2004-1-3-70-Themenschwerpunkt Skelett.qxd

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Genetik der Skelettdysplasien
FGFR3Spektrum
Bernhard Zabel
Universitäts Kinderklinik Mainz
Zusammenfassung
Das Spektrum der durch Mutationen
des Fibroblastenwachstumsfaktorre
zeptor3 (FGFR3)Gens verursachten
Skelettdysplasien umfasst inzwischen
8 verschiedene Krankheitsbilder.
Durch Analyse der Funktion des
FGFR3 bei Skelettentwicklung und
Wachstum wird versucht, die Patho
physiologie der durch FGFR3Muta
tionen bedingten Störungen zu ver
stehen und diese Erkenntnisse in eine
GenotypPhänotypKorrelation einzu
bringen. Damit werden auch erste
Grundlagen für neue Therapieansätze
der Achondroplasie geschaffen.
FGFR3Spectrum
Abstract
The spectrum of skeletal dysplasias
caused by mutations of the fibroblast
growth factor receptor 3 (FGFR3)
gene now comprises eight different
conditions. The analysis of FGFR3
function during skeletal development
and growth should provide insights to
understand the pathophysiology of
defects due to FGFR3 mutations to
complement data on genotypepheno
type correlations. These studies will
set the stage to develop new thera
peutic strategies to treat achondro
plasia.
Schlüsselwörter
FGFR3, Skelettdysplasie,
Wachstumsfuge, Signalkaskade,
Achondroplasie Therapieansatz
Keywords
FGFR3, skeletal dysplasia,
growth plate, signaling pathway,
achondroplasia therapeutic
approach
Einleitung
In der großen heterogenen Gruppe
der Osteochondrodysplasien gibt es
eine umschriebene Anzahl von Ske
letterkrankungen, die durch Defekte
des Fibroblastenwachstumsfaktor
Rezeptor 3 (FGFR3) Gens bedingt
sind.
Dass die Krankheitsbilder Achondro
plasie, Hypochondroplasie und Tha
natophore Dysplasie eine gemeinsa
me genetische Grundlage haben, war
schon lange vor den Erfolgen der Mo
lekulargenetik vermutet worden, als
Spranger (Spranger, 1985) diese Ske
lettdysplasien aufgrund von klini
schen und röntgenologischen Befun
den als sog. Achondroplasie Familie
zusammenfasste. Namensgeber war
die Achondroplasie, die mit einer Fre
quenz von ca. 1:16.000 häufigste
Form der genetisch bedingten Ske
lettentwicklungsstörungen. Inzwi
schen ist diese Einschätzung durch
die Forschung bestätigt und erweitert
worden. Bei der letzten Internationa
len Konferenz zum Thema Skelettdys
plasien (Hall, 2002) wurden 33 Krank
heitsgruppen abgegrenzt, wobei die
Achondroplasie Gruppe sechs Entitä
ten umfasste, zu der inzwischen noch
weitere Krankheitsbilder hinzugekom
men sind (Abb.1).
Die Erweiterung der Achondroplasie
bzw. FGFR3 Skelettdysplasie Familie
erfolgte über klinisch/röntgenologi
sche Ansatzpunkte aber auch durch
neue genetische, molekulargeneti
sche bzw. zellbiologische Erkennt
nisse. Die wesentlichen Informationen
dazu sind aktuell verfügbar über
medgen 16 (2004)
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Genetik der Skelettdysplasien
Abb 1 Schematische Darstellung des
FGFR3Moleküls mit Extra und Intra
zellulärbereich sowie Transmembran
bereich TM
Spezifische Domänen sind: die Immun
globulin ähnlichen Domänen Ig I, Ig II, Ig
III (Ig III mit den Spleißvarianten IIIb bzw.
IIIc), saure Domäne A sowie die zweige
teilte Tyrosinkinase Domäne TK1 bzw.
TK2.
Eingezeichnet ist die Lokalisation einer
Reihe der typischen FGFR3 Mutationen
von Skelettdysplasien des FGFR3 Spek
trums (s. Text).
OMIM (Online Mendelian Inheritance
in Man – National Center for Biotech
nology Information: http://www3.ncbi.
nlm.nih.gov/Omim/).
Spektrum der mit FGFR3
Mutationen assoziierten
Erkrankungen
Thanatopore Dysplasie
Achondroplasie
Hypochondroplasie
Das klinische Spektrum reicht von der
letalen Thanatophoren Dysplasie (TD)
über die Achondroplasie (ACH) als
schwere Erscheinungsform bis hin zur
Hypochondroplasie (HCH) als leichte
ste Erkrankungsvariante. Der Erbgang
ist in allen drei Fällen autosomal do
minant. Es gibt gemeinsame Haupt
symptome, die aber in TD, ACH bzw.
HCH unterschiedlich stark ausge
prägt sind. Im Vordergrund steht der
disproportionierte Kleinwuchs mit rhi
zomel verkürzten Extremitäten sowie
relativ langem Rumpf und lumbaler
Hyperlordose, außerdem der Makro
zephalus mit eingesunkener Nasen
wurzel bei allgemeiner Mittelgesichts
hypoplasie. Radiologisch imponieren
metaphysäre Veränderungen an den
verkürzten Röhrenknochen sowie ein
eingeengter Wirbelkanal. Die Extreme
dieses Spektrums sind zum einen bei
der TD ein schon vor Geburt ausge
prägter schwerer, disproportionierter
Kleinwuchs mit Makrozephalus, (evtl.
