Preis

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Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
3. VWL kompakt
3.1. Markt, Wettbewerb, Wohlfahrt
Eine von Ökonomen mit ganz besonderem Interesse betrachtete
Gruppe von Entscheidungsproblemen ist jene, deren Lösungen darin bestehen, Güter auf Märkten anzubieten/nachzufragen
bzw. – gegeben entsprechende Marktkonditionen – kein Angebot
zu unterbreiten, auf eine Nachfrage zu verzichten.
Wer die in arbeitsteilig operierenden Wirtschaftssystemen möglichen Spezialisierungsvorteile realisieren will, die Koordination
durch ein zentrales Planungsbüro aber für illusorisch, zu komplex
oder auch – etwa aus anthropologischen Gründen – für prinzipiell
unangemessen hält (→ v. HAYEK: „Anmaßung von Wissen“), muss
Wirtschaftssubjekten Gelegenheit, den nötigen Freiraum dazu geben, einen sich dezentral organisierenden Handel zu betreiben.
Den ökonomischen Ort des Aufeinandertreffens von Angebot und Nachfrage nennt man M arkt .
Guido Henkel
1
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Das dem Naturaltausch inhärente Problem der doppelten
Koinzidenz wird umgangen, wo der Einsatz von Geld, wo Zahlungen die (Tausch-) Wertbestimmung und eine Übertragung von
Eigentums- oder Nutzungsrechten an den gehandelten Gütern
institutionell und symbolisch manifestieren. Die realisierte Nachfrage wird hier zum Kauf, dem ein Verkauf in (tausch-) wertgleicher Höhe gegenübersteht.
Beachte: Nicht jedes Tausch- ist ein Geld-, jedes Geld- aber ist
auch ein Tauschgeschäft!
In der Geldwirtschaft gilt:
− Jedes Angebot nicht-monetärer Güter ist gleichzeitig, uno actu,
die Nachfrage nach einem Geldbetrag, einer (zusätzlichen)
Kassenhaltung in bestimmter Höhe.
− Jede Nachfrage nicht-monetärer Güter ist gleichzeitig, uno actu,
das Angebot eines Geldbetrags einer bestimmten Höhe.
Guido Henkel
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Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Sind die am Markt angebotenen/nachgefragten Güter käuflich,
bemisst sich ihr Tauschwert in Geldeinheiten, d. h. in den (nominalen Geld-) Preisen, die man zu zahlen hat, um sich das Eigentums(→ Art. 14 GG) oder Nutzungsrecht an diesen Gütern zu sichern.
Wer oder was bestimmt die Höhe der absoluten und der relativen Preise, jenes Mengen- resp. Werteverhältnis, zu dem nichtmonetäre Güter(bündel) gegen andere Güter(bündel) bzw. Geldbeträge getauscht werden?
Nicht zuletzt: Konkurrenzmechanismen (lat. concurrere = zusammenkommen, aufeinandertreffen), ein antagonistischer Wettbewerb und die ihn regelnde, ihn erst ermöglichende, eine staatlich
konstituierte und hoheitlich exekutierte Wettbewerbsordnung!
→ GWB, UWG, AEU-Vertrag, Bundeskartellamt, Generaldirektion
Wettbewerb der Europäischen Kommission, Monopolkommission,
div. Regulierungsbehörden: Bundesnetzagentur etc.
Guido Henkel
3
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Diesen Wettbewerb – wie auch die wettbewerbsbeschränkenden Maßnahmen – gibt es grundsätzlich …
− … zwischen Akteuren der selben Marktseite
→ Konkurrenz der Anbieter/Nachfrager untereinander darum,
wer erstens überhaupt, und zweitens bei welchem Nachfrager/Anbieter, und wie, zu welchen Konditionen (Preis, Qualität,
Liefer-, Servicebedingungen usw.) zum Zuge kommt.
− … zwischen der Angebots- und der Nachfrageseite eines
Marktes
→ Konkurrenz der Anbieter/Nachfrager um Produzenten-/Konsumenten-Renten (s. u.), d. h. um jeweils ihr Stück von jenem
Kuchen, den die gains from trade darstellen.
Die Existenz und Intensität des Wettbewerbs wird dabei – außer
vom spirit of competition der einzelnen Marktteilnehmer bzw. einer
historisch gewachsenen Wettbewerbskultur – durch die qualitativen und quantitativen Marktstrukturen bestimmt.
Guido Henkel
4
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Die Marktstruktur in ihrer qualitativen Komponente ist insbesondere dadurch charakterisiert, dass es sich bei den gehandelten
Gütern um homogene bzw. mehr oder weniger inhomogene
Güter handelt.
Homogenitätsbedingungen:
• sachlich-physische Gleichartig-, Austauschbarkeit
• Abwesenheit personenbezogener Präferenzen (für oder gegen
bestimmte Anbieter/Nachfrager)
• Abwesenheit raumbezogener Präferenzen
• Abwesenheit zeitbezogener Präferenzen
Die qualitative Marktstruktur macht zudem aus, welcher Grad an
Marktransparenz vorliegt, wie vollkommenen bzw. mehr oder
weniger unvollkommenen und ggf. auch asymmetrisch die Marktteilnehmer über entscheidungsrelevante Parameter informiert sind.
Guido Henkel
5
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Man spricht von einem vollkommenen Markt, wenn sowohl die
Transparenz- als auch die Homogenitätsbedingungen erfüllt sind.
Für dieses theoretische Konzept, die Ideal- bzw. ökonomische Referenzvorstellung vollkommener Märkte gilt J EVON ‘s law of
indifference , das Gesetz der Unterschiedslosigkeit der Preise
→ es kann nur einen (Preis) geben …
..., denn die Arbitrage sorgt dafür, dass bestehende Preisdifferenzen (idealerweise: sofort) verschwinden.
Die Marktstruktur in ihrer quantitativen Komponente stellt
darauf ab, wie die beiden Marktseiten numerisch – der absoluten
Anzahl von Mitbewerbern sowie der Verteilung der relativen Marktanteile nach – besetzt sind.
Bei angenommener Größensymmetrie ergibt sich das folgende
Marktformenschema:
Guido Henkel
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# Nachfrager
einer
wenige
viele
einer
bilaterales
Monopol
beschränktes
Monopol
Monopol
wenige
beschränktes
Monopson
bilaterales
Oligopol
Oligopol
viele
Monopson
Oligopson
Polypol
# Anbieter
Wird die unterstellte Symmetrie-Annahme bzgl. der Marktanteilsverteilung aufgehoben, erhält man eine ungleich differenziertere Morphologie.
Ist bspw. die Angebotsseite mit durchweg mittelgroßen Unternehmen besetzt, die Nachfrageseite aber sowohl mit mittelgroßen als
auch mit kleineren Unternehmen, spricht man von einem teil-
oligopsonistisch beschränkten Oligopol ...
Guido Henkel
7
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Zur Vorbereitung auf die Klausur hier noch folgende Frage:
Wie sieht die Besetzung der Marktseiten aus, wenn man es mit
>>teiloligopolistisch beschränkten Teilmonopsonen<< zu tun hat?

Was den Monopol-Fall anbelangt, muss sich der Monopolist, als
Alleinanbieter, definitionsgemäß keiner Konkurrenten erwehren –
jedenfalls keiner aktuellen Mitbewerber; bei dynamischer Betrachtung der Lage wird allerdings deutlich, dass er potenzielle
Markteintritte sehr wohl fürchten muss. Der von ihm dominierte Markt bleibt insofern prinzipiell – abhängig von der Höhe sog.
Markteintrittsbarrieren – bestreitbar (→ contestability). Sein
Monopol ist demnach temporär, ein Monopol auf Zeit.
Der Antagonismus, dem er sich primär und permanent ausgesetzt
sieht, liegt in der Gegenmacht der Nachfrager begründet, die
insbes. nicht bereit sein werden, jeden Preis zu zahlen …
Guido Henkel
8
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Eine weitere Beschränkung seiner unternehmerischen Freiheit erfährt der Monopolist i. d. R. dadurch, dass eine Wettbewerbsordnung vorsieht, eine Kartellbehörde Befugnisse und die geeigneten
Instrumente hat, den möglichen M issbrauch einer m arktbeherrschenden Stellung zu unterbinden.
Unter Beachtung jener Beschränkungen, die ihm (1) die potenziellen Konkurrenten, (2) mit Verweigerung drohende Nachfrager
sowie (3) die Wettbewerbshüter auferlegen, eröffnen sich einem
Monopolisten aber Gestaltungs- und insbes. Preissetzungsspielräume, die es in anderen Marktformen so nicht gibt.
Im Szenario vollständiger K onk urrenz bspw. (: Polypol auf d.
vollkommenen Markt) werden sich die (vielen kleinen, zu gleichen
Kosten produzierenden) Anbieter als Preisnehm er und M engenanpasser verhalten. Der gegebene, gleichgewichtige Marktpreis p* könnte von ihnen weder über- noch unterboten werden.
Guido Henkel
9
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Wer mehr verlangt als p*, verliert seine Kunden an die preiswerter anbietende Konkurrenz.
Weniger als p* zu verlangen, ist auf Dauer ebenfalls nicht möglich, da der Wettbewerb den Marktpreis annahmegemäß (s. u.)
bereits auf ein Niveau gedrückt hat, das für die einzelnen Polypolisten gerade noch ausreicht, ihre Existenz, das Verbleiben am
Markt zu sichern, eine schwarze Null zu erwirtschaften.
p
Mit der realiter weiter verbreiteten Marktform
unvollständiger (auch: m onopolistischer )
K onkurrenz hat man es demgegenüber zu
p*
tun, wenn viele kleine Anbieter, Polypolisten,
x
auf einem unvollkommenen, also auf einem
Markt operieren, für den die Transparenz- und/ Ein Friseur in MD muss nicht
oder Homogenitätsbedingungen verletzt sind. befürchten, dass er gleich
Die Nachfrage, der sich der einzelne Anbieter alle Kunden verliert, wenn er
hier gegenübersieht, ist nicht unendlich preis- etwas mehr verlangt als die
elastisch.
Konkurrenz ...
Guido Henkel
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Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Wenn bspw. die sachliche Gleichartigkeit der Güter nicht gegeben
ist, Qualitätsunterschiede existieren, hat der jeweilige Anbieter
einer von ihm u. U. exklusiv angebotenen Güteklasse so etwas wie
einen quasi-m onopolistischen Preissetzungsspielraum.
Übertreibt er es aber mit den Preisforderungen für sein Produkt,
wird es ihm gehen wie einem klassischen Monopolisten (s. o.): Die
Nachfrager würden abwandern, substituieren – entweder andere
Güteklassen oder gänzlich andere (Ersatz-) Produkte kaufen.
Wie steht es schließlich mit der Möglichkeit der Oligopolisten,
(Beispiel: Duopol Airbus/Boeing) aktive Preispolitik zu betreiben?
Nun, im Oligopol gilt grundsätzlich, dass die (wenigen) Anbieter im
Zustand einer ausgeprägten strategischen I nterdependenz
agieren und eine hohe R eaktionsverbundenheit aufweisen.
Was jeder einzelne tun und schlussendlich absetzen kann, hängt
stark davon ab, was die anderen tun. Hier gibt es in Theorie und
Praxis diverse Kalküle und Strategien, sich rational zu verhalten …
Guido Henkel
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Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Auf der anderen Seite ist richtig, dass die Voraussetzungen dafür,
(Preis-, Rabatt-, Gebiets- usw.) Kartelle zu bilden, in Oligopolen
vergleichsweise günstig sind. Auch die Versuchung, implizite Verabredungen und nicht zuletzt Preisabsprachen zu treffen, sich
aufeinander abgestimmter Verhaltensweisen zu bedienen
(→ Parallelverhalten von Tankstellen ...) oder gar kollusiv zu handeln (→ gemeinsame, monopolanaloge Gewinnmaximierung),
scheint im Oligopol eher groß.
