HHL – Leipzig Graduate School of Management Neurobiologische Erklärungsbeiträge zur Struktur und Dynamik des Markenwissens Dr. Tjark Freundt HHL-Arbeitspapier Nr. 79 Copyright: Lehrstuhl Marketingmanagement Leipzig, 2007 Jede Form der Weitergabe und Vervielfältigung bedarf der Genehmigung des Herausgebers I Geleitwort Angesichts der Vielzahl von Markenartikeln stellt sich für das Markenmanagement immer häufiger die Frage, welche Marketinginstrumente einen besonderen Beitrag zur Schaffung und Erhaltung einer wettbewerbsfähigen Markenpositionierung leisten. Die Gestaltung und Vermittlung der Markenidentität soll schließlich in den Köpfen der relevanten Zielgruppe eine Vorzugsstellung für die Marke schaffen. Die dabei zu berücksichtigenden neurobiologischen Prozesse zur Erzeugung des Markenwissens erlangen zunehmende Aufmerksamkeit in der Marketingwissenschaft und werden vielfach auch unter dem Begriff des „Neuromarketing“ thematisiert. Am Lehrstuhl Marketingmanagement der HHL - Leipzig Graduate School of Management ist die Forschung in unserem Competence Center „Ganzheitliche Markenführung“ darauf ausgerichtet, Gestaltungsansätze und deren Wirkungen im Hinblick auf affektive und kognitive Marketingpositionierungen zu untersuchen. Vor diesem Hintergrund hat sich der Autor bereits in einem umfassenden Projekt mit der Verhaltensrelevanz der Emotionalisierung von Marken im inter-industriellen Vergleich beschäftigt. Häufig haben wir in diesem Kontext auch Diskussionen über neurobiologische Erklärungsbeiträge des Markenwissens geführt. Hieraus ist die Zielsetzung entstanden, im Rahmen eines Arbeitspapiers die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit entsprechenden Ansätzen zu vertiefen. Der Autor beschäftigt sich mit Wahrnehmungsprozessen sowie mit der Strukturierung und Veränderung von Markenwissen in neuronalen Vektorräumen. Hierbei beschreitet er interdisziplinäres Terrain und vermittelt anregende Einblicke in neue Interpretationsformen des Markenwissens. Ich wünsche dem Leser eine interessante Lektüre und würde mich freuen, wenn hierdurch weitere Diskussionen angeregt werden. Leipzig, im Mai 2007 Manfred Kirchgeorg II Zusammenfassung Die Marke nimmt eine zentrale Rolle in der betriebswirtschaftlichen Forschung sowie Unternehmenspraxis ein. In einem Umfeld gesättigter Märkte und zunehmender Angebotsvielfalt ist der Aufbau von Markenwissen, welches Konsumenten bei ihrer Entscheidung konsultieren, eine Kernproblematik. Ein fundiertes Verständnis relevanter Prozesse in den Köpfen der Konsumenten ist daher für eine effektive Markenführung unabdingbar. Obgleich diese in der betriebswirtschaftlichen und psychologischen Literatur bereits weit reichende Beachtung finden, ergeben sich insbesondere aus einer neurowissenschaftlichen Perspektive neue Anhaltspunkte für das Markenmanagement. Daher ist es Zielsetzung der vorliegenden Arbeit, die zentralen Prozesse zur Bildung und Steuerung des Markenwissens auf Basis neurobiologischer Erkenntnisse darzustellen und Implikationen für das Markenmanagement in der Praxis aufzuzeigen. Summary Branding is an increasingly important topic for both, research and corporate management. In a world of saturated markets and an ever increasing number of products available, brand knowledge, which consumers consult in the process of decisionmaking, gains importance. Therefore, a comprehensive understanding of relevant processes in the heads of the consumers therefore is absolutely necessary for an effective brand management. Although these are already covered in management and psychological literature, new aspects can be found from a neuro-scientific perspective. Hence, the objective of this paper is to identify and explain the core processes for building and managing brand knowledge on the basis of neurobiological findings and illustrate implications for brand management. III Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis ................................................................................................. III Abbildungsverzeichnis ..........................................................................................IV Abkürzungsverzeichnis .......................................................................................... V 1. Einleitung ....................................................................................................... 1 2. Neurobiologische Grundlagen........................................................................ 5 2.1 Erkenntnisse der Hemisphärenforschung............................................ 5 2.2 Das Neuron ....................................................................................... 12 3. Markenimages als synaptische Verbindungsmuster .................................... 15 4. Wahrnehmung als zentraler Prozess zur Entstehung von Markenwissen.... 19 5. 6. 4.1 Wahrnehmung als personenorientierte Determinante des Images.... 19 4.2 Erklärungsansätze der selektiven Wahrnehmung ............................. 21 4.3 Einfluss von Kognition und Emotion auf die Wahrnehmung .............. 25 4.4 Ein alternativer Zugang: Wahrnehmung als Funktion der Vektorcodierung........................................................................................... 31 Lernen in neuronalen Vektorräumen............................................................ 37 5.1 Grundmodell der Hebb'schen Plastizität............................................ 37 5.2 Partitionierung des Vektorraums als Resultante des Lernens ........... 43 Zusammenfassung und Ausblick ................................................................. 46 Literaturverzeichnis .............................................................................................. 48 IV Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Anzahl Markenanmeldungen über Zeit ................................................ 2 Abb. 2: Neurale Aktivitätsdifferenzen als Messansatz von Emotionen........... 11 Abb. 3: Morphologischer Aufbau eines Neurons............................................ 13 Abb. 4: Assoziatives Markenschema am Beispiel Milka ................................ 16 Abb. 5: Determinanten und moderierte Prozesse des Involvements ............ 23 Abb. 6: Untersuchungen zum Involvement nach Produktmärkten ................. 24 Abb. 7: Dreispeichermodell des Gedächtnisses ............................................ 26 Abb. 8: Zusammenhang von Produkteinstellung und -wahrnehmung............ 27 Abb. 9: Repräsentation von Aktivierungsvektoren in Merkmalsräumen ......... 32 Abb. 10: Modell einfacher Mustererkennung ................................................... 34 Abb. 11: Neuronales Netzwerk zur Gesichtserkennung................................... 36 Abb. 12: Modell der Hebb'schen Plastizität...................................................... 39 Abb. 13: Optimierung synaptischer Gewichtungen im Lernprozess................. 41 Abb. 14: Hierarchie gelernter Partitionen im Merkmalsraum............................ 44 V Abkürzungsverzeichnis a. a. O. am angeführten Ort Abb. Abbildung Aufl. Auflage BMW Bayerische Motorenwerke bspw. beispielsweise bzw. beziehungsweise ca. circa c. p. ceteris paribus d. h. das heißt DPMA Deutsches Patent- und Markenamt et al. et alii, et alia, et alteri etc. et cetera EUR Euro f. folgende FAST Facial Affect Scoring Technique FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung ff. fortfolgende fMRI Magnetresonanzbildgebung ggf. gegebenenfalls Hrsg. Herausgeber i. e. S. im engeren Sinn i. d. R. in der Regel i. F. im Folgenden Jg. Jahrgang JoCR Journal of Consumer Research JoM Journal of Marketing JoMR Journal of Marketing Research Kap. Kapitel KZS Kurzzeitspeicher MAZ Markenartikel – Die Zeitschrift für Markenführung MEG Magnetencephalographie Mrd. Milliarde(n) No. Number Nr. Nummer VI NS Nervensystem NuG Nahrungs- und Genussmittel o. ä. oder ähnliche(s) PET Position Emission Tomographie PNS Peripheres Nervensystem S. Seite SIS Sensorischer Informationsspeicher sog. so genannte, r, s TMS Transcranial Manetic Stimulation TV Television/Fernsehen USA United States of America u. U. unter Umständen vgl. vergleiche Vol. Volume VW Volkswagen z. B. zum Beispiel ZNS Zentralnervensystem z. T. zum Teil 1 1. Einleitung Die Marke nimmt seit jüngster Vergangenheit eine zentrale Rolle in der betriebswirtschaftlichen Forschung sowie Unternehmenspraxis ein. Ursprünglich als reiner Herkunftsnachweis entstanden, ist die Marke in der modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft ein komplexer strategischer Gestaltungsparameter1 und Wettbewerbsfaktor von hoher Bedeutung für den Unternehmenserfolg. Der Stellenwert der Marke begründet sich dabei primär auf ihrer Relevanz für das Käuferverhalten. Marken stiften den Konsumenten einen zusätzlichen Nutzen gegenüber Wettbewerbsmarken bzw. unmarkierten Waren, welcher es Unternehmen vielfach ermöglicht, Mengen- und/oder Preisvorteile zu realisieren2. Marken sind damit zentrale Werttreiber des Unternehmens3. Die Kaufentscheidung wird zunehmend durch das bei Verbrauchern gespeicherte Markenwissen beeinflusst4. So konsultieren Menschen ihr zu der Marke gespeichertes Wissen und leiten in einem alternativenbezogenen Konzept verhaltenswirksame Produktbeurteilungen ab5. Die Erfüllung verhaltenswissenschaftlicher Ziele wie dem Aufbau von Markenwissen ist somit zentrale Voraussetzung für die Befriedigung ökonomischer Ziele6. Markenwissen beschreibt dabei grundsätzlich in der menschlichen Psyche gespeicherte Vorstellungen und Kenntnisse zu Marken und repräsentiert somit komplexe Wissenseinheiten7. Die beiden konstituierenden verhaltenswissenschaftlichen Konstrukte des Markenwissens sind Markenbekanntheit und Markenimage8. Während die Bekanntheit quasi das Grundkonstrukt darstellt, welches das Erkennen einer Marke ermöglicht, bezeichnet das Markenimage die Gesamtheit aller Assoziationen zu der Marke und ist somit als gedächtnispsychologi- 1 2 3 4 5 6 7 8 Vgl. Fischer, M./Hieronimus, F./Kranz, M. (2002), S. 4. Vgl. Caspar, M./Metzler, P. (2002), S. 4. Vgl. Kricsfalussy, A./Semlitsch, B. (2000), S. 28; Esch, F.-R. (2001), S. V. Vgl. Ries, A./Trout, J. (2001), S. 24; Langner, T. (2003); Warkentin, D. (1997), S. 12ff.; Bettman, J./Luce, M./Payne, J. (1998), S. 204 ff. und die dort angegebenen Quellen. Vgl. Esch, F.-R./Andresen, T. (1994), S. 212 ff.; Keller, K. (1993), S. 1 ff.; Böcker, F. (1985), S. 505 ff. Vgl. Langner, T. (2003), S. 17; Aaker, D./Jacobsen, R. (2001), S. 492. Vgl. Keller, K. (2003), S. 596; Esch, F.-R./Wicke, A. (2001), S. 48. Vgl. Keller, K. (1993), S. 2 f.; Keller, K. (1998), S. 299 ff. 2 sches Phänomen zu charakterisieren. Der Aufbau des Markenwissens ist nicht trivial und wird durch eine Vielzahl aktueller Herausforderungen erschwert, so dass die Wertschöpfung über Marken keinesfalls einen Automatismus darstellt9. Wesentliche Entwicklungen sind dabei die Zahl der Markenanmeldungen, die Fülle von Neuprodukten und die damit einhergehende Informationsüberflutung, welche nachfolgend in Kürze dargestellt werden sollen. In den vergangenen Jahren führte die Popularität von Marken zu einem stetigen Anstieg der registrierten Marken. Im Jahre 2002 verzeichnete das Deutsche Patentund Markenamt (DPMA) erstmals über eine Million registrierter Marken in Deutschland und somit mehr als den doppelten Wert von 199210 (vgl. Abb. 1). 8 6 .9 8 3 7 6 .4 3 4 6 8 .6 1 0 7 0 .9 2 6 6 7 .3 6 1 6 5 .9 1 8 6 2 .0 4 1 5 7 .4 1 6 5 6 .9 9 2 4 8 .2 5 0 1995 5 1 .6 7 1 1996 1997 1998 1 99 9 2000 2001 2002 2 00 3 2004 2005 Abb. 1: Anzahl Markenanmeldungen über Zeit (Quelle: Deutsches Patent- und Markenamt (2003), S. 34) Treibender Faktor der Markenanmeldungen ist eine rasant steigende Anzahl von Produkteinführungen. So zählen bspw. ZIMMERMANN et al. für einen Zeitraum von 9 10 Vgl. u.a. Kirchgeorg, M./Klante, O. (2002), S. 34 ff.; Michael, B. (2002), S. 36 ff. Vgl. Deutsches Patent- und Markenamt (2006). 3 nur zwei Jahren über 100.000 neue Produkte und Dienstleistungen11, also nahezu 200 neue Produkte pro Werktag. Dies resultiert in einem kaum überschaubaren "Angebotschaos"12 und in einem hohen Anteil nicht erfolgreicher Neuprodukte. So können bspw. nahezu zwei Drittel der neuen Artikel im Lebensmitteleinzelhandel als Flops charakterisiert werden13, die Floprate über alle Warengruppen hinweg wird sogar auf bis zu 90% geschätzt14. Die aufgezeigte Entwicklung führt zu einem harten Markenwettbewerb, der durch weitere Kontextfaktoren verschärft wird. Besonders bemerkenswert ist dabei die Feststellung, dass Konsumenten die Produkte in einer funktional-qualitativen Sicht als austauschbar ansehen15. Eine Analyse von über 100 Testberichten mit über 1.700 Produkten durch die STIFTUNG WARENTEST konnte nachweisen, dass ca. 85% der Produkte als "gut" oder "sehr gut" beurteilt werden. ESCH spricht daher von einem "Qualitätspatt"16. Kunden setzen folglich eine vergleichbare Qualität von Produktalternativen zunehmend als gegeben voraus17. So kommt die BBDO 1999 zu dem Ergebnis, dass durchschnittlich 67% der Marken in unterschiedlichsten Produktmärkten von Verbrauchern als austauschbar angesehen werden18. In Produktmärkten wie Benzin oder Taschentücher sind sogar über 80% der Befragten von der Austauschbarkeit der Produkte überzeugt. Im härter werdenden Wettbewerb auf gesättigten Märkten langt dabei die reine Produktqualität als technisch-funktionale Eigenschaft nicht mehr aus, um Marken zu differenzieren. Vielmehr wird in neueren Beiträgen die Bedeutung der Kommunikation als strategischer Erfolgsfaktor in den Vordergrund gerückt, was einen rasanten Anstieg des Werbevolumens in den vergangenen Jahren verursachte. ESCH charakterisiert dies als Trend von einem Produktwettbewerb zu einem Kommunikationswett- 11 12 13 14 15 16 17 18 Vgl. Zimmermann, R. et al. (2001), S. 12. Esch, F.