Seite 1 von 10 Seiten des Reiseberichts vom 10.02.2013 Viola von Cramon Mitglied des Deutschen Bundestages Politischer Reisebericht Ukraine 27. – 30. Oktober 2012 Als Mitglied der Parlamentarischen Versammlung der OSZE nahm ich als KurzzeitWahlbeobachterin an den ukrainischen Parlamentswahlen am 28. Oktober teil. Hierbei war ich als die OSZE-Koordinatorin für die Region Donezk eingesetzt. Außerdem nutze ich diesen Aufenthalt zu einem vertiefenden Besuch im Oblast Donezk, insbesondere in der Industriestadt Mariupol im Anschluss an die Wahlbeobachtung. Im Stahlwerk Ijlitscha, Mariupol, Oblast Donezk Seite 2 von 10 Seiten des Reiseberichts vom 10.02.2013 Viola von Cramon Mitglied des Deutschen Bundestages Politische Einordnung des Besuchs Seit längerem sind die Verhandlungen zwischen der Ukraine und der Europäischen Union ins Stocken geraten und das, obwohl beide Seiten nicht müde werden zu betonen, wie wichtig die vertiefte Zusammenarbeit mit der jeweils anderen Seite ist. Mittlerweile wurde das Assoziierungsabkommen, vor allem auf Druck der polnischen Ratspräsidentschaft noch 2012 paraphiert, aber sowohl der Rat der Europäischen Union als auch das EU-Parlament wollen das Abkommen erst unterzeichnen, wenn auch tatsächliche Fortschritte im Bereich von Rechtsstaatlichkeit, Justizreform und Demokratieentwicklung sichtbar sind. Formal ist das unumstritten, denn die ukrainische Seite hat mit der Unterschrift unter dem Abkommen all diese Verpflichtungen bereits vertraglich akzeptiert, dennoch ist die Unzufriedenheit mit der Entwicklung im Land größer als je zuvor. In vielen Veranstaltungen werde ich gefragt, warum die EU denn wirklich ein Interesse an einer vertieften Zusammenarbeit mit der Ukraine haben könnte. Dafür gibt es einige kurze und plausible Erklärungen. Die Ukraine ist mit ihren rund 45 Millionen Einwohnern der zweitgrößte Nachfolgestaat der Sowjetunion und hat aufgrund ihrer Geschichte und Kultur nicht nur im westlichen Teil viel gemeinsam mit Mitteleuropa. Als direkte Nachbarn haben wir alle in der EU ein Interesse an einer stabilen, aber auch wirtschaftlich nicht dahin siechenden und politisch auseinander fallenden Ukraine. Wir sind verantwortlich für die Länder, die unmittelbar angrenzen und deshalb weitgehend auch durch unsere Nachbarschaftspolitik (Visa- und Wirtschaftspolitik) mit beeinflusst werden. Auch als vergleichsweise großer Wirtschaftsraum hat die Europäische Union ein Interesse daran, dass die Ukraine sich endlich modernisiert. Die stark von Kartellen und einigen Finanzoligopolen geprägte Wirtschaft kann nur über eine Öffnung, mehr fairen Wettbewerb und mehr Chancengleichheit für KMUs, aber auch mehr Rechtssicherheit für in- und ausländische Investoren erreichen und durch eine Stärkung der Institutionen wie unabhängige Gewerkschaften voran gebracht werden. Die soziale Ungleichheit steigt merklich an, die politische Ausrichtung wird zunehmend autoritärer. Solche Entwicklungen sind nicht nur für die Menschen in der Ukraine schwierig, sondern das Land kann so langfristig insgesamt nicht stabilisiert werden. Nach der sogenannten Orangenen Revolution wurden erste Ansätze hin zu einer unabhängigen Presse- und Medienlandschaft erreicht, die Richterinnen und Richter im Verfassungsgericht sowie im Obersten Gerichtshof wurden nicht mehr aufgrund ihrer Nähe zur Macht ernannt und auch an den Hochschulen wurden kritische Geister zugelassen. Seit der Machtübernahme durch den Präsidenten Janukowitsch im Februar 2010 sind viele