… - insbesondere dann, wenn es sich um enge und zugleich symmetrische Oligopole handelt, die Oligopolisten sehr ähnlich aufgestellt, annähernd gleichstark sind, so dass der Ausgang eines
aggressiven Verdrängungswettbewerbs a priori ungewiss wäre.
Bevor wir uns an die nähere Analyse des konkreten Verhaltens in
den einzelnen, bis hierher nur angerissenen Fallunterscheidungen
begeben, sollten wir aber einen Blick auf die allgemeine Theorie
des Angebots werfen:
Guido Henkel
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Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Marktangebot und Verkäuferverhalten:
Die am Markt zum Tausch bzw. Verkauf angebotene Menge eines
aus dem Bestand oder der Produktion stammenden Gutes (:
xS) wird durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst – im Bereich
landwirtschaftl. Erzeugnisse z. B. von der Witterung, von den
Förderkapazitäten der Rohstoffgewinnung, vom Erfindergeist
der Ingenieure, der Produktivität eines Künstlers, der verfügbaren Technologie, dem Zugang zu Faktormärkten usw.
Gegeben dies alles, ist es dann vor allem der Preis, der die
Angebotsmenge, und zwar im Regelfall nach folgendem Muster
bestimmt:
Je höher der Preis, desto größer die Angebotsmenge
→ xS = xS(p), mit: dxS/dp > 0.
Heuristik: Mit steigendem (sinkendem) Preis wird es für Anbieter –
ceteris paribus – (un-) profitabler, Güter auf den Markt zu bringen.
Guido Henkel
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Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Steigt der Preis, lohnt es sich tendenziell, die Produktion auszuweiten, d. h. Überstunden zu machen, mehr Arbeitskräfte einzustellen, Maschinen länger laufen zu lassen, zusätzliche Produktionsanlagen anzuschaffen.
Kurzfristig ist man dabei an eine Kapazitätsgrenze gebunden,
über die hinaus – selbst bei weiteren Preissteigerungen – keine
Mengenausweitungen möglich wären. Mittel- und langfristig sind
die Produktionsmöglichkeiten auch noch oben prinzipiell variabel.
Bei sinkenden Preisen wird eher erwogen, Kosten zu reduzieren, Kurzarbeit anzusetzen, Mitarbeiter zu entlassen, Maschinen
abzustellen, die Produktion zu drosseln.
Sinkt der Preis unter eine gewisse Schwelle, lohnt es sich für den
einzelnen schließlich nicht mehr, überhaupt noch etwas zu produzieren und an den Markt zu bringen – das Geschäft wird unrentabel, führt zu Verlusten und schließlich zu Marktaustritten.
Guido Henkel
14
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Beispiel: Eisverkäufer M ario (vgl. MANKIW/TAYLOR, 2008, S.84f)
Marios Angebotskurve
p
Preis
Menge
(€ je Kugel Eis)
(# Kugeln Eis)
0,00
0
3,00
0,50
0
2,50
1,00
1
2,00
1,50
2
1,50
2,00
3
1,00
2,50
4
0,50
3,00
5
(inter-/extrapoliert)
1
Guido Henkel
2
3
4
5
xS
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Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Durch additive bzw. horizontale Aggregation gelangt man
vom Angebot der einzelnen Anbieter zum Gesamtangebot eines
Marktes. Bei zwei Anbietern:
Preis
Angebotsmenge
Mario
Angebotsmenge
Klaus
Gesamtangebot
0,00
0
0
0
0,50
0
0
0
1,00
1
0
1
1,50
2
2
4
2,00
3
4
7
2,50
4
6
10
3,00
5
8
13
Guido Henkel
16
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Mario
p
p
Klaus
p
Gesamt
3,00
2,50
2,00
1,50
1,00
0,50
1 2 3 4 5
xS
1 2 3 4 5 6 7 8
1 2 3 4 5 6 7 8 9
13
Bewegungen auf der Angebotskurve (bei Variation der beiden endogenen Größen x und p) sind von Verschiebungen der Kurve als
Ganzes zu unterscheiden, zu denen es kommt, wenn sich exogene (Lage-) Parameter ändern. Angenommen bspw. (a) der
Zuckerpreis sinkt (von ZP0 auf ZP1) oder (b) gute Wetteraussichten
lassen die Absatzerwartung ansteigen (von ERW0 auf ERW1) …
Guido Henkel
17
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
(a) Die Anbieter könnten überlegen, zumindest einen Teil des Kostenvorteils in Form von Preissenkungen an die Verbraucher
weiterzugeben – der Wettbewerb könnte sie dazu drängen …
→ Vertikalverschiebung der Angebotskurve nach unten
b) Die Anbieter könnten sich angesichts des zu erwartenden Runs
überlegen, zusätzlich Eis auf Vorrat herzustellen – nicht, dass
man womöglich ausverkauft wäre, Kunden abweisen müsste …
→ Horizontalverschiebung der Angebotskurve nach rechts
p
xS (p, …, ERW0, ZP0)
→
xS (p, …, ERW1, ZP0)
↓
xS (p, …, ERW0, ZP1)
xS
Guido Henkel
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Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Technische Eigenschaften der Angebotskurve:
• Nullstellen, insbes. Schnittpunkt mit der Ordinate, d. h. mit
der p-Achse: xS (p) = 0
→ gibt Antwort auf die Frage, ab welchem (Mindest-) Preis
überhaupt ein Angebot gemacht wird
• Steigung: dxS/dp, typischerweise > 0, konstant bei Linearität
→ gibt Antwort auf die Frage, um wie viele Mengeneinheiten
sich das Angebot ändert, wenn der Preis um eine (marginale, unendlich kleine) Einheit steigt
• Preiselastizität: (dxS/dp) (p/x), typischerweise > 0, variabel
bei Linearität, konstant bei isoelastischen Kurven
→ gibt Antwort auf die Frage, um wie viel Prozent die Angebotsmenge variiert, wenn der Preis um ein Prozent steigt
• Krümmungseigenschaften, Lageparameterelastizitäten u. a. m.
Guido Henkel
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Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Marktnachfrage und Käuferverhalten:
Die am Markt, beim Tausch bzw. Kauf nachgefragte Menge eines
Gutes xD wird durch Vieles beeinflusst. Im analytischen Fokus
stehen der Preis sowie das den potenziellen Käufern zur Verfügung stehende Einkommen, ihr Budget: xD = xD(p, Y).
Bei gegebenem Einkommen ist die folgende Fallunterscheidung für
sich verändernde Preise zu treffen:
∂xD/∂p < 0 → norm ale Nachfrage („law of demand“)
∂xD/∂p > 0 → anom ale Nachfrage (z. B. nach GIFFEN-Gütern)
Mit sukzessiv steigendem (sinkendem) Preis für ein Gut wird es für
Nachfrager – ceteris paribus – Schritt für Schritt unattraktiver
(attraktiver), dieses Gut am Markt zu erstehen. Nur in den Sonderfällen der Nachfrageanomalie kommt es bei steigenden (sinkenden) Preisen zu einer steigenden (sinkenden) Nachfrage.
Guido Henkel
20
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Beispiel: Eisk onsum entin K athrin (vgl. MANKIW/TAYLOR, 2008,
S. 76ff)
p
Preis
Menge
(€ je Kugel Eis)
(# Kugeln Eis)
0,00
12
3,00
0,50
10
2,50
1,00
8
2,00
1,50
6
1,50
2,00
4
1,00
2,50
2
0,50
3,00
0
Kathrins Nachfragekurve
(inter-/extrapoliert)
2
Guido Henkel
4
6
8
10
12
xD
21
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Analog zur Modellierung der Angebotsseite, gelangte man durch
additive bzw. horizontale Aggregation von der Nachfrage einzelner Nachfrager zur Gesamtnachfrage auf einem Markt.
Ebenfalls analog läuft die Unterscheidung von endogenen auf der
einen, exogenen Parametern auf der anderen Seite. Erstere erkennt man typischerweise daran, dass sie an den Achsen stehen –
hier also xD und p. Der Variation endogener Größen entspricht
insofern einer Bewegung auf der Kurve, der Variation exogener
(Lage-) Parameter eine Verschiebung der Kurve selbst.
Angenommen bspw., das Einkommen der Verbraucher steigt oder
fällt, wobei allgemein gelte: Y0 < Y1 < Y2. Bei gleichem Preis und
auch ansonsten konstanten Umständen würde man nunmehr erwarten, dass die Eis-Nachfrage mit steigendem Y tendenziell
steigt – und umgekehrt: ∂xD/∂Y > 0. Den Leuten steht ein größeres Budget zur Verfügung, um es – unter anderem – für mehr Eis
auszugeben → Rechtsverschiebung der Nachfragekurve
Guido Henkel
22
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
p
xD(p, …, Y1)
→
xD(p, …, Y0)
→
xD(p, …, Y2)
xD
Technische Eigenschaften der Nachfragekurve:
• Nullstellen:
− Der Schnittpunkt mit der Ordinate, der p-Achse: xD(p) = 0
→ gibt Antwort auf die Frage, ab welchem (Reservationsoder Prohibitiv-) Preis selbst der eisverrückteste Nachfrager nichts mehr nachfragen würde
− Der Schnittpunkt mit der Abszisse, der x-Achse: xD(p=0)
→ gibt Antwort auf die Frage, welche (Sättigungs-) Menge
bei einem Preis von Null nachgefragt würde
Guido Henkel
23
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
• Steigung: dxD/dp, typischerweise < 0 (Nachfragegesetz), konstant bei Linearität
→ gibt Antwort auf die Frage, um wie viele Mengeneinheiten
sich die Nachfrage ändert, wenn der Preis um eine (marginale, d. h. unendlich kleine) Einheit steigt
• Preiselastizität: (dxD/dp) (p/x), typischerweise < 0, variabel
bei Linearität (s. u.), konstant bei isoelastischen Kurven
→ gibt Antwort auf die Frage, um wie viel Prozent die Nachfrage variiert, wenn der Preis um ein Prozent steigt
• Krümmungseigenschaften, Lageparameter-, insbes. Einkommenselastizitäten (s. u.) etc.
Die Zusammenführung des Angebots- und des Nachfragekonzeptes bringt uns jetzt auf den Markt – in unserem Beispiel: der
Markt für Eiscreme (vgl. MANKIW/TAYLOR, 2008, S.88ff) …
Guido Henkel
24
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
p
p
xD
xS
0,00
19
0
0,50
16
0
2,50
1,00
13
1
2,00
1,50
10
4
1,50
2,00
7
7
2,50
4
10
1,00
3,00
1
13
3,00
xS
xD
0,50
2
4
6
8
10 12 14 16 18
x
Im Schnittpunkt von Angebots- und Nachfragekurve liegt das
Marktgleichgewicht. Der Gleichgewichtspreis beträgt p*=2, die
GG-Menge x*=7.
Guido Henkel
25
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Im GG werden alle Planungen realisiert, niemand hat einen Grund,
seine Pläne zu revidieren. Das System ruht, Preis und Menge verharren auf ihrem GG-Niveau. Der Markt ist geräumt, zum GGPreis ist weder ein Überangebot noch eine Überschussnachfrage vorhanden.
Jeder, der ex ante plante, bei einem Preis von 2 € eine bestimmte
Angebotsmenge bereitzustellen, hat die entsprechenden Käufer
gefunden. Jeder, der plante, bei einem Preis von 2 € bestimmte
Mengen nachzufragen, hat einen Anbieter gefunden, der ihm
exakt diese Mengen zu genau diesem Preis verkauft.
Wenn Nachfrager nicht zum Zuge kommen, liegt das alleine daran,
dass diese nicht bereit sind, p* zu bezahlen. Es ist gerade
Ausdruck ihrer Präferenzen, p* nicht bezahlen zu wollen, mit dem
gesparten Geld etwas Besseres anfangen zu können.
Und Angebotsmengen jenseits von x* werden nur deshalb nicht
abgesetzt, weil für sie mehr als p* verlangt wird.