Kleeblattschädel) und sehr schmalem
Thorax mit stark verkürzten Rippen,
der die respiratorische Insuffizienz
bedingt, an der die Kinder meist un
mittelbar nach der Geburt versterben.
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medgen 16 (2004)
Zum anderen ist es die HCH, die bei
der Diagnose häufig Schwierigkeiten
bereitet, da beim Minderwuchs mit ei
ner Erwachsenengröße von ca. 145
cm eine Disproportion im Bereich der
Extremitäten und eine verstärkte Len
denlordose sowie charakteristische
radiologische Zeichen kaum in Er
scheinung treten müssen und auch
Kopfform und Facies in den meisten
Fällen völlig unauffällig sind (Hilbert et
al., 1998).
Nachdem die Achondroplasie auf
Chromosom 4p kartiert worden war,
galt das in der terminalen Region des
kurzen Arms von Chromosom 4
(4p16.3) liegende Fibroblastenwachs
tumsfaktorrezeptor 3 (FGFR3) Gen
als mögliches ACH Kandidatengen.
1994 wurde dann erstmals eine
FGFR3 Mutation als Ursache der Er
krankung identifiziert (Shiang et al.,
1994). In der Folge zeigte sich, dass
praktisch allen ACH Fällen eine ganz
spezifische FGFR3 Mutation in der
Transmembrandomäne
zugrunde
liegt. Sie betrifft das Nukleotid an Po
sition 1138, wodurch eine Aminosäu
rekonversion Gly380Arg resultiert
(außerdem gibt es nur noch zwei
ACH Einzelfallbeschreibungen mit ei
nem Gly→Arg Aminosäureaustausch
in unmittelbarer Nachbarschaft an
Position 375). Wenn bei familiären
Fällen beide Eltern von ACH betroffen
sind und beim zu erwartenden Kind
die ACH Mutation homozygot vor
liegt, resultiert ein TD Phänotyp. In
den folgenden Jahren wurden auch
bei der Thanatophoren Dysplasie mit
den Unterformen Typ I bzw. Typ II
(TD1, TD2) sowie bei der Hypochon
droplasie umschriebene FGFR3 Mu
tationen gefunden (Abb.1). Da die TD
Fälle röntgenologisch so eindeutig
sind (auch die Abgrenzung zwischen
Typ I und Typ II aufgrund vorhandener
oder fehlender „Telefonhörerform“ der
Femora), ist der Nachweis einer der
TD typischen FGFR3 Mutationen in
zwischen in nahezu 100% der Fälle
möglich. Dagegen liegt die Treffer
quote bei Patienten mit HCH immer
noch unter 70% der untersuchten
Fälle. Dies ist teilweise durch eine
fehlerhafte Diagnosestellung zu erklä
ren, da HCH aufgrund der Variabilität
des klinischen Bildes, das vom ACH
Phänotyp bis hin zum Minderwuchs
mit uncharakteristischen Röntgenbe
funden reicht, oft differentialdiagno
stische Schwierigkeiten bereitet. Ein
weiterer Grund ist sicher auch, dass
sich die aufwändige FGFR3 Diagno
stik in der Regel auf die 3 HCH Muta
tions hot spots (N540K/T/S und
I538V, K650N/Q bzw. N328I) be
schränkt. Zu berücksichtigen ist je
doch darüber hinaus eine genetische
Heterogenität, da gezeigt werden
konnte, dass es familiäre Fälle mit ty
pischer HCH Symptomatik gibt, die
keine Kopplung zum FGFR3 Genlo
kus aufweisen.
Auch bei klinisch/röntgenologisch
eindeutig erscheinenden ACH Befun
den bleibt es wichtig, diese Diagno
sen durch FGFR3 Analyse zu bestäti
gen. Es können dabei unerwartete
Befunde auftreten, wie z.B. die Iden
tifizierung von TD Mutationen bei
ACH ähnlichem Phänotyp, was bisher
nur teilweise durch den Nachweis ei
nes Mosaikstatus für die Mutation er
Platyspondyle letale Skelett
dysplasie Typ San Diego
Eine Erweiterung der FGFR3 Dyspla
sien erfolgte durch Untersuchung der
Bezüge zu anderen Osteochondrody
splasie Gruppen. Die platyspondylen
letalen Skelettdysplasien (PLSD) sind
eine heterogene Gruppe zu der auch
die TD gerechnet wird. Weitere Vertre
ter, die als umschriebene Krankheits
bilder abgegrenzt wurden, sind PLSD
Typ San Diego, PLSD Typ Torrance
und PLSD Typ Luton. Die Überprü
fung dieser Erkrankungen auf FGFR3
Mutationen ergab, dass sich bei Fäl
len mit PLSD Typ San Diego (PLSD
SD) TD1 typische FGFR3 Mutationen
nachweisen lassen, wohingegen die
Analyse der anderen PLSD Varianten
negativ verlief. Eine Erklärung der
PLSD SD spezifischen radiologischen
und vor allem histologischen Verän
derungen (Nachweis von Einschluss
körperchen im Bereich des erweiter
ten rauen endoplasmatischen Retiku
lums) steht noch aus.
