Volltext - RWTH Philosophie

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Reduktionismen und Antworten der Philosophie
Herausgegeben von
Wilfried Grießer
Königshausen & Neumann
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Gedruckt mit Unterstützung
des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung in Wien.
Wilfried Grießer (Wie
Reduktionismus - ,,Schz
Einleitende Worte des 1
Christian Kanzian (Un
Reduktion und Rekonst
Markus Seidl (Universi
Komplexität und schemi
Uberlegungen in naturze
Rodrigo A. dos S. Gou
A constraint on reductiv
of the special sciences
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Wolfgang Neuser (TU
Reduktionismus als Beg-
Dieter Wandschneider
Reduktionismus in der ¡
Patrizia Giampieri-Deui
Nicht-reduktive Zugänge
und der Philosophie des
Peter Heuer (Università
Inwiefern sind Lebewese
Würzburg 2012
Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier
Umschlag: skh-softics / coverart
Umschlagabbildung: Original Farbholzschnitt ,Reduktion", 15 x 21 cm, Sabine Krist, 2005
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Thomas Posch (Univers
Uber zwei Grundbeding
Thamar Rossi Leidi (Un
Die metaphysische Notw
Eine Art von Modalredt4
Dieter Wandschneider (Aachen)
in the philosophy of biology,
ley 1974
)fl, Bloomington 1973
lynamicum, hrsg. E. Rudolph
Reduktionismus in der Hirnforschung
- das ,Ego-Tunnel'-Verdikt
842/1845), hrsg. A. von Oet-
Zusammenfassung
the natural sciences, in: Sci, Madison 1949
art/Weimar 1995
pien der Physik, übers. Volkef., IV, Ges. II
blem und die Einheit der
der Naturwissenschaften,
r
989
orisches Wörterbuch der PhiBd. 8, 370-383.
4etzler Philosophie Lexikon,
Burkard, Stuttgart/Weimar
12,
Lzyklopädie Philosophie und
,
J.: Stuttgart/Weimar 1995/
Ein Reduktionismus-Exempel von paradigmatischem Rang bietet heute
zweifellos die Hirnforschung, wenn sie Gefühl, Bewusstsein, Selbst- und
Weltverständnis auf Hirnprozesse herunterdeutet, also rein naturalistisch
interpretiert. Thomas Metzingers ,Ego-Tunnel'-These ist ein eindrückliches Beispiel einer solchen reduktionistischen Anthropologie, in der
menschliches Welt- und Selbstverhältnis in die Immanenz neuronaler
Prozesse eingeschlossen werden. Damit einher geht die völlige Vernachlässigung systemischer Emergenz, die einen Zugang zum Verständnis
höherstufiger, insbesondere auch psychischer Phänomene eröffnet, wie
hier an elementaren Formen des Psychischen - Wahrnehmung und Empfindung - verdeutlicht wird. Prinzipielle Uberlegungen zur Emergenz von
Ideellem auf physischer Grundlage begründen das Bedürfnis einer nichtnaturalistischen Natur-Ontologie, wobei die Wahl hier auf eine objektividealistische Positition des Hegelschen Typs fällt, die begründungstheoretisch vor anderen Ansätzen ausgezeichnet ist.
Abstract
No doubt the brain research today provides an example of reductionism
of paradigmatic rank, down-interpreting feeling, consciousceness, selfand world-understanding to brain-processes in a purely naturalistic way.
Thomas Metzinger's 'ego-tunnel'-thesis affords an impressive example of
such a reductionistic anthropology in which human self- and worldrelationship are shut into the immanence of neuronal processes. Attended
by this is the complete disregard of systemic emergence that opens an access to the understanding of higher level phenomena, especially of the
psychic, revealed here in elementary forms of which - perception and feeling. Fundamental considerations concerning the emergence of ideal entities on a physical basis motivate the need of a non-naturalistic ontology of
nature. Here the choice is taken for an objective-idealistic position of the
Hegelian type, which is grounding-theoretically preferred compared to
other approaches.
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Schlüsseiwörter: Reduktionismus, Hirnforschung, Ego-Tunnel, Metzinger, neuronal, naturalistisch, Emergenz, psychisch, Wahrnehmung, Empfindung, objektiv-idealistisch, Hegel, Natur-Ontologie, Logik
Keywords: Reductionism, brain research, ego-tunnel, Metzinger, neuronal, naturalistic, emergence, psychic, perception, feeling, objectividealistic, Hegel, ontology of nature, logic
Einleitung
Selbstmodell im Ego-Tunnel
Anthropologischer Reduktionismus
Vernachlässigung des Emergenzaspekts
Zur Emergenz von Wahrnehmung und Empfindung
Emergenz von Ideellem
Objektiv-idealistische Naturontologie
Literatur
Mind and the Myth of th
benennt die zentrale These
gleich im ersten Satz formi
Selbst nicht gibt" und desh
sei (13)2. Der im Haupttite
schließung des Bewusstseim
sein, in solipsistischer Exist1
Wirklichkeit" (289).
Ich werde im Folgend
analysieren und kritisieren.
fassung skizzieren, die den
Blick nimmt und Psychischmen - im Rahmen einer
Hegelschen Typs - expliziert
2. Selbsi
1.
Einleitung
Ein Reduktionismus-Exempel von paradigmatischem Rang bietet heute
zweifellos die Hirnforschung, wenn sie Gefühl, Bewusstsein, Selbst- und
Weltverständnis auf Hirnprozesse herunterdeutet, also rein naturalistisch
versteht. Sicher, die Relevanz neuronaler Vorgänge für unsere gesamte
Existenz ist unübersehbar, aber physiko-chemisch gar nicht fassbar. Insofern scheint mir der Reduktionismus-Vorwurf, wenn irgendwo, dann
sicher mit besonderem Recht gegen die Hirnforschung erhoben werden
zu können.
Von Bedeutung ist dabei der besondere funktionale Stellenwert des
Gehirns für den Menschen. Das Herz, das früher als sein Zentrum galt,
hält ihn nur im Dasein. Das Gehirn hingegen steht für die inhaltliche
Modellierung menschlichen Selbst- und Weltverständnisses. Dies ist zweifellos der Grund dafür, dass sich die Hirnforschung heute für legitimiert
hält, über zentrale anthropologische Fragen - Bewusstsein, Seibstidentität, Willensfreiheit etc. - zu urteilen und traditionelle Antworten mit dem
Pathos moderner Wissenschaftlichkeit als obsolet abzutun - ich denke
etwa an die Publikationen von Wolf Singer und Gerhard Roth.'
Diese Einstellung soll hier näher ins Auge gefasst werden, und zwar
am Beispiel des 2009 in 7. Auflage erschienenen Buchs von Thomas Metzinger: Der Ego Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik'. Der Untertitel ,The Science of the
Anhand eines 1998 von Matt.
führten Experiments mit ei
seine Auffasung bezüglich d
verdeckt und wird gestreiche
Hand gestreichelt, die jedoch
band die sichtbare, aber ihm
eigene.
