im ersten Jahr der Mitherrschaft des Kores, im Jahre 456 n.chr., also zwei Jahre vor dem noch ausstehenden Erlaß des Königs Kores zum Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem, merkte Daniel auf die Zahl der von Jeremja geweissagten siebzig Jahre, während welcher Jerusalem wüst liegen sollte; und Daniel wandte sich in seinem hohen Alter mit dem Bekenntnis seiner und seines Volkes und ihrer Fürsten und Väter Sünden und ihrer Widersetzlichkeit gegen Gott und der Propheten Wort in einem Bußgebet zu Gott um die Wiederaufrichtung des Tempels, d.i. des Heiligtums Gottes, der heiligen Stadt Jerusalem und des Volkes Israel (Dan.9,1-23). Da wird ihm folgendes offenbart: „Siebenzig Wochen sind über dein Volk und über deine heilige Stadt verordnet bis zur Vollendung des Frevels und zur Erfüllung des Sündenmaßes, zur Sühnung der Missetat und zur Herbeiführung der ewigen Gerechtigkeit und zur Versiegelung von Gesicht und Prophezeiung und zur Salbung des Allerheiligsten. So wisse und verstehe: Vom Erlaß des Befehls zum Wiederaufbau Jerusalems bis zur Salbung eines Fürsten vergehen sieben Wochen; und binnen zweiundsechzig Wochen werden die Straßen und Gräben wieder gebaut, und zwar in bedrängter Zeit. Und nach den zweiundsechzig Wochen wird der Gesalbte ausgerottet werden, so daß keiner mehr sein wird. Die Stadt aber und das Heiligtum wird das Volk eines Fürsten verderben, der kommt; sein Ende aber wird plötzlich sein. Und bis ans Ende wird dauern der Krieg, der zur Verwüstung verhängt ist. Und man wird den Bund vielen schwer machen eine Woche lang und mitten in der Woche Schlachtund Speisopfer aufhören lassen, und auf der Zinne werden Greuel (Götzen) des Verwüsters aufgestellt, bis daß sich die beschlossene Vertilgung über den Verwüster ergießen wird.“ (Dan.9,24-27 vgl.Min.-Bib. u. Menge) Diese Weissagung ist von weitergehender Bedeutung und harrt noch der völligen Erfüllung bis zu der Zeit, wenn der Herr wiederkommt und das Heiligtum Gottes und sein Volk in der Erfüllung der Vorbilder auf ewig wieder herstellt. Zweifellos hatte Daniel seinen Blick schon so weit gerichtet, daß er nach einer unauflöslichen Wiederaufrichtung des Heiligtums Ausschau hielt. Auf alle Fälle erlebte er wenigstens noch die Genugtuung, daß der König Kores - (scheinbar auf Daniels Einfluß hin) - den Befehl zum abbildlichen Wiederaufbau des Heiligtums und Zions gab. Das war zwei Jahre nach seinem Das Reich Gottes - 83 - Bußgebet. In diesem Jahr ging Daniel zu seiner Ruhe ein, mit der Zusicherung seiner Auferweckung zu seinem Erbteil am Ende der Tage (vgl.Dan.1,21 u. 12,13 mit 10,1). Seite 91 Vom Erlaß dieses Befehls des Kores zum Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem und der Heimkehr der Juden schreibt Esra uns folgendes: „Im ersten Jahre Kores’ (Cyrus), des Königs von Persien, damit das Wort des Herrn, durch den Mund Jeremjas, erfüllet würde, erweckte der Herr den Geist Kores’, des Königs von Persien, daß er durch sein ganzes Königreich ausrufen und auch schriftlich Befehl ergehen ließ: ‘So spricht Kores, der König von Persien: Jehova, der Gott des Himmels, hat mir alle Königreiche der Erde gegeben, und Er hat mir befohlen, ihm ein Haus zu bauen zu Jerusalem, das in Juda ist. Wer nun unter euch irgend zu seinem Volke gehört, mit dem sei sein Gott, und der ziehe hinauf gen Jerusalem, das in Juda ist, und baue das Haus Jehovas, des Gottes Israels. Er ist der Gott zu Jerusalem. Und wer noch übrig ist an allen Orten, da er als Fremdling weilt, dem sollen die Leute seines Ortes helfen mit Silber und Gold und Habe und Vieh nebst freiwilligen Gaben für das Haus Gottes zu Jerusalem.“ (Esr.1,1-4; 2.Chr.36,22-23) Derselbe Befehl wurde in folgender Form amtlich verwahrt als Pergament im Schloß zu Achmeta (Ekbatana) in der Provinz Medien: „Im ersten Jahre des Königs Kores befahl der König Kores, das Haus Gottes zu Jerusalem zu bauen zu einer Stätte, da man Opfer darbringen soll. Dessen Grund soll tragfähig sein, seine Höhe sechzig Ellen und seine Breite auch sechzig Ellen, drei Reihen Quadersteine und eine Reihe Balken, und die Kosten sollen von des Königs Haus bestritten werden. Dazu soll man die goldenen und silbernen Geräte des Hauses Gottes, welche Nebukadnezar aus dem Tempel zu Jerusalem genommen und gen Babel gebracht hat, wiedergeben, daß sie wieder in den Tempel zu Jerusalem an ihren Ort gebracht werden und im Hause Gottes verbleiben.“ (Esr.6,3-5) Dies ist der denkwürdige Erlaß zum Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem und damit der Stadt selbst, und an das Jahr dieses Erlasses knüpft der Engel Gabriel in einem Gesichte Daniels die Zeitrechnung zur Erfüllung von weiteren Heilsereignissen (Dan.9,20-27). c) Der Juden Heimkehr und die Grundlegung zum neuen Tempel Auf den Befehl des Königs Kores machten sich die Juden unter Führung des Statthalters Serubabel (Sesbazzar), des Sohnes Sealtiels und Enkels des letzten bzw. vorletzten Königs Jojachin von Juda)* *(Serubabel ist nach Matth.1,12 Sohn Sealtiels, Enkel Jechonjas (Jojachins) und Urenkel Josias. Unerklärlich bleibt, warum Jojakim zwischen Josia und Jechonja nicht angeführt ist.), in der großen Zahl von 42360 Seelen auf)* *(aber immerhin nur ein Drittel der Verbannten Judas (vgl.Sach.13,9). Man beachte auch die Zahlen der jeweils in die Verbannung geführten Männer und des Volkes Vermehrung daselbst. Siehe „Biblische Zeittafeln“ im gleichen Verlag), dazu 7337 Knechte und Seite 92 Mägde, 200 Sänger und Sängerinnen, mit 376 Pferden, 245 Maultieren, 435 Kamelen und 6720 Eseln nach Jerusalem zu ziehen. So viele Menschen hatte der gute Geist Gottes zu seinem Werk erweckt. Alle ihre Nachbarn stärkten deren Hände mit silbernen und goldenen Geräten, mit Habe, Vieh und Kleinodien, außer dem, was sie freiwillig noch - 84 - Das Reich Gottes gaben. Und der König Kores gab durch seinen Schatzmeister die Geräte des Hauses des Herrn heraus, die Nebukadnezar aus Jerusalem genommen hatte, und gab sie in die Hand des Statthalters Serubabel: fünftausendvierhundert goldene und silberne Geräte (Esr.1,7-11; 2,64-70; 3,1-3.8-9 ff; 5,13-15). Wie ein Mann fand sich das Volk Gottes in Jerusalem zusammen im siebenten Monat des ersten Jahres (der Alleinherrschaft Kores‘) zu bauen den Altar des Herrn, – und wie ein Mann legten sie unter dem geordneten Gottesdienst des Hohenpriesters Josua (des Sohnes Jozadaks) im zweiten Monat des zweiten Jahres (des Kores), den Grund zum Tempelbau, dessen Baufonds vom König Kores gestellt worden war, und die Fürsten der Geschlechter Judas hatten zu dieser Baugeldsumme reiche Gaben dargereicht (Esr.2,6869; 3,1-13; 6,4). Aber noch zur Zeit der Regierung des König Kores wurden die Juden von den Samaritern verhindert, den Tempelbau weiterzuführen, weil die Juden ihnen nicht erlaubt hatten, am Tempel mitzubauen. Die Samariter dingten beim König Kores Sachwalter wider die Juden, um den Bau lahmzulegen. Diese Verhinderung geschah auch noch zur Zeit der folgenden Perserkönige Ahasverus und Artasasta (Esr.4,1-23). An den König Ahasverus hatten die Samariterfürsten als Feinde der Juden eine Anklageschrift wider sie gerichtet, um den Tempelbau zu verhindern. Auf eine besondere Eingabe der Samariter verbot dann der König Artasasta den Weiterbau der Stadt und des Tempels (Esr.4,6-23a). Wohl nur diesem Verbot zufolge regierte dieser Artasasta nicht einmal ein Jahr. Also hörte das Werk am Hause Gottes zu Jerusalem auf und stand still bis in das zweite Jahr der Regierung Darius‘, des Königs von Persien (Esr.4,23b). d) Die Wiederaufrichtung des Tempels Es traten aber die Propheten Haggai und Sacharja auf und redeten im Namen des Herrn im zweiten Jahr des Königs Darius‘ (das ist aber nicht der Mitregent des längst verstorbenen Kores!) am ersten Tag des sechsten Monats zu den Juden in Jerusalem und Juda, vornehmlich aber zum Statthalter Serubabel, dem Sohne Sealtiels (dem Enkel Jojachins) und zum Hohenpriester Josua, dem Sohne Jozadaks, den begonnenen Tempelbau zu vollenden, der bis dahin geruht hatte (Esr.4,24; 5,1-2; Hgg.1,1-13). Und Gott erweckte den Geist der beiden Männer Serubabel und Josua und des ganzen Volkes, also daß man am 24. Tag des sechsten Monats im zweiten Jahr des Perserkönigs Darius den Tempelbau Seite 93 wieder aufnahm (Hgg.1,14-15). Denn die Hände Serubabels hatten dies Haus begründet; seine Hände sollten es auch vollenden (Sach.4,9). Mit dem Wiederaufbau des Tempels sind aber Zukunftsverheißungen verbunden, die sich seinerzeit nur teilweise erfüllt haben, die sich aber dann erfüllen werden, wenn der Tempel des Herrn zum dritten Mal erbaut wird und dann die Vorbilder auch ihre geistliche Erfüllung finden werden (vgl.Hgg.2,4-9.19.21-23; Sach.3, 1-10; 4,1-14; 6,11-15; 9,8-10; Hes.40,5 ff). Das Reich Gottes - 85 - Auch jetzt noch sollten die Juden am Werk des Tempelwiederaufbaus gehindert werden. Aber Gottes Auge wachte über ihnen, daß ihnen nicht gewehrt werden konnte, bis sie vom König Darius die neuerliche Bestätigung des Befehls des vormaligen Königs Kores über den Wiederaufbau des Tempels erlangten, der im Urkundenhaus (und Schatzhaus) des Residenzschlosses zu Achmeta (d.i. Ekbatana), der Hauptstadt in der Landschaft Medien, gefunden wurde, nachdem der König Darius befohlen hatte, im Archiv des Schatzhauses zu Babel zu suchen (Esr.4 - 5). Der Schluß des königlichen Befehls, den Darius erließ, als die Befehlsurkunde des Königs Kores gefunden worden war, lautete: „Der Gott aber, dessen Name alldort wohnt, stürze alle Könige und Völker, welche ihre Hand ausstrecken, dieses Haus Gottes in Jerusalem zu ändern oder zu verstören! Ich, Darius, habe solches befohlen, daß es genau ausgeführt werde.“ (Esr.6,12) Die Juden aber hielten durch, gestärkt durch die Propheten Haggai und Sacharja, bauten nach dem Befehl des Gottes Israel und nach den Befehlen der Perserkönige Kores, Darius und Artasasta (dieser war sehr wahrscheinlich schon ein Mitregent des Darius;)* *(der in Esr.7,12-16 angegebene Befehl diente nach seinem Wortlaut nicht mehr zur Erbauung, sondern zur Bereitstellung von Gold und Silber für den Opfer- und Priesterdienst im vorhandenen Tempel, dessen Geräte er vervollständigen ließ.) und sie vollendeten den Tempelbau am dritten Tag des Monats Adar (März), im sechsten Jahr Darius‘, des Perserkönigs (Esr.6,14-15). Am 14. Tag des folgenden Monats, also dem Nisan (April), dem ersten Monat eines neuen Jahres und nach altjüdischer Überlieferung eines Sabbatjahrs, feierten sie mit großer Freude die Einweihung des Hauses Gottes und hielten dem Herrn ein großes Passah, nach der gottesdienstlichen Ordnung von Mose (Esr.6,16-22). Die Wiederherstellung des Volkes in seinem Erbland und die Wiederaufrichtung des Tempels und der Stadt Zion war durch die Begnadigung des verstoßenen Volkes Gottes erfolgt, also nicht etwa auf ein erfolgreiches Beobachten des Gesetzes, was ja in der Verbannung ohne Opfer und ohne Priester- und Levitendienst gar nicht möglich gewesen wäre. Solcherart ist die Gnadenwiederherstellung Judas ein Vorbild der künftigen Gnadenerrettung eines Überrests aus allen zwölf Stämmen des ganzen Volkes Israel. Zweifellos haben die Juden nach der Vollendung und Einweihung des Tempels auch die Stadtmauer wieder errichtet; denn bis dahin Seite 94 hatten sie in Waffen arbeiten müssen, wenn sie bauen wollten und einem Überfall der Feinde wirksam begegnen sollten. Aber nachdem alles vollendet war, segnete der Herr das Volk für seinen opferwilligen Einsatz mit reichen Ernten und mit Wohlergehen. Ja, der Priester Esra erwirkte beim König Artasasta, dem Nachfolger des Darius, in der Königsstadt Babel auch eine fortlaufende gesetzliche Bereitstellung reichlicher Mittel zur Sicherstellung für den Gottesdienst (Leviten-, Sänger-, Priester- und Opferdienst) (Esr.7 8). Also befahl dieser gottesfürchtige König: „Alles, was nach dem Befehl des Gottes des Himmels ist, das werde bei dem Haus des Gottes des Himmels mit großer Sorgfalt verrichtet, daß nicht ein Zorn über das Königreich, den König und seine Kinder komme!“ (Esr.7,23) Das Reich Gottes - 86 - Dieser Artasasta (= Großkönig, Oberherrscher) ist jedenfalls auch der Perserkönig Ahasveros im Buch Ester und Artaxerxes in dem apokryphischen Buch „Stücke zu Ester“; denn Nehemja führt allem Anschein nach die Gewogenheit des Artasasta gegen ihn und die Juden auf den guten Einfluß seiner Gemahlin zurück (Neh.2,6). Esra hatte sein Herz geneigt, das Gesetz des Herrn zu erforschen und zu üben und in Israel Gesetz und Recht zu lehren; darum ließ ihm der Herr alles gelingen (Esr.7,9-10.2728). Nach seiner Reise nach Jerusalem, die vom ersten Tag des ersten Monats bis zum ersten Tag des fünften Monats im siebenten Jahr des Artasasta währte, neigte Esra sich zum Bußgebet vor Gott und ermannte sich und das Volk zum Ausschluß aller fremden Weiber, die die Israeliten genommen hatten (Esr.7,1-10; Kap.9 - 10). e) Die Erneuerung der Stadtmauer Jerusalems Im zwanzigsten Jahr des Königs Artasasta durfte auch sein Mundschenk Nehemja für zwölf Jahre nach Jerusalem ziehen, um die Stadt und die Stadtmauer zu bauen; er erbaute die niedergerissene Stadtmauer und errichtete die niedergebrannten Stadttore in zweiundfünfzig Tagen (Neh.2,1; 6,15). Diese Verwüstungen waren vermutlich, wie aus dem Anfang des Buches Nehemja geschlossen werden muß, kurz zuvor durch die Feinde der Juden angerichtet worden (Neh.1,1-11). Im zweiunddreißigsten Jahr der Regierung Artasastas kehrte Nehemja zum König zurück. Aber nach einiger Zeit, vielleicht nach einigen Jahren, erbat Nehemja sich noch weiteren Urlaub bei seinem König für Jerusalem (Neh.5,14; 13,6-7). Bei seiner zweiten Rückkehr mußte Nehemja den Hohenpriester Eljaschib zurechtweisen und eine große Kammer im Tempel wieder reinigen und ihrem gottesdienstlichen Zweck zuführen. Auch die Leviten und Sänger waren geflohen; denn die Juden hatten „Gott und sein Haus der Zehnten und Abgaben beraubt“ (vgl.Mal.3,7-12). Nehemja aber schalt die Vorsteher (der Leviten?), weil sie das Haus Gottes verlassen hatten, und sorgte durch rechtschaffene Männer für geordneten Gottesdienst und Seite 95 für geordnete Austeilung des Zehnten und der Abgaben an die Priester und Leviten; denn das Volk besann sich auf seine Pflicht (Neh.13,10-13). Er heiligte auch wieder den Sabbat und reinigte das Volk von fremden Weibern. Aber seine schönste Tat bei seinem ersten Weilen in Jerusalem war wohl die, daß er einen allgemeinen Schuldenerlaß und die Freigabe aller geknechteten Brüder und aller verpfändeten Güter erwirkte (Neh.5). Der König Artasasta, der, wie schon oben angedeutet, auch der König Ahasveros ist, regierte von Indien bis nach Äthiopien über hundertsiebenundzwanzig Provinzen, verstieß seine ungehorsame Gemahlin Vasti und erwählte im siebenten Jahr seiner Regierung Ester aus dem Judenvolk zur Gemahlin und Königin (Est.1,1-3.9-22; 10,1-2; 2,16-18). Einer der Väter ihres Pflegevaters Mordechai war schon mit Jojachin, dem jungen König von Juda, in die babylonische Gefangenschaft gekommen. Dieser König Ahasveros gab einen Befehl zur Vernichtung aller Judenfeinde und erhob Mordechai zu seinem Nächsten in den Regierungsgeschäften, nachdem einige Zeit zuvor die Feinde der Juden beim König Ahasveros einen Vernichtungsbefehl gegen die Juden erwirkt hatten (Est.3,13- Das Reich Gottes 15; 7,8-14; 10,2-3). - 87 Das geschah im zwölften Jahr seiner Regierung (Est.3,7.13). Im siebenten Jahr des Artasasta und in seinem zwanzigsten Jahr hatten Esra und Nehemja ihre Erfolge zu verzeichnen. Die Heilige Schrift berichtet uns sonst von keinem der Perserkönige als nur noch kurz von einem Darius, und das ist wahrscheinlich der, welcher das Reich der Meder und Perser zuletzt innehatte (Neh.12,22; 1.Makk.1,1). f) Das Ende des zweiten Weltreichs Medo-Persien Über das Ende des zweiten Weltreichs Medo-Persien erlangte Daniel folgende Offenbarung: „Während ich nun acht gab, siehe da kam ein Ziegenbock von Abend her über die ganze Erde, ohne den Erdboden zu berühren; der Bock aber hatte ein ansehnliches Horn zwischen seinen Augen. Und er kam auf den Widder los, den ich vor dem Fluß stehen sah, und lief mit seiner ganzen Kraft wütend gegen ihn an. Und ich sah, wie hart er neben den Widder kam und sich erbittert auf ihn warf und den Widder schlug und ihm seine beiden Hörner zerbrach; und da der Widder nicht stark genug war, um vor ihm zu bestehen, warf er ihn zu Boden und zertrat ihn, und niemand rettete den Widder aus seiner Gewalt.“ (Dan.8,5-7) „Nun will ich dir die Wahrheit verkündigen: Siehe, es werden den Persern noch drei Könige vorstehen, und der vierte wird größeren Reichtum erwerben als alle anderen, und weil er sich in seinem Reichtum stark fühlt, so wird er alles gegen das griechische Reich aufbieten.“ (Dan.11,2) Der letzte König der Meder und Perser ist aber auch ein Darius genannt, und zwar war es scheinbar ein Enkel dessen, der den Tempelbau zu vollenden befahl. Seite 96 Diesem letzten König Darius wurde augenscheinlich sein großer Reichtum zum Verhängnis; denn in diesem fühlte er sich stark, den Kampf mit Alexander dem Großen aufzunehmen. Aber Alexander der Große besiegte ihn in einigen Schlachten (333 v.Chr. bei Issus und 331 bei Arbela und Gaugamela), zertrümmerte die Perserherrschaft, nahm das ganze Perserreich ein und gründete das dritte Weltreich Griechenland-Mazedonien (1.Makk.1,1-4; Dan.8,7). Hatten sich die vorigen Perserkönige fast alle durch ihre große Gottesfurcht ausgezeichnet und sich gestützt und verlassen auf den lebendigen Gott, den Schöpfer Himmels und der Erde, so wich der letzte Perserkönig Darius hiervon ab; denn er verließ sich auf seinen großen Reichtum, der ihn aber nicht erretten konnte (vgl.Ps.52,89; Spr.11,28). Darum konnte der Bestand des medopersischen Weltreichs hinfort nicht mehr vom Herrn gesichert werden, weil der König von ihm wich (Dan.10,20 - 11,1). 5. Die Dauer des zweiten Weltreichs Medo-Persien und seine Könige a) Die Chronologie der Bibel und der weltlichen Geschichte In diese Zeit des zweiten Weltreichs fallen die durch Daniel gegebenen prophetischen Weissagungen über den Heilsratschluß Gottes. Deshalb ist es von besonderer Wichtigkeit, herauszufinden, in welchen Zeitabschnitt dieses Weltreich fällt. Die Heilige Schrift gibt uns für die Geschichte der ältesten Zeit seit der Erschaffung des Menschen feste Unterlagen für eine biblische Zeitrechnung bis zum Aufhören des Reiches Juda im 19. Jahr Nebukadnezars (Siehe „Biblische Zeittafeln“). Das Reich Gottes - 88 - Nun ist der Gedanke naheliegend, die Angaben der „Weltgeschichte“ von da ab anzuschließen, wo sie in den von Gott zum voraus offenbarten „vier Weltreichen“ sich auswirkt, wie man das auch schon getan hat. Der biblische Forscher aber sollte von da ab, wo die geschichtlichen Jahreszahlen der Bibel aufhören, die prophetischen Jahre der Bibel anschließen, um so bis in die jüngste, auch durch die Weltgeschichte bezeugte Zeit zu kommen. Damit kommt das prophetische Zeugnis, das Gott für diese Zeit durch Daniel gegeben hat, zu seinem Rechte und wird nicht durch die weltlichen Jahreszahlen in seiner Bedeutung als untergeordnet oder gar unbrauchbar angesehen und sogar auch von den Gläubigen in diesem Sinn behandelt. Nach dem prophetischen Zeugnis müssen dann an das erste Jahr Nebukadnezars als das vierte Jahr Jojakims die siebenzig Jahre der Gefangenschaft Judas angehängt werden, die Jeremja in diesem Jahre geweissagt hat, und deren Erfüllung von der Schrift im ersten Jahr Kores‘, des Persers, angegeben ist, wofür wir, wie oben gesagt, das erste Seite 97 Jahr seiner Alleinherrschaft ansehen, in welchem Daniel starb (2.Chr.36,20-23; Esr.1,1-4; Dan.1,21; 10,1; 12,13). An dieses Jahr werden wieder die dem Daniel zwei Jahre vorher geweissagten neunundsechzig (Jahr-) Wochen = 483 Jahre angehängt, die bis zur Ausrottung des Gesalbten als dem Tod bzw. bis zur Auferstehung Jesu zugerechnet sind. In diese 483 Jahre ist die ganze Weltgeschichte vom Entstehen des Perserreiches bis ins Jahr 30 n.Chr. zu rechnen, das jedenfalls Jesu Todesjahr ist. Anstelle dieser Zeit zählt die weltliche Geschichtsdarstellung 535 + 30 = 565 Jahre. (536 gilt als erstes Jahr des Perserreichs Schlachter rechnet, weil die weltlichen Berichte auch unter sich nicht genau übereinstimmen, nach der Anmerkung zu Jer.32,1 ein Jahr weiter zurück, nämlich 587 – 50 = 537).* *(Damit stellt die Bibel 565 – 483 = 82 Jahre weniger für die entsprechenden Reiche zur Verfügung. Weil wir aber die Zeit für das griechische Weltreich der weltlichen Darstellung entnehmen müssen, indem die Makkabäerbücher mit „Jahren des Griechischen Reiches“ (Zeitrechnung des Seleukiden 312 n.chr. = 1) rechnen und deren Angaben mit den weltlichen Daten derselben Epoche übereinstimmen, so muß dieses Weniger von 82 Jahren bzw. 83 von der Zeit des medopersischen Reiches abgezogen werden. Wir bekommen deshalb statt einer Zeit von etwa 200 Jahren (536 - 336 bzw. 331) eine solche von nur etwa 120 Jahren für dasselbe. Dieser geringeren Zeit kommen die in der Schrift gemachten Angaben von der Zahl der medopersischen Könige entgegen. Die Heilige Schrift stellt in den Berichten, die sie über die Herrschaft der vier Weltreiche gibt, keine Weltgeschichte auf, sondern es ist, soweit sie von den zur Weltherrschaft bestimmten Reichen nebst dem Reich Israel redet, nur das göttlichprophetische Zeugnis für die Zeit der Herrschaft der vier Weltreiche. Es wäre darum ein nutzloses Unternehmen, wenn man die bis heute bekannten Ergebnisse der weltlichen Geschichte durch das prophetische Zeugnis lückenlos verbessern wollte, solange nicht gleichwertige, weltliche Forschungsergebnisse die von der Heiligen Schrift gemachten Geschichtsangaben erhärten. Wir dürfen im prophetischen Zeugnis nur das suchen, was Gott über die Herrschaft der vier Weltreiche als seinen Willen offenbaren wollte. Das Reich Gottes - 89 - b) Die Königsreihe des medo-persischen Reiches in der Heiligen Schrift Die Heilige Schrift stellt uns folgende Reihe von Persönlichkeiten medopersischer Herrscher vor Augen: 1. Darius, der Meder, und sein Mitregent Kores, der Perser (2.Chr.36,22; Esr.1,1-2; 3,7; 4,3.5; 5,13-17; 6,3.14; Jes.44,28; 45,1; Dan.1,21; 6,1-2.7.10.26.29; 8,20; 10,1; 11,1). 2. Ahasveros (Esr.4,6). 3. Artasasta (Esr.4,7-11.23). 4. Darius, der Perser, unter welchem der Tempelbau vollendet wurde (Esr.4,5.24; 5,5-7; 6,1.12-15; Hgg.1,15; 2,10; Sach.1,1.7; 7,1). Seite 98 5. Artasasta, welcher für den Dienst im vollendeten Tempel Mittel bereitstellte und offenbar auch der Gemahl der Ester ist. In dem Buch „Stücke zu Ester“ ist Ahasveros „Artaxerxes“, also „Artasasta“ (= Oberherrscher, Großkönig) genannt (vgl.Neh.2,6; Est.1,13.9-19 u. v. a. St.; Stücke zu Ester 1,1; 2,1; 5,1; 6,1; Esr.7,1-6; 8,1; Neh.2,1; 5,14; 13,6). 6. Darius, der Perser (Neh.12,22; 1. Makk.1,1). Diesen sechs Persönlichkeiten gegenüber führt uns die weltliche Geschichte zwölf bzw. dreizehn auf. Nun ist in Dan.11,2 die Rede von vier, bzw. fünf Königen. (Man weiß nicht: ist der „vierte“ einer über die drei Nachfolger des Kores hinaus oder einschließlich mit diesem der vierte in der Reihe.) Redet hier die Heilige Schrift von fünf Königen, so kann man sagen: Durch Inschriften und Tontafeln sind uns die ersten vier von der Geschichte aufgestellten Herrscher bestätigt: 1) Kores oder Cyrus, 2) Kambyses, dessen Sohn, 3) der Thronräuber Pseudosmerdis (= falscher Smerdis) und 4) Darius Hystaspis. Wenn das prophetische Wort in Dan.11,2 auch die ganze Königsreihe bis zum Schluß bezeugt, so übergeht es doch den dritten, den Thronräuber, dessen Regierungszeit nach weltlichem Bericht nur sehr knapp war, das wäre der Artasasta von Esr.4,7-11.23; so sieht man dann hier in diesen fünfen dieselben Könige, wie sie die geschichtlichen Bücher Esra, Nehemja und Ester zeigen, nur fehlt dabei dieser eine. Was die weltliche Geschichte sonst noch an Herrschern aufzählt, können solche von ganz kurzen Regentschaften oder von Mitregentschaften sein, deren Gestalten zum Teil statt nebeneinander nacheinander gestellt wurden, oder deren Regierungszeiten länger angenommen wurden, um die falsch angenommene Zeitspanne der ganzen Perserherrschaft auszufüllen.)* *(Die Kenntnis der zwölf persischen Könige und ihrer Regierungszeiten verdankt die Welt dem Kanon (= der Aufstellung) des Geschichtsschreibers Ptolemäus. Aber Ptolemäus, welcher einige Jahrhunderte nach dem Bestehen des Perserreiches schrieb, mußte sich wieder auf die Überlieferungen und Schätzungen eines Eratosthenes verlassen und auf die Heldenschilderungen der Griechen. Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus, welcher hundert Jahre früher lebte als Ptolemäus, schreibt von sechs Perserkönigen und stimmt so mit der Bibel überein. 6. Die siebenzig (Jahr-) Wochen Daniels und die Zeit der vier Weltreiche a) Der Unterschied zwischen der geschichtlichen und prophetischen Bedeutung der Weissagung der siebenzig (Jahr-) Wochen Die Herrschaft des zweiten Weltreichs „Medo-Persien“ dauerte vom Jahre 456 bis 331 n.chr. Das Reich Gottes - 90 - Weil in diese Zeit schon teilweise die Weissagungen des Propheten Daniel über die siebenzig (Jahr-) Wochen fallen, durch die Gott dem Daniel seinen Heilsratschluß geoffenbart hat, muß diesen Weissagungen in Verbindung mit den vier Weltreichen noch besondere Beachtung geschenkt werden. Gott aber hat durch dieselben nicht nur geoffenbart, wie Seite 99 er seinen Heilsplan mit seinem Volke hinausführt, sondern er hat in ganz besonders klarer Weise die Zeit bestimmt, in der er seinen Ratschluß hinausführt. Diese Zeit von siebenzig (Jahr-) Wochen zerfällt in drei aufeinanderfolgende besondere Zeitabschnitte, und zwar in die ersten sieben (Jahr-) Wochen, dann folgen zweiundsechzig (Jahr-) Wochen und endlich die letzte (Jahr-) Woche (Dan.9,24-27). Diese richtige Zeiteinteilung ist für die rechte Erkenntnis der zeitgemäßen Erfüllung des göttlichen Ratschlusses sehr wichtig. Wenn man die Weissagung, die Daniel über die siebenzig (Jahr-) Wochen erhielt, der Zeit nach recht verstehen und einteilen will, muß man beides, die geschichtliche und die geistige Bedeutung derselben, beachten. Die hauptsächlichste Bedeutung liegt aber immer auf dem geistigen Gebiet, deshalb muß das auch in der Berechnung der siebenzig (Jahr-) Wochen oder vierhundertneunzig Jahre beachtet werden. Gott gab seine Offenbarung über diese siebenzig (Jahr-) Wochen dem Daniel infolge seiner verlangenden, suchenden Stellung, die mit den folgenden Worten geschildert ist: „Im ersten Jahre Darius‘, des Sohnes Ahasveros‘, von medischer Herkunft, welcher zur Herrschaft über das Reich der Chaldäer gekommen war, – im ersten Jahre seiner Regierung merkte ich, Daniel, in den Schriften auf die Zahl der Jahre, während welcher nach dem Worte des Herrn an den Propheten Jeremja Jerusalem in Trümmern liegen sollte, nämlich siebenzig Jahre.“ (Dan.9,1-2) Auf Grund dieser Weissagung vom Propheten Jeremja, daß sein Volk siebenzig Jahre in der babylonischen Gefangenschaft sein werde, konnte Daniel am Ende dieser 70 Jahre mit der nationalen Wiederherstellung seines Volkes und dem damit verbundenen Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem rechnen. In seiner Gott wohlgefälligen Gesinnung wußte aber Daniel, daß die Erfüllung des offenbarten göttlichen Willens nicht nur von der Tatsache abhängig war, daß Gott seinen Willen kundgetan hatte; denn Gott konnte sein Volk nicht um ihrer Gerechtigkeit, sondern nur um seiner großen Barmherzigkeit willen zur Verwirklichung seiner Absichten gebrauchen. Deshalb beugte sich Daniel und tat Buße und bekannte seine und seines Volkes Sünden (Dan.9,20). Aus diesem Grund offenbart ihm Gottes Antwort durch den Mann (d.h. Engel) Gabriel in klarer Weise die Zeit der Verwirklichung seines Heilsplanes mit seinem Volke, indem Daniel das Ende der vom Propheten Jeremja geweissagten und nun nahezu erfüllten siebenzig Jahre der babylonischen Gefangenschaft für gekommen ansah. Der Engel Gabriel sagte zu Daniel: „Daniel, jetzt bin ich ausgegangen, dir den Verstand zu erleuchten! Als du anfingst zu beten, ist ein Wort ausgegangen, und ich bin gekommen, um es dir anzuzeigen; denn du bist lieb und wert. So achte nun auf das Wort und verstehe das Gesicht! Siebenzig Seite 100 Das Reich Gottes - 91 - Wochen sind über dein Volk und über deine heilige Stadt verordnet bis zur Vollendung des Frevels und zur Erfüllung des Sündenmaßes, zur Sühnung der Missetat und zur Herbeiführung der ewigen Gerechtigkeit und zur Versiegelung von Gesicht und Prophezeiung und zur Salbung des Allerheiligsten. So wisse und verstehe: Vom Erlaß des Befehls zum Wiederaufbau Jerusalems bis zur Salbung eines Fürsten vergehen sieben Wochen; und binnen zweiundsechzig Wochen werden die Straßen und Gräben wieder gebaut, und zwar in bedrängter Zeit. Und nach den zweiundsechzig Wochen wird der Gesalbte ausgerottet werden, so daß keiner mehr sein wird. (Ohne daß er (der gesalbte Hohepriester) eine Schuld haben wird.) Die Stadt aber und das Heiligtum wird das Volk eines Fürsten verderben, der kommt; sein Ende aber wird plötzlich sein. Und bis ans Ende wird dauern der Krieg, der zur Verwüstung verhängt ist. Und man wird den Bund vielen schwer machen eine Woche lang und mitten in der Woche Schlacht- und Speisopfer aufhören lassen, und auf der Zinne werden Greuel (Götzen) des Verwüsters aufgestellt, bis daß sich die beschlossene Vertilgung über den Verwüster ergießen wird.“(Dan.9,22-27) Nach diesem Zeugnis des Engels Gabriel an Daniel werden an die siebzig Jahre der babylonischen Gefangenschaft des Volkes Gottes noch sieben und zweiundsechzig, das sind neunundsechzig Jahrwochen, angehängt, nämlich ausdrücklich an das Jahr, in welchem Jerusalem samt dem Tempel wieder zu bauen befohlen wird, was tatsächlich zwei Jahre nach der Weissagung geschah (2.Chr.36,22-23; Esr.1,1-4; 6,3-5; Jes.44,28; 45,13). b) Die prophetisch schriftgemäße Anleitung zum Verständnis der siebzig (Jahr-) Wochen Daniels Will man die siebzig (Jahr-) Wochen Daniels im göttlichen Lichte verstehen lernen, dann muß man zuerst das rechte Verständnis für die prophetische Zeitrechnung gewinnen. Nur auf diese Zeitrechnung wollen wir hier in Verbindung mit der Zeit der vier Weltreiche achten. Die prophetische Zeitrechnung ist in der Heiligen Schrift folgendermaßen erläutert: „Dieses eine aber soll euch nicht verborgen sein, Geliebte, daß ein Tag vor dem Herrn ist wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag!“ (2.Petr.3,8) „Tausend Jahre sind vor dir wie der gestrige Tag, der vergangen ist, und wie eine Nachtwache.“ (Ps.90,4) „Nach der Zahl der vierzig Tage, darin ihr das Land erkundigt habt, so daß je ein Tag ein Jahr gilt, sollt ihr vierzig Jahre lang eure Missetat tragen, daß ihr erfahret, was es sei, wenn ich die Hand abziehe!“ (4.Mos.14,34) Seite 101 „Ich aber habe dir die Jahre ihrer Missetat in ebensoviele Tage verwandelt, nämlich 390 Tage sollst du die Missetat des Hauses Israel tragen. Wenn du aber diese Tage vollendet hast, so lege dich das zweite Mal auf deine rechte Seite und trage die Missetat des Hauses Juda vierzig Tage lang; je einen Tag will ich dir für ein Jahr auflegen.“ (Hes.4,5-6) Diese Stellen zeigen, daß Gott die Zeit, in der er seinen Willen ausführt, im prophetischen Zeugnis nach zwei Ordnungen offenbart hat. Nach der ersten Ordnung zeigt Gott die Entwicklung seines Heilsratschlusses in der Rettung der Menschen in den sieben Schöpfungstagen, und da gilt ein Tag für tausen Jahre, so daß die sieben Schöpfungstage als eine Zeit von siebentausend Jahren gerechnet werden dürfen. Das Reich Gottes - 92 - Nach der zweiten Ordnung verkündigt Gott seinem Volk die Gerichte, die sie um ihrer Übertretungen willen erdulden müssen, und da gilt ein Tag des prophetischen Zeugnisses für ein Jahr. Daraus ersehen wir, daß, während der Prophet Jeremja mit den siebzig Jahren der babylonischen Gefangenschaft des Südreichs Juda buchstäblich die Zeit schildert, in der dieses erste Weltreich in seiner Macht ist, Gott dem Daniel am Anfang des zweiten Weltreichs der Meder und Perser die Zeit der weiteren Entwicklung des göttlichen Ratschlusses mit seinem Volk zeigt, so daß am Ende des vierten Weltreiches in dem prophetischen Zeitmaß von siebzig Wochen von diesen jeder Tag für ein Jahr zu rechnen ist. Es sind also 70 x 7 = 490 Tage oder soviel Jahre. Damit ist Daniel angezeigt, daß die auf die abgelaufenen siebzig Jahre der babylonischen Gefangenschaft folgende Rückkehr eines Teils des Volkes des Südreichs Juda und der Wiederaufbau des Tempels noch nicht die endgültige Aufrichtung und Wiederherstellung der göttlichen Ordnung durch sein Volk ist. Daniel muß vielmehr darauf achten, daß die göttliche Absicht mit seinem Volk erst dann erreicht ist, wenn die Vollendung des Frevels, die Erfüllung des Sündenmaßes, die Sühnung der Missetat, die Herbeiführung der ewigen Gerechtigkeit, die Versiegelung von Gesicht und Prophezeiung und die Salbung des Allerheiligsten sich erfüllt haben. Diese göttliche Absicht wird in der Zeit der siebzig (Jahr-) Wochen oder in vierhundertneunzig Jahren erreicht. c) Die prophetische Bedeutung der ersten sieben (Jahr-) Wochen Unter dem Statthalter Serubabel, dem Sohn Sealtiels, und dem Hohenpriester Josua, dem Sohn Jozadaks, sind Jerusalem und der Tempel nach der Rückkehr des Volkes Gottes aus der babylonischen Gefangenschaft wieder gebaut worden (Esr.3,2-3; 5,2). Diese beiden Personen sind daher im prophetischen Seite 102 Zeugnis Vorbilder von der zukünftigen Königs- und Priesterherrschaft im wiedervereinigten Volke Gottes. Diese Königs- und Priesterherrschaft wird dem „Sproß Davids aus dem abgehauenen Stamm Isais“ zuteil werden, und darauf warten wir heute noch; denn wir sehen auch in der Auferstehung Jesu Christi nur eine Teilerfüllung dieser Verheißung. Die Krönung des Hohenpriesters Josua deutet an, daß Königtum und Hohepriestertum am Ende des Zeitalters unter einem Haupt vereinigt werden sollen, geradeso, wie der auferstandene Christus heute schon im Himmel das Königtum über alle Herrschaften und Gewalten Himmels und der Erde und das unvergängliche Hohepriestertum nach der Ordnung Melchisedeks miteinander vereinigt (Eph.1,20-22; Hebr.Kap.1; 5,5-6.10; 6,20; 7,15-17). Die irdisch-sichtbare Erfüllung erfolgt aber erst dann, wenn der wahre Tempel gebaut werden soll, an dem die Gläubigen die lebendigen Bausteine sind. Die Krönung des Das Reich Gottes - 93 - Hohenpriesters Josua war vorbildlich und sollte zur Bekräftigung einer Weissagung dienen; denn zu diesem Zwecke mußte die Krone zum Zeugnis für künftige Zeiten im Tempel aufbewahrt werden; Josua durfte sie nicht für sich behalten, und auch Serubabel durfte sie nicht tragen (Sach.6,9-15). Der Erlaß des Befehls zum Wiederaufbau Jerusalems und des Tempels, von welchem ab sieben Jahrwochen laufen, erfolgte im ersten Regierungsjahr der Alleinherrschaft des Königs Kores von Persien im Jahre 454 n.chr. Kores befahl den Wiederaufbau des Tempels und die Heimkehr des Volkes Gottes aus der babylonischen Gefangenschaft (2.Chr.36,22-23; Esr.1,1-4; 6,3-5). Damit war nun auch der Wiederaufbau der Stadt Jerusalem geboten, wie ja auch aus der prophetischen Weissagung des Jesaja ausdrücklich hervorgeht (Jes.44,28; 45,13). Die restlose Erfüllung dieser Weissagung geschieht aber erst am Ende der siebzig (Jahr-) Wochen. In der Verbindung mit dem Befehl zum Wiederaufbau des Tempels weist der Engel Gabriel auf die in der Zeit von sieben (Jahr-) Wochen in der Bedrängnis erfolgende Wiederherstellung der Stadt Jerusalem und auf die „Salbung eines Fürsten“ nach den sieben (Jahr-) Wochen hin (Dan.9,24). Die hier abweichenden Übersetzungen werden wir bei einer späteren, eingehenderen Betrachtung dieser Weissagung berücksichtigen. In der Zeit, als der Tempelbau zu Ende geführt werden sollte, weissagten die Propheten Sacharja und Haggai, und letzterer spricht unter anderem: „Also spricht Jehova Zebaot: Noch diesen einen kleinen Augenblick, so erschüttere ich den Himmel und die Erde, das Meer und das Trockene; und ich will auch alle Völker erschüttern, und es werden die Kostbarkeiten aller Völker kommen, und ich will dieses Haus mit Herrlichkeit erfüllen, spricht Jehova Zebaot. Mein ist das Silber und mein ist das Gold, spricht Jehova Zebaot. Es soll die zukünftige Herrlichkeit dieses Hauses größer werden als die frühere war, Seite 103 spricht Jehova Zebaot; und an diesem Orte will ich Frieden geben, spricht Jehova Zebaot.“ (Hgg.2,6-9) „Das Wort des Herrn erging zum zweitenmal an Haggai am vierundzwanzigsten Tage des Monats, also: Sage zu Serubabel, dem Statthalter von Juda: Ich will den Himmel und die Erde erschüttern und will Königsthrone umstoßen und die Macht der heidnischen Königreiche zertrümmern und will auch Kriegswagen umstürzen samt ihren Reitern, daß Roß und Mann zu Boden sinken und einer umkomme durch des andern Schwert. An jenem Tage, spricht der Herr, will ich dich, Serubabel, den Sohn Sealtiels, meinen Knecht, nehmen und dich anstecken wie einen Siegelring; denn dich habe ich erwählt, spricht Jehova Zebaot!“ (Hgg.2,20-23) Diese Worte zeigen, daß Serubabel, der Statthalter von Juda, ein Vorbild von der Zeit ist, wenn am Ende der siebenzig (Jahr-) Wochen, der vierhundertneunzig Jahre, Gottes Ratschluß an seinem Volk und an seiner heiligen Stadt erfüllt wird. Auf diese Zeit des Endes bezieht sich das Zeugnis der zwei Zeugen, die tausendzweihundert-und sechzig Tage lang, mit Säcken angetan, weissagen in der Zeit, wenn am Ende des vierten Weltreichs in der Gerichtszeit der sechste Engel posaunt. Diese zwei Zeugen sind die zwei Ölbäume, zwei Olivenbüschel, zwei Leuchter, zwei Gesalbte, die vor dem Herrscher der ganzen Erde, vor dem Herrn der Erde stehen, von denen der Prophet Sacharja und Johannes in der Offenbarung geweissagt haben (Sach.4,2-5; Offb.11,3-12). Ihr Zeugnis ist aber das Wort des Herrn an Serubabel, das lautet: Das Reich Gottes - 94 - „Nicht durch Heer und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht Jehova Zebaoth!“ (Sach.4,6) Wenn darauf durch diesen Propheten die Worte folgen: „Wer bist du, großer Berg vor Serubabel? Du sollst zur Ebene werden, und er wird den Schlußstein hervorbringen unter dem Zuruf der Menge: Gnade, Gnade mit ihm!“ (Sach.4,7), so weisen diese Worte im Zusammenhang mit dem Werk des Aufbaues Jerusalems und der Gründung des Tempels durch Kores, was der Prophet Jesajas bezeugt, und den zwei Zeugen von Offb.11,3-12 auf die Zeit hin, wenn der Ratschluß Gottes an seinem Volk und an der heiligen Stadt am Ende der vierhundertneunzig Jahre erfüllt wird. Dann sind erst die Worte des Propheten Sacharja erfüllt: „Die Hände Serubabels haben dieses Haus gegründet, seine Hände sollen es vollenden.“ (Sach.4,9) „Sehen doch mit Freuden auf das Senkblei in Serubabels Hand jene sieben, die Augen des Herrn, welche die ganze Erde durchstreifen.“ (Sach. 4,10) Darauf beziehen sich aber die Worte: „Höre doch, Josua, du Hoherpriester, du und deine Amtsgenossen, die vor dir sitzen, sie sind Vorbilder! Denn siehe, ich lasse meinen Seite 104 Knecht Zemach (Sproß) kommen. Denn siehe, auf den Stein, welchen ich vor Josua gelegt habe, auf den einen Stein sind sieben Augen gerichtet; siehe, ich grabe seine Inschrift ein, spricht Jehova Zebaoth, und will die Verschuldung dieses Landes an einem einzigen Tage entfernen!“ (Sach.3,8-9) Diese Zeugnisse des Propheten Sacharja werden durch die folgenden Worte aus der Offenbarung erklärt: „Sieben Feuerfackeln brennen vor dem Throne, welches sind die sieben Geister Gottes.“ „Das (Lamm) hatte sieben Hörner und sieben Augen, welche sind die sieben Geister Gottes, ausgesandt über die ganze Erde.“ (Offb.5,6) Wenn sich die Worte erfüllen: „Wer überwindet und meine Werke bis ans Ende bewahrt, dem will ich Macht geben über die Heiden. Und er wird sie mit eisernem Stabe weiden, wie Tongeschirr sie zerschlagen; wie auch ich von meinem Vater empfangen habe. Und ich will ihm geben den Morgenstern“ (Offb.2,26-28), und von der Stellung des Engels der Gemeinde zu Philadelphia bezeugt ist: „Du hast mein Wort bewahrt und meinen Namen nicht verleugnet. … Ich komme bald; halte, was du hast, auf daß niemand dein Krone nehme!“ (Offb.3,8.11), wenn sich schließlich die Worte erfüllen: „Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich zu meinem Vater gesetzt habe auf seinen Thron“ (Offb.3,21), dann ist das der Stein, ein Engel von den sieben Engeln der sieben Gemeinden, auf den die sieben Augen des Herrn gerichtet sind, weil in ihm der Schlußstein unter dem Zuruf der Menge: Gnade, Gnade mit ihm! hervorgebracht wird. Wir dürfen darum annehmen, obwohl es uns wörtlich nicht bezeugt ist, daß Serubabel nach den neunundvierzig Jahren als Vorbild eines späteren Fürsten gesalbt wurde. Dieser spätere Fürst ist Jesus, von dem der Prophet Jesajas weissagt: Das Reich Gottes - 95 - „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben; und die Herrschaft kommt auf seine Schulter, und man nennt ihn: Wunderbarer Rat, starker Gott, Ewigvater, Friedensfürst. Der Mehrung der Herrschaft und des Friedens wird kein Ende sein auf dem Throne Davids und in seinem Königreich, daß er es gründe und befestige mit Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Der Eifer des Herrn der Heerscharen wird solches tun!“ (Jes.9,5-6) Dazu müssen wir beachten, daß diese Weissagung nicht allein auf die Geburt Jesu, sondern nach Joh.16,19-22 und Kol.1,18 hauptsächlich auf die Auferweckung Jesu Christi von den Toten angewendet werden muß (vgl.Apg.2,30-36; 4,10-12; Eph.1,20-22; Phil.2,911). Seite 105 Das Zeugnis des Engels Gabriel an Maria lautet: „Siehe, du wirst empfangen und einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus heißen. Derselbe wird groß sein und des Höchsten Sohn genannt werden, und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben; und er wird regieren über das Haus Jakobs in Ewigkeit, und seines Reiches wird kein Ende sein.“ (Luk.1,31-33) Auch bei der Geburt Jesu verkündigt ein Engel: „Euch ist heute ein Retter geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ (Luk.2,11) Das zeigt uns, daß wir in Serubabel, dem ersten Statthalter von den aus der babylonischen Gefangenschaft zurückgekehrten Juden, den für Jesus vorbildlich gesalbten Fürsten sehen müssen. In Verbindung damit muß beachtet werden, daß neunundvierzig Jahre ein von Gott festgesetzter Zeitabschnitt sind, nachdem sich der göttliche Heilsplan mit seinem Volk erfüllt, und zwar nach der folgenden Ordnung: „Du sollst dir sieben solche Sabbatjahre zählen, daß sieben Jahre siebenmal gezählt werden, und die Zeit der sieben Sabbatjahre neunundvierzig Jahre mache. Da sollst du den Schall der Posaune ergehen lassen am zehnten Tage des siebenten Monats; am Tage der Versöhnung sollt ihr den Schall durch euer ganzes Land ergehen lassen. Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und sollt Freilassung ausrufen im Lande allen, die darin wohnen. Ein Jubeljahr sei es euch! Da soll ein jeder bei euch wieder zu seiner Habe und zu seinem Geschlecht kommen. Denn das fünfzigste Jahr ist das Jubeljahr. Ihr sollt nicht säen, auch nicht ernten, was von sich selber wächst, auch den unbeschnittenen Weinstock nicht ablesen. Denn das Jubeljahr soll unter euch heilig sein; vom Feld weg dürft ihr essen, was es trägt. In diesem Jubeljahr soll jedermann wieder zu seinem Besitztum kommen. Wenn du nun deinem Nächsten etwas verkaufst oder demselben etwas abkaufst, so soll keiner seinen Bruder übervorteilen; sondern nach der Zahl der Jahre seit dem (letzten) Jubeljahr sollst du es von ihm kaufen; und nach der Zahl der Erntejahre soll er es dir verkaufen. Nach der Menge der Jahre sollst du den Kaufpreis steigern, und nach der geringern Anzahl der Jahre sollst du den Kaufpreis verringern; denn eine bestimmte Anzahl von Ernten verkauft er dir.“ (3.Mos.25,8-16) Das ist die Halljahrodrnung des Alten Testaments, die für die Zeit des Neuen Bundes einen vorbildlichen Charakter hat. Fünfzig Jahre lagen Jerusalem und der Tempel wüst; nach diesen Jahren erfolgte der Befehl zum Wiederaufbau des Hauses und der Stadt Gottes und die Freilassung der Gefangenen. - 96 - Das Reich Gottes Es ist nun nicht so, daß die Zerstörung, ferner der Wiederaufbaubefehl und schließlich die Wiederherstellung Jerusalems genau auf die alttestamentlichen Jubeljahre fallen, ja, nicht einmal auf Sabbatjahre. Dennoch Seite 106 ist der Befehl zum Tempelwiederaufbau und die Freilassung der Gefangenen nach fünfzigjähriger Verwüstungs- und Verbannungszeit, und sieben (Jahr-) Wochen später die Vollendung der Wiedererrichtung von Tempel und Stadt Gottes, ein Vorbild für eine künftige Freilassung mit ungleich größerer Bedeutung. Gleicherweise ist die „Salbung eines Fürsten“ ein Vorbild der Salbung des wahren Fürsten am Volke Gottes, Jesus Christus, zur Zeit seiner Auferweckung aus den Toten, und ein Vorbild für die Salbung jenes „Gesalbten“, der mit dem Herrn die Herrschaft erlangt, wenn in göttlicher Vollkommenheit neunundvierzig mal zehn, das sind vierhundertneunzig Jahre, erfüllt sind. d) Die Zeit bis zur Ausrottung des Gesalbten Im Blick auf die Erfüllung von Gottes Heilsplan mit seinem Volke lautet die göttliche Offenbarung des Engels Gabriel an den Propheten Daniel über die zweiundsechzig Jahrwochen: „So wisse und verstehe: Vom Erlaß des Befehls zum Wiederaufbau Jerusalems bis zur Salbung eines Fürsten vergehen sieben Wochen; und binnen zweiundsechzig Wochen werden die Straßen und Gräben wieder gebaut, und zwar in bedrängter Zeit. Und nach den zweiundsechzig Wochen wird der Gesalbte ausgerottet werden, so daß keiner mehr sein wird.“ (Dan.9,25-26) Zweiundsechzig Jahrwochen ergeben vierhundertvierunddreißig Jahre, die den sieben Jahrwochen, also neunundvierzig Jahren hinzuzuzählen sind, welche mit dem Befehl des Kores zum Wiederaufbau des Tempels beginnen. Die zweiundsechzig (Jahr-) Wochen folgen den sieben (Jahr-) Wochen ganz unmittelbar, also ohne eine Zwischenzeit, wie es die bis heute erfüllte Weissagung bestätigt. Die zweiundsechzig (Jahr-) Wochen reichen deshalb bis zur „Ausrottung“ des „Gesalbten“. Wenn gesagt ist, daß Jerusalem während einer Bedrängniszeit von vierhundertvier und dreißig Jahren gebaut wurde, was den damaligen Tatsachen nicht gut entspricht, so muß auch das als eine vorbildliche Bedrängniszeit aufgefaßt werden, als Hinweis auf die Nöte des Volkes Gottes seit der Reformation, bis die geistige Stadt Jerusalem als das Allerheiligste vollendet ist. Zuletzt wird diese „heilige“ Stadt noch zweiundvierzig Monate von dem Vorhof und den Heiden zertreten, ehe sie die gottgewollte Vollkommenheit erlangt hat (Offb.11,1-2). Doch auch über diese Punkte weichen die verschiedenen Übersetzungen etwas von einander ab, wie wir das später noch zeigen werden. e) Der Zeitabschnitt zwischen der 69. und 70. (Jahr-) Woche – die Zeit der Gemeindeentwicklung Mit dem Abschluß der neunundsechzig (Jahr-) Wochen, als das Volk Gottes seinen von Gott gesandten Messias und König getötet hatte, war die Zeit aber noch nicht gekommen, daß der göttliche Wille und Ratschluß an seinem Volk und der heiligen Stadt erfüllt war. Noch war zu der Zeit vom Volke Gottes Das Reich Gottes - 97 Seite 107 der Frevel nicht vollendet, das Sündenmaß nicht erfüllt, die Missetat nicht gesühnt, die ewige Gerechtigkeit nicht herbeigeführt, Gesicht und Prophezeiung nicht versiegelt und das (oder der) Allerheiligste nicht gesalbt (Dan.9,24). Um dies alles zu erfüllen, muß zuerst die Gemeinde Gottes vom Anfang ihrer Entwicklung bis zu ihrem Ende in der Darstellung der sieben Gemeinden alles, was zur Erreichung des göttlichen Zieles nötig ist, in der Überwinderstellung ihrer treuen Glieder darstellen. Wir können in dieser dem Daniel gegebenen Weissagung das geheimnisvolle göttliche Walten in herrlicher Weise studieren. Gott offenbart nicht nur den Zeitabschnitt vom Wiederaufbau Jerusalems und des Tempels durch die Statthalter Serubabel und Nehemja und der darauf folgenden Zeit bis zum Tode Jesu als den neunundsechzig (Jahr-) Wochen, sondern er läßt uns auch Licht über den Zeitabschnitt werden, der von der Ausrottung Jesu an, als des Gesalbten, bis zum Beginn der letzten (Jahr-) Woche in der Endzeit reicht. Auf diesen Zeitabschnitt weist Daniel in seiner Weissagung mit den Worten hin: „ ... so daß keiner mehr sein wird.“ (Dan.9,26) Mit diesem Zeugnis ist gezeigt, daß von der Kreuzigung Jesu an kein Gesalbter des Herrn im Volke Gottes mehr vorhanden ist. Das sind die vielen Tage, in denen die Kinder Israels ohne König blieben und ohne Fürsten, auch ohne Opfer, ohne Bildsäule, ohne Ephod und ohne Teraphim (Hos.3,4). Erst in Verbindung mit den Schriftzeugnissen, die auf die Zeit des Endes hinweisen, reden dann die Propheten wieder von einem Gesalbten des Herrn. Jesaja nennt diesen Gesalbten „Kores“ und sagt von ihm, daß er von Gott dazu erwählt und berufen ist, die Stadt des Herrn und den Tempel zu bauen und seine Gefangenen loszulassen (Jes.44,26; 45,1-17). Dieses Werk richtet der Gesalbte als der Bundesmittler dadurch aus, daß er das wahre Evangelium dem Volke Gottes verkündigt und das Gnadenjahr, d.i. das Jubeljahr oder Jahr der Freilassung, des Herrn predigt, aber auch einen Tag der Rache unseres Gottes (Jes.61,1-11). Der Herr selbst zieht in der Zeit des Gerichtes, in der Endzeit, aus zum Heil seines Volkes und zur Hilfe seines Gesalbten (Hab.3). Nach dem Zeugnis in Offb.11,15 wird zur Zeit, wenn der siebente Engel posaunt, also am Ende der Gerichtszeit, die Königsherrschaft über die Welt dem Herrn und seinem Gesalbten zuteil, und er wird dann von der Zeit an herrschen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Das ist auch die Zeit, wenn Satan, der Drache, aus dem Himmel ausgeworfen ist und dann das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes und die Macht seines Gesalbten gekommen sind, weil der Verkläger der Brüder gestürzt ist (Offb.12,5-12). Seite 108 Diese Stellen, die von dem Gesalbten reden, bilden das klarste Zeugnis von der Tatsache, daß die letzte Jahrwoche sich nicht direkt an die neunundsechzigste Das Reich Gottes - 98 - anschließt, sondern von der Ausrottung Jesu an bis zur Zeit des Endes ein großer Zwischenraum ist. Diese Zwischenzeit ist ausgefüllt durch die Gemeindeentwicklung, wie darüber in den sieben Sendschreiben der Offenbarung Johannes berichtet ist, die bis zum Anfang der letzten Jahrwoche dauert und auch der Zeit entspricht, auf die der Herr selbst in den sieben Gleichnissen hinweist, die in Matthäus Kapitel 13 geschildert sind, wo er den siebenfachen Gemeindezustand als jeweiligen Himmelreichszustand in dieser Zeit zeigt. Auch in einer Unterredung, die Jesus mit den Jüngern hatte, als sie ihn fragten, ob er in dieser Zeit Israel die Königsherrschaft wiedergebe, und er darauf antwortete, daß es nicht ihre Sache sei, Zeiten oder Stunden zu wissen, welche der Vater in seiner eigenen Macht festgesetzt hat; sondern sie werden Kraft empfangen, wenn der heilige Geist auf sie kommt und werden dem Herrn Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde (Apg.1,1-8). Damit hat Jesus auf diesen Zwischenraum der Gemeindeentwicklung auch hingewiesen. Auf diese Zwischenzeit und den darauffolgenden letzten Zeitabschnitt der letzten (Jahr-) Woche hat Jesus außerdem noch durch die folgenden Gleichnisse aufmerksam gemacht: „Es war ein Hausherr, der pflanzte einen Weinberg, zog einen Zaun darum, grub eine Kelter darin, baute einen Wachtturm, verlieh ihn an Weingärtner und reiste ab. Als nun die Zeit der Früchte nahte, sandte er seine Knechte zu den Weingärtnern, um seine Früchte in Empfang zu nehmen. Aber die Weingärtner griffen seine Knechte und schlugen den einen, den andern töteten sie, den dritten steinigten sie. Da sandte er wieder andere Knechte, mehr denn zuvor; und sie taten ihnen ebenso. Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen und sprach: Sie werden sich vor meinem Sohne scheuen. Die Weingärtner aber, als sie den Sohn sahen, sprachen sie unter einander: das ist der Erbe; kommt, laßt uns ihn töten und sein Erbgut behalten! Und sie nahmen ihn, stießen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn. Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt, was wird er diesen Weingärtnern tun? Sie sprachen zu ihm: Er wird die Übeltäter übel umbringen und den Weinberg andern Weingärtnern verleihen, welche ihm die Früchte abliefern werden zu ihrer Zeit. Jesus spricht zu ihnen: Habt ihr noch nie gelesen in der Schrift: 'Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Das ist vom Herrn geschehen, und es ist wunderbar in unsern Augen?' Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volke gegeben werden, das dessen Früchte bringt.“ (Matth.21,33-43) „Ein Edelmann zog in ein fernes Land, um sich die Königswürde zu holen und alsdann wiederzukommen. Seite 109 Da rief er seine zehn Knechte und gab ihnen zehn Pfund und sprach zu ihnen: Handelt, bis daß ich wiederkomme! Seine Bürger aber haßten ihn und schickten ihm eine Gesandtschaft nach und ließen sagen: Wir wollen nicht, daß dieser über uns König werde! Und es begab sich, als er wiederkam, nachdem er die Königswürde empfangen, da ließ er die Knechte, denen er das Geld gegeben hatte, vor sich rufen, damit er erführe, was ein jeder erhandelt hätte. Da kam der erste und sprach: Herr, dein Pfund hat zehn Pfund gewonnen! Und er sprach zu ihm: Recht so, du braver Knecht! Weil du im Geringsten treu gewesen bist, sollst du regieren über zehn Städte! Und der zweite kam und sprach: Herr, dein Pfund hat fünf Pfund erworben! Er sprach auch zu diesem: Und du sei über fünf Städte! Und ein anderer kam und sprach: Herr, siehe, hier ist dein Pfund, welches ich im Schweißtuch aufbewahrt habe! Denn ich fürchtete dich, weil du ein strenger Mann bist; du nimmst, was du nicht gesetzt, und erntest, was du nicht gesät hast. Da Das Reich Gottes - 99 - sprach er zu ihm: Aus deinem Munde will ich dich richten, du böser Knecht! Wußtest du, daß ich ein strenger Mann bin, daß ich nehme, was ich nicht gesetzt, und ernte, was ich nicht gesät habe; warum hast du denn nicht mein Geld auf der Bank angelegt, so hätte ich es bei meiner Ankunft mit Zinsen eingezogen? Und zu den Umstehenden sprach er: Nehmet von ihm das Pfund und gebet es dem, der die zehn Pfunde hat! Obschon sie zu ihm sagten: Herr, er hat schon zehn Pfund! Denn ich sage euch: Wer da hat, dem wird gegeben werden; von dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen werden, was er hat. Doch jene meine Feinde, die nicht wollten, daß ich König über sie werde, bringet her und erwürget sie vor mir! Und nachdem er das gesagt, zog er vorwärts und reiste hinauf nach Jerusalem.“ (Luk.19,12-28) f) Die letzte Jahrwoche, das Ende der siebenzig (Jahr-) Wochen und das Ende des Verwüsters Die Weissagung des Propheten Daniel für diesen dritten Zeitabschnitt lautet: „Die Stadt aber und das Heiligtum wird das Volk eines Fürsten verderben, der kommt; sein Ende aber wird plötzlich sein. Und bis ans Ende wird dauern der Krieg, der zur Verwüstung verhängt ist. Und man wird den Bund vielen schwer machen eine Woche lang und mitten in der Woche Schlacht- und Speisopfer aufhören lassen, und auf der Zinne werden Greuel (Götzen) des Verwüsters aufgestellt, bis daß sich die beschlossene Vertilgung über den Verwüster ergießen wird.“ (Dan.9,26-27) Es ist für die Gemeinde und das Volk Gottes in der heutigen Zeit von ganz besonderer Bedeutung, recht zu erkennen, für welche Zeit die Weissagung Daniels über die letzte Jahrwoche gilt. Daß sich dieser Seite 110 dritte und letzte Zeitabschnitt von einer Woche als sieben Tagen oder Jahren nicht an die neunundsechzig Wochen ohne Unterbrechung, wie das bei den ersten sieben und zweiundsechzig Wochen der Fall ist, in der Zeitfolge anschließt, zeigt die folgende Tatsache: 1. Die Weissagungen der Propheten zeigen, daß der vollendete Frevel und das erfüllte Sündenmaß erst am Ende des vierten Weltreiches von Gott gerichtet werden (Jes.1,2431; 2,6-21; 3,1-26; 10,12-34; 24,1-23; 26,7-11.16-21; 27,6-13; 28,1-22; 29,1-24; 30,1-5.8-12.27-33; 31,1-9; 32,10-19; 33,1.7-14; 34,1-15; 42,13-15.22-25; 47,11.14-15; 51,12-15.17-23; 63,3-6; 66,15-18; Hes.38 - 39; Dan.7,24-26; 8,9-14.24-25; 9,26-27; 11,40-45; 12,5-7; Joel 4,1-17; Ob.15-21; Nah.1,1-14; Hab.1,5-16; 2,13; 3,2-15; Zeph.1,2-18; 3,8-20; Hgg.2,6-7.21-22; Sach.2,1-4; 9,13-16; 12,1-9; 13,7-9; 14,1-7.12-15). Jesus ist aber als der König seines Volkes am Anfang dieses letzten Weltreiches getötet worden, und erst im Laufe dieses vierten Weltreiches hat sich die Gemeinde Gottes entwickelt. 2. Jesus hat wohl durch sein Opfer am Kreuz die Missetat des Volkes Gottes und der ganzen Welt gesühnt, aber selbst die gläubige Gemeinde Gottes hat diese göttliche Gerechtigkeit nicht so gesucht, daß dieselbe bis heute schon in der Leibesverwandlung, dem Sieg des Lebens über den Tod offenbar geworden wäre. 3. Gesicht und Prophezeiung konnten sich deshalb auch an den Gläubigen bisher noch nicht in der vollen Bedeutung des offenbarten göttlichen Willens erfüllen, und die Versiegelung von 144000 Knechten Gottes mit dem Siegel des lebendigen Gottes mußte bis am Ende der Gemeindezeit unerfüllt bleiben (Offb.7,2-8). Das Reich Gottes - 100 - 4. Weil das Allerheiligste, an dem sich die Herrlichkeit Gottes, die Leibesverwandlung, erfüllt, die 144000 an ihren Stirnen versiegelten Knechte Gottes sind, die Überwinder der Gemeinde zu Philadelphia (Offb.3,7-13), die Jungfrauen, die dem Lamme nachfolgen, wohin es geht (Offb.14,4), das Weib, mit der Gerechtigkeit der Heiligen für die Hochzeit des Lammes bekleidet (Offb.19,8), die heilige Stadt, das neue Jerusalem, die Hütte Gottes, das Weib, die Braut des Lammes, das heilige Jerusalem, (Offb.21,1-3.9-10) und diese Überwinder erst am Ende der Gemeindezeit ihre Vollendung erlangt haben, so ist damit bewiesen, daß die letzte Woche, in der diese Überwinder ihre volle Entwicklung erlangen, als die letzten sieben Jahre sich erst am Ende der Gemeindezeit anschließt. - Müßte das Wort ‘zur Salbung des Allerheiligsten’ auf eine einzelne Persönlichkeit bezogen werden, dann wäre das immerhin wieder eine Einleitung und Vorbedingung Seite 111 zur Ausgestaltung des Allerheiligsten als des Tempels Gottes, der aus 144000 lebendigen Bausteinen besteht (vgl.Eph.2,19-22; 1.Petr.2,4-7; Offb.11,15; 12,10). 5. Wenn die Stadt und das Heiligtum von dem Volk eines Fürsten verdorben werden, der kommt, sein Ende aber plötzlich sein wird, so ist auch dieses Zeitereignis von den Propheten als das Ende des vierten Weltreiches dargestellt. Das alles sind klare Beweise dafür, daß die letzte (Jahr-) Woche der Drangsal für die Gemeinde und das Volk Gottes ungeteilt, ohne Unterbrechung, als eine Zeit von sieben Jahren dem Ende angehört. Man teilt nämlich diese (Jahr-) Woche manchmal und läßt die erste Hälfte von Jesu Taufe bis zu Jesu Kreuzigung gelten, jedoch zu Unrecht. Das Aufhören des Schlacht- und Speisopfers inmitten der (Drangsals-) Woche kann nicht als die Kreuzigung Jesu verstanden werden; denn durch Jesu Aufopferung und Auferweckung kam das wahre Schlacht- und Speisopfer erst zustande, das aber als der Besitz der ewigen Gerechtigkeit in der Stellung des Allerheiligsten erst am Ende der Gemeinde Gottes ganz offenbar wird. Das bestätigt uns auch die Offenbarung des Johannes, indem die heilige Stadt zweiundvierzig Monate zertreten wird (Offb.11,1-2). Das sind auch eintausend zweihundert und sechzig Tage, die als Zeugenzeit den zwei Zeugen dienen (Offb.11,3), und an diese Zeit anschließend wird das Weib, das den Knaben geboren hat und in die Wüste an einen von Gott bereiteten Ort geflohen ist, dort eintausend zweihundert und sechzig Tage ernährt (Offb.12,1-6). Das ist auch eine Zeit, zwei Zeiten und eine halbe Zeit (Offb.12,13-14), es ist die Zeit, in der das Tier, das mit sieben Häuptern und zehn Hörnern aus dem Meer aufgestiegen ist, zweiundvierzig Monate lang Macht hat (Offb.13,1-10), während welcher Zeit großer Drangsal die zwei Zeugen im Anschluß an die Zeit ihres Zeugnisses tot liegen, nämlich weitere drei und - 101 - Das Reich Gottes einhalb prophetische Tage oder drei und einhalb Jahre (Offb.11,7-11). Aus dem Irrtum, daß man dem klaren Schriftzeugnis entgegen geneigt ist, die letzte (Jahr-) Woche zu teilen, und deren erste Hälfte vor Jesu Kreuzigung setzt und nur die letzte Hälfte dem Ende angehören läßt, erklärt sich das Streben, die vierhundertdreiundachtzig Jahre mit Jesu Taufe enden zu lassen. Das prophetische Zeugnis über die Ereignisse, die diese Woche von sieben Jahren ausfüllen, ist sehr reichhaltig und muß in der späteren Darstellung dieses Zeitabschnittes der Geschichte des vierten Weltreiches ausführlich behandelt werden. Hier handelt es sich nur darum, die Zeiteinteilung der siebenzig Jahrwochen zu zeigen. Wenn in diesem Zusammenhang dem Daniel gesagt wurde: „Nun will ich dir die Wahrheit verkündigen: ‘Siehe, es werden den Persern noch drei Könige vorstehen ...“ (Dan.11,2), und vorher: „Doch will ich dir kundtun, was im Buche der Wahrheit aufgezeichnet ist“, (Dan.10,21) Seite 112 und der Bote, der zu Daniel kam, der einem Vergleich mit Offb.1,13-16 und Apg.9,3-7 nach nur der Herr selbst gewesen sein kann, um dieser Botschaft willen zu ihm kam, die er ihm von den Vorgängen im zweiten, dritten und vierten Weltreich bis zum Ende brachte (Dan.10,14.20), - so wollen wir dieses prophetische Zeugnis gründlich beachten und dem treuen Gott dafür danken und anerkennen, daß er ein Gott im Himmel ist, der Geheimnisse offenbart (Dan.2,28). _______________ Die dritte Weltreichsherrschaft 1. Das einheitliche Weltreich Griechenland-Mazedonien a) Die Aufrichtung des dritten Weltreichs Nebst der „Urgeschichte der Völker“ und der Geschichte des Volkes Israel bis zu seiner Verbannung haben wir bis jetzt auch das Schicksal dieses Volkes in seinem Lauf durch das erste und zweite Weltreich betrachtet und die Ursache dieses Schicksals zu verstehen gesucht. Sein Schicksal ist jederzeit innig verflochten mit dem Entstehen und Vergehen der in der Heiligen Schrift angezeigten, voraus geweissagten Weltreiche, - ja, deren Entwicklung, deren Entstehen und Vergehen wird genau bestimmt davon, wie der treue Gott mit seinem widerspenstigen Volk umgehen will und wie er es aus den Forderungen des Gesetzes, welche Zorn wirken, zur Erkenntnis der Gnadenrechtfertigung und seiner ewigen Errettung in und durch Christus leiten will. Mit dem Aufhören des zweiten Weltreichs Medo-Persien ist für das Volk Gottes wieder eine Gnadenfrist abgelaufen; der treue Gott hätte sie sicher noch sehr verlängert, wenn das Volk Gottes verständiger und in der Erkenntnis des Gnadenwaltens Gottes beharrlicher gewesen wäre. Aber der allwissende Gott sah den Ungehorsam seines Volkes voraus und konnte darum das Entstehen und Vergehen aller Weltreiche von vornherein auf Jahr und Tag festlegen. Schließlich war ja die Begnadigung des Volkes Gottes durch die Zurückführung der Juden nach Palästina auch wiederum nur vorbildlich Das Reich Gottes - 102 - für ein größeres Ereignis am Ende des vierten Weltreichs. Am Ende kommt der treue Gott mit seinem Volke doch zurecht, denn dann offenbart er die Gnade überfließend und dämpft der Widersacher Ungehorsam so, daß er wirklich mit seinem Volk zum Ziel kommt und die Weltherrschaft den Weltreichen abnimmt und seinem Volk übergibt. Wir betrachten im weiteren die Geschichte des Volkes Gottes im „dritten Weltreich“ bis zur Geburt Jesu Christi im Anfang des vierten Weltreichs und beginnen unsere Betrachtung mit dem Endgeschick des letzten Perserkönigs. Seite 113 Dieser letzte Perserkönig, ein Darius (vgl.1.Makk.1,1), verließ sich nicht mehr auf den lebendigen Gott, für den seine Vorväter den Tempel in Jerusalem als Anbetungsstätte und zur Stätte der Fürbitte für das Königshaus hatten errichten lassen, sondern auf seinen großen Reichtum und seine Macht (Dan.11,2). Das wurde ihm zum Verhängnis. Sind schon seine Vorgänger gegen Griechenland wenig siegreich gewesen - nur ihrer Übermacht hatten sie manchen Sieg zu verdanken, - so sollte dieser letzte Perserkönig dem Mazedonier Alexander dem Großen ganz erliegen. Ein geflüchteter griechischer Feldherr hatte dem Darius geraten, jeden Kampf zu vermeiden. Darius traute aber seiner Macht mehr zu, griff den heranziehenden Alexander an und bot alles gegen das griechische Reich auf, - erlag aber nach einigen Schlachten. Auf der Flucht vor Alexander ermordete ihn einer seiner eigenen Leute. Alexander regierte von 336-323 n.chr. Nahm er auch vom ganzen Perserreich erst 331 n.chr. völlig Besitz, so können wir doch die Weltherrschaft des dritten Weltreichs Griechenland-Mazedonien von 336 n.chr. an gelten lassen. Doch sollte das Reich dieses gewaltigen Königs, der sich so hohe Ziele gesetzt hatte, nicht lange bestehen: bereits nach erst zwölfjähriger Herrschaft starb Alexander d. Gr. auf der Höhe seines Ruhmes (1.Makk.1,8), und sein Reich sollte seiner Bestimmung nach „dem Würdigsten“ zufallen; aber Gott hatte es anders bestimmt. b) Daniels Weissagungen vom dritten Weltreich Nach dem Gesicht des Babelkönigs Nebukadnezar ist das Abbild dieses dritten Weltreichs der Bauch des Standbildes und seine Lenden von Erz (Dan.2,32). Dieses Reich sollte über die ganze Erde herrschen (Dan.2,39). Wie es ein Feind des Perserreiches ist, so ist es auch dem Volke Gottes wieder feindlich gesinnt. Diese Feindschaft offenbart sich aber noch nicht in Alexander d. Gr., der nach dem Bericht des jüdischen Geschichtsschreibers Josephus dem Volke Gottes noch nicht feindlich gesinnt war, dafür aber desto mehr in dem griechischen Königsgeschlecht der Seleuciden, den Beherrschern des großen syrischen Reichs, dem mächtigsten Reich der Diadochen, den Nachfolgern Alexanders d. Gr. Daniel schreibt von diesem dritten Weltreich, wie es über das zweite Weltreich Medopersien den Sieg erlangt, schließlich aber in vier Reiche zerfällt, mit folgenden Worten: „Während ich nun acht gab, siehe da kam ein Ziegenbock von Abend her über die ganze Erde, ohne den Erdboden zu berühren; der Bock aber hatte ein ansehnliches Horn zwischen seinen Augen. Und er kam auf den Widder los, den ich vor dem Flusse stehen sah, und lief mit seiner ganzen Kraft wütend gegen ihn an. Und ich sah, wie hart er neben den Widder kam und sich erbittert auf ihn warf und Das Reich Gottes - 103 - den Widder schlug und ihm seine beiden Hörner zerbrach; und da der Widder nicht stark genug war, um vor ihm zu bestehen, warf er ihn zu Boden und zertrat ihn, und niemand rettete den Widder aus seiner Gewalt. Der Ziegenbock aber ward sehr groß; Seite 114 als er aber am stärksten war, zerbrach sein großes Horn, und es wuchsen an dessen Statt vier ansehnliche Hörner auf, nach den vier Himmelsgegenden.“ (Dan.8,5-8) „Der zottige Ziegenbock aber ist der König von Griechenland, und das große Horn zwischen seinen beiden Augen ist der erste König. Daß er aber zerbrach und an seiner Stadt vier gekommen sind, bedeutet, daß aus dem Volk vier Königreiche entstehen werden, jedoch nicht von seiner Stärke.“ (Dan.8,21-22) „Es wird aber ein tapferer König auftreten und eine große Herrschaft gründen und tun, was ihm gefällt. Aber wie er aufgekommen ist, so wird auch sein Reich in Stücke gehen und nach den vier Himmelsgegenden zerteilt werden, doch nicht unter seine Nachkommen und nicht mit gleicher Macht, wie er sie ausgeübt hat; denn sein Reich wird zersplittert und anderen zuteil, außer jenen.“ (Dan.11,3-4) „Darnach sah ich weiter und siehe, ein anderes wie ein Panther, das hatte vier Flügel wie ein Vogel auf seinem Rücken; auch vier Köpfe hatte dieses Tier, und ihm ward Macht verliehen.“ (Dan.7,6) Das als Reichsbild gebrauchte Tier, der Panther, ist ein katzenartiges, reißendes und schnelles Raubtier; seine Art und seine vier Flügel (vier Heerführer?) deuten auf die beispiellos schnellen Eroberungen Alexanders des Großen; darauf weist auch der Umstand hin, daß der von Westen kommende Ziegenbock (Einhorn) die Erde in seinem schnellen Lauf gar nicht berührt, also gleichsam fliegt. Die vier Köpfe deuten auf den Zerfall des dritten Weltreiches in vier Reiche, die eine Fortsetzung dieses dritten Weltreichs bilden. Wäre das dritte Weltreich eine Einheit geblieben, so hätte das zweifellos viel früher und gründlicher zur Vernichtung des Tempels und des Volkes Gottes geführt, eine Arbeit, die nachher das einheitliche römische Reich zu der von Gott bestimmten Zeit und Stunde in den Jahren 70/71 n.chr. gründlich besorgte. Wir müssen darum im Zerfall des dritten Weltreichs, in den immer wieder stattfindenden Kriegen der Nachfolgereiche untereinander und in der dabei doch noch mitlaufenden, wenn auch maßvollen Züchtigung seines Volkes, den ganz bestimmten Willen Gottes sehen. c) Die Übergangszeit zu anderen Reichsformen König Alexander d.Gr. hinterließ bei seinem frühen Tode - erst dreiunddreißig Jahre alt - keinen thronfähigen Nachfolger (Dan.11,4). Sein erstgeborener Sohn war noch minderjährig, und ein anderer wurde erst nach seinem Tode geboren. Beide wurden in der Zeit der Diadochenkämpfe (Vernichtungskämpfe unter den Statthaltern) ermordet. Alexander d.Gr. soll nach der geschichtlichen Überlieferung seinen Siegelring seinem Feldherrn Perdikkas zum Zeichen des Reichsverweseramtes übertragen haben, und das Reich kommt von da an unter die Statthalterschaft von Seite 115 zehn Feldherren. Dem Perdikkas folgte Antipater als Reichsverweser, als Perdikkas im Kampfe gegen die beiden Statthalter Ptolemäus und Antigonus sein Leben verlor. Doch erstarkten gegen Antipater auch noch andere Statthalter und machten sich zu Königen. Das Reich Gottes - 104 - Mit Antipaters Tode hörte darum die Reichsverweserschaft über das große Reich ganz auf. 2. Die vier Nachfolgereiche der griechisch-mazedonischen Weltherrschaft a) Die Reichsbildung Aus den jahrelangen, schrecklichen Kämpfen der Diadochen, unter denen Griechenland (Hellas) am meisten zu leiden hatte, gingen schließlich nach der klärenden Schlacht bei Ipsus in Phrygien 301 v.Chr. vier Königreiche hervor, genau so, wie dem Daniel die Weissagung gegeben worden war. 1. Ägypten als „Südreich“ mit Palästina und Arabia Peträa unter Ptolemäus I. Soter (=Retter) (323-284 v.Chr.), der in einem für ihn günstigen Krieg gegen den Reichsverweser Perdikkas 321 v.Chr. zum König von Ägypten erstarkt (Dan.11,5). 2. Syrien, in der Schrift als „Nordreich“ bezeichnet, wird anfangs von Laomedon und später von Antigonus verwaltet, bis es Seleucus I. Nikator (= Siegherrscher) (321-281 v.Chr.), ein Unterfeldherr Alexanders d.Gr. im siegreichen Krieg gegen Antigonus und dessen Sohn, die ihn vorher von seiner Statthalterschaft in Babylonien vertrieben haben, an sich reißt, unterstützt von dem schon sehr erstarkten Ptolemäus, weshalb er als dessen Fürst bezeichnet werden kann; er gründet ein großes Reich, indem er sich 312 v.Chr. *) *(Weil der Jahresanfang der Zeitrechnung der Seleukiden (nach 1.Makk.1,11 „des griechischen Reichs“) weder auf den 1. Januar (röm. Zeitr.) noch auf den 1. Nisan (April) (jüd. Zeitr.), sondern auf einen Tag im Spätsommer oder Herbst entfällt, darum verschieben sich die Jahresanfänge etwas und darum sind in den verschiedenen Geschichtswerken kleine Abweichungen in den Jahresangaben. Man lese dazu in Dr.Menges Apokryphen die Fußnote von 1.Makk.1,10.) ganz Syrien und Babylonien bis an den Indus unterwirft und, stärker geworden als Ptolemäus, zum gefährlichsten Gegner Ägyptens wird (Dan.11,5). 3. Mazedonien und Griechenland unter Kassander, der nach Antipaters, d.i. seines Vaters Tode die Herrschaft Polysperchon aus den Händen winden muß. Ihm folgt nach wechselvollen Kämpfen ein Enkel des Antigonus, Antigonus Gonatus, dessen Geschlecht sich fortan lange in Mazedonien zu behaupten vermag. Seite 116 4. Thrazien und Bithynien unter Lysimachus, das aber nur kurzen Bestand hat. Im Jahre 281 n.chr. reißt Seleucus I. Nikator, der König von Syrien, auch dieses Reich noch an sich und tötet Lysimachus im Kriege. Es verbleiben also zunächst neben einigen anderen unbedeutenden Königreichen und Republiken drei mächtige Reiche: 1. Ägypten unter dem Geschlecht der Ptolemäer, 2. Syrien als Großmacht unter dem Geschlecht der Seleukiden, 3. Mazedonien unter dem Geschlecht der Antigoniden. Hundert Jahre später steht das schon eine Zeitlang im Kleinen bestehende 4. Römische Reich auf, das in der Folgezeit alle Nachfolgereiche des griechischen Weltreichs verschlingt (vgl. Dan.8,9; 7,19-21). - 105 - Das Reich Gottes Die beiden Reiche Mazedonien-Griechenland und Thrazien-Bithynien sind für das Geschick des Volkes Gottes weniger von Bedeutung, darum übergeht die Heilige Schrift sie mit Stillschweigen, während die Auseinandersetzungen zwischen den Reichen Ägypten und Syrien sehr ausführlich geweissagt sind. Es ist aber gewiß nicht ohne Bedeutung, daß die Heilige Schrift wohl das Reich des Königs des „Südens“ mit Namen (Ägypten) nennt, aber dem Reich des Königs des „Nordens“ (Syrien) keine besondere Bezeichnung gibt (Dan.11,42). b) Ägyptens Vorherrschaft in Palästina Kaum ist Ptolemäus I. (321 v.Chr.) zur Herrschaft über Ägypten gelangt, da zieht er 320 n.chr. schon nach Palästina, erobert das Heilige Land, schleift die Festungsmauern Jerusalems und führt viele Juden in die ägyptische Gefangenschaft, besonders nach Alexandrien, wo er ihr Bleiben begünstigt. Doch im Jahr 315 v.Chr. wird Antigonus Herr von Kleinasien und entreißt Ptolemäus I. Palästina, Syrien und Phönizien. Aber Ptolemäus I. holte sich 312 v.Chr. diese Länder wieder zurück, doch nur, um sie 311 schon wieder an Seleucus I. zu verlieren, der dem Antigonus 312 v.Chr. die Herrschaft über Syrien und Kleinasien entrissen hatte. Aber in der gewaltigen Schlacht bei Ipsus in Phrygien (301 v.Chr.), in welcher der greise Antigonus den Tod findet, und aus der die oben bezeichneten vier Großmächte als selbständige Reiche hervorgehen, gewinnt Ptolemäus I. das Heilige Land wieder zurück, und es bleibt nun etwa hundert Jahre unter der verhältnismäßig milden Herrschaft der Ptolemäer. Im Jahre 252 v.Chr., das ist nach einem halben Jahrhundert nach der Schlacht bei Ipsus, aus der die vier Königreiche hervorgegangen waren, verbündete der König des Südens, d.i. Ägyptens, Ptolemäus II. Philadelphus (= Schwesterliebhaber) er hatte seine Schwester Arsinoe zur Gemahlin) (285-247 v.Chr.) sich mit dem nördlichen König, d.i. Syriens, Antiochus II. Theos (er ließ sich „Gott“ nennen) Seite 117 (261-246 v.Chr.), – und die Tochter Ptolemäus II. kommt daraufhin als Gattin zum Syrerkönig Antiochus II., um ein Bündnis, einen Machtausgleich und einen Ausgleich der Streitigkeiten zu schaffen. Aber dieses Hilfsmittel hatte zum vorgesehenen Zweck keine Kraft, auch die anderen Hilfsmittel bestanden nicht, die zwischen Syrien und Ägypten eine Reichseinheit schaffen sollten. Vielmehr wurde die von Ägypten stammende syrische Königin samt ihrem Vater Ptolemäus II. und ihrem Gemahl Antiochus II., nach mancherlei Wirren dem Tode überliefert (Dan.11,6). Es stand aber ihr Bruder Ptolemäus III. Euergetes (= Wohltäter) (247-222 v.Chr.) auf, um den Tod seiner Angehörigen zu rächen, und er erreichte im Jahr 245 v.Chr. im syrischen Lande einen großen Sieg gegen Seleucus II. Kallinikus („der ruhmvoll Siegende“!) (246-226 v.Chr.) (Dan.11,7-8). Unter Ptolemäus II. wurde auf seinen Befehl, vielleicht um 270 v.Chr., der Pentateuch, das sind die fünf Bücher Mose, und später das ganze Alte Testament zur großen Freude aller in der Diaspora („Zerstreuung“, Gefangenschaft) lebenden, meist griechisch sprechenden Juden aus dem hebräischen Grundtext ins Griechische übertragen. So Das Reich Gottes - 106 - entstand die „Septuaginta“, d.i. das Buch der „Siebzig“; denn siebzig oder zweiundsiebzig schriftkundige Israeliten waren vom ägyptischen König aus Jerusalem angefordert und sind mit dieser Übersetzung gleichzeitig betraut worden. - Durch den Sieg Alexanders d.Gr. war die griechische Sprache die Sprache der Vornehmen aller Länder und schließlich auch Weltsprache geworden -, und in Alexandrien bestand eine sehr ansehnliche jüdische Gemeinde, die größte und wichtigste in der Diaspora. Schon Alexander d.Gr. hatte die Juden durch Vergünstigungen in die von ihm gegründete Stadt gezogen, also von Judäa und Jerusalem hinweg, und sein Nachfolger, König Ptolemäus I., der Vater dessen, der die Übersetzung des Pentateuchs befahl, hatte diese Kolonie sehr erweitert. Nach seinem großen Sieg über den Syrerkönig stand der Sieger Ptolemäus III. jahrelang vom Syrer ab und unterhielt während dieser Zeit, d.i. etwa zwanzig Jahre lang, Besatzungen auf den in Syrien angelegten Festungen. Seleucus II. zieht wohl von Syrien aus nach Ägypten, um Vergeltung zu üben, kehrt aber unverrichteter Sache wieder in sein Land um, weil er sich eine große Niederlage holt (Dan.11,7-9). c) Syrien erobert das Heilige Land Die beiden Söhne von Seleucus II., zuerst Seleucus III. Keraunos (= der Blitz) (226223 v.Chr.) und später der jüngere Antiochus III. der Große (223-187 v.Chr.), begannen den Krieg wieder und brachten sehr große Heere zusammen. Mit dieser Heeresmacht drängte Antiochus III. den Ägypterkönig Ptolemäus IV. Philopator Seite 118 oder Tryphon (Philopator = Sohn eines edlen Vaters, oder der Vaterliebende; Tryphon = Schlemmer, Schwelger) (222-205 v.Chr.) wie durch eine überschwemmende Flut bis an die Festungen zurück, die in den syrischen Ländern angelegt worden waren. Darob erbittert, ermannte sich Ptolemäus IV. und zog 217 v.Chr. gegen Antiochus III., der auch ein großes Heer aufstellte, das jedoch in der Schlacht bei Raphios in des Ägypters Hände fiel und vernichtet wurde (Dan.11,10-11). Wegen dieses Sieges überhob sich Ptolemäus IV. und schlug Zehntausende nieder. Doch blieb er nicht mächtig, denn der Syrerkönig stellte ein noch größeres Heer als das vorige auf. Nach dreizehn Jahren (204 v.Chr.), in welcher Zeit er durch einen Zug gegen Osten seine Macht in Persien befestigt hatte, bis nach Indien vorgedrungen war und reiche Schätze erbeutet hatte, wandte er sich im Bündnis mit dem König Philipp V. von Mazedonien an der Spitze eines großen und wohlgerüsteten Heeres nach Ägypten gegen Ptolemäus V. Epiphanes (= der Erleuchtete oder Erlauchte, Edle, Berühmte) (205-181 v.Chr.), der die Königswürde im Alter von fünf Jahren erlangt hatte. Weil er noch minderjährig war, mußte die Herrschaft über Ägypten durch einen Vormund ausgeübt werden (Dan.11,12-13). Zu jener Zeit erhoben sich viele gegen die ägyptische Vorherrschaft. Die auswärtigen Besitzungen rissen Antiochus III. von Syrien und Philipp V. von Mazedonien an sich. Es standen auch gewalttätige Juden in Palästina dagegen auf, die sich mit dem syrischen König Antiochus III. d.Gr. verbündeten, um die Freiheit zu erlangen und die geweissagte Reichsgottesherrschaft herbeizuführen, wohl vor allem im Blick auf Jesaja Kapitel 19 und Das Reich Gottes - 107 - Hesekiel Kapitel 29. Sie müssen aber gerade durch den verbündeten Syrerkönig fallen; denn Antiochus III. belagert eine Festungsstadt oder einige solcher und wirft einen Wall gegen sie auf. (Schlacht am Berge Panion an den Jordanquellen 198 v.Chr.) Und das ägyptische Heer hält nicht stand, - auch die auserlesenste Mannschaft findet keine Kraft zum Widerstand).* *(In Dan.11,15 ist nicht gesagt, daß der ägyptische König nicht standhalten wird, sondern nur, daß das südliche Heer und auch die beste Mannschaft seines Volkes nicht standhalten wird. So genau sah die Weissagung voraus, daß der König, weil minderjährig, nicht mit im Kampfe steht! Aus dem gleichen Grunde ist in V. 18 nicht vom König, sondern von einem „Feldherrn“ die Rede. Darum tut Antiochus d.Gr., was ihm beliebt, denn es vermag ihm niemand zu widerstehen. Er unterwirft sich 203 v.Chr. die Länder Cölesyrien und Phönizien und nimmt Stellung im herrlichen Land (Palästina), das sich mit ihm gegen die ägyptische Vorherrschaft verbündet hatte, und dort geht Verderben von ihm aus (Dan.11,14-16). d) Rom zerstört die Absicht Antiochus d. Gr. auf Ägypten Antiochus d.Gr. richtete aber sein Augenmerk darauf, in den Besitz des ganzen Königreichs Ägypten zu kommen. Um sich nun den Anschein zu geben, als meine er es aufrichtig, gab er dem minderjährigen Ptolemäus V. seine Tochter Kleopatra zur Gemahlin, Seite 119 aber nur dazu, um durch sie die ägyptischen Pläne zu erfahren. Doch sollten ihm seine Anschläge nicht gelingen. Kleopatra weigerte sich, auf seine Wünsche einzugehen, hielt sich zu ihrem Mann und wurde Ägypterin. Ein ägyptischer Feldherr eroberte 199/198 v.Chr. die verlorenen Länder zurück, und Antiochus III. sah sich genötigt, sie seinerseits wieder zurückzuerobern. Bei der Verfolgung der Ägypter machte der Syrerkönig dann aber an Ägyptens Grenze halt, weil er einen Römerangriff fürchten mußte, denn die mächtig gewordenen Römer hatten die Vormundschaft über Ptolemäus V. übernommen. Obwohl des Syrerkönigs Verbündeter, der König Philipp V. von Mazedonien, von den Römern 197 v.Chr. vernichtend geschlagen worden war, Griechenland freigeben und sich einen gleich niederdrückenden Frieden aufzwingen lassen mußte, wie das zuvor von ihm im Stich gelassene Karthago (201 v.Chr.), so ließ Antiochus III. sich doch nicht zurückhalten, nach seiner Umkehr von Ägypten die von Ägypten abhängigen Küstenstädte und Inselstaaten im Nordwesten Kleinasiens und die Küstenstädte in Karien und Cilicien zu erobern und sich in Thracien festzusetzen. Über die dabei gemachten Einwendungen Roms höhnte er nur, ja, er wagte, die Römer 192 v.Chr. sogar anzugreifen. Aber mächtig und kühn geworden durch die Bezwingung Karthagos (Hannibals) und Philipps V. von Mazedonien, machten die Römer unter ihrem berühmten Feldherrn Scipio dem Schmähen des Königs Antiochus III. der Großen im Jahre 190 v.Chr. in der Schlacht von Magnesia gründlich ein Ende; Scipio gab ihm genug, so daß ihm das Höhnen verging. Rom legte dem besiegten Syrerkönig einen „Karthago“-Frieden auf mit einem langjährigen, sehr schweren Tribut, beraubte ihn vieler Länder, nahm ihm die Flotte ab, verbot ihm die Führung einer Kriegsflotte und die Führung der wirksamsten Kriegswaffen (z.B. der Kriegselefanten), schränkte seinen Heeresbestand gewaltig ein und gestattete ihm fortan nur unter Roms Einwilligung Krieg zu führen (1.Makk. 8,5-7). Mit Das Reich Gottes - 108 - diesem Sieg über die Großmacht Syrien übten die Römer ihren Machteinfluß schon über die ganze Welt aus. - Dann wandte Antiochus III. sich seinen Landesfestungen zu, offenbar um sie gegen einen Angriff noch mehr zu befestigen und sie auszubauen. Als er sich aber das nötige Geld hierzu beschaffen will, wird er in Elymais südlich vom Kaspischen Meer, beim Plündern eines Götzentempels im Jahr 187 v.Chr. samt seinem Gefolge vom erzürnten Volk erschlagen (Dan.11,17-19; 2.Makk.1,13-16). e) Drangsale in Judäa An seiner Statt trat im gleichen Jahr sein Sohn Seleucus IV. Philopater (d.h. „Sohn eines edlen, bzw. großen Vaters“) (187-176 v.Chr.) auf, der seinen Kämmerer Heliodorus als Erpresser durch das herrliche Land ziehen ließ, damit dieser den Tempel in Jerusalem brandschatze; er wollte auf diese Weise den Tribut für die Römer aufbringen, der noch von seinem Vater her auf ihm lastete. Doch soll der Tempelschatz wie durch ein Wunder vor dem Zugriff des Räubers bewahrt worden sein (2.Makk. Kap.3). Seleucus IV. wurde kurze Zeit Seite 120 darauf im Jahre 176 v.Chr. von diesem seinem Kämmerer umgebracht, also weder in einem Volksaufstand wie sein Vater Antiochus III. noch durch Krieg (Dan.11,20). 3. Antiochus IV. Epiphanes, ein Vorbild des kommenden letzten Königs des vierten Weltreichs a) Sein Aufkommen und seine Bedeutung Mit Dan.11,21 beginnt die Geschichte des Syrerkönigs Antiochus IV. Epiphanes (d.h. der Erleuchtete oder der Edle) (176-163 v.Chr.), die aber wiederum ein Vorbild für die Geschichte des kommenden letzten Weltherrschers, der letzten Form des wiedererstehenden geeinten römischen Reiches ist. Schon der spätere römische Kaiser Julianus Apostata (d.h. der Abtrünnige vom Christentum) (363-361 n.Chr.) erwählte sich Antiochus IV. Epiphanes, den er sehr verehrte, zum Vorbild, und der römische Geschichtsschreiber Livius spendet ihm großes Lob. Darum ist die Geschichte dieses Syrerkönigs vom Propheten Daniel ausführlicher geschildert, und in Dan.11,21-45 ist vom Lande Palästina in dem Sinne, als wenn es als Reich Juda noch bestünde, keine Rede mehr. Wenn in Vers 20 noch die Zierde des Reiches als das Land Juda genannt ist, so heißt das Volk Gottes Vers 28 und 30 nur noch „der heilige Bund“. Der Mörder des Seleucus IV., der Kämmerer Heliodorus, hatte sich selbst zum König über Syrien aufgeschwungen. Aber der Bruder des Seleucus IV., das ist Antiochus IV. Epiphanes, kehrte von Rom zurück, kam unversehens und bemächtigte sich 176 n.chr. der Herrschaft durch Verstellung, das ist durch Schmeicheleien, bei den Fürsten Syriens und Kleinasiens, ohne seine wahren Eroberungsabsichten aufzudecken. Nicht ihm, sondern seinem Neffen Demetrius, dem Sohn des ermordeten Seleucus IV., war die Herrschaft zugedacht. Ein „Verachteter“ ist Antiochus Epiphanes in der Schrift genannt, weil er sich wohl in seiner Umgebung nicht einem König geziemend benommen hat; darum nannten ihn die Geschichtsschreiber des Altertums zuweilen auch „Epimanes“, d.i. den „Gemeinen“ (Dan.11,21). Oder wollte Gott durch sein Wort seine Verachtung über Das Reich Gottes - 109 - einen König kundtun, der sich über ihn erhob und seine Anbetungsstätte verwüstete? Wenn Gott aber, der da Gewalt hat über das Königtum der Menschen, ihm die Königsherrschaft nicht zugedacht hatte, obwohl er sich diese anmaßte, – soll das ein Hinweis darauf sein, daß er sie ihm wieder nimmt und am Ende der Weltreiche den darüber setzt, der ihm gefällt, das ist den niedrigsten der Menschen (vgl. Dan.4,14; 5,20-21)? Gottes Urteil lautet eben anders, auch wenn die Welt einen König den „Erleuchteten“ und „Edlen“ nennt. - Vielleicht darf aber das Wort „ein Verachteter“ auch als „ein (Gottes-) Verächter“ gelesen werden. Dann entspricht das Wort dem folgenden Schrifttext noch besser. Nach Dan.8,8-9 und Vers 21-25, wo berichtet ist, daß aus einem der vier Hörner des dritten Weltreichs ein kleines Horn hervorbricht, das Seite 121 erstaunliches Verderben anrichtet, ist man versucht, unter diesem frechen und hinterlistigen König nur Antiochus IV. Epiphanes zu sehen. Nun sagt aber der Engel Gabriel zweimal ausdrücklich, daß die Offenbarung auf die Zeit des Endes geht (Dan.8,17.19). Darum ist dieses emporkommende kleine Horn gleichzeitig jenes Horn aus den zehn Hörnern des vierten Tieres (= Weltreichs), vor welchem drei Hörner ausgerissen werden (Dan.7,7-8.19-27). Die Stelle Dan.8,8-9 hat aber auch ihre Berechtigung, geradeso zu lauten, wie sie dasteht; sie weist auf Vorbilder hin, die das Endgeschehen leichter verstehen lassen, und leitet gleichzeitig in die damals aufkommende römische Weltherrschaft über. Wir müssen beachten: 1. Antiochus IV. Epiphanes ist ein Vorbild für den König aus dem letztrömischen Reich, wie auch das neuerstehende Königreich der Hasmonäer, d.i. der Makkabäer, ein ganz schwaches Vorbild für die Befreiung des Volkes Gottes ist. 2. Aus der auf Seite 98-99 gegebenen zweifachen Aufstellung der vier Königreiche als Nachfolgereiche des dritten Weltreichs ersehen wir, daß schon nach wenig Jahrzehnten nur noch drei Königreiche bestehen, und daß nach einiger Zeit das Römische Reich als viertes Reich hinzutritt, das in der Folgezeit die übrigen drei Reiche in sich aufsaugt. Aber auch diese erste Form des römischen Weltreichs, durch die das Reich Juda seine Selbständigkeit wieder verliert und der Tempel zerstört wird, ist nur ein Vorbild für die am Ende des römischen Reiches wieder in Erscheinung tretende letzte Form dieses wieder geeinten Reiches. b) Seine List und seine Absichten Antiochus Epiphanes ist nach Kautzsch und Menge ein „gottloser Sproß“ und nach Luther eine „böse schädliche Wurzel“ genannt (1.Makk.1,11). Er ist von Gott zum Gericht über sein ungehorsames Volk zugelassen und kommt hoch, aber weniger durch Heereskraft, als vielmehr durch Betrug und List. Nach Persien, Armenien und Elymais (Elam) macht er Erpressungskriegszüge, und er trachtet darnach, Ägypten und das Land Palästina zu erobern, das wieder unter ägyptische Oberhoheit gekommen war (1.Makk.1,1742; 3,31.37; 6,1-3). Antiochus Epiphanes brandschatzt schließlich wiederholt den Tempel in - 110 - Das Reich Gottes Jerusalem und die Stadt selbst, und in die Königsburg der Stadt legte er im Jahr 168 v.Chr. eine feste Besatzung. c) Des Volkes Gottes Niedergang Der Hohepriester Onias III. wurde 175 v.Chr. mit Unterstützung dieses Syrerkönigs von Jason, dem Bruder des Onias, verdrängt, um griechische Sitten und Kampfspiele einzuführen; dieser aber wurde wiederum 172 v.Chr. von Antiochus Epiphanes durch Menelaus ersetzt, der wohl noch ein Priester aus Aarons Geschlecht, aber nicht aus der alten hohepriesterlichen Geschlechtslinie hervorgegangen war. Er vernachlässigte Seite 122 sein Amt als Hoherpriester ganz und gar, bedrückte seine Landsleute sehr und führte den Götzendienst ein (1.Makk.1,12-16; 2.Makk.4,7-50; 13,3-8). d) Des Antiochus Epiphanes Wirken in Ägypten Die großen ägyptischen Streitkräfte, die der Sohn des schon mit achtundzwanzig Jahren verstorbenen Ptolemäus V., das ist Ptolemäus VI. Philometor (* *(d.h. Mutterliebhaber. Aus Regierungsabsichten ließ sich wohl die Witwe Ptolemäus V. mit ihrem fünfjährigen Sohn Ptolemäus VI. verehelichen, um sich und ihm gegen den Bruder ihres Gatten die Herrschaft über Ägypten zu behaupten.) (181-146 v.Chr.), im Jahre 171 v.Chr. gegen Antiochus Epiphanes aufbot, wurden vor dem Syrerkönig hinweggeschwemmt und zerbrochen, weil er den Ägyptern zuvorkam. Dazu verlor Ptolemäus VI., der sich mit diesem seinem Feinde hernach verbündete, seine Selbständigkeit. Denn trotzdem der Syrerkönig sich mit dem Ägypterkönig verbündet hatte, übte Antiochus Epiphanes Betrug und eroberte durch Verstellung, List, Wohlwollen und Geschenke mit geringem Kriegsvolk das ägyptische Reich, in das er hinaufgezogen war. So fiel er mitten im Frieden in die fruchtbarsten Gegenden ein und verschleuderte, d.h. verschenkte Beute, Raub und Reichtum als Bestechung, was weder seine Väter noch seine Voreltern zu tun vermocht hatten; gegen die Festungsstadt Alexandrien, die Alexander d. Gr. als Landeshauptstadt erbaut hatte, und gegen andere Festungen schmiedete er eine Zeitlang Eroberungspläne, ohne jedoch Alexandrien zu gewinnen, so daß er die Belagerung schließlich aufgab (Dan.11,22-24). Im Frühjahr des anderen Jahres bot Antiochus Epiphanes wiederum seine ganze Kraft und seinen Mut gegen den ägyptischen König Ptolemäus VII. Eupator (d.h. Sohn eines edlen Vaters) (173-163 v.Chr.) auf )*, *(Im Jahre 173 v.Chr. starb Kleopatra, die Mutter der beiden Ptolemäer. Da dürfte der jüngere der beiden, Ptolemäus VII., seine Mitherrschaft beansprucht haben. In mancher Zählung ist Ptolemäus VII. Ptolemäus IX. Physkon (d.h. Schmerbauch oder Scheusal) genannt. Letzterer ist aber augenscheinlich der Bruder von Ptolemäus V., der schon seit 171 v.Chr. mit Ptolemäus VII. zeitweise regiert hatte, wahrscheinlich an Stelle Ptolemäus VI. – Ptolemäus IX. Physkon ist nachher als Ptolemäus VIII. Euregetes II. (146-117) nochmals auf dem Thron, und zwar nach Ptolemäus VII. Eupator, Sohn Philometors.) das ist gegen den Mitregenten seines älteren Bruders Ptolemäus VI. Der zum Widerstand gereizte Ptolemäus VII. rüstete sich gleichfalls mit großer und sehr starker Heeresmacht zum Kriege, hielt aber nicht stand, weil man in seinem eigenen Lager gegen ihn Anschläge gemacht hatte. Die Vornehmsten des Hofstaates, die an seiner Tafel aßen, führten scheinbar durch Bestechung von seiten Antiochus Epiphanes, seinen Untergang herbei, sein großes Heer zerstreute sich, und es fielen viele (Dan.11,25-26; 1.Makk.1,16-19). Das Reich Gottes - 111 - Sie beide aber, nämlich die miteinander verwandten Könige Antiochus Epiphanes und Ptolemäus VI., der eine Zeitlang vor seinem Bruder weichen mußte, weil ihn die Ägypter für einen Freund des Syrerkönigs hielten und 171 v.Chr. verjagt hatten, saßen an der gleichen Tafel und redeten Lügen. Antiochus Epiphanes spielte sich als Schützling seines Neffen auf und täuschte ihm vor, daß er Seite 123 ihm, als dem rechtmäßigen König, gegen seinen jüngeren Bruder Ptolemäus VII. wieder zu seinem Land verhelfen wolle; jedoch Ptolemäus VI. glaubte das nicht und suchte seinerseits wieder Antiochus Epiphanes zu täuschen und sich selbständig zu machen und sich mit den Römern gegen Antiochus zu verbinden, was ihm nicht gleich, aber später doch gelang. Denn das Ende dieser Kämpfe um Ägypten kam vorläufig noch nicht, offenbar darum, damit der Syrerkönig nicht imstande war, sein ganzes Augenmerk der Vernichtung Jerusalems zuzuwenden (Dan.11,27). e) Neue Drangsal in Judäa Antiochus Epiphanes kehrte aber 170/169 v.Chr. auf eine Nachricht von der Überrumpelung Jerusalems durch den vertriebenen Hohenpriester Jason mit großem Reichtum wieder in sein Land zurück, gab die Belagerung Alexandriens kurz vor dem sicher zu erwartenden Fall auf und richtete sein Herz, das ist sein Sinnen, gegen den heiligen Bund (2.Makk.4 - 5, bsd. 5,11; 1.Makk.1,21). Dieses Bundes halber, den Gott mit seinem Volk geschlossen hatte, waren die Israeliten bei den übrigen Nationen begreiflicherweise sehr verhaßt, denn damit war ihnen auch die Herrschaft über alle Völker zugesagt worden (Ps.2,1-3; 1.Mos.15,18-21; 22,17; 24,60; 5.Mos.29,11; 30,20; 32,8). - Antiochus Epiphanes führte sein Vorhaben aus, d.h. er nahm Jerusalem ein, drang in den Tempel, beraubte ihn seiner Geräte und Schätze (1.Makk.1,21-29; 2.Makk.5,11 ff) und ließ in Jerusalem und im Lande den Hauptmann und Obersteuereinnehmer Apollonius und die bösen Buben Philippus und Andronikus zurück, die das Volk, die Stadt und das Heiligtum weiter verdarben (2.Makk.5,22 ff; vgl. 1.Makk.1,29-30 mit 2.Makk.5,24-25). Und Antiochus Epiphanes zog heim in sein Land (Dan.11,28; 2.Makk.5,21). f) Rom macht dem Syrerkönig Ägypten streitig Im Frühjahr des Jahres 168 v.Chr., das ist etwa nach anderthalb Jahren, einer von Gott in bezug auf die Drangsale in Judäa ganz genau bestimmten Zeit, kehrte Antiochus Epiphanes nach dem Süden, das ist nach Ägypten zurück, weil hinter seinem Rücken die beiden Brüder Ptolemäus VI. Philometor und Ptolemäus VII. sich unter dem Schutze Roms zu gemeinsamer Herrschaft geeinigt hatten und ihm Ägypten streitig machten; aber dieser Feldzug sollte ihm nicht gelingen. Denn das mächtig emporstrebende Rom sandte mittels der soeben eroberten mazedonischen Flotte den Gesandten Popilius wider ihn, mit dem Antiochus noch von seinem römischen Aufenthalt her befreundet war. In einem weiteren römisch-mazedonischen Krieg (171-168 v.Chr.) war nämlich der Nachfolger Philipps V., das ist König Perseus von Mazedonien, abermals geschlagen, sein Land erobert und zur römischen Provinz gemacht worden. Der Gesandte Popilius von Rom zwang Antiochus Epiphanes, seine großen Pläne augenblicklich aufzugeben, Das Reich Gottes - 112 - Ägypten gänzlich zu räumen und die gemachten Eroberungen an Ägypten zurückzugeben; daraufhin kehrte er entmutigt um, aber nur, um seinen grimmigen Zorn am heiligen Seite 124 Bund auszulassen (Dan.11,29-30). Denn hätte er 170/169 v.Chr. Ägypten nicht um der palästinensischen Unruhen willen verlassen, dann wäre ihm damals schon Alexandrien in die Hände gefallen, und er wäre damals schon unbestrittener Herrscher in Ägypten gewesen. g) Die große Schmach des Volkes Gottes Antiochus IV. Epiphanes gab seinem berüchtigten Hauptmann und Obersteuereinnehmer Apollonius, der noch grausamer war als er selbst, ein Heer von zweiundzwanzigtausend Mann, damit er die Stadt Jerusalem hierdurch verderbe (1.Makk.1,30 ff; 2.Makk.5,24 ff), und suchte die vom heiligen Bund Abtrünnigen an sich zu ziehen, die die griechische Götterverehrung einführen wollten (Dan.11,30-31; 1.Makk.1,12 ff). Die in Jerusalem zurückgelassenen Truppen entweihten die Burg und das Heiligtum, sie hoben 168 v.Chr. das beständig dargebrachte Morgen- und Abendopfer zweitausenddreihundertmal, das ist an elfhundertfünfzig Tagen auf (ganz vorbildlich für das Ende) (Dan.8,14), und errichteten den Greuel der Verwüstung im Tempel, nämlich ein Götzenbild zur Verehrung der griechischen Zeusgottheit, das ist der römischen Jupitergottheit, opferten Schweine im Tempel und wollten die Juden zum Schweinefleischessen zwingen (1.Makk.1,29-59 ff; 2.Makk. Kap.6 und 7). So erhob sich der Syrerkönig über jeglichen Gott, auch über den Gott aller Götter, den Schöpfer Himmels und der Erde (vgl.Dan.11,36). Diese Macht wurde dem Syrerkönig Antiochus Epiphanes von Gott verliehen, weil die Juden vom lebendigen Gott abtrünnig geworden waren (1.Makk.1,12-16). Auf das Gesetz des Antiochus Epiphanes, nach welchem alle Völker einerlei Gottesdienst, nämlich die griechischrömische Götterverehrung, haben sollten, war der Abfall der Israeliten von Gott noch viel größer geworden, und viele Juden hatten sich durch den Götzendienst mit den Heiden verbunden (1.Makk.1,43-56); denn der Syrerkönig setzte für die Verehrung des griechischrömischen Bergfestungs- und Kriegsgottes ZeusJupiter hohe Belohnungen, große Ehren und die Verleihung von Ländereien aus (vgl.Dan.11,38-39; Jes.14,13-14). Er strafte oder verurteilte die Priesterschaft wegen des beständig dargebrachten Opfers, ließ die Gesetzesbücher zerreißen und verbrennen und die Juden und die Proselyten, die sie lasen und bei denen man sie fand, töten (1.Makk.1,57-60). Dann verleitete er die Bundbrüchigen (vgl.1.Makk.1,43.55) durch Schmeicheleien und Belohnungen zum gänzlichen Abfall und zum Widerstand gegen die Gottesfürchtigen. - Sobald aber Antiochus Epiphanes sein Maß der Überhebung über Gott und sein Volk und sein Heiligtum vollgemacht hatte, schlug auch seine Gerichtsstunde. h) Der Untergang des Syrerkönigs Antiochus Epiphanes versuchte in der persischen Landschaft Elymais (Elam) den Tempel der Liebesgöttin Myletta zu Persepolis zu plündern, denn den Lieblingsgott der Frauen achtete er nicht (vgl.Dan.11,37); Antiochus Epiphanes - 113 - Das Reich Gottes Seite 125 wurde aber von dort verjagt und wollte heimkehren. Zu Ekbatana (Achmetha) in der Landschaft Medien erfuhr er aber, daß seine Heere in Palästina, dazu auch sein erster Feldherr Lysias, von den Makkabäern gänzlich geschlagen und vertrieben worden waren; da wandte er sich mit großem Zorn nach Palästina zur gänzlichen Vernichtung der Juden. Aber er fiel unterwegs vom Kriegswagen, und dazu befiehl ihn die Wurmkrankheit, also daß er bei lebendigem Leibe verfaulte und von Würmern gefressen wurde; so starb er durch die Hand Gottes unter großen Schmerzen (1.Makk.6,1-16; 2.Makk.9,1-29) und brach ohne Menschenhand zusammen (vgl.Dan.8,25). i) Die vorbildlichen Drangsalstage Die Zeit der Bedrängung der heiligen Stadt und der Verwüstung des Heiligtums verteilte sich (nach Dächsels Bibelwerk) damals folgendermaßen: 1. Von der gewaltsamen Einstellung des täglichen Opfers bis zur Götzenbildaufstellung im Tempel (1.Makk.1,46-57), d.i. von Ende Oktober bis Mitte Dezemer 168 v.Chr. 2. Von der Götzenbildaufstellung bis zum ersten Götzenopfer am 25. Chislev (= Dezember) (1.Makk.1,62) 3. Vom ersten Götzenopfer bis zur Reinigung nach drei Jahren oder am 25. Chislev 45 Tage des 165 10 Tage Tempels v.Chr. (1.Makk.4,52 ff; 2.Makk.10,5) 1095 Tage Zusammen 1150 Tage oder 2300 Abend- und Morgenopferausfall nach Dan.8,14, aber nur als Vorbild! 4. Von der Tempelreinigung und Tempfelweihe bis zum Tode des Antiochus Epiphanes um Mitte Mai 164 n.chr. (1.Makk.6,16) Zusammen nach Dan.12,11 5. Bis zum Eintreffen der Todesnachricht in Judäa 6. Zusammen nach Dan.12,12 140 Tage 1290 Tage 45 Tage 1335 Tage Wenn wir sehen, wie genau die geweissagten Drangsalstage und ihre sichere Beendigung sich schon zur Zeit der vorbildlichen Drangsal, das ist zur Zeit des Syrerkönigs Antiochus Epiphanes, erfüllen mußten, mit welcher Sicherheit dürfen die Gläubigen da auf die Erfüllung derselben Weissagung am Ende unserer Zeit rechnen! Daniels Weissagungen in Kapitel 11, Vers 36 bis 45 beziehen sich fast ausschließlich auf den letzten König des zuletzt wieder sich erhebenden römischen Tierreichs. Mögen auch manche Ausführungen in diesen Versen noch auf Antiochus Epiphanes zutreffen, so muß doch beachtet werden, daß er entgegen von Vers 40 ff nach der Aufstellung des Greuels der Verwüstung nicht mehr nach Ägypten kam. – Seite 126 Dem Propheten Daniel wird auch die Zeitspanne geoffenbart, nach welcher auf Grund von Dan.9,24 Das Reich Gottes - 114 - 1. die Übertretung (= der Frevel) zur Vollendung (= zum Abschluß) gebracht wird (vgl. 2.Thess.2,3-9; 1.Joh.3,4.7.10), 2. das Maß der Sünden voll gemacht (oder versiegelt) ist (vgl.2.Thess.2,9-12), 3. die Missetat gesühnt wird (vgl.Jes.1,18-31; 4,2-6; 10,20-23; 12,1-6; 24,14-23; 25,4-5.9; 4. 