Guido Henkel
26
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
p
ÜA
3,00
p
xD
xS
1,50
10
4
2,00
7
7
p*
2,50
4
10
1,50
2,50
xS
↓
↑
1,00
ÜN
0,50
2
4
6
8
xD
10 12 14 16 18
x
Preise unter- oder oberhalb von p* führen zu ungleichgewichtigen Marktlagen, (a) Nachfrage- oder (b) Angebotsüberschüssen, die Preisanpassungsprozesse ins GG auslösen werden:
Guido Henkel
27
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
(a) Bei einem Preis von 1,50 € beträgt die
Überschussnachfrage 6 Kugeln; die Nachfrage all derer, die bereit wären, ggf. auch
mehr auszugeben als diese 1,50 € je Kugel
Eis, liegt bei 7 Kugeln.
Bei einem Preis von 1,50 € würden aber
überhaupt nur 4 Kugeln angeboten, so dass
auch einige derer, die eine höhere Zahlungsbereitschaft besitzen, in jedem Falle leer
ausgehen würden.
p
xD
xS
0,00
19
0
0,50
16
0
1,00
13
1
1,50
10
4
2,00
7
7
2,50
4
10
3,00
1
13
→ Überbietungswettbewerb, p steigt mit der Folge (Bewegung auf den Kurven …), dass die Nachfrage von anfänglich 10 Kugeln sukzessive eingeschränkt wird, das
Angebot von anfänglich 4 Kugeln Schritt für Schritt steigt.
Bei p*=2 kommt das Ganze zur Ruhe.
Guido Henkel
28
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
(b) Bei einem Preis von 2,50 € beträgt das
Überschussangebot 6 Kugeln; das Angebot all derer, die bereit wären, ggf. auch weniger für ihr Eis zu verlangen als diese 2,50
€, liegt bei 7 Kugeln.
Bei einem Preis von 2,50 € würden aber
überhaupt nur 4 Kugeln nachgefragt, so dass
mit Sicherheit auch einige derer, die u. U.
preiswerter anbieten würden, keine Nachfrage abbekämen.
p
xD
xS
0,00
19
0
0,50
16
0
1,00
13
1
1,50
10
4
2,00
7
7
2,50
4
10
3,00
1
13
→ Unterbietungswettbewerb, p sinkt mit der Folge (Bewegung auf den Kurven …), dass die Nachfrage von anfänglich 4 Kugeln sukzessive ausgeweitete wird, das Angebot von anfänglich 10 Kugeln Schritt für Schritt sinkt.
Bei p*=2 kommt das Ganze wieder zur Ruhe.
Guido Henkel
29
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Die beschriebenen Preisanpassungen finden außerdem statt, wenn
ex ogene Schock s auftreten, eine – wodurch auch immer ausgelöste – Änderung exogener Parameter die Lage einer oder beider
Kurven verändert. Für die nachfolgende Grafik sei z. B. angenommen, dass ein zusätzlicher Anbieter in den Markt eintrete und –
um die Analyse möglichst einfach zu halten – das Gesamtangebot
(bei allen Preisen) um eine feste Größe ΔxS erhöhe.
→ Parallelverschiebung der Angebotskurve nach rechts …
ÜA
p
xD
= ΔxS
→
p*1
↓ p*2
x S2
x S1
x*1 x*2
Guido Henkel
xD, xS
30
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Im Ergebnis der komparativ-statischen Analyse, d. h. des Vergleichs der beiden Gleichgewichtszustände 1 und 2 bleibt festzuhalten: Der GG-Preis ist gesunken, die GG-Menge gestiegen.
Und der Umsatz, wie haben sich die Gesamterlöse (: Preis mal
Menge) entwickelt? Das kommt offenbar darauf an …
p
x S1
p
x S2
p*1
x S1
x S2
p*2
xD
xD
x*1
xD, xS
x*2
xD, xS
p*1x*1 > p*2x*2  Preiselastizität der Nachfrage (absolut) < 1
p*1x*1 = p*2x*2  Preiselastizität der Nachfrage (absolut) = 1
p*1x*1 < p*2x*2  Preiselastizität der Nachfrage (absolut) > 1
Guido Henkel
31
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
p
Und was wiederum bestimmt diese PEN?
Rein technisch betrachtet, kommt es – außer bei isoelastischen Funktionen (s. nächste Folie) – ganz darauf an, in
3,00
welchem Kurvenabschnitt man sich bewegt.
2,50
Im Falle einer Geraden ist es so, dass die PEN –
dem Betrag nach – zwischen ∞ und 0 variiert.
2,00
Nehmen wir Kathrins Eis-Nachfrage: Eine Preis1,50
senkung von jeweils 50% führte …
- … zu einem 100%-igen Nach1,00
frageanstieg, würde der Kugel0,50
Preis von 2 auf 1 € reduziert.
D
x - … zu einem 25%-igen Anstieg,
würde der Preis von 1 auf 0,50
2
4
6
8 10 12
€ fallen.
Ökonomische Bestimmungsgründe:
- Verfügbarkeit von Substituten …
- ... preisunelastische Nachfrage nach essentiellen Gütern
- kurz- oder langfristige Betrachtung, denn |PEN| steigt im Zeitablauf
Guido Henkel
32
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
p
Bsp. isoelastische Nachfrage:
2,00
Achtung: Bogen- vs. Punktelastizität ...!
1,00
0,50
xD
4
8
16
Preissteigerung um festen Prozentsatz (hier: um je 100%) führt
von jedem Preisniveau aus zu einem Nachfragerückgang um
einen festen Prozentsatz (hier: um je 50%).
Guido Henkel
33
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Wenn also der SCM (oder die OPEC) überlegt, ob er nicht bspw. die
Eintrittspreise (/Rohölpreise) erhöhen könnte, um mehr Geld einzunehmen, sollte er vorher kalkulieren, wie heftig die Mengen, wie
sensibel die Fans (/Autofahrer) darauf reagieren …
→ voice, ex it
Für die Preiselastizität des Angebots PEA gilt übrigens analog:
=
relative Änderung der Angebotsmenge
p
relative Preisänderung
p
xS
PEA = 0
x
Guido Henkel
=
xS
x
p
dxS/x
dp/p
PEA = ∞
xS
x
34
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Im Falle eines vollkommen preisunelastischen, starren Angebots würden noch so starke Nachfrage- bzw. Preissteigerungen
nicht dazu führen, dass sich die Angebotsmenge erhöhte.
Im Falle eines unendlich preiselastischen Angebots wäre jede
gewünschte Menge am Markt zu bekommen, ohne dass es zu Preissteigerungen kommen würde.
Wie sehen nun die konkreten Kalküle und Mechanismen der Preisbildung bzw. mengenmäßigen Güterversorgung in den verschiedenen Marktformen aus, wie sind die Marktergebnisse ihrer Wohlfahrtswirkung nach zu bewerten?
a) bei vollständiger Konkurrenz
b) im Monopol-Fall
c) bei oligopolistischer Marktstruktur
d) im Falle monopolistischer Konkurrenz
Guido Henkel
35
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Ad a) vollständige Konkurrenz
(= Polypol auf dem vollkommenen Markt, s. o.)
Für jeden einzelnen der vielen kleinen, machtlosen Polypolisten ist
die Gesamtnachfrage xD(p), bzw. deren Inverse: die Preisabsatzfunktion p(x), gegeben. Von dieser Marktnachfrage erhalte
er im status quo ante – bei insgesamt m Anbietern – xD/m.
Wollte er seinen Marktanteil vergrößern, müsste er den Preis
senken – mit der unmittelbaren Folge, dass alle Nachfrager jetzt bei
ihm kaufen wollen. Probleme:
- Kapazitätsbeschränkung …,
- Konkurrenten imitieren die Preissenkung, ziehen nach.
Dieser Unterbietungswettbewerb findet sein Ende spätestens
dann, wenn ein Preisniveau erreicht ist, zu dem alle im Markt verbliebenen Anbieter nurmehr Null-Gewinne machen. Zu diesem
Gleichgewichtspreis p* wird von der ersten bis zur letzten abgesetzten Einheit jedes gehandelte Gut ver- und gekauft.
Guido Henkel
36
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
→ Preis = Durchschnitts- = Grenzerlös
Wenn das Handlungsziel jedes einzelnen Polypolisten darin besteht,
seinen Gewinn zu maximieren, so gilt:
max Π = Erlös – Kosten !
Die notwendige Bedingung dafür lautet:
Grenzerlös = Grenzkosten bzw. p = GK
p > GK
: der Absatz einer weiteren Gütereinheit brächte einen zusätzlichen Erlös
p, der größer wäre als die zusätzlichen Kosten. Dieser zusätzliche Absatz
wäre allerdings nur bei niedrigeren als den aktuell herrschenden Preisen
zu realisieren >>> p↓ bis p = GK.
p < GK
: der Absatz einer weiteren Gütereinheit brächte einen zusätzlichen Erlös
p, der die zusätzlichen Kosten nicht decken würde. Die Bedienung zusätzlicher Nachfrage lohnte sich nur zu höheren, d. h. bei Preisen von
mindestens p = GK.
Guido Henkel
37
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Da unsere Polypolisten – bei annahmegemäß identischer Technologie, gleichem Zugang zu Beschaffungsmärkten etc. und letztlich
identischen Kostenfunktionen – keinerlei Preissetzungsspielräume
haben, ihnen auf der anderen Seite definitionsgemäß (Homogenitätsbedingung!) auch keine Werbemittel, Produktinnovation etc. zur
Verfügung stehen, handelt es sich bei dieser vollständigen letztlich
um eine Art „Schlafmützenkonkurrenz“.
p, GK, DK
Konsum entenrente
: max. Zahl.bereitschaft – gezahlter Preis
Die Situation im Gesamtmarkt:
(bei linearem Kostenverlauf, d. h. konst.
GK, und fehlenden Fixkosten!)
p*
GK = DK
p(x) = GE
Erlös = Kosten
Guido Henkel
x*
x
38
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Den Null-Gewinnen der Anbieter steht dabei eine – zumindest in der
statischen Betrachtung – vergleichsweise komfortable Situation der
Nachfrager gegenüber. Sie erzielen – wegen fehlender bzw. unvollständiger Preisdiskriminierung – sog. Konsumentenrenten insofern, als viele der bei x* zum Zuge kommenden Nachfrager bereit
gewesen wären, einen höheren als den im GG herrschenden Preis
p* zu zahlen.
Die Lage ändert sich nicht grundsätzlich, wenn andere, etwa ertragsgesetzliche Kostenverläufe (mit Fixkosten) angenommen werden.
K
K
GK
GK, DK
DK
tan α = K/x
α
Guido Henkel
x0 x1
x
x0 x1
x
39
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
p, …
GK
Die Situation im Gesamtmarkt:
(bei ertragsgesetzlichem Kostenverlauf)
DK
p*
p(x) = GE
x*
x
Für alle möglichen Kostenverläufe gilt:
Produziert und am Markt angeboten wird langfristig nur, solange keine Verluste
entstehen, d. h. die erzielten Erlöse ausreichen, um sämtliche, fixe (: ausbringungsunabhängige) und variable Kosten voll zu decken. Der Durchschnittserlös
(: Gesamterlös/Absatzmenge = Einheitspreis p im vollk. Markt) darf langfristig
nicht kleiner sein als die Durchschnittskosten: DE (=p) ≥ DK – sonst: Insolvenz!
Für das kurzfristige Verbleiben im Markt reicht es aus, wenn zunächst mal ein
Fixkostendeckungsbeitrag erwirtschaftet wird, der erzielte Preis bzw. DE zwar
möglicherweise unter DK, aber doch über den durchschnittlichen variablen Kosten liegt. Ist DE < DVK, sollte die Produktion auch kurzfristig eingestellt werden.
Guido Henkel
40
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Für p = GK als Gewinnmaximierungsbedingung und ein durch den Wettbewerb
vorgegebenes p* kann die Grenzkosten- als Angebotskurve des Gesamtmarktes
aufgefasst werden ...
– als kurzfristige xS, solange p bzw. die DE über den DVK liegt,
– als langfristige xS, solange der p bzw. die DE nicht unter den DK liegt.