Die Illusion ist perfekt;
virtuelle Hand als die eigene
dass eine entsprechende Re1
Probanden aufgebaut und in
Körperbild, das er von sich
innere Bild der Person-als-G
oder ,Selbst', so wie es im
Inhalte seien ,,durch das zu
siert" (19) und damit eines
Standpunkt" einnimmt und S
iert (22).
Es gibt also eine Instanz
Sinn zukommt, und Metzin
Situation in der Tat immer i
2
Vgl. z.B. Roth 1997; 2009; Singer 2002; 2003.
70
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Nicht näher qualifizierte Seite
gelegte Monographie: Metzing
Vgl. hierzu auch Metzinger 191
;chung, Ego-Tunnel, Metzinchisch, Wahrnehmung, EmpOntologie, Logik
ego-tunnel, Metzinger, neuerception, feeling, objectiv-
Mind and the Myth of the Self' der amerikanischen Originalausgabe
benennt die zentrale These des Buchs deutlicher, nämlich Metzingers
gleich im ersten Satz formuliertes Verdikt, ,,dass es so etwas wie das'
Selbst nicht gibt" und deshalb der ,,Mythos des Selbst zu zertrümmern"
sei (13)2. Der im Haupttitel genannte ,,Ego-Tunnel" soll dann die Einschließung des Bewusstseins in die Virtualität jenes selbst-losen Gehirns
sein, in solipsistischer Existenz ,,ohne direkten Kontakt mit der äußeren
Wirklichkeit" (289).
Ich werde im Folgenden zunächst Metzingers Deutung darlegen,
analysieren und kritisieren. Anschließend werde ich eine alternative Auffassung skizzieren, die den Systemcharakter von Hirnprozessen in den
Blick nimmt und Psychisch-Geistiges als höherstufiges Emergenzphänoim Rahmen einer objektiv-idealistischen Naturontologie des
men
Hegelschen Typs expliziert.
-
pfindung
-
2. Selbstmodell im Ego-Tunnel
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uge gefasst werden, und zwar
enen Buchs von Thomas Metphie des Selbst: Von der Hirnntertitel The Science of the
-
-
Anhand eines 1998 von Matthew Botvinick und Jonathan Cohen durchgeführten Experiments mit einer künstlichen Hand erläutert Metzinger
seine Auffasung bezüglich des Selbst (17): Eine Hand des Probanden ist
verdeckt und wird gestreichelt. Synchron damit wird auch eine künstliche
Hand gestreichelt, die jedoch sichtbar ist. Nach einiger Zeit hält der Proband die sichtbare, aber ihm nicht zugehörige künstliche Hand für seine
eigene.
Die Illusion ist perfekt; selbst die gemessene Hirnaktivität weist die
virtuelle Hand als die eigene aus. Metzinger erklärt dieses Phänomen so,
dass eine entsprechende Repräsentation der Kunsthand im Gehirn des
Probanden aufgebaut und in sein phänomenales Selbstmodell" - also das
Körperbild, das er von sich selbst hat integriert wird (18)3. »Dieses
innere Bild der Person-als-Ganzer« sei ,das phänomenale Ego, das Ich'
oder ,Selbst', so wie es im bewussten Erleben erscheint" (22). Seine
Inhalte seien »durch das zusätzliche Gefühl der Meinigkeit charakterisiert« (19) und damit eines »Zentrums", eines Selbst, das einen ,,eigenen
Standpunkt" einnimmt und so eine ,,,Erste-Person-Perspektive" konstituiert (22).
Es gibt also eine Instanz, der ,Selbst'-Charakter in dem angegebenen
Sinn zukommt, und Metzinger nimmt zur Erläuterung der personalen
Situation in der Tat immer wieder Bezug darauf. Aber in welchem Sinn
-
2
Nicht näher qualifizierte Seitenangaben beziehen sich stets auf die hier zugrunde
gelegte Monographie: Metzinger 2009.
Vgl. hierzu auch Metzinger 1993, 3. Kap.
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übt er dann Kritik am Selbst-Konzept? Was sich hierzu im Text findet,
sind wiederholte Formulierungen, das Selbst dürfe nicht als ein ,,kleines
Männchen im Kopf" vorgestellt werden (22f.; ähnlich 13, 180, 290). Ist
das die emphatisch angekündigte ,Zertrümmerung' eines ,Mythos des
Selbst'? Gemeint ist offenbar, dass das Selbstzentrum der Person nicht
wiederum als Person in der Person gedeutet werden dürfe, und ich frage
mich, ob es jemals einen Philosophen gab, der eine solche - in einen
unendlichen Regress führende - Vorstellung für sinnvoll hielt. An anderer
Stelle formuliert Metzinger, es gebe in uns »kein substanzielles Selbst, das
unabhängig vom Körper existieren könnte" (291). Aber auch hier: Wer
wollte etwas Derartiges vernünftigerweise behaupten?
Zentral sind für Metzinger letztlich die Gehirnfunktionen. Das von
ihm eingeführte ,phänomenale Selbstmodell' sei ein ,,integriertes inneres
Bild von uns" (22) und als solches eben auch ein Konstrukt des Gehirns,
wobei aber die Transparenz des phänomenalen Selbstmodells wesentlich
sei. Damit ist gemeint, dass das Selbstmodell zwar unsere Erlebnisperspektive bestimmt, aber selbst niemals als Selbstmodell erlebt wird, weil
,,wir uns des Mediums, durch das uns Informationen erreichen, nicht
bewusst sind" (22). Metzingers ,,zentrale These« lautet also (22), dass das
Selbstmodell ,,in unserem Gehirn fast vollständig transparent« (23), dh.
wirksam, aber selbst nicht gegenständlich ist.
Mithin, so schließt Metzinger nun weiter, stehen wir »nicht in direktem Kontakt zur äußeren Wirklichkeit oder mit uns selbst", sondern
,,leben unser bewusstes Leben im Ego-Tunnel" (22, Hvh. D.W.). Und das
heißt, wir sehen ,,nur das, was unser Realitätstunnel uns zu sehen erlaubt"
(24), wobei wir freilich stets ,,das deutliche und stabile Erleben [haben],
nicht in einem Tunnel zu sein, sondern tatsächlich und unmittelbar in
Verbindung mit der äußeren Wirklichkeit zu stehen" (26). Doch dies sei
nur ,,eine altmodische Art von romantischer Folklore« (25).