26,1-9; 32,14-20; 33,20-24; 35,1-10; 40,1-11; 65,11-14; 66,5-6.10-18a.24; Hes.36,21-32; 39,22-29; Dan.11,32-35; 2.Thess.1,7-12), die ewiggültige Gerechtigkeit herbei- (oder ein-) geführt wird (vgl.Jes.51,1-8; 53,11; 54,14.17; 58,6-14; 60,1 ff; 61,1-11; 62,1-5; Offb.14,6; 19,7-8), 5. das Gesicht (und der Ausspruch) des Propheten bestätigt (oder versiegelt) wird (vgl.Jes.8,16-18; Apg.3,19-23), 6. und das (oder der) Allerheiligste gesalbt (= geweiht) wird (Offb.11,15; 12,10; 3,12; 11,1.19; 15,5-8; 21,2 - 22,5). Bis zur Erfüllung dieser Weissagung sollen siebzig (Jahr-) Wochen vergehen (Dan.9,24). Diese siebzig Jahrwochen reichen nach den angeführten einschlägigen Parallelstellen zur Erfüllung der Verheißungen bis ans Ende des heutigen Zeitalters, das allerdings recht nahe sein dürfte. 4. Judäa, Syrien und Ägypten bis zur römischen Weltherrschaft a) Der Mangel an Heilserkenntnis in der nachprophetischen Zeit Über die weiteren Kämpfe und Leiden Palästinas durch die Syrer (und Ägypter) und von der dann kommenden Landeswohlfahrt und Reichsunabhängigkeit nach den Makkabäerkämpfen und von Roms darauffolgender Besitzergreifung Syriens, Ägyptens und des Heiligen Landes berichtet Daniel uns nichts mehr. Die Berichte darüber erfahren wir aus den beiden ersten Makkabäerbüchern und aus den Aufzeichnungen des jüdischen Priesters und Geschichtsschreibers Josephus. Die apokryphischen Bücher, also auch die Bücher von den Makkabäerkämpfen, sehen die Gottwohlgefälligkeit des Juden nur in seiner Gesetzesunsträflichkeit vor Gott (vgl. die Vorrede zum Buch Sirach), die es in Wirklichkeit nach der Schrift im allgemeinen gar nicht gibt; die Apokryphen zeugen im Gegensatz zu Mose und den Propheten und den Psalmen nicht von der Glaubensgerechtigkeit des reuigen Gesetzesübertreters (das und darum haben die Makkabäer bei allem unnachsichtlichem Gesetzeseifer für Gott noch immer nicht ganz im göttlichen Sinne gehandelt (vgl.Röm.1,1-4; 3,21-28; 9,31-32; 10,2-3.6-11; 1.Petr.1,10-11; Hebr.4,2.6 Alte Min.-Bib.). Auch den Übersetzern der Septuaginta war die Erkenntnis der Buch Baruch macht eine Ausnahme; vgl.Bar.2,14-20.31.35; 4,13.22.37; 5,2), Glaubensgerechtigkeit fremd. Seite 127 Darum haben sie oft viel zu frei übersetzt, oft apokryphische Zusätze gemacht und im Gegensatz zum hebräischen Bibelkanon, der wahrscheinlich spätestens durch den Priester Esra zusammengestellt wurde (vgl.Esr.7,10; Neh.8,1-9; 2.Makk.2,13), viele apokryphische Bücher in den Septuagintakanon aufgenommen. Das alles ist uns ein Beweis, daß Gott nach dem Verstummen des letzten Propheten Maleachi, also in den letzten vierhundert Jahren vor Christi Auferweckung, seinem Volk bis zu Johannes des Täufers Auftreten keine prophetischen Zeugnisse mehr gab. - Darum dürfen uns die verschiedenen apokryphischen Bücher nur als Hilfsmittel zur Bestätigung der Erfüllung prophetischer Weissagungen und zu geschichtlichen Zwecken dienen. Das Reich Gottes - 115 - b) Judäa unter Judas Makkabäus Der Sohn des so elend zugrunde gegangenen Königs Antiochus Epiphanes, d.i. Antiochus V. Eupator (d.h. Sohn eines edlen Vaters) (164-162 v.Chr.) bewies Judäa wiederum Todfeindschaft, obwohl ihn sein Vater bei seinem Sterben durch einen Brief an die Juden deren Wohlwollen empfohlen haben soll (2.Makk.9,13-27). Er zog mit Lysias, seinem Heerführer, der schon seinem Vater gedient hatte, und hundertzwanzigtausend Mann und zweiunddreißig Kriegselefanten zur Ausrottung des ganzen Judenvolks nach Palästina, weil er gehört hatte, daß die Juden die syrische Besatzung in der Burg zu Jerusalem erfolgreich belagerten. Der Syrerkönig war auch erfolgreich. Eleasar, einer der Makkabäerbrüder, fiel im Kampfe, und Antiochus V. eroberte alle Landesfestungen und belagerte Jersualem (1.Makk.6,17-54; 2.Makk.Kap.11 u. 13; 14,1-2). Aber der Feldherr Lysias bewog wegen mißlicher Nachrichten aus dem Norden und Osten des Reiches den Syrerkönig zur Aufgabe der Belagerung Jerusalems (1.Makk.6,55-63; vgl.Dan.11,44). Da bemächtigte sich Demetrius I. Soter (d.h. Retter) (162-150 v.Chr.) der Regierung, d.i. der Sohn des Königs Seleucus IV., der nach seines Vaters Tode schon an Stelle des Königs Antiochus IV. Epiphanes hätte herrschen sollen –, und Antiochus V. und sein Feldherr Lysias wurden 162 n.chr. von den eigenen Truppen umgebracht (1.Makk.7,1-4; 2.Makk.14,12). Auch Demetrius I. befeindete die Juden (2.Makk. Kap.14 u. 15; 1.Makk.7,5-50; Kap.9). Judas Makkabäus besiegte daraufhin den syrischen Feldherrn Nikanor und tötete ihn in der Schlacht (1.Makk.7,26-50; 2.Makk.15,17-36). Damals schloß das Volk Gottes durch Judas Makkabäus das erste Bündnis mit Rom (161 v.Chr.), aber bald darauf fiel der bis dahin siegreiche Makkabäer im Kampf gegen des Demetrius Feldherrn Bakchides (1.Makk.Kap8; 9,1-22). Seit dem Tode seines heldenmütigen Vaters, Mattathias, aus Aarons Geschlecht, hatte Judas Makkabäus von 166-161 v.Chr. die Geschicke des Landes geleitet. Damit, daß der Herr ihm weiterhin seinen Schutz versagte, zeigte Gott offenbar sein Mißfallen an diesem Seite 128 Mangel an Gottvertrauen. Judas hatte das Bündnis mit Rom nicht vor einem drohenden Krieg (auch das wäre gegen Gottes Willen gewesen), sondern nach einem glänzenden Sieg über die Syrer geschlossen. c) Judäa unter Jonathan Makkabäus Nach dem Tode des Judas Makkabäus übernahm sein Bruder Jonathan (161-143 v.Chr.) die Kriegs- und Landesführung (1.Makk.9,23-31); er war in seinen Unternehmungen glücklich und gewann sogar die Freundschaft des Ägypterkönigs Ptolemäus VI. Philometor (181-146 v.Chr.), und die der Syrerkönige Alexander I. Balas (151-146 v.Chr.), Demetrius II. Nikator (von 146 mit Unterbrechungen bis 125 v.Chr.), Antiochus VI. Epiphanes Dionysius (146-143 v.Chr.) und Tryphon des Usurpators (d.h. des Thronräubers), (143-139 v.Chr.); - er verbündete sich aber gleichfalls mit Rom und auch mit Sparta (Die Spartaner sollen nach dem Bekenntnis des Spartanerkönigs Areus - 116 - Das Reich Gottes Nachkommen Abrahams und Brüder der Juden sein; vgl.1.Makk.12,7.19-23.), wurde aber 143 v.Chr. durch den Syrerkönig Tryphon in hinterlistiger Weise getötet (1.Makk.9,31 bis Kap.12,54; 13,12-30). Damit, daß der Herr nun auch noch den Makkabäerfürsten Jonathan umkommen ließ, drückte Gott sein Mißfallen über ein Bündnis mit Rom schon zum zweitenmal aus. d) Judäa unter Simon Makkabäus Daraufhin ermannte sich Simon (143-136 v.Chr.), der Bruder der gefallenen Helden Eleasar, Judas und Jonathan, gegen Tryphon, den Syrerkönig (1.Makk.13,1-11). Dieser Simon wird wegen der Verdienste seines Vaters und seiner Brüder und wegen seiner eigenen Tapferkeit im Jahre 141 v.Chr. zum Hohenpriesterfürsten des Volkes Gottes gewählt mit der Bestimmung, daß die Hohepriesterfürstenwürde seinem Geschlecht fortan verbleiben soll (1.Makk.14,25-49). Simon suchte die Freundschaft des Demetrius II., gegen welchen Antiochus VI. und Tryphon als syrische Gegenkönige aufgestanden war, und erlangte von Demetrius II. die Anerkennung der Unabhängigkeit seines Landes, nachdem er die syrische Besatzung in Jerusalem beseitigt hatte, und erhielt von Antiochus VII Sidetes (139-130 v.Chr.) 139 v.Chr. Münzrecht und Abgabenfreiheit (1.Makk.13,31 - 15,14). Simon der Makkabäer mußte sich dann aber noch gegen Antiochus VII. wenden, und er besiegte durch seine Söhne als Feldherren das Heer des Syrerkönigs (1.Makk.15 - 16). Aber Simon erneuert auch den Bund mit Rom um 139 v.Chr. (1.Makk.14,10-24; 15,15-24). Er fällt darauf 136 v.Chr. mit zweien seiner Söhne durch Meuchelmord von der Hand seines Schwiegersohnes, der durch die Unterstützung Antiochus VII. zum Hohenpriesterfürstentum zu gelangen hoffte (1.Makk.16,11-16). - Also zeigte der Herr zum drittenmal sein Mißfallen an einem Bündnis seines Volkes mit Rom. Seite 129 e) Der Hohepriesterfürst Johannes Hyrkanus Dem Mörder des Simon und seiner Söhne widerstand aber ein dritter Sohn des Simon, der dem Mörder entronnen war, nämlich der Makkabäer Johannes Hyrkanus (136105 v.Chr.), und der erringt rechtmäßig das Hohepriestertum (1.Makk.13,54; 16,1-24). Bis Johannes Hyrkanus reichen die Aufzeichnungen der Makkabäerbücher. Von hier ab beschreibt der Priester Flavius Josephus die Geschichte seines Volkes; dieser lebte um die Zeit des Untergangs Jerusalems im Jahre 70 n.Chr., und auch davon gab er uns ausführlich Kunde. Aber von der Glaubensgerechtigkeit weiß er so wenig zu sagen wie die Verfasser der Apokryphen, obwohl er schon mit der christlichen Gemeinde in Berührung gekommen sein muß. Der Syrerkönig Antiochus VII. überzog Johannes Hyrkanus allerdings mit Krieg (135 v.Chr.), nahm ihm Joppe am Meer und einige andere Städte ab, die sein Vater und dessen Brüder erobert hatten, belagerte Jerusalem, forderte für die Freigabe der Stadt Waffen, Gold und Geiseln und machte ihn abgabepflichtig, bestätigte aber doch sein Hohepriesterfürstentum. Doch durch den Machtzerfall der Syrerkönige im Kampf um die Krone wurde Johannes Hyrkanus nach einigen Jahren wieder abgabenfrei. - 117 - Das Reich Gottes Im Jahre 129 v.Chr. unterwarf Johannes Hyrkanus sich das ganze Land Samaria und verschaffte sich wieder den Zugang zum Mittelländischen Meer, gewann die Land- und Seefestungen und zerstörte sie samt Sichem, der Landeshauptstadt, mit dem Tempel auf dem Berge Garizim bis auf eine Opferstätte; diesen Tempel hatte (nach Josephus) ein wegen seiner heidnischen Frau von Nehemja ausgestoßener Priester aus hohepriesterlichem Geschlecht unter heidnischer Mithilfe errichtet (vgl.Neh.13,27-28; Joh.4,20; 2.Makk.6,2). Neunzehn Jahre später fällt durch zwei der Söhne des Johannes Hyrkanus auch noch die nahe bei Sichem gelegene Festungsstadt Samaria. Im Jahre 127 v.Chr. unterwarf Johannes Hyrkanus sich das ganze Land Idumäa, ließ alle Landesfestungen schleifen und zwang die Edomiter, sich beschneiden zu lassen. Johannes Hyrkanus kann als der glücklichste der Hasmonäerfürsten (ihr Ahnherr war ein Priester namens Hasmonai) bezeichnet werden. Er erreichte ein hohes Alter, gelangte zu einem großen Reich und starb eines natürlichen Todes. Sein großes Reich und seine lange Regierungszeit erinnern an Salomos Zeiten. Wir lesen aber nirgends, daß er das Bündnis mit Rom erneuert hätte; offenbar darum, weil er vorbildlich mit Gott rechnete, segnete der Herr ihn solchermaßen. f) Syriens Endgeschicke Der im Jahre 141 v.Chr. von den Parthern gefangengesetzte Syrerkönig Demetrius II. wurde 130 v.Chr. frei und besiegte seinen Bruder Antiochus VII. 129 v.Chr., der in der Schlacht getötet wurde. Seite 130 Im Jahre 127 v.Chr. verlor dann auch Demetrius II. eine Schlacht bei Damaskus und in Tyrus hernach sein Leben. Seine Söhne bekämpften daraufhin sich lange Zeit um das Erbe der Väter. Der letzte syrische König Antiochus VIII. wurde vom römischen Feld- und Landesherrn 64 v.Chr. vertrieben, und Kaiser Augustus läßt ihn 29 v.Chr. wegen Mordes in Rom hinrichten. Pompejus aber macht 64 n.chr. das ganze syrische Reich zu einer römischen Provinz. So endete die hervorragendste Großmacht unter den vier Nachfolgestaaten des dritten Weltreichs Griechenland-Mazedonien. g) Ägyptens Endschicksal, die römische Weltherrschaft Die Geschicke Ägyptens leitete nach dem Tode Ptolemäus VIII. Auletes (51-30 v.Chr.) dessen Tochter Kleopatra XIV., und diese richtete das Land zugrunde. Mit 17 Jahren tritt sie die Regierung an und vermählt sich nacheinander mit zweien ihrer jüngeren Brüder, zuerst mit dem 13 jährigen Ptolemäus XIV. Dyonisius und nachher mit dem jüngeren Ptolemäus XV., um die Herrschaft ausüben zu können, und verbündet sich zum gleichen Zwecke gegen ihre Brüder mit den Römern, an die sie schließlich das Land verliert. Trotz dieser Verheiratung wird sie nachher im Jahr 47 v.Chr. doch noch die Mutter eines Sohnes (genannt Ptolemäus XVI. Cäsar oder Cäsarion) von Julius Cäsar und Mutter einiger Söhne vom Römer Antonius. – Das Reich Gottes - 118 - Julius Cäsar hatte nämlich im Jahre 49-48 v.Chr. seinen Mitherrscher Pompejus in Spanien und bald darauf bei Pharsalus in Thessalien besiegt und ihn bis nach Ägypten verfolgt, woselbst Pompejus - er hatte 63 v.Chr. Palästina zur römischen Provinz gemacht - gegen den Willen Cäsars, aber auf Wunsch und Willen des Ägypterkönigs Ptolemäus XIV. Dyonisius ermordet wurde. Daselbst regelte Julius Cäsar die Thronstreitigkeiten zwischen Ptolemäus XIV. und dessen Schwester und Gemahlin Kleopatra zugunsten letzterer und gegen den Willen der Ägypter, und der Ägypterkönig fand bei einem hierdurch entstehenden Krieg 47 v.Chr. seinen Tod durch Ertrinken im Nil. Sein Bruder, Ptolemäus XV., starb im Jahr 45 v.Chr. noch als Kind, vermutlich durch Gift. - Nach glücklich geführten Kriegen (er „kam, sah und siegte“) schwang Julius Cäsar sich zum römischen Imperator (= Alleinherrscher) auf und entfaltete ein segensreiches Wirken. Er fiel aber im Jahr 44 v.Chr. bei einer Senatssitzung durch die Mörderhand seiner Neider. Daraufhin riß sein Verwandter, der ihm schon den Pompejus hatte besiegen helfen, sein Feldherr Antonius, sein, des Cäsars Privatvermögen, den öffentlichen Schatz und die Regierung an sich. Aber Oktavian, welcher von Cäsar zum Adoptivsohn und Haupterben eingesetzt worden war und später (40 v.Chr.) auch noch seine Schwester Oktavia dem Antonius zur Frau gab, erzwang sich gleich einem Statthalter Lepidus die Mitherrschaft; doch verfiel die Macht des Lepidus 36 v.Chr. der Macht Oktavians. Oktavian ließ auch die Mörder Cäsars hinrichten. Seite 131 Antonius ergab sich aber (um 35 v.Chr.) der Ausschweifung und dem verhängnisvollen, ihn bestrickenden Einfluß der zweifellos sehr schönen, aber doch berüchtigten Kleopatra, Herrscherin von Ägypten, bis Oktavian seinen Mitherrscher bekriegte und ihn in der Seeschlacht beim Kap Aktium (Südseite des Meerbusens von Arta) im Jahre 31 v.Chr. entscheidend schlug. Denn Kleopatra ließ ihn im Stich und ergriff mit den sehr überlegenen ägyptischen Seestreitkräften die Flucht. So führte sie seinen Untergang herbei. Oktavian verfolgte den Antonius bis nach Ägypten, denn Antonius flüchtete wiederum zu Kleopatra nach Alexandrien. Dort entleibte sich Antonius (31 v.Chr.), durch List und Täuschung von Kleopatra in den Tod getrieben, dessen Schicksal bald darauf auch die neununddreißigjährige treulose Verführerin teilte (30 v.Chr.), weil ihre Bestrickungskünste an Oktavian unwirksam blieben und dieser sie mitsamt ihren Kindern für den Triumphzug in Rom als Gefangene aufbewahren wollte. So wird auch Ägypten im Jahre 30 v.Chr. eine römische Provinz, und damit fällt das letzte Reich der vier Nachfolgereiche des dritten Weltreichs Griechenland-Mazedonien als drittes an Rom. Rings umschlossen von römischen Provinzen wird das Mittelländische Meer zum „Römischen Meer“, und Rom ersteht im Jahre 30 v.Chr. als unumstrittene Weltmacht zum einheitlichen vierten Weltreich, vor dem auch die bis dahin siegreichen Parther die Waffen strecken, vor dem die Germanen bis an Weser und Donau, teilweise bis an die Elbe weichen müssen. Oktavian zieht im Jahre 29 v.Chr. im Triumph als Alleinherrscher in Rom ein, bezahlt aus den erbeuteten unermeßlichen Schätzen Ägyptens alle seine Kriegsschulden und Das Reich Gottes - 119 - erlangt vom Volk den Beinamen Cäsar „Augustus“ (griechisch „sebastos“), das heißt der Erhabene, der Verehrungswürdige! Unter diesem Kaiser Augustus, dem Friedenskaiser des römischen Reiches, wurde Jesus Christus, der Sohn Davids und Gottes, der Anwärter zu ewiger Friedensherrschergewalt, zu Betlehem Ephrata, einer Stadt Judäas, geboren (Luk.2,1-7. Durch einen Irrtum wurde das Geburtsjahr Jesu Christi etwa 4 bis 6 Jahre zu spät angesetzt, als man um 532 n.chr. daran ging, die heidnische Zeitrechnung durch die christliche zu ersetzen. Wir verweisen auf die genaueren Ausführungen in den „Biblischen Zeittafeln“.) h) Judäas Niedergang Wir sind in der Betrachtung der Ereignisse vorausgeeilt und müssen dreiviertel Jahrhunderte zurückgreifen, die Geschicke des Reiches Judäa zu verfolgen. In Jerusalem setzte der greise makkabäische Fürst Johannes Hyrkanus bei seinem Tode im Jahre 105 v.Chr. seine noch lebende Gemahlin aber als weltliche Landesherrin und seinen ältesten Sohn Aristobulus I. zum Hohenpriester ein. Ob ihn dazu die ihm bekannte Unzuverlässigkeit seines Sohnes oder der Einfluß seiner herrschsüchtigen Gemahlin bestimmte, Seite 132 läßt sich nicht gut sagen. Aristobulus I., der „Griechenfreund“, maßte sich aber den Königstitel an, den die Pharisäer für den kommenden Messias aus Davids Geschlecht allein aufbehalten wissen wollten (nach Hes.21,30-32; Jer.30,7-9; Mich.4,8; 5,1), ermordet seine Mutter und drei seiner Brüder, stirbt aber selbst schon nach einem Jahr, von Gewissensbissen gequält (104 v.Chr.). Seine Witwe Alexandra bot dann dem noch im Kerker schmachtenden ältesten Bruder des Aristobulus, nämlich dem Alexander I. (Jannäus) im Jahr 104 v.Chr. die Freiheit, ihre Hand und die Krone - und die übrigen Brüder mußten sterben. - Der gewaltsame Alexander I. richtete durch Kriege und Grausamkeiten aller Art Land und Leute und seine eigene Macht zugrunde; er verschärfte die Gegensätze im Volk durch seine einseitige Freundschaft mit den Sadduzäern als den leitenden Staatsmännern aus priesterlichem Geschlecht und durch seine Feindschaft mit den strengeren, engherzigeren, gesetzeseifrigeren Pharisäern, die das untere Volk beherrschten. Nach seinem Tode im Jahre 79 n.chr. söhnt seine Witwe Alexandra sich mit den Pharisäern aus und regiert als Witwe bis zum Jahre 69 v.Chr. Also herrschte eine Frau über Judäa zehn Jahre lang (vgl.2.Kg.11,1-3; Jes.3,12). Diese setzt ihren ältesten Sohn Hyrkanus (II.) zum Hohenpriester ein. Nach ihrem Tod (69 v.Chr.) gelangte der jüngere Bruder des Hyrkanus, nämlich Aristobulus II., ein Sadduzäerfreund, durch Krieg zur Königsherrschaft und zur Hohenpriesterwürde. Später bedrängte ihn wiederum sein älterer Bruder Hyrkanus; der belagerte Jerusalem und schloß Aristobulus II. darin ein. Da wandte sich dieser um Hilfe an die in Syrien siegreichen Römer - und tatsächlich wurde auch Aristobulus II. hierfür von Gott gestraft; er erlangt wohl Hilfe, aber bald darauf verlor er sein Reich an die Römer. Pompejus schloß ihn im Jahre 63 v.Chr. in Jerusalem ein, belagerte die Stadt und erstürmte sie nach drei Monaten, nahm Aristobulus II., zwei seiner Söhne und viele Juden - 120 - Das Reich Gottes gefangen, führte sie hernach in die Gefangenschaft nach Rom, drang in das Allerheiligste des Tempels ein und machte ganz Palästina im Jahre 63 n.chr. zu einer römischen Provinz. Pompejus setzte den älteren, weniger kriegerischen Bruder des Aristobulus II., das ist Hyrkanus, als Hyrkanus II. (63-40 v.Chr.) zum Inhaber der weltlichen und geistlichen Herrscherwürde ein, aber ohne Königstitel, und gab ihm einen Idumäer (= Edomiter), Antipater, den Vater des nachmaligen Herodes d. Gr., zur Seite, den Cäsar dann zum Statthalter machte, und der so von nun an die Herrschaft im eigentlichen Sinn ausübte. i) König Herodes der Große Antigonus, ein Sohn des Aristobulus II., entkommt der römischen Gefangenschaft und reißt unter römischer Duldung (und Hilfe?) im Jahre 40 n.chr. die Herrschaft über Judäa und die Hohepriesterwürde Seite 133 an sich; aber im gleichen Jahr erlangte der nachmalige König Herodes d. Gr., ein Sohn des Edomiters Antipater, von den römischen Triumvirn (das sind zwei aus den „Dreimännern“) Antonius und Oktavian (der spätere Alleinherrscher Augustus) und vom römischen Senat die Erhebung und Bestätigung zur Königswürde von Juda, besiegte aber den Antigonus erst nach dreijährigen Kämpfen und nahm im Jahre 37 v.Chr. die Stadt Jerusalem nach dreimonatiger Belagerung ein am gleichen Jahrestag, da die Stadt vor sechsundzwanzig Jahren durch die Hand des Pompejus gefallen war. König Herodes bestellte nach seiner eigenen Willkür Hohepriester, tötete Antigonus, hielt seinen Schwiegervater Hyrkanus II. gefangen, tötete ihn im Jahre 30 v.Chr. und rottete das hohepriesterliche Geschlecht der Makkabäer, das bisher geherrscht hatte, gänzlich aus. War das ein Gericht über sie, weil sie nicht gelernt hatten, die rechtfertigende Barmherzigkeit Gottes zu verstehen? Herodes richtete die Stadtmauer wieder auf, befestigte sie, erbaute die Burg Antonia auf dem Tempelberge und begann im Jahre 20 v.Chr. den Tempel nach eigenen Plänen von Grund auf zu erneuern. In anderthalb Jahren war der innere Tempelbau durch eine gewaltige Zahl von Bauleuten errichtet, in acht Jahren der Vorhof, aber nach sechsundvierzig Jahren war man noch nicht zum Abschluß gekommen (Joh.2,20); erst im Jahr 64 n.Chr., lange nach Herodes Tod, also nur sechs Jahre vor seiner gänzlichen Zerstörung 70 n.Chr., kam er zur endgültigen Vollendung. Herodes ließ auch seine Frau, seine Schwiegermutter und zwei seiner Söhne hinrichten, und nach dem bethlehemitischen Kindermord verurteilte er auch noch einen dritten seiner erwachsenen Söhne, seinen erstgeborenen Sohn Antipater zum Tode. Fünf Tage später starb Herodes im Jahre zwei n.Chr. (gleich dem König Antiochus IV. Epiphanes 163 v.Chr.) durch die Hand Gottes an der Wurmkrankheit, an der 44 n.Chr. auch sein Enkel Herodes Agrippa II. zugrunde geht (Apg.12,21-23; vgl.Jes.51,8; Sach.14,12; Sir.19,3). k) Jesus Christus Mit dem Regierungsantritt des Königs Herodes d.Gr. ist das Zepter zunächst endgültig von Juda gewichen. Esau war es gelungen, die Herrschaft Jakobs von sich - 121 - Das Reich Gottes abzuschütteln und Jakob zu beherrschen (vgl.1.Mos.27,37-40; 5.Mos.17,15), und noch zu Herodes‘ Zeiten, - diesem Mann aus Esaus Geschlecht, - wurde Jesus Christus, der Sohn Davids und des lebendigen Gottes, der Retter aller Sünder, geboren, der König, der durch Gnade und Barmherzigkeit ewig herrschen sollte über das Volk Gottes und alle seine Feinde. Das ist der Anfang von der Erfüllung der Weissagung Bileams, daß wenn das Zepter von Juda gewichen ist, der kommt, dem die Herrschaft in Wahrheit bestimmt ist; denn ein Stern aus Jakob tritt hervor, und ein Zepter kommt aus Israel; die Richter Israels waren nun geschlagen (1.Mos.49,10; 4.Mos.24,17; Mich.4,14 - 5,1). Seite 134 Das rechtmäßige Hohepriestertum aus Aarons (Levis) Geschlecht war erloschen. Der Tod hatte diese Hohenpriester nach der alten und auch veralteten Ordnung am Bleiben verhindert. Nun kommt ein Sproß aus einem andern Geschlecht, nicht mehr aus Levi, sondern aus Juda -, damit aber auch ein anderes Hohepriestertum nach der ewig bleibenden Ordnung Melchisedeks mit einem Hohenpriester, der von den Toten auferweckt wird, der als Sieger über den Tod ein Hoherpriester ist nach der Kraft unauflöslichen Lebens, und der nun in Ewigkeit bleibt und für die Sünder immerdar eintritt, um sie zu retten (Hebr.7,11-28; 8,8-13). Aber als Herrscher über den Tod, das ist über jede Herrschaft, Gewalt und Macht, vereinigt der Auferstandene das Hohepriestertum und das Königtum wiederum in Einem, nämlich in sich, und er übt sie solange im Himmel aus, bis ihm von Gott und von gläubigen Überwindern jeder Feind zu Füßen gelegt ist, und daraufhin der auf den Plan tritt, dem der Herr die Herrschaft überträgt, durch den er sie ausübt (1.Kor.15,25; Hebr.1,13; 10,13; Offb.2,26-28; 12,5; 19,11.16). _____________ Die vierte Weltreichsherrschaft Das „vierte Weltreich“, das „Volk Gottes „ und die „christliche Gemeinde“ im Anfang der vierten Weltreichsherrschaft 1. Das vierte Weltreich im Bilde der eisernen Zähne und der zwei eisernen Schenkel a) Das vierte Weltreich nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift In unseren vorausgegangenen Betrachtungen haben wir das Schicksal des Volkes Gottes in der Zeit des ersten, zweiten und dritten Weltreiches kennengelernt. Wenn wir den weiteren Werdegang dieses Volkes Gottes innerhalb des vierten Weltreiches noch betrachen, so kommen wir dadurch zu der Zeit, die für das rechte Verständnis des göttlichen Heils- und Erlösungsratschlusses mit seinem Volk am wichtigsten ist. Die Weissagungen des Propheten Daniel über dieses vierte Weltreich sind darum nicht nur viel ausführlicher als die Weissagungen über die ersten drei Weltreiche, sondern sie sind auch viel ernster und bedeutungsvoller. Der Grund dafür besteht in erster Linie darin, weil diese vierte Weltreichsherrschaft bis zur Zeit des Endes dauert, also bis zur Wiederkunft Jesu Christi und dem Anfang der ewigen Reichsgottesherrschaft, die er durch sein auserwähltes Volk Israel aufrichtet (Dan.2,33-35; 7,7-27). Seite 135 Darüber muß Daniel weissagen: Das Reich Gottes - 122 - „In den Tagen jener Könige wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten, das ewiglich nie untergehen wird, und sein Reich wird auf kein anderes Volk übergehen. Es wird alle jene Königreiche zermalmen und ihnen ein Ende machen, es selbst aber wird ewiglich bestehen.“ (Dan.2,44) Weil dem Daniel das letzte Weltreich als ein sehr furchtbares und schreckliches Tier offenbart wurde, wünschte er Gewisseres darüber zu erfahren (Dan.7,19). Daraufhin wurde ihm u.a. gesagt: „Das vierte Tier wird das vierte Reich sein auf Erden; das wird sich von allen andern Königreichen unterscheiden und wird die ganze Erde fressen, zerstampfen und zermalmen.“ (Dan.7,23) Aber nicht nur Daniel berichtet über dieses vierte Weltreich, sondern auch Johannes schildert dieses Reich in der Offenbarung (Offb.11,7; 13,1-8; Kap.17). Dieses vierte Reich ist also das letzte von den vier Weltreichen, denen Gott die Weltreichsherrschaft für die Zeit gegeben hat, bis er seinen Willen an seinem ganzen Volke durch die Gerichts- und Gnadenwege so vollendet hat (Dan.9,24-27), daß er es aus dem Gericht seiner Zerstreuung unter den Völkern erlöst (Jer.3,18; Hes.37,21-22) und ihm die nationale Einheit wiedergibt und dazu die ewige Königsherrschaft über die Völker (Jer.3,1718). Dieser göttliche Ratschluß läßt uns erkennen, wie wichtig die Zeit ist, in der Gott sein Volk für seine endgültige Aufgabe noch in der letzten und wichtigsten Zeit bis ans Ende des vierten Weltreiches zubereitet. Wir kommen deshalb noch zu einer eingehenden Betrachtung dieses vierten Weltreiches. Das vierte Reich, auf dessen Entstehen wir bereits hingewiesen haben, besteht als das letzte weltliche Großreich bis ans Ende dieses Zeitalters (Dan.7,9.11-12.26). Die Offenbarung des Johannes schildert es in seiner letzten Form als Tier mit sieben Häuptern und zehn Hörnern mit den Worten: „Ich sah aus dem Meer ein Tier aufsteigen, das hatte sieben Häupter und zehn Hörner, und auf seinen Hörnern zehn Kronen, und auf seinen Häuptern Namen der Lästerung. Und das Tier, das ich sah, war einem Panther gleich, und seine Füße wie eines Bären und sein Rachen wie ein Löwenrachen, und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Thron und große Macht.“ (Offb.13,1-2) Der Prophet Daniel weissagt von diesem Reich: „Ich sah in den Gesichten der Nacht, und siehe, das vierte Tier war außerordentlich abstoßend, schrecklich und gewalttätig; es hatte große eiserne Zähne, fraß und zermalmte und zertrat das übrige mit den Füßen; es war ganz anders als die vorigen Tiere und hatte zehn Hörner.“ (Dan.7,7) Seite 136 In diesen Worten sind von dem vierten Weltreich drei besondere Zustände geschildert und zwar: 1. mit großen eisernen Zähnen alles fressend und zermalmend; 2. mit den Füßen das übrige zertretend; 3. (ganz anders als die vorigen Tiere) mit zehn Hörnern. Diese Zustände ensprechen an dem Standbild des Königs Nebukadnezar den drei Teilen: 1. 2. den Schenkeln, den Füßen und 3. den Zehen. Das Reich Gottes - 123 - Daniel weissagt noch darüber: „Das vierte Königreich aber wird so stark sein wie Eisen; ganz so wie Eisen alles zertrümmert und zermalmt und wie Eisen alles zerschmettert, so wird es auch jene alle zermalmen und zerschmettern. Daß du aber die Füße und Zehen gesehen hast teils aus Töpferton und teils aus Eisen, bedeutet, daß das Königreich sich zerspalten wird; aber es wird etwas von der Festigkeit des Eisens darin bleiben, gerade so, wie du gesehen hast Eisen mit Tonerde vermengt. Und wie die Zehen seiner Füße teils von Eisen und teils von Ton waren, so wird auch das Reich zum Teil widerstandsfähig und zum Teil zerbrechlich sein. Daß du aber Eisen mit Tonerde vermengt gesehen hast, bedeutet, daß sie sich zwar durch Verheiratung vermischen, aber doch nicht aneinander haften werden, wie sich ja Eisen mit Ton nicht vermischen läßt.“ (Dan.2,40-43) Damit sind drei Entwicklungszustände dargestellt. Diese entsprechen an dem Standbild Nebukadnezars den drei Teilen der Schenkel, der Füße und der Zehen. Wir kommen so zu folgender Gegenüberstellung von Ausdrücken für diese drei Entwicklungszustände: Nach Offenbarung Kapitel 13. u. 17: Nach Daniel Kapitel 7: Nach dem Standbild von Daniel Kapitel 2: 1. Das Tier Das Tier mit den Die eisernen Schenkel eisernen Zähnen Das Tier mit sieben Das Tier mit seinen Die Füße von Eisen Häuptern Füßen und Ton 3. Das Tier mit sieben Das Tier mit zehn Die Zehen von Eisen Häuptern und zehn Hörnern und Ton Hörnern In folgendem wollen wir nun versuchen, die einzelnen Reichszustände des vierten Weltreiches aus dem prophetischen Zeugnis und der weltlichen Geschichte in Verbindung mit dem Volke Gottes und mit der Gemeinde Gottes zu erkennen. Um das unter den Völkern zerstreute Volk Gottes und die Bedeutung der Gemeinde Gottes auch in der Zeit des vierten und letzten Weltreiches zu verstehen, betrachten Seite 137 wir die Zeit des vierten Weltreiches in diesen drei Zeitabschnitten, in denen das Reich im prophetischen Zeugnis gezeigt ist, indem wir auf die Stellung des Volkes Gottes und auf die Entwicklung der Gemeinde Gottes in den drei Zeitperioden der Entwicklung dieses Reiches achten. Auf diese Weise können wir im Rahmen der Reichsentwicklung die Stellung des Volkes Gottes in Verbindung mit der Gemeinde Gottes so übersichtlich verfolgen, daß das prophetische Zeugnis für die Endzeit dann, auf diese drei Gebiete zerteilt, leicht verstanden werden kann. b) Das vierte Weltreich in der Zeit der Reichseinheit Wir betrachten nun das vierte Weltreich in der Zeit der Reichseinheit. Das Standbild Nebukadnezars zeigt uns zwar von Anfang an eine Zweiteilung am vierten Weltreich, eine stärkere, als sie durch die Brust und die Arme des zweiten oder den Bauch und die Lenden des dritten Weltreiches angedeutet ist. Aber trotz dieser von Anfang an angedeuteten Zweiteilung war das vierte Weltreich doch zuerst eine einheitliche Macht. Wir finden aber, daß von der Zeit an, als das einheitliche griechisch-mazedonische Weltreich mit Alexander d.Gr. Tod aufgehört hat (323 n.chr.) und im viergeteilten Das Reich Gottes - 124 - griechischen Weltreich die Nordmacht Syrien mit der Südmacht Ägypten um die Vorherrschaft ringt, - weiter im Westen sich derselbe Kampf einer Nordmacht gegen eine Südmacht abspielt, nämlich der Kampf Roms mit Karthago. Nachdem Rom die Stämme Italiens i. J. 275 v.Chr. unter seiner Herrschaft geeinigt hat, tritt es mit der Niederzwingung Karthagos in den beiden ersten Punischen (Punisch heißt phönizisch, denn Karthago war eine phönizische Städtegründung) Kriegen (264-241; 218-201 v.Chr.) als erste Macht auf den Plan und schlägt, nachdem es Ägypten gegen Syrien in Schutz genommen hat, Antiochus III. den Großen, in der Schlacht bei Magnesia, von wo ab die Macht der Seleukiden gebrochen ist (190 v.Chr.). Mit der Errichtung des asiatischen Römerstaates (der Provinz Asien) durch Pompejus faßt Rom in Asien festen Fuß, und damit ist die Zeit der römischen Kaiser gekommen (64 v.Chr.). Oktavian, der Nachfolger der drei gemeinsamen Herrscher Julius Cäsar, Pompejus und Crassus, nimmt den Titel „Cäsar“ an, woraus „Zcar“ und „Kaiser“ geworden ist, und läßt sich „Augustus“, d.h. „der Erhabene“ nennen. Er regierte in der Zeit vom Jahre 31 v.Chr. bis zum Jahre 14 n.Chr. Mit Kaiser Augustus ging die römische Weltherrschaft von weiteren vier Claudiern aus, so daß alle zusammen heißen: 1. Augustus, 2. Tiberius, 3. Caligula, 4. Claudius, 5. Nero. Auf Nero folgten drei Soldatenkaiser: Galba, Otho und Vitellius (68-69 n.Chr.). Darnach kamen die Flavier: Vespasian, Titus, Domitian (69-79 n.Chr.). Auf Kaiser Domitian folgte Kaiser Nerva mit seiner Adoptivfamilie. Sie heißen zusammen: Nerva, Trajan, Hadrian, Antonius Pius, Marc Aurel (Markus Aurelius) und Commodus (79-192 n.Chr.). Seite 138 Dann folgen eine Reihe sogenannter „Soldatenkaiser“ (193-284 n.Chr.). Kaiser Diokletian (284-305 n.Chr.) nahm zum Mitregenten für den Westen Maximian zum Mitkaiser an, während er selbst den Osten mit der Hauptstadt Nicomedia in Bithynien behielt. Von dieser Zeit an verlegte sich der Schwerpunkt der römischen Reichsgewalt vom Westen nach dem Osten. Der folgende Kaiser Konstantin d.Gr. (306-337 n.Chr.) war zunächst der Verwalter des Westens und erkannte Licinius, den Regenten im Osten, als seinen vorgesetzten Kaiser an. Konstantin suchte jedoch die Macht über das ganze Reich zu gewinnen, geriet mit Licinius in Streit, schlug ihn im Krieg und regierte dann vom Osten aus das ganze Reich, wobei er die Stadt Byzanz an der Meerenge des Bosporus zu seiner Hauptstadt „Konstantinopel“ erhob. Ein weiterer Kaiser, Valentinian I. (364-375 n.Chr.), teilt das Reich wieder, behält den Westen für sich und gibt den Osten seinem Bruder Valens. Des Valentinian Sohn Gratian übergibt dann den Osten dem Theodosius, das ist dann Kaiser Theodosius I. d.Gr. (375395 n.Chr.). Dieser erkennt im Westen neben sich erst Clemens Maximus und dann Valentinian II. an, vereinigt nach deren Tod das Reich noch einmal für ein Jahr (394-395 Das Reich Gottes - 125 - n.Chr.), teilt dann aber das Reich unter seine beiden Söhne Honorius und Arkadius, worauf die Vereinigung nie mehr zustande kommt. Bis zum Tode Kaiser Theodosius d. Gr. kann man die beiden Schenkel des Standbildes, das Nebukadnezar im Traum gesehen hatte, als zusammengehalten und doch das ganze Reich in zwei gleichmäßige Hälften gespalten wahrnehmen. Um diese Zeit setzt die ostgermanische (Völker-) Wanderung ein, die schließlich dem Weströmischen Reich und damit dem Altertum ein Ende macht und in eine neue Zeit, in das Mittelalter, überleitet. Kaiser Honorius regierte im Westen mit der Hauptstadt Rom, und dort residierten seine Nachfolger bis zum Jahre 476 n.Chr. Der germanische Söldnerführer Odoaker setzt den letzten römischen Kaiser ab, tritt selbst die Königsherrschaft in Italien an, aber trotzdem erlischt von nun an die Bedeutung Italiens als nationale politische Einheit. Ein Versuch des Ostgotenkönigs Theoderichs d.Gr. (in der Sage bekannt als König Dietrich von Bern (Verona), um das Jahr 500 n.Chr. von Italien aus alle germanischen Stämme, die damals fast alle europäischen Länder beherrschten, zu vereinigen, mißlang. Diese germanischen Stämme waren: die Ostgoten in Italien, die Westgoten in Spanien, die Westfranken in Frankreich, die Sachsen, Ostfranken und Alemannen in Deutschland, die Langobarden, Heruler, Rugier und Gepiden in Österreich-Ungarn, die Angelsachsen in Britannien. Das Oströmische Reich mit dem Kernland Kleinasien (Pontus, Galatien, Kappadocien, Bithynien und Cilicien) besteht dagegen fast tausend Jahre weiter; 1453 n.Chr. wird es von den Türken eingenommen. Gleichwie aber schon während des Erstarkens Roms und Italiens die syrischen Länder (auch Kleinasien war vorwiegend syrisch besiedelt) einige Seite 139 hundert Jahre vor Christus im Osten mächtig waren, so blieb nun auch der Westen des Romreiches, das heutige Europa, als das Abendland im Gegensatz zum Morgenland als wichtige Macht bestehen. Die Einigung des Abendlandes wurde dann unter germanischweltlicher und römisch-geistlicher Macht angestrebt. Darum fragt es sich auch, ob man nicht in dieser Zeit des Mittelalters den ganzen Bestand des Reiches immer noch in die zwei Hälften geteilt sehen muß, gleichsam den Unterschenkeln des vom König Nebukadnezar geschauten Mannesstandbildes. Allerdings nimmt die Macht der führenden Länder Italien und Kleinasien bis dahin immer mehr ab. Es bilden sich nacheinander Reichshäupter, die die Siebenteilung des ganzen Reiches erkennen lassen. Trotz dieser Siebenteilung zeigen die zwei Schenkel und die zwei Füße des Standbildes von Nebukadnezar diese Zweiteilung auch bis zum Ende des vierten Weltreiches. 2. Das Volk Gottes in der Zeit der eisernen Zähne und der zwei eisernen Schenkel des vierten Weltreiches a) Der Begriff „Volk Gottes“ Mit der Bezeichnung „Zwölfstämmevolk Israel“ oder „Volk Gottes“ dürfen wir durchaus nicht nur an die Juden denken, die heute auf der ganzen Erde als Rasse und - 126 - Das Reich Gottes Religionsgesellschaft gut kenntlich sind. Ja, wir dürfen nicht einmal bei der Wiederherstellung des ganzen Zwölfstämmevolkes annehmen, daß die heute kenntlichen Juden den führenden Teil oder auch nur einen erheblichen Teil dazu stellen werden. Die heute bekannten Juden sind nicht das ganze Zwölfstämmevolk; sie sind nicht einmal ein oder zwei Stämme davon, sondern von den zwei Stämmen des Südreiches Juda, dem Stamm Juda und Benjamin (vgl.Esr.4,1) sind sie wieder nur ein Teil, und zwar die etlichen Zweige von Röm.11,17, die Gott der Verstockung preisgegeben hat. Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, daß die zwölf Stämme Israels (einschließlich des nicht verstockten Teils, das sind die an Jesus gläubig gewordenen ehemaligen Juden) gemessen an der Zahl der heute bekannten Juden, die etwa fünfzehn Millionen auf der ganzen Welt zählen, an die zweihundert bis dreihundert Millionen Menschen auf der Erde sind, von denen ein großer Teil der christlichen Gemeinde angehört. Wenn man bei diesem Gedanken stehenbleibt und sich immer wieder vor Augen hält, daß wir nicht das Schicksal eines kleinen Teiles zweier Stämme, sondern das in der Heiligen Schrift bezeugte Schicksal des Volkes Gottes aus allen zwölf Stämmen betrachten, so hat diese Unterscheidung ihre Bedeutung. Die Aufgabe, die wir uns in diesen Betrachtungen gesetzt haben, ist die bis heute biblisch erfaßbare Geschichte des gottesfürchtigen, christlichen Zwölfstämmevolkes Israel und die prophetisch geweissagte Geschichte dieses von Gott geliebten Volkes Gottes in der Zeit der Seite 140 vier Weltreiche, besonders in der Zeit des vierten und letzten Weltreiches, zu verstehen. b) Die Bedeutung von Gold, Silber, Erz und Eisen für den Ratschluß Gottes mit seinem Volke 1. Der Traum Nebukadnezars Ehe wir dazu übergehen, das Schicksal des Volkes Gottes in der Zeit der Reichseinheit des vierten Weltreiches zu betrachten, wollen wir zuerst zu verstehen suchen, was die in dem von Nebukadnezar geschauten Mannesstandbild aufgeführten Ausdrücke: Gold, Erz und Silber, Eisen bedeuten. Auf die Bedeutung des „Tones“, der in diesem Standbild in Verbindung mit dem Eisen auch noch vorkommt, weisen wir später noch hin. Diese verschiedene Art von Materialien, wie sie die einzelnen Körperteile in dem Standbild darstellen, weisen auf den Wert und die Eigenschaften der einzelnen Weltreiche und Völker hin. Daniel schilderte dem König Nebukadnezar seinen Traum über die vier Weltreiche mit den Worten: „Du, o König, sahest, und siehe, da war ein erhabenes Standbild. Dieses große und außerordentlich glänzende Bild stand vor dir und war furchtbar anzusehen. Das Haupt dieses Bildes war von gutem Gold, seine Brust und seine Arme von Silber, sein Bauch und seine Lenden von Erz; seine Schenkel von Eisen, seine Füße teils von Eisen und teils von Ton. Du sahest zu, bis daß ein Stein losgerissen ward ohne Handanlegung und das Bild an seine Füße traf, die von Eisen und Das Reich Gottes - 127 - Ton waren, und sie zermalmte. Da wurden miteinander zermalmt Eisen, Ton, Erz, Silber und Gold und wurden wie Spreu von den Sommertennen, und der Wind verwehte sie, daß keine Spur mehr von ihnen zu finden war. Der Stein aber, der das Bild zertrümmert hatte, ward zu einem großen Berge und erfüllte die ganze Erde.“ (Dan.2,31-35) 2. Die Bedeutung des „Goldes“ im ersten Weltreich Babylon Nachdem Daniel dem König dessen Traum gesagt hatte, deutete er ihm denselben auch. Wir geben die Deutung des Traumes so wieder, wie die Weissagungen für die einzelnen Weltreiche lauten. Von dem goldenen Haupt als dem ersten Weltreich Babylon weissagt er: „Du, o König, bist ein König der Könige, da dir der Gott des Himmels königliche Herrschaft, Reichtum, Macht und Glanz gegeben hat. Überall, wo Menschenkinder wohnen, Tiere des Feldes Seite 141 und Vögel des Himmels, hat er sie in deine Hand gegeben und dich über sie alle zum Herrscher gemacht: du bist das goldene Haupt!“ (Dan.2,37-38; vgl.Jer.25,911; 27,6-7) Aus dieser Weissagung ist unzweideutig zu erkennen, warum das erste Weltreich in seinem Vertreter, dem König Nebukadnezar, das „goldene Haupt“ genannt ist. Dieses goldene Haupt ist er nur darum, weil er der König der Könige ist und der Herrscher über alle Menschen, Tiere und Vögel. Diese alles umfassende Herrschermacht schließt auch die Herrschaft über das Volk Gottes ein. Gott selbst hat ihm diese Macht über sein Volk gegeben, weil es ungehorsam war. Zur Strafe dafür kam es in die babylonische Gefangenschaft, wodurch seine selbständige Königsherrschaft aufhörte (2.Kg.24,14-16; 25,18-21; 2.Chr.36,20-21; Jes.39,6-7; Jer.22,24-25; 24,5; 25,7-11; 27,6-7; 29,22; 52,15). 3. Die Bedeutung des „Silbers“ im zweiten Weltreich Medo-Persien Von der Brust und den Armen aus Silber als dem zweiten Weltreich Medo-Persien lautet die Deutung: „Nach dir aber wird ein anderes Reich aufkommen, geringer als du.“ (Dan.2,39) Aus diesem Zeugnis ist der Unterschied zwischen dem Wert des goldenen Hauptes und der silbernen Brust und den silbernen Armen leicht zu erkennen. Dieses zweite Weltreich ist in seinem Wert, das heißt in seiner Macht, geringer als das erste Weltreich. In der medopersischen Herrschaft durch Darius und Kores, die Träger der zweiten Weltreichsherrschaft, wird der strafende und erzieherische Wille Gottes für sein Volk nicht mehr so vollkommen dargestellt, wie das durch Nebukadnezar geschehen ist. Die Stellung der Könige dieses zweiten Weltreiches war nicht mehr vom Volkswillen so unbeeinflußt, wie es bei Nebukadnezar war. Wenn dieser Volkswille auch nur in dem Einfluß der Fürsten und Beamten des Staates, als der Diener der Könige, wirksam war, wie das beim König Darius in seiner Behandlung von Daniel gezeigt ist, den er als Folge dieses Einflusses gegen seinen Willen und ohne Grund in die Löwengrube werfen mußte (Dan.6,5-18), so ist damit das geringere Silber dieser Königsherrschaft gezeigt. Das Reich Gottes - 128 - In dieser Zeit waren die siebenzig Jahre der babylonischen Gefangenschaft, die der Prophet Jeremjas geweissagt hatte (Jer.25,11-12; 2.Chr.36,21), für das Südreich Juda abgelaufen. Das in Gottes Augen geringere, aber den Menschen gegenüber mildere Weltreich entläßt das Volk Gottes aus der Gefangenschaft in sein Land Juda (Esr.1 - 2; Neh.7,6-69), ohne daß es die frühere nationale Selbständigkeit dadurch wiedererlangt; es blieb unter der Oberherrschaft dieser zweiten Weltmacht. Seite 142 Diese geringere Silberart unterscheidet sich besonders von der wertvolleren Goldart der Königsherrschaft, wenn wir diese Befreiung des Volkes Gottes aus der babylonischen Gefangenschaft mit der Art vergleichen, die der König von Ägypten an den Tag legte in der Zeit, als ihn Gott durch viele Plagen gezwungen hat, sein Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft freizugeben (2.Mos.7,10 - 11,10). Die mildere Silberart der Meder und Perser erübrigte solche Plagen, um Israel ziehen zu lassen. 4. Die Bedeutung des „Erzes“ im dritten Weltreich Griechenland Von dem Bauch und den Lenden aus Erz, als dem dritten Weltreich Griechenland, lautet die Deutung: „ ... und darnach ein anderes, drittes Königreich, das ehern sein wird: das wird über die ganze Erde herrschen.“ (Dan.2,39) Von diesem dritten Weltreich, das die Eigenschaft des „Erzes“ hat und ehern ist, ist die Eigenschaft nicht näher bezeichnet. Es ist damit nur die Alleinherrschaft Alexanders des Großen über die ganze Erde angedeutet (Dan.8,5-7.21). Die eherne Eigenschaft ist deshalb die Fähigkeit, eine solche Herrschaft zu entfalten, die fester ist, als sie das Silber darstellte. Von diesem Erz sagt Daniel am wenigsten. Das dritte Weltreich muß deshalb für das göttliche Walten mit seinem Volk die geringste Bedeutung haben. Unter der Herrschaft Alexanders des Großen war das Volk Gottes im Südreich Juda dieser Macht unterworfen, bis das dritte Weltreich in vier Reiche geteilt wurde (Dan.8,8.22) und das Volk Gottes in dieser Zeit sein nationales Dasein in Verbindung mit der syrischen Nordmacht und der ägyptischen Südmacht so lange fristen mußte (Dan.11,6.8.9.11.13.25), bis der Träger der vierten Weltmacht, der römische Kaiser Augustus, alle Völker seiner Macht unterworfen hatte. 5. Die Bedeutung des „Eisens“ im vierten Weltreich Rom Eine sehr ausführliche Deutung gibt Daniel dem König Nebukadnezar über die Schenkel aus Eisen als dem vierten Weltreich. Er erklärt ihm dieses Reich mit den Worten: „Das vierte Königreich aber wird so stark sein wie Eisen; ganz so wie Eisen alles zertrümmert und zermalmt und wie Eisen alles zerschmettert, so wird es auch jene alle zermalmen und zerschmettern.“ (Dan.2,40) Die Eigenschaft und der Wert des vierten Weltreiches sind mit „Eisen“ bezeichnet. Von diesem letzten Reich sagt Daniel am meisten (Dan.2,33-34.40-43; 7,7-8.11.19-26; vgl.Dan.8,9-14; 9,26-27), deshalb muß es auch die wichtigste Offenbarung des göttlichen Das Reich Gottes - 129 - Ratschlusses für sein Volk und die übrigen Völker enthalten. Die Eigenschaft des Eisens ist die Stärke; es zertrümmert, zermalmt und zerschmettert. Seite 143 In dem Gesicht, das Daniel von diesem vierten Weltreich bekommen hat, sagt er noch: „Das vierte Tier war außerordentlich abstoßend, schrecklich und gewalttätig; es hatte große eiserne Zähne, fraß und zermalmte und zertrat das übrige mit den Füßen; es war ganz anders als die vorigen Tiere und hatte zehn Hörner.“ (Dan.7,7) Mit diesen Worten ist klar die Eigenschaft des Eisens gegenüber dem Erz, Silber und Gold der früheren Reiche unterschieden. Der Wert der Herrschaftsstellung der Könige der vier aufeinanderfolgenden Weltreiche geht immer mehr zurück. Das Gold stellt die göttliche Ordnung dar, nach der Nebukadnezar die Königsmacht als gottgewollte Zuchtrute für das Volk Gottes ist (Jer.24,5-7). Darauf folgt die weniger wertvolle Silber-Herrschaft aus den Völkern, die sich wieder mit der Herrschaft des Volkes Gottes zusammenschließt. Die Silberart der Medo-PerserMacht ist dem Volke Gottes milder gesinnt und nimmt auch den mitbestimmenden Einfluß vom Volke Gottes, wie von Daniel, von Esra und Nehemja auf. Aber die Königsmacht der Medo-Perser ist in dieser Zeit für das Volk Gottes doch kein Gold, sondern eben nur geringeres Silber. Die Erz-Herrschaft des dritten Weltreiches schließt den in der Weltherrschaft mitbestimmenden Einfluß von seiten des Volkes Gottes wieder völlig aus. Es nimmt diesen Einfluß nicht auf wie das Silber, läßt ihn aber selbständig für das Volk Gottes noch bestehen. Das ist die Zeit, in der die griechische Philosophie der menschlichen Weisheit sich neben dem Einfluß des Volkes Gottes entfaltet, deshalb nimmt sie diesen letzteren nicht auf. Zuletzt folgt dann die Eisen-Herrschaft, durch die der Rest der Macht des Volkes Gottes gründlich zertrümmert wird. Das Eisen bringt nun völlige Klärung zwischen der Herrschermacht der Völkerwelt und dem Einfluß des Volkes Gottes. Die Eisen-Herrschaft der Völkerwelt kennt gegen den Einfluß des Volkes Gottes keine Milde oder Rücksicht mehr; sie zertrümmert diesen Einfluß völlig. Das erklärt Daniel durch die Eisenart dieses vierten Weltreiches. Dieses Reich ist in zwei Schenkel, zwei Füße und zehn Zehen zerteilt. Der Anfang des Reiches in den Schenkeln ist ganz aus Eisen (Dan. 2,32.40), d.h. in dieser Zeit hat das herrschende Volk dieses Reiches die alleinige Macht und übt dieselbe so vollkommen aus, daß es die Macht und den Einfluß des Volkes Gottes wieder so gründlich vernichtet, wie das der König Nebukadnezar in der Zeit des ersten Weltreiches getan hat. Die römischen Kaiser haben das Volk Gottes in die römische Gefangenschaft geführt, damit dasselbe von ihnen wieder genau so für seinen Abfall von Gott gestraft wurde, wie Nebukadnezar das ausführen mußte. Nur bewirkt die Eisenart dieses Volkes die von Gott gewollte Zucht zur Besserung des Volkes Gottes nicht so, wie sie die siebzig Jahre der babylonischen Gefangenschaft als die von Gott gegebene Goldordnung Nebukadnezars ausgewirkt Seite 144 - 130 - Das Reich Gottes haben. Auch das mit dem Volke Gottes sich vermischende Silber fehlt dem Eisen und dazu auch noch das Erz, das trotz seiner weltlichen Übermacht doch das Volk Gottes noch duldete. Die Vermischung mit dem Volke Gottes und sogar die geringste Duldung desselben hört nun durch die Eisen-Herrschaft in der ersten Zeit des vierten Weltreiches völlig auf. Das Volk Gottes muß es gründlich erfahren, daß Eisen alles zertrümmert, zermalmt und zerschmettert und daß diese Reichsmacht tatsächlich ganz anders ist, als sie bei den anderen Reichen war. Währenddem die Meder und Perser im zweiten Weltreich, sowie die Griechen, Syrer und Ägypter im dritten Weltreich das Volk Gottes noch duldeten und ihnen eine gewisse Freiheit gewährten, hört dies in der Zeit des vierten Weltreiches völlig auf. Diesmal dauert aber die Gefangenschaft des Volkes Gottes, nachdem sie mit der Verwerfung Jesu die ihnen angebotene Gnadenrechtfertigung und Errettung vom Tode verworfen hatten, nicht wie das erste Mal nur eine Zeit von siebenzig Jahren, sondern bis die Herrschaft der vier Weltreiche am Ende des vierten und letzten Weltreiches zu Ende ist und dann das ganze Volk Gottes aus der Gefangenschaft und Verbannung unter den Völkern wieder gesammelt wird und es durch seinen König der Gerechtigkeit wieder der Träger der Gottesgerechtigkeit unter den Völkern für tausend Jahre wird (Jes.16,5). Das ist die Bedeutung, die das Eisen hat für die Zeit, in der das Eisen-Volk des vierten Weltreiches allein in der Weltmacht ist und in dieser Zeit auch die Weltmacht unbeeinflußt durch irgendeine andere Macht ganz allein ausübt. Die Fortsetzung des Traumes Nebukadnezars und die Deutung desselben durch Daniel über den „Ton“ in Verbindung mit dem Eisen betrachten wir, wie bereits angedeutet, in den späteren Abhandlungen vom zweiten und dritten Abschnitt der Weltreichsherrschaft des vierten Weltreiches. c) Das Südreich Juda im Anfang der vierten Weltreichsherrschaft 1. Das Südreich Juda und sein König Jesus Christus Wir sind in unserer Betrachtung der Geschichte des Volkes Gottes in der Zeit der Völkerentwicklung bis zum Auftreten ihres Königs, unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus, an den Anfang des vierten Weltreichs, gekommen. Jesus wurde zur Zeit, als Augustus Kaiser war, als „Sohn Davids“ von der Jungfrau Maria geboren (Luk.2,1-7). Sein Erscheinen und seine Unterweisung bewegten sich im Zeugnis und in der Weissagung der Propheten, deren letzter und größter Johannes der Täufer war. Er wurde sechs Monate früher als Jesus geboren und bereitete ihm den Weg (Luk.1,57-80; 1,13-17; Mal.3,1; Matth.3,1-12). Jesu Schicksal erfüllte sich so, wie es die Propheten verkündigt hatten. Gottes Volk verlangte, daß die damals maßgebende Gerichtsbarkeit der römischen Vorherrschaft ihn (- nach Gottes vorbedachtem Rat und Heilsplan -) Seite 145 zum Tode verurteilte und hinrichtete am Kreuz (Matth.27,11-44; Mark.Kap.15; Luk.23,1-31; Joh.18,28 bis Kap.19,30). Ihn hat Gott von den Toten auferweckt und zu seiner Rechten in den Himmeln gesetzt nach der Weissagung der Heiligen Schrift (Ps.16,8-11; 110,1). Das Reich Gottes - 131 - Diese Tatsache ist uns von den von Gott vorher verordneten Zeugen treu und gewissenhaft berichtet, die mit ihm nach seiner Auferstehung gegessen und getrunken haben (Apg.2,22-36; 3,12-18; 4,8-12; 13,23-41; 26,6-23; Röm.1,1-4.16-18; 10,6-11; 1.Kor.15,1-9 u.a. Stellen m.). Die große Kraft, mit welcher Jesu Auferweckung aus den Toten und seine Heilsbedeutung nach der Ausgießung des heiligen Geistes von den durch Gott zuvor bestimmten Zeugen verkündigt wurde, schuf den Boden der christlichen Gemeinde aus einer Auslese aus Israel und aus einer Auswahl aus den Heiden. 