Aus diesem Gesamtangebot erhält dann jeder der m Polypolisten den m-ten Teil.
Würde hier zwischenzeitlich ein echt positiver Gewinn erzielt (: p = DE > DK),
hätte dies einen Preissenkungsdruck zur Folge, der erst im gewinnlosen Zustand
verschwände. Parallel dazu zwingt der Wettbewerb auch zur Reduzierung der
Kosten bis in das sog. Betriebsoptimum, d. i. das Minimum der DK. Die obige
Grafik stellt somit den langfristigen Zustand dieses Modellmarktes dar: Es wird im
Betriebsoptimum produziert, alle Anbieter schreiben eine schwarze Null – was aber
die Zahlung eines angemessenen, marktüblichen Unternehmerlohns bzw. eine
Normalverzinsung des (Eigen-) Kapitals nicht ausschließt!
Berücksichtigt man darüber hinaus, dass zu diesen Bedingungen jederzeit weitere
Anbieter neu in den Markt eintreten könnten, hat man sich die Angebotskurve
letztlich als eine waagerechte, auf dem Niveau von p* verlaufende Gerade vorzustellen (s. o. Folien 10, 34). Zum herrschenden GG-Preis kann theoretisch
jede Angebotsmenge verlustfrei bereitgestellt werden (→ PEA = ∞).
Guido Henkel
41
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Ad b) Monopol
(= Alleinanbieter auf vollkommenen Märkten)
Ein Monopolist sieht sich der gesamten Marktnachfrage allein gegenüber und könnte sowohl eine Mengen- als auch eine Preisstrategie fahren. Was er dabei primär zu berücksichtigen hat, ist
also die Reaktion der Nachfrageseite, nicht aber die der (aktuell
fehlenden) Konkurrenten. Ob als autonomer Preis- oder Mengenfixierer – der Monopolist, sagt man, reitet die Nachfragekurve, und
zwar wiederum mit dem Ziel, seinen Gewinn zu maximieren.
Die Maximierungsbedingung erster Ordnung lautet wie gehabt:
Grenzerlös = Grenzkosten
→ der zusätzliche Erlös aus einer zusätzlich abgesetzten Mengeneinheit entspricht hier gerade den zusätzlichen Kosten, die mit
der Ausbringung der zusätzlichen Einheit verbunden sind
GE > GK: Produktionsausweitung brächte Gewinnsteigerung
GE < GK: Produktionseinschränkung brächte Gewinnsteigerung
Guido Henkel
42
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Man beachte: Anders als im Falle vollständiger Konkurrenz, wo der
Grenzerlös für die Polypolisten durch den GG-Preis p* vorgegeben
und mit diesem identisch war, fallen GE und Preis für den Monopolisten auseinander. Er kann seinen Absatz entlang der xDKurve bzw. PAF steigern, indem er sukzessive Preiszugeständnisse
macht. Wie das auf die Erlöse wirkt, verraten die Grenzerlöse …
Bsp.:
p(x) = 100 – x
E = 100x – x2
E‘ = 100 – 2x
mit: E‘ ≥ 0  x ≤ 50
E‘ < 0  x > 50
x(p) = 100 – p
η := (dx/dp) (p/x) = -p/(100-p)
η = -1  -p/(100-p) = -1
 p = 50, x(50) = 50
Guido Henkel
p, GE
100
50
p(x)
GE
50
100 x
43
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Verhaltensbestimmend für unseren Monopolisten ist letztendlich
aber die Auswirkung möglicher Preis- bzw. Mengenvariationen auf
den Gewinn. Erst die algebraische, dann die geometrische Analyse:
max Π = p(x) x – K(x) !
notwend. Bedingung: dΠ/dx = 0, d. h.
(dp/dx) x + p(x) – K‘ = 0

p (1 + 1/η) = K‘ – mit: η = (dx/dp) (p/x) → PEN!
GE
= GK
η<0!
GE liegt um Faktor p/η unterhalb der PAF
Aus K‘ > 0 folgt p (1+1/η) > 0 und schließlich -η > 1
→ Monopolisten bieten im oberen, preiselastischen Teil der PAF
an!
Guido Henkel
44
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
p, …
Konsumentenrente
p, …
GK
GK
DK
p*
GE
Erlös
x*
COURNOTscher
Punkt
Produzentenrente
= Gewinn
p(x)
p*
GE
Kosten
x
DK
x*
p(x)
x
Im Vergleich zum Marktergebnis bei vollst. Konkurrenz fällt insbes. auf:
1. höherer Monopolpreis
2. niedrigere Monopolmenge
3. das Betriebsoptimum wird nicht (unbedingt) realisiert
4. höherer, positiver Gewinn
5. Rückgang der Konsumentenrente
Hier lässt sich außerdem zeigen: Der Rückgang der KR ist größer als der
Zuwachs an PR → die Gesamtwohlfahrt (: KR+PR) sinkt
Guido Henkel
45
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Will man diese Wohlfahrtseinbußen vermeiden oder zumindest begrenzen, ist eine (staatliche) Regulierung des Marktes geboten:
→ Missbrauchsaufsicht über marktbeherrschende Unternehmen
→ ggf. Verstaatlichung
→ Kartellverbot zur Vermeidung kollusiven Handelns
→ Fusionskontrolle
→ Abbau von Markteintrittsbarrieren zwecks Intensivierung
potenziellen Wettbewerbs
→ u. a. m.
Ad c) Oligopol
(= wenige, z. B. 2 Anbieter, Duopolisten, auf vollk. Märkten)
Die Welt der Oligopole ist viel zu differenziert strukturiert, als dass
sie in dieser Grundlagen-Veranstaltung auch nur annähernd befriedigend analysiert werden könnte. Für eine erste Annäherung vgl.
etwa MANKIW/TAYLOR, S. 385ff oder BOFINGER, S. 167ff.
Guido Henkel
46
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Für hier und jetzt muss die Intuition der folgenden, die enge strategische Interdependenz zweier Duopolisten spieltheoretisch aufgreifenden Matrix ausreichen:
Anbieter B
Anbieter A
nicht-kooperativ
kooperativ
nichtkooperativ
Null-Gewinn /
Null-Gewinn
?/?
kooperativ
?/?
½ Monopol-Gewinn /
½ Monopol-Gewinn
Spielen A und B nicht-kooperativ und führen bspw. einen Preiskrieg,
kommt es zu einem Marktergebnis, das demjenigen bei vollständiger Konkurrenz entspricht → B ER TR AN D -W ettbew erb
Nicht zu kooperieren, könnte alternativ aber auch bedeuten, dass
beide z. B. eine autonome Mengenstrategie verfolgten und sie als
Monopolisten bezüglich der (Rest-) Nachfrage aufträten, die der jeweilige Konkurrent übrig ließe … → C OUR N OT-W ettbew erb
Guido Henkel
47
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Wenn beide kooperieren, lässt sich das vielleicht so interpretieren,
dass sie sich den Markt teilen, eine gemeinsame, monopolanaloge
Gewinnmaximierung betreiben → K artell-Lösung, K ollusion
Für die beiden verbliebenen Fälle, in denen jeweils ein Anbieter
kooperierte, der andere aber nicht, gibt es – was das Verhaltensmuster sowie das daraus resultierende Marktergebnis betrifft – eine
Vielzahl von Ausprägungen, etwa S TACKELBER G s Asym m etrie-
Lösung.
Eine nähere Behandlung dieser Konstellationen muss aus Zeitmangel hier aber ebenso unterbleiben wie die Vertiefung von d), der
monopolistischen Konkurrenz – vgl. dazu etwa MANKIW/TAYLOR,
S.411ff bzw. BOFINGER, S.179ff.
Guido Henkel
48
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
3.2. Mikroökonomik und Allokationstheorie
Aus dem ersten Kapitel sind – hoffentlich  – noch die basalen,
zumeist marktbezogenen Aktivitäten des Haushaltssektors bekannt. Hier wird insbesondere …
a)
b)
c)
d)
…
…
…
…
Arbeitsleistung am Arbeitsmarkt angeboten,
das Haushaltseinkommen auf Konsum und Ersparnis verteilt,
ein optimales Konsumgüterbündel zusammengestellt,
ein optimales Vermögensportfolio konfiguriert.
Schauen wir den mikroökonomisch typischen Entscheidern einmal
über die Schulter und sehen zu, wie sie sich an den Märkten arrangieren. Wieder kann es uns nur um primäre, bisweilen naiv und
trivial anmutende Eindrücke gehen, um einen wirklich sehr flüchtigen Blick auf paradigmatisch einschlägige Kalküle, Strukturen, Prozesse.
Guido Henkel
49
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Ad a) Das Angebot auf dem Arbeitsmarkt
Was haben ein 24-stündiger Tag, eine 7-tägige Woche, ein 52wöchiges Jahr und letztlich ein ganzes Leben gemeinsam?
Nun, nicht zuletzt dies: dass der jeweilige Zeitraum für uns in
Arbeits- und Freizeitphasen unterschieden werden kann – wobei idealtypisch gelte: tertium non datur ...
Wenn hier von >>Arbeiten<< die Rede ist, hat dies allerdings
eine höchst reduzierte Bedeutung und mit häuslicher Gartenarbeit
oder dem, wenngleich körperlich anstrengenden und intellektuell
fordernden, Aufbau eines Liegestuhles auf dem heimischen Balkon
zunächst einmal wenig zu tun (→ Freizeitgestaltung). Für die selbständige/abhängige Erwerbsarbeit eines gelernten Landschaftsgärtners im Betrieb, für einen Messebauer, Schaufensterdekorateur
oder Möbelpacker sieht das schon anders aus …
Guido Henkel
50
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Diese Letzteren muss man, normalerweise, dafür bezahlen, entlohnen,
dass sie tun, was sie tun, wenn sie ihrem Beruf, und zwar deshalb nachgehen, um ein Einkommen zu erzielen. Die Freude alleine, die Hebung
des Selbstwert- und jenes Gefühls, gebraucht zu werden, am sozialen Leben in der Erwerbsgesellschaft zu partizipieren, reicht in aller Regel nicht
aus, um sie morgens an den Arbeitsplatz zu bringen. Das somit unterstellte Arbeitsleid muss entsprechend bezahlt, der Verzicht auf den Nutzen
des alternativen Freizeitkonsums durch Lohnzahlung entgolten werden.
Auch Sie, hier und jetzt, könnten mit Ihrer Zeit prinzipiell etwas anderes
anfangen, als eine Vorlesung zu besuchen oder dieses Skript zu studieren.
Sie könnten jetzt ja auch jobben, etwa in einem Biergarten arbeiten (vgl.
BOFINGER, 2007, S.193ff). Warum Sie das nicht tun, hat – der standardökonomischen Theorie des Arbeitsangebotsverhaltens zufolge – insbes.
etwas mit der (für Sie offenbar unzureichenden) Höhe des Lohnsatzes auf
dem Markt zu tun. Oder anders herum, als eine Art unmoralisches Angebot formuliert: Gäbe es nicht auch für Sie einen dermaßen attraktiven
Lohnsatz, dass er Sie noch in dieser Sekunde aus dem Hörsaal ziehen, von
diesem Skript losreißen könnte …?!
Guido Henkel
51
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Sehen wir uns den konkreten Kalkül etwas genauer an:
Max U (Y, F) !
u. d. N. L + F = T → Zeitbudget, z. B. 24 Std./Tag
…
mit:
Y = w . L, Arbeitseinkommen = Lohnsatz („wage rate“, real!) mal Arb.zeit
∂U/∂Y > 0 → mehr Einkommen ist besser als weniger
∂2U/∂Y2 < 0 → mit steigendem Y abnehmender Grenznutzen des Eink.
∂U/∂F > 0 → mehr Freizeit ist besser als weniger
∂2U/∂F2 < 0 → mit steigendem F abnehmender Grenznutzen der Freizeit, spiegelbildlich: steigendes Grenzleid der Arbeit
Ein positives Arbeitsangebot, d. h. der Verzicht auf Freizeit kommt
überhaupt nur in Frage, wenn der am Markt gezahlte Lohnsatz
(genauer: der Nutzen aus dem entsprechenden Einkommen) größer
ist als jener Nutzen, den uns der alternative Freizeitkonsum bringen
würde.