Dass die Leugnung eines Realitätsbezugs freilich in einem prinzipiellen Sinn fehlgeht, wird in Metzingers Text selbst in paradoxer Weise deutlich: In wiederholten, ähnlich lautenden Formulierungen der Art: »Wir
können den Ego-Tunnel nicht verlassen, weil es niemanden gibt, der ihn
verlassen könnte" (289; z.B. auch 21, 73, 160) widerspricht sich der Autor
selbst. Denn er setzt damit zumindest für sich selbst eine Tunnel-externe
Sicht voraus, deren Möglichkeit er in seiner Aussage zugleich bestreitet.
Und zudem soll dies eine relevante Erkenntnis sein, nicht lediglich ein
scheinhafter Reflex der physisch realen Neuronenaktivität.4
Die ,Ego-Tunnel'-These ist im Ubrigen, wie die genauere Lektüre
zeigt, keineswegs eindeutig, sondern lässt mindestens zwei Lesarten zu:
(1) Wir haben nur partiellen Zugang zur Wirklichkeit - sozusagen nur
innerhalb eines Tunnels dur
Beschränkungen der spezifisc
dells.5 (2) Wir haben gar keine
dem sind in der neuronalen F
gen.6 Beide Lesarten, die y
finden sich im Text, allerdi
Variante (2), die der ,Tunnel'-,
3.
Lesart (1) dürfte kaum auf W
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tenz-irrelevante Inputs ausbli
gegen geeignet verstärkt (vgl.
Lesart (2) hingegen steht
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untergehenden Sonne" sei »k
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unser Gehirn erzeugt wird. D
vor Ihren Augen, gibt es nur
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sagen in verschiedenen Farbt
flung. Nur für das Auge des B
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mene. Doch des Pudels Kern i
Metzinger daraus zieht:7 »Lei
sches Datenformat ... das Egc
Ereignis
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Damit ist es heraus - mit eri
etwa auf ,,erfolgreiche Versuci
religiöse Erfahrungen hervor
durchgeführtes Experiment n
bin) hatte Gefühle von ,,absol
\
-
6
Vgl. hierzu auch die kritischen Überlegungen in Wetze! 2007, Kap. 4.
72
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Anthropo]
ZB. 21,24f.
ZB. 22, 26f., 38f., 41ff., 289.
Vgl. hierzu auch Metzinger 199
sich hierzu im Text findet,
dürfe nicht als ein kleines
f.; ähnlich 13, 180, 290). Ist
merung' eines Mythos des
stzentrum der Person nicht
werden dürfe, und ich frage
in einen
der eine solche
für sinnvoll hielt. An anderer
kein substanzielles Selbst, das
(291). Aber auch hier: Wer
iaupten?
Gehirnfunktionen. Das von
sei ein ,integriertes inneres
i ein Konstrukt des Gehirns,
[en Selbstmodells wesentlich
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tse" lautet also (22), dass das
andig transparent" (23), dh.
-
r, stehen wir ,nicht in direkr mit uns selbst", sondern
1" (22, Hvh. D.W.). Und das
tunnel uns zu sehen erlaubt«
und stabile Erleben [haben],
sächlich und unmittelbar in
stehen" (26). Doch dies sei
olldore" (25).
freilich in einem prinzipiel[bst in paradoxer Weise deutrmulierungen der Art: »Wir
I es niemanden gibt, der ihn
widerspricht sich der Autor
:h selbst eine Tunnel-externe
Aussage zugleich bestreitet.
tnis sein, nicht lediglich ein
)nenaktivität.4
, wie die genauere Lektüre
iindestens zwei Lesarten zu:
rirl,Jichkeit sozusagen nur
L
innerhalb eines Tunnels durch die Wirklichkeit -, bedingt durch die
Beschränkungen der spezifischen Sinnesorganisation und des Selbstmodells.5 (2) Wir haben gar keinen Zugang zur Wirklichkeit, wie sie ist, sondern sind in der neuronalen Realitäts-Simulation des Ego-Tunnels gefangen.6 Beide Lesarten, die verschiedentlich auch durcheinandergehen,
finden sich im Text, allerdings mit Preferenz für die dramatischere
Variante (2), die der Tunnel'-Metapher mehr entspricht.
3.
Anthropologischer Reduktionismus
Lesart (1) dürfte kaum auf Widerspruch stoßen: In der Tat wirkt die spezifische Sinnesorganisation eines Tierorganismus wie ein Filter, der existenz-irrelevante Inputs ausblendet, existentiell wesentliche Signale hingegen geeignet verstärkt (vgl. Kap. 5).
Lesart (2) hingegen steht für die wesentlich reduktionistische Einstellung von Metzingers Entwurf. ,,Das zarte aprikosenfarbene Rosa der
untergehenden Sonne" sei keine Eigenschaft des Abendhimmels", sondern des ,inneren Modells des Abendhimmels, eines Modells, das durch
unser Gehirn erzeugt wird. Der Abendhimmel ist farblos. ... Da draußen,
vor Ihren Augen, gibt es nur einen Ozean aus elektromagnetischer Strahlung, eine wild wogende Mischung verschiedener Wellenlängen" (38).
,,Was in Wirklichkeit geschieht, ist, dass das visuelle System in Ihrem
Gehirn einen Tunnel durch die unvorstellbar reichhaltige Wirklichkeit
bohrt und im Verlauf dieses Vorgangs die Innenwände des Tunnels sozusagen in verschiedenen Farbtönen anmalt. Phänomenale Farbe. Erscheinung. Nur für das Auge des Bewusstseins" (39).
Nun, diese Sicht entspricht zunächst einmal dem heutigen wissenschaftlichen Allgemeinverständnis. Sinnliche Qualitäten wie Farben etc.
sind essentiell physiologisch und letztlich neuronal induzierte Phänomene. Doch des Pudels Kern ist hier die anthropologische Konsequenz, die
Metzinger daraus zieht:7 ,,Letztlich ist subjektives Erleben ein biologisches Datenformat ... das Ego ist lediglich ein komplexes physikalisches
Ereignis - ein Aktivierungsmuster in unserem Nervensystem" (290).
Damit ist es heraus mit erheblichen Weiterungen: Metzinger verweist
etwa auf »erfolgreiche Versuche", durch Gehirnstimulierung »sogenannte
religiöse Erfahrungen hervorzurufen« (306). Ein anderes, in Harvard
durchgeführtes Experiment mit einer psychoaktiven Substanz (Psilocybin) hatte Gefühle von »absoluter Ehrfurcht, Verehrung und Heiligkeit"
-
-
6
etze1 2007, Kap. 4.
ZB. 21, 24f.
ZB. 22, 26f., 38f., 41ff., 289.
Vgl. hierzu auch Metzinger 1993, Kap. 2.1.3.
73
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zur Folge, und zahlreiche Probanden stuften die damit verbundene Erfahrung als das spirituell bedeutsamste Erlebnis ihres gesamten Lebens ein"
(316).