2. Das Verhältnis zwischen dem vierten Weltreich und dem Südreich Juda Wir müssen uns darüber klar werden, in welchem Verhältnis das vierte Weltreich in der Zeit der eisernen Zähne und der zwei ehernen Schenkel zu dem Volk Gottes steht. In der Zeit des vierten Weltreiches müssen wir zwei Seiten in der Geschichte des Volkes Gottes ins Auge fassen: 1. Das Südreich Juda und das Nordreich Israel während der Herrschaft des vierten Weltreiches. 2. Das Verhältnis dieses Volkes zur christlichen Gemeinde. Am Ende des vierten Weltreiches findet sich das nationale Volk Israel und der Teil dieses Volkes, der unter den übrigen Völkern zerstreut und auch in der christlichen Gemeinde ist, wieder auf einem Boden zum Heil aller übrigen Völker. Bis dahin ist das Geschick der beiden Seiten, die des nationalen Volkes Israel und des Israels, das unter den Völkern zerstreut und in der christlichen Gemeinde ist, aufs innigste verflochten mit dem Geschick und den Wandlungen des vierten und letzten Weltreichs, das heute schon auf eine zweitausendjährige Geschichte zurückblickt. Wenn dem Daniel das vierte Tier als das vierte Weltreich in seiner Wesensart so außerordentlich abstoßend, schrecklich und gewalttätig gezeigt wurde, indem es die drei vorausgegangenen Weltreiche zerschmettert und zermalmt, so läßt uns das ohne weiteres ahnen, daß dieses vierte Weltreich auch zum auserwählten Volk Gottes eine feindliche Stellung einnimmt. Unzweideutig klar zeigen die Weissagungen Daniels diese Feindschaftsstellung des vierten Weltreiches zur Zeit seiner letzten Form, worüber wir später noch hören. Doch gearde daraus müssen wir schließen, daß diese Feindschaftsstellung gegen das Volk Gottes während der ganzen Herrschaftsdauer dieses vierten Weltreiches vorhanden ist. Diese Tatsachen beweisen uns schon die in diesem ersten Zeitabschnitt gemachten Erfahrungen, wie sie uns in Gottes Wort berichtet sind. Wir haben am Schluß der Betrachtungen des dritten Weltreichs schon darauf hingewiesen, daß durch den Regierungsantritt des Königs Herodes Seite 146 d.Gr. das Zepter endgültig von Juda gewichen ist. Das Volk Gottes war von dieser Zeit an unter römischer Herrschaft. Nur so können wir es verstehen, daß der König Herodes das geborene Jesuskindlein umbringen wollte, nachdem er von den Weisen aus dem Morgenland und den Schriftgelehrten gehört hatte, daß ein neuer König der Juden geboren worden sei (Matth.2,2). Das Reich Gottes - 132 - Das zeigt uns, wie die Feinde Gottes und seines Volkes von Anfang an, nachdem Gott die Ordnung zur Aufrichtung seiner ewigen Reichsherrschaft geoffenbart hat, diese Wahrheit bekämpften und das Zustandekommen der göttlichen Heilsabsichten mit seinem Volk verhindern wollten. Wenn Pilatus später Jesus Christus kreuzigen ließ, so tat er das zwar unter dem Einfluß und dem Zwang der Juden und konnte seiner Meinung nach seine Hände in Unschuld waschen und sagen: „Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten!“ (Mark.27,24) Aber wenn er nicht unter demselben Geist der Gottesfeindschaft gestanden hätte, unter dem die Juden zu der Zeit noch standen (vgl.Hes.2,3), der der Aufrichtung der ewigen Reichsgottesherrschaft entgegen ist, hätte er Jesum doch nicht kreuzigen können, auch wenn er von den haßerfüllten und verstockten Juden vor dem Kaiser verklagt worden wäre, weil er ihrem Verlangen nicht entsprach, Jesum zu kreuzigen. Die Feindschaft, die gegen Jesus, den Vertreter des Volkes Gottes, gerichtet war, richtete sich gegen das ganze Volk Israel und gegen Gottes Willen, den er mit diesem Volk hinausführen wollte. Das beweist schon der Kindermord in Bethlehem, durch den das Wort des Propheten Jeremja sich erfüllte: „Eine Stimme wird auf der Höhe vernommen, bitterliches Klagen und Weinen: Rahel beweint ihre Söhne und will sich nicht trösten lassen wegen ihrer Söhne, denn sie sind nicht mehr!“ (Jer.31,15; Matth.2,18) Nach Jesus wurden die Apostel als die Verkündiger des Reiches Gottes von den Römern verfolgt. Herodes tötete Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert (Apg.12,2). Weil er sah, daß das den verstockten Juden gefiel, ließ er Petrus gefangennehmen und im Gefängnis in den Stock spannen (Apg.12,3-5). Wie Gott über die Handlungsweise dieses Königs urteilt, sagt uns der Zusammenhang, in dem dieses Zeugnis steht; denn im gleichen Kapitel heißt es von Herodes: „An einem bestimmten Tage zog Herodes ein königliches Kleid an und setzte sich auf den Thron und hielt eine Rede an sie. Das Volk aber rief ihm zu: ‚Das ist Gottes Stimme und nicht eines Menschen!‘ Alsobald aber schlug ihn der Engel des Herrn, weil er Gott nicht die Ehre gab; und von Würmern gefressen, verschied er.“ (Apg.12,21-23) Bereits in der Zeit, als das Südreich Juda in der babylonischen Gefangenschaft war, mußte der Prophet Hesekiel diesem Volk noch eine vierzig Jahre lang dauernde Zeit der Missetat anzeigen. Die Worte darüber lauten: „Lege dich das zweite Mal auf deine rechte Seite und trage die Missetat des Hauses Juda vierzig Tage lang; je einen Tag will ich dir für Seite 147 ein Jahr auflegen. So richte nun dein Angesicht und deinen entblößten Arm zur Belagerung Jerusalems und weissage wider sie.“ (Hes.4,6-7; vgl.Hes.Kap.5) Diese vierzig Jahre, während deren das Volk Juda im Südreich in der Missetat lebte, begannen mit dem Tod Jesu und der Verwerfung ihres Heils, bis 70 n.chr. Jerusalem durch die Römer zerstört wurde. Unter Kaiser Claudius (41-54 n.Chr.) wurden die Juden bereits bedrängt, er zwang sie, von Rom zu weichen. Auch war zu seiner Zeit eine Teuerung in Palästina. Wir Das Reich Gottes - 133 - erkennen daraus, wie der treue Herr nichts unversucht ließ, seinem Volk das Heil nahezulegen, selbst wenn es eine Züchtigung durch Hunger und Verfolgung erforderte. Noch ehe aber Titus Kaiser wurde, vernichtete er i. J. 70 n.Chr. Jerusalem und den Tempel nach verzweifelter Gegenwehr der Juden. Das Gericht, das dadurch über Gottes Volk erging, war noch viel furchtbarer als das unter Nebukadnezar, nachdem sie in vierzigjähriger Missetat das Heilszeugnis von der durch Christus vollbrachten Erlösung, besonders vom Auferstandenen, welcher vierzig Tage unter ihnen gewandelt war, abgelehnt und seine Zeugen verfolgt, gesteinigt, enthauptet und gekreuzigt hatten. Mit der Zerstörung Jerusalems wurde auch der Teil des Südreichs Juda, der seit der babylonischen Gefangenschaft wieder in Palästina war, unter die Völker des vierten Weltreiches zerstreut, so daß von dieser Zeit an das ganze Volk Israel der zwölf Stämme unter den übrigen Völkern zerstreut ist. Unter Kaiser Hadrian (117-138 n.Chr.) entstand wieder ein Judenaufstand, in dem die Juden noch viel schrecklicher niedergeschlagen wurden als zur Zeit der Zerstörung der heiligen Stadt und des Tempels. Auf diese Weise ist gezeigt, wie das vierte Weltreich schon vom Anfang seiner Herrschaftszeit an ein Feind des Volkes Gottes und darum auch ein Feind des Ratschlusses Gottes ist, den er mit seinem auserwählten Volk hinausführen will. d) Die von Gott dem Volke Gottes gegebenen Verheißungen als Beweis für das Vorhandensein aller zwölf Stämme Israels in der ganzen Zeit der vierten Weltreichsherrschaft 1. Notwendige Erkenntnis über das Nordreich Israel aus dem Worte Gottes Wie bereits erwähnt, dürfen wir bei der Betrachtung des Volkes Gottes in der Zeit des vierten Weltreiches nicht nur an das „Südreich Juda“ denken, das uns durch das Wort Gottes und durch die weltliche Geschichte aus der Zeit des vierten Weltreiches bekannt ist. Wenn auch die weltliche Geschichte des vierten Weltreiches von den übrigen zehn Stämmen des Nordreiches Israel nichts berichtet, so ist das kein Grund dafür, anzunehmen, daß diese zehn Stämme des „Nordreiches Israel“ in der Zeit des vierten Weltreiches gar nicht mehr vorhanden seien. In Jes.25,7 lesen wir die Worte: „Auch wird er (Gott) auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, womit alle Völker verhüllet sind.“ Seite 148 Aus diesem Zeugnis können wir das geheimnisvolle Walten Gottes mit den Völkern und darum auch mit seinem auserwählten Volk erkennen. Wenn das ganze Zwölfstämmevolk Israel heute unter den Völkern als ein einheitliches Volk nicht bekannt ist, so muß daraus geschlossen werden, daß Gott auf seine geheimnisvolle Weise das Vorhandensein des größten Teiles seines Volkes verborgen hat. Doch wenn die Zeit gekommen ist, von der der Prophet weissagt, so wird Gott selbst seiner Verheißung gemäß, die Decke von seinem Volk wegnehmen. Das geschieht aber auf keine andere Art und Weise als dadurch, daß Gott das prophetische Wort aufschließt, in welchem er das Schicksal seines Volkes von frühester Zeit an weissagen ließ. Darum kann die Lücke Das Reich Gottes - 134 - in der weltlichen Geschichte über das Schicksal des Volkes Gottes, besonders der zehn Stämme des „Nordreiches Israel“, nur durch das rechte Verständnis des Wortes Gottes ausgefüllt werden. Wenn wir die Geschichte des Volkes Gottes so kennenlernen wollen, daß wir daraus die Ereignisse der Entwicklung der Zeit beurteilen können, so ist es notwendig, daß man nebst dem bekannten Teil dieses Volkes auch auf den viel größeren, bis heute unter den Völkern unbekannten Teil desselben, achtet. Denn dieser größere Teil des Israelvolkes ist für die Entwicklung und endliche Vollendung des Ratschlusses Gottes mit seinem Volk in der Zeit des vierten Weltreiches von ausschlaggebender Bedeutung. Ohne die rechte Erkenntnis dieses Volksteiles kann auch die Absicht Gottes in der christlichen Gemeinde und besonders die Entwicklung derselben bis zur Aufrichtung der ewigen Reichsgottesherrschaft durch sein auserwähltes Volk nicht erkannt, anerkannt und geglaubt werden. Wir wollen deshalb aus dem Wort Gottes erkennen lernen, wie dieses Volk der zehn Stämme des „Nordreiches Israel“ nach dem Ratschluß Gottes in der Heiligen Schrift gezeigt ist. 2. Abraham, der Träger der göttlichen Verheißungen Um über das Vorhandensein des „Nordreiches Israel“ als der zehn Stämme des Volkes Gottes auch während der Zeit des vierten Weltreiches aus dem Worte Gottes die nötige Klarheit zu erlangen, müssen wir in erster Linie auf die göttlichen Verheißungen achten, die Gott seinem einheitlichen Volk der zwölf Stämme gegeben hat. Wir begegnen denselben zuerst im Leben Abrahams, des Stammvaters des Volkes Gottes. Diesem auserlesenen Werkzeug sagte Gott in Haran, wohin Abraham mit seinem Vaterhaus von Ur in Chaldäa gekommen war: „Geh‘ aus von deinem Land und von deiner Verwandtschaft und von deines Vaters Hause in das Land, das ich dir zeigen will! So will ich dich zu einem großen Volke machen und dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dir fluchen; und durch dich sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden!“ (1.Mos.12,1-3) Seite 149 „Deinem Samen will ich dies Land geben!“ (1.Mos.12,7) In diesen Worten ist dem Abraham und seiner Nachkommenschaft ein Land verheißen und damit der Segen seines Gottes verbunden. Nachdem Abraham Gott gehorsam war und ins Land Kanaan gezogen war, bekam er eine zweite Verheißung; sie lautet: „Hebe doch deine Augen auf und schaue von dem Orte an, da du wohnest, nach Norden, Süden, Osten und Westen! Denn das ganze Land, das du siehst, will ich dir und deinem Samen auf ewig geben. Und ich will deinen Samen machen wie den Staub auf Erden; wenn ein Mensch den Staub auf Erden zählen kann, so soll man auch deinen Samen zählen. Mache dich auf, durchziehe das Land seiner Länge und Breite nach! Denn dir will ich es geben.“ (1.Mos.13,14-17) Das Reich Gottes - 135 - Nun aber Sara, Abrahams Weib, unfruchtbar war (1.Mos.11,30), und als Abraham deshalb besorgt war, daß sein Knecht Elieser aus Damaskus in Syrien einmal der Erbe seines Hauses sein könnte (1.Mos.15,2-3), mußte er von seinem Gott wieder vernehmen: „Dieser soll nicht dein Erbe sein, sondern der von dir selbst kommen wird, der soll dein Erbe sein! Und er führte ihn hinaus und sprach: Siehe doch gen Himmel und zähle die Sterne, wenn du sie zählen kannst! Und er sprach zu ihm: Also soll dein Same werden!“ (1.Mos.15,4-5) Zur Bestätigung machte Gott noch einen Bund mit Abraham und verlangte: „Bringe mir eine dreijährige Kuh und eine dreijährige Ziege und einen dreijährigen Widder und eine Turteltaube und eine junge Taube.“ (1.Mos.15,9) Weil Abraham Gott wiederum gehorchte und den Bund mit Gott machte (1.Mos.15,10), folgt dann die göttliche Zusage: „Deinem Samen habe ich dieses Land gegeben, vom Fluß Aegyptens bis an den großen Strom, den Euphrat: die Keniter, die Kenisiter, die Kadmoniter, die Hethiter, die Pheresiter, die Rephaiter, die Amoriter, die Kanaaniter, die Girgasiter und die Jebusiter.“ (1.Mos.15,18-21) „Siehe, ich bin der, welcher im Bunde mit dir steht, und du sollst ein Vater vieler Völker werden. Darum sollst du nicht mehr Abram (hoher Vater) heißen, sondern Abraham (Vater einer Menge) soll dein Name sein; denn ich habe dich zu einem Vater vieler Völker gemacht. Und ich will dich sehr, sehr fruchtbar machen und will dich zu Völkern machen, auch sollen Könige von dir herkommen. Und ich will meinen Bund aufrichten zwischen mir und zwischen dir und zwischen deinem Samen nach dir in ihren Geschlechtern, daß es ein ewiger Bund sei, also, daß ich dein Gott sei und deines Samens nach dir. Und ich will dir und deinem Samen nach dir das Land geben, darin du ein Fremdling bist, nämlich das ganze Land Kanaan, zur ewigen Besitzung, und ich will ihr Gott sein.“ (1.Mos.17,4-8) Als Zeichen dieses ewigen Bundes, den Gott mit Abraham und seinem Seite 150 Samen geschlossen hatte, mußten sie die Ordnung der Beschneidung für alle Zeiten befolgen (1.Mos.17,9-14). Als es sich später um die Erbschaft zwischen Ismael und Isaak handelte, offenbarte sich Gott seinem Knecht aufs neue und sagte ihm deshalb, weil Abraham mit der Forderung seines Weibes, die Magd Hagar mit Ismael, ihrem Sohn, aus dem Hause zu treiben, nicht einverstanden war (1.Mos.21,10-11): „Es soll dir das nicht mißfallen! Höre auf alles, was Sara dir sagt wegen des Knaben und deiner Magd; denn in Isaak soll dir ein Same berufen werden. Und ich will auch der Magd Sohn zum Volke machen, weil er deines Samens ist.“ (1.Mos.21,12-13). Weil dann Abraham auch seinen geliebten Sohn Isaak nach dem göttlichen Befehl opfern wollte (1.Mos.22,1-14), verheißt ihm Gott wiederum mit einem Schwur: „Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der Herr, weil du solches getan und deines einzigen Sohnes nicht verschont hast, daß ich dich gewiß segnen und deinen Samen mächtig mehren will wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Rande des Meeres. Und dein Same soll die Tore seiner Feinde besitzen.“ (1.Mos.22,16-18) Durch diese Entwicklungsschule wurde zuletzt Abrahams Glaube vollendet, und das bedeutete für ihn, daß er nun im Besitz der ihm von Gott verheißenen Gerechtigkeit ein Freund Gottes war (Jak.2,21-23). In der Stellung dieses Stammvaters des Volkes Gottes und des Vaters aller Gläubigen, die aus seinen Nachkommen und aus den Heiden sind - 136 - Das Reich Gottes (Röm.4,9-17), liegt nun die Garantie, daß sich auch alle von Gott dem Abraham und seinen Nachkommen und allen Gläubigen gegebenen Verheißungen erfüllen müssen, indem der Verheißungen „Ja“ und „Amen“ in Christo Jesu, dem Sohne Gottes, dem wahren Isaak offenbar wird (2.Kor.1,20). Kurz zusammengefaßt sind die göttlichen Verheißungen an Abraham die folgenden: 1. Gott macht mit Abraham und seinem Samen und ihren Geschlechtern einen ewigen Bund (1.Mos.17,7.19; vgl.2.Kg.13,23; Ps.111,5-9; Richt.2,1; Luk.1,72-73; 1.Chr.16,15-17; 2.Chr.9,8; Ps.105,8-10). 2. Abraham und seinem Samen ist das Land Kanaan erblich und für ewig verheißen (1.Mos.12,1; 13,14-15; 15,7-8.18-21; 17,7-8; 24,7; 2.Mos.6,4-5; 32,13; Jos.14,9; Richt.2,1; 2.Chr.20,7; Ps.105,8-11; Jes.60,21). 3. Gott will Abraham einen großen Namen machen (1.Mos.12,2). 4. Gott will Abraham sehr, sehr fruchtbar machen (1.Mos.17,6). 5. Abrahams Same soll werden wie der Staub auf Erden, unzählbar groß (1.Mos.13,16; 17,2.4). 6. Gott will Abrahams Samen mächtig mehren wie den Sand am Rande des Meeres (1.Mos.22,17). Seite 151 7. Abrahams Same soll an Zahl werden wie die Sterne des Himmels (1.Mos.15,5; 22,17; Jes.60,22). 8. Er soll zu einem großen Volke, zu Völkern und Nationen werden, aus denen Könige hervorgehen (1.Mos.12,2; 17,4-7.15-16). 9. Abraham ist der Vater vieler Völker (1.Mos.17,4-5). 10. Er soll ein Segen sein (1.Mos.12,2). 11. Durch ihn und seinen Samen sollen alle Geschlechter und Völker der Erde gesegnet werden (1.Mos.12,3; 22,17; Röm.4,11-17; Gal.3,7-9). 12. Gott segnet diejenigen, die Abraham segnen (1.Mos.12,3), 13. und verflucht die, die Abraham fluchen (1.Mos.12,3). 14. Abrahams Same soll die Tore seiner Feinde besitzen (1.Mos.22,17). 3. Isaak, der Träger der göttlichen Verheißungen Weil Abraham der Stimme Gottes gehorsam war, wurde sein ihm von Gott verheißener Sohn Isaak der zweite Träger der göttlichen Ewigkeitsverheißungen (1.Mos.26,45). Im Leben Isaaks, den Gott selbst dem Abraham als seinen Erben bestimmt hatte, finden wir die Fortsetzung der göttlichen Ewigkeitsverheißungen. Ismael und die übrigen Kinder, die Abraham nach Saras Tode noch von der Ketura geboren wurden, sind von diesem Erbe ausgeschlossen. Wie bei seinem Vater Abraham beziehen sich die Verheißungen, die Isaak von Gott bekommt, wieder auf das „Land“, die „Mehrung seiner Nachkommen“ und den „Segen für ewige Zeiten“. Gott sagt dem Isaak in Gerar, wohin er um der Teuerung willen gezogen war: „Reise nicht nach Aegypten hinab, sondern bleib in dem Lande, das ich dir sage! Sei ein Fremdling in diesem Lande, und ich will mit dir sein und dich segnen; denn dir und deinem Samen will ich dieses ganze Land geben und will den Eid bestätigen, den ich deinem Vater Abraham geschworen habe, und will deinen Samen mehren wie die Sterne des Himmels und will deinem Samen das ganze Land geben, und durch deinen Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden; weil Abraham meiner Stimme gehorsam gewesen und meine Rechte, meine Gebote, meine Sitten und meine Gesetze gehalten hat.“ (1.Mos.26,2-5) In Beerseba erschien ihm der Herr abermals und sprach: Das Reich Gottes - 137 - „Ich bin der Gott deines Vaters Abraham. Fürchte dich nicht! Denn ich bin mit dir und will dich segnen und deinen Samen mehren um Abrahams, meines Knechtes willen.“ (1.Mos.26,24) Isaaks Ende zeigt zwar seinen Glauben nicht in einem so klaren Licht der Vollendung, wie sein Vater Abraham diese Glaubensvollendung aufweist (1.Mos.27,1-4), aber trotzdem ist er ein Glied in der Kette des Volkes Gottes, an dem sich die göttlichen Verheißungen erfüllen müssen. Seite 152 Kurz zusammengefaßt sind die göttlichen Verheißungen an Isaak, den Sohn Abrahams, die folgenden: 1. Gott will mit Isaak sein und ihn segnen (1.Mos.26,3.24). 2. Er erneuert seinen Bund, den er mit Abraham gemacht hat, und verheißt Isaak und seinem Samen mit einem Eide das ganze dem Abraham verheißene Land (1.Mos.26,2-3). 3. Gott will Isaaks Samen mehren wie die Sterne des Himmels (1.Mos.26,4.24). 4. Durch Isaaks Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden (1.Mos.26,4). 4. Jakob, der Träger der göttlichen Verheißungen Der nun folgende Träger dieser göttlichen Ewigkeitsverheißungen unter den Stammvätern des Volkes Gottes war Jakob. Jakob hat seinen Platz als göttliches Werkzeug der Untreue seines älteren Bruders Esau zu verdanken (1.Mos.27,34-38; Hebr.12,16-17). Zuerst war es sein Vater Isaak selbst, der ihn, - gemäß der göttlichen Vorausbestimmung schon im Mutterleib (1.Mos.25,21-26; Röm.9,10-13) - vor seinem Sterben durch seinen Segen zum Träger der göttlichen Verheißung verordnete. Der Segen Isaaks für Jakob lautet: „Der allmächtige Gott segne dich und mache dich fruchtbar und mehre dich, daß du zu einer Volksgemeinde werdest, und gebe dir den Segen Abrahams, dir und deinem Samen mit dir, daß du besitzest das Land, darin du ein Fremdling bist, das Gott dem Abraham gegeben hat!“ (1.Mos.28,3-4) Gott selbst hat Jakob, dem Stammvater des Zwölfstämmevolkes Israel, im Traum die folgende Verheißung gegeben: „Ich bin Jehova, Abrahams, deines Vaters, Gott und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinem Samen geben. Und dein Same soll werden wie der Staub auf Erden, und gegen Abend und Morgen und Mitternacht und Mittag sollst du dich ausbreiten, und durch dich und deinen Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden! Und siehe: Ich bin mit dir, und ich will dich behüten allenthalben, wo du hinziehst, und dich wieder in dieses Land bringen. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich getan, was ich dir gesagt habe.“ (1.Mos.28,13-15) Weil Jakob nach Empfang dieser göttlichen Verheißung in einem fremden Lande bei seinem Schwiegervater Laban erst einen Hausstand gründete (1.Mos.Kap.29-30), muß ihn Gott nach dem langen Verlauf von zwanzig Jahren auffordern: „Kehre in das Land deiner Väter und zu deiner Verwandtschaft zurück; ich will mit dir sein!“ (1.Mos.31,3) Doch erst, als er in seiner natürlichen Jakobsart eine Nacht, bis die Morgenröte anbrach, um den Segen mit Gott gerungen hatte und auf die Frage: „Wie heißest du?“, Seite 153 Das Reich Gottes - 138 - nun seine Prüfung bestehen konnte, bekam er einen neuen Namen (1.Mos.32,25-29). Zwanzig Jahre früher wollte er um des Segens der Erstgeburt willen in den Augen seines Vaters Isaak nicht der „Jakob“ sondern der „Esau“ sein (1.Mos.27,19-29). Als er nun seinem Bruder Esau bei der Rückkehr in seines Vaters Erbland begegnen sollte (1.Mos.22,4-24), dessen Segen er zwanzig Jahre früher durch diesen Betrug an sich gebracht hatte, und um dessentwillen Esau ihm tödliche Rache geschworen hatte (1.Mos.27,41-44), da nannte er auf die Frage: „Wie heißest du?“ keinen falschen Namen mehr; jetzt wollte er seinem Gott gegenüber der rechte Jakob sein (1.Mos.32,28), wenn es galt, den Segen von Gott zu bekommen. Nun sagte ihm aber Gott: „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel (Gotteskämpfer); denn du hast mit Gott und Menschen gekämpft und hast gewonnen!“ (1.Mos.32,29) Als Jakob Gott bat: „Tue mir deinen Namen kund!“, erhielt er von ihm die Antwort: „Warum fragst du nach meinem Namen?’ ‘Und er (Gott) segnete ihn daselbst“ (1.Mos.32,30), lautet der Bericht weiter. Aber trotz der erfolgten Versöhnung mit seinem Bruder Esau mußte doch sein Gott ihm noch ein zweites Mal erscheinen, ihn segnen und ihm sagen: „Dein Name ist Jakob, aber du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel soll dein Name sein!“ (1.Mos.35,10) Von dieser Zeit an nannte Jakob sich Israel. Aus diesem Grunde und weil er Gott gehorsam war, indem er in das Land seiner Väter übersiedelte und als Hauspriester alle Götzen entfernen ließ (1.Mos.35,2-5), wurden ihm die Verheißungen, die Gott seinen Vätern Abraham und Isaak gegeben hatte, aufs neue wiederholt. Gott sagte ihm: „Ich bin der allmächtige Gott; sei fruchtbar und mehre dich! Ein Volk und eine Völkergemeinde soll von dir kommen, und Könige sollen aus deinen Lenden hervorgehen; das Land aber, das ich Abraham und Isaak gegeben habe, das will ich dir und deinem Samen nach dir geben!“ (1.Mos.35,11-12) Kurz zusammengefaßt sind die göttlichen Verheißungen an Jakob, den Vater der zwölf Stämme Israels, die folgenden: 1. Jakob und sein Same sollen den Segen Abrahams bekommen und das verheißene Land ewiglich besitzen (1.Mos.28,4.13; 35,12; 48,4). 2. Gott will ihn von Haran aus wieder in das Land seiner Väter bringen (1.Mos.28,15). Seite 154 3. Jakob soll nach dem Segen seines Vaters Isaak und nach der persönlich erlangten Verheißung von Gott gesegnet werden, indem er ihn fruchtbar macht und ihn mehrt (1.Mos.28,3; 35,11; 48,4). 4. Sein Same soll werden wie der Staub auf Erden (1.Mos.28,14). 5. Er soll sich gegen Abend und Morgen und Mitternacht und Mittag ausbreiten (1.Mos.28,14). 6. Darum soll er zu einer großen Volksgemeinde werden (1.Mos.28,3; 48,4). 7. Ein Volk und eine Völkergemeinde soll von ihm kommen (1.Mos.35,11). 8. Könige sollen aus Jakobs Lenden hervorgehen (1.Mos.35,11). 9. Durch ihn und seinen Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden (1.Mos.28,14). Das Reich Gottes - 139 - 10. Gott segnet Jakob mit dem neuen Namen „Israel“ (1.Mos.32,27-30; 35,9-10). 11. Gott will mit Jakob sein und ihn nicht verlassen, bis er an ihm getan hat, was er ihm gesagt hat (1.Mos.28,15). 12. Völker sollen ihm dienen und Geschlechter sich vor ihm bücken (1.Mos.27,29). 5. Joseph, der Träger der göttlichen Verheißungen Ehe diese göttlichen Verheißungen weitere Träger fanden, an denen sie sich erfüllen konnten, mußte Jakob viel Herzeleid durchmachen (1.Mos.37,31-35; 42,36-38) und zuletzt das ihm von Gott verheißene Land verlassen und in das fremde Land Ägypten ziehen (1.Mos.46), wo sein Sohn Joseph bereits von Gott dazu gebraucht wurde, für sein Volk zu sorgen (1.Mos.41,37-57), daß diese 75 Seelen (Apg.7,14), die mit Jakob nach Ägypten gezogen waren, während vierhundert und dreißig Jahren zu einem Volk von 600000 Männern werden konnten (2.Mos.12,37-41). Von diesem Volk in Ägypten war Joseph der erste Träger der göttlichen Verheißungen, der diese Stellung zwar ohne göttliche Offenbarung, wie sie die Väter bis dahin bekommen hatten, einnehmen mußte. Nachdem sein Vater ihn über die von Gott empfangenen Ewigkeitsverheißungen unterrichtet hatte (1.Mos.48,3-4.16.21), beweist er seine Treue zu diesen Verheißungen in der Hoffnung, daß sich diese göttlichen Verheißungen, die die Väter empfangen hatten, erfüllen werden. Das Zeugnis von dieser Glaubens- und Hoffnungsstellung lautet: „Durch Glauben gedachte Joseph bei seinem Ende des Auszuges der Kinder Israel und gab Befehl wegen seiner Gebeine.“ (Hebr.11,22) Deshalb hatte Moses beim Auszug des Volkes Israel aus Ägypten die Gebeine Josephs nach dem verheißenen Lande mitgenommen, weil Joseph von den Kindern Israels einen Eid abgenommen hatte (2.Mos.13,19; Jes.24,32), indem er ihnen sagte: „Gott wird euch gewiß heimsuchen und aus diesem Lande hinaufführen in das Land, das er dem Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat.“ Seite 155 „Wenn Gott euch heimsuchen wird, so sollt ihr meine Gebeine von hier hinaufbringen!“ (1.Mos.50,24-25; Hebr.11,22) Mit diesem Glauben hat Joseph seine treue Stellung diesen göttlichen Verheißungen gegenüber, die Gott seinen Vätern gegeben hatte, bis ans Ende seines Lebens bewiesen. 6. Moses, der Träger der göttlichen Verheißungen Nach Joseph finden wir diesen Glauben an die göttlichen Verheißungen wieder bei Moses, der das göttliche Werkzeug wurde, daß sich diese Verheißungen durch die Rückkehr des Volkes Gottes aus Ägypten in das den Vätern verheißene Erbland weiter erfüllen konnten. Wie dieses göttliche Werkzeug sich zum Träger und Vermittler der göttlichen Verheißungen entwickelt hat, bis er von Gott gebraucht werden konnte, und wie es dann seinen Dienst ausübte, sagt uns das Wort Gottes: „Durch Glauben weigerte sich Moses, als er groß geworden war, ein Sohn der Tochter Pharaos zu heißen; er wollte lieber mit dem Volke Gottes Ungemach leiden, als zeitliche Ergötzung der Sünde haben, da er die Schmach Christi für größeren Reichtum hielt, als die Schätze Aegyptens; denn er sah die Belohnung an.“ (Hebr.11,24-26) Diese Stellung wird durch die Worte bestätigt: „Durch Glauben verließ er Aegypten, ohne den Grimm des Königs zu fürchten; denn er hielt sich an den Unsichtbaren, als sähe er ihn.“ (Hebr.11,27) Das Reich Gottes - 140 - Nachdem er in Midian beim Schafhüten vierzig Jahre über die Erfüllung der göttlichen Verheißungen nachgedacht hatte (2.Mos.2,15-22; 3,1; Apg.7,23; 2.Mos.7,7), fand ihn Gott wieder, indem er ihm in einem brennenden Dornbusch erschien und ihn rief: „Mose, Mose!“ Auf die Antwort: „Hier bin ich!“ spricht Gott: „Komm nicht näher herzu! Ziehe deine Schuhe aus von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehest, ist heiliges Land!“ (2.Mos.3,4-5) Und Gott sprach: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs!“ (2.Mos.3,6) Der Herr sprach weiter zu Mose: „Ich habe das Elend meines Volkes in Aegypten angesehen und habe ihr Geschrei gehört über die, welche sie treiben; ja ich kenne ihre Schmerzen, und ich bin herabgefahren, daß ich sie errette von der Aegypter Hand und sie ausführe aus diesem Land in ein gutes und weites Land, in ein Land, das von Milch und Honig fließt, Seite 156 an den Ort der Kananiter, Hetiter, Amoriter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter. Und nun siehe, das Geschrei der Kinder Israels ist vor mich gekommen, und ich habe auch ihre Bedrückung gesehen, wie die Aegypter sie bedrücken! So geh’ nun hin, ich will dich zu Pharao senden, daß du mein Volk, die Kinder Israels, aus Aegypten führest.“ (2.Mos.3,7-10) Nachdem Moses aber vierzig Jahre lang in der Wüste über die Erfüllung der göttlichen Verheißungen nachgedacht hatte, war er nicht mehr so überzeugt, daß Gott ihn zur Befreiung des Volkes aus Ägypten und zur Führung in das seinen Vätern verheißene Land gebrauchen könne. Gott offenbarte ihm noch seinen Namen: „Ich bin, der ich bin!“ (2.Mos.3,14) und sagte noch ganz ausführlich: „Also sollst du zu den Kindern Israels sagen: Jehova, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt; das ist mein Name ewiglich und meine Benennung für und für. Geh’ hin und versammle die Ältesten von Israel und sprich zu ihnen: Jehova, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist mir erschienen und hat gesagt: Ich habe Acht gegeben auf euch und auf das, was euch in Aegypten widerfahren ist, und ich sage euch: Ich will euch aus dem Elend Aegyptens herausführen in das Land der Kananiter, Hetiter, Amoriter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter, in das Land, das von Milch und Honig fließt.“ (2.Mos.3,15-17) Aber Moses hatte gar keine Lust, diesen göttlichen Auftrag zu erfüllen. Vierzig Jahre früher wollte er es gern tun, aber jetzt sagte er zu seinem Gott: „Ach, mein Herr, ich bin kein Mann, der reden kann; ich bin es weder gestern noch vorgestern gewesen und auch nicht, seitdem du mit deinem Knechte geredet hast; denn ich habe einen schwerfälligen Mund und eine schwere Zunge!“ (2.Mos.4,10) Alle göttlichen Beweisführungen konnten ihn nicht überzeugen. Er sagte zuletzt: „Bitte, Herr, sende doch, wen du senden willst!“ (2.Mos.4,13) Da wurde aber der Herr sehr zornig über Mose, und das hatte dann auch zur Folge, daß Moses nun endgültig seinen Widerstand gegen diesen ihm von Gott befohlenen Das Reich Gottes - 141 - Dienst aufgab (2.Mos.4,18.28-30), und zwar so gründlich, daß er der sanftmütigste Mensch seiner Zeit genannt wurde (4.Mos.12,3). Er konnte in der Folgezeit nicht nur das Volk Gottes führen, sondern es auch vor Gott für den Ungehorsam durch seine Treue vertreten, die er zu den göttlichen Verheißungen bewies, die die Väter empfangen hatten. In dieser Gehorsamsstellung zu den göttlichen Verheißungen verharrte Moses bis an das Ende seines Lebens, so daß nach ihm kein solcher Knecht Gottes im Volke Gottes mehr war, den Gott so von Angesicht zu Angesicht kannte (5.Mos.34,10). Seite 157 In dieser Stellung konnte er zu seinem Gott in treuer Stellvertretung für sein Volk, das Gott um seines Abfalles willen durch Vernichtung strafen wollte, sagen: „Nun vergib ihnen doch ihre Sünde; wo nicht, so tilge mich aus deinem Buch, das du geschrieben hast!“ (2.Mos.32,32) Als Mose aber nur ein einziges Mal durch den wiederholten Ungehorsam des Volkes gereizt wurde, gegen das Wort Gottes, den Felsen, der dem widerspenstigen Volk wieder Wasser geben sollte, zweimal zu schlagen, anstatt nur mit demselben zu reden (4.Mos.20,8-13), mußte er mit seinem Bruder Aaron dafür das Todesurteil seines Gottes vernehmen: „Weil ihr nicht auf mich vertraut habt, daß ihr mich vor den Kindern Israels heiligtet, sollt ihr diese Gemeinde nicht in das Land bringen, das ich ihnen geben werde!“ (4.Mos.20,12) Gott sagte zu Mose: „Steig’ auf dieses Gebirge Abarim und besiehe das Land, das ich den Kindern Israels gegeben habe. Und wann du es gesehen hast, so sollst du auch zu deinem Volke versammelt werden, wie dein Bruder Aaron versammelt worden ist, weil ihr in der Wüste Zin in meinem Worte widerspenstig gewesen seid in dem Hader der Gemeinde, als ihr mich vor ihnen durch das Wasser heiligen solltet.“ (4.Mos.27, 12-14) Sein eigener Bericht zeigt uns, wie Gott die Bitte um Begnadigung abgewiesen hat. Er lautet: „Und ich flehte zum Herrn um Gnade zu jener Zeit und sprach: Ach Herr, Jehova, du hast angefangen, deinem Knechte zu zeigen deine Majestät und deine starke Hand; denn wo ist ein Gott im Himmel und auf Erden, der es deinen Werken und deiner Macht gleichtun könnte? Laß mich doch hinübergehen und das gute Land sehen jenseits des Jordan, dieses schöne Gebirge und den Libanon! Aber der Herr war zornig über mich um euretwillen und erhörte mich nicht, sondern der Herr sprach zu mir: Das ist zu viel für dich! Sage mir davon nicht mehr!“ (5.Mos.3,23-26; vgl.5.Mos.4,21-22) Selbst am Ende seines Lebens, als Gott ihn ausschließt von dem Anteil der ganzen Erfüllung seiner Verheißungen, die er den Vätern geschworen hatte, bekennt Mose trotzdem seinen unerschütterlichen Glauben an die Erfüllung dieser göttlichen Verheißungen (5. Mose Kap. 32 u. 33). 7. Josua, der Träger der göttlichen Verheißungen Nach dem Tode Moses war es Josua, der Sohn Nuns, der als göttliches Werkzeug und Verheißungsträger in die Fußstapfen Moses trat. Er brachte nach dem Befehl Gottes das Volk Gottes über den Jordan ins verheißene Land (Jos.Kap.3 u. 4 ff). Weil Moses selbst Das Reich Gottes - 142 - nicht mehr Führer und Träger der göttlichen Verheißungen für das Volk Gottes sein konnte, Seite 158 er aber um die Erfüllung derselben von ganzem Herzen besorgt war, betete er: „Jehova, der Gott der Geister alles Fleisches, wolle einen Mann über die Gemeinde setzen, der vor ihnen aus- und eingehe und sie aus- und einführe, daß die Gemeinde des Herrn nicht sei wie die Schafe, die keinen Hirten haben!“ (4.Mos.27,16-17) Gott erhörte sein Gebet und antwortete ihm: „Nimm Josua, den Sohn Nuns, zu dir, einen Mann, in welchem der Geist ist, und lege deine Hand auf ihn und stelle ihn vor Eleasar, den Priester, und vor die ganze Gemeinde und gib ihm Befehl vor ihren Augen. Und lege von deiner Hoheit auf ihn, daß ihm die ganze Gemeinde der Kinder Israels gehorsam sei. Und er soll vor Eleasar, den Priester treten, der soll für ihn ratfragen vor dem Herrn durch den Gebrauch der Urim. Nach seinem Worte sollen sie aus- und einziehen, er und alle Kinder Israels und die ganze Gemeinde mit ihm.“ (4.Mos.27,18-21) Moses selbst berichtet darüber noch, daß der Herr ihm gesagt hatte: „Gebiete aber Josua, stärke ihn und schärfe ihm ein, daß er über den Jordan vor dem Volk hergehe und ihnen das Land, das du sehen wirst, zum Erbe austeile.“ (5.Mos.3,28) Moses sagte zu Josua: „Sei tapfer und stark; denn du wirst mit diesem Volk in das Land kommen, das der Herr ihren Vätern geschworen hat, ihnen zu geben, und du wirst es zum Erbe unter sie austeilen. Der Herr aber, der selbst vor dir hergeht, wird mit dir sein und wird die Hand nicht von dir abziehen noch dich verlassen; fürchte dich nicht und erschrick nicht!“ (5.Mos.31,7-8.13) Josuas Stellung und Dienst ist mit den Worten geschildert: „Josua aber, der Sohn Nuns, war mit dem Geist der Weisheit erfüllt; denn Mose hatte seine Hände auf ihn gelegt; und die Kinder Israel gehorchten ihm und taten, wie der Herr dem Mose geboten hatte.“ (5.Mos.34,9) Gottes Auftrag an Josua lautete nun: „Mein Knecht Mose ist gestorben; so mache dich nun auf, ziehe über diesen Jordan, du und dieses ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Kindern Israels, geben werde! Jeden Ort, darauf euere Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose versprochen habe: - von der Wüste an und diesem Libanon bis an den großen Strom Euphrat und bis zu dem großen Meer, da die Sonne untergeht, das ganze Land der Hetiter soll euer Gebiet sein. Niemand soll vor dir bestehen dein Leben lang; wie ich mit Mose gewesen bin, also will ich auch mit dir sein; ich will dich nicht loslassen und gar nicht verlassen. Sei stark und fest! Denn du sollst diesem Volk das Land zum Erbe austeilen, Seite 159 das ich ihren Vätern geschworen habe, es ihnen zu geben. Sei du nur stark und sehr fest, daß du darauf achtest zu tun nach dem ganzen Gesetz, das dir mein Knecht Mose befohlen hat; weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, auf daß du allenthalben weislich handeln mögest, wo du hingehst! Dieses Gesetzbuch soll nicht von deinem Munde weichen, sondern forsche darin Tag und Nacht, auf daß du achtgebest, zu tun nach allem, was darin geschrieben steht; denn alsdann wird dir dein Weg gelingen und dann wirst du weislich handeln! Habe ich dir nicht geboten, daß du stark und fest sein sollst? Sei unerschrocken und unverzagt; denn Jehova, dein Gott, ist mit dir überall, wohin du gehst.“ (Jos.1,2-9) Das Reich Gottes - 143 - Seine Stellung zu den göttlichen Verheißungen bezeugt Josua den Amtleuten des Volkes mit den Worten: „Gehet mitten durch das Lager, gebietet dem Volk und sprechet: Bereitet euch Speise auf die Reise, denn nach drei Tagen werdet ihr über diesen Jordan gehen, daß ihr hineinkommet und das Land einnehmet, das euch der Herr, euer Gott, einzunehmen gibt!“ (Jos.1,11) und die Erfüllung der göttlichen Verheißungen bezeugt er mit den Worten: „Also gab der Herr den Kindern Israels das ganze Land, das er geschworen hatte, ihren Vätern zu geben, und sie nahmen es ein und wohnten darin. Und der Herr verschaffte ihnen Ruhe rings herum, ganz so, wie er ihren Vätern geschworen hatte, und es bestand keiner ihrer Feinde vor ihnen, sondern der Herr gab alle ihre Feinde in ihre Hände. Es fehlte nichts von all dem Guten, das der Herr dem Hause Israels versprochen hatte, es kam alles.“ (Jos.21,43-45) Kurz vor seinem Tode lautet sein Zeugnis noch: „Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen!“ (Jos.24,15) 8. Weitere Träger der göttlichen Verheißungen Wohl hatte Gott seine den Vätern gegebenen Verheißungen nun erfüllt und das Volk Gottes ins verheißene Land als in seinen Erbbesitz gebracht. Aber bald nachdem Josua tot war, erfüllte sich seine dem Volke gegebene Ermahnung: „Ihr könnt dem Herrn nicht dienen, denn er ist ein heiliger Gott, ein eifriger Gott, der eure Übertretungen und Sünden nicht dulden wird. Wenn ihr den Herrn verlasset und fremden Göttern dienet, so wird er sich wenden und euch Übles tun und euch aufreiben, nachdem er euch Gutes getan hat.“ (Jos.24,19-20) Denn der Bericht lautet nun: „Das Volk diente dem Herrn, so lange Josua lebte, und so lange die Ältesten nach Josua lebten, welche alle die großen Werke des Herrn gesehen hatten, die er an Israel getan. Als aber Josua, der Sohn Nuns, der Knecht des Herrn, gestorben war im Alter von hundertzehn Jahren, begruben sie ihn im Gebiet seines Erbteils, Seite 160 zu Timnat-Heres, auf dem Gebirge Ephraim, nördlich vom Berge Gaasch. Als auch jenes ganze Geschlecht zu seinen Vätern versammelt war, kam nach ihm ein anderes Geschlecht auf, welches den Herrn nicht kannte, noch die Werke, die er an Israel getan. Da taten die Kinder Israels, was übel war vor dem Herrn, und dienten den Baalen und verließen Jehova, den Gott ihrer Väter, der sie aus Aegyptenland geführt hatte, und folgten andern Göttern nach, von den Göttern der Völker, die um sie her wohnten, und beteten diese an und erzürnten den Herrn. Als sie nun Jehova verließen und dem Baal und den Astarten dienten, da ergrimmte der Zorn des Herrn über Israel, und er gab sie in die Hände der Räuber, daß diese sie beraubten, und verkaufte sie in die Hände ihrer Feinde ringsum, daß sie ihren Feinden nicht mehr widerstehen konnten. Überall, wohin sie auszogen, war die Hand des Herrn wider sie zum Unglück, wie der Herr ihnen gesagt und wie der Herr ihnen geschworen hatte, und sie kamen in große Not.“ (Richt.2,7-15) Schon Moses mußte dem Volk Gottes nicht nur die göttlichen Verheißungen vermitteln, sondern ihnen zugleich die Gerichtsandrohungen kundtun, die Gott über sie bringt, wenn sie seinem Bund nicht treu sind (3.Mos.26,14-39; 5.Mos.28,15-68; 30,17-19). Die angegebenen Schriftstellen über die Gerichtsandrohungen durch Moses sagen im Grunde genommen dasselbe wie das oben genannte Zeugnis von Josua. Des Volkes Abfall von Gott wurde in der Zeit der Richter und Könige sehr groß. Darum mußte Gott Das Reich Gottes - 144 - sein Volk durch dessen Feinde und sonstige Heimsuchungen auch in große und größte Not bringen. In diesen Gerichtszeiten und -erfahrungen standen dann dem Volk Israel immer wieder einzelne treue Verheißungsträger zur Seite. Es waren die Richter, Propheten und einige Könige, die das Volk Gottes immer wieder aus ihrem Götzendienst und aus ihrer Feinde Gewalt retteten. Unter ihnen sind besonders zu nennen: Debora (Richt.6,11-32), Gideon (Richt.5) und Simson (Richt.13,5; 15,8; 16,22-30) unter den Richtern, dann Samuel (1.Sam.12), der Bahnbrecher der Propheten, dem dann Elias und Elisa folgten (1.Kg.18,2140; 2.Kg.2,9-14; 3,11-27; 13,14-19). Weiter sind es die durch ihre Bücher bekannten größeren und kleineren Propheten sowie David, der größte unter den Königen (1.Sam.17,26-58; 2.Sam.5,17-25; 6,1-19; Kap.8; Kap.22; 1.Kg.2,1-9), und einige seiner treuen Nachkommen wie Salomo (1.Kg.6 - 9), Josaphat (2.Chr.17,3-9; 20,1-26) und Hiskia (2.Kg.18,1-12), dann der große und junge Reformator Josias (2.Kg.22; 23,1-25) unter den Königen Judas. Ihre Treue wird durch die Stellung von Daniel und seinen drei Freunden in der babylonischen Gefangenschaft noch gekrönt (Dan.3,1-27; 6,1-24) und Esra (Esr.7-10), Serubabel (Esr.3; Hgg.Kap.1 - 2) und Nehemja (Neh.1; 2,1-6) stehen ihnen in treuem Dienst an der Erfüllung der göttlichen Verheißungen würdig zur Seite. Sie alle waren die Träger und treuen Zeugen der göttlichen Verheißungen, die zu allen Zeiten der Untreue des Seite 161 Volkes Gottes gegen die göttlichen Verheißungen und den göttlichen Bund steuerten und zur Treue gegen Gott ermahnten. Es waren somit am Anfang nicht nur Abraham, Isaak und Jakob, die eine treue Glaubensstellung zu den göttlichen Verheißungen eingenommen hatten, die Gott ihnen für sein Volk gegeben hatte, sondern es hat nach dem Tode dieser Väter immer wieder Männer gegeben, die eine treue Glaubensstellung zu den göttlichen Verheißungen hatten. Sie wußten, daß auf Grund dieser Verheißungen die Nachkommen der zwölf Söhne Jakobs das auserwählte Volk Gottes sind, dem Gott die sichere Erfüllung aller seiner Verheißungen durch einen ewigen Bund und Eid bestätigt hat (Ps.122,4). Auf diese göttlichen Verheißungen und den ewigen Bund, die dem Volke Gottes für ewige Zeiten gelten, weist Gott selbst und seine treuen Knechte zu allen Zeiten hin (Ps.50,5; 89,4-5.29-30; 105,8-11; 111,5.9). Es fehlt hier der Raum, um die mannigfaltigen weiteren Zeugnisse aus Gottes und der Propheten Mund ausführlich zu behandeln, die uns zeigen, wie Gott und das ganze Volk Gottes der zwölf Stämme mit der Erfüllung der von Gott den Vätern gegebenen Ewigkeitsverheißungen zu allen Zeiten vor Christi Geburt rechneten. Doch die noch folgenden Aufstellungen, die uns das bestehende Verhältnis zwischen Gott und dem auserwählten Volk der zwölf Stämme Israels zeigen, sind untrügliche Zeugnisse von dem Vorhandensein treuer Verheißungsträger zu allen Zeiten. Es sollen aber auch kräftige Beweise dafür sein, daß und wie wir mit der völligen Erfüllung der göttlichen Verheißungen an seinem ganzen Volk der zwölf Stämme rechnen dürfen und müssen. Auf dem Grund dieser Verheißungen, die Gott Abraham, Isaak, Jakob und ihrem Samen für ewige Zeiten gegeben hat, daß sie ein Land bekommen und ewig besitzen - 145 - Das Reich Gottes sollen und daß sie das von Gott gesegnete Volk unter allen Völkern bleiben sollen, ruht nun das Verhältnis, das zwischen Gott und seinem Volk besteht. Gott selbst, als der unwandelbare, treue Gott, bürgt für die Erfüllung all dieser Verheißungen. Aus all diesen herrlichen und wunderbaren Verheißungen Gottes für das Volk Israel, als dem Volk der zwölf Stämme, in Verbindung mit der Stellung der Träger der Verheißungen zu denselben, können wir nun auch leicht erkennen, daß wir unter den heute bekannten Juden nicht das ganze Zwölfstämmevolk Israel ansehen dürfen. Man müßte bei solcher Auffassung und Darstellung, daß die heute bekannten Juden das ganze Volk Israel seien, diese göttlichen Verheißungen, die für das ganze Volk Gottes gegeben sind, in der Beurteilung der Geschichte der Völker des vierten Weltreiches geradezu unbeachtet lassen, verwerfen und dadurch seinen Unglauben Gott und seinem Wort gegenüber offenbaren. Wenn die Ungläubigen als die Welt eine solche Auffassung haben und Gott in seinen Gedanken und in seinem Walten nicht verstehen können und nicht anerkennen wollen, so sollten doch die Gläubigen, als die Träger des Willens Gottes, solche Auffassung und Stellung Seite 162 nicht haben. Sie sollen sich vielmehr, wie es in Daniel heißt, den Verstand erleuchten und göttliche Weisheit schenken lassen, damit sie Gottes Walten und Weg mit seinem Volk in der Zeit des vierten Weltreiches recht erkennen können (Dan.12,4). Nur so sind sie dann würdige Nachfolger der in Gottes Wort genannten Segensträger. Wir werden dann aus den späteren Ausführungen über das Volk Gottes in der Zeit des vierten Weltreiches an Hand des Wortes Gottes weitere klare Beweise finden für das Vorhandensein der ganzen zwölf Stämme in Form von Völkern während der Zeit der vierten Weltreichsherrschaft. e) Die Bedeutung des Volkes Israel für Gott Wollen wir einen immer tieferen Einblick in Gottes wunderbares und geheimnisvolles Walten mit seinem Volk erlangen, so müssen wir aus den folgenden Ausführungen noch kennenlernen, wie die Heilige Schrift über das Verhältnis redet, das zwischen dem auserwählten Volk Israel und seinem Gott besteht. Gott selbst und die Heilige Schrift bezeichnen das Volk Gottes als: mein Sohn (1.Chr.22,10) mein erstgeborener Sohn (2.Mos.4,22-23) mein Volk Israel (1.Kg.6,12-13) dein einziges Volk (2.Sam.7,23) dein ansehnliches Volk (1.Kg.3,9) mein Volk und ich ihr Gott (Jer.4,7; Hes.34,30) sein auserwähltes Volk (Jes.43,20; 44,1-2; 45,4; 65,9.15.22; Hes.20,5; 5.Mos.14,2; 1.Kg.3,8; 1.Chr.16,13; Ps.105,6.43; 106,5) berufen (Jes.48,12) von ihm gebildet, daß es seinen Ruhm verkündige (Jes.43,21) von ihm geschaffen, gemacht und bereitet (Jes.44,21; 5.Mos.32,6) ewig zum Volk zubereitet (2.Sam.7,24) sein Volk, das er liebt und auf ewig erhalten will (1.Kg.10,9; 2.Chr.9,8) sein Erbvolk (5.Mos.4,20) sein Erbteil (2.Kg.21,14) Das Reich Gottes - 146 - aus allen Völkern auf Erden zum Erbe und Erbteil ausgesondert (1.Kg.8,51.53; 2.Mos.34,9; 5.Mos.9,26.29) Stämme seines Erbteils (Jes.63,17) Jehovas Anteil (5.Mos.32,9) vor allen Völkern auf dem Erdboden ausgezeichnet (2.Mos.33,16) heiliges Volk (2.Mos.19,6; Jes.62,12) mein Haus (1.Chr.17,14) mein Königreich (1.Chr.17,14) seinen Knecht (Jes.45,4) Weinberg des Herrn (Jes.5,7) Pflanzung des Herrn (Jes.61,3) seine Lieblingspflanzung (Jes.5,7) seinen Augapfel (5.Mos.32,10) Gottes Diener (2.Mos.8,20; 3. Mos.25,55; Hes.20,40) Erlöste des Herrn (Jes.48,20; 62,12) Königreich von Priestern (2.Mos.19,6) Städte unseres Gottes (1.Chr.19,13) Jerusalem, wo Gott ewig wohnt (1.Chr.23,25) Gemeinde des Herrn (1.Chr.28,8) seine Herde (Hes.34,31) Seite 163 Schafe seiner Weide (Hes.34,31) das geringste Volk unter allen Völkern (5.Mos.7,7) das höchste Volk, über alle Völker gesetzt (5.Mos.26,19) von Gott erhöhtes Volk über alle Völker auf Erden (5.Mos.28,1) so großes Volk, daß es niemand zählen noch vor Menge berechnen kann (1.Kg.3,8) f) Gottes Stellung zum Volk Israel Um die Stellung und das Verhältnis Gottes zu dem nationalen Volk Israel ins rechte Licht zu rücken, sind von Gott in seinem Wort mannigfaltige Namensbenennungen gebraucht. Diese sind: Israels Vater (5.Mose 32,6; Jer.31,9) sein Schöpfer (Jes.45,11) unser Töpfer (Jes.64,7) Herr, Gott Israels (Jos.7,13.19.20; 10,40.43) Jehova Zebaoth, Gott über Israel (2.Sam.2,26-27) Gott Jakobs (Ps.24,6) Gott in Israel (2.Chr.11,16) Heiligen Israels (Jes.12,6) Gott, der Heilige Israels (Jes.43,3) dein Heiland (Jes.43,3) sein Heiland und Erlöser (Jes.49,26) Jehova, Gott Abrahams, Isaaks, Israels (1.Kg.18,36) Jehova, Gott ihrer Väter (Richt.2,12) aller Geschlechter Israels Gott (Jer 31,1) Gott, ihr König (1.Sam.12,12) der Hebräer Gott (2.Mos.5,3; 7,16; 10,3) Fels Israels (2.Sam.23,2) Vorsteher Israels (1.Sam.15,29) mein Gott (1.Chr.29,2-3) seines Gottes (2.Kg.5,11) Jehova, euer Gott (Jos.2,11; 23,3.5.8.10) der Herr, euer Gott (Jos.4,23; 8,7) deines Gottes (Jos.9,9.24) Das Reich Gottes - 147 - unseres Gottes (Jos.22,19) Jehova, unser Gott (Jos.24,17) dein Gott (Rut.1,16) dein Erbarmer (Jes.54,10) Zions Tröster (Jes.51,3) der Mächtige Jakobs-Israels (Jes.1,24; 60,16) Jehova, ihr ewiges Licht (Jes.60,19) Hoffnung Israels (Jer.14,8) seines Volkes Schutz (Joel 4,16) seines Volkes Zuflucht (Joel 4,16) ihr Schirm (Sach.9,15) ihre Stärke (Jer.16,19) ihre Burg (Jer.16,19) ihre Gerechtigkeit (Jer.23,6) ihr lebendiger Gott (Jer.23,33) Israels Hilfe (Hes.13,9) ihr Heil (Mich.7,7). Alle diese Zeugnisse, die das Verhältnis zwischen Gott und dem Zwölfstämmevolk Israel zeigen, gründen sich auf die Verheißungen, die Gott den Stammvätern dieses Volkes gegeben