Guido Henkel
52
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Die erste Stunde Freizeit zu opfern, fällt uns dabei tendenziell
am leichtesten; der Lohnsatz, der uns für dieses Opfer gerade entschädigt, wäre vergleichsweise niedrig.
Weitere Freizeitstunden abzubauen und dafür arbeiten zu
gehen, müsste uns Zug um Zug höher entgolten werden.
Für jeden Lohnsatz gibt es für jedes Wirtschaftssubjekt, mit seinen
je persönlichen Freizeit- bzw. Einkommenspräferenzen und entsprechenden Nutzenfunktionen, ein optimales Arbeitsangebot. Stiege
der Lohnsatz (ceteris paribus), aus welchen Gründen auch immer,
würde das Angebot tendenziell zunehmen, denn Freizeit würde jetzt relativ teurer. Jeder Stunde Freizeit steht dann ja ein größerer Einkommensverzicht gegenüber als vor der Lohnerhöhung.
Vermuteter Effekt: Freizeit wird reduziert und zu Gunsten der Arbeitszeit, sprich: der Einkommenserzielung, eingeschränkt.
→ Substitutionseffekt
(außerdem zu berücksichtigen: Einkommenseffekt …)
Guido Henkel
53
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Im neuen Optimum gilt dann wieder, dass der für die letzte Stunde
gezahlte Lohn gerade ausreicht, um den entgangenen Nutzen der
geopferten Freizeitstunde zu entgelten.
In marginalanalytischer Betrachtung: Der negative Grenznutzen des
Freizeitverzichts muss dem (für eine marginale Zeiteinheit gezahlten) Lohnsatz dem Betrag nach gerade entsprechen: |∂U/∂F|= w
Im Optimum, d. h. dem Nutzenmaximum, würde – bei einem vom
(Wettbewerbs-) Markt vorgegebenen Lohnsatz – gelten, dass die
Verwendung einer zusätzlichen Zeiteinheit in beiden Alternativen,
Arbeits- und Freizeit, einen gleich hohen Nutzenzuwachs brächte:
∂U/∂Y = ∂U/∂F → Grenznutzenausgleich
∂U/∂Y > ∂U/∂F → suboptimale Zeitallokation, weil …
∂U/∂Y < ∂U/∂F → suboptimale Zeitallokation, weil …
Guido Henkel
54
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Indifferenz-, Isonutzenkurven mit jeweils: U = konst.
Steigung: dY/dF = Grenzrate der Substitution
Y
zwischen Einkommen und Freizeit
Die GRS gibt Antwort auf die Frage: Um wie viel müsste
T . w0
Y steigen, um einen daraus resultierenden Nutzenverlust
auszugleichen, dass eine (marginale) Einheit weniger
Freizeit konsumiert würde?
L0* . w0
F0*
Umax
α
T
tan α = T . w0/T = w0
F (= T – L)
Im Optimum stimmen die Steigung der Budgetgeraden (absolut:
w0) und die der nutzenmaximalen Indifferenzkurve (: GRS) gerade
überein. Ein über L0* (= T – F0*) hinaus gehendes Angebot würde
vom Wirtschaftssubjekt nur gemacht, wenn der Lohnsatz stiege ...
Zu jedem w gibt es genau eine Angebotsmenge, die U maximiert.
Die Verbindung aller Preis/Mengen-Paare ergibt die LS-Kurve:
Guido Henkel
55
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
w
LS
w1
LD
w0
L0 * L1 *
L
Zur Bestimmung des links abgebildeten
Gleichgewichts auf dem Arbeitsmarkt
ist noch die Herleitung der Nachfragekurve LD erforderlich:
Arbeitsnachfrager sind die (gewinnmaximierenden) Unternehmen. Sie optimieren den Arbeitseinsatz in ihren Betrieben, etwa zur Produktion eines bestimmten Outputs Y0, nach folgendem
Kalkül:
Max Π = p . F(L, K) – (W . L + R . K) !
u. d. N. Y = Y0, mit: Y = F(L, K) → (substitutionale) Prod.funktion
∂F/∂L, ∂F/∂K > 0
→ positive Grenzproduktivitäten
∂2F/∂L2, ∂2F/∂K2 < 0
→ abnehm. Grenzproduktivitäten
…
Guido Henkel
56
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Y
F(L, K) bzw. F(L, K)
L, K
K
Isoquanten
: Orte identischen
Outputniveaus
Y = Y0
L
Da es sich hier um kleine, auf Absatz- und Beschaffungsmärkten
ohne Preissetzungsmacht operierende Unternehmen handeln soll,
seien alle Preise, inkl. der Arbeits- (: Nominallohnsatz W) und Kapitalnutzungspreise (: nominale Zinslast R), exogen vorgegeben.
Im Gewinnmaximum wird die Ableitung der Gewinnfunktion nach
den beiden Variablen unternehmerischen Handelns, L (: Arbeits-)
und K (: Kapitaleinsatz im Produktionsprozess), verschwinden:
∂Π/∂L, ∂Π/∂K = 0
Eine (marginale) Veränderung des Faktoreinsatzes bringt dann keinen Gewinnanstieg mehr.
Guido Henkel
57
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Wird jetzt konkret nach dem optimalen Arbeitseinsatz zur Produktion von Y0 gesucht, muss notwendig gelten:
∂Π/∂L = p ∂F/∂L – W = 0 !
 p ∂F/∂L = W
: Wertgrenzproduktivität der Arbeit = (Nominal-) Lohnsatz
Mit dem zusätzlichen Output, den ein marginal erhöhter Arbeitsinput brächte (: ∂F/∂L), könnte auf dem Absatzmarkt für die entsprechenden Güter ein zusätzlicher Verkaufserlös erzielt werden,
der den zusätzlichen Kosten für diesen erhöhten Arbeitsinput (: W)
genau entspräche. Äquivalent umformuliert, wird auch der bislang
vernachlässigte Unterschied von Nominal- (: W) und Reallöhnen
(: w = W/p) sichtbar:
∂F/∂L = W/p
: Grenzproduktivität der Arbeit = Reallohnsatz
Guido Henkel
58
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Bei der Bestimmung des optimalen Kapitaleinsatzes erhielte
man übrigens analog:
∂F/∂K = R/p = r
: Grenzproduktivität des Kapitals = reale Zinslast
Die Differenz aus dem im Optimum gewünschten (: K*) und einem
aktuell vorhandenen Kapitalstock Kt entspräche dann der Nachfrage am Kapitalmarkt, den Investitionen:
I = K* – Kt, mit: I = I(r, …), ∂I/∂r < 0.
Bei gegebenem w und r
Steigung: w
Steigung: r
Y
ist nun mit den dazu ge- Y
hörigen, gewinnmaximie- Y0
F(L, K*) Y0
F(K, L*)
renden Grenzproduktivitäten der optimale Faktoreinsatz eindeutig festgeL*
L
K
K*
legt: L*, K*.
Guido Henkel
59
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
K
Y = Y0
B/R
tan α = W/R = w/r
K*
Isokostengerade
α
L*
B/W
L
Das nominale Kostenbudget B, das zur gewinnmaximierenden Erstellung von Y0 notwendig ist, beträgt WL*+ RK*. Da beide
Erlöskomponenten, p und Y0, vor der Entscheidung über den optimalen Faktoreinsatz gegeben waren, ging es bei der Gewinnmaximierung letztendlich darum, die
Kosten zu minimieren, zu denen Y0 erstellt werden kann. Die Optimallösung K*,
L* nennt man darum auch Minimalkostenkombination.
Beim Verhältnis K*/L* handelt es sich um die optimale Kapitalintensität k*, wobei: k = k(w/r) und dk/d(w/r) > 0
→ steigt das Lohn/Zins-Verhältnis, wird Arbeit relativ teurer und die
Kapitalintensität steigt; Arbeit wird durch Kapital ersetzt.
Guido Henkel
60
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Aus der Optimierung des Arbeitseinsatzes folgt, dass jedem Lohnsatz genau eine gewinnmaximierende Arbeitseinsatzmenge, und
damit auch Arbeitsnachfragemenge entspricht. Auf steigende Löhne
würde ein Unternehmen – zumindest in diesem, überaus schlichten
Basismodell – mit einer Verringerung des Arbeitseinsatzes reagieren: LD = LD(w, …), mit: ∂LD/∂w < 0. Steigenden Löhne müssten steigende Grenzproduktivitäten gegenüberstehen, Letztere wären jedoch nur mit weniger Arbeit zu erzielen.
Die menschliche Arbeitskraft ist keine Eisw
ÜA
creme … – rein technisch, der wirtS
L
schaftstheoretischen Logik zufolge funkti↓
oniert der Arbeitsmarkt aber zunächst
w*
↑
mal ganz ähnlich wie der oben (vgl. Folie
LD
27) behandelte Markt für Speiseeis.
Selbststudium: Überlegen Sie, wie die Einführung
eines Mindestlohns wirken würde!
Guido Henkel
ÜN
L*
L
61
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Ist der Arbeitsmarkt bei w* und L* im Gleichgewicht und insofern
geräumt, bedeutet das übrigens nicht, dass keine Arbeitslosigkeit
herrscht. In dieser vulgärökonomischen, neoklassischen Modellierung des Arbeitsmarkts ist Unterbeschäftigung aber stets freiwillig
in dem folgenden Sinne:
→ Alle Anbieter, die nicht zum Zuge kommen, d. h. zum aktuellen GGLohnsatz keinen Arbeitsplatz haben, sind damit faktisch einverstanden, liegen voll im Plan. Sie möchten zum Lohn von w* gar nicht arbeiten und wären erst bei höheren Arbeitsentgelten bereit, ihre Freizeit zu opfern. Mag sein, dass sie ihre Lage bedauern, sich einen
höheren Lohnsatz wünschen würden … – so wie die Dinge liegen, handeln sie jedenfalls optimal, wenn sie darauf verzichten, Arbeit aufzunehmen.
→ Alle Nachfrager, die im GG nicht zum Zuge kommen, sind umgekehrt
nur bereit, Arbeitskräfte zu geringeren Löhnen als w* einzustellen.
Beim aktuellen GG-Lohnsatz haben sie für diese zusätzlichen Arbeitskräfte keine kostendeckende Verwendung.
Guido Henkel
62
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Wie wäre dann aber unfreiwillige Arbeitslosigkeit zu erklären?
Schließlich gibt es in unserem Alltag eine Menge von Arbeitssuchenden, die zu üblichen Marktlöhnen sehr wohl und gerne arbeiten würden, aber de facto nicht eingestellt werden..
Nun, marktliberale Ökonomen würden wohl zunächst einmal
betonen, dass der tatsächliche Arbeitsmarkt hierzulande meilenweit
davon entfernt sei, den – etwa im Preisnehmerverhalten von Arbeitsanbietern und -nachfragern unterstellten – Bedingungen vollständiger Konkurrenz zu genügen.
Wo sich mächtige Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften am
Verhandlungstisch gegenübersitzen, kann von „vielen Kleinen auf
beiden Marktseiten“ tatsächlich kaum die Rede sein. Hier werden
dann u. U. (Tarif-) Verträge zu Lasten Dritter, etwa der Arbeitslosen
gemacht.
Auch was die Transparenz- und Homogenitätsbedingungen anbelangt, scheint man vom obigen Referenzzustand weit entfernt …
Guido Henkel
63
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Da die am Markt gehandelt Arbeit in Wirklichkeit überaus inhomogen, die erbrachte Leistung nur selten ganz gleichartig ist und
bspw. mit dem Grad der Schul- oder auch mit der Art der beruflichen Ausbildung variiert, kann es zu qualifikationsspezifischer
Arbeitslosigkeit kommen. Der Übernachfrage in einem Bereich
(Ingenieure, Controller etc.) steht dann womöglich ein Überangebot (an ungelernten Aushilfskräften) in einem anderen gegenüber.