Für Metzinger stellt sich damit die Frage: ,,,Was ist ein guter
Bewusstseinszustand'?" (326). Denn der lässt sich neurologisch nach
Belieben erzeugen. Worauf Metzinger hinaus will, wird durch die folgenden Formulierungen deutlich, die ich hier ebenfalls ausführlich wiedergebe: »Zumindest im Prinzip können wir unseren eigenen Ego-Tunnel
nach Wunsch entwerfen, indem wir an der Hardware herumbastein . . . Um
eine spezifische Form von phänomenalem Inhalt zu aktivieren, müssen
wir zuerst herausbekommen, welches neuronale Subsystem im Gehirn
diesen repräsentionalen Inhalt unter normalen Bedingungen trägt. Ob es
sich bei dem gewünschten phänomenalen Inhalt um religiöse Ehrfurcht,
ein unaussprechliches Erlebnis von Heiligkeit, den Geschmack von Zimt
oder eine bestimmte Form von sexueller Erregung handelt, spielt dabei
keine besondere Rolle. Was ist Ihre Lieblingsregion im Phenospace, im
Raum möglicher Bewusstseinszustände?" (308). Und das sind dabei die
Visionen für die Zukunft: ,,Vielleicht gelingt es uns eines Tages, bessere
Meditationstechniken zu entwickeln als die tibetanischen Mönche" (332)
- ,,keine Kerzen, keine Räucherstäbchen, keine Glöckchen" (331).
,,Könnte die streng reduktionistische Neurowissenschaft vielleicht eine
Form der Turbo-Meditation entwickeln, die Mönchen dabei hilft, bessere
Mönche zu sein, und Mystikern, bessere Mystiker zu sein?" (336).
Das Programm einer solchen reduletionistischen Neuro-Anthropologie
dürfte damit hinlänglich klar umrissen sein: Alles, was uns als Menschen
begegnen und bewegen kann, sind Reflexe neuronaler Prozesse. Im Zuge
wissenschaftlichen Fortschritts können diese zunehmend präziser manipuliert werden, um beliebig gewünschte Erlebnisse zu produzieren. Das
eigentlich Wichtige sind danach die Gehirnprozesse selbst. Metzinger
sieht, dass damit auch ethische Probleme impliziert sind, von denen wir
heute noch kaum etwas ahnen - Gegenstand einer noch zu entwickelnden
Neuroethik (321) oder, wie er vorschlägt, ,,Bewusstseinsethik" (326), die als
eine ,,,normative Neurophänomenologie" zu verstehen sei (327).
In der Tat wäre diese zweifellos wichtig und dringlich. Doch vorweg
akzeptiert ist damit auch das dahinter stehende neurotrope Menschenbild,
wie ich es nennen möchte: Das anthropologische Interesse gilt nicht mehr
primär dem Phänotypus Mensch und seiner Lebensführung, sondern ist
auf die neurologische Topik und Dynamik des Gehirns hin verlagert.
Anthropologie, so verstanden, ist nicht mehr die Lehre vom Menschen,
sondern die von der Abhängigkeit seines Erlebens von Gehirnprozessen
und deren neurologischer Steuerung.
Um nicht missverstanden zu werden: Dass allem Erleben physische
Gehirnprozesse zugrunde liegen und diese pharmakologisch oder elektro-
74
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physiologisch kontrolliert un
ten. Aber was hier propagie
Leben, reduziert auf bloße
neurotrope Menschenbild ist
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umschreibt (297).
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tibetanischen Mönche« (332)
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Mönchen dabei hilft, bessere
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se zunehmend präziser manilebnisse zu produzieren. Das
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sche Interesse gilt nicht mehr
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physiologisch kontrolliert und manipuliert werden können, ist unbestritten. Aber was hier propagiert wird, ist nicht reales, sondern virtuelles
Leben, reduziert auf bloße Neuro-Simulation. Das zugrunde liegende
neurotrope Menschenbild ist Ausdruck einer reduktionistischen Anthropologie, die Metzinger euphemistisch als ,,rationale Neuroanthropologie"
umschreibt (297).
4. Vernachlässigung des Emergenzaspekts
Nun ist ,,Reduktion", wie Metzinger zu Recht bemerkt, ,,eine Beziehung
zwischen Theorien ... und nicht zwischen Phänomenen" (35). Damit stellt
sich die Frage nach dem theoretischen Hintergrund des anthropologischen Reduktionismus, mit dem wir es hier zu tun haben. Dies ist nicht
explizites Thema des Metzingerschen Buchs, aber es finden sich hinreichend deutliche Hinweise hierzu: Folgt man den rein physikalischen
Grundannahmen der Naturwissenschaft, dann besitzt nichts im Universum einen ihm innewohnenden Wert, und nichts ist ein Ziel an sich. Physikalische Gegenstände und Vorgänge sind alles, was es gibt" - und genau
das sei es, ,,was Wesen mit Selbstmodellen wie den unseren einfach nicht
glauben können" (193). Doch es sei ,,die eigentliche Pointe eines streng
reduktionistischen Ansatzes" (zu dem Metzinger sich hiermit ausdrücklich bekennt). ,,Wenn man das naturwissenschaftliche Weltbild ernst
nimmt, dann existiert so etwas wie Ziele' nicht, und es gibt auch niemanden, der eine Handlung auswählt oder spezifiziert. ... Alles, was wir in
Wirklichkeit haben, ist dynamische Seibstorganisation. Dieser Vorgang als
solcher hat nicht nur kein Ziel, er ist auch völlig ich-frei" (192). Letztlich
folgt [er] den Gesetzen der Physik" (193).
Ich habe auch diese Formulierungen ausführlicher zitiert, weil sie in
aller wünschenswerten Deutlichkeit eine essentiell naturalistische Grundeinstellung sichtbar machen. Danach existieren letztlich nur physikalische
Zustände und Prozesse. Ideelles, Geistiges ist darin nicht essentiell enthalten. Tritt Derartiges in Erscheinung, wie das im Fall des Gehirns ja typischerweise gegeben ist, dann kann dies nur als illusiondres Epiphänomen
des Physischen gedeutet werden, mithin als etwas, das uns fälschlicherweise nur so erscheint. Ideelles ist hier somit auf Physisches reduziert.
Sicher, die physikalisch vorgehende Analyse wird stets auf physikalische Konstituenten stoßen. Aber, so Ludwig von Bertalanffy, der
Begründer der modernen Systemtheorie, ,,wir glauben oft, dass wir dann,
wenn wir eins genau studiert haben, auch alles über zwei wissen, denn
zwei' ist eins und eins'. Dabei vergessen wir aber, dass wir noch das und'
zu untersuchen haben". Systemtheorie, so Bertalanffy, ,ist das Studium
des und', das heißt: der Organisation" (Bertalanffy 1970, 90), also der
75
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Kopplung physischer Teile zu einem System. In der Tat begegnen uns in
der physischen Realität durchweg Strukturen, die ihrerseits in Komponenten zerlegt werden können, und diese ebenfalls wieder usf. Was wir
vorfinden, sind also wesentlich Systeme, Kompositgebilde aus elementareren Komponenten.