SADDANDysplasie
Das klinische FGFR3 Spektrum wur
de weiter ergänzt (Überblick z.B. Vajo
et al., 2000), indem man Fälle identi
fizierte, die vom Schweregrad zwi
schen den TD Formen und der ACH
lagen. Dies kommt auch im Namen
für dieses Krankheitsbild zum Aus
druck: SADDAN für Severe Achon
droplasia with Developmental Delay
and Acanthosis Nigricans. Die zu
grunde liegende FGFR3 missense
Mutation betrifft Aminosäureposition
650, wobei je nach Substitution TD1
bzw. TD2, SADDAN oder HCH resul
tieren kann. Um dies zu erklären wird
spekuliert, dass es je nach Qualität
des Aminosäure Austausches an Po
sition Lys650 zu gravierenden Unter
schieden hinsichtlich der FGFR3 Ty
rosinkinase Aktivität kommt, was
unterschiedlich schwere Skelettdys
plasien zur Folge haben kann.
Nichtsyndromatische koronare
Kraniosynostose/Muenke
Syndrom, CrouzonSyndrom mit
Acanthosis Nigricans
Parallel zur Analyse von FGFR3 Kan
didatenerkrankungen verlief die Su
che nach Syndromen, die durch
FGFR1 bzw. FGFR2 Mutationen be
dingt sein können. Die Liste umfasst
inzwischen Pfeiffer , Apert , Crouzon ,
Jackson Weiss und Beare Steven
son cutis gyrata Syndrom, alles
Krankheitsbilder, die als syndromati
sche Kraniosynostoseformen zu
sammengefasst werden können. Im
Zuge der FGFR Analytik wurden
schließlich auch Patienten identifi
ziert, deren Kraniosynostose Symp
tomatik auf FGFR3 Mutationen zu
rückzuführen war. Konkret betrifft dies
einerseits familiäre oder sporadische
Fälle mit sog. nichtsyndromatischer
koronarer Kraniosynostose (CCS) mit
der Mutation Pro250Arg, die auch als
Muenke Syndrom bezeichnet werden,
sowie andererseits Fälle mit Crouzon
Syndrom und Acanthosis Nigricans
(CAN) mit dem Befund Ala391Glu. Für
den Pro250Arg Aminosäureaustausch
ist bemerkenswert, dass wenn er
FGFR3 betrifft, die Konsequenz das
Muenke Syndrom ist, wenn diese
missense Mutation aber im FGFR1
bzw. im FGFR2 Gen vorliegt, jeweils
das Pfeiffer bzw. das Apert Syndrom
resultieren.
Es ist zu konstatieren, dass das an
fangs so umschriebene klinische Bild
der FGFR3 Pro250Arg Mutation inzwi
schen Überlappungen zu definierten
Kraniosynostose Syndromen zeigen
kann, die z.B. auch den normaler
weise durch TWIST Genmutationen
bedingten Saethre Chotzen Syndrom
Phänotyp einschließen können. Kli
nisch kann das Krankheitsbild darü
ber hinaus Symptome wie Brachy
daktylie, Hautveränderungen, Innen
ohrschwerhörigkeit und psychomoto
rische Retardierung umfassen. Zur Er
klärung der beobachteten inter und
intrafamiliären Variabilität werden u.a.
modifier Gene bzw. auch ge
schlechtsspezifische Faktoren verant
wortlich gemacht.
Die FGFR3 Mutation der Fälle mit
Crouzon Syndrom und Hautverände
rungen entspricht nicht den typischen
FGFR2 Crouzon Mutationen, die ex
trazellulär im Bereich der Ig III Domä
ne lokalisiert sind. Die CAN Mutation
(Ala391Glu) liegt in der FGFR3 Trans
membran Domäne in unmittelbarer
Nähe zur klassischen ACH Mutation.
Die Patienten haben die typische Zei
chen des Crouzon Syndrom Phäno
typs aber höchstens nur subtile Merk
male der Achondroplasie Skelettdy
splasie Familie.
Genetik der Skelettdysplasien
klärbar war. Solche Ergebnisse sind
nicht nur von akademischen Interes
se, sondern werfen auch konkrete
Fragen zur genetischen Beratung auf,
insbesondere bei der Besprechung
von Pränatalbefunden.
Bei einer Reihe von genetischen Er
krankungen können Hautbefunde im
Sinne einer Acanthosis Nigricans
bzw. einer epidermalen Hyperplasie
auftreten. Dies betrifft sowohl einige
Störungen aus der Kraniosynostose
wie auch aus der Skelettdysplasie
Gruppe, die einerseits auf FGFR2
(Beare Stevenson Syndrom) oder an
derseits auf FGFR3 Mutationen (CAN,
CCS, SADDAN und TD) beruhen. Ins
besondere für die Acanthosis Nigri
cans wird vermutet, dass ihre Patho
genese mit gestörten Wachstumsfak
torrezeptor Tyrosinkinase Signalkas
kaden zusammenhängt.
Interessanterweise zeigen die Patien
ten der Kraniosynostosegruppe – im
Gegensatz zu den FGFR3 assoziier
ten Skelettdysplasien – ein ungestör
tes Längenwachstum. Somit führen
Mutationen im FGFR3 Gen nicht nur
zu ähnlichen Erkrankungen mit gra
duell unterschiedlichen Schweregra
den, wie dies bei den Mitgliedern der
“Achondroplasie Familie“ der Fall ist,
sondern sie können auch Ursache
phänotypisch sehr verschiedener
Krankheitsbilder sein. Erklärbar wird
dies vielleicht, wenn deutlich wird,
warum bestimmte Mutationen spezi
fische Auswirkungen besonders in
der Wachstumsfuge bei dem Vorgang
der enchondralen Ossifikation haben,
während andere zu Störungen vor
wiegend im Bereich der Schädelnäh
te führen.