Für ein Phänomen regionalspezifischer AL gilt hier Analoges.
Einer weiteren Ausprägung solch einer strukturellen (im Gegensatz
zur konjunkturellen, s. u.) Arbeitslosigkeit begegnen wir mit der
friktionellen, auch: Übergangs- oder Sucharbeitslosigkeit. Da ein
nach Kündigung fälliger Arbeitsplatzwechsel oft Zeit braucht und
Anschlussverträge – etwa aufgrund von Marktintransparenzen, eingeschränkter Mobilität etc. – nicht immer sofort und bündig zu
Stande kommen, kann es zu einer vorübergehenden, von der Lohnhöhe unabhängigen Arbeitslosigkeit kommen.
Guido Henkel
64
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Schließlich sei noch die konjunkturelle, nachfrageseitig bedingte,
keynesianische Arbeitslosigkeit angesprochen. Vor dem wirtschaftshistorisch turbulenten Hintergrund der 20er/30er Jahre des
vergangenen Jahrhunderts hatte der britische Ökonom J. M.
KEYNES theoretisch zur Geltung gebracht, dass selbst ein vollbeschäftigungsadäquater und ggf. auch nach unten flexibler Lohnsatz
nicht unbedingt hinreichend wäre, um AL zu vermeiden. Können die
produzierten Güter nicht abgesetzt werden, mag Arbeit noch so
niedrig entlohnt werden – sie wird dann nicht gebraucht ...!
Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass dieses Szenario oben
schon implizit berücksichtigt wurde. Wenn Y0 produziert werden
soll, dann entscheidet der Lohn (bei geg. p und r, einer Technologie
usw.) über das Ausmaß der Arbeitsnachfrage. Im Umkehrschluss
gilt: Soll, rezessionsbedingt, weniger produziert werden, wird – bei
sonst identischen Konstellationen – weniger Arbeit nachgefragt!
Bzgl. der Kapitalnachfrage gilt analog: I = I(…, Y), ∂I/∂Y > 0.
Guido Henkel
65
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Damit wären wir nun aber schon weit ins Feld der Makroökonomik
vorgerückt. Kümmern wir uns zunächst noch kurz um die mikroökonomischen Haushaltsprobleme, (b) ein gegebenes Einkommen auf
Konsum und Ersparnis aufzuteilen, bzw. darum, (c) ein optimales
Konsumgüterbündel zusammenzustellen:
Ad b) Die Bestimmung der (Konsum-) Nachfrage auf dem
Gütermarkt sowie des (Ersparnis-) Angebots am
Kapitalmarkt
Hat man erst einmal verstanden, wie das typische Anbieter- und
Nachfragerverhalten an irgendeinem, etwa am Arbeitsmarkt marginalanalytisch motiviert wird, fällt der Transfer der Kallküle in alle
möglichen anderen Märkte nicht sonderlich schwer. Im vorliegenden
Falle wird aus dem Zeit- bzw. Kosten- ein Haushaltsbudget, ein
Einkommen, das für die Verwendung auf die zwei Nutzen stiftenden
Alternativen Konsum und Ersparnis zur Verfügung steht.
Guido Henkel
66
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Besagte Ersparnis mag man sich dabei als einen temporären
Konsumaufschub vorstellen, so dass die Entscheidung hier zwischen Cheute und Cmorgen bzw. Ct und Ct+1 läuft.
Das angesprochene Einkommen wiederum, das zur Aufteilung ansteht, ist das Zwei-Perioden-Einkommen Yt+Yt+1. Berücksichtigt man darüber hinaus die Möglichkeit, seine Ersparnisse zum Zins
r anlegen bzw. einen Kredit zu diesem Zins aufnehmen zu können, stellt sich die Sache wie folgt dar:
Ct
max
Der Faktor 1/1+r lässt sich
dabei als relativer Preis der
Zukunftsgüter interpretieren.
Steigt der Zins, senkt das den
Preis künftigen Konsums, Gegenwartskonsum wird im Verhältnis teurer → Substitution
von Cheute durch Cmorgen
Guido Henkel
U
Yt +Yt+1/(1+r)
tan α = 1/1+r
Ct*
Ct+1*
α
Ct+1
(1+r)Yt +Yt+1
67
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Die positive Zins- und Einkommensabhängigkeit dieser temporären lässt sich grundsätzlich auch für die permanenten, dem
langfristigen Vermögensaufbau, etwa der Altersvorsorge oder als
Erbmasse dienenden Ersparnisse postulieren. Zusammenfassend
ergibt sich: S = S (r, Y), mit: ∂S/∂r, ∂S/∂Y > 0.
Diese Ersparnisse sind aber nun nicht nur temporärer bzw. permanenter Konsumverzicht, sondern auch das Angebot auf dem
Kapitalmarkt, dem der Kapitalbedarf investitionswilliger Unternehmen mit I = I (r, Y) (vgl. Folien 59/65) gegenübersteht:
r
ÜA
S (r, Y)
↓
r*
↑
I (r, Y)
ÜN
I*,S*
Guido Henkel
I,S
Exogene Variationen, eine Erhöhung/Senkung des gegebenen Einkommens Y würde
hier grafisch durch eine Rechts-/Linksverschiebung der S- und der I-Kurve angezeigt. Auf jedem Zinsniveau würde nun tendenziell mehr/weniger gespart und investiert.
68
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Ad c) Die Wahl eines optimalen Konsumgüterbündels
Woher rührt eigentlich die oben (vgl. Folie 20ff) angesprochene
Nachfrage nach Eiscreme, wie wird bspw. der fallende Verlauf
der xD-Kurve begründet, wenn man etwas mehr verlangt als bloße Plausibilität? Nun, die zu verschiedenen Preisen am Markt geäußerte Nachfrage nach Eis, wie nach allen anderen Konsumgütern,
ist die Lösung eines ökonomischen Optimierungsproblems – was
sonst?
So viel steht jedenfalls fest: Der Mensch lebt nicht von Eis allein,
jedenfalls nicht lange …  Gesucht wird demnach eine i. e. S. ausgewogene Ernährung, eine angemessene, präferenzadäquate
Verbrauchsstruktur, kurz: jener Konsum-Mix eines Haushalts,
der für ein gegebenes Budget B (= Arbeits- + Kapital- + TransferEk
– Ersparnis) und gegebene Güterpreise den maximalen Nutzen
verspricht. Das heißt in der einfachen Zwei-Güter-Welt:
Guido Henkel
69
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Max U (x1, x2) !
u. d. N. p1x1 + p2x2 ≤ B
mit:
∂U/∂x1, ∂U/∂x2 > 0
→ im relevanten Bereich gilt die Annahme der Nicht-Sättigung: mehr von
einem Gut ist – ceteris paribus – besser als weniger
∂2U/∂x12, ∂2U/∂x22 < 0
→ 1. GOSSENsches Gesetz: abnehmender Grenznutzen des Güterkonsums
U
Steigung: ∂U/∂x1 bzw. ∂U/∂x2
U(x1, x2) bzw. U(x1, x2)
x2
U2
Indifferenzkurven
: Orte identischen
Nutzenniveaus
U1
x1, x 2
Guido Henkel
U3
U1 < U2 < U3
x1
70
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
x2
tan α = p1/p2
B/p2
Umax
x2*
x1*
x2
α
Umax
B/p1
x1
Umax
B/p2
x2*
Umax
x1*
Guido Henkel
B/p1
x1
Der bei gegebenem B und gegebenem
Preisverhältnis nutzenmaximale Mix ist
durch die Nachfragemengen x1* und x2*
gekennzeichnet. Verteuert sich Gut 1 im
Verhältnis zu Gut 2 wird, normalerweise,
substitutiert: weniger von Gut 1, mehr
von Gut 2.
Die angedeutete Drehung der Budgetgeraden entspricht einer isolierten Preissenkung für Gut 2 (rote Variante).
Abhängig von den jeweiligen Präferenzen
und somit des Verlaufs der Indifferenzkurven sind aber theoretisch auch anomale Nachfragereaktionen denkbar – siehe die Grafik links unten, wo der Substitutions- durch einen Einkommenseffekt überkompensiert wird.
71
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Ad d) Der Aufbau eines optimalen Vermögensportfolios
Auch hier geht es grundsätzlich darum, aus verschiedenen Alternativen die subjektiv und ex ante beste, nutzenmaximierende, mit
den jeweiligen Präferenzen eines Haushalts bzw. Wirtschaftssubjektes übereinstimmende auszuwählen. Worin unterscheiden sich
die vielen verschiedenen Formen der Vermögenshaltung,
welche spezifischen Vor- und Nachteile haben das Bargeld, Sparbücher, Sparbriefe, Aktien, Staats- oder Unternehmensanleihen,
Hedge-Fonds-Anteile, Fremdwährungsanlagen, Immobilien, Edelmetalle, Schweinehälften etc.? Diesbezüglich werden dann zumeist
drei, mehr oder weniger eng und systematisch korrelierte Momente
unterschieden:
- Rendite, (Real-/Nominal-) Verzinsung
- Risiko
- Liquidität
Guido Henkel
72
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Das Leben ist kein Ponyhof, there is no free lunch in the world, das
Opfer macht den Wert, alles hat seinen Preis – und im betrachteten
Fall ist es deswegen so, dass höhere Renditen in aller Regel nur um
den Preis eines höheren Risikos und/oder niedrigeren Liquiditätsgrades zu haben sein werden (et vice versa) → trade-off …
Was da am Ende für wen, in welcher Lebenslage, mit welchem
familiären und sozialen Hintergrund, mit welcher Risikoeinstellung
(vgl. Kap. 2, Folie 42ff), Blauäugigkeit, Frustrationstoleranz usw.,
mit welchem Anlagehorizont, welcher Anlageerfahrung, Anlagesumme usf. am besten sein wird, ist a priori offen.
Im optimalen Anlage-Mix gilt jedenfalls das inzwischen wohl schon
Selbstverständliche: dass weitere Umschichtungen, Reallokationen,
zu Nutzenverlusten führen, die Grenznutzen aller Anlageformen
identisch sein würden (: 2. GOSSENsches Gesetz). Und bitte nicht
vergessen: Optimieren macht weder reich noch glücklich bzw.
genau so reich und glücklich wie es arm und unglücklich macht …!
Guido Henkel
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Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
3.3. Finanzwissenschaft und Wirtschaftspolitik
Einen der big player auf vielen der bis hierher bereits betrachteten
Märkte, einen der ganz großen Arbeitgeber, Produzenten, Konsumenten, Investoren im Lande sollten wir unbedingt näher betrachten: den Staat, die Ökonomik eines Öffentlichen Sektors, des
Bundes, der Länder und Kommunen sowie der Sozialversicherungshaushalte.
Die besondere Relevanz der Thematik ergibt sich jedoch nicht
allein aus der Rolle, die dem Staat als bloßem, wenngleich oft sehr
großem Marktteilnehmer zukommt. Er spielt ja nicht einfach nur
mit, sondern setzt auf der anderen Seite die Regeln, nach denen
gespielt wird, bändigt und gestaltet ein ansonsten freies Spiel der
Kräfte. Er reguliert die Märkte, versucht drohendem Marktversagen prophylaktisch entgegen zu wirken und kompensiert Schäden, unerwünschte Nebenwirkungen des privaten Vorteilsstrebens,
korrigiert Marktergebnisse.
Guido Henkel
74
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Ein sog. 1. Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomik besagt: Das
sich selbst überlassene marktwirtschaftliche Konkurrenzgeschehen
führt zu pareto-effizienten Zuständen. Jemanden besser zu
stellen, wäre jetzt nurmehr möglich, wenn mindestens ein anderer
schlechter gestellt werden würde.
Alle Produktionsfaktoren wären hier optimal alloziert, würden dort
eingesetzt, wo zu niedrigsten Kosten produziert, der maximale Output hergestellt werden kann. Alle Güter wären über den Absatzmarkt letztendlich dort angelangt, wo sie den größten Nutzen stiften. Friede, Freude, Eierkuchen, alles bestens – oder?
