ARISTOTELES Kurzbericht über Aristoteles innerhalb der

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ARISTOTELES
Kurzbericht über Aristoteles innerhalb der Lesegruppe der INWO
(Initiative für eine natürliche Wirtschaftsordnung) am Freitag, 23. 2. 2007 in Zürich
von Michael Rist, Johannes Kreyenbühl Akademie
LEBENSLAUF
Aristoteles lebte von 384 – 322 v. Chr., geboren wurde er in Stageira in Thrakien. Er war der Sohn des
Arztes Nikomachos und seiner Frau Phaestis, die auch aus einer Arztfamilie stammte. Nikomachos
war der Leibarzt des Königs Amyntas III. von Makedonien. Dessen Sohn wurde König Philipp II.
Die Eltern von Aristoteles starben früh, sodass er von dem Bürger Proxenos in Atarneus in Mysien an
der kleinasiatischen Küste, östlich der Insel Lesbos, liebevoll aufgezogen wurde. – Mit 17 Jahren kam
er nach Athen (367 v. Chr.) und trat in die Akademie des damals 60-jährigen Platon ein. Er blieb dort
20 Jahre bis zum Tod Platons (347 v. Chr.). Dort hielt er bereits eigene Vorträge. Als Speusippos, der
Nachfolger von Plato in der Leitung der Akademie wurde, verliess Aristoteles mit Freunden – auch
dem treuesten Schüler Platons, Xenokrates – Athen. Er begründete in Assos, seinem Jugendland, eine
Tochterschule der Akademie des Platon. Das Programm dieser Tochterschule umriss Aristoteles in
„Über die Philosophie“. Im Jahr 343 v. Chr. siedelte er nach Mytilene auf Lesbos über, aber dort war
er nicht lange, da König Philipp II. von Makedonien ihn zum Erzieher seines 13-jährigen Sohnes Alexander an den Hof von Pella berief. Es war für Aristoteles eine der schönsten Zeiten. Bei dem Regierungsantritt des genialen jungen Königssohns Alexander im Jahr 336 v. Chr. widmete er ihm wohl
seine Schrift „Über das Königstum“. Im Jahr 335 v. Chr. verlegte Aristoteles seinen Wohnsitz wieder
nach Athen, wo er vor den Toren der Stadt eine eigene Schule, das „Gymnasium Lykeion“ eröffnet.
Nach dem frühen Tod von Alexander dem Grossen (323 v. Chr.) wurde gegen Aristoteles Anklage
wegen Gotteslästerung erhoben. Er verliess (322 v. Chr.) die Stadt, um „den Athenern nicht die Gelegenheit zu geben, sich ein zweites Mal an der Philosophie zu versündigen“. Er zog sich nach Chalkis
auf Euboia zurück, wo er auf dem Gut seiner Mutter mit seiner zweiten Frau, Herpyllis, und deren
Sohn Nikomachos sowie seiner Tochter Pythia aus erster Ehe zusammen lebte. Hier in Chalkis starb er
wenige Monate nach seiner Ankunft mit 62 Jahren.(322 v. Chr.).
Aristoteles hat ca. 400 Bücher geschrieben. Heute kennt man noch 147 Werke, wozu noch Briefe und
Gedichte kommen.
ZWISCHENBEMERKUNG
Bevor ich nun auf einige Stellen in den Werken von Aristoteles eingehe, namentlich auf seine Abhandlungen über das Wirtschaftsleben, auf die in neuerer Zeit vor allem Prof. Hans. Ch. Binswanger
von der Hochschule St. Gallen aufmerksam gemacht hat, möchte ich eine kleine persönliche Begebenheit einflechten: Als ich die Einleitung zu „Aristoteles’ Hauptwerke“ von Wilhelm Nestle las, fiel mir
plötzlich wieder ein, dass ich ja selbst als Bauingenieurstudent an der TH Stuttgart zu Wilhelm Nestle
gegangen war, der, wie ich selbst, in Stuttgart-Degerloch lebte, um ihn um philosophische Literatur zu
bitten. Er mag sich wohl über diesen sonderbaren Studenten gewundert haben, aber in seiner liebenswürdigen Art gab er mir die Platonischen Dialoge mit. Damit war wohl der philosophische Teil meiner
Seele gerettet.