-R./Wicke, A. (2001), S. 12. Vgl. Madakom (2001), S. 17. Zimmermann gibt einen Wert von 85% an (vgl. Zimmermann, R. et al. (2001), S. 12), Lange nennt 90% als Floprate für den Bereich NuG. Vgl. Lange, M. (2001), S. 113. Vgl. Michael, B. (1994); Langner, T. (2003), S. 17; Kroeber-Riel, W./Weinberg, P. (2003), S. 125. Esch, F.-R. (2003), S. 33. Vgl. Kanter, D. (1981), S. 49. Vgl. BBDO Group Germany (1999). 4 bewerb19. Mit einer Wachstumsrate von jährlich knapp 5%20 erreichten die Bruttowerbeaufwendungen allein für klassische Medien in Deutschland im Jahre 2002 die Summe von EUR 16,28 Mrd.21. Insbesondere die Anzahl der Werbespots im Fernsehen stieg dabei mit fortschreitender Verbreitung dieses Mediums drastisch an22. So wurden im Jahre 2002 fast 2,7 Mio. TV-Werbespots gezählt. Über etwa 100 Fernsehstationen verteilt kann der Verbraucher somit ca. 45 Stunden am Tag ununterbrochen Werbefernsehen konsumieren und parallel über 500.000 Printanzeigen betrachten23. Konsumentenseitig ist zu beobachten, dass diese Dynamik eine drastische Überforderung der kognitiven Fähigkeiten zur Informationsverarbeitung darstellt.24 Studien weisen nach, dass über 98% der in TV, Radio und Presse kommunizierten Informationen als Überschuss zu charakterisieren sind25. Aufgrund der Reizüberflutung steigt der Mindestwerbedruck und somit die Höhe notwendiger Investitionen für den erfolgreichen Markenaufbau - allein die Top 30 Werbetreibenden investierten im Jahre 2002 EUR 3,82 Mrd. in die Werbung. Die Werbeeffizienz sinkt in der Konsequenz signifikant26. Konsumentenseitig zieht diese Reizüberflutung Orientierungslosigkeit nach sich, so dass es zunehmend schwierig wird, das Konsumentenverhalten zuverlässig zu bestimmen. Ebenso stellt es sich als schwierig dar, Marken sichtbar zu machen und in der Wahrnehmung des Konsumenten mit einem klaren Markenimage differenziert von Wettbewerbsprodukten abzugrenzen. 19 20 21 22 23 24 25 26 Vgl. Esch, F.-R. (2003), S. 34. Über den Zeitraum von 1994 bis 2002. Vgl. Bauer Media KG (2002), S. 11 f. Dies entspricht, gemessen an einem Gesamtumsatz von Markenartikeln in Deutschland von ca. EUR 337 Mrd., rund 5% des Umsatzes (Basis: Verkaufspreise ab Werk für Markenartikel aus deutscher Produktion im Jahr 2002). Vgl. Esch, F.-R. (2003), S. 29. Vgl. Bauer Media KG (2002), S. 12 ff. Im Einzelnen wurden 93 Fernsehsender mit 45 Stunden Werbung, 233 Radiostationen mit 43,4 Mio. Sekunden Werbung, 412 Zeitungen mit 344.500 Seiten Werbung und 1.781 Zeitschriften mit 188.300 Seiten Werbung im Jahre 2001 in Deutschland gezählt. Weitere Medien bzw. Werbeformen wie Product Placement erhöhen die Überlastung des Konsumenten noch weiter. Vgl. Esch, F.-R. (2003), S. 27. Vgl. Brünne, M./Esch, F.-R./Ruge, H.-D. (1987). Vgl. Esch, F.-R. (2003), S. 30. 5 Der Aufbau von Markenwissen stellt folglich für ein Unternehmen eine Kernproblematik dar, und ein fundiertes Verständnis relevanter Prozesse in den Köpfen der Konsumenten ist für eine effektive Markenführung unabdingbar. Als Prozesse von zentraler Bedeutung für die Entstehung des Markenwissens gelten insbesondere Wahrnehmung und Lernen. Obgleich diese in der betriebswirtschaftlichen und psychologischen Literatur bereits weit reichende Beachtung finden, ergeben sich insbesondere aus einer interdisziplinären Perspektive neue Anhaltspunkte für das Markenmanagement. Hinsichtlich Aktualität und Erklärungsbeitrag sind dabei die Neurowissenschaften besonders hervorzuheben27. Daher ist es Zielsetzung der vorliegenden Arbeit, die zentralen Prozesse zur Bildung und Steuerung des Markenwissens auf Basis neurobiologischer Erkenntnisse einer weiterführenden Diskussion zuzuführen. Dazu werden in Kapitel 2 zunächst neurobiologische Grundlagen diskutiert, um nachfolgend die Konstrukte und Prozesse mit Relevanz für das Markenwissen einzeln näher zu beleuchten. 2. Neurobiologische Grundlagen Aufgrund der zentralen Bedeutung des Gehirns für das Konsumentenverhalten im Allgemeinen und für die Entstehung, Speicherung und Wirksamkeit von Markenwissen im Spezifischen soll das menschliche Gehirn nachfolgend in seinem anatomischen Aufbau sowie seinen funktionalen Arbeits- und Wirkungsweisen dargestellt werden28. Zu Beginn sollen die grundlegenden Erkenntnisse der Hemisphärenforschung vorgestellt werden, welche auch unter aktuellen Forschungsergebnissen immer noch ein Leitparadigma der Neurobiologie darstellt. Im Anschluss erfolgt eine Überleitung zu dem kleinsten konstituierenden Teil, dem Neuron. 2.1 Erkenntnisse der Hemisphärenforschung In der Wissenschaft herrscht heute noch keine vollständige Einigkeit über die Gehirnstrukturen 27 28 und insbesondere über die damit zusammenhängenden Vgl. auch Häusel, H.-G. (2004), S. 65 ff. Alle nachfolgenden Erkenntnisse entsprechen dem aktuellen Stand der Forschung. Es ist im Rahmen fortlaufender Forschungsarbeiten aber von zusätzlichen Erkenntnissen und ggf. Modifikationen des Status Quo auszugehen. 6 Verhaltensimplikationen29, obwohl die Erforschung der Anatomie des Gehirns bis in das alte Ägypten vor rund 10.000 Jahren zurückgeht30. Vornehmlich auf die anatomischen Aspekte, die von unmittelbarer Relevanz für die weitere Arbeit sind, soll an dieser Stelle eingegangen werden31. Das menschliche Zentralnervensystem (ZNS) setzt sich aus dem Gehirn und dem Rückenmark zusammen32. Das Gehirn kann grob in den Kortex und den Subkortex unterteilt werden. Der Kortex umfasst hierbei die äußeren Regionen des Gehirns, welchen die kognitiven Prozesse zugeschrieben werden. Dahingegen bezeichnet der Subkortex die inneren Gehirnteile und ist von zentraler Bedeutung für Aktivierungsprozesse und die Koordination von Verhaltensmechanismen. Auf diese Weise verfügt auch der Subkortex über Verhaltensrelevanz, konkret über das Konstrukt der Aktivierung, doch ist an dieser Stelle speziell das Großhirn von Interesse. Das Gehirn lässt sich in die drei Hauptbereiche Rhombencephalon (Kleinhirn, verlängertes Mark und Brücke), Mesencephalon (Mittelhirn) und Telecephalon (Großhirn mit Zwischenhirn und Großhirnhemisphären) aufteilen33. Diese Primärbereiche gliedern sich in insgesamt zwölf einzelne Hirnnerven, zu denen bspw. Geruchs- oder Geschmackssinn zählen34 und mit deren Hilfe Sinnesinformationen und entsprechende Reaktionsbefehle für den Menschen vermittelt werden. Das Gehirn wird einer Baumrinde vergleichbar von der stark gefurchten Großhirnrinde, der sog. cerebrale Cortex (Cortex Cerebri), umschlossen, welche zugleich den phylogenetisch jüngsten Teil des Gehirns darstellt. Das Wesen des Menschen wird speziell durch diesen Bereich geprägt, da hier entscheidende Teile von Bewusstsein, sprachlichen und 29 30 31 32 33 34 Vgl. Pritzel, M./Brand, M./Markowitsch, H. (2003), S. 2. Vgl. Prosiegel, M./Paulig, M. (2002), S. 17. Auf eine umfassende Darstellung insbesondere der anatomischen Grundlagen muss dabei im Rahmen dieser Arbeit verzichtet werden. Es wird daher auf die einschlägige Literatur verwiesen: Moll, K./ Moll, M. (1997); Thompson, R. (2001). Vgl. Pritzel, M./Brand, M./Markowitsch, H. (2003), S. 15 f. Gehirn und Rückenmark unterteilen sich ihrerseits in insgesamt sieben Hauptteile. Neben dem ZNS existiert noch das Periphere Nervensystem PNS, welches sich in somantisches und autonomes Nervensystem unterteilt. ZNS und PNS zusammen bilden das gesamte menschliche Nervensystem (NS). Vgl. Kandel, E./ Schwartz, J./Jessell, T. (1995), S. 9. Vgl. Kandel, E./Schwartz, J./Jessell, T. (1995), S. 10 f. Vgl. Thompson, R. (2001), S. 14 ff. 7 motorischen Fähigkeiten sowie Denk- und Vorstellungsvermögen anzusiedeln sind35. Aus diesem Grunde ist der Cortex36 auch bezogen auf Marken anatomisch der zentrale Bereich des Gehirns. Der Cortex setzt sich aus sog. Lappen zusammen, welche die Großhirnhemisphäre zusammen mit Furchen auf dem Cortex unterteilen37. Ausgehend von den Erkenntnissen der Hemisphärenforschung und einer Vielzahl experimenteller Methoden ist das menschliche Gehirn in zwei ungefähr gleiche Hälften, sog. celebrale Hemisphären, eingeteilt38. Diese sind zwar miteinander verbunden39, jedoch anatomisch asymmetrisch und insbesondere in ihren Funktionen unterschiedlich40. Jede Gehirnhälfte ist auf eine bestimmte Art von Informationsverarbeitung spezialisiert, so dass verschiedene Regionen des Cortexes für verschiedene Verhaltensabläufe verantwortlich sind41. So ist die linke Gehirnhälfte bei den meisten Menschen für sprachlich-rationale Inhalte sowie Detailanalysen zuständig, wohingegen die rechte Gehirnhälfte bildhaft-emotional geprägt ist42. In diesem Sinne ist auch das wohl berühmteste Zitat zur Gehirnforschung "Wir sprechen mit der linken Hemi- 35 36 37 38 39 40 41 42 Vgl. Thompson, R. (2001), S. 20 f. Cortex meint nachfolgend als Kurzform stets den celebralen Cortex. Insgesamt besteht das Großhirn aus vier Lappen (Lobi), welche ihrerseits wiederum in kleinere Lappen (Lobuli) unterteilt sind. Vgl. Prosiegel, M./Paulig, M. (2002), S. 34 und Kandel, E./ Schwartz, J./Jessell, T. (1995), S. 10. Vgl. Wessels, M. (1994), S. 281 ff.; Kandel, E. /Schwartz, J./Jessell, T. (1995), S. 9; Ewert, J.-P. (1998), S. 209. Gleichwohl findet sich in einigen Beiträgen aufgrund der starken Interaktivität von Hirnarealen eine Abkehr von dem klassischen Hemisphärenverständnis. Da die Hemisphären jedoch einen sehr hilfreichen, plastischen Zugang zur Gehirnstruktur bieten, ist diese Theorie unverändert weit verbreitet und soll daher auch in dieser Arbeit Erwähnung finden. Einen guten Überblick über den Stand der Forschung bei der Hirnkartierung bietet Stollorz, V. (2003), S. 72 f. Vgl. Sperry, R. (1968), S. 723 - 783. Vgl. Pritzel, M./Brand, M./Markowitsch, H. (2003), S. 21. Vgl. Kandel, E./Schwartz, J./Jessell, T. (1995), S. 15. Diese Erkenntnis wird als zellulärer Konnektionismus bezeichnet, der in deutlichem Widerspruch zu der in der Hirnfoschung anfangs vorherrschenden Äquipotenzialtheorie steht, nach welcher die funktionelle Unterteilung des Cortex in Areale wertlos sei. Die Äquipotenzialtheorie konnte spät, aber nachhaltig widerlegt werden. Vgl. Esch, F.-R. (2003), S. 89; Kroeber-Riel, W./Weinberg, P. (2003), S. 106; Hoyer, W./ MacInnis, D. (1997), S. 63. Wo die Funktionen im Einzelfall angesiedelt sind, kann z.B. durch den intracarotiden Amobarbital-Perfusionstest nach Jaun Wada nachgewiesen werden (vgl. Calvin, W./Ojemann, G. (2000), S. 73). Zu grundlegenden Versuchen vgl. Zaidel, D./Sperry, R. (1973), S. 34 - 39; Gazzaniga, M. (1967), S. 24 - 29; Nebes, R. (1974), S. 1 - 14. 8 sphäre"43 zu verstehen. Auch wenn die Hirnhälften funktional getrennt sind, können die von ihnen verarbeiteten Informationen inhaltlich keineswegs kategorisch getrennt werden. So weist PRITZEL darauf hin, dass es in der "Verarbeitungskompetenz" der Hirnhälften keineswegs ein Ausschließlichkeitsprinzip gibt. Die beschriebene Trennung bezeichnet eher eine "mehr-oder-weniger"-Tendenz als eine "entweder-oder"Kategorisierung44. Ferner ist die Zusammenarbeit der beiden Hemisphären sehr eng45. Das Gehirn speichert somit verschiedene Wissensinhalte unterschiedlich ab. Diese Erkenntnis hat, bezogen auf das Untersuchungsobjekt Marke, unmittelbare Auswirkungen auf die Erforschung des Konsumentenverhaltens und insbesondere des Markenwahlverhaltens. So formuliert ESCH, dass die linke Gehirnhälfte markenbezogene Informationen mit hoher gedanklicher Beteiligung und analytisch sequenziell verarbeitet. Folglich werden in diesem Bereich vornehmlich rational geprägte, tangible Markeneigenschaften sowie der darauf basierende bewertbare Konsumentennutzen abgespeichert46. Die linke Gehirnhälfte ist daher bei der Speicherung und Bearbeitung kognitiv-denotativer Markenkomponenten von besonderer Bedeutung. Dahingegen weist die rechte Gehirnhälfte bei der Verarbeitung von Informationen nur eine geringe gedankliche Beteiligung auf, wie z. B. bei der Wahrnehmung von Markenkommunikation und der ganzheitlichen Reizverarbeitung. Demnach speichert diese celebrale Sphäre primär affektiv-konnotative Markenkomponenten, d. h. eher modalitäts-spezifische Eindrücke und Gefühle. Ausgehend von den in Kapitel 1 vorgestellten Herausforderungen des Markenmanagements kann geschlossen werden, dass es offenbar von zunehmender Bedeutung ist, Markenimages in der rechten Gehirnhälfte aufzubauen, d. h. emotional-affektive Markenassoziationen zu manifestieren47. Schließlich konnte aufgezeigt werden, 43 44 45 46 47 Broca, P. (1864) zitiert nach Kandel, E./Schwartz, J./Jessell, T. (1995), S. 12. Vgl. Pritzel, M./Brand, M./Markowitsch, H. (2003), S. 13. Diese Feststellung ist insbesondere vor dem Hintergrund festgestellter geschlechtsspezifischer Unterschiede von Bedeutung. Vgl. Thompson, R. (2001), S. 472; Ambler, T./Ioannides, A./Rose, S. (2000), S. 18. Vgl. Esch, F.