Ein solcher Zustand umfassender Allokationseffizienz hätte tatsächlich seinen Reiz. Bildlich gesprochen, hätte man hier – gegeben die vorhandenen Ressourcen, Technologien, Präferenzen usw.
– den größtmöglichen Kuchen gebacken und unter die Leute gebracht, kein einziges Gramm der Zutaten verschwendet und jeden
exakt mit der Menge versorgt, die er zum Marktpreis möchte …
Guido Henkel
75
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Aber: Dieser schöne große Kuchen wäre jetzt u. U. sehr ungleich
(ungerecht ...?) über die einzelnen Wirtschaftssubjekte verteilt.
Das – nach einem italienischen, 1848 geborenen Sozialwissenschaftler (u. a. Begründer der ordinalen Nutzentheorie, s. o.) benannte – PARETO-Kriterium ignoriert nämlich Verteilungsaspekte und würde einen effizienten Zustand, bei dem am Ende
einer alles und alle anderen nichts bekämen, genauso bewerten
wie jenen, bei dem jeder gleichviel hätte.
Um es kurz zu machen: Im Hinblick auf das Wohl der Gesamtgesellschaft, das politische, ebenso hehre wie zunächst abstrakte Ziel
einer Wohlfahrtsmaximierung vor Augen, könnte es durchaus
angezeigt sein, die am Markt erzielte Verteilung zu korrigieren, den
Kuchen umzuverteilen – und dies sogar dann, wenn das zu Effizienzverlusten führen, der zu verteilende Kuchen dadurch etwas
kleiner ausfallen würde! Um nur je eine von zahllosen Maßnahmen
auf Ein- und Ausgabenseite zu nennen: progr. EkSt-Tarif, ALG II …
Guido Henkel
76
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Dem Gros der Ökonomen, überzeugten Marktwirtschaftlern, kommen da
allerdings leichte Bedenken, sie beschleichen leise Zweifel. Diese beziehen sich – anders lautenden Gerüchten zum Trotz – weniger darauf, dass
Ökonomen besonders hartherzig, leistungsorientiert oder mal ganz prinzipiell, aus ideologischen Gründen dagegen wären, die Wohlfahrt und Stabilität des Gemeinwesens u. a. dadurch zu stärken, dass in gewissem
Ausmaß umverteilt, Benachteiligten geholfen würde.
Eine Ökonomische Theorie der Politik gibt hier vielmehr Anlass zu der
Vermutung, dass es außer solch selbstlosen, sozial-karitativen auch weniger staatstragende und ehrenwerte Absichten von Politikern – Menschen
wie Du und ich – geben könnte. Zumindest besteht die Gefahr, dass da –
wie bei jedem von uns – auch rein egoistische Motive eine Rolle spielen:
der Auf- und Ausbau persönlicher Privilegien, ein autoritärer Wille zur
Macht, zum unbedingten Machterhalt ...
Politiker, so die Theorie, wollen gewählt werden, betreiben im einfachsten
Falle Wählerstimmenmaximierung. Es wäre somit ein besonderer Vorzug, geradezu eine List der Demokratie (KIRSCH), wenn über diesen Weg
das Wähler- auf das Interesse der Gewählten durchschlage – nur ...
Guido Henkel
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Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Dass das realiter so einfach nicht funktioniert, liegt auf der Hand. Wenn
nur alle vier Jahre gewählt wird, wenn neben Direkt- auch parteigebundene Listenmandate vergeben, statt einzelner Sachfragen ganze Parteiprogramme zur Wahl gestellt werden, auf einen Abgeordneten Tausende
kommen, die repräsentiert werden wollen usw., lockert sich der o. g. Zusammenhang merklich. Vom Idealfall einer unverfälschten, verlustfreien
Interessenvertretung kann jedenfalls keine Rede mehr sein.
Und selbst wenn es sie gäbe, wäre das Land eben nur so moralisch, wie
es seine Bürger wären. Wie viel sozialen Ausgleich dies am Ende bedeutete, mag sich jeder selbst ausmalen … So aber, in der real existierenden
parlamentarischen Demokratie hat man ja jetzt die Politiker, auf die man
die Schuld an der sozialen Kälte in unsrer Gesellschaft und alle soziale
Verantwortung abwälzen kann …
Hinzu kommt, dass ja nicht jedermanns Interesse gleich gut artikulierbar
und organisierbar ist. Gegen gut positionierte Lobbyisten, die homogenen
Partikularinteressen weniger Großer, haben der kleine Mann und die
Schwächsten in einer Gesellschaft, denen die Umverteilungsbemühungen
eigentlich dienen müssten, oftmals schlechte Chancen.
Guido Henkel
78
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Wenn Ökonomen manchmal skeptisch sind, was den umverteilenden
Staat anbetrifft, liegt das also eher an den konkreten Mechanismen der
politischen Willensbildung und Machtausübung als an der durchaus vorhandenen Einsicht, dass die Legitimität und Funktionsfähigkeit von Marktwirtschaften auch durch das Mittel der Redistribution zu sichern sein
wird. Bezüglich der Sozialverträglichkeit, ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz, hat die marktwirtschaftliche Alternative Schwachstellen und würde sich möglicherweise selbst untergraben.
Der Markt als solcher kümmert sich um Bedürftige nur, wo deren Bedürftigkeit durch Leistungs- und durch Zahlungsfähigkeit, als Kreditwürdigkeit etc. zu einem marktgerechten Ausdruck gelangt. Wer da – warum
auch immer, ob schuldlos oder selbst verschuldet – nichts zu bieten hat,
wird zu den Verlierern gehören. Wer nichts mehr zu verlieren hat, wird
schließlich dazu neigen, dieses System, das ihm offenbar keinerlei Chancen gibt, vom Wohlstand und der Selbstentfaltung auszuschließen scheint,
in Frage zu stellen, es in Gedanken, Worten und vielleicht auch Werken zu
negieren ...  Der Kitt der Gesellschaft bekommt langsam Risse, the
cement of society erodes ...
Guido Henkel
79
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Zu viel Gleichheit lähmt die ökonomische Dynamik, vernichtet
Leistungsanreize, verzerrt z. B. die Arbeitszeit-/Freizeit-Entscheidung (s. o.), leitet Ressourcen fehl und ignoriert zudem Gebote
vertikaler Gerechtigkeit. Zu starke Ungleichheit führt zu sozialen
Spannungen, Verwerfungen, spaltet Gesellschaften, polarisiert, gefährdet den inneren Frieden (→ David/Goliath-Problematik ...).
Das in den 50er/60er Jahren entwickelte Leitbild der sozialen
Marktwirtschaft (→ Erhard, Eucken, Müller-Armack u. a.; integriert Elemente des Ordoliberalismus und der Christlichen Sozialehre) versucht das rechte Maß, einen Dritten, zwischen Kommunismus/Sozialismus und (sog. Manchester-) Kapitalismus liegenden
Weg zu gehen. Auf diesem Weg soll Wohlstand für alle organisiert
werden, ohne zu viel von der durch den Markt, vom Konkurrenzund Preismechanismus gewährleisteten allokativen und dynamischen Effizienz einzubüßen.
Guido Henkel
80
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Nach MUSGRAVE ist der moderne Interventionsstaat dazu da, ...
 die grundlegenden, konstitutiven Aufgaben des Nachtwächterstaates (F. LASSALLE) zu übernehmen: Sicherung privater,
insbes. von Freiheits- und Eigentumsrechten, die Gewährleistung
innerer und äußerer Sicherheit, die hoheitliche Ausübung eines
Währungsmonopols ... – R. NOZICK: „Minimalstaat“
Bereitstellung weiterer, über diese Minimalversorgung hinaus gehender öffentlicher Güter – Begründung: Marktversagen ...
→ Allokationsfunktion
 eine politisch gewünschte Sekundärverteilung zu realisieren
→ Distributionsfunktion (s. o.)
 konjunkturelle Schwankungen zu glätten
→ Stabilisierungsfunktion (s. u.)
Guido Henkel
81
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
3.4. Makroökonomik und Stabilitätspolitik
Als der Kronzeuge für diese Stabilisierungsfunktion des modernen
Interventionsstaats ist JOHN MAYNARD KEYNES zu benennen.
Seine Lehren stehen dem (neo-) klassischen, marktliberalen, von
den Verfechtern einer supply side economics bis heute bzw. heute
wieder verfochtenen Credo des laissez-faire größtenteils diametral gegenüber. Zentrale Ergebnisse orthodoxer Doktrinen, insbes.
die Konstellation eines ewigen, immer währenden Vollbeschäftigungsgleichgewichts auf dem Gütermarkt (s. u.), werden
von ihm zu Randlösungen, theoretisch möglichen, aber realiter
seltenen Glücksfällen degradiert: „The effective demand associated
with full employment is a special case, only realised when […].“
Vor allem sein – oft erwähntes und (viel zu) wenig gelesenes –
Hauptwerk, The General Theory of Employment, Interest, and Money (1936), versetzte dem vorkeynesianischen Theoriegebäude
einen erschütternden, an den Grundmauern rüttelnden Stoß.
Guido Henkel
82
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Vor dem wirtschaftsgeschichtlichen Hintergrund, den empirischen Gegebenheiten der Great Depression argumentierend, verlief die von
KEYNES gerittene Attacke gegen die Orthodoxie seiner Zeit in einer Art
Zangenbewegung, d. h. über zwei, sich am Ende vereinende Flanken:
→ Stabilitätspessimismus
→ Interventionsoptimismus
Schaute man seinerzeit vor die Tür, auf die Börsen, den Arbeits- oder
Wochenmarkt, musste der Glaube an eine inhärente Stabilität der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, an die unbedingte Wirksamkeit der
Selbstheilungskräfte privatwirtschaftlich operierender Märkte gehörig
ins Wanken geraten. Und selbst wenn der Markt langfristig wieder ins
Gleichgewicht käme, die Vollbeschäftigung wieder hergestellt wäre –
herrschen im Übergang nicht doch ganz unerträgliche Zustände?
Außerdem: Wie lang ist diese lange Frist eigentlich, dauert sie (den
Politikern und ihren Wählern) nicht viel zu lange? KEYNES berühmte
Antwort ist unmissverständlich: I n the long run w e are all dead ...
Guido Henkel
83
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Sein Stabilitätspessimismus begründet insofern die Notwendigkeit, sein Interventionsoptimismus die Möglichkeit einer erfolgreichen, vollbeschäftigungsorientierten, antizyklisch agierenden
Geld- und Fiskalpolitik.
Doch schauen wir uns das Theorieangebot der vorkeynesianischen Ökonomen zunächst einmal etwas genauer an:
Ausgangslage:
- Auf dem gesamtwirtschaftlichen Arbeitsmarkt (vgl. oben Folie 61)
liege ein GG vor. Zum markträumenden Lohnsatz w* wird die Arbeitsmenge L* beschäftigt. Zum herrschenden Lohnsatz ist jeder
beschäftigt, der einen Arbeitsplatz und nicht freiwillig arbeitslos
bleiben möchte.
- Auf dem Kapitalmarkt (Folie 68) gilt analog: Investition und Ersparnis stimmen beim Zins r* überein, I*=S*. Mit dem gleichgewichtigen Investitionsvolumen ist hier auch der optimale Kapitalstock bestimmt, da K*= Kt + I* (59).
Guido Henkel
84
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
- Über den produktionsfunktionalen Zusammenhang ergibt sich sodann der GG-Output nach: F (L*, K*) = Y*
Bei dieser Ausbringungsmenge handelt es Y
sich nun zunächst einmal um das von den Y*
F(L, K*)
Unternehmen offerierte Güterangebot YS.
Ob ein GG auf dem Gütermarkt herrscht,
alle angebotenen Waren und DienstleistunL*
L
gen einen Nachfrager finden, hängt – bei
gegebenem Output – von der effektiven
Nachfrage YD ab ...
Vor KEYNES vertraute man hier auf die Gültigkeit des SAYschen Gesetzes: Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage … Denn schließlich biete niemand an, der nicht zumindest langfristig – jener NichtSättigung der Bedürfnisse entsprechend, von der ja schon mehrfach
die Rede war – in wertmäßig gleicher Höhe nachzufragen gedenke.