dieser Prozesse wieder zurückgedreht worden, die Opposition sowie kritische Journalisten sehen sich einem starken Druck durch den inländischen Geheimdienst ausgesetzt und das oberste Verfassungsgericht ist quasi komplett entmachtet worden. Die Justiz handelt wie in alten Zeiten als Telefonjustiz auf Maßgabe von politischen Entscheidungsträgern. Für die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens verlangt die EU nun aber mindestens Reformen auf dem Gebiet der Justiz, mehr Transparenz und Fairness im Wettbewerb, mehr Teilhabe am Wohlstand sowie faire und freie Wahlen. Seite 3 von 10 Seiten des Reiseberichts vom 10.02.2013 Viola von Cramon Mitglied des Deutschen Bundestages Zusammenfassung der Gespräche Deshalb sollten diese Wahlen der Lackmustest sein, ob und in welcher Form die ukrainische Regierung in der Lage und willig ist, rechtsstaatliche Regeln für demokratische Wahlen anzuerkennen. Das Ergebnis war bereits in den Zwischenberichten der Langzeitwahlbeobachter von ODHIR/OSZE ernüchternd. Weder die Standards für die Pressefreiheit, noch für die Versammlungsfreiheit geschweige denn die Gleichbehandlung der Parteien und Kandidaten waren gewährleistet. Es zeigte sich, dass die Regierungspartei nicht nur bei der oberflächlichen Bewerbung in der Fläche die Nase vorne hatte, sondern auch ihre Kandidaten die einzigen waren, die ihren Wahlkampf unbehelligt überlebten. Uns wurde in vielen Einzel- und Gruppenbriefings von Parteienvertretern, aber auch verschiedenen NGOs mitgeteilt, mit welchen harten Bandagen insbesondere in den umgekämpften Direktwahlkreisen gearbeitet wurde. Bei meinem Besuch in Mariupol standen vor allem die Umweltprobleme der Stadt im Fokus: Die Situation verursacht durch die dort angesiedelte Schwerindustrie und andere Hinterlassenschaften aus der Sowjetzeit, aber auch die Frage nach Bürgerbeteiligung und Transparenz waren Fragen, die ausgiebig mit den Gesprächspartnern erörtert wurden. Austausche fanden weiterhin mit der griechischen Minderheit sowie mit lokalen NGOs und ukrainischen Wahlbeobachtern statt, die eine tiefgehende Analyse der Wahlen ermöglichten. Auch von ihnen wurden nachdrücklich auf die Fälschungen durch die regierende Partei der Regionen hingewiesen. Im Einzelnen traf ich nach den Wahlen neben den Mitarbeitern des deutschen Generalkonsulat in Donezk, die für die Reiseplanung maßgeblich verantwortlich waren, folgende Gesprächspartner: - verschiedene Vertreter des Stahlwerks Iljitscha - aus dem Management, aber auch der Produktion und von der Gewerkschaftsseite den griechischen Generalkonsul Dimitrios Papandreou VertreterInnen der griechischen Gemeinde AktivistInnen verschiedener Umweltgruppen den stellvertretenden Bürgermeister der Stadt Mariupol den Leiter des Umweltschutzreferats den Rektor der Universität Mariupol des Leiter des Lehrstuhls für Chemie der Universität die Leiterin des Laboratoriums für Umweltbeobachtung den Leiter der Staatsverwaltung für Natur- und Umweltschutz im Oblast Donezk den Vorsitzenden des Wählerkomitees der Ukraine die Direktorin und andere Vertreterinnen des NGO „Center Alliance“ Seite 4 von 10 Seiten des Reiseberichts vom 10.02.2013 Viola von Cramon Mitglied des Deutschen Bundestages Im Rahmen der Parlamentswahlen traf ich am Rande eines Briefings beim Deutschen Botschafter mit KollegInnen aus dem Bundestag und dem Europäischen Parlament zusammen. Weiterhin nahm ich Termine mit dem nun frei gelassenen früheren Umweltminister Sergeij Filliptschuk und seiner