-R. (2003), S. 89. Vgl. Steinmann, S. (2002), S. 19. Die Notwendigkeit des Aufbaus affektiver MarkenimageKomponenten ist dabei unabhängig von deren lokaler Speicherung, d. h. der kritische Diskurs (Fortsetzung der Fußnote auf der nächsten Seite) 9 dass eine Differenzierung verschiedener Marken über rein rational-technische Aspekte, die in der linken Hälfte verankert werden, in gesättigten Märkten mit funktional austauschbaren Produkten schwer zu erreichen ist. Diese Ansicht wird durch aktuelle Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften gestützt. Mithilfe von Magnetresonanz-Bildgebung (fMRI) konnte nachgewiesen werden, dass starke Marken zu einer Entlastung der für kognitive Prozesse zuständigen kortikalen Teile des Gehirns führen48. Somit zeichnen sich starke Marken durch emotional-affektive Markenrepräsentationen aus, welche relativ zu den rationalen an Bedeutung gewinnen. DEPPE AL. ET schlagen auf Basis dieser Erkenntnisse sogar eine neue, neurowissenschaftlich fundierte Definition einer Marke vor als ein "Stimulus, der zur kortikalen Entlastung der rationalen Hirnzentren führt, bei gleichzeitiger Aktivitätssteigerung der emotionalen Zentren"49. Diese Entwicklung bedeutet jedoch nicht, dass eine ausschließliche Konzentration auf die rechte Hirnhälfte bei der Markenkommunikation unkritisch ist. Die Forderung nach einer vollständigen Emotionalisierung von Marken und einer weitgehenden Neglektion der rationalen Elemente wird allerdings zuweilen in der Unternehmenspraxis und insbesondere in der Werbeindustrie erhoben. Tatsächlich ist aber wie bei nahezu allen Verhaltensweisen, auch bei der Markenwahl davon auszugehen, dass die Lateralisierung keineswegs vollkommen ist, sondern in der Regel beide Hälften in abgestimmter Koordination involviert werden50. Der Aufbau des Markenimages sollte folglich grundsätzlich in beiden Gehirnhälften erfolgen51, wenngleich mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung. Diese Erkenntnisse werfen die Frage auf, ob ein Konsument zu einer spezifischen Marke eher rationale oder emotionale Images speichert, und auf welchem Wege dies erhoben werden kann. Erste Antworten darauf liefern die Messverfahren der natur- 48 49 50 51 über die Gültigkeit der Hemisphärentheorie hat auf diese grundsätzliche Feststellung keinen Einfluss. Vgl. Kenning, P. et al. (2003), S. 7 f. Weitere mögliche Verfahren sind die Magnetencephalographie MEG, die Transcranial Manetic Stimulation TMS und Positron Emission Tomographie PET. Vgl. Paller, K. (2001), S. 131. Deppe, M. et al. (o.J.). Vgl. Pritzel, M./Brand, M./Markowitsch, H. (2003), S. 285. Vgl. Esch, F.-R. (2003), S. 89. 10 wissenschaftlichen Betrachtungsweise, die seit jüngster Vergangenheit von dem wachsenden Interesse an nonverbalen Messungen zeugen. Als in diesem Zusammenhang besonders populär hat sich die Beobachtung des emotionalen Ausdrucksverhaltens gezeigt52. Dieses umfasst die gesamte Körpersprache mit einem besonderen Fokus auf die "Gesichtssprache"53. Mimisches Ausdrucksverhalten ist biologisch vorprogrammiert und tritt daher zwingend als Teil des Emotionsprozesses auf54. Die Frage, ob und wie stark – insbesondere emotionale – Markenassoziationen im Gehirn verankert sind, könnte daher zumindest annähernd durch Beobachtung der Mimik von Konsumenten bei Anblick oder Nennung von Marken interpretiert werden (sog. Facial-Feedback-Hypothese)55. Die Facial-AffectScoring-Technique (FAST) nach EKMAN/FRIESEN beispielsweise vergleicht anhand spezieller Notationssysteme tatsächlich registrierte Ausdrücke mit standardisiertem Ausdrucksverhalten56. Diese Verfahren haben den Vorteil, dass sie Emotionen des Probanden auf eine nicht-reaktive Weise erheben können, sind jedoch in ihrer Erhebung und Auswertung sehr aufwändig. Kaum weniger aufwändig sind psychobiologische Messungen, welche in erster Linie dazu dienen, die Intensität der Emotion zu ermitteln. Typischerweise werden dazu Indikatoren wie Herzrate, Blutdruck und -volumen, elektrodermale Reaktion und Muskelpotenziale herangezogen57. Eine aufgrund neu verfügbarer Technologien weiterentwickelte Forschungsrichtung zeichnet sich seit Ende der 1980er Jahre mit der Beobachtung neurophysiologischer Vorgänge ab. Hierbei wird mit Hilfe von funktioneller Magnetresonanz-Tomographie oder ähnlichen Methoden die Aktivität des Gehirns gemessen. Sehr anschaulich sind die Ergebnisse einer Studie aus dem Automobilmarkt (vgl. Abb. 2): 52 53 54 55 56 57 Vgl. Hazlett, R./Hazlett, S. (1999), S. 7 ff.; Zajonc, R. (1984), S. 118; Izard, C. (1999), S. 20. Vgl. Kroeber-Riel, W./Weinberg, P. (2003), S. 111. Vgl. Izard, C. (1999), S. 119. Vgl. Becker-Carus, C. (2004), S. 490 sowie grundlegend Tomkins, S. (1962). Vgl. Ekman, P./Friesen, W. (1971), S. 37 ff. Zur Weiterentwicklung des Ansatzes vgl. auch Ekman, P./Friesen, W. (1978); Krause, R. (1996), S. 577 - 608. Zu Messmethoden der Psychobiologie vgl. zusammenfassend Buck, R. (1988), S. 555; Becker-Carus, C. (2004), S. 490. Zu Messmethoden der Psychobiologie vgl. zusammenfassend Buck, R. (1988), S. 555; BeckerCarus, C. (2004), S. 490. 11 Von vorn Von oben Abb. 2: Neurale Aktivitätsdifferenzen als Messansatz von Emotionen (Quelle: BACHMANN, K. (2004), S. 26) Die aus der Tomographie gewonnenen Hirnschnitte weisen deutlich auf eine Aktivitätsdifferenz im ventralen Striatum und im orbitofrontalen Cortex beim Anblick der beiden Automobile hin (eingekreiste Bereiche)58. Besonders im männlichen Gehirn führt der Anblick des Sportwagens offensichtlich zu einer hohen Aktivität der Neuronen in jenem Teil des Gehirns, welcher der Emotionsverarbeitung zugeordnet wird. Beim Kleinwagen hingegen feuern die Neuronen erheblich schwächer59. Der männliche Sinn für Schönes wird auch durch andere Studien entlarvt: So sprangen im Gehirn der männlichen Probanden beim Anblick von weiblichen Photographien ausschließlich die rechte Hirnhälfte und das limbische System an, während beim Anblick männlicher Bilder nur in der linken Hälfte Neuronenaktivität festgestellt wurde60. Trotz des derzeit steigenden Interesses an Ergebnissen dieser Art sollten die Nachteile der psychobiologischen Messungen nicht aus den Augen verloren werden61. So geben die Aktivierungsmuster zunächst keine Auskunft darüber, ob das 58 59 60 61 Vgl. zu diesem Beispiel insbesondere Bachmann, K. (2003), S. 26. Vgl. auch Wells, M. (2003). Vgl. o.V. (2004). Vgl. z.B. Crites, S./Aikman-Eckenrode, S. (2001), S. 23 ff. sowie ausführlich Kroeber-Riel, W./Weinberg, P. (2003), S. 63 ff. 12 zugrunde liegende Markenwissen positiv oder negativ gerichtet ist62, und es können mit diesen Verfahren kaum operationale Stellhebel offen gelegt werden. Ferner ist der Aufwand für die Erhebung der psychobiologischen Daten sehr hoch. 2.2 Das Neuron Die bisher diskutierten anatomischen Grundlagen und damit verbundenen Messverfahren haben das notwendige Verständnis für den grundsätzlichen Aufbau des Gehirns in zwei Hemisphären und damit verbundene Verarbeitungskompetenzen geschaffen. Der abstrakte Charakter des Images als mentale Repräsentation konnte damit jedoch nicht behoben werden. Aus diesem Grunde sollen in diesem Abschnitt Konzepte und Modelle zur Struktur des Images dargestellt werden, um das Konstrukt gedanklich besser erfassen zu können63. Um die modelltheoretischen Überlegungen zu fundieren, soll wiederum eine biologisch-organische Perspektive eingenommen werden. Dazu ist jedoch ein Rekurs auf den kleinsten, für die Informationsverarbeitung spezialisierten Bestandteil des Nervensystems, die Nervenzelle, notwendig64. Zielsetzung ist, das menschliche Gehirn somit nicht mehr als Black Box, sondern als zentrales Organ im Kaufentscheidungsprozess zu verstehen65. Das Gehirn stellt als Teil des Zentralnervensystems die zentrale Schaltstelle für das Konsumentenverhalten im Allgemeinen und für die Entstehung, Speicherung und Wirksamkeit von Markenwissen im Spezifischen dar. Der kleinste, für die Informationsverarbeitung spezialisierte Bestandteil innerhalb des Nervensystems ist die Nervenzelle (Neuron), welche das Zentrum des nervalen Kommunikationsapparates bildet. Soll versucht werden, das Gehirn nicht mehr als Black Box zu verstehen, ist eine Betrachtung auf Ebene der Neuronen erforderlich. Die Großhirnrinde beheimatet rund 30 Mrd. Neuronen, d.h. ca. 148.000 Neuronen je 62 63 64 65 Vgl. Hesse, J. (2003), S. B2. Vgl. Engelkamp, J./Denis, M. (1989), S. 7 und S. 18. Vgl. Kandel, E./Schwartz, J./Jessell, T. (1995), S. 51. Vgl. Kenning, P. et al. (2003), S. 2. 13 Quadratmillimeter Cortexoberfläche66. Oft sind die Neuronen als Bündel von je 80 bis 100 vertikal verknüpften Zellen zu sog. Säulen (Kolumnen) zusammengefasst. Mit diesem säulenförmigen Aufbau bilden die Neuronen entsprechend der Hypothese der kolumnären Organisation nach MOUNTCASTLE die Organisationseinheiten des celebralen Cortex67, d.h. die Großhirnrinde als Zentrum kognitiver Funktionen wird durch Neuronen-Säulen konstituiert68. Neuronen können daher als entscheidender Baustein des menschlichen Denk- und Vorstellungsvermögens angesehen werden69. Abb. 3: Morphologischer Aufbau eines Neurons (Quelle: ZELL, A. (2000), S. 38) Morphologisch betrachtet besteht ein Neuron aus den Bereichen Zellkörper (Perika- 66 67 68 69 Vgl. Calvin, W./Ojemann, G. (2000), S. 48. Vgl. Prosiegel, M./Paulig, M. (2002), S. 40; Calvin, W./Ojemann, G. (2000), S. 110. Vgl. Kandel, E./Schwartz, J./Jessell, T. (1995), S. 10. Vgl. Thompson, R. (2001), S. 20. 14 ryon), Axon, Dendriten und präsynaptischen Endigungen70 (vgl. Abb. 3). Jeder dieser Bereiche übernimmt im Rahmen der Informationsverarbeitung eine spezifische Funktion. Der Zellkörper enthält den Zellkern (Nucleus) mit den genetischen Informationen der Zelle. Von dem Zellkörper gehen Fortsätze ab: die Axonen und Dendriten. Diese Fortsätze stellen die Verbindung zu anderen Neuronen her und geben der Nervenzelle ihren Charakter als Knotenpunkt. Dendriten finden sich i. d. R. in größerer Anzahl71. Sie sind von unterschiedlichster Größe und gehen als kleine Fasern baumartig vom Zellkörper ab72. Dendriten dienen als rezeptive Oberfläche des Neurons, d. h. über sie empfängt das Neuron Input in Form von Signalen anderer Zellen. Das Axon dagegen dient als konduktive Komponente des Neurons der aktiven Signalübertragung der (präsynaptischen) Zelle73. Es kann daher als wichtigste Leistungseinheit des Neurons angesehen werden. Die Übertragung von Informationen bspw. über Markeneigenschaften erfolgt in Form von elektrischen Signalen, sog. Aktionspotenzialen74. Aktionspotenziale sind somit von zentraler Bedeutung für den Erhalt, die Verarbeitung und Übermittlung von Informationen im Gehirn. Ein Axon gleicht anatomisch einem röhrenförmigen Fortsatz des Zellkörpers und verzweigt sich ähnlich einem Baumstamm in mehrere axonale Endigungen. An diesen Endigungen finden sich spezialisierte Synapsen, über welche das präsynaptische Neuron Informationen an die Dendriten nachgelagerter Zellen übermittelt75. Ein einziges Axon kann Synapsen zu bis zu 1.000 anderen Zellen aufbauen. Die Anzahl der Synapsen variiert zwar zwischen den Neuronen; insge- 70 71 72 73 74 75 Vgl. hierzu und zu nachfolgenden Ausführungen insbesondere Kandel, E./Schwartz, J./Jessell, T. (1995), S. 22 ff. sowie Calvin, W./Ojemann, G. (2000), S. 107 ff. Neuronen mit mehreren Dendriten und einem Axon werden auch als multipolare Neuronen bezeichnet und stellen die vorherrschende Neuronenart im Nervensystem dar. So leitet sich der Terminus Dendrit von dem griechischen Wort für Baum ab. Vgl. Thompson, R. (2001), S. 40. Unter präsynaptisch ist diejenige Zelle zu verstehen, die Informationen überträgt. Zellen, welche das Signal empfangen, werden als postsynaptisch bezeichnet. Vgl. Reichert, H. (2000), S. 36 ff. Zur Abgrenzung gegen passive lokale Potenziale vgl. Nicholls, J./Martin, A./Wallace, B. (2002), S. 7 ff. Da die präsynaptischen Endigungen die Dendriten der postsynaptischen Zelle nicht berühren, findet die Signalübertragung über den sog. synaptischen Spalt durch einen chemischen Überträgerstoff, den sog. Transmitter statt, welchen Rezeptormoleküle der postsynaptischen Zelle wiederum in ein elektrisches Signal transformieren und in das Neuron weiterleiten. Informationen sind demnach im Nervensystem in Form von Chemikalien und elektrischen Signalen zu finden. Vgl. Thompson, R. (2001), S. 30 und Calvin, W./Ojemann, G. (2000), S. 114. 15 samt ist aber von ca. 100 Billionen synaptischer Verbindungen im menschlichen Nervensystem auszugehen, die somit ein hochkomplexes System zur Informationsleitung im Gehirn bilden76. Die der Übertragung zugrunde liegende Information wird in diesem System nicht durch die Form des Signals (z. B. elektrische Stärke) kodiert, sondern ausschließlich über die spezifischen neuronalen Verschaltungen, über welche die Botschaft weitergeleitet wird77. Es sind daher Verbindungsmuster und -stärke der Synapsen, welche das Markenwissen repräsentieren und somit die Reaktion des Gehirns wie einen Verhaltensplan bereitstellen78. Die Konnektivität der Neuronen ist somit conditio sine qua non sämtlichen menschlichen Wissens und somit auch im speziellen Fall des Markenwissens. 3. Markenimages als synaptische Verbindungsmuster Die neurobiologische Erkenntnis, dass Wissen im Gehirn des Menschen als synaptische Architektur repräsentiert wird, kann nunmehr auf den Spezialfall des Markenwissens bzw. Markenimages übertragen und zwecks besserer Verständlichkeit zunächst etwas vereinfacht werden. Obgleich in der kognitiven Psychologie eine Vielzahl von Taxonomien zur Strukturierung von Gedächtnismodellen existiert79, hat sich in dieser Hinsicht als Quasi-Standard in der aktuellen Literatur das semantische Netzwerkmodell (Schematheorie) etabliert80. 