hat. Sie sind kostbare Ergänzungen für diese Verheißungen und zeigen, daß sich der Wille Gottes erfüllen wird, den er in seinem Ewigkeitsratschluß mit seinem Volke gefaßt hat. Seite 164 g) Die Zerstreuung der zwölf Stämme Israels als Beweis für ihr Vorhandensein in der Zeit der vierten Weltreichsherrschaft Gott hat seinem ganzen Volk als Lohn für seinen treuen Gehorsam den Segen verheißen und als Strafe für den Ungehorsam den Fluch angedroht (3.Mos.26,3-32). Wegen des Ungehorsams will Gott das Volk heimsuchen mit Schrecken, mit Schwindsucht und Fieberhitze, auch den Erntesegen will er ihnen versagen, und das Volk soll von seinen Feinden beherrscht werden. Wenn es in seinem Trotz gegen Gott verharrt, will Gott ihm noch härtere Strafen auferlegen (3.Mos.26,18.21-24.27). Endlich soll das Volk aus seinem Lande wieder hinweg in die Länder ihrer Feinde in Gefangenschaft kommen (3.Mos.26,3338; 5.Mos.4,25-28; 28,36-37.41.64-68). Das alles hat sich nun buchstäblich an den beiden Reichen des Volkes Israel: dem „Nordreich Israel“ und dem „Südreich Juda“ erfüllt, so daß das ganze Volk bis heute unter den übrigen Völkern, fern von seiner ihm von Gott verheißenen Heimat, umherirren muß. Das soll aber nur zu seiner Demütigung führen, denn wenn es schon unter alle Völker bis an das Ende der Erde zerstreut sein wird, will Gott dieses Volk doch nicht ganz verderben und es nicht so verabscheuen, daß er es ganz aufreibt oder gar seinen Bund mit den Kindern dieses Volkes bricht, denn er ist ja ihr Gott, und sein Bund mit ihnen ist ein ewiger Bund (3.Mos.26, 39-45; 5.Mos.4,29-31; Richt.2,1; 1.Chr.16,14-19). Wenn er sein Volk straft, ja, wenn er es für alle Zeiten zum Denkstein macht, indem er sein Volk, unter alle Völker zerstreut, seine Strafe tragen läßt, so hebt er seinen ewigen Gnadenbund mit demselben doch nicht auf. Weil aber Moses diesen Gnadenbund dem Volk lange Zeit vor der Trennung des Reiches in zwei Reiche bezeugt hat, so kann dieser Gnadenbund nicht nur dem „Südreich Juda“ gelten. Er muß vielmehr Das Reich Gottes - 148 - dem ganzen Volk, also auch dem „Nordreich der zehn Stämme“, gehören. Wenn Gott auf Grund seines Bundes, den er mit seinem ganzen Volk gemacht hat, dieses Volk in der Zeit seiner Zerstreuung unter den Völkern nicht ganz aufreibt, sondern am Ende als einheitliches Volk der zwölf Stämme in seinem Lande wieder herstellt, so ist damit bewiesen, daß bis zur Zeit der Wiederherstellung dieses Volkes alle zwölf Stämme, die Stämme des „Südreiches Juda“ und auch diejenigen des „Nordreiches Israel“ in der Völkerwelt zur Zeit des vierten Weltreiches vorhanden sein müssen. Das bestätigen uns auch die Propheten, denn nach ihren Zeugnissen müssen beim Kommen des Herrn alle Stämme Israels noch vorhanden sein (Hes.37,15-28; Kap.47 - 48; Offb.7,1-8). Von der Zerstreuung aller zwölf Stämme Israels unter die Nationen sagt die Heilige Schrift noch das Folgende: Über die Gefangenführung des „Nordreiches Israel“ als der zehn Stämme durch die Assyrer und ihre Zerstreuung unter die Völker reden die folgenden Stellen: 2.Kg.17,6.23; Am.6,8.14; 9,4. Dieser Teil des Volkes Gottes soll über Damaskus hinaus in die Gefangenschaft wandern (Am.5,27). Seite 165 Von der Gefangenführung des „Südreiches Juda“ als der zwei Stämme Juda und Benjamin durch die Babylonier reden die folgenden Stellen: 2.Kg.24,14-16; 25,11.18-21; 2.Chr.21,17; 36,20-21; Jes.39,6-7; Jer.9,18; 10,17-18; 13,17-19; 17,4; 22,26.28; 24,4; 25,9.11; 27,6-7; 29,21-22; 43,10-11; 52,15; Hes.12,11; 21,29. Über die Zerstreuung dieses Teiles des Volkes Gottes sagt die Heilige Schrift noch: Juda ist unter die Völker zerstreut (Hes.12,15). Sie sind unter alle die Völker zerstreut, die ihre Väter nicht kannten (Jer.9,15; 16,13; 17,4; 22,15.28; Sach.7,14). Gott gibt Juda zur Mißhandlung hin allen Königreichen und Völkern (Jer.15,4; Hes.5,14; 6,8-9; 11,16). Er zerstreut Juda nach allen Winden (Hes.5,10; 12,14). Gott hat sie in die Länder verjagt (Hes.12,15). Er hat sie in die Länder hin und her zerstreut (Hes.11,16; 22,15). Sie sind an alle Orte verstoßen (Jer.8,3). Gott gibt Juda in die Gewalt der Fremden (Hes.11,9). Diese Zeugnisse lassen an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Jedes aufrichtige Kind Gottes kann darin das göttliche Walten mit seinem auserwählten Volk auch in der Zeit des vierten Weltreiches erkennen und anerkennen. Weitere Zeugnisse, die noch von der Zerstreuung des Volkes Gottes reden, finden sich in den Worten Gottes, die von der Sammlung des Volkes Israel aus der Zerstreuung und Rückkehr in ihr verheißenes Land reden, worüber ein später folgender Abschnitt handeln wird. 3. Die christliche Gemeinde in der Zeit der eisernen Zähne und der zwei eisernen Schenkel des vierten Weltreiches Das Reich Gottes - 149 - a) Das Volk Gottes, der Träger der christlichen Gemeinde Wollen wir den Heilsratschluß Gottes mit seinem Volk und das Endgeschehen leichter verstehen, so müssen wir auch das Verhältnis des Volkes Gottes, d.i. Gesamt-Israels, zur christlichen Gemeinde beachten. Die Spuren dieses heute bereits christlichgläubigen und gottsfürchtigen Gesamt-Israels hat Gott unter den Völkern so verwischen lassen, daß es sich heute zu den übrigen Völkern rechnet. Selbst der christliche Bruderteil der verstockten Juden aus dem Südreich Juda rechnet sich zu den übrigen Völkern, wohl darum, weil er seit den verflossenen 1900 Jahren in ganz anderer Gesinnung lebt und darum sittlich und wohl auch äußerlich den nationalen Juden entfremdet ist. Darum sind in der christlichen Gemeinde die Begriffe vielfach verwirrt; man geht so weit, daß man im Gegensatz zu den Judenchristen des ersten Jahrhunderts von der „Heidengemeinde“ aus den Nationen der späteren Jahrhunderte spricht und denselben sogar Seite 166 einen größeren Lohn zuzusprechen sucht als den aus dem Volk Gottes gläubigen Christen der ersten Gemeindezeit. Soweit es der enge Rahmen erlaubt, soll im folgenden die biblische Stellung der aus dem Volk Israel gläubig gewordenen Christen gezeigt werden. Daraus wird es dann ersichtlich, wie notwendig die rechte Erkenntnis von der biblischgläubigen Gemeinde ist. Aber es sollen uns dadurch auch die Spuren des in der Zeit des vierten Weltreiches zerstreuten, scheinbar verschollenen Volkes Gottes noch weiter erschlossen und gezeigt werden. Zuerst müssen wir wieder verstehen, aus was für Volksteilen die gläubige Gemeinde besteht. Gott hat sein Volk nur für die Zeit der vier Weltreiche als Staat unter den Völkern seinem völkischen Bestand nach verworfen oder besser gesagt, hinter dieselben zurückgestellt. Für diese Zeit haben nach Gottes Willen die Heiden oder Nationen die weltbeherrschende Macht in ihren Händen, die anfänglich dem Volke Gottes gehörte. Weil dieses aber seinem Gott nicht treu war, hat Gott ihm diese Macht weggenommen und sie den Nationen während der Zeit der vier Weltreiche gegeben. Für diese Zeitdauer muß auch das Volk Israel als politischer Volkskörper sich der Weltherrschaft der Nationen beugen. Aber damit ist durchaus nicht gesagt, daß das ganze Volk Israel für den Einfluß des Evangeliums während der Zeit dieser vier Weltreiche, in der ja auch die Gemeinde von ihrem Anfang zu Pfingsten bis zu ihrem Ende sich ausbildet, von Gott ausgeschlossen sei. Davon erwähnt die ganze Bibel nichts. Erst in der Zeit des vierten Weltreiches fängt die Gemeinde an, und zwar zur Zeit, da Jesus lehrte, und sie wird auch in der Zeit dieses Weltreiches vollendet. Die Apostel sollten nach dem Befehl ihres Herrn mit der Heilsbotschaft der in Christo vollbrachten Erlösung zuerst in Jerusalem anfangen, dann nach Judäa gehen, dann weiter nach Samaria und zuletzt bis an die Enden der Erde (Apg.1,8). Dies haben sie auch getan. Die Apostel harrten auch während der Verfolgung in Jerusalem aus (Apg.8,1). Dann finden wir sie hin und her in Judäa und Samaria, und zuletzt wurde durch Petrus den Heiden die Tür zum Reich Gottes in des Kornelius Haus aufgetan (Apg.8,4-40, Kap.10). Das Das Reich Gottes - 150 - zeigt uns, wie treu der Herr auch dann noch für sein Vaterhaus und den Stamm Juda in erster Linie sorgte, als sie ihn schon verworfen hatten. Doch finden wir, daß Petrus in seinem ersten Brief schon Israel als die Fremdlinge in der Zerstreuung anredet (1.Petr.1,1). Jakobus aber richtet seinen Brief direkt an die zwölf Stämme, die in der Zerstreuung sind (Jak.1,1). Diese Männer, die Jesus als Menschenfischer bezeichnet, sind also getreulich den zwölf Stämmen Israels nachgegangen, um sie für ihren Gott zu fischen, wie ein solcher Dienst ihnen im prophetischen Wort bezeugt war (Matth.4,19; Jer.16,16). Man bezeichnet zwar Paulus als den Apostel der Nationen und damit auch ganz besonders als den Apostel der Gemeinde, weil dieselbe aus den Nationen bestehen soll. Doch Paulus sagt letzteres in keiner Seite 167 einzigen Stelle seiner Schriften. Er hatte gleichwie die übrigen Apostel das Verlangen, zuerst seinem eigenen Volk das Evangelium zu verkündigen, und auch er wollte in Jerusalem anfangen (Apg.9,26-30). Sein Auftrag aber war, den Namen des Herrn vor Heiden, Könige und die Kinder Israels zu tragen (Apg.9,15). Durch Offenbarung mußte der Herr ihm seinen Weg zeigen, weil die Juden sein Zeugnis nicht annehmen würden, darum sollte er ferne unter die Heiden gehen (Apg.22,18-21). Aber überall finden wir, wie Paulus zuerst in die Synagogen geht zu seinem Volke, und erst, als diese ihn abwiesen, wendet er sich zu den Heiden (Apg.13,46-47). Dieses Judenvolk, das des Paulus Botschaft abwies, war wiederum nur das damals bekannte, noch in einem Staat zusammengeschlossene Volk des Südreiches Juda, das seinen Erlöser und Stammesgenossen gekreuzigt hatte. Dieses Reich bestand seit der Teilung des Gesamtreiches der zwölf Stämme nur aus den Stämmen Juda und Benjamin, welch letzterem Paulus selbst angehörte (Phil.3,5). Damals und bis zur heutigen Stunde haben wir unter dem, was man „Juden“ nennt und als solche kennt, nur Nachkommen dieser zwei Stämme zu sehen. Dabei ist aber noch zu bedenken, daß aus der babylonischen Gefangenschaft nicht alle Juden und Benjaminiter in ihre Heimat zurückgekehrt sind, und daß sie sich heute nach so langer Zeit ihrer Herkunft auch nicht mehr bewußt sind, sich aber zweifellos sehr vermehrt haben; außerdem haben sich doch viele Juden zur Zeit der Apostel bekehrt und sind seither „Christen“. Die Missionsreisen führten dann Paulus nach Mazedonien, dann nach Griechenland, später nach Rom und zuletzt wohl auch nach Spanien (Röm.15,24). Sie führten ihn also nach Europa, in die Länder, die Häupter des letzten Weltreichs werden sollten, an den Sitz der letzten Weltreichsherrschaft, die, wie wir sehen werden, Assur, Babel und Syrien gehört, und an der später auch Israel teilnimmt (2.Kg.17,23; Jes.14,1-5.24-27; Mich.4,10-13; Sach.2,10-15). Dieses Geheimnis war sicher dem Paulus nicht unbekannt; denn nach den Verheißungen der Propheten, die dem streng gläubigen Pharisäer Saulus bekannt sein mußten, sollen aus den Ländern der Mitternacht die Kinder Israels wiederkehren (Jer.16,1415; 23,7-8). Das Reich Gottes - 151 - Dieser Tatsache gegenüber glaubten die aus der babylonischen Gefangenschaft zurückgekehrten Juden damals, das allein rein erhaltene Volk Gottes zu sein, darum rechneten sie auch Jesus unter die Samariter, d.h. unter die Unreinen, die Mischlinge der zehn Stämme (Joh.8,48). Damit wollten sie ihn nicht als Heiden bezeichnen, sonst hätte er ja kein Recht gehabt, in den Tempel zu gehen. Aber sie sahen ihn nicht als einen reinen Juden an, sondern verwiesen ihn auf den Volksboden des Nordreichs Israel der zehn Stämme. Als unter den Juden die Vermutung auftauchte, Jesus könnte zu den Zerstreuten unter den Griechen gehen, um die Griechen zu lehren, wiesen sie mit diesen Worten nicht nur auf die unter den Griechen zerstreuten Juden hin, sondern sie wußten wohl so gut wie Jakobus, daß auch die Seite 168 zehn Stämme unter den Griechen zerstreut sind, wobei zu beachten ist, daß das Wort „Griechen“ im Judenmund vielfach einfach „Heiden“ bezeichnet (Röm.2,9-10; 1.Kor.1,22). Natürlich konnte dies dem Paulus auch nicht verborgen sein. Er kannte das Geheimnis Israels; er wußte, daß es in der Rettung von ganz Israel besteht. Weil er ebenso genau wußte, daß nur ein geringer Überrest Israels gerettet wird, kann er damit nur gemeint haben: alle zwölf Stämme werden gerettet, wenn auch aus jedem nur ein Rest (Röm.11,2526; 9,27-29; vgl.7,5-8). Selbst einige Griechen wollten Jesum sehen, worauf Jesus sagt, daß wenn er von der Erde erhöhet werde, er sie alle zu sich ziehen wolle (Joh.12,30-32). Sollte er da nicht in erster Linie an sein ganzes Israel gedacht haben, von denen der größte Teil so zerstreut war, daß sie keinen Hirten hatten (Matth.9,36; vgl.Jer.50,17-20)? Dieses sind in erster Linie die anderen Schafe, welche nicht aus dem Stalle des Südreiches Juda sind, die aber der Herr auch herführen muß. Diese hören auch seine Stimme, auf daß wieder aus allen zwölf Stämmen Israels ein Hirt und eine Herde werde, wie es durch die Propheten vorher gesagt ist (Joh.10,16). Dies ist vorerst die erste und einzige Vereinigung, die wirklich zustande kommen wird, die Vereinigung des ganzen Volkes Israel unter dem „Einen Hirten“. Lange genug hat fast jede der vielen Religionsgesellschaften dieses Ziel „ein Hirt und eine Herde“ verwirklichen wollen, indem sie glaubte, auf dieses Wort hin die ganze Menschheit unter ihre Ordnung bringen zu müssen. Dies ist bis heute keiner dieser Richtungen geglückt. Doch wird es ohne Zweifel dem Erzhirten der Schafe gelingen. Er als der einzige Hirte wird sich auch seine Herde sammeln; denn seine Schafe hören seine Stimme (1.Petr.5,4; Joh.10,4). Es ist aber nirgends gesagt, daß die ganze Menschheit während der Entwicklung der Gemeinde Gottes, um zur Erstlingsstellung zu gelangen, des Herrn Stimme hört, denn aus den Heiden oder Nationen wird nur die volle Zahl, d.i. eine ganz bestimmte Zahl, eingehen. Wenn aber dies geschehen ist, dann wird das ganze Israel, also der Rest aller zwölf Stämme, gerettet (Röm.11,25-26). Dies ist dann die „eine Herde“ unter ihrem „einen Hirten, Jesus“, wenn sich ganz Israel zu ihm bekehrt hat. Wenn wir beachten, daß unter den Hirten, von denen die Propheten reden, fast durchweg nicht die Priester, sondern die Das Reich Gottes - 152 - Könige des Volkes zu verstehen sind (vgl.1.Kg.22,17; Jes.13,14; 44,28; Jer.49,19; 51,23; Jes.34,23; Mich.5,4; Sach.11,8.15-17), so begreifen wir dieses Bild des einen Hirten mit der einen Herde leicht. Es ist Jesus, der König Israels, mit seinem ganzen wiedervereinigten Volke. Zu dieser Vereinigung müssen nun in erster Linie die Fischer mit ihrer Gnadenbotschaft unter den Völkern beitragen. Unter ihnen schaltet auch Paulus dieses unter den Völkern zerstreute Israel nirgends aus der Gemeinde aus. Schon am Pfingsttage redete Petrus die dort Versammelten als „jüdische Männer und alle, die zu Jerusalem wohnen“ an, und die Schrift Seite 169 nennt die, die zu Jerusalem wohnen: „Juden, gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel“, obgleich sie in allerlei fremden Ländern geboren waren (Apg.2,5-14). Beachten wir, daß das Nordreich Ephraim-Israel zu der Zeit schon viele hundert Jahre in allen den dort verzeichneten Ländern zerstreut war, so waren zehn Stämme schon jahrhundertelang geborene Fremdlinge, die weder die Sprache noch den Namen ihrer Abstammung behalten hatten, und von denen sich wohl auch nur ein gläubiger Überrest fortgesetzt ihres Gottes Israels erinnerte und zu den Festzeiten nach Jerusalem pilgerte, um im Tempel des Gottes ihrer Väter anzubeten, nachdem schon zur Zeit der Könige die wenigsten das getan hatten und wohl noch ein geringerer Teil aus dem Überrest, den die assyrischen Könige in Samaria gelassen hatten (2.Chr.30,5-11). Wenn auch durch Israels Einfluß sich manche aus den Nationen zum Gott Israels gewandt hatten, dürfen wir doch mit Bestimmtheit annehmen, daß der größte Teil der aus jenen Ländern gekommenen Anbeter wirklich Nackommen der zerstreuten zehn Stämme waren. Schon in der Jerusalem-Gemeinde finden wir, daß ein Teil der Gläubigen griechischer Abstammung war, die als solche bestimmt unter den Gläubigen aus Juda anerkannt wurden (Apg.6,1). In Ikonium war wieder eine große Menge von Juden und Griechen gläubig, ebenso in Thessalonich, in Korinth und in Rom (Apg.14,1; 17,4; 18,4; 20,21; 28,17.30). Aber gerade Paulus tat am allerwenigsten, was man ihm beständig in die Schuhe schiebt, nämlich, daß er neben den anderen Aposteln die Gemeinde aus den Nationen, getrennt von Israel, bildete. Er stellte vielmehr nur die Juden und die Griechen als Sünder auf ein und dieselbe Stufe dem Evangelium gegenüber, durch das sie nun beide in gleicher Weise selig werden können (Röm.2,9; 3,9; 10,12; 1,16; 2,26-29). Und wenn sie den Herrn im Glauben angenommen haben, so sind sie beide, Juden und Griechen, zu einem Leibe getauft, und jeder Unterschied zwischen ihnen ist in der Gemeinde aufgehoben (Gal.3,27-28; Apg.10,34-35; Kol.3,11; 1.Kor.12,13). Die Nationen, welche „außer Christo“ ohne Gott in der Welt waren, sind nun „in Christo“ zu Mitbürgern und Gottes Hausgenossen geworden (Eph.2,11-22). Damit ist durchaus nicht gesagt, daß durch das Hinzukommen der Nationen Gottes ursprüngliches Bundesvolk, das doch in der Jerusalem-Gemeinde so reichlich vorhanden war, aus der Gemeinde ausgeschlossen sei. Man kann demnach durchaus nicht behaupten, daß die Gemeinde sich aus den Nationen, getrennt von Israel, gebildet habe, da doch Paulus selbst auch, der Apostel der Nationen, die aus den Nationen eingepfropften Gläubigen nur an Stelle „etlicher“ Das Reich Gottes - 153 - ausgebrochener Zweige im alten Wurzelstock Israel sieht (Röm.11,17). In den Wurzelstock, der alle Zweige trägt, werden aber in der letzten Zeit auch die aus dem Stamm und Südreich Juda ausgebrochenen Zweige wieder eingepfropft, während die aus den Nationen eingepfropften in der Gefahr stehen, wieder ausgebrochen zu werden (Röm.11,11-32). Man vergißt, daß Israel nur zum Teil Verstockung widerfahren ist, und das nur bis zur bestimmten Zeit. Und dieser Teil ist, wie Seite 170 bereits bezeugt, nicht einmal der ganze Stamm Juda. Er hat zwar sein eigenes Urteil über sich gesprochen mit den Worten: „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder …“ (Matth.27,25), aber wir wissen, daß viele Juden sich bekehrt haben und heute „Christen“ sind, ja, daß die Schrift von einem Reich am Ende der Tage redet, das „Juda“ heißt, das aber mit dem heutigen „Krämervolk“ der Juden, die den offenbar verstockten Teil darstellen, nicht erschöpft sein kann. Paulus redet demnach von Geschlechtern und Persönlichkeiten in seinem Brief im Bilde der Zweige und nicht von ganzen Stämmen und Völkern (Röm.11,25; Matth.27,25; Mark.15,11-15; Luk.23,48; Apg.2,37-39; 3,12 - 4,4.8-23.25-27; Hes.37,15-22). Die übrigen zehn Stämme sind zu Jesu Zeiten weder ganz noch als einzelne Teile dieser Völker dem Verstockungsgericht übergeben worden; denn sie waren ja bei der Kreuzigung Jesu schon in der Zerstreuung unter den Völkern. Vielmehr sollte der Herr diesem Teil seines Volkes in einer Weise in den Weg treten, daß sie von ihrem Götzendienst ablassen, um sich wieder zu ihrem Gott zu bekehren (Hos.2,1.8-9). Gott lockt zu diesem Zweck sein Volk, er führt es in die Wüste der Völker, um ihm dort ans Herz zu reden und seinen Bund mit ihm zu machen (Hes.20,35-36; Hos.2,16-17). Dies tut Gott durch die Fischer, indem sie Israel zusammen mit den Nationen, unter welche es zerstreut ist, die göttliche Hilfe durch das Evangelium in der Zeit des letzten Weltreiches vom Anfang bis zum Ende desselben anbieten. Auf diese Weise hört Israel die Stimme seines Hirten und läßt sich zu ihm führen. Nur von diesem Gesichtspunkt aus, daß das Zehnstämmevolk Israel durch das Evangelium in der Gemeindezeit erreicht worden ist und den größten Teil der Gemeinde bildet, kann Petrus das Wort des Propheten Hosea, das doch nur das nationale Zehnstämmevolk Israel angehen kann, wo dessen Verwerfung und Wiederannahme ausgesprochen ist, auf die Gemeinde beziehen (Hos.2,1; 1.Petr.2,9-10). Ja, Gott sind von Ewigkeit her alle seine Werke bewußt (Apg.15,16-18). Es ist leicht begreiflich, daß gerade dieses Volk, dem die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit, die Bündnisse, die Gesetzgebung, der Gottesdienst und die Verheißungen, dessen Väter die treuen Gottesknechte waren, und aus denen selbst Christus nach dem Fleische stammt (Röm.9,4-5), unter allen Völkern und zu allen Zeiten dem Evangelium am nächsten stand. Wir haben auf den Bund hingewiesen, den Gott außer dem vom Sinai mit Mose machte und kennen die Worte der Propheten von dem „Neuen Bund“, den Gott mit Israel machen will, so daß wir keine Ursache haben, das Volk des „Alten Bundes“ von dem Volk des „Neuen Bundes“ ausgeschlossen anzusehen. Im Gegenteil, wir müssen es als Das Reich Gottes - 154 - den Kern des Volkes des „Neuen Bundes“ und somit der christlichen Gemeinde in unserer Zeit ansehen, ja, als das Volk des Bundes überhaupt, denn erst nach seiner endgültigen Wiederherstellung im Tausendjährigen Reich bezeugt die Schrift, daß die Völker in der gottgewollten Seite 171 Verbindung mit dem Volk Gottes sein werden, wie auch die Offenbarung von dieser neuen Zeit sagt: „Das (Völker-) Meer ist nicht mehr“ (5.Mos.29,1.11-14; Jer.31,31-34; Röm.11,27; Sach.2,14-17; Offb.21,1). So viele aber auch im Laufe der Jahrhunderte aus dem Volk Israel in der Zerstreuung zum Herrn gekommen sein mögen, so dürfen wir doch nie die nationalen Völker Israel und Juda mit der Gemeinde der Gläubigen verwechseln. Die Gemeinde ist nie bestimmt gewesen, ein politischer Organismus, ein Staat unter den Völkern zu sein. Alle diesbezüglichen Bestrebungen mußten scheitern, weil sie unbiblisch und unmöglich sind. Die Gemeinde hatte nur den einzigen Zweck, die Menschen durch Wort und Tat zur Glaubenshingabe an ihren Herrn zu bringen und die Gläubigen für ihr himmlisches, zukünftiges Erbe, mit dem Herrn Priesterkönige zu sein, zu erziehen (Röm.8,17; 1.Petr.1,4; Offb.5,10; 20,4). Darum kann die Gemeinde, die, wie man natürlich irrtümlich glaubt, nur aus den Heiden sein soll, niemals die Verheißungen, welche dem nationalen Volk Israel gegeben sind, einfach ohne weiteres Israel absprechen und sie für sich allein beanspruchen. Diese zwei Gebiete, das nationale Israel und die Gemeinde in ihren sieben Entwicklungszeiten, wie sie uns Offenbarung 2 und 3 zeigen, muß jeder Bibelleser klar auseinanderhalten. So wenig wie die nationale Bedeutung des Volkes Gottes auf die Gemeinde übergehen kann, ebensowenig wird die nationale Bedeutung dieses Volkes durch den in der Gemeinde Gottes gläubig gewordenen Teil dieses Volkes aufgehoben. Was für Wege Gott mit den Völkern im verborgenen auch in der Gemeindeentwicklung gegangen ist, sind Geheimnisse, die mit natürlichen Sinnen nicht zu fassen sind. Den, dem sie aufgehen, erfüllen sie mit Bewunderung für Gottes Pläne; aber auch mit großer Verwunderung über ihre Verwirklichung an den Geschöpfen, gleichwie Paulus und Johannes. Aus diesen Ausführungen können wir leicht die Spuren des gesamten Zwölfstämmevolkes Israel in der Zerstreuung unter den Reichen des vierten Weltreiches erkennen. Doch wird uns das in den späteren Abhandlungen noch klarer werden. b) Die im Evangelium verheißene Reichsgottesherrschaft zur Zeit Jesu und der Apostel 1. In Erwartung der Reichsgottesherrschaft Nur wenn wir beachten, daß der Kern oder der Träger der christlichen Gemeinde, d.h. die an Jesus gläubig gewordenen Christen, aus dem nationalen Volk Israel sind, das zum größten Teil unter die Völker zerstreut ist, können wir die Spur des Volkes Gottes während der ganzen Zeitdauer der christlichen Gemeinde in der Zeit des vierten Weltreiches weiter verfolgen. Diese Spur weiter zu verfolgen, ist nötig, um die Erfüllung des göttlichen Heilsratschlusses mit seinem Volk in dieser Zeit immer besser erkennen zu können. Das Reich Gottes - 155 Seite 172 Dazu gehört in erster Linie ein Einblick in den Felsengrund des durch Christus vollbrachten Erlösungswerkes und in die Stellung des Volkes Gottes zu dieser Erlösung; denn der Heilsratschluß Gottes mit seinem Volke kann sich nur in Verbindung mit dieser durch Christus vollbrachten Rettung und Erlösung und in dem verheißenen Reich Gottes erfüllen. Die Spur des Volkes Gottes während der ganzen Gemeindezeit zu verfolgen, ist uns nur dann möglich, wenn wir den Heilsratschluß Gottes, den er mit seinem Volk hat, zuerst aus den Verheißungen der prophetischen Schriften kennen. Diese Verheißungen beziehen sich darauf, daß dieses nationale Volk Israel als Gottes auserwähltes Volk aus allen Völkern die ewige Reichsgottesherrschaft ausüben soll. Nur im Blick auf diese Stellung seines Volkes hat Gott seine ewige Königsherrschaft verheißen. Diese Verheißungen mußten dem Volke Gottes gut bekannt gewesen sein, besonders aber dem Stamm Juda, als dem Südreich Juda, das zu Anfang der christlichen Gemeinde und zu Beginn der vierten Weltreichsherrschaft, also zur Zeit Jesu, noch in seinem von Gott verheißenen Lande war. Die äußeren Umstände mögen dem Judenvolk besondere Veranlassung gegeben haben, sich rege mit den Verheißungen Gottes über seine kommende Reichsherrschaft durch sein ganzes auserwähltes Volk zu beschäftigen. Denn wir haben bereits kennengelernt, daß dieser Teil des Volkes Gottes, die Juden, zu der Zeit in Not und Bedrängnis war, als die Römer über sie die Herrschaft erlangt hatten. Das ersehen wir klar aus dem Verhalten des Israelvolkes, nachdem Johannes der Täufer, als der Wegbereiter des Herrn, und Jesus selbst vom nahen Reich Gottes gepredigt haben. Schon bald nach der Geburt Jesu „kamen Weise aus Morgenland nach Jerusalem, die sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Denn wir haben seinen Stern gesehen im Morgenlande und sind gekommen, ihn anzubeten.“ (Matth.2,2) Der König Herodes erschrak über diese Botschaft sehr und berief alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und fragte sie, wo dieser König als der Christus sollte geboren werden (Matth.2,3-4). Sie antoworteten ihm: „Zu Bethlehem im jüdischen Lande; denn also steht geschrieben durch den Propheten: Und du, Bethlehem im Lande Juda, du bist keineswegs die geringste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird ein Herrscher hervorgehen, der mein Volk Israel weiden soll!“ (Matth.2,5; Mich.5,1) Dieser ganze Vorgang hat sich in jener Zeit sicherlich wie ein Lauffeuer im jüdischen Lande verbreitet. Vielleicht dürfen wir auch annehmen, daß schon die Weissagung an die Maria: „Siehe, du wirst empfangen und einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus heißen. Derselbe wird groß sein und des Seite 173 Höchsten Sohn genannt werden, und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben; und er wird regieren über das Haus Jakobs in Ewigkeit, und seines Reiches wird kein Ende sein“ (Luk.1,31-33), Das Reich Gottes - 156 - die sie wohl weitererzählte, die Wirkung beim Volk gehabt hat, daß es sich eifrig mit dieser für das Volk so herrlichen Verheißung beschäftigte. Dann waren es im weiteren die Zeichen und Wunder, die Jesus unter seinem Volk getan hat, aus denen sie folgerten, daß nun die Zeit gekommen sei, daß Gott sein verheißenes Reich durch sein Volk und seinen König aufrichte. Darüber lesen wir die Worte: „Die Leute nun, da sie das Zeichen sahen, welches Jesus getan, sprachen: ‚Dieser ist wahrhaftig der Prophet, der in die Welt kommen soll!‘ Da nun Jesus erkannte, daß sie kommen würden, um ihn mit Gewalt zum König zu machen, entwich er wiederum auf den Berg, er allein.“ (Joh.6,14-15) Einmal meinten sie, das Reich Gottes würde unverzüglich kommen (Luk.19,11). Bei seinem Einzug in Jerusalem breitete das viele Volk, das aus allen Ländern zum Feste gekommen war, die Kleider auf den Weg, und sie riefen: „Gepriesen sei der König, der da kommt im Namen des Herrn! Friede im Himmel und Ehre in der Höhe!“ (Luk.19,38) „Hosianna! Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König Israels!“ (Joh.12,13) Weil er den Lazarus aus den Toten auferweckt hatte, ging ihm alles Volk entgegen, so daß die Pharisäer zu einander sprachen: „Siehe, alle Welt läuft ihm nach!“ (Joh.12,19) Dieses ganze Verhalten des Volkes Gottes beweist, wie dasselbe mit der Erfüllung der göttlichen Verheißungen gerechnet hat. Doch wie bitter wurde dieses Volk durch seine eigene Schuld enttäuscht, indem sie es miterleben mußten, wie dieser Mann, dem sie jetzt königliche Huldigung darbrachten, schon nach wenigen Tagen um des Hasses ihrer Obersten, der Pharisäer und Schriftgelehrten und Hohenpriester willen am Kreuz auf Golgatha in den Tod sinken mußte, ohne ihr König gewesen zu sein, und ohne daß er die von ihnen ersehnte Reichsgottesherrschaft durch sein Volk aufrichten konnte. 2. Die Verkündigung der wahren Reichsgottesherrschaft durch Jesus und Johannes den Täufer Aber nun war die Zeit gekommen, wo dieses Volk es lernen mußte, nicht mehr an eine irdische Reichsherrschaft zu denken, wie es dieselbe in früheren Tagen innegehabt hatte. Sie mußten lernen, so mit dieser ewigen Reichsherrschaft zu rechnen, wie es dem von Johannes dem Täufer und Jesus verkündigten Reich Gottes entsprach. Dafür hatte aber das unter dem Gesetz stehende Volk noch kein Verständnis. Seite 174 Der ihnen von Gott verheißene Messias, als der Retter und Erlöser, sollte nicht eine vergängliche Reichsherrschaft aufrichten, sondern ein unvergängliches Königtum und ein ewiges Reich als das Reich Gottes. Diesem Reich bereitete Johannes der Täufer den Weg mit den Worten: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigeikommen!“ (Matth.3,2) Und Jesus hat sich dieser Botschaft von Johannes angeschlossen mit den Worten: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist nahe: ‚Tut Buße und glaubet an das Evangelium!‘“ (Mark.1,15) Das Reich Gottes - 157 - Weil Jesus nur dieses ewige Reich verkündigt hat, fragten ihn die Pharisäer einmal, wann das Reich Gottes komme. Er sagte ihnen: „Das Reich Gottes kommt nicht in wahrnehmbarer Weise. Man wird nicht sagen: ‚Siehe hier, oder siehe dort ist es!‘ Denn siehe, das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ (Luk.17,20-21) Und vor Pilatus erklärte Jesus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wäre mein Reich von dieser Welt, so hätten meine Diener dafür gekämpft, daß ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von hier.“ (Joh.18,36) Als Pilatus ihm darauf die Frage vorlegte: „So bist du also ein König?“ (Joh.18,37), antwortete ihm Jesus: „Du sagst es; ich bin ein König; ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, daß ich der Wahrheit Zeugnis gebe; jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ (Joh.18,37) Mit diesen Worten offenbarte Jesus, was sein Volk unter seinem von Gott verheißenen König verstehen muß, der das Reich Gottes inmitten des Volkes Gottes aufrichten soll. Er ist der „König der Wahrheit“, die als das Evangelium von der ganzen Rettung und Erlösung verkündigt wird, und die er, wie für sein Volk, so auch für die ganze Menschheit zustande gebracht hat. 3. Die Reichsgottesherrschaft nach der Lehre der Erlösung Diese Rettung und Erlösung ist aber nicht in erster Linie eine Befreiung von dem Joch bedrückender Völker und ein Ergreifen der Macht über andere Völker. Es ist, was viel wichtiger ist, die Rettung von Sünde, Tod und Verderben zum ewigen Leben, zur Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit. Paulus sagt von dieser Rettung durch Christus: „Welcher uns errettet hat aus der Gewalt der Finsternis und uns versetzt hat in das Reich des Sohnes seiner Liebe, in welchem wir haben die Erlösung, nämlich die Vergebung der Sünden; welcher ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Kreatur.“ (Kol.1,13-15) Seite 175 Weil in diesem Zusammenhang von Jesus gesagt ist, daß er das Ebenbild des unsichtbaren Gottes ist, indem er der Erstgeborene aller Kreatur ist, ist damit auf den Zustand der Unsterblichkeit hingewiesen, den er durch die Auferweckung aus den Toten durch den Geist der Herrlichkeit erlangt hat (Röm.6,4; 8,11; 1.Petr.4,14). Diese Auferstehung aus den Toten im Zustand der Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit ist aber die Wiedergeburt (1.Petr.1,3), die Neugeburt, die Geburt aus Gott und Geist. Von dieser Geburt aus Geist sagte Jesus dem Nikodemus: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, wenn jemand nicht von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen!“ (Joh.3,3) „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen! Was aus dem Fleische geboren ist, das ist Fleisch, und was aus dem Geiste geboren ist, das ist Geist. Laß dich’s nicht wundern, daß ich dir gesagt habe: ihr müsset von neuem geboren werden!“ (Joh.3,5-7) Diese Neugeburt erklärt Jesus als seine persönliche Erfahrung und als Erfahrung der Gläubigen mit den Worten: Das Reich Gottes - 158 - „Wie Moses in der Wüste die Schlange erhöhte, also muß des Menschen Sohn erhöhet werden, auf daß jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. Denn also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn gerettet werde.“ (Joh.3,14-17) Über diese Wahrheit lehrt er weiter: „Wie der Vater die Toten erweckt und lebendig macht, also macht auch der Sohn lebendig, welche er will.“ (Joh.5,21) „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, es kommt die Stunde und ist schon da, wo die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und die sie hören, die werden leben.“ (Joh.5,24-25) „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; und ein jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben.“ (Joh.11,25-26) „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn jemand mein Wort bewahrt, so wird er den Tod nicht sehen in Ewigkeit!“ (Joh.8,51) In diesen und vielen anderen Zeugnissen zeigt Jesus, was das Volk Gottes unter dem von Gott verheißenen Reich Gottes und der Aufrichtung dieses Reiches durch Jesus, den von Gott verheißenen König des Volkes Seite 176 Gottes, verstehen muß. Dieses Reich hat Jesus als die Wahrheit der Gottesgerechtigkeit der durch ihn vollbrachten Erlösung verkündigt. 4. Der Unglaube des Volkes Gottes an den König der Wahrheit Auf diese Botschaft sollte das Volk Gottes hören und dann daran glauben. Doch Jesus verkündigte schon zum voraus, wie sich das Volk Gottes zu seinem verheißenen König stellen würde. Das erklärte er ihnen mit den Weissagungen der Propheten: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Das ist vom Herrn geschehen, und es ist wunderbar in unsern Augen.“ (Matth.21,42) „Wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschmettert werden; auf welchen er aber fällt, den wird er zermalmen.“ (Luk.20,18) Um dieser Stellung willen weissagt Jesus seinem Volk: „Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volke gegeben werden, das dessen Früchte bringt.“ (Matth.21,73) Obwohl sie Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem als ihrem König huldigten, muß er ihnen doch sagen, daß sie nicht an ihn glaubten, obwohl er viele Zeichen und Wunder unter ihnen getan hatte (Joh.12,37). Er zeigt ihnen ihren Unglauben und die Ursache desselben mit den Worten: „Er, der mich gesandt hat, der Vater selbst, hat von mir gezeugt. Ihr habt nie weder seine Stimme gehört noch seine Gestalt gesehen; und sein Wort habt ihr nicht bleibend in euch; denn ihr glaubet dem nicht, den er gesandt hat.“ (Joh.5,37-38). „Doch wollt ihr nicht zu mir kommen, auf daß ihr das Leben empfanget.“ (Joh.5,40) „Wie könnet ihr glauben, die ihr Ehre voneinander nehmet und die Ehre, die von Gott allein kommt, nicht suchet?“ (Joh.5,44) Das Reich Gottes - 159 - „Ich weiß, daß ihr Abrahams Same seid; aber ihr suchet mich zu töten, denn mein Wort findet keinen Raum in euch.“ (Joh.8,37) „Wäret ihr Abrahams Kinder, so tätet ihr Abrahams Werke. Nun aber suchet ihr mich zu töten, einen Menschen, der euch die Wahrheit gesagt, welche ich von Gott gehört habe, das hat Abraham nicht getan. Ihr tut die Werke eures Vaters.“ (Joh. 8,39-41) „Ihr seid von dem Vater dem Teufel, und was euer Vater begehrt, wollt ihr tun.“ (Joh. 8,44) Sein Volk hatte ihn eben in seiner Lehre vom Reich Gottes nach der Ordnung dieser neuen geistigen Geburt, der Auferweckung aus den Toten und dem Sieg des Lebens über den Tod, nicht Seite 177 verstanden. Sie sahen in ihm vielmehr einen Gotteslästerer und Irrlehrer. Darum haßten und verfolgten sie ihn bis in den Tod. Er wurde von ihnen nur zum Spott und Hohn „der König der Juden“ genannt. Sie waren sogar die Ursache davon, daß die römischen Kriegsknechte ihn geißelten, eine Dornenkrone flochten und sie ihm aufs Haupt setzten; ein Purpurkleid anlegten, ihm ein Rohr in die Hand gaben, ihre Kniee vor ihm beugten und ihn verspotteten (Matth.27,28-29): „Sei gegrüßt, du König der Juden!“ (Joh.19,3) Dabei gaben sie ihm Backenstreiche, spieen ihn an und schlugen ihn mit dem Rohr auf das Haupt. Als Pilatus hernach sich auf den Richterstuhl setzte und Jesus noch einmal den Juden vorführte mit den Worten: „Sehet, das ist euer König!“ (Joh.19,14) schrien sie: „Hinweg, hinweg! Kreuzige ihn!“ „Euern König soll ich kreuzigen?“, lautete darauf die letzte und vorwurfsvolle Frage des Landpflegers Pilatus. Mit der Antwort: „Wir haben keinen König, als den Kaiser!“ (Joh.19,15) haben die Juden Jesus Christus, ihren König, als den König der Wahrheit, endgültig verleugnet und abgelehnt. Auf diese Weise haben sie auch ihren Unglauben an die Ordnung Gottes offenbart, nach der er seinem Volk einzig die ewige Reichsherrschaft geben kann und will. Weil alle Zeichen und Wunder, die Jesus unter den Juden getan hatte, dieses Volk nicht von der durch Gott erfolgten Sendung Jesu überzeugen konnten, wollten sie, als er schon am Kreuze hing, ein letztes Zeichen von Jesus sehen, durch das sie dann an ihn glauben wollten, daß er der König Israels ist. Sie lästerten und spotteten: „Der du den Tempel zerstörst und in drei Tagen aufbaust, hilf dir selbst! Bist du Gottes Sohn, so steig vom Kreuze herab!“ (Matth.27,40; Mark.15,30) Gleicherweise spotteten seiner auch die Hohenpriester samt den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: „Andern hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Ist er der König Israels, so steige er nun vom Kreuz herab, so wollen wir ihm glauben! Er hat auf Gott vertraut, der rette ihn jetzt, wenn er Lust an ihm hat. Denn er hat ja gesagt: Ich bin Gottes Sohn!“ (Matth.27,42-43) Das Reich Gottes - 160 - Dieses Verhalten der Juden, besonders der Führer dieses Volkes, zeigt, wie weit sie zu dieser Zeit noch von der Stellung entfernt waren, wie sie dem Willen Gottes entsprechend sein muß, damit er durch sein Volk seine ewige Reichsherrschaft aufrichten kann. Seite 178 5. Die Gerichtsandrohungen für den Unglauben an den König Jesus Christus Die von Gott verordnete Gerichtszeit der 70 (Jahr-) Wochen bis zur Vollendung des Frevels und zur Erfüllung des Sündenmaßes, zur Sühnung der Missetat, zur Herbeiführung der ewigen Gerechtigkeit, zur Versiegelung von Gesicht und Prophezeiung und zur Salbung des Allerheiligsten war mit dem ersten Kommen Jesu noch nicht gekommen und erfüllt (Dan.9,24-27). Wenn das Volk seinen eigenen König verwirft und lieber den Kaiser des vierten Weltreiches über sich zum König haben will, oder lieber einen Mörder an Stelle von ihrem Messias, so sind das kräftige Beweise, daß das Volk Gottes für die Ausübung der ewigen Reichsgottesherrschaft noch lange nicht reif war. Der Fluch, den sie selbst auf sich geladen haben und den sie erwünschten: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ (Matth.27,25), mußte sich in einem weiteren Zeitabschnitt erst noch erfüllen. Er erfüllte sich dadurch, daß der Stamm Juda, der Jesum gekreuzigt hatte, zum Teil für die Zeit der Verkündigung des Evangeliums während der Gemeindeentwicklung verstockt wurde, so daß sie nicht an die Evangeliumsbotschaft glauben konnten. Das sind die ausgebrochenen Zweige, an deren Stelle Heiden eingepfropft wurden bis zur Zeit des Endes (Röm.11,17). Dieses Gericht hat Jesus noch bei Lebzeiten vorausgesagt mit den Worten: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigest, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein unter die Flügel sammelt, aber ihr habt nicht gewollt. Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen werden; denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht mehr sehen, bis ihr sprechen werdet: Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ (Matth.23,37-39) In diesem Zusammenhang hat er auch das Gericht über die Gebäude des Tempels geweissagt, indem er zu seinen Jüngern sprach: „Sehet ihr nicht dieses alles? Wahrlich, ich sage euch, hier wird kein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen wird.“ (Matth. 24,2) Dieses letztere Gericht hat sich schon 70 n.chr. bei der Zerstörung Jerusalems erfüllt. (Es war vorbildlich für die Zerstörung der geistigen Lehrgebäude in der Zeit des Endes.) Die Verkündigung des Evangeliums durch die Apostel Vor seiner Himmelfahrt gab Jesus seinen Jüngern den Befehl: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur!“ (Mark.16,15) Seite 179 Mit großer Kraft begannen sie gemäß der Anweisung des Herrn in Jerusalem (der Hauptstadt des Südreiches Judäa) ihren Lehrdienst. Im weiteren erstreckte sich ihr Dienst über ganz Judäa (das Land des Stammes Juda und Benjamin), Samaria (die einstige Das Reich Gottes - 161 - Hauptstadt des Nordreiches Israel) und später bis an die Enden der Erde (in Rom – als dem derzeitigen Weltreich) (Apg.1,8). Wir haben in einem vorausgehenden Abschnitt schon gezeigt, wie die Apostel in erster Linie dem Volk Israel das Evangelium verkündigt haben, und brauchen es darum in diesem Abschnitt nicht besonders zu erklären. Doch müssen wir diese Tatsache bei der Behandlung der ganzen Gemeindezeit im Auge behalten, sonst kann uns das volle Verständnis für die Heilsgedanken Gottes mit seinem auserwählten Volk im Blick auf die ewige Reichsherrschaft nicht zuteil werden. Auch gehen uns sonst die Spuren des Volkes Gottes von der Zeit Jesu an bis zur Zeit des Endes verloren. Wenn wir aber diese Spur durch die ganze Gemeindezeit hindurch erkennen, so ist das der untrüglichste Beweis für das Vorhandensein des Volkes Gottes innerhalb der Grenzen des vierten Weltreiches. Das Evangelium, das die Apostel von Pfingsten an verkündigten, nachdem sie mit der Gabe des heiligen Geistes zum Dienst ausgerüstet waren, war dieselbe Botschaft, wie sie Jesus schon verkündigte. Ein Unterschied besteht nur darin, daß die Apostel die Lehre Jesu vom Reich Gottes ausführlicher, d.h. leichtverständlicher, erklärten, als Jesus es getan hatte. Wie die Apostel gelehrt haben, ist uns in der Apostelgeschichte und in den Lehrbriefen an die Gemeinden vermittelt. Durch die Gabe des heiligen Geistes, des Geistes der Wahrheit, konnten diese Knechte Jesu Christi die ganze Tiefe des Evangeliums erkennen. Die Größe und Herrlichkeit des Evangeliums erkannten sie in der Rechtfertigung aus Gnaden, ohne Verdienst, durch Jesus Christus und in dem, daß sie „in Jesus“ von Gott aus den Toten auferweckt worden sind. Darin erkannten sie das Heil für alle Menschen, aber insbesondere für ihr von Gott auserwähltes Volk. Denn diesem Volk gehören zuerst: die Kindschaft, die Herrlichkeit, die Bündnisse, die Gesetzgebung, der Gottesdienst und die Verheißungen (Röm.9,4). Die ganze Fülle des Evangeliums hat Petrus gleich in seiner ersten Predigt nach der Ausgießung des heiligen Geistes in Jerusalem verkündigt. Sein Zeugnis lautete: „Ihr israelitischen Männer, höret diese Worte: Jesum von Nazareth, einen Mann, von Gott unter euch erwiesen durch Kräfte und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn tat mitten unter euch, wie ihr selbst wisset; diesen, nach Gottes bedachtem Rat und Vorsehung (euch) preisgegeben, habt ihr genommen und durch der Ungerechten Hände ans Kreuz geheftet und getötet. Ihn hat Gott auferwecket, indem er die Bande des Todes löste, wie es denn unmöglich war, daß er von demselben festgehalten würde. Seite 180 Denn David spricht von ihm: ‚Ich sah den Herrn allezeit vor mir, denn er ist zu meiner Rechten, daß ich nicht wanken werde. Darum freut sich mein Herz, und meine Zunge frohlocket; auch mein Fleisch wird ruhen auf Hoffnung; denn du wirst meine Seele nicht im Totenreich lassen und nicht zugeben, daß dein Heiliger die Verwesung sehe. Du hast mir kundgetan die Wege des Lebens; du wirst mich erfüllen mit Freuden vor deinem Angesicht!’ Ihr Männer und Brüder, man darf freimütig zu euch sagen von dem Stammvater David, daß er gestorben und begraben ist, und sein Grab ist unter uns bis auf diesen Tag. Da er nun ein Prophet war und wußte, daß ihm Gott mit einem Eide verheißen, daß er aus der Frucht seiner Lenden nach dem Fleische den Christus auf seinen Thron setzen Das Reich Gottes - 162 - wolle, hat er in dieser Voraussicht geredet von der Auferstehung Christi, daß seine Seele nicht im Totenreich gelassen werde, noch sein Fleisch die Verwesung sehe. Diesen Jesus hat Gott auferweckt, des sind wir alle Zeugen. Nachdem er nun durch die Rechte Gottes erhöht worden und die Verheißung des heiligen Geistes vom Vater empfangen, hat er das ausgegossen, was ihr jetzt sehet und höret. Denn nicht David ist in die Himmel hinaufgefahren, sondern er sagt selbst: ‚Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße.’ So erkenne nun das ganze Haus Israel gewiß, daß Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat!“ (Apg.2,22-36) Mit diesen Worten legte Petrus den Grund für die apostolische Evangeliumslehre. Wie immer das Evangelium in der Apostelgeschichte und in den einzelnen Briefen der verschiedenen Apostel noch lehrhaft dargestellt wird, - es sind alles nur ausführlichere Erklärungen, Einzelheiten über die Wahrheit der Rechtfertigung aus Gnaden durch Christum als der ganzen Erlösung von Sünde, Tod und Verderben, d.i. vom Sieg des Lebens über den Tod. In dieser Verbindung konnte Petrus das Volk Israel weiter lehren: „So tut nun Buße und bekehret euch, daß eure Sünden ausgetilgt werden, damit Zeiten der Erquickung vom Angesicht des Herrn kommen, und er den euch vorher bestimmten Christum Jesum sende; welchen der Himmel aufnehmen muß bis auf die Zeiten der Wiederherstellung alles dessen, wovon Gott von jeher geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten. Denn Moses hat gesagt: ‘Einen Propheten wird euch Gott der Herr erwecken aus euren Brüdern, gleichwie mich; auf den sollt ihr hören in allem, was er zu euch reden wird. Und es wird geschehen, jede Seele, welche nicht hören wird auf diesen Propheten, die soll vertilgt werden aus dem Volk.’ Und alle Propheten, von Samuel an und den folgenden, so viele ihrer geredet haben, die haben auch diese Tage vorherverkündigt. Ihr seid die Söhne der Propheten und des Bundes, den Gott aufrichtete mit unsern Vätern, da er zu Abraham sprach: ‘Und in deinem Samen sollen gesegnet werden alle Geschlechter Seite 181 der Erde.’ Euch zuerst hat Gott seinen Sohn Jesum auferweckt und ihn gesandt, euch zu segnen durch Bekehrung eines jeglichen von seiner Bosheit.“ (Apg.3,1926) Vor dem Hohen Rat, vor welchem sich die Apostel wegen der Heilung des Lahmen an der Tempelpforte verantworten mußten, bezeugte Petrus: „So sei euch allen und dem ganzen Volk Israel kund, daß in dem Namen Jesu Christi, des Nazareners, den ihr gekreuzigt, den Gott auferweckt hat von den Toten, dieser gesund vor euch steht. Dieser ist der Stein, der von euch, den Bauleuten, verschmäht und zum Eckstein geworden ist. Und es ist in keinem Andern das Heil; denn es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, in welchem wir sollen gerettet werden!“ (Apg.4,10-12) Der Hohepriester und sein Anhang, nämlich die Sekte der Sadduzäer, ließen die Apostel ins Gefängnis legen (Apg.5,17-18). Durch Engelhand wurden sie wieder befreit mit dem Befehl: „Gehet hin und tretet auf und redet im Tempel zum Volk alle Worte dieses Lebens!“ (Apg.5,20) Sie wurden aber aufs neue ergriffen und vor den Rat gestellt, wo sie sich wieder verantworteten mit den Worten: Das Reich Gottes - 163 - „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen! Der Gott unserer Väter hat Jesum auferweckt, den ihr ans Holz gehängt und umgebracht habt. Diesen hat Gott durch seine Rechte zum Anführer und Retter erhöht, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu verleihen.“ (Apg.5,29-31) In Antiochia, wohin Paulus kam, wurden sie von den Obersten der Synagoge aufgefordert, ein Wort der Ermahnung an das Volk zu richten. Da stand Paulus auf und sprach u.a.: „Ihr israelitischen Männer, und die ihr Gott fürchtet, höret zu! ... Wir verkündigen euch das Evangelium der an die Väter geschehenen Verheißung, daß Gott dieselbe uns, ihren Kindern, erfüllt hat, indem er Jesum auferweckte. Wie auch im zweiten Psalm geschrieben steht: ‚Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.’ Daß er ihn aber von den Toten auferweckte, so daß er nicht mehr zurückkehren sollte zur Verwesung, hat er also ausgesprochen: ‚Ich will euch die gewissen Heiligtümer Davids geben.’ Darum spricht er auch an einem andern Ort: ‚Du wirst nicht zugeben, daß dein Heiliger die Verwesung sehe.’ Denn David, nachdem er zu seiner Zeit gedient, ist er nach göttlichem Ratschluß entschlafen und zu seinen Vätern versammelt worden und hat die Verwesung gesehen. Der aber, den Gott auferweckte, hat die Verwesung nicht gesehen. So sei euch nun kund, ihr Männer und Brüder, daß euch durch diesen Vergebung der Sünden verkündigt wird, und von allem, wovon ihr im Gesetze Moses nicht konntet gerechtfertigt werden, wird in diesem jeder gerechtfertigt, der da glaubt.“ (Apg.13,16.3239) Seite 183 7. Die Wahrheit „in Christo Jesu“ Alle diese Lehrzeugnisse über unsern Heiland und Retter Jesus Christus sind ein Zeugnis der Wahrheit, wie wir von Gott „in Christo Jesu“ beschlossen sind. Diese Wahrheit zeigt der Apostel Paulus in allen Einzelheiten besonders ausführlich. Darüber lehrt er, daß Christus für uns Menschen zur Sünde gemacht wurde (2.Kor.5,21), indem er die Herrlichkeit beim Vater verlassen und Knechtsgestalt angenommen hat (Phil.2,7-8), indem er aus dem Fleisch nach dem Geschlechte Davids geboren wurde (Röm.1,3). In diesem Leib stellt er alle Menschen in einer Person dar. Darum ist er als „einer für alle“ gestorben (2.Kor.5,14). Aus diesem Grunde sind wir mit Christus gekreuzigt, gestorben und mit ihm begraben erklärt (Röm.6,2-11; 7,4-6; Kol.2,11-12; 3,3). Indem wir aber „in Christo“ mit eingeschlossen erklärt sind, sind wir in ihm mit Gott versöhnet (Röm.3,25; 5,6-11; 2.Kor.5,1820; Kol.2,9-12). Weiter lehrt Paulus, daß wir mit Christus aus den Toten auferweckt sind, samt ihm lebendig gemacht und in ihm mit auferstanden und mit ihm ins Himmlische versetzt sind (Röm.6,4.13; 2.Kor.5,15-17; Eph.2,4-6). Diese Tatsache erklärt der Apostel als unsere Rettung und Erlösung aus der Macht und Gewalt des Todes. Darum heißt es im Brief an die Hebräer: „Da nun die Kinder Fleisch und Blut gemeinsam haben, ist er gleicherweise desselben teilhaftig geworden, auf daß er durch den Tod vernichte den, der des Todes Gewalt hat, das ist den Teufel, und alle die befreite, welche durch Todesfurcht ihr ganzes Leben hindurch in Knechtschaft gehalten wurden.