CATSHLPhänotyp
Schließlich ist in dieser Übersicht
über FGFR3 Phänotyp Genotyp Kor
relationen als neuster Befund zum
FGFR3 Spektrum zu erwähnen, dass
kürzlich über eine Familie mit domi
nant vererbter FGFR3 Mutation be
richtet wurde, deren wesentliches kli
nisches Merkmal Hochwuchs ist. Als
medgen 16 (2004)
11
Genetik der Skelettdysplasien
Abb 2 Schematische Darstellung der Wachstums
fuge
(A) mit ihren verschiedenen Zonen sowie ein Über
blick über wesentliche Regelkreise, die an der
Steuerung der dort ablaufenden enchondralen
Ossifikation beteiligt sind (A: rechter Teil)
sowie
(B) Schema des epi/metaphysären Anteils eines
Röhrenknochens.
PTHrH/PTHrP R/IHH Regelkreis (blau): PTHrP
(parathyroid hormone related peptide), PTHrP R
(PTHrP Rezeptor), IHH (Indian hedgehog), PTC
(patched = IHH Rezeptor) SMO (smoothened =
assoziiertes Signalmolekül).
FGF FGFR Kaskade (schwarz, FGFR3: rot): Fibro
blastenwachstumsfaktoren FGFs/FGF18, FGF
Rezeptoren FGFR1, FGFR2, FGFR3.
BMP Kaskade (grün): BMPs (bone morphogenetic
proteins).
(C) Darstellung der verschiedenen Wachstums
fugenZonen im Normalzustand (N) und bei
Achondroplasie (ACH).
Vergleichende Übersicht über Histologie und
FGFR Wirkorte (nach Aviezer et al., 2003).
weitere Symptome werden Innenohr
schwerhörigkeit, Kamptodaktylie, Ge
lenküberstreckbarkeit, thorakolumba
le Skoliose, Mikrocephalie und Ent
wicklungsverzögerung angegeben.
Bei der Mutation handelt es sich um
eine missense Mutation (Arg621His)
in der katalytischen Schleife im Be
reich des Beginns der Tyrosinkinase
Domäne. Es wird vermutet, dass es
sich um eine loss of function Muta
tion handelt, die aber nicht einer
FGFR3 Haploinsuffizienz gleichzuset
zen ist. Begründet wird dies mit der
Tatsache, dass die Deletion eines
FGFR3 Allels
wie sie beim Wolf
Hirschhorn Syndrom mit größeren
4p16 Deletionen beobachtet werden
nicht zu vergleichbaren Skelettbe
funden führt. Man nimmt eher an,
dass von der R621H Mutation betrof
fene FGFR3 Moleküle eine reduzierte
Tyrosinkinase Aktivität zeigen. Diese
bisher nur als Kurzbericht veröffent
lichte Mitteilung (Toydemir et al.,
2003) nährt weitere Hoffnungen, die
man bereits aufgrund des Fgfr3
knockout Mausmodells hatte, nach
dem sich herausstelle, dass die Kö
pergröße dieser Tiere die der Normal
mäuse übertraf (Deng et al., 1996).
Die Erwartungen richten sich nun dar
auf, dass durch die genaue Aufklä
rung der normalen und der pathologi
schen FGFR3 Funktion die Grundlage
geschaffen werden kann, um die von
FGFR3 Mutationen betroffenen Er
krankungen direkt therapeutisch zu
beeinflussen.
Maligne Erkrankungen
Der Vollständigkeit halber sollte in
diesem Zusammenhang auch noch
12
medgen 16 (2004)
kurz auf onkologisch relevante
FGFR3 Defekte eingegangen werden.
Bei Multiplen Myelomen hat man
chromosomale Translokationen ge
funden, die die genomische FGFR3
Region betrafen und eine pathologi
sche Regulation des FGFR3 Gens zur
Folge hatten. Es sind außerdem so
matische FGFR3 Mutationen vor al
lem in Blasen Karzinomen aber auch
bei Dickdarm Krebs identifiziert wor
den, wobei es sich hauptsächlich um
TD , aber auch um SADDAN und
ACH Mutationen handelt. Zusam
menhänge mit den beschriebenen
FGFR3 bedingten Skeletterkrankun
gen konnte bisher nicht nachgewie
sen werden, wobei für die FGFR3
Skelettdysplasien auch kein erhöhtes
Tumorrisiko bekannt ist.
Molekulare Physiologie
Hauptwirkorte des FGFR3 sind Ske
lett und ZNS sowie epitheliale Struk
turen, wobei unterschiedliche Spleiß
formen (IIIc bzw. IIIb) und Liganden
(FGFs) involviert sind. Im Bereich des
Knorpel/Knochen Systems ist die
FGFR3 Rolle in der Wachstumsfuge
und bei der dort ablaufenden enchon
dralen Ossifikation von besonderem
Interesse. Diese epi /metaphysäre
Region ist es, in der fast ausschließ
lich das gesamte Längenwachstum
des Röhrenknochens erfolgt. Es han
delt sich um einen hoch organisierten
Gewebsbereich, der durch verschie
dene Zonen (Ruhezone, Prolifera
tionszone, prähypertrophe und hyper
trophe Zone) so strukturiert ist, dass
Chondrozyten eine Abfolge von Proli
ferations und Differenzierungstufen
durchlaufen. Dabei werden sie durch
eine Reihe von Faktoren beeinflusst,
bevor sie das Endstadium der Diffe
renzierung erreicht haben, Apoptose
durchlaufen und durch Knochen er
setzt werden. Eine genaue Regulation
der verschiedenen Schritte ist ent
scheidend für den Ablauf des Wachs
tums. Die Architektur der Wachs
tumsfuge sichert dabei, dass Prolife
ration und Reifung der Chondrozyten
gerichtet und kontrolliert verläuft. Ge
ringe Abweichungen bei Richtung und
Geschwindigkeit des Wachstums
können zu Disproportionen bestimm
ter Skelettanteile führen, wie sie für
viele Skelettdysplasien charakteri
stisch sind (Abb. 2).