76 77 78 79 80 Somit ist es auch die Komplexität der Verknüpfungen und nicht die Komplexität der einzelnen Komponenten, welche die Übermittlung und Verarbeitung verschiedenster komplexer Informationen ermöglicht. Vgl. Churchland, P. (2001), S. 4. Zusätzliche Komplexität entsteht aus der Tatsache, dass die Verbindungen unterschiedlich stark ausgeprägt sein können, d. h. von sehr schwach bis sehr stark. Dies potenziert die möglichen Ausprägungen der 100 Billionen Verbindungen. Vgl. Singer, W. (2000a), S. 518. Vgl. Churchland, P. (2001), S. 4 f.; Singer, W. (1996), S. 428; Singer, W. (2000b), S. 137 ff. Eine spannende Diskussion zu der Hirnforschung und menschlicher Willensfreiheit findet sich weiterführend in Roth, G. (2003), S. 31. Vgl. Langner, T. (2003), S. 45 und die dort angegebene Literatur. Vgl. bspw. Bekmeier-Feuerhahn, S. (1998), S. 162 ff.; Esch, F.-R. (2003), S. 67 ff.; Hätty, H. (1989), S. 194 ff.; Esch, F.-R./Wicke, A. (2001), S. 47 ff.; Schmitt, B./ Simonson, A. (2001), S. 226 ff. 16 Diese Theorie entstand im Rahmen eines relativ neuen Forschungsgebietes81, wenngleich erste Grundlagen bereits in der Assoziationspsychologie von ARISTOTELES zu finden sind82. Die Architektur eines kanonischen Netzes besteht grundlegend aus Einheiten, Verbindungen und Gewichten. Terminologisch leicht verändert spricht man in der Schematheorie von sog. Konzepten, welche direkt oder über sog. Knotenpunkte miteinander verbunden sind. Konkret auf die Markenpolitik angewendet bedeutet dies, dass bestimmte typische Eigenschaften (Konzepte) und standardisierte Vorstellungen in einem mentalen Schema mit einer Marke verknüpft sind83. Man spricht dann von einem Markenschema als Spezialfall des assoziativen Netzwerks84. Abbildung 4 illustriert exemplarisch ein semantisches Netzwerk für die Marke MILKA: Lila Pause Alpenwelt Natürlich Lila Milka Schokoriegel Lila Versuchung Aus Milch Braun Zarte Versuchung Schokotafel Süßigkeiten Kalorien Macht dick Kakaohaltig Schokolade Süß Schmeckt gut "Betthupferl" Abb. 4: Assoziatives Markenschema am Beispiel Milka (Quelle: ESCH, F.-R./WICKE, A. (2001), S. 48) 81 82 83 84 Die Einführung in den deutschsprachigen Raum erfolgte erst Mitte der achtziger Jahre. Vgl. Hätty, H. (1989), S. 194. Vgl. Esch, F.-R. (2003), S. 68 ff.; Esch, F.-R. (2001), S. 43. Dieses Bild ist mit Erkenntnissen der Neurobiologie gut vereinbar. So liegen Erkenntnisse vor, dass Wissen nicht durch allgemeine Vorstellungen, sondern in Kategorien (= Marken) gespeichert wird. Man geht daher von der Existenz assoziativer Lappen im Gehirn aus. Vgl. Kandel, E./Schwartz, J./Jessell, T. (1995), S. 18. 17 Die Assoziationen zu der Marke MILKA sind sowohl emotionalen als auch rationalen Charakters und umfassen markenspezifische Assoziationen (lila, Kuh, etc.) ebenso wie produktkategoriespezifische Knoten (aus Milch, Süßigkeiten, etc.)85. Folglich definiert die kanonische Beschreibung zunächst eine große Klasse von Netzen (Süßwaren allgemein), und spezifische Netze schließlich definieren kleine Teilklassen davon (Schokolade bzw. Milka). Wenngleich das obige Markenschema in der betriebswirtschaftlichen Forschung weitgehend etabliert und sehr anschaulich ist, bietet sich eine alternative Darstellungsweise an, welche den Gedanken synaptischer Verbindungsmuster besser reflektiert: die Vektorcodierung. Nach der Hypothese von BARLOW können ca. 1.000 Neuronen visuelles Geschehen repräsentieren, wobei jedes Neuron approximativ jene Information repräsentiert, welche durch ein einziges Wort gekennzeichnet wird (rot, schwarz)86. Diese Information ist somit lokal codiert. Da sich eine Marke aber wie im obigen Beispiel durch eine Vielzahl von Informationen auszeichnet, welche die spezifische Marke erst als solche identifizierbar machen, sind mehrere Neuronen für die Speicherung erforderlich. Hierin liegt der wesentliche Unterschied zwischen der lokalen und der Vektorcodierung. Um sich dem Phänomen der Vektorcodierung zu nähern, ist es zunächst sinnvoll, das Grundprinzip zu erklären87. Unterschiedliche Repräsentationen werden als Gesamtmenge der Aktivität aller Neuronen der relevanten Population codiert. Unter der Annahme, dass die Repräsentationsaktivität eines Neurons mit der durchschnittlichen Impulsrate dieser Zelle gleichgesetzt wird, ist ein einzelnes Neuron an der Repräsentation verschiedener Wahrnehmungsobjekte beteiligt. Existieren in einem sehr einfachen Beispiel drei Zellen mit Aktivitätsebenen von 1 bis 5, so spezifiziert der Vektor (3, 2, 1, 0) ein anderes Muster als (4, 1, 1, 0), wenngleich mehrere Zellen mit gleicher Aktivität involviert sind. Die Werte der Vektorelemente spezifizieren die Position in einem vierdimensionalen Merkmalsraum, wobei der Raum über die Aktivitäts- 85 86 87 Vgl. Bekmeier-Feuerhahn, S. (1998), S. 166; Karmasin, H. (1998), S. 167. Vgl. Barlow, H. (1972), S. 371 - 394. Vgl. Churchland, P./Sejnowski, T. (1997), S. 212 ff. 18 skalen aller beteiligten Einheiten (Neuronen) aufgespannt wird88. Daher wird bei der Vektorcodierung auch von der verteilten oder multidimensionalen Repräsentation oder Zustandsraumrepräsentation gesprochen. Der Unterschied zu der lokalen Repräsentation, welche die Speicherung in einem einzelnen Neuron bezeichnet, ist somit eindeutig. Trotzdem sollte daraus nicht gefolgert werden, dass es sich hierbei um zwei Erklärungsansätze handelt, die sich gegenseitig ausschließen. Es ist durchaus möglich, dass verschiedene Strukturen im Gehirn verschiedene Strategien benutzen. So ist bspw. die Speicherung skalarer Werte wirkungsvoll mit der lokalen Codierung möglich, Vektorwerte89 hingegen werden besser durch Vektoren repräsentiert90. Wie arbeiten nun diese Netze, welche durch mehrdimensionale Vektoren aufgespannt werden?91 Grundsätzlich besteht ihre Aufgabe darin, Ausgabevektoren mit Eingabevektoren zu assoziieren. Die zentrale Leistung ist dabei die Berechnung von sog. inneren Produkten, d. h. die Multiplikation zweier Vektoren entlang ihrer Komponenten und die Addition der so erhaltenen Produkte. Folglich ist es nötig, dass jeder Komponente zwischen den Eingabeeinheiten und einer individuellen Ausgabeeinheit Gewichte für diese Operation zugeordnet werden. Diese Gewichte sind einer Summeneinheit zugeteilt, welche die einzelnen Produkte der zwei Vektoren aufsummiert. Die Summeneinheit ist dabei die Ausgabeeinheit - die Ausgabe ist folglich eine lineare Transformation der Eingabe92. Bisher wurde auf Basis neurobiologischer Grundlagen das in der Marketingwissenschaft verbreitete Schema-Modell aus einer neuen Perspektive beleuchtet und die Vektorcodierung als Konzept der Codierung eingeführt. Hierin liegt das statische Fundament des Markenwissens, doch wurden dynamische Aspekte zunächst ausgeblendet. Dies soll in den nachfolgenden Abschnitten behoben werden, indem die zentralen Prozesse der Wahrnehmung und des Lernens diskutiert werden. 88 89 90 91 92 Vgl. Churchland, P./Sejnowski, T. (1997), S. 217. Vektoren sind geordnete Mengen von Zahlen. Vgl. Churchland, P./Sejnowski, T. (1997), S. 213. Vgl. zu der folgenden Erklärung Churchland, P./Sejnowski, T. (1997), S. 102 ff. Vgl. auch Lange, C. (2001), S. 236 ff. 19 4. Wahrnehmung als zentraler Prozess zur Entstehung von Markenwissen Wird von Markenimages und ihrer (potenziellen) Verhaltensrelevanz gesprochen, so ist es selbstverständlich, dass die Stimuli, welche gemäß dem S-O-R-Paradigma zur Entstehung von Images notwendig sind, zunächst von den Konsumenten wahrgenommen werden und dann als markenspezifische Wissensinhalte in das semantische Netzwerk aufgenommen werden müssen. ROTHSCHILD weist jedoch auf zahlreiche Misserfolge der Produktpositionierung hin, bei denen diese elementaren Bedingungen nicht beachtet wurden93. Daher ist nachfolgend das Zustandskonstrukt Image um die zentralen Prozesse der Wahrnehmung sowie – in Kapitel 5 – des Lernens zu ergänzen94. 4.1 Wahrnehmung als personenorientierte Determinante des Images Grundsätzlich lassen sich neurale, d. h. über das Nervensystem laufende Prozesse analog dem allgemeinen S-O-R-Modell auf die drei Komponenten Input, (neuronale) Verarbeitung sowie Reaktion zurückführen95. Somit steht die Aufnahme von Reizen als Inputfaktor und potenziell verhaltensauslösender Stimulus stets am Anfang des Prozesses: Der Output ist eine Funktion des Inputs96. Bereits in den einleitenden Kapiteln wurde aber herausgearbeitet, dass sich Konsumenten heute mehr denn je in einer reizüberfluteten Umgebung bewegen (vgl. Kapitel 1). Die begrenzte Informationsverarbeitungskapazität erfordert daher eine Selektion der physisch aufgenommenen Informationen97. Das zentrale und für die Wirkungskraft von Markenwissen unerlässliche Konstrukt stellt in diesem Kontext die Wahrnehmung dar. Wahrnehmung ist grundsätzlich ein Prozess der "Aufnahme und Selektion von Reizen bzw. Informationen sowie deren Verarbeitung und Interpretation durch das Individuum"98. Wesentliche Charakteristika dieses Prozesses sind die Aktivität, Selektivi- 93 94 95 96 97 98 Vgl. Rothschild, M. (1987), S. 156 ff. Die Unterteilung der Konstrukte in Zustände und Prozesse folgt einem Vorschlag von Trommsdorff. Vgl. Trommsdorff, V. (2003), S. 34. Vgl. Kandel, E./Schwartz, J./Jessell, T. (1995), S. 40. Vgl. Pritzel, M./Brand, M./Markowitsch, H. (2003), S. 9. Vgl. Singer, W. (2000b), S. 137; Trommsdorff, V. (2003), S. 246. Hätty, H. (1989), S. 127. Ähnlich Trommsdorff, V. (2003), S. 239 ff.; Anderson, J. (2001), S. 37 ff. 20 tät und Subjektivität99. Wahrnehmung stellt somit keineswegs einen passiven Prozess dar, sondern bedingt zur Aufnahme und Verarbeitung der Informationen eine Aktivität des Individuums. Die Selektivität dient der Bewältigung der Informationsfülle und beugt einer Überforderung vor. Welche Reize diesen Filter passieren, hängt dabei von mehr oder minder gesteuerten Formen der Informationsaufnahme ab, welche nachfolgend näher beleuchtet werden. Schließlich bildet sich, nicht zuletzt aufgrund der Selektivität, eine subjektiv wahrgenommene Welt in den Köpfen der Menschen100. Objektiv gleiche Sachverhalte werden unterschiedlich wahrgenommen, so dass objektive und subjektiv wahrgenommene Realität voneinander abweichen101. Die Bedeutung dieser drei Charakteristika für das Markenmanagement ist erheblich: Es ist demnach nicht das objektive Angebot, welches das Konsumentenverhalten prägt, sondern die Wahrnehmung dieser Angebote durch den Verbraucher102. Die Annahme eines "homo oeconomicus", welcher die objektive Realität vollkommen erkennt, muss somit für das praktische Markenmanagement verworfen werden103. Für die Emotionalisierung von Marken bedeutet dies, dass unternehmensseitig im Sinne des Aussagekonzepts gestaltete emotional-affektive Stimuli zwar notwendig, aber keineswegs hinreichend sind. Die Wahrnehmung und weitere Verarbeitung dieser Stimuli sind für die Verhaltensbeeinflussung zentrale Voraussetzung. Aufgrund dieses Stellenwerts muss das Wahrnehmungskonstrukt als erklärende Variable nachfolgend in seinen wesentlichen Zügen weiterführend erläutert werden. 99 100 101 102 103 Vgl. Kroeber-Riel, W./Weinberg, P. (2003), S. 268 f. Eindrucksvoll und plastisch wird dieser Sachverhalt durch zahlreiche "Blindtests" illustriert, in welchen Konsumenten bei unmarkierten Produkten andere Präferenzmuster bzw. Produktbeurteilungen äußern als unter Hinzunahme des Stimulus Markierung. Populäre Beispiele sind die Tests zu Cola, Reiseveranstaltern, Bier, Zigaretten, Wäschestärke und Kaffee. Vgl. in der Reihenfolge der Produktmärkte Chernatony, L. de/McDonald, M. (1992); Kenning, P. et al. (2003), S. 3; Böcker, F. (1985), S. 506 ff.; Kutzelnigg, A. (1962), S. 52 f.; Hätty, H. (1989), S. 136; Reitter, R. (1969), S. 182 f. Erkenntnistheoretisch ist es damit problematisch, von einer objektiven Realität oder Wahrheit zu sprechen, da der Verwender dieser Begriffe stets von seiner subjektiv geprägten Innenwelt ausgehen muss. Vgl. Kroeber-Riel, W./Weinberg, P. (2003), S. 271. Vgl. Kroeber-Riel, W./Weinberg, P. (2003), S. 270. Vgl. Hätty, H. (1989), S. 128. 