Schleswig, 21. Mai 2007

Werbung
Die Sünder, der Sturm und
die Strafe. Rungholt in 2070?
Hans von Storch;
Institut für Küstenforschung,
GKSS Forschungszentrum, Geesthacht; und
Meteorologisches Institut, Universität Hamburg
27 Juni 2007
Folie 1 Husum, 5. Juli 2007
Hans von Storch
Klimaforscher
Spezialgebiet: Küstenklima, also
Windstürme, Sturmfluten, Seegang,
Nordsee, Nordatlantik
Kooperation mit
Sozialwissenschaftlern
27 Juni 2007
Folie 2 Husum, 5. Juli 2007
Küstenforschung
GKSS, Geesthacht
Beschreibung und Bewertung von gegenwärtigem Klima und Klimawandel im
Küstenraum.
Ableitung von Szenarien des möglichen zukünftigen Klimawandels im
Küstenraum.
Besonderes Augenmerk: Windbezogene Aspekte, also Windkraft,
Sturmfluten und Seegang.
Vor allem: Nord- und Ostsee.
27 Juni 2007
Folie 3 Husum, 5. Juli 2007
Nordeutsches Klimabüro@GKSS
Klimaforschung
Norddeutsches
Klimabüro
Praxis
z.B. Küstenschutz, Tourismus,
Landwirtschaft, Off-shore
Schiffbau, Transport,
NorddeutschesAktivität,
Klimabüro
Fischerei, Energieversorgung
schließt Lücke
Wasserwirtschaft,
Versicherungen
zwischen Klimaforschung
und Praxis
27 Juni 2007
Folie 4 Husum, 5. Juli 2007
Klima, Küstenklima
Klima ist die Statistik des Wetters, nicht “durchschnittliches
Wetter” (gibt’s nicht).
Alle „Wetter“variablen - in Atmosphäre, Ozean und anderen
Klimakomponenten.
Besonderes Interesse: Variablen und Kennstatistiken mit
Bedeutung für Gesellschaft.
Küsten: Wind, Seegang, Wasserstand, und deren Extreme.
27 Juni 2007
Folie 5 Husum, 5. Juli 2007
27 Juni 2007
Folie 6 Husum, 5. Juli 2007
Windklimaänderungen
Schwierig festzustellen, weil die Messmethoden sich ändern.
(Früher: subjektiv visuell, heute instrumentell)
Schwierig festzustellen, weil die unmittelbare Umgebung von
Bedeutung ist.
Fast alle langen Winddatensätze sind inhomogen, d.h. spiegeln nicht
nur Änderungen des Windklimas wieder sondern auch andere
Faktoren (Beobachtungsmethode & - dichte, lokale Änderungen)
27 Juni 2007
Folie 7 Husum, 5. Juli 2007
10-jährige Mittel der
jährlichen Häufigkeiten von Starkwindereignissen (Windstärken von mehr als
7) in Hamburg.
Scheinbare
Änderungen
der Sturmstatistik
27 Juni 2007
Folie 8 Husum, 5. Juli 2007
27 Juni 2007
Folie 9 Husum, 5. Juli 2007
Öffentliche Aufmerksamkeit
Klima wird fast immer als
schlechter werdend
wahrgenommen.
Jahreszeiten weniger zuverlässig,
stärkere Extreme, speziell
mehr/schwerere Stürme.
27 Juni 2007
Folie 10 Husum, 5. Juli 2007
Überblick: 28 Thesen
 Naturwissenschaftliche Einschätzung
des menschgemachten Klimawandels –
global
 Naturwissenschaftliche Einschätzung
des menschgemachten Klimawandels –
regional
 Reaktionsmöglichkeiten – Anpassung
und Verminderung
27 Juni 2007
Folie 11 Husum, 5. Juli 2007
Naturwissenschaftliche Einschätzung des
menschgemachten Klimawandels – global
1) Das Klima ist veränderlich; es wirken natürliche Faktoren und
menschgemachte Faktoren
2) Der wichtigste menschgemachte Faktor ist die erhöhte
Gegenwart von strahlungsaktiven Gasen, den so genannten
Treibhausgasen, in der Atmosphäre. Diese Treibhausgase werden
durch vielfältige menschliche Aktivität freigesetzt und nur
langsam wieder aus der Atmosphäre entfernt.
3) Beim Übergang des wichtigsten Treibhausgases, des
Kohlendioxids, in den Ozean führt dieses zu einer Veränderung des
Säuregrades des Ozeanwassers.
4) Erhöhte Konzentrationen von Treibhausgasen in der
Atmosphäre führen zu einer Erwärmung. Neben der Wirkung auf
die Temperatur und unmittelbar damit zusammenhängenden
Eigenschaften sind die Veränderungen anderer Klimavariablen
räumlich uneinheitlich.
27 Juni 2007
Folie 12 Husum, 5. Juli 2007
Einschätzung:
Globale Erwärmung real?
5) Die
KlimaforschungsGemeinschaft ist
sehr weitgehend
davon überzeugt,
dass die derzeitig
beobachteten
Veränderungen des
Klimas weitgehend
(ca. 2/3) auf den
menschlichen
Einfluss zurück geht.