Ehefrau wahr. Für ihn hatte ich im Rahmen des Patenschaftsprogramm des Deutschen Bundestags während seiner fast 1,5 jährigen Untersuchungshaft und anschließenden Gefängnisstrafe die Patenschaft übernommen. Außerdem traf ich mich mit dem neuen stellvertretenden Außenminister für Europafragen Andrii V. Olefirov. Die vielen offiziellen Briefings durch die Langzeitwahlbeobachter von ODHIR, aber auch durch ukrainische und internationale NGO-Vertreter, Journalisten sowie Kandidaten und Parteienvertreter im Rahmen der OSZE-Wahlbeobachtung gaben ein klares und eindeutiges Bild über die Vorwahlsituation ab: Diese wurde charakterisiert durch einen durchgängig vorhandenden Mangel an Chancengleichheit. Es herrschte bei der Opposition und ihren Kandidaten weder beim Zugang zu Medien, noch bei den Aktivitäten im Wahlkampf oder bei den finanziellen Ressourcen Chancengleichheit. Auch wenn Mitglieder der ukrainischen Wahlkommission im Vorfeld der Wahlen davon gesprochen hatten, man werde keine Wahlfälschungen akzeptieren, so stand bereits früh fest, dass die Regeln von rechtstaatlichen und demokratischen Wahlen nicht eingehalten werden würden. Vielfach waren vor allem die Kandidaten aus den rund 82 von insgesamt 240 besonders umkämpften Direktwahlbezirken unter Beschuss. Teilweise mussten sie über Wochen massive Repressalien über sich ergehen lassen. Nicht nur sie allein wurden bedroht und vom Geheimdienst verfolgt, sondern auch ihre Familien und Freunden gerieten mit ins Kreuzfeuer der staatlichen Einschüchterungsmaschinerie. Einen Schutz seitens des Staates konnten sie nicht erwarten. Selbst der im Westen so populäre Kandidat Vitali Klitschko berichtete immer wieder von vollkommen ungleichen Voraussetzungen. In seinem Fall wurden Wahlkundgebungen nicht genehmigt oder unmittelbar neben seinem Auftritt kurzfristig eine Baustelle mit einem lauten Presslufthammer installiert – und das erstaunlicherweise nicht nur einmal, sondern das Muster wiederholte sich systematisch an vielen Stellen. Nicht nur beim abschließenden Gespräch mit dem Vorsitzenden des Wählerkomitees der Ukraine Sergeij Tkashenko ging es vor allem um die folgenden Punkte bezüglich der ukrainischen Parlamentswahlen: 1. Der Zugang zu den Medien ist nicht für alle Kandidaten gleichermaßen gewährleistet. Das Fernsehen spielt aber für die Bevölkerung die maßgebliche Rolle bei der Informationsbeschaffung (75% beziehen ihre Informationen aus dem Fernsehen, nur 30% haben Zugang zum Internet). Fernsehjournalisten sind allerdings unter politischer Kontrolle und erhalten häufig kurz vor einem Interview eine sms, dass das Interview mit einem Oppositionskandidaten abgesagt werden muss. Seite 5 von 10 Seiten des Reiseberichts vom 10.02.2013 Viola von Cramon Mitglied des Deutschen Bundestages 2. Weiterhin wurde ein Gesetz gegen Journalisten erlassen, das deren Arbeit erheblich behindert. Hier geht es um die sogenannte „üble Nachrede“, die jetzt mit einem Strafmaß bis zu 5 Jahren Gefängnis geahndet werden kann. 3. Die Mitglieder der lokalen und Distriktwahlkommissionen wurden per Losverfahren bestimmt. Interessanterweise fanden sich dort keine Vertreter der UDAR oder Swoboda-Partei, sondern ausschließlich Vertreter von sogenannten technischen Parteien mit häufig nur einem Kandidaten. Diese wurden dann im späteren Verlauf der Wahlvorbereitung durch Mitglieder und Anhänger der Regierungspartei, also Partei der Regionen ausgetauscht, so dass sich vielfach in den Wahlkommissionen keine Oppositionsvertreter mehr fanden. 