“ (Hebr.2,1415) Und im Brief an Timotheus ist dasselbe erklärt mit den Worten: Das Reich Gottes - 164 - „Der uns errettet hat und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem eigenen Vorsatz und der Gnade, die uns gegeben ist in Christo Jesu vor ewigen Zeiten, jetzt aber geoffenbaret durch die Erscheinung unseres Retters Jesu Christi, der dem Tode die Macht genommen, aber Leben und Unvergänglichkeit ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.“ (2.Tim.1,910) Auf Grund dieser Ausführungen sind alle Menschen „in Christo“ eine neue Kreatur, und sie sind der göttlichen Natur teilhaftig geworden, wenn sie auf diesem Weg dem in der Welt herrschenden Verderben, dem Tod, entronnen sind. Petrus nennt diese Rettung, die wir in Christo haben, unsere Wiedergeburt durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten (1.Petr.1,3). Darin sieht er unser unvergängliches und unbeflecktes und unverwelkliches Erbe, das in der Person Jesu für uns im Himmel aufbehalten ist, bis wir bei der Zukunft des Herrn in den persönlichen Besitz dieses großen Heils durch die Erfahrung der Leibesverwandlung kommen (1.Petr.4,5.7; 2.Kor.5,17; 2.Petr.1,4). Das alles ist aber unsere vollkommene Rechtfertigung in Christus, die durch Erfüllung des Gesetzes nicht zustande kommen konnte (Röm.3,21-24; 8,3-4; Gal.2,16-17). Es ist der Sieg des Lebens über den Tod. Seite 183 8. Die erste Liebe und das Reich Gottes Dieser Sieg des Lebens über den Tod ist die Offenbarung der Liebe Gottes, als die erste Liebe. Darüber schreibt Johannes: „Darin ist die Liebe Gottes zu uns geoffenbaret worden, daß Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe, nicht daß wir Gott geliebet haben, sondern daß er uns geliebet hat und seinen Sohn gesandt zum Sühnopfer für unsere Sünden.“ (1.Joh.4,9-10) „Wir, wir lieben, denn er hat uns zuerst geliebet.“ (1.Joh.4,19) Indem die Apostel diese Botschaft verkündigten, haben sie dadurch die grundlegende Wahrheit verkündigt, auf der einzig nur die Aufrichtung des Reiches Gottes, das Gott durch sein auserwähltes Volk aufrichten will, erfolgen kann. Nach seiner Auferstehung erschien Jesus seinen Jüngern 40 Tage lang und redete mit ihnen über das Reich Gottes (Apg.1,3). Nur so können wir es verstehen, daß seine Jünger, nachdem er ihnen den heiligen Geist verheißen hatte, ihn vor seiner Himmelfahrt noch als letztes fragten: „Herr, gibst du in dieser Zeit Israel die Königsherrschaft wieder?“ (Apg.1,6) Wenn wir zu dieser Frage noch die Antwort Jesu beachten: „Es ist nicht eure Sache, Zeiten oder Stunden zu wissen, welche der Vater in seiner eigenen Macht festgesetzt hat; sondern ihr werdet Kraft empfangen, wenn der heilige Geist auf euch kommt, und werdet mir Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde!“ (Apg.1,7-8), dann erkennen wir leicht, worauf der Blick der Jünger gerichtet war auf Grund der Unterredungen mit ihrem auferstandenen Herrn über das Reich Gottes. Auch ersehen wir daraus, wie der Dienst in der Verkündigung des Reiches Gottes durch die Apostel und alle ihnen folgenden Knechte Gottes in der Gemeinde Gottes erst getan werden mußte, ehe das Reich Gottes durch das auserwählte Volk Gottes aufgerichtet werden kann. Das Reich Gottes - 165 - Über diesen Dienst lesen wir zuerst, daß Philippus in Samaria das Evangelium vom Reiche Gottes und vom Namen Jesu predigte. Von Paulus heisst es: „Er ging in die Synagoge und trat öffentlich auf, indem er bei drei Monaten Unterredungen hielt und sie betreffs des Reiches Gottes überzeugte.“ (Apg.19,8) Auch den Ephesern sagte Paulus am Ende seiner Lehrtätigkeit, daß er umherging und das Reich Gottes predigte (Apg.20,25). Ein köstliches Zeugnis, wie Paulus während seiner Gefangenschaft in Rom das Reich Gottes verkündigt hat, haben wir in Apg.28,23. Da heißt es: „Nachdem sie ihm nun einen Tag bestimmt hatten, kamen mehrere zu ihm in die Herberge. Diesen setzte er in einem ausführlichen Zeugnis das Reich Gottes auseinander und suchte sie von Seite 184 Jesus zu überzeugen, ausgehend von dem Gesetze Moses und den Propheten, vom Morgen an bis zum Abend.“ „Paulus aber blieb zwei Jahre in einer eigenen Mietwohnung und nahm alle auf, die ihn besuchten, predigte das Reich Gottes und lehrte von dem Herrn Jesu Christo mit aller Freimütigkeit ungehindert.“ (Apg.28,30-31). Auch in den Briefen des Apostels Paulus ist mehrfach auf das Reich Gottes hingewiesen (Röm.14,17; 1.Kor.4,20; 6,9-10; Gal.5,21; Eph.5,5; Kol.4,11; 2.Thess.1,5), so daß aus diesen Zeugnissen gut erkannt werden kann, daß die Apostel ihren Dienst am Evangelium von der ersten Liebe nur um des von Gott den Vätern verheißenen Reiches Gottes willen in der Gemeinde Gottes getan haben. Wie sich das Volk Israel zu diesem Zeugnis des Evangeliums der Apostel stellte, wurde bald offenbar. Der Hohe Rat ließ Petrus und Johannes rufen und gebot ihnen, durchaus nicht mehr zu reden, noch zu lehren über den Namen Jesu (Apg.4,18). Später waren sie wieder über das Zeugnis dieser Apostel tief entrüstet und wollten sie umbringen (Apg.5,33). Sie gaben ihnen dann Streiche und verboten ihnen wiederum, von dem Namen Jesu zu reden (Apg.5,40). Das Zeugnis des Stephanus schnitt ihnen so in ihre Herzen, daß sie über ihn mit ihren Zähnen knirschten, auf sein weiteres Zeugnis hin auf ihn losstürmten, ihn zur Stadt hinausstießen und ihn steinigten (Apg.7,54-60). So wurde auch Paulus um seines Zeugnisses willen von seinem Volk stets verfolgt, bis er ihnen zuletzt in Rom sagte: „Wie fein hat der heilige Geist durch den Propheten Jesajas zu unseren Vätern geredet, als er sprach: ‚Gehe hin zu diesem Volke und sprich: Mit den Ohren werdet ihr hören und nicht verstehen, und mit den Augen werdet ihr sehen und nicht erkennen; denn das Herz dieses Volkes ist verstockt, und mit den Ohren hören sie schwer, und ihre Augen haben sie zugeschlossen, daß sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, und ich sie heile!’ So sei euch nun kund getan, daß den Heiden dieses Heil Gottes gesandt ist; sie werden auch hören!“ (Apg.28,25-28) Daraus ist zu ersehen, wie das Volk Israel das Zeugnis vom Reich Gottes, das die Apostel verkündigt haben, ebenso abgewiesen hat, wie es den König dieses Reiches, Jesus Christus, verworfen hat. c) Die verheißene Reichsgottesherrschaft in der Zeit der Gemeindeentwicklung Das Reich Gottes - 166 - 1. Die Reichsgottesherrschaft in der ersten Gemeinde zu Ephesus Auf vorgenannte Art und Weise wurde durch den Dienst der Apostel der Grund für die Gemeinde Gottes für die ganze Zeit ihrer Entwicklung gelegt. Die Gemeindeentwicklung wirkt sich nach Offenbarung Kapiteol 2 und 3 Seite 185 in sieben voneinander verschiedenen Gemeinden durch. Sie dauert bis zur Wiederkunft des Herrn, durch die dann die verheißene Reichsgottesherrschaft aufgerichtet wird. Die Aufrichtung der Reichsgottesherrschaft gestaltet sich aus im Kampf zwischen Jesus Christus und seiner Gemeinde, von der er das Haupt ist, und Satan, als dem Fürsten dieser Welt, der das Haupt der jeweils herrschenden Weltreichsmacht ist. Dieser Kampf wird nun in der Zeit des vierten Weltreichs im Schoße der sieben Gemeinden geführt. Über diese sieben Gemeinden und ihre Engel wurde dem Apostel Johannes gesagt: „Schreibe nun, was du gesehen hast und was ist und was geschehen soll darnach: Das Geheimnis der sieben Sterne, die du gesehen hast zu meiner Rechten und der sieben Leuchter; die sieben Sterne sind Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind sieben Gemeinden.“ (Offb.1,19-20) Aus diesen drei Abschnitten, die Johannes beschreiben mußte, ist zu ersehen, daß die sieben Gemeinden mit ihren Engeln als ihren Vorstehern das Geheimnis von der Wiederkunft des Herrn sind. Die Wiederkunft des Herrn ist aber die Aufrichtung der ewigen Reichsgottesherrschaft und des ewigen Königtums im Volke Gottes auf dem Grund der ganzen, in Christo vollbrachten Erlösung, als dem Sieg des Lebens über den Tod. Die ewige Reichsgottesherrschaft, die Gott mit seinem auserwählten Volk aufrichten will, muß sich deshalb im Schoße der sieben aufeinanderfolgenden Gemeinden entwickeln. Jede Gemeinde ist in ihrer Stellung zur Aufrichtung des Reiches Gottes von der Stellung ihres Engels abhängig. Das kommt gleich bei dem ersten Engel, dem Engel der Gemeinde zu Ephesus ganz klar zum Ausdruck. Die erste der sieben Gemeinden ist die „Gemeinde zu Ephesus“. In dieser Gemeinde, der der Engel der Gemeinde zu Ephesus vorstand, war die Wahrheit des ganzen, lauteren Evangeliums in der ersten Liebe, als dem Sieg des Lebens über den Tod, völlig vorhanden. Der Träger der ersten Liebe konnte nur ein apostolischer Zeuge gewesen sein, der die volle Erkenntnis und den Glaubensbesitz vom Sieg des Lebens über den Tod hatte. Durch das Bewahren der ersten Liebe hätte er vom Baum des Lebens, der im Paradiese Gottes ist, essen dürfen (Offb.2,7). Das hätte praktisch seine Leibesverwandlung bedeutet und den Beginn der Reichsgottesherrschaft in seinem auserwählten Volke. Nun muß der Herr diesem Engel aber seinen Abfall von der ersten Liebe mitteilen mit den Worten: „Ich habe wider dich, daß du deine erste Liebe verlassen hast. Bedenke nun, wovon du abgefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke! Wo aber nicht, so werde ich dir kommen und deinen Leuchter von seiner Stelle stoßen, wenn du nicht Buße tust!“ (Offb.2,4-5) Seite 186 Das Reich Gottes - 167 - Vielleicht war dem Engel der Gemeinde zu Ephesus, dem zuletzt noch lebenden Träger aller vom Herrn geoffenbarten Heilswahrheiten, nicht klar genug, welche Bedeutung seiner eigenen Glaubensvollendung zukommen sollte, damit Gott sein Reich aufrichten kann. Seitdem er in der Nachfolge Jesu stand, hatte er sich schon oft klarmachen müssen, wie es im Brief des Apostels Johannes heißt, daß Jesus nicht nur ein Opfer für die treuen Gläubigen ist, sondern auch für die ganze Welt (1.Joh.2,2). Deshalb ist auch alles mit Gott versöhnt durch das Blut Jesu, was im Himmel und was auf Erden ist und zur Sohnschaft und damit zum Frieden gebracht worden durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten (Kol.1,19-20). Er hat sehen müssen, daß alles, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne, Herrschaften, Fürstentümer, Gewalten, so in Christo neu erschaffen, zurechtgebracht und wiedergeboren ist (Eph.1,21; Kol.1,16; 2,15), daß nun auch für alle Wesen die Vaterschaft Gottes im Himmel und auf Erden möglich ist (Eph.3,14-15). Er hätte sich auf diesem Boden nicht ermüden lassen dürfen durch den Anlauf der „Bösen“, die sich Apostel nannten und es nicht waren, und die er als Lügner erfand (Offb.2,2). Er hätte sie deshalb auch nicht anders behandeln dürfen als in der göttlichen Ordnung der Erlösung in Christo Jesu, nach der Vaterschaft im Himmel und auf Erden, weil Gott in Christo Jesu alles unter ein Haupt beschlossen hat, was im Himmel und auf Erden ist (Eph.1,9-10; 3,15). Aber darin hat er als Leiter der Gemeinde zu Ephesus versagt gleichwie Mose am Haderwasser, denn er starb gleichwie Mose, ohne die Verheißung erlangt zu haben (Joh.21,21-23). Nur ein Unterschied muß beachtet werden: Für Mose fand sich kurz vor seinem Ende ein Führer in Josua, der das Volk Gottes ins verheißene Land brachte. Gottes Volk der Gemeinde aber muß warten, bis ihm ein Überwinder als Durchbrecher den Weg zur Herrlichkeit bzw. dem Herrn den Weg zur Wiederkunft und zur Errettung der Seinen bahnt (vgl.Jes.40,3-5; 57,14; 66,7; Jer.30,21; Hos.2,2; Mich.2,13; Mal.3,1-3.23-24; Apg.3,19-23; Offb.2,26-28; 3,7-11; 12,5). So gut wie Mose für sich bis dahin persönlich die Glaubensrechtfertigung festgehalten hat, so ermüdet er doch, über dem Volk Gottes seine Hände aufzuheben ohne Zorn und Zweifel (1.Tim.2,8). Er zürnte dem widerspenstigen Volk und zweifelte, ob Gott ihm noch einmal Wasser zur Errettung geben wollte. Nach seinen Begriffen hatten sich die das Volk aufwiegelnden Widersacher so versündigt, daß ein Gnadenwalten Gottes über ihnen nicht mehr festgehalten werden durfte. Mit diesem Verhalten entheiligte Moses aber den heiligen Namen der Heiligkeit und Barmherzigkeit Gottes. Und doch heiligte sich Gott vor dem Volk und offenbarte seine Barmherzigkeit und Heiligkeit in der ganzen Fülle dem widerspenstigen Volk, indem er ihnen reichlich Wasser gab und sie vor dem Verschmachten errettete (4.Mos.20,1-13). Dieses Versagen hat aber Moses das Todesurteil eingetragen (4.Mos.20,12; 27,13-14; 5.Mos.3,25-27; 4,21; 34,4). Nicht deshalb mußte er sterben, weil er ursprünglich eine Midianiterin zum Weibe hatte und später noch eine Äthiopierin zum Weibe nahm, er hätte auch nicht durch Übertretung des Bundes sterben müssen, obwohl er unsträflich war in seinem Seite 187 Das Reich Gottes - 168 - ganzen Hause. Aber daß er versagte angesichts der beharrlichen Widerspenstigkeit des Volkes Gottes, am Heilsratschluß Gottes festzuhalten, deshalb mußte er sterben. So versagte auch der Engel der Gemeinde zu Ephesus und verließ die erste Liebe, d.i. die höchste, vornehmste Liebe, als den Sieg der ganzen Erlösungswahrheit, durch Christus vollbracht. Denn diesem Engel wurde wieder der gleiche Widerstand in der Gemeinde entgegengesetzt, wie Moses in der Wüste. Derselbe setzte aber nicht erst zu dieser Zeit ein, als Johannes die Offenbarung auf der Insel Patmos empfing, sondern er war schon von Anfang der Gemeinde an wirksam. Er wurde bewirkt durch den Irrtum der Gesetzesgerechtigkeit, der in der Gemeinde dem Evangelium der ersten Liebe gegenüber ausgebreitet wurde. Darum hat schon Paulus in seinem Brief an die Gemeinde auf das Urteil Gottes über die Stellung des Volkes Gottes in der Wüste hinweisen müssen mit den Worten: „Immerdar irren sie in ihrem Herzen!“ (Hebr.3,10) Weil der Apostel wußte, daß diese Gesetzesgerechtigkeit der Ausgangspunkt aller Lügengewalten und allen Widerstandes gegen die Wahrheit der ganzen Erlösung war, schrieb er den Gläubigen zur Ermahnung: „Israel aber, welches dem Gesetz der Gerechtigkeit nachjagte, hat die Gesetzesgerechtigkeit nicht erreicht. Warum? Weil sie - nicht um des Glaubens, sondern um der Werke willen - sich gestoßen haben an dem Stein des Anstoßes, wie geschrieben steht: ‚Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden!‘“ (Röm.9,31-33) „Weil sie die Gerechtigkeit Gottes nicht erkennen und die eigene Gerechtigkeit aufzurichten trachten, sind sie der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan.“ (Röm.10,3) „Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt nach einem ungehorsamen und widersprechenden Volk!“ (Röm.10,21) „Was Israel sucht, das erlanget es nicht; die Auswahl aber erlangt es, die übrigen wurden verstockt; wie geschrieben steht: ‚Gott hat ihnen gegeben einen Geist der Betäubung, Augen um nicht zu sehen, und Ohren, um nicht zu hören‘, – bis zum heutigen Tag. Und David spricht: ‚Ihr Tisch werde ihnen zur Schlinge und zum Fallstrick und zum Anstoß und zur Vergeltung: ihre Augen sollen verfinstert werden, daß sie nicht sehen und ihren Rücken beuge allezeit!‘“ (Röm.11,7-10) In den Briefen an die Galater und Kolosser zeigt Paulus, in welche Gefahr die Gläubigen aus den Heiden schon gekommen waren durch den Einfluß der Gesetzesgerechtigkeit. Er schreibt von der Wirkung dieses Einflusses durch die falschen Apostel: „Damals aber, als ihr Gott nicht kanntet, dienetet ihr denen, die von Natur nicht Götter sind; nun aber, da ihr Gott kennet, ja vielmehr von Gott erkannt seid, wie möget ihr euch wiederum wenden Seite 188 zu den schwachen und armseligen Anfangsgründen, denen ihr wieder von neuem dienen wollet? Ihr beobachtet Tage und Monate und (heilige) Zeiten und Jahre. Ich bin besorgt um euch, daß ich am Ende vergeblich um euch gearbeitet habe.“ (Gal.4,8-11) „Ihr liefet fein, wer hat euch aufgehalten, der Wahrheit nicht zu gehorchen? Die Überredung kommt nicht von dem, der euch berufen hat. Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig.“ (Gal.5,7-9) „Wer euch aber verwirrt, der wird das Urteil tragen, wer er auch sei. Ich aber, meine Brüder, wenn ich die Beschneidung predigte, würde ich auch noch verfolgt? Das Reich Gottes - 169 - Dann hätte das Ärgernis des Kreuzes aufgehört! O, daß sie auch abgeschnitten würden, die euch verwirren!“ (Gal.5,10-12) „So soll euch nun niemand richten wegen Speise oder Trank oder wegen eines Festes oder Neumondes oder Sabbats, was doch nur ein Schatten dessen war, was kommen sollte, das Wesen selbst gehört Christo an. Niemand soll euch um den Kampfpreis bringen, der sich gefällt in Demut- und Engelsdienst und sich einläßt in Sachen, die er nicht gesehen hat, ohne Grund aufgeblasen von seinem fleischlichen Sinn, wobei er sich nicht hält an das Haupt, aus welchem der ganze Leib, vermittelst der Gelenke und Sehnen versorgt und zusammengehalten, zu der von Gott bestimmten Größe erwächst.“ (Kol.2,16-19). In seinem Brief an Titus zeigt Paulus klar, daß der Einfluß gegen die Wahrheit des Evangeliums von seiten der Irrlehrer aus den Judenchristen kam. Darum schreibt er: „Es gibt viele widerspenstige Schwätzer, die den Leuten den Kopf verwirren, allermeist die aus der Beschneidung; denen muß man den Mund stopfen; denn sie bringen ganze Häuser in Verwirrung, indem sie unnötige Dinge lehren um schändlichen Gewinnes willen. Es hat einer aus ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: ‚Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere, faule Bäuche!‘ Dieses Zeugnis ist wahr; deshalb weise sie scharf zurecht, damit sie gesund seien im Glauben und nicht achten auf jüdische Legenden und Gebote von Menschen, welche sich von der Wahrheit abwenden.“ (Tit.1,10-14) Mit solch bösen Arbeitern und falschen Aposteln und ihrem verderblichen Lehreinfluß mußte sich auch der Engel der Gemeinde zu Ephesus auseinandersetzen. Paulus unterweist Timotheus, welche Stellung die treuen Knechte Gottes solch falschen und darum bösen Aposteln gegenüber einnehmen müssen. Er schreibt ihm: „Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streiten, sondern muß milde sein gegen jedermann, lehrhaft, der die Bösen tragen kann und mit Sanftmut die Widerspenstigen strafend, ob ihnen Gott nicht noch Buße geben möchte, daß sie die Wahrheit erkennen und sie wieder nüchtern werden, aus der Schlinge des Teufels herauszukommen, der sie in der Knechtschaft seines Willens gefangenhält.“ (2.Tim.2,24-26) Seite 189 Weil es dem Engel der Gemeinde zu Ephesus als einem Träger des Heils im Besitz der ersten Liebe nicht mehr gelang, die Bösen, die in ihrer eigenen Gerechtigkeit dem Zeugnis der Wahrheit der Gottesgerechtigkeit immer widerstrebten, zu tragen, er sich vielmehr von ihrer Bosheit überwinden ließ und er sie deshalb auch nicht mehr in der göttlichen Ordnung des Heils sehen konnte, sondern nur in ihrer beharrlichen Bosheit, darum kam er vom Ratschluß Gottes ab. Er stand nicht mehr über allen Herrschaften, Gewalten und Mächten und sah deshalb auch nicht mehr, daß dem Tode auch für sein natürliches Leben die Macht genommen ist, deshalb mußte er in dieser von der ersten Liebe abgefallenen Stellung den Weg allen Fleisches gehen. Wohl hatte dieser Engel noch den Trost, daß Jesus die Schlüssel des Todes und des Totenreiches hat, daß er tot war und wieder lebendig geworden ist (Offb.1,17-18). Er konnte wissen, daß er unbedingt an der Auferstehung von den Toten Anteil haben dürfe, wenn er auch sein Leben den Gewalten ausliefern mußte, denen gegenüber er nicht mehr den vollen Sieg der Rettung und Erlösung in Christo Jesu sehen und festhalten konnte. Es wird ihm aber auch der Blick dafür gefehlt haben, daß er durch Bußetun sich wieder aufschwingen konnte, die ersten Werke, das sind die ersten Werke der Erlösung Das Reich Gottes - 170 - Gottes, zu üben (Offb.2,5) so daß er alle Herrschaften und Gewalten wieder in der von Gott gesetzten Erlösungsordnung zurechtgebracht und damit deren satanische Lügenstellung vernichtet, das heißt aufgehoben sehen konnte (vgl.Hebr.2,14). Darum blieb es ihm versagt zu überwinden, um vom Baum des Lebens, der im Paradiese Gottes ist, die nötige Speise als den persönlichen Sieg der Leibesverwandlung zu bekommen (Offb.2,7). Mit dem Verlust der ersten Liebe war die Möglichkeit ein für allemal vorbei, für den natürlichen Leib einen Sieg über den Tod zu erlangen. Denn die nun triumphierenden Finsternisgewalten deckten den von Jesus vollbrachten Sieg so zu, daß den tiefergehenden Erkenntnissen von der ganzen Erlösung in Christo Jesu die innere Kraft fehlte, bis sie schließlich als leere Worte auch noch ihren Sinn verloren und, weil nicht mehr verstanden, in der Glaubensübung auch nicht mehr gebraucht werden konnten. Wie die Erfahrung der Gemeindeentwicklung lehrt, hat der Engel der Gemeinde zu Ephesus über seinen Verlust von der ersten Liebe nicht Buße getan. Darum wurde sein Leuchter vom Herrn von seiner Stelle gestoßen. Aus diesem Grunde konnten sich aber in dieser ersten Gemeinde durch die Wiederkunft des Herrn die dem Volke Gottes gegebenen Verheißungen nicht erfüllen und die Reichsgottesherrschaft im Offenbarwerden vom Sieg des Lebens über den Tod in der Leibesverwandlung nicht aufgerichtet werden, sondern mußten einer der folgenden Gemeinden und somit auch einem späteren Zeitpunkt aufbehalten bleiben. Weil dem Apostel Johannes die Ordnung der sieben Gemeinden erst auf der Insel Patmos gezeigt wurde und die Apostel von diesen sieben Gemeinden vorher nicht geredet haben, könnte daraus abgeleitet werden, daß in dem göttlichen Ratschluß zuerst nicht die sieben Gemeinden beschlossen Seite 190 waren, sondern daß nur eine einheitliche Gemeinde vorgesehen war, in der sich die Vorbereitung für die Aufrichtung des Reiches Gottes durch die Lehre der Erlösung als Sieg des Lebens über den Tod hätte vollziehen sollen. In diesem Lichte würde man dann den Verlust der ersten Liebe des Engels der Gemeinde zu Ephesus als die Ursache für die Siebenteilung der Gemeinde ansehen und die Teilung der Gemeinde von dieser Zeit an rechnen, wenn dieser Verlust erfolgt ist. Durch diese Einteilung wird aber die Ordnung, die der Herr selbst in seinen Gleichnissen des Himmelreiches gezeigt hat, nicht beachtet, und die Gemeinde Gottes und das Himmelreich werden als zwei voneinander verschiedene Ordnungen behandelt, während der Herr in seinen sieben Gleichnissen vom Himmelreich nur die Gemeinde Gottes in der siebenfachen Entwicklung dieser Gemeinden schildert (Matth.13). Wenn aber diese sieben Gleichnisse des Herrn vom Himmelreich mit den sieben Sendschreiben an die sieben Gemeinden zusammen betrachtet werden müssen, damit man dem ganzen Schriftzeugnis von dieser Zeit die rechte Bedeutung beimißt, dann muß auch die Siebenteilung der Gemeinde Gottes vom Anfang an anerkannt werden. Im ersten Gleichnis vom Sämann kann der Herr nur von seinem eigenen Dienst der Ausbreitung des Wortes Gottes reden mit den Worten: Das Reich Gottes - 171 - „Siehe, es ging ein Säemann aus zu säen. Und indem er säte, fiel etliches an den Weg, und die Vögel kamen und fraßen es auf. Anderes aber fiel auf den Fels, wo es nicht viel Erde hatte; und es ging alsobald auf, darum weil es nicht tiefe Erde hatte; als aber die Sonne aufging, ward es verbrannt, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. Anderes aber fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchsen auf und erstickten es. Anderes aber fiel auf den guten Grund und brachte Frucht, etliches hundertfältig, etliches sechzigfältig und etliches dreißigfältig. Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (Matth.13,3-9) Hier zeigt der Herr den Anfang der Gemeinde Gottes und weist darauf hin, daß die sieben Gleichnisse die Entwicklung der Gemeinde Gottes vom Anfang bis zum Ende zeigen. Die auf einen späteren Zeitpunkt angesetzte Teilung der Gemeinde Gottes ist auch aus dem Grunde nicht möglich, weil zum Abfall von der ersten Liebe auch die Entwicklung der Gemeinde in der Erkenntnis der ganzen Erlösung als der Sieg des Lebens über den Tod hinzugehört, bis diese Erkenntnis dem Engel dieser Gemeinde zum vollen Besitz wurde in seinem ausgereiften Glauben in der Stellung der ersten Liebe. Ohne diese Entwicklung konnte der Abfall von der ersten Liebe auch nicht erfolgen. Diese Entwicklung muß aber vom ersten Anfang der Verkündigung des Wortes Gottes durch den Herrn selbst erfolgt sein. Das beweist, daß die Siebenteilung der Gemeinde Gottes im Ratschluß Gottes bestimmt war und vom Anfang der Gemeinde an gerechnet werden muß. Die Zeitdauer der ersten Gemeinde muß deshalb von Anfang der Gemeinde, einschließlich des Dienstes des Herrn und seines Wegbereiters, des Täufers Johannes, bis zu dem Zeitpunkt gerechnet werden, an dem es offenbar war, daß die dem Engel dieser Gemeinde noch gewährte Zeit zur Buße unbenutzt verstrichen war. Seite 191 Diese Bußzeit war für diese erste Gemeinde schon reichlich mit göttlicher Züchtigung ausgefüllt. Darüber lesen wir im Brief an die Hebräer: „Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst! Denn welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er, und stäupet einen jeglichen Sohn, den er annimmt'. Wenn ihr Züchtigung erduldet, so behandelt euch Gott ja als Söhne; denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtiget? Seid ihr aber ohne Züchtigung, der doch alle teilhaftig geworden, so seid ihr Bastarde und keine Söhne! Sodann hatten wir auch die Väter unseres Fleisches zu Zuchtmeistern und scheuten sie; sollten wir jetzt nicht vielmehr dem Vater der Geister untertan sein und leben? Denn jene haben uns gezüchtiget wenige Tage nach ihrem Gutdünken; er aber zum Besten, damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden. Alle Züchtigung aber, wenn sie da ist, dünket uns nicht Freude, sondern Traurigkeit; hernach aber bringt sie eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die durch sie geübet sind.“ (Hebr.12,5-11) Diese Züchtigung soll die Kinder Gottes zur Sohnschaft bringen, das ist der Sieg des Lebens über den Tod durch die Leibesverwandlung, wenn der Herr kommt. Aus diesem Grunde mußte die Gemeinde in dieser Zeit, weil sie in Gefahr war, daß die erste Liebe vom Engel dieser Gemeinde verlassen wurde, von der heidnischen Obrigkeit unter dem Einfluß des Fürsten dieser Welt schon viel Trübsal und Verfolgung durchkosten. Der Apostel Johannes selbst mußte in dieser Zeit, als durch den Kaiser Domitianus eine große Verfolgungszeit über die Gemeinde Gottes hereinbrach (Offb.1,9), in der Das Reich Gottes - 172 - Verbannung auf der Insel Patmos durch die Offenbarung die Mitteilung erfahren, daß die erste Liebe in der Gemeinde bereits verloren sei (Offb.2,4). Wenn die göttliche Züchtigung in der Trübsal dieser Bedrängnis durch die weltliche Obrigkeit, noch die Sohnschaft bewirken kann, dann muß in solcher Bedrängnis die verlorene erste Liebe wieder durch Buße zurückerlangt werden. Diese Zeit der Buße ist mit dem Tode dieses Engels abgelaufen, und dann tritt der Engel der zweiten Gemeinde auf. Dieser Engel hatte aber das volle Licht von der ersten Liebe und die daraus erlangte Glaubenskraft nicht mehr so, wie sie der Engel der ersten Gemeinde in seiner Entwicklung zum Sieg des Lebens über den Tod hatte, und die damit verbundene Möglichkeit der Leibesverwandlung durch das Kommen des Herrn in der Aufrichtung des Reiches Gottes. 2. Die Reichsgottesherrschaft in der zweiten Gemeinde zu Smyrna Auf die Gemeinde zu Ephesus folgt entwicklungsgemäß die „Gemeinde zu Smyrna“ (Offb.2,8-11) Gegenüber dem in der Gemeinde zu Ephesus im Besitz der ersten Liebe vorhanden gewesenen Reichtum ist in der Gemeinde zu Smyrna infolge des mangelnden Besitzes der ersten Liebe Armut vorhanden. Seite 192 Weil der Engel der Gemeinde zu Ephesus die erste Liebe, als Sieg des Lebens über den Tod, verlassen hat und über diesen Verlust nicht Buße tat, konnte der Engel der Gemeinde zu Smyrna den Besitz der ersten Liebe auch nicht mehr haben und demgemäß in seiner persönlichen Glaubensentwicklung auch nicht mehr ausreifen, um vom Baum des Lebens, der im Paradiese Gottes ist, in der Erfahrung der Leibesverwandlung zu essen. Diesem Engel der Gemeinde zu Smyrna mag zwar das Licht von der in der Gemeinde bis dahin vorhandenen Erkenntnis der ersten Liebe noch etwas leuchten, aber es gab für ihn doch keine Möglichkeit mehr, von dieser Erkenntnis aus in den Besitz der ersten Liebe zu gelangen. Der Weg zum Baum des Lebens im Paradiese Gottes war der Gemeinde Gottes wieder aufs neue verschlossen. Der noch vorhandenen Erkenntnis fehlte die innere Kraft, und sie konnte deshalb nicht mehr als Waffe in der Gemeinde gebraucht werden, um den Kampf mit den Todesgewalten erfolgreich führen zu können. Die Bedeutung der ganzen Erlösung konnte in dieser Stellung nur noch als Glaubensrechtfertigung gesehen werden, die durch Christus vor Gott offenbar ist und auf Grund derselben Gott die Sünden vergibt. Diese Stellung bezeugt Paulus mit den Worten: „Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib tot, um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben, um der Gerechtigkeit willen.“ (Röm.8,10) Und in Verbindung damit war die Erkenntnis der Erstlingsauferstehung noch eine vorhandene Heilswahrheit. Auf diese Heilserkenntnisse gründete sich sein Glaube; und darum besaß er bei all seiner Armut noch einen gewissen Reichtum an Heilsgütern. Doch der schon zur Zeit Jesu begonnene Kampf gegen die Gottes- und Glaubensgerechtigkeit und der Kampf um die Lehre der Auferstehung der Toten, der in der Das Reich Gottes - 173 - Apostelzeit seine Fortsetzung fand, entbrannte in dieser zweiten Gemeinde besonders heftig. Gläubige aus den Juden, die eine Synagoge des Satans genannt sind (Offb.2,9), waren die Feinde der Glaubensgerechtigkeit und der noch vorhandenen Lehre von der Auferstehung. Darum lästerten sie über die Erkenntnis und den Glauben des Engels der Gemeinde zu Smyrna und führten einen bitteren Verfolgungskampf mit ihm. Diesen Kampf führte der Engel der Gemeinde zu Smyrna mit den Gemeindegliedern, welche sagten, sie seien „Juden“, das heißt „gottesfürchtig nach den Forderungen des Gesetzes“. Von diesen mußte er sich lästern lassen, weil er seine Gottesfurcht und seine Herzensreinheit von seiner Glaubensrechtfertigung und nicht von seiner Unsträflichkeit nach dem Gesetz herleitete (Apg.15,9; Röm.2,28-29). Die Lästerungen und die Schmähungen dieser Brüder, die mit der Masse der Gläubigen auf dem Boden des Gesetzes für Gott eiferten, führten schließlich dahin, daß diese Männer den Engel der Gemeinde zu Smyrna als Gotteslästerer dem Tode auslieferten. Seine Leidensschule erweckte bei seinen Widersachern den Eindruck, daß er als ein Feind Gottes von Gott verfolgt werde, und das ermutigte diese Synagoge des Satans desto mehr, ihn bis zum Tode zu verfolgen, um Gottes Wohlgefallen Seite 193 darin zu erreichen. Eine Schule des Satans waren sie aber deshalb, weil sie selbst unter den Wirkungen des Gesetzes die sündlichen Leidenschaften in ihren Gliedern, die dem Tode Frucht bringen, zwar erkennen mußten, aber doch, anstatt daß sie diesen Zustand wie Paulus als das „Elend und unter die Sünde Verkauftsein“ und deshalb als den sterblichen Leib erkannten, - diese Erkenntnis verleugneten und sich bei allen Übertretungen des Gesetzes als vorbildlich gottesfürchtig hinstellten. Der Engel nahm aber bei dieser Verfolgung in seinem Glauben so zu, daß er in seiner eigenen Erkenntnis und in Gottes Augen in dem Glauben vollendet wurde, daß Gott die Toten unverweslich auferweckt. Diese Gemeinde zu Smyrna soll zehn Tage Trübsal haben. Das weist auf die schwere Zeit der Christenverfolgung hin. Die Zeit dieser Gemeinde ist etwa die vom Jahr 100 n.chr. - 300 n.Chr., es ist die Märtyrerzeit. Die zehn Tage Trübsal können in der Geschichte als etwa zehn zu verschiedenen Zeiten erfolgte Verfolgungen erkannt werden:*) *1) 2) 3) 4) 5) 6) 7) 8) 9) 10) 64 91-96 107 167 177 193-211 250 253-260 303 n.Chr. unter Nero in Rom n.Chr. unter Domitianus. Durch sie wurde Johannes betroffen. n.Chr. unter Trajanus, in Jerusalem unter Trajanus, in Antiochien n.Chr. unter Marcus Aurelius, in Asien und Bithynien n.Chr. unter Marcus Aurelius, in Südfrankreich n Chr. unter Septinius Severus n.Chr. unter Decius, im ganzen Reich n.Chr. unter Valerianus n.Chr. unter Diokletianus, im ganzen Reich Der Engel dieser Gemeinde, wie auch die Gemeindeglieder selbst, die treu waren bis in den Tod, bekamen die Verheißung, daß sie in der Erstlingsauferstehung die Krone des Lebens bekommen sollen und der zweite Tod ihnen kein Leid antun wird. Aber der Sieg des Lebens über den Tod in der Leibesverwandlung konnte in dieser Gemeinde nicht Das Reich Gottes - 174 - erreicht werden, weil der Überwinderboden aus Mangel an dem dazu nötigen Glaubensbesitz der ersten Liebe nur noch in der Treue bis zum Tod und der Hoffnung für die Krone des Lebens in der Erstlingsauferstehung, wenn der Herr kommt, bestand. Folglich konnten sich in dieser Gemeinde die göttlichen Verheißungen auch nicht erfüllen, die Gott den Vätern seines auserwählten Volkes gegeben hat. Die ewige Reichsherrschaft des Volkes Gottes ist in dieser zweiten Gemeindezeit sogar noch mehr in den Hintergrund getreten. Das ist nur aus dem Grunde der Fall, weil in der Gemeinde zu Smyrna infolge der mangelnden Erkenntnis von der ersten Liebe auch der Glaube an die in Christo vollbrachte Erlösung nicht mehr geübt werden konnte, damit es zum Sieg des Lebens über den Tod in der Leibesverwandlung hätte kommen können. Die zu den verschiedenen Zeiten über diese Gemeinde hereingebrochenen Verfolgungszeiten konnten zwar nicht mehr zu der Buße führen, durch die die verlorene erste Liebe wieder zurückerlangt wird. Sie dienten aber dem Zweck, daß die Treue bis zum Tod bewiesen wurde und diesen Seite 194 Überwindern durch den zweiten Tod dann kein Leid geschehen kann, weil sie in der Hoffnung an die Auferstehung ausreiften. 3. Die Reichsgottesherrschaft in der dritten Gemeinde zu Pergamus Mit der fortschreitenden Entwicklung der Gemeinde Gottes im ersten Zeitabschnitt des vierten Weltreiches wurde der Glaube in der Gemeinde Gottes der herrlichen Erlösungstat Jesu gegenüber immer schwächer. In der auf die Gemeinde zu Smyrna folgenden „Gemeinde zu Pergamus“ (Offb.3,12-17), ist die Hoffnung, daß sich die göttlichen Verheißungen erfüllen würden, die die Aufrichtung der Reichsgottesherrschaft durch sein auserwähltes Volk bezeugen, immer mehr verschwunden. Weil es Gott geschehen ließ, daß in der bis dahin erfolgten Entwicklung in der Gemeinde auf dem Boden der ersten Liebe der Sieg über den Tod nicht erreicht wurde, so ist es dem Feind gelungen, alle durch die Verkündigung des Evangeliums erlangten Heilswahrheiten der Gemeinde Gottes immer mehr zu verdunkeln. Das tat er dadurch, indem er bewirkte, daß alle treuen Heilsträger unter seinem Einfluß in der zweiten Gemeindezeit zu Smyrna getötet wurden. Gottes weise Leitung bestand in dieser Zeit nur darin, die in der Trübsal und in den Todesnöten Geschulten in ihrem Glauben an die Auferstehung zu vollenden. Aber auch diese Heilsträger waren dem Feind noch ein Ärgernis, und deswegen nahm die Trübsal so überhand, daß auch sie zum Verstummen gebracht wurden. Antipas, der letzte treue Zeuge, hatte noch mit großer Kraft seinen Glauben an die Glaubensrechtfertigung und an die Auferstehung Jesu bezeugen können, da, wo der Satan als Fürst des Todes wohnte und die Gesinnung der Weltreichsherrschaft gegen die gläubige Gemeinde bestimmend beeinflußte. Von dieser Seite drohte die Todesgefahr, der sich alle treuen Zeugen Jesu durch ihr Bekenntnis aussetzten; das schreckte aber die Gläubigen in dieser Gemeinde schon ab, darauf Fuß zu fassen und weiterhin treue Zeugen des Evangeliums unter Lebenshingabe zu sein. Das Reich Gottes - 175 - Der Engel der Gemeinde zu Pergamus konnte zwar noch den Namen des Herrn Jesu bezeugen und verleugnete seinen Glauben an ihn nicht, obgleich er es nicht vermochte, mit dem Märtyrer Antipas sein Haupt vom Leibe abtrennen zu lassen. Durch diesen Mangel an treuer Lebenshingabe hat dieser Engel aber bewiesen, daß er den lebendigen Glauben an die Auferstehung nicht mehr hatte; er hatte nur noch das Wissen davon, aber die Kraft zum Lebenseinsatz fehlte ihm. Darum hatte der Herr ein weniges wider ihn, daß er daselbst solche hatte, die an der Lehre Bileams hielten, welcher den Balak lehrte, ein Ärgernis vor die Kinder Israels zu legen, Götzenopfer zu essen und Hurerei zu treiben. Seite 195 Schon Moses hatte im Hinblick auf die Belohnung die Schmach Christi für größeren Reichtum geachtet als die Schätze Ägyptens (Hebr.11,26). Der göttliche Lohn hatte einen Abel zum Glaubensbekenntnis und Lebenseinsatz und den Abraham zur Aufopferung seines geliebten Sohnes Isaak befähigt (Hebr.11,4.17-19). Auch Bileam, dem syrischen Propheten, war dieser göttliche Lohn bekannt, denn auch er weissagte von Christus (4.Mos.24,17-19). Aber um irdischen Lohnes willen gab er seine Auferstehungshoffnung auf, wollte um Geld und Ehre den Brüdern fluchen und offenbarte damit gleich dem Esau seine gemeine Gesinnung (Hebr.12,16-17). Als ihm das nicht gelang, brachte er um Geld und Ehre Israel - wenn schon nicht um die Verheißung - so aber doch durch Verführung zu Götzenopfer und zur Hurerei in den Dämonendienst, das ist in den Abfall von Gott und unter den Zorn Gottes. Solche Bileamslehrer, die ihre Auferstehungshoffnung um irdischen Wohlergehens willen preisgaben, leiteten um Geld und Ehre wiederum die damals in der Gemeindezeit des vierten Jahrhunderts herrschenden Könige, die schon Christen geworden waren, an, den Glauben an die Auferstehung der Gläubigen durch Lehrverführung in einen toten Formendienst und dadurch auch in Dämonendienst umzuwandeln. Die Schuld lag aber beim Engel der Gemeinde zu Pergamus, welcher selbst nicht mehr genug lebendige Gewißheit an die Auferstehung hatte, daß er gewagt hätte, den Bileamslehrern durch Lebenseinsatz entgegenzutreten und auf diese Weise auch durch seine Treue die christlich-weltliche Obrigkeit dieses vierten Weltreiches in die rechte Glaubensstellung zu leiten, damit ihr Einfluß für die Gemeinde Gottes auch hätte ein Segen sein können. Doch weil der Engel dieser Gemeinde trotz seines Festhaltens an dem Namen des Herrn und daß er den Glauben nicht verleugnete, doch den falschen Einfluß der Lehre Bileams in seiner verderblichen Wirkung nicht aufhalten konnte, kamen auch die im Weltreich herrschenden christlich-weltlichen Herrscher unter den Lehreinfluß der Bileamslehre, anstatt unter den Lehreinfluß des Engels dieser Gemeinde, der der bessere und in der Gemeinde bestimmende hätte sein müssen. Dieser Engel hatte aber solche, die an der Lehre der Nikolaiten, der Volksbeherrscher, der Seelenbezwinger festhielten, was der Herr haßt. Wenn die Aufforderung des Herrn an diesen Engel: „Tue Buße!“, Das Reich Gottes - 176 - nichts ausrichtet, muß der Herr bald kommen, um mit ihnen Krieg zu führen durch das Schwert seines Mundes. Die lebendige Kraft des Bekennens war nun in dieser Gemeinde Gottes dahin; denn ihr muß eine lange Übung vorausgehen, mit dem Herzen zu glauben, daß Jesus von den Toten auferweckt ist, damit aus diesem Herzensglauben ein Bekenntnis des Mundes wird, das schließlich den tödlichen Haß der Feinde der Erlösungswahrheit herausfordert. Die Finsternis- und Todesmächte hatten aber zu der Zeit in der Gemeinde Gottes schon so überhandgenommen, daß ein lebendiges Erfassen und Bewahren dieser großen Gotteskraft nicht mehr möglich war. Seite 196 Im Blick auf die Überwinderstellung lautet das Zeugnis in dieser Gemeinde: „Wer überwindet, dem will ich von dem verborgenen Manna zu essen geben, und will ihm einen weißen Stein geben und auf dem Stein einen neuen Namen geschrieben, welchen niemand kennt, als wer ihn empfängt.“ (Offb.2,17) Was dieses Zeugnis von der Überwinderstellung bedeutet, kann nur verstanden werden, wenn wir den Grundgedanken der sieben Sendschreiben erfaßt haben. Dieser Grundgedanke ist die Ausgestaltung der Reichsgottesherrschaft im Schoße der sieben Gemeinden. Die Reichsgottesherrschaft darf bei der Betrachtung der sieben Gemeinden nicht aus den Augen gelassen werden, wenn man nicht von der Entwicklung abweichen will, die sich in der Gemeinde auf dieses Ziel hin ausgestalten muß. Besonders in den Verheißungen muß die Reichsgottesherrschaft beachtet werden, die den Überwindern von jeder Gemeinde gegeben sind. Sie zeigen nur die beiden Linien des Sieges des Lebens über den Tod durch die Leibesverwandlung als Glaubensvollendung in der treuen Stellung zu der in Christo vollbrachten Erlösung und in der Treue bis zum Tod, auf Grund derselben die Erstlingsauferstehung erfolgt. Durch den Sieg des Lebens über den Tod kommt der Herr zur Thronbesteigung (Offb.2,26-28; 3,21; 4,2; 11,15-17) und zu seinem Tempel, der die heilige Stadt ist, das neue Jerusalem, die Hütte Gottes, das Weib, die Braut des Lammes (Offb.21,2-3.9-10). In der Treue bis zum Tod werden diese Überwinder als Erstlinge aus den Toten das Königreich der Priester, die mit Christus auf Erden tausend Jahre herrschen (Offb.20,4-6). Diese beiden Linien sind in den ersten beiden Gemeinden gezeigt. In der Gemeinde zu Ephesus ist die Ordnung gezeigt, nach der der Sieg des Lebens über den Tod erlangt wird. In der Gemeinde zu Smyrna ist gezeigt, daß in der Treue bis zum Tode die Erstlingsauferstehung und durch sie die Königs- und Priesterstellung erlangt wird. Die Verheißungen für die Überwinder weisen in allen sieben Gemeinden nur auf diese beiden Ordnungen des Sieges hin. Der Überwindersieg muß deshalb bei jeder Gemeinde in einer von diesen beiden Ordnungen erlangt werden. In der Gemeinde zu Pergamus zielen nun die Irrlehren auf die Verbindung mit der Welt hin. Einerseits umgeben die Gläubigen und Knechte Gottes Einflüsse von seiten der Weltmacht, die ihnen Ehre und Gewinn bietet, und andererseits wird die Nikolaitenherrschaft ausgebreitet. Das alles hat zur Folge, daß die Erkenntnis der Erlösung so völlig verschwindet, daß für die Überwinderstellung im treuen Lebenseinsatz, wie sie in Das Reich Gottes - 177 - der Gemeinde zu Smyrna noch vorhanden ist, nun die nötige Erkenntnis- und Glaubensstellung fehlt. Deshalb wird die Ausrüstung zur Überwinderstellung durch das von der Gemeinde verlorene und deshalb verborgene Manna oder Lebensbrot erlangt, wenn es der Herr persönlich darreicht. Damit bereitet der Herr dem Essen vom Baum des Lebens im Paradiese Gottes den Weg, denn auf den einen Stein sind Seite 197 sieben Augen gerichtet (Sach.3,9). Dieser eine Stein ist einer von den sieben Engeln der sieben Gemeinden, der das Wort des Herrn bewahrt hat, und indem er diese Stellung, die er zum Herrn hat, bewahrt, bis der Herr kommt, ißt er vom Baum des Lebens im Paradiese Gottes und wird durch das Kommen des Herrn, weil er bereit ist, verwandelt (Offb.3,7-11; vgl.Joh.8,51). Die sieben Augen sind die sieben Geister des Herrn, die der Herr zusammen mit den sieben Engeln der sieben Gemeinden in seiner Hand hat (Offb.2,1). Auf diesen einen Stein gräbt der Herr selbst seine Inschrift ein, und das ist der Name, den niemand kennt als nur der Treue und Wahrhaftige selbst, der ihn empfängt. Weil dieser Name „Wort Gottes“ heißt (Offb.19,12-13), so ist das die Nahrung, die dieser Überwinder durch das der Gemeinde verborgene Manna vom Herrn selbst bekommen hat. Dieser weiße Stein ist dann auch der Schlußstein, der unter dem Zuruf der Menge: „Gnade, Gnade mit ihm!“ (Sach.4,7) zur bestimmten Zeit als Werkzeug für die Königsherrschaft hervorgebracht wird. Auf diesen Gemeindezustand weist Jesus in Matth.13,31-32 hin in dem Gleichnis, indem er das Himmelreich mit einem Senfkorn vergleicht. In dem Bild vom Senfkorn zeigt Jesus, wie die durch die Christenverfolgung zusammengeschmolzene kleine Gemeinde zu einem großen Baum wird, in dessen Zweigen die Vögel des Himmels nisten. Eine solche Ausbreitung des Evangeliums war in jener Zeit der dritten Gemeinde (etwa von 300 n.Chr. - 500 n.Chr.) nur möglich, weil das Christentum Staatsreligion wurde und weil sich die Gemeinde mit dem Staat verbunden hatte, ja, sogar an der Staatsmacht selbst gern Anteil haben wollte. Diese wiedergöttliche Verbindung konnte aber nur auf Kosten der klaren, entschiedenen Stellung zu den in der Gemeinde Gottes noch vorhandenen Heilswahrheiten erfolgen. Das Verlangen der Gemeinde Gottes, deren Kern Glieder aus dem Volke Gottes waren, nach der Staatsmacht, konnte nicht in der Gesinnung Jesu Christi geschehen, auch wenn dabei die Absicht besteht, das Evangelium weiter und schneller auszubreiten. Es zeigt nur, wie wenig die Gemeinde Gottes ihren Blick auf die Ordnung der wahren Reichsgottesherrschaft gerichtet hatte. Sie vermischte das Reich Gottes mit der irdischen Reichsherrschaft, obgleich Jesus, an den sie glaubte, einmal sagte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“ (Joh.18,36) Seite 198 Das „vierte Weltreich“, das „Volk Gottes“ und die „christliche Gemeinde“ in der Mitte der vierten Weltreichsherrschaft 1. Das vierte Weltreich im Bilde der sieben Häupter und der Füße Das Reich Gottes - 178 - a) Die sieben Häupter nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift Im ersten Teil der Schilderung des vierten Weltreiches haben wir gezeigt, wie die Einheit dieses Reiches zu der Zeit aufhörte, als das Reich in die beiden Teile West- und Ostrom zerteilt wurde und darauf Westrom durch die in der Völkerwanderung nach dem Westen drängenden Goten oder Germanenvölker im Jahre 476 n.Chr. zertrümmert wurde. In dieser Betrachtung des zweiten Teiles vom vierten Weltreich müssen wir nun auf die weitere Teilung dieses Reiches achten, wenn es in sieben Häupter zerteilt wird. Daniel redet zwar von dieser Teilung nicht mit klaren Worten. Aber Johannes weist in der Offenbarung darauf hin, indem er sagt: „Ich sah aus dem Meer ein Tier aufsteigen, das hatte sieben Häupter...“ (Offb.13,1) „Die sieben Häupter sind sieben Berge, auf welchen das Weib sitzt; und sind sieben Könige ...