27 Juni 2007
Folie 13 Husum, 5. Juli 2007
Naturwissenschaftliche Einschätzung des
menschgemachten Klimawandels – global
6) Die Ansichten darüber, inwieweit wir derzeit
verstärkte oder vermehrte Extremereignisse (also etwa
Windstürme, Starkniederschläge) sehen, ist gespalten.
7) Beschreibungen der Zukunft sind keine Vorhersagen,
sondern alternative Szenarien, deren Wahrscheinlichkeit
nicht angegeben werden kann. Sie sind keine
Vorhersagen sondern hängen davon ab, wie sich die
Emissionen zukünftig entwickeln. Sie stimmen jedoch alle
darin überein, dass die Temperaturen und die mittleren
Wasserstände steigen.
27 Juni 2007
Folie 14 Husum, 5. Juli 2007
Einschätzung:
IPCC Berichte zutreffend?
8) Die Einsichten
der Klimaforschung
werden in den IPCCBerichten
(Intergovernmental
Panel on Climate
Change, in der
Öffentlichkeit
bisweilen als
„Klimarat der UN“
bezeichnet) gut
zusammengefasst.
27 Juni 2007
Folie 15 Husum, 5. Juli 2007
Regionale Entwicklung der
Temperatur und Sturmtätigkeit
11) Temperaturen in
Norddeutschland sind in
den letzten Jahrzehnten
gestiegen.
Sturmtätigkeit hat von
Jahrzehnt zu Jahrzehnt
geschwankt, aber auf
längere Sicht fast
unverändert seit 1800.
Lund und Stockholm
27 Juni 2007
Folie 16 Husum, 5. Juli 2007
Wasserstand in der Nordsee
12) Derzeitige
Veränderungen des
mittleren
Wasserstands in der
Nordsee unklar, da
lokale
Wasserstandsreihen
von verschiedenen
nichtklimatischen
Faktoren abhängen
27 Juni 2007
Wasserstandsschwankungen – Jahresmittel der
Tidenhochwasser und jährliches 99%-til der
Tidenhochwässer relativ zum Jahresmittel
Folie 17 Husum, 5. Juli 2007
Sturmfluten in der Elbe
Vergangenheit
27 Juni 2007
Folie 18 Husum, 5. Juli 2007
Sturmfluten in der Elbe
Vergangenheit
Differenz Scheitelhöhen
Hamburg - Cuxhaven
13) Sturmfluten in der Elbe
deutlich erhöht seit 1962 –
aufgrund wasserbaulicher
Maßnahmen, vor allem wegen
der Verkürzung der Deichlinie
27 Juni 2007
Folie 19 Husum, 5. Juli 2007
Szenarien für Norddeutschland
27 Juni 2007
14) Szenarien für Norddeutschland (gerundet):
2030: Temperaturen +1 ±0.4 Grad; Starkwind +2%±1% (Winter);
Niederschlag –10% Sommer, +10% Winter (±5%);
2085: Temperaturen +3 ±1.2 Grad; Starkwind +8%±4%; (Winter)
Niederschlag –30%
+30%
Winter (±10%);
Folie 20Sommer,
Husum, 5. Juli
2007
Sturmfluthöhen längs
der deutschen Nordseeküste
14) Szenarien für Sturmfluten an der
Nordsee spiegeln sowohl veränderte
Windbedingungen als auch veränderte
Füllungen der Weltozeane wieder
Woth, pers. Mitteilung
27 Juni 2007
Folie 21 Husum, 5. Juli 2007
IPCC-Szenarien von Anstieg
mittlerer Wasserstand [m]
27 Juni 2007
Folie 22 Husum, 5. Juli 2007
Sturmfluthöhen
in Cuxhaven und Hamburg
Ohne Landhebung/senkung,
morphologische Veränderungen!
27 Juni 2007
Folie 23 Husum, 5. Juli 2007
Reaktionsmöglichkeiten auf
Klimawandel
16) Der menschgemachte Klimawandel ist nicht mehr ganz
zu vermeiden, er ist nur noch zu vermindern.
Der menschgemachte Klimawandel findet statt. Er wird
sich in Zukunft weiter und deutlicher entfalten.
Er ist bei uns sichtbar im thermischen Regime.
Reaktionsmöglichkeiten:
Vermeidung von Klimawandel
- durch Emissionsminderungen
- durch technische Eingriffe
Anpassung an Klimawandel.
27 Juni 2007
Folie 24 Husum, 5. Juli 2007
Reaktionsmöglichkeiten – Anpassung
und Verminderung
17) Jeder Klimawandel wird erhebliche Anstrengungen für eine
Anpassung an veränderte Bedingungen nach sich ziehen.
18) Optimistische Vorstellungen sprechen davon, dass der
Anstieg der globalen Lufttemperatur bis 2100 auf 2 Grad über
dem Niveau von 1850 begrenzt werden kann.
19) Die 2 Grad Zahl ist eine politische Zahl, keine
wissenschaftliche Zahl. Evtl. ist sie von Wissenschaftlern
vorgeschlagen worden, weil sie sie für die kleinste erreichbar
Zahl halten.