4. Für die Direktkandidaten in den besonders umkämpften Direktwahlbezirken war es besonders schwierig: Auf sie wurde systematischer Druck ausgeübt. 5. Stimmenkauf: Die weit über den Erwartungen liegende Wahlbeteiligung (um rund 1015% hochfrisiert) ist zu einem Großteil über den Stimmenkauf zu erklären. Wie auch bei früheren Wahlen zu Kutschmas Zeiten, sind häufig junge Menschen mit einem geringen Einkommen oder Studierende über Land gefahren worden, um sie mehrmals an der Abstimmung zu beteiligen. Teilweise wurden auch erst bei oder nach der Auszählung noch weitere Fälschungen durch die Wahlkommissionen vorgenommen. 6. Auch wenn Stimmenkauf offensichtlich war, wurde seitens der Wahlkommissionen keine Sanktionen verhängt. In persönlichen Gesprächen mit Wählerinnen und Wählern in der Ukraine sowohl im Mai als auch im späteren Vorfeld der Parlamentswahlen herrschte im Elektorat eine gewisse Apathie: Trotz der niedrigen Popularität des amtierenden Präsidenten und seiner Partei der Regionen schien man sich bereits mit einem Sieg (aufgrund der massiven zu erwartenden Manipulationen) abgefunden zu haben. Das ist ein erheblicher Rückschritt gegenüber allen anderen Wahlen zwischen 2005 – 2010. Als Ort für die Wahlbeobachtung und den anschließenden Besuch hatte ich sehr bewusst Mariupol ausgewählt, weil sich hier nicht nur um eines der größten Zentren der ukrainischen Schwerindustrie befindet und die Stadt aufgrund ihrer geographischen Lage (direkt am Asowschen Meer) kaum Ausweichmöglichkeiten für ihre innerstädtischen Betriebe besitzt, sondern der Donbass auch die politische Heimat des regierenden Präsidenten ist. Bereits am Wahltag wurde mir bewusst, dass diese Stadt zeitnah mit den produzierenden Betrieben einen ambitionierten Modernisierungsplan umsetzen muss, wenn sie nicht weiterhin in grobem Stile gegen jegliche Gesundheits- und Emissionsstandards verstoßen will. Dieses war und ist Grundlage für ein Projekt der deutsch-ukrainischen Zusammenarbeit „Masterplan Saubere Luft für Mariupol“, dessen erste Erfolge ich im weiteren Verlauf meines Besuchs kennen gelernt habe. Seite 6 von 10 Seiten des Reiseberichts vom 10.02.2013 Viola von Cramon Mitglied des Deutschen Bundestages Montag, 29. Oktober 2012 Betriebsbesichtigung bei Iljitscha und Gespräch mit dem Management Im Mittelpunkt des Besuchs stand somit auch die Umweltsituation in der Hafenstadt Mariupol. Die Menschen in der Stadt leiden aufgrund der dortigen Stahlwerke (jetzt beide in der Metallurgieholdung METINVEST, die zum Wirtschaftsimperium des Donezker Oligarchen Rinat Achmetov gehört) unter der mit Abstand höchsten Umweltbelastung in der gesamten Ukraine. Während das Stahlwerk „Illicha“ noch aus der Zarenzeit stammt, wurde das benachbarte Stahlwerk „Azovstahl“ in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts unter Sowjetregie errichtet. Beide Stahlwerke zusammen beschäftigen rund 80.000 Menschen und sind deshalb auch die wichtigsten Arbeitgeber in der rund 480.000 Einwohner zählenden Stadt. Losung: Habt Ihr Euch um die Sicherheit Eurer Mitarbeiter gekümmert ? Die Abgase aus den zum Großteil veralteten Hochöfen sowie den dazu gehörenden Koks- und Sinteranlagen tauchen die Stadt an über 200 (!) Tagen im Jahr in dichten Smognebel. Um mir einen möglichst umfassenden Eindruck zu verschaffen, nahm ich zunächst eine ausführliche Betriebsbesichtigung im Stahlwerk „Iljlitscha“ wahr und erfuhr dort vor Ort an den einzelnen Stellen der Produktion über die Geschichte, aktuelle