Wimmer_Sinn des Lebens

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Essay „Der Sinn des Lebens“ für „Emotion“ 2013
Sie haben sich noch nie Gedanken über den Sinn des Lebens gemacht? Herzlichen
Glückwunsch, möglicherweise sind Sie damit schon auf dem besten Weg. Weil die
Abwesenheit der quälenden Frage bedeuten könnte, dass die Antwort darauf schon in
ihnen wohnt. Oder frei nach Ludwig Wittgenstein: „Die Lösung des Problems merkt man
am Verschwinden des Problems.“ Wittgenstein war einer der späteren in der Geschichte
der Philosophie, der versucht hat, den Menschen das Grübeln abzunehmen.
Herauszufinden, warum wir, in die Welt geworfen, uns nicht, wie alle anderen
Lebewesen, damit begnügen, die Art zu erhalten, uns zu ernähren, zu vermehren, den
Nachwuchs groß zu ziehen und gegebenenfalls das Revier zu verteidigen. Sondern
hoffen, unser Dasein könnte eine Bedeutung haben. Und unglücklich werden, wenn uns
der Bezug dazu abhanden kommt. Als zoon logon echon, vernunftbegabtes Wesen, haben
die antiken Denker den Menschen definiert und sich als erste den Kopf darüber
zerbrochen, wie man aus dem Dilemma herauskommt, selbst das Rätsel und gleichzeitig
hoffentlich dessen Lösung zu sein. Die Geistesgeschichte hat seither einige Schleifen
gedreht bei der Suche nach Sinnstiftung, hat wechselweise das Ich oder die
Gemeinschaft, weltliche Leere oder spirituelles Streben in den Mittelpunkt der
Betrachtung gestellt und oft genug ratlos daneben gestanden, wie Ludwig Marcuse, der
schrieb: „Der Sinn des Lebens ist ein sinnvolles Wort; aber es lässt sich nichts Sinnvolles
aussagen.“ Noch Fragen?
Eine vielleicht: was geht mich das alles an? Hochtrabende Gedankengebäude,
tiefgründiger Existentialismus, kann ich nicht einfach mein Leben leben, so gut es eben
geht? Und dabei gar nicht wissen wollen, was sich hinter allem verbirgt? Klingt
oberflächlich gut, ist aber wenig praxisorientiert. Weil uns alle beizeiten die Zweifel an
anfallen, zumeist nicht in den besten Momenten, die wir erleben. Es muss kein
dramatischer Augenblick, keine unvorhergesehene Katastrophe sein, der man
gegenüber steht. Einfach nur einer dieser Tage. Seltsam fremde Kinder krakeelen durch
eine Wohnung, die noch nie so ausgesehen hat, wie man sich ein schönes Zuhause
einstmals erträumte. Die Kollegen kassieren mit lässiger Selbstverständlichkeit Lob für
ein erfolgreiches Projekt, welches man selbst maßgeblich vorangebracht hat. Der Mann
bringt Blumen in der falschen Farbe. Man verabscheut zartes Rosa und denkt: Das hat
doch alles keinen Sinn.
Man beginnt über das eigene Leben nachzudenken, wenn sich vieles falsch anfühlt,
obwohl alles ganz gut aussieht. Dabei hoffte man doch, begriffen zu haben, wie viel Glück
man hat und was einem Euphorie beschert: neue Schuhe, guter Sex, Entspannung im
Yoga, erfüllte Reiseträume, die entzückende Brut. Ein paar Ziele sind abgehakt, man lebt
in sicheren Bahnen, aber irgendwas fehlt. Etwas, das einem das Gefühl gibt, mit sich und
der Welt im Einklang zu sein, eine Aufgabe zu haben in einem größeren Zusammenhang
(den man aber auch noch nicht richtig verstanden hat). Das grundsätzliche
Missverständnis geht genau an diesem Punkt los. Denn Glückssuche und Sinnstiftung
sind nicht dasselbe, es fühlt sich zwar beides gut an, doch das Glück ist, wie man
manchmal ahnt, oder vielleicht auch schon schmerzhaft erfahren durfte, ein flüchtiger
Begleiter.
Ich kann mich gut erinnern, als ich, selbst im besten Familiengründungsalter, einem
befreundeten Paar, das ich länger nicht gesehen hatte, auf der Straße begegnete, die
weibliche Hälfte trug einen stolzen Babybauch. Auf meinen erstaunten Blick hin, sagte
sie lachend: „Das geht ganz einfach.“ Ich ahnte damals schon, dass es nicht immer so
einfach geht, hatte diverse erfolglose Arztbesuche hinter mir und dachte: „Ihr wisst gar
nicht, wie viel Glück ihr habt.“ Ich habe lange damit gehadert, dass das größte Glück, wie
man es so gerne nennt, mir versagt geblieben ist, zumal nicht wenige der beseelt
stillenden Damen in meinem Umfeld gleichzeitig fest der Überzeugung waren, endlich
ihre Bestimmung gefunden zu haben. Ihren Sinn im Leben. Ich will nicht in Abrede
stellen, dass ein Kind aufzuziehen eine große, das Leben prägende Erfahrung ist. Aber
jetzt, ein gutes Jahrzehnt später, habe ich nicht mehr das Gefühl vom Leben betrogen
worden zu sein. Genauso wenig wie meine Freundinnen mit Nachwuchs behaupten
würden, das große Los gezogen zu haben.