21 4.2 Erklärungsansätze der selektiven Wahrnehmung Die Wahrnehmungspsychologie untersucht Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Wahrnehmung von Reizen, d. h. den Zusammenhang zwischen Physischem und Psychischem104. Voraussetzung ist die Reizquelle als objektive Grundlage sowie die Hinwendung zu dieser Quelle zur Informationsaufnahme105. Damit verbunden ist grundsätzlich eine Aufmerksamkeit des Rezipienten. Da jedoch die Aufnahmefähigkeit des Kurzzeitspeichers (KZS), welcher Informationen aus dem wesentlich größeren sensorischen Speicher erhält, begrenzt ist, kann nur eine selektive Teilmenge der aufgenommenen Informationen weitergeleitet106 und zur kognitiven Verarbeitung im KZS verwendet werden107. Die Reizauswahl und die damit verbundene Informationsreduktion werden dabei im Wesentlichen durch das Aktivierungpotenzial des jeweiligen Reizes determiniert108: "Je höher die kurzfristig durch einen Reiz ausgelöste, phasische Aktivierung, um so effizienter wird der Reiz verarbeitet"109. Der Spezialfall einer durch Markierung ausgelösten Aktivierung eines Individuums wird 104 105 106 107 108 109 Vgl. Goldstein, E. (2001), S. 15. Vgl. Trommsdorff, V. (2003), S. 240. Vgl. Kebeck, G. (1997), S. 157. Vgl. Kroeber-Riel, W./Weinberg, P. (2003), S. 244. In dieser Arbeit wird noch auf die klassische Dreiteilung in sensorischen Speicher, Kurzzeitspeicher und Langzeitspeicher rekurriert. Erkenntnisse der Neurowissenschaften wecken jedoch Zweifel an dieser Einteilung. So kann zwar der Kortex als Langzeitspeicher tituliert werden, da hier die relativ dauerhaften Gedächtnisengramme fixiert werden. Dem Kortex geht quasi als schneller Ereignisspeicher der Hippocampus voraus. Allerdings empfängt der Hippocampus keine direkten Signale von den Sinnesorganen. Die Annahme der direkten Übertragung von dem sensorischen in den Kurzzeitspeicher wäre somit falsch. Vielmehr empfängt der Hippocampus multimodale, d. h. bereits hoch verarbeitete Informationen über die Außenwelt und über subcortikale Bahnen Informationen über die "Innenwelt". Vgl. insbesondere Singer, W. (1996), S. 433 und Buzsáki, G. (1989), S. 551 - 570. Trotzdem gilt das Drei-SpeicherModell noch immer als Leitparadigma in der Neurowissenschaft. Vgl. Buchner, A. (2003), S. 454. Unter der Aktivierung kann dabei ein physiologischer Erregungszustand des Zentralnervensystems verstanden werden, der eine phasische Leistungssteigerung bewirkt. Vgl. Trommsdorff, V. (2003), S. 48 und Kroeber-Riel, W./Weinberg, P. (2003), S. 58. Kroeber-Riel, W./Weinberg, P. (2003), S. 83. Das in diesem Zusammenhang relevante Konstrukt der Aktivierung ist die Aufmerksamkeit. Sie ist definiert als "vorübergehende Erhöhung der Aktivierung zur Sensibilisierung des Individuums gegenüber bestimmten Reizen" (Kroeber-Riel, W./Weinberg, P. (2003), S. 61). Von zentraler Bedeutung ist dabei die Reizstärke. Den FechnerWerberschen Gesetzen folgend existiert dabei eine absolute Schwelle, ab welcher ein Reiz überhaupt wahrgenommen wird, und ein genereller Zusammenhang zwischen Stimulusstärke und wahrgenommener Empfindungsstärke (vgl. Goldstein, E. (2001), S. 21). Gemäß der Lambda-Hypothese existiert jedoch das Phänomen der Überaktiviertheit; in diesem Bereich wirkt in einer Grenzbetrachtung zusätzliche Aktivierung reduzierend auf die Leistungsfähigkeit des Organismus. Vgl. Trommsdorff, V. (2003), S. 49 ff. 22 als Markenbewusstsein bezeichnet110. Aktivierungstheoretisch ist Markenbewusstsein damit ein Konstrukt der Aufmerksamkeit, welches beschreibt, mit welcher Bereitschaft markierungsspezifische und somit auch emotionale Reize aufgenommen werden111. Die grundsätzliche Möglichkeit zur Herausbildung starker Marken hängt damit wesentlich von den persönlichen Wertvorstellungen des Konsumenten ab112 – nur sofern Markenbewusstsein vorliegt, ist der Konsument gegenüber der Markierung als Umweltreiz sensibilisiert und nimmt markenspezifische Informationen auf. Der Einfluss des Markenbewusstseins auf die Markenstärke wurde von BEKMEIERFEUERHAHN empirisch nachgewiesen. Für diese Arbeit muss zwar das Markenbewusstsein in seiner image-konstituierenden Funktion anerkannt werden, wird allerdings als Vorstufe des eigentlichen Untersuchungsobjekts Image in dieser Arbeit nicht weiter thematisiert. Die Aktiviertheit, welche dem Markenbewusstsein zugrunde liegt, ist ein zentrales Konstrukt, welches aber physiologisch grundlegend und in seinem Erklärungswert beschränkt ist. Daher scheint es zweckmäßig, als erklärenden Indikator für die Bildung des Markenbewusstseins das Involvement als anwendungsbezogenenes Konstrukt zusätzlich einzuführen113. Involvement ist definiert als personenspezifischer, stimulusbasierter "Aktivierungsgrad (...) zur objektgerichteten Informationssuche, -aufnahme, -verarbeitung und -speicherung"114. Die Objektorientierung (hier: zur Marke) und die Einbeziehung emotionaler sowie kognitiver Prozesse sind wichtige Merkmale. 110 111 112 113 114 Vgl. hierzu und zu nachfolgenden Erläuterungen des Markenbewusstseins Bekmeier-Feuerhahn, S. (1998), S. 118 ff. So hängen - auf die Markenemotionalisierung bezogen - Art und Stärke der empfundenen Emotion wesentlich davon ab, wie die Situation von der Person wahrgenommen wird und welche persönliche Bedeutung (analog dem Markenbewusstsein) sie ihr zuschreibt. Vgl. Becker-Carus, C. (2004), S. 494. Vgl. Wiswede, G. (1978), S. 135 - 158. Als zweiter Erklärungsansatz zur Erklärung des Markenbewusstseins kann das subjektive Entscheidungsrisiko angeführt werden. Trommsdorff, V. (2003), S. 56. Ähnlich: Pepels, W. (1996), S. 388 f. Die begriffliche Abgrenzung des Involvements ist dabei keineswegs unstrittig. Zu alternativen Begriffsauffassungen vgl. bspw. Laaksonen, P. (1994), S. 22 ff. 23 Person Informationsaufnahme Produkt Stimulusspezifische Faktoren Medium Botschaft Involvement Informationsverarbeitung Informationsspeicherung Situation Abb. 5: Determinanten und moderierte Prozesse des Involvements (Quelle: TROMMSDORFF, V. (2003), S. 57) Das Involvement hat elementare Auswirkungen auf die Prozesse der Informationsaufnahme, -verarbeitung und -speicherung und damit auf das allgemeine Konsumentenverhalten (vgl. Abb. 5)115. Der Grad des Involvements ist dabei keineswegs eindimensional und unikausal, sondern wird durch eine mehrdimensionale Konstellation von Faktoren bzgl. Person, Stimulus und Situation begründet. So sind die Entscheidungssituation ebenso wie das Individuum mit seinen Werten, Bedürfnissen und Interessen als Determinanten zu nennen116. Hierbei handelt es sich jedoch um Charakteristika, die im Rahmen marktforscherischer Befragungen nur schwer zu erfassen sind. Daher findet die Untersuchung der stimulusbezogenen Einflussfaktoren in der Literatur größere Beachtung. Wesentliche Elemente sind Medien und die Botschaft, in besonderem Maße aber auch die Marke bzw. auf der Metaebene der Produktmarkt117. Zahlreiche Studien haben untersucht, welche Produktmärkte ein hohes bzw. niedriges Involvement aufweisen. Die Ergebnisse sind dabei sehr unterschied- 115 116 117 Vgl. Trommsdorff, V. (2003), S. 56. Vgl. Lastovicka, J./Gardner, D. (1979), S. 53 ff. Aus diesem Grunde finden sich in der Literatur auch Begriffe wie "Medieninvolvement" oder "Produktinvolvement", welche spezifische Determinanten des Gesamtkonstrukts aufgreifen. 24 lich und teilweise wenig plausibel118. Abbildung 6 zeigt exemplarisch die Ergebnisse aus drei Studien und indiziert im Fettdruck offensichtliche Gegensätze in den Befunden: STUDIE LASTOVICKA/GARDNER JECK-SCHLOTTMANN JAIN/SRINIVASAN INVOLVEMENT Hoch Niedrig • • • • • • • • • Autos Anzüge Wohnungen Lebensvers. Jeans Bier Zahnpasta Zellstofftücher Windeln • • • • • • • • • • Kleidung Mineralwasser Spirituosen Zigaretten Kosmetika Zahnpasta Heimcomputer Autos Videorecorder Lebensvers. • • • • • • • • • • Radio Haarschnitt Schallplatten Zeitung Wecker Parfum Taschenrechner Batterien Waschmittel Schokolade Abb. 6: Untersuchungen zum Involvement nach Produktmärkten119 (Quelle: Eigene Darstellung) Im Zwischenfazit kann festgehalten werden, dass das aktivierungstheoretische Konstrukt Markenbewusstsein einen zentralen Erklärungswert für die Aufnahme und Verarbeitung von Markeninformationen besitzt120. Insbesondere der Indikator Involvement hat einen hohen Stellenwert, welcher weit über die Wahrnehmung hinaus prägende Wirkung für nachfolgende Prozesse des Konsumentenverhaltens besitzt. Für die Reizselektion bietet die Aktiviertheit jedoch trotzdem keinen ausreichenden Erklärungswert. Obgleich die Aktiviertheit als "Motor" aller Aktivitäten einen grundlegenden und unverzichtbaren Stellenwert besitzt, so ist sie doch physiologisch und entwicklungshistorisch zu primitiv, um das komplexe Phänomen der 118 119 120 Die unterschiedlichen Ergebnisse sind durch verschiedene Zielgruppen, abweichende Operationalisierungen sowie den situativen Kontext begründbar. Trotzdem erscheinen einige Resultate wie z.B. das geringe Involvement bei Automobilen nach Jeck wenig plausibel. Vgl. Baumgarth, C. (2001), S. 37. Vgl. Lastovicka, J./Gardner, D. (1979), S. 53 ff.; Jeck-Schlottmann, G. (1988), S. 33 ff.; Jain, K./Srinivasan, N. (1990), S. 594 ff. Vgl. Peter, J./Olson, J. (1998). Die phasische Aktivierung im Rahmen der Reizverarbeitung stellt nur einen Ausschnitt der gesamten Aktivierungstheorie dar. Insbesondere die tonische Aktivierung, welche allgemeine Aktivierungsniveaus wie Wachheit reguliert, ist abgrenzend hervorzuheben. 25 selektiven Informationsaufnahme zu beschreiben121. Daher sind die Kognition sowie – auf Basis aktueller neurobiologischer Erkenntnisse – die Emotion als Explikationsansätze hinzuzuziehen. 4.3 Einfluss von Kognition und Emotion auf die Wahrnehmung Die Diskussion aktivierungstheoretischer Ansätze beschränkte sich primär auf einen aktuellen, durch äußere Reize ausgelösten Aktivierungs- und Wahrnehmungsprozess. Zahlreiche Experimente zeigen jedoch, dass die Wahrnehmung maßgeblich durch bereits im Gedächtnis gespeicherte Informationen und Erfahrungen beeinflusst wird122. Dieser als New Look bezeichnete Ansatz der psychologischen Wahrnehmungsforschung ergänzt somit die Psychophysik um eine kognitive Dimension123 und unterstreicht die Notwendigkeit und Überlegenheit des S-O-R-Modells gegenüber einfachen, in der Psychophysik implizit enthaltenen S-R-Ansätzen. Zu klären ist somit, wie und an welcher Stelle des Informationsverarbeitungsprozesses die Kognition wirkt. Bereits in der Abgrenzung des theoretischen Bezugsrahmens wurde die Bedeutung des kognitiven Ansatzes als komplementäres Modell zum Neobehaviorismus dargestellt. Mit dem kognitiven Erklärungsansatz der Wahrnehmungspsychologie schließt sich nun der Kreis. Der Reiz, welcher – wie in der Psychophysik erklärt – je nach Aktivierungsgrad selektiv aufgenommen wird, gelangt zur weiteren Verarbeitung und Dechiffrierung in das Kurzzeitgedächtnis (KZS). An dieser Prozessstufe werden jedoch nicht nur die transformierten Reize isoliert verarbeitet, sondern das Individuum greift auf gespeichertes Wissen aus dem Langzeitspeicher zurück und fügt dieses als Determinante der Informationsverarbeitung dem Wahrnehmungsprozess hinzu124. Dieser Vorgang kann anhand des Dreispeichermodells des Gedächtnisses, welches 121 122 123 124 Vgl. Trommsdorff, V. (2003), S. 48. Vgl. Goldstein, E. (2001), S. 127. Prägend für die Entwicklung von New Look war der Fortschritt bei Computern, welche in ihrer Funktionsweise geeignete Modellvorstellungen für das menschliche Gedächtnis bieten. Vgl. Damasio, A. (2000), S. 146; Wheeler, M./Petersen, S./Buckner, R. (2001), S. 11129. Wichtig ist, an dieser Stelle zu betonen, dass Wahrnehmung keineswegs – wie in der Alltagssprache üblich – nur die reine Aufnahme von Informationen, sondern auch deren Verarbeitung und Speicherung mit einschließt. 26 in den Neurowissenschaften als anerkannt gilt125, veranschaulicht werden (vgl. Abb. 7): S O Reiz ("Information") SIS Sensorischer Informationsspeicher R KZS: Kurzzeitspeicher Speicherung Verarbeitung Output LZS: Langzeitspeicher Abb. 7: Dreispeichermodell des Gedächtnisses (Quelle: Eigene Darstellung) Einen wichtigen Erklärungsbeitrag für die subjektive Wahrnehmung von Reizgegebenheiten liefert die Hypothesentheorie. Dieser Theorie folgend entwickeln Konsumenten Erwartungshypothesen hinsichtlich des Wahrnehmungsobjekts, welche sich auf frühere Wahrnehmungsprozesse und daraus resultierende Einstellungen stützen (vgl. Abb. 8)126. Die erlebte Aufnahme des komplexen Bündels an Außenreizen ist ein Kompromiss aus dieser Prädisposition und objektiven Informationen127. Besonders deutlich wird dieses Phänomen bei Blindtests von Markenprodukten: Der Markenname aktiviert als Schlüsselinformation (information chunk) eine kognitive Prädisposition des Konsumenten zu dieser Marke und prägt das Wahrnehmungserlebnis und folglich die Produktbeurteilung trotz ggf. abweichender realer Gegebenheiten128. In einigen Fällen ist in den empirischen Untersuchungen eine nahezu vollständige Negation objektiver Eigenschaften zu beobachten. 125 126 127 128 Vgl. Buchner, A. (2003), S. 454. Vgl. zu der Hypothesentheorie Hätty, H. (1989), S. 129 f. und die dort angegebenen Quellen. Vgl. Hätty, H. (1989), S. 131. Dieses Phänomen wird als Irradiation bezeichnet. Vgl. Osselaer, S. van/Alba, J. (2000), S. 1 - 16. 27 Produkteinstellung/-image Gespeicherte Produktinformationen von vorausgegangenen Wahrnehmungsprozessen Produktwahrnehmung Aufnahme und Verarbeitung aktueller Produktinformationen Produktbewertung Ordnung und Bewertung der zur Verfügung stehenden Produktinformationen Abb. 8: Zusammenhang von Produkteinstellung und -wahrnehmung (Quelle: HÄTTY, H. (1989), S. 128) Neben dem Zusammenhang von Produkteinstellungen und -wahrnehmung ist jedoch auch die Interdependenz von Wahrnehmung und Produktbeurteilung von Bedeutung. Die Beurteilung kann als kognitiver Informationsverarbeitungsprozess betrachtet werden, der nach Beurteilungsprogrammen abläuft129. Im Sinne einer kognitiven Entlastung erfolgt die Verarbeitung der wahrgenommenen Informationen dabei vielfach nach festen Mustern, indem der Konsument von einem Eindruck auf den anderen schließt. Erwähnenswert sind drei Denkmuster, welche auch in der empirischen Untersuchung dieser Arbeit in die Diskussion der Resultate einfließen130: 1. Attributdominanz: Der Konsument leitet von Schlüsselinformationen globale Urteile über das Produkt ab131. Der Markenname kann dabei bereits die Rolle einer Schlüsselinformation einnehmen: "Ein bekannter Markenname wirkt wie eine Denkschablone: Er beeinflusst automatisch die gesamte Produktwahr- 129 130 131 Vgl. Kroeber-Riel, W./Weinberg, P. (2003), S. 297. Vgl. Henning-Bodewig, F./Kur, A. (1988), S. 19; Hätty, H. (1989), S. 133 ff. Schlüsselinformationen sind Eigenschaften, die für die Produktbeurteilung besonders wichtig sind und andere Informationen substituieren bzw. bündeln. Vgl. Nieschlag, R./Dichtl, E./Hörschgen, H. (2002), S. 607; Schulte-Frankenfeld, H. (1985), S. 73 ff. 28 nehmung"132. 