Oder? Was in (Natural-) Tausch- und Bestands- trivial ist, muss in
Geld- und Produktionswirtschaften längst nicht selbstverständlich sein!
Guido Henkel
85
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Hier ist auf das oben (82) angeführte Zitat zurückzukommen: „The effective demand associated with full employment is a special case, only realised when […]“ – Vollbeschäftigung gibt es bei KEYNES nämlich nur,
wenn eine spezifische Konstellation, eine glückliche, ganz und gar zufällige Fügung („by accident or design“) dergestalt vorläge, dass die
Nachfrage nach Investitionsgütern hinreichend groß, exakt so dimensioniert wäre, dass sie den Nachfrageausfall zu kompensieren vermöchte, den die Ersparnis darstellt: I (r*, Y*) = S (r*, Y*)
Für den Fall I > S überstiege die Nachfrage das Angebot mit der
vermeintlichen Folge, dass Zins- und Preiserhöhungstendenzen einsetzen würden → inflatorische (Angebots-) Lücke: YD > YS
Bei I < S wäre der Nachfrageausfall, den die Ersparnis insofern darstellt, als hier ja ein Teil des verfügbaren Einkommens der Haushalte
nicht in den Konsum fließt, durch die Investitionsgüternachfrage nicht
vollends gedeckt. Zins- und Preissenkungstendenzen wären in diesem
Fall zu erwarten → deflatorische (Nachfrage-) Lücke: YS > YD
Guido Henkel
86
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
KEYNES und ihm nachfolgend die sog. Keynesians unterschiedlichster
Schulen und Schattierungen führen nun mehr oder weniger schlagende Argumente dafür an, ...
1. … warum die oben angedeuteten Zins-, Preis- und sonstigen Anpassungsmechanismen im Falle der ungleichgewichtigen Situationen ausbleiben oder gar zusätzlich destabilisierend wirken könnten.
2. … warum gleichgewichtsadäquate Anpassungsmechanismen zwar
möglicherweise ins GG führen, jener besondere Fall eines Vollbeschäftigungsgleichgewichts aber um keinen Deut wahrscheinlicher
wäre als jeder andere auch. Dass am Ende des Liedes ausgerechnet Y* erreicht werde, sei durch nichts gesichert – im Gegenteil ...
Um hier nur ein einziges Beispiel zu nennen: Bei I < S mag der
Zins vielleicht sinken – was aber, wenn die Investitionsnachfrage
auf sinkende Zinsen gar nicht oder nur schwach reagierte, stark
unterausgelastete Kapazitäten und pessimistische Absatzerwartungen dazu führten, dass r↓ weitgehend folgenlos bliebe?
Guido Henkel
87
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
r
S (r, Y0)
↓
r0
I (Y0)
I,S
I0, S0
w
LD
LS
w*
w0
L0 L*
Guido Henkel
L
Zinssenkungen würden hier zwar ins GG
führen, so dass I = S gelten würde, am Gütermarkt also auch YS = YD (:= C + I). Die
depressive Wirtschaftslage und anhaltende
Absatzkrise seiner Zeit vor Augen, lag es für
KEYNES allerdings auf der Hand, dass es sich
hier um ein GG bei Unterbeschäftigung
handeln würde, mit: Y0 < Y*. Was aus dieser Investitionsfalle herausführen würde?
Eine Aufhellung der Stimmung, verbesserte
Absatzerwartungen, Aufträge des Staates …
Doch dazu später mehr.
Auf dem Arbeitsmarkt heißt das zunächst
analog, dass die Unternehmen – wie tief der
Lohnsatz auch fiele – nicht mehr Arbeitskräfte nachfragen würden, als zur Produktion von Y0 = F (L0, K0) erforderlich wäre.
88
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Eine alternative Darstellung liefert
das 45o-Diagramm: In den keynesianisch relevanten, d. h. tendenziell
rezessiven Konjunkturlagen ist SAY‘s
law auf den Kopf gestellt; die sog.
kürzere steuert die längere Marktseite, die Nachfrage (: YD = C + I)
bestimmt das Angebot (YS = Y). Was
nachgefragt wird, wird produziert und
angeboten – es gibt noch genügend
unausgelastete Kapazitäten. Das GGEinkommen Y0 liegt dabei typischerweise links vom VB-Einkommen. Bei
Y* liegt die Nachfrage unterhalb des
Angebots (→ deflatorische Lücke), d.
h. die Ersparnisse (Konsumverzicht,
Nachfrageausfall!) wären hier um den
Betrag DL größer als I.
Guido Henkel
YS, YD
45o-Linie: YS = Y
Y*
S(Y*)
C(Y*)
DL
C + I = YD
I
C (Y)
I
Y0 Y*
Y
hier:
C = C(Y) = Cfix + cY, mit:
Cfix > 0
→ autonomer Konsum: C(Y=0)
0 < c < 1 → marginale Konsumneigung: dC/dY
Im GG gilt YD= YS, d. h.:
Cfix + cY + I = Y
 Y = (Cfix + I) / (1 – c)
hier: Unterbeschäftigungs-GG mit Y = Y0
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Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Das Makro-System ist bei Y0 im GG, es herrscht unfreiwillige, durch
Lohnzugeständnisse nicht zu behebende Arbeitslosigkeit. Was tun?
Das KEYNESsche Patentrezept für solche Fälle: staatliche Interventionen zur Stabilisierung des konjunkturellen Abschwungs, deficit spending! By accident or design, hatte KEYNES getextet (s. o.), würde sich
ein VB-GG realisieren lassen. Hier wird er jetzt zum Designer, zu einem
stabilitätspolitisch aktiven Gestalter, der Zufall und Glück etwas nachhelfen möchte ...
Grundsätzlich gibt es jetzt mehrere Wege, der in der Rezession verharrenden bzw. immer tiefer abrutschenden Privatwirtschaft aus der
Krise zu helfen:
 Staatliche Förderprogramme zur Belebung der privaten I- oder CNachfrage: Investitionsbeihilfen, Abschreibungserleichterungen, Subventionen aller Art etc.
 Antizyklische, im Falle der Rezession also expansive Geldpolitik,
die insbes. über Zinssenkungen die I-Nachfrage beleben könnte.
Guido Henkel
90
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Im Szenario einer Investitionsfalle hilft eine Zinssenkung aber nicht
weiter (vgl. Folie 87). Hier muss die expansive Fiskalpolitik ran:
 Direkte und dauerhafte Erhöhung der (bislang vernachlässigten)
Staatsausgaben G. In einer (geschlossenen) Volkswirtschaft stellt
sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage bei expliziter Berücksichtigung von Staatsausgaben wie folgt dar: YD = C + I + G.
Im status quo ante könnte das rezessive, bei Y0 angelangte KrisenSzenario zunächst wie rechts abgebildet (schwarzer Zustand) aussehen. Eine Erhöhung der Staatsausgaben um ∆G würde die Wirtschaft
hier auf das VB-Niveau bringen. Es
scheint, als sei ∆Y > ∆G ... Korrekt!
Die endgültige Wirkung auf das GGEinkommen ist um ein Vielfaches
größer als die ursprüngliche Ausweitung der Staatsnachfrage
→ Multiplikatorwirkung
Guido Henkel
YS, YD
C + I + G + ∆G
C+I+G
∆G
Y0 Y*
Y
∆Y
Im GG gilt (s. o.): Y = (Cfix + I + G) / (1 – c)
Wie wirkt eine (marginale) Erhöhung von G auf Y?
dY/dG = 1/(1 – c) > 1 !
91
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Diese Multiplikaktorwirkung ist übrigens am stärksten, wenn ∆G schuldfinanziert
wird – deshalb: deficit spending ... Aber auch Staatsausgabenerhöhungen, die über
höhere Steuern realisiert werden würden, hätten hier expansive Effekte!
Wie das denn sein kann? Wäre das nicht linke Tasche/rechte Tasche, weniger
Nachfrage bei den Privaten, höhere durch den Staat?
Der positive Nettoeffekt auf die Gesamtnachfrage rührt daher, dass die erhöhten
(Einkommen-) Steuern sowohl den Konsum als auch die Ersparnis der Haushalte
belasten würden. Wenn der Staat aber die Ersparnisse (= Nachfrageausfall) reduziert und in zusätzliche Staatsnachfrage verwandelt, kommt am Ende insges. mehr
Nachfrage auf den Markt. Zu berücksichtigen wäre dann allerdings noch, was auch
im Falle der Kreditfinanzierung zu beachten wäre: ein mögliches crow ding out ,
das Verdrängen von privaten Investoren am Kapitalmarkt ...
Am Ende der Betrachtungen gehört auch wieder etwas Wasser in den
Wein des keynesianischen Optimismus: Was oben für die Maßnahmen
der Umverteilung galt, : eine profunde Skepsis bezüglich der Kompetenzen und des selbstlosen Gestaltungswillens von Politikern, gilt auch
für die Stabilitätspolitik! An die Rückführung der in Krisenzeiten aufgebauten Staatsdefizite z. B. hat offenbar niemand gedacht ...
Guido Henkel
92
Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Solch eine Skepsis schlägt schließlich in Selbstzweifel um, wo man die Berücksichtigung eines zweiten Momentes der wirtschaftpolitischen Stabilisierung einer weitgehend autonomen, weisungsunabhängigen Exekutiv-Instanz, der Europäischen
Zentralbank überlässt. In einschlägigen Statuten wird diese EZB vornehmlich darauf verpflichtet, Preis(niveau)stabilität zur gewährleisten. Über Instrumentarien der Zins- und/oder Geldmengenpolitik, aber auch über moral suasion und
andere Mittel zur Pflege der Stabilitätskultur soll der mutmaßlich wichtigste Quell
unsres Wohlstands, die Arbeitsteilung, und also die Funktionsfähigkeit unsres Geldund Kreditwesens gestärkt werden. Denn ohne Geld als ein geltendes, umfassend
akzeptiertes Zahlungs-, Wertaufbewahrungs- und Rechenmittel ist jede
tiefer reichende Spezialisierung undenkbar.
Wie wird der Erfolg dieser Maßnahmen gemessen? Nun, letztendlich daran, wie stabil
oder instabil sich sog. Preisindizes im Zeitablauf entwickeln, in welchem Ausmaß
verschiedene, repräsentative, die jeweiligen Verbrauchs- oder Kaufgewohnheiten
einer beobachteten Grundgesamtheit von Wirtschaftseinheiten spiegelnde Warenkörbe
in- oder deflationieren. Stellvertretend erwähnt sei allein der – zur Familie der
LASPEYRES-Indizes zählende – harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI):
∑ neue Preise x alte Mengen
∑ alte Preise x alte Mengen
Guido Henkel
„alt“: Preise bzw. Mengen eines Basisjahres
„neu“: Preise bzw. Mengen eines Berichtsjahres
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Grundlagen der WiWi – Sommersemester 2012
Die (Jahres-) Inflationsrate für diesen Warenkorb ergibt sich dann als das Verhältnis
zweier Indexwerte, genauer:
HVPI 2010 - 1
x 100
HVPI 2009
Läge ein HVPI-Wert 2009 z. B. bei 1,05 (: 5%-ige Preissteigerung gegenüber dem Basisjahr), der HVPI 2010 bei 1,1 (: 10%-ige Preissteigerung gegenüber dem Basisjahr),
ergäbe sich hier ein 4,76%-iger Preisanstieg von 2009 auf 2010: [(1,1/1,05) – 1] x 100.
Vollbeschäftigung, möglichst schwankungsarme, weitgehend preisstabile Aufwärtsbewegung ... – sonst noch was?
Der Zielkatalog des magischen Vierecks (vgl. §1 StabG, 1967):
 „hoher Beschäftigungsstand“
 „Stabilität des Preisniveaus“
 „stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum“
 „außenwirtschaftliches Gleichgewicht“
Wieso magisch? Zielkonflikte ...!
Guido Henkel
94
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