Das würde Metzinger nicht in Zweifel ziehen, doch er übersieht die
damit implizierten Konsequenzen. Die Gemeingewissheit, dass das Ganze
mehr ist als die Summe seiner Teile, ist auch in physikalischer Hinsicht
relevant. Denn das Gesamtsystem ist grundsätzlich durch andere Gesetzlichkeiten charakterisiert als seine Subsysteme, durch die es konstituiert
ist. Systemgesetze sind Ganzheitsgesetze, die für eine bestimmte Systemganzheit spezifisch sind. Wenn ich den Einschaltknopf eines Radios drücke, geschieht etwas anderes als beim Drücken eines Türöffners. Im System sind elementarere Gesetzlichkeiten in je spezifischer Weise ,zusammengeschaltet' und ergeben eine neue, für dieses bestimmte System
spezifische Systemgesetzlichkeit. Die Systemtheorie hat dafür den Begriff
der Emergenz, den ich hier in einem sehr allgemeinen, schwachen' Sinn
verwende.
Durch Emergenz entstehen neue, systemspezifische Gesetzlichkeiten, die als solche gewissermaßen über' den elementaren Naturgesetzen
angesiedelt sind - auch wenn sie auf diesen basieren. Was Paul A. Weiss ebenfalls einer der frühen Protagonisten der Systemtheorie - mit Bezug
auf das lebende System bemerkt, gilt für physische Systeme generell: Es
gibt hier kein Phänomen, ,,das nicht molekular wäre; aber es gibt auch
keines, das ausschließlich molekular wäre. Es kann schon einmal geschehen, dass man vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht, aber es ist eine
sehr ernste Sache, wenn man dann die Existenz des Waldes einfach leugnet" ('Weiss 1970, 20).
ist der Übergang zu einer neuen Systemebene also mit der Emergenz
neuartiger Gesetzlichkeiten verbunden, dann gilt das jedenfalls auch für
das System Gehirn'. Zwar sind die neuronalen Prozesse sämtlich physikochemischer Natur, aber bei der Betrachtung ganzer Neuronenverbände
und Ereigniscluster sind Emergenzphänomene zu gewärtigen. Unter diesem Aspekt muss es schon überraschen, dass der Emergenzbegriff in
Metzingers Uberlegungen überhaupt keine Rolle spielt.8
Diese Vernachlässigung des Emergenzaspekts bestätigt die schon
konstatierte essentiell reduktionistische Einstellung. Wer in anthropologischer Perspektive nur die Realität der Neuroprozesse im menschlichen
Gehirn sieht, verkennt die durch eben diese Prozesse etablierte neue
8
Er tritt nur ein einziges Mal auf, aber nicht in Metzingers eigenen Ausführungen,
sondern beiläufig in einem Statement von Allan Hobson anlässlich eines von Metzinger durchgeführten Interviews, das hier mit abgedruckt ist (228), sowie in der
zugehörigen Erläuterung zum Begriff der Emergenz in den Anmerkungen (353f.).
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anthropische Systemebene mil
lichkeiten. Dabei sind die
Bewusstseinseinheit, Körperb
che Erfahrungen, Empathie e
durchaus beredte Beispiele f
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{etzingers eigenen Ausführungen,
Hobson anlässlich eines von Metabgedruckt ist (228), sowie in der
enz in den Anmerkungen (353f.).
anthropische Systemebene mit ihren gänzlich neuen Qualitäten und Möglichkeiten. Dabei sind die von Metzinger behandelten Phänomene Bewusstseinseinheit, Körperbild, Selbstmodell, Meinigkeit, außerkörperliche Erfahrungen, Empathie etc. bis hin zu Bewusstseinsmanipulationen durchaus beredte Beispiele für die Emergenz neuartiger, höherstufiger
Seinsformen auf der Grundlage neuronaler Prozesse. Doch der Reduktionismus besteht hier darin, dass die neuronalen Aktivitäten selbst als das
eigentliche Wesen jener emergenten, höherstufigen Formen betrachtet
werden. Damit wird diesen ein Eigenwert grundsätzlich aberkannt mit der
Folge, dass sie nur noch als Epiphänomene betrachtet werden, denen nur
scheinhafte Realität zugebilligt wird. Die prätendierte Virtualität eines
,Egotunnels' und eines nur illusionären Selbst sind unmittelbarer Reflex
dieser reduktionistischen Einstellung, die von der Hirnforschung offensichtlich weithin geteilt wird.
5. Zur Emergenz von Wahrnehmung und Empfindung
In der Perspektive des Emergenzbegriffs wird die Möglichkeit von Systemgesetzen, also von höherstufigen Gesetzlichkeiten sichtbar, die die
elementaren Naturgesetze zwar voraussetzen, aber auf dieser Grundlage
ganz neue Phänomene hervorbringen. Die Möglichkeit von Psychischem
auf physischer Basis ist damit noch keineswegs gezeigt, aber so immerhin
denkbar geworden. Ich möchte dies am Beispiel elementarer Formen des
Psychischen, nämlich Wahrnehmung und Empfindung, näher konkretisieren und in knappen Uberlegungen so etwas wie ein Grundmodell dafür
skizzieren.
Die Fähigkeit der Wahrnehmung kommt typischerweise Tieren zu,
weil sie, im Unterschied zu Pflanzen, ihre Nahrung suchen, sich also fortbewegen und ihre Bewegungen über die Außenwahrnehmung im Sinn
ihrer Selbsterhaltung kontrollieren und steuern müssen. Erforderlich
dafür ist eine spezifische Sinnesorganisation, die an die Bedürfnisse des
Organismus und dessen Umwelt angepasst ist, sowie ein Gehirn (oder
zumindest eine gehirnartige Instanz (FAZ 2011)) zur Verarbeitung der
Sinnesdaten. Aufgabe der animalischen Wahrnehmung ist also Subsistenzsicherung, nicht die exakte Abbildung der Realität. Das bedeutet zum
Einen, dass Information, die dieser bestimmte Organismus gar nicht
benötigt, ihn also nur unnötig belasten würde, ausgeblendet wird - insofern hat die Wahrnehmung, wie schon erwähnt (Kap. 3), Filterfunktion.
Zum Andern müssen spezifische, das Uberleben des Individuums und
seines Genpools betreffende wichtige Signale Priorität vor anderen, weniger wichtigen erhalten, etwa bei Gefahr, Hunger oder die Fortpflanzung
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betreffend. Dementsprechend werden wahrgenommene Objekte mit subjektiven Anmutungsqualitäten attraktiv oder aversiv - ausgestattet.