EIN KENNER
Ein Kenner der griechischen Philosophie wie Wilhelm Nestle fasst in seiner erwähnten Einleitung die
philosophische Auffassung von Aristoteles so zusammen: „Gott ist Geist, Geist ist Leben, und Leben
ist Tätigkeit. … dass der unvergängliche Geist die Natur der Welt durchwaltet und dass sein Abglanz,
der Logos im Menschen, das Leben des Einzelnen wie des Staates nach sittlichen Zwecken zu ordnen
und zu gestalten hat.“ Dabei darf wohl unter „Logos“ das menschliche Denken und unter „Staat“ die
menschliche Gemeinschaft verstanden werden.
Und nun einiges aus den Schriften des Aristoteles. Zunächst aus der Schrift „ÜBER DIE GERECHTIGKEIT“: „Wenn man die Lust zum Lebenszweck macht, so wird dadurch die Gerechtigkeit beseitigt und mit ihr auch jede andere Tugend.“
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„Es gibt unter den Menschen teils einen übermässigen Ehrgeiz, teils einen massvollen und vernünftigen. Wer sich auf Beifallskundgebungen und Händeklatschen des Volkes etwas einbildet und die Augenbrauen hochzieht, weil er viel Geld für Theatervorstellungen und Pferderennen ausgegeben hat, der
ist hochmütig und dem Fehler verfallen, dem man die Bezeichnung des Hochmutes gibt. Wer aber
solchen Beifall verachtet und für ebenso gleichgültig hält wie das Tosen der Meeresbrandung an der
Küste, dagegen die von Schmeicheleien freie Meinungsäusserung um ihrer Trefflichkeit willen aufs
Höchste schätzt, der beweist in Wahrheit Seelengrösse und hohe Gesinnung.“
Aus der Schrift „DER STAATSMANN“: „Das Gute ist für alle Dinge das genaueste Mass.“
Aus der Schrift über „DAS KÖNIGSTUM“ die er wohl, wie erwähnt, Alexander zur Königskrönung
gewidmet hat: „Philosophie zu treiben ist für einen König nicht nur nicht notwendig, sondern sogar
hinderlich; dagegen soll er auf wirkliche Philosophen hören und ihnen folgen. (Damit modifiziert Aristoteles das bekannt Wort Platons: es werde in der Welt nicht besser werden, bis die Philosophen
Könige oder die Könige Philosophen seien.)
Nach Robert Heilbronners Buch „Teaching from the wordly Philosophy“ gilt Aristoteles, neben Plato,
als einer der zeitlosen Denker des griechischen Altertums. Er ist auch an „wirtschaftlichen Angelegenheiten von einem moralischen Gesichtspunkt aus interessiert. Er teilt den Handel in zwei Kategorien
ein: das Haushalten für eine Gemeinschaft und das Geldverdienen um seiner selbst willen. Das erste
nennt er „oekonomia“, das letztere „chremastika“.“ Manche Ökonomen vertraten die Auffassung, die
Ökonomie sollte eigentlich „Chremastika“ heissen.
Aristoteles sah als einer der ersten Philosophen, dass es im Bereich der Marktaktivitäten auch ein moralisches Problem gibt. Dies wird in der NIKOMACHISCHEN ETHIK besprochen, wobei er sich mit
der Frage nach dem richtigen Verhältnis der Einzelnen untereinander befasst. „So ist denn gesagt, was
das Gerechte und das Ungerechte ist. Es ergibt sich daraus, dass das gerechte Handeln die Mitte ist
zwischen dem Unrecht tun und Unrecht leiden. Denn das eine ist ein Zuviel, das andere ein Zuwenig.
Die Gerechtigkeit ist also eine Mitte, freilich nicht auf dieselbe Art wie die übrigen Tugenden, sondern
weil sie die Mitte schafft. Die Ungerechtigkeit dagegen schafft die Extreme. Die Gerechtigkeit ist also
jene Tugend, durch die der Gerechte sich für das Gerechte entscheidet und danach handelt und sich im
Verhältnis zu anderen oder andere im Verhältnis zueinander nicht so zuteilt, dass er sich selbst vom
Wünschbaren mehr, dem anderen weniger gibt, und vom Schädlichen umgekehrt, sondern dass er nach
der proportionalen Gleichheit verfährt und dies auch bei anderen untereinander. – Die Ungerechtigkeit
macht umgekehrt ungerecht handeln, also in einem Übermass oder Mangel das Nützliche oder Schädliche gegen die Proportion. Darum ist auch Ungerechtigkeit Übermass und Mangel, weil sie Übermass
und Mangel erzeugt, für sich selbst ein Übermass des schlechthin Nützlichen und ein Mangel des
Schädlichen. Bei den anderen verfährt sie im Ganzen gleich und verletzt die Proportionen, nur bleibt
es zufällig, was sie tut. … Bei der ungerechten Tat ist es das Geringere, das Unrecht leiden, das Grössere. das Unrecht tun.