Von wesentlicher Bedeutung für die
Wachstumsgeschwindigkeit ist die
Dauer, die ein Chondrozyt in der Pro
liferationszone verbringt bzw. die Ba
lance zwischen Proliferation und Dif
ferenzierung. Eine Reihe von Wachs
tumsfaktoren und ihre Rezeptoren so
wie Signalpeptide und Transkriptions
faktoren sind an diesen Prozessen
beteiligt. Hervorzuheben sind Genka
skaden, die über Fibroblastenwachs
tumsfaktoren (FGFs), und ihre Rezep
toren laufen, darüber hinaus spielen
sog. bone morphogenetic proteins
(BMPs) eine wesentliche Rolle sowie
der parathyroid hormone related pep
tide (PTHrP)/PTHrPRezeptor/Indian
hedgehog (IHH) Regelkreis (Ornitz
und Marie, 2002).
Bei Letzterem bilden das Parathor
mon verwandte Peptid PTHrP (das
von der periartikulären Region aus
abgegeben wird) und das Signalpep
tid IHH (exprimiert im Übergang von
Einschub oben links
(nach Webster und Donoghue, 1997):
Mutationsabhängige FGFR3 Aktivierung:
(a) normale Situation;
(b) sehr starke Aktivierung durch extrazelluläre
kovalente Disulfidbrückenbindungen bei
TD1 Fall bzw. bei
(d) = intrazelluläre Mutation im Bereich der
Tyrosinkinase Domäne bei TD2 Fall;
(c) geringere Aktivierung durch die weniger
stabile Mutations bedingte Wasserstoff
brückenbindung im Bereich der
Transmembran Domäne bei ACH.
Zellschema (Chondrozyt)
Genetik der Skelettdysplasien
Abb 3 Schematische Darstellung der Aus
wirkungen von FGFR3Mutationen auf zellu
lärer Ebene, Hauptelemente der FGFR3Sig
nalkaskaden sowie mögliche Achondropla
sieTherapieansatzpunkte (s. Text) (* =
FGFR3Mutation).
Membranbereich und intrazellulär links
(olivgrün)
FGF Rezeptor Abbau über sog. Cbl Proteine
(Ubiquitin Ligasen bzw. Adaptor Moleküle) und
Proteine (Ub), die die Ubiquitinilierung steuern.
Bei mutierten Rezeptoren erfolgt ein vermehr
tes Recycling (statt lysosomaler Abbau).
der prähyhpertrophen zur hypertrohen
Zone) einen geschlossenen Regel
kreis, der die Rate der Chondrozyten
Differenzierung steuert. Das System
funktioniert autoregulatorisch auf der
Grundlage einer IHH Hemmung über
die PTHrP Rezeptor Expression, der
in unmittelbarer Nähe zu den IHH
produzierenden Zellen aktiv ist. Die
Rückkopplung zur Induktion der
PTHrP Produktion läuft über den IHH
Rezeptor PTC und weitere Zwischen
stationen wie SMO im Perichondrium.
Das Endergebnis davon ist, dass im
mer nur ein bestimmtes Chondrozy
ten Kontingent den Schritt zur Diffe
renzierung in hypertrophe Zellen
durchläuft. Teilweise verknüpft mit
diesem Regelkreis sind die BMPs, die
die Chondrozyten Proliferation unter
stützen, aber verzögernd auf ihre Dif
ferenzierung und Reifung wirken.
Vor diesem Hintergrund ist die
FGFR3 Wirkung einzuordnen, die nor
malerweise für einen Gleichgewichts
zustand der in verschiedenen Zonen
der Wachstumsfuge lokalisierten pro
liferierenden und dann sich differen
zierenden Chondrozyten sorgt. Funk
tionell ist dies ein hemmender Ein
fluss, mit dem ein beschleunigtes
Aufbrauchen der Zellschichten verhin
dert wird. Fällt der Regelkreis da
durch weg, dass von den Chondrozy
ten kein FGFR3 exprimiert wird,
kommt es zu einem überschießenden
Wachstum. Dies zeigte sich an den
Fgfr3knockout Mäusen, bei denen
das Fgfr3 Gen ausgeschaltet wurde
und die größer als vergleichbare Wild
typ Tiere sind.
Der FGFR3 Effekt wird teilweise di
rekt an den Chondrozyten bewirkt,
wobei Fibroblasten Wachstumsfakto
ren (FGFs) – und dabei insbesondere
FGF18 – als Liganden eine wichtige
Steuerungsfunktion haben. FGF18
koordiniert außerdem z.B. über ande
re FGFRs die Osteogenese mit der
Chondrogenese (Liu et al., 2002). Die
FGFR3 Wirkung geschieht aber auch
teilweise indirekt über die Einwirkung
auf die gerade angesprochenen
IHH/PTHrP bzw. BMP Regelkreise
(Minina et al., 2002) (Abb. 2).
Molekulare Pathologie
Die FGFR gehören zu der Gruppe der
Tyrosinkinase Rezeptoren.