20) Da der Klimawandel nicht mehr völlig vermieden werden kann
und eine globale Änderung von 2 Grad regional und lokal zu
deutlich veränderten klimatischen Bedingungen führen wird,
werden Anpassungsmaßnahmen auch in diesem optimistischen
Falle erforderlich.
27 Juni 2007
Folie 25 Husum, 5. Juli 2007
Reaktionsmöglichkeiten – Anpassung
und Verminderung
21) Szenarien sprechen auch von der Möglichkeit, dass
erheblich höhere Temperaturanstiege vor uns liegen
könnten, z.B. 5-6 Grad.
22) Viele Abschätzung über zukünftige Schäden, wie z.B. die
neulich von einer NGO veröffentlichten zukünftigen
Todeszahlen aufgrund von Hitzestress, sind mit politischen
Hintergedanken formuliert.
Zum einen vernachlässigen sie die Wirkung von
Anpassungsmaßnahmen, und zum anderen verschweigen sie,
dass gleichzeitig weniger Kältewellen weniger
Gesundheitsbelastungen darstellen würden.
27 Juni 2007
Folie 26 Husum, 5. Juli 2007
Reaktionsmöglichkeiten – Anpassung
und Verminderung
23) In der öffentlichen Debatte wird das Thema der Anpassung
kaum thematisiert; es ist vielmehr als „defätistisch“ fast
tabuisiert; in den Verwaltungen und bei Betroffenen jedoch
wird diese Perspektive jetzt verstärkt aufgegriffen.
24) Die ausschließliche Fixierung der öffentlichen Debatte auf
die Verminderungen der Emission ist daher nicht
problemangemessen. Sie vernachlässigt in unverantwortlicher
Weise den Schutz der Gesellschaft vor den derzeitigen und
zukünftigen Klimagefahren.
25) Neben Forschung und Planung für den „Klimaschutz“
(Schutz des Klimas vor dem Menschen) ist auch aktive
Forschung für den Schutz der Gesellschaft vor dem (jetzigen
und zukünftigen) Klima nötig, also Forschung zur Ermöglichung
und Absicherung wirksamer Anpassungsmaßnahmen.
27 Juni 2007
Folie 27 Husum, 5. Juli 2007
Reaktionsmöglichkeiten – Anpassung
und Verminderung
26) Versuche, den Eindruck zu erwecken, die breit
propagierten weitgehend symbolische Akte würden „das
Problem“ lösen, verharmlosen das Problem.
Energiesparlampen und Verzicht auf Fernreisen lösen „das
Problem“ nicht.
27) Wissenschaftler sollten nicht die Bandbreiten der
Optionen einschränken, und „richtige“ Politiken vorgeben,
sondern die volle Bandbreitem der Optionen inkl. aller
Vorbehalte als Informationen in den gesellschaftlichen
Raum geben (Konzept des „ehrlichen Maklers“) .
27 Juni 2007
Folie 28 Husum, 5. Juli 2007
Die Sünder, der Sturm
und die Strafe. Rungholt in 2070?
27 Juni 2007
Folie 29 Husum, 5. Juli 2007
Wenn wir über Klimawandel
und Sturmfluten denken und
sprechen, dann müssen wir
berücksichtigen:
a) Wir sind Teil einer Kultur,
die Vorstellungen über Klima
und über Wetterrisiken
(Sturmfluten) konstruiert
und tradiert.
b) Daher sind gewisse
Erklärungen a-priori in der
öffentlichen Wahrnehmung
richtig, weitgehend
unabhängig von der
Tatsachenlage.
27 Juni 2007
Folie 30 Husum, 5. Juli 2007
Diese kulturell
konstruierten
Wahrheiten sind:
a) Die Natur schlägt
zurück, wenn sie zu sehr
vom Menschen gequält
wird.
b) Sie schlägt zurück mit
Extremereignissen.
c) Extremereignisse sind
Zeichen an der Wand
und mahnen zur Umkehr.
d) Ohne moralische
Umkehr nehmen die
Extremereignisse zu,
siehe (a).
27 Juni 2007
Folie 31 Husum, 5. Juli 2007
Damit ist der Untergang
Rungholts eine Mahnung für
uns – um diesem Schicksal zu
entgehen müssen wir
(umwelt)gerechter leben.
In der Logik unserer Kultur
richtig, im Lichte
naturwissenschaftlichen
Fakten keine sinnvolle
Deutung.
Trotzdem sollten wir
umweltgerechter leben, aber
das allein bewahrt uns nicht
vor dem Schicksal
Rungholts.
27 Juni 2007
Folie 32 Husum, 5. Juli 2007
Klima ist gefährlich – auch heute
Stürme und
Sturmfluten gehören
zu Nordfriesland wie
die Möwen.
- und auch im Rahmen
des heutigen Klimas
sind wesentlich
höhere Sturmfluten
zwar sehr
unwahrscheinlich
aber dennoch möglich
(+1 m?)
27 Juni 2007
Folie 33 Husum, 5. Juli 2007
Herunterladen