2. Halo-Effekt: Von einem Gesamturteil über ein Produkt werden spezifische Einzelurteile über Eigenschaften abgeleitet133. Die Wahrnehmung ist demnach eine regulierte Funktion der allgemeinen Einstellung. 3. Irradiation: Irradiation bezeichnet das Phänomen, dass die Wahrnehmung einer einzelnen Produkteigenschaft auf eine andere Produkteigenschaft bzw. das Gesamterlebnis des Produkts abstrahlt134. Alle bisher diskutierten Theorien sind kognitionstheoretischer Prägung, d.h. sie rekurrieren auf bereits bestehende Wissenskomponenten. Aktuelle neuro-biologische Erkenntnisse werfen jedoch die Fragestellung auf, ob Aktiviertheit und Kognition nicht noch eine weitere Determinante beigefügt werden sollte: Emotionen. "Neuroscientists have, in modern times, been especially concerned with the neural basis of cognitive processes […]. They have for the most part ignored the brain's role in emotion"135. Die kognitive Interpretation von Reizen gilt als weit reichend erforscht und wurde entsprechend in die Modelle des Käuferverhaltens integriert136. Dies ist primär auf die bessere anatomische Erforschung des (Neo-)Kortex zurückzuführen137, welchem die kognitive Verarbeitung von Stimuli zugerechnet wird. Nach der Reizaufnahme und der Weiterleitung der Sinneswahrnehmungen an den Thalamus als zentrale Schaltstelle für sensorische Impulse138, leitet der Thalamus jedoch nicht alle Impulse an den Kortex weiter. Der Putamen, der Hypothalamus sowie die Amygdala sind neben dem Kortex ebenfalls Empfänger von neuronalen Informationen im ZNS139. Während 132 133 134 135 136 137 138 139 Kroeber-Riel, W./Weinberg, P. (2003), S. 296. Vgl. auch Bleicker, U. (1983), S. 18 ff. Vgl. Beckwith, N./Lehmann, D. (1975), S. 267; Sommer, R. (1998), S. 160. Vgl. Pelzer, K. (1980), S. 232. LeDoux, J. (2001), S. 32. Vgl. Bettman, J. (1993), S. 8. Vgl. LeDoux, J. (2001), S. 29 ff. Olfaktorische Reize bilden hier die Ausnahme; sie werden nicht an den Thalamus weitergeleitet. Vgl. Trepel, M. (1999), S. 161 ff. Vgl. LeDoux, J./Farb, C./Ruggiero, D. (1990), S. 1044. 29 der Hypothalamus als zentrales Integrationsorgan vegetativer Funktionen wie Atmung und der Putamen als Schaltstelle für motorische Aktivitäten in dem Kontext dieser Arbeit von untergeordneter Bedeutung sind140, spielt die Amygdala eine weitere wichtige Rolle. Die Amygdala als Teil des limbischen Systems gilt als Zentrum emotionaler Verarbeitung im Gehirn141. Zahlreiche Studien – zumeist klinischer Natur an Tieren – stützen diese Auffassung142. Insbesondere die Untersuchungen von KLÜVER/BUCY143 konnten aufzeigen, dass eine Schädigung des Amygdala dazu führte, dass eine emotionale Interpretation von Reizen nicht mehr möglich war. Es kann daher gefolgert werden, dass das limbische System allgemein und darin insbesondere die Amygdala für die Entstehung von Emotionen verantwortlich ist144. Des Weiteren bedeutet dies, dass nach neuropsychologischen Erkenntnissen eine systematische Trennung in ein kortikales kognitives und subkortikales emotionales System anzunehmen ist145. Wie bereits erläutert, leitet der Thalamus nach der Reizaufnahme die Signale sowohl an den Kortex als auch an die Amygdala weiter. Das affektive Prozessieren ist dabei der schnelle Verarbeitungsweg, die sog. low road146, während der thalamisch-cortikale Weg länger ist (sog. high road). So erfolgt die Projektion auf die Amygdala mit doppelter Geschwindigkeit im Vergleich zur Kortexreflektion147. Ohne Beteiligung des Neocortex findet so eine schnelle und grobe präkognitive Bewertung des Ereignis- 140 141 142 143 144 145 146 147 Zu einer näheren Beschreibung von Putamen und Hypothalamus vgl. bspw. Trepel, M. (1999), S. 169 ff. Die Amygdala (Mandelkern) ist eine Gruppe phylogenetisch alter Kerne in beiden Temporallappen und besitzt als Teil des limbischen Systems reziproke Verbindungen zu Thalamus, Hypothalamus und Hippocampus. Vgl. Müsseler, J./Prinz, W. (2002), S. 376; LeDoux, J. (1983), S. 683 ff. Exemplarisch können die Studien nach Hornak et al. und Young et al. aufgeführt werden. Vgl. Hornak, J./Rolls, E./Wade, D. (1996), S. 247 - 261; Young, A./Hellawell, D./van de Wal, C./Johnson, M. (1996), S. 31 - 39. Vgl. Adolphs, R. (2003), S. 570. Vgl. Hungeling, S. (2003), S. 48. Vgl. LeDoux, J. (2001), S. 75 ff. Vgl. Müsseler, J./Prinz, W. (2002), S. 376. Vgl. LeDoux, J. (2001), S. 178. 30 ses ("quick and dirty"148) statt, welche eine direkte Anregung vegetativer, expressiver und motorischer Reaktionen nach sich zieht149. Es ist daher davon auszugehen, dass aufgrund dieser erhöhten Verarbeitungsschnelligkeit die emotionale Dechiffrierung und Bewertung eines Wahrnehmungsobjekts vor der kognitiven erfolgt. Folglich moderiert die Emotion die Kognition150. Die Emotionalisierung von Marken erhält somit zusätzlich Auftrieb, da gemäß der Neurobiologie angesichts der Informationsüberflutung der Konsument mit emotionalen Botschaften noch effektiv erreicht werden könnte151. Diese neue Erkenntnis fügt sich passend in bisherige Resultate zur Werbewirksamkeitsforschung ein. So konnte in zahlreichen Studien nachgewiesen werden, dass Reize, welche keine Gefühle ansprechen, in geringerem Maße wahrgenommen werden152 und die Erinnerung der Werbebotschaft durch Emotionen, welche der Empfänger bei Werbebotschaften empfindet, positiv beeinflusst wird153. Dabei werden angenehme Reize grundsätzlich begünstigt, unangenehme Reize hingegen gemieden: "We know what we like"154. Obgleich die Schlussfolgerung auf Basis dargestellter neuroanatomisch/-biologischer Erkenntnisse zulässig scheint, darf an dieser Stelle kein prinzipielles Primat emotionaler Bewertung bzw. Reizselektion abgeleitet werden. Diese Aussage ist nach dem bisherigen Forschungsstand nicht ausreichend abgesichert155. Den Ausführungen von LEDOUX folgend ist aber anzunehmen, dass eine enge Wechsel- 148 149 150 151 152 153 154 155 LeDoux, J. (1995), S. 209. Vgl. Müsseler, J./Prinz, W. (2002), S. 376. Lazarus weist aber darauf hin, dass wohl alle Reize zumindest primitiven automatischen Bewertungen unterzogen werden, so dass alle Emotionen in gewissem Grade einer Art von Bewertung unterliegen. Vgl. Lazarus, R. (1991), S. 352 ff. sowie Becker-Carus, C. (2004), S. 498. Vgl. Ashby, G./Isen, A./Turken, A. (1999), S. 529 - 550. Nachdem im Rahmen der Begriffsdefinition bereits die physiologische Aktivierung und die Verhaltensvorbereitung als Kernfunktionen der Emotion aufgeführt wurden, erhält die Emotion schließlich eine Funktion in der Informationsselektion. Emotion vereint somit kognitive, physiologische und behaviorale Aspekte. Vgl. unterstützend Frijda, N. (1986); Scherer, K. (1990), S. 1 – 38. Vgl. Schürer-Necker, E. (1994). Wichtige Quellen zu dieser Forschungsrichtung sind Friestad, M./Thorson, E. (1986), S. 111 ff.; Kuiken, D. (1991). Zajonc, R. (1980), S. 155. Im Gegenteil ist in der aktuellen Diskussion eine Kontroverse um die relative Bedeutung von Emotion und Kognition zu konstatieren. Vgl. bspw. den Diskurs zwischen dem Hirnforscher Spitzer und der Kognitionspsychologin Stern in: o.V. (2004), S. 69. 31 wirkung zwischen Kortex und dem limbischen System besteht156. So sind im Kortex gespeicherte Informationen mit Emotionen verbunden, die aus dem limbischen System abgerufen werden. Ferner müssen emotionale Interpretationen in den Kortex projiziert werden, um dem Individuum bewusst zu werden. Folglich stellen der Kortex und damit das kognitive System unverändert eine wichtige Schaltstelle im menschlichen neuronalen Netz dar. Emotionen besitzen somit eine modulatorische Wirkung im gesamten Informationsverarbeitungsprozess157. Es wäre in der Konsequenz zwar zulässig, den kognitiven Erklärungsansatz der Wahrnehmungspsychologie grundsätzlich beizubehalten. Auf Basis der obigen Ausführungen scheint es aber wichtig, den kognitiven Ansatz nicht rein kortikal aufzufassen. Vielmehr sind das subkortikale System und die dort entstehenden emotionalen Wertungen von Stimuli als wichtige Determinante zu ergänzen. Der kognitive Erklärungsansatz erhält somit ein emotionales Fundament. 4.4 Ein alternativer Zugang: Wahrnehmung als Funktion der Vektorcodierung Im klassischen Verständnis wird die Wahrnehmung aufgefasst als ein Prozess der "Aufnahme und Selektion von Reizen bzw. Informationen sowie deren Verarbeitung und Interpretation durch das Individuum"158. Erstaunlich ist dabei, dass Menschen Wahrnehmungsgegenstände z. T. sehr gut unterscheiden, dies aber verbal nur schwer zum Ausdruck bringen können. Die Fähigkeit, Eindrücke in Worte zu fassen, liegt somit offenbar weit hinter den Wahrnehmungsfähigkeiten. Diese Diskrepanz ist in den unterschiedlichen Codierungssystemen begründet. So müssen Menschen bei der Sprache auf einen begrenzten Wortschatz zurückgreifen und ggf. mit mehr oder weniger treffenden Metaphern ihre Wahrnehmungen beschreiben. Das im Obigen erläuterte kombinatorische synaptische System der Neuronen hingegen kann exakt jede Feinheit der Sinneseindrücke analysieren. 156 157 158 Vgl. LeDoux, J. (2001), S. 290 ff. Müsseler, J./Prinz, W. (2002), S. 368. Hätty, H. (1989), S. 127. Ähnlich Trommsdorff, V. (2003), S. 239 ff.; Anderson, J. (2001), S. 37 ff. 32 Das System, welches den menschlichen Wahrnehmungsprozess codiert, ist im Grundsatz recht einfach159. Zur Explikation scheint es dabei ratsam, exemplarisch auf einen der menschlichen Sinne zurückzugreifen. Dieses System kann dann analog auf alle anderen Sinne und damit zusammenhängende sensorische Wahrnehmungen übertragen werden. Für diese Arbeit sei beispielhaft der Geschmackssinn näher erläutert: Obgleich Menschen eine große Vielfalt von unterschiedlichen Geschmacksrichtungen erkennen und damit Wahrnehmungsobjekte unterscheiden können, besitzt der Mensch nur vier Typen von Geschmackssinneszellen: die Rezeptoren für süß, sauer, bitter und salzig. Soll ein bestimmter Geschmack eindeutig einer Geschmacksrichtung zugeordnet werden, ist eine relativ hohe Aktivität des jeweiligen Rezeptortyps notwendig. Entscheidend ist jedoch das Gesamtmuster aller vier Rezeptortypen. Dieses Gesamtmuster ist als "Fingerabdruck" eines Wahrnehmungsgegenstandes zu begreifen. Abb. 9 macht dieses Grundprinzip deutlich: Beispiel Geschmack Aktivierungsvektor Merkmalsraum* Fruchtzucker Aufnahme eines Nahrungsmittels als externer sensorischer Reiz Süß Salzig Sauer Kochsalz Chinin Süß Sauer Bitter Salzig * Aus Gründen der Illustration Reduktion auf 3 von 4 Rezeptoren/Dimensionen Abb. 9: Repräsentation von Aktivierungsvektoren in Merkmalsräumen (Quelle: Eigene Darstellung) 159 In dieser Arbeit wird der anschaulichen Argumentation von Churchland sowie Sejnowski/ Churchland Folge geleistet. Diese Autoren bieten einen leicht verständlichen und zugleich neurobiologisch gut abgesicherten Zugang zu den psychischen Phänomenen. Vgl. Churchland, P. (2001); Churchland, P./Sejnowski, T. (1997). Für eine detaillierte Diskussion einzelner Aspekte sei auf die einschlägigen Fachwerke verwiesen. Nennenswert sind insbesondere Rutkowski, Sincák et al., Metcalfe und Metcalfe/Cantner. Vgl. Rutkowski, L./Kacprzyk, J. (2003); Sincák, P. et al. (2000); Metcalfe, J. (1998); Metcalfe, J./Cantner, U. (2003). 33 Aus der graphischen Darstellung wird deutlich, dass Geschmacksempfindungen über die Aktivierungsvektoren der Rezeptoren in einem Merkmalsraum repräsentiert werden. So ergibt sich ein virtueller Raum relativer Ähnlichkeiten bzw. Unähnlichkeiten. Jeder von Menschen wahrgenommene Geschmack hat darin seine charakteristische Lage. Die Leistungsfähigkeit dieses Systems ist mathematisch einfach aufzuzeigen. Unterstellt man für die vier Geschmacksrezeptoren einen vierdimensionalen Raum und für jeden Rezeptor nur zehn Ausprägungsgrade, so ergeben sich bereits 104, also 10.000 unterscheidbare Muster. Mit zunehmender Anzahl von Parametern und Ausprägungsgraden kommt es zu einer geradezu "exponentiellen Explosion" möglicher Unterscheidungen. Die Vektorcodierung gibt somit ein gut vorstellbares Bild von den bereits beschriebenen, eher abstrakten synaptischen Verbindungsmustern: Sensorisch wahrgenommene Reize werden durch Aktivierungsmuster in der Neuronenpopulation codiert. Der Gedanke der Vektorcodierung kann nun erstmalig konkret auf das Untersuchungsobjekt Marke übertragen werden. Um die Diskussion anschaulich zu gestalten, sollen Automobile im weiteren Verlauf der Arbeit als Beispiel dienen. Offenbar sind Verbraucher in der Lage, Automobile auf der Straße nicht nur als solche zu erkennen, sondern spezifisch als BMW, Mercedes o. Ä. Dem Gedanken der Vektorcodierung folgend bedeutet dies, dass jede Marke durch ein Ensemble von Aktivitätsvektoren in einem Merkmalsraum verankert sein muss. Entgegen dem Geschmackssinn gibt es jedoch für den wohl wichtigsten Reiz bei der Markenerkennung – den Optischen – keine spezifischen Typen von Sinneszellen für jeden Aspekt des Wahrnehmungsobjekts. Um dieses Phänomen zu erklären, bietet CHURCHLAND eine noch unbewiesene, aber durchaus plausible und zumindest in Teilen gestützte Erklärung an. Wenngleich keine Retinazelle (Netzhautzelle) explizit auf bestimmte Merkmale des Wahrnehmungsobjekts reagiert, so enthält die Gesamtheit der Zellen doch Informationen über das Objekt als Teil ihres gesamten Aktivitätsmusters. Die einschlägigen 34 Vorgänge sind für die Gesichtserkennung bereits tiefer gehend erforscht und bieten sich daher für eine Explikation an160. Zu Beginn des Prozesses steht die Aufnahme der sensorischen Informationen. Diese werden transformiert und von den Zellen der Netzhaut zu der nachfolgenden Neuronenpopulationen weitergeleitet. Über mehrere Stufen (Kniehöcker, Sehrinde) erreichen die Informationen schließlich einen Teil des Parietallappens, welchem die Gesichtserkennung zugesprochen wird. Erst an dieser Stelle wird das Gesicht als solches erkannt und einer bestimmten Person zugeordnet. Wenngleich diese Annahme zunächst gewagt erscheint, ist sie vor dem Hintergrund klinischer Studien plausibel. Wird nämlich der Parietallappen z. B. durch einen Schlaganfall beschädigt, entsteht eine sog. Prosopagnosie: Der Patient kann Menschen zwar weiterhin anhand der Stimme o. ä. differenzieren, ist aber nicht mehr in der Lage, ihre Gesichter zu erkennen. Dies gilt sogar für das eigene Spiegelbild. Daraus wird geschlossen, dass es zumindest für Gesichter eine spezialisierte Neuronengruppe für die Repräsentation und Erkennung gibt. Darauf aufbauend scheint die Annahme zulässig, dass auch für andere optische Wahrnehmungsobjekte ähnliche Prozesse und Verarbeitungsmechanismen gelten. Wie erfolgt jedoch die Erkennung von Mustern in den jeweiligen spezialisierten Bereichen? Dieses Prinzip kann in Anlehnung an CHURCHLAND anhand eines einfachen Beispiels erläutert werden (vgl. Abb. 10). + - Input-Muster auf Retina + + + Zielzelle - + Erregende (+) bzw. hemmende (-) Verbindungen Abb. 10: Modell einfacher Mustererkennung (Quelle: CHURCHLAND, P. (2001), S. 45) 160 Vgl. insbesondere Capizzi, G. et al. (2003), S. 400 – 405; Brunelli, R./Poggio, T. (1993), S. 1042 - 1045; Capizzi, G./Coco, S./Papalardo, G. (2001), S. 297 - 300. 