Diese
spielen – wie bereits angesprochen –
eine zentrale Rolle bei der Signal
transduktion für Zellwachstum und
differenzierung. Es sind bisher vier
verschiedene Gene (FGFR14) be
kannt, die für strukturell sehr ähnlich
aufgebaute Rezeptoren kodieren. Sie
bestehen aus einer hydrophoben Sig
nalpeptidsequenz, der sich drei gly
kosylierte, Immunglobulin ähnliche
Domänen anschließen. Es folgt die
Transmembrandomäne und wesent
lich für den intrazellulären Anteil ist
eine zweigeteilte Tyrosinkinasedomä
ne (Abb.1).
Die normalen Abläufe auf zellulärer
Ebene bestehen in der Bindung der
Liganden an die Immunglobulindomä
nen II und III des Rezeptors sowie an
Heparansulfat Proteoglycane. Die
Folge ist eine FGFR3 Dimerisierung,
was wiederum eine Autophosphory
lierung der intrazellulären Tyrosinkina
Intrazellulär Mitte links (hellblau)
Aktivierung des STAT (signal transducer and
activator of transcription) Signalwegs, der sich
über bestimmte Faktoren (u.a. p21) direkt inhi
bitorisch auf Zellzyklus und Zellwachstum aus
wirkt.
Intrazellulär Mitte rechts (gelb)
MAPK (mitogen activated protein kinase) Sig
nalweg, der ausgehend von Wachstumsfakto
ren u.a. über Ras und Raf bzw. MAPK Kinasen
(MKKs) und ERKs (extracellular signal regula
ted kinases) zu Zielgenen führt, die an der
Extrazellulärmatrix Produktion beteiligt sind.
Therapieansätze
(1) Verhinderung der Liganden bedingten Re
zeptoraktivierung z.B. durch Liganden Anta
gonisten oder neutralisierende Antikörper;
(2) die Verhinderung der Rezeptor Dimerisie
rung durch spezifische Antikörper;
(3) die Verhinderung der Rezeptor Phosphory
lierung bzw. der Rezeptor Aktivierung durch
Rezeptor Tyrosin Kinase Inhibitoren;
(4) Einwirkung auf die FGFR3 Signaltransduk
tion durch geeignete Inhibitoren oder durch
Modulation in Richtung alternativer path
ways.
(5) Einwirkung auf die FGFR3 Genexpression
auf der Ebene der DNA bzw. mRNA z.B.
durch RNAi Technologie.
(6) Blockierung des bei ACH aktivierten MAP
Kinase Signalwegs durch die Wirkung des
C Typ Natriuretischen Peptids (CNP) über
eine Guanylyl Cyclase (GC B) durch die Be
reitstellung von cyclischen GMP (cGMP) als
Botenstoff.
se (TK) Domäne induziert. Dadurch
werden die FGFR Signaltransduk
tionskaskaden aktiviert, die wiederum
die Aktivität von Transkriptionsfakto
ren beeinflussen. Eine wichtige durch
FGFR3 signalling aktivierte Signal
transduktionskaskade ist der STAT
(signal transducer and activator of
transcription) Signalweg, der über be
stimmte Faktoren (u.a. p21) direkt in
hibitorisch auf Zellzyklus und Zell
wachstum wirkt (Sahni et al., 1999).
Zum anderen wirkt der Liganden ge
medgen 16 (2004)
13
Genetik der Skelettdysplasien
bundene Rezeptor auf den MAPK
(mitogen activated protein kinase)
Signalweg, der ausgehend von Wachs
tumsfaktoren u.a. über Ras und Raf
bzw. verschiedene MAPK Kinase
(MKK) und MAPK Familienmitglieder
(z.B. ERKs, extracellular signalregu
lated kinases) zur Regulation von Ziel
genen führt, die an der Extrazellulär
matrix Produktion beteiligt sind. Über
die spezifischen Aktivierungsmuster
dieser Kaskaden in Chondrozyten ist
jedoch noch wenig bekannt (Stanton
et al., 2003) (Abb. 3).
Liegt ein durch eine FGFR3 Mutation
veränderter Rezeptor vor, so führen
die dadurch bedingten Konforma
tionsänderungen zur konstitutiven,
d.h. Liganden unabhängigen FGFR3
Aktivierung. Diese scheinen graduell
unterschiedlich zu sein und mit dem
resultierenden klinischen Bild zu kor
relieren (Webster und Donoghue,
1997). So kann es bei bestimmten
TD1 Mutationen (R248C) zum Amino
säureaustausch mit Einbau des
schwefelhaltigen Cystein im Extrazel
lulärbereich kommen, so dass zwi
schen zwei mutierten FGFR3 aberran
te Disulfidbrückenbindungen entste
hen, die zur konstitutiven Rezeptor
Dimerisierung führen [Abb. 3 (b)]. Da
gegen scheint die TD2 Mutation
(K650E) im Bereich der intrazellulär
gelegenen Tyrosinkinase Domäne in
einer direkten Aktivierung mit über
schießender TK Aktivität zu resultie
ren [Abb. 3 (d)]. Auch bei der ACH
Mutation im Transmembranbereich
(Gly380Arg) kann es in Abwesenheit
von Liganden zur Dimerisierung und
Autophosphorylierung kommen, was
eine konstitutive Rezeptoraktivierung
bedeutet. Basis dafür scheint eine
Wasserstoffbrückenbindung zwischen
der Arginin Seitenkette des mutierten
FGFR3 Moleküls und der gegenüber
liegenden Carboxylgruppe des Wild
typ Moleküls zu sein [Abb. 3 (c)]. Der
leichtere Phänotyp der ACH gegen
über der klinisch schwer betroffenen
TD erklärt sich vermutlich durch die
geringere Stabilität der Wasserstoff
brückenbindung im Vergleich zur ko
valenten Disulfidbindung bei TD, die
einen stärkeren Grad der FGFR3 Ak
tivierung induziert. Abhängig von die
ser Mutations spezifischen Aktivie
rung wird die Proliferation der Chon
14
medgen 16 (2004)
drozyten gehemmt und ihre terminale
Differenzierung gestört. Diese Regu
lationsprozesse laufen insbesondere
über die STAT Kaskade ab (s. Abb. 3).