Das bedeutet also, dass die Wahrnehmung grundsätzlich subjektiv
getönt ist. Anknüpfend an Metzingers Sprachgebrauch könnte man insofern von einem Wahrnehmungs-Tunnel sprechen. Das Tier ist darin gleichsam befangen, dies freilich nicht so, dass es im Sinn der oben charakterisierten Tunnel-Lesart' (2) ohne allen Kontakt zur Realität wäre, sondern
mit partiellem Realitätskontakt im Sinn der Lesart (1): Nur so kann die
Wahrnehmung leisten, wozu die Evolution sie entwickelt hat - Kontrolle
und Steuerung des realen Verhaltens in der realen Umwelt des realen
Tiers.
Das betrifft zunächst die Außenwahrnehmung des Tiers. Doch alle
Außen-Eindrücke müssen im Sinn der Selbsterhaltung auch bewertet werden, damit es auf Gefahren angemessen reagieren kann. Die Anmutungsqualitäten der Außenwahrnehmung weisen schon in diese Richtung.
Bei höheren Tieren ist nun offenbar die Möglichkeit gegeben, dass
die interne Bewertung in die Außenwahrnehmung mit eingeblendet wird
mit der Folge, dass die Bewertung des Außeneindrucks mit wahrgenommen wird. Der Tasteindruck etwa beim Berühren einer heißen Herdplatte
wird dann mit der dadurch induzierten Temperaturbewertung zu heiß!'
verknüpft und wird so zu einer Schmerzempfindung. Die Empfindung ist
sonach die Verbindung der Außenwahrnehmung mit ihrer internen
Bewertung und hat dadurch subjektiven Charakter angenehm, schmerzhaft, süß, eklig, heiß etc. Die interne Bewertung wird in dieser Weise also
selbst explizit wahrnehmbar - was auf einer primitiveren Organisationsstufe zunächst nicht gegeben ist: Die interne Bewertung führt dort zu
einem reflexartigen Verhalten - Aggression, Flucht etc., während qua
Empfindung, im Unterschied zu der recht holzschnittartigen ReflexReaktion, ganz neue Formen der Feinsteuerung des Verhaltens möglich
werden.
Mit der Empfindung wird also die interne, existentiell auf das organismische Selbst bezogene Bewertung nun für das Tiersubjekt selbst
explizit wahrnehmbar. Explizite Wahrnehmbarkeit der eigenen inneren
Befindlichkeit ist aber genau das, was wir unter dem Psychischen verstehen.
Mit der Empfindung ist so der Beginn des Psychischen in der Natur markiert. Qua Empfindung - und im Grund schon in den Anmutungsqualitäten der Wahrnehmung, dort aber gleichsam noch ,verschlüsselt'1° - ist
eine psychische Innendimension konstituiert, die als solche wahrnehmungsmäßig präsent ist.
-
-
von daher wird der Selektionsdruck zur Emergenz von Empfindung in der Tier10
evolution verständlich (vgl. Wandschneider 2008, Kap. 7.3).
vgl. Wandschneider 2008, Kap. 7.2.
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Der für die Wahrnehmung konstatierte ,Tunneleffekt' erscheint
dadurch einerseits noch verstärkt, denn Lust und Schmerz gibt es nicht in
der Außenwelt, sondern nur für das Subjekt selbst. Doch auf der andern
Seite sind Empfindungen nicht lediglich scheinhafte Epiphänomene realer
Gehirnprozesse, sondern Informationen von überlebenswichtiger Bedeutung, nochmals: für das reale Verhalten des realen Individuums in seiner
realen Umwelt.
Wahrnehmung und Empfindung sind elementarste Formen des Psychischen und deshalb in besonderer Weise geeignet, die Emergenz von
Psychischem auf der Basis physischer Systeme zu studieren. Bevor das
nicht geleistet ist, besteht m.E. wenig Hoffnung, die weitaus komplexeren
Strukturen menschlichen Bewusstseins und geistiger Prozesse zu verstehen, über die Himnforscher munter philosophieren.
Dass es sich hierbei um Emergenzphdnomene handelt, ergibt sich aus
dem Systemcharakter der Sinnesorganisation und Bewertungsfunktion des
Tiersubjekts und ihrer spezifischen Leistungen im Rahmen des GesamtOrganismus. Die Bewertung der Außeneindrücke etwa ist auf sein spezifisches Selbstsein fokussiert - als essentielles Ziel seiner Selbsterhaltung und hat insofern die Funktion einer Selbstinstanz, die als neuronaler Funktionszusammenhang realisiert ist. Dass dieser aber, im Unterschied zu
andern Gehirnprozessen, Selbstcharakter und damit höchstrangige Kontrollfunktion besitzt, ist wesentlich seinem Stellenwert im neuronalen
organ ismischen System geschuldet und in diesem Sinn in der Tat als Emergenzphänomen zu begreifen. Eine solche Selbstinstanz entweder als bloß
neuronales Prozessgeschehen zu denken oder - entsprechend Metzingers
Verulkungs-Diktion - als ein kleines Männchen im Gehirn vorzustellen,
ist somit eine reduktionistische Pseudoaltemnative, die den Emergenzcharakter von Gehirnprozessen im Rahmen des organismischen Systems völlig verkennt.
6. Emergenz von Ideellem
Wenn hier die Möglichkeit der Emergenz von Psychischem auf einer
durchgängig physischen Basis geltend gemacht wird: Wird das Psychische
damit nicht doch auf Physisches reduziert? ist das nicht ebenfalls eine cartesianisch-naturalistische Verkürzung des Psychischen?
In diesem Zusammenhang zunächst eine pragmatische Uberlegung:
Wenn die physisch-kausal wirkende Evolution Wesen mit Formen des
Psychischen hervorgebracht hat, ist es dann nicht naheliegend anzunehmen, dass das Physische nicht lediglich dumpfe Materie ist, sondern
genz von Empfindung in der Tier,
Kap. 7.3).
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immer schon das Potential zur Entwicklung von Psychischem
ä11
Damit aber stellt sich zugleich die grundsätzliche Frage nach der Verfasstheit des Naturseins, also einer adäquaten Nattrontologie.