35 In einer einfachen Versuchsanordnung werden auf einem Gitterfeld einige Zellen positiv/erregend (dunkel) und andere negativ/hemmend (hell) verschaltet161. Werden nun die fünf Zellen, welche den Buchstaben T repräsentieren, aktiviert, so steigt die Erregung der Zielzelle, des T-Detektors. Falls gleichzeitig eine oder mehrere andere Zellen als gegensätzliche Signale aktiviert werden, wird die Zielzelle entsprechend gehemmt und das Aktivitätsniveau gesenkt. Die maximale Erregung und damit eindeutige Erkennung des Buchstabens T erfolgt, sofern alle erregenden T-ElementZellen aktiviert und alle hemmenden Nicht-T-Element-Zellen nicht aktiviert sind. Obwohl folglich keine der Retinazellen in der Lage ist, den Buchstaben zu erkennen, ist es der nachgeschalteten Detektor-Zielzelle möglich, das Wahrnehmungsobjekt über erregende und hemmende Verbindungsmuster eindeutig zu identifizieren. Die bereits thematisierte Erkennung von Gesichtern oder anderen komplexen Wahrnehmungsobjekten kann nun nach dem gleichen Schema modelliert werden. So kann ein Gesicht bspw. bereits durch wenige Felder für Augen, Nase und Mund in einem Gitternetz derart dargestellt werden, dass es die meisten Betrachter tatsächlich als Gesicht identifizieren. In realitas stellen Gesichter natürlich wesentlich komplexere Muster dar. Dies bedeutet jedoch nur, dass entsprechend mehr nachgeschaltete Zellen benötigt werden. Abbildung 11 zeigt ein künstliches neuronales Netzwerk zur Gesichtserkennung nach COTTRELL162. 161 162 Vgl. i. F. Churchland, P. (2001), S. 44 ff. Vgl. Cottrell, G./Metcalfe, J. (1991); Cottrell, G. (1991). 36 Abb. 11: Neuronales Netzwerk zur Gesichtserkennung (Quelle: CHURCHLAND, P. (2001), S. 48) Es wird deutlich, wie mehrere tausend Zellen auf der Eingangsschicht Informationen aufnehmen, die dann über mehrere Ebenen verdichtet werden. Am Ende des Erkennungsprozesses steht die Kategorisierung des wahrgenommenen Gesichts in Geschlecht und sogar die Zuordnung zu einer bekannten Person. Ähnlich ist dieser Prozess für die Markenerkennung vorstellbar. So wird ein Automobil zunächst als komplexes Informationsbündel wahrgenommen, über mehrere Ebenen verarbeitet und als Automobil erkannt. Aufgrund spezifischer Einzelinformationen schließlich wird ein BMW oder MERCEDES, d. h. eine spezifische Marke als solche identifiziert. Es kann somit konstatiert werden, dass Marken zunächst anhand charakteristischer Merkmale als Objekt einer Produktkategorie zugeordnet werden. Erst im Verlauf weiterer Stufen wird die Detektion verfeinert. Anschaulich könnte diese Abfolge im Automobilbeispiel lauten: Automobil → PKW → Kleinwagen. Erst am Ende steht die einzelne Marke, womit deutlich wird, dass differenzierende Kriterien zwingend notwendig sind, um auf der letzten Erkennungsstufe klar von anderen Wettbewerbsmarken getrennt werden zu können. Sind diese differenzierenden Charakteristika nicht 37 vorhanden oder (noch) nicht in den synaptischen Verbindungsmustern repräsentiert, bricht der Prozess auf einer der Zwischenstufen ab. So könnte ein bestimmtes Modell bspw. nur als Kleinwagen wahrgenommen werden. Spätestens am Beispiel von Neuprodukt-Einführungen wird deutlich, dass die synaptischen Verbindungen und die dadurch moderierten Wahrnehmungsmuster modifizierbar sein müssen. Daher soll in dem nächsten Abschnitt der Prozess des Lernens einer weitergehenden Diskussion zugeführt werden. 5. Lernen in neuronalen Vektorräumen Bisher wurden der Stellenwert und das Grundkonzept der Vektorcodierung aufgezeigt. Es ist jedoch ungeklärt, wie die Gewichte innerhalb des vektoralen Netzes bestimmt werden, so dass eine korrekte Abbildung der Eingabe auf die Ausgabe erfolgt. Dieser Aspekt ist von zentraler Bedeutung, da hiermit wesentlich der Erfolg und die Effizienz des Netzes bestimmt werden. Aufgabe dieses Konzeptualisierungsabschnitts ist daher die Darstellung von Prozessen, welche zur Entstehung der Vektorräume führen. Diese Erklärung wird mit Hilfe von Lerntheorien erbracht163. Ausgehend von der bisherigen Zugangsweise über neurobiologische Erkenntnisse sollen hierfür aus der Vielfalt verfügbarer Theorien jene mit neurobiologischem Fundament ausgewählt werden. Im Fokus stehen daher die biochemischen bzw. -elektrischen Prozesse im zentralen Nervensystem bei der Informationsspeicherung. Als dominantes Konzept gilt dabei die HEBB'SCHE Plastizität. 5.1 Grundmodell der Hebb'schen Plastizität Im Kern der Erläuterungen zu den neurobiologischen Fundamenten stand die Erkenntnis, dass Wissen nicht in einzelnen Neuronen explizit gespeichert ist, sondern vielmehr durch eine Struktur von Neuronen-Verknüpfungen repräsentiert wird164. Dieser Gedanke soll nun weiterentwickelt und mit dem Lernen in Verbindung gesetzt werden. Lernen ist dabei als das Zusammenspiel aktivitätsabhängiger Wechselwir- 163 164 Lernen wird als Prozess des Erwerbs neuen Wissens verstanden, der im Ergebnis relativ langfristige Änderungen im Verhaltenspotenzial erzeugt. Vgl. Singer, W. (2000a), S. 528. Vgl. Ewert, J.-P. (1998), S. 209. 38 kungen zwischen Neuronen zu verstehen, wobei synaptische Verbindungen zwischen den Neuronen verstärkt oder abgeschwächt werden165. Oder einfach ausgedrückt: Globales Lernen hängt von lokalen Veränderungen in bzw. zwischen den Zellen ab. Bereits zu Beginn der 1940er Jahre beschäftigte sich DONALD HEBB mit den Kernfragen neurobiologischer Lerntheorien. Ihn interessierten dabei insbesondere die zeitliche und räumliche Dimension: Ist die Plastizität von Signalen abhängig, die zu einem bestimmten Zeitpunkt an bestimmten Synapsen gegenwärtig sind?166 Welche zeitlichen Zusammenhänge signalisieren strukturelle Modifikationen? In seinem Buch „Organization of Behavior“ stellt HEBB 1949 als Antwort auf diese Problemstellungen ein Modell vor, wie das Lernen auf synaptischer Ebene vollzogen wird167, welches mittlerweile als das bevorzugte Modell des Lernens auf neurowissenschaftlicher Basis gilt168. Den notwendigen Unterbau erhielt die sog. HEBB'SCHE Plastizität durch Untersuchungen der synaptischen Funktionen im Hippocampus, der Schaltzentrale des Gedächtnisses. Es war bekannt, dass eine Reizung der Bahnen, welche von der sensorischen Aufnahme zum Hipppocampus reichen, in letzteren eine neurale Aktivität auslöst. Somit ergibt sich eine neurale Reaktion (sog. Feldpotenzial), welche die zusammengefasste synaptische Reaktion jeder Hippocampuszelle darstellt, die durch den Reiz aktiviert wird. BLISS/LØMO zeigten, dass die Größe des Feldpotenzials und somit die Stärke der synaptischen Reaktion manipulierbar ist169. Der Ablauf dieser Prozesse kann anschaulich anhand eines Drei-Zellen-Modells erläutert werden (vgl. Abb. 12): 165 166 167 168 169 Vgl. LeDoux, J. (2001), S. 229. Unter Plastizität werden Veränderungen im Nervensystem verstanden. Vgl. Hebb, D. (1949). Vgl. LeDoux, J. (2001), S. 231. Vgl. Bliss, T./Lømo, T. (1973), S. 331 - 356. 39 Keine Reaktion Aktionspotenzial C A Aktionspotenzial C C B A B A B Abb. 12: Modell der Hebb'schen Plastizität (Quelle: LEDOUX, J. (2003), S. 230) Der Input der Zelle A ist im Grundmodell nicht ausreichend, Zelle C zur Reaktion zu veranlassen. Treten jedoch Inputs der Zellen A und B simultan auf, lösen sie bei C eine Reaktion aus. Durch die Koaktivität entsteht zwischen A und B eine funktionelle Bindung, welche neurobiologisch durch eine verstärkte synaptische Verbindung repräsentiert wird (sog. HEBB'SCHE Synapse)170. Formal kann die Regel zur Änderung des Gewichts (Verbindungsstärke) WBC zwischen dem Neuron B mit einer durchschnittlichen Impulsrate von VB und dem Neuron C mit einer durchschnittlichen Impulsrate von VC wie folgt ausgedrückt werden: ΔWBC = εVBVC Folglich handelt es sich bei den Variablen, welche die synaptischen Änderungen moderieren, um gleichzeitig auftretende Aktivitätsebenen, wobei die Zunahme in der synaptischen Stärke proportional zum Produkt der präsynaptischen und postsynaptischen Werte ist171. Die Gewichtsänderungen sind in dieser Formel dabei alle positiv, da auch die Impulsraten positiv sind. 170 171 Vgl. Menzel, R./Roth, G. (1996), S. 265 ff. Vgl. Churchland, P./Sejnowski, T. (1997), S. 327. 40 Es gilt das Prinzip der Assoziativität172. Afferente Synapsen werden nur dann zu "Synchronisationsmustern"173 verstärkt, wenn sie zeitgleich mit der nachgeschalteten Zelle aktiv sind. Diejenigen Afferenzen hingegen, welche bei Erregung nachgeschalteter Zellen nicht aktiv sind, werden abgeschwächt und schließlich gelöst. So werden Synapsen zwischen Neuronengruppen stabilisiert, deren Aktivität positiv korreliert ist174. Einfach ausgedrückt ist somit die Coaktivierung von miteinander in Verbindung stehenden Zellen für die Modifikation der Gewichte entscheidend, wodurch sich die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass eine postsynaptische Zelle dann feuert, wenn die präsynaptische Zelle feuert175. Zusammenhängende Ereignisse in der Außenwelt werden somit durch zelluläre Interaktionen repräsentiert176. Die Verbindungsmuster befinden sich dabei jedoch keineswegs sofort in einem stabilen Zustand. Vielmehr stellt sich ein Umformungsproblem, welches Zwischenlösungen erfordert. Einen theoretischen Zugang zu diesem Problem bietet die Neuroinformatik. Die Interimstechnik kann demnach als "Backpropagation" aufgefasst werden. Dieses Prinzip soll nachfolgend erläutert werden. Grundsätzlich soll das System den passenden Output-Vektor für einen Input-Vektor zur Verfügung stellen. Dies wird allerdings zu Beginn nicht der Fall sein. Daher werden systemisch mehr oder weniger zufällige Verbindungsstärken oder Gewichte zwischen die Teilelemente, d. h. die Neuronen im Gehirn, gelegt. Dieser erste Versuch wird relativ unsinnige Resultate erzeugen, bietet jedoch die Möglichkeit, das tatsächliche Ergebnis mit dem gewünschten zu vergleichen, indem die Vektoren verglichen werden. Durch Berechnung des mittleren quadratischen Fehlers wird somit genau der Fehlerwert bestimmt, welchen das Netzwerk bei der Aufgabe erzeugt hat. Durch Sensitivitätsanalysen hinsichtlich marginaler Änderungen der Verbindungsstärken c. p. werden nur isolierte Einflussstärken bestimmt und somit systematisch der Fehler reduziert. Dieses Prinzip der Backpropagation aus der Neuroinformatik kann – übertragen auf die Neurobiologie – als synaptische Anpassung durch Fehlerreduktion 172 173 174 175 Vgl. Cotman, C./Monaghan, D./Ganong, A. (1988), S. 61 ff.; Stäubli, U. (1995), S. 303 – 318. Singer, W. (2000a), S. 526. Vgl. Singer, W. (1998), S. 49. Vgl. Churchland, P./Sejnowski, T. (1997), S. 326. 41 aufgefasst werden. Am Ende eines solchen Prozesses steht ein Netzwerk mit optimierten Einstellungen und somit minimierten Fehlern177, d. h. das Netzwerk hat gelernt. Abbildung 13 illustriert den Ablauf und den Zusammenhang eines synaptischen Gewichtungsraums mit einem Gewichts-Fehler-Raum. Synaptischer Gewichtsraum Gewichts-Fehler-Raum Pfad des Gewichtsvektors im Lernprozess Zufälliger Startpunkt 100 Gewicht k Fehler % Gewicht i Gewicht j Fehlerminimum Gewicht i 0 Gewicht j Abb. 13: Optimierung synaptischer Gewichtungen im Lernprozess (Quelle: Eigene Darstellung) Die obige Graphik zeigt links einen synaptischen Gewichtsraum, dessen Achsen Gewichte sind, die den Raum aller möglichen Gewichtskombinationen der Synapsen des Netzes repräsentieren. Dieser korrespondiert direkt mit einem Raum aus Gewichten und Fehlergraden. Gemäß dem Fehlervektor werden die Gewichte im Prozess des Lernens laufend angepasst. Im Verlauf der Fehlerkurve existieren zahlreiche lokale Fehler-Minima, d. h. es werden Vektoren gebildet, welche für eine Vielzahl von Wahrnehmungen eine "richtige" Reaktion (Aktivierungsmuster) darstellen. Es ist aber nicht auszuschließen, dass man permanent in tiefen, aber trotzdem nur lokalen Minima des Fehlers verharrt, d. h. prinzipiell ein tieferes Fehlerniveau existiert. Wenngleich diese Fragestellung fast schon philosophisch ist, kann angenommen werden, dass das Fehlerniveau des menschlichen neuronalen Netzwerks immer größer Null sein wird. 176 177 Vgl. Churchland, P./Sejnowski, T. (1997), S. 327. Zu einer mathematischen Ausdrucksweise des Prozesses der Fehlerminimierung vgl. bspw. Technehlab, M./Watanabe, K. (1995), S. 40. 