DIE PROPORTIONALE VERGELTUNG
„So sei A ein Baumeister, B ein Schuster, C ein Haus und D Schuhe. Der Baumeister muss nun die
Arbeit des Schusters erhalten und dafür von der seinigen geben. Wenn nun als erstes die proportionale
Gleichheit hergestellt wird und sodann die Wiedervergeltung eintritt, so geschieht das, was wir meinen. Wenn nicht, so haben wir keine Gerechtigkeit und keinen Zusammenhang. Dabei hindert nichts,
dass die Leistung des einen derjenigen des anderen überlegen ist. Doch eben dies muss ausgeglichen
werden.“
In Wahrheit ist es „das Bedürfnis, das alles zusammenhält. Wenn sie nämlich keine Bedürfnisse hätten
oder nicht in derselben Weise, so käme kein Tausch zustande, oder doch nicht in derselben Weise. So
ist aufgrund einer Abmachung das Geld der Vertreter der Bedürfnisse geworden. Darum trägt es auch
den Namen Geld (nomisma), weil es nicht von Natur, sondern durch das Herkommen gilt, und weil es
bei uns steht, es zu verändern und wertlos zu machen.“
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„Das Geld macht also wie ein Mass die Dinge messbar und stellt eine Gleichheit her. Denn ohne
Tausch wäre keine Gemeinschaft möglich, und kein Tausch ohne Gleichheit und keine Gleichheit
ohne Kommensurabilität. In Wahrheit allerdings können Dinge, die so weit voneinander verschieden
sind, nicht kommensurabel werden, aber soweit es das Bedürfnis verlangt, ist es möglich.“
„Es muss also ein einheitliches Mass geben, und zwar auf Grund einer Voraussetzung. Darum heisst
es auch Nomisma. Dieses macht alles kommensurabel, denn alles wird am Geld gemessen, etwa: A sei
ein Haus, B 10 Minen, C ein Bett. A ist nun die Hälfte von B, wenn das Haus 5 Minen wert ist. Das
Bett sei ein Zehntel von B. Daraus ergibt sich, wie viel Betten auf ein Haus gehen, nämlich fünf. Dass
auf diese Weise der Tausch vor sich ging, ehe es das Geld gab, ist klar. Denn es macht keinen Unterschied, ob man fünf Betten für ein Haus gibt oder den Wert von fünf Betten.
DIE WISSENSCHAFT VOM ERWERB
„Eine Art der Erwerbskunst ist also im Einklang mit der Natur, ein Teil der Kunst der Hausverwaltung, wo sie entweder vorhanden sein oder von ihr beschafft werden muss, damit alles vorhanden ist,
wovon es eben eine Hortung dieser Dinge gibt, die für die Gemeinschaft von Staat und Haus nötig und
nützlich sind.“
„Doch es gibt noch eine andere Art von Erwerbskunst, die man ganz besonders, und das zu Recht, das
Kapitalerwerbswesen nennt, demzufolge es keine Grenze für Reichtum und Besitz zu geben scheint.
Viele vertreten die Ansicht, dieses sei ein und dasselbe mit der vorhin genannten Kunst, und zwar
wegen der Nachbarschaft zu ihr.“
„Bei der Kunst der Hausverwaltung aber, die ja kein Kapitalserwerbswesen darstellt, gibt es eine
Grenze. Denn diese Geldmittelbeschaffung ist nicht Aufgabe der Kunst der Hausverwaltung. Demnach
scheint es insofern bei jedem Reichtum eine Grenze geben zu müssen; angesichts der Tatsachen sehen
wir aber, dass das Gegenteil eintritt. Alle Geschäftemacher nämlich wollen ins Unbegrenzte hinein ihr
Geld vermehren.“
„Denn etwas anderes ist das Kapitalerwerbswesen und der naturgemässe Reichtum; …Doch das Handelswesen beschafft Vermögen, nicht allerdings auf jegliche Art und Weise, sondern nur durch das
Umsetzen von Geldmitteln. Und dieses Handelswesen dreht sich allem Anschein nach um das Geld.