Blicken wir kurz zurück. Wenn Psychisches hier als Emergenzphänomen gedeutet wurde, dann sind dafür Systemgesetzlichkeiten geltend
gemacht worden, die als solche auf der ,Zusammenschaltung' elementarerer Naturgesetzlichkeiten beruhen. Entscheidend ist somit zuletzt die
Gesetzmäßigkeit des Naturseins; das ist hier die grundlegende Prämisse die der Naturalismus im Ubrigen teilt. Für diesen aber ist die Gesetzmäßigkeit eher eine mathematische Formel im Kopf des Wissenschaftlers,
und als Naturrealität lässt er nur die realen physischen Zustände und Prozesse selbst gelten. Doch lässt sich physisches Sein von seiner Gesetzlichkeit trennen? Beides gehört offenbar wesensmäßig zusammen. Aber dann
hat jedes Ding nicht nur physische Realität, sondern in Form der ihm
zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeit stets auch eine ideelle Dimension,
die als solche über den Jeweils faktisch realisierten Zustand weit hinausreicht: Aus Wasser kann Eis oder Dampf werden, aus dem Sandkorn ein
Transistor, kurzum: Qua Naturgesetzlichkeit enthält das Natursein stets
auch Möglichkeit und damit eine latente ideelle Dimension.
Aber das Ideelle existiert nicht nur latent in der Immanenz elementarer Materie, sondern kann auch explizit in Erscheinung treten. Ich möchte
das an einem technischen Exempel, einem Thermometer, kurz erläutern gewiss ein sehr simples Beispiel, das wenig philosophischen Charme verstrahlt; aber immerhin hat einer der Großen der Philosophie, Cusanus,
etwa die Waage oder auch einen Löffel zur Exemplifizierung philosophischer Uberlegungen herangezogen (Cusanus (W) und (G)).
Was also ist kennzeichnend für ein Thermometer? Es enthält eine
Skala mit Markierungen, die Temperaturwerten entsprechen. Realisiert ist
aber nur die eine Temperatur, die das Thermometer jeweils faktisch misst.
Die andern Markierungen auf der Thermometerskala bezeichnen Temperaturwerte, die aktuell nicht realisiert sind. Diese Markierungen selbst sind
physisch real, aber auf der Thermometerskala weisen sie zugleich über ihr
reales Sein hinaus, nämlich auf die ihnen jeweils zugeordneten Temperaturwerte, mit andern Worten: Sie sind Zeichen, denen Temperaturwerte
als Bedeutungen zugeordnet sind. Konstituiert ist diese Zuordnung durch
das System des Thermometers; nur im kausalen Kontext dieses Systems
haben die Markierungen den Charakter von Zeichen, deren Bedeutungen
aufgrund der Systemgesetzlichkeit des Thermometers Temperaturwerte
sind.
Nun sind Bedeutungen aber nichts Reales, sondern ideeller Natur,
und das heißt: Auch ein schlichtes, physisch-reales System, wie es ein
Eine knappe diesbezügliche Bemerkung findet sich auch bei Metzinger (301).
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n Zeichen, deren Bedeutungen
iermometers Temperaturwerte
Thermometer ist, enthält schon Ideelles. Ideell ist zunächst einmal die ihm
immanent zugrunde liegende Systemgesetzlichkeit. Bedingt dadurch tritt
Ideelles in Gestalt der Skalenmarkierungen aber auch in Erscheinung. Als
Markierungen sind sie selbst zwar real, aber hinsichtlich der mit ihnen
verknüpften Bedeutungen ist darin zugleich Ideelles präsent, also in diescm Fall mögliche Temperaturwerte, die aktuell gar nicht realisiert sind.
Der technische Charakter des betrachteten Beispiels ist hierbei
irrelevant, hat nur den Vorteil theoretischer Transparenz. Analoge
Zusammenhänge lassen sich in der gesamten Natur aufzeigen. Alles Wirkliche ist kraft seiner gesetzmäßigen Natur von Ideellem durchwaltet. In
bestimmten Systemkonstellationen kann dieses Ideelle, wie das Beispiel
zeigt, auch expliziter in der Form von Zeichen, die als solche Bedeutungen repräsentieren, in Erscheinung treten - eine elementare Form der
Emergenz von Ideellem.
Auf der Stufe höherer Tiere bietet der Emergenzbegriff, wie dargelegt, einen Verständniszugang für die Entwicklung von Psychischem. Die
dafür relevanten neuronalen Funktionen der Sinnes- und Bewertungsfunktionen des Tiersubjekts sind zunächst einmal reale Prozesse, die als
solche aber zugleich repräsentierenden Charakter haben, db. sie haben Zeichenfunktion und verweisen damit auf Bedeutungsgehalte - im Fall der
Außenwahrnehmung auf Umgebungs-Tatbestände, im Fall der Empfindung auf interne Bewertungen der Außeneindrücke. Psychisches ist damit
als eine spezifische Form der Emergenz von Ideellem auf der Grundlage
neuronaler Prozesse zu begreifen. Also nicht diese selbst sind das Psychische, sondern das, was sie repräsentieren, die ihnen korrespondierenden
Bedeutungsgehalte.
Auch hier mag der Reduktionismusvorwurf naheliegen, doch wäre
damit gerade der Emergenzaspekt verkannt. In emergentistischer Perspektive haben die neuronalen physischen Prozesse lediglich dienende Funktion. Ihre Bestimmung ist, Bedeutungsträger zu sein und so Bedeutungsgehalte und Bedeutungsverknüpfungen zu realisieren, die ihren Sinn aber
eben nur im höherstufigen systemischen Kontext des Sinnes- und Bewertungssystems der organismischen Existenz eines Tiersubjekts haben. Was
da neuronal so oder anders blinkt und feuert, hat für das Tiersubjekt selbst
vielmehr existentielle Relevanz. Die emergen tistische Perspektive macht hier
den entscheidenden Unterschied gegenüber hirnphysiologischen Reduktionismen aus, die in den Neuroprozessen selbst das relevante Geschehen
sehen.
ieales, sondern ideeller Natur,
isch-reales System, wie es ein
sich auch bei Metzinger (301).
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7.
Objektiv-idealistische Naturontologie
Der naturalistischen Einstellung liegt eine naturalistische Naturontologie
zugrunde. Das Natursein ist danach das schlechthin Nicht-Ideelle, und
die Gesetzmäßigkeit der Natur ist nur ein theoretisches Modell im Kopf
des Wissenschaftlers. In dieser Perspektive ist das Auftreten von Psychisch-Ideellem in der Natur entweder undenkbar oder mit physischen
neuronalen Prozessen überhaupt identisch. Beides ist unangemessen und
inakzeptabel, wie die seit Jahrzehnten geführte Debatte zum ,Body-MindProblem' immerhin deutlich gemacht hat. Eine Lösungsperspektive, so
hat sich gezeigt, bietet hier der Emergenzbegriff. Emergenz ist aber an
Systemgesetze und damit letztlich an Naturgesetzlichkeit - und zwar als
intrinsische Eigenschaft des Naturseins selbst - gebunden. Damit ist eine
andere, nicht-naturalistische Naturontologie gefordert: eine solche, in der
das Natursein von vornherein die Möglichkeit von Ideellem enthält. Lässt
sich aber etwas Derartiges begründen?
