Klimakalamität

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Klimakalamität – wird richtig reagiert?
EU reformiert Emissionshandel / Was daraus folgt, überdenkt ein Umweltökonom
Immerhin gibt es einen „Ersten Fortschrittsbericht zur Energiewende“, verfasst
vom Bundeswirtschaftsministerium. Er fordert, das europäische System des
Emíssionshandels müsse „rasch und nachhaltig reformiert werden“. Diese
Informationen waren gedruckt ausgelegt auf den Berliner Energietagen Ende April.
Jeder Interessierte kann lesen, worum es geht: Reduzierung des TreibhausgasAufkommens in Europa. Dazu verhilft der Emissionshandel schon seit geraumer
Zeit. Weil sowohl die Industrie als auch die Energiebranche für jede Tonne
Ausstoß von Kohlendioxyd Verschmutzungsrechte vorweisen müssen.
Im Mai gab es einige Entscheidungen. Künftig sollen dem Handel je nach
Konjunkturstand Verschmutzungsrechte entzogen oder eingefügt werden. Doch ist
deren Marktwert wegen des Überangebots von Zertifikaten schon seit Jahren so
gesunken, dass daraus keine Finanzierung von Stromspartechnik erwächst.
Begrenzung der Rechte und steigende Preise sollen aber zum Kapital für
klimaschonende neue Technik führen. Ob das nachhaltig ist, bezweifeln viele
Fachleute.
Schon vor und auf dem G-7-Gipfel sprach sich Bundeskanzlerin Angela Merkel
dafür aus, den deutschen Beitrag zum Klimaschutz international zu erhöhen. Er soll
von zwei auf vier Milliarden Euro steigen. Begleitet vom Merkel-Postulat: “Wir
müssen in diesem Jahrhundert die Dekarbonisierung schaffen, also den
vollständigen Umstieg auf kohlenstofffreies Wirtschaften“. Das ginge - „mit
vereinten Kräften“, meint die Kanzlerin. Und sie setzt sich ein für die Entwicklung
des Handels mit Emissionsrechten im globalen Maßstab, so wie ihn die EU mit
mehr oder weniger Erfolg bereits praktiziert. Global, das würde bedeuten, dass in
allen Ländern, die sich dazu bereiterklären, die Energiebranche und die Industrie
verpflichtet wäre, jede Tonne Ausstoß von Kohlendioxyd mit
Verschmutzungsrechten zu belegen. Wohlgemerkt, in jedem Land. Ist das
realistisch?
Über Probleme in diesem Zusammenhang, vor allem über Ungleichheit und
Verschiedenartigkeit der Beteiligten denkt Prof. Dr. Joachim Weimann nach, ein
ausgewiesener Umweltökonom der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.
„Zu Gast bei Ingo Thale“ im Inforadio von RBB erinnert er daran, dass es
Emissionshandel mittlerweile in 17 Regionen dieser Erde gibt. Nun setze die
Politik auf „Hoffnung, dass man sie zusammenbauen kann“, sagt Weimann. „Aber
das „wird nur gehen, wenn wir diese Länder – flapsig formuliert – bestechen. Wir
müssen ihnen den Beitritt in ein solches Emissionshandelssystem schmackhaft
machen.“
Weimann argumentiert weiter: Schwellenländer und Entwicklungsländer könnten
mit gutem Recht sagen: „Warum sollen wir CO2 einsparen? Ihr Industrieländer
schaut euch doch mal an, wie hoch eure Pro-Kopf-Emission ist und wie lange ihr
das schon getrieben habt. Das heißt, sie haben überhaupt keinen moralischen
Anlass, ihrerseits Opfer zu bringen für den Klimaschutz. Wenn wir das trotzdem
von ihnen verlangen, werden wir es kompensieren müssen.“
Moderator Kahle fragt nach Afrika. Dieser Kontinent habe jetzt eine Milliarde
Menschen. Forscher sagen, dass es bis zum Ende des Jahrhunderts vier Milliarden
werden könnten, „die wollen natürlich Wohlstand“. Kahle fragt weiter: „Und wie
kriegen sie den Wohlstand? Natürlich durch den Verbrauch von Energie. Meinen
Sie denn, dass wir das denen so bezahlen können, dass das Zwei-Grad-Ziel
womöglich doch noch erreicht werden kann?
„Die Frage ist ja, wie in diesen Ländern die großen dort benötigten Energiemengen
bereitgestellt werden“, antwortet Professor Weimann. „In effizienter Form, also mit
möglichst geringem CO2-Emissionen und kosteneffizient oder mit veralteten
technischen Anlagen. Teilweise haben wir in vielen Entwicklungsländern offene
Herd-Befeuerung mit Energieverbrauch in unvorstellbarem Ausmaß.“
Kahle wirft ein: Aber Kohle ist genug da. Warum soll man die nicht verfeuern?
Sicherlich, wiederum Weimann. „Aber die Frage ist: Wie? Macht man das mit
einem hoch effizienten Gaskraftwerk, das einen Wirkungsgrad von 65 Prozent hat,
oder mit archaischer Technik, die 20 Prozent Energieeffizienz hergibt. Das ist ein
Riesenunterschied“. Hier könnten Investitionen aus Europa vieles bewirken.
Abschließend will Gastgeber Ingo Kahle wissen, was dem einzelnen zu raten sei,
wenn er etwas für den Klimaschutz tun will.
„Natürlich hat jeder einzelne die Möglichkeit, durch sein Verhalten CO2
einzusparen, beispielsweise im Verkehr und im Hausbereich,“ denkt Prof.
Weimann. Es sei jedoch „ein völlig falscher Ansatz, diese Probleme zu
individualisieren... Wir brauchen kluge Politik, wenn wir dieses Problem lösen
wollen...Wir müssen dringend dahin kommen, dass wir informiertere Bürger haben,
die besser Bescheid wissen über die elementaren Zusammenhänge, die in diesem
Bereich existieren, auf die ökonomischen Zusammenhänge. Und die deswegen
nicht zulassen, dass symbolische Politik betrieben wird durch Errichtung von
Windkraftanlagen und Fotovoltaikanlagen, die letztendlich enorme
Ressourcenverschwendung bedeuten und die bewirken, dass wir eine
grottenschlechte Klimapolitik machen.
Also: Wir brauchen Bürger, die über diese Dinge möglichst sachlich nachdenken
und sich ein Stück weit von ihren Emotionen lösen. Die bereit sind in sachliche
Diskussionen einzutreten. Da kann jeder bei sich selbst anfangen. Wenn er das tut,
tut er wahrscheinlich mehr für den Klimaschutz, als wenn er ein Drei-Liter-Auto
kauft.“
*
Aufschlussreich für die Folgezeit des G7-Treffens dürfte auch ein Buch von
Joachim Weimann sein. Wir zitieren: „Wenn wir die globale Erwärmung
bekämpfen wollen, dann sind weltweit erhebliche Anstrengungen erforderlich. An
der Diskussion darüber, wie die Lasten, die mit dieser Anstrengung verbunden
sind, fair verteilt werden, kommen wir nicht vorbei. Für die Industrieländer wird
diese Diskussion nicht angenehm werden, denn sie sind in einer Position, in der
sich nur schwer begründen lässt, warum sie nicht die Hauptlast tragen sollen. Für
die wirtschaftlich großen und damit reichen Länder wird es in jedem Fall teuer,
darauf sollten wir uns einstellen.“
Erschienen im Metropolis-Verlag Marburg, Titel „Die Klimapolitik Katastrophe“
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