“ (Offb.17,9-10) Zur genauen Feststellung der Zeit, in der die Siebenteilung des vierten Weltreiches beginnt, müssen die weiteren Ausführungen und Zusammenhänge in Offb.13,1-3 und 17,7-13 beachtet werden. Die sieben Häupter beginnen sich zu bilden, wenn das Tierreich in zwei Reichsgebilde zerfällt. Daß die ersten zwei Reiche: das Weströmische und das Oströmische Reich, auch schon als zwei Häupter zu werten sind, die zu den sieben Häuptern gezählt werden müssen, ist daraus zu ersehen, daß das achte Haupt wieder eines von den sieben Häuptern ist. Dieses achte Haupt Seite 199 ist schon vorher mit den sieben zusammen in der Macht, und zwar als das Tier selbst (Offb.17,8.10-11), das als das vierte Weltreich von der Gründung der Stadt Rom aus erkannt und anerkannt werden muß. b) West- und Ostrom - das erste und zweite Haupt Durch die Teilung dieses Reiches in West- und Ostrom wird der Anfang dieses Reiches in der Form von Westrom zum ersten und Ostrom zum zweiten Haupt. Die Ordnung dieser ersten zwei Häupter darf nicht so umgestellt werden, daß man „Ostrom“ als erstes Haupt bezeichnet, sonst muß man auch das achte Haupt und somit das Tier selbst in Ostrom (Türkei) sehen. Deshalb kann dieses achte Haupt nur in einem der eisernen Schenkelreiche, die den Anfang dieses Reiches darstellen, gesehen werden. Das Oströmische Reich könnte zuerst genannt werden, weil sich die Hauptstadt des geteilten Reiches auf Konstantinopel verlegte und von dieser Stadt Byzanz die Teilung des Reiches endgültig erfolgte. Die größere Macht Ostroms zeigt sich auch darin, daß es nahezu tausend Jahre länger bestand als das „Weströmische Reich“. Wird demgegenüber an erster Stelle nicht der längere Bestand Ostroms gesehen, sondern der in der Reichsgründung liegende Ursprung des gesamten Reiches beachtet, so muß „Westrom“ als Anfang des Reiches und darum als erstes Haupt angesehen werden; denn in der Gründung der Stadt Rom liegt auch die Gründung dieses vierten Weltreiches, das von dieser Stadt auch den geschichtlich bekannten Namen bekommen hat. - 179 - Das Reich Gottes Es ist deshalb bei der Behandlung der Geschichte dieses Reiches um dieser Bezeichnung willen und um festzustellen, welches Haupt aus den sieben das achte ist, nötig, auf die Reichsgründung zu achten, um von da aus das erste Haupt feststellen zu können, das zuerst als Anfang des Reiches war, dann nicht mehr ist und als achtes Haupt, als eines von den sieben, wiederkommt und selbst das Tier ist. c) Spanien - das dritte Haupt Nachdem nun das Weströmische Reich durch die während der Völkerwanderung in das Gebiet des Römischen Reiches wiederholt eingedrungenen Germanen zertrümmert war, richteten die Westgoten unter König Eurich (466-484) ein Reich in Spanien auf, das sich mit dem späteren Frankenreich jahrhundertelang um den Machteinfluß stritt. Es blieb auch mit dem deutsch-österreichischen Herrscherhaus der Habsburger (1516-1700) im Mittelalter verbunden. Diese durch die Völkerwanderung zuerst in Spanien zur Reichsbildung gekommene germanische Macht der Westgoten wird dadurch neben dem noch in der Macht stehenden Ostrom und dem seiner Macht beraubten Westrom zu einer dritten Hauptmacht (drittes Haupt) des Römischen Reiches. Seine Stärke und Bedeutung in dieser Zeit liegt in der Tatsache, daß es viele Jahrhunderte das Grenzland in Europa gegen das mächtige Sarazenenreich der Araber war, unter deren Herrschaft es auch in den Jahren 711-1263 Seite 200 stand. Karl der Große war im Fränkischen Reich der erste wichtige Gegner dieser arabischen Sarazenenmacht in Spanien. Nachdem sich später die Königreiche Kastilien und Aragonien vereinigt hatten und auch die Entdeckung Amerikas durch das Habsburgerreich von Spanien aus erfolgte, war Spanien unter Kaiser Karl V. und König Philipp die erste Macht der Christenheit (1500-1600). d) Das Frankenreich - das vierte Haupt Als viertes Haupt tritt das Frankenreich an die Spitze der Völker. Um das Jahr 800 erneuerte der Frankenkönig Karl der Große die weströmische Kaiserwürde, die mehr als 300 Jahre aufgehört hatte, indem er vom Papst in Rom zum Kaiser gekrönt wurde. Ihm gelingt es, den größten Teil aller germanischen Länder unter seine Macht zu zwingen. Das Reich Karls des Großen zerteilte sich unter seinen Enkeln, Ludwig des Frommen Söhnen, im Jahr 843 (Vertrag zu Verdun) in ein Westfränkisches, das spätere Frankreich, in ein Ostfränkisches Reich als das spätere Deutschland (d.h. des Volkes Land) und in ein Zwischenreich Lotharingien, zu dem auch Oberitalien einige Zeit gehörte. Die Herrscherfamilien und Regierungsformen des fränkischen Reiches und des späteren Westfranken oder Frankreich sind die folgenden: Die Karolinger (843-987), die Kapetinger (987-1328), das Haus Valois (1328-1498), das ältere Haus Orleans und Angoulême (1498-1589), die Bourbonen (1589-1792). Darauf folgt die Republik (17921795), das Direktorium (1795-1799), das Konsulat (1799-1804), das erste Kaiserreich Napoleon I. Bonaparte (1804-1814), die Restauration (1814-1830), das jüngere Haus Orleans (1830-1852), die zweite Republik (1848-1852), das zweite Kaiserreich Napoleon Das Reich Gottes - 180 - III. (1852-1870), seit 1870 Republik. Seine Glanzzeit hatte Frankreich unter den Bourbonen Ludwig XIII., Ludwig XIV. und Ludwig XV. im 17. und 18. Jahrhundert. e) Das Römische Reich deutscher Nation - das fünfte Haupt Das fünfte Haupt beginnt mit der Teilung des Fränkischen Reiches (843) in Westfranken und Ostfranken. Der deutsche König Otto I. d.Gr. erneuerte die Würde des römischen Kaisertums. Im Jahre 963 n.chr. ließ er sich in Rom vom Papst zum Kaiser krönen, und sein Reich erlangte die Bezeichnung „Römisches Reich deutscher Nation“. Die Herrscherfamilien und Regierungsformen dieses Reiches sind die folgenden: Das Karolingische Haus (843-911), Konrad I. (911-918), das Sächsische Haus (919-1024), das fränkischsalische Haus (1024-1125), Lothar III. von Sachsen (1125-1137), die Hohenstaufen oder Staufen (1138-1254), Wilhelm von Holland (1247-1256), Interregnum (1256-1273), Alfons X. von Kastilien (1257-1282), Richard von Cornwallis (1257-1272), Kaiser verschiedener Häuser (1273-1437). Dann ging die Kaiserwürde vom Römischen Reich deutscher Nation an die Habsburger über, mit ihrem Hauptland Österreich-Ungarn (1438-1740). Seite 201 Ihnen folgten: Karl VII., Albrecht von Bayern (1742-1745) und das Haus HabsburgLothringen-Toskana (1745). Die Lothringer: Franz I. (1745-1765), Joseph II. (1765-1790), Leopold II. (1790-1792) und Franz II. (1792-1806). f) Großer Wendepunkt der Häupterbildung Weil in der Offenbarung des Johannes gesagt ist: „Fünf sind gefallen“ (Offb.17,10), ist mit dem Ende des fünften Hauptes ein Wendepunkt der Völkergeschichte und besonders in der Entwicklung der Häupterbildung des Römischen Reiches eingetreten, der darin besteht, daß bis zu dieser Zeit noch keines von diesen fünf Häuptern allein die Weltmacht ausgeübt hat. Nach der Teilung des Römischen Reiches in Westrom und Ostrom teilten sich diese beiden Reiche in die Weltmacht. Nach dem Zerfall von Westrom übten nebst Ostrom die Westgoten in Spanien ihre Macht aus, und dazu kommen dann das Frankenreich und durch dessen Teilung das Römische Reich deutscher Nation, so daß immer drei bis vier Häuptermächte sich miteinander in die Weltmacht teilten. Gleichwie vom Jahre 330 n.chr. bis zum Jahre 476 n.Chr. neben der Westmacht Roms und Italiens noch die Ostmacht Syriens bestand (allerdings einige Jahrhunderte lang miteinander im gesamtrömischen Reich vereinigt), so sehen wir in ähnlicher Weise neben der Westmacht Roms in der Gestalt der Ost- und Westgoten, der Franken (Karls d.Gr.) und der Gestalt des Römischen Reiches deutscher Nation vom Jahre 476 bis zum Jahre 1453 n.Chr. noch die Gestalt Ostroms im Oströmischen Reiche bestehen. Bis dahin können wir die beiden Schenkel nebeneinanderstehend sehen, wie sie Nebukadnezar im Traum erkannt hatte, und wir können das Reich auch als eine Tiermacht erkennen, wie sie als ein Tier mit großen eisernen Zähnen alles frißt und zermalmt. „Das übrige“, das es nicht zu verdauen vermochte, sondern wieder von sich geben Das Reich Gottes - 181 - mußte, sucht es mit seinen Füßen zu zertreten und zu zerstampfen. Und doch ist das Wort Gottes ein Feuer, das nimmermehr ausgetreten werden kann (Jer.5,14; 23,29). Die Einigungsversuche zu einer römischen Reichseinheit wurden unterstützt, solange der germanische Same unter den romanischen Völkern zerstreut war. Mit Napoleon I. Siegen und seinen Niederlagen zu Leipzig (1813) und Waterloo (1815) waren die fünf Häupter des Römischen Reiches gefallen. g) England - das sechste Haupt Nach dem letzten Aufflackern der Macht Frankreichs unter Napoleon Bonaparte und dessen Niederwerfung durch die „Alliierten“ Österreich-Ungarn, Preußen, England und Rußland ist es nun das Königreich England, das mit der Ausdehnung seiner Kolonialmacht als „Britisches Seite 202 Imperium (Oberherrschaft)“ als sechstes Haupt aufsteigt. Englands Herrscherin Viktoria nahm 1876 außer dem Titel „Königin von England“ auch noch den der „Kaiserin von Indien“ an (1800-1900). Die Herrscherfamilien und Regierungsformen dieses Reiches sind die folgenden: Angelsächsische Könige (827-1066), normannische Könige (1066-1154), Haus AnjouPlantagenet (1154-1399), Haus Lancaster (1399-1461), Haus York (1461-1485), Haus Tudor (1485-1603), Haus Stuart (1603-1649), Republik (1649-1660), Haus Stuart (16601714) Haus Hannover (1714-1901) und Häuser Hannover und Koburg (seit 1901). Die anderen Großmächte folgen England mit der Kolonialbildung, d.h. der Unterwerfung außereuropäischer Völker und Länder, erreichen aber keineswegs die Ausdehnung der britischen Weltmacht. - Mit England ist das sechste Haupt vorhanden, nachdem die ersten fünf gefallen sind. In die Zeit, wenn die alleinige Macht dieses sechsten Hauptes zu Ende geht, indem das siebente Haupt für eine kleine Zeit dazukommt, muß das Öffnen des Gerichtsbuches von Offenbarung 5 fallen. h) Deutschland - das siebente Haupt In der Zeit dieses sechsten Hauptes ringt sich Deutschland als ein Reich der geeinten westgermanischen Stämme unter der Führung Preußens im Dänischen, Deutschen (d.h. preußisch-österreichischen) und Deutsch-Französischen Krieg (1864-1866, 1870/71) empor und wird von England eifersüchtig beobachtet (Jes.11,13). Wir sehen dann eine fortwährende Gestaltung der sieben Mächte im Zusammenschluß in zwei Gruppen zu einem Dreibund oder zu einem Vierverband, damit solcherart das „Gleichgewicht auf dem Kontinent“ erhalten bleibe. Darin treten die beiden Füße des Traumbildes vom König Nebukadnezar in Erscheinung. Das zumeist außereuropäische Russische Reich tritt als ausschlaggebende Macht hinzu, welche dem einen oder anderen Staatenbündnis das Übergewicht zu geben vermag; es ist seit 1700 als eine Macht im Nordosten emporgestiegen. England kommt zum Bunde mit Frankreich und Rußland, und die Staatsmänner dieser Reiche setzen sich die Vernichtung der Mittelmächte Deutschland und ÖsterreichUngarn und deren Landaufteilung zum Ziel. Deutschland steht bei Anbruch des Das Reich Gottes - 182 - Weltkrieges mit Österreich im Bunde, aber Italien, der Dritte des Bundes, bleibt abseits stehen und tritt schließlich noch auf die Seite der Feinde über. Dagegen gewinnnen Deutschland und Österreich die Türkei und Bulgarien als Kampfgenossen. Während des Weltkrieges 1914-1918 steht dann Deutschland für kurze Zeit aller Welt als erste Macht der Erde vor Augen. Aber das Kriegsende fällt so aus, daß der König (Kaiser) dieses siebenten Reichshauptes nur eine kurze Zeit in seiner alleinigen Vormachtstellung bleiben durfte (Offb.17,10). Die Herrscherfamilie dieses Reiches war aus dem Haus Hohenzollern. Seite 203 2. Das Volk Gottes in der Zeit der sieben Häupter und der Füße des vierten Weltreiches a) Die Bedeutung des „Tones“ im vierten Weltreich Rom Aus den Abhandlungen über das vierte Weltreich haben wir kennengelernt, daß die Ausübung der Herrschaft dieses Reiches in drei Zeitabschnitte zerfällt. Ehe wir das Schicksal des Volkes Gottes in der Zeit der sieben Häupter des vierten Weltreiches betrachten, wollen wir zuerst zu verstehen suchen, was nach dem Traum Nebukadnezars der „Ton“ im zweiten und dritten Zeitabschnitt des vierten Weltreiches bedeutet. Nebukadnezars Traum von dem Ton ist mit den Worten bezeugt: „seine Füße teils von Eisen und teils von Ton.“ (Dan.2,33) Diesen Abschnitt des Traumes von Nebukadnezar deutet Daniel wie folgt: „Daß du aber die Füße und Zehen gesehen hast teils aus Töpferton und teils aus Eisen, bedeutet, daß das Königreich sich zerspalten wird; aber es wird etwas von der Festigkeit des Eisens darin bleiben, gerade so, wie du gesehen hast Eisen mit Tonerde vermengt. Und wie die Zehen seiner Füße teils von Eisen und teils von Ton waren, so wird auch das Reich zum Teil widerstandsfähig und zum Teil zerbrechlich sein. Daß du aber Eisen mit Tonerde vermengt gesehen hast, bedeutet, daß sie sich zwar durch Verheiratung vermischen, aber doch nicht aneinander haften werden, wie sich ja Eisen mit Ton nicht vermischen läßt.“ (Dan.2,41-43) Aus diesem Zeugnis ist ersichtlich, daß sich der zweite und dritte Teil, die Füße und Zehen dieser vierten Reichsherrschaft, von dem ersten Teil, den eisernen Schenkeln dieses Reiches, unterscheiden. Hier ist das Eisen zwar auch noch vorhanden, aber nicht mehr als die alleinige Macht, wie bei den Schenkeln,sondern es ist mit (Töpfer-) Ton vermischt. Zuerst zeigt Daniel durch das Eisen und den (Töpfer-) Ton, daß das Reich in dieser Zeit die alles zertrümmernde, zermalmende und zerschmetternde Macht nicht mehr so hat wie in der ersten Zeit, sondern das Eisen duldet jetzt den Töpferton und verbindet sich sogar damit. Wenn aber die Eisenherrschaft zuerst das Volk Gottes zertrümmert, zermalmt und zerschmettert hat, danach jedoch in der Zeit der Füße und der Zehen den Töpferton als ein Fremdelement des Eisens duldet, so ist damit gezeigt, daß dieser nun vom römischen Eisenvolk geduldete Töpferton das Volk Gottes sein muß. Daß mit dem Töpferton das Volk Gottes gemeint ist, bestätigt uns die Heilige Schrift. Der Prophet Jesaja muß zum Volk sagen: „O ihr verkehrten Leute! Soll der Töpfer für Ton geachtet werden oder das Werk von seinem Meister sagen: ‚Er hat mich nicht gemacht!‘ Oder soll das Geschöpf von seinem Schöpfer sagen: ‚Er hat keinen Verstand?‘“ (Jes. 29,16) Seite 204 Das Reich Gottes - 183 - „Wehe dem, der mit seinem Schöpfer hadert, eine Scherbe unter irdenen Scherben! Spricht auch der Ton zu seinem Töpfer: ‚Was machst du?‘ und dein Werk: ‚Er hat keine Hände!‘?“ (Jes. 45,9) In seinem Buß- und Bittgebet sagt das Volk Gottes: „Nun aber bist du, Herr, unser Vater; wir sind der Ton, und du bist unser Töpfer, wir sind allzumal deiner Hände Werk.“ (Jes.64,7) Und Jeremja bekam von Gott den Auftrag: „Mache dich auf und gehe in des Töpfers Haus hinab, daselbst will ich dich meine Worte hören lassen! Als ich nun in des Töpfers Haus hinab kam, siehe, da machte er seine Arbeit auf der Scheibe. Mißlang das Gefäß, das er machte - wie eben Ton unter der Hand des Töpfers! - so fing er von neuem an und machte aus demselben ein anderes Gefäß, wie er es zu machen für gut fand. - Da sprach der Herr zu mir: ‚Kann ich mit euch nicht tun wie dieser Töpfer, o du Haus Israel?‘ spricht der Herr. Siehe, wie der Ton in des Töpfers Hand, also seid ihr, Haus Israel, in meiner Hand!“ (Jer.18,2-6) Wenn wir dazu noch den Zusammenhang beachten, in dem diese Zeugnisse stehen, dann wird es leicht verständlich, warum Gott sein Volk in Verbindung mit der vierten Weltreichsherrschaft den Töpferton nennt. Wenn das „Eisen“ jetzt das Volk Gottes nicht mehr zertrümmert, zermalmt und zerschmettert, sondern sich sogar mit dem „Töpferton“ verbindet, so ist damit gezeigt, daß sich in dieser Zeit die Herrschaft dieses Volkes in der Stellung zum Volk Gottes gegen früher verändert hat. Es kann zwar seine Art als Eisen nicht wechseln; denn es bleibt ja trotz dem bestehenden Verhältnis zwischen Eisen und Ton etwas von der Festigkeit des Eisens darin. Deshalb kann es dieses vermischte Reich auch jederzeit wieder zertrümmern, zermalmen und zerschmettern; aber Daniel weist doch darauf hin, daß in der Zeit, wenn das Eisen mit dem Töpferton durch Verheiratung verbunden ist, für beide die Zeit der Verfolgung aufgehört hat. Wenn in der Zeit der Füße und Zehen aber die Feindschaft zwischen dem Römervolk und dem Volk Gottes aufgehört hat und sie sich sogar durch Verheiratung miteinander vermischen und das hauptsächlich in der Zeit der Zehen, so kann das nur aus dem Grunde so geworden sein, weil das Volk Gottes in der langen Zeit seiner Zerstreuung unter den Völkern in den Völkerwanderungen in die Länder gezogen ist, in denen das römische Volk die bis dahin unumschränkte Herrschermacht hatte, und das ist Westrom. Das Volk Gottes ist dann in diesen Ländern schon so zahlreich geworden, daß die Vermischung mit diesem Töpferton-Volk für das herrschende Römer-Volk bereits zur Notwendigkeit geworden ist. Das Zertrümmern, Zermalmen und Zerschmettern muß nun für längere Zeit aufhören. Seite 205 Die Verbindung des „Eisens“ mit dem „Ton“ weist darauf hin, daß sich die beiden Völker in dieser Zeit in die Herrschaft des vierten Weltreiches teilen. Das ist aber nur möglich, wenn sich das Volk Gottes innerhalb der Grenzen des vierten Weltreiches, d.i. des Römischen Reiches, befindet, und zwar nicht nur als einzelne kleine Teile dieses Israelvolkes, sondern es müssen bereits ganze Volksstämme von diesem Volk Israel in den Grenzen des Römischen Reiches vorhanden sein, die in dieser Zeit zusammen mit dem römischen Volk die weltbeherrschende Macht ausüben können. Das Reich Gottes - 184 - Wir irren also kaum, wenn wir unter den germanischen Völkern den größten Teil des nationalen Volkes Gottes, die für verschollen gehaltenen zehn Stämme des Nordreiches Israel, sehen. Wenn das nicht der Fall wäre, könnte Daniel nicht davon reden, daß die Vermischung dieser beiden Völker sogar zur Folge hat, daß sich das Königreich spaltet. Wenn in dieser Zeit die ganze Herrschaft dieses Reiches wie vordem in den beiden ersten Häuptern West- und Ostrom nur im Eisen liegen würde, könnte auch die Verheiratung mit einem andern Volke die einheitliche Herrschermacht des Reiches nicht gefährden. Wenn aber neben dem herrschenden „Eisenvolk“ das „Töpfertonvolk“ so stark ist, daß ihm das römische Volk einen Teil der Herrschaft einräumen muß, dann ergibt sich daraus, daß zu der Zeit durch die Stellung dieser beiden Völker das letzte Weltreich Rom bis zu seinem Ende zerspalten ist. Damit ist aber die Kraft des Reiches gebrochen; denn es ist nur noch zum Teil im Eisen widerstandsfähig, zum andern Teil aber im Töpferton zerbrechlich. Die Ausführungen über das Gold, das Silber, das Erz der ersten drei Weltreiche und das Eisen und den Ton des vierten Weltreiches sollen nur zeigen, wie Gott in diesem Standbild, das er dem König Nebukadnezar gezeigt hat, die Stellung und Verbindung seines auserwählten Israelvolkes mit den herrschenden Völkern in der Zeit der vier Weltreiche kundgetan hat. Diese Ausführungen sind aber auch klare Hinweise und Beweise, daß die zwölf Stämme des Volkes Israel in der Zeit des vierten Weltreiches in großen Völkergruppen vorhanden sind und durch ihren Einfluß, den sie als Volk Gottes ausüben, die Macht des herrschenden Eisenvolkes sehr schwächen. Der Einfluß des Volkes Gottes ist in der Mitte des vierten Weltreiches aber noch gering. Das hat seine Ursache darin, daß das Volk Gottes noch kein geeintes, nationales Volk ist, sondern immer noch in zwei Reiche zerteilt ist (Hes.37,22) und ein großer Teil der beiden Reiche unter alle Völker, Stämme, Zungen und Nationen auf den Inseln des Völkermeeres zerstreut ist, und daß die beiden Reiche selbst in einem feindschaftlichen Verhältnis zueinander stehen. Dazu kommt, wie wir es bei den weiteren Betrachtungen über die Entwicklung der christlichen Gemeinde noch sehen werden, daß das Volk Gottes für lange Zeit sich nicht zu Gott bekehrt, sondern im Götzendienst verharrt und durch Verheiratung mit dem Eisen-Volk sich auf widergöttliche Art und Weise verbindet, obwohl dieses Eisen-Volk von Anfang bis zum Ende der vierten Weltreichsherrschaft in einer gottfeindlichen Stellung bleibt. Seite 206 b) Der Völkerseeweg des Volkes Gottes nach Westeuropa 1. Das Evangelium zeigt den Völkerseeweg nach dem Westen Wenn wir aus den Weissagungen des Propheten Daniel über den Traum Nebukadnezars erkannt haben, daß alle zwölf Stämme des Volkes Gottes in der ganzen Zeit der vierten Weltreichsherrschaft innerhalb der Grenzen dieses Weltreiches vorhanden sind, wollen wir nun noch sehen, wie diese Tatsache in der Geschichte berichtet ist. Die Germanen, voran die Deutschen, sind das Volk der Reformation und haben sich schon damit als das Volk Gottes geoffenbart. Die Germanen wollten im Ausgang des Altertums wohl gern christlich werden, sie wollten sich aber unter Beschränkung ihrer Das Reich Gottes - 185 - Geistes- und Gewissensfreiheit nicht gewaltsam christianisieren und unter eine geistlichweltliche Behörde zwingen lassen. Winfried-Bonifatius, der sogenannte „Apostel der Deutschen“, hätte die Göttereiche bei Geismar (Fritzlar) gewiß nicht so ungestört fällen dürfen, wenn der christliche Glaube daselbst noch nicht bekannt gewesen wäre und den Götzendienst daselbst noch nicht erschüttert hätte. Schon ums Jahr 170 n.Chr. sollen zu der Zeit, da im germanisch durchsetzten Südfrankreich (Gallien, Lyon) Märtyrerblut fließen mußte, in Britannien und im Rheinland christliche Gemeinden gewesen sein. Wenn wir davon so wenig wissen, so liegt das daran, daß sich die christlichen Heilserkenntnisse sehr lange Zeit nur in den untersten Volksklassen, in der dienenden Bevölkerung Bahn brachen (1.Kor.1,26-29), an die Herrschenden aber erst dann gelangten, als bereits die besten Heilserkenntnisse verlorengegangen waren. Der Germanen Heimat wird allgemein in Kleinasien und Indien gesucht. Damit befassen wir uns in dem folgenden Abschnitt und zeigen dort, daß die von Kleinasien Persien - Indien auf dem Völkerlandweg gekommenen Germanen auch das Volk Gottes sind. Zuerst müssen wir aber den Völkerseeweg des Volkes Gottes beleuchten, den auch das Evangelium genommen hat; denn er ist älter als der Landweg. Alle Apostel suchten das Volk Gottes durch das Evangelium zu erreichen (Gal.2,9; 1.Petr.1,1; Jak.1,1). Aber Paulus hat doch mehr gearbeitet als sie alle (1.Kor.15,10; vgl.2.Kor.11,23). Seine Missionsreisen zu den Heiden, wo er immer zuerst die Brüder suchte (Apg.28,17-29), sind uns gut bekannt. Er bereiste Kleinasien, Mazedonien und Achaja (Griechenland), und als er in diesen Ländern keinen Raum mehr fand, suchte er seinen lange zuvor gefaßten Reiseplan nach Rom und Spanien zu verwirklichen; er war aber in seinen Wegen vom heiligen Geist geleitet (Röm.15,23-28; Apg.16,6-7). In vielen Städten jedoch, in die er kam, war Christus schon verkündigt worden, wenn auch nicht in der ganzen Heilstiefe. Das ist uns ein Beweis, daß daselbst überall das Volk Gottes seßhaft war. Nicht nach den Heiden, sondern nach den eigenen Volksgenossen verlangte es Paulus zuerst, und darum zog es ihn auch nach Spanien. Für seine Brüder nach dem Fleische wäre ihm der Preis nicht zu hoch gewesen, selbst von Christus verbannt zu sein, wenn ihnen das nur zum Heil gereicht hätte (Röm.9,1-5; 10,1). Kam Seite 207 aber das Evangelium bis nach Spanien, dann war es von dort nach Nord-Frankreich, nach den Niederlanden, nach dem Rheinland und nach Irland und Britannien sehr bald getragen. Noch ehe Paulus nach Rom gelangte, war der Christenglaube der römischen Gemeinde in der ganzen Welt, im ganzen Reich bekannt (Röm.1,8). 2. Die Freundschaft mit see- und kriegstüchtigen Völkern führt Israel nach Westeuropa Die Freundschaft der seefahrenden Phönizier und Israeliten, die mit ihren Tarsisschiffen (Weltmeerschiffen) bis nach Britannien und in die Mündungen der norddeutschen Ströme gelangt sein müssen, ist bekannt. Britannien bot ihnen Zinn und Eisen, und die Ostsee bot ihnen Bernstein. Gottes Wort sagt darüber: „Tarsis hat dich bereist mit einer Menge von allerlei Gütern; mit Silber, Eisen, Zinn und Blei hat es deine Märkte versehen.“ Das Reich Gottes - 186 - „Tarsisschiffe führten dir deine Waren zu: davon wurdest du sehr reich und herrlich mitten im Meere!“ (Hes.27,12.25) Auch dem Propheten Jona war der Weg zu Schiff nach Tarsis nicht unbekannt; denn wir lesen im Buch Jona die Worte: „Da machte sich Jona auf, daß er von dem Angesicht des Herrn weg gen Tarsis flöhe, und stieg nach Japho hinunter und fand daselbst ein Schiff, das nach Tarsis fuhr. Da gab er sein Fährgeld und stieg ein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren, von dem Angesicht des Herrn hinweg.“ (Jon.1,3) Nach Tarsis wollte er fliehen, vielleicht nur darum, weil dort schon Volksgenossen in der Zerstreuung lebten, oder um von dort noch weiter zu entfliehen. Die sonst nicht gerade kriegerisch veranlagten Phönizier (Punier) - deren Hauptstadt Tyrus besaß nur Söldnertruppen - haben aus der Freundschaft mit Israel zweifellos viel gelernt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß die unter David, Salomo und anderen jüdischen Königen mit den Phöniziern aufrechterhaltene Freundschaft der Israeliten und Juden diese schon vorzeitig nach Tarsis, Britannien und nach den nord- und westafrikanischen und nordwesteuropäischen Häfen brachte. Der in Israel leitende Stamm Ephraim ist geradezu ein Händlervolk genannt, das sich unter die Völker mengt, noch ehe es in die Verbannung kommt, und es versteht, sich die Völker dienstbar zu machen (Hos.7,8; 8,8-10; 12,8-9). Ob nicht der erstaunliche Widerstand der Städte Karthago (Nordafrika) und Numantia (Spanien) gegen Rom und ihre völlige Vernichtung durch die Römer, die ihresgleichen nur in der Vernichtung Jerusalems und anderer jüdischer Städte findet, gerade in einem Zusammengehen phönizischer und israelitischer Geschlechter, die in der Zerstreuung lebten, erklärt werden kann? Der geschichtlich große Feldherr Hannibal (Hanniel „Gnade des Herrn“) findet in seiner kühnen, edlen Haltung in manchen germanischen Feldherren sein Gegenbild. Seite 208 - Wir gehen in unseren Betrachtungen nicht zu weit, wenn wir nur bedenken, daß fast sämtliche Herrscherhäuser Europas um 1913 germanischen Geschlechtes waren. - Die Wehrhaftigkeit Ephraims war zudem stets größer als die des Brudervolkes Juda, schon darum, weil das thyrusgleiche Händlervolk Ephraim-Israel nicht nur reicher an Schätzen war, sondern meist noch mit den kriegerischen Syrern Waffengemeinschaft pflegte (Jes.17,1-3; Hos.9,13; Am.6,1.4-8). Im Schiffbau und in der Überseeschiffahrt war EphraimIsrael bald so gewandt, daß der König Josaphat von Juda gar nicht mehr nach Phönizien gehen mußte, wenn er Tarsisschiffe bauen wollte, er baute sie mit Hilfe des Königs Ahasja von Israel (2.Chr.20,35-37). Das alles weist uns auf eine frühzeitige Siedelung Ephraim-Israels in Ägypten, Nordafrika, Spanien, Nordfrankreich, Irland und England hin. In Spanien soll die Stadt Toledo schon 500 Jahre vor Chr. durch die Israeliten gegründet worden sein und ursprünglich den hebräischen Namen Toledot (Geschlechter) getragen haben. Nach einer alten Sage sollen diese Israeliten (oder Juden) von Toledo gegen die Verurteilung Jesu beim Hohenrat in Jerusalem Einspruch erhoben haben. Nach der Zerstreuung der Juden 70-71, 115 und 132-135 n.Chr. sollen viele tausend gefangene Juden nach Spanien und Lusitanien (Portugal) gekommen sein. Sowohl Granada als auch Taragona sollen ursprünglich „Judenstadt“ geheißen haben. Zwei Das Reich Gottes - 187 - angesehene jüdische Familien rühmten sich, von David abzustammen (Nach Albrecht: „Die Geschichte des Volkes Israel“, S.473). Einige Geschichtsforscher meinen, daß israelitische Seeleute schon zur Zeit Salomos nicht nur nach Spanien, sondern auch an die Südwestküste Englands gekommen seien, und daß auch die Sprache der Bewohner der englischen Provinz Cornwallis mit dem Hebräischen Ähnlichkeit habe. Sicher sind auch jüdische Handelsleute, begünstigt durch ihren Gönner Julius Cäsar, bis nach Britannien gekommen (Nach Albrecht: „Die Geschichte des Volkes Israel“, S.552). Im Rheinland sollen die ältesten Ansiedlungen in Trier, Worms, Köln, Mainz und in Speyer gewesen sein. Die Wormser Israeliten behaupteten, schon zur Zeit der Richter, also etwa 1000 Jahre vor Christus, dahin gelangt zu sein; vielleicht wollten sie sich durch diese Behauptung nur der Verfolgung entziehen und dartun, sie seien am Tode Jesu nicht mitschuldig geworden (Nach Albrecht: „Die Geschichte des Volkes Israel“, S.560). c) Der Völkerlandweg des Volkes Gottes nach Westeuropa 1. Der Völkerlandweg Israel-Germaniens Zu den auf dem Seeweg nach Spanien, Nordfrankreich, Irland, Britannien und den nordwestlichen und nordischen Küstenländern gekommenen Nachkommen Israels gesellten sich bald die Germanen, als ein anderer Teil des in der Verbannung weilenden Volkes Gottes aus Medien-Elam und Babylonien, über Indien und Nordeuropa bis nach Westeuropa auf dem Landweg. Wir finden heute noch die Spuren dieses Landweges Seite 209 Israel-Germaniens unter den Völkern aufgezeichnet. Denn sie müssen noch zu finden sein, weil geschrieben steht: „Setze dir Meilensteine, stell‘ dir Wegweiser auf; richte dein Herz auf die gebahnte Straße, den Weg, den du gezogen bist! Kehre wieder, Jungfrau Israel, kehre wieder zu diesen deinen Städten! Wie lange willst du dich doch da- und dorthin wenden, du abtrünnige Tochter?“ (Jer.31,21-22) Da haben wir unter diesen Merksteinen und Wegweisern das Hochland von Iran (Arjana, das von den Ariern seinen Namen bekommen hat). Weiter bestehen die Afghanen heute noch darauf, daß sie Nachkommen der verschollenen zehn Stämme Israels seien. Afghanistan liegt zwischen Indien und Persien, und es genießt seit Jahrzehnten die besondere Gunst Englands. Aus der babylonischen Gefangenschaft war nur ein kleiner Teil der Juden nach Jerusalem zurückgekehrt, die anderen verblieben in der Fremde. Sie verbreiteten sich über ganz Kleinasien bis nach Indien, ja, bis nach China, und verbanden sich mit den Volksgenossen aus den anderen zehn Stämmen; denn wir müssen in Betracht ziehen, daß die Juden in Jerusalem auch noch zu Jesu Zeiten ihren Brüdern aus den anderen Stämmen den Zutritt zum Tempel nicht verwehrten * *(Offenbar haben einige wenige gottesfürchtige Israeliten ihre tatsächliche Abstammung doch nicht aus den Augen gelassen; bei allem Kriegsruhm in der Fremde bedachten sie, daß sie doch nur ein weggeführtes und ehemals gefangengeführtes Volk sind). Die Perserkönige des zweiten Weltreiches Medo-Persien regierten, je nach der Jahreszeit und ihren Neigungen, abwechselnd in Babylon, der Hauptstadt Chaldäas, in Ekbatana (= Achmetha), der Hauptstadt Mediens, und in Susan, der Hauptstadt Elams. Das Reich Gottes - 188 - Nach Ekbatana und Susan zogen die gefangenen Juden mit Vorliebe, weil sie von den Achämeniden große Vergünstigungen erlangten (Neh.1,1; 2,1; Esr.6,1-2; Est.1,1-2; Kap.6-8). Damit ließen sie sich aber in den Ländern nieder, dahin die zehn Stämme verbannt worden waren. Auch Jakobus schreibt an alle zwölf Stämme in der Zerstreuung, um die sich auch Petrus bemühte (Jak.1,1; 1.Petr.1,1). Wir haben es also beim Germanenzug aus Medien, Persien, Elam und Indien schon mit den Überresten aus allen zwölf Stämmen des Volkes Gottes zu tun. Das ist sehr wichtig für die Beurteilung der europäischen Völkerzusammensetzung. Der führende Stamm war bei den Wanderzügen zweifellos Dan, denn er war außer Juda stärker als alle anderen (4.Mos.1,20-46). Dan war der Schiffahrt und Fischerei kundig (Rich.5,17). Nach Dan sind aber unter Berücksichtigung des Ablaufs alle großen Ströme benannt, die in das Schwarze Meer von Norden und Westen her fließen: der Don, der Dnjepr, der Dnjestr und die Donau (lat. Danubius). Noch kurz vor dem Weltkrieg 19141918 verlangte eine Abordnung von Bewohnern der Halbinsel Krim beim russischen Zaren die Anerkennung als Nachkommen der verschollenen zehn Stämme Israels. Ob wohl das Land Dänemark (= Danmark, Land des Dan) vom Stamm Dan den Namen hat? Auch die Dänen wohnen hauptsächlich an der Küste. Das englische Königshaus Seite 210 will seine Herkunft bis auf den Stamm Dan in Verbindung mit dem Königshaus David zurückleiten, und die englischen Wappentiere Löwe und Einhorn sollen biblischen Ursprungs sein (5.Mos.33,17.22). d) Der Segen Jakobs für Joseph und dessen Söhne Ephraim und Manasse 1. Die Bedeutung der Erstlingsstellung Josephs unter seinen Brüdern In die Reihe der biblischen und geschichtlichen Beweise über das Vorhandensein aller zwölf Stämme des Volkes Gottes in der Zeit des vierten Weltreiches und deren Verhältnis zu diesem Reich gehören auch die Segensverheißungen des Stammvaters Jakob an seinen Sohn Joseph und dessen älteste Söhne Ephraim und Manasse. Wir beschränken uns in den Betrachtungen dieser Segensverheißungen darauf, zu zeigen, wie wir aus Jakobs prophetischem Zeugnis erkennen können, daß das ganze Volk Gottes der zwölf Stämme während der ganzen Zeitdauer des vierten Weltreiches in der Zerstreuung unter den Völkern vorhanden ist, besonders aber innerhalb der Grenzen der vierten Weltreichsherrschaft. Im Worte Gottes ist der Bericht über Joseph unter seinen Brüdern am ausführlichsten. Joseph wurde schon in seiner Jugend durch seine Träume in seiner Stellung von seinen Brüdern unterschieden. Zuerst träumte er, daß er mit seinen Brüdern Garben band und seine Garbe sich aufrichtete und stehenblieb und die Garben seiner Brüder seine Garbe umringten und sich vor ihr nierderwarfen. Ein zweites Mal sah er im Traum, daß sich die Sonne, der Mond und elf Sterne vor ihm geneigt hatten. Das Reich Gottes - 189 - Weil er der Liebling seines Vaters war und solche Träume hatte, beneideten ihn seine Brüder und wollten ihn am liebsten töten. Doch durch den Einfluß ihres ältesten Bruders Ruben werden sie einig, ihn nicht zu töten, sondern zu verkaufen (1.Mos.37). Auf Grund dieses Umstandes kam zuerst Joseph und später, als Gottes Stunde dafür gekommen war, die ganze Familie Jakobs mit seinen Kindern auf Josephs Veranlassung nach Ägypten (1.Mos.46). Dort in Ägypten erfüllten sich dann die Träume Josephs. Als seine Brüder zur Zeit der Hungersnot zu Joseph nach Ägypten kamen, um Speise zu kaufen, und er sich ihnen zu erkennen gegeben hatte, erklärte er ihnen: „Zur Lebensrettung hat mich Gott vor euch hergesandt!“ (1.Mos.45,5) „Ihr gedachtet zwar Böses wider mich; aber Gott gedachte, es gut zu machen, daß er täte, wie es jetzt am Tage ist, zu erhalten viel Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen! Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen!“ (1.Mos.50,20-21) Seite 211 Als Gott Israel wieder aus Ägypten befreite, konnte das nur dadurch geschehen, daß in Ägypten jeder Erstgeborene in einer Nacht starb (2.Mos.12,1-42). Auf Grund dieser Tatsache verlangte nun Gott von seinem Volk die Erstgeburt für sich als ihm gehörend (2.Mos.13,11-16; 34,19-20; 5.Mos.15,19-21). Später wird diese Ordnung von Gott geändert. Der Herr redete darüber mit Mose und sprach: „Siehe, ich habe die Leviten unter den Kindern Israels genommen anstatt aller Erstgeborenen – derer, die den Mutterschoß durchbrochen haben – unter den Kindern Israels, also daß die Leviten mein sind. Denn alle Erstgeburt ist mein; an dem Tag, da ich alle Erstgeburt in Aegypten schlug, heiligte ich mir alle Erstgeburt in Israel, von den Menschen an bis auf das Vieh, daß sie mein sein sollen, der ich Jehova bin.“ (4.Mos.3,12-13) Und wiederum spricht der Herr zu Mose: „Mustere alle männliche Erstgeburt der Kinder Israels, von einem Monat an und darüber und zähle ihre Namen! Und du sollst die Leviten mir, der ich Jehova bin, anstatt aller Erstgeburt nehmen unter den Kindern Israels und der Leviten Vieh anstatt aller Erstgeburt unter dem Vieh der Kinder Israels.“ (4.Mos.3,40-41) Die Zahl der Namen aller männlichen Erstgeborenen von einem Monat an und darüber belief sich auf 22273 (4.Mos.3,43). Darauf sprach der Herr zu Moses: „Nimm die Leviten für alle Erstgeburt unter den Kindern Israels und das Vieh der Leviten für ihr Vieh, daß die Leviten mein seien, der ich Jehova bin. Aber als Lösegeld für die 273 überzähligen Erstgeborenen der Kinder Israels über der Leviten Zahl sollst du je fünf Schekel erheben für jeden Kopf, und zwar sollst du es nach dem Schekel des Heiligtums erheben (ein Schekel beträgt zwanzig Gera); und du sollst dieses Geld als Lösegeld der Überzähligen Aaron und seinen Söhnen geben.“ (4.Mos.3,45-48) Daraus ergaben sich 1365 Schekel als Lösegeld für Aaron und seine Söhne. „Von den Erstgeborenen der Kinder Israels erhob er 1365 Schekel nach dem Schekel des Heiligtums.“ (4.Mos.3,50) Auf diese Weise hat Gott aus den zwölf Stämmen des Volkes Israel einen Stamm zu seinem Eigentum und zum Dienst an seinem Heiligtum ausgesondert, geradeso, wie er auch Joseph zum Lebensretter unter seinen Brüdern bestimmt hatte. So hat Gott die Das Reich Gottes - 190 - zwölf Stämme des Volkes Israel auf elf reduziert, indem er den einen Stamm Levi zum Priesterdienst und zum Diener und Hüter seines Heiligtums bestimmte. Dadurch zählte dieser Stamm des Volkes Israel nicht mehr zu den Stämmen des Volkes Israel, sondern er gehörte Gott an. An die Stelle des für Gott abgesonderten Stammes Levi trat ein Nachkomme Seite 212 Josephs (vgl.Offb.7,8). Diese Erstlingsstellung unter Jakobs Söhnen hatte aber zuerst Joseph und nicht Levi. Und der Segen, den Jakob den beiden ältesten Söhnen Josephs Ephraim und Manasse und später Joseph selbst zusammen mit seinen übrigen Brüdern erteilte, zeigt, daß Jakob diesen göttlichen Ratschluß erkannt hatte. Jakob verflucht sogar den heftigen Zorn und hartnäckigen Grimm von Levi und seinem Bruder Simeon, indem sie Männer gemordet und Ochsen verstümmelt haben, und Jakob will seine Seele und seine Ehre vor ihrem Einfluß hüten (1.Mos.49,5-7). Dagegen spricht Jakob über Joseph den folgenden Segen aus: „Joseph ist ein junger Fruchtbaum, ein junger Fruchtbaum an der Quelle; seine Zweige ranken über die Mauer hinaus. Es haben ihn zwar die Schützen heftig beschossen und bekämpft; aber sein Bogen blieb unerschütterlich, und seine Arme, seine Hände wurden gelenkt von den Händen des Mächtigen Jakobs, vom Namen des Hirten, des Felsens Israels. Von deines Vaters Gott werde dir geholfen, und der Allmächtige segne dich mit Segnungen vom Himmel herab, mit Segnungen der Tiefe, die drunten liegt, mit Segnungen von Brüsten und Mutterschoß! Die Segnungen, die deinem Vater geworden, sind größer als die Segensfülle der alten Berge, die Wonne der ewigen Hügel; mögen sie kommen auf Josephs Haupt, auf den Scheitel des Fürsten unter seinen Brüdern!“ (1.Mos.49,22-26) 2. Eingliederung Ephraims und Manasses zu Stammeshäuptern des Volkes Gottes In Ägypten waren dem Joseph durch seine Frau Asnat, einer Tochter des Priesters Potipheras zu On, zwei Söhne geboren (1.Mos.41,45.50). Vor seinem Tode enthüllte Jakob seinen Söhnen noch ihr Schicksal für die Zeit ihrer späteren Entwicklung als Träger der göttlichen Verheißungen, die Gott ihren Vätern Abraham, Isaak und Jakob gegeben hatte (1.Mos.49,1-28). Nun war Joseph unter seinen Brüdern durch seine Stellung, die er als Liebling seines Vaters und als Lebensretter des ganzen Hauses Jakobs hatte, und durch die Abhängigkeit seiner Brüder, in die sie ihm gegenüber gekommen waren, am ersten Platz. Die Vorzugsstellung Josephs findet in erster Linie darin Ausdruck, daß Jakob die beiden Söhne von seinem Sohn Joseph: Ephraim und Manasse, zu seinen eigenen Söhnen macht und sie dadurch zu Stammeshäuptern für die zwölf Stämme Israels an Stelle des für Gott abgesonderten Stammes Levi und seines Sohnes Joseph bestimmt. Der Bericht über diese Eingliederung Ephraims und Manasses in die Stammeshäupter lautet: „So sollen nun deine beiden Söhne, Ephraim und Manasse, die dir in Aegypten geboren sind, ehe ich zu dir nach Aegypten gekommen bin, mein sein; wie Ruben und Simeon sollen sie mein sein. Deine Kinder aber, welche du nach ihnen zeugest, sollen dein sein und sollen in ihrem Erbteil nach ihrer Brüder Namen genannt werden.“ (1.Mos.48,5-6) Seite 213 Das Reich Gottes - 191 - 3. Ephraim und Manasse sollen zwei große Reiche werden Daraufhin segnete Jakob diese beiden ersten Söhne Josephs auf die Weise, daß er seine rechte Hand auf Ephraims Haupt legte, obschon er der Jüngere war, seine linke aber auf Manasses Haupt, indem er also seine Hände verschränkte, wiewohl Manasse der Erstgeborene war (1.Mos.48,13-14). Jakobs Segen über diese beiden Söhne lautet: „Der Gott, vor dessen Angesicht meine Väter Abraham und Isaak gewandelt haben; der Gott, der mich behütet hat, seitdem ich bin, bis auf diesen Tag; der Engel, der mich erlöset hat von allem Übel, der segne die Knaben, und durch sie werde mein Name genannt und der Name meiner Väter Abraham und Isaak, und sie sollen sich sehr vermehren auf Erden.“ (1.Mos.48,15-16) Es gefiel Joseph übel, als er sah, daß Jakob seine rechte Hand auf Ephraims, seines jüngeren Sohnes, Haupt legte, und er ergriff seines Vaters Hand, um sie von Ephraims Haupt auf Manasses, des Erstgeborenen, Haupt zu wenden (1.Mos.48,17-18). Aber Jakob hatte sich nicht geirrt. Er erklärte Joseph seine Handlungsweise mit den Worten: „Ich weiß es, mein Sohn, ich weiß es wohl! Auch er soll zu einem Volk und auch er soll groß werden; aber doch soll sein jüngerer Bruder größer werden, und sein Same soll eine Fülle von Völkern werden!“ (1.Mos.48,19) So segnete Jakob an jenem Tage die beiden Söhne Josephs und sprach: „Mit dir wird Israel segnen und sagen: ‚Gott mache dich wie Ephraim und Manasse!‘“ (1.Mos.48,20) Also setzte Jakob Ephraim, den jüngeren Sohn von Joseph, dem Manasse, dem Erstgeborenen, voran. Indem Jakob auf diese Weise die beiden ältesten Söhne Josephs unter seine eigenen Söhne mit gleicher Bedeutung, wie sie diese Stammväter der zwölf Stämme Israels haben, eingegliedert hat, hat er seinen Sohn Joseph unter seinen übrigen Söhnen besonders ausgezeichnet. Dadurch ist die Zahl der zwölf Stämme von Jakobs Söhnen wieder voll und ausgeglichen. Indem Jakob seinen Sohn Joseph den Fürsten unter seinen Brüdern nennt und seine beiden ältesten Söhne Ephraim und Manasse Joseph und seinen Brüdern unter seinen Söhnen gleichstellt, ist daraus zu ersehen, daß Jakob die Erstlingsstellung des Fürsten Joseph auch seinen beiden Söhnen Ephraim und Manasse zuspricht. Die Bedeutung für die Zukunft seines Volkes sieht Jakob in keinem seiner Söhne so wirksam, wie er es für Ephraim und Manasse ausspricht in den Worten: „Der Gott, vor dessen Angesicht meine Väter Abraham und Isaak gewandelt haben; der Gott, der mich behütet hat, seitdem ich bin, bis auf diesen Tag; der Engel, der mich erlöset hat von allem Übel, der segne die Knaben, und durch sie werde mein Name genannt und der Name meiner Väter Abraham Seite 214 und Isaak, und sie sollen sich sehr vermehren auf Erden!“ (1.Mos.48,15-16) Jakob hat bei keinem seiner eigenen Söhne in der Weise darauf hingewiesen, daß die Namen Abrahams und Isaaks durch sie genannt werden, wie er das bei diesen beiden Söhnen Josephs hervorhebt. Auch verheißt Jakob keinem seiner eigenen Söhne solch reiche Nachkommenschaft, so daß dies zum Segenswunsch für das ganze Volk Israel werden soll. „Also segnete er (Jakob) sie an jenem Tag und sprach: ‚Mit dir wird Israel segnen und sagen: Gott mache dich wie Ephraim und Manasse!‘ Also setzte er Ephraim dem Manasse voran.“ (1.Mos.48,20) Das Reich Gottes - 192 - Im heftigen Kampf mit seinen Feinden soll ihnen der Mächtige Jakobs, der Name des Hirten Israels, den Sieg geben. Der Gott Jakobs, der Allmächtige, soll sie segnen mit Segnungen vom Himmel, von der Tiefe, von den Brüsten und vom Mutterschoß. Jakob sieht in dem Segen Josephs und seiner Nachkommen eine Erstlingsstellung, durch die er seine eigenen Segnungen im Blick auf den Segen solcher Nachkommenschaft größer nennt als die Segensfülle der alten Berge, die Wonne der ewigen Hügel. Damit kann Jakob nur auf die großen Reiche von Nimrods Zeit an bis zur Herrschaft Ägyptens seiner Tage hinweisen; er will damit sagen, daß die von Gott seinen Vätern Abraham und Isaak und ihm selbst und seinen Nachkommen verheißenen Segnungen viel größer sein werden, als sie alle bisherigen Königreiche darstellten. Diese Segensfülle soll aber hauptsächlich in Josephs Nachkommenschaft Ausdruck finden. Dabei soll sein jüngerer Sohn Ephraim größer werden als dessen älterer Bruder Manasse. „Sein Same soll eine Fülle von Völkern werden.“ (1.Mos.48,19) Auch Manasse „soll zu einem Volk und auch er soll groß werden.“ (1.Mos.48,19) In diesen beiden Völkern der Nachkommen Josephs, in Ephraim und Manasse, ist die zukünftige Größe des Volkes Gottes verheißen. 4. Die Zeit der Erfüllung der Segensverheißungen Jakobs an Ephraim und Manasse Nun müssen wir jedoch auf eine Tatsache hinweisen, die nicht unbeachtet bleiben darf. Wir müssen die Frage betrachten, zu welcher Zeit diese beiden Völker „Ephraim“ und „Manasse“, in der ihnen verheißenen Blüte stehen. Unter den „Völkern“ und der „Fülle von Völkern“ müssen wir diese Volkskörper als selbständige, große Reiche finden können. Das ist aber in der Zeit, in der Israel unter den Königen Saul, David und Salomo ein einheitliches Reich war, nicht möglich; denn in dieser Zeit bestand das ganze Volk nur in den zwölf Stämmen. Auch nach der Teilung des Reiches Israel in das Südreich Juda und das Nordreich Israel bestehen die beiden Reiche wieder aus den beiden Stämmen Juda und Benjamin als das Südreich Juda und den übrigen Seite 215 zehn Stämmen, die das Nordreich Israel sind. Diesem Nordreich gehören aber auch die Stämme Josephs, Ephraim und Manasse, an. Bis zur Gefangenführung dieses Reiches durch Salmanasser, den assyrischen König, stellten die beiden Völker Ephraim und Manasse diesen Segen als besonders große Reiche nicht dar. Von der Zeit der Gefangenführung an ist nun das Nordreich Israel nicht mehr vorhanden; denn die Völker der zehn Stämme, als das Nordreich Israel, sind nach Medien verpflanzt worden (2.Kg.17,6; 18,11). Heute hält man diese zehn Stämme einfach für verloren und denkt kaum noch an sie. Die nationale Geschichte des „Südreiches Juda“, als der beiden Stämme Juda und Benjamin, reicht bis zur Zerstörung Jerusalems, die 70 n.Chr. durch Titus erfolgt ist. Seither sind auch diese beiden Stämme in der Zerstreuung unter den Völkern, insofern nur noch als Juden bekannt, als sie sich nicht an andere Religionsgesellschaften angeschlossen haben. Wenn diese Juden ebenso unbekannt wären wie die zehn Das Reich Gottes - 193 - Stämme des „Nordreiches Israel“, so würde man schon längst das ganze Volk Israel als gänzlich vernichtet ansehen. Aber diese heute bekannten Juden erlauben diese Annahme nicht. Es ergibt sich vielmehr die berechtigte Folgerung, daß die heute bekannten Juden der beste Beweis dafür sind, daß genau so, wie die beiden Stämme des „Südreiches“, Juda und Benjamin, unter den Völkern zerstreut, aber doch vorhanden sind, die zehn Stämme des „Nordreiches“ ebenfalls unter den Völkern zwar unbekannt, aber doch vorhanden sein müssen. Dazu muß mit der Tatsache gerechnet werden, daß nach den Verheißungen das ganze Volk Gottes der zwölf Stämme wieder aus den Völkern gesammelt wird und für 1000 Jahre die Weltherrschaft als Reichsgottesherrschaft unter allen andern Völkern ausüben wird. An der Erfüllung dieser Tatsache kann kein Kind Gottes zweifeln, denn das prophetische Zeugnis ist darüber klar genug. Nun müssen wir aber auf die Tatsache achten, daß auch in der Zeit, wenn Israel wieder vereinigt ist, nicht mehr die Rede davon sein kann, daß Ephraim und Manasse besondere Völker und Reiche sind, denn dann sind die zwölf Stämme das ganze Volk Israel wieder in ihrer herrschenden Macht nur ein Volk und ein Reich (Hes.37,15-28). Es bleibt deshalb keine andere Möglichkeit mehr offen, als die Erfüllung des Segens, den Jakob seinem Sohne Joseph und dessen beiden ältesten Söhnen Ephraim und Manasse verheißen hat, in der Zeit zu suchen, in der das Volk Gottes während der Herrschaft der vier Weltreiche unter den Völkern zerstreut ist. Für die Ausdehnung dieser beiden Völker, wie sie der Segen Jakobs ausspricht, finden wir aber in den ersten drei Weltreiche keine Möglichkeit. Die erste babylonische Weltmacht zeigt in ihrem Reich solche auf Israel bezügliche Volkseinheiten nicht. Dagegen haben wir diese Möglichkeit im zweiten Weltreich der Meder und Perser wiederholt gezeigt. Im dritten Weltreich, der griechischen, syrischen und ägyptischen Machtentfaltung, hat man den Blick nur auf das nationale Judenvolk gerichtet und denkt weniger Seite 216 an die zehn Stämme, die man vielfach für verloren hält. Wenn sie aber doch vorhanden sein müssen, und zwar als große Völker, so ist das nur in der Zeit des vierten Weltreiches möglich. Wir müssen diese beiden Völker „Ephraim“ und „Manasse“ sogar als „eine Fülle von Völkern“ in der Zeit der Füße und Zehen des Römischen Reiches nach dem Standbild des Königs Nebukadnezar finden. Die beiden Füße und die Zehen sind die sieben Häupter und die zehn Hörner von dem Tier, das aus dem Meer aufsteigt. Darum müssen die beiden Reiche „Ephraim“ und „Manasse“ zu dem Ton gehören, der in dieser Zeit nebst dem Eisen der größte Volksteil des Römischen oder vierten Weltreiches ist. Wenn wir das mit Bestimmtheit annehmen müssen, so kann es nicht mehr schwierig sein, diese beiden Völker nun in dieser Zeit der vierten Weltreichsherrschaft auch wirklich zu finden und zu erkennen. Ephraim muß durch die Fülle der Völker, obgleich er der jüngere Sohn von Joseph ist, die größere Weltmacht darstellen als sein Bruder Manasse. Diese Verheißung von Jakob kann sich nur in den Völkern erfüllen, die den romanisch-syrisch-ägyptisch-babylonischen Eisenvölkern gegenüber die germanischen Völker sind; denn nur diese beiden Volksteile stehen einander in der Beschaffenheit gegenüber, daß sie sich geradeso wie Eisen und Das Reich Gottes - 194 - Töpferton, obwohl sie sich miteinander verheiraten, doch nicht zu einer wahren Einheit miteinander verbinden können. Wenn wir unter diesen Völkern diese Voraussetzungen finden und dazu noch beachten müssen, daß das Eisenvolk, ein römisch-syrischägyptisch-babylonisches Volk, zuerst die Herrschaft unbestritten hatte und das Töpfertonvolk erst in der Zeit der Füße und der Zehen des Standbildes von Nebukadnezar zum Eisenvolk als herrschende Macht hinzukam, so ist auch diese Tatsache wieder nur in den in der Völkerwanderung von Osten nach dem Westen gekommenen und in das Römische Reich eingedrungenen germanischen Völkern geschehen. Wir müssen deshalb unter diesen Germanenvölkern zwei Reiche finden, die das darstellen, was Jakobs Segen von Ephraim und Manasse und Joseph sagt. Das ist der ältere Manasse, der von Karl dem Großen an in dem Römischen Reich deutscher Nation seinen Höhepunkt in den österreichischen Habsburgern erfahren hat. Das ist das fünfte Haupt des zerteilten Römischen Reiches. Doch im sechsten Haupt, das nach dem Fall der ersten fünf Häupter allein in der Weltmachtstellung ist, bringt Manasses jüngerer Bruder „Ephraim“ durch eine Fülle von Völkern ein größeres Reich zustande als sein Bruder, und in dieser jüngeren englisch-germanischen Weltmacht, zusammen mit dem Germanenreich des Mittelalters, ist der Teil der Verheißungen Jakobs an Joseph und seine beiden Söhne Ephraim und Manasse erfüllt, bis endlich das ganze Volk der zwölf Stämme Israels die von Gott verheißene Herrscherstellung erlangt hat. Wir müssen diesen Segen, den Jakob über seinen Sohn Joseph und seine beiden Söhne Ephraim und Manasse ausgesprochen hat, noch mit dem Segen vergleichen, mit dem Mose die Stämme Israels gesegnet hat. Moses hat in seinem Segen die beiden ältesten Söhne Josephs nicht wie Jakob als besondere Stämme nebst den übrigen Stämmen Seite 217 Israels betrachtet, sondern er hat sie in Verbindung mit Joseph als ein Volk gesegnet. Sein Segen lautet: „Von Joseph aber sagte er: Sein Land sei vom Herrn gesegnet mit himmlischen Gütern, mit Tau und mit der Flut, die drunten ruht, mit Frucht, die in der Sonne reift, und mit Früchten, welche die Monde treiben, mit dem Besten, was auf den uralten Bergen wächst, und mit den Früchten, welche die ewigen Hügel tragen, mit dem Besten, was auf der Erde wächst und sie erfüllt; und das Wohlgefallen dessen, der im Dornbusch wohnt, komme auf Josephs Haupt und auf den Scheitel des Geweihten unter seinen Brüdern! - Prächtig ist sein erstgeborener Stier, wie Hörner des Büffels seine Hörner; mit ihnen stößt er die Völker nieder, die Enden der Erde. Das sind die Zehntausende von Ephraim und jenes die Tausende von Manasse!“ (5.Mos.33,13-17) Mit diesen Worten wiederholt Moses hauptsächlich nur den Segen, mit dem Jakob den Joseph gesegnet hat, und er wendet nun diese ganze Segensfülle auf Ephraim und Manasse als die Nackommen Josephs an. Es ist keinem anderen der Stämme Israels der Sieg über die Feinde so kräftig bezeugt, wie diese Herrschaft den Zehntausenden Ephraims und den Tausenden von Manasse von Moses verheißen ist. Mit diesem Das Reich Gottes - 195 - Ausspruch bestätigt auch Moses die von Jakob bezeugte Ordnung, daß der jüngere Bruder größer ist als der ältere. Diese Tatsache zeigt uns, daß die beiden Völker der Söhne Josephs in der Zeit vorhanden sind, wenn sich im Römischen Reich nach Nebukadnezars Standbild im Mittelalter bis in die neue Zeit hinein die Füße entwickeln; denn zu diesen Füßen gehören diese beiden germanischen Völker. Der Bildung der Füße entspricht aber wieder die Entwicklung der sieben Häupter des Römischen Reiches, wie dieselbe in Offenbarung Kapitel 12, 13 und 17 geschildert ist und wie wir ja bereits davon gehört haben. e) Der Segen von Jakob und Mose über die übrigen elf Stämme Israels Neben dem besonderen Segen Jakobs für Joseph und seine Söhne sind die Segen, welche Mose und Jakob über die andern Stämme ausgesprochen haben, ebenfalls klare Beweise für die Tatsache, daß alle Stämme dieses Volkes während der ganzen Zeit der vier Weltreiche unter diesen Völkern vorhanden sind. „Jakob berief seine Söhne und sprach: Kommt zusammen, daß ich euch kundtue, was euch in den künftigen Tagen begegnen wird!“ (1.Mos.49,1) Seine Verheißungen zeigen aber, daß ihre Erfüllung für das ganze Volk Gottes bis in die fernste Zeit des Tausendjährigen Reiches reicht. Das gleiche gilt für die Zukunftsverheißungen, die Moses über die Stämme Israels ausgesprochen hat. Seinem Segen liegt die Seite 218 Stellung Gottes zu seinem Volke zugrunde, die Mose mit den Worten schildert: „Wie liebt er die Stämme seines Volkes, alle seine Heiligen sind in seiner Hand!