Eine solche Naturontologie verweist, wie ich der Vollständigkeit halber abschließend nur noch in extremer Verkürzung skizzieren möchte,
auf eine objektiv-idealistische Position des Hegelschen Typs.'2 Ihr begründungstheoretisch entscheidender Vorzug ist darin zu sehen, dass sie von
der Unhintergehbarkeit der Logik ausgeht - einer fundamentalen Logik,
die nicht lediglich ein formales Konstrukt auf der Grundlage angenommener Axiome ist, sondern eine allem Argumentieren vorausliegende
Logik, die deshalb nicht bestritten werden kann, weil dafür ebenfalls
argumentiert, sie dafür also schon vorausgesetzt werden muss. Das System dieser fundamentalen Logik im Ganzen besitzt somit Absolutheits charakter. Es ist gleichsam das Reich des rein Ideellen, das von Hegel als absolute Idee charakterisiert wird. Die Absolutheit, also Un-Bedingtheit des
Ideellen bedeutet aber, dass es nicht durch Anderes, also Nicht-Ideelles
bedingt ist. Insofern ist in der Absolutheit des Ideellen stets der - negative - Bezug auf Nicht-Ideelles mit enthalten: Im Absolutheitscharakter
des Ideellen ist das Nicht-Ideelle als sein Gegenpol so dialektisch mitgesetzt.
abstreifen und hinter sich lass
gen. Dem entspricht naturont
Naturseins, das seiner Ers chein
Wesen nach aber ideellen Chai
der Natur begegnet. Eine
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Existenz der Natur, sondern au
der Geschichte der Philosophi
und vereinfacht zu dieser zent:
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Die erwähnte Ambivalenz
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Das mag seltsam klingen, ist
meint, ist der Trend zur Entsti
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des Geistigen. Das Natursein
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idealistischen Naturontologie
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die ihrerseits qua Emergenz h
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nalen Ebene kulminiert diese
idealistischer Perspektive dar,
bringt, was im Natursein imm
Aber was ist das Nicht-Ideelle? ist das Ideelle durch begrifflichen
Zusammenhang charakterisiert, ist das Nicht-Ideelle demgegenüber ein
Auseinandersein, wie es empirisch in der räumlich-zeitlichen Verfasstheit
des Naturseins realisiert ist. In diesem Sinn ist die Natur grundsätzlich als
das Nicht-Ideelle und so gewissermaßen als ewiges Begleitphänomen des
Ideellen zu verstehen. Zugleich ist deutlich, dass es als Nicht-Ideelles das
Ideelle voraussetzt. Das Nicht-Ideelle kann das Ideelle sozusagen nicht
12
Grundsätzlich und umfassend hierzu Hösle 1987a; 1987b; vgl. auch Wandschneider
1985; 2008.
82
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13
Zum anthropischen Prinzip z.B.
aturontologie
iaturalistische Naturontologie
hlechthin Nicht-Ideelle, und
theoretisches Modell im Kopf
e ist das Auftreten von Psydenkbar oder mit physischen
Beides ist unangemessen und
i-te Debatte zum ,Body-MindEine Lösungsperspektive, so
begriff. Emergenz ist aber an
rgesetzlichkeit - und zwar als
st - gebunden. Damit ist eine
e gefordert: eine solche, in der
eit von Ideellem enthält. Lässt
,ie ich der Vollständigkeit hal-
rkürzung skizzieren möchte,
[egelschen Typs.12 Ihr begrünt darin zu sehen, dass sie von
einer fundamentalen Logik,
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n kann, weil dafür ebenfalls
esetzt werden muss. Das Sysbesitzt somit Absolutheitscha[eellen, das von Hegel als absoheit, also Un-Bedingtheit des
i Anderes, also Nicht-Ideelles
des Ideellen stets der - nega-
-
:en: Im Absolutheitscharakter
egenpol so dialektisch mitge-
abstreifen und hinter sich lassen, sondern bleibt notwendig darauf bezogen. Dem entspricht naturontologisch eine konstitutive Ambivalenz des
Naturseins, das seiner Erscheinung nach ein reales Auseinander ist, seinem
Wesen nach aber ideellen Charakter besitzt, der uns als Gesetzm4ßigkeit
der Natur begegnet. Eine objektiv-idealistische Naturontologie des
Hegelschen Typs bietet somit nicht nur eine rationale Erklärung für die
Existenz der Natur, sondern auch für deren Gesetzmaßigkeit. Beides ist in
der Geschichte der Philosophie ohne Parallele. - Soviel extrem verkürzt
und vereinfacht zu dieser zentralen, wenn auch bis heute kontrovers diskutierten Pointe des objektiv-idealistischen Systementwurfs.
Die erwähnte Ambivalenz des Naturseins begründet Hegel zufolge
nun gleichsam einen Drive, eine Tendenz, das Auseinander des Naturseins aufzuheben und das ihm zugrunde liegende Ideelle selbst erscheinen
zu lassen, sozusagen eine in der Natur wirksame Idealisierungstendenz.
Das mag seltsam klingen, ist uns aber wohlvertraut. Was Hegel hier
meint, ist der Trend zur Entstehung komplexerer Strukturen, von Leben,
seelischem Sein und, im Auftreten des Menschen, schließlich von Formen
des Geistigen. Das Natursein ist demnach so beschaffen, dass seelischgeistiges Sein in ihm als Zielbestimmung angelegt ist - womit, nebenbei
bemerkt, zugleich eine Affinität dieser Philosophie zum sogenannten
anthropischen Prinzip erkennbar wird, das den menschlichen Geist als das
eigentlicheTelos der Natur begreift.13
Ich muss es hier bei dieser denkbar knappen Skizze der objektividealistischen Naturontologie belassen. Wesentlich ist, dass damit ein
grundlegender Perspektivenwechsel möglich wird: In naturalistischer Einstellung gibt es nur die physische Realität. Objektiv-idealistisch hingegen
enthält das Physische von vornherein das ideelle Moment naturaler
Gesetzlichkeit, das die Tendenz zur Evolution von Strukturen begründet,
die ihrerseits qua Emergenz höherstufige Phänomene zur Folge haben. In
der Entwicklung von Psychischem und zuletzt Geistigem auf der neuronalen Ebene kulminiert diese Tendenz, die, so stellt es sich in objektividealistischer Perspektive dar, durch Emergenz nur das zur Erscheinung
bringt, was im Natursein immer schon als Möglichkeit angelegt ist.
as Ideelle durch begrifflichen
cht-Ideelle demgegenüber ein
Lumlich-zeitlichen Verfasstheit
ist die Natur grundsätzlich als
is ewiges Begleitphdnomen des
dass es als Nicht-Ideelles das
a das Ideelle sozusagen nicht
7a; 1987b; vgl. auch Wandschneider
13
Zum anthropischen Prinzip z.B. Breuer 1984; Davies 2008; Wandschneider 2011.
83
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