Der jüdische Psychiater und Neurologe Viktor Frankl hat das größte nur vorstellbare
Leid erfahren und daraus seine Lebensphilosophie destilliert. Er überlebte die
Gefangenschaft in den Konzentrationslagern der Nazis, seine Frau, seine Eltern und sein
Bruder wurden umgebracht. 1946 veröffentlichte er das Buch: „...trotzdem Ja zum
Leben sagen“, ein weltweiter Bestseller, der Titel der englischen Fassung spricht das
Kernthema noch deutlicher an: „Man’s Search for Meaning“. Frankl hat in den Lagern mit
vielen verzweifelten Lebensmüden gesprochen, er hat sie ermutigt, ihr Dasein weiterhin
als Herausforderung zu begreifen. Zu realisieren, wer oder was in der Zukunft auf sie
wartet, seien es Menschen oder Aufgaben. Frankl schreibt: "Die geistige Freiheit des
Menschen, die man ihm bis zum letzten Atemzug nicht nehmen kann, lässt ihn auch noch
bis zum letzten Atemzug Gelegenheit finden, sein Leben sinnvoll zu gestalten.“ „Sinn
kann nicht gegeben, sondern muss gefunden werden.“ Der Sinn des Lebens wird also
nicht in der Schicksalslotterie verteilt, wir haben es selber in der Hand, unserem Leben
Bedeutung zu verleihen.
Das klingt zunächst ganz schön schwergewichtig, könnte auch Beklemmungen auslösen,
ähnlich der Art, die sich bei mir einstellen, wenn ich über Projekte nachdenke, die eine
Menge Arbeit und Organisation erfordern. Sowas wie: mein Bürozimmer von Grund auf
ausmisten und endlich Ordnung in Buchhaltung und Bücherregale bringen. Zu
monumental der Gedanke, da fange ich lieber gar nicht erst an.
Nach der gescheiterten Familiengründung habe ich nach ähnlich mächtigen, neuen
Aufgaben gesucht, sah mich Mutter-Teresa-artig als freiwillige Wohltäterin, wollte
Hausaufgabenhilfe geben und Patenschaften übernehmen. Und ich muss es leider
zugeben: Medaillenverdächtiges soziales Engagement steht immer noch auf meiner Todo-Liste. Ich übe mich derweil in flächendeckender Freundlichkeit für meine Umwelt,
bekoche meine Liebsten, bespaße meine Neffen und Nichten, versuche loyale Kollegin zu
sein oder fürsorgliche Tochter, liebende Ehefrau und zuverlässige Freundin, ganz nach
Viktor Frankls Maßgabe: "Die Aufgabe wechselt nicht nur von Mensch zu Mensch –
entsprechend der Einzigartigkeit jeder Person – , sondern auch von Stunde zu Stunde,
gemäß der Einmaligkeit jeder Situation.“ Ich vollbringe dabei keine Großtaten, aber
ernte Lächeln und warme Gefühle, die tiefer gehen, als jedes Lob für eine gute Leistung
oder das Wellness-Wochenende, mit dem man sich selbst belohnt. Der neuere Stand der
Forschung sieht das übrigens genauso.
Glück sucht man für sich allein, Sinn findet man mit den anderen, das ist die Quintessenz
dessen, was Psychologen und Soziologen bei der großflächigen Betrachtung moderner
Gesellschaften beobachten. Nichts von dem, was in den letzten Jahrzehnten als
erstrebenswert erachtet wurde, die sichere Existenz, die erfolgreiche Karriere, Haus und
Hof, hübsche Kinder und das selbstoptimierte Ich dazu, kann die letzte Leerstelle füllen.
Die Mehrheit der Amerikaner bezeichnet sich in Umfragen als glücklich und relativ
sorgenfrei, aber fast die Hälfte empfindet ihr Leben als bedeutungsarm. Der Anteil derer,
die sich in Deutschland als zufrieden bezeichnen ist keinen Deut höher als in der
beschwerlichen Nachkriegszeit. Und die Zahl der Depressiven steigt. Der
Wissenschaftsjournalist Stefan Klein hat sich vor zehn Jahren als Buchautor mit „Die
Glücksformel“ sehr erfolgreich einen Namen gemacht, seine jüngste Veröffentlichung ist
dessen zeitgemäße Fortsetzung. Es heißt: „Der Sinn des Gebens“, fordert die
Rehabilitierung des Gutmenschen und die Gesundung der Gesellschaft durch Altruismus.
Tilo Welsche, Professor für Philosophie, kommt bei der Frage nach dem Glück, gestellt
von der Wochenzeitung Die Zeit, auch auf den tieferen Sinn: „Sinn ist die
Erfahrung,...etwas zu tun, das nicht bloß für mich wichtig ist, sondern um eines anderen
willen gut ist, dessen Bedürftigkeit gleich viel zählt.“
Zu guter Letzt sind die glaubhaftesten Fürsprecher dieser Theorie vor allem jene, die
uns bei der Betrachtung des Lebens eine gute Zeit voraus sind. Menschen auf dem
Sterbebett. Das amerikanische Magazin Life hat in dem Buch „The Meaning of Life“
unterschiedlichste Menschen dazu zu Wort kommen lassen. Unter anderem Leah de
Roulet, eine Sozialarbeiterin, die tödlich erkrankte Krebspatienten betreut: „Am Ende
reduziert sich das Leben auf eine einzige Frage: Habe ich genug geliebt?“
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