Beim Menschen und im Mausmodell
der ACH bzw. der TD (Brodie und
Deng, 2003) ist dies auch durch eine
Verschmälerung der entsprechenden
Zonen in der Wachstumsfuge nach
weisbar. Dies führt dann letztendlich
zu einem reduzierten Längenwachs
tum als wesentliches Kennzeichen ei
ner Gruppe von FGFR3 Skelettdy
splasien. Neue Befunde von Maus
modellen haben die Bedeutung einer
zweiten Signalkaskade in den Vorder
grund des Interesses gerückt. Es han
delt sich dabei um den ERK1/2 MAP
Kinase Signalweg, der in Chondrozy
ten bei überschießender Aktivierung
durch mutierten FGFR3 auf noch we
nig verstandenem Weg die Bildung
der extrazellulären Matrix beeinträch
tigt. Dass dies entscheidend zum
ACH Phänotyp beiträgt, ergibt sich
aus den Untersuchungen, die zeigen,
dass eine Blockierung dieser Reak
tionskette vermittelt durch CNP (C
type natriuretic peptide) die Sympto
matik korrigieren kann (Yasoda et al.,
2004) (s. Abb. 3).
Signaltransduktion, die die bekannten
negativen Auswirkungen auf den Ge
samtorganismus hat, einen positiven
Selektionseffekt für mutationstragen
de Zellen in der Spermiogenese be
wirkt (Goriely et al., 2003).
Therapeutische Aspekte
Die Übersicht über die Zellbiologie
der ACH (Abb. 3) kann auch als Aus
gangspunkt für mögliche ACH Thera
pieansätze dienen. Die besondere Si
tuation besteht darin, dass eine spe
zifische Punktmutation, die ein be
stimmtes Zelloberflächenmolekül be
trifft, einen eindrucksvollen Phänotyp
bewirkt, der aber doch sehr gewebe
spezifisch auf das Skelettsystem be
schränkt ist. Damit konzentrieren sich
die Therapieansätze auf das FGFR3
Genprodukt und die davon ausgehen
den Signal und Wirkkaskaden.
Extrazellulärer Ansatzpunkte sind
(1) die Verhinderung der Liganden be
dingten Rezeptoraktivierung durch
Liganden bzw. Heparin basierte
Antagonisten oder neutralisieren
de Antikörper, bzw.
(2) die Verhinderung der Rezeptor Di
merisierung durch spezifische
Antikörper.
Schließlich konnte nachgewiesen
werden, dass der physiologische Ab
bau der FGF Rezeptoren über sog.
Cbl Proteine abläuft, die als Ubiqui
tin Ligasen bzw. multifunktionelle
Adaptor Moleküle den Prozess des
Rezeptor Recyclings bzw. dessen (ly
sosomalen) Abbau steuern. Mutierte
Rezeptoren werden vor der selektiven
Ubiquitinylierung bewahrt und ver
mehrt einem Recycling unterworfen,
was zu einer ausgeprägten FGFR3
Regenerierung in den Chondrozyten
führt. Auch dies kann wesentlich zu
einer Verstärkung der Wirkung von
FGFR3 Mutationen beitragen (Cho et
al., 2004) (Abb. 3).
Intrazelluläre Ansatzpunkte sind ins
besondere
(3) die Verhinderung der Rezeptor
Phosphorylierung bzw. der Rezep
tor Aktivierung durch Rezeptor Ty
rosin Kinase Inhibitoren,
(4) die Einwirkung auf die FGFR3 Sig
naltransduktion durch geeignete
Inhibitoren oder über die Modula
tion alternativer pathways oder
schließlich
(5) die direkte Einwirkung auf die
FGFR3 regulierte Genexpression
auf der Ebene der DNA bzw.
mRNA (z.B. durch RNA interferen
ce (RNAi) Technologie).
Die sporadischen FGFR Mutationen
haben auch noch in einem anderen
Zusammenhang Interesse hervorge
rufen. Es war bisher nicht schlüssig
erklärbar, warum diese spezifischen
Mutationen besonders väterlichen Ur
sprungs sind und warum sie mit fort
schreitendem Alter des Vaters zuneh
men. Neuste Daten lassen vermuten,
dass die verstärkte Aktivierung der
Erste Behandlungsversuche z.B. mit
TK Inhibitoren sind bereits mit Organ
kulturen von ACH Mäusen erfolgreich
durchgeführt worden (Aviezer et al.,
2003). Weiterhin wurden inzwischen
humane Antikörper gegen FGFR3 ge
neriert, die jetzt an ACH Tieren gete
stet werden sollen (Rauchenberger et
al., 2003). Sie würden auch dafür sor
gen, dass die bei ACH vermehrt ge
Die in den letzten Jahren propagier
ten, auf Wachstumshormongabe be
ruhenden, ACH Behandlungskonzep
te haben nicht überzeugt und auf
wändige Verlängerungs Operationen
erscheinen nur für eine umschriebene
Zahl von Patienten ein Alternativkon
zept. In dieser Situation scheint sich
jetzt die intensive Grundlagenfor
schung auszuzahlen und einen Aus
blick auf gezielte Behandlungsmög
lichkeiten der Achondroplasie zu ge
ben. Man sollte sich aber im Klaren
darüber sein, dass es wahrscheinlich
noch Jahre dauern wird, um ein effi
zientes, möglichst nebenwirkungs
freies Behandlungsverfahren zu eta
blieren, das hoffentlich nicht nur das
Längenwachstum verbessert, son
dern auch ACH Komplikationen wie
Spinalkanalengen verhindern hilft.