Auftragslage und Seite 7 von 10 Seiten des Reiseberichts vom 10.02.2013 Viola von Cramon Mitglied des Deutschen Bundestages Entwicklungsperspektiven. Neben den Produktions- und betriebswirtschaftlichen Kennziffern ging es auch um Arbeitsschutz, Umweltschutz sowie die Frage nach der gewerkschaftlichen Arbeit im Betrieb. Einige Umweltprobleme wurden offen angesprochen, aber wirkliche Lösungen waren aufgrund des Preisdrucks auf dem Weltmarkt – so hieß es – kurzfristig nicht erkennbar. Ich appellierte an den verschiedenen Stellen, die notwendigen Investitionsmaßnahmen für Filter und ähnliches wirklich umgehend zu durchzuführen, um weiteren Schaden von der Bevölkerung abzuwenden. Es wurde allerdings betont, dass man sich solche Modernisierungsmaßnahmen zur Verringerung der Umweltbelastung nur mittel- bis langfristig leisten könne. Nach meiner Information sollten diese Art von Hochöfen ohne jegliche Filteranlagen, die dazu noch ihre Schlacke unmittelbar und ungefiltert ins Meer einleiten, längst geschlossen sein. Ein Aufschub der Investition erschien mir höchst zweifelhaft. Plänen des Managements zu Folge sollten die alten noch in Betrieb befindlichen SiemensMartin-Hochöfen nach und nach abgeschaltet und die Produktion komplett auf vergleichsweise neue Konverter-Hochöfen umgestellt werden. In diesem Zusammenhang sollte auch der Ressourcenverbrauch von Gas deutlich gesenkt werden. Schon jetzt benutze man teilweise die Abgase der Stahlproduktion zur Energiegewinnung und verringere dadurch den Schadstoffausstoß, hieß es. Seite 8 von 10 Seiten des Reiseberichts vom 10.02.2013 Viola von Cramon Mitglied des Deutschen Bundestages Zur Umsatzsituation wurde erläutert, dass sich die Preise für eine Tonne Stahl von 1000 USD (2008) auf nun rund 600 USD verringert hätten. Der Preisrückgang sei zudem auch mit einem drastischen Absatzrückgang verbunden, dieses wurde erkennbar an einer deutlich verkleinerten Lagerhaltung. Illicha ist neben einem höheren Lohnniveau und einer engagierten Gewerkschaftsarbeit (allerdings noch keine neuen, modernen und unabhängigen Arbeiternehmervertretungen, sondern die Nachfolger aus der Sowjetzeit, die eng mit der Geschäftsleitung kooperieren müssen) auch stolz auf seinen überdurchschnittlichen Arbeitsschutz. Das Lohnniveau liegt ebenfalls mit 400 Euro für einen durchschnittlichen Arbeitnehmer und 800 Euro für einen Facharbeiter über dem ukrainischen Durchschnitt. Beschäftigt sind dort nach wie vor rund 40.000 Mitarbeiter. Treffen mit den Aktivisten von „Daite Kislaroda!“ (Gebt uns Sauerstoff) und „Tschistij Bereg Priasowja“ (Sauberes Asov-Ufer) Beide Vertreter zeichneten erwartungsgemäß ein sehr kritisches Bild der Umweltpolitik von METINVEST. Die Probleme seien offensichtlich: Beide Stahlwerke lägen zu nah am Stadtzentrum, nur bei auflandigem Wind, an sehr wenigen Tagen sei Mariupol smogfrei. Die Luftqualität sei verheerend und verschlechtere sich insbesondere in den letzten Monaten immer weiter. Insbesondere Kinder litten darunter, die Häufigkeit von Atemwegserkrankungen und Krebs liege deutlich über dem ukrainischen Durchschnitt. Mittlerweile sei jedes vierte Kind von chronischen Erkrankungen betroffen. Die Umweltschutzvertreter bemängelten vor allem, dass Metinvest zwar von Umweltschutz rede, aber faktisch nichts dafür tue. Vielmehr habe man den Verdacht, dass Filteranlagen in der Vergangenheit sogar ausgebaut worden seien, um nochmals Produktionskosten zu sparen. Viele Anlagen, insbesondere bei Azovstahl seien