Denn das Geld ist Element und Grenze des Tauschverkehrs. Und unbegrenzt ist also dieser Reichtum,
der von diesem Kapitalerwerbswesen herrührt.“
„Da nun dieses Kapitalerwerbswesen, wie wir dargetan haben, ein Doppeltes ist, einerseits eben das
Handelswesen und andererseits die Kunst der Hausverwaltung, … so ist vollkommen vernünftig die
Wucherei verhasst deswegen, weil dort vom Geld selber das Erwerben rührt, nicht aber von dem, wozu eigentlich das Geld angeschafft wurde. Denn zum Geld kam es um des Umsetzens willen, der Zins
jedoch vermehrt dieses selbst. Daher hat der „Zins“ auch seinen Namen bekommen. … Und so bedeutet Zins Geld vom Geld. Demnach ist diese Art des Kapitalerwerbes, die, die am meisten der Natur
zuwider läuft.“
ZUSAMMENFASSUNG
Aristoteles lebte von 384 – 322 v. Chr. in einer Zeit, als die Selbstversorgung üblich war. Jeder Freie
hatte ein Haus in der Stadt und ein Stück Land, das seiner Versorgung diente. Die Arbeit verrichteten
vor allem Sklaven, die aber zum Hausstand gehörten. Es gab vornehmlich nur den Tauschhandel. Überschuss wurde gegen Mangel getauscht. Waren wurden durch das Geld vergleichbar gemacht, aber
die Menschen waren ungleich, sodass jeder seinen eigenen Bedarf hatte. Der Tausch wurde als gerecht
empfunden, wenn beide Teile damit einverstanden waren. Damit war der Tausch auch natürlich begrenzt. Aber schon zu Zeiten Aristoteles’ bildete sich das „Kapitalerwerbswesen“ heraus, indem die
Händler alles, was sie aufkauften, auch wieder verkauften und so vor allem auf den Erwerb von Geld
aus waren. Somit schien keine natürliche Grenze mehr für den Gelderwerb zu bestehen, was als ungut
angesehen wurde.
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BLICK VON ARISTOTELES AUF DIE HEUTIGE ZEIT
Auch in der heutigen globalen Wirtschaft können wir nicht mehr verbrauchen, als produziert wird, und
wir können nicht mehr produzieren, als die Ressourcen zulassen. Durch Rezirkulierung können wir die
Ressourcen mehr oder minder im Gleichgewicht halten, aber auch die eingestrahlte Energie hat weltweit einen endlichen Wert, sodass sich der Handel schlussendlich wieder auf den Ausgleich von Überschuss und Mangel beschränken muss, auch wenn Geld und Kapital nominal vorhanden sind. Denn
diese sind doch nur Tauschmittel. So muss wieder eine Genügsamkeit auf Weltniveau stattfinden. Der
Traum vom unbegrenzten Wirtschaftswachstum ist schlussendlich eine Illusion, da wir zunächst in
einer begrenzten materiellen Welt leben. Deshalb ist z. B. die Idee von Peter Spiegel zu beherzigen,
einen Verbund herzustellen zwischen der Wasserkraft in den Alpenländern, der Holzverwertung in
Skandinavien, der Sonnenenergie in Nordafrika sowie der Windkraft in Mitteleuropa. Dadurch ergibt
sich in Europa ein Ausgleich zwischen Mangel und Überfluss. Für eine globale Welt muss dieser Ausgleich von Mangel und Überfluss aber auch in Ost-West-Richtung stattfinden, indem die in der Nacht
nicht gebrauchte Energie der beginnenden Tagschicht zur Verfügung gestellt wird.
Der Neoliberalismus ist eine bedrohliche Kinderkrankheit der zur eigenen Aktivität erwachenden
menschlichen Persönlichkeiten, die aber durch ein öko- und sozialverträgliches Verhalten geheilt werden kann.
LITERATUR
Gigon, O. (1967): Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. Artemis-Verlag, Zürich und Stuttgart
Heilbronner, R. (2006): Die Denker der Wirtschaft. FinanzBuch Verlag GmbH, München
Nestle, W. (1977). Aristoteles’ Hauptwerke. A. Körner Verlag, Stuttgart
Spiegel, P. (2007): Eine humane Wirtschaft. Patmos Verlag GmbH, Düsseldorf
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