In der Zwischenzeit arbeiten wir mit
einem Gesundheitsvorsorge Konzept
für Kinder mit Achondroplasie, das
als
Gemeinschaftsinitiative
des
Bundesverbandes
Kleinwüchsige
Menschen und ihre Familien (BKMF)
(http://www.bkmf.de) und der Univer
sitäts Kinderkliniken
Magdeburg,
Mainz und München entwickelt wor
den ist. Diese Empfehlungen sind in
dem Band „Achondroplasie und Hy
pochondroplasie. Diagnostik und Be
treuung von Kindern mit spezifischen
Kleinwuchsformen“ zusammenge
fasst (Mohnike et al. 2001). Die Pa
tienten erfordern einen multidiszipli
nären Ansatz, da je nach Lebensalter
unterschiedliche Probleme und Kom
plikationen auftreten können. Diese
können u.a. durch Engen im Bereich
des craniocervicalen Übergangs und
des Spinalkanals gegeben sein, wo
durch die Betreuung durch Neuropä
diater, Neuroradiologen und Neuro
Genetik der Skelettdysplasien
nerierten und stabilisierten Rezepto
ren neutralisiert würden.
(6) Das neueste ACH Therapiekon
zept beruht auf der Wirkung des
C Typ Natriuretischen Peptids
(CNP) auf das Knochenwachstum.
Dem liegt die Blockierung des bei
ACH aktivierten MAPKinase Sig
nalwegs zugrunde, wobei CNP
dies über die Aktivierung einer
Guanylyl Cyclase (GC B) und die
resultierende Synthese von cGMP
bewirkt (Yasoda et al., 2004).
Deutsche
Gesellschaft
für Humangenetik
GfHJahrestagung
12.–15.6.2004
in München
Reduzierter
Teilnehmerbeitrag
für GfHMitglieder
bis zur Deadline 31.3.2004
GfHMitgliederTarif: 250 €
(Anmeldung über die www.eshg.org
unter Nennung der GfH Mitglieds
zugehörigkeit und dem reduzierten
Teilnehmertarif)
GfHStudentenTarif: 60 €
(Studenten melden sich unter
der Vorlage ihres Ausweise direkt
bei der GfH Geschäftsstelle per Fax an:
089 55027856)
Unterbringung
Eurokongress GmbH
Ms. Renate von Franckenstein
Isartorplatz 3
80331 München
Tel. +49 (0)89 210 986 0
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[email protected]
www.eurokongress.de
medgen 16 (2004)
15
Genetik der Skelettdysplasien
chirurgen erforderlich werden kann.
Die engen Verhältnisse im HNO Be
reich können die Grundlage für Mittel
ohr Hörstörungen sein und sekundär
dadurch Sprachentwicklungsverzöge
rungen bedingen, wobei die geistige
Entwicklung bei ACH generell in kei
ner Weise beeinträchtigt ist. An
sprechpartner wären u.a. HNO und
Klinik für Kommunikationsstörungen.
Die statomotorische Entwicklung wird
nur anfangs durch ACH typische Mu
skelhypotonie verzögert. In dieser
Phase hat die Physiotherapie einen
wichtigen, wissenschaftlich freilich
noch nicht einwandfrei belegten, Stel
lenwert bei der Betreuung der Betrof
fenen. Schließlich ist die orthopädi
sche Begleitung von der Kleinkindzeit
bis zum Erwachsenenalter u.a. wegen
möglicher Beinfehlstellungen (meist
O Beinstellung) und Wirbelsäulen
Haltungsschäden sowie in Hinblick
auf die Planung eines Eingriffs zur Ex
tremitäten Verlängerung bzw. Ach
senkorrektur von besonderer Bedeu
tung. Letztere Option auf mögliche 15
cm Längenzuwachs wird aber meist
erst nach dem 15. Lebensjahr und
dann auf ausdrücklichen Wunsch der
Betroffenen in Betracht gezogen. Auf
grund der vielen Fachdisziplinen, die
bei der Betreuung der Patienten und
ihrer Familien gefragt sind, bietet sich
eine schwerpunktmäßige, koordinier
te Organisationsstruktur an, wie sie
z.B. in Mainz mit dem von der Univer
sitäts Kinderklinik betreuten sog.
Kleinwuchszentrum besteht. Bundes
weit wird gleichzeitig eine Netzwerk
struktur im Rahmen einer BMBF Initi
ative zur Diagnostik, Betreuung und
Erforschung von Skelettdysplasien als
SKELNET Projekt etabliert. Ein ent
sprechendes Netzwerk auf europäi
scher Ebene, in das die Mainzer Kin
derklinik eingebunden ist, hat seine
Arbeit bereits aufgenommen (Europe
an Skeletal Dysplasia Network ESDN
http://www. esdn.org).
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Korrespondenzadresse
Prof. Dr. Bernhard Zabel
Univ. Kinderklinik Mainz
Langenbeckstr. 1
55101 Mainz
Tel. (06131) 17 6826
Fax (06131) 17 5528
[email protected] mainz.de
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