veraltet und gehörten umgehend abgeschaltet. Zusätzlich zur Luftverschmutzung seien die Böden, das Asowsche Meer und die Flüsse Kalmius und Kaltschik beinahe irreversibel stark verschmutzt. Die Grenzwerte seien an vielen Punkten um das 1000 fache überschritten und dieses sei seit langem bekannt. Es gebe bei den Stahlfabriken keine Klärwerke. Das in großen Mengen anfallende Abwasser werde ungefiltert in die Flüsse beziehungsweise ins offene Meer geleitet. Stadt, Oblast und Metinvest blockierten bislang jeglichen Dialog. Obwohl die beiden Vertreter mehrere Anläufe unternommen hätten, sich an unterschiedliche Vertreter der genannten Institutionen zu wenden, hätten sie bisher noch nicht einmal eine Antwort erhalten. Man sei entsprechend rat- und hilflos und wisse nicht, wie es weitergehen solle. Die Bevölkerung fühle sich angesichts der absolut unsensiblen Haltung von Stadt und Unternehmen vollkommen ausgeliefert. Die Stimmung in der Stadt sei dementsprechend angespannt, darüber dürften auch die vergleichsweise ruhig verlaufenen Wahlen nicht hinwegtäuschen. Anmerkung: Unmittelbar nach meinem Besuch und meinem Gespräch mit den Umweltaktivisten (am 4.11.) schafften sie erstmals eine für Mariupol große Demonstration zu organisieren, an der sich rund 6.000 Menschen beteiligten. Dieses war die erste echte Seite 9 von 10 Seiten des Reiseberichts vom 10.02.2013 Viola von Cramon Mitglied des Deutschen Bundestages Demonstration im gesamten Donbass. Der Bürgermeister Mariupols reagierte zwar mit Verständnis und einer eilends einberufenen Pressekonferenz, wirkte aber insgesamt ebenso hilflos, mit welchen Maßnahmen die Stadt konkret gegen die exorbitante Umweltverschmutzung vorgehen wolle. Dennoch schien diese Kundgebung ein wichtiger Weckruf für die politisch Verantwortlichen gewesen zu sein. Gemeinsames Abendessen mit Vertretern der Universität, Stadt, Oblast, Laboratorien, Metinvest und anderer Projektteilnehmer Hierbei konfrontierte ich die ukrainischen Projektteilnehmer mit den Einschätzungen der Mariupoler Umweltaktivisten und meinen Beobachtungen rund um den Wahltag in Mariupol. Die Reaktionen waren erwartungsgemäß ebenso verhalten. Häufig wurden Argumente vorgetragen, die auf die mangelnde Wirtschaftlichkeit der Unternehmen abzielte. Kurzum man könne sich keinen Umweltschutz leisten. Weiterhin ging es auch um die ersten Erkenntnisse und Ergebnisse aus dem AA-Projekt „Saubere Luft für Mariupol“. Dieses Projekt kann wertvolle Arbeit leisten, sollte aber möglicherweise noch erweitert werden, um die ukrainischen Akteure noch umfassender zu beraten. Bislang arbeitet die ukrainische Expertengruppe mit dem Dekan der Fakultät Umweltwissenschaften und Verfahrenstechnik an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus Prof. Dr. Michael Schmidt zusammen. Die ersten (vorläufigen) Ergebnisse unterstreichen die katastrophale Luftverschmutzung in Mariupol und zeigen massive Überschreitungen europäischer, aber auch ukrainischer Grenzwerte. Es wurde vereinbart, die Zusammenarbeit bei der Analytik, aber auch bei der Erarbeitung von Lösungsvorschlägen zu intensivieren. Ebenso sollten Projekte auf EU-Ebene eruiert werden. Aus meiner Sicht ist es notwendig, aus Europa den Blickpunkt stärker auf die Umweltproblematik der Stadt zu lenken. Dienstag, 30. Oktober 2012 Zuerst standen der Besuch im Museum der griechischen Minderheit sowie anschließend ein Treffen mit dem griechischen Generalkonsul in Mariupol an. Die Griechen aus der Region Mariupol wanderten Ende