42 Mathematisch ausgedrückt kann ein inhaltsadressierter autoassoziativer Speicher modelliert werden, um die oben beschriebenen Vorgänge auszudrücken178. Diesem liegt der Gedanke zugrunde, dass ein Netz bei nur teilweise gegebenem Eingabevektor eine Ausgabe liefert, welche möglichst nahe an einem vorher gespeicherten Vektor ist. Dazu wird eine gleiche Anzahl von Eingabe- und Ausgabeeinheiten benötigt, so dass die Gewichtsmatrix quadratisch zur Anzahl der Eingabeeinheiten ist. Die Bestimmung der assoziierten Gewichte Wij der Verbindung von den Einheiten j und i werden durch das äußere Produkt der gespeicherten Vektoren bestimmt: Wij = ∑ xiα yαj α mit xiα als i-te Komponente des α-ten gespeicherten Vektors Die Eingabevektoren können nun dem Netz sukzessiv vorgelegt und die Gewichte inkrementell berechnet werden. Letztere ergeben sich als Produkt der Eingabemuster und der gewünschten Ausgabemuster. Etwas konkreter als die mathematischen und modelltheoretischen Erläuterungen und bezogen auf den Untersuchungsgegenstand Marke bedeuten diese Erkenntnisse, dass sich in den Köpfen der Konsumenten über die Zeit ein Neuronenensemble konstituiert und im Zeitverlauf verfestigt. Marken sind also gespeicherte, zunächst vorläufige und sich im Zeitverlauf stabilisierende Konzepte in einem vektoralen Merkmalsraum. Die im Aktivitätsmuster betroffene Neuronenpopulation umfasst dabei das gesamte Wahrnehmungsspektrum in einem multidimensionalen Raum. Insofern kann formuliert werden, dass das gesamte Markenwissen in Form einer vektoralen Codierung in der Psyche neuronal repräsentiert wird. Das System reagiert dabei sensibel auf Erfahrungen und passt die synaptischen Verknüpfungen entsprechend an. So wird das Netzwerk immer weiter verfeinert, so dass in einem (theoretischen) Endzustand jedes Automobil anhand seines Erscheinungsbildes von anderen Herstellern und Baureihen differenziert werden kann. 178 Vgl. i.f. Churchland, P./Sejnowski, T. (1997), S. 104 ff. 43 Dieser Gedanke hat jedoch nicht nur für das Erkennen von optischen Mustern Gültigkeit. Er kann ebenso auf Markenimages, d. h. die emotionalen und rationalen Assoziationen eines Konsumenten zu einer Marke, übertragen werden. So mag ein Verbraucher aufgrund der Kommunikation des Herstellers oder anderer Quellen ein positiv gerichtetes Vorstellungsbild bspw. von der Qualität eines Automobils haben. Erhält der Konsument nachfolgend jedoch aus anderen Quellen wie Medien oder seinem sozialen Umfeld gegenteilige Informationen, so wird die zunächst gebildete synaptische Verbindung mit zunehmender Zahl und Intensität anders lautender Informationen abgeschwächt und schließlich aufgelöst. Der Fehler wird somit systematisch reduziert. 5.2 Partitionierung des Vektorraums als Resultante des Lernens Die Realität ist komplex, und Marken als spezifisches Erkenntnisobjekt bilden dabei keine Ausnahme. Für den Menschen ist es angesichts dieser unüberschaubaren Vielfalt hilfreich, die Realität auf plausible Art und Weise gedanklich zu repräsentieren. Da es stets mehr als nur eine Eingabeeinheit für den Organismus gibt und auch die resultierenden Ausgabeeinheiten komplexer Natur sind, besitzen ein- bzw. ausgehende Repräsentationen keinen einzelnen Wert, sondern werden durch Vektoren ausgedrückt, also durch eine geordnete Menge von Zahlen (vgl. Kap. 4.4)179. Der Grundgedanke ist dabei ebenso einfach wie genial. Die mit den Verbindungen der einzelnen Teilelemente (Neuronen) verbundenen Gewichte sind derart eingestellt, dass die Ausgabeeinheiten entsprechend aktiviert werden, sobald an den Eingabeeinheiten Werte angelegt werden180. Wie diese Gewichte gesetzt werden und sich über Zeit verändern können, wurde am Grundmodell der HEBB'SCHEN Plastizität illustriert. In diesem finalen Abschnitt soll nun das Resultat des Lernens in einem eingeschwungenen Zustand vorgestellt werden: die Kategorisierung von Merkmalsräumen. Auf Basis des Lernens, d. h. eines Trainings über ein mehr oder weniger großes Sample, weist das Neuronen-Netzwerk eine Grobeinteilung des Merkmalsraumes 179 180 Vgl. Churchland, P./Sejnowski, T. (1997), S. 101. Vgl. Churchland, P./Sejnowski, T. (1997), S. 101. 44 auf. Abbildung 14 zeigt stark vereinfacht den partitionierten neuronalen Merkmalsraum, welcher aus dem künstlichen Netzwerk zur Gesichtserkennung resultiert: Merkmal 1 Merkmal 3 Merkmal 2 Abb. 14: Hierarchie gelernter Partitionen im Merkmalsraum (Quelle: CHURCHLAND, P. (2001), S. 59) Neben einem kleinen Bereich für "Nichtgesichter" werden in einem größeren Teil des Merkmalsraumes die Gesichter repräsentiert, wobei dieser Bereich wiederum in zwei Teilbereiche zerfällt: männliche und weibliche Gesichter181. Erkennbar ist dabei insbesondere Folgendes: Die "Nichtgesichter" können auf einzelnen Merkmalsdimensionen durchaus eine Aktivierung wie ein Gesicht aufweisen, der Gesamtvektor entspricht jedoch nicht dem eines menschlichen Gesichts. In dem obigen Beispiel sind die Bereiche für männliche und weibliche Gesichter ungefähr gleich groß. Dies ist jedoch im Wesentlichen dadurch zu begründen, dass ähnlich viele männliche wie weibliche Gesichter im Trainingssample enthalten waren. Wäre das zugrunde liegende Sample anders strukturiert, wäre auch eine andere Kategorisierung des Merkmalraums zu erwarten. Die "Trennwände" zwischen den Kategorien sind dabei auch nicht als trennscharfe Schichtung zu interpretieren, sondern stellen vielmehr ein 45 Maß der Unsicherheit im Netz dar182. Diese Erkenntnis legt nun folgenden Schluss nahe: Der Merkmalsraum wird durch das Lernen hierarchisch in verschiedene Regionen unterteilt, welche die Erkennungs- und Unterscheidungsfähigkeiten des Netzwerks repräsentieren. Das Netz erarbeitet sich in der Trainingsphase vielzählige, anfangs noch rudimentäre Konzepte, welche durch die sensorischen Eingänge aktiviert werden183. Der Mensch erstellt somit quasi Theorien über die Realität auf Basis subjektiver Erfahrungen. Diese Hypothese – welche sich primär auf künstliche Netze der Neuroinformatik stützt – kann nun auf den Konsumenten und seine Markenerkennung übertragen werden. Dieser bildet das Wahrnehmungsobjekt Marke in Form von Partitionen seines Merkmalsraumes ab. Während eine Produktkategorie (z. B. Auto) noch einen relativ großen Bereich des vektoralen Gesamtraums repräsentiert, nimmt die Bereichsgröße mit zunehmender Spezifizierung ab. Im Automobilbeispiel sind Kompaktwagen somit in einem Teilbereich des Vektorraums für Autos zu finden und die Produktmarke VW Golf wiederum als feinere Partition innerhalb dieses Subraums der Kompaktwagen. Marken, welche der Konsument nur in geringem Maße in seinem Trainingssample hatte, können folglich den identischen Teilbereich einnehmen, also nahezu identische Vektoren aufweisen. Schließlich gibt es zu wenig Anhaltspunkte, um die Marken zu differenzieren. Eine Zeit lang war dies bei japanischen Automobilen der Fall, welche vom Äußeren ein nur wenig abweichendes Erscheinungsbild hatten. Oder man erinnere sich an den letzten Urlaub in den USA: Aufgrund der ungewohnten verfügbaren Automobilmarken ist es den meisten Touristen lediglich möglich, die Typologien der Autos zu erkennen184. Die Unterscheidung eines Chevrolets gegenüber einem Saturn wird nur denjenigen gelingen, welche ein ausreichendes Training durchlaufen haben. Ein markierendes Unternehmen wird daher einerseits auf Prä- 181 182 183 184 Der Bereich der "Nichtgesichter" ist daher klein, da das künstliche Netzwerk und folglich die Gewichte auf die Erkennung von Gesichtern ausgerichtet wurden. Vgl. Churchland, P. (2001), S. 61. Vgl. ebenda. Die ursprüngliche Studie stammt wiederum aus der Gesichtserkennung: Es konnte gezeigt werden, dass Europäer wesentlich besser Menschen derselben Herkunft differenzieren können als bspw. Menschen mit orientalischen, asiatischen oder afrikanischen Gesichtern. Das Trainingssample ist aufgrund der spezifischen alltäglichen Erfahrungen verzerrt. Die Diskriminierungsfähigkeit ist also eine Funktion der Häufigkeit von sensorischen Eingängen. 46 senz setzen müssen, um den Lernvorgang bei Konsumenten überhaupt zu ermöglichen. Des Weiteren sind aber differenzierende Merkmale zu betonen, um im MarkenMerkmalsraum eine möglichst eigenständige vektorale Position zum Wettbewerb einzunehmen. Spätestens an dieser Stelle sollte auch deutlich geworden sein, dass die Theorie des vektoralen Merkmalraums mit dem strategischen Konzept der Positionierung korrespondiert und quasi das neuronale Fundament dieses verbreiteten Modells darstellt. Die dargestellten neurobiologischen Erkenntnisse dürften damit von unmittelbarem Wert für das praktische Markenmanagement sein und ein besseres Verständnis moderieren. Dieser Nutzen soll daher abschließend in Kapitel 6 in einer Synopse gewürdigt werden. 6. Zusammenfassung und Ausblick Der Aufbau des Markenwissens stellt eine zentrale Herausforderung des Markenmanagements dar. Die Vielzahl konkurrierender Marken und die damit einhergehende Informationsüberflutung erschweren diese Aufgabe zusätzlich. Für das Management ist es daher wertvoll, zentrale Prozesse im menschlichen Organismus zu verstehen. Einen wesentlichen Erkenntnisbeitrag hierfür liefert die Neurobiologie. Das Gehirn als Zentrum der Speicherung von Markenwissen verändert und adaptiert sich ständig. Dabei ist die Topographie der Modifikationen nicht zufällig, sondern entsteht planmäßig und ist folglich steuerbar. Nicht alle Gehirnfunktionen konnten bisher erforscht werden, und viele Gesetzmäßigkeiten sind noch vorläufig. Gleichwohl kann als gesichert gelten, dass es im menschlichen Gehirn einen modifizierbaren, aber relativ permanenten, d. h. quasi-stabilen Bereich gibt, in welchem Wissensinhalte als Konzepte der Realität abgespeichert werden. In Kapitel 2 wurden die neurobiologischen Grundlagen dargestellt und nachfolgend die zentralen Prozesse der Wahrnehmung und des Lernens erläutert. Dabei wurde stark auf das Konzept der Vektorcodierung rekurriert, welches eine wertvolle, aber bisher wenig beachtete Perspektive für das Verständnis psychischer Vorgänge und folglich Anhaltspunkte für deren zielgerichtete Steuerung bietet. In Anlehnung an HEBB konnte dabei der elementare Algorithmus nachvollzogen werden, mit welchem synaptische Verbindungsmuster ein vektorales Netz aufspannen und in diesem Raum Fehler korrigiert, d. h. synaptische Verbindungen verändert werden. Es wurde somit deutlich, dass globale Änderungen in der Ausgabe des Gehirns trotz allem auf lokale Ände- 47 rungen in einzelnen involvierten Zellen zurückgehen. Verfolgt ein markierendes Unternehmen einen Aufbau eines spezifischen Markenimages in den Köpfen der Konsumenten, so sind dies die Vorgänge, welche der Strategie zugrunde liegen und damit über den Erfolg entscheiden. Obgleich somit wertvolle Erkenntnisse auch für das praktische Markenmanagement zur Verfügung stehen, bleiben wichtige Fragen unbeantwortet. Exemplarisch seien an dieser Stelle nur die diachronischen Eigenschaften der Verhaltensplastizität oder auch medizinische Aspekte wie Läsionen oder pharmakologisch wirksame Mittel aufgeführt. Aber auch in der Marketingwissenschaft i. e. S. reißt dieser Themenkomplex vermutlich mehr Fragen auf, als er zunächst erklären kann. So ist bspw. der Einfluss äußerer Umstände auf den Lernerfolg oder auch die Bedeutung von Konstrukten wie Aufmerksamkeit und Bewusstsein von Interesse. Schließlich besteht auch die Möglichkeit, neurobiologische Erkenntnisse gezielt für weitere Forschungsvorhaben zu nutzen. So bietet z. B. das Konzept der Vektorcodierung die Möglichkeit, bestimmte Werbekonzepte in ein künstliches vektorales Netzwerk einzuspeisen und darin zu kategorisieren. So würden Ähnlichkeiten zwischen den Eingabemustern (z. B. das Printmotiv einer Anzeige) systematisch isoliert werden, welche u. U. den Erfolg oder Misserfolg von Werbeauftritten erklären könnten. Dies wäre ein wichtiger Beitrag zur Werbewirkungsforschung und effektiven Gestaltung der Markenkommunikation. Auch in anderen Bereichen des Marketingmanagements können entsprechend modellierte neuronale Netze erheblichen Nutzen stiften185. Für die weiterführende Forschung stehen somit vielfältige Ansatzpunkte zur Verfügung. Dabei ist zu hoffen, dass der Erklärungsbeitrag der Neurowissenschaften für andere Forschungen erkannt und gezielt in Form von interdisziplinären Arbeiten Berücksichtigung findet. 185 Vgl. insbesondere die Beiträge in Wiedmann, K.-P./Buckler, F. (2001). 48 Literaturverzeichnis AAKER, D./ JACOBSEN, R. (2001) The Value Relevance of Brand Attitude in HighTechnology Markets, in: JoMR, Vol. 38, No. 4, S. 485 – 493. AMBLER, T./ IOANNIDES, A./ ROSE, S. (2000) Brands on the Brain: Neuro-Images of Advertising, in: Business Strategy Review, Vol. 11, No. 3, S. 17 - 30. ANDERSON, J. (2001) Kognitive Psychologie, 3. Aufl., Heidelberg/Berlin. ASHBY, G./ ISEN, A./ TURKEN, A. (1999) A Neuropsychological Theory of Positive Affect and its Influence on Cognition, in: Psychological Review, Vol. 106, No. 3, S. 529 - 550. BACHMANN, K. 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