“ (5.Mos.33,3) Dieses Verhältnis Gottes zu seinem Zwölfstämmevolk gilt natürlich nicht bloß für eine beschränkte Zeit. Nur in diesem Sinne kann von dem Gesetz, das Moses dem Volke Gottes kundtat, dem „Erbgut der Gemeinde Jakobs“, bezeugt sein: „Das Gesetz tat uns Mose kund, das Erbgut der Gemeinde Jakobs. Und er ward König über Jeschurun, als sich die Häupter des Volkes versammelten, sich vereinigten die Stämme Israels.“ (5.Mos.33,4-5) Als weiteren Beweis dafür, daß das Volk Gottes nicht verwüstet und völlig aufgerieben sein kann, können wir folgendes in den Weissagungen des Wortes Gottes finden: Ruben ist Jakobs erstgeborener Sohn, seine Kraft und der Anfang seiner Stärke, von hervorragender Würde und vorzüglicher Kraft. Weil er wie ein kochendes Wasser seines Vaters Bett entweiht hat, soll er den Vorzug als Erstgeborener nicht haben (1.Mos.49,3-4). Aber nach dem Segen von Moses soll auch Ruben leben und nicht sterben, wenn auch seine Leute zu zählen sind (5.Mos.33,6). Mit dieser Erklärung ist gesagt, daß dieser Stamm erhalten bleibt. Simeon und Levi verteilt Jakob unter ihren Brüdern und zerstreut sie unter Israel, weil er mit dem, was sie in ihrem Zorn oder Grimm ausgeübt haben, nicht einverstanden ist (1.Mos.49,5-7). Moses verläßt hier die von Jakob bei den ersten vier Söhnen der Lea eingehaltene Altersordnung und gibt Juda, als viertem Sohn der Lea, den Vorrang vor dem Stamm Levi (5.Mos.33,7), nachdem Jakob Ruben, seinen erstgeborenen Sohn, von Das Reich Gottes - 196 - diesem Platz entfernt hat. Von Simeon spricht Moses in den Segnungen der Stämme Israels gar nicht. Er schaltet diesen Stamm in seinem Segen aus. Daß dieser Stamm trotzdem vorhanden ist, beweist das ganze Schriftzeugnis (vgl.Offb.7,7). Vom Stamm Levi weissagt Moses: „Dein Recht und dein Licht gehört deinem heiligen Manne, den du versucht hast zu Massa, mit dem du gehadert hast am Haderwasser. Wer von seinem Vater und von seiner Mutter sagt: Ich sehe sie nicht, und seine Brüder nicht kennt und von seinen Söhnen nichts weiß, sondern deine Worte beobachtet und deinen Bund bewahrt, - die werden Jakob deine Rechte lehren und Israel dein Gesetz; sie werden Räuchwerk vor deine Nase legen und ganze Opfer auf deinen Altar. Segne, Herr, sein Vermögen und laß dir seiner Hände Werk gefallen; zerschmettere die Lenden seiner Widersacher und seiner Hasser, daß sie nicht aufkommen!“ (5.Mos.33,8-11) Wenn wir diesen Segen von Moses mit dem Segen vergleichen, den Jakob über die beiden Söhne Simeon und Levi ausgesprochen hat, so zeigt uns das die Wandlung, die einzelne Menschen und ganze Völker Seite 219 durchmachen können. Der Stamm Levi hat unter Moses Leitung das übrige Volk Israel um des Götzendienstes willen gerichtet. Später wird der ganze Stamm Levi dann an der Stelle der Erstlinge von Gott für den Dienst am Heiligtum von den übrigen Stämmen des Volkes Israel abgesondert. Aus diesem Grund empfängt nun der Stamm Levi von Moses auch diesen hervorragenden Segen. Aber diese von Moses geweissagte Treue zum Wort Gottes und zu seinem Bund mit dem verheißenen Segen erfüllt sich erst völlig im Tausendjährigen Reich. Das beweist, daß auch dieser Stamm beständig vorhanden ist. Juda erhält von seinem Vater Jakob den folgenden Segen: „Dich, Juda, werden deine Brüder loben! Deine Hand wird deinen Feinden auf dem Nacken sein; vor dir werden deines Vaters Kinder sich neigen. Juda ist ein junger Löwe; mit Beute beladen stiegst du, mein Sohn, empor! Er ist niedergekniet und hat sich gelagert wie ein Löwe und wie eine Löwin, wer darf ihn aufwecken? Es wird das Zepter nicht von Juda weichen, noch der Herrscherstab von seinen Füßen, bis daß ein Friedebringer kommt, und dem werden die Völker gehorchen. Er wird sein Füllen an den Weinstock binden, und seiner Eselin Junges an die Edelrebe; er wird sein Kleid im Weine waschen und seinen Mantel in Traubenblut; seine Augen sind dunkel vom Wein und seine Zähne weiß von der Milch.“ (1.Mos.49,8-12) Mit diesen Worten weist Jakob Juda, seinem vierten Sohn von der Lea, den ersten Platz an, nachdem er seine ersten drei Söhne um ihrer Vergehen willen zurechtweisen mußte. Juda wird von seinen Brüdern gelobt, und seines Vaters Kinder neigen sich vor ihm, wie die Verheißung von Joseph lautet, den Gott zum Fürsten unter seinen Brüdern bestimmt hatte. Doch Ephraim, der unter dem Volke Gottes das Erbe seines Vaters bekommen hatte, war in seiner Stellung nicht treu (Hos.4,16-19). Aus diesem Grunde wird Juda der Fürst unter seinen Brüdern und der Besieger der Feinde des Volkes Gottes, und von ihm wird endlich der wahre Friede ausgehen. Moses sagt von diesem Stamm: „Herr, du wollest Judas Stimme hören und ihn bringen zu seinem Volk! Hat er mit seinen Händen zu streiten, so hilf du ihm von seinen Feinden!“ (5.Mos.33,7) Mit diesen Worten weist Moses darauf hin, daß Judas Sieg über seine Feinde vom Herrn kommen muß. Wenn der Herr Juda aber zu seinem Volke bringen soll, so läßt das Das Reich Gottes - 197 - erkennen, daß dieser Stamm für lange Zeit von den anderen Stämmen des Volkes Gottes getrennt ist. Diese von Moses angedeutete Vereinigung des Stammes Juda mit seinem Volk Israel findet erst am Anfang des Tausendjährigen Reiches statt (Hes.37,15-28). Infolgedessen muß der Stamm Juda sowohl, wie die übrigen Stämme Israels, bis zu dieser Zeit immer unter den Völkern vorhanden sein, wenn auch für lange Zeit nur ein Teil von dem Stamm Juda noch als Volk der Juden, in der Völkerwelt zerstreut, bekannt ist. Seite 220 Sebulon und Issaschar sind die zwei letzten Söhne Jakobs von der Lea. In dem Segen stellt Jakob den jüngeren Sohn Sebulon seinem älteren Bruder Issaschar voran und bezeichnet zuerst seine Wohnung und seine Beschäftigung am Meer und an der Seite von Sidon. Issaschar liebt aber die Ruhe in einem friedlichen Land, selbst um den Preis, daß er dadurch ein fronpflichtiger Knecht wird (1.Mos.49,13-15). Moses redet von diesen beiden Stämmen in der gleichen Ordnung ihres Alters, nur weist er Benjamin und Joseph ihren Platz noch vor Levi an (5.Mos.33,12-13), obwohl diese beiden Söhne Jakobs jünger und Kinder der Rahel waren. Sebulon soll sich seiner Fahrten freuen und Issaschar seiner Zelte. Diese beiden Völker dienen Gott darin, daß sie andere Völker auf den Berg Gottes einladen, um Gott ihre Opfer der Gerechtigkeit darzubringen. Sie erlangen den Reichtum des Meeres und die verborgenen Schätze des Sandes (5.Mos.33,18-19). Mit dieser Ergänzung, die Moses den Weissagungen von Jakob anfügt, in denen Jakob nur auf die nächste Zukunft in dem Erbland (Stammland) hinweist, ist gezeigt, daß diese beiden Stämme ihren Dienst im Tausendjährigen Reich ausrichten und dann auch ihren Lohn dafür ernten. Auch das beweist, daß diese beiden Völker während der Zeit vorhanden sind, wenn die zwölf Stämme Israel unter den Völkern während der Herrschaft aller vier Weltreiche zerstreut sind. Dan ist der erstgeborene Sohn von Bilha, der Magd Rahels, die diese ihrem Manne deshalb zum Weibe gab, weil sie selbst unfruchtbar war. Von ihm sagt Jakob, daß er das Volk Israel als ein ihnen angehörender Stamm richten wird, doch nicht nach der Ordnung der göttlichen Gerechtigkeit, sondern als Schlange am Weg und Otter auf dem Pfad, die in die Fersen des Rosses beißt, daß der Reiter rücklings stürzt. Auf dieses Bekenntnis sagt Jakob: „Herr, ich warte auf dein Heil!“ (1.Mos.49,16-18) was auf das endzeitliche Offenbarwerden des Herrn hinweist. Moses bringt in seinem Segen den Stamm Dan an den drittletzten Platz, vor Naphtali und Asser. Er sagt von diesem Stamm in Verbindung mit dem Segen Jakobs nur, daß er ein junger Leu ist, der aus Basan hervorschießt (5. Mose 33,22). Aus Jakobs Segen ist aber ersichtlich, daß der Stamm Dan dieses heimtückische, widergöttliche Gericht an seinem eigenen Volk in der geweissagten Schlangen- und Teufelsart erst im Gericht des vierten Weltreichs, vor dem Anfang des Tausendjährigen Reiches, ausführen kann. Das ist ein Beweis dafür, daß auch dieser Stamm Dan unter den Stämmen Israels in der Zeit ihrer Zerstreuung unter den Völkern während der Herrschaft der vier Weltreiche vorhanden ist. Das Reich Gottes - 198 - Gad ist wieder der erstgeborene Sohn von Leas Magd Silpa. Weil Lea, nachdem sie Jakob vier Söhne geboren hatte, keine Kinder mehr gebar, machte sie es ihrer unfruchtbaren Schwester Rahel nach und gab Jakob auch ihre Magd zum Weibe. Jakob sagt, daß dieser Sohn von einer Schar bedrängt wird, über die er aber siegreich ist (1.Mos.49,19). Moses schaut, Seite 221 wie Gott diesem Stamm weiten Raum schafft, weil er wie eine Löwin lagert und Arm und Scheitel zerreißt. Durch ein Erstlingsgebiet wird er Anführer und vollstreckt an der Spitze seines Volkes Jehovas Gerechtigkeit und seine Gerichte, vereint mit Israel (5.Mos.33,2021). Anschließend an dieses Gericht, das Gad für Jehovas Gerechtigkeit ausgeführt hat, weist Moses auf das teuflische Gericht des Stammes Dan hin, das dieser Stamm an seinem Volk ausführt (5.Mos.33,22). Die Umstellung dieser beiden Söhne und Stämme Israels von Jakob und Moses muß seine Bedeutung haben. Jakob zeigt zuerst das Schlangengericht, das Dan an seinem Volk ausführt, und weist dann kurz auf Gads Sieg hin. Moses dagegen zeigt zuerst den Sieg, den Gad durch Jehovas Gerechtigkeit über seine Feinde davonträgt ausführlich, und deutet dann ebenso kurz, wie Jakob von Gads Sieg sprach, auf die feindliche Stellung Dans hin. Beide Darstellungen lassen erkennen, daß in der Zusammenstellung und veränderten Darstellung dieser beiden Söhne und Stämme eine geheimnisvolle Verbindung in der Stellung liegen muß, die diese beiden Brüder und Stämme Israels zueinander haben. Diese Verbindung kann darin gesehen werden, daß Dan in seiner teuflischen Feindschaft gegen Gott, in dieser richtenden Stellung unter den übrigen Stämmen, in der Hauptsache den Stamm Gad drängt. Weil Gad aber seine Feinde zurückdrängt, und zwar dadurch, daß er der Anführer im Kampf für die göttliche Gerechtigkeit ist, so mußte Gads göttlicher Sinn über Dans Gottfeindschaft im Volk Israel siegen. Die gottfeindliche, richtende Stellung Dans in seinem Volk kann in dem Wirken des anderen Tieres gesehen werden, wie es in Offb.13,11-18 als Unterstützung des ersten Tieres, das aus dem Meer aufsteigt und Gott lästert, geschildert ist. Wenn demgegenüber vom König David prophetisch gesagt ist, daß ihm ein Volk dient, das er nicht kannte (Ps.18,44), und eine mächtige Nation im Gericht Gott ehren wird (Jes.25,3), so ist damit auf den Sieg hingewiesen, den Moses vom Stamm Gad als Anführer seines Volkes geweissagt hat. Diese beiden Gerichte, die von Satans und von Gottes Seite aus im Volke Gottes erfolgen, geschehen aber erst am Ende des vierten Weltreiches und am Anfang des Tausdendjährigen Reiches. Sie beweisen wiederum, daß bis dahin auch der Stamm Gad in der Zerstreuung des Volkes Gottes erhalten ist und zu einem so mächtigen Volk wurde, daß es in der entscheidenden Zeit die danitische Gottlosigkeit im Volke Gottes, vereint mit den übrigen Stämmen Israels, richten kann. Asser, dem zweiten Sohn von Leas Magd Silpa, sagt Jakob, daß ihm sein Brot zu fett ist und er königliche Leckerbissen gibt (1.Mos.49,20). Moses setzt den Stamm Asser in seinem Segen zuletzt und nennt ihn den gesegnetsten Sohn, den Liebling seiner Brüder, der seinen Fuß in Öl taucht und dem Eisen und Erz die Riegel sind. Wie seine Tage, so ist seine Kraft (5.Mos.33,24-25). Der Segen dieses Stammes kann erst zu der Zeit von allen Das Reich Gottes - 199 - Stämmen Israels erkannt werden, wenn das Volk Gottes aus der Zerstreuung gesammelt ist und Gott in seinem Volk für tausend Jahre seine Königsherrschaft aufgerichtet hat. Seite 222 Das beweist wieder, daß dieser Stamm des Volkes Israel bis zu dieser Zeit immer ein Volk ist, das in besonderer Weise von Gott gesegnet wird. Naphtali, den zweiten Sohn von Rahels Magd Bilha, nennt Jakob eine ausgelassene Hirschkuh und sagt, daß er schöne Worte machen kann (1.Mos.49,21). Als zweitletzter erhält dieser Stamm den Segen von Moses: „Naphtali werde gesättigt mit Gnade und voll vom Segen des Herrn; Meer und Mittag nimm in Besitz!“ (5.Mos.33,23) Nach dem Propheten Obadja wird das Gebirge Esau und das Philisterland zu der Zeit in Besitz genommen, wenn die Königsherrschaft dem Herrn gehört (Ob.19-21). Das beweist, daß auch dieser Stamm bis zu dieser Zeit in der Zerstreuung mit den übrigen Stämmen Israels für diesen von Moses geweissagten Segen zubereitet worden ist. Benjamin ist der jüngste Sohn Jakobs und der letzte Sohn Rahels, die bei der Geburt dieses Kindes starb. Jakob nennt diesen Sohn einen reißenden Wolf, der am Morgen Raub verzehrt und am Abend sich in die Beute teilt (1.Mos.49,27). Moses spricht seinen Segen über diesen Stamm bereits an vierter Stelle aus, obgleich Benjamin der jüngste ist. Dadurch erhält er seinen Platz zwischen Levi und Joseph als Jehovas Liebling, der sicher wohnen möge und von Gott, der zwischen seinen Hügeln wohnt, den ganzen Tag beschirmt werden soll (5.Mos.33,12). Dieser Segen kann sich an diesem Stamm auch wieder erst dann völlig erfüllen, wenn Gott sein Volk gänzlich geläutert und als sein Eigentum endgültig im Besitz hat. Das ist aber erst die Zeit des Tausendjährigen Reiches. Deshalb muß auch der Stamm Benjamin bis zu dieser Zeit unter den Völkern während der Zeit der vier Weltreiche mit den übrigen Stämmen Israels unter diesen Völkern zerstreut und doch erhalten sein. 3. Die christliche Gemeinde in der Zeit der sieben Häupter und der Füße des vierten Weltreiches 1. Die Reichsgottesherrschaft in der vierten Gemeinde zu Thyatira Nachdem der Abfall von der ersten Liebe in der ersten Gemeindezeit zu Anfang des vierten Weltreiches einmal erfolgt und dadurch die Möglichkeit der Erfüllung der göttlichen Verheißungen in der Aufrichtung seiner ewigen Reichsgottesherrschaft vorüber war, entfernte sich die Gemeinde Gottes in der weiteren Gemeindeentwicklung immer mehr von dem göttlichen Heilsratschluß. Die Gemeinde zu Pergamus bereitete durch ihre Untreue den noch vorhandenen Heilswahrheiten gegenüber und ihre widergöttliche Verbindung mit dem Thron Satans und durch ihr Streben nach weltlicher Macht den Gemeindezustand von Thyatira vor (Offb.2,18-25). Denn der Zustand von Thyatira, der auf Pergamus folgt, war nur eine verstärkte Art Abfall von den Seite 223 göttlichen Heilswahrheiten gegenüber dem bereits vorhandenen Abfall in Pergamus. Die Gemeinde kam immer tiefer unter den weltlichen und dadurch heidnischen Einfluß. Aus der Verbindung der Gemeinde zu Pergamus mit dem Staat ist der Anspruch auf die Das Reich Gottes - 200 - Oberhoheit der Gemeinde zu Thyatira über alle Völker samt ihren Regierungen erwachsen (Jes.47,1-7; Offb.17,1-3.9.15.17-18; 18,3.7). Dieser Gemeindezustand dauert etwa von 500 n.Chr. bis ans Ende dieses Zeitalters, bis zur Wiederkunft Jesu (Offb.2,25; 17,12-17; 19,1-7). Daraus ergibt sich, daß sich das Streben nach weltlicher Macht in dieser Gemeinde so ausbreitete, daß das Verlangen nach der ewigen Reichsgottesherrschaft vollkommen verschwand. Die widergöttliche Einstellung dieser Gemeinde hat aber ihre tiefste Ursache darin, daß sie die Erkenntnis von den Heilswahrheiten der in Christo vollbrachten vollen Erlösung als die erste Liebe und dadurch den Willen Gottes nicht mehr suchte. Im dritten Jahrhundert nach Christus war die Erkenntnis, daß Jesus die Toten zur Unverweslichkeit auferweckt, schon so verdunkelt worden und der Glaube daran unter Lebenshingabe schon so weit verlorengegangen, daß viele christliche Bekenner, sogenannte „Apologeten“, der ungerechten und grausamen Heidenwelt gegenüber den gottesfürchtigen Wandel der Gläubigen und ihr Lebensrecht verteidigten, damit sie nicht mehr so hingemordet werden sollten. Das ist uns ein Beweis, daß die Gläubigen nicht mehr mit einer Auferstehung von den Toten rechneten, geschweige denn mit der Leibesverwandlung bei Jesu Wiederkommen, und das alles nur, weil die klare Erkenntnis verlorengegangen war, daß Jesus Christus, der Auferstandene, der Sieger über den Tod, heute lebt. Diese Klarheit, daß Gott Jesus von den Toten zur Herrlichkeit unverweslichen Lebens auferweckt hat, ging so zurück, daß die Vertreter der zur großen Volksgemeinde gewordenen Zahl der Gläubigen sich geneigt sahen, Jesus, vom Fleisch geboren, in der Zeit, als er in diesem Fleisch unter den Menschen auf der Erde pilgerte, eine solche Fülle göttlichen Wesens zuzuerkennen, daß damit der Mangel von der Erkenntnis der in der Auferstehung zustande gekommenen neuen Kreatur wettgemacht werden sollte. Dieses Bestreben wurde unterstützt durch die Sucht, den breiten Massen das Heilsbekenntnis so leicht wie möglich zu machen. Die heidnisch gewesenen Volksmassen - einschließlich des Teiles, der aus dem Volke Gottes zu dieser Gemeinde zu Thyatira gehört - waren immer noch gewohnt, äußerliche Gegenstände, Bilder, Standbilder und Statuen der Götter zu verehren. Ihnen mußte es leicht sein, in dem vom heiligen Geist gezeugten und von der Jungfrau Maria geborenen Jesus Christus, als dem fleischgewordenen Wort Gottes, das in der Schwachheit und Knechtschaft dieses Fleisches auf der Erde wandelte, die Fülle der Gottheit zu verehren. Das war für sie viel leichter, als an den unsichtbaren Gott zu glauben, der uns in seinem Sohne ohne Verdienst gerechtfertigt hat, der die Toten unverweslich auferweckt und auch Jesus so auferweckt hat. Seite 224 Eine weitere Unterstützung fand dieses Bestreben durch den Geist, der die Gläubigen antrieb, die Gottgleichheit in ihrem täglichen Wandel nach dem Fleische darzustellen. Man wollte ihnen den Gott-Jesus so vorstellen, daß in seiner Gottgleichheit das rechte Vorbild gesehen wurde, ihm auf diesem Boden des Fleisches gleichgestaltet zu werden. Das Reich Gottes - 201 - Man lehrte zwar, daß Jesus, so wie er wahrer Gott in der Niedrigkeit der Fleischesgestalt ist, auch zugleich in dieser Gestalt wahrer Mensch ist. Jedoch wurde es so hingestellt, daß das wahre Menschsein nicht in der Niedrigkeit des versuchlichen und sündlichen Davidsfleisches besteht, sondern in einer menschlichen Gestalt, wie sie Adam vor seinem Sündenfall, frei von jeglicher Verbindung mit der Sünde, gehabt haben soll. Die vollkommene Gottheit Jesu sah man nicht allein in der Unverweslichkeit seines vorweltlichen Zustandes als „Wort“ und in der Herrlichkeit seiner Auferstehung von den Toten, sondern auch schon in seinem Erdenzustand in der ganzen Fülle. Zu diesem Zweck wurde das Fleisch des Menschen überhaupt als gut, d.h. frei von der Sünde, hingestellt und der Sündenursprung beim Menschen nicht mehr dem verführenden Satan und dem versuchlichen Fleisch, sondern dem Willen des Menschen zugesprochen. Nach dieser Lehre brauchte sich Jesus aber nicht mehr selbst zu erniedrigen, als das Wort vom Vater in das menschliche Fleisch gekleidet wurde; denn dasselbe war für ihn dann keine Knechtsgestalt mehr. Wenn diese Lehre die Länge der Jahrhunderte hindurch auch nicht aufrecht erhalten werden konnte, so hat man trotzdem an dem Begriff „Gottesgebärerin“ festgehalten. Man hat einfach gelehrt und hat es im Jahre 1854 als Dogma festgesetzt, daß auch Maria, die Mutter Jesu, aus Davids Geschlecht ein unversuchliches Fleisch getragen haben müsse, indem sie in gleicher Weise in ihrer Mutter Anna (so soll sie nach der väterlichen Überlieferung geheißen haben.) vom heiligen Geist unbefleckt gezeugt worden sein soll, wie Jesus in Maria. Dabei übersah man natürlich, daß der heilige Geist sich ganz genau an die Verheißung Gottes halten mußte, welche Gott bei seiner Heiligkeit dem David geschworen hatte, daß der Christus dem Fleische nach aus seinen Lenden hervorgehen müsse, wenn auch das Fleisch Davids sündlich-versuchlich und nicht göttlich war (2.Sam.7,12-16; Ps.89). So brachte man die Gläubigen um den lebendigen Glauben an die Gerechtigkeit Gottes in Christo Jesu und an die Auferstehung Jesu. Aus Mangel an diesem Glauben brachte man sie auch noch um den Glauben, den Maria, David und Abraham hatten, daß der Schlangentreter Jesus Christus dasselbe Fleisch und Blut trägt, das auch die Kinder, die Abrahams Same sind, gemeinsam tragen (Hebr.2,14). Auf diese Weise war die weitere Heilsunterweisung für ein ganzes Jahrtausend in Fesseln gelegt und wurde von einer ganz bestimmten, starren Gemeindeform zusammengefaßt (Offb.2,20), die in der Offenbarung mit Ahabs Weib Isabel verglichen wird, die den heidnischen Baals-Götzendienst eingeführt hatte. Diese Isabel nennt sich Prophetin und maßt sich an, die Knechte Gottes zu lehren, die doch von der Heiligen Schrift gelehrt werden müßten, und so verführt sie die Gläubigen zum Abfall von Gott, was Hurerei und Dämonendienst ist. Jede Lehrverderbnis in der Gemeinde Seite 225 Gottes kommt von Dämonen, die hinter jeder falschen Heilsdarstellung stehen. Darum hat man nicht nur das in das menschliche Fleisch gekleidete Wort Gottes Gott, dem unvergänglichen Vater, gleichgesetzt, obwohl Jesus ausdrücklich gesagt hatte: „Der Vater ist größer als ich“ (Joh.14,28), Das Reich Gottes - 202 - sondern man hat mit dieser Lehre auch jenem Geist Gehorsam erwiesen, welcher verlangte, zu lehren, daß der Menschensohn Jesus im natürlichen, unverwandelten, versuchlichen Fleisch die ganze Fülle der Gottheit darstellen könne. Alle diese Auswüchse als verderbliche Irrlehren, gegenüber dem wahren Evangelium von Jesus Christus, waren nur verschiedene und in ihrer Art verführerische Darstellungsformen der jüdischen Gesetzesgerechtigkeit. Denn diese Lehre von der Gesetzesgerechtigkeit stand von der Zeit Jesu an in Feindschaft mit der Heilsbotschaft der Gottesgerechtigkeit als der Gnadenrechtfertigung und ganzen Erlösung in Christo Jesu. In dieser Stellung erinnert uns dieser Gemeindezustand an die Zeit, in der das Volk Israel, gleichwie die Heidenvölker, Götzendienst trieb, indem es andern Göttern diente, besonders zur Zeit seiner Könige. Das ist wieder ein kräftiger Beweis, daß auch in dieser späteren Zeit der Gemeindeentwicklung die Gläubigen aus dem Volke Gottes in der christlichen Gemeinde den Kern bildeten, die Träger derselben waren und somit die Lehreinstellung nachteilig beeinflußten. Gerade in dieser Gemeinde, wie auch schon in der Gemeinde zu Pergamus, können wir in Verbindung mit den weiteren Ausführungen der Offenbarung Johannes deutlich die Spuren des unter die Völker zerstreuten Zwölf-Stämme-Volkes Israel erkennen und verfolgen. Dieses Weib Isabel, das sich als Prophetin ausgibt und die Knechte des Herrn lehrt und verführt, Hurerei zu treiben und Götzenopfer zu essen, übt seinen Einfluß bis zur Zeit der Wiederkunft des Herrn aus. Das ist in diesem Sendschreiben dadurch angedeutet, daß hier zum erstenmal während der Entwicklung der Gemeinde von der Wiederkunft des Herrn zum Gericht am Ende des Zeitalters die Rede ist. Zur Zeit der Zukunft des Herrn ist diese Isabel die große Hure, die an den vielen Wassern sitzt. Die Könige der Erde - das sind die Staatshäupter des nationalen Volkes Gottes - buhlen mit ihr und sind trunken vom Wein ihrer Hurerei (Offb.17,1-2). Doch in diesem Sendschreiben begegnen wir nun einer weiteren Verheißung, die sich auf die Aufrichtung der ewigen Reichsgottesherrschaft bezieht und die Fortsetzung von den beiden Verheißungen bildet, die an die Überwinder der Gemeinden zu Ephesus und Pergamus gerichtet sind. Sie lautet: „Wer überwindet und meine Werke bis ans Ende bewahrt, dem will ich Macht geben über die Heiden. Und er wird sie mit eisernem Stabe weiden, wie Tongeschirr sie zerschlagen; Seite 226 wie auch ich von meinem Vater emfangen habe. Und ich will ihm geben den Morgenstern.“ (Offb.2,26-28) Diese Wahrheit liegt dem ganzen Zeugnis der sieben Sendschreiben zugrunde. Alles, was Gott durch seinen Geist den Gemeinden sagt, soll nur Zeugnis und Hinweis dafür sein, nach welcher Ordnung sich die seinem Volk gegebenen Verheißungen im Schoße der christlichen Gemeinde entwickeln, damit sie sich zu seiner Zeit erfüllen können. Das Reich Gottes - 203 - Im Sendschreiben an die Gemeinde zu Thyatira zeigt Gott, worauf es in der Stellung der Gläubigen ankommt, wenn sich die Verheißungen für die ewige Reichsgottesherrschaft erfüllen sollen. „Wer überwindet und meine Werke bis ans Ende bewahrt“, lautet die göttliche Ordnung, nach der Gott die Macht darreicht, die Herrschaft über die Heiden auszuüben. In diesem Zeugnis offenbart Gott unzweideutig klar, welchem Zweck die sieben Gemeinden dienen müssen und was für ein Geheimnis sich im Schoße dieser Gemeinden entwickeln und ausgestalten muß (Offb.1,20). Es ist das Geheimnis über die Art und Weise, wie Gott die seinem Volke verheißene ewige Reichsherrschaft aufrichtet. Auf Grund der weiteren Offenbarungen über diese Ordnung, wie sie in den noch folgenden Sendschreiben gezeigt ist und wie wir dann ausführlich darauf hinweisen müssen, gehen wir in der Betrachtung dieses Sendschreibens nicht näher auf diese Wahrheit ein. Wir wollen jetzt nur noch auf das wunderbare göttliche Walten hinweisen. Wenn die Gemeinde in Thyatira sich im Zustand des größten Abfalls befindet und die Finsternisgewalten auf die schlimmste Art sich entfalten, dann greift Gott mit seinem starken, mächtigen Arm ein und führt seinen verheißenen Heilsplan auf herrliche Weise in seiner Gemeinde hinaus. Das göttliche Gnadenwalten besteht darin, daß Gott aus diesem dürren Erdreich (einem von der Wahrheit der ganzen Erlösung völlig abgewichenen und von der Lüge beherrschten Gemeindezustand, in dem die ganze Satanstiefe wirksam ist.) heraus seine ewigen Gnadenverheißungen erfüllt und seine Reichsherrschaft zur Ausgestaltung bringt. Dieses Walten Gottes entspricht wieder derselben Ordnung, nach der Jesus in die Welt geboren wurde. Darum erfüllt es sich in dieser Zeit wieder, was der Prophet weissagt: „Wer hat dem geglaubt, was uns verkündigt ward, und der Arm des Herrn, über wem ward er geoffenbart? Er wuchs auf vor ihm wie ein Schoß, aus dürrem Erdreich wie ein Wurzelsproß. Er hatte keine Gestalt noch Pracht, daß wir ihn angeschaut, kein Aussehen, daß er uns wohlgefallen hätte.“ (Jes.53,1-2) 2. Die Reichsgottesherrschaft in der fünften Gemeinde zu Sardes Je mehr wir uns in die göttliche Ordnung der Entwicklung der christlichen Gemeinde hineinversenken, um so klarer wird es uns, wie Gott seine Heilsgedanken verwirklichen will. Seite 227 Obwohl die Gemeinde Gottes sich so weit von der Wahrheit des Evangeliums, vom Reiche Gottes entfernt hat, läßt Gott sein Werk, das er beschlossen und den Vätern verheißen hat, doch nicht liegen. Lange Zeit darf der Feind wie im Alten Bund das Volk Gottes, so auch auf dem Boden des Neuen Bundes die Gemeinde Gottes in seinem Bann gefangenhalten und zur Lüge verführen. Der Höhepunkt dieser satanischen Verführungskunst ist in der Gemeinde zu Thyatira erreicht. Alles ist von dem Lügeneinfluß der falschen Prophetin Isabel durchdrungen. Wie der Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert, so hat diese Isabel mit ihrem Lügeneinfluß alles durchsäuert, was aus den ihr Das Reich Gottes - 204 - vorausgegangenen drei Gemeinden an Heilswahrheiten noch vorhanden war (Matth.13,33). Wenn Gott nicht selbst durch mächtiges Eingreifen eine Wendung herbeiführen würde, könnte das verkündigte Reich Gottes nicht aufgerichtet werden. Doch bei Gott ist kein Ding unmöglich. Er hat seine sieben Geister ausgesandt (Offb.3,1), seiner Gemeinde zu dienen, damit er über den Verführer den Sieg davonträgt und sein Reich aufrichten kann. Darum gibt Gott der Gemeinde zu Sardes durch den Engel dieser Gemeinde in seinem großen Erbarmen wieder neues Licht über die Heilswahrheiten des Evangeliums (Offb.3,1-6). Um alles im göttlichen Lichte verstehen zu können, was Gott in diesem Sendschreiben offenbart, müssen wir uns daran erinnern, daß die Gemeinde zu Thyatira etwa vom Jahr 500 n.Chr. bis zur Wiederkunft des Herrn besteht. Daraus ergibt sich, daß die Gemeinde zu Sardes während dieser Zeitdauer sich aus dieser Gemeinde zu Thyatira bilden muß, so daß dann beide Gemeinden von der Bildung der Gemeinde zu Sardes an nebeneinander bestehen. Diese Tatsache entspricht auch der bis heute durchlebten Gemeindeentwicklung. Darum kann die Gemeinde zu Sardes nur die Reformationsgemeinde sein; denn durch die Reformation i.J.1517 hat Gott aus der vorhandenen Finsternis der Gemeinde zu Thyatira heraus wieder neues Licht über die Heilswahrheiten der durch Christus vollbrachten Erlösung gegeben. Lange Jahrhunderte hindurch konnte es nicht mehr erkannt und geglaubt werden, daß die Sündenschuld der Menschen einzig nur durch das Opfer Jesu Christi gesühnt wird und nicht durch Werkgerechtigkeit und allerlei heidnische Zeremonien und Bußübungen. Das Gottesgeschenk der Reformation für die Gemeinde zu Sardes war das Licht des Evangeliums: „Der Gerechte wird durch Glauben leben.“ (Röm.1,17; Gal.3,11; Hebr.10,38) Dieses Licht hat Gott dem Engel dieser Gemeinde gegeben. Indem dieser Knecht an die Rechtfertigung durch das Opfer Jesu Christi glaubte, hat er das Wort der Wahrheit des Evangeliums wieder als Zeugungssame aufgenommen und ist dadurch ein Kind Gottes geworden und in die Seite 228 Lebensverbindung mit Jesus gekommen (Jak.1,18). Aber doch lautet das Schriftzeugnis an diesen Knecht: „Ich weiß deine Werke: du hast den Namen, daß du lebest, und bist tot. Werde wach und stärke das übrige, was sterben will; denn ich habe deine Werke nicht vollkommen erfunden vor meinem Gott. So gedenke nun, wie du empfangen und gehört hast, und bewahre es und tue Buße. Wenn du nun nicht wachest, so werde ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde.“ (Offb.3,1-3) Damit ist gezeigt, daß Gott wohl neue Erkenntnis über die Bedeutung des Opfers Jesu gegeben hat, aber der Lügen- und Irrtumseinfluß der Gemeinde zu Thyatira erlangte in Sardes bald wieder eine solche Macht, daß auch der Engel der Gemeinde zu Sardes diesem Einfluß wieder erlag. Wenn dies auch nicht völlig geschehen ist, so doch so weit, daß der Erkenntnisblick dieses Engels für die volle Bedeutung des Opfers Jesu verdunkelt wurde und er den lebendigen Glauben an das Evangelium nicht mehr haben Das Reich Gottes - 205 - konnte, daß sich dadurch das rechte Wachstum und die Ausgestaltung für das Kommen des Herrn und die Aufrichtung seines Reiches entfalten konnte. Wie nahe ist das Volk Israel an Babel?! (Jes.47,6; 48,20) Und wie nahe ist die Gemeinde Gottes am geistigen Babel?! (Jes.47) Die Aufforderung des Herrn an diesen Engel, über seine Gott mißfällige Stellung Buße zu tun, scheint von ihm nicht beachtet worden zu sein; denn der Herr muß ihm sagen: „So gedenke nun, wie du empfangen und gehört hast, und bewahre es und tue Buße. Wenn du nun nicht wachest, so werde ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde.“ (Offb.3,3) Auch das übrige in dieser Gemeinde befindet sich im Zustand des Sterbens. Die Gerichtsankündigung des Herrn an den Engel und das Zeugnis von den übrigen weist darauf hin, daß dieser Engel darum, weil er seine Aufgabe den göttlichen Heilswahrheiten gegenüber in seiner Untreue nicht erfüllt, von Gott nicht gebraucht werden kann, seine ewige Reichsherrschaft aufzurichten. Ebensowenig kann die ganze Gemeinde, der dieser Engel vorsteht, der Verwirklichung der göttlichen Heilsgedanken in der Ausgestaltung seiner Reichsherrschaft dienen. Wohl lautet das Zeugnis des Herrn noch: „Aber du hast einige wenige Namen zu Sardes, welche ihre Kleider nicht befleckt haben; und diese werden mit mir wandeln in weißen Kleidern, denn sie sind es wert.“ (Offb.3,4) Und im Blick auf die Überwinderstellung in dieser Gemeinde ist gesagt: „Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden; und ich will seinen Namen nicht tilgen aus dem Buche des Lebens und will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.“ (Offb.3,5) Seite 229 Diese wenigen, die ihre Kleider nicht befleckt haben und darum mit dem Herrn wandeln in weißen Kleidern, und diejenigen, die als Überwinder diesen Todeszustand des Buchstabenwissens überwinden und darum mit weißen Kleidern angetan werden, sind solche Seelen, die dem in der Gemeinde zu Sardes gegebenen Licht treu sind. Sie halten es im Glauben an das Opfer Jesu fest, daß sie nur durch dieses Opfer vor Gott gerecht sind, und beflecken dadurch ihre Heilskleider nicht mit der Gesetzesgerechtigkeit. Aber sie können durch die Erkenntnis dieser wenigen Heilswahrheiten und ihrem Glauben daran noch nicht zum Sieg des Lebens über den Tod ausreifen. Darum kann Gott auf Grund ihrer Stellung seine den Vätern gegebenen Verheißungen, in dieser Zeit sein ewiges Reich aufzurichten, noch nicht erfüllen. 3. Das Verhältnis des vierten Weltreiches zum Volk Gottes bzw. zur christlichen Gemeinde in der Zeit der sieben Häupter Im ersten Teil der Betrachtung des vierten Weltreiches haben wir schon das Verhältnis gezeigt zwischen dem vierten Weltreich und dem Volk Gottes. Wir haben gefunden, daß das vierte Weltreich von Anfang an in einem erbitterten Feindschaftsverhältnis zum Volk Gottes stand. Diese Feindschaftsstellung des vierten Weltreiches ging vom Volk Gottes, dessen letzter Teil von den Römern auch unter die Völker zerstreut wurde, auf die christliche Gemeinde über, nachdem dieselbe durch die Verkündigung des Evangeliums entstanden war. Das ist auch leicht zu verstehen; denn im Evangelium Das Reich Gottes - 206 - wurde die Botschaft vom kommenden Reich Gottes verkündigt, wie Gott die Verheißungen darüber schon Abraham, Isaak, Jakob und durch die Propheten gegeben hat. Aber gerade der Aufrichtung des verheißenen Reiches Gottes arbeitet Satan mit allen Mitteln entgegen. Weil Johannes der Täufer und Jesus und nach ihnen die Apostel verkündigt haben: „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Matth.3,2; 4,17; 10,7), muß nun auch Satan seine ganze Macht aufbieten, um die Aufrichtung des ewigen Reiches Gottes zu verhindern. Um dieses Ziel zu erreichen, ist ihm das vierte Weltreich das beste und auserlesenste Werkzeug in seiner Hand. Wenn darum von Daniel gesagt ist, daß das vierte Tier außerordentlich abstoßend, schrecklich und gewalttätig ist, große eiserne Zähne hat, mit denen es alles frißt, zermalmt und zertritt mit seinen Füßen und seine Wesensart Eisen ist, so wendet es diese Wesensart nicht nur den übrigen Reichen und Völkern gegenüber an, sondern auch dem Volke Gottes und der christlichen Gemeinde gegenüber. Das geschieht hauptsächlich aus dem Grunde, weil das Volk Gottes der Träger der christlichen Gemeinde ist. Von diesem vierten Weltreich wurden nicht nur Jesus und die Apostel und die Gläubigen ihrer Zeit um ihres Glaubens willen an Jesus Seite 230 und an das kommende Reich Gottes auf schreckliche Art und Weise verfolgt und getötet, sondern nach ihnen auch alle, die aus dem Volk Israel und aus den Heiden an Christus und die Heilswahrheiten der Erlösung gläubig geworden waren. Zehn große und grausame Christenverfolgungen aus der Herrscherzeit der ersten beiden Häupter kommen bereits auf das Konto des vierten Weltreiches. Daraus ist zu ersehen, wie dieses vierte Weltreich von Anfang an die christliche Gemeinde und darum Gott selbst in seinem Heilsratschluß bekämpft und verfolgt hat. Es fehlt hier der Raum, um auf alle Einzelheiten der mannigfaltigen Christenverfolgungen einzugehen. Von der Verfolgung durch Kaiser Diokletian (303-304) sei nur das Folgende gesagt: Er ließ die heiligen Schriften aufspüren und verbrennen, die christlichen Kirchen im ganzen Reich zerstören und verbot die christlichen Versammlungen. Verlust aller Ehrenämter, Vermögensberaubung, Gefängnis und Tod erlitt, wer den Göttern nicht opferte. Wenn die Verfolgungen in der Zeit der Bildung und Herrschaft der weiteren Häupter nicht mehr in einem solch großen Ausmaß erfolgt sind, so ist das in erster Linie darauf zurückzuführen, daß die Gemeinde ihren Glauben an die Heilswahrheiten der in Christo vollbrachten Erlösung immer mehr verloren und auf Grund des Einflusses des Weltreiches preisgegeben hat. Es ist darum das Werk des vierten Weltreiches, daß es ihm in den ersten Jahrhunderten nach Christus gelungen ist, durch seinen Machteinfluß die Gemeinde völlig von den Heilswahrheiten der durch Christus vollbrachten Erlösung zu trennen. Wenn es auf Kosten des verheißenen Reiches Gottes ging, dann war selbst dieses gewaltige Weltreich willig und bereit, an sogenannte Reichsgottesvertreter die weltliche Macht abzutreten. Die Gemeinde ahnte in jener Zeit nicht, welch satanischer List sie zum Opfer gefallen ist; dafür war sie völlig blind, weil sie aus sich heraus um ihrer eigenen Interessen willen nach dieser Macht strebte. Das Reich Gottes - 207 - Einen großen Machteinfluß gegen die Heilswahrheiten der Erlösung räumte die Gemeinde zu Thyatira dem vierten Weltreich ein. Weil diese Gemeinde als die Isabel und falsche Prophetin selbst so vollkommen von den Heilswahrheiten abgefallen ist und sich völlig dem Götzendienst zugekehrt hat, mußte es dem zum größten Teil heidnischen Weltreich in Verbindung mit dem Einfluß dieser Gemeinde ein leichtes sein, alles das mit Feuer und Schwert zu unterdrücken und auszurotten, was auf irgendeine Weise sich wieder den göttlichen Heilswahrheiten der Erlösung zuwenden wollte. Von der Zeit an, wo diese Isabel als ein christliches Lehrsystem ihren Lehreinfluß ausübte, erfolgten alle zukünftigen Christenverfolgungen nur noch auf Veranlassung dieses christlichen Lehrsystems. Das war aber darum so leicht möglich, weil dieses System zum Teil selbst an der Staatsmacht mitbeteiligt war und deshalb auch einen so großen und bestimmenden Einfluß bei den Staatsoberhäuptern hatte. Wie das vorherrschende Volk im vierten Weltreich das Eisenvolk d.i. das Chaldäer- oder Babelvolk genannt ist, so ist dieses christliche System das geistige Babylon. Jungfrau, Tochter Babel und Tochter der Chaldäer, sowie Beherrscherin der Königreiche, nennt sie schon der Prophet Jesaja (Jes.47,1). Weil Gott über sein Volk Seite 231 als seinem Erbteil sehr erzürnt ist, entweiht er es und gibt es (einschließlich des treuen Teiles der christlichen Gemeinde) in die Gewalt dieser Tochter Babel und Tochter der Chaldäer (Jes.47,6). Auf diese Weise entwickelt sich eine widergöttliche, geistlich-weltliche, herrsüchtige Gemeindeform, die von der Heiligen Schrift das Hurenweib „Babylon“ genannt wird (Offb.17,1-5), die in ihrer Geltungssucht die Menschen verfolgt, die ihre Rechtfertigung nicht in ihr, sondern im Wort Gottes zu erkennen trachten. Darum ist auch in der Offenbarung von dieser Hure gesagt: „Ich sah das Weib trunken von dem Blute der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu; und ich verwunderte mich gar sehr, als ich sie sah.“ (Offb.17,6) Im Weströmischen Reich kommt dieses geistliche Babylon in dem Maß zur Geltung, wie die äußere Macht des Reiches zerfällt; diese geistliche Stadt Babylon ist es, die durch das verführerische und anmaßende Aufnötigen ihrer Lehrsätze die noch übrigen, ihrem Einfluß noch nicht unterworfenen arianisch-christlich-germanischen Reiche bezwingt. Das alles zeigt uns, in welch innigem Verhältnis dieses christliche System als die Babylon und Mutter der Huren zu dem vierten Weltreich steht. Nicht das Weltreich macht Gott in dieser Zeit in erster Linie für das viele geflossene Märtyrerblut verantwortlich, sondern dieses religiös-christlich-heidnische System (Offb. 18,24). Darum erfährt dieses Weib zur Zeit der Zukunft des Herrn auch ein so schreckliches Gericht von Gott, wie es in Jesaja Kapitel 47 und in Offenbarung Kapitel 17 und 18 bezeugt ist. Dieselbe Feindschaftsstellung, die das vierte Weltreich als Volk zum Volk Gottes und zur christlichen Gemeinde einnimmt, nimmt auch dieses Weib als christliches System zum verheißenen und von Jesus verkündigten Reiche Gottes ein. Sie übt ihren Einfluß während der ganzen Zeit der Herrschaft der Häupter des vierten Weltreiches, also bis zur Wiederkunft Jesu aus, und zwar immer in Verbindung mit dem, dem Reiche Gottes feindlich gesinnten vierten Weltreich (Offb.17,7-18). Das Reich Gottes - 208 - Nur auf ihre Veranlassung und ihren bestimmenden Machteinfluß konnten die Herrscher der verschiedenen Häupterreiche, wie z.B. Kaiser Konstantin der Große und viele andere mehr, den Gläubigen gegenüber ihr Schreckensregiment ausüben. Im Jahre 319 nach Christus erklärte bereits eine Synode zu Arles, jede Amtshandlung dieses christlichen Babelsystems müsse als gültig angesehen werden. Die Staatsgewalt mußte dann schon gegen die sogenannten „Donatisten“ einschreiten. (Anhänger eines Donat, welcher zur Heiligkeit des Sakraments auch die Heiligkeit der Person verlangt, die es spendet.) Da die Donatisten viel zahlreicher waren als ihre Gegner, konnten sie nicht sehr schnell unterdrückt werden. Kaiser Konstantin der Große - er blieb bis an sein Lebensende heidnischer Oberpriester, - ließ gleich dem König Herodes d.Gr. etliche seiner nächsten Familienangehörigen töten, und ob er sich am Totenbett noch taufen ließ, läßt sich geschichtlich nicht nachweisen. Dieser Kaiser Seite 232 griff 325 n.Chr. auf dem Konzil zu Nicäa entscheidend in das Glaubensbekenntnis der Gläubigen ein, indem er die Lehrsätze der an Zahl kleineren, aber ihm ergebenen Bischöfe durchsetzen ließ. Von hier ab schreitet die der weltlichen Herrschaft angepaßte Lehrsatzbildung fort und kommt erst etwa dreihundert Jahre später einigermaßen zur Ruhe. Kaiser Julian, der Abtrünnige, regiert gegen die Christen (361-363). Theodosius der Große (379-395, anfangs Oströmisches Reich, später gesamtrömisches Reich) und Gratianus (375-383, Weströmisches Reich) machten der Religionsfreiheit ein Ende „zugunsten der Religion babylonischer Heiligkeit“. Fortan galt der Kampf nicht nur dem Heidentum, sondern auch allen nichtstaatschristlichen Gemeinden und christlichen Richtungen. Kaiserliche Edikte schrieben vor, was geglaubt werden müsse. Theodosius erließ nicht weniger als fünfzehn Gesetze gegen die Ketzer. Seit der Synode von Konstantinopel mußte nun jeder römische Bürger ein orthodoxer Christ sein, d.h. zur Staatskirche gehören. Jeder andere Standpunkt wurde als Verbrechen angesehen. Theodosius II. (408-450, Oströmisches Reich) hat nicht weniger als sechzig Gesetze gegen die Ketzer erlassen, darunter auch solche gegen die „Wiedertäufer“. Justinian (527-565, Ostrom) erneuert und verschärft die Ketzergesetze. Das sogenannte Corpus juris civilis, die berühmte Gesetzessammlung des Justinian, enthält auch die christlichen Lehrerlasse dieses Kaisers. Der dritte Teil erhebt die Beschlüsse der großen religiösen Synoden zu Gesetzen, über die jede weitere Verhandlung staatsrechtlich verboten wird. Ein ganzer Abschnitt handelt von den Wiedertäufern. Da das römische Recht in fast allen europäischen Staaten Aufnahme fand, so kamen auch die Gesetze gegen die Ketzer überall in Anwendung. Von Zeit zu Zeit wurden sie neu eingeschärft und durch Zusätze verschärft, und es wurde strenge Handhabung derselben befohlen. Zahlreiche Synoden des Mittelalters drangen auf die Ausführung der bürgerlichen Ketzerstrafen. Unter dem Einfluß ihrer lateinisch-christlich Das Reich Gottes - 209 - gesinnten Gemahlinnen wechselten der Frankenkönig Chlodwig (495) und der Westgotenkönig Rekkared (586) ihr christliches Glaubensbekenntnis. Kaiser Karl der Große (768-814) ist von der Richtigkeit der lateinisch-staatsamtlichchristlichen Lehre, vielleicht durch die Einsicht in ihre scheinbar staatsfördernde, herrschaftserleichternde Nützlichkeit überzeugt, dahin gekommen, daß er das Weströmische Reich unter päpstlichen Krönungsfeierlichkeiten in neuer Form aufleben ließ; er führte die lateinisch-christliche Lehrauffassung amtlich im ganzen Reich ein (auch im bereits christlichen Rheinland und Rheintal bis zum Bodensee) und benutzte sie zum Zweck und Vorwand, in seinen Kriegen die übrigen noch heidnischen germanischen Völker sich zu unterwerfen und zehntenpflichtig zu machen. Die Kaiser des Römischen Reiches deutscher Nation (962-1254) lieferten trotz der Auseinandersetzung über die Zuständigkeit von allerlei geistlich-weltlichen Machtbefugnissen (oder als Ausgleichsgaben?) die Gläubigen als Ketzer an die schließlich staatsgesetzlich eingeführten Ketzer- und Inquisitionsgerichte zum Tode aus. Seite 233 Kaiser Otto I. ließ sich 962 in Rom vom Papst zum Deutschen Kaiser krönen. Im Jahre 1184 beschlossen in Anwesenheit des Papstes Lucius III. und des Kaisers Friedrich I. Barbarossa die geistlichen und weltlichen Fürsten, daß alle Obrigkeiten gegen die Ketzer vorgehen sollten, unter Androhung der Exkommunikation im Unterlassungsfalle. Bischöfe, die ihre Pflicht gegen die Ketzer versäumten, wurden auf drei Jahre ihrer Würde enthoben. Städte, welche es versäumten, diesem Gesetze nachzukommen, verloren den Bischofssitz und Verkehr mit andern Städten. Kaiser Otto IV. versprach 1209 ausdrücklich dem Papst Innocenz III. die Ausrottung der Ketzer. Schärfer noch als Otto IV. ging der Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen gegen die Häretiker vor, trotz des freien und aufgeklärten religiösen Standpunktes, den er persönlich vertrat, und trotz des über alle Maßen heftigen Kampfes, den er mit den Päpsten um das Recht der Weltherrschaft führte und der mit dem Untergang der Hohenstaufen (1268) endete. Der katholische Geschichtschreiber Ficker gibt zu, daß diese überaus grausamen Verordnungen des deutschen Kaisers auf Veranlassung des lateinisch-christlichen Systemes erfolgten. Der schmähliche und ruhmlose Untergang der Hohenstaufen darf nicht so sehr der Kunst der Führung des lateinisch-christlichen Gemeindesystems zugeschrieben werden; vielmehr ist er gleich dem Zugrundegehen der anderen Häupterherrschaften nichts anderes als das göttliche Vergeltungsgericht für das millionnenfach vergossene unschuldige Blut der Gläubigen. Nach einer zwanzigjährigen „schrecklichen, kaiserlosen Zeit“, dem „Interregnum“ (1254-1273), einer Gerichtszeit über die Feinde der unschuldig verfolgten Gläubigen, kam das Fürstenhaus der Habsburger zur Macht. Auch dieses Habsburgerreich stellte sich der lateinisch-christlichen Zwangslehre in den Dienst, und zwar so, daß das spanische Habsburgerreich unter Kaiser Karl V. und König Philipp II. (1519-1558-1598) zur Zeit der Reformation, - in Mitteleuropa leider noch im Einverständnis und mit dem ausdrücklichen Willen der beiden christlichen Bekenntnisse der Reformation nach den Reichstagsbeschlüssen des Reichstags zu Speyer (März/April Das Reich Gottes - 210 - 1529) -, die Ketzerverfolgungsgesetze streng erneuerte und in der Zeit bis zum Dreißigjährigen Kriege noch verschärfte. Das furchtbare Gericht des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) darf wiederum nicht davon abgeleitet werden, daß das Vorhandensein der Reformation den Anlaß zum Kriege gegeben hätte. Es sei denn, daß der Führung der lateinisch-christlichen Lehrauffassung bewußt war, daß der Lehrabfall von ihr nur ein teilweiser und die Zukehr zur Heiligen Schrift noch keine gänzliche war und die römische Lehrrichtung hoffen konnte, eine gewaltsame Wiedervereinigung der Abgefallenen zu erzwingen. Wie leicht vermag Gott, den Frieden zu erhalten oder im Krieg über die Feinde einen vollkommenen Sieg zu verleihen, wenn die Zukehr zu ihm und die Abkehr von irdischen Gewalten vollkommen geworden ist. Wir müssen den Dreißigjährigen Krieg wiederum als ein göttliches Strafgericht für das - diesmal von beiden, bzw. den drei herrschenden christlichen Bekenntnissen - abermals millionenfach vergossene Blut der Gläubigen anerkennen. Groß war besonders im 17. und 18. Jahrhundert Frankreichs Feindschaft gegen Gottes Wort, gegen die Hugenotten und gegen die protestantischen Seite 234 Länder (Niederlande und Deutschland), bis ihm das Gericht der französischen Revolution (1789) ein Ziel setzte, wobei das Königshaus, die ganze ehemals weltlich regierende Schicht des Landes und dazu ein Teil der geistlichen Herrschaft des Volkes unter dem Richtbeil des gottentfremdeten Pöbels die göttliche Vergeltung fanden. Napoleon Bonaparte war bald darauf die Geißel und Zuchtrute für das von Revolution noch verschont gebliebene, aber in der Verfolgung der Gläubigen noch immer recht unduldsame übrige Europa. Hatte doch der Westfälische Friede nur den beiden protestantischen Bekenntnissen Religionsfrieden und Duldung gebracht, nicht aber den Gläubigen überhaupt. Nur in England hatten die größeren Gemeinschaftsrichtungen bereits Duldung erlangt. Ein kleiner Fortschritt in der Behandlung der christlichen Gemeinde zum Guten machte sich in Österreich unter Kaiser Franz Joseph II. (1765-1790) bemerkbar. Er duldete die Protestanten und beseitigte die Leibeigenschaft der Bauern (1781). Dieser Staat war es mit, welcher Papst Clemens XIV. veranlaßte, den Jesuitenorden (1773) aufzuheben. So wenig gottesfürchtig der zu dieser Zeit sich wunderbar emporarbeitende König Friedrich der Große von Preußen erscheinen mag, göttlichen Segen und göttliche Errettung von übermächtigen Feinden im Siebenjährigen Krieg erlangte er doch, offenbar nur darum, daß er die Ausnahmegesetze gegen die Gläubigen (gegen die sogenannten „Ketzer“), wenn schon nicht aufhob, aber dessenungeachtet doch nicht erlaubte, sie anzuwenden. Es sollte jeder „nach seiner eigenen Fasson“ selig werden dürfen. Die deutschen Staaten wurden in der Folgezeit zu Bahnbrechern des Schutzes aller Gläubigen in Mitteleuropa und darüber hinaus. 1850 und 1869 wurde die Bevorzugung des staatschristlichen Bekenntnisses ganz beseitigt und uneingeschränkte Gewissensfreiheit eingeführt, nachdem bisher in den römischen Staatengebilden das Das Reich Gottes - 211 - staatschristliche Bekenntnis anderthalbtausend Jahre lang vorherrschend und maßgebend gewesen ist. Ohne Deutschland keine Reformation, ohne Reformation in der Hauptsache unter den Germanenvölkern keine Ausbreitung des Wortes Gottes und ohne Gottes Volk keine Rettung der Welt. Aus dem allem sehen wir, welche Stellung das vierte Weltreich in der Zeit der sieben Häupter zum Volk Gottes bzw. zur christlichen Gemeinde eingenommen hat. Bitter schwer hat die christliche Gemeinde und besonders die treuen Gläubigen den gottfeindlichen Einfluß durch viel Bedrückung, Unterdrückung und Verfolgung bis auf den Tod ertragen müssen. Buchstäblich erfüllte sich bis zum siebenten Haupt die Weissagung Daniels von dem vierten Tier als dem vierten Weltreich. Weil sich der Ton mit dem Eisen verbunden hat, war sein Einfluß trotz der Zukehr zum Wort Gottes doch gegen die lateinische, vom Eisenvolk ausgehende Gottesfeindschaft noch sehr gering. ________________ N22.09.08