des 18. Jahrhunderts aus dem damaligen Krim-Khanat in die Steppengebiete westlich des heutigen Mariupol. Sie erhielten wie viele Siedler zu dieser Zeit von Katharina der Großen Privilegien bezüglich des Landbesitzes und Militärdienst. Unter Stalin waren auch sie erheblichen Repressalien ausgesetzt. Ihre Zahl wird von der Minderheitenvertretung mit rund 100.000 angegeben, das griechische Generalkonsulat spricht jedoch von deutlich weniger Griechischstämmigen. Bedauerlicherweise werden die Angebote der griechischen Regierung für die Sprach- und Kulturförderung nur sehr selektiv genutzt. Das griechische Generalkonsulat, das auch Schengenvisen erteilt, plant deswegen seine Arbeit stärker auf Wirtschafts-, Demokratisierungs- und Umweltthemen auszuweiten. Aufgrund der starken Seite 10 von 10 Seiten des Reiseberichts vom 10.02.2013 Viola von Cramon Mitglied des Deutschen Bundestages Umweltbelastung in Mariupol – über die und die Lethargie in der Bevölkerung wir uns intensiv austauschten - strebt der GK in Kürze auch einen Umzug nach Donezk an. Besuch bei der NGO „Center Alliance“ in Donezk Die Direktorin, die ich bereits mehrere Male in Deutschland, aber auch in Donezk getroffen hatte, schilderte ihre aktuellen Projekte. Anlässlich der EURO2012 hatte sie ein mehrmonatiges Programm mit Hilfe des AA auflegen können, um auf die Gefahren des Menschenhandels hinzuweisen. In diesem Zusammenhang schulte sie Mitarbeiter und Multiplikatoren der Europameisterschaft, aber auch Polizisten in Donezk und Charkiw. Über die nachhaltigen Effekte des im Juli zu Ende gegangenen Fußballevents konnte sie mir allerdings auch nicht viel sagen. Sie bestätigte allerdings die Beobachtung, dass die gesetzlichen Vorgaben, die eigens für die EURO2012 von der ukrainischen Regierung erlassen wurden und eigens dem Beschleunigen der Baufortschritte galten, anschließend nicht aufgehoben wurden. Diese gesetzlichen Grundlagen für das staatliche Beschaffungswesen führen im Kern dazu, dass der Wettbewerb ausgeschaltet ist und es nur noch einen Anbieter geben darf, den der Staat bzw. der zuständige Vize-Premierminister selbst aussuchen darf. Diese Regelung öffnete vor - aber auch nun nach der EURO - der Korruption Tor und Tür. Ansonsten führt sie regelmäßig Programme mit US-Aid durch und ist vorwiegend im Sozialund Wirtschaftsbereich tätig. Sie übernimmt Anti-Rassismus-Programme auf der Krim für den Schutz von Minderheiten. Die NGO versteht sich als regierungskritisch, ohne parteipolitisch gebunden zu sein. Hervorzuheben ist vor allem ihre Fürsprecher-Tätigkeit für benachteiligte Gruppen, zu denen sie immer stärker auch die kleineren und mittleren Unternehmen zählt. Aus ihrer Sicht wird es für diese Gruppe der Wirtschaftsunternehmen immer schwieriger überhaupt zu überleben. Staatliche Beratungshilfe – weder aus der Ukraine noch aus anderen ausländischen Projekten – hätten sie nicht erwarten. Abschließend bleibt festzuhalten, dass nach Einschätzung aller Gesprächspartner im Osten der Ukraine noch stärker als im Westen die Notwendigkeit besteht, die Bevölkerung aktiv über die Inhalte des paraphierten Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Ukraine aufzuklären. Die bisherigen Maßnahmen seien vollkommen unzureichend, da häufig nicht mit den Menschen vor Ort zusammengearbeitet würde. Die EU müsse sich – wenn die Ukrainerinnen und Ukrainer den Wert des Abkommens für sich selbst erkennen sollten – stärker in die Fläche und auf die Menschen zubewegen. Viola von Cramon, MdB